II. Historisch-theoretischer Teil

II.1. Retardierte Moderne. Die ideengeschichtlichen Koordinaten der Republik

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Im Gedächtnis ihrer Chronisten hat sich die Weimarer Republik gemeinhin mit gleich zwei Einträgen verewigt: als erste Republik auf deutschem Boden, aber eben auch als ein historisches Kapitel, auf das mit dem des Nationalsozialismus eines folgte, das der politischen Kriminalität wie auch der moralischen Depravation völlig neue Dimensionen erschließen sollte. Vor allem dieser Spannungsbogen ist es, der sie ihre oben angedeutete Attraktivität für die Geschichtswissenschaft verdankt. Dass seine Überdehnung der Beschreibung und Kommentierung der kurzen Epoche zwischen dem verlorenen Weltkrieg und der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten nicht immer gut tut, hat schon Peukert im Vorwort seiner einschlägigen Weimar-Monographie15 beanstandet. Dem Gros der Weimar-Überblicksdarstellungen hält er darin vor, die Republik entweder vom Anfang oder vom Ende her betrachtet und ihren Untergang damit als unvermeidliche Entwicklung einer falschen Weichenstellung in den Monaten der politischen, verfassungsrechtlichen und strukturellen Neuorientierung bzw. als wenig hoffnungsvolles Intermezzo zwischen der autoritären Kaiser- und der totalitären NS-Zeit gedeutet zu haben. (vgl. Peukert: 10)16 Was nun den eigenen geschichtshermeneutischen Ansatz anbelangt, wird sich die vorliegende Arbeit am Peukertschen orientieren: Sie wird die Jahre zwischen 1918/19 und 1933 als funktional autarke, keineswegs per se zum Scheitern verurteilte Epoche der deutschen Geschichte würdigen, ohne den geistes-, mental- und sozialhistorischen Gesamtkontext der europäischen Moderne dabei auszublenden.17

Ihr unverwechselbares Profil verdankt die Weimarer Republik auch und gerade den Leistungen ihres Kulturschaffendenmilieus. Bei deren Würdigung gilt es allerdings, der Versuchung zu widerstehen, sie in toto gegen die Schattenseiten der damaligen Zeit, den Verbindlichkeitsverlust der Demokratie also und die autoritären Tendenzen in Teilen der politischen Elite, aufzurechnen. Das Kreativitätsspektrum nämlich war hinreichend ausdifferenziert, um, zumal an seinen Rändern, auch die Zeremonienmeister und geistigen Kollaborateure der republikfeindlichen politischen Kräfte zu generieren. Die literatur-, sozial- und kulturgeschichtliche Forschung hat auch diesen Pluralismus begrifflich eingefangen und vom „vorwärtsweisende[n] Gesicht“ und der „progressive[n] Massenkultur“ (Hermand/Trommler: 12) des fraglichen Zeitraums genauso gesprochen wie von den „zwei ‚Kulturen’ in Weimar-Deutschland“ (Kolb: 93) oder gar vom „Literarische[n] Bürgerkrieg“18. Die Rivalitäten, die sich hier auf zwei begriffliche Nenner gebracht finden, haben eine lange Vorgeschichte. Die Weimarer Republik selbst war in erster Linie eine Größe der Polit- und, wenn überhaupt, erst in zweiter eine der Ideengeschichte. Ihr Geburts- lässt sich mit ähnlicher Präzision bestimmen wie ihr Sterbedatum. Im Falle der in die Annalen des fraglichen Zeitraums eingegangenen Strömungen, Schulen und Tendenzen in Kunst, Kultur, Philosophie und Wissenschaft lagen die Dinge völlig anders, hier galt eine eigene Epochenlehre.19 Auch darum muss der sich u. a. in den Rundfragen manifestierende Diskurs der Kulturschaffenden der Weimarer Jahre zunächst in den Gesamtkontext der Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eingeordnet werden. Dabei wird relativ schnell deutlich, dass auch die politischen Verwerfungen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre nicht nur einen verfassungsrechtlichen, sondern überdies einen geistes-, mental- und sozialgeschichtlichen Subtext haben.

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Einschlägige Werke, die um die Freilegung dieses hochkomplexen Subtextes der Weimarer Jahre bemüht sind, gibt es zur Genüge – Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit“ wäre hier zu nennen oder Peter Sloterdijks 1983 vorgelegte „Kritik der zynischen Vernunft“. Beschränken will sich die vorliegende Arbeit aus Platzgründen auf die Sichtung von drei anderen Titeln: auf Helmuth Plessners „Die verspätete Nation“, auf Peukerts Weimar-Monographie und schließlich auf Peter Gays „Die Republik der Außenseiter“.

Plessner stand bei der Niederschrift der „Verspäteten Nation“ noch ganz unter dem Eindruck des Hitlerschen Machtantritts – erstveröffentlicht wurde sie 1935.20 Der Untertitel verrät, worum es dem Autor im Kern gegangen ist, nämlich darum, ein Buch zu schreiben „[ü]ber die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes“. Erörtert werden darin die Ursachen für die auffallend schwach ausgeprägte Affinität der Deutschen zur parlamentarisch-demokratischen und konstitutionell-republikanischen Staatsidee der westlichen Welt. Plessners Aufmerksamkeit gilt dem für das Deutschland des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts spezifischen Prozess der politischen Bewusstseins- und Willensbildung. Durchforstet werden dabei folglich nicht so sehr die Herrschaftschroniken, sondern vor allem die weitläufigen Gebiete der Philosophie- und Kulturgeschichte. In ihr sieht er einer der Mitautorinnen einer Gesamtentwicklung, auf die die politische Historiographie später das Schlagwort des „Deutschen Sonderwegs“ münzen sollte.

Den Einfluss des Geisteslebens auf den Verlauf der Geschichte des neuzeitlichen Deutschland hatte in der Spätphase der Republik bereits Alfred Döblin in „Offene Briefe an einen jungen Menschen“ genauer untersucht.21 Plessners Buch ist weitaus ambitionierter. Er schlägt zunächst eine gedankliche Brücke zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. „[D]rei Radikalismen“ (Plessner: 17) seien es gewesen, die sich angeschickt hätten, die Federführung des intellektuellen Diskurs der damaligen Zeit zu übernehmen: der dialektische Materialismus eines Karl Marx, die Radikalisierung der protestantischen Theologie durch den Dänen Sören Kierkegaard sowie Nietzsches Ansatz des Willens zur Macht (vgl. ebd.). An Nachhaltigkeit war die historische Zäsur, die sie bedeuteten, kaum noch zu überbieten; sie sprengten die unter den Auspizien der Romantik geschlossene Koalition aus „Humanismus, Liberalismus und Bildungsidealismus“ und nahmen der „an sich [selbst] verzweifelnden bürgerlichen Welt Deutschlands“ (ebd.) damit ihren letzten traditionsgestählte weltanschaulichen Halt. Der Fundamentalität ihrer Kritik musste „nicht nur das geschichtliche Weltbild eines Jahrhunderts, sondern [auch] das in ihm gewachsene Selbstvertrauen des gebildeten Menschen zum Opfer“ (ebd.) fallen. Alles, was sich über zwei Jahrhunderte zu einer Art „nationale[m] Kulturverständnis“ (ebd.) der bürgerlichen Schicht hatte summieren können, habe plötzlich seine Stichhaltigkeit verloren: das Vertrauen in die Vernunft genauso wie der Geistesbegriff, der Glaube an den Wert der Freiheit genauso wie der an einen teleologischen Verlauf der Geschichte (vgl. ebd.). Die Mischung aus Hass und Verachtung, mit der man den Prinzipien, erst recht aber dem operativen Alltagsgeschäft der parlamentarischen Demokratie im Nachkriegsdeutschland begegnete, war, folgt man Plessner, einer der mentalen Haupterben der „Zerstörung der Philosophie“ (ebd.), wie sie Marx, Kierkegaard und Nietzsche betrieben hatten.22

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Was Plessner bei seiner geschichtsdiagnostischen Rückschau auf die Weimarer Jahre vor allem vermisst, ist die Existenz einer originären Staatsidee. Statt ihrer schien man der Tradition der Volksidee die Treue zu halten. Auch in diesem Punkt hinkte Deutschland dem Gros der westlichen Industrienationen schon seit Jahrzehnten hinterher. Die nach dem verlorenen Weltkrieg vorgenommene konstitutionelle Verankerung der parlamentarischen Demokratie wurde eher als fremdherrschaftlichen Zwang denn als Möglichkeit einer Teilhabe an den Segnungen der bürgerlichen Moderne empfunden. Auf die Sympathien ihrer Bürger habe, so Plessners These, die neue Republik deshalb nie wirklich zählen können, weil „sie den als volksfremd, als unorganisch empfundenen Wahl- und Koalitionsmechanismus der Parteien zur Grundlage“ (50) gemacht habe. Der nicht zuletzt auch von Teilen der politischen Eliten getragene Protest gegen den politischen Wertekanon „der saturierten, im Kriege siegreichen Westmächte“ (37) belastete die Republik vom ersten bis zum letzten Tag ihrer geschichtlich ephemeren Existenz. Die Ursachen dafür, das sich die Deutschen eine Tradition jenseits von Humanismus und Liberalismus schufen, lokalisiert Plessner in der beginnenden Neuzeit: Im konfessionellen Schisma und den daraus resultierenden sozialen, regionalen und militärischen Spannung, in der nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Kriegs nur schleppend verlaufenden Formierung einer gut situierten und selbstbewussten bürgerlichen Schicht und schließlich in einer archaischen, der parzellierten Territorialstruktur Mitteleuropas anzulastenden Wirtschaftspraxis (vgl. 46). Die Fetischisierung der Volksidee verfolgte damit eine klar kompensatorische Absicht. Schon das in Versailles proklamierte Bismarcksche Kaiserreich sei ein „Machstaat ohne humanistisches Rechtfertigungsbedürfnis“ (42) gewesen.23 Dieser Konstruktionsfehler war das Kind eines Geistes, den zu vertreiben auch dem Trauma des Weltkriegs und dem Sturz des Hauses Hohenzollern nicht gelingen sollte.

Zwei Ideen waren es, die in der Geschichte der neuzeitlichen Staatenbildung die stärkste Integrationsleistung vollbracht haben: das Volk und das Recht. Als Inbegriff einer „metaphysische[n] Anspruchslosigkeit“ (62) bezeichnet Plessner beide. Auch ihr Beispiel zeigt, dass ein und derselbe ideengeschichtliche Impuls, in diesem Fall also eine säkulare Staatsphilosophie, völlig unterschiedliche Ergebnisse zeitigen kann. In den sich an den gedanklichen Anregungen der Vertragstheoretiker orientierenden Nationen der westlichen Hemisphäre definierte man den Staat nicht mehr über das Erbe der eigenen Geschichte, sondern über die „in ihrer befreienden und versöhnenden [...] Abstraktheit und begrifflichen Würde bewusst festgehaltene Idee des Rechtes.“ (63)24 Ein Resultat der Säkularisierung aber war auch das Avancement der Volksidee zum staatstragenden Prinzip. Überraschen wird Plessners in diesem Kontext vorgenommene qualitative Verknüpfung von Gottvertrauen und Vernunft. Zumindest in Deutschland hat sich der Vormarsch letzterer offenkundig keineswegs auf Kosten der religiösen Empfindungswelt vollzogen, im Gegenteil. Lange Zeit sei die Vernunft eine metaphysische Eigenschaft des Menschen gewesen, durch die er mit Gott verbunden geblieben sei. Peu à peu aber habe der Mensch den Respekt nicht nur vor den Inhalten der religiösen Überlieferung, sondern auch „vor der Vernunft als einer übermenschlich verbindlichen Gottesmacht“ (60) in sich selbst verloren – auch das natürlich ein Indikator für die nachhaltige Wirkung Marx’, Kierkegaards und Nietzsches. Als die religiöse Dimension der Aufklärungsphilosophie zu verblassen begann, gewann der „innerweltlich-menschliche Raum“ (ebd.) die Oberhand. Der Volksgedanke war es, der das metaphysisch nunmehr ungeschützte Feld urbar machen konnte. Seinen Gegenstand definiert Plessner als eine „real[e]“, dabei allerdings „unsichtbar[e]“ (53) Entität. Die Deutschen selbst haben ihr Volkssein stets als „Verbundenheit mit dem Boden, der Heimat [und] alterväterliche[n] Sitte“ (ebd.) verstanden. Eine aus soviel Urwüchsigkeit abgeleitete politische Anthropologie musste sich gegen die „Umwertung des Menschen durch einen reinen Rechtsakt“ (64) zu einem Civis, wie sie die Weimarer Verfassung in der Tradition der Staaten der westlichen Welt vornahm, sperren. In die Kerbe genau dieser säkularen Bodenständigkeit schlug der Nationalsozialismus. Da er sich als Staranwalt einer empirischen Größe, nämlich der Nation, in Szene setzen konnte, fiel der diktatorische Faschismus in einer akuten Krise der Republik, wie zuvor schon in Italien, auch in Deutschland auf einen äußerst fruchtbaren Boden (vgl. 62).

Schließlich noch ein Blick auf eine andere schwer lastende Hypothek, mit der die Deutschen den brüchigen Boden einer Republik betraten: auf die Nationalkultur. Auch im Falle ihrer historischen Einordnung greift Plessner bis in die Tage der Reformation zurück, auch für ihre Entwicklung sollte sich das 19. Jahrhundert als zentrales Weichenstellwerk erweisen. Ihre unverwechselbare Handschrift verdankt sie dem Einfluss der lutherischen Reformation, einen ihrer entscheidenden Popularitätsschübe hingegen dem Zeitalter der Säkularisierung. Der Grund dafür, dass sie in Deutschland ungeachtet dieser Verweltlichung nie zu einem politischen Faktor wurde, liegt in den Besonderheiten der hiesigen Sozialgeschichte. Die beiden Schlüsselbegriffe in diesem Kontext sind „Weltfrömmigkeit“ und „Traditionslosigkeit“ (82). Plessner zufolge ist die deutsche Kultur durch eine Transmission des Religiösen vom kirchlichen in einen weltlichen Bereich entstanden. Ihres spezifisch protestantischen Charakters ging sie dabei keinesfalls verlustig. Im „säkularisierte[n] Luthertum“ (79) hätten sich ein Hang zur Innerlichkeit mit einer ausgeprägten Freude am Schöpferischen, einem kämpferischen Enthusiasmus, dem Gestus der spekulativen Tiefe und einem leidenschaftliche Ungenügen an der jeweils bestehenden Ordnung verbunden. (vgl. ebd.) Spätestens in die Landschaft eines von der Industriellen Revolution gezeichneten Deutschland aber wollte selbst eine Kulturpraxis mit einem derart säkularen und überlieferungsskeptischen Selbstverständnis nicht mehr passen. Weltfrömmigkeit und Traditionslosigkeit hätten, so Plessners These, einer emanzipierten und gesellschaftlich dominanten bürgerlichen Schicht bedurft, „um die Energien, die in ihnen steck[t]en, voll entfalten zu können.“ (82) In der Etablierung und politischen Aufwertung genau dieser Schicht aber bestand bekanntermaßen eines der großen Versäumnisse der deutschen Sozialgeschichte. Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1870/71 suchte die sich der mangelnden Solidität der eigenen Traditionsverwurzelung bewusst werdende deutsche Gesellschaft einen Halt in einer geschichtlichen Perspektive. Auch die Anachronizität dieses Anspruchs sah sich schnell entblößt, erhoben nämlich wurde er in einem Augenblick, als sich die Wissenschaft von der „universalhistorische[n] Perspektive“ zu lösen und den Teilbereichen einer „philosophische[n] Anthropologie“ (102)25 zuzuwenden begann. Auch wenn sich seinerzeit weder der „optimistische[] Fortschrittsglauben“ noch die „Dekadenzbedenken“ (101) über einen Mangel an Sympathisanten beklagen konnten, die empirische Wissenschaft in den Jahren nach der Reichsgründung war längst erfolgreich damit befasst, den Menschen „aus den Geschichtskonstruktionen“ (102) von Idealismus, Materialismus und Pessimismus zu befreien. Für Plessner war allein der Versuch dieser Befreiung das untrügliche Zeichen einer „tiefe[n] Selbstunsicherheit des deutschen Geistes“ (ebd.), einem Wanderer, „der als der einzige auf dieser Erde noch vor keinem Abenteuer des Gedankens zurückgewichen ist, um sich zu finden.“ (ebd.)

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Plessner also ging es um die großen Linien der Ideen-, Geistes- und Mentalitätsgeschichte des neuzeitlichen Deutschland, die in der Weimarer Republik zusammenliefen, sie sprengten und in der diffusen Ideologie des Nationalsozialismus schließlich eine neue Heimstatt fanden. Eine konventionelle, allein an den Fakten orientierte Geschichtserzählung hat auch Peukert nicht vorgelegt. Seine Weimar-Studie erhebt den Anspruch, „die politik- und verfassungsgeschichtliche Tradition“, wie sie den gängigen Periodisierungen zugrunde liege, „um eine sozialgeschichtliche Betrachtung säkularer Kontinuitätslinien und epochenspezifischer Konstellationen“ (Peukert: 16) zu erweitern. Folgt man Peukert, so stand die Weimarer Republik im Grunde ab ovo unter keinem guten Stern. Gewagt hätten die Deutschen ihr „republikanisches Experiment“ nämlich ausgerechnet in einem Moment, „in dem das politische und soziale System ohnehin einer Zerreißprobe ausgesetzt wurde.“ (ebd.) Auf drei Entwicklungsphänomene richtet er sein Augenmerk dabei konkret: auf den Rückgang der Geburtenrate, die Veränderungen innerhalb der Beschäftigungsstruktur26 und das dauerblockierte Wirtschaftswachstum, drei Entwicklungen also, die sich, auch wenn sie bereits vor dem Krieg eingesetzt hatten, als ernsthafte Belastung nicht nur für die neue Republik, sondern für die Errungenschaften der klassischen Moderne schlechthin entpuppen sollten.

Mit klassischer Moderne meint Peukert das um die Jahrhundertwende anbrechende Zeitalter einer tiefgreifenden Revolutionierung beinah aller Bereiche und Ebenen der Lebensrealität, angefangen von der Sozialpolitik über die Technik, die Natur- und Humanwissenschaften bis hin zu Kunst, Musik und Architektur (vgl. 268). Zwar hatte dieser Prozess die meisten Staaten der nordatlantischen und mitteleuropäischen Welt erfasst, zwar fiel er in die Zeit einer gravierenden Strukturkrise des „weltwirtschaftliche[n] und weltpolitische[n] System[s]“ (267), aber Deutschland schien er besonders hart zu treffen. Es war die Verknüpfung einer ganzen Reihe von Negativfaktoren, von „Krieg, Niederlage, Legitimationsverlust alter Werte, Inflation und Weltwirtschaftskrise“ (271), die sich hierzulande zu einer „allumfassenden Krise der politischen Legitimation“ (ebd.) auswachsen konnte. Dabei schien die Weimarer Republik auf der soliden Basis zweier Kompromisse gegründet zu sein, auf dem zwischen Mehrheitssozialdemokraten, Linksliberalen und politischem Katholizismus geschlossenen und gegen Teile der Rätebewegung verteidigten Verfassungskompromiss zum einen (vgl. 13), auf dem zwischen Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern ausgehandelten sozialpolitischen Kompromiss27 zum anderen. Die auf diese Basis vertrauende politische Praxis geriet allerdings schnell in die „Verengung der sozialökonomischen Handlungsspielräume“ (269). Die anfängliche Fortschrittseuphorie wich einer kulturpessimistischen Ernüchterung, auf die Durchsetzung der klassischen Moderne auf breiter Front folgten zunächst ihre Problematisierung, dann ihre Revision und schließlich ihr völliger Zusammenbruch. (vgl. 267) Die meisten Länder haben ihr inneres Gleichgewicht trotz der Weltwirtschaftskrise nicht verloren, in Deutschland allerdings konnte sie sich zur Katastrophe steigern, „weil die Widersprüche der klassischen Moderne in ihr eskalierten.“ (271)

Auch die kulturelle Moderne hatte sich bereits unter den noch eher hartleibigen politischen Bedingungen der Kaiserzeit formiert.28 Bei Peukert spielte, was man gemeinhin unter dem Schlagwort der „Weimarer Kultur“ subsumiert, nur eine Nebenrolle. Anders bei Gay. Seine „Außenseiter“ beleuchten auch ihre wilhelminische Vorgeschichte. Zudem lesen sie sich wie eine passgenaue Ergänzung zu Plessners „Verspäteter Nation“. Hatte deren Autor noch das gewaltige ideenhistorische Erbe fokussiert, das die Weimarer Republik anzutreten hatte, rekonstruiert Gay den Weg, den sie damit zu beschreiten versuchte. Interessant für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit sind vor allem diejenigen Passagen seines Buches, in denen er sich der damaligen Rezeption des kanonisierten, klassischen Teils der literarischen Überlieferung widmet. Um die Quintessenz seiner Überlegungen gleich vorwegzunehmen: Zu schüren schien dieses immaterielle Erbe vor allem die politische Indifferenz der Weimarer Gesellschaft, eine konkrete Orientierungshilfe im politischen Alltag einer liberalen Republik bot sie ihr nicht. Für die chronische Schwäche des demokratischen Bewusstseins nimmt Gay vor allem die traditionelle Affinität der Deutschen zur Poesie in Haft.

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Den Auftakt auch seines Buches bildet die Erörterung der Frage nach der Genese des „eigenartigen, einzigartigen Charakter[s]“ (Gay: 10) der Weimarer Republik. Das für die Antwort entscheidende Stichwort fällt bereits im Titel: Seine schnell legendär gewordene quirlige, experimentierfreudige und weltläufige Aura verdankt Weimar dem Durchbruch der Außenseiter des Kaiserreichs, dem gesellschaftlichen Avancement von „Demokraten, Kosmopoliten [und] Juden“ (ebd.). Auch für das Kultur- und Geistesleben blieb ihr Wirken natürlich nicht ohne Bedeutung. Am Beispiel der Erfolgsbiographien der vormaligen Parias dokumentiert Gay, dass die Zäsur, die die Proklamation der Republik bedeutete, weniger eine produktions- und eher eine rezeptionsästhetisch relevante war. Auch für ihn steht außer Frage, dass „die moderne deutsche Bewegung in der Kunst, der Architektur, der Lyrik, der Musik, des Romans, des Tanzes, des Theaters – die ganze experimentelle, freiheitliche Bewegung“ (11) ihre Wurzeln bereits in der Epoche des Wilhelminismus geschlagen hatte. Fast alles, was als „Weimarer Stil“ in die Annalen der Kulturgeschichte eingegangen ist, gehe auf die Jahrhundertwende und die 1890er Jahre zurück, ein „politisches Gepräge und einen schneidenden Ton“ (23) habe ihm der Krieg verliehen. Formiert also hatte sich die kulturelle Avantgarde bereits in den gesellschaftlichen Nischen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Republik konnte ihr nur noch den Erfolg hinzufügen (vgl. 21).

Nachhaltig verändert zu haben schien das Ferment, das die Außenseiter dem Weimarer Kulturleben zuführten, die Mentalität der Gesamtgesellschaft allerdings nicht. Aller Progressivität zum Trotz erlebte – beflügelt durch die Symbolkraft des Ortes der Proklamation des neuen Staats – auch das Weltbild der Weimarer Klassik in den zwanziger Jahren eine Renaissance. Folgt man Gay, so konnten die Schriftsteller der Weimarer Republik von der anhaltenden Wertschätzung einer breiten Öffentlichkeit dem Typus des Dichterfürsten gegenüber beinah kollektiv profitieren – von Intellektuellenschelte also zunächst noch keine Rede.29 Möglich war das, weil sie etwas stillen zu können den Eindruck erweckten, was er, Gay, als „’Hunger nach Ganzheit’“ (130) bezeichnete. Aufgrund dieser Suggestionsfähigkeit erwiesen sich die Kulturschaffenden der zwanziger und frühen dreißiger Jahre als würdige Erben der Olympier des Weimars um 1800. Mit denen allerdings geht Gay auffallend hart ins Gericht. Goethe und Schiller seien hochgradig antipolitische Dichter gewesen, den Gestus des Werks des einen bringt er auf den Nenner der „Apathie“, die politische Botschaft des anderen auf den des „Tyrannenmordes“ (98). Da beider Œuvre für die deutsche Literaturgeschichte der folgenden hundert Jahre stilbildend wurde, kann es nicht verwundern, dass sich auch aus den literarischen Arbeiten der Weimarer Republik ein Leitfaden für die Konsolidierung eines demokratischen Bewusstseins nicht ableiten ließ. Unter Berufung auf die Klassiker scheint alles Politische als trivial diffamiert und im vermeintlich geweihten Wasser der Poesie, des Schlüssels zum Wahren, Guten und Schönen, ertränkt werden zu können.30 Gay geht in seiner Klassikerkritik sogar noch einen Schritt weiter: „[I]ndem sie etwas Höheres als Politik forderten“ hätten Goethe und Schiller dazu beigetragen, „einem Niederen den Weg zu bahnen: der Barbarei.“ (ebd.)

Es waren Thesen wie diese, dass sich nämlich das Lokalattribut der Weimarer Republik als Menetekel erwiesen habe, aufgrund derer Friedrich Balke Gay – neben Kurt Sontheimer – ein „hoffnungslos unterkomplexe[s] Bild der Integrationsleistung moderner Gesellschaften“ (Bialas/Iggers: 74 f.) vorgeworfen hat.31 Völlig falsch ist seine Beschreibung des deutschen Sonderwegs deshalb noch nicht. Plessner hatte die großen Linien dieser Animosität gegen den politisch-sozialen Wertekanon der westlichen Welt mit viel Akribie nachgezeichnet, Gay versucht es eher sprachbildlich: Nachdem die Deutschen durch Absolutismus und Bismarcks Reichsgründung der Demokratie gegenüber notorisch auf Distanz gehalten worden waren, hätten sie sich nach dem Weltkrieg in der Rolle von Bauern wiedergefunden, „die in ein Schloss geladen sind und sich nicht recht zu benehmen wissen.“ (101) Respekt vor aller staatlichen Autorität und ein nur schwach entwickelter Sinn für die Bedeutung der für den Parlamentarismus konstitutiven Kommunikationsform der Debatte, das seien die Eckpfeiler der „deutsche[n] Ideologie“ (102) gewesen. Der „Hunger nach Ganzheit“ wird in diesem Kontext zu einem Sammelbegriff weltanschaulich eher diffuser Aversionen, deren größte die „Angst vor der Modernität“ (130) ist. Gegen die Botschaft der Vernunft brachte die politische Theorie der zwanziger Jahre Begriffe wie „Volk, Führer, Organismus, Reich, Entscheidung und Gemeinschaft“ (ebd.) in Stellung. Einen ersten Aufschwung verzeichnen konnte deren politische Instrumentalisierung, nachdem mit der Hohenzollern-Monarchie ein nicht minder vulgärmetaphysisches staatliches Identifikationsangebot verschwunden war. Bis ihre Massensuggestivität allerdings auch dem Faschismus den Weg auf die Regierungsbank des Reichstags geebnet hatte, sollte noch ein gutes Jahrzehnt vergehen.

II.2. Arachne und Émile Zola. Intellektuelle als inkompetente Kritiker

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Mit seinen „Außenseitern“ hat Gay das Stichwort für den Übergang zum nächsten Themenkomplex gegeben. Gehen soll es darin um eine genauere Charakterisierung des Intellektuellen. Bei aller semantischen Geschmeidigkeit besteht innerhalb der Fachliteratur in zumindest einem Punkt Konsens: Seine Geburtsurkunde wird ihm auf den oben bereits erwähnten 13. Januar 1898 ausgestellt, den Tag, an dem Zola seinen „J’accuse“-Artikel veröffentlichte, das unüberhörbare Bekenntnis eines sozial und politisch sensibilisierten Dichters und eines ebenso offensiven wie praxisorientierten Denkers. Schreibanlass war bekanntermaßen der seinerzeit schon vier Jahre zurückliegende erste militärgerichtliche Urteilsspruch gegen den jüdischstämmigen Hauptmann Alfred Dreyfus. Angeklagt worden war er wegen vermeintlicher Spionagetätigkeit. Das Beweismaterial sollte sich später als manipuliert erweisen. Zwar sollte eine Mischung aus Antisemitismus, Standesdünkel und einem als Staatsraison eskamotierten Despotismus den Prozess gegen Dreyfus noch bis 1906, dem Jahr seiner vollständigen Rehabilitierung, verschleppen. Abbruch tun kann das der identitätsstiftenden Bedeutung des „J’accuse“-Artikels indes nicht mehr.32

Eine Creatio ex nihilo war die Figur des Intellektuellen allerdings nicht. Der Konflikt zwischen Zola und den klerikal-nationalen Kräften der Dritten Republik ist ein der abendländischen Kulturgeschichte in zahlreichen Varianten hinlänglich bekannt: Es ist der Konflikt zwischen Geist und Macht, zwischen den über die Möglichkeiten der Medialisierung ihrer gedanklichen Positionen verfügenden Trägern von Wissen und Erkenntnis auf der einen und den auf Wahrung der staatlich-kollektiven Integrität bedachten Trägern der Herrschaft auf der anderen Seite. Diesem intersubjektiven Konflikt geht eine eher intrasubjektiv zu fällende Entscheidung der Träger von Wissen und Erkenntnis voraus: Die zwischen Geist und Tat, die Entscheidung zugunsten oder zuungunsten einer Selbstbegnügung mit der Rolle des Herrschers über das eher virtuelle Paralleluniversum von Kunst und Theorie. Wer sich mit dieser Rolle unterfordert fühlt, gilt gemeinhin als Intellektueller, wer in ihr aufgeht, als Ästhetizist.

Ihren Archetyp finden die Intellektuellen in der griechischen Mythologie: in der Figur der lydischen Weberin Arachne. Ihr Schicksal, überliefert im sechsten Buch der „Metamorphosen“ des Ovid, liest sich wie eine Antizipation des Zolaschen. Was den Arachne-Mythos mit der geschichtlichen Konstellation der Dritten Republik um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verbindet, ist der frappierende Mangel an moralischer Lauterkeit, dessen sich das Pantheon der hellenischen Antike genauso anklagen lassen muss wie die staatlichen Autoritäten des zeitlichen Umfelds der Dreyfus-Affäre. In beiden Fällen sind es machtferne Instanzen, die Anklage erheben, in beiden wird dieser Vorstoß als Bedrohung der mythischen bzw. staatspolitischen Ordnung empfunden und hart sanktioniert. Auch der Arachne-Mythos erzählt von der Gottähnlichkeit des Menschen und der Menschenähnlichkeit der Götter. Den Mittelpunkt bildet das kunsthandwerkliche Duell zwischen Arachne, der Weberin, und Pallas Athene, der Göttin der schönen Künste. Dazu herausgefordert hatte Athene die Lydierin wegen deren Behauptung, auf dem Gebiet der Webkunst nicht mal das legendäre Geschick der Göttin fürchten zu müssen. Arachnes im Rahmen des Wettkampfs entstandene Arbeit muss Athene in der Tat als Provokation empfinden, und zwar in gleich zweifacher Hinsicht. Provozieren kann Arachne die Göttin zum einen durch die handwerkliche Makellosigkeit ihrer Arbeit. In akute Verlegenheit bringt sie sie aber auch auf der Inhaltsebene: Athene erzählt in den selbstherrlichen Bildmotiven ihres Teppichs von ihrem Sieg über Poseidon, Arachne aber von den amourösen Eskapaden des Göttervaters Zeus. (vgl. Ovid: VI, 70-129) Bloßgestellt ist damit nicht allein die Schutzpatronin der schönen Künste. Getroffen fühlen muss sich durch den Affront dem obersten Gott gegenüber letztlich der komplette Olymp.

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Zolas Intervention in der Dreyfus-Affäre war das sicher wichtigste Kapitel der Realgeschichte der Intellektuellen. Zwei Umstände waren es, die sie dazu gemacht haben. Zum einen der geisteshistorische Hintergrund des ausgehenden 19. Jahrhunderts, im konkreten Fall der Zola-Intervention der verbreitete Glaube an die sowohl staats- als auch zivilgesellschaftliche Realisierbarkeit der Idee der Menschlichkeit und ihrer weltanschaulichen Derivaten, sei es die Gerechtigkeit oder der Weltfriede. Zum zweiten der Versuch, die alltagspraktische Umsetzung dieser Idee zu sabotieren, ein Versuch, der im Falle der Dreyfus-Affäre dem in den staatlichen Behörden der damaligen Zeit grassierenden Virus des Antisemitismus anzulasten war. In dieser historischen Konstellation konnte sich der Dichter als Intellektueller profilieren, als eine Figur, die fähig ist, auch die Schattenseiten staatlichen Handelns zu erkennen und das dahinter steckende Kalkül zu durchschauen, die aber auch willens ist, sich mit ihrem Erkenntnisvorsprung an ein breiteres Publikum zu wenden und damit den Weg vom Geist zur Tat zu gehen, die sich ein Medium erschließt, über das sie ihr Wissen zu kommunizieren vermag, und die sich schließlich, ohne auch nur über eine einzige Insignie staatlicher Macht zu verfügen, eines Maßes an Autorität erfreut, das ihr die Aufmerksamkeit auch eines größeren Publikums sichert. Im Falle der Dreyfus-Affäre ging diese Rechnung auf. Nicht immer aber folgen den politisch-moralischen Appellen auch Taten. Gehört und dennoch unbefolgt – auch das ein wichtiger Aspekt der von Benjamin zitierten Tragik des Intellektuellen.

Im Konflikt zwischen den Vertretern des Geistes und denen der politischen Macht geht es letztlich um ein Interpretationsmonopol. Macht zu haben bedeutet seit alters, über die Hoheit nicht nur der Wirklichkeitsgestaltung, sondern eben auch der Wirklichkeitsdeutung zu verfügen. Beide Konfliktparteien dürften dabei von je her zumindest geahnt haben, dass sich Erkenntnis nicht allein auf den Wegen der Macht, Macht aber sehr wohl auf denen der Erkenntnis erwerben lässt. Einem Naturgesetz entspringt die hermetische Trennung von Geist und Macht bei alldem nicht. Zwar stand, das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Geschichte, das Überlegenheitsempfinden der Repräsentanten des Geistes im Regelfall in diametralem Gegensatz zu ihren tatsächlichen machtpolitischen Optionen. Verwundern wird die Angst der Inhaber der Herrschaftsgewalt vor deren Verlust trotzdem nicht, schließlich mussten sie wissen, dass bereits eine profunde Kenntnis über den Zusammenhang der Dinge den ersten Schritt hin zu seiner Zerstörung bedeuten konnte. Unterstrichen werden muss an dieser Stelle freilich auch, dass die Rollen von Gut und Böse – die Träger der politischen Macht die moralisch Korrumpierten, die von Wissen und Erkenntnis hingegen die Tugendhaften – keineswegs immer derart eindeutig verteilt sind wie im Falle der Dreyfus-Affäre. Zolas mit dem Ausrufezeichen der Political Correctness versehener Presseauftritt ist fraglos ein Glanzkapitel der Intellektuellengeschichte. Gefeit gegen die Versuchung des Missbrauchs ihrer zumindest symbolischen Autorität sind die Wissenden letztlich aber genauso wenig wie die Mächtigen. Über die moralisch-politische Korrumpierbarkeit auch der Intellektuellen hat sich ein anderer Franzose ausgelassen: Julien Benda in seinem viel zitierten Buch „Der Verrat der Intellektuellen“.33

Auch das Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts hält Anschauungsmaterial für diesen Urkonflikt en masse bereit. Politik und Gesellschaft schlugen im fraglichen Zeitraum derart häufig Kapriolen, dass die von je her stark von den moralischen Defiziten des eigenen Umfelds abhängigen Intellektuellen im Grunde permanent gezwungen waren, sich neu zu erfinden. Gefragt werden soll nun aber vielmehr nach der Möglichkeit einer über die Unberechenbarkeit historischer Prozesse zumindest halbwegs erhabenen soziologischen Einordnung ihres funktionalen Selbstverständnisses. Eine Antwort darauf hat Lepsius in seinem Aufsatz „Kritik als Beruf. Zur Soziologie des Intellektuellen“ zu geben versucht. Entstanden ist er zwar im zeitlichen Gefolge der Spiegel-Affäre, seiner Beschäftigung mit den bundesrepublikanischen Intellektuellen aber hat der Autor den Rahmen einer eher übergeschichtlichen soziologischen Analyse des praktischen Gebrauchs der Kritik gegeben. Um diese Analyse soll es im Folgenden gehen.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg schien die Trennung zwischen Geist und Macht wieder mit größerem Bedacht gezogen worden zu sein, beide seien in dieser Zeit, so Lepsius’ Ansatz, „zu zwei je eigenen Gesetzen unterliegenden Seinsbereichen hypostasiert [worden], denen nicht nur verschiedene Verhaltensweisen, sondern auch moralische Haltungen zugeordnet“ (Lepsius: 274) worden seien.34 Gerade in den Jahren des an Schärfe gewinnenden Ost-West-Konflikts boten die Intellektuellen einer Unzahl zum Teil stark divergierender Projektionen eine großzügige Leinwandfläche, den „Aufruf zu geistiger Verpflichtung“ (276) zählt Lepsius genauso dazu wie ihre Bezichtigung als Multiplikatoren einer feindlichen Weltanschauung. Den marxistischen Kategorien von Klassenbildung und Klassenkampf haben sie sich, so seine Feststellung, bei alldem immer wieder äußerst gekonnt entzogen. Wer sie soziologisch verorten will, muss folglich einen anderen Weg wählen. Lepsius greift auf drei Klassiker der eigenen Fachdisziplin zurück: auf Max Weber, Joseph Alois Schumpeter und Karl Mannheim. Alle führen ihn an den Beginn der Intellektuellengeschichte und in die Weimarer Zeit zurück. Im Falle Webers ist es die Neuformulierung des Zwistes zwischen Geist und Macht als Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, die er, Lepsius, übernimmt (vgl. 274 f.), im Falle Schumpeters die Erkenntnis, Intellektuelle seien Leute, „die über außerhalb ihrer Zuständigkeit liegende Dinge reden oder schreiben“ (277), im Falle Mannheims schließlich die Wendung von der freischwebenden Intelligenz (vgl. 272). Die Verortung des Intellektuellen in einer mit dem Prinzip der Gewaltenteilung und dem Grundrecht der Pressefreiheit vertrauten Gesellschaft gelingt Lepsius nun über die Klassifizierung des Gebrauchs der Kritik. Relevant dabei ist der Grad ihrer institutionellen Verankerung. Ergeben haben sich am Ende drei Klassen: die kompetente, die quasi-kompetente und die inkompetente Kritik. Letztere wird unter den Aspekten der Legitimität bzw. Illegitimität ihres Gebrauchs noch mal unterteilt. Die Unterklasse der inkompetenten, dabei aber legitimen Kritik ist das Hoheitsgebiet des Intellektuellen.

Im ersten Fall liegen die Dinge auf der Hand: Kompetent ist eine Kritik dann, wenn sie vom Angehörigen einer bestimmten Berufsgruppe im Rahmen seiner Profession geübt wird. Mit anderen Worten: Die kompetente ist eine binnen-institutionelle Kritik. Lepsius’ Beispiel ist das Mitglied eines Parlaments, das von einem ihm als Repräsentant der Legislativgewalt zukommenden Recht Gebrauch macht und die Regierung kontrolliert. Der gemeinsame institutionelle Nenner, auf den Subjekt und Objekt der Kritik hier gebracht sind, ist also die Politik. Im Falle der zweiten Klasse sind die Dinge schon komplizierter: Quasi-kompetent ist eine Kritik dann, wenn sie von Angehörigen eines „sozialen Gebilde[s]“ (280) an denen eines anderen geübt wird. Die quasi-kompetente ist damit eine inter-institutionelle Kritik. Ihr Prototyp ist der Journalist, dem die Geschäfte der Politik ins Visier geraten. Schwieriger liegen die Dinge hier deshalb, weil das Subjekt der Kritik „nur teilweise und unvollkommen durch soziale Mechanismen eine eigene Kompetenz gegenüber anderen sozialen Gebilden und der Gesamtgesellschaft“ (ebd.) habe ausbilden und durchsetzen können. Lepsius brachte seine Zeilen in den beginnenden 1960er Jahren zu Papier, in einer Zeit, in der dem politkritischen Journalismus der Ruf einer inoffiziellen Vierten Gewalt offenkundig noch nicht vorauseilte. Den Mangel an empirischem Fachwissen hatte er auf anderen Wegen zu kompensieren, durch seine Berufung auf Expertenwissen etwa oder eine „höhere Ebene der kulturellen Werte“ (281) vom Kaliber der Menschenrechte. Wirklich ernst zu nehmen aber braucht der Kritisierten seinen Kritiker aufgrund solcher Professionalitätsattrappen allerdings noch nicht.

Noch schwächer ist die Autorität der Vertreter der dritten Klasse. Bei ihrer Charakterisierung macht sich Lepsius die oben erwähnten Ansätze von Weber, Schumpeter und Mannheim zueigen. Inkompetent ist „[j]ede Kritik an Institutionen, deren Mitglied man nicht ist [...].“ (281) Da ihre Subjekte keine tätigkeitsfeldspezifische Kohäsionskraft mehr bindet, ist die inkompetente nicht mal mehr eine inter-institutionelle Kritik. Damit steht sie prinzipiell jedermann offen. Gebrauch von ihr aber machen nachweislich vor allem Menschen, „die sich mit der sozialen Vermittlung abstrakter Wertvorstellungen beschäftigen“ (283). Dass alles, was sie sagen oder zu Papier bringen, unverbindlich bleiben muss, weil sie es, statt auf die solide Basis eines fachmännischen Wissens, nur auf die eher poröse einer Summe ethischer Konventionen stellen können, haben sie in Kauf zu nehmen. Mit dem Stigma eines Mangels sowohl an Fachwissen als auch an Verantwortung wird der Angehörige vor allem einer Personengruppe relativ gut umgehen können: der Intellektuelle, die sicher profilierteste Erscheinungsform des Subjekts einer inkompetenten Kritik. Damit ein Intellektueller aber auch wirklich ein Intellektueller ist, müssen noch zwei weitere Bedingungen erfüllt sein. Er muss sich erstens zum Werkzeug einer legitimen inkompetenten Kritik machen. Legitim ist Lepsius zufolge „jede Kritik, die sich auf Werte bezieht, über deren Gültigkeit als Leitbild sozialen Verhaltens Konsensus besteht.“ (282)35 Er braucht zweitens ein Forum für den öffentlichen Gebrauch seiner Kritik. Nur wenn der Radius seiner Wahrnehmung groß genug ist, kann er eine zumindest symbolische Autorität für sich beanspruchen. Obwohl natürlich auch die Möglichkeit, legitime inkompetente Kritik zu üben, jedermann offensteht, seien es immer „nur Angehörige bestimmter Berufe, die zu Trägern“ (283) dieser bestimmten Form der Kritik würden.36

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Mit der Begrifflichkeit der Soziologie lässt sich ein Steckbrief des vermeintlich so unnahbaren Intellektuellen also durchaus verfassen. Klar geworden sein dürfte, worin sein Lebenselixier vor allem besteht: in der generellen rechtlichen Möglichkeit eines öffentlichen Gebrauchs der Kritik.37 Inwiefern hilft die Differenzierung des Kritikbegriffs, wie Lepsius sie vornimmt, auch bei der konkreten historischen Einordnung der Rundbefragten? Die Stärke seiner soziographischen Skizze liegt zunächst in ihrer in den Monaten der Entstehung sicher keineswegs selbstverständlichen akademischen Selbstbescheidung: Sie wagt sich sowohl an eine Beschreibung der Grenzen des Kompetenzbereichs des Intellektuellen als auch – indem sie die Unberechenbarkeit des Wertediskurses thematisiert – an eine Relativierung seiner moralischen Autorität. Der NS-Staat hatte dieser Autorität durch die ideologische, personelle und reaktionsstrukturelle Gleichschaltung gerade auch der Presselandschaft den Atem zu nehmen versucht, aus der Spiegel-Affäre drei Jahrzehnte später sollt sie indes sogar gestärkt hervorgehen. Die Weimarer Republik selbst hielt den Intellektuellen ihr Lebenselixier noch bereit, u. a. die Rundfragensammlung ist ein Beweis für die Möglichkeit eines öffentlichen Gebrauchs der Kritik. Bliebe die Frage, ob sie auch eine Kollektion von Kompetenzüberschreitungen darstellt. Im Kontext einer arbeitsteiligen Gesellschaft mag dieser Vorwurf durchaus seine Berechtigung haben, historisch gesehen ist er problematisch. Die gedankliche Grenzgängerei zwischen Literatur und Politik, wie sie in den Diskussionszirkeln von London und Paris und später in einem Teil der Rundfragen praktiziert wurde, dürfte von den Akteuren selbst vor allem als stolze Abstraktionsleistung und emanzipatorischer Akt empfunden worden sein. Und selbst da, wo der rundbefragte Künstler scheinbar nur über Grundfragen der Ästhetik reflektierte, tat er es häufig als politaffiner Grenzgänger und nicht nur als kompetenter Kenner seiner Materie.

II.3. Zwischen weltanschaulicher Gemengelage und Parteinahme. Versuch einer Schematisierung des Weimarer Intellektuellenmilieus

Auch wo es darum geht, den Weimarer Intellektuellen zu typologisieren, ist die vorliegende Arbeit nicht auf sich allein gestellt. Das Deutschland der zwanziger Jahre hat eine beispiellose Vielzahl kulturell produktiver Ausnahmepersönlichkeiten hervorgebracht, es nimmt also nicht wunder, dass die Intellektuellenhistoriker die fragliche Zeitspanne schon früh als interessanten Jagdgrund zu erschließen suchten. Beinah müßig zu sagen, dass der Bestand an Forschungsliteratur im Laufe der Jahre enzyklopädische Ausmaße angenommen hat. Wer dabei auf Navigationshilfe hofft, wird sie in Antje Büssgens Arbeit „Intellektuelle in der Weimarer Republik“ finden. Sie enthält eine Übersicht und Kurzkommentierung der einschlägigen Beiträge der perspektivisch auf die Weimarer Republik eingeschworenen Intellektuellenforschung. Habermas, Sontheimer, Golo Mann, die Groupe de Recherche sur la Culture de Weimar38  – kaum ein klangvoller Name, kaum eine renommierte Schule aus dem Bereich von Geschichts- und Sozialwissenschaft der zweiten Hälfe des zwanzigsten Jahrhundert, der darin nicht fallen würde. Büssgens Übersichtsdarstellung enthält natürlich aber auch Anregungen dazu, unter welchen Aspekten sich das Dickicht von Beiträgen zu Erforschung, Beschreibung und Beurteilung der Weimarer Intellektuellenszene bezwingen lässt.

Aufbereitet werden soll die Sekundärliteratur vor allem unter zwei Gesichtspunkten. Eine der wohl am häufigsten formulierten Fragen ist die nach den ganz konkreten Einflussmöglichkeiten des Intellektuellen auf Richtung und Dynamik der politischen Entwicklung. Geht es speziell um den Zeitraum zwischen 1918/19 und 1933, so liegt der Interessensakzent im Regelfall auf ihrer Verantwortung für den Verderb und weniger auf ihrem Anteil am Gedeih der ersten deutschen Republik. Um es an dieser Stelle gleich vorwegzunehmen: Die Rundfragen wären nicht halb so interessant, wenn in der auffallend regen Beteiligung der Intellektuellen an ihnen nicht auch eine Möglichkeit ihrer Entlastung vom Kollektivvorwurf politischer Indifferenz und Destruktivität bestünde. Die zweite Frage hängt mit der ersten zusammen, ist aber eine eher milieusoziologische: Es ist die nach der weltanschaulichen Präferenz oder gar parteipolitischen Bindung der Intellektuellen. Zumal diejenigen der Weimarer Zeit sahen sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zahlreichen Versuchen einer diesbezüglichen Schematisierung ausgesetzt. Simple Rechts-Links-Modelle wurden dabei nach und nach von differenzierteren Spektren abgelöst. Das Augenmerk der vorliegenden Arbeit wird sich vor allem auf einen Ansatz der jüngeren Weimar-Forschung richten, ein Ansatz, der bei der Beschreibung der Kommunikations- und Streitkultur der Intellektuellen statt auf die These von einer Existenz zementierter Grenzverläufe auf die Begriffe „’Gemengelagen’“ (Bialas/Iggers: 16) und „Austauschdiskurs“ (Hanuschek: 43) zurückgreift.39

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Für die Analyse von Texten vom Format der Rundfrage scheinen beide wie geschaffen. Das liegt an der fast schon inflationär hohen Zahl von Rundbefragungen genauso wie am Zeitdruck, unter dem sie bisweilen zu Papier gebracht worden sein dürften – eine Unantastbarkeitsgarantie hat beides der weltanschaulichen, aber auch der kunsttheoretischen Substanz der meisten Antwortschreiben ganz sicher nicht ausgestellt. Das liegt aber auch am Medium, dem die Rundfragen ihre breite Aufmerksamkeit verdankten: an der Presse. Zwar ermöglichte sie neuen Ideen einen schnellen Transfer auch über längere Distanzen, andererseits aber korrigierte sie ihr Haltbarkeitsdatum immer weiter nach unten. Mit einer konsistenten Programmatik, derer der (partei)politische Diskurs bis heute bedarf, hat all das nicht mehr viel zu tun.

Ein vernichtendes Zeugnis wird den Weimarer Intellektuellen in zwei Standardwerken der Historiographie des vergangenen Jahrhunderts ausgestellt, in Golo Manns „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ und in Gordon A. Craigs „Deutsche Geschichte 1866 – 1945“. In beiden ist die Weimarer Republik zwar nur ein Kapitel unter vielen, ihre Intellektuellen aber schienen sowohl Mann als auch Craig viel zu wichtig zu sein, als dass sie die Bewertung ihrer gesellschaftlichen Rolle den Zwängen der Platzökonomie geopfert hätten.

Die gedanklichen Bewegungen, die Mann vollzieht, gleichen einem Sprung von Bergspitze zu Bergsspitze. Das Geistesleben der ersten Republik wird reduziert auf die Leistungen einzelner namhafter Persönlichkeit und epochemachender Denkschulen. Der postmoderne Zweifel an einer stringenten Erzählbarkeit der Geschichte ist ihm ebenso fremd wie der materialistische Spott über den Glauben an ihre Steuerung durch ein metaphysisches Prinzip. Den Anspruch an die eigenen historiographische Tätigkeit bringt er auf den Nenner einer rhetorischen Frage: Wer „dürfte von einer geschichtlichen Epoche handeln ohne den Versuch, ihren ‚Geist’ zu beschreiben?“ (G. Mann: 719). Dass er sich dabei zunächst an die Spuren der Intellektuellen geheftet hat, dürfte angesichts einer ihrer vermeintlichen Kernkompetenzen, der Zeitdiagnostik nämlich, kaum verwundern.

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Im Mittelpunkt steht zunächst der Geist der Weimarer Verfassung. Sie war es, die den rechtlichen Rahmen für die Transformation der anachronistischen, vom Krieg zerstörten Staatsordnung in eine zeitgemäßere bot. Die Tatsache, dass die „radikale[n] Bürgerideale“ (ebd.), deren Summe sie darstellte, ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hatten, hätte ihrer sozialen Integrationskraft im Grunde noch keinen Abbruch tun müssen. Mit Spekulationen darüber, ob die Intellektuellen die chronische Unempfänglichkeit des Weimar-deutschen Elektorats für die Botschaften dieses Geistes in Euphorie hätten verwandeln können, vertut Mann seine Zeit seriöserweise nicht, wohl aber hält er ihnen vor, sich nie wirklich um eine massenwirksame prorepublikanische Rhetorik bemüht zu haben. Vor allem drei bereits in der Ära des Wilhelminismus viel beachtete und auch in den Rundfragen immer wieder zu Wort kommende Großschriftsteller geraten ihm in diesem Kontext ins Visier: Heinrich und Thomas Mann, Onkel und Vater also, sowie Gerhart Hauptmann. Das Urteil über den Verfasser des „Untertans“ wird überraschen: Heinrich Mann, den die Nachwelt sicher vor allem als Vorkämpfer einer Verwandlung geistiger Potentiale in tätige Politik in Erinnerung hat40, sei im Grunde ein volkfremder Romantiker gewesen, dessen Einfluss auf die Politik, anders als der seiner französischen Vorbilder, gleich Null war. (vgl. 720) Hauptmann wiederum hatte, so der Vorwurf, die sozialkritische Diktion seiner Bühnenwerke nie mit dem Vokabular eines klar identifizierbaren parteipolitischen Programms angereichert. Gerade darin schien das Geheimnis seiner anhaltend hohen Popularitätswerten gelegen zu haben – angeheimelt habe er seine Landsleute deshalb, weil „er im Grunde unpolitisch war, ein Dichter, der seine Sache aufs Fühlen und Gestalten, nicht aufs scharfe Denken gestellt hatte.“ (721) Damit aber hat er den vulgärromantischen Bestrebungen, die Politikabstinenz in den Rang eines Identitätsmerkmals des deutschen Dichtertums zu heben, nolens volens zu einem späten Triumph verholfen. Dem eigenen Vater schließlich lastet Mann an, über Politik, wenn überhaupt, auf einer ausgenommen abstrakten Ebene reflektiert und sie durch das charakteristische Pathos seiner Texte ihres Wirklichkeitsbezugs beraubt zu haben. Inszeniert hat sich Thomas Mann stets als „bürgerlicher Aristokrat, [als] Dichter des Schönen, [als] Metaphysiker, der die sozialen Fragen geringer Aufmerksamkeit für wert“ (ebd.) gehalten habe. Selbst über die oft gelobte Wandlung vom unpolitischen Betrachter zum vernunftrepublikanischen Festredner bricht der Sohn den Stab: Gewesen sei auch sie „Literatur, nicht [aber] Wirklichkeit.“ (722)

Der Dichter und sein Volk hätten immer aneinander vorbeigehört (vgl. ebd.) – einem Befund wie diesem kommt, obwohl eigentlich dem Verfasser des „Zauberbergs“ ausgestellt, generelle Gültigkeit zu. Die anhaltenden Verständigungsprobleme zwischen der intellektuellen Elite und der breiten Masse ihrer Rezipienten stellte für Mann eine der Hauptauffälligkeiten des Geistes- und Kulturlebens der Weimarer Jahre dar. Belegmaterial für diese Distanz der Intellektuellen zur Öffentlichkeit, aber auch für ihre Indifferenz der republikanischen Verfassung hält die Ideengeschichte der zwanziger Jahre en masse bereit. Dazu gehörten die „ungebundenen Linksliteraten“ (727) genauso wie die Vertreter der „Konservativen Revolution“ – keine große Überraschung, dass hier die Namen Tucholsky, Spengler und Ernst Jünger fallen. Den neuen Staat unter Beschuss genommen hätten sie alle. Die Vertreter der „radikalen Literatur“ mit linksutopischem Background waren ihr scharfzüngiges „Handwerk gewöhnt von Kaisers Zeiten her und setzte[n] es fort unter der Republik“ (ebd.); das Hohenzollern-Reich war perdu, jetzt übten sie Kritik, um ihrem Phantomschmerz wieder eine fassbare Ursache zu geben. Die „Konservative Revolution“ hingegen war ein ideengeschichtliches Eigengewächs der Nachkriegszeit. Mann entlarvt sie als ebenso selbstverliebtes wie gefährliches Vexierspiel mit der Begrifflichkeit des herkömmlichen bipolaren Weltanschauungsspektrums. An den Pranger gestellt sehen sich schließlich die Einzeldisziplinen der universitären Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Sie haben sich, so der Vorwurf, in einem Augenblick, in dem ihnen eigentlich eine öffentlichkeitswirksame moralische Standfestigkeit abverlangt war, in die Sphären einer ideologischen Unverbindlichkeit und sprachlichen Unschärfe geflüchtet. Die Sozialwissenschaft habe „alle Glaubensgehalte nur als vergängliche gesellschaftliche Erscheinungen“ (728) abgestempelt, die in den zwanziger Jahren gleichfalls in Mode gekommene Existenzphilosophie habe, weil das Leben des einzelnen darin vorgelblich ohnehin keine Sinnerfüllung finden könne, Republik, Demokratie, Wirtschaft und Gesellschaft für schlichtweg irrelevant erklärt, die Geschichtswissenschaft schließlich sei in den Ideen des Nationalstaates befangen geblieben und habe „Deutschland für mindestens genauso wichtig wie die gesamte übrige Welt“ (730) gehalten.

Nicht minder vernichtend fällt die Bilanz aus, die Craig gezogen hat: „Die Demokratie von Weimar hätte jeden Freund und Anhänger gebraucht“ (Craig: 421), in der literarischen Welt habe sie wenige gefunden. Craig zwingt deren Akteure zunächst in das vermeintlich zeitlose Beinkleid des probaten Links-Rechts-Schemas. Ihrem politischen Sendungsbewusstsein widmet er sich im Rahmen des Kapitels über die „Weimarer Kultur“. Den einzigen Punkt, in dem zwischen den beiden Flügeln Konsens bestand, versieht er gleich zu Beginn mit einem Ausrufezeichen: die beißende Polemik „gegen die republikanische Verfassung und gegen deren Organe in Regierung und Parlament.“ (419) Beide müssen sich daher, wie schon bei Mann, den Vorwurf gefallen lassen, den Niedergang der Republik, wenn nicht sogar forciert, so doch zumindest nicht vereitelt zu haben. Viele hätten aufgrund „ihrer beruflichen Leistungen ein breites Ansehen genossen“ (420) – dadurch, dass sie dem neuen, republikanisch verfassten Staat ihre Fürsprache verweigerten, haben sie ihm „einen schlechten Dienst erwiesen“ (ebd.).

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Zunächst zu den Linksintellektuellen. Ihnen bescheinigt Craig einen eklatanten Mangel an Dankbarkeit für die Möglichkeit, „ihre künstlerischen Ziele in Freiheit und Selbstbestimmung“ (419) zu verfolgen, eine Option, die ihnen der monarchische Vorgängerstaat noch systematisch verwehrt hatte.41 Sie wurden die bürgerliche Demokratie als Spielart des Faschismus zu stigmatisieren nicht müden und hielten dabei die „Hoffnung auf eine neue und erfolgreichere Spartakuswoche“ (ebd.) aufrecht. Die in ihren Kreisen zum Fetisch arrivierte Utopie einer klassenlosen Gesellschaft wertet Craig als Zeichen einer grenzenlosen Naivität und absoluten Konzeptionslosigkeit. Nie wären sie, so seine feste Überzeugung, im Falle einer praktischen Umsetzung der eigenen Sozialtheorien in der Lage gewesen, die dann zu besetzenden politischen Schlüsselpositionen auch wirklich auszufüllen (vgl. 420). Wie schon Mann attackiert Craig in diesem Kontext namentlich Tucholsky, hier wie da sieht sich der promovierte Jurist mit dem Vorwurf der geistigen Brandstiftung konfrontiert. Sein „Mangel an Beherrschung“ und die „Radikalität [seiner] Sprache“ (424) hätten nicht nur eine komplette Generation von Weimar-deutschen Linksintellektuellen geprägt, seine kunstvollen „Variationen über das Thema der Verdorbenheit der Gesellschaft“ (425) haben darüber hinaus auch den ideologisch andernorts beheimateten Feinden der Republik willkommene Munition geliefert. Auch die Rechtsintellektuellen lebten vom theoretischen Vorgriff auf einen rundum revolutionierten Sozialkontext. Ihre Charakterisierung erfolgt, sieht man von Spengler und Ernst Jünger ab, unter völligem Verzicht auf die Nennung konkreter Einzelnamen. Mit bloßer konservativer Folklore wie der Nachkolorierung einer altdeutschen Kaiserherrlichkeit ermüdeten sie ihr Publikum nicht. Stattdessen machten sie sich die Suggestivkraft von Begriffen wie Reich, Schicksal und Gewalt zunutze. Im direkten Wettbewerb mit den weitaus gefühlsprosaischeren Kernbegriffen der Philosophie des bürgerlichen Rechtsstaats, mit Republik, Freiheit und Dialog, gewannen sie schnell die Oberhand. In der Emotionalisierung des politischen Diskurses lag, so Craigs Bilanz, die hochtoxische Wirkung des Rechtsintellektualismus. (vgl. 430)

Speziell den Linksintellektuellen hat sich Walter Laqueur in „Die Rolle der Intelligenz in der Weimarer Republik“, einem Beitrag aus dem Jahr 1973, gewidmet. Den Beginn der Intellektuellengeschichte markiert seiner Ansicht nach bereits die Etablierung einer hochkarätigen politisch-journalistischen Literatur durch Ludwig Börne und die Vertreter des Jungen Deutschland. Den Autoren des Vormärz schien es gelungen zu sein, die traditionelle, fast schon autistische Selbstwahrnehmung des deutschen Schriftstellers nachhaltig zu erschüttern.42 Nach der gescheiterten 48er-Revolution verlor die Littérature engagée allerdings vorübergehend wieder an Bedeutung. Fortan ließ sich die weltanschauliche Orientierung der Intelligenz nicht mehr so eindeutig bestimmen wie noch zuvor. Die französischen Intellektuellen waren, wenngleich ihnen ihre Rolle in der Dreyfus-Affäre diesen Ruf ex post eingehandelt haben mag, keineswegs allesamt links im Sinne eines radikalen Demokratismus.43 Und auch die Geschichte ihrer deutschen Pendants schien sich eher nach dem dialektischen Gesetz von Aufstieg, Blüte und Niedergang zu vollziehen. Laqueur unterscheidet dabei drei Stadien: In den 1860er Jahren sei, cum grano salis, die bürgerlich-liberale Intelligenz tonangebend gewesen, im zeitlichen Gefolge der Reichsgründung die national-liberalen, in den Jahren der Weimarer Republik schließlich die „linksgerichtete liberale“ (Laqueur: 281).

Dass es in den 1920er und frühen -30er Jahren auch jenseits dieses linksliberalen Mainstreams ein durchaus inspiriertes intellektuelles Leben gab, wird natürlich nicht in Abrede gestellt. Aneinander interessiert gewesen zu sein schienen die einzelnen Fraktionen allerdings nicht. Zwar hätten, so Laqueurs Wortwahl, die Weimarer Intellektuellen unter dem Dach desselben Hauses gewohnt, begegnet aber seien sie sich dort so gut wie nie (vgl. ebd.). Dass er selbst sich auf die Wohneinheit der Linksintellektuellen konzentriert, ist eine Frage der Prioritätensetzung, keine von Sympathie oder Antipathie. In bester Wissenschaftsmanier vertritt er dabei Anklage und Verteidigung in Personalunion. Sein Urteil fällt infolgedessen äußert differenziert aus, zumal im direkten Vergleich mit Mann und Craig: Ihr Herz hätten sie, die linksliberalen Meinungsführer, im Grunde am richtigen Fleck gehabt, den meisten jedoch haben „elementarster politischer Instinkt, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, die politische Wirklichkeit zu analysieren“ (289), gefehlt. Machtlos gewesen seien sie am Ende alle, die Tragödie des Untergangs der Republik hätten sie nur noch „aus einer Abseitsstellung beobachten [können]: bloße Kommentatoren, keine Akteure von Geschehnissen, die ihr Schicksal berührten.“ (ebd.) Diese Machtlosigkeit jedoch war zum Teil selbst verschuldet.

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Postume Spekulationen über die Möglichkeiten eines politischen Engagements der Intellektuellen zugunsten der Republik scheut Laqueur nicht. Dazu entstaubt er zunächst den Ansatz vom umgekehrt proportionalen Verhältnis zwischen ökonomischer Saturiertheit und kultureller Vitalität. Analog zur Wirtschafts- teilt er die Weimarer Literaturgeschichte in zwei Phasen ein.44 Das revolutionspolitische Engagement vieler dezidiert linksorientierter Künstler in den Wochen und Monaten nach Kriegsende übergeht Laqueur, seine Aufmerksamkeit wecken erst die wirtschaftlich stabileren Jahre zwischen 1923 und 1929. Sie seien „im ganzen gesehen eine unpolitische Periode“ (288) gewesen, selbst die literarischen Werke der „Linksgerichtete[n]“ hätten im fraglichen Zeitraum „eine unglaubliche Einfalt“ (285) gezeigt. An zwei Momenten macht Laqueur das politmoralische Versagen des intellektuellen Mainstreams ganz konkret fest: Zum einen an der Unkultur der „Ebert-Hetze“ (286), also der fast schon obsessiv betriebenen Stigmatisierung des Oberhaupts des neuen Staats als ewigen Kleinbürger und notorischen Reaktionär, zum anderen an der auffälligen Indifferenz gegenüber Mussolinis faschistischem Italien. Eine politische Positionierung war beides, die beständige publizistische Agitation genauso wie das beredte öffentliche Schweigen, allerdings keine in einem konstruktiven Sinne. Die einzige Möglichkeit, sich auch wirklich nachhaltig für die Sache der parlamentarischen Demokratie zu verdingen, hätte Laqueurs Ansicht nach in der Mitgliedschaft in einer politischen Partei bestanden. Beantragt wurde sie nur äußerst selten. Im Falle der ohnedies ja nicht gerade übermäßig republikfreundlichen KPD, zumindest in ihrer Frühphase noch „eine Partei der Intellektuellen“ (287), war es die mit der Übernahme des Parteivorsitzes durch Thälmann forcierte Stalinisierung, die abzuschrecken schien, im Falle der auf dem Boden der Weimarer Verfassung stehenden SPD das vermeintlich uncharismatische Führungspersonal.45 Gerade diese Widrigkeiten aber hätten man, so die Quintessenz, um einer größeren eigenen Wahrnehmbarkeit willen aushalten müssen.

Mit der beginnenden Weltwirtschaftskrise aber kam die Wende. Anzubrechen schien nunmehr eine Renaissance des politischen Engagements. Dieser wiederbelebte öffentlichkeitsorientierte Aktivismus entlud sich in einer politseismographisch ambitionierten Literatur.46 Eine tragische Note verpasste dieser Gesamtentwicklung die enorme Retardation, mit der sie einsetzte: Die Intellektuellen suchten zum Mitautor eines Diskurses zu werden, dessen Regeln sie, weil er sich organisatorisch, aber auch terminologisch längst verselbständigt hatte, schlichtweg nicht mehr beherrschten. Was immer sie getan oder unterlassen haben, „es fand kein öffentliches Interesse. Der Kampf fand in den Straßen, den politischen Versammlungen, den Bierhallen, den Parteihauptquartieren statt – nicht aber dort, wo sich die Intellektuellen aufhielten. [...].“ (288) Der Spiegel des untergehenden Weimar warf ihnen ein Bild der eigenen gesellschaftlichen Marginalität zurück. Laqueur bleibt die abschließende lakonische Feststellung, dass die Geschichte, selbst „wenn sich die Intelligenz geschlossen hinter die Republik gestellt hätte“ (ebd.), wohl kaum einen besseren Ausgang genommen hätte.47

Hatte sich der Historiker Laqueur noch auf die Linksintellektuellen beschränkt, so unternahmen mit Habermas und Sontheimer gleich zwei Autoritäten der bundesdeutschen Sozialwissenschaft den Versuch, das komplette weltanschauungspräferentiellen Innenleben des Weimarer Intellektuellenmilieus auszuleuchten.

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Zunächst zu Habermas. In den achtziger Jahren, gut zwei Jahrzehnte nach der Publikation seines unten noch genauer zu betrachtenden „Strukturwandels“ also, weckte eine Figur seine Aufmerksamkeit, an der sich das viel zitierte „Elend der deutschen Intellektuellen“ geradezu mustergültig festmachen zu lassen schien: Heinrich Heine.48 Für den Adorno-Schüler war Heine – neben dem oben schon erwähnten Börne der zweite große Name des Jungen Deutschland – der Prototyp des deutschen Intellektuellen. Dazu gemacht hatte ihn das Zusammenspiel zahlreicher persönlichkeits- und biographiespezifischer Faktoren: die ausgeprägte politische Sensibilität, die Klarheit seines Verstandes, die Messerschärfe seiner Beobachtungsgabe und der Pointenreichtum seines Schreibstils, aber auch die Tätigkeit als Journalist und seine damit verbundene öffentliche Wahrnehmbarkeit.49 Habermas beklagt, dass sich in Deutschland, wo man die Dreyfus-Affäre sorgfältig registriert habe, bis in die Tage des Ersten Weltkriegs „keine mit Heine wahlverwandte Intellektuellenschicht“ (Habermas 1999: 135) herauskristallisiert habe. Ein Problem stellte bereits der Begriff des Intellektuellen dar – nicht einmal Gestalten vom Format eines Heinrich Mann, Ernst Troeltsch oder Alfred Döblin schienen sich für eine positivere Konnotierung stark machen zu wollen, favorisiert worden seien stattdessen die Ableitungen „des im Grimmschen Wörterbuch so großartig kodifizierten ‚Geist“ (ebd.), also entweder der Geistesadel oder, für den Hausgebrauch der politischen Linken, der geistige Arbeiter (vgl. 135 f.). Habermas nun spricht von vier Typen von Weimarer Intellektuellen, die notabene eigentlich allesamt gar keine sein wollten. Im Einzelnen handelt es sich dabei um den chronisch unpolitischen50, den gegenüber der Politik aus Gründen eines diffusen Reinheitsgebots eher auf Distanz bleibenden51, den politisch zwar sensibilisierten, weltanschaulich aber noch nicht konkret gebundenen52 und schließlich den sich den ideologischen Maßgaben einer ganz bestimmten parteipolitischen Organisation unterordnenden Typ.53 Habermas ist sich bei alldem sicher, dass eine an Heine orientierte „Institutionalisierung der Rolle des Intellektuellen“ (139) der Weimarer Republik insgesamt hätte nützen können. Er bedauert, dass sie fehlschlug.

Sontheimer ging bei der Einteilung des Intellektuellenspektrums noch einige Schritte weiter. Den ideengeschichtlichen Gründen für den Untergang des 1919 aus der Taufe gehobenen Staats war er bereits im großzügiger abgesteckten Rahmen seiner Habilitationsschrift „Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“ (1968) nachgegangen. In „Von Deutschlands Republik“, einem 1991, gut zwei Jahrzehnte später publizierten Essay-Band, hat er die Intellektuellenproblematik noch mal gesondert aufgegriffen. Unterschieden wird darin zwischen traditionellen Konservativen, Neokonservativen, Vernunftrepublikanern54, Weimarer Demokraten und Linksintellektuellen. (vgl. Sontheimer 1991: 221) Auf der Suche nach einer exemplarischen Intellektuellenbiographie greift Sontheimer auf einen Namen der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts zurück: Sein Heine heißt Thomas Mann. Schon der Titel seiner Aufsatzsammlung enthält eine kaum verdeckte Anspielung auf eine Arbeit des späteren Nobelpreisträgers: auf „Von deutscher Republik“.55 Für einen Schlüsseltext hielt Sontheimer ihn deshalb, weil der Autor in ihm die bis dato gepflegte Pose des unpolitischen Betrachters aufgab und ein klares Bekenntnis zum Republikanismus ablegte. Veranschlagt werden konnte das historische Verdienst dieses Credo kaum hoch genug. Mann nämlich sei es, obwohl er „ein reiner Abkömmling des deutschen Bürgertums war“, gelungen, „den national verengten kulturellen Rahmen deutscher Bürgerlichkeit gesprengt und neue Maßstäbe für das Verhältnis von Kultur und für die geistige Verantwortung des Schriftstellers gesetzt“ (236) zu haben. Auf die Künstlerkollegen überspringen wollte der Funke dieses prorepublikanischen Manifests allerdings nicht.

Auch wenn eine Konversion wie die des Autors der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ eine spektakuläre Ausnahme geblieben sein mag, ist die Durchlässigkeit zwischen den Weltanschauungsgrenzen, die das Intellektuellenmilieu zerschneiden, eine mittlerweile gemeinhin akzeptierte Tatsache. Golo Mann und Craig, aber auch Habermas und Sontheimer hatten Intellektuellensoziologie noch als Division ohne Rest und unter Verwendung starker Kontrastfarben betrieben. Dieser Ansatz aber geriet besonders in den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunehmend in die Kritik. Bei Büssgen finden sich die Beiträge der genannten Autoren unter der noch vergleichsweise wertfreien Rubrik der Überblicksarbeit zusammengefasst. Das Verdikt anderer Autoren fällt weit weniger diplomatisch aus. Aus Balkes Urteil über Sontheimer und Gay wurde oben bereits zitiert: Beide hätten „einem hoffnungslos unterkomplexen Bild der Integrationsleistung moderner Gesellschaften“ angehangen, beiden habe es als ausgemacht gegolten, „dass hochdifferenzierte Gesellschaften buchstäblich auseinanderfallen, wenn ihr Differenzierungspotential nicht durch ein gegenläufiges Prinzip gesellschaftlicher Einheiten“ (Bialas/Iggers: 74 f.) gebremst werde.56 Ähnlich scharf fällt das Urteil Manfred Gangls aus. In seinem Beitrag „Interdiskursivität und chassés-croisés. Zur Problematik der Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik“ widmet er sich vor allem Sontheimer und Habermas. Ihren Versuchen einer Beschreibung des Intellektuellenmilieus hält er vor, die Bedeutung politischer Kategorien zu hoch veranschlagt und ihre „künstlerische, literarische oder wissenschaftliche Produktion“ (Hanuschek: 41) darüber weitestgehend ausgeblendet zu haben.

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Die zitierten Satzpassagen enthalten gleich zwei für die historische Einordnung und die inhaltliche Analyse der Rundfragen wichtige Aspekte. Im Falle Balkes ist es der Appell, den Pluralismus als typischen Aggregatzustand der modernen Gesellschaft zu akzeptieren und vom Stigma einer Urquelle der politisch-sozialen Desintegration zu befreien, bei Gangl das Plädoyer, bei der Einordnung der Leistungen von Kultur und Wissenschaft nicht unentwegt auf Kategorien politischen Ursprungs zurückzugreifen. Befolgen wird die vorliegende Arbeit beide. Gangl hat um die Schwierigkeiten, vor die ein Phänomen wie der Pluralismus eine mit schematisierten Begrifflichkeiten und Methoden operierende Wissenschaft stellt, genau gewusst. Erörtert hat er sie in seinem Vorwort für den zusammen mit Gérard Raulet 1994 herausgegebenen Sammelband „Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik. Zur politischen Kultur einer Gemengelage“.57 Darin attestiert er dem Gros der wissenschaftlichen Publikationen über die Kultur- und Wissensträger des fraglichen Zeitraums ein erhebliches perspektivisches Defizit:

„[D]ie vielfach gängigen Darstellungskriterien der intellektuellen Kultur in Links- und Rechtsintellektuelle, Republikaner und Antirepublikaner, Verfechter der Moderne und Vertreter der Tradition“ entziehen sich „gerade dem spezifischen Problem der Vermengung, Überlagerung und Durchdringung dieser Strömungen [...].“ (Gangl/Raulet: 9)

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Den Stab bricht er dabei natürlich auch über die handelsüblichen „methodische[n] Verfahrensweisen“ (10) der Geistes- und Sozialwissenschaft:

„Diese komplexen intellektuellen Diskurse hermeneutisch in ihrem versteckten Sinn aufzuschlüsseln, ihre dahinterliegenden politisch-gesellschaftlichen Interessen aufzudecken, sie auf die strukturellen Bedingungen ihrer sozialen Träger zu beziehen oder aber sie in die allgemeinen Strukturen der historischen Konstellation einzubetten“ – all das vermag „das Spezifikum von Kongruenz und Austauschbarkeit jener Diskurse nur von außen zu erfassen [...].“ (9 f.)

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Etablierte Begriffe wie rechts oder links, wie „Totalitarismus, antidemokratisches Denken, Antimodernismus [oder] Antikapitalismus“ seien nichts anderes als „analytische Hilfskonstruktionen“ (10). Sie zeugen von einem „eigentümliche[n] theoretische[n] Desinteresse für die sich überlagernden, sich kreuzenden und sich vermengenden intellektuellen Strömungen, für die ideologischen Schnittstellen und theoretischen Konstellationen“ (11) des Diskurses der Intelligenz. Eigentümlich sei dieses Desinteresse zumal deshalb, weil eine Polyphonie wie die beschriebene unter den spezifischen politisch-gesellschaftlichen Bedingungen der Weimarer Jahre „Ungewöhnliches und Neues“ (ebd.) hervorgebracht hätte.

Es ist Gangl, der den Begriff des Austauschdiskurses ins Spiel gebracht hat, allerdings an anderer Stelle, in „Interdiskursivität und chassés-croisés“.58 Seiner Ansicht nach wird ein Terminus wie dieser der Beschreibung der Pluralität des Weimarer Intellektuellenmilieus besser gerecht als das jeweilige kategoriale Instrumentarium der „hermeneutische[n] Geistesgeschichte, politische[n] Ideologiekritik, soziologische[n] Intellektuellenforschung oder [...] politisch-gesellschaftliche[n] Strukturanalyse“ (Hanuschek: 43). Die Übernahme des oben ebenfalls schon bemühten Begriffs der Gemengelagen wiederum geht auf Bialas zurück: Sie seien in den Weimarer Jahren an die Stelle „linker und rechter, liberaler und konservativer Denker und ihrer intellektuellen und politischen Milieus“ (Bialas/Iggers: 16) getreten. Das klassische Links-Rechts-Schema stößt bei der Beschreibung der zahlreichen widersinnigen Selbst- und Fremdzuschreibungen der Intellektuellen – angefangen von den revolutionären Konservativen über die konservativen Revolutionäre bis hin zu den Nationalbolschewisten – seiner Ansicht nach schnell an seine Grenzen. Bialas’ Vorschlag deshalb: „[A]n Stelle einer Polarität einander ausschließender konträrer Positionen von der Konfiguration eines Sp ek t rums möglicher Positionen auszugehen.“ (17)

II.4. Zu Form und Aussagekraft der Rundfrage. Kleine Genretheorie

Auch bei der Auswertung der Rundfragen wird man mit den konventionellen Sammelbegriffen der politischen Geschichts- und Sozialwissenschaft nicht weit kommen. Systematisch ignoriert worden sind die Antwortschreiben rundbefragter Autoren bislang keineswegs. Wo sie auf das Interesse der Fachwelt stießen, da zumeist – das Gros der Verfasser hatte sich schließlich einen Namen als Bühnen- oder Romanschriftsteller gemacht – auf das der Literaturwissenschaft.59 Ihre Lokalisierung im Gesamtwerk des jeweiligen Autors hatte dabei im Regelfall Vorrang vor einer Reflexion über die Besonderheiten der Textform, in die er seine Gedanken gegossen hatte.60 Stattgefunden hat sie sicher auch deshalb nicht, weil die Rundfrage immer wieder mit zwei anderen formal und funktional einschlägig bekannten Modellen einer schriftlichen Standpunktfixierung verwechselt worden sind: mit der Umfrage und der Literaturdebatte. Mit beiden sind sie verwandt, nicht aber identisch. Auch in der Fachliteratur über die Befragung, eine der Schlüsselmethoden der empirischen Sozialforschung, sieht sie sich eher stiefmütterlich behandelt. Dabei kann sie aufgrund der Besonderheiten ihres Frageimpulses, ihres Teilnehmerkreises und ihres Publikationsmediums im Stammbaum der Befragungstechniken durchaus einen eigenen Platz beanspruchen.

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Einige Grundsätzlichkeiten gleich vorab: Wenn die vorliegende Arbeit am Begriff der Rundfrage festhalten möchte, dann nicht etwa aus philologischer Versponnenheit, sondern aufgrund der angedeuteten und gleich noch näher zu beschreibenden genretheoretischen Besonderheiten. Erwähnt sei aber auch, dass einem Teil ihrer Initiatoren diese begriffliche Nuanciertheit noch fremd war, und dass in der Materialsammlung selbst immer wieder auch von Umfragen die Rede ist.61 Die Ausgangs- oder Initialfrage und die Reaktionen bzw. Antwortschreiben sind dabei das eine, fällt aber im Folgenden der Begriff Rundfrage, ist damit stets die Einheit aus beidem gemeint, genauer: aus der Ausgangsfrage der Redaktion und der Summe der publizierten Antwortschreiben.62 Die Initiatoren der Rundfragen waren die Weimar-deutschen Printmedien. Vor allem vier Klassen wären hier zu nennen: 1. täglich erscheinende überregionale Formate wie die Vo s sische Zeitung (VZ), der Berliner Börsen-Courier (BBC) oder die Frankfurter Zeitung, 2. regionale Tageszeitungen wie die Münchener Neusten Nachrichten oder die Leipziger Neuesten Nachrichten, 3. Fachzeitschriften wie Die Literar i sche Welt (LW), Die Scene oder Der Scheinwerfer. Blätter der Städt i schen Bühnen Essen (SchW) und schließlich 4. Journale wie der Uhu. Die Aufgabe der Redaktionen beschränkte sich darauf, die Ausgangsfrage zu formulieren, sie ihren Wunschteilnehmern zukommen zu lassen und deren Reaktionen schließlich zu publizieren. In Einzelfällen schickten sie den en bloc veröffentlichten Repliken noch eine kurze redaktionelle Einführung vorweg, die sie bisweilen mit dem heute nicht mehr gebräuchlichen Begriff der „Schriftleitung“ signierten. Die Ausgangsfragen trugen völlig verschiedene Akzente: Möglich war die voyeuristisch anmutende Erkundigung nach der materiellen Situation des Dichters genauso wie die Bitte um eine Stellungnahme zur Perspektive der Volksbühnenbewegung, die trivial erscheinende Frage nach den Produktionsgewohnheiten des Künstlers genauso wie die politisch schon brisantere Erkundigung nach der sozialistischen Substanz der zeitgenössischen SPD. Die Erscheinungsdaten der Antwortschreiben belaufen sich auf den Zeitraum der Jahre zwischen 1920 und 1932. Die Namen einiger Autoren wurden eingangs bereits genannt, auch ihr Tätigkeitsspektrum und die Schwierigkeiten einer kompletten Erfassung durch den Intellektuellenbegriff waren oben bereits Thema. Hochgradig uneinheitlich ist auch das Bild, das sich aus der Summe der Antwortschreiben ergibt: Das Spektrum reicht hier von der knappen, eher beiläufig verfassten Polemik bis hin zum seitenstarken sozialkritischen Feuilleton, vom eher assoziativen Erfahrungsbericht bis hin zur scheinbar auf dem Reißbrett entworfenen Miniaturästhetik.

Vier Charakteristika sind es, die in isolierter Form für sonderliches Aufsehen kaum sorgen dürften, deren Kombination der Rundfrage allerdings ihr ganz unverwechselbares Profil verpasst hat. Diese Charakteristika sind 1. die kulturgeschichtliche Notabilität der Teilnehmer, 2. ein redaktionelles Prinzip, das hier auf die Formel „Eine Frage, eine Antwort pro Autor!“ gebracht sei, 3. das Nebeneinander von Antwortschreiben mit nicht selten völlig unterschiedlichen künstlerästhetischen oder weltanschaulichen Positionen und schließlich 4. der feuilletonistische Rahmen. Wäre das Kriterium der Prominenz der Autoren nicht erfüllt, würden sich die Rundfragen formal kaum von einer Sammlung von Leserzuschriften unterscheiden. Eindeutig hingegen dürfte das unter 2. formulierte Prinzip sein. Es dient der Abgrenzung der Rundfrage gegen das Interview und die Debatte. Im Unterschied zum Interview besteht sie aus nur einer einzigen Frage. Zum anderen fehlt der im Rahmen einer Rundfrage publik gemachten Wortmeldung, anders wiederum als dem im Verlauf einer Debatte formulierten Standpunkt, das konfrontative Moment.63 Die Antwortschreiben stellen eine einmalige Reaktion auf eine bestimmte Ausgangsfrage dar, nicht aber die Rede oder Gegenrede eines literarischen Streitgesprächs. Der Perspektiven- und Meinungspluralismus geht darüber keineswegs verloren. Ihn garantiert die unter 3. angesprochene Publikation der Antworttexte in ein und derselben Ausgabe des betreffenden Printmediums, eine redaktionelle Gepflogenheit, die die Rundfrage von einem anderen Genre der Zeitungspublizistik unterscheidet: vom Gastbeitrag. Willy Haas, der Gründer der LW, hat überdies stets Wert darauf gelegt, dass die Rückläufe unredigiert veröffentlicht werden – seiner Ansicht nach wären die Pointen der Texte sonst verloren gegangen. (vgl. Valentini: 103) Der feuilletonistische Rahmen schließlich schützt sie vor einer allzu nonchalanten Gleichsetzung mit anderen, häufig erst sehr viel später formalisierten Verfahren der Umfrageforschung. Natürlich machte sein unkonventioneller, fast schon experimenteller Charakter das Textgenre Rundfrage auch für die Antwortenden reizvoll. Es erlaubte ihnen nämlich, ihre ästhetischen Grundprinzipien, aber auch ihr künstlerästhetisches Selbstverständnis zum Gegenstand einer öffentlichen Reflexion zu machen, ganz unabhängig vom hohen Erwartungsdruck, der traditionell auf programmatischen Schriften größeren Zuschnitts liegt.

II.4.1. Aspekte der traditionellen Umfrageforschung

Das Etikett des Feuilletonismus sollte nun keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass auch die Durchführung einer Rundfrage bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgte. Auch wenn sie selbst in den einschlägigen Beiträgen aus den Bereichen der empirischen Sozialforschung keine Rolle spielt, finden sich formale und inhaltliche Kriterien, mit deren Hilfe die Beschreibung dieser Gesetzmäßigkeiten gewagt werden kann, darin zur Genüge. Vier solcher Beiträge sollen hier genauer betrachtet werden: Elisabeth Noelle-Neumanns „Alle, nicht jeder“, Rüdiger Jacobs und Willy H. Eirmbters „Allgemeine Bevölkerungsumfragen“, Armin Scholls „Die Befragung“ und Anselm Strauss' „Grundlagen qualitativer Sozialforschung“.64 Beachtet werden sollen bei der Lektüre der genannten Texte vorrangig die Passagen über die Geschichte der Umfrageforschung, über das Spektrum an Frageformen und -techniken sowie über die Möglichkeiten der Auswertung des evaluationsgenerierten Materials. Ein besonderes Augenmerk soll bei alldem der Experten- oder Elitebefragung gelten, eine Form der Interrogation, die der Rundfrage aufgrund der beruflichen Exklusivität ihrer Teilnehmer am nächsten zu stehen scheint.

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 Die historische Leistung der Umfrageforschung65 bestand ganz zweifelsohne darin, das Bewusstsein dafür geschärft zu haben, dass ein Staat mehr ist als ein gekröntes Haupt oder eine Funktionselite und die Manifestation eines politischen Willens mehr als ein Urnengang am Ende einer Legislaturperiode.66 Bis es soweit kam, verstrich allerdings viel Zeit. Erst relativ spät nämlich wurde die empirische Soziologie, die Heimstatt der Umfrageforschung, als methodisch seriöse Wissenschaft akzeptiert. Ihre Stunde schlug, als unter dem Eindruck der Industrialisierung die hochtrabenden Spekulationen einer idealistischen Geschichtsphilosophie an Plausibilität verloren und sich mit der Etablierung demokratischer Strukturen die Aufgaben-, Milieu- und Rollenspektren von Politik, Gesellschaft und Individuum immer stärker ausdifferenzierten. Die Umfrageforschung selbst zählte schon lange vor der endgültigen Verankerung der Soziologie im universitären Fächerkanon zu deren probatesten Arbeitsmethoden. Mittlerweile kann sie auf eine gut dreihundertjährige Tradition zurückblicken, eine Zeitspanne, in deren Verlauf sie die Medien und Techniken der Datenerhebung kontinuierlich perfektionieren und ihre Stellung als unentbehrliches Instrument der Beschreibung und Deutung der modernen Massengesellschaft festigen konnte. 1963, dem Jahr der Erstpublikation von „Alle, nicht jeder“, attestierte Noelle-Neumann der Demoskopie eine führende Rolle bei der Hermeneutik politisch relevanter gesellschaftlicher Prozesse: Längst sei sie „ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden, weil man sich über die so groß und abstrakt gewordene Gesellschaft, die der unmittelbaren Beobachtung entrückt ist, anders nicht zuverlässig informieren kann.“ (Noelle-Neumann/Petersen: 625)

 Natürlich hatte sich die Umfrageforschung in ihren Anfängen noch mit dem Image des Behelfsmäßigen zu arrangieren. Da sie sich, ohne dabei den Glauben an eine prognostische Dimension ihrer Arbeit völlig aufzugeben, rigide an der Faktizität der eigenen Gegenwart orientierte, folgte die Verfeinerung ihrer Methodenlehre dem Rhythmus der machtgeschichtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung des jeweiligen staatlichen Makrokosmos. Dieser Rhythmus war in England, dem Mutterland der industriellen Revolution, ein anderer als in Kontinentaleuropa, im staatszentralistischen Frankreich wiederum ein anderer als in Deutschland. Früher als den Charakter des territorial zersplitterten Deutschland hatten denjenigen der beiden westeuropäischen Nachbarn zwei miteinander verzahnte Prozesse nachhaltig verändert: ein rasanter Anstieg der Bevölkerungszahl sowie die Multiplikation der vom Einzelnen übernommenen sozialen Rollen und Funktionen. (vgl. Jacob/Eirmbter: 13) Das Ergebnis dieser historischen Entwicklungen war die „pluralistische[], funktional ausdifferenzierte[] Massengesellschaft, die [...] jeder direkten Beobachtung (anders als die funktional äquivalenten kleinräumig organisierten Sozialverbünde feudaler Gesellschaften) entzogen ist.“ (ebd.) In Deutschland fehlten der Umfrageforschung, bedingt durch die nur schleppend verlaufende Konsolidierung der industriellen, aber auch der nationalstaatlichen Strukturen, die entscheidenden Entwicklungsimpulse genauso wie die konkreten Einsatzmöglichkeiten. Zwar hielt Hermann Conring bereits 1660 an der Universität Helmstedt erste Vorlesungen über Statistik (vgl. 17)67, zwar hatten die Regelmäßigkeiten, die man bei der Durchsicht größerer Datensätze68 erkennen zu können glaubte, schon relativ früh die Forderung nach einer „staatlich organisierten systematischen Datenerhebung, also nach einer amtlichen Statistik“ (14) laut werden lassen.69 Bis die Umfrage allerdings auch in Deutschland zur „wichtigste[n] Untersuchungsmethode der empirischen Sozialforschung“ (Noelle-Neumann/Petersen: 620) hatte arrivieren können, verstrich noch sehr viel Zeit.

Die Verzögerung, mit der sich die moderne Massengesellschaft in Deutschland zu formieren begann, zeitigte eine für die historische Einordnung der Rundfragen nicht uninteressante Begleiterscheinung: Da die Fragenden den Zugang zur Masse des Volks lange Zeit schlichtweg nicht zu finden vermochten, gingen sie zunächst auf die sozialen Eliten zu – die Demoskopie erlernte, überspitzt formuliert, das Laufen als „Expertenbefragung“. Die Fragebögen wurden dabei ganz gezielt an die Angehörigen bestimmter Sozialmilieus und Berufsstände verschickt, an Personen also, deren Erfahrungsschatz eine fundierte Stellungnahme zum Gegenstand der Frage zu garantieren schien. Der Expertenstatus der Frageadressaten also ist kein Charakteristikum erst der Rundfragen.70 Um die Jahrhundertwende allerdings wuchs das Bedürfnis nach einer differenzierteren Soziographie und damit auch das nach einem elaborierteren, „Themen übergreifend[en] und alle Bevölkerungsteile erfassend[en]“ (Scholl: 17) Evaluationsverfahren. Man begann, sowohl die Erstellung der Fragebögen als auch die Auswertung ihrer Rückläufe mit immer größerer Sorgfalt zu betreiben. Eine „geeignete dauerhafte Forschungsinfrastruktur“ (Jacob/Eirmbter: 19) entwickelt sich in Deutschland erst in den Jahren der Weimarer Republik. Den Anfang machte das 1919 an der Universität Köln u. a. von Max Scheler und Leopold von Wiese ins Leben gerufene Forschungsinstitut für Sozialwissenschaft. Fünf Jahre später folgte in Frankfurt die Gründung des Instituts für Sozialforschung, eine Einrichtung, die mit den Namen Karl August Wittfogel, Max Horkheimer, Erich Fromm, Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno verbunden ist.

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 Mit der Rundfrage konnte sich ein Evaluationsverfahren jenseits des Trends zur sozialen Ausdifferenzierung etablieren. Es war die Tradition der Befragung zahlenmäßig überschaubarer Personengruppen, an die sie anknüpfte. Stellt sich zunächst die Frage, welche funktionelle Bedeutung sie für ihre Initiatoren und ihre Leser in der Weimarer Tages- und Kulturpresse hatte. Anhaltspunkte für eine Antwort enthält die sozialwissenschaftliche Fachliteratur zur Genüge. Auf die Rundfrage übertragbar sind sie – weil deren Initiatoren schlichtweg der wissenschaftliche Anspruch fehlte – allerdings nur unter Vorbehalt. Bei Noelle-Neumann wird die Umfrageforschung bzw. Demoskopie als „statistisch-psychologische Untersuchungsmethode“ beschrieben, „mit der gesellschaftliche Massenerscheinungen beobachtet und analysiert werden können.“ (Noelle-Neumann/Petersen: 619) Mit einer Definition wie dieser wäre die Rundfrage sicher noch völlig überfordert. Eher identifizieren wird sie sich mit dem, was Scholl über das Ziel „der (sozial)wissenschaftlichen Befragung“ (Scholl: 24) sagt: Es bestehe darin, „durch regulierte (einseitig regelgeleitete) Kommunikation reliable (zuverlässige, konsistente) und valide (akkurate, gültige) Informationen über den Forschungsgegenstand“ (ebd.) zu akquirieren. Jacob/Eirmbter gehen noch einen Schritt weiter: Das erste, unabdingbare Ziel jeder Art empirischen Forschens sei die „Beschreibung realer Sachverhalte“ (Jacob/Eirmbter: 35), das zweite, eher schon fakultative, die Erklärung ihrer historischen Hintergründe und Zusammenhänge (vgl. ebd.). Zumal das zweite beschreibt die intellektuelle Qualität der Rundfrage recht gut. Erwähnenswert ist sicher auch die klare Absage, die das Autorenduo den Allmachtsphantasien manches seiner Standesgenossen in diesem Kontext erteilt: „Nie – in keiner Wissenschaft – ist die gesamte reale Welt (was immer das sein mag), Gegenstand von Forschung und Beobachtung, sondern immer nur ein sehr kleiner Ausschnitt.“ (35) Beinah müßig zu sagen, dass weder die Initiatoren noch die Leser der Rundfragen kaum ernsthaft erwartet haben dürften, von den Replikanten das Wesen der zeitgenössischen Literatur oder gar der Weimarer Gesellschaft erklärt zu bekommen. Vielmehr ist die Fokussierung des kleinen Ausschnitts, des Teilaspekts des großen Ganzen hier zum Prinzip geworden. Vor allem der Kunst, ihrem Hauptgegenstand, hat die Rundfrage mit ihren disgestiven und trotzdem gehaltvollen Reflexionen die noch den enzyklopädisch angelegten Ästhetiken des 18. und 19. Jahrhunderts anzulastende, zutiefst elitäre Aura genommen. Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, ihr ein beachtliches Verdienst um die Popularisierung vermeintlich exklusiver Themen wie Kunst und Politik zu attestieren.

Eine Antwort auf die Frage, welchen Erwartungen der Rundbefragte zu genügen hat, findet sich bei Scholl. Das Idealbild, das er vom Adressaten eines für die Behufe der empirischen Sozialforschung entwickelten Fragebogens entwirft, lässt sich ohne größere Abstriche auf den Replikanten einer Rundfrage übertragen. Als eine notwendige Bedingung für den Erfolg einer Evaluation bezeichnet Scholl „die Auskunftsfähigkeit und Auskunftsbereitschaft der befragten Personen“ (Scholl: 17). Voraussetzung für ein aussagekräftiges Resultat sei das „Interesse des Befragten am Befragungsgegenstand, seine inhaltliche und sprachliche Kompetenz, [...] seine spezielle, auf einzelne Fragen bezogene, Kooperationsbereitschaft sowie seine Ehrlichkeit bei der Beantwortung der Fragen.“ (24) Seine intellektuelle Aktivität hänge dabei stark „vom Standardisierungsgrad der Befragten ab: Je offener die Befragung in der Form ist, desto aktiver muss sich der Beteiligte an der Strukturierung der Befragungssituation beteiligen.“ (ebd.) Jede Befragung enthalte deshalb immer auch eine zumindest unausgesprochene „Aufforderung zur Selbstbeschreibung des Befragten.“ (ebd.) Zumal dieser Punkt wird aufhorchen lassen. Durch eine entsprechende Akzentuierung der Frage hat die Redaktion, wie eingangs bereits kurz referiert, der rundbefragten Kulturprominenz statt der Rolle des unnahbaren Berufsästheten immer wieder auch die des simplen Zeitgenossen zugewiesen.71

Welchen Weg nun hat die Rundfrage von der Formulierung der Ausgangsfrage bis zur Publikation und kritischen Lektüre der Antwortschreiben zurücklegt? Für seine Rekonstruktion ist durchaus wieder von Interesse, was Noelle-Neumann über die Arbeit der Demoskopen schreibt. Sie vollzieht sich in drei Phasen: Der „Beobachtung und Befragung“ (Noelle-Neumann/Petersen: 620) folgt die Quantifizierung, dieser schließlich die „analytische Verarbeitung und Interpretation der Daten“ (623). Auf der Agenda der ersten Phase steht die Sammlung von „Informationen zum Untersuchungsgegenstand“ (ebd.)72, auf der Agenda der zweiten die Objektivierung der Aussagen durch eine Verständigung über die bei ihrer Auswertung anzuwendenden Maßstäbe (vgl. 621), auf derjenigen der dritten schließlich „die Entdeckung von kausalen Regelmäßigkeiten und Zusammenhängen“, der Versuch also, „über die bloße Beschreibung der Verhältnisse hinaus zu ihrer Erklärung zu gelangen, und das heißt zugleich zu ihrer Beeinflussbarkeit und zu Prognosen.“ (623) Die Phase der Datenerhebung ist im Falle der Rundfragen längst abgeschlossen – ein Blick auf die dabei zur Anwendung gekommenen Befragungsverfahren und -formen soll im Folgenden dennoch kurz geworfen werden. Noch angenommen werden muss dagegen die Herausforderung der dritten Phase. Geschehen soll das im Hauptteil der vorliegenden Arbeit. Genauer zu reden ist zuvor allerdings auch noch über die zweite Phase. Zu den Grundsätzen der empirischen Sozialforschung gehört die Zweiteilung der Methoden der Datenauswertung in einen quantitativen und einen qualitativen Zweig. Einen Alleinvertretungsanspruch geltend machen kann die Tradition, in die Noelle-Neumann die Demoskopie mit dem Stichwort der Quantifizierung gestellt hat, also keineswegs. Speziell für die Auswertung der Rundfragen scheint sich eher der qualitative Ansatz anzubieten.

II.4.2. Befragungsverfahren: Die schriftliche Befragung

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Scholl unterscheidet zunächst zwischen verschiedenen Verfahren der Befragung, u. a. zwischen dem persönlich-mündlichen und dem telefonisch-fernmündlichen Interview sowie der schriftlichen Befragung.73 Die Zuordnung der Rundfrage liegt auf der Hand: Sie fällt in den Bereich der schriftlichen Evaluation. Ob sich die Redaktionen in wirklich allen Fällen in brieflicher Form – mit immerhin jeweils nur einer einzigen Frage – an die Autoren wandten, lässt sich kaum noch rekonstruieren. Unstrittig hingegen dürfte sein, dass die Antworten der Redaktionen in brieflicher Form zugestellt wurden.74 Die Vorteile der schriftlichen gegenüber der mündlichen Befragung liegen, folgt man Scholl, in einem geringeren organisatorischen, zeitlichen und finanziellen Aufwand, in der Möglichkeit einer umfangreicheren Distribution des Fragematerials und in der Ausblendung ungewollter externer Effekte (vgl. Scholl: 47 f.). Sie verfügt darüber hinaus über einen nicht unerheblichen sozialpsychologischen Trumpf: Sie „nimmt die Selbstbestimmtheit des Befragten ernst“ (48). Natürlich hat die physische Abwesenheit eines Interviewers auch Nachteile. Der schriftlichen Befragung fehlt der kritische Blick oder zumindest des sensible Gehör eines Fragestellers und damit schlichtweg die Möglichkeit, den situativen Kontext der Befragung sowie das Persönlichkeitsbild des Befragten bei der Auswertung der Antwort zu berücksichtigen. Zu den Schwachstellen zählt Scholl ferner die geringere Ausschöpfungs- bzw. Rücklaufquote (vgl. 48 ff.). Die Klassifizierung der Rundfrage als schriftliches Evaluationsverfahren müssen Nachteile dieser Art nicht ernstlich anfechten. Für den Weg der brieflichen Befragung dürften sich die Redaktionen aus publikationsqualitativen Gründen entschieden haben. Der Aufwand zumal eines persönlichen Gesprächs hätte sich um einer einzelnen Frage willen kaum gelohnt.75 Ferner dürfte der Redaktion an gedanklich ebenso gehaltvollen wie originellen Repliken gelegen gewesen sein, zwei Qualitäten, die eine mündlich durchgeführte Befragung nicht unbedingt immer für sich in Anspruch nehmen kann. Über die Höhe der Rücklaufquote schließlich lässt sich nur spekulieren. Sie dürfte, weil den meisten Intellektuellen die Vorteile einer massenmedialen Präsenz bewusst gewesen sein werden, sehr hoch gewesen sein.

In einem zweiten Hauptkapitel seines Buches unterscheidet Scholl zwischen den Formen der Befragung. Eine davon ist das Experteninterview. Neben dem Leitfadeninterview76 rangiert es als eine der wichtigsten nichtstandardisierten77 Formen der Evaluation. Nichtsdestotrotz folgt die Befragung auch von Experten – Scholl verwendet an einer Stelle auch den Begriff der Elite (vgl. 67) – einem bestimmten Regelwerk. Beinah müßig zu sagen, dass schon die Auswahl der Frageadressaten ganz konkreten strategischen Vorüberlegungen folgt. Als Experte gilt jemand dann, wenn er „für eine bestimmte Aufgabe verantwortlich [ist] und dafür einen privilegierten Zugang zu den betreffenden Informationen“ (ebd.) hat.78 Umsicht ist auch bei der Formulierung der Fragebögen gefragt, gerade Experten nämlich lehnen „die restriktive Handhabung eines standardisierten Fragebogens mit eingeschränkten Antwortmöglichkeiten“ (ebd.) erfahrungsmäßig häufig ab.79 Das Ziel der Evaluation besteht „in der Generierung bereichsspezifischer und objektbezogener Aussagen [...].“ (ebd.) Experteninterviews sind folglich zumeist „rein sachbezogen“ und weitestgehend „abstrahiert von den privaten Lebensumständen“ (ebd.) des jeweiligen Befragten80. Natürlich könne er dabei auch selbst zur Zielperson werden, genau dann nämlich, „wenn er Auskunft über sein Handlungsfeld innerhalb einer [bestimmten, L.-A. R.] Organisation gibt [...].“ (ebd.) Genauso häufig aber werden Experten um Informationen über andere Zielgruppen gebeten, im Regelfall natürlich über solche, die ihnen von Berufs wegen vertraut sind.81 Für den Erwerb eines Expertenstatus ist ein akademischer Hintergrund keine conditio sine qua non.

Die Rundfrage scheint dazu angetan zu sein, als Sonderform der Experten- bzw. Elitebefragung klassifiziert zu werden. Kleinere Abweichungen ergeben sich natürlich auch dabei. Das bei Scholl entworfene Kompetenzprofil des Experten klingt sehr technokratisch; die rundbefragten Intellektuellen werden sich eher mit einem Grundsatz des Leitfadeninterviews arrangieren können, dem zufolge „die Tiefenperspektive der Befragten“ (ebd.) erkenntnisrelevanter sei als die oben zitierte rein sachbezogene Diktion der Antwort. Zum Intellektuellen kann den Rundfragenteilnehmer durchaus schon ein medienöffentlicher Auftritt machen, Experte aber ist ein Romancier, der sich beispielsweise zum gesellschaftlichen Stellenwert des Sports äußerst, nicht unbedingt. Auch die unterschiedlichen Motive der Initiatoren sind sicher nicht unerheblich: Die der Expertenbefragung wenden sich im Regelfall an die entsprechenden Fachkreise, nachdem sie die Erörterung eines konkreten Problems als wissenschaftlich notwendig befunden und ihren Fragebogen formuliert haben. Die Schriftleitung eines rundfragenden Printmediums indes dürfte stets beides vor Augen gehabt haben, den Reiz der fachkundigen Reflexion über eine bestimmte Frage, aber auch eine viele prominente Namen verzeichnende Liste möglicher Teilnehmer. Schließlich noch zur Wahrnehmung der Resultate. Im Falle einer Expertenbefragung dürfte sie weitestgehend auf Fachkreise beschränkt sein, im Falle der Rundfragen hingegen ist der Adressat des Rücklaufs idealiter die komplette pressekonsumptive Öffentlichkeit.

II.4.3. Entwicklung von Maßstäben

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 Die Quantifizierung der erhobenen Daten hat Noelle-Neumann als den zweiten Arbeitsschritt der Demoskopie bezeichnet. Unverzichtbar ist die Verständigung auf ein bestimmtes Verfahren der Datenanalyse zweifellos. Fallen kann die Entscheidung dabei allerdings genauso gut zugunsten eines qualitativen. Eine Beschreibung der Essentials beider Ansätze findet sich bei Scholl. Er geht bei der Terminologisierung noch einen Schritt weiter als die meisten seiner Fachkollegen und unterscheidet zwischen quantitativ-standardisierten und qualitativ-offenen Verfahren der Datenauswertung. (25 ff.)

Die quantitativ-standardisierten bewegen sich vornehmlich auf den Pfaden von Theorie und Deduktion, ihr Ziel ist es, bestimmte Phänomene „über Häufigkeitsverteilungen“ (27) zu beschreiben bzw. bestimmte Hypothesen „über Häufigkeitsvergleiche“ (ebd.) zu überprüfen. Ihre Aufgabe besteht folglich darin, eine Grundlage für die Vergleichbarkeit der Untersuchungsgegenstände zu schaffen. Dazu gehören einheitliche Fragebögen genauso wie ein möglichst neutraler situativer Rahmen der Befragung selbst. Um einer gesellschaftlichen Repräsentativität der Ergebnisse willen bleibt die Auswahl der Befragten entweder einer bestimmten Quotenvorgabe oder aber gleich ganz dem Zufall überlassen (vgl. 26). Die qualitativ-offenen Verfahren hingegen operieren eher induktiv und empiriegeleitet. Ihr Ziel ist es, die „maximale Variation und Heterogenität“ (28) der forschungsrelevanten Merkmale des entsprechenden Betrachtungsgegenstands zu erfassen. Ihre Aufgabe besteht folglich darin, dieser Variabilität und Heterogenität den nötigen Entfaltungsspielraum zu erschließen. Geschehen kann das beispielsweise auf der Basis eines individuellen Fragebogens. Dem Zufall wird bei alldem natürlich nichts überlassen; die Teilnehmer werden ganz „bewusst und in Abhängigkeit von der theoretischen Fragestellung ausgesucht“ und damit regelrecht in die „Rolle des Auskunftsgebers“ (ebd.) gedrängt. Für die historische Bewertung der Rundfragen von kardinaler Bedeutung ist sicher auch die politphilosophische Instrumentalisierbarkeit der beiden Methodenlehren: „Dienen die Ergebnisse standardisierter Forschung eher der sozialtechnologischen Veränderung von Gesellschaft, weil der Auftraggeber allein über sie verfügt“ (30), sei mit qualitativer Forschung oft eine emanzipatorische Absicht verbunden.82

Für Scholl hat der Wettstreit zwischen den Vertretern beider Ansätze um den Ruf der höheren wissenschaftstechnologischen Effizienz eine bestenfalls theoretische Legitimität. Ihn auszutragen gehöre zum „Selbstverständnis der beiden Forschungsphilosophien“ (25), die „Forschungspraxis“ (ebd.) hingegen sehe in aller Regel weit weniger gegensätzlich aus. Zwei Beispiele einer solchen Forschungsphilosophie sind die Beiträge von Strauss und Jacob/Eirmbter.

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Strauss gehört zu den Apologeten der qualitativen Methodenlehre. Sein Blick geht über den Horizont der Umfrageforschung weit hinaus – ihm geht es um die Attraktivität einer praktischen Anwendung qualitativer Verfahren ganz generell.83 Ihre Abgrenzung von den quantitativen ist seiner Ansicht nach zunächst das Produkt eines nahezu alle anthropologischen Einzelwissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg erfassenden Prozesses einer methodologischen Neuorientierung. In der Soziologie wurde es üblich, die im Regelfall mittels Umfrage erhobenen Daten statistisch auszuwerten und damit quantitativ zu behandeln, in den eher „differenziert arbeiten[den]“ (Strauss: 26) Wissenschaften hingegen, in der Ethnographie beispielsweise, in der klinischen und theoretischen Psychologie, aber auch in bestimmten Zweigen der Soziologie, habe man die gesammelten Felddaten bevorzugt nach den Maßgaben der qualitativen Methode analysiert. (vgl. ebd.) Qualitativ arbeitende Wissenschaftler legen in aller Regel „großen Wert auf situative und oft strukturelle Kontexte“, während die Analysen quantitativ operierender Forscher „zwar vielseitig, im Hinblick auf Kontext [sic!] aber oft schwach sind.“ (ebd.) Einer der häufigsten Vorwürfe, mit dem sich die Vertreter der qualitativen Sozialforschung konfrontiert sehen, sei der, sie würden „zu schwachen Quervergleichen [neigen], weil sie oft nur einzelne Situationen, Organisationen und Institutionen untersuchen.“ (ebd.)84 Im Grunde unterscheiden sich ihre Vorgehensweisen „nicht sonderlich von den pragmatischen Analyseverfahren“, die der „Alltagsmensch[]“ (27) anwende, wenn er über Probleme nachdenke. Für die Auswahl des Forschungsmaterials gilt im Grunde das postmoderne Anything goes.85 Auch die Schlussfolgerungen, die die Analysten ziehen, weichen im Level mitunter stark voneinander ab: Auf den unteren Ebenen „können sie ‚deskriptiv’ sein, auf den höchsten Ebenen können Theorien allgemeinster Art“ (29) generiert werden.

Völlig anders liegen die Dinge bei Jacob/Eirmbter. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht wieder die Umfrageforschung. Vor die Entscheidung zugunsten einer der beiden Analyseansätze sehen sie sich allerdings nicht mehr gestellt – aus ihrer Warte nämlich ist die Umfrageforschung als Ganzes ein Zweig der quantitativen Sozialforschung. (vgl. Jacob/Eirmbter: 8) Ausgeblendet haben sie die Stärken der qualitativen Befragungsverfahren dabei keineswegs. Deren Hauptverdienst bestehe darin, „bestimmte Sachverhalte und Zusammenhänge, bestimmte Einstellungssyndrome wesentlich detaillierter und tiefgehender zu erforschen, als dies mit quantitativen Befragungen möglich wäre.“ (11) Dabei würden häufig „auch Zusammenhänge aufgedeckt, die verblüffend oder kontraintuitiv sind und bei quantitativen Befragungen so nie aufgefallen wären.“ (ebd.) Zu bedenken geben sie andererseits, dass sich die Vertreter des qualitativen Ansatzes „den Vorteil der inhaltlichen Tiefe und der Nähe zur Lebenswelt ganz konkreter Interviewpartner durch den Nachteil eines Mangels an Reproduzierbarkeit, intersubjektiver Überprüfbarkeit und Generalisierbarkeit der Ergebnisse“ (ebd.) erkaufen würden. Genau um letztere aber geht es der empirischen Soziologie. Ihr Aufgabe liegt in der Beschreibung und Analyse nicht des individuellen Vis-à-vis einer Befragung, sondern gesellschaftlicher Massenphänomene.86 Als verlässlichstes Instrument dafür hat sich die Umfrage erwiesen, sie nämlich legt schon per definitionem die Basis dafür, dass alle relevanten Sachverhalte „unter Verwendung von Zahlen als Variablen bzw. Merkmale behandelt und numerischen Operationen unterworfen werden können.“ (6) Den Kriterien der Reproduzier-, Überprüfbar- und Generalisierbarkeit genügen die auf dieser Grundlage gewonnenen Erkenntnisse natürlich voll und ganz.

Gänzlich auf die Seite qualitativ arbeitender Sozialforscher kann sich der Analyst des Rundfragematerials nicht schlagen. Zum einen geht die Ausgangsfrage allen Teilnehmern mit identischem Wortlaut zu – es wäre daher völlig legitim, zumal diejenigen Rundfragen mit hoher Rücklaufquote unter dem Blickwinkel einer statistischen Verwertbarkeit ihrer gedanklichen Substanz zu rezipieren. Darüber hinaus hat die vorliegende Arbeit mit der historischen Einordnung des Sozialmilieus der Rundbefragten längst selbst einen Beitrag zur Quantifizierung ihres Gegenstands geleistet. Dennoch überwiegen in den oben referierten Textpassagen diejenigen Stichworte, die den qualitativen Ansatz für die Analyse der Antwortschreiben zu prädestinieren scheinen, sei es das von der politisch emanzipatorischen Absicht, das von der Bedeutung des situativen und strukturellen Kontextes oder schließlich das von der detaillierteren Erforschung von Einstellungssyndromen.

II.4.4. Versuch einer Zusammenfassung

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Dass es ihr eher feuilletonistischer Charakter ist, der die Rundfragen von den lehrbuchtauglichen Befragungstechniken der empirischen Sozialwissenschaft unterscheidet, dürfte klar geworden sein. Genau dieser Unwissenschaftlichkeit aber verdankt sie, so paradox es klingen mag, ihre wissenschaftliche Attraktivität. Was bei der Analyse der Einzeltexte präsent bleiben sollte, ist die Arbeitsteilung zwischen Fragestellern und -interpreten: Die Aufgabe der Redaktion beschränkte sich darauf, die Ausgangsfrage zu formulieren und die Publikation der Antwortschreiben zu veranlassen, deren Auswertung blieb jedoch dem Leser überlassen. In der Umfrageforschung ist dieses Rollensplitting ein eher randständisches Phänomen, die meisten Evaluationen sind zweckgebunden, entsprechend obliegt den Fragestellern auch die Interpretation des Rücklaufs. Dass sie außerhalb des Kreises ihrer Auftraggeber nur selten auf größeres Interesse stoßen, dürfte ihren oftmals partikularwissenschaftlichen Qualitäten anzulasten sein, die Rundfrage hingegen ist ein Textgenre der Zeitungspublizistik, die gesellschaftliche Relevanz ihrer Gegenstände also schon allein redaktionspolitisch eine pure Selbstverständlichkeit.87

Die Redaktionen selbst haben die Rolle des Dateninterpreten, des Hauptakteurs der dritten Phase der Demoskopie (vgl. Noelle-Neumann: 623), also niemals angestrebt. Unabhängig davon, ob sie sich von den Namen der rundbefragten Kulturprominenz eine Auflagesteigerung versprachen oder aber tatsächlich an die bürgerliche Kaffeehaus- und Salonkultur anknüpfen wollten, wissenschaftlicher Natur waren ihre Motive nicht. Der Part des Interpreten blieb dem Leser überlassen. Über die Erkenntnisse, zu denen er bei einer halbwegs regelmäßigen Lektüre der rundfragenbestückten Tagespresse kam, lässt sich heute natürlich nur noch spekulieren. Was die vorliegende Arbeit leisten kann, ist eine kontextbezogene, qualitative Analyse des Rundfragenmaterials, was ihr dabei nicht mehr abverlangt zu werden braucht, ist die bei Noelle-Neumann auf die Datenauswertung noch draufgesattelte Geschichtsprognostik – die Zukunft hat für die Weimarer Republik längst stattgefunden.88

II.5. Aufgeklärtes Räsonnement. Zu Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“

Zwei Prozesse waren es, die die Rundfragen mit der Ausleuchtung des facettenreichen öffentlichen Lebens zu beschleunigen die Absicht gehabt haben dürften: Die Popularisierung von Literatur, Theater und Film sowie von Wissenschaft und Politik zum einen, eine Steigerung der sozialen Akzeptanz „geisteshandwerklicher“ Fertigkeiten wie Reflexion, Erörterung und Kritik sowie des Feuilletons als deren Exerzierplatz zum anderen. Die Rundfragen aufgrund ihrer Themenschwerpunkte und Kommunikationsstrategien in eine aufgeklärte Tradition einzuordnen, ist sicher kein allzu gewagter Ansatz. Dass die Werte der Aufklärung in den Jahren nach 1933 relativ schnell dem Fetisch einer totalitären und unverhohlen irrationalen Ideologie geopfert wurden, heißt freilich nicht, dass man die Rundfragen der Weimarer Presse als gescheitertes Projekt und damit als politgeschichtliche Quantité négligeable deklassieren kann. Ohne den historischen Kontext freilich wäre sie in ihrer Gänze kaum mehr als kultiviertes Palaver; eine adäquate geschichtswissenschaftliche Würdigung verdienen sie also vor allem deshalb, weil sie in die Jahre des Aufbaus einer dem Anspruch nach langlebigen und funktionstüchtigen parlamentarischen Demokratie und damit in eine Zeit von epochaler Bedeutung fielen.

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Dass die Rundfragen einen Beitrag zur Vitalisierung einer aufgeklärten, kritischen Öffentlichkeit leisteten, ist zunächst nicht mehr als eine Hypothese. Bei ihrer historisch-theoretischen Absicherung will die vorliegende Arbeit auf ein Schlüsselwerk der Sozialphilosophie des 20. Jahrhunderts zurückgreifen: auf „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, die Habilitationsschrift von Jürgen Habermas. Gelegt hat sie, wie der Autor rückblickend zu Protokoll gab, einen Grundstein für die Bestimmung des „Verhältnis[ses] von Demokratie und Kapitalismus“ (Horster: 106) und damit für die Beantwortung einer Kernfrage seines Gesamtwerks überhaupt.89 Als sich ihr Autor in den ausgehenden 1950er Jahren an die Niederschrift machte, tat er es nach eigenem Bekunden mit der Absicht einer akademisch adäquaten Würdigung der historischen Entwicklung der Bundesrepublik innerhalb des ersten Jahrzehnts ihrer Existenz. Zumal im direkten Vergleich mit dem im Sommer 1919 aus der Taufe gehobenen Staat war diese Entwicklung enorm; trotz einer politisch wie auch moralisch weitaus schwierigeren Vorgeschichte schien die Idee der parlamentarischen Demokratie im westdeutschen Teilstaat auf einen ausgenommen fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Zu Papier gebracht habe er sein Buch, so Habermas in einem Bilanzinterview drei Jahrzehnte nach Gründung der Bundesrepublik, in der festen Überzeugung, „dass der bürgerliche Verfassungsstaat in seiner französischen oder amerikanischen Ausprägung eine historische Errungenschaft“ (101) sei. Ausdrücklich würdigt er selbst das „kapitalistische Gesellschaftssystem“: Es sei „relativ stabil, und das nicht nur ökonomisch“, es garantiere nämlich „nicht nur einen relativ konfliktfreien Modus des Zusammenlebens“, sondern habe darüber hinaus „politische Freiheiten institutionalisiert, die aus der historischen Perspektive [...] bejaht werden müssen.“ (106) Völlig frei von lakrimosen Zwischentönen ist dieses Hohelied freilich nicht. Geschrieben habe er den „Strukturwandel“ nämlich auch, um sich „selbst klar zu werden über die Schattenseiten und Fehler unseres politischen Systems“ (105). Einer dieser der diskussionsgenerierten Öffentlichkeit das überlebensnotwendige Licht raubenden Faktoren ist das in einer bestimmten Phase der Geschichte an Bedeutung gewinnende kapitalistische Eigentumskonzept. In dieser Erkenntnis steckt zweifelsohne ein Dilemma, schließlich stellten die materiellen Segnungen des in den 1920er Jahren noch ausgebliebenen Wirtschaftswunders einen ganz erheblichen Grund dafür dar, dass eine seinerzeit noch militant bekämpften Staats- und Gesellschaftsphilosophie drei Jahrzehnte später eine starke sozialintegrative Akzeptanz gewinnen konnte.90

Für die vorliegende Arbeit interessant ist der „Strukturwandel“ vor allem deshalb, weil er seine Aufmerksamkeit bei der Suche nach dem Ferment der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit auf die in Presse, französischem Salon oder deutscher gelehrter Tischgesellschaft institutionalisierte Diskussion über Literatur, Kunst und Kultur richtet. Die seit alters an die Zuschreibung einer bloß dekorativen Funktion gewöhnten Gegenständen der Ästhetik finden sich damit plötzlich in der Rolle eines Ferments der Geschichte wieder. Natürlich ist die Entstehungs- und Wandlungsgeschichte der Öffentlichkeit hochkomplex. Der Grundidee des „Strukturwandels“ zufolge konstituiert sie sich als gesellschaftlicher Gegenpol zu den politischen Institutionen des feudalistischen Staatswesens. Ihre einzige Waffe ist die verstandesgesteuerte und argumentationsgrundierte Diskussion – sie ist es, der die Öffentlichkeit ihr rasches Avancement zu einem herrschaftskontrollierenden, aber auch herrschaftslegitimierenden Faktor der Alltagspolitik verdankt. Eine für die Autonomie des Verlaufs und die Objektivität der Ergebnisse der Einzeldiskussionen notwendige Bedingung ist die strikte Trennung von Staat und Gesellschaft, aber auch der gesamtpolitischen von der privaten Lebenssphäre. Über diese Konstellation aber war die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung der Neuzeit bald wieder hinweggegangen, die Transformation der Öffentlichkeit nämlich vollzog sich in dem Moment, in dem sich die im Rahmen einer coram publico geführten Diskussion ausgetauschten Argumente immer weniger auf den Verstand und immer stärker auf das individuelle ökonomische Interesse der Beteiligten stützten. In der Epoche eines dominanter werdenden kapitalistischen Eigentumsbegriffs habe sie bald nur noch ein Feld markiert, „in dem Interessenskonkurrenz ausgetragen“ und Publizität „zur Erlangung von Zustimmung und Prestige“ (Horster: 13) eingesetzt worden sei.

Zum „Strukturwandel“ selbst. Einen wichtigen Pflock schlägt Habermas bereits im Vorwort ein: Er unterscheidet zwischen zwei Typen von Öffentlichkeit, zwischen der liberalen und der plebejischen, und kündigt eine Fokussierung allein der erstgenannten an.91 Bemerkenswert ist die soziologische Fundierung dieses Zweierschemas. Das Subjekt des liberalen Typs sind Habermas zufolge die „’gebildeten Stände’“ (Habermas 1974: 8), dasjenige des plebejischen hingegen das „ungebildete ‚Volk’“ (ebd.). In einer alternativen Formulierung: Die liberale ist eine literarisch geschulte Öffentlichkeit, in ihr organisiert ist ein „Publikum[] räsonierender Privatleute“ (ebd.), die plebejische indes hat mit den Prädikaten der Post- bzw. Illiterarizität zu leben. Eine Öffentlichkeit kannten bereits das ausgehende Mittelalter und die anbrechende Neuzeit, eine rein repräsentative, der traditionellen politischen Eliten vorbehaltene allerdings. (vgl. 19 ff.) Von ihrer staatlich sanktionierten Ausdehnung auch auf die Masse des Volkes konnte seinerzeit noch keine Rede sein, es hatte sich die öffentliche Aufmerksamkeit und mit ihr den politischen Raum erst noch zu erkämpften.92

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Den Anfang dazu machten die bürgerlichen Schichten. Die sahen ihre ureigene politische Aufgabe in der „Regelung der Zivilsozietät“ (70). Angetrieben wurden sie dabei von einer schichtenspezifischen Lebenserfahrung, der zufolge sich die Anwendung der Prinzipien der Humanität nicht dauerhaft auf den Bereich ihrer Genese, die „kleinfamiliale[] Intimität“ (69), beschränken lasse. Mit der Forderung nach einer Politisierung dieser Prinzipien boten sie der etablierten monarchischen Autorität die Stirn; das in der Arkanpraxis seinen zeitgenössischen Ausdruck findende Herrschaftsmonopol der traditionellen Eliten geriet plötzlich unter akuten Legitimationsdruck.93 Die neue, bürgerliche Öffentlichkeit also destillierte den moralischen Gehalt der eigenen Lebenserfahrungen und focht für seine Akzeptanz als allgemeines Gesetz – sie hatte damit „privaten und polemischen Charakter“ (70) zugleich. Ohne Auswirkungen auf die von ihr betriebene legislative Neujustierung der Gesamtgesellschaft konnte das natürlich nicht bleiben. Das Gesetzeswerk, für das sie eintrat, sollte ihr spezifisches sozialgeschichtliches Selbstverständnis reflektieren: Nicht allein, dass es an den normativen Grundsätzen Generalität und Abstraktheit orientiert sein sollte, es sollte überdies die öffentliche Meinung als einzige Quelle seiner Legitimität akzeptieren (vgl. 72). Dauerhaft verweigert hat die Geschichte diesem Ansinnen die Erfolgskrönung nicht. Ihren Durchbruch erleben sollte die bürgerliche Öffentlichkeit als Organisationsprinzip des parlamentarischen Rechtsstaates.

Das an der Schwelle zur Neuzeit stehende Europa war ein Kontinent der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Folglich waren auch die sozialen Transformationsprozesse seiner Einzelstaaten einem individuellen Zeitmaß unterworfen. Konkret ablesen lässt sich dieses Entwicklungsgefälle an der Geschichte derjenigen Institutionen, die Habermas als Keimzellen der bürgerlich-liberalen Öffentlichkeit beschreibt. In England waren es die Kaffeehäuser „in ihrer Blütezeit zwischen 1680 und 1730“, in Frankreich die Salons „in der Zeit zwischen Regentschaft und Revolution“ (48), in Deutschland schließlich die aus den alten Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts hervorgegangenen gelehrten Tischgesellschaften. Dass diese ihren westeuropäischen Pendants hinsichtlich ihres politischen Einflusspotentials deutlich unterlegen waren, wird angesichts der Rückständigkeit des damaligen Deutschland kaum weiter verwundern. Trotzdem gibt es zahlreiche sozial- und geistesgeschichtlich bemerkenswerte Analogien. Alle drei, Kaffeehaus, Salon und Tischgesellschaft, profitieren in erheblichem Maße von den Urbanisierungserfolgen ihrer Zeit, keine dieser Einrichtungen wäre ohne den mentalen Humus, wie ihn die Lebenskultur der stadttypischen bürgerlichen Schicht bedeutete, mittelfristig überlebensfähig gewesen. Alle drei entwickeln, auch wenn sie die Pflege eines bürgerlichen Selbstbewusstseins darüber nie völlig vergaßen, zunächst eine schichtenübergreifende, die Angehörigen des Adelsstandes keineswegs stigmatisierende Corporate Identity – sie bilden die ersten Foren, auf denen „die ‚Intelligenz’ mit der Aristokratie“ (ebd.) unter weitgehender Ausblendung der Standesunterschiede zusammentrifft. Und schließlich haben alle drei, parallel zur eigenen sukzessiven gesellschaftlichen Bedeutungsaufwertung, eine Politisierung der ursprünglich aus den Teilbereichen der schönen Künste rekrutierten Diskussionsgegenstände zu verzeichnen – das Räsonnement, das sich lange Zeit ausschließlich an Werken der Kunst und Literatur entzünde, habe sich bald, zunächst in England, dann aber auch in Frankreich und Deutschland, auch auf „ökonomische und politische Dispute“ (ebd.) erstreckt.94

Ein genauerer Blick noch auf den Sonderweg der deutschen Tischgesellschaften. Als deren Prototyp kann Gottscheds „Deutschen Gesellschaft in Leipzig“ betrachtet werden.95 Illustrieren lässt sich anhand ihrer Vorgeschichte, wie schleppend sich die Bedeutungsbeschneidung der höfischen durch eine bürgerlich-urbane Kultur in Deutschland im direkten Vergleich mit England und Frankreich vollzog. Die bereits angesprochenen Sprachgesellschaften des vorangegangenen Jahrhunderts nämlich verdankten ihre Existenz noch der Initiative der Fürsten. Immerhin spielte die Standeszugehörigkeit bei der Berufung ihrer Mitglieder keine nennenswerte Rolle mehr. Ins Bewusstsein geraten war der damaligen Zeit die sozial, kulturell, aber auch politisch identitätsstiftende Bedeutung der eigenen Muttersprache, der ungeachtet der Lutherschen Bibelübersetzung fortbestehende orthographische, dialektale und stilistische Variantenreichtum des Deutschen schien dessen Tauglichkeit als bindungschaffendes „Medium der Verständigung zwischen Mensch und Mensch“ (50) gehörig zu konterkarieren. Dass der Erfolg eines Großprojektes, wie es die Homogenisierung einer lebenden Sprache bedeutet, andere Qualitäten als eine blaublütige Provenienz allein verlangte, dessen war man sich auf Seiten des Adels durchaus bewusst.96 Die gelehrten Tischgesellschaften des Folgejahrhunderts wiederum seien, so Habermas, vor allem von „Privatleuten, die produktive Arbeit tun“, frequentiert worden, nämlich von „der städtischen Ehrbarkeit der fürstlichen Residenz“ (ebd.), einem vorrangig aus Angehörigen des akademisch geschulten Bürgertums bestehenden Sozialmilieu. Die unter den Teilnehmern darüber hinaus noch bestehenden gesellschaftlichen und ökonomischen Unterschiede wurden, ähnlich wie in Kaffeehaus und Salon, während des eigentlichen Gedankenaustauschs bedeutungslos. Die Tischgesellschaften boten, genauso wie die Kaffeehäuser und Salons, einer „der Tendenz nach permanente[n] Diskussion unter Privatleuten“ (52) einen institutionellen Rahmen. Hier galt die Autorität des Arguments deutlich mehr als die standes- oder auch berufsbedingte Ausstattung mit Privilegien – vor der Vernunft waren alle Diskutanten gleich.

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Ihre ersten Testläufe also bestand die liberale, diskutierende Öffentlichkeit dank einer rigorosen thematischen Fixierung auf die Literatur. Dass Privatleute ihre intellektuell-argumentativen Fertigkeiten an Gegenständen aus dem Arsenal der Ästhetik erprobten, war historisch gesehen keineswegs selbstverständlich, es kam, im Gegenteil, einem kulturgeschichtlichen Paradigmenwechsel gleich. Indem nämlich der Bedeutungsgehalt von Werken der Dichtung, der bildenden Kunst und der Musik zum Objekt des Räsonnements einer Versammlung von Privatleuten wird, sind sie einer in den Zement mehrerer Jahrhunderte gegossenen Deutungshoheit von Kirche und Staat entrissen und damit ihrer angestammten Funktion einer bloßen gesellschaftlichen Repräsentation entbunden (vgl. 52 ff.). Die Begegnung mit der Kunst steht nunmehr, statt unter dem Vorzeichen einer sozialisationsgenerierten obrigkeitshörigen bzw. religiösen Ehrfurcht, unter dem des Verstandesgebrauchs. In dem Moment aber, in dem sie ihre Rückbindung an eine herrschaftsdynastische oder auch sakrale Transzendenz verloren und damit die Aura der Invulnerabilität eingebüßt hat, bietet sie der subjektiven Wahrnehmung ihres Publikums eine offene Flanke – die Kunst avanciert zum Gegenstand von Geschmacksurteilen. Damit aber erlernt auch die Kunstkritik das Laufen.

Denen, die Gebrauch von ihr machen, bietet sie alsbald eine attraktive Möglichkeit, die eigene intellektuelle Mündigkeit unter Beweis zu stellen. Eine Galionsfigur findet die Nutzbarmachung der Vernunft für die Interpretation von Werken der Kunst in der neuen Profession des „Kunstrichters“. Seine Autorität verdankt auch er ausschließlich der intellektuellen Präzision, mit der er argumentiert, nicht aber dem trügerischen Hochglanz eines geerbten Adelsprädikats. Geschuldet ist seinen Argumenten auch, dass ihn die Gemeinde räsonierender Privatleute nicht nur als ihren höchsten Repräsentant, sondern darüber hinaus als ihren obersten Pädagogen betrachtet. Unabhängig davon, ob man Habermas’ ökonomistischer These folgt und die Charakterisierung des profanisierten Kunstwerks als Ware akzeptiert (vgl. 52 ff.) – entscheidend ist, dass seine Lösung aus dem Kontext des staatlichen und kirchlichen Definitionspaternalismus einen Spielraum geschaffen hat, den eine bürgerlich-liberale Öffentlichkeit für ihre Argumentationsexerzitien und damit für die Einübung einer elementaren Fertigkeit der parlamentarisch-demokratischen Meinungsbildung zu nutzen wusste. Habermas würdigt den historischen Beitrag des Räsonnements über den Gegenstand Literatur wie folgt:

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„Der Prozess, in dem die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit vom Publikum der räsonierenden Privatleute angeeignet und als eine Sphäre der Kritik an der öffentlichen Gewalt etabliert wird, vollzieht sich als Umfunktionierung der schon mit Einrichtungen des Publikums und Plattformen der Diskussion ausgestatteten literarischen Öffentlichkeit. Durch diese vermittelt, geht der Erfahrungszusammenhang der publikumsbezogenen Privatheit auch in die politische Öffentlichkeit ein.“ (69)

Seinen Ausgang nahm auch dieser Prozess nicht in Deutschland, sondern in England; dort erkannte man die Notwendigkeit, den Urteilen der Kunstrichter ein größeres Publikum zu verschaffen, zuerst. Es war die Presse, die diesem Ansinnen aufgrund ihrer distributiven Möglichkeiten eine realistische Erfolgsperspektive zu geben schien. Natürlich war der Prozess ihrer Adaption durch die Öffentlichkeit auch in Deutschland ein höchst komplexer. Die staatliche Verwaltung hatte die Gesellschaft durch den Aufbau eines Pressewesens längst „zu einer im spezifischen Sinne öffentlichen Angelegenheit“ gemacht, man brauchte sie, die Presse, nunmehr nur noch „umzufunktionieren“ (39). In Mode kam dabei zunächst das Genre Zeitschrift, in einem ersten Schritt noch als handgeschriebene Korrespondenz, in einem zweiten in einer monatlich oder sogar wöchentlich erscheinenden gedruckten Version. Sie zerfiel alsbald in zwei Untergruppen: in die moralische Wochenschrift und das kritische Journal. In erstgenannter fand die Kaffeehausdiskussion noch einen publizistisch verlängerten Arm, die zweitgenannte hingegen war um ein thematisch wie formal eigenständigeres Profil bemüht.97 Für die Geschichte der deutschsprachigen Zeitungspublizistik von maßgeblicher Bedeutung waren die ab 1688 von Thomasius in Leipzig herausgegebenen Monatsgespr ä che; prägen sollten sie eine ganze Filiation von Zeitschriften, die neben der Kritik und Rezensionen von Werken des Schrifttums auch Beiträgen pädagogisch instruktiven Inhalts Raum boten. Gerichtet waren die Blätter dieses Typs zunächst an eine Leserschaft „gebildete[r] Laien“ (ebd.). Erst als der „gelehrte[] Artikel“ (ebd.) im 18. Jahrhundert auch die Tagespresse eroberte, erlebte das Format des schriftlichen Räsonnements seinen Durchbruch auch auf breiter Front.98

Auch die Zusammenfassung der historischen Kapitel des Habermasschen „Strukturwandels“ sollte verdeutlicht haben, dass die Weimarer Rundfragen keine creatio ex nihilo waren. Die Presse war bei alldem keineswegs der einzige Transmissionsriemen bildungsbürgerlichen Standes- und Sendungsbewusstseins. In einem Exkurs über Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“99 widmet sich Habermas einem zweiten: der Theaterbühne. Auch wenn das Theater als thematischer Schwerpunkt eines Teils der Rundfragen für die vorliegende Arbeit einen Gegenstand lediglich zweiter Ordnung darstellt, lohnt sich der Blick auf diesen Exkurs durchaus. Was den Goethe-Roman für den Sozialphilosophen Habermas interessant macht, ist die literarisch subtile Beschreibung der Unfähigkeit des Bürgertums, eine schichtenspezifische Repräsentationskultur zu entwickeln. Unschlagbar ist es, genau wie die Aristokratie, in nur einer Disziplin: „Der Edelmann ist, was er repräsentiert, der Bürger [aber], was er produziert: [...].“ (26 f.) Die Bestellung beider Felder hat sich als sozial derart identitätsstiftend erwiesen, dass sich jeder, der den Grenzübertritt wagt, der Lächerlichkeit preisgibt. Innerhalb der kunstbegeisterten Fraktion des Bürgertums aber, der mit der Gestalt des Wilhelm Meister ein literarisches Denkmal gesetzt wird, hat sich die uraristokratische Affinität zur Repräsentanz erhalten können. Die einzige Möglichkeit, den Lebensstil der alten, repräsentativen Öffentlichkeit zu imitieren, ohne von den Vertretern des eigenen Standes dafür verspottet zu werden, scheint dem Bürgertum das Theater zu bieten. Für Wilhelm ist es zu einer „Öffentlichkeitsersatz“ (27) geworden.

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Auch das Theater aber ist von der Verbürgerlichungswelle längst erfasst worden. Wilhelm hat sich von seinem durchaus milieutypischen Idealismus gleich zweimal blenden lassen, zum einen, weil er um die Morbidität der repräsentativen Öffentlichkeit zwar weiß, der Palette ihrer Selbstvermarktungsmöglichkeiten aber trotzdem habhaft werden will, zum zweiten, weil er sich eine dieser Möglichkeiten mit dem Theater zu erschließen sucht, mit einer Kunstform, deren Rezipienten sich längst aus der neuen, bürgerlichen Öffentlichkeit rekrutieren und von der Bühne mithin kein farbenreich kostümiertes Bekenntnis zum Gestern, sondern den Startschuss für die Revolution erwarten. Die Sozial- und Ideengeschichte also war schneller als er, damit musste, so Habermas’ Fazit, „Wilhelm Meisters theatralische Sendung scheitern“. (ebd.) In einem klassischen Sinne tragisch ist dieses Scheitern allerdings nur aus dramenhistorischer Perspektive. Für die Tragödie der Antike nämlich ist der tragische Konflikt das Movens eines Prozesses mit tödlichem Ende. Mit dem Bildungsroman, wie ihn der „Wilhelm Meister“ darstellt, konnte sich dagegen eine literarische Form etablieren, die den Konflikt zu einem Katalysator der Selbsterkenntnis umgerüstet hat. Sein Vorhang fällt nicht über dem Leichnam eines an den eigenen schicksalhaften Verstrickungen zugrunde gegangenen Protagonisten, er schließt sein letztes Kapitel vielmehr über einem erfahrungsgereiften Realisten. Sein Durchbruch fiel nicht von ungefähr in die Epoche der Emanzipation des Bürgertums.

II.6. Zeitungen und Zeitschriften. Die Beteiligten Printmedien

Pressegeschichtlich war die Weimarer Republik in erster Linie eine Phase der Rekonvaleszenz. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte den Printmedien ein wahrhaft goldenes Zeitalter beschert. Sowohl die Zeitungen als auch die Zeitschriften erlebten in den Jahrzehnten zwischen Jahrhundertmitte und Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen signifikanten Zuwachs an neuen Titeln. Zu Kriegsbeginn gab es im Deutschen Reich zwischen 3900 und 4200 Tages- und Wochenzeitungen. Bis 1924 ging etwa ein Viertel davon ein, bedingt durch Krieg und Inflation. (vgl. Stöber: 159) Noch viel heftiger traf es die Zeitschriften. Auch sie hatten dank eines wachsenden Bedürfnisses nach profunderer Information aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur zunächst einen anhaltenden Aufschwung verzeichnen können. Am Vorabend des Kriegs zählte man 6421 Titel. Um 1920 aber hatte sich diese Zahl wieder halbiert. Erst 1929, vor Beginn der Weltwirtschaftskrise, war es gelungen, mit 7303 Titeln das Vorkriegsniveau nicht nur wieder zu erreichen, sondern sogar leicht zu überbieten. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise sollte die Struktur der deutschen Zeitungslandschaft weitestgehend unbeschadet überstehen; die eigentlichen Flurschäden richteten erst die 1933 einsetzende Zwangseinstellungen zahlreicher weltanschaulich oder redaktionspolitisch nunmehr missliebiger Blätter an. (vgl. ebd.)

Unter der Massenarbeitslosigkeit der Jahre nach 1929 sollte allerdings eine andere zentrale pressestatische Größe leiden: die Auflagenhöhe. Auch an ihrer Entwicklung lässt sich das gesellschaftliche Standing der Printmedien in den Jahren von Kaiserreich und Weimarer Republik ablesen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnete auch sie zunächst immer neue Rekorde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erreichten alle Printmedien zusammen eine Gesamtauflage von 18 bis 25 Millionen. Erst während des Krieges begann sie zu stagnieren oder sogar zurückzugehen. (vgl. 161) Ein Traditionsblatt wie die VZ etwa erreichte 1848 noch eine Auflagenhöhe von 24.000 und wuchs bis 1918 auf 80.000. In den Folgejahren ging diese Zahl kontinuierlich zurück, auf 65.370 1928 und auf nur noch 41.000 1934, dem Jahr der Liquidierung. (vgl. 237)100 Zumal die zwei- bis dreimal pro Tag erscheinenden Zeitungen, bis dato der schnellste Nachrichtenmultiplikator, litten stark unter dem Avancement des Radios zum neuen Massenmedium. Anders als häufig befürchtet läutete der Rundfunk zwar längst noch nicht das Verschwinden der Zeitung als solcher ein, wohl aber „das Ende [der] mehrfach tägliche[n] Erscheinungsweise.“ (164) Die VZ beispielsweise stellte im November 1933 ihre zweite Tagsausgabe ein.

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Zu den Zeitschriften, die den öffentlichen Diskurs der Weimarer Republik prägen sollten, gehörten viele, die bereits im Kaiserreich gegründet worden waren. Der von Alfred Estermann unternommene Versuch, die Publikationen der Jahre um 1900 zu typologisieren, ist daher ohne größere Abstriche auf die Situation der 1920er und frühen -30er Jahre übertragbar. Drei dieser Typen seien hier kurz genannt: 1. Zeitschriften, deren Aufmerksamkeit sich wie Maximilian Hardens Die Zukunft (1892 – 1922), Friedrich Naumanns Die Hilfe. Woche n schrift für Politik, Literatur und Kunst (1895 – 1943) oder Eugen Dietrichs Die Tat. Wege zu freiem Menschentum (1909 – 1938) „gleichermaßen auf die Berichterstattung politischer wie kultureller [...] Entwicklungen“ (Estermann: 93) konzentrierten, 2. künstlerisch-literarische Periodika wie etwa der Simplicissimus (1896 – 1944) und schließlich 3. Theaterzeitschriften wie Die Scene, ein 1911 gegründetes und bis 1933 existierendes, auf seinem Gebiet führendes und im analytischen Teil dieser Arbeit mit zwei Rundfragen vertretenes Printmedium. Im Allgemeinen war die Auflagenzahl der Zeitschriften aufgrund ihrer thematischen Spezifizierung weitaus niedriger als die der überregionalen Tagespresse. Selbst renommierte Publikationen wie Die Weltbühne oder Das Tage-Buch sollten in Bestzeiten nur knapp 30.000 Abonnenten erreichen. (vgl. Stöber: 165)101

Im analytischen Teil der vorliegenden Arbeit werden vor allem zwei Tageszeitungen zitiert: die VZ und der BBC. Zumal die Vossische war zum Zeitpunkt der Konstituierung der Republik längst eine Institution. Als sie am 31. März 1934 zum letzten Mal erschien, konnte sie auf eine gut zweihundertjährige Geschichte zurückblicken. Am 18. Februar 1721 hatte Friedrich Wilhelm I., seit 1713 König in Preußen, Johann Lorentz’ Berlin i schen Ordinairen Zeitung die Lizenz entzogen und Johann Andreas Rüdiger das Privileg für ein Zeitungsmonopol übertragen. Eine Woche später, am 25. Februar, gibt dieser die erste Nummer der Berlinischen Priv i legirten Zeitung heraus. (vgl. Lindemann: 157 ff.) Nachdem Rüdiger 1751 ohne männliche Nachkommen verstorben und das Blatt an seinen Schwiegersohn Christian Friedrich Voss gefallen war, bürgerte sich die Bezeichnung „die Vossische“ ein.102 Sie erschien zunächst dreimal pro Woche mit einem Umfang von vier Seiten und einer Auflage von 150 bis 200 Exemplaren. Seit 1801 gehörte sie der Familie Lessing – die Tochter Christian Voss’ hatte einen Bruder des 1781 verstorbenen Dichters geheiratet.

Den nächsten gravierenden institutionellen Einschnitt in der Geschichte des Blatts stellte das Jahr des Beginns des Ersten Weltkriegs dar. 1911 war die VZ an das Bankhaus Speyer-Ellissen gefallen. Am 1. Januar 1914 übernahm sie der Ullstein Verlag. (vgl. Mendelssohn 1982: 219 ff.) Er sollte Berlins älteste Zeitung die letzten zwei Jahrzehnte ihres Bestehens herausgegeben. Für Koszyk hatte sich die Pentarchie der Ullstein-Brüder damit „im Bereich gutbürgerlicher Zeitungslektüre“ (Koszyk: 251) zurückgemeldet. Tatsächlich gelang es der Redaktion, zahlreiche namhafte Journalistischen, aber auch junge Talente zu verpflichten, darunter Monty Jacobs, seit 1921 Feuilletonchef, Hans Zehrer, seit 1923 außenpolitischer Redakteur, und vor allem Georg Bernhard, als Chefredakteur zwischen 1920 und 1930 die prägende Gestalt der Weimar-Kapitels in der Chronik der VZ.103 Wie Theodor Wolff, sein Kollege vom Berliner Tageblatt, war Bernhard Mitglied der DDP, von 1928 bis 1930 saß er für die Partei im Reichstag. Sein Rücktritt als Chefredakteur sollte nicht ganz freiwillig erfolgen. Er war der letzte Akt in einem Drama um Franz Ullstein, im Verlag zuständig für den Zeitungsbereich, und seine Ehe mit Rosie Gräfenberg, einer geschiedenen Journalistin, die man der Spionagetätigkeit verdächtigte. (vgl. 253 ff.) Bernhards Weggang im Oktober 1930 nahm der Verlag zum Anlass für einen durchgreifenden Personalwechsel, links- oder liberalorientiert, zumeist jüdischer Redakteure wurden „durch so genannte Arier und handfest Nationalisten“ (256) ersetzt. Der parlamentarisch-demokratisch Grundausrichtung, die die VZ in den zwanziger Jahren neben der Frankfurter Zeitung und dem Berliner Tageblatt zum führenden linksliberalen Printmedium der Weimarer Republik gemacht hatte, tat das allerdings noch keinen Abbruch. Beinah legendär war ihr Aufruf vor den Reichstagswahlen im Juli 1932, für die republiktreuen Parteien der ehemaligen Weimarer Koalition zu stimmen. (vgl. 257)

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Deutlich jünger als die VZ war der BBC. Seine Gründung fiel in die zeitungseuphorische zweite Hälfte des 19. Jahrhundert. Er erschien zunächst als wöchentliche Wirtschaftsbeilage der im Juli 1855 auf Bismarcks Veranlassung von Hermann Killisch von Horn gegründete Berliner Finanz-Zeitung, eines „publizistische[n] Organ[s] für die Börse“ (Mendelssohn 1982: 457), dessen Leserschaft sich vornehmlich aus den Kreisen des höheren Militärs und des Großgrundbesitzes rekrutierte. Ein gutes Jahrzehnt später, am 1. Oktober 1868, formte George Davidsohn aus dieser Beilage eine selbstständige, täglich erscheinende Zeitung.104 Der BBC schärfte in den Folgejahrzehnten nicht nur sein wirtschafts-, sondern auch und gerade sein kulturjournalistisches Profil. Dass dieser für die deutsche Presselandschaft eher ungewöhnliche Spagat gelang, dass das Blatt „in allen Sparten ungewöhnlich lebendig und in ungewöhnlich gutem geschliffenem Deutsch geschrieben war“ (ebd.), ist ganz wesentlich der Persönlichkeit Emil Faktors zu verdanken, der, von Hause aus eigentlich Theater- und Literaturkritiker, von 1915 bis 1933, an der Redaktionsspitze stand.105 Den Bereich Theater- und Filmkritik betraute zwischen 1922 und 1933 Herbert Ihering. 1927 erreichte der BBC eine Auflagenhöhe von 40.000 Exemplaren. Seine Leser fand er vornehmlich in den Reihen des rechtsliberalen Bürgertums. Da er aber, nicht zuletzt aufgrund seines strahlkräftigen Feuilletons, bei den Nationalsozialisten in den Ruf der Linkslastigkeit geraten sollte, wurde er am 1. Januar 1934 wieder mit der Berliner Finanz-Zeitung verschmolzen. (vgl. ebd./Oschilewski: 80 f.)

II.7. Überforderte Moderne. Carl Schmitts Kritik an der Kommunikationsform Debatte

Bei der Meinungsbildung waren die Printmedien auch vor der Erfindung des Radios nicht auf sich selbst gestellt. Schon dem Kaffeehaus und seinen kontinentaleuropäischen Pendants war es gelungen, das öffentliche Räsonnement zum Organisationsprinzip des bürgerlichen Rechtsstaats zu machen. Es war die ursprünglich literarische, im Laufe der Zeit aber auch mit Gegenständen aus den Bereichen von Politik und Wirtschaft vertraut gewordene Debatte, die sich in den Plenar- und Gerichtssälen des demokratischen Zeitalters als Standardform der Kommunikation durchsetzen sollte. Ihre Definition als Austausch von Argument und Gegenargument griff, wie Habermas im „Strukturwandel“ unterstrichen hat, auf einen die Gerechtigkeitserfahrung mit dem Mehrheitsprinzip verknüpfenden Ansatz der Kantischen Moralphilosophie zurück – gerecht ist ein Gesetz demnach genau dann, wenn es von einer Mehrheit der Individuen seines Geltungsbereichs akzeptiert wird. Fortan also sollte sich die Gesetzgebung, animiert durch die Perspektive einer Teilhabe an der Gerechtigkeit, auf dem Weg einer überzeugungsgestützten und mehrheitsorientierten Argumentation vollziehen und nicht mehr auf dem der Indoktrination durch König oder Fürst. Hinsichtlich seiner Praktikabilität ist dieses Modell bekanntermaßen schnell an die Grenzen seiner Belastbarkeit gestoßen; der Komplexität der Probleme der Alltagswirklichkeit wurde die idealistische Dramaturgie der klassischen Kaffeehausdebatte genauso wenig Herr wie der sich immer weiter ausdifferenzierenden Meinungsvielfalt. Ein Lösungsangebot schienen Parteienbildung und Parlamentarismus bereitzuhalten. Die frühen Zeitschriften hatten dem Prozess der Meinungsbildung zu einer über den engen Rahmen der Diskussionszirkel hinausgehenden Breitenwirkung verholfen, die repräsentative Demokratie suchte ihm mit der Einrichtung eines Parlaments ein hohes Maß an Effizienz zu verschaffen.

Zu den fraglos profiliertesten Kritikern dieser Organisationsform von Politik, wie sie im 19. Jahrhundert geprägt und in die Verfassung auch der Weimarer Republik eingeflossen war, gehörte Carl Schmitt. Habermas’ politische Sozialisation sollte in die frühen 1940er Jahre fallen, mit dem Bekenntnis zur Idee des liberalen Verfassungsstaats zog er die Lehren aus der persönlichen Negativerfahrung mit NS-Diktatur und Weltkrieg. Schmitt hingegen war ein Zeitgenosse der Weimarer Republik. In Schriften wie „Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“ (1923), „Der Begriff des Politischen“ (1927) und „Legalität und Legitimität“ (1932) hat er sich der Analyse ihrer chronischen Funktionsschwierigkeiten gewidmet. Verantwortlich gemacht hat er dabei nicht nur die vermeintlichen Konstruktionsfehler des Verfassungsentwurfs seines Fachkollegen Hugo Preuß, sondern die Prinzipien des liberalen Verfassungsstaats ganz generell.106

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Zunächst ein Blick auf die „Geistesgeschichtliche Lage“. Publiziert wurde der Text 1923. Sein historischer Bezugsrahmen ist damit die von politischer und wirtschaftlicher Instabilität gekennzeichnete Frühphase der Republik. Bei der Definition des Parlamentarismus fallen zwei aus der Lektüre des „Strukturwandels“ bereits vertraute Schlagworte: Öffentlichkeit und Diskussion. Sie bilden schon bei Schmitt eine notwendige Bedingung der Funktionstüchtigkeit des Parlamentarismus. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen rückt die Kritik am Wahrheits- und Richtigkeitsanspruch des Gesetzgebungsstaats bürgerlich-liberaler Provenienz. Der Parlamentarismus selbst steht und fällt mit dem Glauben, „dass die öffentliche Diskussion die relative Wahrheit mehrheitsfähiger Entscheidung ermittelt.“ (Mehring: 38) Dieses politphilosophische Axiom aber, das konsekutive Abhängigkeitsverhältnis wahrer und richtiger Gesetze von einer Abstimmungsmehrheit im Parlament, scheint seine Gültigkeit nach und nach zu verlieren, dem Glauben an die „diskutierende Öffentlichkeit“ prophezeit Schmitt eine baldige „furchtbare Desillusion“ (Schmitt 71991: 63) auf breiter gesellschaftlicher Front.107 Damit aber würden auch die beiden Vorformen des Parlamentarismus, nämlich Versammlungsrede und Zeitungsartikel, ihre historisch gewachsene Basis verlieren und schnell in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken (vgl. ebd.).

Diese Kritik am Parlamentarismus gleich zu Beginn der Weimarer Zeit ist umso tragischer, als er seiner fast schon doktrinären Geringachtung durch die Spitze des wilhelminischen Kaiserreichs gerade erst entkommen war und in der staatlichen Ordnung des nachmonarchischen Deutschland eine neue institutionelle Heimstatt zu finden hoffte. Das Modell, durch das Schmitt ihn abgelöst sehen will, ist die Demokratie, eine Demokratie im Sinne einer voluntaristisch-plebiszitären Volksherrschaft freilich. Die parlamentarisch-repräsentative, auch in der Weimarer Verfassung verankerte Variante der Demokratie kommt aus seiner Sicht einer Contradictio in Adjecto gleich. Die Repräsentativität von Herrschaft war das angestammte Formprinzip der Dynastie, dasjenige der Demokratie aber ist die Identität von Herrschern und Beherrschten. Da sich nun der Parlamentarismus das Prinzip der Repräsentativität zueigen gemacht hat, hätte er Schmitt zufolge den Anspruch, den Willen des gesamten Volkes zu artikulieren, im Grunde nie erheben dürfen. Nirgendwo treten die Divergenzen zwischen beiden Herrschaftsformen derart deutlich zutage wie im Rahmen der konkreten politischen Entscheidungsfindung. Im Parlamentarismus vollzieht sie sich auf den bisweilen tatsächlich eher verschlungenen Wegen der Debatte, in der Demokratie hingegen fernab jeder argumentativen Rationalität qua Plebiszit.108 Schmitt stellt in diesem Kontext auch klar, dass die seinerzeit allenthalben lautstark beschworene Existenzkrise der Demokratie bei Lichte betrachtet eine des Parlamentarismus ist. (vgl. 21) Zu Papier gebracht worden ist die „Geistesgeschichtliche Lage“ nicht zuletzt in der Absicht, die beiden vor allem in der Alltagssprache, bisweilen aber auch in Fachkreisen ganz unbekümmert synonym gebrauchten Begriffen wieder zu trennen, um eine plebiszitär organisierte Demokratie nach der absehbaren Implosion des Parlamentarismus als historisch unbelastetes Modell politischer Praxis in Stellung bringen zu können.109

Seine Kritik macht Schmitt an gleich mehreren Aspekten der parlamentarischen Alltagsarbeit fest. Dazu gehören vor allem das die Landschaft der im Reichstag vertretenden Parteien stark parzellierende und eine weltanschaulich homogene Regierungskonstellation im Grunde unmöglich machende Verhältniswahlrecht sowie die parlamentsexterne Einflussnahme auf die Entscheidungen der Volksvertreter. Beide pervertieren das Prinzip der öffentlichen Debatte und damit auch den Anspruch der parlamentarisch generierten Gesetze auf Wahrheit und Gerechtigkeit. Im Falle des ersten Punkts nimmt Schmitt die Kommunikationsgewohnheiten der politischen Parteien und der Gruppen ihrer Vertreter im Parlament, der Fraktionen also, ins Visier. Die meisten der in Zeiten von Koalitionsregierungen zwischen den beteiligen Fraktionen ausgehandelten Gesetze trägt für ihn das Stigma des Kompromisses – er scheint die einzige Möglichkeit zu bieten, den Auswüchsen des Meinungspluralismus der Parteien und Fraktionen überhaupt noch Herr zu werden. Fröhliche Urstände feiert die vordemokratische „Arkanpraxis“ (62) aber auch im Falle des zweiten Punkts. Verletzt sieht Schmitt hier das Prinzip der Entscheidungsunabhängigkeit der Legislativgewalt. Die öffentliche Debatte definiert er als Austausch von Meinungen, „der von dem Zwecke beherrscht ist, den Gegner mit rationalen Argumenten von einer Wahrheit und Richtigkeit zu überzeugen oder sich von der Wahrheit und Richtigkeit überzeugen zu lassen.“ (9) Die Entfremdung dieses Zwecks durch rationalitätsexterne Faktoren ist dabei nicht erst bei Habermas ein Thema. Schon Schmitt stellt fest, dass vieles von dem, was „die Vertreter großkapitalistischer Interessensverbände im engsten Komitee abmachen“ (62), häufig wichtiger sei als ein parlamentarischer Beschluss, schon er moniert, dass die „große[n] politische[n] und wirtschaftliche[n] Entscheidungen, in denen heute das Schicksal der Menschen liegt, [...] nicht mehr das Ergebnis einer Balancierung der Meinungen in öffentlicher Rede und Gegenrede“ (ebd.) seien.110

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Die Kritik an Anspruch und Wirklichkeit der Weimarer Reichsverfassung sollte der Grundtenor auch dessen bleiben, was Schmitt in den Folgejahre zu Papier bringt. „Der Begriff des Politischen“, ein Titel aus dem Jahr 1927, stellt den Liberalismus an den Pranger, weil er mit seinem Durchbruch als Weltanschauungslehre des emanzipierten Bürgertums des 19. Jahrhunderts das traditionelle Repertoire politischer Grundbegriffe neu geordnet hat. Betroffen von dieser Umwertung war auch das antagonistische Grundprinzip des Politischen: die Unterscheidung zwischen Freund und Feind.111 Folgt man Schmitt, so hat sich der Liberalismus bei der Abwicklung dieses Prinzips selbst eine Falle gestellt. Die Semantik des herkömmlichen politischen Vokabulars nämlich hat er ausgerechnet auf der Folie eines anderen klassischen Widerspruchs verwischen wollen: auf derjenigen der Unterteilung der Welt in eine materielle und eine immaterielle Hemisphäre. Den Begriff des Feindes etwa hat er „von der Geschäftsseite her in einen Konkurrenten [und] von der Geistseite her in einen Diskussionsgegner aufzulösen versucht.“ (Schmitt 31991: 28) Vereinfacht hat das das Management des politischen Alltags einer hochkomplexen Industriegesellschaft in keiner Weise. Für Schmitt ist die klassische Freund-Feind-Unterscheidung, ungeachtet der politischen und wirtschaftlichen Stabilität, die die mittleren und späten zwanziger Jahre der Weimarer Republik bescherten, ein weitaus effizienteres Modell der Lösung politischer Konflikte als der Liberalismus mit seiner strukturellen Affinität zur Kompromissfindung. Welche Staatsform die „Homogenität“ am ehesten herzustellen und alles „Fremde und Ungleiche“ (14) am nachhaltigsten zu isolieren in der Lage ist, findet sich bereits in der „Geistesgeschichtlichen Lage“ dargelegt: die Form der plebiszitären Demokratie.112

In „Legalität und Legitimität“ schließlich ist eine von der Fetischisierung des Kompromisses ausgehende konkrete Gefahr beim Namen genannt: der Bürgerkrieg. Publiziert wurde die Schrift 1932, in einer Phase der Republik also, die zu Geschichtsoptimismus tatsächlich kaum noch Anlass bot. Die Kanzler Brüning und von Papen regierten mit wechselnden Reichstagsmehrheiten bzw. hingen vom Vertrauen allein des Staatsoberhaupts ab; es dürfte daher kaum verwundern, dass die Ablehnung des parlamentarischen Gesetzgebungsstaats, die zeitgenössische Variante des liberalen Rechtsstaats des 19. Jahrhunderts (vgl. Schmitt 1993: 7), noch schroffer ausfällt als in Schmitts Arbeiten der frühen zwanziger Jahre. Was „Legalität und Legitimität“ interessant macht, ist die Auslotung der politischen Dimension des für eine Massengesellschaft wie die der Weimarer Republik typischen Interessenspluralismus. Das Legalitätsprinzip findet seinen Ausdruck im repräsentativ-demokratischen Gesetzgebungsstaat. Mit der Debatte hat sich der Parlamentarismus die bürgerlich-aufgeklärte Standardpraxis der Kanalisierung des Ideen- und Meinungspluralismus zu eigen gemacht – an dessen materialistischer Fortschreibung, dem Interessenspluralismus, droht er nunmehr zugrunde zu gehen. Die Beschreibung der Vertreter dieser Interessen ist nicht frei von verschwörungstheoretischen Zwischentönen: Sie bevorzugten das „Zwielicht“ eines institutionell amorphen „Zwischenzustandes“ (84 f.), sie formieren sich „bald als ‚Staat’, bald als ‚nur soziale Größe’ und ‚bloße Partei’“ (85) und verwandeln dabei „alle staatlichen, föderalistischen, kommunalen, sozialrechtlichen und andere Zuständigkeiten in Positionen ihres Machtkomplexes“ (84). In Verbindung „mit anderen Partnern des pluralistischen Systems“ bilden sie schließlich „den maßgeblichen staatlichen Willen“ (ebd.). Der Parlamentarismus im klassischen Sinne eines Generators rationaler und idealer Gesetze kämpft damit längst auf verlorenem Posten, die Instrumentalisierbarkeit des konstitutionell verankerten Abstimmungsreglements hat ihn zu einem Spielball der Träger des pluralistischen Systems degradiert. Aufgrund einer mangelnden Transparenz des legislativen Alltags führt er plötzlich ein Dasein fernab einer Gesellschaft, deren Interessen zu repräsentieren er eigentlich angetreten war.

Das Schicksal, das Schmitt dem pluralistischen Parteienstaat prophezeit, könnte düsterer kaum sein. Um der Verteidigung der Suprematie seiner Träger willen wird er bald in alle Lebensbereiche eingedrungen und damit ins Totalitäre umgeschlagen sein. (vgl. 89) Gerade die Weimarer Verfassung wird diese Entwicklung kaum noch verhindern können, schließlich hat sie, weil sie parlamentarisch-legale und plebiszitär-legitime Elemente verbindet, den alten Konflikt zwischen Liberalismus und Demokratie am Leben gehalten. Genau diesen Konflikt aber wissen die Träger des Pluralismus für sich zu nutzen. Ihre Vorherrschaft will Schmitt mit der verfassungsrechtlich in der Person des Reichspräsidenten institutionalisierten Legitimität brechen, diese Legitimität nämlich sei, so seine Einschätzung, „die einzige Art staatlicher Rechtfertigung, die heute allgemein als gültig anerkannt sein dürfte.“ (87) Eine Anerkennung der historischen Bedeutung einer aufgeklärt kritischen Öffentlichkeit wird von einem Staat wie diesem allerdings nicht zu erwarten sein, sehr wohl aber eine der „substanzhafte[n] Inhalte und Kräfte des deutschen Volkes“ (90).

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Schmitts Generalkritik sowohl an den handwerklichen Schwächen als auch an der ideologischen Anachronizität der Weimarer Verfassung musste natürlich auch ein Pressewesen, das auf die Existenz einer dialog- und debattenfähigen, differenziert denkenden und politisch interessierten Öffentlichkeit angewiesen war, ins Mark treffen. Aufhorchen lassen dürfte, wie sicher sich Schmitt war, mit seiner Kritik an Parlamentarismus, Liberalismus und Pluralismus ein von seinen Zeitgenossen lange schon gehegtes Ressentiment aufgegriffen zu haben. Spätestens die Ergebnisse der Reichstags- und Reichspräsidentenwahlen der dreißiger Jahre schienen ihm Recht zu geben; der wachsende Zuspruch für die totalitären Parteien des rechten und linken Rands waren nicht zuletzt Misstrauensvoten gegen die „argumentierende[] öffentliche[] Diskussion“ (Schmitt 71991: 10) und deren Anspruch, die für eine arbeitsteilige, unter den Folgen des Weltkrieges leidenden Massengesellschaft typisch gewordenen Probleme zu lösen. Schmitt selbst hat die Ablösung des wahrheitsgläubigen Prinzips der parlamentarischen Debatte durch das identitätsstiftende des voluntaristischen Plebiszits schon viel früher gefordert, folgt man Mehring, so vollzog er mit dieser Position den geistigen Übertritt vom Katholizismus zum Faschismus italienischer Prägung (vgl. Mehring: 39) – Mussolini stand bereits seit Oktober 1922 an der Spitze des italienischen Staats. Gesetzt den Fall, Schmitt hätte Recht gehabt und die Prinzipien des bürgerlichen Liberalismus wären tatsächlich bereits kurz nach der Konstituierung der Weimarer Republik nur noch eine „leere[] Formalität“ (Schmitt 71991: 10) gewesen, wären die Rundfragen natürlich auch nicht mehr das Ferment einer kritisch-reflexiven Öffentlichkeit, sondern eine gerade noch geduldete, flüchtige Reminiszenz an das Zeitalter der Aufklärung gewesen. Eine Position, über die zu streiten sich lohnt.


Fußnoten und Endnoten

15 „Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne“

16 Nicht selten dürfte im Falle der zweiten Perspektivwahl die Furcht eine Rolle gespielt haben, die Liquidierung der Republik durch den NS-Staat habe sich mit geschichtsteleologischer Notwendigkeit vollzogen und könne im Falle wirtschaftlich ähnlich schlechter Rahmendaten auch der so genannten „Bonner“ bzw. „Berliner Republik“ drohen.

17 Peukert zufolge stellen die 14 Jahre der Weimarer Republik „eine Epoche eigener Art“ (Peukert: 10) dar. Ziel seiner Arbeit sei es, diese „Eigenart innerhalb der längeren Kontinuität der deutschen Geschichte“ (ebd.) genauer zu beschreiben.

18 Dies der Haupttitel von Rupprechts Studie über den Beitrag konservativ-revolutionärer Intellektueller „zur unheilvollen Geschichte dieses Jahrhunderts“ (Rupprecht: 10).

19 Der Expressionismus, in dessen Namen zahlreiche Dramatiker das republikanische Zeitalter betraten, war bekanntermaßen schon ein Kind der späten Kaiserzeit, die Neue Sachlichkeit wiederum erlebte ihren Durchbruch erst Mitte der zwanziger Jahre.

20 Ihr Titel lautete zunächst „Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“. Erst die Neuerscheinung des Buches 1959 trug den heutigen Titel.

21 Der später zum Katholizismus konvertierte Döblin nimmt das Obrigkeitsverständnis der Kirchen der Reformation ins Visier. Er reagierte mit den „Offenen Briefen“ auf ein Anschreiben des Studenten Gustav Hocke. Erstpubliziert wurde dieser Brief und Döblins Repliksammlung unter dem Titel „Wissen und verändern! Offene Briefe an einen jungen Menschen“ 1931 im S. Fischer Verlag Berlin. Der Autor konnte, anders als Plessner, die historische Zäsur, die der 30. Januar 1933 bedeuten sollte, folglich noch nicht thematisieren.

22 Gefallen sei die Entfaltung und nationale Konsolidierung dieser Philosophie ins 17. Jahrhundert, in eine Zeit also, in der der Verfall des alten Deutschen Reiches eingesetzt habe. (vgl. Plessner: 36)

23 Schon damals habe das Nationalbewusstsein keinen Halt in einer Staatsidee gefunden. Als Ersatz dafür habe „der romantische Begriff des Volkes die Rolle [einer] politischen Idee“ (41) übernommen.

24 Im angelsächsischen Raum sei der Garant der in dieser Idee zum Ausdruck gebrachten Säkularität der Politik der „Nonkonformismus der Puritaner“ (63) gewesen, im nachrevolutionären Frankreich der Laizismus.

25 Zu diesen Teilbereichen zählt Plessner Psychologie, Ethnologie und Soziologie. (vgl. 102)

26 Zu nennen wäre hier vor allem der in die zweite Hälfte der zwanziger Jahre fallende dramatische Einbruch der Zahl der im industriellen Sektor Beschäftigten.

27  Seinen Ausdruck fand er im „Zentralarbeitsgemeinschafts“-Abkommen vom 15. November 1918.

28 In seiner Einleitung zu Glatzer (Hg.), Berlin zur Weimarer Zeit schreibt Wolf Jobst Siedler dazu: „Dabei war manches an der Modernität der zwanziger Jahre schon vor dem großen Beben dagewesen, das die wilhelminische Epoche so abrupt abgeschlossen hatte. Sieht man genauer hin, so ist in den Weimarer Jahren nichts wirklich neues ans Licht getreten, und insofern ist der Mythos von den ‚goldenen zwanziger Jahren’ ein wenig irreführend. [...] Alles wirklich Umstürzende war schon im späten Kaiserreich angelegt gewesen, wenn auch der Monarch selber solche Neuerungen verabscheute. Der Kaiser merkte gar nicht, wie fortschrittlich seine Zeit war, [...].“ (Glatzer: 11 f.)

29 Das Beispiel der Piscator-Bühne zeigte, dass das zahlungskräftige Bürgertum selbst da, wo es ob seiner Standeszugehörigkeit direkt angriffen wurde, nicht von Theaterbesuchen zurückschreckte. Das Haus am Berliner Nollendorfplatz war eine Attraktion selbst für die Zehlendorfer Bourgeoisie. (vgl. Hermand/Trommler: 250)

30 Von je her habe die Poetik „eine merkwürdige Macht über die Phantasie der Deutschen“ (Gay: 95) besessen. Ihre Wesensbestimmung schien sie in der Leugnung eines prinzipiellen Unterschieds zwischen Religion und Dichtung gefunden zu haben. (vgl. 97)

31 Der in Bialas/Iggers, S. 74-90, publizierte Beitrag, dem das Zitat entnommen ist, trägt den Titel: „Weimarer Intellektuelle und die Ordnung des ‚Zivilverstandes’. Das Beispiel Carl Schmitt“.

32  Interessant macht Zolas Intervention aber auch der historische Kontext, in dem sie erfolgte. Die Dreyfus-Affäre markierte den Tiefstand der Geschichte der seit ihrer Proklamation 1875 mal von den klerikal-nationalen, mal von den sozialistischen und radikallaizistischen Kräften majorisierten Dritten Republik. Heinrich Mann hat Zola dafür gelobt, dass er die Demokratie in Frankreich als „ein Geschenk der Niederlage“ (H. Mann 1997: 163) von Sedan und die Republik als „das Wesen der politischen Wahrheit selbst“ (165) empfunden habe. In der Tat war Frankreich nach dem Fall des Zweiten Kaiserreichs um die Etablierung einer stabilen demokratischen Republik bemüht, ein historisches Projekt, das durch die Dreyfus-Affäre akut gefährdet war. Einer seiner Nachbarn stand wenig später vor den Herausforderungen eines vergleichbaren politisch-konstitutionellen Umbruchs: das Deutschland der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

33 Verfasst hat Benda das Buch vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit der zunehmenden Rechtslastigkeit der französischen Bourgeoisie der 1920er Jahre. Einen Verrat stellen aus seiner Sicht die Abkehr der Intellektuellen von den allgemeinen Prinzipien des Rationalismus und ihre Koalition mit den Vertretern politischer Partikularinteressen dar. Auch wenn der Marxismus nicht unerwähnt bleibt, geraten Benda vor allem die Katalysatoren der rechtsnationalen Kritik an den politischen Idealen des Liberalismus ins Visier, namentlich Charles Maurras, Maurice Barrès und Paul Bourget.

34 Lepsius stützt sich bei der Formulierung dieser These auf die Publikation von der Soziologen Theodor Geiger und Alfred von Martin. (vgl. Lepsius: 274)

35 Da Werte aber, anders als etwa die platonische Idee des Guten, dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen, schwankt auch die Popularität des Intellektuellen stark. Je solider die Verankerung der Werte ausfällt, die er vertritt, desto größer auch die soziale Akzeptanz eines medial allgegenwärtigen und vermeintlich allwissenden Intellektuellen, je weniger solide sie ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit seiner Bezichtigung als Verräter. (vgl. 282 f.)

36 Lepsius unterscheidet an dieser Stelle zwischen „aktuellen“ und „potentiellen“ Intellektuellen. Allein die aktuellen wissen die medialen Möglichkeiten für ihre Zwecke zu nutzen.

37 Ein Recht, dessen Gültigkeit in den Tagen der Spiegel-Affäre staatlicherseits in Frage gestellt worden zu sein schien. Nicht wenige fürchteten seinerzeit die Renaissance eines politischen Führungsstils, der knapp vier Jahrzehnte zuvor bereits der Weimarer Republik das Rückgrat gebrochen hatte.

38 Eine 1982 gegründete und an der Pariser Maison des Sciences de l’Homme angesiedelte Einrichtung mit einem Schwerpunkt auf der Erforschung des Kulturlebens der Weimarer Republik.

39 Der Begriff der „Gemengelage“ fällt in Bialas’ Aufsatz „Intellektuellengeschichtliche Facetten der Weimarer Republik“, dem Eröffnungsbeitrag des zusammen mit Georg Iggers herausgegebenen Sammelbands „Intellektuelle in der Weimarer Republik“, der des „Austauschdiskurses“ in Gangls „Interdiskursivität und chassés-croisés. Zur Problematik der Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik“, einem Aufsatz aus Hanuscheks „Schriftsteller als Intellektuelle“.

40 Zu nennen wäre u. a. sein Engagement für den in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegründeten Politischen Rat geistiger Arbeiter, ein „Versuch der Institutionalisierung eines linksintellektuellen politischen Aktivismus“ (Bialas/Iggers: 20). In der Rede, die Mann hielt, nachdem er im Dezember 1918 in das Münchener Leitungsgremium gewählt worden war, entwirft er die Vision eines Bündnisses zwischen Bürgerlichen und Sozialisten (vgl. „Sinn und Idee der Revolution“, in: H. Mann, Macht und Mensch, S. 158-161). Spätestens die Ermordung Kurt Eisners im Februar des Folgejahres aber machte deutlich, dass derlei Appelle kaum Gehör fanden.

41 Aus der Perspektive einer eher trivialen Kosten-Nutzen-Ethik wird man Craig die Berechtigung seines Vorwurfs kaum absprechen können. Wer aber, wie zahlreiche aus dem Expressionismus kommende Linksintellektuelle, die Revolution auf dem Papier bis ans Ende durchgespielt hatte, konnte sich mit Parlamentarismus und Korporatismus naturgemäß nicht zufrieden geben.

42 Folgt man Laqueur, hat der Typ des deutschen Intellektuellen vor allem in der Auseinandersetzung der Jungdeutschen mit der geistesgeschichtlichen Überfigur Goethe an Kontur gewonnen. (vgl. Laqueur: 281)

43 Auch Barrès, von Benda noch regelrecht diabolisiert, sei ein „Mann von Ideen“ (280) gewesen, auch er konnte Laqueur zufolge einen Anspruch auf das Prädikat des Intellektuellen erheben.

44 Das dabei herangezogene Kriterium ist die politische Tiefendimension des literarischen Outputs des fraglichen Zeitabschnitts, den Übergang zwischen den beiden Phasen wiederum markiert die sich Ende der zwanziger Jahre schlagartig eintrübende gesamtwirtschaftliche Situation.

45 Eine Persönlichkeitsqualität, die „zu jener Zeit gefragter als demokratische Prinzipien“ (286) gewesen sei.

46 Die Titel, die Laqueur in diesem Kontext nennt, sind Thomas Manns „Mario und der Zauberer“, Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, Döblins „Wissen und Verändern“ und Feuchtwangers „Erfolg“ (vgl. 288)

47 Als Persilschein für die Massenflucht einer ohnmachtkonfrontierten Elite in die Utopie mag das noch verstanden werden können, nicht aber als einer für die kollektive Häme der Jahre zuvor.

48 Den Anlass dazu, sich mit dem Autor der „Romantischen Schule“ zu beschäftigen, bot eine Gedenkfeier zum 150. Jahrestag des Verbots der Autorengruppe des Jungen Deutschland im Dezember 1985. Seiner dabei gehaltenen Rede verpasste Habermas den Titel „Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland“. Publiziert wurde die ungekürzte Fassung in: Habermas, Die Moderne – ein unvollendetes Projekt, S. 130-158.

49 Zu erdulden hatte er in seiner Heimat dafür alle erdenklichen Steigerungsformen der psychologischen Kriegsführung, Exil und Condemnatio memoriae durch die Nachwelt eingeschlossen.

50 Zugerechnet werden dieser Gruppe u. a. Hermann Hesse und Thomas Mann sowie Ernst Robert Curtius und Karl Jaspers, die „Mandarine unter den Gelehrten“ (Habermas 1999: 137). Ihr gemeinsames Band: Dass sie die „’Politisierung des Geistes’ als Verrat an der Berufung der schöpferischen und gebildeten Persönlichkeit“ (ebd.) zu empfinden schienen.

51 Hier fallen die Namen Max Weber und Theodor Heuss. Ihre Sorge gilt der Reinheit nicht nur der Kunst, sondern auch der Politik. Eine Politisierung der Ästhetik könnte, so die Befürchtung, umgekehrt auch ein „unernstes, inkompetentes, schwankendes Element“ (ebd.) in den Bereich der Politik bringen.

52 Eine Gruppe, die im Namen der „Emphase von ‚Geist und Tat’“ (ebd.) zusammenfand. Habermas zählt die Aktivisten um Kurt Hiller, die Expressionisten und Ernst Bloch dazu. Sie überschätzten, indem sie „von einer Internationale, einem Konvent, einem Areopag der verbündeten Intellektuellen“ (ebd.) träumten, die Möglichkeit des politischen Künstlers völlig.

53 Zu diesem Typ gehören Intellektuelle, die wie Georg Lukács oder Johannes R. Becher „die Linie zum Berufspolitiker oder Berufsrevolutionär“ (138) überschritten und infolgedessen tatsächlich politischen Einfluss gewonnen hätten.

54 Eine interessante Definition dieser Gruppe findet sich bei Gay in den „Außenseitern“. Zu den Vernunftrepublikanern zählt er den Historiker Friedrich Meinecke und den liberalen Ingenieur und Industriellen Robert Bosch. In ihren Kreisen habe man in den Kategorien einer ausgleichenden historischen Gerechtigkeit gedacht. Gedeutet wurde die Republikgründung dabei als Sanktion gegen den alten chauvinistischen Adel und das zur Hybris neigende wilhelminische Bürgertum. Enthusiasmus zu erwecken vermochte der neue Staat auch in den Reihen der Vernunftrepublikaner allerdings nie, „der Barbarei der Rechten und der Verantwortungslosigkeit der Linken“ (Gay: 45) allerdings habe man ihn entschieden vorgezogen.

55 Eine am 15. Oktober 1922 im Berliner Beethoven-Saal gehaltene Rede, erstveröffentlicht in: Neue Rundschau, H. 11, November 1922.

56 Vgl. Anm. 31 der vorliegenden Arbeit.

57 Ein aus dem Umfeld der Groupe de la Recherche sur la Culture de Weimar hervorgegangenes Konvolut.

58 Orientiert hatte sich Gangl dabei an Foucaults Auffassung von Geschichte als Serie kontingent miteinander verbundener Diskursschichten. (vgl. Hanuschek: 44)

59 Kaes beispielsweise nimmt in seiner Überblicksdarstellung „Vom Expressionismus zum Exil“ Bezug auf gleich zwei Enquêtes – beide bezeichnet er als „Umfrage“ (Kaes: 294) –, auf eine des BBCs („Was glauben Sie, verlangt Ihr Publikum von Ihnen?“ BBC Jg. 57, Nr. 603, 1. Beilage, 25. 12. 1925) und auf eine der VZ („Stirbt das Drama?“ VZ Nr. 159, 2. Beilage, 4. 4. 1926). Interessant für Kaes ist in beiden Fällen nur die Antwort Brechts.

60 Der Fall war das beispielsweise bei Döblin. Ein Teil seiner Antwortschreiben hat in der von Walter Muschg initiierten Werkauswahl Aufnahme gefunden, darunter seine Reaktionen auf „Das Land, in dem ich leben möchte“ (LW Jg. 8, Nr. 18, 29. 4. 1932) in: Döblin 1972, S. 302 f., auf „Mein erster Erfolg – mein erster Misserfolg“ (LW Jg. 8, Nr. 43, 21. 10. 1932) in: Döblin 1986, S. 219, oder auf „Das Gesicht des Naturalismus“ (LW Jg. 8, Nr. 46, 11. 11. 1932) in: Döblin 1989, S. 276 ff. (unter dem Titel: „Alles hat sich geändert“)

61 Dazu gehören beispielsweise „Was erwarten Sie von der Tagung des Berliner Pen-Klubs? Eine Umfrage unter Berliner Mitgliedern und Nichtmitgliedern“ (LW Jg. 2, Nr. 20, 14. 5. 1926) oder „Welche drei Wünsche würden Sie sich von der Weihnachtsfee, wenn Sie Ihnen erschiene, erfüllen lassen? Eine Umfrage an die beliebtesten Erzähler des deutschen Heims“ (LW Jg. 2, Nr. 52, 24. 12. 1926).

62 Um eine zu häufige Wiederholung des Rundfragenbegriffs zu vermeiden, sei „Enquête“ als alternative Bezeichnungen gestattet.

63 Die wohl profundeste Studie speziell zu diesem Thema ist 1980 unter der Leitung von Manfred Nössig beim Aufbau-Verlag unter dem Titel „Literaturdebatten in der Weimarer Republik“ vorgelegt worden. Das Buch stellt ein herausragendes wissenschaftliches Verdienst dar, das selbst durch die tendenziöse Terminologie seiner Autoren nicht wirklich geschmälert werden kann. Prominente, auch bei Nössig thematisierte Beispiele klassischer Literaturdebatten sind die im März 1920 ausbrechende so genannte „Kunstlump“-Debatte zwischen Oskar Kokoschka auf der einen und John Heartfield und George Grosz auf der anderen Seite (vgl. Nössig: 173-180), der innerhalb des Redaktionskomitees der Neuen Bücherschau einen Showdown provozierende Streit um Max Herrmann-Neißes Anfang 1929 dort publizierte Eloge auf die Prosa Gottfried Benns (vgl. 484-491) oder schließlich die fast zeitgleich geführte Auseinandersetzung um die Konzeption des Protagonisten des Döblin-Romans „Berlin Alexanderplatz“ zwischen dessen Verfasser und Autoren der Linkskurve. (vgl. 509 ff.)

64 Der Noelle-Neumann-Titel ist zweifellos ein Klassiker der demoskopischen Fachliteratur, Jacob/Eirmbter und Scholl sind zwei zeitgenössische Gesamtdarstellungen der Möglichkeiten der interrogativen Datenerhebung, Strauss schließlich ist eine vor allem für die Analyse des Rundfragenmaterials interessante Grundlagenschrift.

65 Der Terminus Demoskopie erfuhr seine Prägung in der amerikanischen Soziologie der mittleren 1940er Jahre, seiner Durchsetzung auch im deutschen Sprachraum verdankt er der Aufnahme in den Namen des von Noelle-Neumann 1947 begründeten „Instituts für Demoskopie Allensbach“. (vgl. Noelle-Neumann/Petersen: 619) Da der Begriff der Umfrageforschung auch der Weimarer Republik bereits geläufig war, soll im Folgenden vornehmlich auf ihn zurückgegriffen werden.

66 Dass zumal die Demoskopie durchaus das Potential dazu hat, die Rolle eines Subjekts der Geschichte auszufüllen, hat Noelle-Neumann bereits mit der Widmung ihres Buches unterstrichen. Dediziert ist es Erich Peter Neumann, dem „Pionier der politischen Umfrageforschung“. Neumann habe sich von der Zuversicht leiten lassen, dass der Demoskopie im Falle der Bundesrepublik etwas gelingen würde, was ihren Vorformen im Falle der Weimarer Republik noch nicht vergönnt war: die Demokratie zu verteidigen.

67 Aus der „Universitätsstatistik“ hat sich nach Ansicht von Jacob/Eirmbter, aber auch Noelle-Neumanns das heutige Fach Politische Wissenschaft entwickelt.

68 Über Jahrhunderte waren das vor allem die Geburten- und Sterbelisten der Kirchbücher.

69  In diesem Zusammenhang fallen die Name August Ludwig von Schlözers und Ernst Engels. Schlözer hatte bereits im 18. Jahrhundert die Notwendigkeit einer zentralistischen Regierungsstatistik erkannt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts allerdings wurde die „amtliche Statistik mit einem kontinuierlichen Erhebungsprogramm“ (Jacob/Eirmbter: 18) auch wirklich institutionalisiert. Man gründete das Preußische Statistische Büro. Engel stand in den Jahren von 1860 bis 1882 an seiner Spitze.

70 Evaluationen dieser Art lassen sich schon für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nachweisen, durchgeführt etwa unter Fabrikbesitzern über die Situation der Lehrlinge und Gesellen, unter Gutsbesitzern über die Lebensbedingungen der Landarbeiter oder unter protestantischen Landgeistlichen über die Sittenstrenge der Bewohner ihrer Seelsorgebereiche (vgl. Noelle-Neumann/Petersen: 621).

71  Die Gültigkeit eines hehren Grundsatzes der Literaturwissenschaft allerdings, dem zufolge das Ich eines fiktionalen Textes nicht mit dem seines Autors verwechselt werden darf, ist im Falle eines experimentellen Textgenres wie der Rundfrage natürlich außer Kraft gesetzt.

72 Der Fachterminus dafür lautet „’Feldarbeit’“ (620). Als effektivstes Modell der Datenakquirierung erwies sich relativ schnell der Fragebogen. Auch auf ihn griff man zunächst in England zurück. (vgl. ebd.)

73 Scholl widmet sich – ebenfalls in einem separaten Unterkapitel – überdies noch einer vierten Klasse von Befragungsverfahren: den computergestützten. Aufgrund ihrer eher jungen Tradition können sie hier allerdings übergangen werden.

74 Dass die Initiatoren alternative Möglichkeiten der Frageübermittlung gefunden haben, kann nicht definitiv ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich ist das zumal da, wo sich unter den Replikanten Mitarbeiter des rundfragenden Mediums selbst befanden. Das für die Rubrizierung der Rundfragen entscheidende Kriterium aber ist die Form der Antworten. Um Protokolle eines fernmündlichen Monologs dürfte es sich dabei nicht gehandelt haben, dazu ist die gedankliche und stilistische Qualität der meisten Texte viel zu hoch.

75 An diesem Unikalitätsprinzip aber schien man festhalten zu wollen, wahrscheinlich vor allem deshalb, weil bei einer Entscheidung zugunsten des klassischen Interviews schlichtweg der Platz gefehlt hätte, mit den Namen gleich mehrerer aufmerksamkeitsgarantierender Persönlichkeiten aufzuwarten.

76 Aufgrund ihrer strukturellen Verwandtschaft behandelt Scholl beide Formen, also Leitfaden- und Experteninterview, in einem gemeinsamen Unterkapitel. Das Prinzip des Leitfadeninterviews ist das der offenen Frageformulierung. Dem Befragten gibt das die Möglichkeit einer ganz individuell akzentuierten Antwort. Zur Teilnahme eingeladen werden können die Angehörigen sozialer Randgruppen genauso wie die der gesellschaftlichen Eliten. (vgl. Scholl: 66 f.)

77 Zu den Unterschieden zwischen quantitativ-standardisierten und qualitativ-offenen Verfahren der Befragung vgl. S. 54 der vorliegenden Arbeit.

78 Seine Relevanz für die Befragung ergibt sich also „aus der Position oder der Funktion“ (67), die er beispielsweise in einer bestimmten Organisation innehat.

79 Dies gelte insbesondere für solche Experten, deren Wissen „über vorformulierte Kategorien weit hinausreicht und [...] mit einer standardisierten Befragung nicht angemessen erfasst werden könnte.“ (ebd.)

80 Scholl unterscheidet in diesem Zusammenhang noch zwischen verschiedenen Fragetypen. Der der Ausgangsfrage einer Rundfragenaktion am ehesten entsprechende ist die „Schlüsselfrage“ (68). Auch für die Umfrageforschung ist sie zentral, und zwar deshalb, weil sie, „wenn auch nicht notwendigerweise im identischen Wortlaut, immer bzw. allen Befragten“ (ebd.) gestellt würde.

81 Scholl nennt Lehrer, die über ihre Schüler, und Sozialarbeiter, die über Sozialhilfeempfänger befragt werden. (vgl. 67)

82 Scholl unterscheidet im Falle des qualitativ-offenen Verfahrens zwischen vier Gütekriterien: „Transparenz, Konsistenz und Kohärenz sowie Kommunikabilität“ (28). Transparenz wird erreicht durch „vollständige Dokumentation der Transkripte vom Interviewgespräch“ (ebd.), Konsistenz bezieht sich auf Auskünfte der Befragten, Kohärenz auf die Themen der Befragung, und Kommunikabilität meint, dass das „gemeinsame Aushandeln von Bedeutung“ bei der Dokumentation der Ergebnisse „in Form von Zitaten der Befragten“ (29) sichtbar gemacht wird.

83 Noch präziser ist es die Grounded Theory, der Strauss sein Buch gewidmet hat, eine Richtung innerhalb der qualitativen Sozialforschung, die sich zum Ziel gesetzt hat, „eine Theorie zu generieren und zu überprüfen.“ (Strauss: 19) Ihr Reiz liegt in ihrer interdisziplinären Verwertbarkeit. In seinem Vorwort hat Bruno Hildenbrand die Grounded Theory mit den folgenden vier Schlagworten beschrieben: „der Fall als eigenständige Untersuchungseinheit; soziologische Interpretation als Kunstlehre; Kontinuität von alltagsweltlichem und wissenschaftlichem Denken; Offenheit sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung.“ (11)

84 Ein Blick in die Annalen der Sozialforschung zeigt, dass der Rückstand der qualitativen Methoden den quantitativen gegenüber längst Tradition hat. Die Verbesserung und Standardisierung der quantitativen erfolgte bereits in den 1920er Jahre. Die Vertreter der qualitativen hingegen haben sich für eine Optimierung vor allem der Datenerhebung interessiert, des ersten Arbeitsschritts also, nicht aber für die der eigentlichen Analyse. Um diese Rückstand aufzuholen, brauche es „klarer formulierte, zuverlässigere und validere Methoden, als sie gegenwärtig vorhanden sind.“ (28) Die Grounded Theory ist eine Antwort vor allem auf diese Herausforderung. (vgl. 29)

85 Dazu gehört bereits existentes Datenmaterial ebenso wie eigens für einen wissenschaftlich konkreten Zweck generiertes. Zur ersten Klasse gehören neben Memoiren, offizielle und private Briefe und Tagebücher auch Zeitungen. (vgl. 27)

86 Die „Abstraktion von Individuen“ sei, so die exakte Wortwahl, eine „formale Notwendigkeit“ (Jacob/Eirmbter: 9).

87 Natürlich hat die Umfrageforschung neben der sozialwissenschaftlichen und der gesellschaftsöffentlichen auch eine dezidiert politische Dimension. Ein Interesse an den Stimmungs- und Meinungsbildern eines Volks gebe es, so Jacob/Eirmbter, in allen politischen Systemen. Kennzeichen des demokratischen allerdings sei es, dass „sowohl die Methodik der Datenerhebung als auch die Ergebnisse frei zugänglich [sind] und die Beantwortung der Fragen zudem für die Teilnehmer sozial wie auch rechtlich folgenlos“ (Jacob/Eirmbter: 29) bleibe.

88 Gefragt ist statt des Prognostikers allenfalls eine Art Beobachter zweiten Grades, der das Rundfragenmaterial auch daraufhin sichtet, in welchem Maße die beteiligten Intellektuellen die sich um das Jahr 1930 verschärfende gesamtstaatliche Krise reflektiert und Lösungsvisionen entwickelt haben.

89 Die nachfolgenden Zitate stammen aus einem in „Habermas zur Einführung“ aufgenommenen Gespräch mit dessen Autor Detlef Horster und Willem van Reijen geführten Interview aus dem Jahr 1979.

90 Habermas selbst bezeichnet sich in diesem Gespräch als „Produkt der ‚reeducation’“ (Horster: 101). Er habe nach dem Krieg gelernt, „dass der bürgerliche Verfassungsstaat in seiner französischen oder amerikanischen Ausprägung eine historische Errungenschaft ist.“ Das sei „ein wichtiger biographischer Unterschied zu denen, die miterlebt haben, wozu eine halbherzige bürgerliche Republik, wie die Weimarer Republik, führen kann und denjenigen, die ihr politisches Bewusstsein erst später gebildet haben.“ (ebd.)

91  Die Symbolfigur des Versuchs, den Öffentlichkeitsbegriff von seinen humanistisch-bildungsbürgerlichen Implikationen zu befreien und damit auch für die plebejische Schichte attraktiv zu machen, war Robespierre.

92 Bis 1806, dem Jahr der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, verkörperten die auf den Reichstagen versammelten Fürsten nur sich selbst (vgl. Habermas 1974: 20)

93 Der Begriff der Arkanpraxis bzw. der Staatsarkana geht auf Macchiavellis arcana imperii zurück, einer Katalogisierung von Geheimmaßnahmen, mit deren Hilfe die Herrschaft des Fürsten über das Volks konserviert werden sollte. (vgl. 70)

94  In extenso beschäftigt sich Habermas mit den „Institutionen der Öffentlichkeit“ in § 5 des „Strukturwandels“. Schon das Frankreich des 17. Jahrhunderts verstand unter dem Substantiv „[l]e public“ die Summe der „lecteurs, spectateurs, auditeurs“, der „Adressaten, Konsumenten und Kritiker der Kunst und Literatur“ (46), reservierte es allerdings zunächst noch für die Angehörigen des Hofs, des städtischen Adels sowie der bürgerlichen Oberschicht. Der französische Salon verdankt seine Entstehung einer lokalpolitischen Entscheidung Philipps von Orléans, nämlich der Verlegung der königlichen Residenz von Versailles nach Paris. Sozialgeschichtlich kam dieser Ortswechsel einem Erdbeben gleich. Durch ihn „verliert der Hof die zentrale Stellung in der Öffentlichkeit, ja seine Stellung als Öffentlichkeit. [...] Das großartige Zeremoniell weicht fast bürgerlicher Intimität.“ (46 f.) In England musste sich die städtische nicht erst von der höfischen Kultur emanzipieren. Mit der Revolution hatte der Königshof die Bedeutung verloren, die er in Frankreich noch ein Jahrhundert bewahren sollte. In London gab es bereits im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts über 3000 Kaffeehäuser. Seine Stammgäste rekrutierten sich aus Großbürgern und Adeligen. Anders als ihr französisches Pendant verfügte die englische Aristokratie noch über eine gesellschaftliche Funktion. Daher konnten Gegenstände aus Ökonomie und Politik hier schneller zu Gegenständen des Disputs avancieren. (vgl. 47 ff.)

95 Gottsched hatte die 1677 in Leipzig gegründete „Deutschübende Poetische Gesellschaft“ 1727 übernommen und in „Deutsche Gesellschaft“ umbenannt. Zu organisieren versuchte er sie nach dem Muster der Académie française.

96 Die Sprachgesellschaften entstanden in Opposition zur Alamodenliteratur und grobianischen Dichtung. Ihr Ziel war es, die deutsche Sprache von Fremd- und Dialekteinflüssen zu befreien. Die Mitglieder wurden nach Verdiensten ausgewählt und erhielten, um die Standesunterschiede zu eskamotieren, ein Pseudonym. Den Kontakt untereinander pflegte man noch vorwiegend auf den Wegen des Briefverkehrs. Die erste deutsche Sprachgesellschaft war die 1617 in Weimar durch Ludwig von Anhalt-Köthen gegründete „Fruchtbringende Gesellschaft“ mit in Spitzenzeiten über 500 Mitgliedern.

97 Das erste kritische Journal waren die von Otto Mencke begründeten Acta eruditorum, zu den einschlägigen moralischen Wochenschriften des beginnenden 18. Jahrhunderts gehörten Der Biedermann, Der Patriot und Die unvernünftigen Tadlerinnen.

98 Dass die Selbstbefreiung des bürgerlich-akademischen Milieus keineswegs immer im Handstreich gelang, veranschaulicht das Beispiel der Geschichte des Hallenser Intelligenzblatts. In seinem Falle erfolgte die Rekrutierung von Beiträgen zunächst noch auf königliches Geheiß. So ermahnte ein Schreiben des preußischen Königs die Professoren aller Fakultäten, „eine besondere, in reiner und deutlicher Schreibart verfasste Anmerkung bei dem Anzeig directorio zeitig und längstens Donnerstages“ [sic!] (zit. nach a. a. O. 40) vorzulegen.

99  Er trägt den Titel: „Exkurs: Das Ende der repräsentativen Öffentlichkeit, illustriert am Beispiel Wilhelm Meisters“

100  Die Auflagenentwicklung der beiden anderen namhaften bürgerlich-liberalen Tageszeitungen der Weimarer Zeit folgte dem gleichen Muster:
– Frankfurter Zeitung (Erscheinungszeitraum: 27. 8. 1856 – 31. 8. 1943): 34.800 Exemplare (1890), 170.000 (1917) und 100.000 (1934)
– Berliner Tageblatt (1. 1. 1872 – 31. 3. 1939): 5.000 (1872), 68.000 (1900), 230.000 (1914) und 150.000 (1931) (vgl. Stöber: 237)

101 Haacke/Pötter sprechen in Bezug auf die Weltbühne von einer Auflage von etwa 12000 Exemplaren 1927. (vgl. 369)

102 Offiziell trug das Blatt den Namen Vossische Zeitung erst seit 1910. Ihr Gründungsjahr gab sie im Titelkopf bis zuletzt mit 1704 an. In diesem Jahr soll Johann Michael Rüdiger, der Vater Johann Andreas Rüdigers, das Diarium, ein der Überlieferung nach wöchentlich erscheinendes Nachrichtenblatt, gründet haben. Aus ihm wurde später die Berlinische Privilegirte. (vgl. Jasper 2001: 101) Andere Quellen sprechen davon, dass Rüdiger, als er Lorentz’ Lizenz übertragen bekam, an die Zählung der Berlinischen Ordinairen einfach anknüpften – auch sie war 1704 gegründet worden. (vgl. Lindemann: 157)

103 Jacobs (1875 – 1945), der in Stettin geborene Sohn eines englischen Geschäftsmanns, hatte 1905 als Nachfolger von Fritz Mauthner die Theaterkritik beim Berliner Tageblatt übernommen. 1914 wechselte er zur VZ und beerbte dort Eloesser, ebenfalls als Theaterkritiker. Zum Feuilletonchef der Vossischen arriviert er 1921. Er starb, von den Nationalsozialisten entlassen und aus Deutschland vertrieben, in London. Zehrer (1899 – 1966) ging einen für einen Redakteur der VZ eher ungewöhnlichen Weg: Er gab zwischen 1928 und 1933 Die Tat heraus, in den Weimarer Jahren ein publizistisches Forum der bürgerlich-neokonservativen Rechten. (vgl. Haacke/Pötter: 349 ff.) Bernhard (1875 – 1944) schrieb zunächst, unter dem Pseudonym Gracchus, für die Welt am Montag. Bis 1903 war er Handelsredakteur bei der Berliner Zeitung und der Berliner Morgenpost. Nebenher war er Mitarbeiter von Hardens Zukunft. Seit 1908 war er beim Ullstein Verlag beschäftigt. Bis 1930 fungierte er außerdem als Vorsitzender des Reichsverbands der deutschen Presse.

104 Davidsohn (1835 – 1897) war der erste Vertreter der Berliner Presse, der sich für die Werke Richard Wagners einsetzte.

105 Faktor (1876 – 1942) arbeitete zunächst für den Tag, bevor er 1912 zum BBC wechselte. Zunächst fungierte er dort als Feuilletonchef. Seinen Posten als Chefredakteur musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft räumen. Die Nazis deportierten ihn ins Ghetto in Lodz. Dort kam er zu Tode.

106 Die genannten Publikationen mögen analytisch noch so scharfsinnig sein, vergessen werden sollte darüber nicht, dass sich Schmitt mit ihren Kernbotschaften nolens volens auf die Seite derer geschlagen hatte, die die Auflösung der Republik unter zum Teil heftiger Verhöhnung des Intellekts betrieben haben.

107 Die Situation des gegenwärtigen Parlamentarismus sei im Wesentlichen deshalb so kritisch, „weil die Entwicklung der modernen Massendemokratie die argumentierende öffentliche Diskussion zu einer leeren Formalität gemacht hat.“ (Schmitt 71991: 10)

108  „[G]overnment by discussion“ (13) sei eine Losung des Liberalismus, keine der Demokratie.

109 Schmitt spricht vom „Unterschied von liberal-parlamentarischen und massendemokratischen Ideen“ (7). Seine Kritik am Parlamentarismus ist dabei keineswegs allein ideologisch begründet. Sie zieht durchaus auch die Konsequenzen aus einem empirisch historischen Legitimitätsproblem seiner Institutionen. Völlig frei von polemischen Attitüden ist sie allerdings auch wieder nicht. Die griffigste Formel in diesem Kontext liefert sicher der Vergleich der Aufrechterhaltung parlamentarischer Strukturen mit einem Heizkörper, der mit roten Flammen bemalt ist. (vgl. 10)

110 Gemessen daran seien „die Objekte jener Kabinettspolitik des 17. und 18. Jahrhunderts“ (63) harmlos und idyllisch gewesen.

111  Abgeleitet hat Schmitt diese häufig zitierte Wendung aus den Antinomien anderer klassischer Teilbereiche der theoretischen und praktischen Philosophie. So wie man im Moralischen zwischen gut und böse, im Ästhetischen zwischen schön und hässlich und im Ökonomischen zwischen rentabel und nichtrentabel unterscheide, so im Politischen eben zwischen Freund und Feind. (vgl. Schmitt 31991: 26) Betont hat er allerdings, dass diese Differenzierung eine „Begriffsbestimmung im Sinne eines Kriteriums“ enthalte, nicht aber im Sinne einer „erschöpfende Definition oder Inhaltsangabe.“ (ebd.)

112  Schmitt spricht hier von der „Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen“. (Schmitt 71991: 14) Zusammen mit der Homogenität gehört sie zu den Wesensmerkmalen der Demokratie, in der Vernichtung des Heterogenen findet die Autorität ihr Maß. Sein Beispiel in diesem Zusammenhang ist die „Türkisierung“ (ebd.) der Türkei.



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19.09.2008