I. Weimar – Triumph und Tragik einer identitätsgeschichtlichen Verheißung. Einführung

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Es gibt Szenen und Momentaufnahmen, die mehr sagen als manche noch so seitenstarke Herrschaftschronik. Zwei davon finden sich bei Stefan Zweig festgehalten: Karl V., Herrscher über ein Reich, so weitläufig, dass die Sonne darin niemals unterzugehen schien, bückt sich, um Tizian, dem Hirtensohn, einen zu Boden gefallenen Pinsel aufzuheben, Julius II., Bischof von Rom und als solcher Oberhaupt einer stolzen und sendungsbewussten Weltkirche, verlässt gehorsam, nachdem der arbeitende Michelangelo ihm dies in derbem Tonfall befohlen hat, die Sixtinische Kapelle. Zwei Augenblicke, die dem Bild des vor der Kunst und dem Geist geneigten Haupt der Macht einen geschichtlichen Rahmen verpassen, zwei Momente, die den Anbruch eines Zeitalters zu symbolisieren scheinen, in dem „die Macht des schöpferischen Geistes im Abendlande die Herrschaft angetreten hat und [...] die künstlerischen Schöpfungen die kriegerischen und politischen Zeitbauten zu überdauern bestimmt sind.“ (Zweig 1950: 105)

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Überliefert sind beide in Zweigs „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“, dem literarischen Portrait einer historischen Gestalt, die nach Meinung des Autors zum „Bannerträger“ (ebd.) dieser neuen, die Vertreter von Kunst und Wissenschaft denen der weltlichen und kirchlichen Macht überordnenden Gesinnung avanciert ist. Was Erasmus für die Rolle des europäischen Großintellektuellen der Schwelle zum 16. Jahrhundert prädestinierte, ist das nahezu stoische Vertrauen, das er in etwas investierte, das in den Machtzentren eines Kontinents der politischen und religiös-konfessionellen Antagonismen längst an Kredit verloren hatte: das Vertrauen in die Tugenden der Toleranz und des Ausgleichs sowie in die Kraft der Vernunft. Erasmus stand ferner für die Prinzipien der Un- und Überparteilichkeit: Sein Leben und Schaffen bewegten sich zwischen den festgefahrenen Fronten der klerikalen und säkular-politischen Parteien, er war ein programmatischer Vorbote der Reformation, ohne dabei jemals von der Papstkirche abzufallen, er floh zunächst vor der Luther-feindlichen Hetze aus Löwen, später wiederum vor den protestantischen Ikonoklasten aus Basel, er erwehrte sich erst den Versuchen einer Vereinnahmung seines Namens durch die reformatorische Bewegung, lehnte später aber auch den ihm von Rom angetragenen Kardinalspurpur ab. Kurzum, er blieb, was in Zeiten der vermeintlichen Notwendigkeit einer Parteinahme nur wenigen gelang: ein h o mo pro se.3

Seine gedankliche Tiefe erschließt sich allerdings erst, wenn man sich die historische Kulisse vergegenwärtigt, vor der Zweigs Erasmus-Buch entstand. Publiziert wurde es 1934, im Jahr nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Für die Erasmus-Figur hatte sich der Wahl-Salzburger bereits seit geraumer Zeit interessiert.4 Vor dem Hintergrund der Errichtung einer faschistischen Diktatur im Herzen Europas aber musste ihm ihr Schicksal plötzlich aktueller denn je erscheinen. Um sich den nach den ersten Exilwellen ausgebrochenen Diskussionen über die politische Rolle der Intellektuellen zu entziehen, suchte er, Erasmus zu einem Alter ego zu stilisieren, zu einem Gewährsmann für das eigene unparteiische Selbstverständnis.5 Natürlich aber hatte „Triumph und Tragik“ auch den Charakter eines sehr wohl Partei ergreifenden Schlüsselwerks – gelesen werden kann es nämlich genauso gut als Veto gegen die bildungsfeindlichen Umtriebe des Nationalsozialismus. Und tatsächlich schien das, was dieser ein Jahr zuvor liquidiert hatte, den Humanismus schon qua Selbstbezeichnung zum Staatsziel erhoben zu haben: die Weimarer Republik.

Es war bekanntermaßen der Ort ihrer Konstitution, dem die erste deutsche Republik ihr Lokalattribut verdankte. Die Übersiedlung der Nationalversammlung aus der Reichs- in die damalige Thüringische Landeshauptstadt folgte allerdings keinem identitätspolitischem Kalkül, sondern ganz profanen sicherheitsstrategischen Erwägungen: Im Sommer 1919 hielten Berlin bürgerkriegsähnliche Zustände in Atem, und Weimar war militärisch schlichtweg besser zu schützen. Friedrich Ebert aber, das frisch gewählte Oberhaupt des neuen Staates, machte aus der Not eine Tugend und beschwor in der Rede, die er zur Eröffnung der Nationalversammlung hielt, die Vision einer von der frisch aus der Taufe gehobenen Republik auf den Weg zu bringenden Aussöhnung der deutschen Geschichte mit dem geistigen Erbe der Weimarer Klassik. In dieser Rede findet sich u. a. die folgende Passage:

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Die „nur auf äußeren Glanz gestellte Zeit der Wilhelminischen Ära“ habe das Lassallesche Wort bestätigt, „dass die klassischen deutschen Denker und Dichter nur im Kranichzug über sie hingeflogen seien.“ Jetzt aber müsse „der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter, wieder unser Leben erfüllen. Wir müssen die großen Gesellschaftsprobleme in dem Geist behandeln, in dem Goethe sie im zweiten Teil des Faust und in Wilhelm Meisters Wanderjahre erfasst hat: Nicht ins Unendliche schweifen und sich nicht im Theoretischen verlieren.“ (zit. nach Müller-Seidel: 4)

Bis zum 11. August 1919 also, dem Tag der Verabschiedung der von Hugo Preuß ausgearbeiteten Verfassung, stand Weimar in erster Linie für das geistige Vermächtnis eines Wieland, Goethe, Schiller und Herder, erst seit dem 30. Januar 1933 steht es zusätzlich für das Scheitern der ersten flächendeckenden parlamentarischen Demokratie auf deutschem Boden. Für den Historiker ist es einfach, Beschwörungen wie diejenigen des Reichspräsidenten ex post als naive bildungsbürgerliche Tagträumereien abzutun.6 Zweig war in seinem Urteil zurückhaltender. Er hatte das Schicksal einer mit hohem moralischen Anspruch auftretenden politphilosophischen Idee am Beispiel des vernunft- und bildungsgläubigen frühneuzeitlichen Humanismus zu illustrieren versucht. Schon sein Erasmus hatte die Bühne der Geschichte mit der Pose des Visionärs betreten, schon er hatte sich in den politischen und religiösen Querelen seiner Zeit bald völlig verkämpft. Das Motiv des von der Realität zermahlenen Denkers aber hat in der komplexen arbeitsteiligen Massengesellschaft des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts noch genauso seinen Platz wie im Europa des ausgehenden 15. und frühen 16. Und auch dem Duodezstaat Sachsen-Weimar der Jahre um 1800 schien es nicht völlig fremd zu sein. Heinrich Mann dürfte auch den Neuhumanismus der Weimarer Klassik vor Augen gehabt haben, als er in „Geist und Tat“ über das Deutschland des 19. Jahrhunderts vermerkte: „Man denkt weiter als irgendwer, man denkt bis ans Ende der reinen Vernunft, man denkt bis zum Nichts: und im Lande herrscht Gottes Gnade und die Faust.“ (H. Mann 1989: 14) Trotz dieser Alltagsunerprobtheit schien sich zumindest ein Teil der politischen Elite der neuen Republik der Hoffnung hingegeben zu haben, das ökonomisch krisengeschüttelte und mental orientierungslose Deutschland der Nachkriegszeit mit den Botschaften der Weimarer Klassik auf den Pfad der Tugend zurückführen zu können.

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Was aber machte den Geist der Weimarer Klassik eigentlich so attraktiv? Und was erschwerte seine Transsubstantiation in eine konkrete politische Handlungsanleitung? Ein kurzer Blick auf zwei Bühnenstücke, auf „Iphigenie auf Tauris“ und auf „Torquato Tasso“, soll helfen, diese Frage zu beantworten. In beiden Stücken hat Goethe, freilich in stark verklausulierter Form, die Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Unzulänglichkeiten der eigenen Gegenwart gesucht, mit beiden hat er dem für das abendländische Drama konstitutiven Konflikt des Individuums mit der Eigengesetzlichkeit eines mythisch-irrationalen bzw. vordemokratischen politischen Ordnungsgefüges ein Denkmal von weltliterarischem Rang gesetzt.

Die Vorlage für seine „Iphigenie“ verdankte Goethe Euripides. Dessen Adaption des Mythos vom Schicksal der auf die Insel Tauris entführten Agamemnon-Tochter formte das Mitglied des Geheimen Consiliums des Weimarer Hofs zur dramatischen Erzählung von der Wandlung des Menschen vom namenlosen Spielball mythischer Kräfte zu einem entscheidungs- und handlungsautonomen Subjekt. Die neuzeitliche Iphigenie hat sich dabei an gleich zwei Fronten zu behaupten: Gegen die barbarische Sittenordnung ihres Taurischen Exils zum einen und die Determination des Atriden-Fluchs zum anderen. Die Neuakzentuierungen, die Goethe bei der Bearbeitung der antiken Vorlage vornimmt, sprechen für sich. In ihrer Eigenschaft als Priesterin der Diana erreicht Iphigenie zunächst die Abschaffung eines alten Rituals, das jeden Fremden am Altar ihrer Göttin zu opfern verlangte. Noch wichtiger aber ist ihr Erfolg an der zweiten Front. Bei Euripides sind es die Götter, die in der Tradition des Deus ex machina den Weg der Konfliktlösung vorgeben, ist es Poseidon, der die Flucht Iphigenies, Orests und Pylades mit dem gestohlenen Standbild der Diana vereitelt, und ist es Athene, die Thoas, den Taurier-König, von der Umsetzung seines Sanktionsvorhabens abhält. Bei Goethe aber ist es Iphigenie selbst, die den Fluchtplan revidiert und Thoas durch das aufrichtige Bekenntnis ihrer ethisch anstößigen Absichten dazu bringt, sie mit Orest um der ihm verheißenen Entsühnung willen ziehen zu lassen. Mit diesem Akt der Selbstüberwindung ist die Kette von Verwandtenmord, Lüge und Betrug, die den Stammbaum der Atriden über Generation durchzog, endgültig gesprengt. Die Wahrheitsliebe der Agamemnon-Tochter hat ihr Geschlecht vom Fluch des Tantalos befreit. Iphigenie, die Tempelpriesterin der Göttin Diana, steht am Ende des Goethe-Stücks da wie Tizian und Michelangelo in Zweigs Erasmus-Buch: als Siegerin der Geschichte.

Im Falle des zweiten Stücks liegen die Dinge völlig anders. Der Schauplatz des „Tasso“ ist das Lustschloss Alfonsos II., des kunstsinnigen Herzogs von Ferrara. Zeitlich angesiedelt ist er in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der soziale Ordnungsrahmen ist damit ein historisch gewachsener und politisch ausgenommen kultivierter. Tasso selbst ist der Prototyp des ebenso leidenschaftlichen wie genialischen, dabei aber völlig wirklichkeitsfremden Dichters. Sein Leitstern am Himmel der Literaturgeschichte ist Vergil. Sinnfällig wird diese Vorbildfunktion durch den ursprünglich für die Büste des Dichters der „Aeneis“ vorgesehenen Lorbeer, mit dem Leonore, die Schwester des Herzogs, Tasso, der sie liebt, bekränzt. Ein symbolischer Akt von enormer Bedeutungsschwere, den Protagonisten des Goethe-Dramas nämlich rückt er in die Tradition eines nicht nur künstlerisch genialen, sondern auch politisch heroischen Weltliteraten. Gerade aber politische Heldenhaftigkeit ist Tassos Sache nicht. Antonio, der herzogliche Staatssekretär, von dessen weltläufiger Aura, stilsicherem Auftreten und politischer Praxiserfahrung er zu lernen hofft, weist sein Freundschaftsangebot zurück. Tasso zieht daraufhin den Degen, eine gänzlich unstatthafte Reaktion, für die ihn Alfonso sofort unter Arrest stellt. In seiner räumlichen Isolation verschreibt er sich der Kunst endgültig; sie wird ihm zur letzten Möglichkeit einer Kompensation seines Defizits an Lebensnähe. Einen Sieg über die Geschichte erringt er damit freilich nicht.

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Beide Stücke verbindet der Konflikt des jeweiligen Protagonisten mit den Funktionsrealitäten seiner Umwelt. Iphigenie vermag ihn noch zu entschärfen. Ihr Ethos erweist sich als stärker als der Barbarismus ihres taurischen Zwangsexils und der tödliche Fluch ihrer Vorväter. Tasso indes belastet vor allem, dass ihn seine Umwelt nur in der Rolle des genialischen Dichters akzeptiert, weniger aber, dass sie so ist, wie sie ist. Seinem Sozialverhalten fehlen Reife und innere Balance. Der im Dialog mit Antonio gezogene Degen wird dabei ebenso zum Sinnbild für seinen gestörten Bezug zur Prosa der Alltagskommunikation wie der emotionale Zusammenbruch beim Abschied von Leonore. Stilsicher ist er allein auf dem Terrain der Dichtung – diese aber wird von der höfischen Gesellschaft lediglich als Dekor, nicht aber als integraler Bestandteil des politischen Diskurses ernst genommen. Daraus, dass er in beiden Stücken auch ganz persönliche innere Konflikterfahrungen reflektiert hat, hat Goethe nie einen Hehl gemacht.7 Zumal in der Tasso-Figur sah er, der er die Spannung zwischen seiner schriftstellerischen Berufung und seiner politischen Funktion, die Spannung zwischen Geist und Macht, lange Zeit nicht abzubauen vermochte, ein Alter ego. Konkret an den in seiner dichterischen Virtuosität regelrecht eingemauerten und damit vom Weltgeschehen isolierten Tasso könnte Heinrich Mann gedacht haben, als er die oben zitierten Zeilen von der Handlungsunfähigkeit des deutschen Geistes zu Papier brachte. Wer freilich bis ans Ende der reinen Vernunft gedacht hat, wird andererseits vieles, was sich in der historisch-empirischen Wirklichkeit abspielt, für hoffnungslos atavistisch halten, die konfessionellen Konflikte des 16. Jahrhunderts genauso wie die Zwänge des politischen Alltags im Kleinstaat Sachsen-Weimar. Für manchen Intellektuellen tatsächlich Anlass genug, sich in der Manier des gemaßregelten Tasso auf seine angestammten Gebiete von Sprachkunst, Malerei oder Metaphysik zurückzuziehen.

Für manchen, aber eben nicht für alle – dazu bildeten sie von je her eine viel zu heterogene soziale Gruppe. Die Resignation angesichts der Gleichgültigkeit gegenüber der sozialmoralischen oder politischen Botschaft ihrer Kunst und die Flucht in einen alltagsabstinenten Ästhetizismus war nur eine unter zahlreichen Spielarten einer Identitätsfindung der Intellektuellen. Im Falle der Weimarer Republik schienen sich andere durchgesetzt zu haben. Im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg nämlich wurden die Leistungen der Kulturschaffenden plötzlich zu einer öffentlichkeitsrelevanten Angelegenheit. Eingegangen in die Chronik der deutschen Geschichte ist diese Zeit unter dem weidlich bekannten Schlagwort der „goldenen zwanziger Jahre“. Auch wenn es angeraten scheint, eine Wendung wie diese mit eher gedämpftem Enthusiasmus auszusprechen – zum einen, weil die Prosperität der Weimarer Kultur in einem eklatanten Missverhältnis zur politischen und ökonomischen Stabilität der Republik stand, zum anderen, weil ihre Modernität nicht mal in den Reihen der Künstler selbst unumstritten war8 –, war ihre Bedeutung für die Selbstfindung der deutschen Öffentlichkeit und die internationale Außenwirkung des neuen Staats enorm. Wer bei einer Beschreibung dieses Integrationsprozesses der Weimarer Republik nach relevantem Quellenmaterial fahndet, wird die Publikationen, dokumentierten Verlautbarungen und Nachlässe ihrer Intellektuellen schwerlich ignorieren können. Zugegeben: Ihre gefühlte politische Einflussmöglichkeit dürfte häufig höher gewesen sein als ihre tatsächliche. Wo sie aber literarisch produktiv genug waren, blieb ihnen immerhin die Möglichkeit, das Bild, das sich die Nachwelt vom Innenleben der Weimar-deutschen Epoche macht, entscheidend mitzuprägen.

Auch Walter Benjamin hat bei der Autopsie einer bestimmten Phase der deutschen Geschichte auf die Selbstzeugnisse ihrer Intellektuellen zurückgegriffen. In den Monaten zwischen April 1931 und Mai 1932 veröffentlichte die Frankfu r ter Zeitung auf seine Initiative in loser Folge eine Auswahl von Briefen mit Datierungen aus dem Jahrhundert zwischen 1783 und 1883. Bemerkenswert ist dieses publizistische Kabinettstück aus gleich mehreren Gründen. Zunächst aufgrund der Genrezugehörigkeit des herangezogenen Materials. Benjamin lag mit den Methoden der Literaturwissenschaft über Kreuz, allein das Genre der Privatkorrespondenz schien ihm den Erkenntnissen der zur Idolatrie neigenden damaligen Universitätsgermanistik noch erfolgreich Paroli bieten zu können. Die kanonisierten Dokumente der klassischen deutschen Literatur erinnerten, so die von Friedrich Gundolf übernommene metaphorische Sprachregelung, längst an die „vergletschert[en]“ (Benjamin: 943) Gipfel eines Gebirgsmassivs, der erhalten gebliebene und noch unerschlossene Teil der Briefliteratur der Kulturprominenz aber gleiche den Vegetationszonen unterhalb der „Schneegrenze“ (ebd.).9 Wer sich hier auf Wanderschaft begibt, dem erschlösse sich ein „vollkommen neue[r] Aspekt auf die Gedankenwelt und auf den Umkreis führender Personen im Zeitraum dieses Jahrhunderts.“ (950)10

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Zu den Absendern der Briefe gehörten die großen Namen beinah aller Bereiche des öffentlichen Lebens des damaligen deutschen Sprachraums, zu nennen wären Georg Christoph Lichtenberg oder Heinrich Pestalozzi, Joseph Görres oder Gottfried Keller. Dass sich Benjamin bei seiner Textrecherche ausgerechnet auf die Spätphase des 18. und den Großteil des 19. Jahrhunderts konzentriert hatte, ist natürlich zunächst dem Ereignisreichtum und der ungewöhnlich hohen Wendepunktdichte dieses Zeitraums geschuldet – politgeschichtlich umfasste er die Napoleonische Besetzung, die Befreiungskriege, den Wiener Kongress, die Industrialisierung, die Revolution von 1848 sowie die Reichsgründung, geistesgeschichtlich Kants Alterswerk, die Spätphase des Sturm und Drang, die Weimarer Klassik, die Romantik, das Biedermeier sowie den poetischen Realismus. Was Benjamin aber vor allem interessierte, war der mentalitäts- und sozialgeschichtliche Subtext dieses Jahrhunderts. Ihn meinte er anhand der Reflexionen der Briefschreiber über die eigene Gegenwart rekonstruieren zu können. Im Vorwort einer 1936 unter dem Titel „Deutsche Menschen“ erschienenen Buchfassung der Textserie der Frankfu r ter Zeitung heißt es: Die Briefe geben Auskunft über eine Epoche, in der „das Bürgertum sein geprägtes und gewichtiges Wort in die Waagschale der Geschichte“ (151) gelegt habe. Am Ende habe es „nur noch die Positionen, nicht aber den Geist“ (ebd.) bewahrt, in welchem es diese Positionen einst erobert habe.11 Dokumentieren lässt sich der Zerfallsprozess einer aufgeklärten Bürgerlichkeit namentlich anhand der Briefe Hölderlins, Johann Gottfried Seumes und Georg Forsters. Das Schicksal dieser drei hatte für Benjamin eine exemplarische Qualität, er brachte es auf den längst zu einem Topos der abendländischen Geistesgeschichte geworden Nenner des „Elend[s] der deutschen Intellektuellen“ (946).12

Die wesentlichen Stichworte sind damit gefallen. Die mit der Gründung der ersten Republik auf deutschem Boden verbundene Verheißung eines Neuanfangs, die Projektionsfläche der Weimarer Klassik, die Geschichte von Aufstieg, Blüte und Niedergang der bürgerlichen Aufklärung, das gesellschaftliche Selbstverständnis der Intellektuellen, schließlich die Suche nach einem wissenschaftlich bislang noch unerschlossenen Blickwinkel auf die Vergangenheit – aus dem Reservoir genau dieser historischen und methodischen Stichpunkte hat sich die vorliegende Dissertation bei der Absteckung ihres Operationsfeldes bedient. Im Wesentlichen sind es zwei Aufgaben, denen sie sich stellen wird: Sie will die Rolle der Intellektuellen im Prozess der Identitätsfindung einer pluralistischen parlamentarisch-demokratischen Gesellschaft würdigen und dabei den zahlreichen Bemühungen um eine ideen-, kultur- und sozialhistorische Einordnung eines der sensibelsten Kapitel der deutschen Geschichte auf der Grundlage eines bislang noch nicht systematisch erschlossenen Quellenmaterials einen eigenständigen Akzent verleihen.

Benjamin bietet bei alldem durchaus einen Orientierungspunkt. Was den epochalen Rahmen ihres Gegenstandes, die Textsorte ihrer Primärquellen und den methodischen Umgang mit diesem Datenfundus anbelangt, wird die vorliegende Arbeit allerdings einen eigenen Weg beschreiten. Im Mittelpunkt des Interesses steht die eher kurzlebige Zeitspanne zwischen der Abdankung des letzten Hohenzollern-Kaisers und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Ihre Quellenbasis hat sie in der eingangs bereits erwähnten Sammlung von Rundfragen gefunden, von Enquêtes über Themen aus den Gebieten Ästhetik, Gesellschaft und Politik, initiiert von den führenden Tageszeitungen und Fachperiodika der Weimarer Jahre und durchgeführt unter den Akteuren des damaligen Kulturlebens. Die Behandlung dieses Materials schließlich folgt den methodischen Maßgaben einer kontextbezogenen Analyse. Dass die Arbeit auf dem Boden einer eher ideen- und ideologiegeschichtlich orientierten und damit interdisziplinär organisierten Literaturwissenschaft angesiedelt ist, wird angesichts der thematischen, aber auch formalen und weltanschaulichen Vielseitigkeit der Textsammlung kaum ernsthaft verwundern.

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Wer sich mit der Weimarer Republik, einem der wissenschaftlich am besten belichteten Kapitel der deutschen Geschichte (vgl. Peukert: 9), beschäftigt, wird die Aufmerksamkeit einer breiteren akademischen Öffentlichkeit ohne ein glaubhaftes Innovationsversprechen kaum noch gewinnen können. Die Rundfragensammlung scheint diese Zusage machen zu können, ihre Einzeltexte erweisen sich bei genauerer Betrachtung als Fundstücke von historisch hohem Wert. Ähnlich wie das einer zeitungslesenden Öffentlichkeit erst von Benjamin ins Bewusstsein gerufene Briefmaterial führten sie bislang, zumindest in ihrer Mehrzahl, ein Dasein außerhalb der Einfriedung kanonisierter literarischer oder philosophischer Texte, ähnlich wie die der Briefautoren fallen die Stellungnahmen der Rundbefragten zu den politisch-ideologischen und künstlerisch-konzeptuellen Konflikten der eigenen Gegenwart in aller Regel deutlich pointierter und weniger stilisiert aus als die ihrer zeitgleich zu Papier gebrachten Historienromanen oder Trauerspielbearbeitungen – kurzum: ähnlich wie die Korrespondenzen der Klassiker addieren sich die Rundfragen zu einem geistes- und sozialgeschichtlich ungewöhnlich aufschlussreichen Subtext ihrer Zeit. Die eher sensationalistische Verheißung, die Geschichte des damaligen Deutschlands neu zu schreiben, ist von der vorliegenden Arbeit nicht zu erwarten. Als Bereicherung der Weimar-Forschung, als Beitrag zu einer detailschärferen Portraitierung der im August 1919 aus der Taufe gehobenen Republik versteht sie sich durchaus. Es ist die zumindest aspektorientiert nachgeholte Auswertung des wissenschaftlich bislang eher vernachlässigten Rundfragenbestands der fraglichen Zeit, auf die die Arbeit dieses Selbstverständnis gründet. Natürlich bedarf die Rundfrage als Form der publizistischen Kurzprosa zunächst einer genaueren historischen und funktionalen Einordnung. Den Rahmen dazu bildet der historisch-theoretische Einführungsteil, der der eigentlichen Textanalyse vorangestellt ist.

Genauer einzuordnen sein werden darin neben den Jahren der Weimarer Republik aber auch die Phänomene Intellektueller und Öffentlichkeit. Zumindest auf den ersten Blick scheinen beide, anders als der Begriff der Rundfrage, noch keinen Stolperstein darzustellen, viel zu stark sind sie dazu im Vokabular gerade auch der Alltagssprache verwurzelt. Ihr intuitiver Gebrauch macht ihre semantische Tiefgründigkeit und Komplexität allerdings häufig vergessen. Der Einführungsteil wird sich also einer genaueren Betrachtung nicht nur der Rundfrage, sondern auch, kommunikationstheoretisch formuliert, ihrer Sender und Empfänger widmen müssen. Verlangt sind dabei vor allem die Fertigkeiten einer kritischen Reproduktion – bei der Typologisierung und Analyse ihrer Primärquellen kann die Arbeit durchaus noch eine Pionierleistung erbringen, bei der Bewertung der gesellschaftlichen Rolle des Intellektuellen oder der Beschreibung der Genese einer kritischen Öffentlichkeit hingegen hat sie zunächst einen beachtlichen Bestand an historischer Fachliteratur zu bewältigen.

Bei deren Sichtung stellen sich relativ schnell die ersten Zweifel ein, ob eine extensive Anwendung des Intellektuellenbegriffs auf alle Teilnehmer aller Rundfragenaktionen sachlich überhaupt gerechtfertigt ist. Mehr noch: die Antwortenden bildeten, hinsichtlich ihres Bekanntheitsgrades, ihrer weltanschaulichen Orientierung, ihres künstlerischen Aktionsfeldes, ihres gesellschaftlichen Selbstverständnisses und selbst hinsichtlich ihres beruflichen Backgrounds, eine derart heterogene Gruppe, dass sich auch die Suche nach einer alternativen begrifflichen Verklammerung als äußerst schwierig erweisen dürfte. Einige wenige Namen fielen bereits in der Einleitung, nobelpreishonorierte Autoren von Weltformat und deutschlandweit gefürchtete Starkritiker zählten genauso dazu wie die schon damals sicher allenfalls regional bekannten Dramaturgen der Provinztheater, Künstler, die im Hauptberuf eigentlich Dermatologen oder Richter waren, genauso wie solche des Typs des von seinen Publikationen lebenden freien Schriftstellers, politisch indifferente Lyriker genauso wie parteipolitisch gebundene Verfasser von Agitprop-Stücken. Auch mit eher apolitischen Oberbegriffen wie „Kulturträger“ oder gar „Kulturschaffender“ dürfte man, weil auch Vertreter aus Wissenschaft, Politik und diplomatischem Corps zu Worte kommen, der beschriebenen Heterogenität kaum Herr werden. Dass hier trotzdem auf den Begriff des Intellektuellen zurückgegriffen wird, hängt schlicht mit der aus Platzgründen vorgenommenen Textselektion zusammen. Zwar trägt sicher nicht jeder der Autoren der im analytischen Teil der vorliegenden Arbeit betrachteten Antwortschreiben einen auch noch der Nachwelt vertrauten Namen, im Falle der meisten aber ist die Anwendung dieses Begriffs durchaus vertretbar.

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Das Problem, die Autoren auf einen konsensfähigen begrifflichen Nenner zu bringen, mag noch so groß sein, ihre Identifizierung fällt leicht. Jedes Antwortschreiben trägt den Namen seines Absenders, hinter jedem Namen wiederum steht ein Individuum, das im Bewusstsein der Zeitgenossen durch seine Publikations- oder Bühnenerfolge und im Gedächtnis der Nachwelt durch die Leistungen der fachwissenschaftlichen Forschung verankert ist. Im Falle der Empfänger indes verhält es sich umgekehrt. Gedacht waren die Reaktionen auf eine Rundfrage für die Rezeption durch eine breite, zeitungslesende Öffentlichkeit – diese Publizität ist es im Übrigen, die sie von dem von Benjamin herangezogenen Briefmaterial unterscheiden. Statistische Angaben machen lassen sich über ein Kollektiv, wie es die Leserschaft eines bestimmten Printmediums darstellt, natürlich en masse. Individualisieren aber lässt es sich kaum, es bleibt, zumindest weitestgehend, anonym, sowohl für diejenigen, die, mit einer Rundfrage konfrontiert, zur Feder greifen, als auch für die, die sich post festum an die Auswertung der Einzeltexte machen.

Sein amorphes Erscheinungsbild aber ist im Grunde nachrangig. Was die Öffentlichkeit für die vorliegende Arbeit vor allem interessant macht, ist ihre generative Abhängigkeit von einer lebendigen literarischen Diskussionskultur. Jürgen Habermas war es, der den Beitrag eines belesenen, debattenerprobten und reflexionsfreudigen Milieus zur Ausbildung einer kritischen Zivilgesellschaft in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ akribisch nachvollzogen hat – einem Schlüsselwerk der Sozialgeschichtsforschung, auf das weiter unten noch genauer einzugehen sein wird. In ihren Anfängen war diese Diskussionskultur noch auf den geschützten Raum des Salons bzw. Kaffeehaus beschränkt. Das Medium, dessen Etablierung und strategischer Einsatz ihr die Möglichkeit gab, ein breiteres Publikum zu erreichen, war die Presse. Den ersten Generationen der Printmedien ist es zuzuschreiben, dass sich eine vertikal organisierte, obrigkeits- und traditionsgesteuerte Volksmasse nach und nach in eine auch horizontal differenzierte, obrigkeits- und traditionskritische Gesellschaft transformieren konnte. Und im Grunde entstand auch erst in diesem Zusammenhang der Typus des Intellektuellen, eines Denkers, der seinem Verstandesgebrauch die neuen, großzügiger dimensionierten Foren der Medienöffentlichkeit zu erschließen suchte. Üblich wird diese Bezeichnung überhaupt erst im Zeitalter der Massenpresse – Émile Zola bekam ihn verpasst, nachdem er in den Prozess gegen den jüdischstämmigen Hauptmann Alfred Dreyfus eingegriffen hatte, am 13. Januar 1898, in der von Georges Clemenceau redigierten Zeitung „L’Aurore“.

Auch über die Weimarer Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft wird im historisch-theoretischen Teil dieser Arbeit noch kurz zu reden sein, schließlich waren die Rundfragen ein integraler Bestandteil der Massenpresse. Geboten worden war den Teilnehmern damit eine Kanzel, der gegenüber sich die multiplikatorischen Möglichkeiten des Zeitalters eines Erasmus ähnlich bescheiden ausnimmt wie die Reichweite des Theaters der Weimarer Klassik. Die von Benjamin Jahrzehnte nach ihrer Niederschrift veröffentlichten Klassikerbriefe nahmen dabei eine bemerkenswerte Zwitterstellung ein: Bestimmt waren sie ursprünglich für einen einzigen Empfänger, Benjamin aber machte sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, in einem Moment zumal, als das System des Weimarer Parlamentarismus sein inneres Gleichgewicht gerade wieder zu verlieren begann. Zum Zeitpunkt ihrer Publikation dürfte der triste Tonfall der meisten Briefe deshalb fast schon wieder zeitgemäß gewirkt haben, und kaum ein Jahr nach der Publikation des letzten Klassiker-Briefs sollte die Wendung vom „Elend der deutschen Intellektuellen“ plötzlich wieder eine aktuelle Bedeutung erhalten.13 Bis es allerdings soweit kam, boten die Rundfragen ihren Teilnehmern die Möglichkeit, sich einer breiteren Öffentlichkeit auch unabhängig von gelegentlichen Bestseller- oder Premiereerfolgen zu empfehlen und die brennenden ästhetischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen unzensiert zu erörtern. Sie haben damit die Tradition der öffentlichkeitsgenerativen Debatte literarischer Salon- bzw. Kaffeehauszirkel vorangegangener Jahrhunderte unter republikanischen Vorzeichen fortgeschrieben und, bewusst oder unbewusst, am Prozess der politischen Willensbildung und an der Konsolidierung eines demokratischen Bewusstseins mitgewirkt.

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Wissenschaftlich bedeutet die Unmenge an erörterten Themen, die zahlreichen der an den Rundfragen beteiligten Personen und die Pluralität der dabei geäußerten Meinungen eine enorme Herausforderung. Wie die Suhrkamp-Textsammlung sieht auch die vorliegende Arbeit eine Einteilung des Materials in drei Hauptkapitel vor.14 Im Mittelpunkt des ersten werden dabei solche Rundfragen stehen, anhand derer sich Aussagen über das gesellschaftliche Rollenverständnis der Intellektuellen selbst treffen lassen, im Mittelpunkt des zweiten solche, die Auskunft über den Stellenwert und die Instrumentalisierung der Kultur- und Geistesgeschichte geben, im Mittelpunkt des dritten schließlich solche, die die Bedeutung des Theaters, neben der Presse das zweite klassische Medium der bürgerlichen Aufklärung, in einer technisch beschleunigten Massengesellschaft erörtern. Der Arbeit geht es, das sei abschließend gleich mehrfach unterstrichen, um die Teilrekonstruktion, historische Einordnung und Kommentierung des vitalen geistigen Innenlebens der pluralistischen Öffentlichkeit der Weimarer Republik, eines gesellschaftlichen Aggregatzustandes, der seinen wissenschaftlichen Reiz selbst dadurch, dass er die historische Zäsur des 30. Januar 1933 nicht überlebte, nicht verliert.


Fußnoten und Endnoten

3 Eine Wendung, die einer Passage der „Epistolae obscurorum virorum“ von 1515 entnommen ist, die Zweig seinem Erasmus-Buch als Devise vorangestellt hat. (vgl. Zweig 1950: 9)

4  Interesse an diesem Stoff hatte er schon länger, wie ein Brief an Romain Rolland vom 9. Mai 1932 belegt. (vgl. dazu Zweig 2005: 30).

5 Klaus Mann hatte Zweig gebeten, an der von ihm edierten Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung“ mitzuarbeiten. Zweig aber zog das literarische Florett dem publizistisch-agitatorischen Säbel vor. Da er das fragliche Organ als viel zu politisch empfand, beschied er Mann abschlägig – und musste sich daraufhin als geistigen Kollaborateur der Nationalsozialisten bezichtigen lassen. Mit „Triumph und Tragik“ legte er eine Art Selbstrechtfertigung vor. (vgl. Müller: 98 f.)

6  Peter Gay etwa konzediert in „Die Republik der Außenseiter“ der Stadt Weimar zunächst zwar noch einen weit über ihre geographischen Grenzen hinausgehenden Genius loci: „Deutschland hatte den Weg Bismarcks und Schlieffens zu gehen versucht; jetzt war es bereit, den Weg Goethes und Humboldts zu erproben.“ (Gay: 17) Wenige Sätze später allerdings folgt das nüchterne Fazit: Dass „die Wahl auf Weimar fiel, war auch ein Zeichen von Wunschdenken. Dass man einen Staat in Goethes Stadt gründete, gab keine Gewähr für einen Staat im Geiste Goethes.“ (17 f.) Ähnlich das Urteil Arthur Rosenbergs: Die Weltgeschichte liebe es, „leichtfertig gewählte Symbole zu diskreditieren. Die Republik wollte dem Potsdamer Geist entrinnen, aber als die Nationalversammlung Anfang Februar in Weimar zusammentrat, hatte die Republik den neuen ‚Militarismus’ der Freikorps geschaffen, [...].“ (Rosenberg: 343)

7 Davon, wie paradox ihm sein Wandeln zwischen den Welten mitunter vorkam, zeugt ein häufig zitierter Satz aus einem während der Arbeit an der ersten Fassung der „Iphigenie“ an Charlotte von Stein gerichteten und mit dem 6. März 1779 datierten Brief: „Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden, als wenn kein Strumpfwürcker in Apolde [sic!] hungerte“. (Goethe: 18) Ein wirklichkeitsferner Ästhetizismus spricht aus einer Zeile wie dieser nicht.

8  Für diese „Einschränkung und Präzisierung in doppelter Richtung“ (Kolb: 92) hat Kolb in seiner einschlägigen Überblicksdarstellung der Weimarer Republik plädiert. Moniert hat er dabei, dass „die Rahmenbedingungen für eine freie Entfaltung der künstlerischen und geistigen Energien“, wie sie „durch die spezifische Gestaltung des politischen Systems“ (93) garantiert gewesen seien, nicht mal von den Vertretern des Weimarer Kulturlebens geschlossen gewürdigt worden seien. Schuldig gemacht haben sie sich damit nicht nur an der kulturellen, sondern auch an der politischen Moderne.

9 Beide Metaphern, die des vergletscherten Gipfels wie auch die der Schneegrenze, verwendet Benjamin in einem in den Monaten der Briefpublikation unter dem Titel „Auf der Spur alter Briefe“ wahrscheinlich für eine Rundfunksendung verfassten Beitrag. (vgl. Benjamin, S. 942.) Die Briefe selbst erschienen in unregelmäßigen Abständen von zwei bis acht Wochen. Benjamins Name wurde dabei nicht genannt. (vgl. ebd.)

10 Benjamin plante die Herausgabe einer die in der Frankfurter Zeitung platzierte Auswahl noch ergänzenden Briefsammlung und schrieb dafür zwischen 1932 und 1936 ein „Memorandum zu den ’Sechzig Briefen’“. Ihm ist diese Satzpassage entnommen.

11 Der vollständige Buchtitel lautet „Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen“. Erschienen ist die Auswahl ursprünglich im Vita Nova Verlag, Luzern. Aufgenommen findet sie sich in Bd. IV der „Gesammelten Schriften“, S. 149-233. Benjamin zeichnete hier mit dem Pseudonym Detlev Holz.

12 Briefe der drei genannten Autoren enthält ein Benjamins Nachlass entnommenes Typoskriptkonvolut mit dem Titel „Deutsche Briefe I“. (vgl. Benjamin, 944 f.) Das Zitat entstammt einer dort mit aufgefundenen, wahrscheinlich nach 1933 verfassten biographischen Skizze über Forster.

13 Nicht, dass die Intellektuellen in der in die 20er Jahre fallenden Phase der gesamtstaatlichen Stabilisierung nicht auch schon Anlass zum Lamento gehabt hätten. Moniert hatten sie seinerzeit allerdings, wie zu zeigen sein wird, weniger ihre soziale Isolation und mehr die beinah uneingeschränkte Möglichkeit ihrer öffentlichen Verhöhnung, weniger die begrenzte Wahrnehmbarkeit ihrer Arbeiten und mehr deren politische Wirkungslosigkeit, weniger die zahlenmäßige Überschaubarkeit des Publikums und mehr dessen vermeintliche Unempfänglichkeit.

14 Als Titel dieser Kapitel waren vorgesehen: 1. „Was halten Sie von anderen? Meinungen über Künstler und Fragen der Zeit“, 2. „Was arbeiten Sie? Meinungen über das Werk und dessen Wirkung“ und 3. „Stirbt das Theater? Meinungen über Theater, Film und Rundfunk“



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19.09.2008