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D)   Presseartikel zur Aufführung von „Hoffmanniana nach Andrej Tarkowskij“

THEATER * Dietrich Sagert adaptierte Drehbuch

des russischen Filmregisseurs für die Bühne

Mit Tarkowskij - Eintauchen in den Zerrspiegel der Träume E.T.A. Hoffmanns

E.T.A. HOFFMANN (1776-1822), der Deutsche, war Erzähler, Dichter, Geologe, Gerichtsbeamter, Komponist, Dirigent, Theaterdirektor, Maler. Tarkowskij (1932-1986), der Russe, war Filmemacher. Was sie beide gemeinsam haben, ist eine Vision: die Welt der Träume. Ingmar Bergmann sagte: "Tarkowskij bewegt sich im Raum der Träume. Ich pochte mein ganzes Leben lang an die Pforte jener Orte, an denen er sich mit solcher Evidenz bewegt".

1975 schrieb Tarkowskij ein von Hoffmann’s Träumen inspiriertes Drehbuch, Hoffmanniana. Der Film wurde nicht realisiert. Nun aber stellt Dietrich Sagert eine Bühnenbearbeitung vor. Hier sehen wir Hoffmann, allein im Raum, wie er sich durch die Zufälle seiner Traumwelt bewegt.

Manchmal antworten ihm Stimmen. Es herrscht Dämmerung. Einmal liegt Hoffmann auf dem Bett ausgestreckt da, dann wieder ist er über einem Kabaretttisch in sich zusammengesunken. Es ist das „bleiche Licht eines trüben Tages“, ein „nächtliches Licht, blass, mondscheinartig“, ein „tiefer Wald“, das „Schatten enger Gassen“. Nur selten wagt sich Tarkowskij an eine Ausdrucksweise heran, die man nicht von vornherein erwartet hätte: „die Allee, wo die Wipfel der Bäume sich lautlos wiegen“. Für die Plattheiten des Drehbuchs kann der Übersetzer nicht verantwortlich gemacht werden: Es ist der untadelige André Markowicz.

Das Gegenüber Hoffmanns in dieser Inszenierung sind Spiegel. Ungewöhnliche Spiegel. Wenn Hoffmann hineinschaut, erblickt er niemanden. Und wenn er eine Frau darin erblickt, ist sie nicht anwesend, doch dann ist es, als ob die Frau auftritt, den Spiegel abnimmt und damit fortgeht. Zahllose Spiegelglassplitter liegen auf dem Boden oder auf den Stühlen, wo Hoffmann nur Leere wahrnimmt, oder auch ausgefallene Landschaften. Hoffmanns Lieblingsmöbel ist naturgemäss der Spiegelschrank, dessen Spiegel sich bewegen, vibrieren und tausenderlei Dinge zu berichten haben; in den hinteren Ecken seiner Fächer bewegen sich anziehende Schatten. Es kommt vor, dass ein Spiegelsplitter wie in verschüttetem Wein schwimmt.

EIN RÄTSELHAFTER SCHAUPIELER

Hoffmann war ein schwerer Trinker. Er gab önologische Ratschläge. „Für Kirchenmusik Riesling, für tragischer Oper Burgunder“. Und untertags Champagner und Sauternes-Wein.

"Der Held irrt durch diese Welt wie ein Flüchtling", sagt der Autor der Bühnenbearbeitung, Regisseur Dietrich Sagert. Er spricht von "verinnerlichten Geistern im Unbewussten der Personen".

Claude Guyonnet stellt Hoffmann dar. Man hätte keinen besseren finden können . Dieser bemerkenswerte Schauspieler, selber ziemlich rätselhaft, ist das Inbild des romantischen deutschen Hamlet, den Tarkowskij erfand. Er hat dessen Schattenseiten, Spiegelungen, er scheint mit seinem Double zu spielen, doch in manchen Momenten, wie Tarkowskij sagt, " dringt die Sonne mit ihren Strahlenspitzen durch ".

Michel Cournot

Hoffmanniana, nach einem nicht verfilmten Drehbuch von Andrej Tarkowskij. Bühnenbearbeitung und Inszenierung: Dietrich Sagert. Mit Claude Guyonnet.

Théâtre National de Chaillot, 1 place du Trocadéro, Paris 16. Bezirk. Metro: Trocadéro. Tel. 01 53 65 30 00. Von Dienstag bis Samstag um 20.30 Uhr, Sonntag um 15 Uhr, bis 30. März. 9.5 € bis 18 €.

Le MONDE 28. März 2003


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SZENE "Hoffmanniana" im Chaillot

Spiegeleffekte

Man dringt sozusagen in die Eingeweide des Chaillot-Palastes ein, um in der Disposition in das Studio (Theater) zu gelangen, wie sie der Gestalter der Hoffmanniana ersann: ein wahrhaft magischer Augenblick!

Man wandelt durch einen engen Korridor, durch einen strahlend weiß getünchten Schlauch, und fühlt sich dabei wie eine von blendendem Licht umhüllte Gestalt aus einem Film Tarkowskijs. Im Saal, gegenüber von der eigentlichen Eingangstreppe, einige Sitzreihen, und eine Doppelglaswand, beiderseits von hohen, Wärme ausstrahlenden Holzschränken flankiert, und, wie Lüster vom Plafond herunterhängend, zehn Kugeln aus Spiegelglas. An einer Schiene befestigt ein beweglicher weißer Bildschirm-Kulissenwand. Im Hintergrund, auf einem Bett ausgestreckt, ist ein Mensch in Träume versunken... Er steht auf und lässt uns dieses Eintauchen in die merkwürdige Gedankenwelt miterleben, die Andrej Tarkowskij beseelte, als er das Drehbuch über den Dichter der deutschen Romantik, E.T.A. Hoffmann, schrieb, und dabei nur Tisch und Stuhl, einige Gläser und Flaschen, und das Modell eines Hauses zur Verfügung hatte.

Was man aus Hoffmanniana heraushören sollte, ist die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Annäherungspunkte. Splitter, Fragmente, Reminiszenzen. Von der Zensur geknebelt, gelang es dem Autor von Nostalghia nicht, das Szenario zu verfilmen. Doch das Manuskript erschien schon 1976 in der damaligen UdSSR. André Markowicz übersetzte es jetzt mit der skrupulösen Sorgfalt einer geglückten Treue.

Regisseur Dietrich Sagert verknüpft hier, in dieser spektakulären Bühnenübertragung gedanklicher Abläufe, verschiedene Bewusstseinsebenen. Dafür steht ihm die ausgefeilte Arbeit von Alexander Wolf (Bühnenbild, Kostüme, Beleuchtung) zur Verfügung, deren Kraftlinien er selbst bestimmt, denn Textfassung, Ton, Musik, Bilder wurde von ihm eingebracht; und er dirigiert einen Schauspieler von beachtlicher Finesse, Claude Guyonnet, der uns in die beunruhigendsten Grenzbereiche der Wahrnehmung, in die diffusesten Zonen der künstlerischen Intelligenz führt. Es handelt sich bei dieser Aufführung nicht um Hoffmann aus der Sicht Tarkowskijs, es geht vielmehr um die Wege des Denkens, der Intuitionen von zwei Poeten, die Dietrich Sagert zu evozieren sucht. Ein spektakuläres, einzigartiges Objekt von faszinierender Genauigkeit und Kohärenz.

A.H.

Théâtre National de Chaillot,

20.30 Uhr Von Dienstag bis Samstag , um 15 Uhr Sonntag.

Bis 30. März.

Tel. 01 53 65 30 00. Der Text wurde bei Editions Exil veröffentlicht.

Le FIGARO 17. März 2003


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Theater – Ein nichtrealisiertes Szenario auf der Bühne

Tarkowskij im Spiegel

„Hoffmanniana“

nach Andrej Tarkowskij,

Inszenierung Dietrich Sagert

Studio der Nationaltheaters Chaillot

1, Platz Trocadero, Paris XVI, bis zum

30. März; Reservierung: 0153653000

Ein kurioses Projekt: auf dem Theater eine nie gedrehtes Szenario Andrej Tarkowskijs zu inszenieren. Ausgehend von Schicksal des deutschen Poeten und Komponisten Ernst Theodor Amadeus Hoffmann befragt sich der Filmemacher über den Akt der Kreation, diese Art und Weise aus seinem eigenen Leben zwischen Hochgefühl und Leiden, zwischen Opfer und Inspiration, ein Werk zu schaffen.

Als Demiurg, besessen von der Melancholie und dem Schmerz des Schaffens, hatte Tarkowskij in der romantischen Generation eine Art Schulbeispiel gefunden; oft zitierte er Kleist, Rilke, Büchner, Hoffmann.

Dietrich Sagert, deutscher Philosoph und „ehemaliger Mönch“ ist dem roten Faden gefolgt: ein Mensch allein auf der Bühne (Claude Guyonnet) konfrontiert seinen Sehnsucht zu schaffen mit den Welten der Romantik und Tarkowskijs, sich im Szenario vermischen. So findet sich ein wenig von allem in dieser einen Stunde Aufführung, zugleich einfachstes und hochkompliziertes: Klänge, Dialoge, Stimmen, Gesten, Riten (zum Glück keine Bilder), die aus den Filmen des russischen Filmemachers stammen. Aber auch der Text Tarkowskijs selbst, das Szenario ist eine derartige Fundgrube, das am ehesten zugespitzt ist auf Theorien der Inspiration eines Poeten, und sich auf das verstörte romantische Genie konzentriert.

Hinzu kommen die Videodispositionen, die Sagert gefunden hat; sie sind oft labyrinthisch aber bestechend eindrücklich, zum Beispiel die überlagerte vierfache Projektion des Gesichtes des Helden, wenn

er einen Brief an seine Muse liest, oder das zahllose Spiel der Spiegel, die das Ensemble der Gesten des Schauspielers vibrieren lässt; und die aus den Filmen (Andrej Rubljow, Der Spiegel, Stalker, Opfer) transponierten Situationen.

Die Aufführung ist sicher weder Kino, noch ganz Theater, sondern das Experiment eines Echos: Wie man auf der Bühne die Erinnerung an ein visuelles Universum lebendig werden lässt, wie man der Schöpfungskraft eines der grössten visionären Poeten des letzten Jahrhunderts Platz schafft.

A. de B.

Libération, 10. März 2003


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„Hoffmanniana“ nach Andrej Tarkowskij

Eine poetische Aufführung

Ein sehr interessantes Experiment, gestützt auf ein nie gedrehtes Szenario des Regisseurs von „Nostalghia“, der sich für E.T.A. Hoffmann begeisterte. Konzeptor und Regisseur, Dietrich Sagert sucht den Geheimnissen des poetischen Schaffens auf die Spur zu kommen.

Ein Szenario von Tarkowskij. Es wurde 1976 in der UdSSR veröffentlicht, aber nie realisiert. Der Regisseur von „Stalker“ kannte das Werk des romantischen deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann (1776-1822) sehr gut. Er hatte geträumt, dessen Persönlichkeit und dessen gedankliches Universum in einer Arbeit zu erforschen, die des Titel „Hoffmanniana“ trägt, was man verstehen sollte als: Verschiedenes, Unterschiedliches, Fragmente um Hoffmann.

In Ostdeutschland aufgewachsen und seit einigen Jahren in Frankreich arbeitend, interessiert Dietrich Sagert sich nicht einfach nur für das Szenario Andrej Tarkowskijs, wie es André Markovic kongenial übersetzt hat. Er sucht das darzustellen, was sich in Tarkowskijs Kopf abgespielt hat, als er über Hoffmann schrieb; er versucht die Gedanken, selbst Hoffmanns zu erfassen. Das ergibt eine „Vorstellung(spectacle)“, in der Video, Filmausschnitte, Bilder, Musik, Klänge und Lichteffekte (Alexander Wolf) genauso wesentlich sind wie der Text selbst und in der ein Schauspieler, wie bemerkenswert er auch sei – der sehr sensible Claude Guyonnet – nur ein Element der Aufführung bildet, die kohärent und verführerisch ist durch die Delikatesse ihrer Entscheidungen.

Man muss das Gebäude durchqueren um in das „Studio“ zu gelangen, in dem die Vorstellung stattfindet, die, harmonisch und magisch, nichts anderes vorgibt, als uns durch sehr subtile Angebote dem Geheimnis der poetischen Kreation näher zu bringen. Es liegt etwas kämpfendes in der Person, die Claude Guyonnet zeichnet; sie hat verschiedene Stimmen, zweifelt, spielt mit Spiegeln und Doppelgängern, wie so wichtig in Hoffmanns Universum sind wie in Tarkowskijs.

Ein betörendes und einnehmendes Spiel. Ein vollständig kohärentes „Objekt“, das lange nachdenken und den Eindruck nicht vergehen lässt, es nur geträumt zu haben. Vielleicht!

A.H.

Théâtre national de Chaillot, à 20h30

Du mardi au samedi, à 15h le dimanche (01.53.65.30.00).

Durée: 1 h. Jusqu’au 30 mars.

Le quotidien du medecin, 18 mars 2003


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Echos und Spiegel

„Hoffmanniana“ nach Andrej Tarkowskij im Stadttheater

Der russische Cineast Andrej Tarkowksij, bekannt für ‚Andrej Rubljow‘, ‚Stalker‘ oder ‚Solaris‘, hatte einmal das Projekt, eine Film über der Schriftsteller, Musiker und beamteten Juristen E.T.A. Hoffmann zu machen. Ein Projekt, dessen Szenario 1976 veröffentlicht wurde, aber dessern Realisierung die sowjetische Zensur verhinderte.

Der Regisseur Dietrich Sagert hat dieses Szenario wieder entdeckt und beschlossen, es szenisch zu bearbeiten, was eine doppelte Besessenheit bedeutet, die Tarkowskijs, der von Hoffmann bewohnt ist, besorgt um dessen Worte, aufgesucht von dessen Romanfiguren im Bann seines Projektes, das sich wie Echos zu seinem eigenen Werk versteht; und die Hoffmanns selbst, ständig Opfer seiner Gespenster und Doppelgänger, auf der rastlosen Suche einer beständigen Realität in sicheren Grenzen. Wir wechseln von einem zum anderen ohne dass es eine Lösung gäbe. Und die ganze Kunst Sagerts besteht darin, seinen Zuschauer mit einem theatralischen Universum zu konfrontieren, in dem sich die Reflexionen vervielfältigen, in dem die Realität an sich selbst zu zweifeln scheint.

Der Schauspieler – Claude Guyonnet – ist mal Tarkowskij selbst auf seine Suche, in seinen Gedanken und Hoffmann- Beschwörungen, und mal Hoffmann in seinen autobiographischen Zusammenhängen oder seinen Texten. Alles ist undurchdringbar vermischt, verknotet, Zeichen von Obsession

Wir sind von der Bühne durch eine riesige, transparente Kinoleinwand getrennt, auf die das nie realisierte Werk „projiziert“ wird; Spiegel schicken uns unser Bild zurück oder bleiben ohne Reflex. Objekte der Beschwörung: eine bewegliche Stellwand, wo sich Schattenbilder abzeichnen, das Modell eines Schlosses, eine Erscheinung, an der unversehens ein reales Feuer ausbricht; Schränke, mit Erinnerungen und gesammelten Informationen gefüllt. Bilde bewegen sich auf dem Bildschirm; eine Tonspur, die Helden aus Hoffmanns Erzählungen erscheinen lässt, die uns in ihrer Stärke erschreckt und uns durch ihren melodiösen Charme verführt.

Das alles ist wunderbar gedacht, sehr koherent und bemerkenswert konstruiert, aber es lässt uns auf der anderen Seite der Leinwand. Wir verstehen dieses verführerische Experiment, aber wir kommunizieren nicht wirklich mit ihm.

Wir sehen Dietrich Sagert vom 21. November an im Kapuzinertheater, „am Steuer“ der „Belgradtrilogie“ von Biljana Srbljanovic im Rahmen des Festivals Act-In.

Stéphane Gilbart

Luxembourger Wort, 17.11.2003


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11.03.2005