Rompola, Eirini: Effektivität von Schmelzmatrixproteinen in der chirurgischen Behandlung von gingivalen Rezessionen

53

Kapitel 5. Diskussion

In unserer Studie wurde kein signifikanter Unterschied zwischen den zwei Behandlungsmodalitäten in Bezug auf die Deckung einer Rezession festgestellt. Das gleiche wurde auch bei den restlichen klinischen Parameter beobachtet. Die Rezessionsdeckung mittels koronaler Verschiebeolastik alleine zeigte vergleichbare Ergebnisse mit der Rezessiondeckung mittels koronaler Verschiebeolastik mit EMDOGAIN®

5.1 Diskussion der Methode

Probandenstruktur

Das Durschnittsalter der Patienten war 39Jahre. Der jüngste Patient war 24 Jahre alt der älteste 64. Die Patienten wurden unabhänig von ihrem Alter ausgesucht. In der Literatur gibt es kein Beweismaterial, dass das Alter auf den Erfolg der mukogingivalen Chirurgie einen Einfluss hat.

Starke Raucher, die mehr als 10 Zigaretten pro Tag rauchten, wurden von der Studie ausgeschlossen. Unter den 22 Patienten waren 3 „leichte Raucher“ (le5 Zig./Tag). Der Effekt des Rauchens auf die Wundheilung von an Parodontitis erkrankten Patienten wurde als nachteilig erwiesen (Thomsom et al.1993). Nur wenige Studien haben den Effekt des Rauchens auf das Behandlungergebnis der mukogingivalen Chirurgie untersucht. Das exzessive Rauchen in enger Korrelation mit dem Mißerfolg bei der Rezessionsdeckung mittels freien Schleimhautransplantaten beobachtet. Bei „leichten Rauchern“ oder „Gelegenheits-Rauchern“ (le5 Zig./Tag) waren die Ergebnisse mit denen der Nichtraucher vergleichbar (Miller 1985b). Dies wurde in unserer Studie bestätigt wobei durch das Split-mouth-Design generell keine Beeinträchtigung in den jeweiligen Gruppen entstehen kann.


54

Gewebeveränderungen durch das Rauchen wurden nicht beobachtet, wenn der Patient direkt vor der Operation und bis zu 3 Wochen postoperativ mit dem Rauchen aufhörte (Miller 1993). Das Rauchen beeinträchtigt stark die Revaskularisation der Transplantate, indem es die Blutgefäße konstringiert (Baab et al.1987). Bei der Heilung von gestielten Lappen ist die Beeinträchtigung nicht so stark (Baab et al.1987). Andere Studien zeigten keinen signifikanten Effekt des Rauchens auf die Heilung nach freien Gewebetransplantaten (Tolmie 1991, Harris 1994).

Mundhygiene

Nach Caffesse (1987) ist bei schlechter Plaquekontrolle die Rezessionsdeckung weniger erfolgreich. In unserer Studie waren keine Anzeichen von Gingivitis zu beobachten (s. GI und PLI). Sodas man davon ausgehen kann das kein negativer Einfluß von Plaque entstanden ist. Der Durschnitts API betrug 22% in Baseline, 32% drei Monate postoperativ, 32% sechs Monate postoperativ und 21% zwölf Monate postoperativ.

Die Patienten wurden reinstruiert, von der dritten postoperativen Woche anmit einer weichen Zahnbürste und der mod. Bass-Technik (Haas 1973) in dem behandelten Bereich zu putzen. Bei einem Patienten gab es aus der fotographischen Dokumentation Hinweise (Spuren auf dem Wurzeldentin), dass er seine falsche Putztechnik wieder aufgenommen hatte. Die Rezessionsdeckung in diesem Bereich wies deutlich ein Rezidiv auf. Diese Beobachtung bestätigt die Studie von Wennström & Zucchelli (1996) die zeigte, dass falsche Putztechnik auf die Langzeitstabilität der Rezessionsdeckung ungünstigen Einfluß hat.


55

Medikamentöse Behandlung

Eine unterstützende antibiotische Behandlung wurde nicht vorgenommen, da es keine Infektion gab. Ausserdem gibt es in der Literatur keine Hinweise, dass sie die Deckungsprognose beeinflußt. Nur bei postoperativen Komplikationen, wie es bei zwei Patienten der Fall war (Infektion mit Abszeßierung und ausgeprägtem Hämatom) wurde Amoxypen 750 mg drei mal täglich für 5 Tage verabreicht. Das Analgetikum Optalidon® 200 (Ibuprofen) wurde jedem Patienten verschrieben und von diesen nach Bedarf eingenommen.

Für drei Wochen wurde die antibakterielle Mundspülung mit Chlorhexamed® (Chlorhexidindigluconat) 0,12% Lösung verabreicht. Es wurden keine Unverträglichkeiten bzw. Geschmackstörungen postoperativ beobachtet.

Rezessionsdefekte

Die Rezessionsdefekte wurden sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer behandelt (Verteilung siehe Tab. 4.2.). Im Unterkiefer sind die Voraussetzungen der plastischen Deckung (flaches Vestibulum, dünnes Gewebe) oft schlechter.

Die Defekte gehörten der Miller Klasse I oder II an und alle Zähne waren, mit einer Ausnahme vital. Nach Björn (1981) bildet sich auch an wurzelgefüllten Zähnen nach Rezessionsdeckung bindegewebiges Attachment.

Die präoperativen Rezessionstiefen waren mit durchnittlich 4,4 mm im Vergleich zu anderen kontrollierten Studien zur koronalen Verschiebung recht groß (siehe Tab. 5.2.). In bisherigen Studien betrugen die Anfangsrezessionstiefen zwischen durchschnittlich 2,2 und 4,1 mm. Auch die Durchschnittsrezessionbreite war mit 4,8 mm groß, was die Deckung zusätzlich erschwerte. In unserer Studie wurden tiefe (>3mm) Rezessionen ausgesucht da diese vor allem klinisch oft Probleme bereiten.


56

Einfluß der ursprünglichen Rezessionsdimension auf das Deckungsergebnis

Die Deckungsergebnisse sind weniger zufriedenstellend, wenn die Breite der Rezession > 3 mm ist (Wennström 1996). Bei tiefen (ge5mm) und breiten (ge3mm) Rezessionen ist die plastische Deckung mit Gingivatransplantaten erschwert (Holbrook & Ochsenbein 1983). Bei der GGR scheint die initiale Rezessionstiefe keinen negativen Einfluß auf das Behandlungsergebnis zu haben. Nach Pini Prato et al. (1992) und Trombelli et al. (1995) dagegen haben die initiale Rezessionsbreite und die Membranexposition auf das Deckungsergebnis einen negativen Einfluß. Wennström & Zuchelli (1996) erreichten bei Defekten von ge4 mm, die mit einer koronalen Verschiebeplastik mit Bindegewebstransplantat behandelt wurden, nur in 88% der Fälle eine komplette Deckung die durchschnittliche Deckung war 98,6%. Bei Defekte die nur mit der koronalen Verschiebung behandelt wurden zeigten 97% Deckung und 88% der Defekte zeigten eine komplette Deckung. Bei flacheren Rezessionen erreichten sie dagegen in 96% der Fälle eine komplette Deckung.

In einer neueren Studie von Modica et al. (2000) die das gleiche Studiendesign mit unserer Studie hatte, wurde nach 6 Monaten eine mittlere Deckung von 91,2% in der Testgruppe (Emdogain+ KVL) und 80,9% in der Kontrollgruppe (Placebo+KVL). Es wurden keine signifikante Unterschiede in der Deckung zwischen den zwei Gruppen beobachtet. In unserer Studie wurde nach 6 Monate in der Testgruppe eine mittlere Deckung von 71,7% und in der Kontrollgruppe 73,6% beobachtet. Die Unterschiede zwischen den zwei Gruppen waren nicht signifikant. Die Abweichungen beim Deckungserfolg ist wahrscheinlich auf die kleineren Anfangsrezessionstiefen und der kleinen Anzahl der Probanden der Studie von Modica et al. (2000) zurückzuführen. Die Anfangsrezessionstiefen waren in userer Studie 4,5 mm (Test) und 4,4mm (Kontrolle) und wir hatten 22 Probanden. In der Studie von Modica et al (2000) betrugen die Anfangsrezessionstiefen 3,7mm (Test) und 3,5mm (Kontrolle) und die Anzahl der Probanden war 12.

Operationstechnik


57

Die Operationsdurchführung spielt für den Erfolg in dem empfindlichen und grazilen mukogingivalen Gebiet eine wichtige Rolle und ist vom Behandler abhängig.

In diesem Fall wurden die Operationen von zwei erfahrenen Personen durchgeführt. Es wurde immer mit der linken Patientenseite angefangen.

Ob die Anwendung mikrochirurgischer Instrumente einen Vorteil bringt, ist noch nicht wissenschaftlich bewiesen.

Die koronale Verschiebung wurde in der Studie der lateralen Verschiebung vorgezogen. Bei der lateralen Verschiebung muß man darauf achten, adäquates Gewebeangebot am benachbarten marginalen Parodont zu haben und die Gefahr der Entstehung einer Rezession ist dort immer gegeben, was bei der koronalen Verschiebung nicht der Fall ist. Die Spannungsverteilung am Lappen ist bei lateraler Verschiebung ebenfalls schlechter als bei der koronalen. Was ein Nachteil bei der koronalen Verschiebung darstellen könnte, ist die Verschiebung der mucogingivalen Grenze in koronaler Richtung, da dies zu einer Stöhrung der anatomischen Topographie führt. Die mukogingivale Grenze nimmt nach einiger Zeit zwar ihre genetisch determinierte Position wieder ein, aber vor allem bei der Deckung sehr tiefer Rezessionen ist die Periostschlitzung, im Sinne einer plastischen Deckung, aus ästhetischer Sicht problematisch, weil sie zu extremen Verschiebungen der mukogingivalen Grenze führen kann. Auch kann ein sehr flaches Vestibulum, was oft in der Unterkieferfront zu finden ist, die koronale Verschiebung erschweren.

Wie kontrollierte Studien zeigen, kann man mit der koronalen Verschiebung im Vergleich zu der lateralen vollständigere Deckung der Rezession erreichen (s.Tab.5.2.). In unserer Studie, wo das gelartige EMDOGAIN® zwischen Wurzeloberfläche und Zahn appliziert wurde, ist ein dichter Nahtverschluß des Lappens von großer Bedeutung und ein solcher ist eher bei koronale als laterale Verschiebung möglich.


58

Messungen

Vor Studienbeginn wurde die Person, welche die Messungen aufnahm, in einem Qualifikationsverfahren trainiert und die Reproduzierbarkeit der Messungen kontrolliert. Die Messungen mußten (mit Abweichung von 1mm) bei 90% der gemessenen Seiten in Hinsicht der Sondierungstiefen und 85% der Seiten in Hinsicht des Attachmentniveau reproduzierbar sein (Polson 1997).

Die Breite der keratinisierten Gingiva wurde als der Abstand zwischen mukogingivaler Grenze und marginalem Gingivarand mit einer parodontalen Sonde gemessen. Die Mukogingivale Grenze wurde anatomisch definfiert und zwar als die Linie zwischen der rosa gestippelten, festen, nicht verschieblichen Gingiva propria und der weichen, roten und verschiebbaren Alveolarmukosa. Ob eine genauere histochemische Definition, z.B mit Schiller‘schen Jodlösung, dieser Grenze notwendig ist, wird konträr diskutiert, wobei sich nach Beobachtungen von Bernimoulin et al. (1971) die anatomisch und vital-histochemisch definierte Grenze fast entsprechen.

Die Rezessionsoberfläche wurde mit Messungen der Breite und Tiefe aufgenommen. Obwohl es zum Zwecke der Erfassung der Effizienz der chirurgischen Deckungsverfahren eine sehr genaue und reproduzierbare Methode gibt, nämlich die Rezessionsoberfläche photometrisch zu messen (Tenenbaum et al. 1984), hat sich diese Methode aus praktischen Gründen nicht durchgesetzt.

Ein wichtiger Parameter für den Erfolg der parodontalen Regeneration ist die Bildung neuen Knochens. Man kann direkte Messungen linear oder volumetrisch durchführen oder indirekte, standardisierte Röntgenaufnahmen machen oder das sogenannte bone sounding (Knochensondierung) durchführen (Machtei 1997). Im Gegensatz zu der Parodontalchirurgie kommt in der mukogingivalen Chirurgie das Reentry, also die erneute operative Eröffnung des behandelten Bereiches aus diagnostischen Gründen, nicht in Betracht. Röntgenologische Aufnahmen haben keine Aussagekraft, da sie Änderungen des bukkalen Alveolarknochens nicht erfassen.

Nach Greenberg et al. (1976) ist das Knochensondieren mittels einer parodontalen Sonde eine genaue Methode, um den Alveolarknochenrand am bukkalen Aspekt des Zahnes zu lokalisieren. In unserer Studie wurde präoperativ unter Anästhesie Knochensondierung durchgeführt und intraoperativ wurde bei offener Situation der


59

Abstand zwischen Alveolarknochenrand und Referenzpunkt wiederholt gemessen. Nach statistischer Analyse ergab sich eine signifikante Korrelation nach Pearson (Korrelation=0,782 bei N=44) zwischen den beiden Messwerten, so dass man bezüglich der geschlossenen Knochensondierung nach 12 Monate davon ausgehen kann, dass die Messungen ziemlich genau der wahren Situation entsprechen.

Demineralisierung der Wurzeloberfläche mit EDTA

Die am meisten untersuchten chemische Substanzen zur Demineralisierung der Wurzeloberfläche in der mukogingivalen Chirurgie sind Zitronensäure und Tetracyclinhydrochlorid. Wie bereits schon erwähnt, geht aus kontrollierten Studien hervor, dass Zitronensäure keinen zusätzlichen positiven Effekt auf die Rezessions-deckung hat. Für das Tetracyclinhydrochlorid sind keine kontrollierten Studien vorhanden.

Ausserdem wurden folgende unerwünschte Nebeneffekte des niedrigen pH Wertes beobachtet: Denaturierung organischer Matrix (Hanes et al. 1991a), Zytotoxizität auf PDL-Zellen (Gottlow et al. 1984), nekrotisierender Effekt auf den Lappen (Blömlof et al 1995a), Verzögerung der Heilung am Hundeexperiment (Selvig et al. 1996), inflamatorische Pulpareaktion (Ryan et al. 1984) und Erosionen auf der Wurzeloberfläche (Blömlof et al. 1996a). Im Vergleich zu nicht demineralisierten Wurzeloberflächen wurde Ankylose (King et al. 1998) und Wurzelresorption am zervikalen Bereich (Egelberg 1987) häufiger beobachtet.

Mit dem EDTA werden wegen seines neutralen pH Wertes (=7,4) die oben genannten unerwünschten Nebeneffekte ausgeschlossen, aber gleichzeitig werden auch selektiv Mineralien von der Wurzeloberfläche entfernt (Blomlöf et al. 1995b). Eine EDTA-Konzentration zwischen 15-24% ist erforderlich, um eine akzeptable Smear Layer Entfernung und Exposition des Kollagens zu erreichen (Blomlöf et al. 1997a). Die exponierten kollagenen Fasern bleiben intakt (Blomlöf et al. 1995 c) und die Vitalität des Nachbargewebes bleibt erhalten (Blomlöf et al. 1995a).

Bei von Parodontitis befallenen Zähnen wurden aber keine Unterschiede bei der Migration, beim Attachment und bei der Orientierung der Fibroblasten


60

nachgewiesen, und zwar unabhänig davon, ob die Demineralisierung mit EDTA oder Zitronensäure erfolgte (Fardal et al. 1990). Ebenfalls waren die Ergebnisse der Behandlung von infraalveolären Knochentaschen in Bezug auf die Reduktion der Sondierungstiefen, dem Attachment- und Knochengewinn, unabhäng,ig davon ob die parodontale Operation mit oder ohne EDTA kombiniert wurde (Blömlof 1997a).

Obwohl das Ätzen bei der herkömmlichen Parodontalchirurgie keine entscheidende Rolle spielt, hat EDTA beim „gesunden“ Zement, wie es bei einer entblößten Wurzeloberfläche der Fall ist, eine gute Wirkung bei der Exposition intakter kollagener Fasern (Blomlöf et al. 1996a). So kann man sagen, dass EDTA bei der mukogingivalen Chirurgie einen unterstützenden Effekt hat. Unter diesem Aspekt wurde auch in dieser Studie EDTA (24%, pH 6,7) benutzt.

Studiendesign

Ein Schwachpunkt vieler klinischer Studie zu mukogingivalen Verfahren liegt darin, dass es sich nicht um kontrollierte und randomisierte Studien handelt. Auch sind die Beobachtungszeiten mitunter zu kurz..

Die vorliegende Studie ist doppelblind, randomisiert und Placebo-kontrolliert. Jeder Testzahn hatte im gleichen Kiefer den kontralateralen Zahn als Kontrolle. Die Messungen wurden über einen Zeitraum von 12 Monaten von der selben Person dokumentiert und unterlagen einem vierteljährlichen Monitoring.


61

5.2 Diskussion der Ergebnisse

Gewebekondition

Wenn man den Einfluß der ursprünglichen Gingivadimension auf das Deckungsergebnis untersuchen möchte, muß man zwei Aspekte berücksichtigen: Zum einem das Angebot an keratinisierter Gingiva und zum anderen das Volumen des marginalen Gewebes.

Vor allem bei den Stiellappen geht man von einer adäquaten keratinisierten Gingivabreite aus, die vorhanden sein muß, damit die Verschiebung Erfolg hat. Nach Miller (1993) gibt es allerdings keine wissenschaftliche Basis, mittels derer eine gewisse Breite und Dicke keratinisierter Gingiva festgelegt werden könnte.

Wennström & Zucchelli (1996) verteten die Meinung, dass nach gespaltenen und nach koronal verschobenen Lappen oft ein sehr dünnes Gewebe die Wurzeloberfläche bedeckt, was neben der falschen Putztechnik die Langzeitstabilität der Rezessionsdeckung negativ beeinflußt.

Bei dem Brückenlappen fanden Romanos et al. (1993) keine Korrelation zwischen der präoperativen Höhe der keratinisierten Gingiva und der Deckung der Rezession. Die gleiche Beobachtung machte Harris (1994) bei 100 mit Bindegewebstransplantat behandelten Rezessionsdefekten.

De Trey & Bernimoulin (1980) und Dorfman et al. (1980) kamen zu dem Ergebnis, dass die Qualität der keratinisierten Gingiva nicht allein durch Messung ihrer Breite bestimmt werden kann. Ob das Volumen des marginalen Gewebes eine wichtige Rolle beim Deckungserfolg spielt, ist noch nicht untersucht worden. Aussagen über den Einfluß der ursprünglichen Gingivadimension auf das Deckungsergebnis werden durch den unklaren Zusammenhang zwischen befestigter Gingiva und Rezessionsentstehung zusätzlich erschwert. Es konnte bisher noch nicht geklärt werden, ob die schmale keratinisierte Gingiva ein ätiologischer Faktor einer Rezession oder eine Konsequenz ihrer Entstehung ist. In einer 4-jährigen Langzeitstudie von Pini Prato et al. (1996) scheint die Menge der keratinisierten Gingiva keinen Einfluß auf die Langzeitstabilität der Rezessionsdeckung zu haben.

Neuere Studien konzentrieren sich mehr auf die Dicke des Lappens als wichtigen Faktor für die Langzeitstabilität der Wurzeldeckung. Baldi et al. (1999)


62

schlussfolgerten, dass es bei der koronalen Verschiebung eine direkte Relation zwischen Lappendicke und Rezessionsreduktion gibt.

Die Verbreiterung der befestigten Gingiva nach koronaler Verschiebung ist ein bekanntes Phänomen. Granulationsgewebe, das sich aus PDL-Zellen zwischen den Lappen und der Wurzeloberfläche ausbildet, wird in Bindegewebe umgeformt, welches wiederum die Keratinisation des Epithels induziert (Karring et al. 1971). Eine signifikante Verbreiterung der befestigten Gingiva nach koronaler Verschiebung wurde auch in dieser Studie beobachte, die aber in Test und Kontrollgruppe auftrat.

Bei zwei Patienten wurde in den letzten 6 Monaten der Studie eine Verminderung der Rezessionstiefe beobachtet. Diese Veränderung ist vermutlich auf ein koronales creeping der marginalen Gingiva zurückgeführen. Das Phänomen des Creeping Attachment wurde erstmals von Goldman und Cohen (1964) erwähnt und später durch weitere Untersuchungen vor allem bei der freien Transplantation festgestellt (Matter 1980, Hall 1981, Dorfman 1982, Pollack 1984).

GTR oder Mucogingivalchirurgie

Mit der Technik der koronalen Verschiebung variiert die erreichte Rezessionsdeckung zwischen 70-99% bei einem Mittelwert von 83% (Wennström & Pini Prato 1998).

In der GGR-Technik mit ePTFE-Membranen oder resorbierbaren Membranen variierte die Deckung zwischen 54-87% bei einem Mittelwert von 74%.

In einer kontrollierten Studie von Pini Prato et al. (1992) war in Bezug auf die Deckung der Rezession nach 18 Monaten kein Unterschied zwischen den genannten Techniken festzustellen, der klinische Attachmentgewinn war aber mit der Verwendung der GGR-Technik signifikant höher als nur mit der koronalen Verschiebung. Es wurde ebenfalls gezeigt, dass bei tiefen Rezessionen (ge5 mm) die Deckung mit GGR-Technik die besseren Ergebnisse zeigte, und sich signifikant mehr bindegewebiges Attachment bildete.(Gottlow et al. 1986). Ein klinisches Problem ist die Membranexposition die öfftermals mit deutlich


63

greingeren Erfolgsraten einhergeht und die große Variabilität der Ergebnisse bestimmt.

(Trombelli et al. 1995). Die Studien über Verwendung der GGR-Technik in der Rezessionsdeckung sind begrenzt mit einer maximalen Beobachtungszeit von ungefähr 18 Monaten und zeigten geringe Vorhersagbarkeit.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die koronale Verschiebeplastik der GGR-Technik bei der Rezessionsteckung wegen der besseren Deckungsprognose und des nicht gegebenen Risikos der Membranexposition vorzuziehen ist .

Bei sehr großen Rezessionen(>5mm) kann man die GGR-Technik in Betracht ziehen.

Langzeitprognose und Langzeitstabilität

Es stellt sich die Frage, welche therapeutischen Ziele erreicht werden müssen, um den Erfolg der chirurgischen Rezessiondeckung zu definieren.

Nach Wennström (1996) sind bei der Rezessionsdeckung eine Verbesserung der Ästhetik und Wurzeldentinhypersensitivität und eine Erhöhung der Breite, wie auch der Dicke des marginalen Gewebes wichtige Ziele. Als Nebenziele könnte man die Reduktion der Sondierungstiefe und des klinischen Attachmentniveau ansehen. Wobei man hier erwähnen muss, dass die Verbesserung des klinischen Attachments keine Aussagekraft über seine histologische Qualität hat.

Wennström (1996) präsentierte eine Übersicht der bis 1996 publizierten klinischen Studien zur Rezessionsdeckung, das komparative Studien und nicht kontrollierte Fallstudien einschließt.

In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse der Vergleichsstudien mit einer die Beobachtungszeit von mehr als 12 Monaten zusammengestellt:


65

Tab. 5.2: Vergleichsstudien mit unterschiedlichen Deckungsmethoden in Übersicht modifiziert nach Wennström 1996

OP- technik

Dauer

Monate

Rezessions-

Tiefe prä-OP

Durchschnitts-Deckung (%)

Komplette

Deckung

(% Zähne)

Kommentare

LVL

FGT + KVL

36

___

82

74

___

1.Kalkulierte

Ergebnisse

KVL

KVL + FBT

24

4,1

4,0

97

98

80

88

2.kein signifikanter

Unterschied

KVL + GGR(nr)

KVL + FGT

18

5,5

5,4

73(77)*

71(66)*

___

3.*GGR besser für

Rezessionen ge5mm

KVL + GGR(nr)

KVL+ GGR(r)

12

4,8

4,8

83

82

42

42

4.kein signifikanter

Unterschied

FGT

FBT

12

4,5

4,2

11

52

___

5.FBT besser

als FGT

FGT+ DPL

keine Behandlung

12

3,7

3,0

71

-2

____

6.Keine Änderung in

der Position der MGG

5. Sbordone et al. (1988) 6. Borghetti & Louise (1994)


66

In unserer Studie wurde die koronale Verschiebeplastik verwendet da sie eine gute Deckungsprognose hat (70%-99% Deckung, mittel 83,5%) (Wennström & Pini Prato 1998). In unserer Studie betrug die Deckung nach 12 Monate 69,4% für die Kontrollgruppe und 71,5 % für die Testgruppe. Somit kann man sagen, dass man mit beiden Behandlungsmodalitäten sowohl gute Deckungsergebnisse als auch vergleichbare Ergebnisse zu anderen Studien erreichen konnte (Ricci et al. 1996, Paolantonio et al. 1997, Zucchelli et al. 1998, Pini Prato et al. 2000).

Die Beobachtung, dass die Deckungsergebnisse leicht unterhalb der beschriebenen durchschnittlichen Deckung liegen, ist vielleicht damit zu erklären, dass wir in dieser Studie tiefe Anfangsrezessionen (> 4mm) hatten, wie man sie nur in wenigen Studien findet.

Zwar zeigte die Testgruppe keine signifikant besseren Ergebnisse als die Kontrollgruppe, aber man sieht in dieser Gruppe, vor allem wenn man die Rezessionstiefen zwischen 6 Monate und 12 Monate postoperativ vergleicht, eine stabilisierende Tendenz. Eine längere Verlaufskontrolle (24 oder 36 Monate) wäre nötig, um diese Tendenz zu verfolgen.

Über die Wirkung von EMDOGAIN® bei der Deckung von Rezessionsdefekten gibt es bislang die Fallstudie von Heijl (1997b) und die Split-Mouth Studie von Modica et al. (2000). In der Studie von Heijl (1997b) wurde an einem Unterkiefer Frontzahn einer freiwilligen Testperson experimentell eine Rezession gesetzt und die Rezession mittels koronaler Verschiebeplastik und EMDOGAIN® Applikation behandelt. Nach 4 Monate wurde der Zahn zusammen mit ein Teil des umgebenen Gewebes extrahiert und histologisch untersucht. Neu geformtes azelluläres fremdfaserzement bedeckte 73% des original Defektes und der Knochengewinn war 65% der präoperativen Knochenhöhe. Heijl kam zu der Schlussfolgerung dass EMDOGAIN® das Potential besitzt eine echte parodontale Regeneration hervorzurufen.

In der Studie von Modica et al. (2000) wurden bei 12 Patienten mittels koronaler Verschiebeplastik jeweils zwei kontralaterale Zähne mit Rezessionsdefekten der Miller Klasse I und II behandelt. Der eine Zahn wurde mit EMDOGAIN® behandelt und der kontalaterale diente als Kontrolle. Nach 6 Monate wurde eine mittlere Deckung von 91,2% in der Testgruppe und 80,9% in der Kontrollgruppe. Es


67

wurden keine signifikante Unterschiede in der Deckung zwischen den zwei Gruppen beobachtet. In unserer Studiewurden nach 6 Monate in der Testgruppe eine mittlere Deckung von 71,7% und in der Kontrollgruppe 73,6% beobachtet. Die Unterschiede zwischen den zwei Gruppen waren nicht signifikant. Die Abweichungen beim Deckungserfolg ist wahrscheinlich auf die kleineren Anfangsrezessionstiefen und der kleinen Anzahl der Probanden der Studie von Modica et al. (2000) zurückzuführen. Die Anfangsrezessionstiefen waren in userer Studie 4,5 mm (Test) und 4,4mm (Kontrolle) und wir hatten 22 Probanden. In der Studie von Modica et al (2000) betrugen die Anfangsrezessionstiefen 3,7mm (Test) und 3,5mm (Kontrolle) und die Anzahl der Probanden war 12.

Attachmentgewinn

Der klinischeAttachmentgewinn war innerhalb jeder Gruppe signifikant, was aber im Gruppenvergleich nicht der Fall war. Der klinische Attachmentgewinn ist durch die Deckung der Rezession und den bukkalen Gewebegewinn zustandegekommen und nicht durch Änderungen in der Sondierungstiefe. Dieses Ergebniss entspricht anderen Studien (Wennström & Zucchelli 1996, Borghetti et al. 1999, Baldi et al. 1999) und deutet daraufhin, dass in der Rezessionsdeckung mit koronal verschobenen Lappen keine Pseudotaschen, sondern bindegewebiges Attachment entsteht.

Es gibt histologische Hinweise in der Literatur über die Art des Attachment, welches nach einer Rezessionsdeckung zu erwarten ist (Common & McFall 1983, Cortellini et al. 1993; Pasquinelli 1995). Histologische Untersuchungen sind notwendig, um in unserer Studie die Art des Attachment sicher zu bestimmen..


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed Oct 2 10:41:44 2002