[Seite 214↓]

C)   Hoffmanniana - nach Andrej Tarkowskij

Übersetzung: Gertraude Krueger, erschienen bei Schirmer/Mosel 1987

Adaption:Dietrich Sagert

Zeichen:

kursiv

Zitate aus Werken von E.T.A. Hoffmann

 

( )

Ton, Musik

I. Hoffmann

Es ist Nacht. Es regnet, Hoffmann liegt unsichtbar auf seinem Bett, langsam wird er sichtbar.

Hoffmann:

Die Dämmerung dringt in das Kellergewölbe mit der weiβgestrichenen Decke. Auf der

dunklen eichenen Tischplatte, blankgescheuert von den Ellenbogen der Stammgäste, stehen

kleine Pfützen von erkaltetem Punsch, in denen sich das bleiche Licht eines trüben Tages

spiegelt. Halblaute Stimmen lassen darauf schlieβen, daβ nicht viele Gäste da sind. Am Tisch

gegenüber dem Fenster sitzen müde, wie benommen wirkende Zechgenossen.

Er hat keine Kraft mehr. Tief über die Weinlachen auf dem Tisch gebeugt, lauscht er den

fernen Stimmen dieser traurigen Versammlung: dünnen, sinnlosen Stimmen, und im Gewebe

des Gesprächs klaffen wundenartige Pausen.

Nun aber geht er in klarem Dämmerlicht durch die Vorstadt...

Er hält auf dem öden, holunderbewachsenen Gelände Am Stadttor inne. Blaβgrüne

Blütendolden schimmern in der Dunkelheit; ein schwüler unheilvoller Hauch geht von ihnen

aus.

Er legt sich auf den Rücken. Zieht die Knie an die Brust. Kragen und Manschetten, feucht vom Wein, leuchten im dunklen Gras.

Nahebei steht eine Gestalt im Schatten der Allee, wo die Wipfel der Bäume sich lautlos wiegen. Ein polierter Hutboden blitzt in der Dunkelheit auf. Ein hageres Gesicht, der Blick düster und durchdringend.

Ein bekanntes Gesicht! Wer ist das?

Hoffmann steht auf und geht durch die Dunkelheit nach der Allee hin, in deren Schatten jener

bekannte Unbekannte auf ihn wartet.

(Ton: Nono, Ende Regen)

Dort aber – ist niemand.

(Ton: Nono; Akkorde Mozart Ouverture)

Lichtwechsel, zunächst dunkel, d.h. nur Projektion, Beginn der Projektion auf beide Tulls Quasiportal und Horizont.


[Seite 215↓]

II. Mozart

Hoffmann:

... Wo ist der nur?

Hoffmann erhebt und orientiert sich; Ton: (Mozart: Don Giovanni Ouverture.)h

Hoffmann:

Ah, ja!

(Ton: Mozart: Musik erste Szene)

Hoffmann:

Das Theater ist recht geräumig, geschmackvoll verziert und glänzend erleuchtet.

Logen und Parterre sind, wie Lärm und Stimmengewirr verraten, gedrängt

voll. Und das Orchester erweist sich bei der Ouvertüre als ganz vortrefflich.

Der Vorhang fliegt auf.

Finstere Nacht.

Da stürzt Don Juan aus dem Pavillon, hinter ihm Donna Anna, bei dem Mantel den Frevler festhaltend... Welch ein Anblick!

Und welch eine Stimme! ‚Non sperar se non m’uccidi’.

Der Ton koinzidiert bei Arie mit dem Text und läuft weiter; langsam wird sein Tisch

erleuchtet, mit der Zeit die Bühne heller, d.h. die Projektion immer schwächer;

III. Donna Anna

Hoffmann trinkt einen Schluck Wein, schreibt und reagiert gleichzeitig.

Hoffmann:

Hoffmann zuckt zusammen: er meint, es befinde sich neben ihm noch ein Anderer in der

engen Loge. Womöglich hat dieser Andere hinter seinem Rücken die Logentür geöffnet und

ist hineingeschlüpft?

Unmut steigt in ihm auf: Ein einziges Wort des ungebetenen Gastes, das obendrein albern

sein konnte, hätte ihn auf eine schmerzliche Weise herausgerissen aus dem herrlichen

Moment der musikalischen Begeisterung! Er beschlieβt, von dem Nachbarn gar keinen Notiz

zu nehmen, sondern, ganz in die Darstellung vertieft, jedes Wort, jeden Blick zu vermeiden.

Den Kopf in die Hand gestützt, schaut er zur Bühne. Die Vorstellung geht weiter.

Des öfteren glaubt er, dicht hinter sich einen zarten warmen Hauch zu fühlen, das Knistern

eines seidenen Gewandes zu hören. Endlich hält er es nicht länger aus, wirft einen

verstohlenen Blick in den kleinen goldgerahmten Spiegel an der Logenwand und erbleicht vor

Staunen, ja vor Schreck: Der Spiegel zeigt ihm das Antlitz der Donna Anna. Donna Anna,

ganz in dem Kostüm, in welchem er sie auf der Bühne sieht!

Er fühlt die Notwendigkeit, sie anzureden. Doch vergehen qualvolle Minuten, ehe er sich dazu

entschlieβt:

Hoffmann schreibt weiter, als wäre nichts und redet mit der Stimme der D.A. als wenn er alles

im Moment erfindet.


[Seite 216↓]

Hoffmann:

Wie ist es möglich, Sie hier zu sehen?

(Donna Annas Stimme)

Donna Anna:

Hier? Nichts könnte einfacher und natürlicher sein. Haben Sie denn nie – und

sei es im Traum – diese Gewiβheit verspürt, daβ alles möglich sei; daβ jeglicher Wunsch

unzweifelhaft in Erfüllung ginge? Und wirklich finden Sie alles, was es auch sei, in Erfüllung

gegangen, wenn Sie der Wahrhaftigkeit dieser Gewiβheit einmal nachgehen.

Hoffmann:

Aber nur im Traum.

Donna Anna:

Ist denn der Traum nicht ebenso wahr wie die Wirklichkeit? [lächelt sie, und da sie bemerkt,

daβ er nicht sie anblickt, sondern ihr Spiegelbild, setzt sie hinzu:] Man darf des Nachts nicht

in den Spiegel sehen.

Hoffmann:

Warum?

Donna Anna:

Dann erscheinen Ihnen schreckliche Gesichter im Traum.

Hoffmann:

Die erscheinen mir ohnehin. Und nicht nur im Traum, auch im Wachen verfolgen sie mich.

Donna Anna:

Sind Sie sehr erschöpft?

Hoffmann:

Ja ... Heute hatte ich wieder Nasenbluten. Ich bin mir selbst zuwider mit dieser Krankheit.

Donna Anna:

Sind Sie Dichter?

Hoffmann:

Da Sie dies vermögen werden Sie mich ohnehin gut kennen.

Donna Anna:

Was gibt Ihnen denn die Musik? Macht sie Sie glücklich?

Hoffmann:

Ich weiβ nicht ... Sie bezeugt, daβ das Absolute, das Ewige sich ausdrücken läβt. Die Kunst

ist der einzige Weg, es zu erkennen.

Donna Anna:

Ist das Ihr Bestreben? Und es macht Sie nicht bange? Wozu das alles?

Hoffmann:

Vielleicht dazu, sich doch irgendwie vom Tier zu unterscheiden ...

Donna Anna:

Schauen Sie dorthin, [bittet sie auf den Spiegel deutend.]

Fade in (Nono), Hoffmann nimmt das Schreiben wieder auf:

Hoffmann:

Nun stehen sie nebeneinander und sehen einander im Spiegel in die Augen. Dann wirft Donna

Anna ihren Schal über den Spiegel, nimmt ihn von der Wand und verschwindet mit ihm in der

Dunkelheit des Korridors.

Der Korridor ist leer. Auch in seinem Zimmer ist niemand. (Ton: Nono)


[Seite 217↓]

Hoffmann erhebt sich, um ihr nachzueilen und schreit:

Hoffmann:

Donna Anna!

Ton: fade in (Rihm), Hoffmann bleibt aufrecht stehen und orientiert sich.

IV. Julia Mark

Hoffmann:

Julia! Habe ich Sie wirklich so erschreckt? Schon gut, schon gut, ich habe Spaβ gemacht!

Natürlich habe ich mir alles gerade erst ausgedacht. Ich wollte Ihnen noch sagen – [er

spricht so, daβ möglichst nur Julia allein ihn hört], daβ Donna Anna Ihre Züge hatte. ?!

Lichtwechsel, Stop (Rihm); Hoffmann reckt sich, gähnt und spricht zum Publikum:

Hoffmann:

Ich habe heute schlecht geschlafen – das heiβt ... [fügt Hoffmann ohne jeden Übergang

hinzu,] „ich bin einfach verliebt ...nimmt noch einen Schluck: Ich weiβ noch, einmal, im

Winter, auf einem Ball – da war mir, als sei ich in Stücke zersprungen. Und alle Menschen

ringsum waren mein eigenes Ich. Wie mich diese Doppelgänger geplagt haben!

Hoffmann nimmt die Flasche und trinkt, dann zum Publikum:

Hoffmann:

Sie lachen!... Den brauche ich zum Arbeiten. Er setzt meine Phantasie in Gang, ... Ich habe

sogar daran gedacht, eine Liste von Getränken zusammen zu stellen, die Komponisten bei der

Arbeit helfen würden. Bei Kirchenmusik – Rheinwein, bei der ernsten Oper – Burgunder ...

Hoffmann geht zum rechten Schrank stellt die Gläser hinein; Ton: Beginn Ouverture

(Gluck), Hofmann dreht sich erschrocken um und fragt in den Raum:

Hoffmann:

Wer sind Sie?

(Ton: Tickereffekt CD)

Gluck:

Der, der diese Musik geschaffen hat. Ich bin der Ritter Gluck!

Fade out Musik (Gluck), Hoffmann öffnet die nächste Schranktür nimmt eine Flasche heraus und wird von der Stimme von Mischa ertappt, behält die Flasche geht zum Tisch:

V. Frau Hoffmann (Mischa)

Mischa:

Schläfst du nicht? Brauchst du irgend etwas?

Hoffmann:

Ich habe mir gerade eine Geschichte ausgedacht – soll ich sie dir erzählen?


[Seite 218↓]

Mischa:

Natürlich wieder eine schreckliche ...

Hoffmann:

Nein ... Hör nur zu ... Sie ist gar nicht schrecklich. Es geht darin

um Musik ...

Mischa:

Wie fühlst du dich jetzt?

Hoffmann:

Nun geht es mir besser, viel besser ...

Mischa:

Du solltest längst schlafen. In den letzten Tagen hast du dich fast überhaupt nicht hingelegt.

Du wirst noch zu einem Schatten deiner selbst.

Hoffmann:

Stammt das von dir, oder hat dich Herr Chamisso darauf gebracht?

Mischa:

Bei Chamisso verliert der Held nur seinen Schatten – aber du verlierst sehr viel mehr ...

Hoffmann:

Bist du noch nie im Traum von einer hohen Turmspitze heruntergefallen? [fragt er plötzlich

ohne jeden Zusammenhang.] Was hast du gesagt? Was verliere ich?

Mischa:

Du verlierst deine menschliche Gestalt.

Hoffmann:

So? So etwas habe ich doch nie gehabt ...

Mischa:

Wer ist dieses Käthchen? Die ganze Stadt zeigt bald mit dem Finger auf dich!

Hoffmann:

Käthchen?

Mischa:

Ich habe ein wenig in deinen Aufzeichnungen gelesen ...

Hoffmann:

Mischa, du liest meine Tagebücher?

Mischa:

Du hast immer gesagt, daβ uns alles gemeinsam gehört – zumal das Heftchen aufgeschlagen

auf dem Schreibtisch lag ... Statt an unsere Zukunft zu denken läufst du wie ein Gymnasiast

den Weibern nach. Ich hab das alles satt! Wer ist dieses Käthchen, frag ich dich!

Hoffmann:

Du siehst aus wie ... Weiβt du, wie du jetzt aussiehst?

Mischa:

Ich nehm dein Heft mit und schlieβ es bei mir ein. Gute Nacht!

Hoffmann:

Mischa!

Hoffmann steht am etwas hilflos am Tisch; die nächste Szenen beginnt, er nimmt ein Blatt Papier und geht nach hinten zu seinem Bett, sagt die Filmtitel Tarkowskijs und die Namen der Geschichten E.T.A. Hoffmanns, die im Text vorkommen vor sich hin.


[Seite 219↓]

VI. Doktor Speyer

Ton: Musik (Pärt)

Mischa:

Er quält mich bis aufs Blut mit seinen Phantasien!

Speyer:

Schon möglich, schon möglich. Im übrigen quält er vor allem sich selbst damit. Versuchen

Sie das zu bedenken.

Mischa:

Mein Gott! Als ob ich je etwas anderes täte, als zu versuchen, seine Grillen zu begreifen!

Speyer:

Schon möglich, schon möglich ... Aber wozu? Kann man das denn?

Mischa:

Er hat die ganze Nacht den Namen irgendeiner Frau gerufen.

Speyer:

Ich meine, der Name ist nicht von Bedeutung.

Mischa:

Ich bin es leid, ich hab das alles satt.

Speyer:

Versuchen Sie ihm weniger Wein zu geben.

Mischa:

Es war umsonst, daβ ich mit ihm hierher gekommen bin in dieses abscheuliche Bamberg. Er braucht mich nicht, das sehe ich doch!

Speyer:

Sie sollten häufiger lüften, er erstickt sonst noch.

Mischa:

Mein Gott, er wird doch nicht ...

Speyer:

Sagen Sie, Sie lieben Musik?

Mischa:

Natürlich ...,

Speyer:

Und was hören sie am liebsten?

Mischa:

Den Prolog aus seiner ‚Pilgerin’ ...

Speyer:

Das sehen Sie’s,

Mischa:

Matka Bosche, wann wird das alles bloβ ein Ende haben!

Hoffmann erhebt sich und ruft:

Hoffmann:

Mischa! Mischa!

Ton: fade out Musik. Hoffmann kommt wieder heraus, diesmal links von der Plexiwand und macht die Kartographie der Gläser


[Seite 220↓]

VII. Graepel

Hoffmann:

Sie fahren in einer Mietdroschke die Straβe entlang, und jedes Mal, wenn der Kutscher in den

Schatten der engen Gassen einbiegt, meint er, sie führen in den Wald hinein.

Mischa legt ihm die Hand auf die Stirn. Sein Gesicht ist feucht und kalt.

Er küβt ihre Hand – leidenschaftlich, wie ein Liebhaber.

Erinnerungsbilder steigen in Hoffmann auf, so daβ es ihm vor den Augen flimmert. Das aber

ist kein Bild aus der Erinnerung: er sieht Julia, ganz wie Ophelia, in das durchsichtige Wasser

eines Sees eintauchen.

Übrigens, meinen Sie nicht auch, daβ Julia von Tag zu Tag hübscher wird? Sie war heute s

lieb zu mir!

Ach, mein armer Freund, ich muβ Ihnen sagen, daβ sie diesen Graepel heiratet, den Kaufmann aus Hamburg. Wir sind zu einem Frühstück ihm zu Ehren eingeladen.

Langsam beginnen sie die Tangokugeln zu drehen, Hoffmann bemerkt sie.

Hoffmann:

Im Spiegelkabinett bricht ein Kaleidoskop von Bildern über ihn herein; Profile, Hinterköpfe, Schultern und Frisuren erscheinen in den Spiegeln. Julias Zimmer ist prachtvoll ausgestattet, das Abbild eines ebensolchen Raumes in Sanssouci.

Aber das ist nicht Sanssouci! – Nicht wahr?

Hoffmann geht zum Tisch nimmt Platz und spricht zum Publikum:

Hoffmann:

Sie kennen doch Kleist, der das ‚Käthchen von Heilbronn’ geschrieben hat. Er liebte die

bezaubernde Henriette Vogel, und sie erwiderte sein Liebe mit Leidenschaft und Zärtlichkeit.

Und eines Tages hatten beide das Gefühl, die könnten nicht glücklich sein auf dieser Welt.

Hoffmann steht auf und macht die Tour der Gläser andersherum:

Hoffmann:

Im vergangenen Jahr, am 21. November, fuhren sie gemeinsam nach Potsdam. Dort gibt es einen Fluβ mit Inseln darin. Ein Ort von wunderbarer Schönheit.

Kleist und Henriette sind den ganzen Vormittag spazierengegangen. Dann geht er in eines der

kleinen Gasthäuser am Fluβ, das an diesem Werktag vollkommen leer ist, und bittet den Wirt,

ihnen direkt am Wasser aufzudecken. Der Wirt ist erstaunt. Trotzdem wird ihnen dort serviert,

und Kleist und Henriette bleiben allein. Wenige Minuten später hören Wirt und Diener zwei

Schüsse nacheinander. Erschreckt laufen sie zum Ufer und sehen die junge Frau und Kleist im

Herbstlaub liegen. Geschirr und Essen sind auf der Erde [Seite 221↓]verstreut, Henriette hält einen Zipfel

des Tischtuches in der Hand, das den Körper Kleists bedeckt ..

Das Licht wird immer dunkler, so dass nur noch die Spiegelreflexe „umherfliegen“:

Hoffmann:

Hoffmann, Julia sowie ihr Bräutigam sehen die ganze Geschichte natürlich vollkommen

verschieden. Hoffmann sieht sich und Julia an Henriettes statt, Julia sich selbst und neben sich

jemand, der nicht genau zu erkennen ist. Zuweilen aber meint sie, daβ Kleist Hoffmann sei.

Hoffmann schwindelt es:

Hoffmann:

Novalis hat so wunderbar gesagt: Im Tode sind die Wonnen der Liebe am gröβten. Für

Liebende ist der Tod die Brautnacht.

Lichtwechsel: Alptraum, Musik (Takemitsu)

Hoffmann:

Warum bist du nicht an meiner Seite, mein lieber Hippel! Wie jung wir doch waren, und

welche Zuversicht wir aus naiven, doch mannhaften Taten schöpften! Heute bringen kühne

Taten uns nur Entbehrungen und Scherereien, wenn nicht gar die Katastrophe.

Weiβt du noch, neben Onkel Ottos Garten, hinter einer Mauer war ein Mädchenpensionat, in

das einzudringen wir uns, vom Liebreiz eines der Zöglinge betört, in den Kopf gesetzt hatten.

Also begannen wir einen unterirdischen Gang zu graben. Er war auch schon zur Hälfte fertig,

doch irgendwie hatte Onkel Otto davon erfahren, und unser Traum wurde mit Schimpf und

Schande begraben, der heimliche Gang aber von einem eigens zu diesem Zwecke gedungenen

Gärtner aus dem Pensionat zugeschüttet.

Doch konnte uns diese Niederlage nicht aufhalten. Wir beschlossen, uns einen Montgolfiere

zu bauen, um damit über die hehre Mauer hinwegzufliegen.

Wie triumphierten wir, als unser bunter, mit hellen Farben geschmückter Ballon sich in die

Lüfte hob und uns forttrug in seinem Burgunderweinkorb. Schon wollten wir den Sieg feiern,

da geschah die Katastrophe! Der Ballon platzte, und wir stürzten mitten auf den Hof des

Pensionats.

Wie jung wir doch waren, und wie glücklich! Wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich so war, wie ich es in Erinnerung habe. Die seither vergangenen Jahre drücken selbst der Wahrheit ihren Stempel auf, verzerren sie und machen sie womöglich – wer weiβ - sogar noch wahrhaftiger.


[Seite 222↓]

VIII. Christopher Voeteri

Plötzlich helles Licht, Hoffmann erhebt sich, bewegt die Plexiwand nimmt das Haus und erklärt: Ton: Stop (Takemitsu), Meereswellen, Vögel etc.

Hoffmann:

Mein Groβonkel nahm mich oft als seinen Sekretär mit auf Reisen, wenn er in Kurland

einfluβreiche Familien besuchte, die auf ihren Besitztümern die Gerichtsbarkeit inne hatten.

Er muβte dort die Urteile ausfertigen.

Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloβ R ... sitten. Die Gegend ist rau und

öde, kaum entsprieβt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande, und satt des

Gartens schlieβt sich an die nackten Mauern de Schloβes ein dürftiger Föhrenwald, dessen

ewige, düstere Trauer selbst den bunten Schmuck des Frühlings verschmäht.

Als ich mit dem Groβonkel dort eintraf, durchfuhr mich eine dunkle Vorahnung. Mir war, als

schwebe etwas Unheilvolles über diesem Schloβ. Wie sich herausstellen sollte, hatte diese

Vorahnung mich nicht getrogen.

Alles war düster und abweisend an diesem Ort:

Die finstere Miene des Schloβherrn, von dem es hieβ, er beschäftigte sich in einem unweit des Gerichtssaales gelegenen Turm mit schwarzer Magie und Astrologie;

Eines Abends bei unfreundlichem Wetter saβ ich im Lehrstuhl und versuchte vergebens zu

lesen... Schlieβlich legte ich da Buch zur Seite und trat hinaus in den Korridor, wo in der

Nische gegenüber der Tür ein Kandelaber leuchtete. Aus diesem nahm ich eine brennende

Kerze und ging nach der Seite, wo der Gerichtssaal lag.

Der helle Vollmond strahlte durch die breiten Bogenfenster, alle finstre Ecken des wunderlichen Baus erleuchtend, wohin der düstere Schein meiner Kerze nicht dringen konnte. Wände und Decke des Saals waren auf seltsam altertümliche Weise verziert, diese mit schwerem Eichengetäfel, jenen mit buntbemaltem, vergoldeten Schnitzwerk.

Wer weiβ es nicht, wie ein ungewöhnlicher, abenteuerlicher Aufenthalt mit geheimnisvoller

Macht den Geist zu erfassen vermag, selbst die trägste Phantasie wird wach und will sonst

nie Erfahrnes ahnen.

Hoffmann stellt Haus an Position, arbeitet in seiner Landschaft, Schraubenmuttern, Sand, Wasser etc.

Ich ging langsam, mit klopfendem Herzen, und lauschte in die nächtliche Stille des alten unwirtlichen Schlosses hinein.

Plötzlich hielt ich inne. Mir war, als sei eine ganz in helle Gewänder gehüllte Gestalt hinter

mit über den Korridor, von einer Türnische in die andere gehuscht. Lange stand ich so, bis ich

mich ein wenig beruhigt hatte, dann ging ich weiter.


[Seite 223↓]

Endlich war ich am Ziel. Das war der kleine Saal, von dem die Wendeltreppe nach oben

führte, in das runde Stübchen, das Allerheiligste dieses düsteren Gebäudes hinauf.

Als ich an die Tür trat, die zu der Treppe führte, hielt ich inne und lauscht erneut. Die Tür war

nicht verschlossen, und ich konnte ohne weiteres und von niemandem bemerkt auf die Treppe

gelangen.

Schon wollte ich mit erhobener Kerze durch die halb geöffnete Tür schlüpfen, als ich

plötzlich vor Schreck zusammenfuhr: inmitten des Saales, in dem Lehnstuhl vor dem langen

niederen Tisch, den Rücken zu mir gewand, saβ jemand. Ich erstarrte. Der Mensch im

Lehnstuhl rührte sich nicht. Ich stand und wartete. Und je länger ich wartete, desto

unnatürlicher erschien mir die Reglosigkeit des Unbekannten.

Endlich faβte ich mir ein Herz und tat, schreckensstarr, einige Schritte auf den Lehnstuhl zu.

Der Unbekannte rührte sich nicht.

Mit einem Male wurde mir alles klar, und ein Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner

Brust.

Was mir als unbewegliche Gestalt erschienen war, war ein ganz gewöhnlicher Mantel, der auf

der Lehne des Sessels hing, und darauf lag ein schwarzes Samtbarett mit einer weiβen

Strauβenfeder. Das alles gehörte dem Baron. Also war er hier, dort oben!

Mein erster Gedanke nach dieser Entdeckung war, de Kerze zu löschen, was ich auch sogleich

tat.

Nunmehr im Dunkeln, setzte ich mich in den Lehnstuhl und begann zu warten. Worauf? Ich

kann es nicht sagen. Aber ich war der festen Überzeugung, daβ hier in Kürze etwas geschehen

müsse. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Finsternis.

Als ich mich ei wenig mit meiner Umgebung vertraut gemacht hatte, fiel mir als erstes ein

Lichtstreifen auf, der aus der Tür zur Treppe des astrologischen Turms drang.

Auch bemerkte ich zwei hochaufragende Gestalten in den Nischen unter den hohen Fenstern:

das waren Ritterrüstungen, die dort wie Skulpturen zur Ausschmückung des Saales aufgestellt

waren. An der Wand zwischen den Fenstern aber hing ein riesiger matter Spiegel in

schwarzem, geschnitzten Rahmen, und was ich darin erblickte, lieβ mich erbleichen.

Ein alter Filmprojektor geht an und projiziert mit dem entsprechenden Geräusch ein leeres

Filmbild auf den Tüll, Hoffmann nähert sich langsam dem projizierten Bild ohne es zu

berühren:

In dem trüben Spiegel mit seiner zur Hälfte verschwundenen Amalgamschicht erblickte ich mich selbst, wie ich vorsichtig, auf Zehenspitzen, mit einer brennenden Kerze in der Hand durch den Korridor des Schlosses ging! Das heiβt, der Spiegel zeigte mich, wie ich wenige Minuten zuvor gewesen war! Mit angehaltenem Atem schaute ich auf mein eigenes Ebenbild, das den ganzen Weg von meinem Zimmer zu dem kleinen Saal, wo ich im Lehnstuhl am Tisch saβ, noch einmal zurücklegte. Endlich war mein Spiegelbild, genau wie ich, in dem Lehnstuhl angelangt und sah nun aus wie ein ganz gewöhnliches Spiegelbild.

Ich machte eine Handbewegung, und der Spiegel wiederholte sie gehorsam gleichzeitig mit

der meinen.


[Seite 224↓]

Aber vielleicht war das gar nicht so? Vielleicht kam mir auch das nur so vor?

Das aber war noch nicht alles.

Ich saβ im Lehnstuhl und blickte dumpf in den Spiegel. Da stand ich, wie ich auf seiner

matten Fläche erschienen, unvermutet auf und bewegte mich vorsichtig zur Treppe. Ich selbst

saβ regungslos auf dem Lehnstuhl und beobachtete nur mit wachsendem Entsetzen mein

Ebenbild.

Was geschah nun weiter, was sah ich in dem alten Spiegel? Nachdem ich vorsichtig die

Wendeltreppe hinaufgestiegen war, fand ich mich vor einer Flügeltür wieder, deren einer

Flügel offen stand. Ich trat näher und schaute hindurch. Alles mögliche hatte ich erwartet, nur

nicht das, was ich dort erblickte. Es war ein riesiger halbdunkler Saal; selbst

das helle Leuchten, das von einem alten Folianten ausging, der aufgeschlagen mitten im Saal

auf dem Boden lag, drang nicht bis an seine Decke. In dem Saal wimmelte es vor Vögeln,

ganz gewöhnlichen Elstern, schwarz und weiβ gezeichnet. Es waren ihrer unzählbar viele, sie

schwirrten hierhin und dorthin, sprangen flatternd über die Bodenplatten und flogen unter der

unsichtbaren Decke von einem Balken zum anderen.

Ich hatte gedacht, auch den Baron hier zu sehen, er war jedoch nirgendwo.

Der Saal war erfüllt von Flügelschlagen und einem durchdringenden, jammervollen

Gekreische, das sich zu einem aufreizende, abscheulichen Lärm verband.

Ton: Vogelschreie (Mischung aus Möwen, Krähen, Schwalben); Hoffmann schützt sich

gegen die unsichtbaren Vögel über ihm.

Hoffmann:

Ich stürzte die Treppe hinunter, in den Saal, von dort die finsteren Korridore entlang durch

den Gerichtssaal, und wieder war ich in einem Korridor ...

Film fährt aus der Spule, dreht leer, bis sie anhält; Lichtwechsel: kalter grauer Morgen.

Hoffmann:

Am frühen Morgen, bei Sonnenaufgang, fand ich mich mit Kopfschmerzen und

unausgeschlafen im Lehnstuhl bei dem erloschenen Kamin. Das nächtliche Abenteuer hätte

ich vergessen können (denn anfangs war ich überzeugt, daβ das nichts als ein Traum gewesen

war), wäre da nicht der Kerzenstummel in meiner Hand gewesen und der wachsbespritzte

Rock.

Und da fiel mir ein, daβ ich, als ich von der Treppe in den Saale zurückeilte, im

Vorübergehen in den unheilvollen Spiegel geblickt und dort den Widerschein eines Feuers

gesehen hatte. Unter dem Eindruck des eben Geschauten hatte ich dem keinerlei Bedeutung

beigemessen. Nun aber, erinnerte ich mich daran... Die üblen Vorahnungen erfüllten sich.

Als ich aber am Tage mit dem Onkel in der Umgebung spazieren ging, sahen wir uns

plötzlich um und stürzten zum Tor: Der astrologische Turm stand in Flammen, und über dem

Feuer kreiste ein ungestümer Schwarm schwarz-weiβer Vögel.

Das Modellschloβ in der Kinolandschaft brennt; Ton: (Artemiew); Nach einem Moment sagt Hoffmann zu Publikum:

Hoffmann:


[Seite 225↓]

Wäre das nicht ein Stoff für eine spannende Erzählung? Dennoch muβ ich sie bis zum Schluβ erzählen. Im Grunde ist es eine Kleinigkeit: bevor der Spiegel im Rittersaal von Rossitten zersprang, konnte ich, noch einen Blick hineinwerfen. Und wissen Sie, was ich darin sah?

Ein wunderhübsches schwarzhaariges Mädchen mit einem blauen Band im Haar. Sie lächelte und schaute mich sanft und zärtlich an. Du wirst es nicht glauben, aber das war Julia! Und das mehrer Jahre, bevor ich sie zum ersten Mal sah!

Ton: (Rihm); Hoffmann zieht Plexi vor das Haus, bewirft Plexi von hinten mit Sand kommt dann erregt nach vorn.

IX. Der Doppelgänger

Hoffmann:

Unsere Wesensart ist abscheulich – unverträglich und streitsüchtig, von rauher und

ungehobelter Beschaffenheit, und wenn man mit unbedachter Hand darüber hinfährt, kann

durchaus ein Splitter in dieser Hand stecken bleiben. Viele nennen wir unsere Freunde, doch

nur wenige haben eine Vorstellung von den Seelenschmerzen und lichten Momenten, die

unser eigentliches Wesen ausmachen.

Sind wir denn glücklich? Nein. Weil das Glück zu seicht ist für uns, die wir die Hand ausstrecken, um nach den Sternen zu greifen.

Sind wir zufrieden? Nein. Uns quält ein ständiger Hunger nach Entdeckungen und Eroberungen, die alles erfassen sollen, was um uns herum ist. Doch wissen wir überhaupt, was um uns herum ist? Können wir denn unseren Sinnen trauen? Dort steht eine Flasche. Sie ist leer. Von grüner Farbe, kühl, ein paar Tropfen Wein auf dem Grund. Und das ist alles, was wir über sie sagen können, denn wir haben doch nur fünf Sinne! Ach! Wie sollen wir diese Welt erkennen, da wir doch mit Hilfe unserer kärglichen Empfindungen so erbärmlich wenig begreifen können! Wie können wir etwas über sie aussagen, wenn wir nur wissen, daβ sie klingt und riecht, nur wissen, daβ sie über Farbe und Temperatur verfügt und entweder bitter wie Wehrmut sein kann oder süβ wie Nektar – und darüber hinaus von ihr nichts wissen können!

Erbärmliche Kreaturen sind wird, und bilden uns ein, die Welt sei so, wie wir sie sehen!

Wenn sie nun aber über Milliarden anderer Eigenschaften verfügt, von deren Existenz wir noch nicht einmal etwas ahnen? Was soll der unglückliche Mensch da tun! Wer soll je das göttliche Ideal erschauen, das die Menschheit glücklich machen wird?

Ein harmonisches Ganzes! Ein volltönender und allumfassender Akkord, ein Tutti aller denkbaren Instrumente – eine göttliche Illusion absoluter Ganzheit und Vollkommenheit – die Kunst!

Darauf wollen wir trinken!

Hoffmann geht zum Tisch setzt sich:


[Seite 226↓]

Hoffmann:

Wer bin ich? Wer bin ich eigentlich? Musiker? Maler? Schriftsteller? Oder einfach nur

Kammergerichtsrat der Immediatskommission?

Es erscheint als direkte Videoprojektion auf den vorderen Tüll sein Doppelgänger. Hoffmann

spricht mit seinem Doppelgänger, seine eigene Stimme kommt vom Ton und real, also

aufgezeichnet und direkt projiziert, gibt er sein Doppel. Als er ihn sieht, sagt er:

Stimme:

Kannst Du mir das nicht sagen? Du bist doch Beamter und hast deinen Weg gemacht ... Sag,

hab ich richtig gehandelt, als ich als Vorsitzender Rat diesen Idioten, den Polizeidirektor von

Kamptz, vor die Schranken des Gerichts forderte?

Doppel:

Was du für Ausdrücke gebrauchst ...

Stimme:

Na gut, nicht Idiot, nur Verleumder – aber war es richtig oder nicht, daβ ich ihn nachdem

Gesetz zur Verantwortung zog?

Doppel:

Du hast genauso recht wie die, die dich dafür aus dem Dienst der Immediatskommission

entlassen haben ...

Stimme:

Ich hätte mich von Anfang an nicht mit diesen Kinkerlitzchen abgeben sollen! Ich bin kein

Beamter! Ich ... ich weiβ noch nicht einmal, wer ich bin ... Na? Wer bin ich?

Laβ nur, sag nichts ... Ich fürchte, niemand kann mir auf diese einfache Frage eine Antwort geben ... Was machst du denn? Du sollst lesen! Du muβt unbedingt lesen! Du muβt es wissen! Du fährst doch fort!

Weiβt du, eines Tages mach ich mich auch auf und reise, wohin mir der Sinn steht ...

Hoffmann, als Doppelgänger, nimmt ein Blatt vom Tisch und liest:

Doppel:

Finden Sie es geraten und tunlich,, so sagen sie in einem Augenblick des heiteren

Sonnenscheins Julien, daβ ihr Andenken in mir lebt – darf man das nämlich nur Andenken

nennen, wovon das Innere erfüllt ist, was im geheimnisvollen Regen des höheren Geistes uns

die schönsten Träume bringt von dem Entzücken, dem Glück, das keine Arme von Fleisch und

Bein zu erfassen, festzuhalten vermögen ...

Ton: Fade in (Rihm):

Sagen Sie ihr, daβdas Engelsbild aller Herzensgüte, aller Himmelsanmut wahrhaft

weiblichen Sinne, kindlicher Tugend, das mir aufstrahlte in jener Unglückszeit acherontischer

Finsternis, mich nicht verlassen hat beim letzte Hauch des Lebens, ja daβ dann erst die

entfesselte Psyche jenes Wesens, das ihre Sehnsucht war, ihre Hoffnung und ihr Trost, recht

erschauen wird, im wahrhaften Sein!

Der Doppelgänger verschwindet, Ende de Projektion, ein wenig später fade out (Rihm),

immer noch an seinem Tisch, trinkt Hoffmann einen Schluck und nimmt seinen Schreibe sieht

ihn an, als ob er durch ihn hindurch[Seite 227↓] etwas erkennen würde (caméra stylo):

X. Julia Mark

Hoffmann:

Hoffmann geht die Straβe entlang...Das Dorf – akkurate Häuschen, saubere Gehwege,

reingewaschenes Feldsteinpflaster.

Eine Kirche, aus der Orgelklänge und miβtönender Chorgesang dringen – offenbar ein Gemeindechor. Die Straβen sind leer.

Hoffmann bleibt stehen, eine verächtliche Grimasse verzerrt sein Gesicht. Der Kirchengesang

dringt hinter verschlossenen Türen hervor.

Die Kerzenflamme zittert, und Wachs tröpfelt auf das Kissen, wo Hoffmann schläft. Er hat das ausgemergelte Gesicht eines unglücklichen oder sehr kranken Menschen. Dem Bett gegenüber steht ein halbgeöffneter Spiegelschrank.

Es ist still.

Das knarrt es, und sie Spiegeltür geht langsam auf.

Woher kommt sie, dieses Mädchen mit dem blauen Band im schwarzen Haar?

Zarte Hände richten sorgfältig die Sachen des Schlafenden auf dem Nachttischchen. Stellen einen Blumenstrauβ auf den Tisch, beschneiden den Docht der Kerze, schüren das Kaminfeuer.

Wieder knarrt die Schranktür.

Helles Sonnenlicht durchflutet das Zimmer. Das Fenster steht offen, ein warmer Wind spielt mit dem feinen Musselin der Vorhänge.

Hoffmann berührt sein Gesicht, fade in und out (Glöckchen Solaris):

Hoffmann:

Doch was ist mit ihm geschehen? Wo ist der graue Backenbart und die gefurchte Stirn geblieben? Die tiefen Runzeln auf den Wangen und die geschwollenen Handgelenke? Er ist jung – dem Aussehen nach höchstens zwanzig Jahre alt!

Er steht auf, tritt vor den Spiegel, doch kann er sich nicht als Jüngling sehen – nur das sonnendurchflutete Zimmer und der Schrank mit der halboffenen Tür erscheinen im Spiegel. Sein Gesicht sieht er nicht.

(Ton: Nono)

Hoffmann steht auf geht langsam zu seinem Bett legt sich hin guckt dann verschmitzt zum Publikum:


[Seite 228↓]

XI. Die Kinder von Frau Marienbürger

Er flüstert im Ton der Verschwörers:

Hoffmann:

Übrigens, ich habe ja schon lange kein Spiegelbild mehr. Wie Spikher. Nur habe ich mein

Spiegelbild nicht bei einer Frau gelassen. Sondern bei ihr...

Ton Fade in (Glöckchen Solaris).

Hoffmann:

Was ist los?

Ohne den Kopf zu wenden, schaut Hoffmann aus dem Augenwinkel in den groβen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Dort zeigt sich ein Zimmer, und festlich gekleidete Damen und Herren, die in Sesseln sitzen. Sie blicken Hoffmann aufmerksam an.

Wo ist er ihnen nur schon begegnet? Ah! Es gibt sie ja gar nicht! Er hat sie sich selbst

ausgedacht!

Doch sie schauen ihn weiterhin schweigend und mit traurigen Augen aus dem Spiegel an. Es ist niemand im Zimmer.

Ton: fade out (Glöckchen Solaris).

Hoffmann:

Ich bin wie die Kinder, die an am Sonntag geboren sind. Sie können Dinge sehen, die für

andere unsichtbar sind. Ah ... jetzt weiβ ich, wer ich bin ... Endlich ...

Es wird dunkel. Lediglich der Tisch bleibt etwas länger von oben beleuchtet. Ton: Stabat

Mater von Pergolesie (quando corpus); Projektion der Dokumentar-Sequenz mit dem

Stratosphärenballon aus Der Spiegel.

Hoffmann erhebt sich fährt mit dem Fahrstuhl auf die Galerie; der Text beginnt vom Ton,

Hoffmann doppelt ihn und geht schliesslich nach oben ab

XII. Die Montgolfiere

Stimme:

Eine mit bunten Wimpeln geschmückte Montgolfiere steigt über den Baumwipfeln und

spitzen Ziegeldächer auf. Sie steigt höher, immer höher ... Von hier hat man einen herrliche

Blick auf die ganze Stadt.

Dort drüben, zwischen der Brücke und dem Kirchengebäude mit der bronzenen Turmspitze, steht ein hohes Haus mit offenen Fenstern.

Da ist es. Es kommt näher, immer näher ...

Da sieht man bereits ein Zimmer durch blitzende Fensterscheiben in lackierten Rahmen.


[Seite 229↓]

Und eine schwarzhaarige Frau mit einem blauen Band im Haar, die an einem Teetischchen

sitzt.

Da wendet sie den Kopf ...

Und dennoch kann er ihre Gesichtszüge nicht erkennen, er spürt nur, daβ er in seinem ganzen

elenden, kurzen, wahnsinnigen Leben kein Antlitz gekannt hat, da ihm näher und teurer,

lieber und verwandter gewesen wäre.

Ton: fade out Musik, Regen, Black out.

Einsicht DVD bei Archiv des Théâtre National de Chaillot, Paris: www.theatre-chaillot.fr


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
XDiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
11.03.2005