IV. Schlusswort

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Zweig hatte in der eingangs zitierten Passage seines Erasmus-Buchs ein Zeitalter beschworen, in dem sich die Leistungen von Kunst und Kultur als langlebiger erweisen sollten als die „Zeitbauten“ (Zweig 1950: 105) von Krieg und Politik. Die Jahre, die der Verabschiedung der Weimarer Verfassung folgten, dürfte er dabei kaum im Blick gehabt haben. Sloterdijk wiederum hat der ersten deutschen Republik attestiert, dank ihrer „artikulierten [künstlerischen] Spitzenleistungen“ die „wachste Epoche der [deutschen] Geschichte“ gewesen zu sein, „ein hochreflexives, nachdenkliches, phantasievolles und ausdrucksstarkes Zeitalter [...].“ (Sloterdijk: 708) Auch ihm war dabei natürlich bewusst, dass die überbordende Kreativität der Weimarer Kultur die Politik völlig ungerührt ließ. Die Sichtbarkeit eines Geistes ist noch kein Indiz seiner Macht. Die Innovativität des Weimarer Kulturschaffendenmilieus war in hohem Maße selbstreferenziell – es blieb auf die Bereiche von Literatur, Theater oder Architektur beschränkt, auf den politischen Diskurs vermochte es nicht abzufärben.

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Auch die Rundfragen sind ein Beleg für dieses bisweilen eklatante Missverhältnis. Dass sie ihren Teilnehmern ein Instrument in die Hand gaben, mit dem sie sich einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung rufen bzw. überhaupt erst bekannt machen konnten, dürfte klar geworden sein. Sie traten, wie eingangs ebenfalls angedeutet, das Erbe des gelehrten Räsonnements an. Natürlich waren sie, dank der medientechnischen Möglichkeiten der Weimarer Zeit, dem Meinungsaustausch, wie er in den auflagenschwachen Journalen der Aufklärungszeit stattfand, um Klassen überlegen. Andererseits erreichten selbst die überregionalen liberalen Qualitätszeitungen der Weimarer Republik ein aus heutiger Sicht eher bescheidenes Verbreitungsniveau, bescheiden zumal dann, wenn man bedenkt, dass die Gegenwart ihren Informationsbedarf unter Rückgriff nicht nur auf Druck-Erzeugnisse, sondern auch auf Radio und Fernseher deckt. Dass ein Blatt, das wie die VZ auch in Spitzenzeiten die Marke von einhunderttausend Exemplaren pro Tag deutlich verfehlte, trotzdem als Generator einer aufgeklärten Öffentlichkeit betrachtet werden kann, war die rezeptionssoziologische Prämisse, ohne die sich die Betrachtung der Rundfragen auf eine reine Analyse ihres Inhalts beschränken müsste. Der Untergang der Weimarer Demokratie hatte nicht zuletzt soziale Gründe; die wirtschaftliche Erosion des bürgerlichen Mittelstandes, die ihn für die Heilsprophetien des Faschismus anfällig machte, war sicher nicht der unbedeutendste. Betrachtet man die Republik allein vom Ende her, müssten die Enquêtes und mit ihnen im Grunde die komplette bürgerlich-demokratische Presse als Teil einer Sisyphos-Arbeit gedeutet werden. Dass der Stein den Abhang, den man ihn hinaufschob, letztlich wieder hinunterrollte, war so selbstverständlich allerdings keineswegs.

Die Dissertation hat, indem sie die inhaltliche Auswertung der Rundfragen mit einer Bewertung ihrer Funktionalität verknüpfte, einen Spagat vollführt. Gegenstand der eigentlichen Analyse konnte natürlich nur ein Bruchteil des Quellenmaterials sein. Das entscheidende Stichwort im Umgang mit der großen Flut von Rundfragen und der noch größeren der publizierten Reaktionen lautete Repräsentativität – berücksichtigt wurden bei der Auswahl der Enquêtes alle Phasen der Weimarer Republik, Teilnehmer unterschiedlicher Popularitätsklassen- und Generationszugehörigkeit sowie schließlich Titel verschiedener Printmedientypen. Die Erkenntnisse der Inhaltsanalyse abschließend auf einen Nenner zu bringen, fällt nicht weiter schwer: Pluralismus und Liberalität, Erscheinungsform und Geisteshaltung der modernen Massengesellschaft, fanden im presseöffentlichen Räsonnement der Rundfragen einen Spiegel. Die Möglichkeit, sich coram publico zu politischen und gesellschaftlichen Fragen zu äußern, hatte aus dem sozial lange Zeit eher isolierten Dichter einen Intellektuellen gemacht, eine Instanz, der man eine nahezu enzyklopädische Bildung und eine prophetische Gabe zuschrieb. Die Gedenk-, Todes- und Geburtstage wiederum nahmen – unabhängig davon, ob Lenin, Lessing oder Hauptmann im Mittelpunkt stand – die Teilnehmer zum Anlass einer Einordnung der ersten Republik in den Kontext der an Eskapaden nicht eben armen deutschen Ideen- und Geistesgeschichte der vorangegangenen beiden Jahrhunderte. Dass in der vorliegenden Arbeit ausgerechnet auf eine Auswertung der Beiträge zu Goethes einhundertstem Todestag (1932) verzichtet wurde, mag, weil der Topos Weimar mit niemandem derart stark verbunden sein dürfte wie mit dem Autor des „Fausts“, auf den ersten Blick unverzeihlich sein. Einen wirklich neuen Akzent hätten sie allerdings nicht setzen können. Die Einlassungen zum Theater und dem im Laufe der zwanziger Jahre an Bedeutung gewinnenden Film schließlich summierten sich zu einer pluralistisch-diskursiven Ästhetik. An ihnen ließ sich sicher noch am besten illustrieren, wie genau Bialas mit dem Begriff der Gemengelage die Befindlichkeit des Weimarer Intellektuellendiskurses getroffen hat. Kontroverse Positionen wird man natürlich auch hier finden. Mit der Terminologie der politischen Weltanschauungslehre lassen sie sich allerdings nicht fassen, nicht mal da, wo sie, wie im Falle der Rundfrage zur Notwendigkeit einer Zensur oder zur Zukunft der Volksbühnenbewegung, einen dezidiert politischen Charakter haben.

Tagespolitisch war allerdings nur ein Bruchteil der Ausgangsfragen. Das Gros hatte einen eher kunsttheoretischen oder auch feuilletonistisch-lebensweltlichen Akzent. Selbst in den beginnenden 1930er Jahren, der Phase des sukzessiven Zerfalls der demokratischen Institutionen des Weimarer Staats, spielten weiche Themen immer noch eine Hauptrolle. Historisch mochte das passen, schließlich hatten auch die Kaffeehaus- und Salondebatten der Aufklärungszeit den Verstand des räsonierenden Individuums zunächst an Gegenständen aus dem Bereich von Kunst und Literatur trainiert, ehe sie aus der schöngeistigen Nische heraustraten. Enttäuschen dürfte die eher abstrakte Politizität der Rundfragen also alle, die erwartet hätten, dass ihre Teilnehmer sie zum Forum einer expliziten Abrechnung oder, umgekehrt, der Verbrüderung mit den Feinden der Republik umfunktionalisiert hätten. Den Zerfall der demokratischen Kultur spiegelt das Rundfragenmaterial nicht wider, wohl aber den schweren Stand, den die gerne unterstellte geistige Progressivität auch und gerade im Milieu der Intellektuellen hatte. Bis in die Kreise der ideologischen Linken nämlich war der kulturkonservative Dünkel gegen die künstlerisch-stilistischen Innovationsimpulse der damaligen Zeit stark, stärker zumindest, als es das Etikett der „goldenen Zwanziger“ vermuten ließ – die oben angesprochene Erbdiskussion innerhalb der KPD und ihrer Vordenker und Kulturtheoretiker legt davon ein beredtes Zeugnis ab.

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Auf der Inhaltsebene also verdichten sich die Rundfragen zu etwas, was Thomas Mann mit Bezug auf seinen „Zauberberg“ als das innere Bild einer Epoche bezeichnet hat. Als weitaus anspruchsvoller erweist sich allerdings die im ersten Hauptteil in Angriff genommene Aufgabe, das Quellenmaterial auch unter dem Aspekt seiner Funktionalität einzuordnen. Der klassische Vorwurf, den rundfragenden Printmedien sei es bei der Einbindung namhafter Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft allein um die Steigerung der Auflage und damit des finanziellen Profits gegangen, ist sicher nicht so einfach von der Hand zu weisen. Selbst wenn er sich aber als richtig erweisen würde, hätte das an der gedanklichen Authentizität der Beiträge genauso wenig geändert wie an ihrer Relevanz für die pressekonsumptive Öffentlichkeit – dass man mit ihnen auch Geschäfte machen konnte, hat die Ansichten der Kultur- und Wissenschaftsprominenz ganz sicher nicht kompromittiert. Die Auswertung des Materials unter Rückgriff auf die Methoden der qualitativen Sozialforschung jedenfalls dürfte eine Sache unterstrichen haben: den Stellenwert der Autoren als Avantgarde einer kritischen Öffentlichkeit. Damit aber ist man wieder bei den Intellektuellen.

Ein historisch bindendes Urteil über ihre Verantwortung für das Scheitern der Republik kann und soll hier nicht gesprochen werden. Im Gefüge einer pluralistischen Gesellschaft wie der Weimarer nehmen sie eine äußerst diffizile Zwischenstellung ein. Als Teil des öffentlichen Diskurses waren sie Subjekt und Objekt der Geschichte gleichermaßen. Dass sie diesem Diskurs bisweilen die Richtung vorgaben, heißt nicht, dass sie tatsächlich auch mächtig waren. Dass sie sich nicht durchsetzten, wo sie wie Heinrich Mann für die Republik oder wie Alfred Döblin gegen die Anmaßung kollektivistischer politischer Programme eintraten, heißt nicht, dass ihr Trachten völlig überflüssig war. Sloterdijk hat die Weimarer Republik den historischen Phänomenen zugerechnet, „an denen man am besten studieren kann, wie die Modernisierung einer Gesellschaft am besten bezahlt sein will.“ (Sloterdijk: 702) Getauscht habe man in ihr „enorme technische Errungenschaften gegen zunehmendes Unbehagen in der Unkultur, zivilisatorische Erleichterungen gegen das Gefühl der Sinnlosigkeit.“ (ebd.) In Anspielung auf Marx heißt es, in den Reihen der Intelligenz habe es zwar kein falsches Bewusstsein mehr gegeben, wohl aber ein „heilloses Bewusstsein“ (ebd.) allenthalben in der Gesellschaft. Zugrunde gegangen wäre die Republik damit weniger am von Craig und Golo Mann unter Beschuss genommenen politischen Defätismus der Intellektuellen, sondern in erster Linie an der Resistenz ihres Publikums allen geistigen Orientierungsangeboten gegenüber. Was den Intellektuellen der 1920er und frühen -30er Jahre von der historischen Figur Émile Zola, der mythischen der Arachne oder der fiktionalen des Zweigschen Erasmus’ also trennte: Sein Gegner war kein politisches Establishment, kein Gott und keine weltanschaulich homogene Fronde, sein Gegner blieb anonym.

Unter Verweis auf die Rundfragen lässt sich also zumindest ein Teil der Weimarer Intellektuellen vom Vorwurf der völligen Tatenlosigkeit befreien. Bliebe die Frage nach den Rückschlüssen, die sich vom Scheitern der Republik auf Statik und Struktur der Weimar-deutschen Öffentlichkeit ziehen lassen. Das republikanische Bewusstsein schien allenfalls rudimentär ausgebildet und gefestigt zu sein. Hinsichtlich seiner republikanischen Staatsverfassung, aber auch seiner kulturellen Leistungsbilanzen war das Deutschland der zwanziger Jahre längst in der Moderne angekommen. Als historische Tatsache akzeptiert worden war dieser Anschluss an die Entwicklung anderer westlicher Industriestaaten indes nur von den wenigsten seiner Staatsbürger. Die Angst vor den Desintegrationseffekten einer pluralistischen Moderne saß tief. Aufseiten der Wähler artikulierte sie sich in einer wachsenden Zustimmung für die Parteien der antirepublikanischen Ränder des politischen Spektrums, aufseiten der politischen, wirtschaftlichen und natürlich auch geistigen, wissenschaftlichen Elite fand sie ihren Ausdruck in Ereignissen wie dem Kapp-Lüttwitz-Putsch, in der „Harzburger Front“ oder in den akademischen Gedankenspielereien der „Konservativen Revolution“. Zur gleichen Zeit kostete man im Rahmen der Rundfrage die neu gewonnenen Freiheiten aus und schneiderte der Weimar-deutschen Gesellschaft eine neue, weltläufige intellektuelle Identität.

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Mit Widersprüchen wie diesen zu leben, fällt dem Historiker, zumal dem nachgeborenen, leicht. Die Situation der Weimar-deutschen Intellektuellen aber war eine andere. Daraus, dass sie die Forderungen einer verunsicherten Moderne nach geistiger Führerschaft nicht erfüllten, kann ihnen pauschal kein Vorwurf gemacht werden – und auch nicht daraus, dass es nach 1933 andere taten.


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19.09.2008