Marit Rosol

Gemeinschaftsgärten in Berlin
Eine qualitative Untersuchung zu Potenzialen und Risiken
bürgerschaftlichen Engagements im Grünflächenbereich vor dem Hintergrund des Wandels von Staat und Planung

Dissertation

zur Erlangung des akademischen Grades doctor rerum naturalium (Dr. rer. nat.) im Fach Geographie, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät II der
Humboldt-Universität zu Berlin

Berlin 2006

Dissertationsschrift eingereicht am: 09. November 2005

Tag der Verteidigung: 14. Februar 2006

Gutachter:
1. Frau Prof. Dr. Marlies Schulz
2. Herr Pof. Dr. Franz-Josef Kemper
3. Frau Prof. Dr. Susanne Frank

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 3-86664-076-5 / 978-3-86664-076-4

Mensch & Buch Verlag, Berlin

Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, 2006

Abstract (deutsch)

Gemeinschaftsgärten unterscheiden sich von anderen urbanen Grünflächen dadurch, dass sie gemeinschaftlich und überwiegend unentgeltlich angelegt und gepflegt werden und einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Marit Rosol führt in ihrer stadtgeographischen Dissertation Gemeinschaftsgärten als einen neuen Freiraumtyp ein und analysiert ihn im Kontext aktueller Tendenzen der Freiraumpolitik, der Forschungen zum bürgerschaftlichen Engagement sowie des Wandels von Staat und Planung.
Anhand von neun Berliner Fallbeispielen werden Gemeinschaftsgärten umfassend charakterisiert. Motive und Ziele der relevanten AkteurInnen werden ebenso herausgearbeitet wie Potenziale, Schwierigkeiten und Risiken. Schließlich leitet die Autorin praktische Handlungsempfehlungen sowohl für die GartenaktivistInnen als auch für die räumliche Planung ab. Dabei wird auch auf aktuelle Erfahrungen „grüner Zwischennutzungen“ sowie der community gardens in New York, Toronto und Seattle verwiesen.
Gemeinschaftsgärten entstehen derzeit – so die These der Arbeit –vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels, der einerseits Freiräume für BewohnerInnen schafft, andererseits auch die Gefahr einer Abwälzung bislang kommunaler Aufgaben sowie eine ungleiche Versorgung mit öffentlichen Freiräumen befürchten lässt. Mit der Untersuchung der Bedingungen und Grenzen freiwilligen Engagements leistet die Arbeit einen empirischen und theoretischen Beitrag zur Diskussion um Stand und Entwicklung kommunaler Infrastrukturen.

Eigene Schlagworte: Stadtgeographie, Stadtplanung, Bürgerschaftliches, Engagement, Brachen, Zwischennutzung, Berlin, urbane Gärten

Abstract

Community gardens differ from other urban green spaces like parks or allotments, because they are managed collectively and mostly voluntarily and are open to a broader public. Marit Rosol introduces community gardens as a new type of urban green spaces in Germany and analyses it in the context of landscape planning politics, research concerning civic engagement and changes of the (local) state and spatial planning.
Based on qualitative research, especially in-depth interviews, nine Berlin case study community gardens are described comprehensively. Motivation and aims of the relevant actors as well as potentials, difficulties and risks are shown. Moreover the author gives practical advise both for gardening activists as for urban planners. For this purpose she also draws on experiences with “green” temporary uses as well as with community gardens in New York, Toronto and Seattle.
Community gardens are currently coming into being in Berlin - so the thesis of the work - because of changes in society, which open up new opportunities for residents, but also imply the risk of downloading former state responsibilities onto them and unequal provision with open green spaces. With the study on conditions and barriers of voluntary engagement the work makes a theoretical and empirical contribution to the debates of state and development of municipal infrastructures.

Keywords: urban geography, urban planning, urban gardening, voluntarism, Berlin, Interim use, Brownfields

Zusammenfassung

Gemeinschaftsgärten werden in vorliegender Arbeit als ein neuer Freiraumtyp vorgestellt und im Kontext aktueller Tendenzen der Freiraumpolitik, der Forschungen zum bürgerschaftlichen Engagement sowie dem Wandel von Staat und Planung analysiert. Die zentrale Frage dabei lautet, inwiefern bürgerschaftliches Engagement im Rahmen von Gemeinschaftsgärten zur Lösung der Krise im öffentlichen Grünflächensektor beitragen kann. Hintergrund dieser Fragestellung ist die durch finanzielle Kürzungen der kommunalen Haushalte hervorgerufene Krise des öffentlichen Stadtgrüns. Damit einher gehen Aufrufe an BewohnerInnen, einen größeren Anteil an der Bereitstellung von öffentlichem Grün selbst zu erbringen. Zur Beantwortung der Fragestellung dienen empirische, qualitative Methoden, insbesondere problemzentrierte Interviews mit VertreterInnen der relevanten Akteursgruppen. Gemeinschaftsgärten werden anhand von neun Berliner Fallbeispielen umfassend charakterisiert. Motive und Ziele der relevanten AkteurInnen werden ebenso wie Potenziale, Schwierigkeiten und Risiken herausgearbeitet und Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Gemeinschaftsgärten unterscheiden sich von anderen Freiraumtypen weniger in ihrem Erscheinungsbild – wenngleich auch dies der Fall ist – als durch die Art und Weise ihrer Produktion und ihres Betriebs. So kennzeichnet alle Gemeinschaftsgärten, dass sie gemeinschaftlich und überwiegend unentgeltlich gepflegt werden und einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Aus der Empirie heraus wurden im Rahmen dieser Arbeit drei Typen von Gemeinschaftsgärten bestimmt: ‚Nachbarschaftsgärten’ (welche sich an die unmittelbare Umgebung richten), ‚Thematische Gärten’ (bei denen ein Thema bzw. eine spezifische Zielgruppe im Mittelpunkt steht) sowie ‚Thematische Nachbarschaftsgärten’ (welche sowohl ein Thema fokussieren als auch die unmittelbare Nachbarschaft). Es gibt nicht ein Entstehungsmodell für alle Gärten, sondern es finden sich unterschiedliche Grade von Selbstorganisation und Begleitung ‚von außen’. Aus den empirisch ermittelten 13 Motiven für ein Engagement wurden drei Motivationstypen gebildet: Die gärtnerisch Motivierten fühlen sich von der konkreten Tätigkeit des Gärtnerns angesprochen. Die durch die gesellschaftlichen Freiräume Motivierten sind hingegen durch den kreativen Freiraum der Projekte motiviert. Eine dritte Gruppe kann keine genaue Motivation mehr benennen, fühlt sich jedoch durch ihre jahrelangen Aktivitäten im Projekt sehr stark mit diesem verbunden.

Die Wirkungen, Potenziale und Risiken von Gemeinschaftsgärten finden sich auf persönlicher Ebene ebenso wie auf Projekt-, Quartiers- und gesellschaftlicher Ebene, im ökologischen, sozialen, ökonomischen ebenso wie im politischen und städtebaulichen Bereich. Gemeinschaftsgärten können ein sowohl für die engagierten BewohnerInnen als auch die Kommune zufriedenstellendes Modell der Schaffung von Grünflächen sein. Für die BewohnerInnen verbessert sich die Grünversorgung und es bieten sich erweiterte Aneignungsmöglichkeiten gegenüber herkömmlichen Parks und Kleingärten. Für die Verwaltung zählt, dass mit minimalem finanziellen Aufwand unansehnliche Brachen begrünt und nutzbar gemacht werden können. Damit bieten Gemeinschaftsgärten insbesondere für Städte mit vielen ungenutzten Brachflächen Potenziale. Sie stellen eine funktionale und qualitative Ergänzung anderer Freiräume dar, können diese jedoch nicht ersetzen. Die Arbeit zeigt, dass durch bürgerschaftliches Engagement im Grünflächensektor ein attraktives Zusatzangebot geschaffen wird, eine finanzielle Entlastung der Kommunen jedoch weder eintritt noch erwartet werden darf.

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22.11.2006