Vorwort und Danksagung

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Ihre Quellengrundlage verdankt die vorliegende Dissertation den Arbeiten an einem anderen, weitaus ambitionierteren Projekt: Entstanden ist erstere, eine Sammlung thematisch vielseitiger Presserundfragen unter namhaften Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft der Weimarer Republik, bereits in den 1980er Jahren, im Rahmen der Vorbereitungen der Edition der „Großen kommentierten Frankfurter und Berliner Ausgabe der Werke von Bertolt Brecht“1 und der „Brecht-Chronik“2. Auf die Rundfragen, eine von der Forschung weitestgehend unbeachtete Form der publizistischen Kurzprosa, waren die Mitarbeiter der beiden Brecht-Projekte gestoßen, als sie die Zeitungen und Periodika der zwanziger und dreißiger Jahre nach bis dato unbekannten Texten des Autors der „Dreigroschenoper“ durchforsteten. Die geplante Veröffentlichung einer Auswahl dieser Pressebeiträge beim Suhrkamp-Verlag scheiterte seinerzeit, nicht zuletzt am hohen zeitlichen Aufwand, den eine fachgerechte Edition bedeutet hätte.

Die Sammlung, etwa zweieinhalbtausend Seiten kopierten Materials, verschwand einstweilen in den Archivkellern. Zu Unrecht – ihr wissenschaftlicher Reiz nämlich erschließt sich im Grunde bereits auf den ersten Blick. Ein Gesamtverzeichnis der Teilnehmer aller Rundfrageaktionen würde sich wie ein „Who’s Who?“ der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Weimarer Republik lesen. Es würde den Namen des bereits damals kanonisierten Heinrich Mann genauso enthalten wie den des jungen, seinen Ruf erst in den zwanziger Jahren festigenden Bertolt Brecht oder des zu den am meisten gespielten Dramatikern der Weimarer Zeit zählenden, heute aber fast völlig vergessenen Hans José Rehfisch. Zu Wort melden durften sich Vertreter beinah aller Sparten der Theater- und Opernwelt, Regisseure vom Kaliber eines Leopold Jessner, Schauspieler wie Tilla Durieux, Opernkomponisten wie Leo Blech. Vertreten waren mit Maria Montessori oder George Bernard Shaw auch nichtdeutsche Starintellektuelle, vertreten war mit dem protestantischen Theologen Paul Tillich die Universitätswissenschaft, vertreten war mit Konrad Adenauer, dem damaligen Oberbürgermeister von Köln, oder Willy Hellpach, dem linksliberalen Staatspräsidenten von Baden, sogar die Politik. Erörtert werden von ihnen alle erdenklichen künstlerisch, gesellschaftlich oder politischen relevanten Themenbereiche.

Im Zentrum der geplanten Rundfragenedition hätten natürlich die Texte selbst gestanden. Auch für die vorliegende Dissertation stellen sie ganz fraglos so etwas wie eine Existenzgrundlage dar. Bei ihrer Behandlung allerdings setzt sie eigene Akzente. Zum einen präsentiert sie die Texte nicht nur, sie wertete sie aus. Zum anderen steht, was dort im Rahmen von Einführung, Fußnoten und Anmerkungsteil thematisiert worden wäre, hier im Mittelpunkt: Die Würdigung der Rundfrage als Ferment der öffentlichen Meinungsbildung in einer Zeit, für deren Beschreibung auch noch die Nachwelt auf das Tucholsky-Wort von der Republik ohne Republikaner zurückgreift.

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Natürlich müssen bei der Auswertung eines Textmaterials des beschriebenen Umfangs Schwerpunkte gesetzt werden. Auch für eine wissenschaftliche Arbeit vom großzügigen Format einer Dissertation nämlich gilt, was Paul Klee über die Malerei gesagt hat: Schreiben heißt weglassen. Einige methodische Bemerkungen deshalb gleich an dieser Stelle. Ausgewählt wurden die im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit analysierten Rundfragen unter dem Kriterium ihrer thematischen Attraktivität. Einteilen ließen sie sich dabei in drei Gruppen. Jede von ihnen bildet ein Hauptkapitel. Innerhalb dieser Kapitel wiederum gilt in aller Regel das Prinzip der Chronologie; damit bestand die Möglichkeit, auch den historischen Konsolidierungs- und Zerfallsprozess der Republik, vor dessen Kulisse die Rundfragen durchgeführt wurden und auf den sie in Einzelfällen sogar explizit Bezug nahmen, in der Auswertung mit zu reflektieren. Selektiert werden musste allerdings auch im Falle der Rundfragen selbst. Diese Auswahl erfolgte dabei nicht so sehr unter dem Kriterium der Prominenz ihrer Autoren, sondern vor allem unter dem ihrer ideengeschichtlichen Relevanz und gedanklichen Originalität. Im Falle der zahlreichen Teilnehmer, die möglicherweise nicht mal mehr der literatur- und geschichtswissenschaftlichen Fachwelt bekannt sind, findet sich im Fußnotenbereich eine Kurzbiographie; bei kanonisierten Autoren wie Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger oder Ernst Toller wurde darauf im Regelfall verzichtet. Wo aus Rundfragen zitiert wurde, findet sich die Rechtschreibung der heutigen moderat angepasst. Im Original gesperrt Gedrucktes ist hier kursiv wiedergegeben. In den textanalytischen Passagen markiert der Konjunktiv I die indirekte Rede, der Indikativ hingegen gibt die einzelnen Antworten lediglich dem Sinn nach wieder.

Um die Bedeutung, die der Erste Weltkrieg für die künstlerische Entwicklung der jungen, zumeist mit den Idealen des Expressionismus infizierten Autoren hatte, weiß die Nachwelt aus den einschlägigen Titeln der Historiographie genauso wie um den historisch beispiellosen Aderlass, den der Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 für das deutsche Kultur- und Geistesleben bedeutete. Den Rundfragen kommt in diesem Kontext eine komplementäre Funktion zu. Sie setzen sich zu einem authentischen Bild der kulturellen Vitalität des dritten und anbrechenden vierten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts zusammen und machen damit noch einmal ganz plastisch bewusst, welch destruktives Potential der nationalsozialistische Rassenwahn hatte: Die allermeisten der in den Rundfragen zu Wort kommenden Intellektuellen werden Deutschland nach 1933 verlassen. Auch wenn Wissenschaft um der Verbindlichkeit ihrer Ergebnisse willen immer so neutral wie möglich sein sollte, wird eine eingehendere Beschäftigung mit der Materialsammlung kaum jemanden unberührt lassen – dies ganz sicher eine ungewöhnliche, keinesfalls aber verschweigenswerte Begleiterscheinung der Materiallektüre.

Natürlich gilt es, an dieser exponierten Stelle auch den Hut zu ziehen. Mein Dank gilt zuerst Dr. Werner Hecht und Marianne Conrad, die die Rundfragensammlung im Rahmen der Arbeiten an den oben genannten Brecht-Titeln zusammengestellt und mir 2003 für mein Promotionsprojekt überlassen haben. Sie haben das Zeitungs- und Zeitschriftenmaterial der Weimarer Republik seinerzeit in mehrjähriger Arbeit durchforstet und die vorliegende Studie durch diese Vorleistung überhaupt erst ermöglicht. Mein Dank gilt natürlich Professor Frank Hörnigk, dem Erstgutachter dieser Dissertation, einem Mentor im besten Wortsinne, für die zahlreichen Gespräche, gedanklichen Anregungen und sein Übermaß an Geduld. Mein Dank gilt Dr. Thomas Gawehn, Dr. Joachim Habicht, Sergius Seebohm und Nils Wiegert für ihre Korrekturhilfe. Mein Dank gilt, last, but not least, der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Fre i heit, die mein Projekt in der Zeit von Mai 2004 bis Februar 2007 mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert hat.

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Lars-André Richter

Berlin, im März 2007


Fußnoten und Endnoten

1 Brecht, Bertolt: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hrsg. v. Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlev Müller. Berlin, Weimar und Frankfurt a. M. 1987 ff.

2 Brecht-Chronik. Von Werner Hecht. Frankfurt a. M. 1997.



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19.09.2008