Saykham, Voladet: Das Menschenrecht bei Immanuel Kant

Kapitel 1. Einleitung

In ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben bedürfen die Menschen eines Grundsatzes oder eines grundlegenden Prinzips, um ihr gesellschaftliches Verhalten und Handeln zu ordnen, zu systematisieren oder zu regeln und dadurch ihre friedliche Koexistenz zu ermöglichen. Dieses grundlegende Prinzip, das das gesellschaftliche Verhalten und Handeln der Menschen ordnet, nennt man im Allgemeinen das Prinzip der Gerechtigkeit. Die Frage nach dem Prinzip der Gerechtigkeit und die Frage nach dem Prinzip, welches dem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen zugrunde liegt, sind demnach eine und dieselbe Frage.

Die Frage nach dem grundlegenden Prinzip der Gesellschaft ist aber leider wissenschaftlich und philosophisch nicht so leicht zu beantworten, wenn man nicht bloß das glauben, sich davon überzeugen lassen und davon ausgehen will, was im Gesetzbuch eines bestimmten Landes oder in einem internationalen Gesetzbuch als Recht festgelegt wird. Das positive Recht gilt nur für eine bestimmte Zeit und an einem bestimmten Ort und unter einer bestimmten empirischen Bedingung. Man muss vielmehr aufmerksam nachdenken und versuchen herauszufinden, was das Recht eigentlich bedeutet.

Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der menschlichen Zivilisation werfen, werden wir leicht feststellen, dass es zahlreiche Philosophen, Sozial- und Politikwissenschaftler, Theologen etc. gab und gibt, die sich bemühten und bemühen, dieses grundlegendes Prinzip der Vergesellschaftung der Menschen zu entdecken, zu konstituieren und zu präsentieren. Zugleich werden wir gravierende Differenzen zwischen den oben benannten gesellschaftswissenschaftlichen "Theoretikern" erkennen können. Was von einem als eine Grundlegung der Gesellschaft, die allgemein gilt oder gelten soll oder gar gelten muss, bezeichnet wurde, wurde von einem anderen widerlegt und abgelehnt und umgekehrt. Eine einheitliche Grundlegung der Gesellschaft, die von allen anerkannt, akzeptiert und in ihren Handlungen wirklich in Anspruch genommen wird, ist heute noch nicht gegeben.

Die Uneinigkeit der Menschen in ihrem Denken und Handeln ist auch im gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenleben der Menschen in der empirischen Welt wahrnehmbar. Seit mehr als 50 Jahren wird ein Konzept der "Menschen- und Bürgerrechte" von den "Vereinten Nationen" (UNO) verkündet und kultiviert, mit dem Ziel, ein friedliches und möglichst harmonisches Zusammenleben aller Menschen und aller Völker auf dem ganzen Globus zu schaffen. Bis in die Gegenwart erfahren wir, dass es nicht leicht ist, eine umfassende gesellschaftliche Grundlegung zu universalisieren und zu verwirklichen. Es gibt - wie wir den Medien häufig entnehmen können - heftige Widerstände gegen dieses von den "Vereinigten Nationen" verabschiedete Grundrecht des Menschen. Besonders erschütternd war die Geschichte des Menschenrechts im Zeitalter des "Kalten Krieges zwischen den west-bürgerlichen und ost-sozialistischen Staaten". Das Menschenrecht der "Vereinten Nationen" wurde von den beiden Staatenbündnissen oft nicht nur ignoriert und nicht berücksichtigt, sondern auch als Mittel zur Rechtfertigung ihrer militärischen Ausrüstungen und ihrer politischen Aggressivität verwendet.

Lange Zeit hat man versucht, die gravierende Problematik der Gerechtigkeit nur innerhalb einer Nation oder Region zu lösen. Aber seit der zunehmenden Entwicklung der Industrie und des Handels in den letzten Jahrhunderten ergibt sich die zunehmende Notwendigkeit, das Problem der Gerechtigkeit global zu thematisieren und zu lösen.


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Die Menschen auf dem ganzen Globus müssen sich aufeinander beziehen, d.i. in einer gesellschaftlichen Beziehung miteinander leben. Dafür benötigen sie einen gesellschaftlichen Grundkonsens, der globalisierungsfähig ist, d.h. allgemein anerkannt, akzeptiert und angenommen werden kann und für das Verhalten und Handeln aller Menschen allgemeine Gültigkeit besitzt.

Diesen globalisierungsfähigen Grundkonsens der Gesellschaftsbildung herauszufinden, zu entdecken oder zu konstituieren ist sicherlich in dem gegenwärtigen Gesellschaftszustand für den Menschen eine drängende Herausforderung, zu deren Lösung wir alle beizutragen haben, um Konflikte zu vermeiden und ein friedliches und harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen.

Um zur Lösung der real bestehenden Probleme der Menschheit beizutragen, möchte ich die gesellschaftliche Konzeption eines Philosophen vorstellen, der im 18. bis hin zum Anfang des 19. Jahrhundert lebte und wirkte und dessen Bedeutung in der Philosophie, in der Wissenschaft und im kulturellen Zusammenleben der Menschen nicht geringer eingeschätzt werden darf als die der großen und bedeutsamen Denker in der Geschichte der Menschheit wie z.B. Platon, Aristoteles, Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau etc. Sein Denken beeinflusste nicht nur grundlegend den historischen Prozess seiner Zeit, sondern bestimmt auch das Denken und Bewusstsein des Menschen der Gegenwart wesentlich. Die Rede ist von Immanuel Kant (1724-1804).

Aufgrund seiner hervorragenden und historisch unvergänglichen Denkleistung charakterisiert ihn Ottfried Höffe folgendermaßen: "... So ist Kant nicht bloß einer der herausragenden Klassiker der Philosophie und ein wichtiger Gesprächspartner der Gegenwart. Er ist zugleich einer der bedeutendsten Vertreter jener Epoche, die Jaspers Titel: Achsenzeit verdient und die bis heute unser Denken und unsere gesellschaftlich-politische Lebenswelt wesentlich mitbestimmt."<1>

Kants Philosophie, u.a. seine Rechts- und Staatsphilosophie ist sowohl meiner Meinung nach als auch nach Auffassung vieler anderer Kantinterpreten nicht nur wissenschaftlich und historisch interessant, sondern eine praktisch wirksame philosophische Konzeption, die die Menschheit zur Lösung ihrer real bestehenden Fragen und Probleme in Anspruch nehmen könnte und auch sollte.

Allerdings ist es nicht auszuschließen, dass es auch andere anspruchsvolle und sogar bessere Lebensphilosophien und Prinzipien gibt oder geben kann. Kant ist ein Philosoph neben vielen anderen, der sich bemühte, ein Angebot zur Lösung der Menschheitsfragen und -probleme zu machen. Kants Philosophie ist eine menschliche Philosophie, die kritisierbar, irrtums- und verbesserungsfähig ist.

Das zentrale Anliegen dieser Arbeit ist, zu entdecken, was das Recht des Menschen nach Kant eigentlich beinhaltet, wie es zustande kommt, und wie es nach Überzeugung Kants verwirklicht werden kann und verwirklicht werden wird.

Kants Philosophie ist aber eine systematische Philosophie, in der alles mit allem zusammenhängt. Ohne Verständnis eines Teils können andere Teile seiner Philosophie nur schwierig und oberflächlich verstanden werden. Ohne Verständnis seiner erkenntnistheoretischen Philosophie und sein Grundverständnis über das menschliche Wesen sind seine Rechts- und Staatsphilosophie unverständlich. Deshalb möchte ich, um die oben angelegten Fragestellungen und Probleme ausführlich behandeln zu können, in dieser Arbeit folgenden "Schwerpunkten" nachgehen:

  1. der Dualismus zweier Welten und die Verankerung zum Subjektivismus als theoretische Grundlegung auch in der Rechts- und Staatsphilosophie Kants.
  2. der Mensch als Bürger zweier Welten, welcher sich aber jedoch zum verankert.

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  3. das freie Dasein des Menschen als eigentliche Bestimmung des Menschen an sich und als idealer Grundkonsens der Gesellschafts- und der Staatsbildung.
  4. der Staat als eine Machtinstitution zur Verwirklichung des freien Daseins des Menschen.
  5. der historische Prozess als ein Prozess zur Verwirklichung des freien Daseins des Menschen.

Um den oben gestellten Fragen eine Antwort zu geben und damit dem Leser das Verstehen der Rechts- und Staatsphilosophie Kants zu erleichtern, möchte ich zum Schluss dieser Arbeit das wichtige Ergebnis meiner Untersuchung über das Menschenrecht bei Immanuel Kant in einigen Thesen zusammenfassen.

Dabei bitte ich, nicht zu vergessen, dass die vorliegenden Arbeit nicht von einem hochrangigen und erfahrenen Wissenschaftler oder Philosophen, sondern von einem Studenten geschrieben wurde, der den Willen hat, nicht nur seine philosophischen Erkenntnisse zu erweitern und zu vertiefen, sondern auch der Humanität im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen zum Durchbruch zu verhelfen.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass es sich in der hier vorliegenden Arbeit nicht darum handelt, die Rechts- und Gesellschaftskonzeption von Immanuel Kant wiederzugeben, wie sie tatsächlich ist, sondern um eine subjektive Interpretation der Gesellschafts- und Rechtsphilosophie von Immanuel Kant. Dabei spielen meine Subjektivität, meine persönliche Erfahrung und mein Wissensstand eine entscheidende Rolle. Gleichwohl habe ich mich in allen Aussagen um Objektivität und Nachprüfbarkeit bemüht. Sollte es dennoch in dieser Hinsicht von seiten des Lesers Beanstandungen geben, bitte ich um Entschuldigung.


Fußnoten:

<1>

Höffe, O.: Immanuel Kant. Beck-Verlag. München 1996, 15


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Fri Sep 20 15:07:56 2002