Saykham, Voladet: Das Menschenrecht bei Immanuel Kant

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Kapitel 3. Der Mensch als Bürger zweier Welten und seine Verankerung zum Vernunftwesen

Wie bereits erwähnt, bildet die praktische Philosophie Immanuel Kants den intellektuellen Höhepunkt<58> und in gewisser Hinsicht den Abschluss der klassischen bürgerlichen Philosophie dieser Epoche<59> und stellt zugleich den Dreh- und Angelpunkt der europäischen Aufklärung, die eventuell mit der Philosophie von Bacon (1561-1626)<60> begann, dar. Durch ihren "Anspruch zum Selbstdenken" entledigt sich die Vernunft aller "Dogmen" und gewinnt dadurch einen besonders hohen Stellenwert. Das individuelle und soziale Leben soll von der Vernunft durchdrungen werden, von der Vernunft, die den Menschen nicht nur von allen anderen Naturwesen unterscheidet und ihn zum "Herrscher" und "Meister" derselben erhebt<61>, sondern auch zum "Herrscher" und "Meister" seiner selbst und seines sozialen Lebens.<62> Sie durchdringt das individuelle und soziale Leben, indem sie der Verbindung, die das Individuums in seinen spezifischen Interessen und seinem sittlichen Tun mit der gesellschaftlichen Allgemeinheit eingeht, zugrunde liegt, und indem die sozialen Institutionen selbst "vernünftig" sind und diesem "Anspruch der Vernunft" genügen.

In seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" schreibt Kant: "Daß der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle andere auf Erde lebende Wesen. Dadurch ist er eine Person und, vermöge der Einheit des Selbstbewußtseins, bei allen Veränderungen, die ihm zustoßen mögen, eine und dieselbe Person, d.i. ein von Sachen, dergleichen die vernunftlosen Tieren sind, mit denen man nach Belieben schalten und walten kann, durch Rang und Würde ganz unterschiedenes Wesen; selbst wenn er das Ich noch nicht aussprechen kann ..."<63>

Von diesem anthropologischen Standpunkt ausgehend will Kant nun kontinuierlich die schöpferische Fähigkeit des Subjekts, des Menschen zum "Vernunftgebrauch", d.i. zum "Selbstdenken" entwickeln.

In seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? schreibt Kant: "Sapare aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen"<64>. Diesen "Wahlspruch der Aufklärung" hat Kant in sein philosophisches Programm aufgenommen und konsequent durchgeführt. Sein Ziel ist die Vorbereitung auf die kommende bürgerliche Gesellschaft, die Bildung der bürgerlichen Individuen, die sich von allen "fremden Autoritäten" und "Zwangsgewalten" erheben und sich damit in ihrem Denken und Handeln zur "Selbständigkeit" und "Selbstverantwortlichkeit" emanzipieren.

Dies ist - gegenüber der vorangegangenen feudalistischen Gesellschafts- und Weltordnung - zunächst der Ausdruck einer veränderten Rolle und Position der menschlichen Subjektivität in der Wissenschaft, in der Philosophie, die zum Umbruch und zur Umgestaltung der bestehenden feudalistischen Gesellschafts- und Weltordnung führte.


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Träger dieser Umwälzung und der aufkommenden, modernen bürgerlichen Gesellschafts- und Weltordnung sind selbständige, aktive, selbständig denkende, urteilende und handelnde, selbstverantwortliche und selbstbewusste Individuen.

Bereits in seiner erkenntnistheoretischen Philosophie betont Kant die aktive Rolle des erkennenden Subjekts gegenüber den zu erkennenden Objekten oder Gegenständen. Das erkennende Subjekt wird von ihm bereits in der Erkenntnislehre zur "herrschenden" und "übergreifenden" Instanz, die die gesetzlichen Zusammenhänge der Erscheinung konstituiert und dadurch die Erscheinungen ermöglicht.<65> Zugleich wird in der Erkenntnislehre Kants die aktive Rolle des apriorischen Subjekts auf die Sphäre der Erscheinung beschränkt.<66>

Der Prozess der Erkenntnis der Erscheinung ist bei Kant zwar ein unendlicher Prozess, er führt uns aber nicht zum Wesen der "Dinge an sich". Diese transzendentale Realität ist wissenschaftlich, theoretisch nicht erfassbar, sie ist transzendent hinsichtlich des Wissens, aber nicht hinsichtlich ihres Daseins, denn sie liegt den Phänomenen zugrunde, die wir erkennen können, selbst aber keine Phänomen sind, und damit unerkannt bleiben.<67>

Von den Dingen an sich können wir also, so Kant, nur ein Wissen von ihrem notwendigen Dasein, niemals aber von ihrem So-Sein und ihrer Beschaffenheit besitzen.

Einerseits wird die aktive Rolle des apriorischen Subjekts in der erkenntnistheoretischen Philosophie Kants auf die Sphäre der Erscheinung beschränkt, andererseits aber auch zur "herrschenden" und "übergreifenden" Instanz aufgehoben, die die Mannigfaltigkeit und Zusammenhanglosigkeit der Erscheinungen synthetisiert, systematisiert, verbindet oder ordnet, d.h. aus der Vielfältigkeit und Zusammenhanglosigkeit der empirischen Wahrnehmungen, Erscheinungen eine "Einheit" konstituiert.

Aufgrund der herrschenden und übergreifenden Rolle und Funktion des apriorischen Subjekts in der Erkenntnislehre Kants ist nachvollziehbar, dass sich das Subjekt von den ihm unmittelbar gegebenen und zu erkennenden Gegenständen loslösen und seinen zu erkennenden Gegenstand selbst bestimmen kann. Letztlich wird dieser nicht nur Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein subjektiver Gegenstand in dem Sinne, dass er im wesentlichen Produkt des Subjektes wird, indem ihm angehörige objektive Bestimmungen und Zusammenhänge, die als solche nicht unmittelbar in der Erfahrung gegeben sind, zum Resultat der apriorischen Bestimmung des Subjekts werden.

Diese veränderte Rolle des apriorischen Subjekts wird in der Erkenntnislehre Kants zur neuen Sicht des Apriorismus und dessen entscheidender Erkenntnisfunktion sublimiert.

In der praktischen Philosophie wird die Funktion des apriorischen Subjekts weiter ausgearbeitet und noch höher angesetzt. Das Subjekt wird hier zu einem unmittelbaren "Selbstgesetzgeber", "Selbstdenker", der sich selbst denkt und sich selbst konstituiert und gibt.

In der Erkenntnislehre ist das apriorische Subjekt die "herrschende" und "übergreifende" Instanz, die die Mannigfaltigkeit und zusammenhanglose Vielheit der empirischen Wahrnehmungen synthetisiert, systematisiert oder ordnet, d.h. aus einer Vielfältigkeit und zusammenhanglosen Vielheit der empirischen Wahrnehmungen eine "Einheit" bildet. In der praktischen Philosophie wird das apriorische Subjekt zum "Selbstdenker" aufgehoben, der sich nur auf sich selbst bezieht und seine Gesetze selbst


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konstituiert. In dieser Differenz tritt der Unterschied, der für Kant zwischen dem Verstand, resp. der spekulativen Vernunft und der praktischen Vernunft besteht und den ich im letzten Abschnitt zunächst skizzierte, deutlich zutage.

Ist der Verstand, resp. die spekulative Vernunft der "Gesetzgeber" und "Herrscher" der Natur, dann ist die Vernunft der "Gesetzgeber" und "Herrscher" seiner selbst und seines sozialen Lebens. Deshalb kann bei Kant nur in der Sphäre der praktischen Philosophie von der "Selbsterkenntnis", d.i. der Erkenntnis der Freiheit die Rede sein. Mit unserem spekulativen Vermögen sind wir nach Kant nur in der Lage, das zu erkennen, was in der Natur, in der Erscheinungswelt notwendig und gesetzmäßig ist, aber niemals das, was wir eigentlich sind oder worin unser eigentlicher Lebenssinn und -zweck besteht. Solche Fragen nach dem Sinn und Zweck des menschlichen Lebens, d.i. der menschlichen Freiheit gehören für Kant in die praktische Philosophie, d.h. sie sind nur durch die praktische Vernunft beantwortbar.

Verstand und Vernunft unterscheiden sich nach Kant im wesentlichen auch nicht dadurch, dass sie unterschiedliche Wesen sind, sondern dadurch, dass sie sich auf verschiedene Gegenstände oder Objekte beziehen. Der Verstand ist für das Denken, das "Ich denke", welches die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen formiert, die Vernunft hingegen nach Kant das "denkende Ich", das sich nur auf sich selbst bezieht und sich selbst erkennt.<68> In der praktischen Philosophie ist das Subjekt somit gleichsam das Objekt seiner selbst.

Das "apriorische Subjekt" wird also bei Kant in der Sphäre der praktischen Philosophie zu einem freien und autonomen Subjekt erhoben, das nur seiner eigenen Bestimmung folgt, d.h. sich selbst bestimmt oder sich selbst Gesetze gibt. Darauf gründet sich das Sittengesetz, der kategorische Imperativ Kants als Grundverhältnis und Grundbeziehung des denkenden Wesens zu sich selbst.

Diese Grundlegung der praktischen Philosophie Kants wird später von seinem "unmittelbaren Nachfolger" Johann Gottlieb Fichte zur Grundlegung seiner Philosophie weiterentwickelt, die im wesentlichen nicht nur die Grundlegung seiner praktischen Philosophie, sondern auch die seiner "Wissenschaftslehre" umfasst. Was also bei Kant in der "dualistischen Trennung" besteht wird bei Fichte im Subjekt vereint, bzw. geht aus diesem Subjekt hervor und muss deshalb zu diesem Subjekt zurückgeführt werden. Fichte begründet damit den sogenannten "Subjektivismus", Intellektualismus.

Der Übergang von der theoretischen zur praktischen Philosophie bedeutet somit bei Kant nicht bloß eine Fortsetzung der alten, traditionellen, theoretischen Wissenschaft, sondern vielmehr eine grundlegende Veränderung, einen Umbruch, eine Umgestaltung in der Wissenschaft, in der Philosophie, d.i. im Bewusstsein des Menschen, die wir als 2. Wendung kopernikanischer Art in der transzendentalen Philosophie Kants bezeichnen können. Diese grundlegende Veränderung in der Wissenschaft, in der Philosophie deutet zweifellos auf eine grundlegende Veränderung, einen Umbruch in der Gesellschaft, in der Politik hin.

In der erkenntnistheoretischen Philosophie Kants wird der Mensch zum Gesetzgeber und Herrscher der Natur aufgehoben, der die gesetzlichen Zusammenhänge in der Natur


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herstellt und dadurch die Natur ermöglicht. In der praktischen Philosophie wird die Rolle oder Funktion des apriorischen Subjekts, d.i. des Menschen weiter ausgearbeitet und noch höher angesetzt. Der Mensch wird hier zum "Selbstgesetzgeber" und "Herrscher", der seine eigenen gesetzlichen Ordnungen und sozialen Zusammenhänge konstituiert und sich verleiht.

Die theoretische und praktische Philosophie sind somit zwei verschiedene Gesetzgebungen und gesetzliche Ordnungen, die nebeneinander bestehen.

In seiner "Kritik der Urteilskraft" schreibt Kant: "Unser gesamtes Erkenntnisvermögen hat zwei Gebiete, das der Naturbegriffe und das des Freiheitsbegriffs, denn durch beide ist es a priori gesetzgebend. Die Philosophie teilt sich nun auch diesem gemäß in theoretische und praktische."

"Die Gesetzgebung durch Naturbegriff geschieht durch den Verstand, und ist theoretisch."

"Die Gesetzgebung durch Freiheitsbegriff geschieht von der Vernunft, und ist bloß praktisch."

"Verstand und Vernunft haben also zwei verschiedene Gesetzgebungen auf einem und demselben Boden der Erfahrung, ohne daß eine der anderen Eintrag tun darf. Denn sowenig der Naturbegriff auf die Gesetzgebung durch den Freiheitsbegriff Einfluß hat, ebenso wenig stört dieser die Gesetzgebung der Natur."<69>

Die "Zwei-Welten" sind demnach "dualistisch", da sie unvermittelt nebeneinander bestehen und sich nicht gegenseitig bedingen oder durchdringen, ohne jede Beziehung zueinander bestehen und eine Vermittlung nur durch die regulierende, formierende und systematisierende Rolle der reinen praktischen Vernunft und in der reinen praktischen Vernunft selbst stattfindet.

Durch die regulierende und systematisierende Rolle der reinen praktischen Vernunft wird also der "Dualismus" zweier Welten tendenziell aufgelöst und auf eine "einheitliche Welt" zurückgeführt, da liegt der Grund zweier Welten im "Subjekt", das sich zum reinen praktischen Vernunftgebrauch und zum sittlichen Handeln verankert.

Die reine praktische Vernunft wird bei Kant zur "herrschenden" und "übergreifenden" Instanz aufgehoben, die die gesetzliche Ordnung und den Gesamtzusammenhang aller Welten konstituiert und verleiht. Allerdings sind sowohl gesetzliche Ordnung als auch Gesamtzusammenhang nur in der reinen praktischen Vernunft gegeben. in der praktischen Vernunft, d.i. im sittlichen Wollen und Handeln liegt also nach Kant die systematisierende Einheit und der gesammte Zusammenhang aller Welten.

Ob der menschliche Wille frei ist, - diese Frage, die Kant als wissenschaftlich, theoretisch unbeantwortbar begreift, findet in seiner praktischen Philosophie eine zweckmäßige, "ethikotheologische" Erklärung und "Lösungsbezüge".

Es ist also bei Kant zweckmäßig und moralisch sinnvoll, wenn der menschliche Wille tatsächlich frei ist, denn allein unter der Bedingung des freien Willens ist das moralische Handeln möglich. Die Freiheit des Wollens wird bei Kant zur notwendigen Bedingung für die Möglichkeit des sittlichen Handelns aufgehoben. Alle Handlungen, die auf Fremdbestimmung, d.h. auf sinnliche Bedürfnisse, Neigungen, künftige Erwartungen, Befürchtungen etc. basieren, zählt Kant nicht zum moralischen Handeln, da in ihnen dem handelnden Subjekt seine Selbstverantwortung entzogen wird.

In seiner "Metaphysik der Sitten" schreibt Kant: "Subjektiv ist der Grad der Zurechnungsfähigkeit (imputabilitas) der Handlungen nach der Größe der Hindernisse zu schätzen, die dabei haben überwunden werden müssen. - Je größer die Naturhindernisse (der Sinnlichkeit), je kleiner das moralische Hindernis (der Pflicht), desto mehr wird die gute Tat zum Verdienst angerechnet."


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"Dagegen: je kleiner das Naturhindernis, je größer das Hindernis aus Gründen der Pflicht, desto mehr die Übertretung (als Verschuldung) zugerechnet."<70>

Diese zweckmäßige, "ethikotheologische" Bestimmung ist jedoch auch bei Kant keine bloße Wunschäußerung der reinen praktischen Vernunft, sondern zugleich ihre Herausforderung, ihr Postulat, das im Fortschritt der Wissenschaft bewiesen und in der Entwicklung der Menschengattung realisiert werden soll, bzw. muss. Darin besteht nach Kant der Fortschritt der Menschengattung, die Entwicklung der Vernunftsanlage des Menschen.

Die Freiheit und Autonomie, die theoretisch, wissenschaftlich nicht beweisbar ist, ist durch die Forderung der reinen praktischen Vernunft erkennbar und realisierbar.

Kants Philosophie ist aber auch nicht als eine Philosophie der reinen Zweckmäßigkeit und der intelligiblen Freiheit zu bezeichnen. Denn seine Bemühung geht gerade darum, objektive Bestimmungen und Determinationen zu überwinden und sich an die Bestimmung der Zweckmäßigkeit, d.i. der Freiheit und Autonomie anzunähern. Ob eine logisch-deduktive Ableitung der wissenschaftlichen Wahrheit von der praktischen Zweckmäßigkeit stattfinden wird, kommt bei Kant nicht eindeutig vor.

Diese "scheinbare Beziehung" zwischen praktischer Zweckmäßigkeit und wissenschaftlicher Wahrheit, die in der "transzendentalen Philosophie" Kants zentral angelegt ist, wird später von Fichte fortgeführt, indem er die wissenschaftliche "Wahrheit" von der praktischen "Zweckmäßigkeit" logisch-deduktiv ableitet. Fichte bezeichnet seine systematische Philosophie als das "erste System der Freiheit". Die Bestimmung des Subjekts, d.i. der Freiheit, wird bei Fichte verabsolutiert und zum einzigen Grund des "Wahren" und des "Guten" erklärt.

Mit der Bestimmung der reinen praktischen Vernunft werden bei Kant die in der Erfahrungswelt gegebenen, empirischen Determinationen nicht einfach eliminiert oder bedeutungslos. Der Mensch lebt nach Kant im Bereich zweier Welten. Zum einen ist er der "Bewohner" und "Bürger" der empirischen Welt, in der er sich der Kausalität der Natur unterwirft. Zum anderen ist er der "Bewohner" und "Bürger" der intelligiblen Welt, in der er entsprechend dem Sittengesetz über seine Handlung selbst entscheidet.<71> Die Zwei Welten sind daher bei Kant "Lebenswelten des Menschen".

Der Mensch befindet sich demnach in einem "Kreuzungspunkt", in dem sich empirische Natur (vermittelt durch die menschlichen Instinkte, Sinne, natürlichen Gefühle etc.) und Vernunft, d.i. der freie Wille, der dem Menschen sittlichen Zweck und sittliches Gesetz gibt, überschneiden.<72>

Die Natur hat also nach Kant "in uns zwei Anlagen zu verschiedenen Zwecken" begründet, "nämlich der Menschheit als Tiergattung und ebenderselben als sittlicher Gattung ..." und so gibt es einen Widerstreit zwischen dem im Menschen angelegten Naturzweck und den Sitten, so dass jener den Sitten und diese dem Naturzweck Abbruch tun.

Die Vernunft hebt den Menschen aus der Naturrohheit heraus. Sie versetzt ihn jedoch


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damit nicht in die Geborgenheit eines idealen Vernunftreiches, sondern in einen Widerstreit mit sich selbst.<73>

Entsprechend der doppelten Bestimmung des Menschen gibt es auch bei Kant doppelte Standpunkte, von denen das Handeln des Menschen ausgehen muss. Der eine ist die empirische Realität, in der er sich befindet, der andere das Sittengesetz, der kategorische Imperativ, der dem Menschen den sittlichen Zweck vorgibt.

Darauf aufbauend, begründet Kant seine "dualistische" Konzeption des Menschen, die als dualistische Erkenntnislehre mit der Trennung der Welt in eine Welt der unerkennbaren Dinge an sich und eine Welt der erkennbaren Erscheinungen, der Unterscheidung zwischen zu erkennenden Erscheinungen und erkennendem Verstand, erkennendem Verstand und handelnder, praktischer Vernunft, bereits in der theoretischen Philosophie vorliegt.

Wie der Mensch in seiner Erkenntnis zwar an die Erfahrung gebunden bleibt, doch über das in der Erfahrung unmittelbar Gegebene kraft der apriorischen Verstandeskategorien hinausgehen kann, so kann auch sein Handeln, d.h. menschliches, sittliches Handeln, nicht allein aus der Erfahrung in der Natur und Gesellschaft abgeleitet werden. Es bedarf Prinzipien, Grundsätze oder Formen, die das in der Erfahrung Gegebene und als Handlungsvoraussetzung des Individuums Wirkende übersteigen, allgemeiner Prinzipien, die nicht aus der unmittelbaren Erfahrung geschöpft sein können, damit der Zweck der Menschengattung nicht erreicht werden kann.

Diese Prinzipien stellen nun eine "apriorische Realität" sui generis dar, unabhängig von aller empirischen sozialen Erfahrung. Sie sind die Grundlage für ein "freies Dasein" des Menschen jenseits der empirischen Welt. Sie stellen an ihn die Forderung eines sittlichen Verhaltens, weil er im Unterschied zum Tier Wahlfreiheit hat und aufgrund der Anforderungen des empirischen Daseins dem Zweck der Menschengattung zuwiderlaufen kann und wird.

Analog den apriorischen Verstandeskategorien hat das Sittengesetz, der kategorische Imperativ allgemeingültigen und notwendigen Charakter und als ethische Norm keinen konkreten Inhalt, sondern eine Form, die dem Inhalt des Handelns gleichsam als Form - formierend - gegenübertritt. Es knüpft - als höchstes Gesetz - an die Bestimmung des Menschen an, der nie als Mittel für fremde Zwecke und als solches benutzt werden darf, sondern sich selbst Zweck und so von allen anzusehen ist.

Auch in der theoretischen Philosophie ging es um apriorische Sätze oder Grundsätze der Erkenntnis und nicht um einen apriorischen Inhalt der Erkenntnis.

In der erkenntnistheoretischen Philosophie zielt die Erkenntnis, ausgehend von den sinnlichen Wahrnehmungen über das Sein auf das allgemeine und notwendige Wissen. Mit den apriorischen Kategorien des Verstandes wird das Wissen durch Gesetzmäßigkeiten des Denkens letztlich konstituiert.

In der Ethik kommt es auf die Begründung des schlechthin Guten, des autonomen, guten Willens an.

Das sittliche Handeln gründet sich auf eine gleichgeartete Gesetzmäßigkeit des Wollens, die ebenso dem Kriterium der Allgemeinheit und Notwendigkeit genügen muss, deshalb nicht nur für das jeweilige Individuum Geltung haben und daher auch nicht von dessen empirischen Handlungsvoraussetzungen, den äußeren und inneren Neigungen, Bedürfnissen, Instinkten etc. und daher zufällig bestimmt sein darf.

Alles, was die erfahrungsmäßigen, die empirischen Verhaltensgründe oder Verhaltensforderungen oder -determinanten umfasst, soll dem intelligiblen Wesen und dem ihm zukommenden Gesetz des Wollens und Handelns Folge leisten. Nur


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individuellen und zudem aus eigener Erfahrung entnommenen Handlungsmaximen fehle hingegen die Allgemeingültigkeit, die einem Gesetz des Wollens, welches als Sittengesetz gelten kann, eigen sein muss.

Dieses Gesetz "formiert" für das Wollen eine Forderung, ein Sollen und ist keine wie auch immer geartete Aussage über ein Sein. Es drückt keinen faktisch gegebenen Sachverhalt aus, sondern etwas, was im Handeln erst noch zu realisieren ist. Genauer gesagt: was gewollt werden soll! Deshalb nimmt jedes für den Menschen überhaupt, d.h. allgemein geltende Prinzip die Form eines Imperativs an, einer Norm.<74>

Dabei unterscheidet Kant zwischen dem hypothetischen und dem kategorischen Imperativ: Hypothetisch ist der Imperativ im Kontext konkreter Bedingungen, d.h., wenn die bestimmte Forderung an konkrete Bedingungen gebunden ist, wobei diese Bedingungen nicht allgemeingültigen Charakter haben müssen; wenn sie also für den einen Geltung haben können und für den/die anderen nicht. Kategorisch ist aber ein Imperativ, dessen Forderung nicht an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, sondern unabhängig davon, d.h. unbedingt, unter allen Umständen, eben absolut gilt.<75>

Das Sittengesetz ist ein kategorischer Imperativ: Es gilt im angeführten Sinne bedingungslos unabhängig von besonderen individuellen Fähigkeiten, Neigungen, Handlungsantrieben, Handlungszwecken etc. Die in ihm enthaltene Norm enthält weder etwas Empirisches noch geht sie von empirischen Handlungsforderungen aus oder ist auf solche gerichtet. Derartige konkrete Bedingungen und Inhalte müssten seine Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit relativieren.<76>

Das Sittengesetz würde nicht mehr universell und für alle Menschen bzw. alle Situationen gelten und hätte damit seinen Charakter als solches, d.h. auch seinen allgemein verbindlichen Forderung- oder Sollcharakter, verloren. Bestimmte äußere Bedingungen oder bestimmte Anforderungen an Individuen würden andere oder unter anderen Bedingungen Handelnde davon letztlich ausnehmen.

Hätte ein Imperativ empirische Ausgangspunkte, Bedingungen oder auch Inhalte, würde er für jeweils spezifische in der Erfahrung und daher auch jeweils individuellen Erfahrung gegebene "Anwendungsfälle" gelten.

Enthielte der kategorische Imperativ konkrete Forderungen der Art, dass die Menschen alle in ihnen angelegten Fähigkeiten und Potenzen entfalten sollen oder z.B. das Gemeinwohl über das individuelle Wohl stellen sollten, so verwandelt sich nach Kant der kategorische Imperativ in einen hypothetischen, weil er auf das Streben nach solchen Zielen orientiert würde und dies zudem an jeweils konkrete Bedingungen (äußere und innere, individuelle) gebunden wäre, die nur in der Erfahrung vorhanden sein könnten. Solche Forderungen würden jedoch nicht nur die "Unbedingtheit" des kategorischen Imperativs aufheben, sondern wären auch unvereinbar mit der Vorstellung des emanzipierten Individuums, dem "freien Dasein" des selbstverantwortlichen Subjekts. Nicht für das Wollen überhaupt, schlechthin, sondern nur für bestimmtes Wollen bestimmter Subjekte und unter bestimmten Bedingungen würde ein Imperativ gelten, wenn er einen empirischen Inhalt hätte.

Der kategorische Imperativ abstrahiert also von jeglichem empirischen Inhalt und ist daher bloße Form des Gesetzes. Diese bloße Form besteht in ihrer Allgemeingültigkeit. Die Forderung der allgemeinen Geltung ist der Inhalt des Imperativs, d.i. des


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Pflichtgebotes. Die bloße Form der Allgemeingültigkeit wird hier zum (besonderen) Inhalt des Gesetzes.

Die Forderung einer für alle und jeden sowie jede Handlungssituation geltender Moralnorm, d.i. des kategorischen Imperativs war für die damalige Zeit ungeheuer progressiv, da sie das Bild aller Menschen als gleich fähiger, gleichberechtigter und gleichverpflichteter Wesen voraussetzte; keine moralischen "Privilegien" anerkannte und niemandem die moralische "Integrität" oder Verantwortlichkeit, unter welchen Bedingungen auch immer, aberkannte oder erließ.

Nicht allein für die Zeit Kants, auch für die Gegenwart ist eine solche progressive Forderung des Sittengesetzes unter den bestehenden Bedingungen zugleich auch als illusionär zu betrachten.

Dieser eher abstrakt-progressive Charakter der in einem solchen kategorischen Imperativ eingeschlossenen Forderung wird jedoch bei Kant dadurch relativiert, dass er ein Sollen ausdrückt, welches darauf zielt, dieses im Wollen anzustreben, als Prinzip, das nie ganz erreicht werden könne.

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde"<77> ist nach Kant ein einziger kategorische Imperativ.

Worin besteht nun aber die Allgemeinheit dieses kategorischen Imperativs?

Sie besteht darin, dass ein bestimmtes Subjekt so handelt, daß der von ihm in seinem Handeln verfolgte Grundsatz (das Handlungsprinzip, nicht aber das konkrete Ziel oder konkreter Handlungsauslöser und den Handlungsablauf bestimmende Bedingungen) auch von den anderen vernünftigen Subjekten als Grundsatz ihrer Handlung in Anspruch genommen werden kann, und darin, dass eine ideale Harmonie (Übereinstimmung, gleichsam ein "intelligibler Konsens" oder ein Konsens in der Sphäre des Intelligiblen) als Kriterium des sittlichen Handelns und dessen Grundlage besteht.

Diese Allgemeinheit und Allgemeingültigkeit des Sittengesetzes nimmt dem sittlichen Handeln jegliche Exklusivität: Das sittlich handelnde Individuum handelt als Mensch und sonst nicht; es handelt als Bürger der Konsensgemeinschaft, d.h. einer intelligiblen (insofern idealen) Gemeinschaft des sittlichen Wollens und Handelns, worin jedes Mitglied das will, was alle anderen wollen können und dürfen, und umgekehrt.

Alle inhaltlichen, stofflichen oder sogenannten materiellen Bestimmungsmerkmale werden durch die Allgemeingültigkeit des Sittengesetzes aus dem ihm entsprechenden, daher sittlichen Wollen gleichsam herausgelöst.

Wichtig sind nicht die motivierenden Bedingungen, Gegenstände, Objekte und die jeweiligen Zwecke des Wollens, sondern nur, ob ein bestimmtes Wollen dem allgemeinen Sittengesetz entspricht, in diesem Sinne gesetzmäßig ist und damit ein für alle mögliches (annehmbares) Wollen sein kann. In diesem Sinne bedeutet das sittliche Wollen und Handeln ein widerspruchsfreies Wollen und Handeln.

Hier aber gibt es nun einen Einwand, der die Kant´sche Position der Unbedingtheit des Sittengesetzes betrifft: Allgemeingültigkeit und Widerspruchfreiheit ließen sich auch als nur "formales Kriterium" konstituieren, wenn die kategorische Forderung ausgesprochen würde, alle sollen nur ihren jeweils eigenen Neigungen oder egoistischen Interessen folgen. Die Forderung selbst wäre in ihrer bloßen Form wohl auch


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"widerspruchsfrei". In Widerspruch gerieten nur die verschiedenen individuellen Interessen der konkreten Individuen, sozusagen in ihrem erfahrungsmäßigen empirischen Sein unter den jeweils konkreten empirischen Existenzbedingungen und diese sind ja aus dem Sittengesetz herausgehoben.

Schließlich argumentiert Kant selbst, was wäre, wenn die allgemeine Maxime lauten würde, man könne z.B. ein Versprechen geben, das man nicht zu halten beabsichtige und es könne jeder ein solches Versprechen geben, um sich aus einer Verlegenheit zu behelfen. Man würde die Lüge wollen, könnte aber daraus nicht ableiten, dass man eine allgemeine Maxime, Prinzip, zu lügen fordern kann. Denn: Danach wäre ein Versprechen überhaupt sinnlos. Es wäre sinnlos, etwas vorzugeben, woran man sich nicht gebunden fühlt, was die anderen also nicht glauben würden. Außerdem könnten sie auch so handeln. Wozu dann überhaupt ein Versprechen als Gegenstand einer Maxime? Eine solche Maxime müsste sich also selbst aufheben<78>.

Somit geht es bei Kant schließlich um die moralische Zulässigkeit der Maxime als Basis allgemeingültiger Akzeptanz; sie muss auch vom Inhalt her auch konsensfähig sein, d.h. letztlich ein moralisch allgemeingültiges Gut, ein positiver Wert und nicht nur die leere Form des Allgemeinen darstellen.

"Maxime aber ist das subjektive Prinzip zu handeln, was sich das Subjekt selbst zur Regel macht (wie es nämlich handeln will). Dagegen ist der Grundsatz der Pflicht das, was ihm die Vernunft schlechthin, mithin objektiv gebietet (wie es handeln soll)."<79>

"Der oberste Grundsatz der Sittenlehre ist also: handle nach einer Maxime, die zugleich als allgemeines Gesetz gelten kann. - Jede Maxime, die sich hier nicht qualifiziert, ist der Moral zuwider."<80>

Die Verstandeskategorien als Denkgesetz entsprechen einer "Logik des Erkennens", doch dieses logische Denken allein für sich kann noch nichts erkennen. Es bedarf des Stoffs (der Sinneswahrnehmungen), der erst durch das Denken zu seinem Gegenstand wird. Das Sittengesetz als universelles Pflichtgebot unabhängig von empirischen persönlichen Existenzbedingungen, individuellen Fähigkeiten und Neigungen, welches also das Wollen dem einen allgemeingültigen Prinzip unterordnet, begründet eine der Erkenntnislogik entsprechende ebenso stringente "Handlungslogik".

Jedoch kommt man mit einer bloßen "Logik" des Wollens im Moralischen, d.h. im sittlichen Handeln, genauso wenig aus, wie mit den bloßen logischen Denkgesetzen in der Erkenntnis. Man bedarf gleichfalls eines Inhalts, der allerdings im Unterschied zu dem, worauf sich das Denken, die Verstandeskategorien "formierend" und "synthetisierend" richten, nicht empirischen Ursprungs ist. Die naturgesetzliche Kausalität, welche sich auch auf die Gesellschaft erstreckt, ist demgegenüber ein Sein, welches zwar bei Kant durch den Verstand konstituierbar resp. "synthetisiert" werden kann aus der Mannigfaltigkeit der Anschauungen, dem aber andererseits etwas Entsprechendes, "Korrespondierendes", vorausgesetzt ist. Denn: Der Verstand für sich genommen kann gar nicht erkennen, sondern nur Material/die Stoffe der Erkenntnis, die in der Anschauung gegeben sind, "verbinden" und "ordnen". Fehlte dem Begriff eine "korrespondierende Anschauung", so wäre er nur ein Gedanke der bloßen Form nach, ohne jegliche Stoffe bzw. Gegenstände. In diesem Falle wäre überhaupt keine Erkenntnis von irgend etwas möglich.

Analog den Verstandeskategorien ist das Sittengesetz, der kategorische Imperativ, wie er an sich abstrakt genommen ist, eine bloße Form, die eine Allgemeingültigkeit und Widerspruchfreiheit fordert. Nur mit seiner Forderung nach der Allgemeingültigkeit und


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Widerspruchfreiheit vermögen wir jedoch noch nicht zu erfassen, was eine moralische Handlung inhaltlich bedeutet.

Es soll und muss also zu einem sittlichen Wollen und Handeln kommen, das eine Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit beinhaltet. Somit geht es bei Kant letztlich um einen allgemeingültigen Wert, einen von allen anzuerkennenden und anzustrebenden moralischen Wert, der die bloßen Form der Allgemeingültigkeit und Widerspruchfreiheit des Sittengesetzes untermauert und gewissermaßen die stoffliche Basis für mögliche und geforderte Allgemeingültigkeit bildet, nicht nur um einen "inhaltlosen Formalismus" der Allgemeingültigkeit und Widerspruchfreiheit.

Ausgehend von der allgemeinen Bestimmung des Sittengesetzes, des kategorischen Imperativs geht Kant weiter und bestimmt das sittliche Handeln inhaltlich näher, indem er weitere Prinzipien des sittlichen Handelns ableitet, die wir im wesentlichen als zusätzliche, erweiternde und gewissermaßen inhaltlich nähere Bestimmung des sittlichen Handelns verstehen können.

Vernunft ist eine Bestimmtheit als Gesetz, deren Grundsätze, Prinzipien allein in ihr selbst begründet sind. Sie ist die "Selbsthalterin"<81> ihrer Gesetze.

Die Vernunft als Wille, d.i. praktische Vernunft kann in dieser "Sphäre" nur als sich selbst wollend erfasst werden. Es ist - wie gesagt - das Verhältnis der Vernunft als Wille zu sich selbst oder des vernünftigen Willens zu sich selbst. Die Vernunft ist gleichsam Subjekt und Objekt des Wollens. Das absolute (unbedingt) Vernünftige will und kann nur das absolut Vernünftige wollen und das ist "etwas, dessen Dasein an sich selbst einen absoluten Wert hat, was als Zweck an sich, ein Grund bestimmter Gesetze"<82> besteht.

Nur darin könne "allein der Grund eines möglichen kategorischen Imperativs, d.i. praktischen Gesetzes, liegen."<83>

"Wenn es dann also ein oberstes praktisches Prinzip und in Ansehung des menschlichen Willens einen kategorischen Imperativ geben soll, so muß ein solches sein, das aus der Vorstellung dessen, was notwendig für jedermann Zweck ist, weil es Zweck an sich selbst ist, ein objektives Prinzip des Wollens ausmacht, mithin zum allgemeinen praktischen Gesetz dienen kann. Der Grund dieses Prinzips ist: die vernünftige Natur existiert als Zweck an sich selbst."<84>

Allein ein absoluter Wert, der unabhängig von jeder Bedingtheit durch eine konkrete, besondere Konstitution des Subjekts allen vernünftigen Wesen gemeinsam zukommt, kann bestimmendes Prinzip, bestimmender Grund des Wollens dieser Wesen sein.

Einerseits kann also nur Vernunft sich selbst zum Zweck haben, Vernunft ist sich selbst Zweck, "die vernünftige Natur existiert als Zweck an sich selbst." Andererseits existiert "der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen sowohl auf sich selbst, als auch andere vernünftige Wesen gereichten Handlungen jederzeit als Zweck betrachtet werden."<85>

Da schließlich nur der Mensch als vernünftiges Wesen angesehen werden kann und dieser die Bestimmung hat, Zweck an sich selbst zu sein, ergibt sich der Zusammenhang zwischen dem Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft und dem Menschenbild bei Kant.

Daraus resultiert dann Kants zweite Formulierung des Sittengesetzes als Gebot resp. Praktischer Imperativ:


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"Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."<86>

Die Vernunft als Zweck an sich selbst, der Mensch als vernünftiges Wesen und der Mensch als Zweck an sich selbst begründet nunmehr eine inhaltliche Bestimmtheit des Sittengesetzes. Der Formalismus der ersten Formulierung ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde") wird damit ergänzt.

Aus der Bestimmtheit der Vernunft als (objektive) Gesetzlichkeit in der Verbindung mit dem vernünftigen Wollen als sich selbst wollendes Wollen (das Verhältnis der Vernunft als Wille zu sich selbst) leitet Kant das dritte Prinzip des sittlichen Handelns ab:

Das "Prinzip eines jeden menschlichen Willens als eines durch alle seine Maximen allgemein gesetzgebenden Willens", d.i. "ein Gesetz für jeden Willen eines vernünftigen Wesens einen kategorischen Imperativ, der gebietet" alles aus der Maxime seines Willens als eines solchen zu tun, der zugleich sich selbst als allgemein gesetzgebend zum Gegenstand haben könnte<87>.

Nur dann sei das praktische Prinzip und der Imperativ "unbedingt, weil er kein Interesse zum Gegenstand haben kann."<88>

Denn wenn der Mensch dem vernünftigen Willen folgt, bedeutet dies, bemerkt Kant in offensichtlicher Anlehnung an Rousseau, "daß er nur seiner eigenen und dennoch allgemeinen Gesetzgebung unterworfen sei, daß er nur verbunden sei, seinem eigenen, dem Naturzwecke nach aber allgemein gesetzgebenden Willen gemäß zu handeln."<89>

"Denn man bekam niemals Pflicht, sondern Notwendigkeit der Handlung aus einem gewissen Interesse heraus. Dieses möchte nun ein eigenes oder fremdes Interesse sein. Aber als dann mußte der Imperativ jederzeit bedingt ausfallen und könnte zum moralischen Gebot gar nicht taugen. Ich will also diesen Grundsatz das Prinzip der Autonomie des Wollens, im Gegensatz mit dem andern, das ich deshalb zur Heteronomie zähle, nennen."<90>

"Dieses Prinzip der Menschheit und jeder vernünftigen Natur überhaupt, als Zweck an sich selbst (welches die oberste einschränkende Bedingung der Freiheit der Handlung eines jeden Menschen), ist nicht aus der Erfahrung entlehnt: erstlich wegen seiner Allgemeinheit, da es auf alle vernünftige Wesen überhaupt geht, worüber etwas zu bestimmen keine Erfahrung zureicht; zweitens weil darin die Menschheit nicht als Zweck des Menschen (subjektiv), d.i. als Gegenstand, den man sich von selbst wirklich zum Zweck macht, sondern als objektiver Zweck, der, wir mögen Zwecke haben, welche wir wollen, als Gesetz die oberste einschränkende Bedingung aller subjektiven Zwecke ausmachen soll, vorgestellt wird, mithin aus reiner Vernunft entspringen muß."<91>

Schließlich gibt es bei Kant zwei Komponenten des sittlichen Handelns, die das allgemeine Prinzip des sittlichen Handelns als dessen Inhalt oder dessen Grundwerte untermauern:

1/ das humanistische Ideal, wonach die Entwicklung der Menschengattung ein Prozess zur Humanität ist, der als Naturzweck dem Menschen vorgegeben ist ("Naturteleologie");

2/ die Autonomie des Wollens, die allen vernünftigen Wesen von Natur aus eigen ist.


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Ein von jeglicher Autorität freies Wollen, resp. Subjekt, das nur sich selbst will und seinen eigenen Sinn und Zweck in sich selbst sucht. Der Gegensatz zur Autonomie des Wollens ist die Heteronomie des Wollens, d.h. die Bestimmung des Wollens durch äußere Gesetze, Gebote und Zwecke - Fremdbestimmtheit, die den Willen seiner Selbstverantwortung enthebt. Wer nur nach fremder Bestimmung handelt, handelt gewissenlos. Das Gebot, nur nach seiner eigenen Bestimmung zu handeln ist bei Kant ein Postulat, ein Gebot der reinen praktischen Vernunft. Das absolute Wollen kann nur sich selbst wollen, sich selbst bezwecken und besinnen. Das absolut vernünftige Sein ist ein Sein, das in sich ruht und an sich selbst einen Zweck hat.

Diese beiden Grundwerte des kategorischen Imperativs sind für Kant gleichsam moralische, sittliche Gebote der reinen praktischen Vernunft, die der Einzelnen als handelndes Subjekt in Anspruch nehmen kann und soll. Darin besteht nach Kant seine wesentliche Bestimmung, sein sittlicher Wert. Mit diesen beiden Grundwerten des kategorischen Imperativs (als dessen gleichsam immanente Voraussetzung) d.i. der Humanität und Autonomie werden wesentliche Aufklärungsideale, der Kampf gegen fremde Autorität, das freie, sich selbst verantwortliche Individuum, der Anspruch der Vernunft etc. in Kants Moralphilosophie aufgenommen.

Die aus der empirischen Erfahrung abgeleitete Handlungsforderung und ihr konkreter Inhalt werden durch das Sittengesetz, den kategorischen Imperativ "formiert", mit dem Ziel, das Verhalten und Handeln der Individuen zu moralisieren und zu humanisieren.

Mit der Bestimmung des kategorischen Imperativs werden jedoch die in der Erfahrung gegebenen, empirischen Handlungsdeterminanten, Bedingungen und Motive nicht einfach eliminiert oder bedeutungslos. Sie werden ebensowenig aufgehoben, wie die Erfahrungstatsachen mittels Synthese durch Verstandeskategorien aufgehoben werden können. Jedoch werden Erfahrungstatsachen, Phänomene durch das aktive Denken in die Denkformen und Grundsätzen des erkennenden Denkens transformiert und erhalten dadurch ihre Ordnung und ihre Zusammenhänge. Das mag geistige Anstrengung, auch Disziplin abverlangen, aber die Naturphänomene entziehen sich dieser "Prozedur" nicht durch eigenen aktiven Widerstand. Sie sind schließlich keine handelnden Subjekte, sondern nur auf die Sinne wirkende "Agenten" und ihre inneren Zusammenhänge keine sich unmittelbar offenbarenden Phänomene!

Der Mensch lebt nach Kant sowohl in der empirischen als auch der intelligiblen "Welt" und beide befinden sich gleichsam im "Kampf": Neigung, Bedürfnisse, Existenzbedingungen etc. auf der einen und das Pflichtgebot des Sittengesetzes auf der anderen Seite. Die Verwirklichung des Sittengesetzes stößt auf den aktiven Widerstand der empirischen Natur, der Neigung des Menschen, des Individuums selbst. Demzufolge kann sich das Sittengesetz nur in einem ständigen (unendlichen) "Kampf" verwirklichen und sich seiner Bestimmung nur annähern.

Die gesetzmäßige Wirkung der apriorischen Bestimmung auf das Erkennen und die normative Bestimmung des Wollens unterscheiden sich: In der Erkenntnis kann man nur in den apriorischen Formen des Verstandes denken und in den Anschauungsformen nur Raum und Zeit anschauen. Im Bereich des Wollens und Handelns kann der Mensch hingegen gegen die Grundsätze des Sittengesetzes handeln, - eben aufgrund der Freiheit des handelnden Subjekts, aufgrund seiner "Ungeselligkeit", die mit dieser Freiheit verbunden ist.


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Allerdings besteht bei Kant neben diesem Unterschied zwischen Erkennen, Wollen und Handeln des Menschen eine tiefgreifende Analogie. In der Erkenntnis ist es dem Menschen unmöglich, "die Dinge an sich" zu erkennen. Diese transzendentale Realität ist für den Menschen nicht erfassbar. Sie ist transzendent hinsichtlich des menschlichen Wissens, aber nicht hinsichtlich ihres "Daseins", den sie liegt den Phänomenen zugrunde, die wir erkennen können. Der Erkenntnis sind also nach Kant nur die Erscheinungen zugänglich, aber nie die "Dinge an sich". Der Prozess der Erkenntnis der Erscheinung ist bei Kant grundsätzlich grenzenlos, führt aber niemals zum "Wesen der Dinge an sich". Von den Dingen an sich wissen die Menschen nach Kant nur von ihrem notwendigen Dasein, aber niemals von ihren "So-Sein" und ihrer Beschaffenheit.

Im Bereich des Wollens und Handelns erreicht der Mensch nicht das Ideal eines vollkommenen sittlichen Wesens, das ohne innere Widersprüche nur das Gute will und tut, aufgrund dessen, dass er nicht allein vernünftig ist, sondern auch instinktmäßig, sinnlich bestimmt handelt. Der Mensch ist eben kein Gott, wie schon Rousseau bedauerte.

Der Mensch ist also bei Kant sowohl in seinem Wissen als auch in seinem Wollen und Handeln im Bereich zweier Welten angesiedelt. Diese zwei Welten sind "Lebenswelten des Menschen" und befinden sich in einem ständigen Kampf miteinander, d.i. in einem Kampf zwischen Neigung und Pflicht, zwischen denen sich der Mensch frei entscheidet.

Innerhalb dieses widersprüchlichen Daseins einerseits strebt der Mensch in seinem sittlichen Wollen und Handeln nach einer absoluten Einheit, in der alle Widersprüche, alle Gegensätze absolut Eins sind. Er bricht alle Grenzen und bewegt sich immer weiter und höher zu seiner sittlichen Freiheit und Autonomie, worin seine wesentliche Bestimmung<92> liegt und wodurch er eine "Person" ist und eine "Würde" hat, die sich von allen materiellen Werten und Preisen unterscheidet und höher als dieselben gesetzt<93> wird.

Diese sittliche Freiheit und Autonomie gehört nach Kant gleichsam zum Wesen der Dinge an sich, nicht zur empirischen Welt. Sie ist aber kein Ding an sich, das den Naturphänomenen zugrunde liegt, sondern eine Vernunftidee, die dem Menschen seine Menschlichkeit verleiht<94>.

Der Mensch unterscheidet sich nach Kant von den anderen Naturwesen im wesentlichen nicht durch seine empirische Beschaffenheit, nicht durch die Art und Weise seiner Bedürfnisbefriedigung, nicht durch seine Fähigkeit und seine Potenz, die Natur zu beherrschen und sich anzueignen, sondern allein durch seine Naturanlage zum Vernunftgebrauch, d.i. zum sittlichen Handeln.<95>

In seiner "Metaphysik der Sitten" schreibt Kant: "Ohne alles moralische Gefühl ist kein Mensch; denn, bei völliger Unempfänglichkeit für diese Empfindung, wäre er sittlich tot und, wenn (um in der Sprache der Ärzte zu reden) die sittliche Lebenskraft keinen Reiz mehr auf dieses Gefühl bewirken könnte, so würde sich die Menschheit (gleichsam nach chemischen Gesetzen) in die bloße Tierheit auflösen und mit der Masse anderer Naturwesen unwiderstehlich vermischt werden."<96>


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Hier ist allerdings die Sittlichkeit noch ein Gefühl, das noch auf eine empirisch nachweisbare Grunderfahrung zurückgeht, die allerdings nicht mehr theoretischen Charakters ist, d.h. alle theoretischen Erklärungsversuche müssen daran scheitern.

Es ist hier nicht - wie bei den theoretischen, den Verstandeskategorien der theoretischen Philosophie - möglich, durch diese Verstandeskategorien der Mannigfaltigkeit, der "Vielheit" des in der Erfahrung gegebenen empirischen Materials eine Einheit, einen inneren Zusammenhang und ihre Ordnung zu geben, wodurch sie überhaupt erst Gegenstand der theoretischen Erkenntnis werden können. Es ist hier nicht möglich, dem "rohen Sinnenmaterial" durch die Verstandeskategorien, durch die Aktivität des erkennenden Subjekts eine Form zu verleihen, den empirisch gegebenen Stoff, den Inhalt zu formieren (wie z.B. den Zusammenhang von Ursache und Wirkung in die vielfältigen Erfahrungen etwa in ihrer zeitlichen Abfolge, hineinzubringen und ihnen so eine innere Ordnung, einen Zusammenhang zu geben).

Ob derartige Zusammenhänge in den "Dingen an sich" tatsächlich bestehen, können wir nicht wissen, denn uns sind in den Sinneseindrücken nur Erscheinungen gegeben, die "phänomena", die aber Erscheinungen von etwas sein müssen, von dem wir nichts wissen, außer, dass es diesen Erscheinungen zugrunde liegen muss.

"Vom sittlichen Gefühl" - schreibt Kant - redet "man nur als von einer Erscheinung dessen, was in uns wirklich vorgeht, ohne die Ursachen desselben auszumachen."<97>

Dies bedeutet, dass das sittliche Gefühl als Ursache sittlichen Handelns nicht mehr Gegenstand der theoretischen Wissenschaft ist, sondern die Beantwortung von Fragen der geistigen Natur, von der F r e i h e i t und der Vorherbestimmung, dem künftigen Zustand etc. "gänzlich außer dem Geschichtskreise des Menschen", d.h. außerhalb der Erfahrungswelt liegt.

Daher hat hier die sittliche Gemeinschaft der "intelligiblen Wesen" noch nicht den Status einer metaphysisch fundierten Erkenntnis. Vielmehr ist es eine theoretisch "überschwengliche" Idee, die aber praktisch wirksam ist und sich auf ein im Gefühl erfahrbares "an sich selbst gutes und tugendhaftes" Handeln gründet, - moralisches Gefühl, moralischen Glauben.

Es gründet sich noch nicht auf praktische Vernunftprinzipien als Gesetzmäßigkeit denkender Wesen und auf eine Welt, die nur nach geistigen Gesetzen konstituiert ist.

Das Sittliche betreffe "den inneren Zustand des Geistes und deshalb kann es auch natürlicherweise" nur in der unmittelbaren Gemeinschaft der Geister die der ganzen Moralität adäquate Wirkung nach sich ziehen.<98>

Einerseits dirigiert der kategorische Imperativ den vernünftigen Willen gleichsam als Naturgesetz seines Wesens, zum anderen stellt er sich der sinnlich empirischen Beschaffenheit des Menschen als Forderung, Sollen oder Pflichtgebot dar, das ihm empirische Bedürfnisse, Neigungen, Triebe etc., welche ihm zuwiderlaufen, zusubsumiert.

Somit sind Handlungen aus Pflicht gegenüber dem Sittengesetz moralisch gut und beweisen den guten Willen. Handlung aus Pflicht allein und nicht etwa aus Zuneigung, Liebe oder anderen individuellen Regungen ist nach Kant die alleinige akzeptable Form


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des sittlichen Handelns<99>. Nur sie erheben den Menschen in einen "höheren Stand".

Unter Tugend versteht Kant die subjektive Übereinstimmung mit dem Sittengesetz. Pflicht ist das Sittengesetz selbst und pflichtmäßig das Wollen und Handeln gemäß dem Sittengesetz. Das sittliche Handeln erhebt den Menschen in den Stand der Vernunftwesen.

Im Kampf zwischen Vernunft und Sinnlichkeit (Instinkt) steht die Pflicht über der Neigung (auch der guten Neigung), das Sollen über dem Sein und Müssen. Die autonome Selbstbestimmung des Subjekts, welches sich das Sittengesetz selbst als Pflichtgebot seines Handelns verleiht, ist für Kant das Ideal sittlicher Menschen und steht über nur passiver Unterordnung unter äußeren Zwang oder einen fremden Willen, über eigenen sinnlichen Bedürfnissen, Neigungen, Interessen, Zwecken etc.

Kant versteht unter Pflicht die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung vor dem Gesetz<100>. Der moralische Wert einer solchen sittlichen, pflichtgemäßen liegt nicht im Ziel, das dadurch erreicht werden soll, sondern allein in der moralischen Gesinnung des Wollens!<101>

Sittlich handeln meint also, den Instinkt zu beseitigen und zu wollen, was die Vernunft verlangt; die Begierden, Triebe und individuellen (zufälligen) Zwecke beiseite zu lassen und sein Handeln bzw. Wollen auf das Allgemeine, auf das Ideal zu richten<102>. Kant definiert demzufolge die Tugend als die Überwindung der natürlichen Neigungen, wozu auch die sozial bedingten Interessen etc. zählen. Die eigene Vollkommenheit (entsprechend den oben angeführten allgemeinen Grundwerten) und das Glück anderer sind die einzigen Zwecke sittlichen Handelns. Nach eigenem Glück strebt, so Kant, jeder bereits aus instinkthaftem (natürlichem) Antrieb. Die Vollkommenheit kann wiederum nur durch das eigene Handeln, nicht durch das der anderen bewirkt werden.<103>

Um Sittlichkeit, Moralität zu ermöglichen, ist bei Kant also die Freiheit des Wollens erforderlich. Wie begründet er nun diese Freiheit des Wollens, deren Erkenntnis in der theoretischen Vernunft, Philosophie, nicht möglich war? Die Freiheit des Willens ist in der praktischen Philosophie eine Folge und Bedingung der Möglichkeit des unbedingten sittlichen Pflichtgebotes.

Wenn der Wille zu autonomem Handeln befähigen soll, so muss er sich von äußeren Bedingungen, empirischen Neigungen und Motiven etc. emanzipieren und ihnen gegenüber eine autonome Handlung einnehmen können.

Damit ist der Wille von der äußeren Naturkausalität befreit. Der kategorische Imperativ gilt unbedingt und schlechthin und befreit den sittlich Handelnden von empirischen Schranken. In seinem sinnlichen Dasein unterliegt der Mensch der Kausalität der Natur, d.i. der Naturnotwendigkeit. Um nun sittliches Verhalten zu


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ermöglichen, ist die Freiheit erforderlich, sonst wäre ja nach obigem sittliches Handeln überhaupt unmöglich. Um die Freiheit zu ermöglichen, muss der Mensch aus der empirischen Welt, der Welt der Naturnotwendigkeit herausgehoben werden. Eben dazu bedarf es nach Kant des intelligiblen Daseins oder einer intelligiblen Welt, in der der Mensch als Vernunftwesen die Freiheit "genießt".

Wenn das Subjekt - und zwar unabhängig von determinierenden Bedingungen, Faktoren und Bedürfnissen, d.h. unbedingt (schlechthin) soll, so muss es auch können. Du kannst, denn Du sollst! sagt Kant. Unbedingtes, absolutes Sollen, setzt absolutes, unbedingtes Können voraus. Das genau ist die dem Wollen, resp. Willen daher notwendig eigene Freiheit.<104>

Sittlichkeit ist die Bedingung und der Inhalt der Entwicklung zur Humanität, der Vervollkommnung des Menschen, worin seine Bestimmung liegt. Sittlichkeit ist die Bedingung der zu dieser Entwicklung notwendigen Gesellschaftlichkeit. Eben diese Wesensbestimmungen bedingen die Freiheit des Willens, die Autonomie der Individuen. Die Freiheit ist die Autonomie des Willens, der sich selbst das Gesetz seines Handelns im Sinne des kategorischen Imperativs gibt.

Damit ist diese Freiheit nicht etwa Gesetzlosigkeit, sondern es gibt nunmehr eine Kausalität aus Freiheit, die der Kausalität aus der Naturnotwendigkeit als das das sittliche Handeln leitende Prinzip zur Seite und auch gegenübertritt.<105>

In seiner "Kritik der praktischen Vernunft" schreibt Kant: "Die Autonomie des Willens ist das alleinige Prinzip aller moralischen Gesetze und der ihnen gemäßigen Pflichten: Alle Heteronomie der Willkür gründet dagegen nicht allein gar keine Verbindlichkeit, sondern ist vielmehr dem Prinzip derselben und der Sittlichkeit des Wollens entgegen. In der Unabhängigkeit nämlich von aller Materie des Gesetzes (nämlich einem begehrten Objekte) und zugleich doch Bestimmung der Willkür durch die bloße allgemeine gesetzgebende Form, deren eine Maxime fähig sein muß, besteht das allgemeine Prinzip der Sittlichkeit. Jede Unabhängigkeit aber ist die Freiheit im negativen, diese eigene Gesetzgebung aber der reinen, und als solche, praktischen Vernunft, ist Freiheit im positiven Verstand. Also drückt das moralische Gesetz nichts anderes aus, als die Autonomie der reinen praktischen Vernunft, d.i. der Freiheit, und diese ist selbt die formale Bedingung aller Maximen, unter der sie allein mit dem obersten praktischen Gesetze zusammen stimmen können."<106>

"Autonomie des Willens ist die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (unabhängig von aller Beschaffenheit der Gegenstände des Wollens) ein Gesetz ist. Das Prinzip der Autonomie ist also: nicht anders zu wählen als so, daß die Maxime seiner Wahl in demselben Wollen zugleich als allgemeines Gesetz mitbegriffen seien."<107>

Der kategorische Imperativ bzw. die allgemeine Formel des kategorischen Imperativs lautet: "Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetz machen kann."

Und in Analogie zur Naturgesetzlichkeit, der allgemeinen Verknüpfung des Daseins der Dinge nach allgemeinem Gesetz, die das Formelle der Natur überhaupt ist: "Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen


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Naturgesetze werden sollte."<108>

Dieses Analogisieren, Rückbeziehen auf die Natur kann Kant offenbar ebenso wenig lassen wie Rousseau, wenn dies auch bei Rousseau in anderer Weise zutage tritt (Freiheit des Naturmenschen und Unterordnung unter den "volonté générale" wie unter ein Naturgesetz, was jedoch nicht Unfreiheit bedeutet). Daher besitzen auch bei Kant die Maximen "eine Form, welche in der Allgemeinheit besteht, und da ist die Form des sittlichen Imperativs so ausgedrückt: daß die Maxime so müssen gewählt werden, also ob sie wie allgemeine Naturgesetze gelten sollen."<109>

Daher stellen für Kant der freie, autonome Wille und der Wille der sich dem Sittengesetz unterwirft ein und derselbe dar.<110>

"Der Wille wird also nicht lediglich dem Gesetze unterworfen, sondern so unterworfen, daß er auch als selbstgesetzgebend und eben um deswillen allerst dem Gesetze (davon er sich selbst als Urheber betrachten Kann) unterworfen angesehen werden muß."<111>

Kants drittes Prinzip für das sittliche Handeln lautet folgendermaßen: "Keine Handlung nach einer anderen Maxime zu tun, als so, daß es auch mit ihr bestehen könne, daß sie ein allgemeines Gesetz sei, also nur so, daß der Wille durch seine Maxime sich selbst zugleich als allgemein gesetzgebend betrachten könne."<112>

Diese sittliche Freiheit gehört gleichsam dem Ding an sich, nicht der empirischen, sondern der intelligiblen Welt an. Mit der Unterscheidung von Ding an sich und Erscheinungen in der theoretischen Philosophie hat Kant bereits die Unterscheidung von autonomer Kraft des Verstandes (gegenüber den Erscheinungen) und die empirischen Erfahrungen, d.h. überhaupt die Möglichkeit einer autonomen Potenz des Menschen eingeführt. In der praktischen Philosophie fügt er diesem die autonome Potenz des freien Wollens und Handelns hinzu.

So wie die Verstandeskategorien a priori jenseits der empirisch erfahrbaren Welt angesiedelt sind, ist der freie Wille, welcher der naturgesetzlichen Kausalität "entrückt" (entzogen) ist, keine Erscheinung, die der empirischen Erfahrung, der Sinnlichkeit anheimgestellt und eben der empirischen Notwendigkeit unterworfen ist.

Er ist nicht frei von Notwendigkeit, ist der Notwendigkeit der Vernunft, der intelligiblen Notwendigkeit (Pflicht), dem kategorischen Imperativ zugeordnet. Die Freiheit stellt gleichsam ein Ding an sich dar, welches jedoch durch das Sittengesetz dem Menschen auch real, d.h. im sittlichen Handeln, zugänglich ist. Mit dem Sittengesetz verschafft sich die praktische Philosophie, das praktische Handeln einen Zugang zur Welt der Dinge an sich, die der theoretischen Vernunft, Philosophie verschlossen bleibt.

Besteht ein Sittengesetz für das praktische Handeln, so muß es einen freien Willen - als apriorischen Willen - geben. Die Trennung vom erfahrungsmäßig bestimmten, empirischen Handeln besteht fort in der Trennung zwischen empirischem und intelligiblem Dasein des Menschen. In der Möglichkeit und Notwendigkeit des freien Willens ist die Trennung für den Menschen aber auch praktisch aufgehoben.

Dass der sittlich Wille gut ist und der unsittliche (d.h. der, der nicht dem Sittengesetz folgt) schlecht wäre sinnlos, wenn der menschliche Wille nicht frei sein könnte, weil er der absoluten Naturnotwendigkeit unterworfen ist. Freiheit des Willens ist nicht wie die empirisch gegebene Welt erkennbar, sondern ein Postulat der praktischen Vernunft (eine notwendige Annahme, die empirisch nicht erwiesen werden kann).


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Die Trennung zwischen empirischem und geistigem Sein ist nun bereits eine andere als in der theoretischen Philosophie und darf nach Kant nicht für immer als Gegensatz bestehen bleiben. Sie werde tendenziell aufgehoben, beide Welten miteinander vereinbart im menschlichen Fortschrittsprozess, indem die Vernunft, resp. das sittliche Handeln in der Erfahrung, in der empirischen Welt zunehmend zur Geltung und Herrschaft gelangt, welches Kant als Bestimmung der menschlichen Gattung versteht. Mit anderen Worten: es soll bewirkt werden, dass Vernunft, resp. die Sittlichkeit zunehmend das Handeln und die Entwicklung der menschlichen Gattung bestimmt.

Kants Konzeption der Grundlegung einer Moralphilosophie, einer Metaphysik der Sitten erweist sich auch als Grundlegung einer Philosophie der Gesellschaft. Die Gesellschaft wird als ein Ganzes aller freien oder autonomen Subjekte oder Willen oder Zwecke in systematischer Verknüpfung, eine systematische Verbindung vernünftiger Wesen, Subjekte durch gemeinschaftliche objektive Gesetz, d.i. das Sittengesetz und Beziehung der Subjekte, resp. vernünftigen Willen, aufeinander postuliert- nur ein Ideal, als vernünftiges Sein bzw. als ein Sein der Vernunft, welches Kant als ein "Reich der Zwecke" bezeichnet.

"Ich verstehe", schreibt Kant, "aber unter einem Reiche die systematische Verbindung verschiedener vernünftiger Wesen durch gemeinschaftliche Gesetze. Weil nun Gesetze die Zwecke ihrer allgemeinen Gültigkeit nach bestimmen, so wird, wenn man von dem persönlichen Unterschiede vernünftiger Wesen, imgleichen allem Inhalte ihrer Privatzwecke abstrahiert, ein Ganzes aller Zwecke (sowohl der vernünftigen Wesen als Zweck an sich, als auch der eigenen Zwecke, die ein jedes sich selbst setzen mag), in systematischer Verknüpfung, d.i. ein Reich der Zwecke, gedacht werden können, welches nach obigen Prinzipien möglich ist."<113>

"Denn vernünftige Wesen stehen alle unter dem Gesetz, daß jedes derselben sich selbst und alle anderen niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandeln soll. Hierdurch aber entspringt eine systematische Verbindung vernünftiger Wesen durch gemeinschaftliche objektive Gesetze, d.i. ein Reich, welches, weil diese Gesetze eben die Beziehung dieser Wesen aufeinander als Zwecke und Mittel zur Absicht haben, ein Reich der Zwecke (freilich nur ein Ideal) heißen kann."<114>

Dieses Sein der Vernunft bedeutet bei Kant ein Sein aus und in der absoluten Autonomie und beinhaltet die Notwendigkeit und gesetzmäßige Bestimmtheit, die sich aus der unbedingten Notwendigkeit des Wesens der Vernunft ergeben.

Das Sein der Vernunft bedeutet zugleich Selbstzweck und gründet sich auf den Selbstzweck des menschlichen Seins, das seine Bestimmtheit und seinen unbedingten Sinn aus einem Bezug zum Wollen anderer oder aus anderen Determinanten oder Zwecken (Bedürfnissen, Interessen etc.) erhält. Dieses Sein der Vernunft bedeutet systematische Verknüpfung, eine Einheit in der Vielheit, worin die Existenz und Beschaffenheit des Einzelnen im sozialen Zusammenhang mit der Vielheit der anderen ausgedrückt sind.

Dieses Sein der Vernunft als gesellschaftliches Sein oder als ein Sein unter dem Sittengesetz ist bei Kant kein Bestandteil der empirischen Welt, sondern gehört gleichsam zum "Wesen der Dinge an sich", das der theoretischen Philosophie bzw.


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Vernunft verschlossen bleibt, und über das die theoretische Vernunft bzw. Wissenschaft keine Aussage treffen kann. Durch die praktische Vernunft, d.i. den sittlichen Glauben und das sittliche Handeln hat der Mensch, so Kant, dennoch Zugang zu diesen intelligiblen Wesen der Dinge an sich.

In seiner Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft schreibt er deshalb: "Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen..."<115> Sein Primat der praktischen Vernunft impliziert zugleich den Vorgang des praktischen Glaubens, d.i. des Glaubens an die Sittlichkeit, an die Moralität oder an die Vernunftidee und gibt diesem Glauben Vorrang vor der theoretischen Wissenschaft. Nur durch sittlichen Glauben und sittliches Handeln - nicht aber durch eine theoretische Wissenschaft - kann sich der Mensch nach Kant zum "höchsten Wesen" erheben.

Seine praktische Philosophie basiert schließlich nicht auf empirischen Tatsachen, sondern auf der Vernunftidee, d.i. der Würde des Menschen. Und ist quasi eine "Glaubenslehre", keine theoretische Wissenschaft.

Dieses Sein der Vernunft als gesellschaftliches Sein hat bei Kant den Status einer metaphysisch fundierten Erkenntnis und ist theoretisch, wissenschaftlich vollkommen "überschwenglich", hat aber trotzdem eine praktische Wirksamkeit, denn es gründet sich auf die Vernunftnatur des Menschen und ist der Ausdruck des gesellschaftlichen Wollens vernünftiger Wesen. Es ist gesellschaftlich an sich gut und reguliert das gesellschaftliche Verhalten der Menschen in der empirischen Welt. Dieses Sein der Vernunft als gesellschaftliches Sein stellt bei Kant gleichsam das Postulat der reinen praktischen Vernunft dar, eine Idee der reinen praktischen Vernunft, auf der sich die Menschen ihre Gesellschaft künftig gründen sollen.<116>

Hegels Konzept von der "Wirklichkeit der sittlichen Idee" (Staat), von Wirklichkeit und Vernunft des Staates, als in sich Vernünftiges und "Wirklichkeit der konkreten Freiheit"<117> sowie "Wirklichkeit des substantiellen Willens"<118>, welcher als Gesetz anzuerkennen und "ihm als der Substanz unseres eigenen Wesens" zu folgen, unsere Freiheit ausmacht, wird diesen kantischen Ansatz auf neue, eigentümliche Weise fortsetzen.


Fußnoten:

<58>

Höffe, O.: Klassiker der Philosophie. Beck-Verlag. München 1985, 17

<59>

Buhr, M./Irrlitz, G. In: Material zu Kants Rechtsphilosophie. Hrg. von Zwi Batsch. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main 1976, 106

<60>

Allgemeine Geschichte der Neuzeit. Hrg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Akademie-Verlag. Berlin 1986, 160

<61>

Descartes Konzeption

<62>

Im Wesentlichen unterscheidet Kant den Menschen von den anderen Naturwesen nicht durch seinen Verstand, also durch seine Fähigkeit, die Natur zu erkennen, zu beherrschen und sich anzueignen, sondern durch seine Vernunftpotenz, d.h. durch seine Anlage zum Vernunftsgebrauch, d.i. zum sittlichen Handeln, wenn er schreibt: "Der Verstand muß also bloß zur Natur gehören, und, wenn der Mensch bloß Verstand hätte, ohne Vernunft, und freien Willen, oder ohne Moralität, so würde er sich in nichts von den Tieren unterscheiden, und vielleicht bloß an der Spitze ihrer Stufenleiter stehen, da er hingegen jetzt, im Besitz der Moralität, als freies Wesen, durchaus und wesentlich von den Tieren unterschieden ist, auch von den klügsten (dessen Instinkt oft deutlicher und bestimmter wirkt, als der Verstand der Menschen) (Streit, 342 / A, 119) . Kant schreibt weiter: "Diese Moralität, und nicht der Verstand ist es also, was den Menschen erst zum Menschen macht."(Streit, 344 / A., 122).

<63>

Anthr, §1

<64>

Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Was ist Aufklärung? Aufsätze zur Geschichte und Philosophie. VR-Verlag. Göttingen 1985, 55

<65>

Streit, 342 / A, 119

<66>

"Was den Verstand betrifft, so ist dieser schon für sich durch seine Form auf diese Erdenwelt eingeschränkt; denn er besteht bloß aus Kategorien, d.h., Äußerungsarten, die bloß auf sinnliche Dinge sich beziehen können. Seine Grenzen sind ihm also scharf gesteckt. Wo die Kategorien aufhören, da hört auch der Verstand auf; weil sie ihn erst bilden und zusammensetzen."(Streit, 341 / A., 117). "Der Verstand muß also zur Natur gehören." (Streit, 342 / A, 119)

<67>

KrV, 30 / B, XXf.

<68>

"... teils erfordere ich zur Kritik der reinen praktischen Vernunft, daß, wenn sie vollendet sein soll, ihre Einheit mit der spekulativen in einem gemeinschaftlichen Prinzip zugleich müsse dargestellt werden können, weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann, die bloß in der Anwendung unterschieden sein muß." (GMS, 25 / A, 319)

<69>

KdU, 82 / B, XVIII

<70>

MdS, 335

<71>

"Der Mensch muß für zwei ganz verschiedene Welten bestimmt sein, einmal für das Reich der Sinne und des Verstandes, also für diese Erdenwelt; dann aber auch noch für eine andere Welt, die wir nicht kennen, für ein Reich der Sitten." (Streit, 341 / A, 117)

<72>

"Nun ist aber der Mensch nicht ein bloß vernünftiges, sondern zugleich ein sinnliches Wesen, nicht nur Mitglied der Verstandes-, sondern auch der Sinnenwelt..." (Gerhard, C.: Kants Lehre von der Freiheit. Ein Beitrag zur Lösung des Problems der Willensfreiheit. Heidelberg 1885, 10)

<73>

Anfang, 72

<74>

"Alle Imperative werden durch ein Sollen ausgedrückt und zeigen dadurch das Verhältnis eines objektiven Gesetzes der Vernunft zu einem Willen an, der seiner subjektiven Beschaffenheit nach dadurch nicht notwendig bestimmt wird (eine Nötigung). Sie sagen, daß etwas zu tun oder zu unterlassen gut sein würde, allein sie sagen es einem Willen, der nicht immer darum etwas tut, weil ihm vorgestellt wird, daß es zu tun gut sei. Praktisch gut ist aber, was vermittelst der Vorstellungen der Vernunft, mithin nicht aus subjektiven Ursachen, sondern objektiv, d.i. aus Gründen, die für jedes vernünftige Wesen als ein solches gültig sind, den Willen bestimmt." (GMS, 57 / A, 413f.)

<75>

GMS, 58f.

<76>

GMS, 61f. / A, 416

<77>

GMS, 68

<78>

GMS, 41ff.

<79>

MdS, 332 / B, 26f.

<80>

Ebenda.

<81>

GMS, 75

<82>

GMS, 77

<83>

Ebenda.

<84>

GMS, 79

<85>

GMS, 78

<86>

GMS, 79

<87>

GMS, 83

<88>

GMS, 84

<89>

Ebenda.

<90>

GMS, 85

<91>

GMS, 81f.

<92>

"Es ist nichts anders als die Persönlichkeit, d.i. die Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur, doch zugleich als ein Vermögen eines Wesens betrachtet, welches eigentümlichen, nämlich von seiner eigenen Vernunft gegebenen reinen praktischen Gesetzen, die Person also, als zur Sinnenwelt gehörig, ihrer eigenen Persönlichkeit unterworfen ist, so fern sie zugleich zur intelligiblen Welt gehört; da es denn nicht zu verwundern ist, wenn der Mensch, als zu beiden Welten gehörig, sein eigenes Wesen, in Beziehung auf seine zweite und höchste Bestimmung, nicht anders, als mit Verehrung und die Gesetze derselben mit der höchsten Achtung betrachten muß." (KpV, 140 / A, 154f.)

<93>

GMS, 87 / A, 438

<94>

KpV, 141 / A, 155

<95>

"Kants Menschheitsbegriff gehört in die praktische Philosophie, nicht in die Anthropologie: nicht als biologisches Gattungexemplar, sondern aufgrund seiner Vernunftnatur und der in ihr fundierten Persönlichkeit und Würde besitzt jeder Mensch eine angeborene Freiheit." (Kersting, W.: Wohlgeordnete Freiheit. Immanuel Kants Rechts- und Staatsphilosophie. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main 1993, 202f.)

<96>

MdS, 531 / A, 37f.

<97>

Immanuel Kant: Träume eines Geistersehers. In: Werkausgabe der Preußischen Akademie. Bd. II. Berlin 1900, 335.

<98>

Ebenda, 334

<99>

GMS, 34-35 / A, 397f.

<100>

GMS, 38 / A, 400

<101>

"...: eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes der Handlung ab, sondern bloß von dem Prinzip des Wollens, nach welchem die Handlung unangesehen aller Gegenstände des Begehrungsvermögens geschehen ist." (GMS, 37f. / A, 399f.)

<102>

"Es ist ihm Pflicht: sich aus der Rohigkeit seiner Natur, aus der Tierheit (quad actum), immer mehr zur Menschheit, durch die er allein fähig ist, sich Zwecke zu setzen, empor zu arbeiten: seine Unwissenheit durch Belehrung zu ergänzen und seine Irrtümer zu verbessern, und dieses ist ihm nicht bloß die technisch-praktische Vernunft zu seinen anderweitigen Absichten (der Kunst) anrätig; sondern die moralisch-praktische gebietet es ihm schlechthin und macht diesen Zweck ihm zur Pflicht, um der Menschheit, die in ihm wohnt, würdig zu sein. 2) Die Kultur seines Willens bis zur reinesten Tugendgesinnung, da nämlich das Gesetz zugleich die Triebfeder seiner pflichtmäßigen Handlungen wird, zu erheben und ihm aus Pflicht zu gehorchen, welches innere moralisch-praktische Vollkommenheit ist, die, weil es Gefühl der Wirkung ist, welche der in ihm selbst gesetzgebende Wille auf das Vermögen ausübt, danach zu handeln, das moralische Gefühl, gleichsam ein besonderer Sinn (sensus moralis), ist, der zwar freilich oft schwärmerisch, als ob er (gleich dem Genus des Sokrates) vor der Vernunft vorhergehe, oder auch ihr Urteil gar entbehren könne, mißbraucht wird, doch aber eine sittliche Vollkommenheit ist jeden besonderen Zweck, der zugleich Pflicht ist, sich zum Gegenstand zu machen." (MdS, 516f. / A, 15)

<103>

"Welches sind Zwecke, die zu Pflichten sind?: Sie sind: Eigene Vollkommenheit - Fremde Glückseligkeit." (MdS, 515 / A, 13)

<104>

"Die Antriebe der Natur enthalten also Hindernisse der Pflichtvollziehung im Gemüt des Menschen und (zum Teil mächtig) widerstrebende Kräfte, die also zu bekämpfen und durch die Vernunft, nicht erst künftig, sondern gleich jetzt (gleich mit dem Gedanken) zu besiegen er sich vermögend urteilen muß: nämlich das zu können, was das Gesetz unbedingt befiehlt, daß er tun soll." (MdS, 509 / A, 4)

<105>

"...:so ist die Freiheit, ob sie zwar nicht eine Eigenschaft des Willens nach Naturgesetzen ist, darum doch nicht gar gesetzlos, sondern muß vielmehr eine Kausalität nach unwandelbaren Gesetzen, aber von besonderer Art sein, denn sonst wäre ein freier Wille ein Unding." (GMS, 103 / A, 445)

<106>

KpV, §8

<107>

GMS, 95 / A, 440

<108>

GMS, 68

<109>

GMS, 62

<110>

GMS, 104 / A, 446f.

<111>

GMS, 82 / A, 431

<112>

GMS, 86 / A, 433f.

<113>

GMS, 85 / A, 433

<114>

GMS, 86f. / A, 433f.

<115>

KrV; 38 / B, XXXf.

<116>

"Übrigens bleibt die Idee einer reinen Verstandeswelt, als eines Ganzen aller Intelligenzen, wozu wir selbst als vernünftige Wesen (obgleich andererseits zugleich Glieder der Sinnenwelt) gehören, immer eine brauchbare und erlaubte Idee zum Behufe eines vernünftigen Glaubens, wenn gleich alles Wissen an der Grenze derselben ein Ende hat, um durch das herrliche Ideal eines allgemeinen Reichs der Zwecke an sich selbst (vernünftiger Wesen), zu welchem wir nur alsdann als Glieder gehören können, wenn wir uns nach Maximen der Freiheit, als ob sie Gesetz der Natur wären, sorgfältig verhalten, ein lebhaftes Interesse an dem moralischen Gesetze in uns bewirken." (GMS, 126 / A, 463)

<117>

Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrechts und Staatswissenschaft im Grundrisse. Hrg. von Bernhard Lakebrink. Reclam-Verlag. Stuttgart 1981, § 260

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Ebenda, § 258


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Fri Sep 20 15:07:56 2002