6 Zusammenfassung

Im Rahmen dieser retrospektiven Studie wurden 11.261 Autopsieberichte des Kindersektionsgutes der Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, aus den Jahren 1952 bis 1996 auf das Vorkommen angeborener Herzfehler analysiert. Die vorliegenden Ergebnisse beweisen, daß trotz der wechselnden Tätigkeit verschiedener Obduzenten an einem Klinikum über den langen Zeitraum von 45 Jahren eine wissenschaftlich exakte Datenerhebung, -erfassung und deren Auswertung möglich ist. Dabei ist das Wirken von einigen Pathologen an der Charité auf dem Gebiet der kongenitalen Vitien zu benennen: zum einen Frau Dr. Schildhaus, die mit einer besonderen Genauigkeit und Detailliertheit die pathomorphologischen Besonderheiten der kongenitalen Vitien erfaßte, ferner Frau Dr. Reinhold-Richter, die sich in langjähriger Arbeit mit der morphometrischen Analyse der angeborenen Herzfehler befaßte, des weiteren Herr Prof. Meyer, der die systematische Erfassung der kongenitalen Vitien durch die Segmentanalyse an der Charité einführte, und Frau Dr. Tennstedt, die mit der Begründung des Bereiches Fetopathologie sich den angeborenen Herzfehlern in der Pränatalzeit widmete.

Diese Studie stellt mit der Auswertung aller Kindersektionen mit angeborenem Herzfehler an einem Universitätsklinikum über einen Zeitraum von 45 Jahren eine Besonderheit dar. Die folgende Analyse von 1.990 Autopsien mit kongenitalem Vitium umfaßt die größte Untersuchung dieser Art in den letzten 50 Jahren. Neben einer aktuell veröffentlichten Arbeit (38), die sich auf eine Sektionsstudie der angeborenen Herzfehler im Erwachsenenalter bezieht, demonstriert diese Untersuchung als Einzigste die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der klinischen Fachbereiche Kinderkardiologie und Kardiochirurgie und den Veränderungen des Kindersektionsgutes über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts. Dabei war die bis 1990 vorhandene Vollständigkeit des Sektionsgutes mit einer Obduktionshäufigkeit von 100% durch die Besonderheit der gesetzlichen Vorgaben Voraussetzung für die Aussagekraft dieser retrospektiven Arbeit.

Die folgenden Ergebnisse verdienen besondere Erwähnung: Das gesamte Kindersektionsgut umfaßte von 1952 bis 1996 11.261 Autopsien. Diese setzten sich zusammen aus den Kindern bis zu einem Alter von 15 Jahren, sowie den Totgeburten und Schwangerschaftsabbrüchen über 1000g. Insgesamt fand sich bei 17,7% der autopsierten Kinder ein angeborener Herzfehler, wobei eine signifikant (p<0,001) höhere Häufigkeit unter den Lebendgeborenen (24,2%) im Vergleich zu den Totgeburten (4,1%) auffiel, welches sich mit den Ergebnissen ähnlicher Sektionsstatistiken (84,107) deckte (siehe 5.1.2).

Die Zusammensetzung des Kindersektionsgutes wies in der Betrachtung des zeitlichen Verlaufes über 45 Jahre in Abhängigkeit von demographischen, gesundheitspolitischen und klinikumsinternen Veränderungen jedoch eine starke Variabilität auf. Über den gesamten Zeitraum konnte bis 1987 eine kontinuierliche Zunahme der Häufigkeit angeborener Herzfehler im Kindersektionsgut der Charité nachgewiesen werden. Auch wenn sich dies mit einer Selektion durch die Begründung der Charité als kinderkardiologisches und eines von fünf kardiochirurgischen Zentren in der ehemaligen DDR vereinbaren läßt, so verdeutlicht dies jedoch auch, die zunehmende Bedeutung der angeborenen Herzfehler für die Kinder- und Säuglingssterblichkeit. Der nach 1987 nachgewiesene Abfall in der Häufigkeit kongenitaler Vitien im Sektionsgut war hauptsächlich auf die politisch bedingten Veränderungen in der ehemaligen DDR nach 1989 zurückzuführen (siehe 5.2.2 - 5.2.3).

Die Geschlechterverteilung ergab mit einem Verhältnis von 1,27:1 (männlich:weiblich) ähnlich vergleichbaren Sektionsstatistiken ein signifikantes Überwiegen der männlichen Kinder (siehe 5.1.3).

Für die Einschätzung des klinischen Verlaufes der verstorbenen Kinder mit angeborenem Herzfehler wurde die Art des Herzfehlers, das Sterbealter der Kinder, die Art der operativen Therapie und die Todesursachen analysiert. In der Gesamtbetrachtung zeigte sich, daß mehr als drei Viertel aller Kinder im ersten Lebensjahr verstorben waren. Etwa 40% aller Patienten hatten eine operative Therapie erhalten. Im Vergleich zu anderen Arbeiten wies das untersuchte Sektionsgut einen deutlich höheren Anteil an älteren Kindern und operierten Patienten auf (siehe 5.1.4 - 5.1.6).

In der Analyse der Veränderung dieser Parameter im zeitlichen Verlauf konnten wesentliche Bewegungen aufgedeckt werden. Es ließ sich klar ein Zusammenhang zwischen Altersstruktur, der Art des Herzfehlers und der Entwicklung der Herzchirurgie und Interventionskardiologie an der Charité demonstrieren (siehe 5.2.5 - 5.3.5).

Die vorliegende retrospektive Betrachtung des Kindersektionsgutes der letzten 45 Jahre belegt Fortschritte und Neuerungen in der Diagnostik und Therapie der angeborenen Herzfehler, und unterstreicht so die Bedeutung des genauen pathomorphologischen Studiums zur Qualitätssicherung dieser Entwicklungen im klinischen Alltag.


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07.09.2004