5 Zusammenfassung

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Die Ätiologie der Appendizits ist bisher nicht eindeutig geklärt. Unter der Vorstellung, dass an der Entstehung der Appendizits eine Motilitätsstörung beteiligt ist, sollten die Interstitial cells of Cajal (ICC) in der Appendix vermiformis erstmals analysiert werden.

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Die ICC spielen für die Motilität des Gastrointestinaltraktes eine bedeutende Rolle, wie in vielen pathophysiologischen Untersuchungen gezeigt wurde. Eine Rarefizierung der ICC ist außerdem bei vielen Motilitätsstörungen beobachtet worden.

Es wurden 28 Fälle aus einem Kollektiv von 360 Patienten nach strengen Kriterien ausgewählt und daraus vier Gruppen gebildet. Die Gruppe A war eine Kontrollgruppe. Die Gruppe B bestand aus Patienten mit normalen Appendices und positiver Symptomatik. Die Gruppe C bestand aus Patienten mit einer akuten Appendizitis. In der Gruppe D waren Patienten mit einer chronisch rezidivierenden Appendizitis.

Erstes Ziel war eine Erstbeschreibung der ICC in der Appendix vermiformis durchzuführen. Zweitens sollten die gefundenen ICC der Appendix vermiformis mit den bekannten Daten über die ICC des Kolons verglichen und eventuelle Unterschiede aufgezeigt werden. Diese Arbeit sollte drittens die ICC und deren Axone in der Appendix quantifizieren und zwischen den vier Gruppen vergleichen, um einen vermuteten Unterschied der ICC zwischen normaler und entzündeter Appendix zu suchen.

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Die ICC wurden in 28 Präparaten mit einer immunhistochemischen Methode mittels C-kit Antikörpern angefärbt und analysiert.

Die C-kit positiven Zellen wurden aufgrund der spezifischen Färbemethode und den morphologischen Charakteristika eindeutig identifiziert.

Die Subgruppen der ICC der Appendix hatten eine unterschiedliche Struktur im Vergleich zum Kolon. Es konnten in der Appendix vermiformis keine Subgruppe IC(C)-SMP gefunden werden, die im Kolon eine Schrittmacherfunktion und eine bedeutende Funktion für die Motilität inne haben.

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Die Subgruppe der IC(C)-MP konnte in der Appendix ebenfalls nicht identifiziert werden. Es konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob sie in der Appendix vermiformis nicht existieren oder anders organisiert sind als im Kolon.

Die IC(C)-LM in der Längsmuskulatur der Appendix waren dem Kolon gegenüber rarefiziert. Es wurden keine wesentlichen Unterschiede der IC(C)-CM in der Ringmuskulatur der Appendix gegenüber dem Kolon gefunden.

Weitere, vom Kolon nicht bekannte ICC Subtypen konnten nicht gefunden werden.

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Außerdem wiesen die ICC zwischen den vier Patientengruppen, also zwischen der normalen und der entzündeten Appendix vermiformis keinen Unterschied auf.

Aus der Rarefizierung der ICC und dem Fehlen funktionell wichtiger Subgruppen in der Appendix vermiformis ließ sich durch den Vergleich zum Kolon die Schlussfolgerung ziehen, dass die normale und die entzündete Appendix ein Erregungsdefizit an ICC besitzen. Dieses Erregungsdefizit lässt nach den bisherigen Erkenntnissen keine Peristaltik und keinen Stofftansport zu, wie man es vom Kolon kennt. Es weist eher auf eine Wandstarre oder Spasmen der Muskulatur durch Fehlinnervationen hin.

Diese morphologischen Ergebnisse und Schlussfolgerungen korellieren mit beschriebenen Motilitätsstörungen der Appendix in mehreren pathophysiologischen Analysen und bildgebenden Beobachtungen.

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Da sich die ICC und deren Axone in der normalen und der entzündeten Appendix vermiformis quantitativ nicht unterschieden, schien allein die Rarefizierung dieser Zellen nicht der Auslöser der Appendizitis zu sein.

Durch die Rarefizierung der in der Appendix erstmalig nachgewiesenen ICC und dem Erregungsdefizit kommt es schlussfolgernd zur Reduktion der Motilität jeder Appendix vermiformis. Diese daraus folgende, an sich „physiologische“ Koprostase im Appendixlumen scheint aber als alleiniger ätiologischer Faktor zur Erklärung der Entstehung einer Appendizitis nicht auszureichen.

Zusätzliche Faktoren wie Kotsteine, Fibrosen und vor allem lymphatische Hyperplasien durch Infektionen sowie andere Ursachen scheinen die Koprostase zu verstärken und somit zu einer „pathologischen“ Koprostase zu führen. Erst unter dem zusätzlichen Einfluss dieser Faktoren kommt es zur Ausbildung einer der Formen der Appendizitis.


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12.10.2006