9 Inhaltsbezogener Anhang

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9.1  Wichtige Begrifflichkeiten (zu Kapitel 3)

Wichtige Begrifflichkeiten und theoretische Hintergründe werden nachfolgend kurz erläutert. Im Einzelnen betrifft dies: Regulationsschule, Fordismus, Post-Fordismus, Neoliberalismus, Staatstheorie, Zivilgesellschaft, Hegemonie, lokaler Staat, Empowerment, Öffentlichkeit, Gemeinschaft.240 Diese Begriffe bzw. die ihnen zugrundeliegenden (theoretischen) Konzepte sind hilfreich für die Analyse sowohl des Staatsverständnisses als auch aktueller Stadtentwicklungstendenzen. So werden z.B. Strategien von Privatisierung, Kommodifizierung und der betriebswirtschaftlichen Sicht auf die Stadt als Unternehmen unter anderem als typische Muster post-fordistischer Restrukturierungen gefasst (vgl. u.a.Hall und Hubbard, 1998;Harvey, 1989;Mayer, 1996 sowie Kap. 3.4). Entsprechend werden solche Begriffe hier zunächst hergeleitet. Die Klärung der Verwendung der Begriffe Öffentlichkeit und Gemeinschaft ist für die Charakterisierung der hier untersuchten Freiräume von Bedeutung.

9.1.1  Regulationstheorie / Regulationsschule

Die wesentlich auf einer Weiterentwicklung der Marxschen Theorie basierende Regulationstheorie wurde in den 1970er Jahren angesichts der zu dieser Zeit ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise als Gesellschaftstheorie in Frankreich entwickelt.241 Sie war zu Beginn eine Theorie, welche die Stabilität des fordistischen Akkumulationsregimes (s.u.) erklären sollte, wurde aber in Anbetracht der Krise des Fordismus (s.u.) und einer sich abzeichnenden neuen gesellschaftlichen Formation zu einer Krisen- und Transformationstheorie kapitalistischer Gesellschaften weiterentwickelt. Sie setzt sich also mit der Frage auseinander, „wie regelhaft auftretende Krisensymptome in einer kapitalistischen Volkswirtschaft erklärt werden können (...)“ (Brunotte et al., 2001/2002). Sie hat sich als brauchbar für die Erklärung und Interpretation gegenwärtiger historischer Phasen erwiesen und dabei die

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analytische Aufmerksamkeit auf die notwendige Kohärenz von mikro- und makroökonomischen Elementen, von sozialen und politischen Regulationsweisen gelenkt, deren Zusammenwirken (‚Artikulation’) für eine stabile ökonomische Wachstumskonstellation unerläßlich ist. (Roth, 1998).

Wichtige Vertreter(innen) der Regulationsschule sind u.a. Michel Aglietta, Alain Lipietz, Danièle Leborgne und Robert Boyer (Frankreich) sowie Joachim Hirsch, Birgit Mahnkopf, Roland Roth, Josef Esser, Kurt Hübner, Alex Demirovic (BRD) und Bob Jessop (UK). Einen Überblick bietet auch Amin (1994).242 Inzwischen gibt es eine große Anzahl von Publikationen, die sich speziell mit Raumforschung unter regulationstheoretischer Perspektive befassen.243 Anknüpfungspunkt für die Raumforschung ist der Ansatz der Regulationsschule, demzufolge

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die konkreten Verlaufsformen städtischer und regionaler Entwicklung keineswegs zufällig mit bestimmten Formen der Organisation von Produktion und Konsum und ihrer politischen Regulierung einhergehen. (Hesse, 1998)

Die Regulationstheorie ist keine abgeschlossene, konsistente Theorie, sondern vielmehr ein Forschungsprogramm bzw. -ansatz mit einer bestimmten Fragestellung sowie bestimmten Begrifflichkeiten und Kategorien.244 Es geht ihr um die historische Analyse der Veränderung und Reproduktion bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften. Dabei kritisiert sie sowohl die neoklassische und die bis dahin vorherrschende keynsianische Wirtschaftstheorie als auch den orthodoxen (von festen Gesetzmäßigkeiten und einer linearen, deterministischen Geschichtsentwicklung ausgehenden) Marxismus. Sie beschäftigt sich vereinfacht gesagt mit der Frage, wie sich der Kapitalismus trotz fortwährender Krisenhaftigkeit und innerer Widersprüche immer wieder neu – wenn auch prekär und temporär – stabilisiert. Dafür wurden die außerökonomischen Prozesse stärker in den Blick genommen, für welche der Begriff der ‚Regulationsweise’ geprägt wurde. Diese stellt die Gesamtheit von gesellschaftlichen Strukturen, Institutionen (z.B. Bildungseinrichtungen, Gewerkschaften, Unternehmensverbände, Medien, die Familie), Normen, Verhaltensmustern und Wertvorstellungen dar und steht in einem komplexen wechselseitigen Verhältnis zum makroökonomischen ‚Akkumulationsregime’ (Technologien, Branchenstrukturen, Konsummuster, Unternehmensorganisation).245 Ein stabiles Akkumulationsregime benötigt dabei notwendigerweise eine entsprechende Regulationsweise bestehend aus breit geteilten gesellschaftlichen Werten sowie Institutionen. Zu einer Krise kommt es folglich, wenn Akkumulationsregime und Regulationsweise einander nicht mehr entsprechen. Eine solche Krise war die Ursache für den immer noch andauernden Übergang von der fordistischen Akkumulations- und Regulationsweise zu einem – aufgrund der immer noch nicht klaren Funktionsweisen noch nicht näher bezeichneten – post-fordistischen Regime (s.u.). Ob der Übergang noch andauert, ist umstritten (vgl. u.a.Candeias und Deppe, 2001).

9.1.2 Fordismus

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Der Regulationstheorie ist die intensive Analyse der als Fordismus bezeichneten Phase zu verdanken. Der inzwischen breit verwendete Begriff Fordismus geht ursprünglich auf den italienischen Kommunisten und Theoretiker Antonio Gramsci (1891-1937) zurück. Der Fordismus als Phase relativer Stabilität mit beständigem Wirtschaftswachstum in den 1950er und 1960er Jahren funktionierte auf der Basis der binnenzentrierten Kopplung von Massenproduktion und Massenkonsum. Erstere wurde ermöglicht durch tayloristische Methoden246 der Arbeitsorganisation, welche als erstes im breiten Maßstab durch den (Automobil-)Unternehmer Henry Ford eingesetzt wurden, dem Namensgeber der Periode. Basis für den Massenkonsum war die Weitergabe von Produktivitätssteigerungen an die ArbeiterInnen in Form von Reallohnsteigerungen.247 Soziale Spannungen wurden durch das weitreichende Engagement des keynsianischen Wohlfahrtsstaates248 im Sinne eines ‚keynsianischen Klassenkompromisses’ abgefedert, Politik und ‚Arbeitskampf’ funktionierten weitgehend institutionalisiert und auf definierten Terrains. Dabei basierte das fordistische System auf klar zugewiesenen Geschlechterrollen, d.h. der Übernahme der Reproduktionsarbeit durch die nicht erwerbstätige Ehefrau. International beruhte das fordistische Akkumulationsregime auf der Ausbeutung der so genannten ‚Dritten Welt’ und auf dem Raubbau an der Natur.

Der gemeinsame Siegeszug der – in einer Autofabrik erstmals umgesetzten – Produktionsform der Moderne und des Haupttransportmittels der Moderne, des Autos, ist auch bezeichnend für die städtebaulichen Folgen des autogerechten Umbaus der Städte, für Rationalisierung des Alltags sowie für Funktionstrennung und Zerlegung in funktionale Abläufe, wie er in der ‚Charta von Athen’ (CIAM, 1933) zum Ausdruck kam. Diese gilt zu Recht als städtebauliches und räumliches Leitbild des Fordismus mit seiner „funktionalistischen Urbanität“ (Schmals, 1997).

Dieses System kam Mitte der 1970er Jahre in eine weltweite Krise, als sich die Spielräume für Produktivitätssteigerungen im vorherrschenden tayloristischen industriellen Paradigma erschöpft hatten. Mit der Bedeutungszunahme des Exportsektors wurde zudem die Kapitalverwertung von den nationalen Löhnen (die Grundlage für den Massenkonsum) entkoppelt, mehr noch die Lohnhöhe wurde zunehmend als Kostenfaktor und weniger als Faktor zur Steigerung der Nachfrage angesehen. Mit dem stagnierenden Wachstum des Sozialprodukts gerieten auch die sozialstaatlichen Verteilungsmechanismen in die Krise. Gleichzeitig war jedoch auch die Regulationsweise u.a. durch das Aufbegehren der ‘Neuen Sozialen Bewegungen’ (allen voran der Ökologie- und der Frauenbewegung, sowie der Kultur- und Konsumkritik der antiautoritären Proteste)249 in eine (Legitimations-)Krise gekommen oder wie es Joachim Hirsch formuliert:

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Der durch Bürokratisierung, Reglementierung und Normierung gekennzeichnete ‚Sicherheitsstaat’ [i.S.v. sowohl materiell-sozialer Sicherung als auch Überwachung und Kontrolle, M.R.], der auf standardisiertem Warenkonsum gegründete Wohlstand, die ausufernde Ressourcenverschwendung und Naturzerstörung sowie die fordistisch (...) modifizierte Form patriarchaler Herrschaft wurden Ziel einer wachsenden Kritik, die einem beginnenden allgemeinen ‚Wertewandel’ und in den sich seit dem Ende der 60er Jahre herausbildendenden ‚neuen sozialen Bewegungen’ ihren Ausdruck fanden. (Hirsch, 2002).

Dies zeigte sich – so ließe sich ergänzen – auch in der Kritik an der städtebaulichen Moderne sowohl von wissenschaftlicher als auch ‚Bewegungs’-Seite (vgl. u.a.Ronneberger und Schmid, 1995;Schmals, 1997).

9.1.3 Neoliberalismus und Post-Fordismus

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Es kam also sowohl zu einer Akkumulations- als auch einer Hegemoniekrise (s.u.) des fordistischen Systems. In dieser Krisensituation entwickelte sich ein bisher noch uneinheitliches und brüchiges post-fordistisches System, welches in seinen Strategien und Ideologien jedoch starke Bezüge zum Neoliberalismus aufweist und häufig als Globalisierung diskutiert wird. Gemäß Ulrich Brand et al. und anderen kann zwischen einem neoliberalen Kernprogramm und dem neoliberalen Projekt unterschieden werden (vgl.Brand et al., 2000). Das neoliberale Kernprogramm ist eine Neuauflage der neoklassischen Wirtschaftstheorie und wurde von den Wissenschaftlern um Friedrich von Hayek, Milton Friedmann und anderen entwickelt. Kern dieses Wirtschaftsverständnisses ist, dass die Verteilung von Ressourcen dann am effizientesten ist, wenn sie dem rationalen, von Preisen geleiteten Kalkül der Marktteilnehmer folgt. Dies setzt einen von außen unbeeinflussten freien Wettbewerb voraus. Vereinfacht gesagt ging es den neoliberalen Theoretikern folglich um ein Zurückdrängen des staatlichen Einflusses auf das Wirtschaftsgeschehen („Rückgewinnung von Freiheit“) und einen „sich selbst regulierenden Markt“ (zitiert inBrand et al., 2000) sowie den freien Wettbewerb als beste aller Lösungen. Der Staat war dennoch nicht bedeutungslos für die Theoretiker des Neoliberalismus. Er sollte in seiner repressiven Rolle vor allem das Privateigentum schützen und die äußere und innere Sicherheit garantieren und damit auch den Einfluss von Gewerkschaften und anderen politisch gegnerischen Gruppen zurückdrängen. Für die Umsetzung dieser theoretischen Ideen war den Wissenschaftlern zudem „von Beginn an klar, dass das neoliberale Programm, wenn es denn je realitätsmächtig werden sollte, auch den VerliererInnen plausibel erscheinen musste.“(Brand et al., 2000).

Neoliberale Globalisierung ist jedoch nicht als rein wirtschaftliches Projekt zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um einen sozialen Prozess, in dem es um die Herausbildung von neuen gesellschaftlichen (Macht)Verhältnissen geht. In der Praxis haben wir es also nicht mit der reinen Theorie zu tun, sondern mit einem in sozialen Auseinandersetzungen umzusetzenden neoliberalen Projekt. Dieses stellt den Versuch einer Bewältigung der Fordismuskrise dar, welche die erneute Sicherung der Kapitalakkumulation zum Ziel hat. Diese Strategie wurde erstmals während der chilenischen Militärdiktatur nach dem Putsch von 1973 (mit Unterstützung von Mitarbeitern Friedmanns) in der Praxis durchgesetzt und erlebte in den 1980ern einen Aufschwung unter Reagan (USA) sowie Thatcher (UK) und Kohl (BRD). Allerdings wurde in der Bundesrepublik ihre Umsetzung in die Praxis durch die gewerkschaftliche Kämpfe und die Vereinigung verzögert und kam erst in den 1990ern zum Durchbruch.250 Der Neoliberalismus bietet folgende Strategien für Wirtschaftswachstum an: (sozialstaatliche) Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung der Märkte, Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen sowie die Umverteilung der Einkommen ‘von unten nach oben’ (vor allem durch Steuersenkungen und sozialstaatliche Ausgabenkürzungen). Somit war der Neoliberalismus als Ideologie (‚Sachzwang Weltmarkt’) und Strategie also eine wichtige Voraussetzung kapitalistischer Globalisierung und ist gleichzeitig ihre Folge, da die Position neoliberaler Politik gestärkt wird. Seit Mitte der 1990er Jahre ist eine eindeutige Zuordnung der aktuellen Entwicklungen als rein neoliberal umstritten, wird gar von einer Krise des Neoliberalismus gesprochen.251 Deshalb wird oft der vieldeutigere Begriff des Post-Fordismus benutzt, welcher jedoch keinesfalls von einem bereits wieder stabilen und klar umrissenen Akkumulationsregime ausgeht.252 Dabei lösen post-fordistische Strukturen nicht einfach den Fordismus ab, sondern existieren – in spezifischen räumlichen Konstellationen – neben diesem. Im Gegensatz zum Ansatz der (Wirtschafts-)Geographie, welche den Post-Fordismus lediglich anhand der industriellen / wirtschaftlichen Entwicklung charakterisiert (vgl.Brunotte et al., 2001/2002), hebt die Regulationsschule auf die enge Verflechtung von Wirtschaftsstruktur und gesellschaftlicher Struktur ab (s.o.).

9.1.4 Staatstheorie

In regulationstheoretischen Ansätzen werden Staat und Ökonomie oder Staat und Zivilgesellschaft nicht als konträr bzw. als separate Sphären, sondern als sich ergänzende widersprüchliche Verhältnisse angesehen. Deshalb gehe der Ruf nach ‚Wiedereinbettung’ einer rein ökonomisch betrachteten Globalisierung durch die Politik am Problem vorbei. Um dem Verständnis des Staates näher zu kommen, wird z.T. auf die materialistische Staatstheorie von Nicos Poulantzas zurückgegriffen. Dieser versteht den bürgerlich-kapitalistischen Staat nicht als „ein in sich abgeschlossenes Wesen“ (Poulantzas, 2002 [1978]), sondern als soziales Verhältnis, als die „materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses“ ([]). Staat sei dabei gleichzeitig ein Verhältnis und ein Apparat und besitze infrastrukturelle, ideologische und repressive Funktionen. Die grundsätzliche Aufgabe des Staates sieht die materialistische Staatstheorie hiernach in der Sicherung der kapitalistischen Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen, d.h. auch der Widerspruchsbearbeitung in Krisensituationen. Dazu gehört ebenso die Sicherung sozialer Kohäsion. Diese geschieht jedoch in unterschiedlichem Maße durch die Strategien von Konsens und Zwang.253 Dabei handelt er weder völlig autonom als ‚Vertreter des Allgemeinwohls’ noch als ‚Instrument einer herrschenden Klasse’. Zudem ist er kein homogenes Subjekt, sondern ist selbst von vielfältigen Widersprüchen durchzogen, was sich z.B. in sich widersprechenden Strategien verschiedener staatlicher Apparate zeigt.

9.1.5 Zivilgesellschaft

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Die Herstellung relativ stabiler Akkumulations- und Regulationszusammenhänge erfordert die Herausbildung einer politisch-ideologischen Hegemonie. Dies jedoch ist nicht allein Aufgabe des Staatsapparates im engeren Sinne. Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom ‘erweiterten Staat’, welcher neben dem politisch-administrativen System auch die Zivilgesellschaft umfasse. Zivilgesellschaft ist nun kein eindeutig definierter Begriff. Klaus Schmals und Hubert Heinelt weisen auf die zwei Dimensionen des Konzepts Zivilgesellschaft in aktuellen Diskussionen hin. Zum einen gäbe es Zivilgesellschaft als politisch-normatives Leitbild, prominent vertreten durch Jürgen Habermas und seinem Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1. Auflage:1962). Auf der anderen Seite werde Zivilgesellschaft als Struktur- und Handlungsmerkmal als bereits existent konstatiert und müsse nun empirisch hinsichtlich der Entwicklung, Defizite und Potenziale untersucht werden. Zivilgesellschaft umfasse hier den intermediären Bereich zwischen Staat, Markt und Privatsphäre (Heinelt und Schmals, 1997;Schmals, 1997).254 Laut Joachim Hirsch ist Zivilgesellschaft ein sehr heterogenes Netzwerk der vom Staat formell mehr oder weniger unabhängigen Organisationen und Zusammenschlüsse (wie z.B. Kirchen, Handelskammern, Medien, Umweltschutzgruppen, BürgerInneninitiativen, Vereine), welche „der Formulierung und Vertretung gesellschaftlicher Interessen, der politischen Willensbildung, der Meinungsäußerung und der öffentlichen Diskussion dienen (...)“ (Hirsch, 2002). Faktisch findet jedoch vielerorts eine Vermischung dieser beiden Dimensionen statt, d.h. eine Idealisierung der vorhandenen Zivilgesellschaft, weshalb meist Zivilgesellschaft per se als ‚gut’, demokratisch, harmonisch, homogen und herrschaftsfrei gesehen und angerufen wird – sei es von PolitikerInnen oder WissenschaftlerInnen. Ganz abgesehen von den damit einhergehenden vielfältigen Ausblendungen (vor allem Herrschafts- und Kräfteverhältnisse) ist der Begriff Zivilgesellschaft als typischer ‚Container-Begriff’ auch analytisch nur schwer handhabbar. Ingrid Breckner ist zuzustimmen, wenn sie schreibt:

Der zunehmend ‚inflationäre Gebrauch’ des Begriffs Zivilgesellschaft in Wissenschaft und Politik (...) prädestiniert ihn weder als Zielperspektive noch als Prüfkriterium gesellschaftlicher Entwicklungen. Zu vielfältig sind die Bedeutungen, die diesem Zauberwort vor dem Hintergrund besonderer Interessen und paradigmatischer Orientierungen zugeschrieben werden. (Breckner, 1997).

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Dies mache eine Operationalisierung schier unmöglich.

Gramsci fasst Zivilgesellschaft herrschaftsanalytisch nicht als anzustrebenden Zustand, sondern als wesentlichen Bestandteil des regulativen Systems und damit in starkem Gegensatz zur Vorstellung der Zivilgesellschaft als Ort eines herrschaftsfreien Diskurses. So verstanden erweist sich die Idealisierung von Zivilgesellschaft, wie sie vielerorts – u.a. in kommunitaristischen Konzepten aus den USA (vgl. u.a.Etzioni, 1995;Haus, 2002) 255, jedoch auch pragmatisch in Programmen wie der ‚Sozialen Stadt’ – stattfindet, als macht- und herrschaftsfreie Sphäre als problematisch. 256 Im Gegensatz zu vielen anderen Erörterungen zur Zivilgesellschaft sieht Gramsci diese also nicht als Gegenpol zum Staat. Die Entgegensetzung von Staat als Zwangsapparat und ziviler Gesellschaft als Ort von Freiheit und Demokratie sei in der Realität so nicht gegeben. Vielmehr gäbe es fließende Übergänge, wenngleich Staat und zivile Gesellschaft keinesfalls einen einheitlichen und konfliktfreien Zusammenhang bilden. Denn:

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Bildet die ‚zivile Gesellschaft’ im Sinne Gramscis den entscheidenden ‚Kitt’ für die Stabilisierung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse, so ist sie aber auch das Feld, auf dem demokratische Prozesse und emanzipative Bewegungen überhaupt erst entstehen. (Hirsch, 2002)

Denn nach Gramsci werden Kämpfe um emanzipatorische Veränderungen nicht zuerst in der ‚großen Politik’, sondern im Alltag und den vielfältigen gesellschaftlichen Institutionen geführt. Dennoch können diese demokratischen und emanzipatorischen Prozesse nie durch die Zivilgesellschaft als Ganze entstehen, zu uneinheitlich in ihrer Zusammensetzung und in ihren Interessen ist diese (Brand, 2005). Nicht vergessen werden sollten auch die „dunklen Seiten der Zivilgesellschaft“ (Roth, 2003), d.h. durch Rassismus, Antisemitismus, Sexismus etc. geprägte Gruppen, welche nochmals darauf verweisen, dass Zivilgesellschaft nicht per se demokratisch, gewalt- und herrschaftsfrei ist.

9.1.6 Hegemonie

Gramsci zufolge wird vor allem in der Sphäre der Zivilgesellschaft der Kampf um gesellschaftliche Hegemonie ausgetragen (ausführlich zum Begriff Hegemonie vgl.Haug, 2004). Diese ist nicht einfach als Vorherrschaft (einer Klasse – der Bourgeoisie bzw. der Arbeiterklasse) oder gewaltgestützte Dominanz zu verstehen, sondern als ein System, welches auch den aktiven Konsens der Beherrschten braucht, um stabil zu bleiben. Hegemonie bedeutet

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politische, geistige, kulturelle Führung durch Konsens. Gramsci versteht darunter die Fähigkeit der Herrschenden oder der herrschenden Klasse(n), ihre Interessen so durchzusetzen, das dies von den subalternen Klassen und Gruppen als allgemeines Interesse wahrgenommen wird. (...) Hegemonie ist insofern ein ‚aktiver Konsens der Regierten’ (Brand et al., 2000).257

Bob Jessop bezeichnet in ähnlicher Weise Hegemonie als:

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Entwicklung eines politischen Projekts, das von anderen Subjekten als wichtig für die Realisierung ihrer Interessen anerkannt wird, und einer ‚organischen Ideologie’, die als gemeinsamer ideologischer Bezugsrahmen dienen kann, in dem eine Vielzahl von Subjekten Bedürfnisse redefinieren und verhandeln kann. (übersetzt und zitiert in:Hirsch, 2002).

9.1.7 Alltagsverstand

Mit Hilfe dieser Klärung kann das neoliberale Projekt derzeit als hegemoniales Projekt bezeichnet werden. Dies funktioniert über die Übernahme von herrschenden Ideen in den Alltagsverstand – ebenfalls ein gramscianischer Begriff. Zum sozialen Prozess wird die neoliberale Globalisierung nicht zuletzt dadurch, dass neoliberale Werte und Grundannahmen in den ‘Alltagsverstand’ auch derjenigen eingehen, denen sie objektiv schaden. Zu diesen Grundannahmen gehört erstens der ‘Glaube’ an Effizienz und Wettbewerb – und damit eng verknüpft an den Standort – als Voraussetzung der Sicherung von Wohlstand von allen. Zweitens gehört dazu die Akzeptanz (der Zunahme) innergesellschaftlicher und weltweiter Spaltungen. Drittens werden Grundstrukturen kapitalistischer Gesellschaften immer stärker als natürlich gegeben, sozusagen als Naturgesetze hingenommen. Die weitgehende Durchsetzung neoliberaler Ideen im Alltagsverstand wird daran sichtbar, dass derartige Orientierungen in weiten Teilen der Gesellschaft inzwischen als sinnvoll und quasi ‘natürlich’ angesehen werden und nicht als Durchsetzung eines herrschaftsförmigen Projektes reflektiert werden. Diese Hegemonie bleibt jedoch an Zwang, insbesondere das staatliche Gewaltmonopol gekoppelt.

9.1.8 Lokaler Staat

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Die veränderte Rolle des Staates im Globalisierungsprozess betrifft auch den Lokalen Staat. Der Begriff wurde insbesondere von der lokalen Politikforschung und ursprünglich in Großbritannien geprägt (Duncan und Goodwin, 1988) und wird in der Stadtplanung hierzulande kaum benutzt. Dabei sind zwei der wichtigsten Verantwortungsbereiche des lokalen Staates die Regulation der Flächennutzung und der städtischen Planung (Desfor und Keil, 1997). Der Begriff stellt kommunale Politik auf lokaler Ebene als staatliches Handeln im Sinne einer Arbeitsteilung heraus, ohne ihn lediglich als Instrument des Zentralstaates zu fassen. Tatsächlich ist das konkrete, räumlich und historisch spezifische Verhältnis zum Nationalstaat (sowie zu anderen Ebenen) und die relative Autonomie der lokalen Ebene Untersuchungsgegenstand.258 Darüber hinaus geht es jedoch auch um das Verhältnis zur (lokalen) Wirtschaft sowie zur ‚Zivilgesellschaft’ und die Rolle der Kommunen, die über das Handeln der gewählten StadtvertreterInnen sowie des Verwaltungsapparates hinausgeht. So wird der lokale Staat von einigen AutorInnen als zwischen Staat und Zivilgesellschaft stehend interpretiert, insofern er „als Körperschaft Teil der Zivilgesellschaft und, in Bezug auf seine politischen und bürokratischen Verantwortlichkeiten, auch Teil des Staates“ (Keil, 1998) ist. Die deutsche lokale Politikforschung spricht deshalb auch von einem Doppelcharakter der kommunalen Ebene: als Teil des Staates und als gesellschaftliche Sphäre (vgl. zusammenfassendKeil, 1998;Krätke und Schmoll, 1987;Mayer, 1991;Wollmann, 2002).

9.1.9 Empowerment

Der Begriff Empowerment wird mit sehr unterschiedlicher Intention verwendet. Laut Lexikon der Geographie ist Empowerment eine: „Entwicklungsstrategie zur Stärkung der eigenen Fähigkeiten und Durchsetzungsmacht marginalisierter Gruppen“(Brunotte et al., 2001/2002). Der Begriff Empowerment wurde laut Birte Rodenberg und Christa Wichterich ursprünglich von der internationalen Frauenbewegung geprägt, und erstmals auf der 3. Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi vom Süd-Frauennetzwerk DAWN (Development Alternatives with Women for a New Era) vorgestellt (Rodenberg und Wichterich, 1999). DAWN kritisierte die klassischen entwicklungspolitischen Frauenförderansätze und stellten Emp o werment als frauenpolitische Strategie von unten vor, als Weg für Frauen, von unten kollektiv Macht aufzubauen und damit sowohl Armut und weltweite Ungerechtigkeit zu bekämpfen als auch Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Dabei griffen sie Ansätze der US-amerikanischen Black-Power-Bewegung, Saul Alinskys – Begründer des Community Organizing – „Anleitung zum Mächtigsein“ (1984) aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und Paolo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“ auf (ebd.: 25). Gemeinsam ist diesen Ansätzen „die parteiliche Perspektive von unten: aus dem Süden, von Marginalisierten, von Minderheiten, von Deklassierten“ (Rodenberg und Wichterich, 1999). Der Begriff zielt also auf die Prozesse des Machtgewinns, der (Selbst)Ermächtigung strukturell diskriminierter Gruppen und Individuen durch Organisierung. Macht wird in dem Konzept positiv und produktiv verstanden – unter Rückgriff auf Hannah Arendt und Michel Foucault – als Zugangs- und Kontrollrecht über Ressourcen, Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Er wird deutlich von Herrschaft getrennt. Dafür können zwar von außen Impulse und Unterstützung gegeben werden, der Prozess der Machtbildung kann jedoch nicht von außen / oben hergestellt werden (ebd.: 26). In ihrem Operationalisierungsversuch identifizieren Birte Rodenberg und Christa Wichterich sechs Empowerment-Felder (welche sie anschließend genauer definieren): im persönlichen, rechtlichen, kulturellen, sozialen, ökonomischen und politischen Bereich, welche sich gegenseitig bedingen und nur gemeinsam Empowerment ausmachen (ebd.: 29ff.).

Thilo Klöck sieht Empowerment – bzw. Machtbildung von unten – als über die reine Selbsthilfe bzw. Selbstorganisation hinausgehendes Zusammenwirken von Betroffenen und professionellen UnterstützerInnen mit dem Ziel von mehr Selbstbestimmung und Eigenkontrolle und der letztendlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse vor allem von benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Dazu sei es notwendig, bestehende Macht- und Vorurteilsverhältnisse kritisch anzugehen. Zudem bedürfe es der Wechselwirkung von Ressourcenzufuhr (finanziell, fachliches know-how) von außen und der Selbstorganisation durch Interessenorganisation und Solidarisierung, da gerade ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen oft nicht die Möglichkeiten und Ressourcen zur Interessenartikulierung und Durchsetzung haben (Klöck, 1993). Als Ziel von Community Organizing – einem aus den USA stammenden Konzept, welches auf dem Empowerment-Gedanken aufbaut – beschreibt er:

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(...) [einerseits] Abhängigkeiten und erlernte Hilflosigkeit abzubauen, die (Definitions-) Macht der ExpertInnen und Sanktionen zu begrenzen, und andererseits die Nützlichkeit von Solidarität zu erfahren, sich intern und extern mehr Anerkennung zu verschaffen, eigene Kompetenzen zu entdecken und zu entfalten, und auch einmal erfolgreich zu sein, um Selbstvertrauen und Mut zu schöpfen. Im Erfolgsfalle wird erfahrbar, dass sich das eigene Engagement lohnt, dass mit der gemeinsamen Organisationsanstrengung und Solidarisierung etwas veränderbar wird, und dass man sich aufeinander verlassen kann. (Klöck, 1993)

Zum Verhältnis von Empowerment zu sozialen (Dienst-)Leistungen schreibt er weiter:

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Community Organizing kann gemeinwesenorientierte soziale Arbeit und eine problemangemessene und menschenwürdige Versorgung mit sozialen Diensten und Infrastrukturen nicht ersetzen, wohl aber zur Entwicklung von Partizipation und mehr Kontrolle der Institutionen durch das Gemeinwesen, zu mehr Transparenz und Öffentlichkeit beitragen. (Klöck, 1993)

Community Organizing bedürfe dabei immer auch des Einflusses von außen, um „das Risiko von unreflektierter Ausgrenzung anderer Menschen, von imaginierten Feindbildern und Bunkerdenken“ (ebd.) zu verhindern.

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Laut Roland Roth geht es bei Empowerment

um die Entfaltung individueller Kompetenzen und Ressourcen zum Engagement, um die Bildung von Gruppen und Initiativen, also um soziale und politische Lernprozesse, kollektive Handlungsfähigkeit und die Einmischung in das Gemeinwesen, d.h. um Anerkennung und bewußte Veränderungen im öffentlichen und politischen Raum. (Roth, 2000)

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Inzwischen wird der Begriff in den verschiedensten Zusammenhängen benutzt von Quartiersmanagement bis Weltbank und ist seines (herrschafts-)kritischen Inhalts weitgehend entleert. Dabei ist die – bereits den eigentlichen Sinn verkennende – Übersetzung mit ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ noch die harmlosere Variante. So gleichen die heutigen Aufrufe zu Empowerment eher der neoliberalen Logik der Eigenverantwortlichkeit für das jeweilige Schicksal (Lanz, 2000), welche in dem Spruch ‚Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied’ zum Ausdruck kommt. Damit werden strukturelle Ungleichheit sowie ihre Ursachen und VerursacherInnen verschleiert. Gerade auf Quartiersebene wird Empowerment inzwischen gleichbedeutend mit Aktivierung verwendet, wobei suggeriert wird, die BewohnerInnen (problembehafteter) Quartiere seien inaktiv (vgl. zur Kritik u.a.Mayer, 2003).

Laut Ulrich Bröckling (2004) war hingegen die mehrfache und widersprüchliche Bedeutung und politische Ausrichtung des Begriffs von Beginn an gegeben, da sich gleichzeitig sowohl die ‚Black-Power-Bewegung’ als auch die US-Regierung darauf bezogen. Entsprechend ambivalent sei der Begriff:

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Die Linke setzte auf Empowerment, um politischen Widerstand zu mobilisieren; Konservative erhofften sich die Stärkung von Nachbarschaft, Familie und anderen Gemeinschaften, um so die Kluft zwischen Individuum und staatlichen ‚Megastrukturen’ zu überbrücken; Liberale schließlich sahen Empowerment als eine Strategie, um soziale Konflikte zu befrieden und von staatlicher Unterstützung unabhängige, ökonomisch rationale Akteure hervorzubringen. (Bröckling, 2004)

Allerdings bekundet auch Bröckling, dass die Wurzeln des Begriffs im Bereich der Sozialen Arbeit und der Gemeinwesenarbeit liegen, was seiner Anpassung im Sinne von (Selbst)-Management-Strategien jedoch nicht schadete. In dieser Arbeit wird der Begriff trotz der angesprochenen Vereinnahmung und Entpolisierung in seiner kritischen Bedeutung verwendet.

9.1.10 Gemeinschaft

Boris Michel verweist mit Thomas Günther (Günther, 2003) auf die Problematik des Gemeinschaftsbegriffs innerhalb der deutschen Sozialwissenschaften: dieser werde als anachronistisch bzw. vormodern sowie – mit Ferdinand Tönnies (Tönnies, 1978 [1887]) – als irrational und präkommunikativ angesehen und habe sich nicht zuletzt durch seine Verwendung im Nationalsozialismus delegitimiert. Entsprechend würden auch hierzulande meist die Begriffe community, Gemeinsinn, Gemeinwesen, Gruppe oder lokale Bezüge verwendet (Michel, 2005;Schäfers, 1995). Nach Tönnies bilden Gemeinschaft und Gesellschaft ein Gegensatzpaar, worin sich Gemeinschaft auf ursprüngliche, ‚natürliche’, ‚vormoderne’ Zusammenhänge wie Familie oder Nachbarschaft (im Dorf) beziehe und Gesellschaft auf ein zweckorientiertes, formell geregeltes und interessengeleitetes Zusammenleben (in der modernen Großstadt) (Böttcher, 1979). Mit dem Begriff ‚Gemeinschaft’ will Tönnies also die nicht-gesellschaftlichen Formen des Soziallebens hervorheben und sozialgeschichtlich den Wechsel von gemeinschaftlichen (vormodernen) zu gesellschaftlichen (modernen) Strukturen. Als Begriff taucht Gemeinschaft / community vor allem wieder durch die hiesige Rezeption der US-amerikanischen Kommunitarismusdebatte (s.o.) auf, welche die Notwendigkeit von Gemeinschaftlichkeit betont (Schäfers, 1995).

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Allerdings ist auch der englische Begriff community nicht ganz unproblematisch, da er einerseits ebenfalls wie Gemeinschaft im Sinne Tönnies oft als Gegensatz zu einer allgemeinen sozialen und gesellschaftlichen Orientierung verwendet wird, sich also auf kleine Gemeinschaften beschränkt und damit exklusiv ist. Die zweite Problematik besteht darin, dass zunehmend ein ‚Regieren durch communities’ als „Form von Machttechnologie“(Ronneberger, 2004) stattfindet oder zumindest angestrebt wird und damit starke Bezüge zum Leitbild des ‚Aktivierenden Staats’ aufweist. Dies bedeutet, dass kleine Einheiten / Nachbarschaften zunehmend für die kollektiven Dienstleistungen selbst zuständig sein sollen (vgl. u.a.Ronneberger, 2004;Rose, 2000). Co m munity wird dabei gegen den entmündigenden Wohlfahrtsstaat gestellt und stellt doch letztlich ebenfalls eine ökonomische Strategie der Aufgabenverlagerung in den privaten Sektor dar (vgl. u.a.Kreissl, 2004). Laut Nikolas Rose habe der Begriff damit ähnlich wie Emp o werment und andere eine Wandlung erfahren vom widerständigen Gegenmodell zu Einsamkeit und Isolierung in den 1960ern hin zur Machttechnologie und zu konservativen Gesellschaftsentwürfen (Rose, 2000). Deshalb seien zwar communities „nicht unecht“ (Rose, 2000), es solle jedoch im Einzelfall geprüft werden, wer welche Art von communities zu welchem Zweck anruft und welche Inklusions- und Exklusionstendenzen damit einhergehen (ebd.).

Diese soziologischen und politischen Debatten um den Grundbegriff ‚Gemeinschaft’ und die Bedeutung lokaler Gemeinschaften werden in dieser Arbeit allerdings nicht vertieft. Es geht beim hier verwendeten Begriff ‚Gemeinschaftsgarten’ nicht um homogene, exklusive Gemeinschaften, sondern schlicht um den kollektiven Charakter des hier untersuchten freiwilligen Engagements im Grünflächensektor.

9.1.11 Partizipation

Der Begriff Partizipation ist nicht eindeutig definiert. Er ist ein vieldeutiger und offener Begriff, der positiv und mit hohem normativem Gehalt besetzt ist. Deshalb sind Erläuterungen zu seiner Verwendung notwendig. Wörtlich übersetzt bedeutet er ‚Teilnahme’ (aktiv) bzw. ‚Teilhabe’ (passiv) (vgl.Fach, 2004;Schultze, 2001mit einem Überblick zu Begriff, Begriffstransformation und Verwendung). Schäfers grenzt Partizipation von Demokratisierung (auf Teilhabe an primär politisch relevanten Entscheidungsstrukturen bezogen) sowie von Mitbestimmung (vor allem auf den Arbeits- und Wirtschaftsbereich bezogen) ab, da sie auf die umfassende Beteiligung „der Öffentlichkeit, der Betroffenen, der Wähler, der ‚Basis’ an den für sie relevanten Planungs- und Entscheidungsprozessen“ ziele (Schäfers, 1995). Der Begriff Partizipation wird von den verschiedenen AkteurInnen je nach Kontext und ihren politischen Zielen unterschiedlich gebraucht, z.B. jeweils unterschiedlich im deutschen Planungskontext, im parteipolitischen, gesellschaftspolitischen259 oder im Kontext der ‚Entwicklungszusammenarbeit’ (vgl. u.a.Beckmann, 1997). Im deutschen Planungskontext wird er i.d.R. für eine wie auch immer geartete Beteiligung von Betroffenen an staatlichen Planungsprozessen benutzt. Der Anspruch, der dabei an ‚wirkliche’ Partizipation von Seiten der Betroffenen, der staatlichen Stellen und der PlanerInnen gestellt wird, ist sehr unterschiedlich. Die Einflussnahme auf und durch Partizipationsprozesse ist unterschiedlich hoch und reicht von symbolischer Partizipation über reine Informationsrechte bis zum – partiellen – Überlassen von Entscheidungsmacht an die Betroffenen. Sherry Arnstein entwickelte dafür bereits Ende der 1960er Jahre ein Stufenmodell. Im Zusammenhang mit städtischen Prozessen identifiziert sie acht Stufen, welche von ‚Manipul a tion’ bis zu ‚Citizen Control’ reichen (Arnstein, 1969). Symbolische Partizipation bzw. nach Arnstein „Nicht-Partizipation“ und „Schein-Partizipation“ diene dabei oftmals der Legitimation von bereits beschlossenen Projekten, der Einbindung von Protestpotential oder soll lediglich die gesetzlichen Bestimmungen z.B. in der Bauleitplanung erfüllen. Die Gefahr solcher Partizipation sehen Brand et al. im „participation overkill“. Dies könne zur „Absorption aller Energien in weitgehend irrelevanten Gremien und Dialogangeboten” (Brand et al., 2000) führen. Dies alles zeigt, dass sehr genau darauf zu achten ist, was im konkreten Fall unter Partizipation zu verstehen ist und welche AkteurInnen mit welchen Rollen und Ressourcen daran beteiligt sind.

9.2  Gemeinschaftsgärten in Nordamerika (zu Kapitel 3)

9.2.1  New York City, USA

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In der Vereinigung der community gardeners in Nordamerika, der ‘American Community Gardening Associ a tion’ sind derzeit ca. 6.000 Gärten in 38 US-amerikanischen Städten zusammengeschlossen (Meyer-Renschhausen, 2004). Die meisten Gärten gab es 1997 gemäß Gröning in Philadelphia, gefolgt von Newark, New Jersey und Seattle (Gröning, 1998).260

In der Bundesrepublik sind dennoch am ehesten die New Yorker community gardens ein Begriff. Diese entstanden seit den 1970er Jahren auf brachgefallenen Grundstücken – i.d.R. im städtischen Eigentum – als Antwort auf Mangel an Grünflächen und städtischen Verfall, aber auch auf Armut, Nahrungsmittelmangel und Kriminalität. Es ging den damaligen AktivistInnen um die aktive – zunächst illegale – Aneignung städtischen Raums durch Besetzung und seine Gestaltung nach den eigenen Vorstellungen. Gleichzeitig entstanden 1973 die ‘Green Guerillas’, eine bis heute existierende überwiegend ehrenamtlich arbeitende Unterstützungsgruppe, welche als „militantpazifistische Selbsthilfeaktion“ (Meyer-Renschhausen, 2004) ihren Ausgang nahm. Seit Ende der 1970er Jahre legalisiert und unterstützt ‘Green Thumb’ (ein Bereich der Stadtverwaltung) community gardens, die sich auf städtischen Grundstücken befinden. Sie stellen Erde, einen Zaun, Know-How, z.T. Pflanzen und betreiben politische Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Im Gegenzug müssen die Gärten mindestens fünf Stunden pro Woche öffentlich zugänglich sein.Die Öffnungszeiten ebenso wie die Unterstützung durch ‘Green Thumb’ muss auf einem Hinweisschild angegeben werden.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Ausrichtung der Gärten stark. Im Vordergrund der meisten Gärten stehen heute weniger gesellschaftspolitische Ansprüche oder reine Verschönerungsaktionen, sondern der Gemüseanbau – d.h. ihre Subsistenzfunktion – sowie der Wunsch nach sozialen Kontakten. Die hierzulande bekanntesten Gärten aus der Lower East Side, die eher von weißen Mittelschichtsangehörigen betrieben werden, machen nur den kleinsten Teil der gesamten Gärten aus. Die Mehrzahl der Gärten liegt in den armen Vierteln, 85 % werden von Schwarzen und Latinas/Latinos betrieben (ebd.: 18.). Viele dieser Gärten kooperieren mit Initiativen und Programmen gegen Hunger und Armut und für einen erschwinglichen Zugang zu gesundem, frischem und überwiegend ökologisch angebautem Gemüse und Obst sowie mit Suppenküchen, Bauernmärkten und Essensverteilstellen (vgl. u.a. ebd.: 96ff.). Dieses sind Themen und Institutionen, die in Europa eher mit urbaner Landwirtschaft in der ‚Dritten Welt’, mit Armengärten zu Beginn des 19. Jahrhunderts oder mit Zeiten um den 2. Weltkrieg assoziiert werden. Diese Situation ist nur im Zusammenhang mit der unzureichenden sozialen Sicherung in den USA zu verstehen. In einer Stadt, in der Arme von Lebensmittelmarken leben müssen (was in der BRD – bisher – ‚nur’ AsylbewerberInnen betrifft)261 und sie ihr Viertel aufgrund der Preise für den öffentlichen Nahverkehr kaum verlassen können, besitzen Suppenküchen und lokale Bauernmärkte eine viel existenziellere Bedeutung als hierzulande.

↓462

Aufmerksamkeit auch über New York hinaus und eine Repolitisierung erlangte das Thema der community gardens Mitte der 1990er Jahre, als unter Bürgermeister Giuliani eine große Anzahl der damals ca. 1000 Gärten durch Verkauf und anschließende Bebauung bedroht wurden. Die Bedrohung entstand größtenteils durch den Erfolg der Gärten. Auch zuvor waren community gardens bereits Opfer der auch durch sie in Gang gesetzten Gentrification-Prozesse geworden. So schreibt Luz schon 1987 in Bezug auf die „Welle der Gentrification“, welche die gesamte Lower East Side erfasst habe:

So bitter es klingt, aber mit dem 1. Spatenstich für einen Gemeinschaftsgarten beginnen die wohlmeinenden Anwohner nicht selten damit, sich oder ihrer Idee das eigene Grab zu schaufeln. (Luz, 1987)

↓463

Doch dies muss nicht zwangsläufig so sein: Durch massiven Protest, Lobbyarbeit und spendenfinanzierten Kauf konnten Ende der 1990er Jahre viele Gärten gerettet werden und erlangten z.T. sogar einen dauerhaft gesicherten Status. Heute gibt es weiterhin ca. 800 community gardens, 600 davon auf städtischen Grundstücken (Meyer-Renschhausen, 2004).

9.2.2 Toronto, Kanada

In Toronto gab und gibt es nicht das Angebot an ungenutzten Freiflächen im inneren Stadtbereich wie in New York City. Da nur wenige Brachflächen im Zentrum der Stadt vorhanden waren, mussten andere Orte für die urbanen Gärten gefunden werden. Deshalb befinden sich die community gardens in Toronto größtenteils in städtischen Parks und auf dem Gelände öffentlicher Einrichtungen wie Kirchen, Bibliotheken, Community Centres und Gesundheitseinrichtungen. Dies stellt laut Gerda Wekerle, Professorin für Environmental Studies an der York University Toronto, einen wichtigen Unterschied zu New York dar:

↓464

(…) we don’t have abandoned buildings. And we don’t have the same kind of segregation of the poor. So that poor neighbourhoods feel abandoned and can actually just squat on land and take it over, because it doesn’t belong to anybody. (…) We don’t have those structural, economic, political, social conditions that made it possible to have community gardens in Philadelphia or New York or Seattle or San Francisco or any mayor American city. We have a downtown that is desirable and lived in, where every piece of land belongs to somebody. And the city doesn’t have abandoned property. (…) In Toronto the community gardens are often quite small. Very tiny, because that’s all the land there is. New York doesn’t have community gardens in parks, as far as I know. (...) In most American cities the parks are quite separate from the community gardens. Toronto has community gardens in parks, because that is the only place there is. (Ms. Wekerle)

↓465

Abb. 105: Community garden auf dem Gelände der Lilian H. Smith Bibliothek, Huron St. in Toronto

(Fotos: Rosol 2003)

Abb. 106: Community garden im Duffrin Grove Park, Toronto

Allgemeiner Überblick

Zur Zeit gibt es in Toronto ca. 100 community gardens, bedeutend weniger als in New York City. Einige von ihnen sind sehr klein, z.T. nur 20 m² groß. Ungefähr 30 von ihnen befinden sich in öffentlichen Parks262, die anderen entstehen im Zusammenhang mit den oben genannten sonstigen Einrichtungen. Auch in Komplexen des Sozialen Wohnungsbaus gibt es community gardens. 263 Oft werden in Zusammenhang mit den sonstigen Einrichtungen Menschen für ihre Moderations- und Beratungstätigkeit bezahlt. Dies kann insbesondere dann von Vorteil sein, wenn Personengruppen angesprochen werden sollen, die über weniger Ressourcen zur Selbstorganisation und Interessenartikulation verfügen.

↓466

From the perspective of groups and how do they work best, at least historical evidence is, that the groups that have somebody who is actually facilitating, leading, even in a paid position, really makes a big difference. You need somebody with some facilitating skills. (Ms. Hayes)

Die Gärten werden ansonsten weitgehend selbstbestimmt organisiert.264 Dabei wird auch von der Gruppe selbst festgelegt, wie gemeinschaftlich oder wie individuell die Gärten betrieben werden. Üblich sind Mischformen, d.h. gemeinschaftliche (Erholungs-)Flächen und Beete neben individuellen plots (Gemüse- bzw. Blumenbeete).

↓467

Definitionen

Das ‚Food and Hunger Action Committee’ (s.u.) definiert community gardens als:

↓468

outdoor spaces on public or private lands, where neighbours meet to grow and care for vegetables, flowers and native plant species. The gardeners take initiative and responsibility for organizing, maintaining and managing the garden area. Community gardens can also include skills development and/or job training components. (Food and Hunger Action Committee, 2003)

Gerda Wekerle hebt, befragt nach ihrer Definition von community gardens, vor allem auf den Selbstbestimmungsaspekt ab:

↓469

It’s a group of people who get together and they decide how to organize the space they control, they make the rules. Whether they then divide it up, so each person is responsible for a plot or they all do it together is irrelevant. I think, it's who controls it und who makes the rules, who decides. (Ms. Wekerle)

Dies unterscheide sie von anderen Formen unbezahlter Arbeit in Parks, welche Wekerle wie folgt beschreibt:

↓470

It’s work for the city defined by the city, which is to grow grass. Or to grow flowers, but in the colours that the city says and in this pattern. All they want is free labour. New York did that, under Giuliani, they forced people who have been on welfare to pick up garbage in the parks, and to keep the park clean. And that is very different from people who create a community garden. (Ms. Wekerle)

Das wesentliche Merkmal eines community gardens laut Laura Berman, der Community-Garden-Program-Koordinatorin von FoodShare (s.u.) sei, dass die Gruppe über alle Details der Gartengestaltung und -organisation entscheide:

↓471

It’s being defined by the community group. In some cases it looks like an allotment garden [s.u., M.R.]: everybody has their own individual plots, some charge rent, some don’t. In some gardens it’s run communally. There is one area for tomatoes, one area for everything else and everybody gardens communally. In some gardens it’s kind of a mix. The typical thing in a community garden is, that the form and the format is decided by the gardeners themselves (…) (Ms. Berman)

Geschichte und wichtige Institutionen

Im Unterschied zu New York City ist die community-garden-Bewegung in Toronto bedeutend jünger und nahm ihren Ausgangspunkt an anderer Stelle.265 Es gab seit Ende der 1980er Jahre verschiedene dezentrale Initiativen zu Gartengründungen. Erst 1999 wurde das Toronto Community Garden Network gegründet, welches den Austausch zwischen den verschiedenen AkteurInnen und einzelnen gardeners ermöglicht. Der Vernetzung der gardeners dient auch eine seit einigen Jahren stattfindende Besichtigungstour durch verschiedene Gärten.

↓472

Die heute wohl wichtigste Unterstützungsorganisation – FoodShare – entstand 1985 als Informationsdienst zu Nahrungsmittelversorgung und foodbanks.266 Bereits ein Jahr später beschäftigte sich FoodShare auch mit der Bedeutung von community gardens – als Form urbaner Landwirtschaft – zur Hungerprävention. Mit der Schaffung eines eigenen Community Garden – Programms richtete FoodShare zu Beginn der 1990er Jahre eine Vollzeitstelle für eine community garden Koordinatorin ein (Baker, 2002). FoodShare organisiert u.a. workshops zu gärtnerischen Themen bzw. dazu, wie generell ein community garden gegründet werden kann (letztere i.d.R. im Winter) und berät einzelne Gruppen. Laut Laura Berman, derzeitige Community Garden Programm-Koordinatorin ist es ein Ziel von FoodShare, dass co m munity gardens als ganz normaler Bestandteil sozialer, städtischer Infrastruktur angesehen werden und für jede Person zugänglich sind. Zu diesem Zweck soll auch die Zusammenarbeit mit der Parkverwaltung verstärkt werden (Ms. Berman / Ms. Ignjatovic: 18.09.2003).

Die politische Arbeit auf breiter Ebene zur Unterstützung von community gardens zeigte Ende der 1990er Jahre verschiedene Resultate: Der 1998 von der Stadt beschlossene ‚Community Garden Action Plan’ sieht die Einrichtung eines Gartens in jedem der 44 wards 267 vor. Außerdem wurde 1998 ein Community Garden Coordinator im Bereich der Parkver waltung der Stadt eingestellt, an den sich interessierte BewohnerInnen wenden können. Vorausgegangen war in Zusammenarbeit mit FoodShare ein halbjähriges Ausbildungsprojekt für ‘youth at risk’. Hier erlernten Jugendliche gärtnerische und allgemein berufsqualifizierende Fähigkeiten, die sie praktisch in den bereits bestehenden community gardens anwenden konnten. Der Nutzen dieses Projektes war also ein doppelter: die Jugendlichen erhielten für den formellen Sektor qualifizierende Praxis, die gardeners fachliche Beratung.

In den Berichten des ‚Food and Hunger Action Committee’, welches aus Stadtverordneten, Stadtverwaltung und community activists besteht, wird die Einrichtung von community gardens als wichtiges Instrument zur Sicherstellung einer gesunden und ausgewogenen Ernährung aller StadtbewohnerInnen genannt. Comm u nity gardens als praktischer Ansatzpunkt lokaler Ökonomie werden sowohl kurz- als auch langfristig als wichtige Strategie angesehen, da sie die lokale Nahrungsmittelautonomie erhöhen sowie zum Umweltschutz und zur Gemeinwesenentwicklung beitragen. Sie sollten insbesondere in armen Gebieten mit schlechter Versorgung mit frischem Gemüse und Obst gefördert werden. Grundsätzlich sieht das committee die Ursache von Hunger in Toronto jedoch in der Armut der Bevölkerung bzw. konkreter in Sozialhilfekürzungen, niedrigen Löhnen und hohen Mieten und nicht in einer Lebensmittelknappheit (Food and Hunger Action Committee, 2001;Food and Hunger Action Committee, 2003). Eine ebenfalls wichtige Rollefür die Stärkung von urbaner Landwirtschaft und community gardens spielt der Toronto Food Policy Council. Diese Einrichtung der Stadtverwaltung arbeitet an dem Ziel einer langfristigen Ernährungssicherung für Toronto.

↓473

Abb. 107: Der ‚Eglinton Heritage and Community Garden’ im Eglinton Park in Toronto

Abb. 108: Mitglieder des ‚Eglinton Heritage and Community Garden’ beim Sammeln von Samen

(Fotos: Rosol 2003)

Neben diesen beiden Hauptakteuren – FoodShare und Stadtverwaltung – gibt es zahlreiche weitere, oft nur sublokal agierende Organisationen. Hierzu zählt z.B. AfriCan Foodbasket, eine Organisation die sich vor allem auf die african-canadian community bezieht, oder The Stop Community Food Centre, welches einen eigenen Community Garden in einem Park betreibt, der für die verschiedenen Ernährungssicherungsprogramme genutzt wird. Gemeinsam ist allen genannten Einrichtungen die starke Betonung der Nahrungsmittelproduktion durch community gardens, d.h. des ökonomischen Aspekts (dazu ausführlicherRosol und Weiss, 2005).

↓474

Der Schwerpunkt der von Evergreen, einer Non-Profit-Organisation mit dem Ziel der Begrünung von Städten, geschaffenen community gardens hingegen liegt nicht im Nahrungsmittelbereich. Ihnen geht es um die Schaffung von Habitaten und die Bewahrung von einheimischen Pflanzen. Die Evergreen-Gärten finden sich in öffentlichen Parks und auf dem Gelände anderer Organisationen. Nicht für jeden dieser Gärten finden sich jedoch genug Freiwillige, so dass z.T. relativ viel Pflegearbeit von den Evergreen-MitarbeiterInnen selbst geleistet wird und auf Personen zurückgegriffen werden muss, die sich im Rahmen eines workfare-Programms durch die Mitarbeit ihre geringe Sozialhilfe aufbessern (Ms. Brierley: 02.10.03). Gründe für das mangelnde Interesse vermute ich zum einen in der Lage der Gärten, zum anderen im Evergreen-Ansatz. So entstehen die Gärten nicht aufgrund eines Bedarfs und einer Organisation in der Nachbarschaft, sondern werden von Evergreen entwickelt in der Hoffnung, vor Ort auf Interesse zu stoßen. Zudem könnten die Beschränkung auf einheimische Wildblumen und der Ausschluss von Nahrungsmittelanbau an den Interessen vorbeigehen.

Abb. 109: Evergreen-Mitarbeiterinnen und Kinder im Art-City-Garden im St. Jamestown Viertel in Toronto

(Foto: Rosol 2003)

Zu den konkreten sozialen Erfolgen eines Eve r green-Community-Garden zählt Jane Hayes Versöhnungsarbeit zwischen ethnischen communities, zwischen denen seit langem Spannungen bestanden, wie z.B. im St. Jamestown Viertel von Toronto:

Nahrungsmittel versus Renaturierung

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Nach Einschätzung des Gommunity-Garden-Program-Koordinator (Mr. Boyé: 29.09.2003) erfolgt die Wahl der angebauten Produkte in Toronto entlang von ethnischen Grenzen und Schichtzugehörigkeit. So legt die weiße Mittelschicht viel Wert auf ökologisch angebaute, einheimische Pflanzen (nicht unbedingt Nahrungsmittel), während arme bzw. migrantische gardeners vor allem Nahrungsmittel zur Selbstversorgung anbauen, welche nicht notwendig einheimisch sind.

Laut Solomon Boyé sind für neu nach Kanada Eingewanderte Habitatgärten zum Schutze einheimischer Arten kaum attraktiv:

↓476

If you take that new immigrant, who is trying to start a regular life here (...). For them to work for some weed or flower doesn’t make sense. Here you catch that group of people by food production. They understand that. So, if you look at the rich areas, the type of community gardens, that they want, would be a butterfly garden or a prairienian meadow, where they can look at different species and the colours and the birds that come in there (…) With a community garden you can get a broader range of people. (Mr. Boyé)

Gärten, in denen Nahrungsmittel angebaut werden können, erweitern ihm zufolge das Spektrum der potenziellen community gardeners. Deshalb hält er selbst Nahrungsmittelproduktion in community gardens für sehr zentral. Doch ist auch die Nahrungsmittelproduktion z.T. eher ein Aufhänger, ein attraktives Element und weniger fundamentale Notwendigkeit. Solomon Boyé beschreibt dieses komplexe Verhältnis folgendermaßen:

Abb. 110: Der community-garden-Koordinator Solomon Boyé in einem community garden

(Foto: Rosol 2003)

I mean, food is not a problem. There is abundance of food. If you look at community gardens here in the city as primarily for food, then you will get very few people who are really that hungry. So community gardening in the urban setting has to be more than just the production of food. (…) We have to look at it in a broader sense, as community development, networking, socializing, skill development and training. (Mr. Boyé)

↓477

Zwar könne der Anbau von eigenen Lebensmitteln finanziell entlasten, jedoch sei das Problem in einer Stadt wie Toronto nicht der Mangel an Lebensmitteln, sondern Armut. Die Motive auch der immigrant gardeners seien auch nicht allein auf den Nahrungsmittelaspekt zurückzuführen. So zeigt z.B. Gerda Wekerle für einen konkreten Garten auf, dass das Motiv auch der migrantischen gardeners vor allem darin bestand, sich außerhalb des Hauses beschäftigen zu können und Kontakte zu knüpfen:

There were a lot of apartments with new immigrants from all over the world. And they were mostly gardening to get out of the house and to be able to meet other people. They were using the food, but growing food for many of these people is not the primarily motivation. It’s being able to be outside. Because we have a very small growing season, for many of them it’s not going to make the difference between starving and not starving or being hungry and not being hungry. (Ms. Wekerle)

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Laut Gerda Wekerle wurde die Mehrheit der Gärten von Mittelschichtsangehörigen gegründet, denen es nicht um Armut oder Nahrungsmittelanbau, sondern im weitesten Sinne um Umweltschutz ging. Auch MigrantInnen- und andere Gärten, in denen der Nahrungsmittelanbau aus ökonomischen Gründen im Vordergrund steht, würden mehrheitlich durch die Mittelschicht gegründet, unterstützt bzw. eingefordert.

Community gardening in Toronto wasn’t started by people growing food or by poor people. (...) It’s not a spontaneous uprising of the poor in response to economic conditions. It’s coming from the middle class, educated environmentalists. (Ms. Wekerle)

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Diese Mittelschichtsangehörigen seien nach Boyé auch eher in der Lage, ihre Interessen durchzusetzen: „They are more able to communicate their needs to the system, to the city. So they get more support.” (Mr. Boyé)268

Folglich spielt der Nahrungsmittelanbau zwar nicht in allen Gärten, jedoch in der politischen Auseinandersetzung um ökonomische Zusammenhänge und Ernährungssicherung eine wichtige Rolle.

Allotment gardens

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Neben den community gardens gibt es in Toronto die allotment ga r dens , die sich z.T. auch in öffentlichen Parks befinden. Diese sind eher mit den deutschen Kleingärten bzw. stärker

Abb. 111: Allotment gardens im Torontoer High Park

(Foto: Rosol 2003)

noch mit ‘Grabeland’269 vergleichbar, da sie individuell und gegen Nutzungsentgelt (ca. 55 Can$ / Jahr) jeweils für ein Jahr gepachtet werden. Sie sind nicht öffentlich zugänglich, sondern eingezäunt und abgeschlossen, und die Vergabe wird über die Stadtverwaltung geregelt. Mit einer typischen Parzellengröße von 18 m² sind sie sehr klein und werden ausschließlich zum intensiven Anbau von Gemüse und anderen Pflanzen genutzt. Rasen und weitere Flächen für passive Erholung und Lauben sind dort nicht zu finden (Mr. Boyé: 29.09.03).

9.2.3 Die P-Patch-Gardens in Seattle, USA

Rent-A-Plot-System

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Die P-Patches in Seattle können als Zwischenform zwischen den community und den allotment gardens in Toronto eingeordnet werden. Es gibt in Seattle ca. 70 von der Stadt verwalteten P-Patches, daneben gibt es eine kleine Zahl weiterer, unabhängiger comm u nity gardens. Der Name P-Patch geht auf den ersten Garten dieser Art, der 1973 auf dem Gelände der Picardo-Familie entstand, zurück. Der Erwerb der Fläche durch die Stadt im darauffolgenden Jahr markiert den Beginn des städtischen P-Patch-Program(Gröning, 1998). Die meisten Gärten begannen als Zwischennutzungen mit unsicherem Status, was dazu führte, dass in der Zeit des Immobilienbooms in Seattle Ende der 1990er Jahre einige Gärten (vor allem auf privaten Grundstücken) verloren gingen.270 Inzwischen gibt es eine breite Koalition in der Stadt zum Erhalt der Gärten, was auch Resultat politischer Kämpfe der gardeners ist. Faktisch haben die Gärten inzwischen einen dauerhaften Status.

Für die P-Patch-Parzellen muss eine jährliche Pacht von ca. 50 US$ bezahlt werden (rent-a-plot-System), die offizielle Vergabe und Verwaltung erfolgt durch das P-Patch-Program der Stadtverwaltung.271 Die einzelnen Parzellen sind jedoch nicht durch Zäune abgegrenzt und der gesamte P-Patch-Garten ist jederzeit öffentlich zugänglich. Dazu Rich Macdonald, der Programmleiter:

↓482

All P-Patches, except for the cultivating communities sites [s.u., M.R.], are completely open. They may have fences, but they are not locked. So they are open to the public. That has been a very important part about the program. There are gardens within areas of the city where people would like to lock them, but it’s pretty important for the program to keep them open. And indeed, since many of our gardens are located on public land, we will not create that argument about some sort of private space on public land. They need to be open. (Mr. Macdonald)

Auch der Präsident der ‚Friends of P-Patch’, Ray Schutte, legt in seiner Definition von community gardens großen Wert auf ihre öffentliche Zugänglichkeit (Mr. Schutte: 14.10.2003).

Meist gibt es eine größere Gemeinschaftsfläche mit Sitzmöglichkeiten, einem Informationsbrett und einem Geräteschuppen. Die interne Organisation erfolgt durch die gardeners selbst. Der organische Anbau, d.h. ohne künstlichen Dünger oder Schädlingsbekämpfungsmittel, ist für alle P-Patches verpflichtend und wird durch das P-Patch-Program mit Hilfe der Bereitstellung von organischem Dünger und Informationen zu ökologischen Anbauweisen unterstützt.

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Abb. 112: Gemeinschaftsfläche im ‚Picardo P-Patch'

(Foto: Rosol 2003)

Cultivating Communities

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Neben diesem ‘Rent-a-plot’-System betreibt das P-Patch-Program in Kooperation mit dem ehrenamtlichen Zusammenschluss der ‘Friends of P-Patch’ und der Seattle Housing Authority seit 1995 ein besonderes Programm: die Cultivating Communities (Ms. Goodlett: 14.10.03). Diese umfasst 19 Gärten für Haushalte unter der Armutsgrenze, de facto vor allem MigrantInnen. Ziel dieses Programms ist es,

to make sure that the benefits of community gardening are available to everybody in the city. Because the ‘rent-a-plot’ model works very well for people who can access the system, who can walk up to a p-patch and notice, that there is a sign that has a number you can call, if you want to get a plot. But where there are barriers per language or difficulties in life, that just doesn’t work. So, the cultivation communities model is more of a hands-on-approach to gardening. And within Cultivating Communities we employ interpreters that end up doing a lot of outreach to gardens, trying to draw people into the gardens. (Mr. Macdonald)

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Konkreter Anlass für den Aufbau des Programms waren laut Martha Goodlett, der Leiterin des Cultivating-Communities-Programms gärtnerische Aktivitäten von SozialwohnungsmieterInnen auf kontaminierten Böden:

Cultivating communities started in 1995. The Seattle Housing Authority – which is the public housing authority in Seattle – approached the P-Patch-Program, because they wanted to develop gardens within their communities. They had a situation, where a lot of immigrants, primarily South East Asians, were gardening outside their units. And the SHA had done some extensive testing of the soils and founded, that there was elevated lead levels (…). And so they didn’t want the residents gardening there. But they needed an alternative, because they knew, that was their culture and that was, what they wanted to do. So they said, we need to set up some gardens at other places. (Ms. Goodlett)

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(Foto: Rosol 2003)

Durch dieses Sonderprogramm sollen also auch die Personengruppen Zugang zu einem Garten erhalten, die aufgrund finanzieller oder sonstiger Restriktionen bisher ausgeschlossen waren. Ebenso soll die ethnische Vielfalt der Viertel, in denen sich die Gärten befinden, widergespiegelt werden, was in den sonstigen P-Patches meist nicht der Fall ist. Rich Macdonald wünscht sich deshalb u.a. eine Ausweitung des Cultiv a ting-Communities-Modells:

↓487

And we would really like to diversify the gardens, this is a function of outreach too. To make sure that gardens basically represent the neighborhoods. We have some gardens particularly down in the City South East End which is a very diverse community. (…) And many of our gardens do not reflect that diversity. (…)

What kind of diversity is not reflected in the gardens?

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Basically colour. You have a neighbourhood that has a large mix of African Americans, South East Asians and Caucasians and the gardens only have Caucasians, white people and no African Americans. Why is that? It’s a large population and it should be represented in the gardens as well. So we try to figure out, what sort of outreach barriers are there to overcome? (Mr. Macdonald)

Die Market Gardens

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Drei dieser 19 cultivating-communities-Gärten sind Market Gardens, d.h. Produkte aus diesen Gärten können – im Gegensatz zu den anderen P-Patches – verkauft werden und der Gewinn kommt größtenteils den gard e ners zugute.

Abb. 114: Der Market Garden New Holly Süd,Seattle.

(Foto: Rosol 2003)

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Der Verkauf erfolgt über ein Abonnement-Kisten-System. Neben den ökonomischen Zielen der Einkommensverbesserung verfolgt das Projekt auch soziale und allgemein qualifizierende Ziele – z.B. den Erwerb von Englischkenntnissen und Vermarktungsfähigkeiten für ihre Produkte.

9.3  Sozioökonomische Angaben zu den Untersuchungsgebieten (zu Kapitel 5)

Untersuchungsgebiet Kiezgarten Marie

Das Untersuchungsgebiet, welches aufgrund des festgelegten 450m-Radiusses über das reine Sanierungsgebiet hinausgeht, umfasst insgesamt eine Fläche von 67 ha. Hier leben ca. 16.200 Menschen. Es ist demographisch betrachtet ein sehr junger Stadtteil, fast 30 % der Bevölkerung sind unter 27 Jahre alt, 82 % sind unter 45 Jahren. Bei den unter 18-Jährigen ist der Anteil der Kleinkinder (unter 6 Jahren) besonders hoch, er liegt bei 45 %. Nur 4,4% der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt (Berlin gesamt: 16 %). Der Anteil von Personen mit nicht-deutscher Staatsbürgerschaft liegt mit 12 % nur leicht unter dem Berliner Durchschnitt272 von 13,4 %, jedoch über dem Ostberliner Durchschnitt von 6 %.273 Das Bildungsniveau im Bezirk Prenzlauer Berg ist überdurchschnittlich hoch. Der Anteil von Personen mit Abitur liegt bei 46 % und ist damit fast doppelt so hoch wie der Berliner Durchschnitt von 24 % (SenGesSozV (Hg.), 2004).

↓491

Untersuchungsgebiet Samariterviertel

Insgesamt gibt es 5.800 Wohnungen im Sanierungsgebiet, mehrheitlich Kleinwohnungen mit maximal zwei Zimmern (75 % der Wohnungen) (ASUM, 2003). Dies korrespondiert mit dem sehr hohen Anteil von Ein-Personen-Haushalten von 61 % (ASUM, 2003), welche oft von Studierenden (Anteil von 25 % im Gebiet, vgl. ASUM (2003)) bewohnt werden. Seit der Ausweisung als Sanierungsgebiet 1993 wurden bis 2003 ca. 70 % des Bestands saniert, zudem wurden rund 500 WE neu errichtet.274 Im Untersuchungsgebiet Samariterviertel275 (34 ha) leben derzeit rund 8.000 Menschen, viele davon mit Kleinkindern. Ein überdurchschnittlich hoher Anteil (23 %) der Bevölkerung ist zwischen 18 und 27 Jahre alt (Berlin: 12 %), rund 85 % sind unter 45 Jahre alt (Berlin: 57 %). Über 65 Jahre alt sind nicht einmal 3 % der Bevölkerung. Der Anteil von BewohnerInnen ohne deutsche Staatsbürgerschaft liegt bei 10 %. Der Anteil der Personen mit Hochschulabschluss liegt im Sanierungsgebiet mit 25 % weit über dem Berliner Durchschnitt von 12 % (ASUM, 2003). Es lässt sich also eine ähnliche Bevölkerungsverteilung wie im Gebiet Kiezgarten Marie feststellen. Im Gegensatz zum Prenzlauer Berg ist Friedrichshain jedoch noch immer stärker subkulturell und alternativ geprägt und ärmer. Das mittlere Haushaltseinkommen liegt mit 1.160 Euro weit unter dem Berliner Durchschnitt von 1.500 Euro (Friedrichshain - Zeitschrift für Stadterneuerung, 2004), was jedoch auch durch die geringe Haushaltsgröße bedingt ist. Das um solche Einflüsse bereinigte durchschnittliche Äquivalenzeinkommen im Samariterviertel betrug 2002 pro Person 1.155 Euro (ASUM, 2003), der Berliner Durchschnitt 1.213 Euro (SenGesSozV (Hg.), 2004).276 Die Arbeitslosenquote im Jahre 2002 in ganz Friedrichshain liegt jedoch mit 19,5 % nur leicht über dem Berliner Durchschnitt von 18,9 % (SenGesSozV (Hg.), 2004). Eine von ASUM durchgeführte repräsentative Haushaltsbefragung (N = 1.139) ergab für das Samariterviertel Anfang 2003 eine Arbeitslosenquote von 20% (ASUM, 2003). Von den ehemals sanierungsbetroffenen Haushalten sind 2003 im Vergleich zu 1990 nur noch 57 % im Sanierungsgebiet Samariterviertel verblieben (ASUM, 2003). Der Wegzug von fast der Hälfte der sanierungsbetroffenen Bevölkerung lässt sich zum einen auf den Trend zum Stadtrandwohnen, zum anderen auf steigende Mieten im Zuge von Modernisierung und Sanierung zurückführen. Das Viertel wird von den Interviewten selbst als ruhiger Kiez mit guter Versorgungssituation und angenehm vielfältigen, auch alternativen Lebensformen beschrieben. Als problematisch werden in erster Linie die Verschmutzung durch Hunde und die unzureichende Versorgung mit Grünflächen gesehen.

Untersuchungsgebiet Lichtenrader Volkspark

↓492

Im 60 ha großen Untersuchungsgebiet rund um den Volkspark leben ca. 3.300 Menschen, rund 40 % davon in der Großwohnsiedlung. Der Anteil älterer BewohnerInnen über 65 Jahren entspricht mit 13 % – im Gegensatz zu den zuerst vorgestellten Gebieten der Berliner Innenstadt – stärker dem Berliner Durchschnitt (16 %). Der Anteil der unter 27jährigen ist gleichwohl hoch und liegt bei knapp über 30 % (Berlin: 27,5 %). Nicht-Deutsche sind mit 7,2 % (Berlin: 13,4 %) unterdurchschnittlich ansässig. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg liegt die Arbeitslosenquote mit 17 % leicht unter dem Berliner Durchschnitt, das mittlere monatliche Haushaltsnettoeinkommen mit 1.500 Euro leicht darüber.

Untersuchungsgebiet Kinderbauernhof Mauerplatz

Im ca. 67 ha großen Untersuchungsgebiet leben rund 11.200 BewohnerInnen, jeweils ca. zur Hälfte in Kreuzberg und in Mitte. Die Bevölkerungsstruktur ist in den zwei Bezirken sehr unterschiedlich: In Kreuzberg leben mehr Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre (22 % vs. 11 % in Mitte bzw. 16,4 % im Gesamtgebiet), weniger Ältere über 65 Jahre (5 % vs. 14 % in Mitte bzw. 10 % im Gebietsdurchschnitt) sowie mehr Nicht-Deutsche (47 % vs. 13 % in Mitte bzw. 29 % im Gebietsdurchschnitt). Der Anteil der zwischen 18 und 27jährigen liegt ungefähr gleich bei 14 % bzw. 13 % und damit in etwa auf Höhe des Berliner Durchschnitts von 12 %. Der Kreuzberger Teil ist insgesamt arm, durch vor allem türkische MigrantInnen und alternativ-subkulturell geprägt. Er war ein Schwerpunktgebiet der IBA-Altbau der 1980er Jahre.

↓493

Von den Interviewten wird vor allem die für viele Menschen sozial schwierige Lage im Kreuzberger Teil problematisiert.277 In dieser Hinsicht spiele auch der Kinderbauernhof eine wichtige soziale Rolle. Geschätzt wird demgegenüber das vielfältige kulturelle und kulinarische Angebot, welches vor allem durch migrantische und subkulturelle Einrichtungen bereichert wird. Auch die vielen gewachsenen lokalen Initiativen und Netzwerke prägen das Quartier.

Untersuchungsgebiet Kids’ Garden

Im Untersuchungsgebiet (62 ha) – ca. ein Drittel davon auf Kreuzberger Territorium, der Rest in Neukölln – leben ca. 16.400 Menschen. Die Altersverteilung der unter 27jährigen entspricht im Wesentlichen dem Berliner Durchschnitt, der Anteil der unter 45jährigen liegt jedoch darüber (70 % vs. 57 % in Berlin) und der Anteil der über 65jährigen ist im Berliner Vergleich mit 8,3 % gering. Der hohe Anteil Nicht-Deutscher in Neukölln und Kreuzberg spiegelt sich auch im Reuterkiez wider, hier sind es 29,5 %. Neukölln gehört außerdem zu den ärmsten Bezirken Berlins, was sich auch an der hohen Arbeitslosenquote von 23,3 % (Berlin: 18,1 %) und dem niedrigen Haushaltsnettoeinkommen (1.300 Euro) ablesen lässt.

↓494

Untersuchungsgebiet Biogarten Wartenberg

In der Siedlung wohnen rund 1.000 Menschen, die zu 100 % die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.278 Die Altersverteilung entspricht weitgehend dem Berliner Durchschnitt. Auch die Arbeitslosenquote (18,5 %) und das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen (1.475 Euro) des Bezirkes Lichtenberg entsprechen dem Berliner Durchschnitt.

Untersuchungsgebiet Perivoli

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Im aufgrund der vielen vorhandenen Kleingartenanlagen wenig besiedelten Untersuchungsgebiet (61 ha) wohnen nur ca. 900 Menschen, davon 4% ohne deutschen Pass. Im Gebiet wohnen überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre (20 %, der höchste Anteil in allen Untersuchungsgebieten, vs. 16 % Berlinweit), was sicherlich z.T. auf die in den 1990er Jahren neuerrichteten Wohnblöcke zurückzuführen ist. Der Anteil der SeniorInnen hingegen ist leicht unterdurchschnittlich (13 %). Die Gärtnernden selbst wohnen jedoch nicht hier, sondern in anderen Teilen Neuköllns, sowie in Kreuzberg und Tempelhof.

Untersuchungsgebiet Wuhlegarten

Das Gebiet um den Garten (60 ha) ist angesichts des hohen Anteils von Waldflächen (Wuhlheide) und Kleingärten kaum bewohnt. Hier leben 3.200 Menschen, davon 1,7 % Nicht-Deutsche. Die Bevölkerung ist – im Vergleich zu Berlin allgemein – überaltert: der Anteil der unter 45jährigen ist unterdurchschnittlich, der über 65jährigen ist mit knapp 22 % (Berlin: 16 %) der höchste in allen Untersuchungsgebieten.

9.4  Empfehlungen für die Praxis (zu Kapitel 7)

↓496

In diesem Kapitel sollen nun Empfehlungen gegeben werden, welche die Entstehung und den erfolgreichen Betrieb der Gemeinschaftsgärten fördern sollen. Diese wurden abgeleitet aus der Auswertung der von den Gartenaktiven benannten Motivationen, Wirkungen, Schwierigkeiten und vor allem den angesprochenen erforderlichen Rahmenbedingungen. Hinweise von SekundärakteurInnen und ExpertInnen wurden ebenfalls berücksichtig, die Sichtweise und die Ansprüche der PrimärakteurInnen stehen jedoch im Vordergrund. Zudem fließen hier ergänzend Erfahrungen aus anderen Projekten z.B. zur urbanen Landwirtschaft allgemein (ARNDT / HAIDLE 2004b), im Umgang mit Zwischennutzungen (BUSCHKE / CREMER 2004; HOFFMANN / ZEHNER 2002; CET-0 / STUDIO URBAN CATALYST 2004; BBR (HG.) 2004) und insbesondere der interkulturellen Gärten in der Bundesrepublik (MÜLLER 2002) sowie der community gardens aus Nordamerika (BERMAN 1997; FOODSHARE o.J.; TORONTO PARKS AND RECREATION DIVISION 2002) ein. Insbesondere die von der Torontoer FoodShare-Mitarbeiterin Laura Berman (1997) zusammengestellte Anleitung zur Gründung eines community gardens ist sehr hilfreich auch für den hiesigen Kontext und wird deshalb genauer wiedergegeben (s.u.). Auch allgemeinere Handlungsempfehlungen bezüglich partizipativer (Freiraum)Planungsverfahren sind z.T. eingeflossen (SCHWARZE 1992; URGE 2004; SELLE 2000a)..

9.4.1  Checkliste für GemeinschaftsgärtnerInnen

Im Folgenden ist dargestellt, was bei der Gründung eines Gemeinschaftsgartens bedacht und organisiert werden muss. Diese Checklisten richten sich insbesondere an die GemeinschaftsgärtnerInnen bzw. PrimärakteurInnen selbst, da sie konkret auf diese Dinge angewiesen sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie alleinig für die Bereitstellung z.B. der Ausstattung zuständig sein müssen. Dies kann auch durch SekundärakteurInnen übernommen werden, wie es vielfach in den untersuchten Projekten der Fall war. Nichtsdestotrotz wendet sich der folgende Abschnitt vor allem an die PrimärakteurInnen.

Checkliste I: Konzept

οInhaltliches Konzept entwickeln (Projektziel und Zielgruppe)

οEntscheidung über formelle Organisationsstruktur (evtl. Vereinsgründung279)

οInterne Organisation festlegen:
Entscheidungsstrukturen, Kommunikationsstrukturen, regelmäßige Termine etc., evtl. Satzung / Nutzungsregeln / Gartenordnung280, evtl. Arbeitsgruppen

οFinanzierungskonzept erstellen

οGestaltungskonzept der Fläche entwickeln:
Pflanzenauswahl entsprechend thematischer Ausrichtung (Nutzpflanzen, Zierpflanzen, Bäume281, ökologischer Anbau etc.), Standortbedingungen (trocken – feucht, schattig – sonnig, Bodenqualität etc.), Finanzausstattung, leistbarem Arbeitsaufwand282

οRechtliche Bestimmungen beachten (Bau- u. Planungsrecht, Nachbarschaftsrecht, Spielplatzsicherheit) etc.283

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Checkliste II: Grundstück und Fläche

οLage: wohnungsnah? Störungen durch Lärm und andere Immissionen? Zugänglichkeit? Besonnung? wie exponiert? Bodenqualität?284

οGröße? (empfehlenswert sind 1.000 bis 3.000 m²)285

οplanungsrechtliche und Eigentumssituation?

οNutzungsvertrag286: Dauer bzw. Kündigungsfrist, evtl. Entgelt, Regelung zur Verkehrssicherung, erlaubte Nutzungen etc.

οBodenuntersuchung: Altlasten, Hohlräume

οHerrichtung der Fläche: evtl. Abriss und Entsiegelung, Bereinigung, Bodenverbesserung, Zaun und Schuppen, Anlegen von Wegen und eines Demonstrationsbeetes

Hinweisschild für Öffentlichkeit aufstellen

Checkliste III: Finanzen

οAnschubfinanzierung: Herrichtung des Grundstücks, Erstausstattung mit Pflanzen, Geräten, Fachbüchern etc.287

οBetriebskosten: evtl. Strom, Wasser, Pacht, Versicherungen (Haftpflicht), Straßenreinigung, Schnee- und Eisbeseitigung, weitere Pflanzen etc.

οOrganisationskosten: Porto, Telefon, EDV, Internet, Drucker, Materialien für Moderation und Sitzungen sowie Öffentlichkeitsarbeit

οKosten für Feste und andere soziale Aktivitäten

οevtl. Kosten bei der Beendigung der gärtnerischen Nutzung

οFinanzierung durch288:

Öffentliche Förderung im Rahmen von: Gebietsförderung (u.a. Sanierungsgebiete, Quartiersmanagement / Soziale Stadt, URBAN II, Stadtumbau Ost) sowie Ehrenamtsfond des Berliner Senats

Stiftungen (z.B. Stiftung Interkultur)

Sponsoring289

Spenden (Sach- und Geldspenden, Rabatte beim Kauf)

Eigenmittel (z.B. Vereinsbeiträge)

Verkauf von Produkten

Checkliste IV: Infrastruktur / Ausstattung

  • οWasser (Regenwasser und Trinkwasser)
  • οPflanzen
  • οGartengeräte
  • οsonstige technische Geräte
  • οAbstellmöglichkeiten für Gartengeräte etc.
  • οSitzmöglichkeiten, Gartenmöbel
  • οToiletten bzw. Zugang zu Toiletten in der Nähe
  • οevtl. Überdachung / Gartenlaube, Grill
  • οevtl. Spielgeräte für Kinder

o evtl. Stromanschluss

o ...

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Checkliste V: Beratung

  • bezogen auf:
  • οgärtnerische Fragen, konkret auch ökologische Anbauweisen und Schädlingsbekämpfung
  • οrechtliche Fragen
  • οsoziale bzw. gruppendynamische Fragen
  • οevtl. Sprachkurse
  • οevtl. Beratung hinsichtlich der Verarbeitung von Gartenprodukten
  • wichtig dabei: Erreichbarkeit (zeitlich-räumlich) sowie klare Zuständigkeiten bei den beratenden Einrichtungen

Checkliste VI: Abstimmung

mit sonstigen Planungen und Bedürfnissen / Problemen im Quartier

  • οInformationen für AnwohnerInnen, Öffentlichkeitsarbeit und Beteiligungsangebote
  • οAbstimmung mit Planungen für Fläche und Quartier

o evtl. Genehmigungen von Behörden einholen (Baugenehmigung für bauliche Anlagen290, Genehmigung vom Umweltamt für größere Feste, Sondernutzung einer geschützten Grünfläche durch NGA)

Checkliste VII: Notwendige Arbeiten

οGärtnerische Arbeiten: säen, pflanzen, gießen, Bodenverbesserung, mulchen, düngen, jäten, kompostieren, mähen, Samen sammeln, Pflanzen vorziehen, Beete anlegen, evtl. Baumschnitt und Bäume fällen, häckseln

οSonstige körperliche Arbeiten: Bereinigung, Reliefmodulation, Wege anlegen, Leitungen legen, Zaun errichten, Mobiliar, Geräte und Maschinen warten, Lauben und anderes instandsetzen

οOrganisatorische Arbeiten: Konzept entwickeln, MitstreiterInnen und UnterstützerInnen finden, Verhandeln mit EigentümerInnen und Behörden, Finanzen akquirieren und abrechnen, Spenden einwerben, Öffentlichkeitsarbeit – u.a. Informationen für die direkten NachbarInnen, Saatgut, Geräte und Pflanzen beschaffen, Weiterbildung / gemeinsames Lernen, Dokumentation, evtl. Internetpräsenz, evtl. Bringdienste, Vernetzung mit anderen Gemeinschaftsgartenprojekten

o Soziale Arbeit: ‘sich kennenlernen’, Gesprächskultur finden, Kommunikationswege (Schwarzes Brett, E-Mail, Telefon, Post ...) finden, Gruppenbildung und -stabilisierung (Gruppenprozesse organisieren und moderieren, „Förderung des Gemeinschaftsgeistes“291), Feste organisieren, Kommunikation und Zusammenarbeit mit Nachbarschaft, andere informieren und motivieren, Kompetenzen stärken, Konfliktmanagement

↓499

Die Anforderungen an die PrimärakteurInnen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

9.4.2  Prozess, Herangehensweise, Umgang – Checkliste für SekundärakteurInnen

Die Hinweise in diesem Unterkapitel richten sich vor allem an SekundärakteurInnen, d.h. Institutionen und Organisationen, welche einen Garten für andere gründen bzw. sie dabei unterstützen wollen. Es geht hierbei vor allem um die grundsätzliche Herangehensweise und allgemein den Umgang mit den PrimärakteurInnen bzw. engagierten BewohnerInnen. Dazu gaben die von mir interviewten AkteurInnen vielfältige Hinweise, die im Folgenden in Form von direkten Aufforderungen an die SekundärakteurInnen dokumentiert sind.

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Tab. 20: Prozessuale Hinweise für SekundärakteurInnen

  • Lassen Sie den Initiativen Zeit. Haben Sie Geduld.
  • Nehmen Sie die BewohnerInnen und ihre Anliegen ernst. Hören Sie zu. Lassen Sie sich beraten.
  • Lassen Sie Spiel- und Freiräume. Geben Sie Verantwortung und Entscheidungsbefugnisse ab, geben Sie keinesfalls nur Arbeit ab.
  • Unterstützen Sie die demokratische Selbstorganisation der Gruppen.
  • Organisieren und unterstützen Sie einen partizipativen Prozess.
  • Bieten Sie Strukturen und Unterstützung an, ohne zu dominieren und kontrollieren zu wollen. Nehmen Sie Strukturen auf, schreiben Sie keine vor.
  • Arbeiten Sie auch mit nicht-hierarchischen, nicht-offiziellen Gruppen ohne ‚Vorsitzende’ und Vereinsregistereintrag zusammen, d.h. auch mit losen Netzwerken.
  • Betreiben Sie Öffentlichkeitsarbeit.
  • Sorgen Sie für Transparenz hinsichtlich von Entscheidungs- und Abstimmungsprozessen. Machen Sie auch Schwierigkeiten deutlich.
  • Unterstützen Sie die Initiativen praktisch durch Absprachen unter den beteiligten Ämtern. Helfen Sie bei der Ermittlung von EigentümerInnen. Unterstützen Sie bei Verhandlungen mit den EigentümerInnen.
  • Bieten Sie auch Non-monetäre Förderung wie z.B. Material- und Geräteverleih sowie Beratung (auch in Form von Informationsbroschüren und Leitfäden) an.
  • Seien Sie risikobereit. Niemand kann Ihnen oder den Gartengruppen garantieren, dass es funktioniert. Seien Sie offen und flexibel für Unvorhergesehenes.

(Eigene Zusammenstellung auf Grundlage der Interviews).

SekundärakteurInnen, also die Personen oder Institutionen, die Gärten initiieren oder unterstützen wollen, müssen ebenfalls über vielfältige Informationen und Fähigkeiten verfügen, d.h. fachliche und soziale Kompetenz besitzen.

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9.4.3 Anforderungen und Empfehlungen bezüglich der Planung

Da die planende Verwaltung eine besonders wichtige Akteurin im Handlungsfeld der Gemeinschaftsgärten darstellt, werden an dieser Stelle zusammenfassend Handlungsempfehlungen für die Planung gegeben. Auch wenn – wie im Kapitel 3 dargestellt – die räumliche Planung als Teil staatlichen Handelns nicht frei von Interessen und durch die Finanzknappheit in ihrem Handeln eingeschränkt ist, gibt es konkrete Handlungsspielräume, welche im Folgenden aufgezeigt werden.

Abb. 115: Potenzielle Handlungsfelder und Aufgaben der Raumplanung in Bezug auf Gemeinschaftsgärten

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(Eigene Darstellung).

  1. Die Abstimmung mit sonstigen Planungen im Quartier ist weiterhin eine wichtige Aufgabe der Stadtplanung. Schwarze (1992: 105) sieht ein Problem darin, dass BewohnerInnen in der Regel komplexe Verhältnisse nicht überblicken und eher kurzfristig agieren. Durch einen breiten partizipativen Planungsprozess soll zum einen gewährleistet werden, dass die geplante Nutzung einer Fläche als Gemeinschaftsgarten nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, da es bereits konkrete Planungen für die Fläche gibt oder der Bedarf an Gemeinschaftsgärten schon gedeckt ist. Hierbei geht es also um die perspektivischen Aufgaben der Planung. Zum anderen sollte ein weitgehend demokratischer Prozess, in dem gegenläufige Nutzungsansprüche gegeneinander abgewogen werden, gewährleistet werden. Notwendig dafür ist eine öffentliche Diskussion darüber, wer entscheidet, welche Nutzungen auf bestimmten Flächen stattfinden kann, die von der Planung moderiert werden kann (s. Aufgabe 2).
  2. Konkrete Aufgabe der Planung könnte die Moderation von Entscheidungsprozessen bei konkurri e renden Nutzungsansprüchen sein. Dazu braucht es Wissen über Bedürfnisse, Probleme, Planungen im Quartier, welches z.B. in der lokalen Planungsverwaltung oder bei im Gebiet tätigen Intermediären zusammenlaufen könnte. So sollte durch die Berücksichtigung des gesamten Quartiers und seiner BewohnerInnen auch dem Umstand vorgebeugt werden, dass sich bereits privilegierte NutzerInnengruppen weitere Privilegien sichern. Planung müsste dann insbesondere Sorge dafür tragen, dass sich kaum selbstständig artikulierende Gruppen einbezogen werden (Anwaltsplanung). Dabei geht es um Prozesse demokratischer Entscheidungsfindung, welche jedoch nicht im Sinne von Mehrheitsfindung zu verstehen sind, sondern als Versuch, möglichst viele Interessen zu hören und Bedürfnisse zu befriedigen. Dies kommt dem ‘klassischen Abwägungsprozess’ der Planung nahe, die Abwägung sollte jedoch nicht verwaltungsintern, sondern transparent und in Kooperation mit allen Beteiligten getroffen werden. Es wäre auch denkbar, das Modell des ‘community meetings’ in Toronto, welches ein Erfordernis für die Genehmigung eines co m munity gardens darstellt, zu übertragen (vgl. Kap. 4.4.3). Dabei werden wie beschrieben alle AnwohnerInnen eingeladen und können ihre Bedenken vortragen. Auch bei einem solchen Treffen muss jedoch darauf geachtet werden, dass sich nicht nur die sich besonders gut Artikulierenden Gehör verschaffen und mit ihren Interessen durchsetzen können. Dabei sind persönliche Kompetenzen und Fähigkeiten der beteiligten PlanerInnen gefragt sowie eine grundsätzliche Orientierung von planerischem Handeln auf die Unterstützung von emanzipatorischen Beteiligungsprozessen.
  3. Im Zusammenhang mit der Unterstützung durch die städtische Verwaltung sind Ziel und Absicht der Kommune entscheidend: geht es um die Unterstützung selbstorganisierter Aneignungsprozesse, werden soziale Ziele verfolgt, oder geht es nur um eine kostengünstige Bewirtschaftung von Flächen?
  4. Minimale Anforderung hinsichtlich der Unterstützung von Gemeinschaftsgartenprojekten an die Verwaltung wäre es, dass sie Interessierte nicht behindert. Darüber hinaus wäre eine weitergehende organisatorische Unterstützung wünschenswert. Es wird sich nur ein geringer Anteil der BewohnerInnen für einen Gemeinschaftsgarten interessieren, noch weniger werden von selbst auf die Idee kommen, eine Brachfläche eigenverantwortlich zu gestalten. Entsprechend kann es auch eine Aufgabe der Planung sein, dieses Interesse zu wecken. Wichtig ist, dass die verantwortlichen Personen in der Verwaltung selbst von der Idee überzeugt und entsprechend motiviert sind, um auch andere motivieren und begeistern zu können. Wenn eine gewisse Vielfalt unter den ‚NutzerInnentypen’ gewünscht wird, dann müssen bestimmte Gruppen gezielt angesprochen werden. Wenn dagegen abgewartet wird, wer auf die Stadt zukommt, sind es in der Regel die Gruppen, die ihre Interessen sehr gut artikulieren können, denn nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung verfügt schon im Vorfeld über die notwendigen Fähigkeiten oder Erfahrungen der Selbstorganisation. In der Regel wird es nicht ausreichen, nur die Flächen durch die Stadt zur Verfügung zu stellen. Begleitung und Unterstützung durch bezahlte Stellen bei der Stadt oder in intermediären Organisationen, wie sie in den betrachteten Beispielen festgestellt wurden, sind daher sinnvoll. Für die Unterstützung und Förderung der Gartenprojekte kommt den einzelnen von der Kommune eingesetzten Personen und deren Kompetenzen entscheidende Bedeutung zu. Zentrale Ansprechpersonen mit ehrenamtsfreundlichen Sprechzeiten und integrativem (vs. sektoralem) Ansatz sowie finanzielle Förderung (erreichbar evtl. durch Neustrukturierung der vorhandenen Fördertöpfe) sind zu empfehlen. Es muss auch damit gerechnet werden, dass von außen initiierte Projekte nicht angenommen werden und wieder aufgegeben werden müssen.
  5. Einen wichtigen Beitrag kann die Planung auch zur planungsrechtlichen Absicherung derartiger Nutzungen leisten, sobald sie nicht auf reine Zwischennutzungen beschränkt bleiben sollen. Dabei böten sich sowohl eine Festsetzung als Dauerkleingärten oder als öffentliche Grünflächen (Parkanlage) an. Dies müsste jedoch noch genauer untersucht werden.

Abb. 116: Stufen der Einflussmöglichkeiten von Planung

(Eigene Darstellung in Anlehnung an die Ladder of Participation vonArnstein, 1969)

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  1. Hilfreich für die Praxis wäre die Bereitstellung eines einfach zugänglichen Brach flächen kataster für kurz- oder langfristige gärtnerische Nutzungen durch die Planung und der unbürokratische Zugang zu brachliegenden Flächen in öffentlichem oder privatem Eigentum.
  2. Wenn durch freiwilliges Engagement Orte für die allgemeine Öffentlichkeit geschaffen werden, sollte eine Anschubfinanzierung sowie die Übernahme von Betriebskosten bis zu einer bestimmten Höhe weiterhin Aufgabe der öffentlichen Hand sein. Das Beispiel im Samariterviertel zeigte, dass mit verhältnismäßig geringem finanziellen Aufwand durch die Kommune Nutzungen gefördert werden, welche dem gesamten Quartier zugute kommen können.
  3. Planung kann letztlich nur ‚Gelegenheiten’ für die Etablierung von Gemeinschaftsgärten bieten und diese monetär sowie durch Vermittlung, Beratung und Information fördern und unterstützen. Die tatsächliche Schaffung eines Gemeinschaftsgartens hängt jedoch letztlich von den BewohnerInnen und ihrer Initiative selbst ab – weshalb diese hier nicht ohne Grund als ‚PrimärakteurInnen’ bezeichnet werden. Freiwilliges Engagement im Kiez und konkret für das öffentliche Grün und Kompetenzen der Selbstorganisation werden auch in naher Zukunft nicht die Regel sein. Ziel von Planung sollte es sein, dass Personen, die sich hier engagieren wollen, unterstützt, gleichzeitig jedoch auch anderweitige Interessen dabei nicht vergessen werden. Räume können durch die Planung für bestimmte Nutzungen bereit gestellt werden, jedoch ist die Nutzung / das Handeln im Raum nie (vollständig) planbar. Deshalb besteht eine wichtige Aufgabe der Planung darin, engagementfreundliche und flexible Strukturen zu schaffen, welche unterschiedliche Nutzungs- und Aneignungsprozesse ermöglichen, gleichzeitig jedoch die Grundversorgung (mit öffentlichem Grün etc.) weiter bereitzustellen und nicht dem Engagement zu überlassen.

9.4.4  Literaturempfehlungen und Internetseiten

Für konkretere Hinweise im community garden- und Grünflächensektor lassen sich folgende kurz zusammengefasste Schriften empfehlen:

Ganz konkret an GemeinschaftsgärtnerInnen selbst wendet sich das für den kanadischen Kontext geschriebene Handbuch der FoodShare-Mitarbeiterin Laura Berman(Berman, 1997;Informationen finden sich auch auf der homepage von FoodShare, s.FoodShare, o.J.). Viele dieser Hinweise sind auch für den deutschen Kontext hilfreich. Berman verweist dabei neben wichtigen Informationen hinsichtlich gärtnerischer Fragen vor allem auf die soziale bzw. gemeinschaftliche Komponente des Betriebs eines community gardens. So beginnt das Kapitel „Key of Success” nicht ohne Grund mit der Aufforderung: „Establish good lines of communication among all participants.“ (Berman, 1997). Dazu empfiehlt sie regelmäßige Besprechungen und Arbeitstreffen, ein ‚Schwarzes Brett’ im Garten sowie ein Telefonkettensystem.292 Der Gruppenbildungsprozess brauche dabei in der Regel viel Zeit. Hilfreich seien dabei Personen, die über diesbezügliche Erfahrungen verfügen, die motivieren und ermutigen können, die die Gruppe jedoch nicht dominieren dürften. Wichtig ist dabei auch, dass nicht nur eine Person eine solche wichtige Stellung einnimmt, sondern sich Kenntnisse und Aufgaben auf die gesamte Gruppe verteilen. Hilfreich sei auch, sich einen Überblick über die in der Gruppe vorhandenen Fähigkeiten und Kenntnisse zu verschaffen.

Im Interview betont Laura Berman die Bedeutung, sich gemeinsam zu Beginn des Prozesses über Regeln zu verständigen. Darin liege u.a. die Bedeutung einer Beratung durch FoodShare:

We are there not only to help horticulturally, but also to help groups understand about the management issues of the garden. It’s not just to get a piece of land and make some plots. There are all sorts of other things involved in it, which you don’t know about until you get there and you think: Why didn’t I know about this first? Like, having to set rules. If you have a set of rules imposed on you from outside, that tends not to be great. So at least in the initial status, having the gardeners make up their own rules, helps a lot. And there are fights later on, because somebody doesn’t weed or they are using chemical fertilizer (...). (Ms. Berman)

Ebenso ist auch der Kontakt zur Nachbarschaft und zu weiteren wichtigen Institutionen wesentlich. Zu Gartenfesten sollte deshalb die gesamte Nachbarschaft eingeladen werden und der Garten selbst sollte auch eine Verschönerung für das Viertel darstellen – für die kanadischen Community Gardens heißt dies, dass nicht lediglich Gemüse, sondern auch einige Blumen gepflanzt werden sollten (Berman, 1997).

„Start small“: Laura Berman empfiehlt – ebenso übrigens wie Christa Müller (2002) – mit kleineren Flächen und Aktivitäten zu beginnen und den gesamten Garten erst Schritt für Schritt jedes Jahr weiterzuentwickeln. Zu lange Planung hemme die Gruppe und bei der enthusiastischen Planung im Frühjahr werde oft übersehen, wie viel Arbeit und Zeit gerade Routinearbeiten wie wässern und jäten im Sommer brauchen (Berman, 1997).

Ein Zaun als Schutz vor Vandalismus sei nicht unbedingt die beste Wahl. Oft laden vollkommen abgeschlossene Gärten erst recht zu Zerstörungen ein und auch für die gardeners selbst gilt: „Who wants to garden inside that sort of prison?“ (Berman, 1997). Sinnvoll seien jedoch niedrige Zäune als Schutz vor Hunden. Grüne bzw. begrünte Zäune seien dabei vorzuziehen. Gegen Zerstörungen sei die Einbeziehung von bekannten VerursacherInnen in den Garten sinnvoll, denn: „The vandals, usually bored kids, often turn out to be the most active gardeners, as well as an excellent deterrent to other vandals.“ (Berman, 1997)

Des weiteren sei die sofortige Reparatur der Schäden empfehlenswert mit der Hoffnung, dass die VerursacherInnen irgendwann die Lust verlieren. Ein gut gepflegter Garten zeige, dass sich Menschen darum kümmern. Gegen Diebstahl empfiehlt sie die Anlage eines Extrabeetes für diejenigen, die tatsächlich auf Nahrungsmittel angewiesen sind – wie z.B. viele Obdachlose. Darauf kann z.B. durch folgendes Schild hingewiesen werden: „‚If you need vegetables, please join our community garden. If you need food today, then please pick from this plot only.” (Berman, 1997). Letztlich sei die Verankerung in der Nachbarschaft sowie ein Informationsschild auch für den Schutz des Gartens wichtig.

Bei der Grundstücksakquise empfiehlt sie den GemeinschaftsgärtnerInnen: „Be persistent and be patient. It always takes longer than you would think possible.“ (Berman, 1997)

Bezüglich der Finanzierung rät sie, eine ‚Wunschliste’ mit benötigten Materialien zu veröffentlichen (z.B. am Schwarzen Brett, in einer Quartierszeitschrift, im Internet etc.) und auf diesem Wege um Spenden zu bitten. Des weiteren liefert sie selbst eine solche Wunschliste als Anregung, bestehend aus Gartenmaterial, Pflanzen, Geräten, Baumaterial (Berman, 1997;FoodShare, o.J.). Abschließend gibt sie Hinweise zu ökologischen Anbaumethoden, z.B. zur Bodenverbesserung und Bewässerung, zum Umgang mit Schädlingen und Krankheiten sowie zu companion planting(Berman, 1997).

BERMAN, LAURA (1997): How does our garden grow? A guide to Community Garden success. FoodShare (ed.), Toronto.

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Hilfreich auch für den hiesigen Kontext können die Details des Community Gardening Programs in Toro n to sein. Dieses ermöglicht und unterstützt die Schaffung von community gardens in öffentlichen Parks (zur Übersicht:Toronto Parks and Recreation Division, 2002, mündliche Informationen von Solomon Boyè). Eine Gruppe von community gardeners in spe stellt dazu einen Antrag bei dem Community Garden Coordinator, eine von ihr ausgewählte Fläche in einem Park nutzen zu können. Dieser Antrag muss bereits ein Konzept über Ziel der Gruppe, Organisations- und Entscheidungsstrukturen und Zeitplanung enthalten. Ein Garten darf dabei nicht die sonstige Nutzung des Parks beeinträchtigen, entsprechend sind vor allem weniger genutzte Bereiche geeignet. Sie sollten jedoch genügend Sonne bekommen. Wichtiges Element im maximal neunmonatigen Antragsprozess ist ein Treffen in der Nachbarschaft sowie mit dem Ward Councillor (Bezirksvertreter), welches potenzielle Konfliktpunkte schon im Vorfeld klären soll. Stellt sich dabei heraus, dass ein solcher Garten von den AnwohnerInnen nicht toleriert werden würde und auch wiederholte Versuche, darüber eine Einigung herzustellen, scheitern, kann das Projekt an dieser Stelle nicht umgesetzt werden. Andernfalls kann jetzt ein Nutzungsvertrag zwischen Programmkoordinator und einer verantwortlichen Person der Gartengruppe unterschrieben werden. Durch das Grünflächenamt wird ein Wasseranschluss gelegt293, es wird jedoch auch die Regenwassernutzung empfohlen. Weiterhin werden in geringem Maße Komposterde, Materialien für einen Zaun sowie Pflanzen bzw. Saatgut gestellt und der Verleih von größeren Geräten ist möglich. Darüber hinausgehende Förderung gibt es nicht, z.T. jedoch Unterstützung bei der Beantragung sonstiger Finanzierung. Auch in sonstigen gärtnerischen und gruppenbezogenen Fragen berät der Koordinator. Zu Beginn gibt er eine kleine Einführung dazu, was bei einem solchen Garten alles zu beachten ist. Zäune müssen genehmigt werden, werden jedoch empfohlen. Chemikalien sind grundsätzlich verboten. Gartenprodukte dürfen nicht verkauft, jedoch z.B. für Food Boxes gespendet werden. Bäume dürfen nicht auf den Einzelbeeten, jedoch mit Genehmigung des Grünflächenamtes in den Gemeinschaftsbereichen gepflanzt werden. Die Fläche wird zunächst für ein Jahr verpachtet mit der Option auf Verlängerung. Ein Kriterium für die Verlängerung ist die ausreichende Pflege der Beete. Wenn sich der Garten auflöst, müssen alle Pflanzen etc. wieder entfernt werden und durch das Grünflächenamt wird wieder Rasen eingesät.

TORONTO PARKS AND RECREATION DIVISION (2002): Community Gardens Program Toolkit. Toronto, Canada.

Abb. 117: Aufbewahrungsbox in einem Evergreen-Garten, Toronto

Abb. 118: Hinweisschild in einem community garden in Toronto: „Enjoy this garden! But please ... don’t ruin it by taking flowers and plants.“

(Fotos: Rosol 2003)

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Eine sehr hilfreiche Broschüre zum Umgang mit Ehrenamtlichen bzw. Volunteers im Grünbereich hat Evergreen im „Volunteer Management Handbook“ zusammengestellt (Evergreen, 2003). Dieses richtet sich primär an Non-Profit-Organisationen im städtischen Umwelt- bzw. Renaturierungsbereich in Kanada, die regelmäßig individuelle HelferInnen beschäftigen, die Empfehlungen sind jedoch auch auf sonstige SekundärakteurInnen im Bereich von Gemeinschaftsgärten z.T. übertragbar. In fünf Kapiteln geben sie Hinweise zur Arbeit mit Volunteers, zu ihrer ‚Anwerbung’, Unterstützung und Anerkennung und besonders wichtig – und oft vernachlässigt – zur Vorbeugung von ‘volunteer burnout’, d.h. der Verhinderung von Überarbeitung und Überforderung bis hin zu Gesundheitsschäden mit anschließendem kompletten Rückzug aus der ehrenamtlichen Tätigkeit. Zur ‚Anwerbung’ ist ein Konzept des Projektes notwendig und möglichst klare Informationen darüber, was Volunteers erwarten können. Der persönliche Nutzen – neue Fähigkeiten, neue Freundschaften, ein persönlicher Beitrag zum Umweltschutz – sollte klar herausgestellt werden. Der Umgang sollte respektvoll, offen und ehrlich sein und regelmäßige Anerkennung nicht nur der geleisteten Arbeit, sondern bereits für den gezeigten Einsatz beinhalten. Zur Anerkennung können auch das Angebot zur Weiterbildung im Austausch für ihre freiwillige Arbeit sowie öffentliche Präsentationen und Dokumentationen der Projekte gehören. Volunteers können über Freiwilligenagenturen, persönliche Kontakte, Schulen, durch Öffentlichkeitsarbeit, gärtnerische Vereine in einem abgegrenzten Gebiete etc. gefunden werden. Für die Motivation der Volunteers sind besondere, gemeinschaftliche Aktionen mit sichtbaren Erfolgen förderlich. Die Bereitschaft, Arbeit und Zeit ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen sollte dabei niemals als gegeben vorausgesetzt werden, sondern muss immer wieder aufs Neues geschätzt und anerkannt werden. Um eine größere Zugehörigkeit zu fördern, muss Volunteers Entscheidungskompetenz zugestanden werden. Sie sollten über Projekte selbst entscheiden können, Gestaltung und Arbeiten gemeinschaftlich mit anderen aushandeln. Um Frustration, Demotivierung und Burnout zu verhindern, sollten Volunteers nicht überfordert werden. Anzeichen von Burnout – u.a. verringerte Motivation, Begeisterung und Humor – sollten frühzeitig erkannt und dem entgegensteuert werden. Ziele sollten deshalb nicht zu hoch gehängt, sondern realistisch und erreichbar sein. Regelmäßig sollte auf das Erreichte zurückgeblickt und es sollte gewürdigt werden. Meist geht dies im Tagesgeschäft und mit Blick auf die vielen noch unerledigten Aufgaben unter. Arbeit sollte frühzeitig delegiert werden und von einzelnen Personen nicht zuviel an Verantwortung übernommen werden. Einzelne Freiwillige sollten immer die Möglichkeit haben, ‚Nein’ zu sagen und sich zeitweilig aus dem Projekt zurückzuziehen. Treffen und Arbeitseinsätze sollten hinreichend strukturiert und vorbereitet sein. Ausreichend Arbeitsgeräte, aber auch Getränke und kleine Snacks sollten vorhanden sein. Namensschilder helfen beim Kennenlernen. Soziale Zusammentreffen in Kombination mit Arbeitseinsätzen fördern die Motivation. Für diejenigen, die schwere körperliche Arbeit nicht leisten können oder wollen und sich dennoch einbringen wollen, sollten gemeinsam andere Arbeitsbereiche gefunden werden. Wichtig bei all dem bleibt Zeit für Kommunikation, für den Austausch über Ziele, Erfolge, Schwierigkeiten und Konflikte, persönliche Befindlichkeiten etc.. Kurz: „Open communication, encouragement and fun are powerful tools for preventing burnout.” (Evergreen, 2003).

EVERGREEN (2003): Hands for Nature: A Volunteer Management Handbook. Tool Shed Series, Toronto.

Im deutschsprachigen Bereich ist insbesondere die Literatur zu ehrenamtlich betriebenen Zwischen nutzungen hilfreich. Hier finden sich vielfach Handlungsempfehlungen und Werkzeuge für die Kommunen bzw. die Planung, so z.B. in den kürzlich erschienenen Publikationen zu Zwischennutzungen in Berlin (cet-0 und studio urban catalyst, 2004), zu Zwischennutzungen und neuen Freiräumen in Ostdeutschland (BBR (Hg.), 2004) sowie zu Zwischennutzungen im Planungsprozess allgemein (Eißner und Heydenreich, 2004;Litzkendorf, 2005). In allen drei Studien werden auch hier untersuchte Gärten vorgestellt, z.B. das Brachenprojekt im Samariterviertel und die ‚Marie’. Genauere Empfehlungen für grüne Zwischennutzungen und ein erarbeitetes Zwischennutzungs-Projektmodell sind bei Hoffmann / Zehner (2002) nachlesbar. Diese sind vor allem aus einer theoretischen Aufarbeitung ihrer praktischen Erfahrungen im Samariterviertel abgeleitet und für Gemeinschaftsgärten allgemein sehr nützlich. Sie betonen dabei noch einmal die flexible Koordination, Überprüfung und Modifikation der Konzepte.

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BBR (HG.) (2004): Zwischennutzung und neue Freiflächen. Städtische Lebensräume der Zukunft. Projekt des Forschungsprogramms der "Projektplanung Aufbau Ost" i.A. des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, hg. vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, bearbei tet durch StadtBüro Hunger, Becker Giseke Mohren Richard, DSK, Berlin.

CET-0 / STUDIO URBAN CATALYST (2004): Raumpioniere Berlin. Studie i.A. der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Abtl. I Stadt- und Freiraumplanung, Berlin.

EIßNER, CHRISTEL / HEYDENREICH, SUSANNE (Hg.) (2004): Baulücke? Zwischennutzen! Ein Ratg e ber für den Weg von der Brachfläche zur Stadtoase. Stiftung Mitarbeit, Arbeitshilfen Nr. 32, Bonn.

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HOFFMANN, HEIKE / ZEHNER, CARSTEN (2002): Grünzeit. Zwischennutzung von Brachflächen. Unve r öffentlichte Schwerpunktarbeit am Institut für Stadt- und Regionalplanung, TU Berlin, Berlin.

LITZKENDORF, GUDRUN (2005): Zwischennutzung in der Stadtentwicklung. Möglichkeiten der Planung. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Fakultät Raumplanung, Universität Dortmund, Dortmund.

Für interkulturelle Gärten weist Christa Müller (2002) als spezifisches Handlungserfordernis darauf hin, dass die Offenheit für und die Gleichberechtigung von unterschiedlichen Herkunftskulturen und Lebensweisen erforderlich sind. Auch der Umgang mit Differenzen und Konflikten ist oft in den Herkunftsländern verschieden, das passende Konfliktmanagement muss also erst gefunden werden. Dazu sei eine Mischung unterschiedlicher Bildungs-, Herkunfts-, Alters- und Milieukontexte sinnvoll. Zudem bräuchten gerade interkulturelle Gärten aufgrund vielfacher rassistischer Vorurteile in der deutschen Gesellschaft viele BündnispartnerInnen, die aktive Einbindung in Netzwerke und in die Nachbarschaft. Dieses Knüpfen von Kontakten (z.B. zu Kommunen, besonderen Einrichtungen wie Kirchen, Freiwilligenagenturen, Frauenzentren, Universitäten, Stiftungen) und der Aufbau von Netzwerken seien an sich bereits ein wesentlicher Erfolg und positives Ergebnis eines interkulturellen Gartens.

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MÜLLER, CHRISTA (2002): Wurzeln schlagen in der Fremde – Die Internationalen Gärten und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse. München.

Nicht zuletzt ist die Literatur bezüglich partizipativer (Freiraum-)Planungsprozesse allgemein relevant. Exemplarisch werden hier die Hinweise aus der bereits in Kapitel 3 angesprochenen Schweizer Publikation (Schwarze, 1992) wiedergegeben. Hiernach kann die vermehrte Beteiligung an Planung, Unterhalt und Nutzung von Grünräumen mehr Effizienz, mehr Informationen für Verwaltung, mehr Selbständigkeit der BewohnerInnen, Wünsche und Anliegen vorzubringen, mehr Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, mehr Identifikation mit Wohnort zur Folge haben. Entsprechend soll es bei partizipativen Planungsprozessen nicht nur um Diskussion von fertiger Planung gehen, sondern um die gemeinsame Erarbeitung und Umsetzung. Dies erfordert Bereitschaft zur Zusammenarbeit von Seiten der Verwaltung sowie die Delegation von Kompetenzen. Dies ist z.T. auch eine Frage von persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen (ebd.: 103). Motivierend für die AnwohnerInnen sind dabei – dies hatte auch bereits Herr Wolf im Interview betont – schnelle und sichtbare Erfolge. Konkret schlägt die Studie folgendes vor (ebd.: 101ff.):

vermehrte Freigabe öffentlicher Freiräume für quartiersbezogene Anlässe wie Straßen- und Parkfeste durch unbürokratische Bewilligungsverfahren sowie Materialverleih (Tische, Bänke...)

Verleih von Werkzeugen und Maschinen

finanzielle Anreize

Begleitung durch SoziologInnen bzw. SozialarbeiterInnen

Ziel ist die Befähigung und Motivation zur Selbsthilfe. Dazu muss gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden, was Zeit und befähigte Fachleute braucht. Notwendig ist entsprechend eine funktionierende Gemeinwesenarbeit vor Ort.

SCHWARZE, MARTIN / RÜDISÜLI, HANS – PETER (1992): Grünraum in der Stadt – Erhalten, gestalten und nutzen (Bericht 29 des Nationalen Forschungsprogramms Stadt und Verkehr). Zürich.

In dem in einem europäischen Kooperationsprojekt erstellten „Making greener cities – A practical guide“ (URGE, 2004) finden sich ab S. 97ff. ebenfalls vielfältige praktische Hinweise, u.a. zu Kooperation, Partizipation und Volunteering.

URGE (2004): Making greener cities – A practical guide. UFZ-Bericht Nr. 8/2004 (Stadtökologische Fo r schungen Nr. 37), Leipzig-Halle.

Allgemein zur Partizipation und Kommunikation in Stadtentwicklungsprozessen sind die bereits in Kapitel 3 vorgestellten Publikationen von Klaus Selle (Bischoff et al., 1996;1996;1999;2000) zu empfehlen. Er setzt sich dabei u.a. mit Gründen für nichtfunktionierende Partizipation auseinander und benennt dabei Sprache und Bildung als Machtinstrumente. Da die einzelnen Individuen und Gruppen mit ungleichen Ressourcen (Bildungsstand, Alter, Lebenslage, Geschlecht, Herkunft, Wertorientierung, Fachkenntnis) ausgestattet sind, müssen sie auch ungleich behandelt werden, d.h. es müssen ‚ungleiche’ Beteiligungsangebote existieren, um ansonsten ausgegrenzte oder schweigende Gruppen einzubeziehen. Denn die Gleichbehandlung von Ungleichen führe zur Ungleichheit bzw. Ungerechtigkeiten.

SELLE, KLAUS (2000): Wer? Was? Wie? Wie weit? Warum? Voraussetzungen und Möglichkeiten einer nachhaltigen Kommunikation. Arbeitsmaterialien für Studium und Praxis. Kommunikation im Planungsprozess Bd. 2, Dortmund.

SELLE, KLAUS (2000): Zur sozialen Selektivität planungsbezogener Kommunikation. Angebote, Probleme und Folgerungen. In: HARTH, ANNETTE / SCHELLER, GITTA / TESSIN, WULF (Hg.): Stadt und soziale Ungleichheit. Opladen: 293-309.

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Nützliche Websites

Community Gardens in Nordamerika:

http://communitygarden.org/ (USA und mehr)

http://www.greenthumbnyc.org/ (New York City)

http://www.greenguerillas.org/ (New York City)

http://www.city.toronto.on.ca/parks/programs/community_intro.htm (Toronto)

http://www.foodshare.net/ (Toronto)

http://www.cityofseattle.net/neighborhoods/ppatch/ (Seattle)

BRD

http://www.stiftung-interkultur.de/ (alle interkulturellen Gärten in der BRD)

Berlin

http://www.stattbau.de/index2.php?sel=4&sc=download (Stattbau-Materialien zum Samariterviertel)

(Weitere Hinweise auf Websites finden sich im Text selbst.)


Fußnoten und Endnoten

240  Da die Situation in der DDR durch eine grundlegend andere Gesellschaftsordnung gekennzeichnet war, beziehen sich die folgenden Abschnitte auf die Bundesrepublik vor und nach der Vereinigung.

241  In der Soziologie wird zwischen Systemtheorie (N. Luhmann, T. Parson u.a.), Gesellschaftstheorie (K. Marx, M. Horkheimer, N. Elias u.a.) und Verhaltens- u. Handlungstheorie (H. Mead, A. Schütz, H. Garfinkel u.a.) unterschieden. Die Regulationstheorie ist den Gesellschaftstheorien zuzurechnen (SCHÄFERS 1995d: 313ff.).

242  Einen kurzen Überblick aus geographischer Sicht bietet Schnur (2003) Hier sei insbesondere auf die Schaubilder auf S. 16 und 18f. verwiesen.

243  Dazu zählen u.a. Neil Brenner, David Harvey, Susanne Heeg, Roger Keil, Stefan Krätke, Alain Lipietz, Margit Mayer , Jürgen Oßenbrügge, Jamie A. Peck, Adam Tickell, Jens Winter.

244  Deshalb wird z.T. auch von Regulationsschule gesprochen. Beide Begriffe – Regulationstheorie und Regulationsschule – werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

245  Regulationsweise definiert Alain Lipietz als „die Gesamtheit institutioneller Formen, Netze, expliziter und impliziter Normen, die Vereinbarkeit von Verhältnissen im Rahmen eines Akkumulationsregimes sichern, und zwar sowohl entsprechend dem Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse als auch über deren konfliktuelle Eigenschaften hinaus.“ LIPIETZ 1985: 121). Mit Akkumulationsregime wird hingegen ein bestimmter Modus der Produktion, welcher „über eine längere Periode hinweg ein Entsprechungsverhältnis zwischen den materiellen Produktionsbedingungen und ihrer Entwicklung (d.h. dem Volumen des eingesetzten Kapitals, der branchenmäßigen Struktur des Produktionsapparats sowie den Produktionsnormen) sowie dem gesellschaftlichen Verbrauch (Konsumausgaben der Lohnabhängigen und anderer Klassen, kollektiver, d.h. durch ‚sozial’-staatliche Maßnahmen vermittelter Konsum) gewährleistet.“ (ebd.: 120) bezeichnet.

246  Benannt nach dem US-amerikanischen Ingenieur Frederick W. Taylor (1856-1915), basierend auf Rationalisierung und Mechanisierung sowie Trennung von manueller und intellektueller Arbeit.

247  Ford nutzte nicht nur tayloristische Methoden, insbesondere die Fließbandproduktion, sondern beteiligte die Belegschaften auch an den dadurch erreichten Produktivitätsgewinnen. Insofern steht sein Name nicht nur für die Produktionsmethoden, sondern auch für den damit verbundenen Klassenkompromiss Pate (Akzeptanz tayloristischer Methoden der Kontrolle durch die ArbeiterInnen gegen Beteiligung an den Gewinnen) (vgl. LIPIETZ 1995: 93).

248 Nach dem einflussreichen britischen Volkswirtschaftler John Maynard Keynes (1883-1946), vehementer Befürworter der Intervention des Staates in das Wirtschaftsgeschehen. Laut Keynes soll der Staat fiskalpolitische und monetäre Maßnahmen anwenden, um die Auswirkungen von Rezessionen und Booms abzuschwächen.

249  Im Gegensatz zu Italien beispielsweise mit einer kämpferischen Gewerkschaftsbewegung mit Streiks und Sabotageaktionen trugen Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik verhältnismäßig wenig zur Krise des Fordismus bei (vgl. u.a. ROTH 1990: 214).

250  Dies macht deutlich, dass das neoliberale Modell keinesfalls überall in gleichem Maße und zur gleichen Zeit zur Wirkung kam – zumal es sich in dieser Form auf die westlichen Industriestaaten beschränkte -, sondern immer auch der konkrete räumlich-politische Kontext von Bedeutung ist.

251  Anzeichen der Krise des Neoliberalismus zeigten sich in den Finanzkrisen der 1990er Jahre (Asien, Russland, Argentinien etc.) sowie der Infragestellung seiner Legitimität durch weltweite Protestbewegungen, auf die mit neuen Strategien reagiert werden musste. So treten seit Mitte der 1990er Jahre verschiedene einflussreiche Reformprojekte auf, die sich selbst als anti-neoliberal bezeichnen. Dies betrifft sowohl die Politik des ‚Dritten Wegs’ der europäischen Sozialdemokratie als auch die Vordenker einer ‚Global Governance’, welche auf die Notwendigkeit internationaler Politik setzen. Brand et al. bezweifeln jedoch, dass diese verbalen Positionierungen den sehr erfolgreichen und tiefgreifenden neoliberalen Transformationsprozess etwas entgegensetzen bzw. ihn umkehren könnten, zumal die genannten Reformprojekte dem Imperativ internationaler Wettbewerbsfähigkeit verhaftet bleiben (BRAND et al. 2000: 87f.).

252  Gleichwohl gibt es mehrere Vorschläge einer begrifflichen Fassung der derzeitigen Phase wie z.B. ‚flexible Akkumulation’ (David Harvey) oder ‚Toyotismus’ (zitiert in BRAND 2005: 36f.) Von einigen AutorInnen wird jedoch bezweifelt, dass es überhaupt zu einem neuen Modell von Akkumulationsregime und Regulationsweise kommen könne. Dass dies im Fordismus der Fall war, wird eher als historische Ausnahme betrachtet. Die Stärke der Regulationstheorie liege demnach eher in der retrospektiven Beschreibung bereits abgeschlossener Phasen wie der des Fordismus (vgl. ROTH 1998).

253  Bereits Max Weber machte, indem er den Staat als Inhaber des Monopols „legitimer physischer Gewalt“ bezeichnet, auf den engen Zusammenhang von Zwang (‚physische Gewalt’) und Konsens (‚legitim’) aufmerksam (HIRSCH 2002: 22; SCHULTZE 1996: 733). Der allgemeine Staatsbegriff der bürgerlichen Gesellschaft definiere sich denn auch, Weber folgend, letztlich über seine physisch durchsetzbare Herrschaft (WALDRICH 1995: 342).

254  Zu den normativen Zuschreibungen (Gemeinwohlorientierung, kollektives Selbstbewusstsein, Gleichberechtigung, gleiche Verteilung von Kompetenzen, Konfliktlosigkeit, win-win-Situationen etc.) vgl. zusammenfassend BRECKNER (1997).

255  Amitai ETZIONI – als Vertreter des gemäßigten Kommunitarismus – sieht den von ihm beförderten Community-Diskurs selbst als Gegenbewegung gegen einen radikalen Neoliberalismus in den USA seit REAGAN, was von Boris MICHEL in Frage gestellt wird (MICHEL 2005: 106). Roland ROTH kritisiert die Konzepte aufgrund ihrer deutlich konservativen Züge und ob ihres „sorglosen Umgangs mit regressiven Elementen historischer Gemeinschaften [sowie der] Ausblendung herrschaftlicher Grundzüge in gegenwärtigen Sozialformen (z.B. das Lob der Familie als Ort traditioneller Rollenzuweisungen).“ (ROTH 1995: 45). So sind denn auch das kommunitaristische Ideal einer Gesellschaft „homogene Gemeinschaften, ausgehend von der Familie als Kern“ (MICHEL 2005: 108).

256  Die Kritik an der in den meisten Debatten vorzufindenden normativen Aufladung wird von Jenny Künkel pointiert formuliert: „In einer Zeit, in der die ‚Post (...) an die Börse geht' (HAUG 1999: 45) und Zivilgesellschaft – vom ADAC bis zu Umweltverbänden – längst am Runden Tisch mit Chemiekonzernen verhandelt, scheint der Ruf nach mehr Zivilgesellschaft bestenfalls Zeugnis der ‚Entwirklichung’ (NARR 1994) der politischen Debatte, schlimmstenfalls – wie noch deutlicher im Falle der amerikanischen Kommunitarismusdebatte und des ‘Sozialkapital’-Konzepts (Robert Putnam) – als Versuch, gesellschaftlichen Zusammenhalt über das Anknüpfen an tradierten Normen herzustellen und gesellschaftliche Ressourcen als Ausfallbürgin abnehmender sozialstaatlicher Leistungen zu mobilisieren.“ (KÜNKEL 2004: 13).

257  Gramsci entwickelte sein Konzept von Zivilgesellschaft vor allem vor der Fragestellung, warum jegliche Revolutionsversuche in den bürgerlichen Gesellschaften Westeuropas scheiterten, im zaristischen Russland jedoch erfolgreich waren. Dies erklärt er mit dem Vorhandensein einer Zivilgesellschaft als ‚vorpolitischem’ Terrain und über welches die Bourgeoisie vor allem dank ihres privilegierten Zugangs zu Medien und anderen Institutionen auch ohne Gewaltmittel ihre Hegemonie behaupten konnte (vgl. u.a. SCHMITT 2002: 250 ).

258  So kann für die deutsche Geschichte gesagt werden, dass die Kommunale Selbstverwaltung immer in Zeiten der Krisen des Zentralstaates besonders stark war (z.B. während der napoleonischen Kriege und nach dem Zweiten Weltkrieg), dessen Konsolidierung stets jedoch auf Kosten der Selbstverwaltung ging (vgl. u.a. ROTH 1997: 413).

259  In diesem Zusammenhang ist Partizipation laut Kreft in Anlehnung an Habermas “die allgemeine und gleiche Chance der Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen.” (KREFT 1988: 24)

260  Einen aktuellerer Überblick zu den Zahlen der community gardens in Nordamerika ist leider nicht verfügbar.

261  Auch für ALGII-EmpfängerInnen werden in Berlin inzwischen (August 2005) Einkaufsgutscheine bzw. fertige Verpflegungspakete ausgegeben. Diese Verpflegungspakete weisen genau die Merkmale auf, die von Ernährungs-Hilfsorganisationen in den USA und Canada seit langem kritisiert werden, wie Einseitigkeit und Vitaminmangel, weshalb dort die notdürftige Zusammenarbeit zwischen communtiy gardens und Essensverteilstellen praktiziert wird. Nicht zuletzt sei eine solche Behandlung jedoch vor allem demütigend, wie ein Betroffener berichtet (vgl. BERLINER ZEITUNG 2005. Ob zukünftig städtischen Gärten wieder die Bedeutung von Armengärten zukommt, wird sich zeigen.

262  vgl. http://www.city.toronto.on.ca/parks/programs/garden_parks.pdf

263  Diese sind oft nur den MieterInnen zugänglich, würden in der Bundesrepublik also eher als MieterInnengärten bezeichnet werden. Hier wird auch deutlich, dass nicht alle community gardens öffentlich zugänglich sind. In der Regel jedoch sind sie es.

264  Auch die in den Parks angelegten Gärten werden nicht durch die Stadt verwaltet. Der Community Garden Coordinator (s.u.) gibt nur Starthilfe und berät die potenziellen community gardeners (Toronto Parks and Recreation Division 2002).

265  Es gab zwar auch Anfang der 1970er Jahre community gardens, die laut Jane Hayes in Zusammenhang mit der Ölkrise bzw. allgemeiner der ökonomischen Krise standen. Diese existierten jedoch nicht sehr lange und können zudem eher als allotment gardens (s.u.) bezeichnet werden. Ein wiedererwachtes größeres Interesse gibt es erst seit Ende der 1980er (Ms. Hayes: 17.09.03).

266  Nahrungsmittelsammel- und –verteilstellen für Bedürftige, in Berlin am ehesten vergleichbar mit der ‘Berliner Tafel’ – vgl. www.berliner-tafel.de

267  Ward = Stadtbezirk, in denen durchschnittlich ca. 50.000 Menschen leben.

268  Vgl. auch die Argumentation von Werner Nohl in Kapitel 3.1.5.

269  Auf ‘Grabeland’ dürfen nur einjährige Pflanzen angebaut werden, d.h. keine Sträucher, Bäume, Stauden. Zudem dürfen keine Lauben errichtet werden. Dadurch soll ein Zwischennutzungscharakter gewahrt bleiben.

270  Circa zwei Drittel der Gärten befinden sich auf öffentlichem Land verschiedener öffentlicher Einrichtungen und Betriebe, alle weiteren auf Privatgrundstücken.

271  Durch die Pacht werden lediglich Betriebskosten wie Wasser bezahlt, die Angestellten des P-Patch-Program werden durch die Stadt bezahlt. Die Verträge werden jährlich erneuert, solange die Basisanforderungen (Pflege der eigenen Beete und 8 jährliche Stunden Gemeinschaftsarbeit) erfüllt werden. Die Stadt betreibt ein Wartelistensystem. Auf dieser Liste standen im Herbst 2003 ca. 600 Personen. (Mr. Macdonald: 08.10.03). Die ‚Friends of P-Patch’ gewähren für Berechtigte die Übernahme der Pachtkosten. Im Jahre 2002 wurde so 98 gardeners der Zugang zu einem P-Patch ermöglicht (Mr. Schutte: 14.10.2003).

272  Dieser Anteil in Berlin ist im Vergleich zu anderen bundesdeutschen Großstädten ausgesprochen niedrig. Zum Vergleich: Hamburg (15,1 %), Düsseldorf (17,6 %), Köln (18,8 %), Frankfurt/Main (22,5 %),. München (23,7 %), Stuttgart (24,4 %). Quelle: www.meinestadt.de für die genannten Städte, basierend auf dem Bericht "Aktuelle Daten zur Entwicklung der Städte, Kreise und Gemeinden, Ausgabe 2004“ des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung Bonn (BBR) [Zugriff: 09/05/05].

273  Alle Zahlen: Eigene Berechnungen auf Grundlage der Melderegisterdaten auf Blockebene (STALA 2003, Dez.).

274  Weitere Informationen zum Sanierungsgebiet vgl. www.samariterviertel.de/samariterviertel/index.html

275  Dieses entspricht im Wesentlichen dem Sanierungsgebiet, weist jedoch vollständige Blöcke auf und ist deshalb geringfügig größer. Es ist kleiner als die anderen Untersuchungsgebiete, da die Gebietsgrenzen mit Blick auf die bessere Datenlage im Sanierungsgebiet gewählt wurden.

276  Am Äquivalenzeinkommen, in welches die Haushaltspersonenzahl und deren Alter eingeht, bemisst sich auch die relative Armut: als arm gelten Personen mit der Hälfte des Äquivalenzeinkommen, d.h. einem Nettoeinkommen unter 606 Euro. Dies betrifft 15,6 % der Berliner Bevölkerung (Westbezirke: 17,3 %, Ostbezirke: 12,6 %).In den einzelnen hier relevanten (Alt-)Bezirken stellt sich die Situation wie folgt dar: Kreuzberg: 28,1 %, Neukölln: 23,7 %, Hohenschönhausen: 19,4 %, Friedrichshain: 17 %, Prenzlauer Berg: 12,5 %, Köpenick: 8,6 %), Als reich gelten demnach Personen mit einem Einkommen über 2.426 Euro , was in Berlin für 5,1 % der Bevölkerung gilt (im Westteil: 6,4 %, im Ostteil: 3 %). (SENGESSOZV (HG.) 2004a: 104ff.).

277  Alle von mir interviewten Aktiven des Kinderbauernhofes wohnen in Kreuzberg. Zu Mitte verfüge ich über entsprechend weniger Informationen.

278  Die 11 von Hadia Köhler befragten AnwohnerInnen hatten zudem alle einen ostdeutschen Hintergrund.

279  Zur Vereinsgründung speziell für ZwischennutzerInnen finden sich Hinweise bei Eißner / Heydenreich (2004: 72ff.),, für interkulturelle Gärten bei Müller (2002: 152ff.).. Vorteil eines eigenen Vereins sind Versicherungsschutz, eine Festschreibung von Zielen und Verfahrensweisen sowie die Möglichkeit, Fördergelder zu beantragen und evtl. (bei Gemeinnützigkeit) Spenden einzuwerben. Nachteilig ist das z.T. langwierige und aufwändige Verfahren, welches sich nur bei einer längerfristigen Zukunftsperspektive lohnt.

280  Bei FoodShare Bei FoodShare (BERMAN 1997: 75; FOODSHARE o.J.) findet sich ein – auf die American Community Gardening Association zurückgehendes – Muster für einen Nutzungsvertrag sowie eine Gartenordnung. Der ‚Wuhlegarten’ hat seine Gartenordnung z.T. an den Nutzungsverträgen der Kleingartenvereine orientiert.

281  Wenn der Gemeinschaftsgarten als Zwischennutzung angelegt und weiterhin eine Bebauung der Fläche geplant ist, ist die Anpflanzung von Bäumen aufgrund von Schutzbestimmungen (Baumschutzsatzung) evtl. problematisch. Dazu müssen möglichst schon vorab Regelungen gefunden werden (vgl. u.a. BBR (HG.) 2004: 104).

282  Hinweise dazu u.a. bei EIßNER / HEYDENREICH (2004: 51ff.). Dort (S. 54, 62f.) auch internetlinks zum Thema Gärtnern und Pflanzenauswahl.

283  Vgl. dazu u.a. Eißner / Heydenreich

284  Vgl. dazu u.a. Berman (BERMAN 1997: 57ff.)

285  Dies bestimmt sich natürlich konkret nach der Gruppengröße und der internen Organisation. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass es 20 Einzelparzellen mit einer Größe von je 40m² gibt (vgl. MÜLLER 2002: 150, angewandt auch im 'Wuhlegarten')und ausreichend große gemeinschaftlich bzw. öffentlich nutzbare sowie Wirtschaftsflächen verbleiben. Die Erfahrungen in den untersuchten Projekten zeigt, dass Fläche größer als 3.000 m² nur schwerlich noch rein ehrenamtlich bewirtschaftbar sind.

286  Genauere Hinweise für Zwischennutzungsverträge auf Privatgrundstücken finden sich bei Hoffmann / Zehner (2002: 56ff.).

287  Herr Wazlawik geht von rund 10.000 Euro für die Anfangsinvestitionen aus (Wazlawik: 26.03.2004), Christa Müller von 7.000 Euro (nur Materialkosten) (MÜLLER 2002: 151).. Im Samariterviertel stehen für jedes Grundstück jährlich bis zu 1.600 Euro (ursprünglich 2.600 Euro) an Sachmitteln zur Verfügung. Hinzu kommen Betriebskosten von ca. 1.550 Euro pro Jahr (vgl. Kapitel 5). Die Höhe der Aufwandsentschädigung der Arbeit von Stattbau sowie für die Vorleistungen (Bodenuntersuchung etc.) ist nicht bekannt.

288  vgl. auch Hoffmann / Zehner (2002: 38ff.) sowie Hinweise zu Fundraising sowie nützliche Internetadressen speziell für interkulturelle Gärten bei Müller Ibid. Bei größeren öffentlichen Investitionen ist zu beachten, dass i.d.R. eine Gewährleistungsfrist von 10 Jahren gilt (vgl. Projekt ‘Marie’ sowie ‘Kids’ Garden’).

289  Da Sponsoring – im Gegensatz zu Spenden – immer eine direkte Gegenleistung (z.B. Werbefläche) impliziert, ist es für Gemeinschaftsgärten nur im Ausnahmefall geeignet.

290  Sport- und Spielanlagen sowie bauliche Anlagen, die der Gartennutzung dienen wie z.B. Pergolen, Sitzgruppen etc. sind laut Bauordnung Berlin genehmigungsfrei. Folglich sind für Gemeinschaftsgärten i.d.R. keine Baugenehmigungen notwendig. Vgl. zu sonstigen bau- und planungsrechtlichen Rahmenbedingungen auch Hoffmann / Zehner (2002): 46ff.

291  Mit dieser Formulierung bezieht sich Christa Müller auf die gemeinschaftliche Verantwortung, welche über die Bewirtschaftung der eigenen Parzelle hinausgeht. Diese Verantwortung für das Gesamtprojekt stelle sich nicht von selbst ein, sondern müsse aktiv befördert werden über gemeinschaftliche Aktivitäten und einen sinnstiftenden Kontext (MÜLLER 2002: 148).

292  Für den gleichen Zweck zu empfehlen ist die in den Evergreen-Gärten in Toronto und im ‚Perivoli’ beobachtete Praxis, in den Gärten zusammen mit den Gartenmaterialien auch ein ‚Garten-Buch’ (z.B. in einer Gartenkiste oder einem kleinen Schuppen) zu lagern. Dort kann z.B. eingetragen werden, wann gewässert wurde, wo was gepflanzt wurde, wann das nächste Treffen ist, wann jemand gern ein Fest im Garten feiern möchte etc.. Es ist also eine Art ‚Schwarzes Brett’ zur internen Kommunikation der gardeners. Ein offizielles Informationsschild mit gleichzeitiger Funktion als ‚Schwarzem Brett’ ist ebenfalls sehr zu empfehlen. Dieses dient eher der Kommunikation mit der Nachbarschaft bzw. PassantInnen bzw. der allgemeinen Aufklärung über Ziele und Funktionsweise des Gartens.

293  Dies gilt tatsächlich nur für die community gardens in Parks. In allen anderen Gärten müssen individuelle Lösungen gefunden werden.



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22.11.2006