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6  Zusammenfassung

Bei Hautdurchleitungen besteht durch den iatrogen geschaffenen und permanenten Hautdefekt eine spezifische Problematik in der Dreiphasenlinie, in welcher Implantat-oberfläche, Umgebungsgewebe und Luft bzw. Körpersekrete aufeinandertreffen. Hierdurch wird das Eindringen von Keimen in das Gewebe begünstigt. Für den Heilungsprozess im Bereich der Haut sind zwei Gegebenheiten von Bedeutung: erstens der epitheliale und zweitens der bindegewebige Heilungsprozess. Folglich wird nach einem Biomaterial respektive einer Oberfläche gesucht, welche für Keratinozyten wie auch für Fibroblasten die günstigsten Bedingungen zur Anhaftung und Proliferation am Implantat bietet.

Reintitan ist der einzige bei extraoralen Hülsenimplantaten eingesetzte Biowerkstoff, welcher zwar die Osseointegration, nicht aber eine sichere Implantat-Gewebe-Versiegelung im Niveau der Haut ermöglicht. Um jedoch den klinischen Erfolg von Hautdurchleitungen zu gewährleisten, ist eine ausreichend dichte Material-Gewebe-Versiegelung erforderlich, welche eine Keimpenetration und -invasion und die Ablagerung von Debris in den subepithelialen Gewebeschichten verhindern hilft. Dies gelingt jedoch klinisch bisher nicht. Daher erhofft man sich, mittels Modifikationen der Titanoberflächen eine verbesserte Gewebe-Implantat-Versiegelung erzielen zu können.

Vorgestellt wird ein in vitro Modell, das die Untersuchung der Adhäsion, Zellspreitung und Proliferation von humanen Fibroblasten an unterschiedlich oberflächenmodifizierten Werkstoffen unter konstanten und reproduzierbaren Bedingungen ermöglicht.

Im Hinblick auf die Vergleichbarkeit mit vorangegangenen Studien der Keratinozytenadhäsion und –proliferation wurden fünf verschiedenartig mechanisch und (bio–)chemisch oberflächenmodifizierte Titanplättchen (kugelgestrahlte, sandgestrahlte, polierte, silikon- sowie kollagenbeschichtete) eigens hergestellt und untersucht. Die Hälfte aller Plättchen wurde noch zusätzlich physikalisch mit einem Plasmasterilisierungsverfahren, dem Radio-frequency-glow-discharge-treatment (RFGDT), vorbehandelt. Hierdurch ergaben sich insgesamt 10 verschiedene Oberflächen. Jeweils zehn Plättchen einer Werkstoffart wurden in Wells einer 96er Mikrotiterplatte eingebracht und nach Auffüllen der Wells durch Nährstofflösung mit 1 x 104 Fibroblasten (humane Fibroblasten) beschickt. Die Fibroblasten konnten so gleichmäßig verteilt auf die Oberflächen der Titanplättchen herabsintern, an diesen adhärieren und anschließend proliferieren. Zwecks Beurteilung der Adhäsion wurde die Zellkultivierung [Seite 78↓]nach zwölf Stunden, zwecks Beurteilung der Proliferation nach 72 Stunden abgebrochen. Zur quantitativen Beurteilung des Zellbewuchses wurde die Zellzählung in der Neubauer-Zählkammer durchgeführt. Die ermittelten Werte wurden abschließend statistisch aufgearbeitet. Parallel erfolgte die rasterelektronen-mikroskopische Untersuchung und qualitative Auswertung des Zellbewuchses anhand eines 7-Punkte-Scores.

Die Studie kommt zu folgenden Ergebnissen:

Der Vergleich der vorliegenden Studie mit den Untersuchungen zur Keratinozytenadhäsion und –proliferation zeigt ein zum Teil andersartiges Haftungs- und Wachstumsverhalten der Fibroblasten an gleichartig oberflächenmodifizierten Titanwerkstoffen. Im Vergleich zu allen übrigen Werkstoffoberflächen führt jedoch die Kollagen-A-Dotierung der Titanoberflächen bei Fibroblasten und Keratinozyten gleichermaßen zum größten Ausmaß von Adhäsion und Proliferation.

Aufgrund der Komplexität und Vielzahl an Einflussgrößen, welche sich unter verschiedenen Bedingungen unterscheiden können, ist der detaillierte Vergleich des in vitro und in vivo Zellverhaltens auf mikrotexturierten Materialien problematisch. Weitere Studien sind notwendig, um den bindegewebigen und epithelialen Organisations-prozess in der Implantatumgebung besser verstehen zu können.


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12.01.2005