Saykham, Voladet: Das Menschenrecht bei Immanuel Kant

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Kapitel 6. Der historische Prozess als ein Prozess hin zur Verwirklichung des freien Daseins des Menschen

Der Ausgangspunkt für die Geschichts- und Gesellschaftsbetrachtung Kants ist die Trennung des Seins in zwei Welten, d.i. in eine subjektive und eine objektive Welt, in eine Welt der intelligiblen Freiheit und in eine Welt der Naturnotwendigkeit.

Diese zwei Welten sind nach Kant wesentlich zwei verschiedene Sphären der Gesetzgebungen und gesetzlichen Ordnungen, die neben einander bestehen. Sie sind also nach Kant dualistisch, weil sie unvermittelt neben einander bestehen und keine jegliche Beziehung auf einander haben und deren Vermittlung, Vereinheitlichung nur durch die systematisierende und regulierende Rolle des Subjekts und nur in der subjektiven Welt stattfinden kann.

Dieser Dualismus zweier Welten Kants liegt offensichtlich bereits in seiner erkenntnistheoretischen Philosophie vor, nämlich in der dualistischen Trennung zwischen den "unerkennbaren Dingen an sich" und den erkennbaren Erscheinungen, zwischen den zuerkennenden Erscheinungen und dem erkennenden Verstand etc.

Analog zu dem Dualismus zweier Welten werden die in der Erfahrungswelt gegebenen, empirischen Determinationen mit der Bestimmung des Subjekts, d.i. der intelligiblen Freiheit jedoch bei Kant nicht einfach eliminiert oder bedeutungslos. Sie werden ebenso wenig überwunden, wie die empirischen Tatsachen mittels des Verstandes überwunden werden können. Aber die empirischen Tatsachen werden durch aktive Tätigkeit des Verstandes in die Verstandesformen transformiert und erhalten dadurch ihre gesetzlichen Ordnungen und Zusammenhänge. Das mag geistige Anstrengungen und Disziplinen abverlangen, aber die empirischen Tatsachen, die Phänomene, unterordnen sich nicht einfach den gesetzlichen Ordnungen und Disziplinen des Verstandes, sondern sie leisten zugleich einen "aktiven Widerstand" gegen die Gesetzmäßigkeit des Verstandes. Sie sind offensichtlich keine selbständigen, selbständig handelnden Subjekte, sondern bloß auf die Sinne wirkende Agenten und können deshalb ihre gesetzlichen Prinzipien und ihre inneren Zusammenhänge nicht offenbaren.

Der Mensch ist nach Kant in seinem theoretischen Wissen sowie auch in seinem praktischen Handeln im Bereich zweier Welten angesiedelt. Zum einen ist er ein Bewohner und Bürger der empirischen Welt und dadurch von den empirischen Bestimmungen und Determinationen abhängig, die in der Natur und Gesellschaft vorliegen. Zum anderen ist der Mensch auch nach Kant ein Bewohner und Bürger der intelligiblen Welt, wo er frei und selbstverantwortlich für sein Denken und Handeln ist, sich aber jedoch vom Gesetz des sittlichen Wollens und Handelns leiten lassen muss.

Die zwei Welten sind also zwei Gesetzgebungen und zwei gesetzliche Ordnungen, die das Leben der Menschen beherrschen, bestimmen. Sie liegen dem menschlichen Wesen zugrunde.

Beide Welten befinden sich in einem ständigen Kampf. Die Realisierung des Gesetzes des sittlichen Wollens und Handelns stößt aber auf den aktiven Widerstand des Empirischen, des Sinnlichen, d.i. der sinnlichen Antriebe, Existenzbedürfnisse, Forderungen etc.

Somit kann sich das Grundgesetz des sittlichen Wollens und Handelns nur in einem kontinuierlichen Prozess realisieren und ihrer Bestimmung annähern.

Dieser Prozess der Vermittlung und Vereinheitlichung der subjektiven und objektiven Welt ist bei Kant ein historischer Prozess, ein Schema, der allerdings nicht empirisch gegeben ist, sondern von der Vernunft des Menschen konzipiert, konstituiert und gegeben ist.


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Die Geschichtsphilosophie Kants ist keine bloße Abhandlung, Untersuchung, Beschreibung oder Wiederspiegelung, wie die Geschichte oder der historische Prozess real abläuft, sondern vielmehr eine Konzipierung eines allgemeinen Grundsatzes, eines allgemeinen Prinzips, Begriffes oder einer allgemeinen Idee, wonach der Mensch seine Geschichte erzeugen kann und soll. Darin besteht auch nach Kant die Sittlichkeit einer Handlung.

Es geht also in der Geschichtsphilosophie Kants um die Begründung eines allgemeinen Prinzips, Begriffes oder einer allgemeinen Idee, die die beiden getrennten Welten mit einander verknüpft, verbindet oder vereinheitlicht, d.h. aus der "Zweiheit" und "Beziehungslosigkeit" der neben einander bestehenden Welten eine "einheitliche Welt" bildet.

Den historischen Prozess als einen Prozess zur Verwirklichung der Vernunftidee (im allgemeinen Sinne) und des freien Daseins des Menschen (im gesellschaftlichen und politischen Sinne) zu formulieren, aufzufassen oder zu begreifen, bedeutet deshalb bei Kant eine Formulierung eines allgemeinen Grundsatzes der geschichtlichen Entwicklung, des historischen Fortschrittes.

Dieser allgemeine Grundsatz des historischen Fortschrittes drückt bei Kant keinen real laufenden Prozess der geschichtlichen Entwicklung aus, sondern vielmehr eine apriorische Form, die den real laufenden Prozess der geschichtlichen Entwicklung, des historischen Fortschrittes formiert.

Dieser allgemeine Grundsatz der geschichtlichen Entwicklung, des historischen Fortschrittes resultiert bei Kant nicht aus der Erfahrung, empirischen Beobachtung, den Lebensgewohnheiten etc. eines bestimmten Individuums oder eines bestimmten Volkes, sondern ist a priori in der Vernunft des Menschen gegeben.

Dieser allgemeine Grundsatz des historischen Fortschrittes ist also nach Kant nicht in der Erfahrung gegeben, sondern von der Vernunft des Menschen a priori konzipiert und gegeben. Er gilt deshalb nach Kant als ein allgemeingültiger und notwendiger Grundsatz der geschichtlichen Entwicklung, des historischen Fortschrittes, der dem allgemeingültigen und notwendigen Grundsatzes des Verstandes (den Verstandeskategorien) bzw. dem allgemein geltenden Prinzip des sittlichen Wollen und Handelns, dem Sittengesetz, dem kategorischen Imperativ analog ist.

Der Unterschied zwischen dem Grundsatz des reinen Verstandes und dem Grundgesetz des historischen Fortschrittes besteht bei Kant aber darin, dass das Grundgesetz des historischen Fortschrittes eine apriorische Verknüpfungsgesetzmäßigkeit ist, die die zwei Welten. d.i. subjektive und objektive oder intelligible und empirische Welt verknüpft, verbindet, vereinheitlicht, d.h. aus dieser "Zweiheit" und "Beziehungslosigkeit" beider Welten eine "einheitliche Welt" bildet, nicht wie der Grundsatz des reinen Verstandes als Grundsatz oder Regeln des Verstandes, wonach der Verstand die Mannigfaltigkeit und zusammenhanglose Vielheit der Wahrnehmungsinhalte formiert, richtet.

Das eine - das Grundgesetz des reinen Verstandes - dient der Systematisierung, Vereinheitlichung und Ordnung der Wahrnehmungsinhalte, der empirischen Phänomene. Das andere - das Prinzip des historischen Fortschrittes ist hingegen eine Idee, ein Schema, das die objektive Welt mit der subjektiven Welt verbindet, verknüpft, d.h. aber so verbindet, dass die Vereinigung der objektiven mit der subjektiven Welt in der subjektiven Welt stattfinden kann.

Dieser Unterschied zwischen dem Grundgesetz des reinen Verstandes und dem des historischen Fortschrittes ist allerdings nicht so sehr gravierend, denn sie haben eine verbindende Gemeinsamkeit, einen einheitlichen Grund, der sie konzipiert oder begrifflich fixiert.


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Alle Gesetze, Prinzipien und Ideen gehen nach Kant vom Subjekt aus. Sie sind wesentlich das Resultat der aktiven Tätigkeit des Subjekts. Im Subjekt liegt also ihre einheitliche Quelle.

Worin besteht aber nun die inhaltliche Forderung dieses allgemeingültigen, apriorischen Grundsatzes des historischen Fortschrittes bei Kant?, was bedeutet die Formulierung, begriffliche Fixierung des historischen Prozesses als Prozess zur Verwirklichung der Vernunftidee?

Dies bedeutet eine Herausforderung, dass das real Bestehende, empirisch Gegebene seine Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit relativieren und sich dem allgemeinen, allgemeingültigen Prinzip des historischen Fortschrittes, das in der Vernunft des Menschen gegeben ist, unterordnen soll bzw. muss, d.h. es soll bzw. muss fortschreitend sein, kontinuierlich reformiert, entwickelt und verbessert werden. Dieser Fortschritt, dieser Reformprozess richtet sich nach Kant nach der Idee der reinen Vernunft.

In der Wissenschaft, in der Theorie beinhaltet diese Forderung dieses allgemeinen Prinzips des historischen Forschrittes eine Herausforderung nach einem Forschreiten zur Rationalität. Im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen bedeutet der Fortschritt bei Kant ein Fortschreiten zur Verwirklichung des freien Daseins des Menschen, einer vernünftigen Sozialordnung, die dem freien Willen des Menschen entspricht.

Eines der wesentlichen Merkmale dieses apriorischen Grundsatzes des historischen Fortschrittes Kants besteht darin, dass er einen Prozess, eine kontinuierliche Bewegung und Veränderung, keine abstrakte Beharrlichkeit der Realität, des realen Seins, auch keinen abstrakten, radikalen Umwälzungsmoment beinhaltet. Das real Bestehende, empirisch Gegebene in einen Reformprozess, in eine kontinuierliche Bewegung und Veränderung zu setzen, ist eine der zentralen Forderungen Kants.

Kant ist dadurch ein Philosoph, der nicht nur einen Fortschritt in der Philosophie, in der menschlichen Kultur erzeugt, sondern zugleich ein Philosoph, der das Fortschreiten, einen Prozess oder eine Kontinuität zur Grundlegung seiner Philosophie erhebt.

Der Fortschritt, die kontinuierliche Bewegung oder Veränderung ist also ein grundlegendes Prinzip, welches im ganzen System der kantischen Philosophie zugrunde liegt, in seiner Erkenntnislehre, in seiner Moralphilosophie sowie auch in seiner Rechts- und Staatsphilosophie. Kant gilt deshalb auch als ein Begründer eines Reformprozesses, der seinen Umfang, seine Dauer und seine Grenze nicht offenbart, nicht bekannt gibt.

Der oben angeführte Widerstreit zwischen Vernunft und Natur, d.i. der intelligiblen Freiheit und der Naturnotwendigkeit, drückt sich bei Kant also auch im menschlichen Wesen bzw. im Prozess der menschlichen Zivilisation, der Vergesellschaftung der Menschen als Widerspruch zwischen der sich auf der Vernunftidee gründenden und der real bestehenden, empirisch bedingten Sozialordnung, aus.

Er (der Mensch) befindet sich bei Kant also nach Kant gleichsam in einem Kreuzungspunkt, in dem die Naturnotwendigkeit und die intelligible Freiheit aufeinandertreffen. Im Zusammenhang mit diesem doppelt bestimmten, widersprüchlichen Wesen des Menschen kommt Kant oft auf die Unterscheidung zwischen Instinkt und Vernunft zurück. Letztere zeichnet für ihn den Menschen gegenüber dem Tier aus, sie befähige ihn, sowohl instinkt- als auch vernunftgemäß zu


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handeln. Er verkörpert in sich den Widerspruch zwischen beiden; ist und bleibt ein zur Vernunft fähiges Tier; obgleich er in einem längeren Prozess aus der Naturrohheit in die menschliche Gesellschaft übergegangen ist.

Die Natur hat also nach Kant "in uns zwei Anlagen zu zwei verschiedenen Zwecken" gegründet, "nämlich der Menschheit als Tiergattung, und eben derselben als sittlicher Gattung..."<173> Und so gibt es einen Widerstreit zwischen dem im Menschen angelegten Naturzweck und den Sitten, so dass jener den Sitten und diese dem Naturzweck Abbruch tun.

Kant verharrt jedoch nicht auf diesem Standpunkt, sondern geht weiter und höher. Er behauptet in seiner "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht", dass die Natur gewollt habe, "daß der Mensch alles, was über die mechanische Anordnung seines tierischen Daseins geht, gänzlich aus sich selbst herausbringe, und keiner anderen Glückseligkeit oder Vollkommenheit teilhaftig werde, als die er sich selbst, frei von Instinkt, durch eigene Vernunft, verschafft hat."<174>

Der Unterschied zwischen Instinkt und Vernunft markiert für Kant die Differenz zwischen Tier und Mensch, dies bedeutete jedoch nicht, dass der Mensch keinen Instinkt mehr habe. Der Mensch ist bei Kant keinesfalls aus der äußeren und inneren, der natürlichen und sozialen Gesetzlichkeit entlassen. Er vermag diese empirische Bestimmtheit jedoch zu überwinden und sich selbst zum Vernunftwesen zu entwickeln, d.h. sich in zunehmende Übereinstimmung mit dem Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft zu bringen. Und darin, in der Vernunft liegt nach Kant die wesentliche Bestimmung des Menschen an sich.

Obgleich in der Tradition der Aufklärung stehend, sind bei Kant weder das bloße Naturgesetzliche (Naturrecht), noch das entsprechend der Vernunft allein Notwendige jeweils für sich genommen Ausgangspunkte. Trotz der Bestimmung des menschlichen Wesens als eines widersprüchlichen Wesens, welches den Widerspruch zwischen der empirischen Existenz und Vernunftidee in sich verkörpert, geht die Moraltheorie, die Ethik Kants, i. d. seine Konzeption der praktischen Vernunft davon aus, dass der Mensch vor allem ein Vernunftwesen ist und in dieser seiner Bestimmtheit, also in seinem sittlichen Wollen und Handeln nicht durch empirische Determinanten, sinnlich bestimmte Interessen, Trieben etc. bestimmt ist bzw. bestimmt sein darf, sondern nur durch ein allgemeines Vernunftgesetz. Jegliche - konkrete - inhaltliche Bestimmtheit des Wollens hat empirischen Charakter oder ist empirischer Herkunft. Daher kann das Gesetz der praktischen Vernunft nur als Form einer allgemeinen Gesetzgebung gedacht werden.<175>

Die Vernunft hebt den Menschen aus der Vormundschaft der Natur heraus, versetzt ihn damit aber nicht in die Geborgenheit eines idealen Vernunftreiches, sondern in Widerspruch mit sich selbst, da sich in ihm Instinkt und Vernunft im Widerstreit befinden.

Dieser Widerstreit zwischen den im Menschen angelegten Kräften der Vernunft und des Instinktes bedingt auch den Widerstreit zwischen den Menschen. Getrieben von instinkthafter Neigung, von Habsucht, Herrschsucht und Eitelkeit (Rousseau) erkämpft sich der Einzelne eine Position in der Gesellschaft, die ihm zugleich widerstrebt. Er ringt um eine bestimmte Stellung unter seinen Mitmenschen, die er nicht leiden mag, von denen er aber auch nicht lassen kann, weil er ohne sie nicht auszukommen vermag.

Dieser Widerstreit, die "ungesellige Geselligkeit" ist gleichsam eine weise Einrichtung der Natur. Denn: Ein Leben in vollkommener Harmonie und Eintracht unter den


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Menschen, in Enthaltsamkeit und Genügsamkeit sowie wechselseitiger Liebe wäre nicht geeignet, die Anlagen des Menschen, seine Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Die Menschen blieben einfältig und gutartig wie Schafe und hätten auch kein würdigeres Dasein als Haustiere.

Der Mensch will Eintracht, doch die Natur weiß besser, was für das Menschengeschlecht gut ist, und setzt Zwietracht.

Diese Zwietracht, die mit dem "Ausgang aus dem Paradies", aus der "Vormundschaft der Natur" in den Stand der Freiheit erwächst, stellt eine wesentliche Triebkraft für den Fortschritt des Menschengeschlechts dar.

In seiner "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" schreibt Kant: "Das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen zu Stande zubringen, ist der Antagonism derselben in der Gesellschaft sofern dieser doch am Ende die Ursache einer gesetzlichen Ordnung derselben wird."

"Ich verstehe" - fährt Kant fort - "hier unter dem Antagonism die ungesellige Geselligkeit der Menschen; d.i. den Hang derselben, in Gesellschaft zu treten, der doch mit einem durchgängigen Widerstande, welcher die Gesellschaft beständig zu trennen droht, verbunden ist. Hierzu liegt die Anlage offenbar in der menschlichen Natur. Der Mensch hat eine Neigung, sich zu vergesellschaften; weil er in einem solchen Zustande sich mehr als Mensch; d.i. die Entwicklung seiner Naturanlagen fühlt. Er hat aber auch einen großen Hang, sich zu vereinzeln (isolieren); weil er in sich zugleich die ungesellige Eigenschaft antrifft, alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen und daher allerwärts Widerstand erwartet, so wie er von sich selbst weiß, daß er seinerseits zum Widerstand gegen andere geneigt ist."<176>

Der Antagonismus als Grundlage des Fortschritts des Menschengeschlechts, der menschlichen Gattung liegt im widersprüchlichen Wesen des Menschen selbst, das Kant als "ungesellige Geselligkeit" zusammenfasst.

Die Bestimmung der menschlichen Gattung bestehe "in nichts als im Fortschritt zur Vollkommenheit"<177>.

Für die Gattung ist dies "ein Fortschritt von Schlechteren zum Besseren"; für das Individuum jedoch noch nicht das Gleiche: Mit der nun erwachsenden Vernunft müssten auch Übel und Laster entstehen, die dem Stande der Unschuld und Unwissenheit fremd waren. Vom Standpunkt der Sittlichkeit war also der Ausgang aus dem Naturzustand und der Übergang zum Kulturzustand zunächst ein (Sünden-)"Fall"<178> - ähnlich wie bei Rousseau.

Da der Mensch auch ein Instinktwesen ist und die nun gewonnene Freiheit zum eigenen Vorteil gegen andere missbrauchen konnte, stand er "gleichsam am Rande eines Abgrundes; denn aus einzelnen Gegenständen seiner Begierde, die ihm bisher der Instinkt angewiesen hatte, war ihm eine Unendlichkeit derselben eröffnet, in deren Wahl er sich noch gar nicht zu finden wußte; und aus diesem einmal gekosteten Stand der Freiheit war es ihm gleichwohl jetzt unmöglich in den der Dienstbarkeit (unter der Herrschaft des Instinkts) wieder zurück zu kehren."<179>

Kurzum, es fehlt ihm für die instinkthaften, empirischen Begierden und Neigungen und angesichts dessen, dass er nur von sich als Individuum ausgeht ("alles bloß nach seinem Sinne richten" will) die vernünftige Orientierung, seine Wahlfreiheit richtig, menschenwürdig zu nutzen.

Im Verlauf dieses Prozesses "entdeckt" er "in sich ein Vermögen, sich selbst eine Lebensweise auszuwählen und nicht gleich anderen Tiere an eine einzige gebunden zu


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sein."<180>

Durch diese reale, nicht bloß ideelle oder vorgestellte Freiheit, unterscheidet er sich zunächst von den Tieren.<181>

Wenn der Mensch nun in den "Stand der Freiheit" eintritt, ist dieses nicht nur Freiheit von der Natur, sondern auch als Freiheit gegenüber seinen Mitmenschen und daher als Möglichkeit des Missbrauchs und des Bösen gekennzeichnet.

"Die Geschichte der Natur fängt also von Guten an, denn sie ist das Werk Gottes; die Geschichte der Freiheit vom Bösen, denn sie ist Menschenwerk."<182>

"Mit dieser Epoche fingt auch die Ungleichheit unter den Menschen, diese reiche Quelle so vieles Bösen, aber auch alles Guten, an und nahm fernerhin zu."<183>

Schließlich begrifft der Mensch - zunächst nur dunkel, "er sei eigentlich der Zweck der Natur"<184>- schreibt Kant in seinem "Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte".

Und in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten behauptet er: "...der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen sowohl auf sich selbst als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden."<185>

Das ist ein weiterer Aspekt seines Unterschieds zum Tier - ein "Vorrecht" seiner Natur über alle Tiere, als seinem Willen überlassene Mittel und Werkzeuge zur Einrichtung seiner beliebigen Absicht,<186> was umgekehrt bedeutet, dass ein solcher Status des Menschen nur tierhaft ist.

Deshalb schreibt Kant weiter: "Diese Vorstellung schließt (wiewohl dunkel) den Gedanken des Gegensatzes ein: daß er sich so etwas zu keinem Menschen sagen dürfe, sondern diesen als gleichen Teilnehmer an den Geschenken der Natur anzusehen habe:..."<187>

Das erfordert "Einschränkung", die die Vernunft dem Willen in Ansehung seines Mitmenschen auferlegen sollte. Diese ist - in Anspielung auf Rousseau - weit mehr als Zuneigung und Liebe zur Einrichtung einer Gesellschaft notwendig.<188>

Dass der "Mensch als Zweck an sich selbst" begriffen wird, ist eine oder sogar die wesentliche inhaltliche Bestimmung des Sittengesetzes als Grundsatz der reinen praktischen Vernunft, mit dem sich die Vernunft des Menschen selbst das Gesetz bzw. den Zweck seines sittlichen Handelns gibt.

In dieser Bestimmung des Menschen ist das Sittengesetz formuliert von Kant im "Formalismus" des kategorischen Imperativs, d.i. in einer Allgemeinheit, die nicht in konkreten, inhaltlichen Forderungen zu "disaggregieren", aufzugliedern ist, verankert.

Hier liegt eine oder die wesentliche Basis für das Sittengesetz als kategorischer Imperativ und für die Allgemeinheit seiner Fassung durch Kant. Das soll auch die unbedingte Allgemeingültigkeit des Grundsatzes, dass der Mensch "Zweck an sich selbst" ist, herausstellen. Hier schließt sich der Kreis zwischen dem Menschenbild Kants und dem Sittengesetz als kategorischer Imperativ.

Kant schreibt weiter: "Und so war der Mensch in eine Gleichheit mit allen vernünftigen Wesen, von welchem Range sie auch sein mögen, getreten: nämlich, in Ansehung des Anspruchs, selbst Zweck zu sein, von jedem anderen auch als ein solcher


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geschätzt und von keinem bloß als Mittel zu anderen Zwecke gebraucht zu werden."<189>

Hierin und nicht in der Vernunft, die bloß als ein Werkzeug zur Befriedigung der mancherlei Neigungen betrachtet wird, liegt der Grund der so unbeschränkten Gleichheit des Menschen selbst mit höheren Wesen, die ihm an Naturgaben sonst überlegen sein könnten, von denen jedoch keines darum ein Recht hat, über ihn nach bloßem Belieben zu verfügen.<190>

Diese Ambivalenz ist gewissermaßen die Problematik der Freiheit oder des "freien Daseins" des Menschen bei Kant: "Für das Individuum, welches im Gebrauche seiner Freiheit bloß auf sich selbst sieht, war, bei einer solchen Veränderung, Verlust; für die Natur, die ihren Zweck mit dem Menschen auf die Gattung richtet, war sie Gewinn."<191> - So beantworte Kant die in Anlehnung an Rousseau (Gesellschaftsvertrag) gestellte Frage, ob der Mensch beim Heraustreten aus der "Vormundschaft der Natur" in den "Stand der Freiheit" gewonnen oder verloren habe.

Eigentlich ist dies für Kant gar nicht die entscheidende Frage, denn die Bestimmung der Gattung besteht für ihn "im Fortschreiten zur Vollkommenheit."<192>

Das Individuum habe daher Grund, "alle Übel, die es erduldet, und alles Böse, das es verübt, seiner eigenen Schuld zuzuschreiben, zugleich aber auch als ein Glied des Ganzen(einer Gattung)die Wesenheit und Zweckmäßigkeit der Anordnung zu bewundern und zu preisen."<193>

"Alle Kultur und Kunst, welche die Menschheit zieret, die schönste gesellschaftliche Ordnung, sind Früchte der Ungeselligkeit, die durch sich selbst genötigt wird, sich zu disziplinieren, und so, durch abgedrungene Kunst, die Keime der Natur vollständig zu entwickeln."<194>

Und in seiner "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" im zweiten Satz schreibt Kant: "Am Menschen (als dem einzigen vernünftigen Geschöpf auf Erden) sollten sich diejenigen Naturanlagen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, nur in der Gattung, nicht aber im Individuum vollständig entwickeln. Die Vernunft in einem Geschöpfe ist ein Vermögen, die Regeln und Absichten des Gebrauches aller seiner Kräfte weit über den Naturinstinkt zu erweitern und kennt keine Grenze ihrer Entwürfe."<195>

Kant meint somit nicht, dass bei jedem einzelnen Individuum ein vernünftiger Zweck seines Handelns vorausgesetzt werden könne. Vielmehr seien sinnliche Antriebe und Neigungen, Habsucht, Herrschsucht, Bosheit etc. viel öfter zu beobachtende Motive des Handelns. Dennoch sei aber, wenn man von solchen besonderen Motiven absehe, im allgemeinen Verlauf der Geschichte ein für das gesamte Menschengeschlecht bindender (Natur-) Zweck zu konstatieren.

Die auf den Vernunftgebrauch gerichteten Naturanlagen entfalten sich vollständig nur in der Gattung, und zwar in einem gleichsam unendlichen Prozess in der Abfolge zahlloser Generationen und begünstigt durch Überlieferung der Regeln des Vernunftgebrauchs. In einem asymthotisch verlaufenden Progressus entfalten sich diese Gattungspotenzen resp. das Gattungswesen des Menschen.

Die scheinbar widerstreitende Behauptung Rousseaus (von der natürlichen Einheit des Menschen mit sich und seiner natürlichen Freiheit einerseits und seiner Entfremdung von sich in der Gesellschaft, dass er durch die Vergesellschaftung "böse" werde, anderseits, die Dialektik zwischen Vergesellschaftung des naturursprünglichen


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Einzelwesens in der bürgerlichen Gesellschaft und seiner erneuten isolierenden Partikularisierung sowie schließlich deren Aufhebung in der Republik Rousseaus) lassen sich - so Saykham- mit der Vernunft in Übereinstimmung bringen. Er (Rousseau) zeige damit ganz richtig den unvermeidbaren Widerstreit der Kultur mit der Natur des menschlichen Geschlechts, d.h. des menschlichen Geschlechts als einer physischen Gattung, in welcher das Individuum seine Bestimmung ganz erreichen sollte und wie die Kultur fortschreiten müsse, um die Anlagen der Menschheit als einer sittlichen Gattung ihrer Bestimmung gemäß zu entwickeln, so dass diese jener als Naturgattung nicht mehr widerspreche.<196>

Die Natur hat also "in uns zwei Anlagen zu zwei verschiedenen Zwecken"<197> gegründet, somit gibt es einen Widerstreit zwischen im Menschen angelegten Zwecken. Von diesem Standpunkt des mit sich selbst im Widerstreit liegenden Wesen des Menschen setzt Kant fort: "...die Natur hat gewiß nicht Instinkte und Vermögen in lebende Geschöpfe gelegt, damit sie solche bekämpfen und unterdrücken sollten. Also war die Anlage derselben auf den gesitteten Zustand gar nicht gestellt, sondern bloß auf die Erhaltung der Menschengattung als Tiergattung; und der zivilisierte Zustand kommt also mit dem letzten in unvermeidlichen Widerstreit, den nur eine vollkommene bürgerliche Verfassung (das äußerste Ziel der Kultur) heben könnte, da jetzt jener Zwischenraum gewöhnlicherweise mit Lastern und ihrer Folge, dem mannigfaltigen menschlichen Elende, besetzt wird."<198>

Daher ist die Einrichtung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt. "Da nur in der Gesellschaft und zwar derjenigen, die die größte Freiheit, mithin einen durchgängigen Antagonismus ihrer Glieder, und doch die genaueste Bestimmung und Sicherung der Grenzen dieser Freiheit hat, damit sie mit der Freiheit anderer bestehen könne, - da nur in ihr die höchste Absicht der Natur, nämlich die Entwicklung aller ihrer Anlage in der Menschheit erreicht werden kann..."<199>

Die Natur wolle, "daß sie (die Menschen, die Gattung) diesen, sowie alle Zwecke ihrer Bestimmung, sich selbst verschaffen soll."

"...: so muß eine Gesellschaft, in welcher Freiheit unter äußeren Gesetzen im größtmöglichen Grade mit unwiderstehlicher Gewalt verbunden angetroffen wird, d.i. eine vollkommen gerechte bürgerliche Verfassung, die höchste Aufgabe der Natur für die Menschengattung sein; weil die Natur nur vermittelst der Auflösung und Vollziehung derselben ihre übrigen Absichten mit unserer Gattung erreicht werden kann."<200>

Ziel ist also eine rechtliche bürgerliche Gesellschaft, die ihren Mitgliedern größtmögliche Freiheit einräumt, die ihre Grenze dort hat, wo sie mit der Freiheit der anderen in Konflikt gerät, eine Freiheit, die mit der der anderen zusammenbestehen kann.

Das antagonistische Verhalten und Handeln der Einzelnen, d.h. ihr privater, individueller Wille wird nicht aufgehoben oder bedeutungslos, er ist vielmehr mit der Freiheit verbunden und muss daher durch äußere Gesetze, die Rechtsgesetze, eingeschränkt werden, damit die Freiheit aller nebeneinander möglich sein kann.

Die Schaffung einer das Recht verwaltenden Gesellschaft ist die schwierigste Aufgabe für das Menschengeschlecht, denn der Mensch hat aufgrund seiner tierischen Anlage "einen Herrn nötig". "Denn er mißbraucht gewiß seine Freiheit in Ansehung anderer


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seinesgleichen und ob er gleich, als vernünftiges Geschöpf, ein Gesetz wünscht, welches der Freiheit aller Schranken setze, so verleitet ihn doch seine selbstsüchtige tierische Neigung, wo er darf, sich selbst auszunehmen".

Als Vernunftwesen also fordert und schafft er Gesetze, die die Willkür der Einzelnen begrenzen und dadurch die Freiheit aller nebeneinander ermöglicht. Die selbstsüchtige tierische Neigung jedoch treibt ihn dazu, für sich selbst eine Ausnahme zu machen. Das gilt auch für den Herrn, der "ebensowohl ein Tier" ist, das einen Herrn nötig hat. Denn jeder, der Macht hat, wird immer seine Freiheit missbrauchen, wenn er keinen anderen über sich hat, der gemäß den Gesetzen über ihn Gewalt ausübt, d.i. seine Handlung zum allgemeingültigen Willen hinlenkt.

Diese Aufgabe ist daher die schwerste von allen, ja ihre vollkommene Lösung ist unmöglich, aus so krummem Holze, wie der Mensch gemacht ist, kann nicht vollkommen gerade gezimmert werden. Nur Annäherung an diese Idee ist uns von der Natur gegeben.<201>

Den Widerstreit zwischen dem allgemeinen, d.i. allgemeingültigen Willen und dem partikularisierten, sinnlich motivierten Willen der einzelnen Individuen löst Kant in einem Dualismus auf, der dem Dualismus der menschlichen Natur entspricht. Angesichts der Zuordnung des allgemeinen Willens zum Reich des Sittlichen ist der allgemeine Wille bei Kant gleichsam ein Postulat der praktischen Vernunft, das den sinnlich motivierten Willen der Individuen formiert, resp. als eine Herausforderung, ein Sollen gegenübertritt.

Nicht durch äußeren Zwang des die Gesellschaft repräsentierenden allmächtigen "Leviathan" (Hobbes: Staat), der die allgemeine Selbsterhaltung garantiert, auch nicht durch die freie Hingabe der Einzelnen an die Gesellschaft wird der oben genannte Widerspruch/Widerstreit zwischen dem Allgemeinen und Besonderen bei Kant gelöst, sondern durch die eigene, selbstbestimmte Aktivität, das autonome Handeln nach dem Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft, dem Sittengesetz, also direkt durch das sittliche Handeln, und zwar tendenziell, vermittelt durch die ständige Forderung der Pflicht in einem unendlichen Prozess; gleich einer asymthotischen Bewegung.

Diese sich auf dem freien Dasein des Menschen gründende Gesellschaft, die vollkommen gerechte bürgerliche Gesellschaft ist bei Kant gleichsam eine Vernunftidee, ein Sollen, das dem intelligiblen Wesen des Menschen entspricht, eine Vernunftidee, die dem Wesen der Dinge an sich angehörig ist und im menschlichen Wesen nie (ganz) erreicht werden kann.

Darin besteht auch der Skeptizismus, Relativismus der Gesellschafts- und Geschichtsphilosophie Kants, der offensichtlich bereits in seiner Erkenntnislehre und Ethik vorliegt. In der Erkenntnislehre vermag der Mensch nach Kant nicht, die Dinge an sich zu erkennen. In der Ethik ist er nicht in der Lage, den vollkommen sittlichen Zustand zu erreichen, wo er nur das Gute will und das Gute ohne inneren Widerspruch tut. Im äußeren Prozess seiner Kultur erreicht der Mensch nach Kant parallel dazu keine "vollkommen gerechte bürgerliche Verfassung", welche seinem intelligiblen Wesen entspricht. Der Mensch ist und bleibt nach Kant ein relatives Wesen, welches im Bereich zwischen den dem Reich der Vernunft und dem Reich des Sinnlichen lebt.

Dieser historische Prozess, der Prozess der menschlichen Zivilisation ist bei Kant - wie in seiner Erkenntnislehre bzw. Ethik - ein unendlicher Prozess. Er führt nicht zu einer vollkommenen bürgerlichen Gesellschaft und Rechtsordnung. Diese vollkommene bürgerliche Gesellschaft und Rechtsordnung ist bei Kant gleichsam eine Idee der Vergesellschaftung der Menschen, die den realen Prozess der Vergesellschaftung zweckmäßig reguliert.


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Dieser Dualismus zweier Welten, d.i. zwischen Dingen an sich und Erscheinungen, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen der intelligiblen Freiheit und der Naturnotwendigkeit ist bei Kant nicht gelöst und somit ewig bewahrt. Nur die Annäherung an seine Auflösung ist für den Menschen nach Kant möglich.

Er wird jedoch später von einem "Nachfolger", Johann Gottlieb Fichte aufgehoben, überwunden, indem dieser alle Momente in ein absolutes Subjekt verlegt. Fichte bezeichnet seine Philosophie als "das erste System der Freiheit", welches, wie die Französische Revolution von 1789, den Menschen von äußeren Ketten, von den Fesseln der Dinge an sich losreißt und ihn in seinem ersten Grundsatz als freies Wesen hinstellt.

Nicht wie bei Kant sollen z.B. Instinkt und Vernunft durch das sittliche Verhalten vereinbar gemacht werden, indem in einem gleichsam asymptotischen Prozess das Sittengesetz verwirklicht wird, sondern: die verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten (Vermögen) sind Momente eines mit sich identischen Subjekts; und zwar von vornherein. Das Subjekt wird bei Fichte zum schöpferischen, autonomen Subjekt aufgehoben, d.h., um erkennen und handeln zu können, muss sich das apriorische Subjekt bei Fichte nicht auf das Empirische beziehen, sondern von sich selbst ausgehen. In ihm selbst ist die Quelle der Wahrheit und des Guten.

Dies stellt gegenüber der Einstellung und Position des Menschen in der transzendentalen Philosophie Kants eine neue Bestimmung der menschlichen Subjektivität dar - eine neue Sicht, eine neue "Entwicklungsstufe" des Selbstbewusstseins des Menschen, des intelligiblen Ichs.

Was sich bei Kant in der Trennung von Sein und Sollen, von Objekt und Subjekt darstellt, wird bei Fichte im Subjekt vereint bzw. geht aus diesem mit sich identischem Subjekt hervor und muss daher auf dieses absolute Subjekt zurückgeführt werden.

"Die letzte Bestimmung aller endlichen vernünftigen Wesen ist ... absolute Einheit, stete Identität, völlige Übereinstimmung mit sich selbst. Die absolute Identität ist die Form des reinen Ichs und die einzige wahre Form desselben ..."

"Nicht etwa bloß der Wille soll stets einig mit sich selbst sein - von diesem ist nur in der Sittenlehre die Rede-, sondern alle Kräfte des Menschen, welche an sich nur eine Kraft sind, und bloß in ihrer Anwendung auf verschiedene Gegenstände unterschieden werden - sie alle sollen zu vollkommener Identität übereinstimmen, und unter sich zusammenstimmen."<202>

Während Kant danach strebt, den Dualismus zweier Welten kontinuierlich aufzulösen und das freie Dasein des Menschen kontinuierlich zu realisieren und zu verwirklichen, d.h. alle real bestehenden Determinanten, die in der Gesellschaft und Natur vorliegen, auch berücksichtigt und nicht einfach eliminiert, kommt Fichte zu einer "radikalen Aufhebung", ohne Rücksicht auf jegliche objektive Voraussetzung und Bedingung, die in der Natur und Gesellschaft vorliegen.

Daher ist die Erkenntnis der objektiv-realen Struktur der Gesellschaft für ihn auch nicht Ausgangspunkt für das Handeln des absoluten Subjekts. Das handelnde Subjekt muss nicht die Eigengesetzlichkeit des Sozialen erkennen, denn es gestaltet die Gesellschaft um nach seinem und nur seinem Willen. Dieser autonome Wille muss sich nicht auf die Erfahrung aus der (empirischen) Realität, nicht auf die auf empirische


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Erfahrung (Analyse) gegründete theoretische Erkenntnis berufen, sondern auf das unbedingte Wollen zur Tat, d.h. die ihrer empirischen Realität widersprüchliche Gesellschaft zu überwinden, da sie dem Postulat des mit sich identischen Menschen, der Gattung und daher einer widerspruchsfreien Gemeinschaft nicht entspricht.

Bei Kant ist vom Erkennen und Handeln eines empirisch abhängigen Subjekts die Rede, d.i. der unter den Voraussetzungen des Empirischen, Sinnlichen tätige Mensch.

Fichte verabsolutiert die Tätigkeit des Subjekts. Allein darin liegt für ihn der Grund für die Realität, die allein deshalb vernünftig ist. Weil die Welt als Ganzes das Produkt des absoluten Subjekts bzw. seiner aktiven Tat ist, die sich selbst als Gesetz gelten, muss sie frei und vernünftig gestaltet werden. Dies wird durch die autonome Handlung des absoluten Ichs - gewissermaßen als ein auf sich gegründetes gestaltendes Prinzip verwirklicht.

Bei Kant ging es um die sukzessive Harmonisierung der Widersprüche des "ungesellig-geselligen Menschen" durch allmähliche, annäherungsweise Verwirklichung der Sittlichkeit, d.i. der Freiheit und Autonomie des Subjekts.

Bei Fichte geht es um die Überwindung, oder besser gesagt Aufhebung dieser Widersprüche durch die Schaffung einer "Vernunftordnung", die eine ganzheitliche, widerspruchsfreie Sozialordnung ist, die dem vernünftigen Wesen des Menschen adäquat ist. Diese Ordnung folgt dem "Ideal eines mit sich identischen Subjekt", welches nicht das empirische, einzelne Subjekt meint, sondern die einheitliche, gemeinschaftliche Gesellschaft, die freie Assoziation des Ichs, d.h. aller Gattungsmitglieder.

Die Gesellschaft ist "eine zweckmäßige Gemeinschaft", meint Fichte. "Der Mensch ist bestimmt, in der Gesellschaft zu leben; er soll in der Gesellschaft leben, er ist kein ganz vollendeter Mensch und widerspricht sich selbst, wenn er isoliert lebt."<203>

Die Gesellschaft dürfe man nicht mit der besonderen empirischen bedingten Art von Gesellschaft, die man Staat nennt, verwechseln. Der Staat ist für Fichte nur ein unter gewissen Bedingungen notwendiges Mittel zur "Gründung einer vollkommenen Gesellschaft." Weil die Bestimmung des Menschen die Identität mit sich sei; wird ein die Widersprüche des empirischen Menschen verwaltender, bzw. sie harmonisierender Staat schließlich überflüssig.

Da der Staat bei Fichte im Wesentlichen Mittel zum Zweck und kein Zweck selbst ist, kommt es auf seine eigene "Vernichtung" an. Es "ist der Zweck der Regierung, die Regierung überflüssig zu machen."<204>, - so meint Fichte.

In diesem Sinne handelt es sich nicht mehr um Recht und Staat, die wie Kant die Funktion haben, das Zusammenleben der "ungeselligen Geselligen" dennoch zu organisieren, zu ermöglichen, sondern vielmehr um die Verwirklichung einer "vernünftigen Ordnung", die dem freien Dasein des Menschen entspricht. Der Staat besitzt hier jedoch aber insoweit wieder eine Funktion, als er die Moralität, das Glück und die Wohlfahrt seiner Untertanen zu gewährleisten hat.

Die dem Wesen des Menschen entsprechende ganzheitliche, vernünftige Ordnung lässt einerseits den Staat in der Zukunft absterben, anderseits übernimmt dieser jedoch die Durchsetzung dieser Vernunftidee als gleichsam "vernünftiger Wille" in einer mit sich identischen Gemeinschaft, die mit der wahren Freiheit des Menschen gleichgesetzt wird.

Diese aus dem Rahmen der Kantischen Philosophie, Vernunft entspringende "Vernunftidee" äußert sich im Vollzug der Französischen Revolution von 1789, die die


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real bestehende feudalistische Gesellschaftsordnung grundlegend verändert, resp. umwälzt, und damit eine neue, eine der Vernunft entsprechende Gesellschaftsordnung schafft.<205>

Bei Kant handelt es sich grundsätzlich nur darum, die bestehende feudalistische Verhältnisse kontinuierlich hin zu einer vernünftigen Ordnung zu reformieren, d.h. sie zunehmend mit dem Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft in Übereinstimmung zu bringen. Der Gedanke einer grundlegenden Veränderung (Revolution), die die Überwindung und Abschaffung der real bestehenden feudalistischen Gesellschaftsordnung und Verhältnisse, sowie die Einrichtung einer neuen sozialen Ordnung fördert, die dem Vernunftwesen des Menschen entspricht, kommt bei Kant nicht eindeutig zum Ausdruck. Die Überwindung, Abschaffung der real bestehenden feudalistischen Gesellschafts- und Staatsordnung, sowie die Einrichtung einer vernünftigen Sozialordnung, einer bürgerlichen Gesellschaft, eines Rechtsstaates ist bei Kant nur ein Sollen, das ein Wollen beinhaltet, das nur unter der Bedingung, dass es kein Hindernis gibt, praktisch sein wird.

Die Errungenschaft der Französischen Revolution bezeichnet auch für Kant einen historischen Wendepunkt, einen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, den er kaum für möglich hielt, wenn er schreibt: "Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrechts zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art und nach und nach immer weiter auszubreiten."<206>

Mit den Errungenschaften der Französischen Revolution beginnt auch nach Kant eine neue Epoche des historischen Prozesses, die eine Epoche ist, in der das freie Dasein des Menschen zunehmend zur Geltung und zur Herrschaft gelangt.

Er widerspricht also dieser nicht, sondern begrüßt und rechtfertigt sie vielmehr.

"Übrigens, wenn eine Revolution einmal gelungen, und eine neue Verfassung gegründet ist, so kann die Ungerechtigkeit des Beginns und der Vollführung derselben die Untertanen von der Verbindlichkeit, der neuen Ordnung der Dinge sich, als gute Staatsbürger, zu fügen, nicht befreien, und sie können sich nicht weigern, derjenigen Obrigkeit ehrlich zu gehorchen, die jetzt die Gewalt hat."<207>

Kant wendet sich jedoch sehr kritisch gegen die radikale Ausmaß ihrer Durchführung. Er bezeichnet z.B. die Hinrichtung Königs Ludwig XVI. als eine "völlige Umkehrung aller Rechtsbegriffe", als ein "Verbrechen, was ewig bleibt und nie ausgetilgt werden kann", als eine "Sünde, welche weder in dieser noch in jener Welt vergeben werden kann."<208>

Alles, was also bei Kant eine Herausforderung, ein Sollen darstellt, welches im Handeln erst noch zu realisieren ist, aber nie ganz erreicht werden kann, wird bei Fichte bzw. in Französischen Revolution zu einem Sein und Müssen umformuliert und konsequent vollzogen. Die revolutionäre Verfassung Frankreichs von 1793 bezeichnet sogar den Widerstand gegen den Despotismus, den despotischen Staat, welcher dem freien Dasein des Menschen entgegensetzt, als Pflicht und Recht des Menschen. In


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dieser abstrakten Progressivität, die sich nicht relativiert, liegt einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Kants Idee und der Idee der Französischen Revolution.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied der Idee der Französischen Revolution zum Menschenrecht bei Kant besteht darin, dass die revolutionäre Verfassung Frankreichs grundsätzlich nicht nur das freie Dasein des Menschen fordert, sondern das Zusammenleben aller in einer vernünftigen Gemeinschaft, d.i. einem Geist der Brüderlichkeit, in dem die Einzelnen nicht nur nebeneinander als freie und selbständige Subjekte stehen, sondern sich auch gemeinschaftlich (freundschaftlich, verwandtschaftlich) auf einander beziehen sollen oder gar müssen. Die Gesellschaft erscheint entsprechend dieser Grundlegung geradezu als eine durch die "Vernunfteinheit" a priori begründete Solidargemeinschaft (eine Vergesellschaftung der Menschen nach dem Prinzip der Familie).

Die sich aus der Abhängigkeit von anderen Menschen emanzipierenden und sich als freies Dasein wesentlich charakterisierenden Subjekte, Individuen werden weiter aufgefordert, sich zu einer Gemeinschaft, zu einem Zusammenleben im Geist der Brüderlichkeit zusammenzuschließen. Dieser dritte Grundsatz der revolutionären Verfassung Frankreichs beinhaltet -gegenüber der Gesellschafts- und Staatskonzeption Kants - eine zusätzliche, erweiternde Grundlegung der Gesellschaft und des Staates. Diese die Grenze der Gesellschafts- und Staatstheorie Kants überschreitende Grundlegung der Gesellschaft und des Staates wird auch in die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte der UNO von 1948 aufgenommen.

Bei Kant handelt es sich nur darum, die "ungesellig-geselligen" Menschen zu organisieren und dadurch ihr friedliches, harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen, d.h. nur zu gewährleisten, dass alle nebeneinander gleichermaßen frei sein können. Dieses freie Dasein, das friedliche Zusammenleben aller ist der einzige Zweck der Vergesellschaftung bei Kant. Der Gesellschaftszustand Kants ist - wie gesagt - eine Überwindung des natürlichen Antagonismus, des Krieges aller gegen alle. Das Zusammenleben aller Menschen in einer Gemeinschaft, im Geist der Brüderlichkeit steht in der Gesellschafts- und Rechtsphilosophie Kants noch nicht zur Debatte.

Er (Kant) reklamiert nur eine das Recht der Individuen verwaltende Gesellschaft. Die beste Regierungsform ist für ihn diejenige, welche das Recht der freien Individuen am besten gewährleistet, denn für ihre Wohlfahrt werden diese unter solchen Voraussetzungen allein sorgen. Der Einzelne als Individuum - mit seinen immanente Widersprüchen - ist das Handlungssubjekt und "freies Dasein". Er ist für sein Glück als Einzelner selbst verantwortlich, das kann nicht delegiert werden. Nur die formalen Rahmenbedingungen müssen gesichert werden.

Gesellschaftliche Institutionen, Rechte, Normen bilden den Rahmen für das freie, dem Sittengesetz entsprechend sollende Handeln. Genau damit werden die sozialen Widersprüche seines Erachtens produktiv bewegt resp. einer sukzessiven Lösung zugeführt. Er begreift die Gesellschaft, die dem Wesen des Menschen adäquat ist, als Beziehung freier Personen, die sich als solche auch anerkennen müssen.

Dies gilt bei ihm auch für die Verhältnisse zwischen den einzelnen Staaten im "Völkerbund", in einer Gesellschaft von Staaten. Der Völkerbund Kants ist eine Macht- und Rechtsinstitution, die die Funktion hat, das freie Dasein (die Souveränität) einzelner Staaten zu sichern, d.h. zu gewährleisten, dass alle Staaten gleichermaßen frei sein können. Er besitzt kein Recht, sich in die innere Angelegenheit einzelner Staaten einzumischen, bzw. zu bestimmen, was jeder einzelne Staat tun sollte. Die Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit sind den einzelnen Staaten anheimgestellt. Seine Subjektivität muss jeder Staat selbst zur Geltung bringen.

Der "ewige Friede", die Souveränität einzelner Staaten ist, - wie Kant ausdrücklich


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formuliert - das höchste politische Gut, das höchste Ziel des öffentlichen Rechts. Im völkerrechtlichen Bereich kommt es bei Kant auch nicht zur Gründung einer Solidargemeinschaft einzelner Staaten und Völker. Die Schaffung einer Rahmenbedingung für die freie Entfaltung der Souveränität einzelner Staaten ist der einzige Zweck des Völkerbundes als einer internationalen Rechtsgemeinschaft von Staaten bei Kant.


Fußnoten:

<173>

Anfang, 70 (Fußnote)

<174>

Idee, 3. Satz

<175>

GMS, 50

<176>

Idee, 4. Satz

<177>

Anfang, 68

<178>

Ebenda.

<179>

Anfang, 65

<180>

Anfang, 65

<181>

Anfang, 66

<182>

Anfang, 68

<183>

Anfang, 72

<184>

Anfang, 66

<185>

GMS, 78

<186>

Anfang, 67

<187>

Ebenda.

<188>

Ebenda.

<189>

Ebenda.

<190>

Ebenda.

<191>

Anfang, 68

<192>

Ebenda.

<193>

Ebenda.

<194>

Idee, 5. Satz

<195>

Idee, 2. Satz

<196>

Anfang, 68

<197>

Anfang, 70

<198>

Anfang, 69

<199>

Idee, 5. Satz

<200>

Ebenda.

<201>

Idee, 6. Satz

<202>

Fichte, J. G.:Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten. Erste Vorlesung: Über die Bestimmung des Menschen an sich. Aufbau - Verlag. Berlin 1956, 43

<203>

Fichte, J. G.: Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten. Zweite Vorlesung: Über die Bestimmung des Menschen in der Gesellschaft. Aufbau-Vrlag. Berlin 1956, 52

<204>

Ebenda, 53

<205>

Um erfahren zu können, dass der Grundsatz der Französischen Revolution die Grenze der Rechts- und Staatsphilosophie Kants überschreitet, genügt es, wenn man nur bis zu Artikel 2 der Erklärung(1789) liest. Der Artikel 2 der Erklärung bezeichnet u.a. den Widerstand gegen die Unterdrückung (u.a. die des Staates) als ein Recht der Menschheit. Dieses Widerstandsrecht gegen die Unterdrückung wurde 1793 weiter verschärft. Der letzte Artikel der Erklärung von 1793 verkündet sogar die heilige Pflicht des Volks zur Revolution gegen eine Regierung, welche dieses Menschenrecht verletzt. (Politische Philosophie. Ein Lesebuch. Hrg. von Braun, E.. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg 1984, 189ff.)

<206>

EwF, 19

<207>

MdS, 442 / A, 180

<208>

MdS, 442 / A, 180


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