Richard, Frank: Chromosomale Imbalancen invasiv duktaler und invasiv lobulärer Mammakarzinome detektiert mittels komparativer genomischer Hybridisierung (CGH)

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Kapitel 4. Diskussion

Obwohl die molekularen Grundlagen der Prozesse, die zur Malignität der Mammakarzinome führen, vielfach noch unbekannt sind, gibt es heute keinen Zweifel mehr am Konzept einer genetischen Basis des Brustkrebses. Die komparative genomische Hybridisierung erlaubt mit einem Experiment eine umfassende Genomanalyse eines Tumors (Kallioniemi et al., 1992). Die detektierbaren genetischen Veränderungen werden entweder als DNA-Gewinne oder -Verluste klassifiziert, welche Hinweise auf eine Onkogenaktivierung oder Inaktivierung von Tumorsuppressorgenen geben können. Die bisher an invasiv duktalen und invasiv lobulären Mammakarzinomen durchgeführten CGH-Studien lassen erkennen, daß weniger einzelne chromosomale Veränderungen als vielmehr ein komplexes Muster an Aberrationen die Malignität dieser Tumoren und damit die Prognose bestimmen (Kallioniemi et al., 1994a; Isola et al., 1995, Ried et al., 1995; Aldaz et al., 1995; Nishizaki et al., 1997a, Nishizaki et al., 1997b; Courjal und Theillet, 1997; Schwendel et al., 1998a; Schwendel et al., 1998b, Tirkkonen et al., 1998).

In der vorliegenden Arbeit wurden mittels CGH die genetischen Veränderungen in 30 invasiv duktalen und 20 invasiv lobulären Mammakarzinomen untersucht. Generell waren in beiden Tumorarten DNA-Verluste häufiger als DNA-Gewinne anzutreffen und auch Nishizaki und Mitarbeiter (1997b) kamen diesbezüglich zu den selben Ergebnissen. Sowohl die von uns untersuchten invasiv duktalen als auch die invasiv lobulären Mammakarzinome zeigten DNA-Verluste in ge 40% der Fälle im Bereich der Chromosomen 6q, 11q22-qter und 13q. DNA-Deletionen auf 18q konnten mit einer Häufigkeit von mindestens 45 % bei allen untersuchten invasiv lobulären und allen schlecht differenzierten invasiv duktalen Mammakarzinomen nachgewiesen werden. DNA-Überrepräsentierungen auf 1q wiesen beide Tumorarten in mehr als der Hälfte der Fälle auf. Sie wurden entweder als Resultat einer sog. Isochromosomenbildung oder als Folge einer unbalanzierten Translokation t(1;16)(q10;p10) gesehen (Dutrillaux et al., 1990). DNA-Zugewinne in dieser Region waren nach unseren Untersuchungen in den invasiv duktalen Mammakarzinomen unabhängig vom Differenzierungsgrad. In phylloiden Brusttumoren wurden 1q-Zugewinne auch häufig bei gut differenzierten Wachstumsmustern nachgewiesen (Polito et al., 1998), so daß diese Alteration vermutlich ein frühes Ereignis in der Tumorgenese der Mammakarzinome darstellt.


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Die häufig deletierte Region 11q22-qter wurde in 45% der invasiv lobulären Tumoren und in 50% der invasiv duktalen Tumoren festgestellt. DNA-Deletionen zwischen 11q22-23 wurden bereits früher bei einer großen Anzahl von Brustkarzinomen beschrieben (Hampton et al., 1994; Carter et al., 1994). Auch bei malignen Melanomen (Herbst et al., 1995), Zervixkarzinomen (Bethwaite et al., 1995), Magenkarzinomen (Baffa et al., 1996) und Blasenkarzinomen (Shaw und Knowles, 1995) wurde eine DNA-Deletion dieser Region festgestellt. Das deutet darauf hin, daß auf 11q22-23 ein Tumorsuppressorgen lokalisiert ist, das in der Kanzerogenese vieler Tumorentitäten eine Rolle spielt. Möglicherweise korreliert diese DNA-Deletion mit einem aggressivem, postmetastatischem Verlauf (Winqvist et al., 1995). Koreth et al. (1997) beschrieben einen Heterozygotieverlust (LOH) der Regionen 11q22-23.1 und 11q25 mit einer Häufigkeit von 63% bzw. 51%. Die Autoren verbinden die DNA-Unterrepräsentierung auf 11q22-23 mit der Suppression des Ataxie-Teleangiektasie Gens (ATM), welches in der proximalen Region kartiert worden ist. Untersuchungen ergaben ein etwa fünffach höheres Brustkrebsrisiko bei Frauen, welche einen Heterozygotieverlust des ATM-Gens aufwiesen (Swift et al., 1991). Auf 11q25 wurde bislang noch kein Tumorsuppressorgen beschrieben.

Tirkkonen und Mitarbeiter (1998) fanden bei invasiv duktalen Brustkrebstumoren einen Zusammenhang zwischen DNA-Verlusten auf 13q und DNA-Zugewinnen auf 1q und/oder 8q. Auch in unserem Fall trat die Kombination von 13q-Verlusten mit zusätzlichen DNA-Alterationen auf 1q und 8q hauptsächlich bei invasiv duktalen Tumoren (70%) auf und nur bei 40% der invasiv lobulären Tumoren. Möglicherweise liegt hier eine Isochromosomenbildung vor, und diese manifestiert sich in höherer Frequenz bei invasiv duktalen Mammakarzinomen. Hamann et al. (1996) fanden bei 78 sporadischen Brusttumoren Allel-Imbalanzen auf 13q12-14 korreliert mit kleiner Tumorgröße und sehen diese Alteration als ein frühes Ereignis der Tumorgenese. Die Gene RB1 (13q14) und BRCA2 (13q12-13) sind als mögliche betroffene Tumorsuppressorgene lokalisiert worden. Während das BRCA2 Gen als Brustkrebs-disponierendes Gen identifiziert worden ist (Wooster et al., 1994), wird noch kontrovers diskutiert, welche Rolle das RB1-Gen bei Brusttumoren spielt. Borg et al. (1992) sahen bei Brusttumoren keine Korrelation zwischen einem Allelverlust des RB1-Gens und einer verminderten Proteinexpression. In den von uns untersuchten Tumorproben waren neben Verlusten des gesamten 13q-Arms auch häufig Regionen unterhalb von 13q14 deletiert, so daß hier möglicherweise zusätzliche bisher nicht identifizierte Tumorsuppressorgene existieren.


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DNA-Verluste auf 18q wurden von Cropp und Mitarbeitern (1990) als signifikanter Indikator für die Progredienz von Brustkrebs angesehen. Als mögliches Tumorsuppressorgen kommt das DCC-Gen in Frage, welches in der Region 18q21.1-21.3 lokalisiert ist (Yokota et al., 1997). Die von uns häufig detektierten Verluste auf 18q in Mammakarzinomen mit schlechter Differenzierung stimmen gut mit den Ergebnissen von Tsuda et al. (1998) überein. Aus unseren Resultaten geht weiterhin hervor, daß DNA-Verluste auf 18q charakteristisch für lobuläre Mammakarzinome sind und sich hier möglicherweise schon in früheren Stadien manifestieren.

Verschiedene Studien an Mammakarzinomen zeigten, daß DNA-Deletionen auf Chromosom 6q zu den am häufigsten gefundenen Veränderungen gehören (Dutrillaux et al., 1990; Devilee et al., 1991). Laut unseren Ergebnissen läßt sich kein signifikanter Unterschied bezüglich des Auftretens an DNA-Deletionen auf 6q und dem histologischen Typ feststellen. Es besteht auch kein Zusammenhang zwischen Verlusten auf 6q, dem Differenzierungsgrad und der Tumorgröße. Studien zeigten, daß schon bei DCIS-Tumoren als auch bei frühinvasiven Mammakarzinomen sehr häufig Allelverluste auf 6q auftreten, so daß sich auch diese DNA-Alteration früh zu manifestieren scheint (Chappell et al., 1997, Kuukasjarvi et al., 1997).

4.1 Invasiv duktale Mammakarzinome

DNA-Gewinne

Die Zahl der DNA-Überrepräsentierungen pro Tumorfall war in invasiv duktalen Mammakarzinomen deutlich höher als in invasiv lobulären Tumoren. Im einzelnen zeigten sich häufig DNA-Gewinne auf den Chromosomen 6p, 8q, 11q11-13, 16p, 17q, 19 und 20q. DNA-Zugewinne und die damit zusammenhängende Überexpression von Onkogenen sind häufig beobachtete Phänomene in Brusttumoren (Van de Vijver 1993; Bieche und Liederau, 1995), die zur Tumorprogression beitragen (Brison 1993).

Seit über zehn Jahren werden Amplifikationen des c-myc Gens (8q24) mit der Tumorprogression von Brustkrebs in Verbindung gebracht (Leder et al., 1986). Das c-myc-Protein hat einen Einfluß auf die Regulation der Genexpression, fördert die Zellproliferation und übt einen negativen Effekt auf die Differenzierung aus (Jones 1990; Prendergast et al., 1991; Meichle et al., 1992). Außerdem bindet das c-myc-Protein an das RB1-Protein und kann dieses somit inaktivieren (Rusty et al., 1991). Das c-myc Onkogen wird daher mit


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aggressivem Wachstum (Ried et al., 1995) und schlechter Prognose (Isola et al., 1995) assoziiert. DNA-Gewinne auf 8q werden häufig in Tumoren beobachtet, die auch eine große Anzahl weiterer DNA-Alterationen aufweisen (Tirkkonen et al., 1998). Dies kann anhand unserer Ergebnisse bestätigt werden, da 10 von 16 invasiv duktale Mamma-Tumore fünfzehn oder mehr Alterationen zeigten, in zwei Tumorfällen wurden hochamplifizierte Regionen auf 8q21.3-qter und 8q23-qter festgestellt. Das häufigere Auftreten von 8q-Gewinnen in den untersuchten invasiv duktalen Tumoren im Vergleich zu invasiv lobulären, läßt auch hier eine Assoziation mit dem duktalen Wachstumsmuster vermuten.

DNA-Gewinne der Region 11q13 werden in 15-20% der Brusttumoren beschrieben (Lammie und Peters, 1991; Gaudray et al., 1992), gleichzeitig besteht regelmäßig eine Überexpression des Genprodukts (Lammie et al., 1991; Gillet et al., 1994). Ob es neben einer Gen-Amplifikation noch andere Mechanismen für eine Protein-Überexpression gibt, ist allerdings noch nicht geklärt (Hui et al., 1998). Auf der amplifizierten Region 11q13 sind die Gene Cyclin D1 sowie EMS1 als Kanditaten-Onkogene bekannt. Das Cyclin D1-Gen ist an der Regulation der G1-Phase und am Übertritt der G1 in die S-Phase beteiligt ist (Sherr 1993), während das EMS1-Gen für ein Aktin-bindendes Protein des Zytoskellets kodiert (Wu et al., 1991). Somit übt das Cyclin D1-Gen vermutlich einen positiven Effekt auf die Zellproliferation aus (Resnitzky et al., 1994). Anhand unserer Ergebnisse ließ sich in invasiv duktalen Mammakarzinomen keine Beziehung zwischen 11q13-Amplifikationen und dem Differenzierungsgrad feststellen. Die von Courjal und Mitarbeitern (1996) gefundenen vermehrten 11q13-Amplifikationen in invasiv lobulären Mammakarzinomen sowie in Fällen von Duktalem Carcinoma in situ (DCIS) sprechen diesbezüglich für ein frühes Auftreten dieser Alteration.

46% der invasiv duktalen Mammakarzinome wiesen in unserem Fall DNA-Gewinne auf 17q auf. Ein Proto-Onkogen, welches einen Einfluß auf die Prognose des Mammakarzinoms ausübt, ist das c-erbB-2 Gen (17q12) (Slamon et al., 1987, Fukushige et al., 1986). Das Gen ist in durschnittlich 20% der invasiv duktalen Mammakarzinome überexprimiert (Gusterson et al., 1988; Murphy et al., 1995). Es kodiert für ein Transmembranprotein aus der Gruppe der Tyrosinkinase-Rezeptoren. Das Protein besitzt eine Ähnlichkeit mit dem epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (Di Fiore et al., 1987; Slamon et al., 1987) und verschiedene Untersuchungen ergaben, daß es eine wichtige Rolle in der Zellmotilität und in der Ausdehnung von Tumorzellen im Verlauf der Metastasierung spielt (De Corte et al., 1994; Yu und Hung, 1991).


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Wir beobachteten vermehrte DNA-Zugewinne auf Chromosom 20q13 in invasiv duktalen Mammakarzinomen gegenüber invasiv lobulären Tumoren, was mit den Ergebnissen von Nishizaki et al. (1997b) korreliert. Diese Alteration wurde in früheren Studien mit einer schlechteren Prognose bei Brusttumoren verbunden (Isola et al., 1995; Ried et al., 1995). Durch Anzick et al. (1997) wurde das AIB1-Gen als mögliches Kanditdatengen identifiziert.

DNA-Verluste

In ge 50% der Fälle zeigten die invasiv duktalen Mammakarzinome DNA-Deletionen der Chromosomen 1p, 4, 5q, 8p und 9. Weitere häufige DNA-Verluste fanden sich im Bereich von 2q, 3p, 7p und 10q.

Regelmäßige Verluste auf 4q in invasiv duktalen Tumoren der Brust wurden erstmals durch uns (Schwendel et al., 1998a) beschrieben. Tanner et al. (1998) fanden bei Mammakarzinomen einen vermehrten Verlust auf 4q assoziiert mit prognostisch ungünstigem hypodiploiden DNA-Gehalt. Der regelmäßige DNA-Verlust auf 4q in invasiv duktalen Tumoren läßt einen größeren Einfluß von hier lokalisierten Tumorsuppressorgenen vermuten, die Identifizierung möglicher Kandidatengene steht jedoch noch aus.

Die Häufigkeit der von uns beobachteten DNA-Verluste auf 9q in invasiv duktalen Tumoren korreliert mit den Ergebnissen anderer Autoren (Devilee et al., 1991; Nishizaki et al., 1997a). In der vorliegenden Arbeit ergab sich als kleinste gemeinsame Region 9q31-q33. DNA-Verluste auf Chromosom 9q wurden mit einer Frequenz von 67% in Blasenkarzinomen beschrieben (Tsai et al., 1990). Kürzlich wurde neben dem DBC1-Gen als mögliches Tumorsuppressorgen ein neues Gen, das DBCCR1-Gen als Kanditatengen für die Region 9q32-q33 in Blasenkarzinomen identifiziert (Habuchi et al., 1998). Inwieweit diese Gene auch in der Genese von Brustkrebs beteiligt sind oder ob andere noch nicht bekannte Tumorsuppressorgene involviert sind, ist noch unklar. Bei 9p21 befindet sich das p16-Tumorsuppressorgen, dessen Genprodukt in über 50% der Brustkarzinome fehlt oder vermindert ist (Geradts et al., 1995). Das Protein ist bekannt als ein negativer Regulator im Retinoblastom-Zellzyklus (Serrano et al., 1993). Es verhindert die Phosphorylierung und damit die Inaktivierung des Retinoblastom-Gens (RB) (Weinberg 1995), wodurch der Übertritt der Zellen von der G1 in die S-Phase des Zellzyklus unterdrückt wird (Hall und Peters, 1996). In Tumoren mit hoher RB-Expression wurde eine geringe p16-Expression gefunden, welches zu der Annahme einer inversen Proteinexpression führte (Geradts et al., 1995). In kleinzelligen Bronchialkarzinomen ist die verminderte p16-Expression mit einem


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signifikant schlechteren Verlauf assoziiert (Kratzke et al., 1996). Bei Mammakarzinomen wurde allerdings kürzlich von Dublin und Mitarbeitern (1998) eine ungünstige Prognose korreliert mit einer erhöhten p-16-Expression, so daß die Rolle des p16-Proteins als alleiniger prognostischer Faktor bei Brusttumoren noch unklar ist.

Die Anzahl der in der vorliegenden Arbeit detektierten DNA-Verluste auf Chromosom 8p korreliert mit den Ergebnissen aus LOH-Studien, in denen Allelverluste in mehr als 50% (Kerangoueven et al., 1995; Imbert et al., 1996) bzw. in 60% (Anbazhagan et al., 1998) der Mammakarzinome auftraten. Ein geringerer Anteil an 8p-Deletionen (29%) wurde von Tirkkonen et al. (1998) mittels CGH detektiert. Allelverluste auf 8p wurden u.a. vermehrt in fortgeschrittenen Prostata- (Suzuki et al., 1995), Dickdarm- (Tanaka et al., 1996) und Blasen-Karzinomen (Knowles et al., 1993) beschrieben. Yaremko et al. (1996) stellten einen vermehrten 8p-Verlust bei Patientinnen mit invasiv duktalen Mammakarzinomen im Vergleich zum duktalen Carcinoma in situ fest. Möglicherweise trägt diese DNA-Alteration über eine vermehrte Invasivität zur Tumorprogression bei.

Auf 10q23 wurde das PTEN/MMAC1-Gen identifiziert (Steck et al., 1997), welches sowohl bei familiär vererbtem als auch bei sporadischem Brustkrebs mutiert ist (Rhei et al., 1997). Bei allen acht detektierten 10q-Deletionen in unserer Arbeit war die Region 10q23 involviert, in der Hälfte der Tumorfälle war der gesamte q-Arm betroffen. DNA-Deletionen auf 10q wurden ebenfalls mit großer Frequenz in anderen Tumorarten gefunden, beispielsweise in kleinzelligen Bronchialkarzinomen (Petersen et al., 1997), malignen Meningeomen (Rempel et al., 1993), Glioblastomen (Teng et al., 1997) und Melanomen (Isshiki et al., 1993). Als Tumorsuppressorgen in Prostatakarzinomen wurde das Mxi1-Gen (10q24-q25) identifiziert (Eagle et al., 1995). Das Mxi1-Protein wirkt als ein Antagonist des c-myc-Proteins (Schreiber-Agus et al., 1998). Dies korreliert mit unseren Ergebnissen insofern, daß in sechs von acht Mammakarzinomen die 10q-Deletion mit einer DNA-Überrepräsentierung der Region 8q24 verbunden war. Das Mxi1-Gen ist möglicherweise auch ein Tumorsuppressorgen-Kandidat in Brusttumoren.

DNA-Verluste auf dem kurzen Arm des Chromosom 3 wurden in Brustkrebstumoren durch cytogenetische Studien und mittels LOH nachgewiesen (Sato et al., 1991; Chen et al., 1994; Pandis et al., 1993). Neben dem auf 3p25-26 lokalisierten von-Hippel-Lindau Gen (Sekido et al., 1994) ist das FHIT-Gen auf 3p14.2 (Sozzi et al., 1996) identifiziert worden. Dieses Gen befindet sich in einer sog. fragile site des Genoms. Hierbei handelt es sich um Regionen, auf


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denen leicht Chromosomenbrüche auftreten durch die Einwirkung von Karzinogenen. Bei den von uns gefundenen DNA-Unterrepräsentierungen auf 3p war die Region 3p14 als kleinste überlappende Region mit involviert. DNA-Deletionen auf 3p14 verbunden mit einem veränderten FHIT-Genprodukt wurden bereits von Pandis et al. (1997) sowohl in Brustkarzinomen als auch in Fibroadenomen detektiert. Als Haupteffekt der gestörten Genexpression liegt möglicherweise primär eine gesteigerte Zellproliferation vor. Ein Tumorfall zeigte bei dem nicht überlappenden Abschnitt 3p21-pter einen DNA-Verlust, hier werden zusätzliche Tumorsuppressorgene vermutet (Sekido et al., 1998).

4.1.1 Genetische Alterationen in Abhängigkeit des Differenzierungsgrades

Die in der vorliegenden Arbeit enthaltenen Ergebnisse deuten daraufhin, daß Tumoren mit identischem Differenzierungsgrad durch ein ähnliches Muster an genetischen Alterationen gekennzeichnet sind. Die schlecht differenzierten invasiv duktalen Mammakarzinome (G3) wiesen darüberhinaus eine größere Anzahl und zusätzliche chromosomale Alterationen gegenüber Tumoren mit gutem Differenzierungsgrad (G1) auf. DNA-Gewinne auf 1q, 11q11-13, 16p und 20q und DNA-Deletionen auf Chromosom 4 und 13q wurden sowohl in gut als auch schlecht differenzierten Tumoren nachgewiesen, so daß diese Alterationen möglicherweise frühe Ereignisse in der Tumorgenese darstellen.

In den von uns untersuchten Mammakarzinomen wurde eine neue Region auf 5q detektiert, die überwiegend in invasiv duktalen Tumoren mit schlechter Differenzierung auftrat. Im Bereich der häufig involvierten Region 5q13-23 sind u.a. die Tumorsuppressorgene MCC und APC lokalisiert. Beide spielen in der Entstehung gastrointestinaler Tumoren eine wichtige Rolle (Kinzler et al., 1991; Groden et al., 1991) und auch beim Adenokarzinom des Magens tritt der 5q-Verlust vornehmlich in fortgeschrittenen Tumorstadien auf (Nishizuka et al., 1998).

In den hier untersuchten Tumorfällen war ein DNA-Verlust der Region 21q21 charakteristisch für schlecht differenzierte Tumore. Mittels CGH konnten auch in wenig differenzierten squammösen Kopf/Hals Karzinomen 21q-Deletionen beobachtet werden (Bockmühl et al., 1998). Unsere Ergebnisse sowie Studien von Ohgaki und Mitarbeitern (1998) deuten darauf hin, daß auf 21q21 als kleinste überlappende Region mögliche Tumorsuppressorgene lokalisiert sind.


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4.1.2 Genetische Alterationen in Abhängigkeit des Östrogenrezeptor-Status

Östrogenrezeptor-positive Mammakarzinome wiesen eine geringere Anzahl chromosomaler Alterationen auf als Östrogenrezeptor-negative Tumore. DNA-Gewinne, die bisher nicht mit erhöhter Frequenz in Östrogenrezeptor-negativen Tumoren beobachtet wurden, fanden sich in unserem Fall im Bereich von 1p, 6p und 22q, DNA-Deletionen wurden vermehrt auf 5q, 7p, 8p und 12q detektiert.

Als prognostisch signifikante Marker beim Mammakarzinom werden seit längerem die Steroidrezeptoren angesehen (Coagner 1991; Yeatman und Bland 1991). Deren Anwesenheit verbessert den Erfolg einer antihormonalen Therapie und damit die Prognose. Eine 1998 von der internationalen Gruppe der „Early Breast Cancer Trialist Collaborative Group“ publizierte Metaanalyse von adjuvanten Tamoxifen-Studien hat gezeigt, daß der Einsatz des Antiöstrogens Tamoxifen besonders bei postmenopausalen Frauen mit Östrogenrezeptor-positiven Tumoren gegenüber den nichtbehandelten Frauen das Risiko eines Rückfalls um 50% reduziert. Durch Jeng et al. (1998) wird allerdings das Phänomen beschrieben, daß östrogenabhängige Brusttumorzellen durch primären Östrogenentzug und eine sekundäre antiöstrogene Therapie zunächst in der Proliferation gehemmt werden, nach jeweils durchschnittlich 12-18 Monaten jedoch wieder ein gesteigertes Wachstum aufweisen. Dies wird neben einer vermehrten Östrogenrezeptor-Expression auf die Aktivierung von östrogenabhängigen Target-Genen, wie z.B. das c-myc Gen, zurückgeführt. Andererseits erwies sich, daß auch eine Östrogenstimulation zur vermehrten Cyclin D1- (Altucci et al., 1996; Prall et al., 1997) und c-myc-Expression (Jeng et al., 1998) führt.

In Östrogenrezeptor-negativen Mammakarzinomen wird eine Assoziation zwischen dem negativen Rezeptorstatus und der Mutation prognostisch ungünstiger Gene beschrieben, wie insbesondere Alterationen des p53 Gens (Isola et al., 1992) und des c-erbB-2 Gens (Paik et al., 1998). Anhand des vorliegenden Differenzhistogramms konnte jedoch kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Östrogenrezeptor-Status und den beschriebenen p53- oder c-erbB-2-Alterationen festgestellt werden. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, daß in invasiv duktalen Mammakarzinomen mit negativem Östrogenrezeptorstatus eine vermehrte DNA-Überrepräsentierung auf 6p vorliegt, was bisher noch nicht beschrieben wurde.

Anhand von CGH-Studien (Aldaz et al., 1995, Ried et al., 1995, Tirkkonen et al., 1998) konnten bereits DNA-Überrepräsentierungen auf 6p in Tumoren der Brust nachgewiesen


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werden. Durch cytogenetische Analysen wurden in zwei Arbeiten regelmäßige Zugewinne auf 6p in primären und metastasierten Mammakarzinomen gefunden (Trent et al., 1993; Thompson et al., 1993). Weitergehende Studien müssen klären, ob Proto-Onkogene auf 6p existieren, die mit dem invasiv duktalen Mammakarzinomwachstum und dem Östrogenrezeptor-Status assoziiert sind.

Bentz und Mitarbeiter (1998b) fanden einen verminderten oder fehlenden Östrogenrezeptor-Status in einem überwiegenden Teil der Fälle von pleomorphen lobulären Mammakarzinomen, diese gelten als histologische Untergruppe mit aggressivem Wachstum und schlechter Prognose. Der Mechanismus einer verminderten Östrogenrezeptor-Expression im Verlauf der malignen Progression ist noch nicht genau geklärt. Ottaviano et al. (1994) beobachteten jedoch, daß Östrogenrezeptor-negative Brustkrebszellinien eine verminderte Östrogenrezeptor-Transskription durch eine Methylierung der 5´ Promoterregion erhalten haben.

4.2 Invasiv lobuläre Mammakarzinome

Die invasiv lobulären Tumore zeichneten sich durch eine im Vergleich zu invasiv duktalen Mammakarzinomen kleinere Anzahl von Alterationen pro Tumorfall aus, insbesondere DNA-Gewinne kamen mit geringerer Frequenz vor. Im Vergleich zu invasiv duktalen Karzinomen traten jedoch DNA-Alterationen auf den Chromosomen 16q, 17p, 18q und 22q häufiger auf, was zur Vermutung führt, daß diese Alterationen charakteristische chromosomale Veränderungen der invasiv lobulären Tumorentität darstellen.

DNA-Verluste auf 16q wurden regelmäßig bei Brustkrebs beschrieben (Skirnisdottir et al., 1995; Dorion-Bonnet et al., 1995), und besonders häufig bei invasiv lobulären Mammakarzinomen (Tsuda et al., 1994, Schwendel et al., 1998b). Die jetzt von uns gefundenen DNA-Deletionen auf 16q wiesen eine 95%ige Signifikanz im Bereich der Region 16q13-23 auf. Inzwischen werden zwei bis drei Tumorsupressorgene auf dem langen Arm des Chromosom 16 angenommen (Sato et al., 1991; Cleton-Jansen et al., 1994). Die entsprechenden Regionen sind 16q22.1, 16q22.2-24.2 und 16q24-qter, als Kanditatengene kommen E-cadherin, BBCI (breast basic conserved I) und das Brustkrebs Antiöstrogen Resistenzgen vor. Das E-cadherin Gen gehört zu einer Gruppe kalziumabhängiger transmembranärer Zelladhäsionsmoleküle, welche wichtig für die Erhaltung der reifen Gewebestruktur sind (Albeda, 1993; Palacios et al., 1995). Möglicherweise besteht bei invasiv


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lobulären Karzinomen im Vergleich zu invasiv duktalen eine höhere Mutationsfrequenz im verbleibenden Allel des E-cadherin Gen (Berx et al, 1995).

Ein DNA-Verlust auf Chromosom 17p wurde von uns in 40% der lobulären Fälle detektiert. Auf 17p13.1 ist das Tumorsuppressorgen p53 lokalisiert. Das p53-Protein ist beteiligt an der Zellzyklus- (Steinmeyer et al., 1990; Deppert et al., 1990) und Transkriptionsregulation (Fields und Jang, 1990; Raycroft et al., 1990) sowie an der Differenzierung (Shaulsky et al., 1991) und Apoptose (Shaw et al., 1992). Es wird angenommen, daß das p53-Wildtyp-Allel die Replikation von maligne transformierten Zellen verhindert (Yin et al., 1992). Bei Kolonkarzinomen wurde ein Zusammenhang zwischen LOH auf 17p13.1 und mutierten p53-Proteinen gefunden (Fearon und Vogelstein, 1990). Es wird vermutet, daß hierbei beide Allele inaktiviert sind. Bei Brustkarzinomen ist es noch nicht geklärt, ob eine Inaktivierung beider p53-Allele zu Grunde liegt, Thompson et al. (1992) fanden hier keinen Zusammenhang zwischen p53-Mutationen und LOH auf dem p53-Locus.

Die erstmals von uns mittels CGH gefundenen vermehrten DNA-Deletionen auf 22q korrelieren mit den Ergebnissen aus LOH-Untersuchungen bei lobulären Karzinomen (Larsson et al., 1990). Die Inaktivierung des Neurofibromatose-Typ-2 Gens (nf2), welches auf 22q12 lokalisiert ist, wurde regelmäßig bei Meningiomen detektiert (Papi et al., 1995, Harada et al., 1996), nicht jedoch bei Brustkarzinomen (Yaegashi et al., 1995). Allione und Mitarbeiter (1998) identifizierten bei Brusttumoren 6 Regionen mit LOH auf Chromosom 22q. Die Autoren vermuten entweder eine Anzahl unstabiler Regionen auf 22q, woraufhin Chromosomen-Brüche mit großer Häufigkeit stattfinden, oder eine Reihe noch nicht bekannter Tumorsuppressorgene, die in der Genese von Brustkrebs eine Rolle spielen.

Die erhaltenen Ergebnisse führen zu der Vermutung, daß invasiv duktale und invasiv lobuläre Mammakarzinome durch ein charakteristisches chromosomales Alterationsmuster gekennzeichnet sind. Die insgesamt geringere Frequenz an genetischen Alterationen in invasiv lobulären Mammakarzinomen ist sehr wahrscheinlich der Grund für eine gegenüber invasiv duktalen Brusttumoren längere krankheitsfreie Überlebensdauer. Für eine mögliche zukünftige genetische Klassifikation dieser Tumoren bis hin zu neuen Konzepten bei der Therapie des Brustkrebses werden weiterführende genetische Untersuchungen notwendig sein.


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