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Erhebungen zum
temporalen Verlauf
ergaben, daß für den größten Probandenanteil von 36 Kindern
(39,5%) im Alter von 0;2 Jahren (2 Monate) der
Zeitpunkt des Beginns
der 1.Lallphase lag.
Insgesamt begannen in dem als
normgerecht definierten Zeitraum
von 0;1 – 0;3 Jahren (1.-3.Monat) 70 Probanden (76,9%) mit den für
die 1.Lallphase typischen Lautproduktionen. Das bedeutet, daß der
Großteil (über ¾ aller untersuchten Kinder) keine Verzögerung im Beginn
der 1.Lallphase gegenüber altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen aufwiesen.
Die erhobenen Daten zum strukturellen Verlauf ließen folgendes erkennen:
Bei der Benutzung von
Artikulationszonen
traten die hinteren Artikulationszonen (3. und 4.) häufiger als
die vorderen (1. und 2.) auf.
Bei der separaten Betrachtung der Auftretenshäufigkeit
der einzelnen Artikulationszonen zeigte sich eine eindeutige Präferenz
in der Benutzung der 4.Artikulationszone (98,9%) gegenüber der
3.Artikulationszone (32,9%). Die vorderen Artikulationszonen (1. und
2.) wurden bei der Lautbildung seltener verwendet, wobei die 1.AZ gering
häufiger als die 2.AZ gebraucht wurde.
Es zeigte sich eine
Häufigkeitsreihenfolge in der Verwendung von Artikulationszonen von pharyngeal -laryngeal > velar
> labial > alveolar.
Diese Bevorzugung in der
Benutzung der 4. Artikulationszone zeigte sich auch in der Betrachtung
des Gebrauchs der Artikulationszonen insgesamt: Beim größten Probandenanteil von 39,5%
erfolgte die Lautbildung ausschließlich an der 4. Artikulationszone. Die
3./4. Artikulationszone wurde von 16,5% und die 1./4.AZ von 13,2% der
Probanden gebraucht.
Die Dominanz hinterer Artikulationszonen bei
der Lautbildung in der 1.Lallphase entspricht den Beobachtungen und
Aussagen in der
Literatur
und ist daher auf den ersten Blick nicht als ungewöhnlich oder
abweichend zu werten. Allerdings wird meist die Häufigkeitsreihenfolge
von velar > pharyngeal > labial > alveolar
beschrieben (Abschnitt 2.3.2.1.2.1.).
Die überwiegend
pharyngeal-laryngeale Lautlokalisation könnte für eine frühzeitig
beginnende Artikulationsverlagerung nach zentripetal
sprechen.
Tendenziell ist außerdem die zunehmende Einbeziehung der
vorderen AZ in die Lautbildung, wie sie der Ontogenese entspricht, erkennbar.
Insgesamt wurden 393
Laute
registriert. Der größte Anteil von 262 Lauten (66,7%) wurde an der
4.AZ realisiert. Die übrigen
Laute erschienen in der Reihenfolge ihrer Auftretenshäufigkeit an der
3.AZ (54 Laute bzw. 13,7%),
der 1.AZ (51 Laute bzw. 13,0%)
und an der 2.AZ (26 Laute bzw.
6,6%).
Auch hier läßt sich eine Dominanz vor allem im Gebrauch der
4.AZ und tendenziell auch der 3.AZ beobachten. Lautbildungen der 2.AZ
traten, wie auch in der Literatur für Kinder ohne Spaltbildungen
beschrieben, mit der geringsten Auftretenshäufigkeit auf.
An der
1.Artikulationszone
wurden nur 2 Laute mit höherer Auftretensfrequenz gebildet. Am
häufigsten erschien hier der Laut
[m]
. Bei diesem handelt es sich um einen Nasallaut mit bilabialer
Verschlußbildung. Da der pulmonale Luftstrom während des oralen
Verschlusses durch die Nase entweichen kann, kommt es zu keinem
intraoralen Überdruck und damit auch zu keinem Geräusch bei der oralen
Verschlußlösung (POMPINO-MARSCHALL 1995).
„Das vor allem bei den
stimmhaften Nasallauten evidente Klassenmerkmal der Nasalqualität hat
seine Ursache in dem resonatorischen Mitwirken des Nasenhohlraumes mit
seinen spezifischen, aber nicht veränderbaren Hohlraum- und
Oberflächencharakteristika (Raumform, Oberflächengröße und stark
schleimbedeckte Schleimhautauskleidung).“ (PETURSSON/NEPPERT 1996, 89)
[Seite 234↓]Da bei Kindern mit
Spaltbildungen durch die bestehende Gaumenspalte keine Trennung zwischen
oralem und nasalem Resonanzraum hergestellt werden kann, ist die
Artikulation dieser Laute nicht nur möglich sondern erheblich erleichtert.
Als zweiter häufiger Laut trat das [ υ ] hier auf. Der Approximant entsteht, wenn die für den stimmhaften Frikativ [v] gebildete labiodentale Enge erweitert bzw. der Luftdurchfluß bei gleicher Enge vermindert wird, so daß keine oder nur geringe Geräuschbildung erfolgt (POMPINO-MARSCHALL 1995). Da der Phonationsstrom bei der Frikativartikulation zur Turbulenzausbildung an der artikulierenden Enge genutzt werden muß, ist diese Lautbildung nicht bzw. nur äußerst selten möglich. Der Luftstrom wird bei dem Versuch, einen intraoralen Druck aufzubauen, meist über den Nasalraum entweichen. Es überwiegt, wie generell bei Approximanten, der ausgeprägte Klangcharakter gegenüber dem Geräuschanteil. Daher ist auch eine Frikativbildung von [φ], [β]), [f] an dieser Artikulationszone nicht bzw. nur in Ausnahmefällen möglich, ebenso von Plosiven [p], [b], zu deren Bildung ein noch stärkerer Druck hergestellt werden muß.
Die Lautproduktionen an der 2.Artikulationszone beschränkte sich ebenfalls auf nur 2 häufiger aufgetretene Laute. Je nachdem, welcher Resonanzraum für die Passage des Phonationstromes bei ansonsten gleichem Artikulationsorgan und -ort genutzt wurde, entstand das [l] oder das [n].
Bei den lateralen Frikativen [] liegt die geräuschverursachende
Engebildung nicht im Längszentrum des Ansatzrohres, sondern (bei
zentralem Verschluß) seitlich (POMPINO-MARSCHALL 1995). Laterale
Approximanten bzw. Laterale
[l]
sind durch die nicht geräuschverursachende seitliche Enge
gekennzeichnet. Wie beim vokalischen Artikulationsmodus hat die relativ
schwache Luftströmung (ein Teil wird bei Kindern mit Spaltbildungen
ohnehin über den Nasenraum entweichen) kaum oder keine
Artikulationsfunktion. Entscheidend ist die resonatorisch bedingte
Schallmodifikation durch Veränderung der Hohlraumform (PETURSSON/NEPPERT
1995, 93).
Die Kieferspalte wirkt sich auf die Lautbildung
phonologisch (i.S. der Lautdifferenzierung und –diskrimination) nur
begrenzt oder gar nicht aus, aber phonetisch: Es wurden oft
Zungenverlagerungen besonders bei einseitigen Spaltbildungen zur
Spaltseite hin, manchmal auch in die Kieferspalte hinein,
beobachtet.
„Es genügt, wenn nur der eine Zungenrand frei ist,
während der andere anliegt. Ja, selbst beide Zungenränder können den
Gaumen längs der oberen Zahnreihe ziemlich weit nach hinten berühren
(...). Auch braucht die Zungenspitze nicht unbedingt hinter den oberen
Schneidezähnen zu liegen; sie kann in mittlerer Höhe schweben oder sogar
an den unteren Schneidezähnen liegen, während der Zungenrücken sich
hebt, um den l-Klang hervorzurufen.“ (WEINERT/DITTRICH 1989,
97)
Phonetische Varianten blieben deshalb unberücksichtigt.
Bei der Bildung des Nasallautes [n] findet der orale Verschluß zwischen Artikulationsorgan Zunge koronal und dental-alveolarer Artikulationsstelle statt bei ansonsten prinzipieller Entsprechung dem Artikulationsmodus beschriebener Nasallautbildungen.
Weitere Lautrealisierungen, wie die Bildung möglicher Plosive [t], [d], Frikative [θ], [ð], [s], [z], [∫], [] und Vibranten [r], schließen sich durch die erforderlichen Bildungsprinzipien und die vorherrschenden anatomischen Verhältnisse bei den Probanden aus bzw. werden äußerst selten beobachtet. Die Sibilanten erscheinen außerdem in der Ontogenese generell erst später.
An der 3. Artikulationszone beschränkte sich die Artikulation auf die häufiger gebildeten Laute [j], [] und [].
Bei dem Laut [ʝ] handelt es sich gemäß der Konsonantendifferenzierung des
Standarddeutschen um einen stimmhaften mediopalatal-mediodorsalen
Frikativ. Da eine Engebildung zwischen Gaumendach und mittlerem
Zungenrücken bei bestehender Gaumenspalte kaum möglich ist, kann diese
nur erfolgen, indem sich das artikulierende Organ (der Zungenrücken)
medio- oder postdorsal der Artikulationsstelle, dem anatomisch
rudimentärem Substrat, medio- bzw. postpalatal, velar oder uvular
anlegt. Bei annähernder Engestellenbildung, eine vollständige ist
aufgrund der intraoral veränderten Anatomie kaum möglich, kann der
Phonationsstrom für eine geräuschverursachende Lautbildung so gut wie
[Seite 235↓]nicht genutzt werden.
Die Lautproduktion kann meist nur durch die Erweiterung der
artikulatorischen Enge über den kritischen, turbulenzbedingenden Wert
hinaus erfolgen, bzw. indem die Zunge eine gegenüber der entsprechenden
Lage für einen hohen Vokal (z.B. in [ja]) stärkere, aber noch kein
Turbulenzgeräusch verursachende Verengung bildet (POMPINO-MARSCHALL
1995).
Daher wird der gemäß dem deutschen Lautsystem klassifizierte
Laut [ʝ] häufig als allophonische Variante
[j]
realisiert.
Bei der Bildung des Nasallautes [ ] ist die postpalatale (velare) Verschlußstellenbildung mit der Zunge postdorsal infolge der Gaumenspalte erschwert aber nicht gänzlich unmöglich. Die orale Phonationspassage kann nur vermieden werden, indem die Zunge in ihrer gesamten Masse den intraoralen Raum so weit wie möglich ausfüllt, d.h. die Regulation der Luftstromführung kann nur über die Zungenlage erfolgen. Um einen größtmöglichen nasalen Resonanzanteil an der Lautbildung zu erreichen, ist vermutlich eine starke Zungenhoch- und –rückverlagerung in die Gaumenspalte hinein erforderlich.
Bei dem Laut [ ] handelt es sich um einen mit dem hinteren Zungenrücken artikulierten Lateral(-Approximanten). Dieser entsteht normalerweise, wenn sich die Zunge in ihrem dorsalen Teil der 3.AZ (palatal, velar bzw. uvular) nähert.
Weitere Laute, deren Bildung an der 3.Artikulationszone möglich gewesen wäre, von [k], [g], [ç], [ʝ], [x], [], [χ], [], [R], traten nicht oder nur sehr selten auf, da die erforderlichen Bildungsmechanismen bedingt durch die Spaltbildung kaum bzw. nicht realisierbar waren.
Das bedeutet, daß die 1., 2. und 3.Artikulationzone von den Probanden nicht nur weniger frequentiert wurden, sondern daß außerdem an diesen Artikulationszonen ein sehr eingeschränktes phonetisches Inventar vorlag. Das Fehlen dieser Laute bei der Lautmalerei ist für die Lautentwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildung untypisch und kann daher auf eine typische Lautvermeidung/-auslassung bedingt durch die Spaltbildung schließen lassen.
An der
4.Artikulationszone
gestaltete sich das phonetische Inventar sehr umfangreich. Gemäß
dem deutschen Lautsystem ist hier nur die Bildung des Lautes [h]
physiologisch. Dieser trat mit der höchsten Auftretenshäufigkeit von
89,0% auf. Diese hohe Probandenbeteiligung ist auch nicht erstaunlich,
da die
Hauchlautbildung
aus phonetischer Sicht sich nicht unbedingt schwierig gestaltet.
Außer der laryngealen Hauchstellung ist keine weitere Hemm- bzw.
Verschlußstellenbildung im Ansatzrohr, im supraglottalen Bereich,
notwendig. Bei LAVER (in POMOPINO-MARSCHALL 1995) werden sie sogar als
geflüsterte bzw. behauchte Approximanten nicht spezifizierter
Artikulationsstelle betrachtet. Das heißt, daß sich die anatomischen
Fehlbildungen/Anomalien, die zur Deformation oder zum völligen Fehlen
von Artikulationszonen bzw. –stellen führt, auf die Hauchlautbildung
wenn überhaupt nur in äußerst geringem Maße auswirkt. Außerdem wird auch
bei altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen in der Literatur oft
eine hohe [h]-Lautproduktion beschrieben.
Alle weiteren an dieser
Artikulationszone registrierten Laute sind dem deutschen Lautsystem
nicht zugehörig, werden aber entwicklungsentsprechend sowohl in der
Literatur für Kinder ohne als auch mit Spaltbildungen beschrieben. In
der Reihenfolge der Auftretenshäufigkeit wurden hier der stimmhafte
Frikativ [] und der stimmlose Frikativ [], der stimmhafte Plosiv []
und der stimmlose Plosiv [] sowie der Nasal [Δ] registriert. Die
erforderliche Hemm- bzw. Verschlußstellenbildung (Frikative/ Plosive)
wird entweder pharyngeal (durch das Zusammenwirken von Zunge und
Rachenhinterwand) oder laryngeal (durch die Stimmlippen) geleistet.
POMPINO-MARSCHALL (1995) äußert sich zum System der 3 Sphinkter-Muskeln
des Pharynx folgendermaßen:
„Über die durch die horizontale
Zungenlage bewirkte Veränderung der Pharynxöffnung in
Vorwärts-rückwärts-Richtung hinausgehend sind diese drei Muskeln in der
Lage, den Pharynxraum seitlich zu verengen. Neben dieser Verengung kann
eine rein isometrische Muskelanspannung dieses Systems zu einer
Versteifung der Rachenwände führen, was einen entscheidenden Einfluß auf
die Resonanzklangfarbe hat und z.B. bei den gespannten
Konsonantenartikulationen ... eingesetzt werden dürfte.“ (1995, 58)
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Pharyngealisierung
entsteht durch „Zurückziehen der Zungenwurzel bzw. eine
pharyngeale Engebildung durch die Pharynxmuskeln selbst“ (1995,
208).
Bei der
Laryngealisierung
„reichen die Realisierungsvarianten von einer Stimmqualitäts-
(verbunden mit einer Grundfrequenz-)Änderung bis hin zum Glottisplosiv“
(1995, 208).
Der Nasallaut [Δ] wird in der Literatur unterschiedlich
charakterisiert. In vorliegender Arbeit wurde er als eigenständige
Kategorie für sämtliche posteriore Nasallautbildungen verwendet, deren
Artikulationsstelle nicht mehr an den ersten 3 AZ lokalisiert werden
konnte. Die Auftretensfrequenz war erstaunlich gering und konnte fast
unberücksichtigt bleiben. Diese Lautbildungen scheinen erst mit
zunehmendem Alter nach 1;6 Jahren vermehrt aufzutreten.
Hinsichtlich der
Lautklassen
traten insgesamt (an allen Artikulationszonen) gesehen Frikative
(35,9%) am häufigsten auf. Es folgten in deutlichem Abstand die
Hauchlaute (20,6%). Die Lautklasse der Plosive verfügte immerhin über
einen Lautanteil von 14,8%. Eine geringere Auftretensrate an der
Gesamtlautzahl zeigten die Nasale (11,9%) und die Approximanten (10,7%).
Die geringste Auftretensfrequenz wurde bei den Lateralen (6,1%)
registriert.
Diese Ergebnisse ähneln denen von PAPOUSEK (1995) und
STARK (1980) zur Lautentwicklung altersgleicher Kinder ohne
Spaltbildungen. Auch sie fanden häufig Frikative, Hauchlaute, Plosive
und seltener Nasale, Approximanten und Laterale. ROUG/LANDBERG/LUNDBERG
(1989) fanden außerdem ebenfalls mehr Nasale als Approximanten.
Allerdings stellten die Autoren auch häufiger auftretende Trills bzw.
Vibranten fest, die in vorliegender Probandengruppe überhaupt nicht
registriert werden konnten, ebenso wie velare Plosive und Frikative.
Hier besteht ein deutlicher Unterschied in der Entwicklung von Kindern
mit und ohne Spaltbildungen.
TRUBETZKOY (1989) unterscheidet hinsichtlich des Überwindungsmodus („Schaffung eines Hindernisses und dessen Überwindung“) zwischen 3 Hindernisstufen :
In der vorliegenden Untersuchung besteht ein Verhältnis von 2,5 : 1 in
der Auftretensrelation von 280 Obstruenten (71,2%) gegenüber 113
Sonoranten (28,8%). Das bedeutet, daß für Laute, bei deren Bildung die
höchste bzw. mittlere Hindernisstufe überwunden werden muß, eindeutig
eine Präferenz vorlag.
Diese Entwicklung wird auch für Kinder ohne
Spaltbildungen beschrieben. Eine Erklärung hierfür wäre möglicherweise,
daß in dieser Entwicklungsphase, welche vorrangig der Entdeckung und der
primären Funktionserkundung der Artikulationsorgane dient, als
universelle Strategie bevorzugt Laute mit
überwiegendem Geräuschcharakter
die weitere Funktionslust und Entdeckungsfreude verbunden mit
kinästhetischen Empfindungen zu mobilisieren scheinen (Abschnitt
2.3.2.1.2.1.). Das könnte auch die Präferenz in der Lautbildung an der
4.Artikulationszone erklären, da hier noch Verschluß- bzw.
Engestellenbildungen möglich sind.
Außerdem wäre es denkbar, die
hohe Frikativlautfrequenz eventuell als (phonologische) Tendenz bzw.
Vorstufe einer Lalldrift zur Muttersprache hin zu interpretieren, da
diese Lautklasse gemäß dem deutschen Phonemsystem die größte Anzahl von
Lauten enthält (MEINHOLD/STOCK 1982).
Die Nasale, Approximanten und Laterale erschienen in geringeren Anteilen.
Ausgehend von dem Schwierigkeitsgrad der Bildungsmechanismen wären
sicherlich größere Anteile von
Sonoranten
zu erwarten gewesen, da bei der Bildung dieser Laute hinsichtlich
der Hindernisüberwindung im Ansatz
rohr die geringsten Anforderungen
erfüllt werden müssen.
Allerdings verlagert sich nach Aussagen in
der Literatur (Abschnitt 2.3.2.1.2.1.) erst mit zunehmender Entwicklung
und Geschicklichkeit der Artikulationsorgane die Lautbildung von
hinteren zu vorderen [Seite 237↓]Artikulationszonen.
Bei Kindern mit Spaltbildungen
bestehen jedoch durch die anatomischen Fehlbildungen für die
Artikulation ab der 3.Artikulationszone (von hinten nach vorn) keine
physiologischen Verhältnisse mehr. Außerdem ist in der Literatur häufig
von orofacialen Dysfunktionen bereits in der oralen Dominanzphase die
Rede, die sich möglicherweise zusätzlich auf die fortschreitende
Lautentwicklung zunächst hemmend auswirken können.
Die Auswertung der Laute gemäß ihrer
sonorantischen Eigenschaften
ergab das Verhältnis von 1,7 : 1 von 247 stimmhaften zu 146
stimmlosen Lauten.
Von den stimmhaften Lauten (62,8%) wurden 122 Laute
(31,1%) an der 4. AZ, 51 Laute (12,9%) an der 3. AZ, 48 Laute (12,2%) an
der 1. AZ und 26 Laute (6,6%) an der 2. AZ gebildet.
Da die
Lautbildung an der 4.Artikulationszone insgesamt präferiert wurde, ist
dieses Ergebnis nicht weiter erstaunlich.
Die stimmlosen Laute (37,2%) wurden fast
ausschließlich an der 4.Artikulationszone realisiert. An der 1. und
3.Artikulationszone erschienen jeweils 3 Laute (0,8%) und an der 2.
Artikulationszone keine stimmlosen Laute. Erklärbar wird dieses
Ergebnis, wenn man die Literaturaussagen berücksichtigt, die der
Lautbildung ohne Stimmbeteiligung möglicherweise einen höheren Grad an
Muskelspannung und intraoralem Druck nachsagen, die für Kinder mit
Spaltbildungen sicherlich schwieriger zu realisieren sind
(SCHANER-WOLLES 1994, 41; POMPINO-MARSCHALL 1995, 181).
Bei der
Betrachtung der Laute nach Lautklassen, die sowohl eine stimmhafte als auch
stimmlose Form in der Lautbildung ermöglichen
(Approximanten/Nasale/Laterale verfügen nur über eine stimmhafte,
Hauchlaute nur über eine stimmlose Variante), erschienen bei den
Frikativen und Plosiven jeweils ca. doppelt so viele stimmhafte Laute
als stimmlose.
Es bestand somit eine Präferenz in der Lautbildung
für Konsonanten mit
Geräuschübergewicht
(stimmhafte Frikative, stimmhafte Plosive) gegenüber echten
Konsonanten bzw.
reinen Geräuschlauten
(stimmlose Frikative, stimmlose Plosive). Auch diese Tatsache
könnte vom Anforderungsgrad der Lautbildung abhängig sein. Auch in der
Literatur zur Entwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen
werden häufiger stimmhafte Laute beschrieben.
Bei der Betrachtung des gesamten
Phoninventars
an der 1.Artikulationszone
läßt sich feststellen, daß, wenn Laute dieser Artikulationszone
realisiert wurden, stets der [m]-Laut im phonetischen Inventar vorhanden
war. Dieser Laut scheint somit am Anfang der basalen Lautbildung an
dieser Artikulationszone zu stehen d.h. er stellt vermutlich eine
elementare Voraussetzung für die weitere Lautbildung (anderer
Lautklassen) dar.
An der 2.Artikulationszone wurde in fast jedem
phonetischen Inventar der [l]-Laut gefunden. Nur 2 Probanden (2,2%)
realisierten ausschließlich den [n]-Laut. Denkbar wäre eine angestrebte
Tendenz zur oralen gegenüber einer nasalen Lautbildung der Probanden
gemäß der deutschen Muttersprache (im deutschen Lautsystem stehen
wesentlich mehr orale nur 3 nasalen Konsonanten gegenüber).
Die 3.Artikulationszone zeigte eine
ähnliche Tendenz. In fast allen phonetischen Inventaren war der [j]-Laut
enthalten. Bei nur 1 Probanden trat ausschließlich der []-Laut
auf.
Bei der Differenzierung der oralen und nasalen Artikulation ist
den Kindern sicherlich die von den Kieferorthopäden wenige Tage nach der
Geburt eingesetzte Trinkplatte, die den harten Gaumen bedeckt,
behilflich.
Die Betrachtung des Phoninventars der 4.Artikulationszone läßt folgendes erkennen: Die
Reihenfolge des Auftretens der einzelnen Laute, [h] (Hauchlaute), []
(stimmhafter Frikativ), [] (stimmloser Frikativ], [] (stimmhafter
Plosiv), [] (stimmloser Plosiv), [Δ] (posteriorer Nasal), folgte (bei
Auslassen des Hauchlautes) dem Schwierigkeitsgrad des
Überwindungsmodus`. Das heißt, daß Laute, bei deren Realisierung eine
höhere Hindernisstufe überwunden werden mußte, seltener
auftraten.
Die stimmlose Form (bei Plosiven und Frikativen) erschien
dabei gegenüber der entsprechenden stimmhaften Variante stets mit
geringerer Auftretensfrequenz.
Außerdem zeigte sich bei der Analyse
aller enthaltener Laute des kompletten Phoninventars, daß bei
[Seite 238↓]allen Probanden, bei
denen eine Plosivvariante erschien, auch eine Frikativvariante enthalten
war.
Bei der Bildung von Frikativen mußte bei der überwiegenden Mehrheit der
Probanden eine stimmhafte Variante vorhanden sein, wenn eine stimmlose
realisiert wurde.
Ähnlich verhielt es sich bei den Plosiven. Auch bei dieser Lautproduktion verfügte
der überwiegende Teil der Probanden über eine stimmhafte Form, wenn eine
stimmlose produziert wurde.
An der 4.Artikulationszone könnte als
Interpretationsmöglichkeit dieses Bestandes postuliert werden, daß bei
der Lautbildung der Schwierigkeitsgrad des Bildungsmechanismus' im
Vordergrund steht. Anders gesagt, je schwieriger der Artikuklationsmodus
von Lauten (z.B. Hindernisüberwindung, Sonorität) erscheint, desto
geringer ist die Auftretensfrequenz, desto seltener werden diese gebildet.
Bei der Untersuchung der Lautbildungen auf charakteristische Tendenzen in
der Symptomatik der unterschiedlichen
Sprachtypen
wurden 6 Probanden (6,6%) ermittelt, welche lediglich die Laute
[h], [Δ] oder gar keine Laute der 4.Artikulationszone in ihrem
phonetischen Inventar enthielten (RG
0). Bei 44 Probanden (48,3%) wurden die Laute [] bzw.[] im
Phoninventar registriert (RG 1).
Das Auftreten der Laute [] bzw. [] zeigte sich im Phoninventar von 41
Probanden (45,1%) (RG
2).
Aber immerhin 50 Probanden (54,9%) realisierten weder
stimmhafte noch stimmlose Plosive in ihrem Phoninventar.
Der
Grundgedanke, der dieser Einteilung zugrunde liegt, ist der, daß mit
zunehmendem Auftreten von Lauten, deren Bildung mit steigendem
Schwierigkeitsgrad in der Überwindung von Hindernisstufen einher geht,
auch das Risiko steigt, in der Lautentwicklung eine Tendenz zur
Symptomatik des überspannten Sprachtyps zu entwickeln.
Die Zahlen
der Risikogruppen 1 und 2 erschienen recht hoch. Da pharyngeale bzw.
laryngeale Lautbildungen in dieser Entwicklungsphase allerdings
altersentsprechend und normgerecht auftreten, läßt sich diese Einteilung
scheinbar auf die 1.Lallphase nur bedingt anwenden. Trotz alledem wird
dies aber aus zweierlei Gründen getan:
Zum einen ist in diesem
Zeitraum noch keine eindeutige Unterscheidung zwischen
physiologischen
(und auch willkürlichen) und
pathologischen
(unwillkürlichen und durch die Gaumenspalte bedingten)
Lautproduktionen möglich. Eine bereits in dieser frühen
Entwicklungsphase einsetzende und für Kinder mit Spaltbildungen typische
Artikulationsverlagerung wäre durchaus denkbar und kann zumindest nicht
ausgeschlossen werden. Die Einteilung der Risikogruppen (0, 1 und 2),
die sich ausschließlich am Phoninventar orientiert, sollte gemessen an
den Lauten in erster Linie als deskriptiver Art verstanden werden und
erst in zweiter Linie als mögliche Tendenz. Sie sollte nicht als
definitive und rigide Zuordnung betrachtet werden.
Setzt man dieses
Verständnis der Einteilung nun zum anderen voraus, können vorliegende
Daten aus der 1.Lallphase der Auswertung der
Längsschnittstudie
(1.Lallphase→ 2.Lallphase → Sprechbeginn) zugrunde gelegt werden,
um (wenn es diese gibt) mögliche Lautentwicklungstendenzen bei Kindern
mit Spaltbildungen eventuell deutlicher zu machen.
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Bei der Auswertung der Daten bezüglich des
temporalen Verlaufs
zeigte sich, daß für den größten Probandenanteil von 28 Kindern
(28,0%) im Alter von 0;6 Jahren (6 Monate) der
Zeitpunkt des Beginns
der 2.Lallphase lag.
In dem als
normgerecht definierten Zeitraum
von 0;4 – 0;8 Jahren (4.-8. Monate) begannen 75 Probanden
(75,0%) mit den für diese Entwicklungsphase typischen
Lautproduktionen.
Der Beginn der 2.Lallphase lag für ¾ der Probanden
somit im Normbereich (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.). Das heißt, der
überwiegende Teil der Kinder zeigte einen altersentsprechenden
temporalen Verlauf und keine zeitlichen Verzögerungen.
Die Ergebnisse der Datenauswertung zum strukturellen Verlauf machten folgendes deutlich:
Bei der Lautproduktion wurden sämtliche
Artikulationszonen
genutzt. Die separate Betrachtung der einzelnen Artikulationszonen
ergab in der Häufigkeitsreihenfolge des Auftretens eine Präferenz für
die Benutzung der 1.Artikulationszone (99,0%), dicht gefolgt von der
4.Artikulationszone (90,0%). An dritter Stelle stand der Gebrauch der
2.Artikulationszone (78,0%). Am seltensten wurde die 3.Artikulationszone
(51,0%) genutzt.
Es ergab sich somit eine Auftretenshäufigkeit der
Artikulationszonen von labial >
pharyngeal-laryngeal > alveolar >
palatal.
Die Betrachtung des Gebrauchs von Artikulationszonen
insgesamt auf die 100 Probanden bezogen zeigte am häufigsten die
gleichzeitige Verwendung aller, der 1./2./3./4., Artikulationszonen von
39,0% und der 1./2. und 4.Artikulationszone von 31,0% der Probanden.
Ebenfalls etwas häufiger kam der Gebrauch der 1./4.Artikulationszone von
11,0% und der 1./3./4.Artikulationszone von 9,0% vor. Alle anderen
Realisierungsvarianten kamen seltener vor.
Die Lautentwicklung
schreitet nun von im Mundraum hinten gebildeten (Glottale, Velare in der
1.Lallphase) zu vorderen Lauten. Es erfolgt eine zunehmende Beteiligung
des oberen Ansatzrohres. Nach Literaturaussagen findet sich in dieser
Entwicklungsphase im Auftreten der Laute hinsichtlich des
Artikulationsortes oft die Häufigkeitsreihenfolge alveolar >
labial > velar (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.).
Insgesamt läßt sich
auch bei Kindern mit Spaltbildungen ein Fortschreiten zu Lauten vorderer
Artikulationszonen als universelle Strategie erkennen. Allerdings
entspricht die Reihenfolge der Probandenzahlen hinsichtlich des
Gebrauchs der Artikulationszonen nicht den Literaturaussagen. Hier
treten Abweichungen vom systematischen Entwicklungsverlauf
altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auf.
Die Dominanz des
Gebrauchs der 1.Artikulationszone
läßt sich möglicherweise durch die zur auditiven Kontrolle außerdem
hinzutretende visuelle Stimulation erklären (an anderen AZ nur
eingeschränkt möglich), und eine dadurch eventuell zusätzlich motivierte
Lautimitation. Wenn man bedenkt, daß der auditive Analysator durch
häufige Beeinträchtigungen des Hörvermögens in seiner Funktion schon in
dieser frühen Entwicklungsphase erheblich eingeschränkt sein kann
(Abschnitt 2.4.1.3.), könnte der visuelle Analysator demgegenüber einen
gewichtigeren Stellenwert haben und vorrangig zu Lautproduktionen an
der Artikulationszone animieren, welche das größte Maß an visueller
Wahrnehmung von Artikulationsbewegungen und visueller Kontrolle
ermöglicht (Abschnitt 2.3.1.2.).
Das relativ häufige Verwenden der
4.Artikulationszone ist für
Kinder ohne Spaltbildungen untypisch, für Kinder mit Spaltbildungen
jedoch typisch. Bedingt durch die Gaumenspalte und die dadurch bewirkte
nasale Luftflucht verlagern die Kindern ihre Artikulation beim bewußten
Versuch der korrekten Lautnachahmung in den pharyngeal-laryngealen
Bereich, in welchem Enge- und Verschlußbildungen möglich sind (Abschnitt
2.4.2.1.1.3.3.). Erstaunlich bzw. bedenklich ist die hohe Frequenz im
relativen Gebrauch der Artikulationszone, erst recht, wenn man
Literaturaussagen über die „physiologische Trägheit“ des labialen und
gutturalen gegenüber dem dental-alveolaren Bereichs berücksichtigt
(MEINHOLD/STOCK 1982, 147).
Die 2.
und 3.Artikulationszone sind von der anatomischen Anomalie am
stärksten betroffen. Daher könnte dieser Bereich für die Lautbildung von
den Probanden am seltensten genutzt worden sein.
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Die
Gesamtlautzahl
betrug 582 Laute (100%). Von diesen wurde der größte Teil von 237
Lauten (40,7%) an der 4.AZ
gebildet. Die übrigen Lautanteile (59,3%) folgten in der
Auftretenhäufigkeit den physiologischen Artikulationszonen mit der
anatomischen Wanderung von vorn nach hinten: An der 1.AZ wurden 150 Laute (25,8%), an der 2.AZ 120 Laute (20,6%) und an der
3.AZ schließlich 75 Laute
(12,9%) realisiert.
Die Präferenz in der Benutzung der 1.und
4.Artikulationszone spiegelt sich somit auch quantitativ hinsichtlich
der Lautanzahl in diesen Gebieten wider. Die 4.Artikulationszone
rangiert dabei eindeutig im Lautumfang vor der
1.Artikulationszone.
An den jeweiligen Artikulationszonen entstanden keine neuen
Lautbildungen als in der 1.Lallphase auch.
Insgesamt gesehen zeigte
sich ein
altersuntypisch begrenztes phonetisches Inventar
an allen 3 Hauptartikulationszonen. Es wurden zwar alle
Artikulationszonen für die Lautbildung genutzt, jedoch nur für eine
geringe Anzahl von unterschiedlichen Lauten. Je weiter die
Lautentwicklung hinsichtlich der Realisierungen von hinteren zu vorderen
Artikulationszonen fortschreitet, desto stärker wirkt sich die
Gaumenspalte auf die Lautbildungen aus.
An der 4.Artikulationszone
erschien dagegen ein altersuntypisch, für Kinder mit Spaltbildungen
jedoch typisch erweitertes phonetisches Inventar.
In dieser Phase
kann bereits, da eindeutige Unterschiede in der Lautentwicklung
vorliegender Probandengruppe von der altersgleicher Kinder ohne
Spaltbildungen bestehen, von einer
spezifischen Lautauslassung bzw. -präferenz
ausgegangen werden.
Die Betrachtung der Laute nach
Lautklassen
ergab, daß insgesamt 320 Sonoranten (54,9%) überwiegend an den ersten 3
Artikulationszonen einem etwas geringeren Lautanteil von 262 Obstruenten (45,1%) überwiegend
an der 4.Artikulationszone gegenüberstanden. Die Lautanteile stehen in
einem Verhältnis von 1,2 : 1 zueinander.
In dieser Phase läßt sich
somit eine Dominanz für Laute mit überwiegendem Klangcharakter
feststellen. Da nach TRUBETZKOY (1989) bei der Bildung dieser Laute die
geringste Hindernisstufe überwunden werden muß, wird sich dieser
Bildungsmechanismus in der Lautrealisierung bei Kindern mit
Spaltbildungen am einfachsten und unkompliziertesten darstellen.
Am
häufigsten erschienen die Nasale, Frikative, Approximanten, gefolgt von
Lateralen, Hauchlauten und Plosiven.
Nasale und Approximanten sind Sonoranten. Die Bildung von Lateralen als Sonoranten wäre
durchaus häufiger zu erwarten gewesen. Allerdings entspricht dieses
Ergebnis den Literaturaussagen. Hauchlaute sind die einzigen physiologischen
laryngealen Laute, deren Auftreten daher auch nicht ungewöhnlich ist.
Plosive wären normalerweise in
weit höherem Maß zu erwarten gewesen. Da sie hier aber (wie auch die
Frikative) fast ausschließlich an der 4.Artikulationszone realisiert
wurden, ist ihr generelles Auftreten als bedenklich zu werten. Sie
deutet bereits in dieser Entwicklungsphase auf eine
Artikulationsverlagerung nach zentripetal hin. Das dabei Frikative häufiger als Plosive
produziert wurden, könnte auf die spannungsärmere Überwindung der
mittleren Überwindungsstufe zurückgeführt werden.
In der Literatur
(Abschnitt 2.3.2.1.2.2.) werden als Lautklassen mit den häufigsten
Auftretensraten in dieser Phase die Plosive und Nasale genannt.
Frikative und Approximanten traten in den Untersuchungen mal häufiger
mal seltener auf. Die geringsten Auftretenshäufigkeiten zeigten
allerdings fast durchgängig die Laterale und Vibranten.
In der
Probandengruppe lag mit der Favorisierung der Sonoranten eine
eindeutige Abweichung
in der Lautklassenbevorzugung im Vergleich zu
Forschungsergebnissen bei altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen
vor. Die Erklärung liegt offensichtlich in der intraoralen Fehlbildung:
Manipulationen des Phonationsstromes bei den Obstruentenlautbildungen im
intraoralen Bereich sind nur begrenzt und in äußerst geringem Ausmaß
möglich. Konfigurationsänderungen des Ansatzrohres und damit
Variationen der Klangstruktur fallen phonetisch-anatomisch dagegen
wesentlich leichter.
|
| [Seite 241↓] |
Genau diese Tatsache
spiegelt sich auch bei der Auswertung der Laute gemäß ihrer
sonorantischen Eigenschaften
wider. Dabei ergab sich ein Verhältnis von 2,7 : 1 von 426
stimmhaften (73,2%) zu 156 stimmlosen Lauten (26,8%).
Von den stimmhaften Lauten wurden 145
Laute (24,9%) an der 1.AZ, 117 Laute (20,1%) an der 2.AZ, 91 Laute
(15,6%) an der 4.AZ und 73 Laute (12,6%) an der 3.AZ gebildet. Der
überwiegende Teil der stimmhaften Laute (57,6%) wurde an den ersten 3
Hauptartikulationszonen realisiert.
Die stimmlosen Laute traten fast ausschließlich an
der 4.Artikulationszone auf.
Bei der Differenzierung nach Lautklassen zeigte sich bei den
Plosiven eine fast doppelt so hohe Anzahl stimmhafter (46) wie
stimmloser (24) Laute. Bei den Frikativen wurde eine gleiche Anzahl
stimmhafter (60) wie stimmloser (60) Laute realisiert. Beobachtete Laute
übriger Lautklassen traten jeweils physiologischerweise ausschließlich
in einer stimmhaften bzw. stimmlosen Form auf.
Insgesamt ist eine
Bevorzugung der Laute feststellbar, die gemäß ihrer Stimmhaftigkeit für
ihre Bildung einen geringeren Grad an Muskelspannung und intraoralem
Druck erfordern und phonetisch für Kinder mit Spaltbildungen damit
leichter zu produzieren sind. Läßt man den Hauchlaut [h], dem ohnehin
durch spezifische Bildungsprinzipien eine Sonderstellung eingeräumt wird
(SCHANER-WOLLES 1994; POMPINO-MARSCHALL 1995), unberücksichtigt, so
ergibt sich in der folgenden Reihenfolge eine Präferenz für Konsonanten
mit Klangübergewicht (Nasale, Approximanten, Laterale) und für
Konsonanten mit Geräuschübergewicht (stimmhafte Frikative und Plosive).
Sog. echte Konsonanten (WIRTH 1990) bzw. reine Geräuschlaute (stimmlose
Frikative und Plosive) sind zahlen- und anteilmäßig mit der geringsten
Auftretenshäufigkeit erschienen.
Auch in der Literatur zur
Sprachentwicklung von altersgleichen Kindern (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.)
wird häufig ein dominantes Auftreten von stimmhaften gegenüber
stimmlosen Lauten beschrieben. Dies scheint ebenfalls eine gemeinsame
(bei Kindern mit Spaltbildungen offensichtlich jedoch stärker
ausgeprägte) Entwicklungstendenz zu sein.
Das
Phoninventar
an den einzelnen Artikulationszonen wies ähnliche
Zusammensetzungen wie in der 1.Lallphase auf:
Die hohe
Auftretensfrequenz des [m]-Lautes an der 1.AZ entspricht weitestgehend den
Literaturaussagen zur Entwicklung altersgleicher Kinder ohne
Spaltbildungen.
Die hohe Auftretensrate der Laute [l] an der 2.AZ und [j] an der 3.AZ könnte weiterhin (wie in der
1.LP auch) für eine Lalldrift zur Muttersprache hin bezüglich der
Orallaute sprechen.
Nach der Auftretensreihenfolge der Laute an der
4.AZ erschienen [h], [],
[], [] und [] sowie [Δ]. Bei den Probanden, bei denen eine
Plosivvariante auftrat, war bei der überwiegenden Mehrheit der Probanden
auch eine Frikativvariante im Phoninventar vorhanden. Allerdings gab es
eine, wenn auch nur geringe, Anzahl von Probanden, die Plosivlaute ohne
Vorkommen von Frikativen produzierte.
Von den Probanden, welche Frikativlaute realisierten,
bildete der größte Anteil beide Varianten [, ], der nächstgrößte
Anteil nur die stimmlose Form [] und der geringste Anteil
ausschließlich die stimmhafte Form []. Es verfügten fast ¼ der
Probanden über die stimmlose Variante ohne stimmhafte
Ergänzung.
Bei der Realisierung von Plosiven zeigte der größte Anteil dieser Kinder die
stimmhafte bzw. die stimmlose/stimmhafte Form gleichzeitig und der
geringere Anteil ausschließlich die mit größerer Spannung einhergehende
Bildung des stimmlosen Typs.
Die Lautbildung scheint vorrangig noch
immer vom geringeren Schwierigkeitsgrad des Bildungsmechanismus’
abhängig zu sein (danach richtet sich die Häufigkeitsreihenfolge der
Laute nach Lautklassen), aber die einzelnen (auch sonorantischen)
Varianten nähern sich zahlenmäßig einander an.
Die Untersuchungen der Lautbildungen auf charakteristische Tendenzen in
der Symptomatik der jeweiligen
Sprachtypen
ergab folgendes:
Der geringste Probandenanteil (22,0%) zeigte
einen unauffälligen, nicht abweichenden Entwicklungsverlauf bzw.
möglicherweise eher Tendenzen in der Symptomatik des unterspannten
Sprachtyps [Seite 242↓](RG 0).
Mögliche Gefährdungen
in der Lautentwicklung, eine Tendenz in der Symptomatik dem überspannten
Sprachtyp entsprechend zu entwickeln, könnten bei den übrigen Probanden
vorliegen. Bei 30,0% der Probanden wurde das Risiko durch die
Frikativrealisierungen mittleren Grades eingeschätzt (RG 1). Der größte Probandenanteil (46,0%)
könnte allerdings, und das wäre bedenklich und müßte beobachtet werden,
durch Plosivlautproduktionen (höchste Hindernisstufe) die größte
Gefährdung aufweisen, eine Symptomatik des überspannten Sprachtyps zu
entwickeln (RG 2). Eine äußerst
hohe Gefährdung und damit große Wahrscheinlichkeit eine o.b.
entsprechende Symptomatik zu entwickeln, besteht dabei bei 7 Probanden
(7,0%), welche stimmlose Plosive ohne stimmhafte Ergänzungen
produzierten. Sie favorisierten damit die spannungsreichere Lautvariante.
Diese prälinguistische Entwicklungsphase weist resümierend bei Kindern
mit Spaltbildungen
erhebliche Unterschiede
im strukturellen Verlauf zu altersgleichen Kindern ohne
Spaltbildungen auf.
Die Kinder versuchen den universellen
Lautentwicklungstendenzen, die bei altersgleichen Kindern zu beobachten
sind (z.B. Lautvorverlagerung an vordere AZ, Präferenz von Orallauten,
Dominanz von stimmhaften Lauten), zu folgen. In der Regel gelingt ihnen
das nur in der beschriebenen Charakteristik, die phonetisch plausibel erscheint.
|
| [Seite 243↓] |
Die Auswertung der Ergebnisse hinsichtlich des
temporalen Verlaufs
ergaben, daß der
Zeitpunkt des Beginns
der linguistischen Phase für den größten Probandenanteil von 23
Kindern (23,0%) im Alter von 1;0 Jahren (12 Monate) lag.
Der
Toleranzbereich für den als normgerecht definierten Zeitpunkt des
Beginns der linguistischen Phase wurde für den
Zeitraum von 0;10 – 1;2 Jahren
(10-14 Monate) festgelegt. In dieser Zeit trat bei 77 Probanden
(77,0%) das erste intentional gebrauchte Wort auf. Außer diesen gab es
noch 4 Probanden (4,0%), die die Phase des Sprechbeginns im Alter von
0;9 Jahren und damit vorzeitig begannen. Dieser
Umstand ist überraschend, da die Kinder im allgemeinen über äußerst
ungünstige Bedingungen für das Sprechenlernen verfügen, aber scheinbar
dennoch möglich.
Der größte Anteil (über ¾) der Probanden (81,0%)
begann somit im bzw. vor dem altersentsprechenden zeitlichen
Normbereich die linguistische Phase und nicht, wie häufig in der
Literatur (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.) beschrieben, verzögert.
Ob der
Anteil von 15 Probanden (15,0%), die im Alter von
1;3 – 1;6 Jahren
(15-18 Monate) mit der Produktion von ersten Wörtern begannen, als
Population mit verspätetem Sprechbeginn eingestuft werden könnte oder
müßte, kann unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits, ausgehend
von der engen Begrenzung des Toleranzbereiches, der dieser Auswertung
zugrunde gelegt wurde, müßte diese Frage bejaht werden. Andererseits
gibt es auch in der Population von Kindern ohne Spaltbildungen einen
Prozentsatz von Kindern, die ebenfalls erst zu einem späteren Zeitpunkt
erste Wörter äußern. Außerdem muß bedacht werden, daß Kinder mit
Spaltbildungen in ihren phonetischen Möglichkeiten äußerst begrenzt
sind. Diese Tatsache findet ihre Entsprechung in der Beschränkung
phonologischer Merkmalsrealisierungen, die wiederum zu einer erheblichen
Einschränkung der Sprechverständlichkeit führen kann. So ist es
durchaus denkbar, daß erste Wortäußerungen der Kinder nicht als diese
wahrgenommen und erkannt werden, und der Zeitpunkt des Sprechbeginns
erst später konstatiert wird.
Allerdings bleibt ein wenn auch nur
geringer Anteil von 4 Probanden (4,0%), welche ihre Wortproduktionen
erst in einem Alter
nach 1;6 Jahren
(18 Monaten) aufnahmen und eindeutig als
sprachentwicklungsverzögert gelten müssen. Die Frage hier ist jedoch,
ob die Sprachentwicklungsverzögerung kausal mit der Spaltbildung im
Zusammenhang steht, oder ob noch weitere Faktoren (wie
unterschiedliches Sprachangebot, konstitutionelle Sprachschwäche,
Einschränkungen des Hörvermögens u.a.m.) für diese (mit)verantwortlich
sein können. Da dieser Prozentsatz jedoch recht gering ausgefallen ist,
interessiert diese Fragestellung nur peripher.
Die Auswertung der Daten bezüglich des strukturellen Verlaufs ließ folgendes erkennen:
Der
aktive Wortschatz
erwies sich bei 94 Probanden (94,0%) mit einem Umfang von 1-30
Wörtern als eingeschränkt, wenn man der Auswertung Literaturaussagen
zugrunde legt, die bis zum Alter von 1;6 Jahren einen Umfang von ca.
30-50 Wörtern konstatieren. Bei 70 Probanden (70,0%) bestand der
Wortschatz sogar nur aus 1-10 Wörtern und muß damit als erheblich
eingeschränkt gelten.
Nur 2 Probanden (2,0%) verfügten über einen
Wortschatz von über 30 Wörtern und lagen somit im altersentsprechenden
Normbereich.
Eine Erklärung hierfür wäre möglicherweise, daß durch
die anatomisch-phonetischen Einschränkungen häufig für unterschiedliche
Zielwörter Homonyme gebildet werden, die nicht als mehrere Wörter
differenziert wahrgenommen werden können, bzw. die Klangprodukte der
Nachahmungsversuche dermaßen entstellt sind (z.B. nur ein Vokal), daß
diese nicht als eigenständige, intentional gebrauchte Wörter erkannt
werden (VIHMAN u.a. 1985).
Hinsichtlich der
Wortstruktur
dominierten eindeutig zweisilbige Wörter (67,6%) mit vorrangiger
Betonung der initialen Silbe, gefolgt von einsilbigen Wörtern
(31,1%).
Bezüglich der
Silbenstruktur
erschienen am häufigsten die Formen KVKV (36,4%), VKV (23,8%), KV
(15,6%) und KVK (8,3%). Die Silbenstrukturen KV und KVKV bildeten
zusammen den größten Anteil von 52,0%.
Diese Ergebnisse entsprechen
im allgemeinen den Sprachentwicklungstendenzen altersgleicher Kinder
(Abschnitt 2.3.2.1.3.3.). Die Dominanz bestimmter Wort- und
Silbenstrukturen in den ersten Wörtern scheint universellen
Entwicklungsstrategien unterworfen zu sein und läßt auf intakte mentale
Voraus[Seite 244↓]setzungen und die
selben Grundfähigkeiten zum Spracherwerb bei Kindern mit Spaltbildungen schließen.
Die Lautproduktion erfolgte an allen 4
Artikulationszonen
. Hinsichtlich der Auftretenshäufigkeit ergab sich bei der
separaten Betrachtung im Gebrauch der einzelnen Artikulationszonen die
Reihenfolge labial >
pharyngeal-laryngeal > alveolar-dental >
palatal.
Bei der Betrachtung des Gebrauchs der
Artikulationszonen insgesamt auf die 100 Probanden bezogen, zeigten die
größten Probandenanteile den gleichzeitigen Gebrauch der 1./2./3./4.
Artikulationszone (33,3%) und der 1./2./4.Artikulationszone (32,3%).
Beim nächstgrößten Probandenanteil von 16,7% erschienen
Lautrealisierungen an der 1./4.Artikulationszone. Andere Varianten
traten mit erheblich geringerer Probandenbeteiligung auf.
Nach
Literaturaussagen (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) dominieren in der Phase des
Sprechbeginns die vorderen (labialen, alveolar-dentalen) Konsonanten.
HACKER (1992) spricht sogar davon, daß die hinteren Konsonanten nur
vereinzelt auftreten.
Außer dem doch sehr häufigen Gebrauch der
4.Artikulationszone für die Lautproduktionen erscheint die
Auftretensreihenfolge der 1. >
2. > 3.Artikulationszone in vorliegender Probandengruppe
entsprechend den alterstypischen Erwartungen. Die hohe Probandenanzahl
von 88,5% jedoch, welche für ihre Lautrealisierungen die 4.Artikulationszone benutzte, ist
als zu hoch in Bezug auf die Lautentwicklungstendenzen zu
werten.
Genau wie in der 2.Lallphase traten hier Abweichungen vom
systematischen Entwicklungsverlauf altersgleicher Kinder ohne
Spaltbildungen auf.
Die
Gesamtlautzahl
belief sich in dieser Phase auf 473 Laute (100%). Genau wie in der
2.Lallphase wurde der größte Anteil von 179 Lauten (37,8%) an der 4.AZ realisiert. Die übrigen 294
Laute (62,2%) nahmen anteilmäßig mit Zunahme der
Artikulationszonen-Numerierung ab: An der 1.AZ wurden 136 Laute (28,8%), an der 2.AZ 99 Laute (20,9%) und an der
3.AZ 59 Laute (12,5%)
gebildet.
Auch hier bestand somit quantitativ eine Präferenz für die
Lautrealisierungen an der 4.Artikulationszone.
Literaturaussagen
(Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) hinsichtlich bevorzugter Artikulationsorte bei
der Lautproduktion benennen nicht nur die vorderen Artikulationszonen
als präferierte Gebiete, sondern beschreiben mitunter auch die Tendenz
der Bevorzugung labialer vor alveolar-dentaler Laute. Neben der größeren
visuellen Kontrolle labialer Lautrealisierungen begründet MAC NEILAGE
(1997) ihre Prädominanz mit der Belastung, die durch die gleichzeitige
Encodierung lexikalischer und phonetischer Elemente
entsteht.
Diesen Angaben entsprechen, mit Ausnahme der hohen Anzahl
von Lautrealisierungen an der 4.Artikulationszone, auch vorliegende
Untersuchungsergebnisse, die aufgrund dessen als normgerecht bzw. auch
als Folgen einer universellen Strategie gewertet werden können.
Die
Lautrealisierungen stimmten im wesentlichen mit jenen aus der
1.Lallphase überein. Dementsprechend trat wie in der vorangegangenen
Phase auch an den ersten 3 Hauptartikulationszonen ein altersuntypisch,
äußerst eingeschränktes Lautinventar, an der 4.Artikulationszone dagegen
ein vom deutschen Lautsystem abweichend erweitertes Phoninventar auf.
Auch hier kann deutlich eine
spezifische Lautauslassung bzw. –präferenz
für Kinder mit im Vergleich zu Kindern ohne Spaltbildungen
festgestellt werden, die offensichtlich phonetisch plausibel ist.
Die Auswertung der Laute nach
Lautklassen
insgesamt an allen Artikulationszonen zeigte, daß ausgehend von
der Gesamtlautzahl 288 Sonoranten
(60,9%) hauptsächlich an den ersten 3 Hauptartikulationszonen und 185
Obstruenten (39,1%) fast
ausschließlich an der 4.Artikulationszone produziert wurden. Es bestand
ein relatives Verhältnis von 1,6 : 1 der Lautanteile
zueinander.
Nach den einzelnen Lautklassen differenziert betrachtet
traten am häufigsten Laute der Lautklasse Nasale mit einem Anteil von 32,6% (ca. 1/3 aller
Laute), Hauchlaute (15,4%) und
Approximanten (14,8%) sowie
der Laterale (13,5%) auf.
[Seite 245↓]Dadurch wird in dieser Phase
insgesamt vorrangig eine
Tendenz zur nasalen Lautbildung
deutlich erkennbar. Einerseits erhöht sich der Lautanteil der
Nasale in dieser Phase physiologischerweise bei altersgleichen Kindern
auch (willkürlicher Art).
Andererseits könnte mit dem bewußten
Versuch einer korrekten Lautimitation durch das verstärkte Bemühen bei
der Artikulation der Phonationsstrom auch vermehrt über den Nasenraum
entweichen, weil dieser (sind im intraoralen Bereich Hindernisse
vorhanden) sich den Weg des geringsten Widerstandes wählt und sich
verflüchtigt (unwillkürlicher Art).
Bei den Obstruentenlautbildungen
erschienen am häufigsten die physiologischen Hauchlaute.
Plosive (13,3%) kamen 1,3x
häufiger als die der Frikative vor. Da bei der Lautbildung der
erstgenannten Lautklasse nach TRUBETZKOY (1989) die höchste
Hindernisstufe überwunden werden muß, erscheint diese Relation aus
phonetischer Sicht äußerst bedenklich.
Frikative (10,6%), bei deren
Lautbildung „nur“ die mittlere Hindernisstufe überwunden werden muß,
traten mit dem geringsten Lautanteil am seltensten auf. Sie wären aber
sicherlich zumindest häufiger als die Plosivlautbildungen zu erwarten
gewesen, da ihre Bildung aus phonetischer Perspektive bei Kindern mit
Spaltbildungen einfacher erscheint.
In der Literatur (Abschnitt
2.3.2.1.3.3.) werden des öfteren Laute, die in dieser Phase am
häufigsten beobachtet werden, der Lautklassen Plosive und Nasale sowie
Laute, die seltener erscheinen, der Lautklassen Frikative und Laterale
erwähnt. Hauchlaute und Approximanten wurden in unterschiedlicher
Auftretenshäufigkeit (mal mehr mal weniger) beschrieben.
Die
Lautanteile von Nasalen, Hauchlauten und Approximanten in vorliegender
Probandengruppe entsprechen demnach relativ den Literaturangaben in
dieser Entwicklungsphase. Allerdings fehlt ein hoher
Plosivanteil.
Laute der Lautklassen Plosive und Frikative,
altersentsprechend vorrangig an vorderen Artikulationszonen zu erwarten
gewesen, entstehen bei Kindern mit Spaltbildungen fast ausschließlich
durch pharyngeal-laryngeale Fehlspannungen und sprechen für eine
frühzeitige Artikulationsverlagerung nach zentripetal. Es bestehen
eindeutige Abweichungen vom altersentsprechenden Entwicklungsverlauf.
Auch hier müssen
anatomisch-phonetische Unzulänglichkeiten
als Erklärung für
spezifische Lautauslassungen
bzw. –selektionen und –präferenzen
nach Lautklassen
differenziert verantwortlich gemacht werden.
Bei der Betrachtung der Laute gemäß ihrer
sonorantischen Eigenschaften
zeigte sich ein Verhältnis von 2,4 : 1 von 335 stimmhaften (70,8%)
zu 138 stimmlosen Lauten (29,2%).
Die stimmhaften Laute wurden an allen 4
Artikulationszonen gefunden. Dabei nahm die Lautanzahl mit
fortschreitender Wanderung der Artikulationsgebiete nach
pharyngeal-laryngeal ab.
Die stimmlosen Laute erschienen fast ausschließlich
an der 4.Artikulationszone.
Bei der differenzierte Betrachtung nach
Lautklassen
(Plosive/Frikative) überwog jeweils zahlenmäßig die stimmlose
Variante.
In der Literatur (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) wird häufiger
eine höhere Auftretensfrequenz stimmhafter gegenüber stimmloser Laute
erwähnt.
Die hohe Anzahl stimmhafter Laute erklärt sich in
vorliegender Probandengruppe durch die allgemeine Tendenz in der
Lautbildung vorrangig in dieser Entwicklungsphase vordere
Artikulationszonen für die Artikulation zu verwenden. Dieser
universellen Strategie in der Ontogenese folgen offensichtlich auch
Kinder mit Spaltbildungen in ihrer Sprachentwicklung (s.o.). Da jedoch
die Obstruentenlautbildungen in diesen Bereichen bedingt durch die
Gaumenspalte so gut wie unmöglich erscheinen, entstehen dort fast
ausschließlich Laute mit überwiegendem Klangcharakter, in dem Bemühen
ein möglichst kontrastreiches oppositionelles phonologisches System zu
schaffen. Behilflich dabei sollen auch die Plosive und Frikative sein,
deren Bildung phonetisch meist nur an der 4.Artikulationszone möglich
ist. Daß die stimmlosen Varianten dabei präferiert werden, weist auf
eine erhöhte Tension und einen stärkeren intraoralen Druckaufbau bei der
Lautbildung hin.
So erschienen in der Auftretensreihenfolge am
häufigsten Laute mit
Klangübergewicht
(Sonoranten) gefolgt von den
echten/reinen Geräuschlauten
(stimmlose Obstruenten) und am seltensten die Laute mit
Geräuschübergewicht
(stimmhafte Obstruenten).
|
| [Seite 246↓] |
Das
Phoninventar
an den einzelnen Artikulationzonen unterschied sich im
wesentlichen nicht von dem, welches in der 2.Lallphase erhoben
wurde:
Auch hier ließen sich mit der Dominanz der Laute [m], [l] und
[j] an der
1.-3.AZ
gemeinsame Tendenzen (in allen 3 Phasen) erkennen.
An der
4.AZ
verfügte das Phoninventar über die größte Anzahl von Lauten. In
der Häufigkeitsreihenfolge erschienen hier [h], [], [], [], [] und
[Δ].
Die Produktion von Plosiven (stimmhafte u./o. stimmlose
Variante) erfolgte insgesamt bei 45 Probanden (46,9%) und die der
Frikative (stimmhafte u./o. stimmlose Variante) bei 33 Probanden
(34,3%).
Von den Probanden, welche in ihrem Phoninventar über
Plosive u./o. Frikative verfügten, gebrauchte der größte Probandenanteil
ausschließlich eine Plosivvariante ohne
gleichzeitig auch eine Frikativform zu realisieren. Somit lag eine
Präferenz für Laute vor, deren Bildung die Überwindung der höchsten
Hindernisstufe erforderte, bei Auslassen des Artikulationsmodus‘
mittlerer Hindernisstufe. Es zeigte sich damit die Bestätigung der
zunehmenden Verstärkung der Artikulationsverlagerung.
Ausschließlich
Frikativformen traten bei dem geringsten
Probandenanteil auf, welche damit Spannungsverhältnisse geringsten
Grades bei der zentripetalen Artikulationsverlagerungen
aufwiesen.
Ähnliche Tendenzen ließen sich innerhalb der Lautklassen
gemäß ihrer sonorantischen Varianten feststellen: Sowohl bei den
Frikativen
als auch bei den
Plosiven
dominierte bei der größten Probandenanzahl der stimmlose Typ.
An zweiter Stelle in der
Reihenfolge der zahlenmäßigen Auftretenshäufigkeit erschienen die
Realisierungen stimmhafter und stimmloser
Art.
Die Kinder des geringsten Probandenanteils favorisierten
ausschließlich die stimmhafte Form.
Auch
hier präferierten die Probanden nach phonetischen Gesichtspunkten
betrachtet tendenziell eher Spannungsverhältnisse höheren Grades gemäß
der vorrangigen Lautbildung stimmloser Laute bei meist gleichzeitigem
Fehlen der spannungsärmeren Lautvariante gemäß der Bildung stimmhafter
Laute.
Nach phonologischen Aspekten betrachtet könnte allerdings
folgende Erklärung herangezogen werden: In der von LINDNER (in
MEINHOLD/STOCK 1982) aufgestellten Häufigkeitsverteilung von
Konsonantenphonemen nach Artikulationsart in der deutschen Sprache
erscheinen insgesamt am häufigsten Frikative vor Plosive, nach
sonorantischen Eigenschaften differenziert stimmlose Frikative vor
stimmlosen Plosiven und nach der Differenzierung sonorantischer
Varianten innerhalb der Lautklassen stimmlose vor stimmhaften
Frikativen sowie stimmlose vor stimmhaften Plosiven. So gesehen könnten
die Ergebnisse dafür sprechen, daß die durch die
Artikulationsverlagerungen entstandenen Laute in ihren relativen
Häufigkeitsanteilen (gemäß Lautklassen, sonorantischer Varianten) den
für die deutsche Sprache konstatierten Häufigkeitswerten tendenziell entgegenkommen.
Die Überprüfung der Lautbildung auf charakteristische Tendenzen an der
4.AZ in der Symptomatik der jeweiligen
Sprachtypen
ergab, daß der größte Probandenanteil zwar noch immer über
Plosivproduktionen (RG 2)
verfügte, aber ein fast ebenso hoher Probandenanteil entweder keine
Laute der 4.AZ oder die Laute [h], [Δ] aufwies (RG 0).
Der geringste Probandenanteil
realisierte Frikative (RG
1).
Das deutliche Bemühen bei der intentionalen Lautnachahmung
vorgegebener Zielwörter führte am häufigsten zu zweierlei
unterschiedlichen Ergebnissen: entweder erfolgte die Imitation mit den
phonetisch zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (RG 0) oder aber die in
den vorangegangenen Entwicklungsphasen bereits explorierten
Lautrealisierungen hinterer Artikulationszonen werden in den verstärkten
Bestrebungen dem Lautvorbild akustisch gleichwertige Klangbilder zu
produzieren zwangsläufig durch das häufige Entstehen und Wiederholen
internalisiert (RG 2). Die Manifestierung von unerwünschten,
abweichenden Sprechbewegungsmustern kann so facilitiert
werden.
Allerdings ist hier lediglich von Tendenzen und nicht von
eindeutigen Zuordnungen die Rede. Erst die Weiterentwicklung mit
zunehmendem Alter kann die Herausbildung der Symptomatik entsprechend
der Sprachtypen bestätigen.
|
| [Seite 247↓] |
Auch in dieser Phase lassen
sich resümierend bei grundsätzlichem Befolgen universeller
Entwicklungstendenzen (z.B. Lautvorverlagerung, Dominanz stimmhafter
Laute, Präferenz von Nasalen) bei Kindern mit Spaltbildungen erhebliche
Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern finden (z.B.
Phoninventar).
Diese sind zum einen meist phonetisch plausibel und
erreichen in den unphysiologischen Lautrealisierungen an der 4.AZ einen
stärkeren Ausprägungsgrad als in der 2.LP (Zunahme der Plosive und der
stimmlosen Laute). Insgesamt scheinen sich die Kinder bereits in dieser
frühen Phase (bis zum Alter von 1;6 Jahren) tendenziell in ihrer
Lautentwicklungsstrategie der Charakteristik der einzelnen Sprachtypen
(Risikogruppen) anzunähern. HARDING/ GRUNWELL (1996, 1998) beschrieben
diese Tendenzen ebenfalls bereits präoperativ (Abschnitt
2.4.2.1.1.3.4.).
Zum anderen könnten diese sich aber auch an
phonologischen Kriterien orientieren und den Aufbau eines
oppositionellen Systems unterstützen.
|
| [Seite 248↓] |
Insgesamt konnten die 91 Probanden (100%) in 8 Gruppen aufgeteilt werden:
|
1. |
Beim überwiegenden Teil der Probanden von 55 Kindern (60,4%) ließ sich ein relativ kontinuierlicher, altersentsprechender temporaler Entwicklungsverlauf feststellen. Das heißt, daß diese Kinder sowohl die 1.Lallphase, die 2.Lallphase als auch die Phase des Sprechbeginns in dem als normgerecht definierten Zeitraum mit den für die einzelnen Entwicklungsphasen typischen Lautproduktionen begannen. |
Die übrigen 36 Probanden (39,6%) zeigten keinen kontinuierlichen Verlauf in der temporalen Entwicklung:
|
2. |
7 Probanden (7,7%) wiesen ausschließlich beim Beginn der 2.Lallphase eine zeitliche Verzögerung auf, der Beginn der 1.Lallphase und der linguistischen Phase lag im altersentsprechenden Normbereich. |
|
3. |
Ausschließlich die linguistische Phase (Sprechbeginn) begann bei 7 Probanden (7,7%) verzögert. Der Zeitpunkt des Beginns der 1. und 2.Lallphase wurde in zeitlich normgerechten Toleranzbereichen konstatiert. |
|
4. |
Ein durchgehend verzögerter Verlauf trat bei 6 Probanden (6,6%) in sämtlichen Entwicklungsphasen (1. und 2.Lallphase, Sprechbeginn) auf. |
|
5. |
Ein Anteil von 5 Probanden (5,5%) zeigte ausschließlich beim Beginn der 1.Lallphase eine Verzögerung. Die 2.Lallphase und die Phase des Sprechbeginns begannen normgerecht. |
|
6. |
Die 1. und 2.Lallphase begannen bei einem Probandenanteil von 5 Kindern (5,5%) verzögert, die Phase des Sprechbeginns erschien zeitgemäß. |
|
7. |
Bei 5 Probanden (5,5%) erschienen die 2.Lallphase undder Phase des Sprechbeginns zu einem Zeitpunkt, der als verspätet gewertet werden muß. Die 1.Lallphase trat norm- bzw. altersentsprechend auf. |
|
8. |
Nur 1 Proband (1,1%) begann die 1.Lallphase und die Phase des Sprechbeginns verspätet, die 2.Lallphase aber zeitgemäß. |
Der größte Probandenanteil wies damit einen kontinuierlich alters- bzw.
normentsprechenden und somit
keinen abweichenden temporalen Verlauf
über den gesamten Zeitraum von 1;6 Jahren auf. Dies läßt darauf
schließen, daß Kinder mit Spaltbildungen über die selben mentalen
Voraussetzungen und basalen Grundfähigkeiten zum Spracherwerb verfügen
wie andere Kinder auch.
Bei den übrigen Probanden traten
unterschiedliche
Abweichungen
von dieser Kontinuität auf, welche einzelne oder mehrere Phasen
gleichzeitig betreffen konnten und möglicherweise unterschiedliche
Ursachen haben (z.B. Lippenverschlußoperation, Hörbeeinträchtigungen u.a.m.).
|
| [Seite 249↓] |
Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus der Querschnittuntersuchung der einzelnen Phasen ergab, daß quantitativ in der 2.Lallphase die einzelnen Artikulationszonen von jeweils der größten Probandenanzahl für die Lautbildung genutzt wurden. Die sensorische Stimulation scheint die Lautexploration erheblich zu aktivieren und zu mobilisieren.
Die Auswertung der Daten aus der Längsschnittstudie ergab, daß die vorderen Artikulationszonen erwartungsgemäß zunehmend in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns für die Lautbildung verwendet wurden.
Die Produktion von Lauten der 1.Artikulationszone erfolgte beim größten Anteil von 60 Probanden (69,0%) in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns sowie beim nächst-größten Anteil von 25 Probanden (28,8%) in allen 3 Phasen. Das entspricht erwartungsgemäß der Lautentwicklungstendenz altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen, bei denen die Verwendung vorderer Artikulationszonen mit steigendem Alter zunimmt. Es wurden keine Probanden ermittelt, die über keine Laute der 1.AZ in irgendeiner Phase verfügten.
Die 2.Artikulationszone verwendete der größte Anteil von 36 Probanden (41,4%) für die Lautrealisierung ebenfalls in der 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns (Gruppe 6). Bei 13 Probanden (14,9%) erfolgte die Lautbildung an dieser AZ in allen 3 Phasen (Gruppe 4). Die Lautvorverlagerung begann somit beim größten Probandenanteil (56,3%) wie auch häufig bei altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen z.T. bereits in der 1.Lallphase.
Ganz andere Zahlen wurden im Hinblick auf den Gebrauch der 3.Artikulationszone ermittelt: Der absolut größte Probandenanteil von ca. 1/3 aller Kinder zeigte keinerlei Laute der 3.AZ in irgendeiner Phase (Gruppe 8). Das entspricht den Ergebnissen aus der Querschnittsuntersuchung. Diese AZ ist von der Fehlbildung am stärksten betroffen. Daher wurde sie vermutlich auch für die Lautbildung am seltensten verwendet.
Die Lautrealisierungen der 4.Artikulationszone verwendete der größte Anteil von ca. ¾ der Probanden (77,1%) in der 1.Lallphase, der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (Gruppe 4). Da das Auftreten von Lauten hinterer Artikulationszonen in der 1.Lallphase altersentsprechend und von spezifischen Artikulationsverlagerungen kaum zu unterscheiden ist, hat es auch keinen diagnostischen Aussagewert. Eine weit größere Relevanz hat dagegen das kontinuierliche Erscheinen der 4.AZ bei der Lautbildung in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns. Es läßt sich somit folgende Tendenz feststellen: Treten in der 2.Lallphase Laute der 4.AZ auf, so erscheinen diese mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Phase des Sprechbeginns. Somit ist bereits tendenziell in frühen Entwicklungsphasen eine prognostische Aussage möglich.
Andere auffallende gemeinsame Entwicklungstendenzen waren nicht erkennbar.
Grundsätzlich läßt sich sagen, daß der größte Anteil der vorliegenden Probandengruppe in der Lautentwicklung beim Gebrauch der Artikulationszonen und hinsichtlich des phonetischen Inventars den universellen Tendenzen folgt. Treten Abweichungen bzw. Einschränkungen auf, so könnten diese durchaus phonetisch plausibel, z.T. durch externe Einflüsse erklärbar (z.B. Lippenverschlußoperation), offensichtlich mitunter auch umweltabhängig (z.B. Sprachangebot und –vorbild) und möglicherweise auch, darauf deuten die Daten hin, in eine allgemeine konstitutionelle Sprachschwäche eingebettet sein.
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Die höchste Gesamtlautzahl in der 2.Lallphase läßt sich rein quantitativ vermutlich durch die sensorische Stimulation und die dadurch bedingte hohe Lallaktivität erklären.
An der
1.Artikulationszone
erschienen am häufigsten die Laute [m] und [υ].
Beim
absolut größten Anteil von 84 Probanden (96,6%) erfolgte die
[m]-Lautbildung
kontinuierlich in allen 3 Phasen (28,7%) bzw. in der
2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (67,9%).
Hier ist
das Ergebnis sowohl phasentypisch als auch (im Hinblick auf die
Problematik) spezifisch-phonetisch erwartungsgemäß ausgefallen.
Die Längsschnittuntersuchung machte deutlich, daß die [ υ ]-Laute vom größten Probandenanteil (35,7%) in keiner der 3 Phasen gebildet wurde. Diese Lautbildung hat sich für Kinder mit Spaltbildungen somit als schwieriger herausgestellt, als auf den ersten Blick vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil der Phonationsstrom hier die längste intraorale Passage nehmen muß, um an den Ort der (annähernden) Engebildung zu gelangen, ohne vorher über den Nasaltrakt zu entweichen.
An der
2.Artikulationszone
erfolgte am häufigsten die Bildung der Laute [l] und
[n].
In der Längsschnittuntersuchung wurde der größte
Probandenanteil von 26 Kindern (29,9%) in der Gruppe 6 gefunden, in
der die
[l]-Laute
sowohl in der 2.Lallphase als auch in der Phase des
Sprechbeginns produziert wurden. Weitere 10 Probanden (11,5%)
realisierten diesen Laut in allen 3 Phasen. Somit verfügten immerhin
36 Probanden (41,4%) über einen kontinuierlichen
Lautentwicklungsverlauf.
Das Ergebnis entspricht den
phasentypischen Lautproduktionen altersgleicher Kinder ohne
Spaltbildungen und zeigt deutlich den Zusammenhang zwischen
vorsprachlicher und sprachlicher Lautentwicklung.
Auch die
[n]-Laute
wurden (wie die []-Laute) vom größten Probandenanteil (35,7%)
in keiner der 3 Phasen gebildet. Nur 20 Probanden (23%) zeigten eine
altersentsprechende Lautentwicklung, indem 1 Proband (1,1%) ihn in
allen 3 Phasen bzw. 19 Probanden (21,9%) ihn in der 2.Lallphase und
der Phase des Sprechbeginns realisierten.
Da der
Bildungsmechanismus der Nasallaute für Kinder mit Spaltbildungen
relativ leicht zu bewältigen ist, ist das Ergebnis um so
erstaunlicher. Es wären durchaus mehr Probanden zu erwarten gewesen,
die [n]-Laute artikulierten. Die Probanden scheinen an dieser
Artikulationszone die orale Lautbildung zu präferieren. Allerdings
war eine wenn auch nur geringe so doch stetige Zunahme von Probanden
zu verzeichnen, die diese Laute bis zur Phase des Sprechbeginns realisierten.
An der
3.Artikulationszone
wurden am häufigsten die Laute [j], [] und []
produziert.
Obwohl der
[j]-Laut
charakteristischerweise als Approximant in jeder Phase und aus
phonetischer Sicht wegen dem relativ einfachen Bildungsmodus recht
häufig zu erwarten gewesen wäre, zeigte die
Längsschnittuntersuchung, daß der größte Probandenanteil von 33
Kindern (37,9%) keine [j]-Laute bildete.
Vermutlich wirken sich
die anatomischen Defizite (3.AZ besonders betroffen) nicht nur
qualitativ (Phoninventar) sondern auch quantitativ
(Auftretenshäufigkeit von phonetisch möglichen Lauten) auf die
Lautbildung aus.
Nur 10 Probanden (11,5%) realisierten diese
Laute altersentsprechend in allen 3 Phasen.
Die [ ]-Lautbildung wurdevomgrößten Probandenanteil (75,9%), wie die Längsschnittuntersuchung zeigte, nicht realisiert. Andere Entwicklungstendenzen waren nicht erkennbar. Insgesamt spiegelte sich auch in diesen Ergebnissen die Artikulationsarmut von Lauten an dieser Artikulationszone wider.
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| [Seite 251↓] |
Die [ ]-Laute wurden von der größten Probandenanzahl (80,5%) in keiner der 3 Phasen produziert. Altersentsprechend zeigten diese Kinder somit nicht nur eine sehr geringe Auftretenshäufigkeit dieser Lautbildung, sondern im Vergleich dazu auch eine Präferenz für die [l]-Lautrealisierung an der anterioren 2.AZ. Diese Tendenz kann als Indiz für die Bevorzugung der Laute vorderer Artikulationszonen interpretiert werden.
An der
4.Artikulationszone
traten am häufigsten die Laute [h], [], [], [] und []
auf, welche (außer dem [h]-Laut) altersentsprechend und
charakteristischerweise am häufigsten in der 1.Lallphase erscheinen
sollten.
Die Längsschnittuntersuchung bestätigte, daß der größte
Probandenanteil von 40 Kindern (46,0%) den
[h]-Laut
kontinuierlich über alle 3 Phasen verwendete. Dieser Anteil
könnte eventuell noch höher liegen, wenn man die 18 Probanden der
Gruppe 5 betrachtet, welche in der 1. und 2.Lallphase Hauchlaute
bildete. Da der aktive Wortschatz i.d.R. erheblich eingeschränkt
war, könnte bei einem evtl. Wortschatzzuwachs auch die
[h]-Lautproduktion häufiger erscheinen.
Diese Entwicklung ist
nicht nur phonetisch plausibel, sondern auch aus
lautentwicklungsphysiologischer Sicht akzeptabel.
Das zahlenmäßig zunehmende Vorkommen der
[
]-Laute
in den späteren Phasen (Querschnittuntersuchung) ist auf den
1.Blick als äußerst bedenklich zu werten, weil es auf eine
verstärkte Artikulationsrückverlagerung hinweist (Abschnitt 4.1.2.
und 4.1.3.).
Auf den 2.Blick, so geht es aus der
Längsschnittstudie hervor, zeigte sich jedoch, daß 46 Probanden
(Gruppe 8) überhaupt keine []-Lautproduktion und 6 Probanden
(Gruppe 1) diese nur in der 1.Lallphase aufwiesen. Somit erschien
die []-Lautrealisierung von immerhin fast 2/3 der Probanden
(59,8%) als nicht auffällig.
Allerdings zeichnete sich noch ein
erheblicher Anteil von immerhin 16 Probanden (18,5%) von den übrigen
ab, welche erst in der Phase des Sprechbeginns diese Laute bildeten
(Gruppe 3). Bei 1/5 der Probanden führte die
Artikulationsverlagerung vermutlich durch die bewußte Lautnachahmung
in dieser Phase zur []-Lautbildung.
Das Auftreten des
[
]-Lautes
ist auch hier erst ab der 2.Lallphase als bedenklich zu
werten. Die abnehmende []-Lautproduktion in der Phase des
Sprechbeginns (Querschnittuntersuchung) könnte zugunsten der
[]-Lautproduktion ausgefallen sein.
Die
Längsschnittuntersuchung zeigte, daß 29 Probanden (33,4%) keine
[]-Laute und 12 Probanden (13,8%) diese nur in der 1.Lallphase
produzierten. Damit erwies sich die []-Lautbildung bei insgesamt
47,2% aller Probanden (ca. der Hälfte) als unauffällig.
In der Längsschnittuntersuchung zeigten 16 Probanden (18,4%) keine [ ]-Laute und 14 Probanden (16,1%) ausschließlich in der 1.Lallphase. Ein Probandenanteil von insgesamt 34,5% (ca. 1/3) wies daher eine unauffällige []-Lautentwicklung auf.
Nach der Längsschnittuntersuchung erfolgte bei 29 Probanden (33,4%)
die
[
]-Lautbildung
ausschließlich in der 1.Lallphase und bei 10 Probanden
(11,5%) überhaupt nicht. Das ergibt einen Probandenanteil von 39
Kindern (44,9%) welche eine unauffällige []-Lautentwicklung
zeigten.
Der größte Probandenanteil entfiel allerdings auf 37
Kinder (42,5%), die während der 1. und 2.Lallphase []-Laute
bildeten. Diese Probanden (über 1/3) scheinen an dieser Lautbildung
aus der 1.Lallphase festzuhalten.
Insgesamt scheinen die Kinder
der universellen Lautentwicklungstendenz zu folgen, nach der die
Laute hinterer Artikulationszonen mit zunehmenden Alter erst einmal
abnehmen. Wenn auch die Probandenanzahl, die in der 2.Lallphase
[]-Laute bildete, noch recht hoch erscheint, so ist doch
tendenziell diese Entwicklungsrichtung erkennbar.
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| [Seite 252↓] |
Andere eindeutige gemeinsame Entwicklungstendenzen waren nicht festzustellen.
Zusammenfassend
läßt sich sagen, daß bei den Probanden über alle 3
Entwicklungsphasen hinweg die Tendenz der zunehmenden Dominanz von
Lauten vorderer gegenüber hinterer Artikulationszonen (außer [])
vorherrscht. Neben den Bestrebungen mit den anatomisch-phonetischen
Möglichkeiten bei der Lautbildung auszukommen, entstehen bei
Nichtgelingen frühzeitige Artikulationsverlagerungen.
Insgesamt,
wenn man alle Lautentwicklungstendenzen betrachtet, scheinen die
Kinder recht unterschiedliche Strategien zu vefolgen. Das macht
deutlich, welch komplexes Phänomen Spaltbildungen in ihren
Auswirkungen darstellen. Die individuell sehr unterschiedlich
geprägte Ausgangssituation der Kinder (z.B. Geschlecht, Spaltform,
sozio-ökonomischer Status der Eltern, Sprachangebot und –vorbild,
orofaciale Dysfunktionen, auditive Beeinträchtigungen u.a.m.) führt
vermutlich zu divergenten Entwicklungsverläufen über diesen langen
entwicklungsintensiven Zeitraum von 1;6 Jahren.
Diese
vielschichtige Problematik bedarf daher auch einer mehrdimensionalen
Betrachtungsweise, um kausale Zusammenhänge erkennen und damit
eindeutigere Zuordnungen (von Symptom und Ursache) vornehmen zu können.
Die Ergebnisse zur Lautreihenfolge nach der Auftretenshäufigkeit gemäß der Probandenzahlen ([m], [h], [l] häufige Laute; [], [], [] weniger häufige Laute; [Δ] und Obstruenten der ersten 3 AZ äußerst seltene Laute) scheinen phonetisch plausibel und zeigen besonders die strukturelle Verbundenheit der 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns.
Im Verlauf der ersten 1;6 Jahre scheint sich die Lautbildung
bezüglich der Charakteristika gemäß der
Sprachtypen
in der
Querschnittuntersuchung
tendenziell dichotomisch zu differenzieren: Nachdem sich die
Probanden in den ersten Phasen noch relativ häufig der Risikogruppe
1 zuordnen ließen, schienen sie sich mit steigendem Alter zunehmend
festzulegen, entweder in der Lautproduktion ausschließlich Laute zu
verwenden, deren Bildung gemäß ihrer anatomischen Bedingungen
möglich ist (Risikogruppe 0) oder das eingeschränkte Phoninventar
durch starke Artikulationsverlagerungen mit pharyngeal-laryngealen
Plosiven zu erweitern (Risikogruppe 2). Diese Entwicklung ließ sich
auch an der Auftretenshäufigkeit der einzelnen Laute in den
Phoninventaren ablesen. Die Motivation entstammt vermutlich dem
Versuch, eigene Wortproduktionen den Zielwörtern so ähnlich wie
möglich zu gestalten.
In der
Längsschnittuntersuchung
ließen sich keine
einheitlichen Entwicklungstendenzen feststellen. Es gab
keine eindeutigen Hinweise darauf, ob eine bestimmte Entwicklung in
der einen Phase eine andere bestimmte Entwicklung in einer
darauffolgenden Phase bedingt.
Zweierlei Interpretationen dieser
Ergebnisse sind möglich: Zum einen können die Auswirkungen von
Spaltbildungen auf die Sprachentwicklung sehr unterschiedlich sein
und zu differenten Entwicklungsverläufen führen. Es wäre wichtig,
die Weiterentwicklung zu beobachten, da die Ergebnisse bis 1;6 Jahre
so gut wie keine gemeinsamen Entwicklungstendenzen deutlich machen
konnten.
Zum anderen könnte allerdings generell angezweifelt
werden, ob die Daten und damit auch die Ergebnisauswertungen
diesbezüglich aussagekräftig sind. Nicht zuletzt die Ergebnisse, die
kaum Schlußfolgerungen zulassen, tragen zu der Überlegung bei, daß
sich Lautentwicklungstendenzen den jeweiligen Sprachtypen
entsprechend in diesem Alter noch nicht eindeutig feststellen lassen.
Bei der Gegenüberstellung der Ergebnisse aus der
Querschnittuntersuchung
hinsichtlich der Lautbildung an der
4.Artikulationszone
gemäß der Differenzierung nach Obstruenten ließen sich relativ
deutliche Entwicklungstendenzen über 1;6 Jahre feststellen.
Insgesamt nahm die Anzahl der Probanden, welche an der 4.AZ
Obstruenten
(hier Frikative, Plosive) bildeten zwar ab, jedoch präferierte
dabei der größte Probandenanteil die ausschließliche Plosivlautproduktion (ohne gleichzeitige
Frikative). Es wurden damit, und daran läßt sich der qualitative
Grad der Artikulationsverlagerungen ablesen, die Laute favorisiert,
bei deren Bildung die höchste Hindernisstufe überwunden werden muß.
[Seite 253↓]Demgegenüber steht
der kontinuierlich steigende Anteil der Probanden, die überhaupt keine dieser Obstruenten der 4.AZ
bildeten.
Hier bestätigten sich die 2 tendenziellen
Lautentwicklungsstrategien, entweder das Obstruentenphoninventar
der 4.AZ weitestgehend aufzugeben oder ausschließlich die Laute des
Überwindungsmodus höchster Hindernisstufe beizubehalten.
Die
Ergebnisse der
Längsschnittuntersuchung
konnten keine einheitlichen Entwicklungsverläufe deutlich
machen. Die einzelnen Probandenanteile zeigten sehr differente Entwicklungen über 1;6 Jahre und
erlauben daher keine prognostischen Aussagen.
Bei der Differenzierung der Laute nach Lautklassen gemäß ihrer
sonorantischen Varianten zeigte sich bei den
Frikativen
dieselbe o.b. Entwicklungstendenz. Die Anzahl der Probanden in
der
Querschnittuntersuchung
, welche Frikative verwendete, nahm zwar über den Zeitraum von
1;6 Jahren ab, doch bei diesen dominiert zunehmend die Bildung der
stimmlosen Form.
Auch hier wurden
hauptsächlich die 2 Möglichkeiten der Lautentwicklungsstrategien
beobachtet: entweder erfolgte gar keine Bildung von Frikativen an
der 4.AZ oder aber, wenn doch welche auftraten, wurde vorrangig die
stimmlose Form verwendet. Somit wird auch hier zunehmend die
spannungsreichere Variante präferiert, die für eine qualitativ
stärkere Artikulationsverlagerung spricht.
Die
Längsschnittuntersuchung
offenbarte keine weiteren Entwicklungstendenzen.
Bei der Lautklasse der
Plosive
ließ sich in der
Querschnittuntersuchung
eine ähnliche wenn auch nicht so deutliche Entwicklung
feststellen: Die Probanden, die Plosive realisierten, präferierten
mit zunehmendem Alter immer häufiger die stimmlose Form.
Andererseits gab es in
jeder Phase einen Probandenanteil von ca. 50%, bei dem gar keine
Plosivlaute im Phoninventar auftraten. Die 2
Lautentwicklungstendenzen lassen sich somit auch hier
erkennen.
Die
Längsschnittuntersuchung
zeigte ebenfalls, daß der größte Anteil aus 21 Probanden
(24,1%) bestand, die weder in der 1. und 2.LP noch in der Phase des
SB Plosive realisierten. Andere gemeinsame Entwicklungsverläufe
konnten nicht ermittelt werden.
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| [Seite 254↓] |
Es lassen sich eindeutige Selektions- bzw. Vermeidungsstrategien , die zum einen phasenspezifischer und zum anderen phonetischer Natur sind, feststellen (Abschnitt 4.1.).
Insgesamt konnte über alle 3 Phasen die Reihenfolge Nasale >
Approximanten > Laterale festgestellt werden. Die
Häufigkeitsanteile anderer Lautklassen variierten dagegen von Phase
zu Phase.
Die abnehmende Gesamtlautzahl in der Phase des
Sprechbeginns im Vergleich zur 2.Lallphase erklärt sich
hauptsächlich durch die zahlenmäßige Abnahme der
Frikativlautbildungen.
Die Approximantenlautproduktion könnte
sich im weiteren Entwicklungsverlauf (nach 1;6 Jahren) in der
Auftretenshäufigkeit ebenso wie die der Nasale stabilisieren, so daß
in diesem Alter (bis 1;6 Jahre) von einer relativen Dominanz und
damit
Präferenz
der Nasale, Approximanten und Hauchlaute ausgegangen werden kann.
Laterale nahmen in der Auftretenhäufigkeit
eine mittlere Position ein. In der Phase des Sprechbeginns treten
diese generell relativ selten auf. Aufgrund der anatomischen
Bedingungen bei Kindern mit Spaltbildungen wäre aber auch eine
steigende Tendenz denkbar, da diese als Sonoranten im Gegensatz zu
Obstruenten leichter realisierbar sind.
Frikative und Plosive wurden zwar mit den geringsten
Auftretenhäufigkeiten registriert, scheinen jedoch nicht unbedingt
Vermeidungsstrategien
unterworfen zu sein. Da die Bildung dieser Obstruenten fast
ausschließlich an der 4.AZ erfolgte, ist die zahlenmäßige Abnahme
der Auftretenshäufigkeit in jenen Lautklassen bei fortschreitender
Entwicklung sicherlich auf die universelle Entwicklungstendenz, der
Verlagerung der Lautbildung an vordere Artikulationszonen, zurückzuführen.
Die
Gemeinsamkeit
in der Entwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen
besteht in der zunehmenden Vorverlagerung der Lautbildung, der
Unterschied
jedoch im Verhältnis der Lautanteile vorderer und hinterer
Artikulationszonen sowie in der Art der Lautbildungen.
Kinder ohne Spaltbildungen
präferieren in der 2.Lallphase und in der Phase des
Sprechbeginns hinsichtlich des Artikulationsortes vorwiegend Laute
vorderer Artikulationszonen (1./2.) und bezüglich der
Artikulationsart häufig Plosive und Nasale.
Kinder mit Spaltbildungen
versuchen dieser Tendenz zu folgen. In der Regel gelingt ihnen
dabei an den vorderen Artikulationszonen nur die Bildung der
Sonoranten (Nasale, Approximanten, Laterale) und an der 4.AZ nur die
der Hauchlaute. Um das phonetische (1./2.Lallphase) und später
phonologische Inventar (Phase des Sprechbeginns) zu erweitern und
kontrastreicher zu gestalten, werden bei einem Teil der Probanden
Lautbildungen der 4.AZ aus der 1.Lallphase beibehalten bzw.
verfestigen sich durch verstärkte Bemühungen bei der Lautnachahmung
zwangsläufig (Abschnitt 4.1.).
Der stets überwiegende Anteil stimmhafter gegenüber stimmloser Laute
deutet ebenfalls auf das bevorzugte Befolgen der Tendenz der
Lautvorverlagerung hin, da die Laute
stimmhaften Charakters
bis auf die 1.Lallphase (und hier phasenspezifisch bedingt)
zum größten Teil an den vorderen 3 Artikulationszonen gebildet
wurden. Die Lautbildung kann in diesem Bereich meist nur durch eine
Veränderung der Klangstruktur quantitativ (umfangreicher) und
qualitativ (kontrastreicher) gestaltet werden, denn Hemm- und
Verschlußstellenbildungen sind hier kaum möglich.
Der Anteil
stimmloser Laute
(fast ausschließlich an der 4.AZ realisiert), der sich in der
2.Lallphase prozentual etwas verringerte und in der Phase des
Sprechbeginns wieder zunahm, spiegelt qualitativ den zunehmenden
Grad der Artikulationsverlagerung wider. An dieser Tendenz ändert
sich auch nichts, wenn die physiologischen Hauchlaute
unberücksichtigt bleiben.
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| [Seite 255↓] |
Die Ergebnisse der Untersuchung erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Widerlegbarkeit der Hypothesen (Abschnitt 3.1.2.).
Die
Vergleichbarkeit
von Untersuchungsergebnissen zur frühsprachlichen Entwicklung bei Kindern
mit Spaltbildungen in der Fachliteratur ist durch die Verwendung
unterschiedlicher Methoden, Datenerhebungsparameter und –kriterien sowie
Auswertungsstrategien der einzelnen Studien erheblich eingeschränkt.
Zudem
erschwert der Einsatz differenter klinischer Konzepte (Zeitpunkte, ein- bzw.
zweiphasiger Verschluß, OP-Methode) und die häufig unterschiedliche
Muttersprache der Probanden die Gegenüberstellung des
Sprachentwicklungsverlaufs von Kindern mit bzw. ohne (nicht/partiell/total
operativ verschlossenen) Spaltbildungen (SCHEUERLE 1993; WYATT u.a. 1996).
Dennoch kann und muß klärend zu der Frage beigetragen werden, ob es gemeinsame Entwicklungstendenzen bei Kindern mit Spaltbildungen in der Zeit von der Geburt bis 1;6 Jahren gibt:
Hinsichtlich des temporalen Verlaufs in allen 3 Phasen traten beim größten Anteil der Probanden keine Abweichungen vom dem altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auf. Hierin unterscheiden sich vorliegende Ergebnisse eindeutig von den Aussagen, die teilweise in der Literatur gemacht wurden. Dort wurde des öfteren auf eine Sprachentwicklungsverzögerung hingewiesen, die noch vor der oder spätestens mit der Phase des Sprechbeginns deutlich werden würde (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.).
Bezüglich des
strukturellen Verlaufs
wurden erhebliche Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern
gefunden.
In der
1.Lallphase
sind allerdings typische Symptome der Gaumenspaltensprache, sollte diese
bereits auftreten, noch nicht eindeutig erkennbar durch die phasentypisch
bedingte Lautproduktion an hinteren Artikulationszonen. Allerdings wird bereits
in dieser Zeit eine Dominanz im Auftreten der 4. gegenüber der
3.Artikulationszone sowie ein eingeschränktes phonetisches Inventar an den
vorderen (1., 2., 3.) Artikulationszonen deutlich. Hier stimmen die
Forschungsergebnisse mit denen aus der Literatur im wesentlichen überein. Leider
beginnen die Untersuchungen meist erst mit dem Beginn der 2.Lallphase. Dennoch
beschreiben einige Autoren (z.B. O´GARA/LOGEMANN 1990) ein erweitertes
Phoninventar an der 4.AZ als kompensatorische Artikulationsmuster sowie ein
überwiegen von Sonoranten bzw. ein Fehlen von Obstruenten an den vorderen
Artikulationszonen als Folge der peripheren Fehlbildungen. Diese Aussagen werden
durch die vorliegenden Untersuchungsergebnisse bestätigt.
Das Interesse an der
2.Lallphase
war dagegen in der Literatur schon ausgeprägter; diese stand häufiger im
Mittelpunkt wissenschaftlicher Erhebungen.
Die Ergebnisse vorliegender
Untersuchung stimmen mit den Literaturangaben überein, die eine Abweichung in
der Entwicklung von Kindern mit Spaltbildungen von derjenigen altersgleicher
Kinder konstatieren. Anderslautenden Aussagen muß hier widersprochen werden.
Frühere Aussagen stützten sich meist nur auf eigene Beobachtungen, Vermutungen
oder subjektive Interpretationen. Neuere Arbeiten, die sich wissenschaftlich,
analytisch und detaillierter mit dieser Thematik auseinandersetzten, bestätigen
zunehmend einen andersartigen Sprachentwicklungsverlauf bezüglich der
2.Lallphase (Abschnitt 2.4.2.1.1.2.). Hierzu zählt vorliegende Untersuchung
ebenfalls.
Eine Verlangsamung des Lauterwerbs, einen verspäteten
Konsonantismus bzw. eine Sprachentwicklungsverzögerung konnte nicht
festgestellt werden, wohl aber eine eindeutige Präferenz bzw. ein Fehlen ganz
bestimmter Konsonanten im Phoninventar.
Von einer bewußten aktiven Vermeidungsstrategie kann aber nicht die Rede sein,
da die Kinder präoperativ nicht über die anatomischen Voraussetzungen verfügen,
die phonetisch für die Bildung dieser Laute (Obstruenten) erforderlich wären.
Erst postoperativ könnte im Vergleich mit dem altersentsprechenden
Sprachentwicklungsver[Seite 256↓]lauf eine
Verzögerung bestätigt werden. Diese Aussage schließt sich hier aus, da der
Gaumenverschluß bei allen Probanden noch nicht erfolgt war.
Grundsätzlich
zeigten die Ergebnisse vorliegender Untersuchung mit denen anderer
Übereinstimmung, welcher Art die strukturellen Abweichungen sind:
So wurden
insgesamt hinsichtlich des Artikulationsortes häufiger labiale und glottale
(pharyngeal-laryngeale) Lautproduktionen registriert, als dental-alveolare und
palatal-velare. Die beobachtete und beschriebene vorrangige Nutzung der
äußersten Peripherie des Ansatzrohres (anterior wie posterior) für die
Lautbildung kann hier bestätigt werden. Verantwortlich hierfür ist primär die
Spaltbildung an sich und in der Konsequenz daraus sekundär eine linguale
Fehlorientierung (Rückverlagerung).
Hinsichtlich der Artikulationsart gibt es unterschiedliche Erkenntnisse
bedingt durch Erhebungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten (Alter), prä- bzw.
postoperativem Zustand der Probanden, postoperative Versorgung (mit bzw. ohne
Gaumenplatte) sowie eine z.T. wesentlich geringere Probandenanzahl in den
Untersuchungsgruppen. So beschrieben beispielsweise O´GARA/LOGEMANN (1988) und
LOHMANDER-AGERSKOV (1994) eine Dominanz von Plosiven gegenüber Nasalen,
Frikativen, Gleitlauten; GRUNWELL/ RUSSELL (1988) und WYATT u.a. (1996) dagegen
einen Mangel an eben diesen Lautrealisierungen.
Dennoch wurde (auch bei
zahlenmäßigen Abweichungen zur Auftretenshäufigkeit) folgende Gemeinsamkeit
deutlich: Das Phoninventar besteht an den vorderen 3 Artikulationszonen
vorrangig aus Sonoranten. Wenn Plosive und Frikative im Phoninventar
erscheinen, werden diese fast ausschließlich als kompensatorische
Artikulationsmuster im pharyngeal-laryngealen (und postoperativ im supraglottal
posterioren) Bereich produziert. Präoperativ war diese Tendenz natürlich
deutlicher, aber auch postoperativ scheinen sich diese Relationen nur langsam
zu verändern.
In der
Phase des Sprechbeginns
scheinen sich diese beobachteten Sprachentwicklungstendenzen, auch wenn
die Vergleichbarkeit der Ergebnisse ebenfalls erheblich eingeschränkt ist, im
allgemeinen fortzusetzen.
Bezüglich des Artikulationsortes dominierten in dieser Phase nach wie vor
labiale und glottale vor alveolaren und palatalen Lautrealisierungen
(O´GARA/LOGEMANN 1988; CHAPMAN 1991; OKAZAKI u.a. 1992). Wie in der 2.Lallphase
auch werden bevorzugt extreme Bereiche des Ansatzrohres (anterior, posterior)
für die Lautlokalisation genutzt. Hier decken sich vorliegende Ergebnisse mit
Literaturaussagen. Neben in der Literatur (ESTREM/BROEN 1989) diskutierten
lingualen Dysfunktionen (z.B. unphysiologische Zungenrückverlagerung,
eingeschränkte Zungenmuskelinnervation, beeinträchtigtes Kinästhetik-Feedback)
könnte auch die größere visuelle Kontrolle bei der Bildung labialer Laute, v.a.
bei großer Wahrscheinlichkeit von auditiven Wahrnehmungsschwächen, hierbei eine
Rolle spielen (DAVIS/MAC NEILAGE 1995; MAC NEILAGE 1997).
Hinsichtlich der
Artikulationsart wurde in der
Literatur häufig ein eingeschränktes konsonantisches Inventar (präoperativ) bzw.
eine niedrigere Auftretenshäufigkeit von intraoralen Lautproduktionen
(postoperativ) an den ersten 3 Hauptartikulationszonen im Vergleich zu
altersentsprechenden Kindern genannt. Es wurden in allen Untersuchungen
Sonoranten (z.B. [m], [n], [l], [j]) erfaßt. Bei den sich v.a. postoperativ in
Entwicklung befindlichen Obstruenten überwogen meist die Plosive vor den
Frikativen und Affrikaten. Bei den Frikativen zeigten sich labiale Laute am
häufigsten, alveolar-palatale Laute dagegen sehr selten. Ein Mangel an
Frikativen v.a. der 2. und auch 3.Artikulationszone wurde in der Literatur sehr
oft beschrieben. Da allerdings in der Literatur über den
Sprachentwicklungsverlauf von Kindern (ohne Spaltbildungen) ebenfalls Plosive
vor Frikativen erscheinen (Abschnitt2.3.2.1.3.3.) ist diese Tatsache bei Kindern
mit Spaltbildungen nicht verwunderlich ober besonders relevant. Die Bildung von
Frikativen ist (z.B. nach STILLER 1993) phylogenetisch jüngeren Alters und
komplizierter als die der Plosive. Sie ist daher, wenn sie schon bei Kindern
ohne anatomische Fehlbildungen später auftritt, erst recht nicht bei Kindern mit
Spaltbildungen früher zu erwarten.
An der 4.Artikulationszone wurden neben
den häufig beobachteten physiologischen Hauchlauten [h] bei den
kompensatorischen Artikulationsmustern überwiegend mehr Plosive als Frikative
(bis auf GRUNWELL/RUSSELL 1988) gefunden.
Dem entsprechen auch größtenteils
vorliegende Untersuchungsergebnisse. Da sich die Kinder im präoperativen Zustand
befanden, konnte die Obstruentenlautbildung an den ersten 3 Artikulationszonen
nicht bzw. nur annähernd (z.B. als Approximanten) erfolgen. Die vorrangige
Plosivlautbildung an der 4.Artikulationszone kann ebenfalls bestätigt werden.
[Seite 257↓]Detaillierte Aussagen über
präferierte Laute gemäß ihrer sonorantischen
Charakteristika fanden sich in der Literatur nicht. Da allerdings häufig
die Sonorantenbildung konstatiert wurde, müßte der Anteil stimmhafter Laute an
der Gesamtlautbildung demgemäß (wie in vorliegender Untersuchung auch) sehr hoch
sein.
Zudem kann die Auffassung von WYATT u.a. (1996), daß bei operierten
Kindern stimmlose vor stimmhaften Plosiven erscheinen, nicht vorbehaltlos
akzeptiert und übernommen werden. Nach vorliegenden Untersuchungsergebnissen
könnte eher die Tendenz bestehen, stimmhafte Obstruenten in das bestehende
Phon(em)inventar zu integrieren, da das Merkmal der Stimmhaftigkeit dem absolut
größten Lautanteil zugehörig war, und die Bildung stimmhafter Laute eine
geringere (noch zu erlernende) intraorale Druckbildung erfordert als die der
stimmlosen Laute. Aber diese Entwicklungstendenz kann erst postoperativ
analysiert werden.
Die Einordnung der Lautbildung nach charakteristischen Tendenzen gemäß der
Symptomatik der jeweiligen
Sprachtypen
zeigte in der Querschnittsuntersuchung über alle 3 Phasen eine stetige
Zunahme der Probandenanzahl in Risikogruppe 0, eine kontinuierliche Abnahme in
Risikogruppe 1 und eine relative Konstanz in Risikogruppe 2.
In der
1.Lallphase ist es sehr fraglich, ob hinsichtlich der Lautproduktionen überhaupt
von einer Symptomatik gesprochen werden kann. Dennoch wurden Daten dieser Phase
aus Gründen der Vollständigkeit und Kontinuität erhoben. Die Auswertung und
Interpretation dieser ist allerdings sehr schwierig, da die Lautrealisierungen
phasentypisch an hinteren Artikulationen erfolgt. Das heißt, sollten in dieser
frühen Phase bereits Symptome der Gaumenspaltensprache auftreten, so sind diese
noch nicht deutlich von der physiologischen Lautbildung zu
differenzieren.
Über den gesamten Untersuchungszeitraum von 1;6 Jahren läßt
sich eine Zweiteilung in der Lautentwicklungstendenz erkennen: während in der
1.Lallphase die Probandenanzahl in RG 1 am größten war, war sie in der Phase des
Sprechbeginns am geringsten sowie in den RG 0 und 2 höher. Die Kinder scheinen
dementsprechend bereits in dieser frühen Entwicklungsphase bis 1;6 Jahre dazu zu
neigen, tendenziell eine der beschriebenen Lautentwicklungsstrategien (Abschnitt
2.4.2.1.1.3.4.) zu präferieren und sich in Richtung passiver/unterspannter oder
aktiver/überspannter Sprachtyp zu entwickeln. Ein wichtiger Faktor, der für eine
frühzeitige Intervention spricht.
Die Längsschnittuntersuchung ließ keine
einheitlichen Tendenzen im Langzeitverhalten erkennen.
Da vorliegende Probandengruppe ausnahmslos im präoperativen Zustand untersucht
wurde, wies sie insgesamt mit wenigen Ausnahmen in der Auswertung der
Querschnittuntersuchung
einen relativ
homogenen Entwicklungsverlauf
auf. Das betrifft sämtliche Artikulationsparameter in allen Phasen wie
bevorzugte Artikulationszonen sowie realisierte Laute gemäß ihrer Zugehörigkeit
zu Lautklassen und sonorantischen Merkmalskategorien.
In der 1.Lallphase überwogen Lautrealisierungen
an der 4. und 3.Artikulationszone vor jenen an der 1. und 2.AZ. Das maximale
Lautinventar beinhaltete die Laute [(b), (β), (f), (v), υ, m, (d), (ð), l, n,
(k), (g), (ç), (ʝ), (), , j, , , , , , h, (Δ)]. Insgesamt traten am
häufigsten Laute der Lautklassen Frikative und Hauchlaute vor Plosiven, Nasalen,
Approximanten und Lateralen auf. Nach Artikulationszonen differenziert traten
an der 1.AZ nach der Auftretenshäufigkeit Nasale, Approximanten vor Frikativen
und Plosiven; an der 2.AZ Laterale und Nasale vor Frikativen und Plosiven; an
der 3.AZ Approximanten, Nasale und Laterale vor Frikativen und Plosiven; an der
4.AZ Frikative, Hauchlaute und Plosive vor Nasalen auf. Obstruenten wurden um
ein vielfaches häufiger als Sonoranten produziert. Stimmhafte Laute erschienen
in Überzahl vor stimmlosen Lauten.
In der 2.Lallphase dominierten Lautproduktionen an der 1. und 4.
vor jenen an der 2. und 3.AZ. Das maximale Lautinventar verfügte über die Laute
[(p), (b), (φ), (β), (f), (v), υ, m, (t), (d), (θ), (ð), (), l, n, (k), (g),
(ç), (ʝ), (), , j, , , , , , h, (Δ)]. Nach Lautklassen betrachtet traten
am häufigsten Nasale, Frikative, Approximanten und Laterale vor Hauchlauten und
Plosiven auf. An der 1.AZ erschienen Nasale und Approximanten vor Frikativen und
Plosiven; an der 2.AZ Laterale und Nasale vor Frikativen und Plosiven; an der
3.AZ Approximanten, Nasale und Laterale vor Frikativen und Plosiven; an der 4 AZ
Frikative, Hauchlaute und Plosive vor Nasalen. Sonoranten erschienen jetzt etwas
häufiger als Obstruenten. Stimmhafte Laute wurden fast 3x so häufig wie
stimmlose Laute registriert.
[Seite 258↓]In der Phase des Sprechbeginns ähnelten die Ergebnisse denen
aus der 2.Lallphase. Das maximale Lautinventar umfaßte die Laute [(f), (v), υ,
m, (d), l, n, (k), (ʝ), , j, , , , , , h, (Δ)]. Hinsichtlich der
Differenzierung nach Lautklassen wurden nun in der Reihenfolge Nasale,
Hauchlaute, Approximanten, und Laterale vor Plosiven und Frikativen gefunden.
Sonoranten wurden häufiger als Obstruenten produziert. Stimmhafte Laute
erschienen ca. 2x so häufig wie stimmlose Laute.
In der
Längsschnittuntersuchung
blieben insgesamt die grundsätzlichen Entwicklungstendenzen, die in der
Querschnittsuntersuchung deutlich wurden, erkennbar (AZ, Laute, LK). Allerdings
zeigte sich in einigen Detailfragen ein eher
heterogener Entwicklungsverlauf
, wie in der Literatur beschrieben. Sowohl bezüglich des temporalen als
auch strukturellen Verlaufs sind nicht in allen Fällen eindeutige Tendenzen
erkennbar.
Zwar zeigten immerhin 60,4% der Probanden einen kontinuierlichen
temporalen Verlauf, bei dem der
Zeitpunkt des Beginns aller Phasen in einem normentsprechenden Zeitraum lag,
aber von immerhin 39,6% der Probanden konnte das nicht behauptet werden. Bei
diesen lag der Zeitpunkt des Beginns von einer oder mehrerer Phasen außerhalb
des Toleranzbereiches.
Beim strukturellen
Verlauf konnten bezüglich der Artikulationszonen für den Gebrauch der 2.AZ
bei ca. 1/2 der Probanden und der 3.AZ bei ca. 2/3 der Probanden mehr
unterschiedliche als gemeinsame Tendenzen festgestellt werden. Bei der
Betrachtung der einzelnen Laute fielen (außer den sporadisch vorkommenden
Frikativen und Plosiven an vorderen Artikulationszonen) besonders die Laute [υ],
[n], [] durch ein unregelmäßiges Auftreten in den einzelnen Phasen
auf.
Außerdem gab es auch bei Probanden mit einem insgesamt recht
kontinuierlichen Verlauf Ausnahmen mit einigen Abweichungen: nicht jeder
Proband, der die ersten Phasen altersentsprechend begann, verfügte auch über den
größten Wortschatz. Und nicht jeder Proband, der bis zum Alter von 1;6 Jahren
keine Wörter produzierte, begann die ersten Phasen verspätet.
Ursachen
hierfür könnten vielfältiger Natur sein und wurden ansatzweise bereits
diskutiert. Spracherwerb und –entwicklung scheinen einen überaus komplexen
Prozeß darzustellen, der besonders bei Kindern mit Spaltbildungen von vielen
Faktoren beeinflußt wird (z.B. orofaciale Dysfunktionen, auditive
Beeinträchtigungen, anatomische und funktionelle velopharyngeale Bedingungen,
OP-Zeitpunkte, individuelle Umweltinteraktionen, konstitutionelle Schwächen).
Außerdem wäre es denkbar, daß die Kürze der einzelnen Sitzungen
(Erhebungszeitpunkte), in denen die Kinder möglicherweise nicht immer in
gleichem Maße vokalisationsbereit sind, für eine evtl. nicht ausreichende
Repräsentation des Lautrepertoires verantwortlich ist.
Die Klärung
individueller Abweichungen vom allgemeinen Entwicklungsverlauf läßt sich
allerdings nur durch weitere detaillierte Untersuchungen erreichen.
Auffallend sind insgesamt aber, und dies läßt sich sowohl an der Querschnitts-
als auch Längsschnittuntersuchung ablesen, die vielen eindeutigen
Parallelen
in der Entwicklung verschiedener Artikulationsparameter in der
2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns. Diese sprechen für die
strukturelle Verbundenheit beider Entwicklungsphasen, die in neueren
Literaturaussagen immer wieder betont wird (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.). Wie in den
Artikulationskreisen (Abschnitt 2.3.1.3.) dargestellt, assoziieren sich schon
sehr früh Bewegungsempfindungen an den Artikulationsorganen mit den
dazugehörigen Lautklangbildern. Aus diesen resultieren
Sprechbewegungsmuster
, welche als Engramme in der neurologischen Struktur manifestiert und
internalisiert werden. In den nächsten Entwicklungsphasen, so auch in der Phase
des Sprechbeginns, kann auf diese bereits vorhandenen und explorierten
Sprechbewegungsmuster zurückgegriffen werden, um auf der nächsten
Entwicklungsstufe nicht nur die korrekte Laut- sondern schon die Wortimitation
zu realisieren.
So dient die 2.Lallphase als
Basis
für die weitere i.e.S. Laut- und i.w.S. Sprachentwicklung. Allerdings
scheint dies auch für unphysiologische Lautrealisierungen und kompensatorische
Artikulationsmuster zu gelten. Auch diese entwickeln sich als Bestandteil des
phonetischen Repertoires sehr frühzeitig und scheinen als Sprechbewegungsmuster
fest integriert und engrammiert zu sein. Dies wird sehr häufig in der Literatur
beschrieben und findet auch in vorliegenden Untersuchungsergebnissen
Übereinstimmung. Sogar nach erfolgter Gaumenverschlußoperation vor der Phase des
Sprechbeginns bleiben diese Muster trotz rekonstruierter anatomischer Strukturen
und damit phonetischer Voraussetzungen für eine ausschließlich physiologische
Lautbildung häufig bestehen. Dieses Phänomen unter[Seite 259↓]streicht die immense Relevanz der
prälinguistischen für die linguistische Phase, deren Bedeutung nur allzu oft
gerade in der Rehabilitation unterschätzt wird.
Als
Ursache
für diesen strukturell andersartigen Sprachentwicklungsverlauf müssen in
erster Linie die phonetischen Beschränkungen infolge der anatomischen
Fehlbildungen verantwortlich gemacht werden. Ungeklärt ist nach wie vor
allerdings, inwiefern eingeschränkte bzw. modifizierte Fähigkeiten bezüglich der
Sprachproduktion, also des Teilvorgangs
Sprechen
(und hier eine veränderte Lautphysiologie), Auswirkungen auf das
Gesamtkonzept
Sprache
haben. Welcher Art ist die Beziehung oder Wechselwirkung perzeptueller,
sprechmotorisch-artikulatorischer und linguistisch-mental-kognitiver
Fähigkeiten?
HOWARD (1993) vermutet nach der „two-lexicon theory“ von
HEWLETT ein intaktes „input-lexicon“, ein System phonologischer
Repräsentationen, welche im „output-lexicon“ gemäß ihren begrenzten
phonetischen Möglichkeiten abweichend repräsentiert werden. Da phonologische
Kontraste/ Oppositionen trotz phonetischer Unzulänglichkeiten in ihrer
Untersuchung z.T. zwar nur ansatzweise und rudimentär realisiert wurden, kann
den Kindern offenbar das Wissen über die phonologische Struktur ihrer
Muttersprache nicht abgesprochen werden. Dies würde HOWARD’s Annahme
unterstützen.
Ein
eingeschränkter Wortschatz
, in der Literatur und auch in der vorliegenden Untersuchung gefunden, und
eine geringere Komplexität grammatischer Strukturen bei Kindern mit im Vergleich
zu jenen ohne Spaltbildungen, sprechen jedoch für eine Ausweitung, einen Einfluß
eingeschränkter Fähigkeiten auf einer Sprachebene (phonetisch-phonologisch) auf
Fähigkeiten anderer
Sprachebenen
(lexikalisch-semantisch, morphologisch-syntaktisch in Abschnitt 2.4.2.2.
und 2.4.2.3.).
Die Fragestellung bleibt dennoch: Handelt es sich hierbei um
ein bewußtes
Kompensationsverhalten
, eine weniger komplexe Silben-, Wort- und später Satzstruktur zu
bevorzugen, um den zu bewältigenden Schwierigkeitsgrad bei sprachlichen
Realisierungen so gering wie möglich zu halten, oder aber letztendlich um ein
(konstitutionelles oder erworbenes)
Unvermögen
?
Die Wahrscheinlichkeit spricht eher für den ersten Erklärungsansatz,
da es sich bei Spaltbildungen i.d.R. nur um periphere Fehlbildungen der
Artikulationsorgane handelt (Abschnitt 2.1.2.). Deshalb kann man den zweiten
nicht zwangsläufig ausschließen. Dafür sind auch Ergebnisse unterschiedlicher
Studien über
linguistisch-kognitiv-mentale Fähigkeiten
von Kindern mit Spaltbildungen zu divergent ausgefallen (Abschnitt
2.4.3.).
Kinder verfügen von Geburt an über basale kognitive Fähigkeiten.
Die weitere quantitative und qualitative Entfaltung hängt jedoch von 2 Faktoren
ab: zum einen von der
Umweltstimulanz
(Interaktionismus), zum anderen von eigenen (später auch sprachlichen)
Handlungen
, Manipulationen, Experimenten (Kognitivismus). Aus Vorbild und Imitation
entwickeln sich Handlung, Erfahrung und Motivation; Lernprozesse werden in Gang
gesetzt. In diesem Punkt sind sich auch die
Spracherwerbstheorien
einig. Umstritten ist allerdings, welche Fähigkeiten angeboren,
prädisponiert und welche erworben, erlernt sind. Auch die Beziehung zwischen
Kognition
und
Sprache
ist letztlich nicht eindeutig geklärt.
Der Nativismus, der die Modularität kognitiver und sprachlicher
Bereiche sowie ihre Autonomie und Unabhängigkeit in ihrer Arbeits- und Wirkweise
voneinander unterstreicht, bezieht sich in der Erklärung des Spracherwerbs
vorrangig auf die Aneignung morpho-syntaktischer Regeln. Phonologie,
Lexikon-Semantik und Pragmatik werden vernachlässigt. Syntaktische Kategorien
werden durch ein angeborenes biologisches Programm (Universalgrammatik) aus der
Umweltsprache ausgewählt. Lexikon und Pragmatik müssen erlernt werden. Durch die
Modularitätsthese werden gegenseitige Beeinflussungen einzelner Module (wie
sprachlicher Module untereinander, als auch sprachlicher und kognitiver Module)
ausgeschlossen. Dieser Argumentation kann nicht vorbehaltlos gefolgt werden, da
Forschungsergebnisse aus der Literatur und aus vorliegender Untersuchung eher
auf eine komplizierte Vielschichtigkeit und größere Komplexität des
Spracherwerbs, bei dem eine Verwobenheit verschiedener Funktionsbereiche nicht
ausgeschlossen werden kann, hindeuten (Abschnitt 2.2.1.1.).
Beim Kognitivismus wird Spracherwerb als ein
Prozeß der Bildung mentaler sprachspezifischer Systeme im Zusammenhang mit dem
Aufbau der Schematisierung und internen Koordination sensomotorischer
Erfahrungen verstanden. Es wird eine konstruktive Wechselwirkung zwischen den
kognitiven Teilsystemen angenommen, die, von der Umweltstimulanz abhängig, eine
Weiterentwicklung bewirkt. Sprache fungiert als ein Teilkonzept des
Gesamtkomplexes Kognition. Demnach determinieren kogni[Seite 260↓]tive Fähigkeiten sprachliche Leistungen. Die
zentrale Aussage ist dabei, das Sprache zwar auf allen Entwicklungs- und
Altersstufen kindliches Denken reflektiert, Denken aber selbst nicht begründet.
Und hier liegt auch der Hauptkritikpunkt an dieser Theorie. Sie konstatiert eine
Einflußrichtung von Denken zu Sprache, schließt aber die umgekehrte Richtung von
Sprache zu Denken aus. Dieses angenommene einseitige Verhältnis beider Systeme
scheint zu eng und einfach gesehen zu werden (Abschnitt 2.2.1.2.).
Der Interaktionismus integriert die Annahmen
vom genetisch Vorgegebenen, das durch die Umweltstimulanz aktiviert wird. Es
wird für die Einstiegsphase des Spracherwerbs eine Wechselwirkung mit kognitiven
Prozessen nicht ausgeschlossen, die sich allerdings mit der Entfaltung
syntaktischer Fähigkeiten, die sich relativ autonom entwickeln, relativiert.
Insgesamt scheint die Art dieser Beziehung zwischen Sprache und Kognition sehr
ungenau und unpräzise beschrieben zu sein. Mit anderen Worten: sie ist nicht
geklärt (Abschnitt 2.2.1.3.).
Vorliegende Untersuchung kann diese Frage auch nicht klären, das war auch nicht
das Anliegen dieser Arbeit. Um Aussagen über so differenzierte
Entwicklungsvorgänge und kausale Zusammenhänge treffen zu können, wäre zumindest
ein postoperativer Zustand (nach Gaumenverschlußoperation) erforderlich.
In
neueren empirischen Untersuchungen, in denen nicht mehr nur allgemein von
geistigen Entwicklungshemmungen oder verzögerter Intelligenzentwicklung die
Rede ist, werden mittlerweile die Risikobereiche differenzierter erfaßt. So
wurde beispielsweise häufiger festgestellt, daß sich Defizite überwiegend auf
expressiv-verbale
, nicht aber auf rezeptiv-nonverbale Bereiche erstrecken (Abschnitt
2.4.3.). Da die kognitiven Fähigkeiten in verbalen Tests, wie der Name schon
sagt, über sprachliche Leistungen repräsentiert werden müssen, könnte mitunter
die Validität und Reliabilität der Untersuchungsergebnisse angezweifelt werden.
Mit zu bedenken ist natürlich bei den Studien aus neuerer Zeit, daß sich
nationale wie internationale Konzepte um eine frühstmögliche Versorgung bemühen.
Das heißt, daß sekundäre Folgebeeinträchtigungen bei früher anatomischer und
funktioneller Rehabilitation nicht mehr so stark ausgeprägt sein müssen. Die
differenzierte Erfassung und Messung dieser ist dadurch um so
komplizierter.
Wie dem auch sei, das Ergebnis dieser Studien könnte
resümierend lauten: eingeschränkte expressive Sprachfähigkeiten können in
gewisser Weise Auswirkungen auf kognitive
Teilbereiche
haben, die aber nur deskriptiv erfaßt werden können. Ob bei
artikulatorisch-phonetischen Beschränkungen linguistisch-mental-kognitive
Fähigkeiten tangiert werden bleibt (vorerst) ungeklärt.
In dieser Arbeit wird die Ansicht vertreten, daß Kinder mit Spaltbildungen
i.d.R., wenn keine zusätzlichen Fehlbildungen, Störungen oder
Entwicklungsbeeinträchtigungen vorliegen, mit denselben basalen kognitiven
Grundfähigkeiten (sensomotorische Handlungen, temporaler
Sprachentwicklungsverlauf) von Geburt an ausgestattet sind wie andere Kinder
auch. Fraglich ist, wann und wie der Einfluß mangelnder expressiver
Sprachleistungen einsetzt. Denkbar wäre, daß diese bereits in der
prälinguistischen Phase in
unspezifischer Form
wirksam werden. Durch die anatomischen Fehlbildungen können
beispielsweise in der 2.Lallphase elementare Fähigkeiten zur Lautbildung nicht
erworben werden. Die Phase des Sprechbeginns wird bei den Kindern somit bereits
mit mangelnden Voraussetzungen, einem Defizit, einem Entwicklungsunterschied
begonnen. Hier nun wirken sich die eingeschränkten expressiven Sprachleistungen
in
spezifischer Weise
aus, indem den Kindern durch mangelnde Engrammausbildung für benötigte
Lautbildungen der Muttersprache und anatomische Fehlbildungen die
Voraussetzungen fehlen, um kognitives Wissen adäquat sprachlich repräsentieren
zu können. Aus dem eingeschränkten Lautinventar resultiert die Bildung von
Homonymen und daraus wiederum häufig eine mangelnde
Bedeutungsdifferenzierung.
Unterstützend zu obiger These wurden in einer
Untersuchung von SCHÖNWEILER u.a. (2000) an 1076 Kindern signifikant häufiger
Einschränkungen der phonologischen, grammatikalischen, lexikalischen und
semantischen Sprachebene gefunden, wenn gleichzeitig myofunktionelle Störungen
(MFS) vorlagen. Störungen des äußeren und inneren Funktionskreises der
orofacialen Muskulatur können häufig neben zunächst phonetischen Störungen zu
einer eingeschränkten Mittelohrbelüftung mit nachfolgenden
Schalleitungsschwerhörigkeiten führen und die Entwicklung auditiver
Verarbeitungs- und Wahrnehmungsleistungen erheblich behindern. Durch eine
Inkonstanz erlernbarer akustischer Muster oder akustische Deprivation können
Sprech- und auch durchaus Sprachstörungen [Seite 261↓](mit)verursacht werden.
Welcher Art denn diese Wechselbeziehung
auch immer sein mag, sie beginnt vermutlich in dieser frühen Zeit. Denn
Sprachentwicklungsverzögerungen, die in der Literatur häufig beschrieben werden,
treten (in logisch, konsequenter Interpretation obiger These) meist erst mit
zunehmendem Alter in späteren Entwicklungsphasen als langfristige
Folgeerscheinungen auf. So ist die prälinguistische Phase in ihrer strukturellen
und funktionellen Wirkungsweise auch in diesem Zusammenhang von nicht zu
unterschätzender Bedeutung.
Die Schlußfolgerungen beschäftigen sich mit den Konsequenzen für die
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„Das Wissen um anatomisch-physiologische Vorgänge beim Sprechen (...) in Wechselwirkung mit dem Wissen, wie einzelne Laute bzw. Lautkombinationen gebildet werden und wovon die Bildung abhängt (...), also das Wissen im Bereich der artikulatorischen Phonetik, ermöglicht dem Therapeuten eine Hypothesenbildung hinsichtlich möglicher Schwierigkeiten bei der Realisierung von Phonemen des Deutschen. Anatomisch-physiologische Gegebenheiten (bspw. Zahnstellungs-, Zungen-, Lippen-, Kiefer-, Gaumen-Anomalien oder Nerven- und Muskellähmungen usw.) können die Artikulation erheblich beeinflussen (...). Diese und andere durch eine medizinische Diagnose abzuklärenden anatomisch-physiologischen Voraussetzungen einer Lautbildung (...) können auf der Basis eines phonetischen Wissens den Blick auf vorauszusehende Lautbildungsprobleme lenken und müssen zu bestimmten therapeutischen Konsequenzen führen (...). Medizinische Diagnosen dürfen jedoch keinesfalls dazu führen, eine umfassende phonetische Analyse bei organischen Problemen von vornherein zu unterlassen.“ (SCHLENKER-SCHULTE / SCHULTE 1990, 23f)
Diese Arbeit stellt den Versuch dar, gegenwärtige Erkenntnisse über phonetisch-phonologische Störungen auch z.T. auf die sprachlichen Abweichungen bei Kindern mit Spaltbildungen zumindest deskriptiv zu verwenden, um Aussagen über eventuell auftretende Auffälligkeiten und Prozesse in frühen Entwicklungsphasen und damit verbundene prognostische Aussagen über die relative Wahrscheinlichkeit der sprachlichen Weiterentwicklung zu treffen. Das Wissen um allgemeine Entwicklungstendenzen ist Voraussetzung für die Planung rehabilitativer Maßnahmen mit der Erarbeitung spezifischer Förder- und Therapiekonzepte.
Da bereits in sehr frühen Phasen der Entwicklung (struktureller Verlauf) quantitative und qualitative Abweichungen bei Kindern mit Spaltbildungen im Vergleich zu der altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auftreten, müssen auch sehr früh Interventionen geplant werden.
Zum einen müssen die
anatomischen Voraussetzungen
geschaffen werden, damit die orofaciale Muskulatur ihre primären und
sekundären Funktionen (physiologische Lautbildung) ausüben kann. Das
bedeutet, daß die Verschlußoperationen so früh wie möglich, aus
sprachheilpädagogischer Sicht wird ein Alter von 3-4 Monaten vorgeschlagen
(vor Beginn der 2.Lallphase), stattfinden müssen. Die Lippenrekonstruktion ist v.a. für die Ausbildung der
labialen Laute notwendig. Die Gaumenverschlußoperation (sowohl harter als auch
weicher Gaumen) ist für die Unterstützung einer physiologischen Zungenlage,
die evtl. in der Konsequenz die Lautbildung an der 2. und 3
Artikulationszone fördert und die Herausbildung unphysiologischer
Artikulationsmuster an der 4.Artikulationszone verhindert,
notwendig:
„Von ausschlaggebender Bedeutung für die Sprachentwicklung
ist die Spaltbildung des Velums und dessen Korrektur. ... Ein
funktionstüchtiges Velum ist die wichtigste Voraussetzung für das Erlernen
einer normalen Umgangssprache. Eine frühzeitige Rekonstruktion ist
notwendig. Die frühzeitige Wiederherstellung des velopharyngealen
Abschlusses verhindert die Ausbildung und Engrammierung einer gestörten
Sprachentwicklung.“ (DIECKMANN 1996, 276)
Nach ANDRÄ/NEUMANN (1996) ist
der alleinige Verschluß einer Spaltbildung keine absolute Garantie für eine
ungehinderte Umgangssprache, wohl aber eine notwendige Voraussetzung.
Zum anderen muß darauf aufbauend eine
Aktivierung funktioneller Reserven und Kapazitäten
erfolgen, die ebenfalls so früh wie möglich einsetzen sollte, da
eingeschliffene, fehlerhafte Gewohnheiten vor der Operation danach
keineswegs von selbst verschwinden (WULFF/WULFF 1981; CHAPMAN 1991; WYATT
u.a. 1996). Das heißt, daß die interdisziplinäre Kooperation in der
Betreuung von Kindern mit Spaltbildungen ebenfalls zum frühstmöglichen
Zeitpunkt beginnen muß.
Die Notwendigkeit und damit Begründung im
Bereich der Sprachtherapie ergibt sich aus entwicklungsphysiologischer bzw.
–psychologischer Perspektive (Abschnitt 2.4.4.2.2.1.): Generell ist es
günstiger und sinnvoller eine physiologische Lautentwicklung entsprechend
der Ontogenese von Anfang an zu initiieren und zu unterstützen, als sich
einmal internalisierte abweichende Sprechbewegungsmuster später zu
inhibieren und neue zu faszilitieren.
„Besser ist es, ... pharyngeale
und laryngeale Lautbildung und deren Eingewöhnung zu vermeiden. ... Diese
sind später viel schwerer zu beheben, und es ist besser, wenn das Kind zwar
etwas nuscheliger [Seite 263↓]aber dafür
jedenfalls vorn spricht.“ (WULLF/WULFF 1981, 173f)
Was den Zeitpunkt des
Beginns der
Frühförderung
betrifft, wird in dieser Arbeit grundsätzlich die Meinung vertreten,
daß es ein „zu frühes Eingreifen“ nicht gibt. Entwicklung vollzieht sich
nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten mit altersspezifischen Schwerpunkten und
gegenseitigen zeitlichen Überschneidungen einzelner Bereiche. Sie folgt
hierarchischen Prinzipien, d.h. ein gewisses Entwicklungsniveau muß
erreicht, eine bestimmte Phase muß überwunden sein, um als Basis für
folgende Entwicklungsabläufe fungieren zu können. Daher sind auch
individuelle Abweichungen des persönlichen Lautentwicklungsprofils von der
prinzipiellen Lautentwicklungssystematik bzw. –hierarchie in jedem Alter
erkennbar. Besonders wichtig ist in der Hervorhebung der speziellen
Problematik der Frühförderung die Wahl des
kind- und alterspezifischen, methodisch-didaktischen Vorgehens
bei Berücksichtigung individueller Besonderheiten (z.B.
Entwicklungsstand, Geschlecht, sozio-ökonomische Faktoren, Umwelt).
Dementsprechend wird in der Sprachtherapie u.a. zwischen unspezifischer und
spezifischer Förderung unterschieden (Abschnitt
2.4.4.2.2.2.).
„Sprachtherapie greift ... immer in einen Erwerbsprozeß
ein, wenn sie versucht die sprachlichen Handlungsmöglichkeiten eines Kindes
zu erweitern. Die Einleitung sprachtherapeutischer Maßnahmen geht von der
Annahme aus, daß die sprachlichen Erfahrungsmöglichkeiten eines ... Kindes
im Alltag offensichtlich nicht ausreichen, damit es sich Lautsprache im
erwarteten Umfang und Tempo aneignen kann. In der Konsequenz bemüht sich die
Sprachtherapie darum, die sprachlichen Umgebungsbedingungen für das Kind in
einer Weise zu optimieren, die es ihm erleichtern, sprachliche Regeln
abzuleiten.“ (HACKER 1992, 58)
Die
unspezifische Sprachförderung
beinhaltet die Sensibilisierung und Mobilisierung basaler,
sprachtragender Funktionsbereiche. Vorliegende Untersuchungsergebnisse
liefern nicht nur die Berechtigung sondern auch die Notwendigkeit des
Einsatzes von Frühförderkonzepten (z.B. Früherziehungsplan ab 1;6 Jahren
nach HOCHMUTH 1988). Bei Kindern mit Spaltbildungen könnte, da Abweichungen
in der Entwicklung bereits in der 1.Lallphase z.T. erkennbar werden, schon
während der oralen Dominanzphase zur Prävention von oralen Dysfunktionen
(z.B. durch Stimulation der oralen Stereognose, Kinästhesie, Mobilisierung
der orofacialen Muskulatur durch Aktivierung und Unterstützung primärer
Funktionen) und in der 2.Lallphase (z.B. auditive Stimulation,
Luftstromlenkungsübungen, spielerisches Ausnutzen des kindlichen
Nachahmungstriebes) vorbereitend auf das Sprechen interveniert
werden.
„Vornesprechen ist ... ein Postulat der Sprecherziehung. Aus den
vorstehenden Bemerkungen ergibt sich eindeutig, wie wichtig die
Funktionsfähigkeit der Sprechmotorik für die Sprachbehandlung ist. Darüber
hinaus ist die motorische Entwicklung und ihre Ausdifferenzierung an gewisse
Wachstumszeiten gebunden, im sprachlichen Bereich z.B. die beiden
Lallperioden, die Zeit der Selbst- und der Fremdnachahmung, die Phasen des
motorisch-akustischen Einspielens und des zentralen, neuralen und
extrapyramidalen Modifizierens und Korrelierens. ... Sorgfältiges und
anhaltendes sprechmotorisches Funktionstraining, vor- und nachoperativ, ist
daher bei Patienten mit Gaumenspalten unerläßlich, da sie infolge der
Lippen-Gaumenspalte manche Behinderung aufweisen. Es muß als Voraussetzung
für die Gesamt- und Sprachentwicklung und die logopädische Behandlung
angesehen werden. ... (Die) Mobilisierung kann sogar noch vor der Operation
durch vorsprachliches Übungsgut wie Schmatzen, Schnalzen, Knallen, Glucksen,
Zischen, Kauen, Krächzen, Gurgeln, Spucken u.v.a. erfolgen.“ (WULFF/WULFF
1981, 161f)
Das ist in diesem frühen Alter nur durch eine intensive
Zusammenarbeit von Eltern (Elternanleitung, -instruktion und
–sensibilisierung zum Beobachten und Fördern der Kinder) und entsprechender
rehabilitativer Einrichtungen realisierbar, damit systematisch Impulse für
kindliche Sprachlernprozesse gegeben werden können (HARDIN 1991).
„Das
kann nur dadurch geschehen, daß die Eltern des kleinen unoperierten Kindes
darüber aufgeklärt werden und dafür sorgen, daß es nicht zum korrekten
Sprechen angehalten werden darf, weil es sich dann ... Fehler zwangsläufig
aneignet. ... Vor der Spaltoperation bzw. vor der Anpassung einer
Gaumenplatte darf mit dem Kinde weder in kindischer, alberner Weise noch in
korrigierender oder ermahnender Art Sprechen geübt oder verbessert werden,
weil dadurch noch mehr die falschen Ersatz- und Kombinationsbewegungen
eingewöhnt und gespeichert werden. Dies würde die spätere Sprachbehandlung
nur erschweren. Die Eltern sollten zu Hause auf eine eigene gute und dem
Kind verständliche, einfache, aber korrekte Ausdrucksweise Wert legen und
außerdem das Sprechhören und Sprach[Seite 264↓]verständnis durch kindgemäßes Sprachgut (...) fördern“
(WULFF/WULFF 1981, 174f)
HACKER (1992) betont, daß auf kindliche
Initiativen in sensibler Form möglichst flexibel eingegangen werden muß, um
kindliche Aktivitäten zu unterstützen und zu ermutigen. Denn die Aneignung
produktiver Sprache kann nur gelingen, wenn ein Kind genügend
Sprechaktivität zeigt.
Letztendlich muß die Praxis über Realisierung und
Praktikabilität von Methoden und Formen der Frühförderung entscheiden.
Nach der stürmischen Sprachentwicklung der ersten Lebensjahre beschäftigt
sich die
spezifische Sprachförderung
u.a. mit der Lautstruktur sowohl aus phonetischer als auch aus
phonologischer Sicht. Bei der kindspezifischen Vorgehensweise wird von den
vorhandenen Fähig- und Fertigkeiten ausgegangen. Es soll noch „Fehlendes“
oder „strukturell Gestörtes“ vom vorhandenen Bestand an Lauten und
koartikulatorischen sowie intonatorischer Fähigkeiten her entwickelt
werden.
„Das ermöglicht eine differenziertere Prognose mit einer daraus
ableitbaren gezielteren Therapie und bewirkt, daß Lautanbildung und
Lautkorrektur weniger vom „Fehlenden“ als vom „Gekonnten“ ausgehen können,
also eine bewußte Akzentverschiebung von einer „nicht sprechen können“- zu
einer „schon sprechen können“- Sicht.“ (SCHLENKER-SCHULTE / SCHULTE 1990,
25)
So kann beispielsweise in der Lautanbildungsreihenfolge das mit
hoher Wahrscheinlichkeit bereits bestehende Phoninventar von physiologischen
Lauten ([m], [l], [h]) für die Ableitung neuer Laute genutzt werden. Hier
können vorliegende Untersuchungsergebnisse prinzipielle Anhaltspunkte für
die Therapieplanung, die durch eine individuelle, einzelfallorientierte
Diagnostik erweitert, ergänzt und optimiert werden muß, tendenziell zu 3
phonetischen Kriterien
liefern:
Beim Aufbau des Phoninventars wird die chronologische
Reihenfolge des Erwerbs von Lauten vorderer vor Lauten hinterer
Artikulationszonen berücksichtigt. Dabei kann an (fast) jeder
Artikulationszone vermutlich von einem bereits bekannten Laut (z.B. an der
1.AZ [m], 2.AZ [l], 3.AZ [j], 4.AZ [h]) ausgegangen werden (Artikulationsort). Dieser kann
wiederholt, ggf. modifiziert und gefestigt werden, hebt die Motivation des
Kindes durch Erfolgserlebnisse (gerade am Anfang wichtig) und schafft die
Grundlage für die Anbildung phonetisch komplizierterer Laute (z.B.
Tierlaute: muh, miau, mäh ...).
Zweitens können bekannte
Bildungsmechanismen (von Nasalen, Approximanten, Hauchlauten) mit hoher
Wahrscheinlichkeit vorausgesetzt und für das Erlernen neuer, erst ähnlicher,
später unähnlicher Lautbildungsprinzipien genutzt werden (Artikulationsmodus).
Und drittens, so die
Untersuchungsergebnisse, kann an den ersten 3 Artikulationszonen
wahrscheinlich vorrangig mit dem Auftreten stimmhafter und an der
4.Artikulationszone überwiegend mit dem stimmloser Laute gerechnet werden
(Stimmbeteiligungsparameter).
Grundsätzlich bedeutet dies, daß im hinteren intraoralen Bereich
Fehlspannungen abgebaut und im vorderen intraoralen Bereich Modifikationen
des Phonationsstromes (Aufbau von intraoralen Hindernissen und Druck)
erlernt werden müssen. Bei der Lautanbildung sollten stimmhafte vor
stimmlosen Lauten in der Reihenfolge berücksichtigt werden.
Phonologische Prozesse
sind hier vorrangig phonetisch motiviert. Daher muß hier eine
phonetisch orientierte Sprachtherapie im Vordergrund stehen. Erst nach der
Erweiterung des Phoninventars können die einzelnen lautlichen Segmente als
Phoneme, also in ihrer phonologischen Funktion im Regelsystem Sprache,
verwendet werden. Phonologische Prozesse treten entwicklungs- und
altersbedingt nahezu bei allen Kindern auf. Die Frage hier ist allerdings,
sind bei Kindern mit Spaltbildungen typische, spezifisch-abweichende
Regelhaftigkeiten erkennbar, auf die dann auch in spezifizierter Weise in
der Behandlung eingegangen werden müßte. Auch hier können vorliegende
Untersuchungsergebnisse einen Beitrag zur spezifischen Therapieplanung
(z.B. Minimalpaartherapie nach spezifisch phonetischen Gesichtspunkten bei
Kindern mit Spaltbildungen) liefern, denn:
„Daraus ergibt sich ein
umschriebenes sprachpathologisches Störungsbild, das durch die
Kontrastierung zum normalen phonologischen Verhalten im Kindesalter zur
Ausdifferenzierung der Wesensmerkmale einer phonologischen Störung
beiträgt, so daß eine Präzisierung eines deskriptiv verstandenen
Störungsbegriffs durch die Erweiterung der Designate ermöglicht werden kann,
und empirisch-analytischer Methodik auch in der sprachtherapeutischen Praxis
zugänglich wird. Explizite Beschreibungen tragen dazu bei, phonologisch
abweichende Systemmerkmale, d.h. ihre Struktur und Regeln zu rekonstruieren,
um damit die Komplexität des phonologisch abweichenden Verhaltens
aufzudecken. [Seite 265↓]Daraus läßt sich
ein besseres Verständnis dieses Störungsphänomens ableiten, das letztendlich
zu einer differenzierten Diagnose und Therapie von phonologischen Störungen
führen soll.“ (ROMONATH 1991, 436)
So könnte beispielsweise nach der
phonetischen Lautanbildung der neu erworbene Laut zuerst in solchen Wörtern
eingesetzt und geübt werden (Transfer in die Spontansprache), welche
seltener phonologischen Prozessen unterworfen waren. Das heißt, es sollte
zunächst an den phonologischen Gegensätzen/Oppositionen gearbeitet werden,
die das Kind in seiner Spontansprache schon teilweise berücksichtigt (z.B.
kurzsilbige Wörter, wenige lautliche Segmente KV/KVKV (da, mama), keine
Konsonantenverbindungen, keine 2 neuen Laute in einem Wort).
Generell
wird es eine Sprachtherapie, in der phonetische und phonologische Aspekte
verzahnt und gemeinsam integriert werden, geben müssen. Phonetische und auch
phonologische Erwägungen können das therapeutische Vorgehen in
verschiedenen Phasen in unterschiedlichem Ausmaß bestimmen. Auch KAUSCHKE
sagt, „daß an dem Erscheinungsbild einer komplexen Aussprachestörung
phonetische und phonologische Komponenten beteiligt sein können. Das
therapeutische Vorgehen, das von einer detaillierten Analyse des
individuellen phonologischen Systems des Kindes und von einer Einschätzung
seiner phonetischen Fähigkeiten ausgehen muß, kann demnach nicht im Sinne
einer strikten „entweder-oder-Entscheidung“ für einen phonetischen oder
phonologischen Ansatz geplant werden (...). Wie ... deutlich wurde, wird die
Therapie in Abhängigkeit von den aktuellen Fähigkeiten und Problemen des
Kindes sowie unter Berücksichtigung eigendynamischer
Entwicklungsveränderungen unterschiedliche Schwerpunkte setzen müssen,
wobei sich phonologische und artikulationstherapeutische Methoden verbinden
oder einander ergänzend einsetzen lassen. ... Die von phonologischen
Ansätzen fokussierte Arbeit mit Minimalpaaren läßt sich mühelos in die
„traditionellen“ Therapiebereiche der Lautfestigung und Generalisierung
integrieren, denn die Einsicht in die bedeutungsunterscheidende Funktion
von Phonemen bleibt eine wesentliche Voraussetzung für eine Umstrukturierung
des phonologischen Systems und damit für eine produktive Übernahme fehlender
Laute in die Spontansprache.“ (1996, 328f)
Neben der Förderung von Fähigkeiten auf der phonetisch-phonologischen Sprachebene müssen auch jene auf der lexikalisch-semantischen Ebene berücksichtigt werden. Die frühzeitige Erweiterung des phonetischen und damit später auch phonologischen Inventars sollte die Bildung von Homonymen zwar begrenzen, dennoch kann begleitend der Aufbau des aktiven Wortschatzes unterstützt und gefördert werden (z.B. (Ober-)Begriffe aus Spielwelt, Wohnung, Tierwelt, ...). Außerdem sollte das primär lexikalische Lernen in der Phase der ersten 50 Wörter konsequenterweise zu einer (zumindest) Gleichstellung semantischer und damit pragmatischer Gesichtspunkte in der Therapie führen (HACKER 1992, 44). Denn mit zunehmendem Alter werden Entwicklungsunterschiede deutlicher, kann ein Störungsbewußtsein aufgebaut werden und sich die Problematik auf andere Persönlichkeitsbereiche (Emotionalität, Soziabilität) ausdehnen (Abschnitt 2.4.3.).
Insgesamt darf nicht vergessen werden, „daß der Erwerb der sprachlichen
Kommunikationsfähigkeit – und der Auspracheerwerb ist ein integrierter
Teilaspekt davon – dynamisch in die kindliche Gesamtentwicklung eingebettet
ist und durch Bedingungen und Faktoren in der sozialen und sprachlichen
Umwelt des Kindes (interaktionale Muster, Sprachangebote und –feedbacks der
Bezugspersonen usw.) maßgebend unterstützt und mitbestimmt wird (...). Es
ist daher höchst unwahrscheinlich, daß in der Sprachtherapie ausschließlich
linguistische (phonologische) Variablen darüber entscheiden, ob ein Kind in
seiner spontanen Lautsprache kommunikativ bedeutsame Fortschritte vollzieht
oder nicht (...). Vielmehr ist davon auszugehen, daß insbesondere auch
kognitive, motivationale, emotionale und sozial-kommunikative
Voraussetzungen und Schwierigkeiten des jeweiligen Kindes einen nicht zu
unterschätzenden Einfluß auf den weiteren Verlauf seines
(Laut-)Spracherwerbs ausüben. Die Bedeutung von solchen
„nicht-linguistischen“ (Entwicklungs-)Faktoren seitens des
aussprachegestörten Kindes wurde von der Therapieforschung bis heute ebenso
vernachlässigt wie die Frage, welche Merkmale der interpersonalen Beziehung,
Interaktion und Kommunikation zwischen Kind und Logopädin relevante
Determinanten einer „erfolgreichen“ sprachtherapeutischen Intervention
sind.“ (HARTMANN 1996, 306)
Daher sollte gerade bei Kindern mit
Spaltbildungen, deren Entwicklung in vielfältiger Weise gefährdet ist, ein
Förderkonzept
umfassend
und
ganzheitlich
orientiert sein.
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| [Seite 266↓] |
Zur weiteren detaillierten
Therapieplanung müssen folgende wissenschaftliche Forschungen beitragen,
denn:
„Wissenschaft heißt Erfahrung planmäßig machen, sammeln und unter
bestimmten Gesichtspunkten ordnen zu dem Zwecke, daraus Richtlinien für ein
Handeln zu erlangen.“ (HANSELMANN zit. in BAUMGARTNER 1998, 251)
Vorliegende Untersuchungsergebnisse konnten prinzipielle
Entwicklungstendenzen bei Kindern mit Spaltbildungen aufzeigen, welche der
Konzeptualisierung spezifischer Diagnostik- und adäquater Therapieverfahren
zugrunde gelegt werden können.
Weitere empirische Untersuchungen zu
folgenden Aspekten könnten die gewonnenen Informationen und Daten noch
ergänzen und erweitern:
Um einen abweichenden Sprachentwicklungsverlauf systematisch erfassen und
abgrenzen zu können, muß eine breite und hinreichende Datenbasis über den
normalen, alterstypischen Sprachentwicklungsverlauf
vorhanden sein. Diese Daten, aus Querschnitts- (z.B. zu einzelnen
Phasen) und Längsschnittuntersuchungen (z.B. Zeitpunkte des Auftretens bzw.
Überwindens von phonetischen Abweichungen, phonologischen Prozessen)
gewonnen, dienen als Orientierungsgrößen und
Vergleichsmöglichkeiten.
„Läßt sich weiter erhärten, daß es sich bei
der sogenannten vorsprachlichen Phase nicht um ein unstrukturiertes Lallen
handelt, sondern durchaus um einen kontinuierlichen, klar aufzeigbaren
Entwicklungsverlauf, so könnte eine differenzierte Beschreibung dieses
Entwicklungsverlaufs einen großen klinischen Wert haben.“ (SENDLMEYER /
RÖHR-SENDLMEYER 1997, 218)
Nach diesen Autoren könnte eine detaillierte
phonetische Beschreibung der vorsprachlichen Entwicklung der Lautproduktion
normaler, im deutschsprachigen Kontext aufwachsender Kleinkinder als ein
Referenzsystem für sich abweichend entwickelnde Kinder fungieren, um i.S.
einer Frühdiagnose Rückschlüsse auf mögliche Entwicklungsstörungen zu
erlauben und darauf aufbauende Maßnahmen der Frühförderung zu ermöglichen.
Die Autoren bezogen sich in ihren Ausführungen zwar auf die Problematik der
Diagnostik frühkindlicher Hörstörungen, doch die Forderungen lassen sich
auch auf die Thematik LKG-Spalten übertragen.
„Die Auswahl von
sprachlichen Lerngegenständen sollte sich immer an der Erwerbschronologie
von spracherwerbsunauffälligen Kindern orientieren. ... Denn soweit
Regelhaftigkeiten im Spracherwerb bekannt sind, wird es möglich, die
Reihenfolge von Lerngegenständen in der therapeutischen Arbeit zu
begründen.“ (KNEBEL 1996, 292)
In jedem Fall wäre ein Datenvergleich
zwischen einer
Kontrollgruppe
und einer Untersuchungsgruppe sinnvoll, da in der direkten und
unmittelbaren Gegenüberstellung der Ergebnisse auch geringfügige
Abweichungen im Entwicklungsverlauf tendenziell erkennbar werden können.
Hinsichtlich des temporalen Verlaufs könnten so Informationen darüber gewonnen werden, wie hoch der Anteil von Kindern ohne Spaltbildungen ist, welche (wenn überhaupt) einzelne und/oder mehrere Phasen verspätet beginnen. Die evtl. Feststellung ähnlicher Entwicklungstendenzen wie in der Untersuchungsgruppe könnte vorliegende Erkenntnisse erhärten (der größte Teil der Probanden zeigte keinen abweichenden temporalen Entwicklungsverlauf), die evtl. Feststellung größerer Diskrepanzen im Entwicklungsverlauf müßte dann eine Ursachenforschung nach sich ziehen.
Bezüglich des
strukturellen Verlaufs
sind noch mehrere Fragen offen:
Nach Literaturaussagen (Abschnitt
2.4.2.1.1.1.) nimmt die Entwicklung des pathologischen Stimmklanges bereits
in der Schreiphase ihren Anfang. Die Abweichungen einzelner Parameter des
Säuglingschreies zwischen Kindern mit und ohne Spaltbildungen konnten jedoch
z.T. durch intakte neuromuskuläre Regulationsprozesse der Stimmerzeugung in
relativ geringer Zeit kompensiert werden.
Die vorliegende Untersuchung
konzentrierte sich ausschließlich auf artikulatorische Kriterien. Daher
[Seite 267↓]könnten zukünftige
Forschungen die Stimmqualität (z.B.
Frequenzen, Intensität, nasale Resonanzanteile) in Querschnitts- und
Längsschnittuntersuchungen (1.Lallphase → 2.Lallphase → Sprechbeginn)
analysieren. Es könnte dadurch evtl. eine abnehmende oder zunehmende
Entwicklung des pathologischen Stimmklanges und damit eines der Parameter
in der Symptomatik der Gaumenspaltensprache festgestellt werden.
Die Erhebung des vokalischen Lautinventars blieb in vorliegender Untersuchung gänzlich unberücksichtigt. Hier könnten folgende Untersuchungen klären, ob spezifische Vermeidungs- bzw. Selektionspräferenzen (funktionelle Belastung einzelner Vokale), insbesondere beim gemeinsamen Auftreten mit bestimmten Konsonanten, bestehen. Diese könnten dann Ansatzpunkte für Therapieplanungen liefern.
Die gewonnenen Daten zum konsonantischen
Inventar können ebenfalls durch zukünftige Forschungen erweitert
werden.
Mit Hilfe darstellender Verfahren ließe sich genauer
lokalisieren, ob eher eine pharyngeale
bzw. laryngeale Lautbildung an der 4.AZ bevorzugt wird. Damit
ließen sich genauere Aussagen darüber treffen, ob bereits in dieser frühen
Phase eher altersentsprechende bzw. abweichende Lautentwicklungstendenzen
dominieren.
Ab der 2.Lallphase wären Untersuchungen indiziert, die die
Erhebung allophonischer Varianten
thematisieren. So könnten beispielsweise phonetische Varianten des
/l/-Phonems erfaßt werden, d.h. wie oft eine Zungenverlagerung nach lateral
(meist zur Spaltseite hin) oder aber auch ein (un-)physiologischer
Zungenvorstoß (vom Zeitpunkt der Erhebung abhängig) nach
addental/interdental auftritt. Daraus ließen sich evtl. frühzeitige
rehabilitative Maßnahmen ableiten.
Außerdem blieb die Erwerbschronologie, d.h. die Erfassung der
Auftretensreihenfolge der Laute, unberücksichtigt. Diese könnte allerdings
Aufschluß über primär bevorzugte Lautbildungsmechanismen geben, (da hier nur
der Lautbestand in seiner Gesamtheit ermittelt wurde) und sollte daher in
folgenden Untersuchungen unbedingt Aufmerksamkeit erfahren. In der
phonetischen Therapie wäre dann eine Orientierung an der
spezifisch-entwicklungschronologischen Lauterwerbsreihenfolge denkbar.
Zukünftige Längsschnittuntersuchungen könnten zur Klärung der Fragestellung beitragen, warum sowohl hinsichtlich des temporalen als auch des strukturellen Verlaufs eine bestimmte Anzahl von Probanden eine unerwartete, nicht kontinuierliche Entwicklung aufwiesen (z.B. Zeitpunkt des Beginns einzelner Phasen, Verwendung von AZ, Lauten, Lautklassen). Hierfür muß es Ursachenfaktoren geben, die identifiziert, analysiert und in der Konsequenz wünschenswerter Weise ausgeschaltet werden können. In vorliegenden Untersuchungen konnten darüber nur Vermutungen und Spekulationen geäußert werden (z.B. Lippenverschlußoperation, unterschiedliche Sprachvorbilder, geschlechtsspezifische Entwicklungsunterschiede).
Zukünftige differenzierte Analysen des sprachpathologischen Phänomens bei
Kindern mit Spaltbildungen müssen, auch wenn die traditionelle
Betrachtungsweise vorrangig phonetischer Art ist, auch aus phonologischer
Sicht angegangen werden. Denn das Störungsbild ist weit komplexer. Die
Erfassung der Struktur der Individualsprache, des Abstraktbereiches, des
Systems geordneter Regeln (und nicht nur des Lautinventars) ist für die
Interventionsplanung bedeutsam. Es besteht nach wie vor die Notwendigkeit
der Abgrenzung des abweichenden (bei Kindern mit Spaltbildungen) gegenüber
dem altersgemäßen (bei Kindern ohne Spaltbildungen)
phonologischen System
. Nach ROMONATH (1991) „ist besonders die Frage relevant, ob eine
vorhersagbare universelle Entwicklungsmatrix besteht, die dem Abbau der
Prozesse in qualitativer und quantitativer Hinsicht zugrunde liegt. ... (Die
Beantwortung dieser Frage) erfordert breit angelegte vergleichende
Longitudinalstudien und Querschnittsuntersuchungen auf verschiedenen
Altersstufen, die prozeßspezifischen Auftretensraten und der Systematik des
Abbaus auch in unterschiedlichen Sprachtypologien nachgehen.“ (1991,
440f)
Vorliegende Untersuchung kann hierzu bei der spezifischen Thematik
nur eine Initialzündung für weitere ergänzende Detailstudien (z.B. zu
vokalischen Prozessen, Persistieren bzw. Modifikation von
Lautentwicklungspräferenzen, wortpositionale Dominanz der
Segmentbetroffenheit bei einzelnen phonologischen Prozessen) geben.
„Je
präziser die phonologische Analyse, desto leichter wird es sein,
Ansatzpunkte zu finden, die dem Kind sprachliche Entwicklungsmöglichkeiten
bieten. Grundlegend orientiert sich die Sprachtherapie am normalen
Spracherwerb. Nur über den Vergleich der zeitlichen Abfolge üblicher
Erwerbsschritte [Seite 268↓]mit dem
aktuellen Entwicklungsstand des gestörten Kindes wird es möglich sein,
Zielstrukturen auszuwählen, die im Rahmen seiner sogenannten Zone der
nächsten Entwicklung liegen. Aber auch die Art und Weise des natürlichen
Erwerbs gilt es im Auge zu behalten, um vermeintliche Hilfestellungen nicht
zu Fußangeln werden zu lassen.“ (HACKER 1992, 59)
Wichtig und auch die
Begründung für zukünftige Forschungen ist, Voraussagen darüber zu treffen,
mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Prozesse in der weiteren
Sprachproduktion auftreten werden. Dabei ist im Hinblick auf die
Synchronisierung mit dem normalen phonologischen Erwerb unter
Berücksichtigung der eigendynamischen phonologischen Erwerbslogik parallel
eine ständige Verlaufsbeobachtung und -diagnostik erforderlich (KAUSCHKE
1996, 326).
Die Feststellung des eingeschränkten Umfanges des aktiven Wortschatzes beim größten Teil der Probanden impliziert Vermutungen über die Entwicklung des passiven Wortschatzes und i.w.S. auch der linguistisch-mental-kognitiven (Teil-)Fähigkeiten. Erhebungen dieser Art könnten nicht nur Aufschluß über diese Fragestellung geben, sondern auch zu einer notwendigen Erweiterung bisheriger vorrangig phonetisch orientierter Förderkonzepte führen.
Weiterführende Studien
ab einem Alter von 1;6 Jahren könnten als Querschnitts- und auch
Längsschnittuntersuchungen Aufschluß über folgende
Weiterentwicklungstendenzen geben:
Beispielsweise könnte eine
detaillierte Erfassung der Erwerbschronologie von Lauten in
phonetischer/phonologischer Funktion erfolgen. Dabei müßte unbedingt die
Abhängigkeit von unterschiedlichen kieferchirurgischen Konzepten
(insbesondere Operationszeitpunkte) berücksichtigt werden, um Vor- bzw.
Nachteile dieser transparent zu machen und evtl. Empfehlungen daraus
ableitend formulieren zu können. Im Zusammenhang mit vorliegender
Untersuchung, die ja ausschließlich den präoperativen Zustand erfaßte, wäre
die postoperative Entwicklung von besonderem Interesse.
Es kann die
Weiterentwicklung der Risikogruppen
(Symptomatik der jeweiligen Sprachtypen) analysiert werden. Die Ergebnisse
können mit zunehmendem Alter ebenfalls Eingang in die spezifische
Therapieplanung finden. Bis zum Alter von 1;6 Jahren ist es eher sinnvoll,
die Tendenzen nur zu beobachten, die Weiterentwicklung abzuwarten (nicht
jede angenommene Tendenz muß auch zur Ausprägung der Symptomatik führen)
und besonders bei Kindern mit Charakteristika der Risikogruppe 2 nicht
korrektes Sprechen zu fordern.
Mit zunehmendem Alter sollte auch die
Abhängigkeit der Sprachentwicklung von sozio-ökonomischen Faktoren (Familie, Umwelt) in
der Forschung Berücksichtigung finden.
Außerdem könnten zukünftige
Untersuchungen klärend zu der Fragestellung beitragen, ob sich die
unterschiedlichen Spaltfomen auf die
Sprachentwicklung auch in spezifisch-unterschiedlicher Weise
auswirken.
Die Untersuchung von geschlechtsspezifischen Unterschieden in der
Sprachentwicklung von Kindern mit Spaltbildungen hinsichtlich des
strukturellen Verlaufs wäre ebenfalls von wissenschaftlichem wie
praktisch-therapeutischem Interesse.
Die Methodenkritik versucht sich konstruktiv mit den Untersuchungsbedingungen auseinanderzusetzen, mögliche Fehlerquellen zu benennen bzw. auszuschließen und Vorschläge zu unterbreiten, welche Faktoren bzw. Aspekte in zukünftigen Forschungen mitberücksichtigt werden sollten.
Grundsätzlich ist der Vergleich der Ergebnisse zwischen der Untersuchungs- und Kontrollgruppe aussagekräftiger als die alleinige Ergebnisauswertung der Probandengruppe. In dieser Untersuchung bestand allerdings nicht die Möglichkeit der Datenerhebung an einer gleich starken Kontrollgruppe (gleiche Probandenanzahl), da in der Klinik für MKG generell nur Kinder mit spezifischen Auffälligkeiten vorstellig werden.
Um generalisierbare Aussagen aus einer Untersuchung ableiten und formulieren zu können, ist die Erhebung einer repräsentativen Stichprobe unerläßlich. Dabei müssen auch sozio-demographische [Seite 269↓] Aspekte Berücksichtigung finden. Die Probanden vorliegender Stichprobe stammten fast ausschließlich aus den neuen Bundesländern und Berlin-Ost aufgrund der historisch-politischen Verhältnisse. Obwohl das Einzugsgebiet der Probanden regional zentriert und begrenzt war, war es dennoch auch sehr groß. Aus diesem Grunde ist die Stichprobe in vorliegender Untersuchung auch für repräsentativ befunden worden. Dennoch sollten zukünftige Forschungen wenn möglich für die Probandenauswahl einer Stichprobenzusammenstellung größere Einzugsgebiete berücksichtigen.
Die
Datenerhebung
erfolgte mittels freier (repräsentativer) Sprachprobe. Diese ist natürlich
stets sowohl quantitativ (durch
mehrmalige Erhebungen) als auch qualitativ (z.B. Verlaufskontrollen durch unterschiedliche
Medien) erweiterbar. In vorliegender Untersuchung begrenzte allerdings die hohe
Probandenanzahl, das junge Alter der Probanden und der lange Erhebungszeitraum
die Erhebungsmöglichkeiten.
„Dem freien Sprechen kommt ... die
entscheidende Rolle bei der Beurteilung und Bewertung der Aussprache eines
Kindes zu. Sowohl im Rahmen der Diagnostik als auch bei der Ermittlung von
Erwerbsschritten infolge therapeutischer Interventionen bleibt das
Sprachverhalten in alltäglichen Kommunikationssituationen der Gradmesser
möglicher Entwicklungen. ... Repräsentiert werden soll hiermit der Gebrauch von
Sprache, wie er in alltäglichen, natürlichen, unvorbereiteten Gesprächen mit
anderen üblich ist.“ (HACKER 1992, 44f)
SCHLENKER-SCHULTE/SCHULTE (1990)
halten für eine repräsentative Sprachprobe neben Tonbandaufzeichnungen eine
Ergänzung des auditiven Eindrucks durch eine Video-Aufzeichnung, besonders unter
dem Aspekt einer artikulatorischen Phonetik, für erforderlich.
Bei der
Lautanalyse
müssen prinzipielle Schwierigkeiten berücksichtigt werden:
„(Es) ...
besteht eine hohe Bandbreite für die als richtig bzw. falsch eingeschätzte
Sprachproduktion. ... Jede Sprachbeurteilung ist letztlich vom subjektiven
Werturteil und denn jeweiligen Erwartungsvorstellungen des Diagnostikers
abhängig, die wiederum von den eigenen Vorerfahrungen, den situativen
Rollenerwartungen sowie den Umwelt- und Kommunikationsbedingungen beeinflußt
werden. Ein objektiv gleiches Sprachverhalten kann damit von unterschiedlichen
Hörern subjektiv ganz verschiedenartig eingeschätzt werden. ... Die
Möglichkeiten einer als richtig anerkannten Lautrealisierung unterliegen einem
hohen individuellen Variationsbereich.“ (GROHNFELDT 1980, 170f)
Das Ziel der
Transkription
ist, so ROMONATH (1991), die phänomenologische Umsetzung der beim Abhören
der Daten entstehenden auditiven Eindrücke in Transkriptionssymbole.
„Mit
diesen von Phonetikern postulierten fachsprachlichen Kategorien macht der
Transkribent sein Urteil über auditive Eindrücke namhaft, d.h., daß Notate
Widerspiegelungen subjektiver Auditionen und somit kein objektives Meßinstrument
sind.“ (1991, 238)
POMPINO-MARSCHALL (1995, 171) weist darauf hin, daß das
analytische Hören des als Transkribent trainierten Ohrenphonetikers am
artikulatorischen Verhalten der Quelle (bzw. im Sinne der „motor theory of
speech perception“ an dessen internem Nachvollzug) orientiert ist. Dennoch
sollte die Diskussion z.B. der unterschiedlichen akustischen Auswirkungen von
als kategorial gleich wahrgenommenen Artikulationen davor bewahren, in die
Aporie der frühen Instrumentalphonetik zu verfallen und nur den gemessenen
Signalen Glauben zu schenken.
„Nicht wie die Laute physikalisch beschaffen
sind, sondern wie sie vom Sender und/oder Hörer klassifiziert werden, ist
psychologisch relevant, denn es nützt uns nichts, würden wir die Klangprodukte
bzw. Geräusche in ihrer physikalischen Beschaffenheit wahrnehmen. Erst wenn der
Hörer von den gehörten Lauten abstrahieren und Phonemfolgen identifizieren kann,
erschließt sich ihm der Sinn. ... Das Phänomenale am Identifizieren eines Lautes
als Repräsentant eines Phonems ist die Tatsache, daß oft minimale
Gemeinsamkeiten ausreichen, um ihn zu erkennen.“ (ADLER 1996, 228)
Und
dieses war auch ausschließlich das Ziel dieser Untersuchung: die Feststellung
der Ausspracheverständlichkeit bei der (Konsonanten-)Artikulation der Probanden
über die auditive Wahrnehmung ermittelt. Denn letztendlich kommt es auf die
Umwelt (das menschliche Ohr) an, über (Nicht-)Akzeptanz von sprachlichen
Leistungen bzw. Abweichungen zu entscheiden. Hier gilt es sich zu
bewähren.
Die Frage nach objektiver Einschätzung und Beurteilung
sprachlicher Leistungen wird von WULFF/ WULFF (1981) folgendermaßen
beantwortet:
„Alle Versuche, das Sprechen und seine Verbesserung und damit
auch den sprachlichen Operationserfolg durch Röntgenaufnahmen, Klanganalysen
und technische Apparaturen meß- und vergleichbar [Seite 270↓]darzustellen, müssen wegen der Komplexität des Sprechens scheitern.
... Sprechen ist dafür eine viel zu komplizierte, stets variable
Bewegungskombination von Atmung, Stimme und Artikulation, die außerdem noch sehr
wichtiges rhythmisches, dynamisches, melodisches Beiwerk sowie Mimik und Gestik
hat. Es läßt sich nicht durch technische Analysen erfassen und vergleichen.“
(1981, 180)
Auch KLEISCHMANN (1994, 24) weist darauf hin, daß das geschulte
Ohr als Instrument zur Sprachbeurteilung nicht zu ersetzen ist. Bei der
Komplexität der Sprache ist das Gehör instrumentellen Methoden überlegen. Auch
wenn diese von verschiedenen Autoren zur Objektivierung der Sprachbefunde und
der velopharyngealen Insuffizienz gefordert werden (z.B. Vidoefluoroskopie,
orale und nasale Endoskopie, aerodynamische Studien, elektromagnetische
Artikulographie), können diese wegen der Vielschichtigkeit der Sprache jedoch
nur unterstützenden Charakter haben.
„Es fehlt ... nicht an Versuchen zur
objektiven Beurteilung der Sprechfunktion mittels röntgenologischer,
aerodynamischer und klanganalytischer Methoden (...). Diese können zwar
vergleichbare Daten liefern, erfassen aber jeweils nur einen Teilaspekt des
komplexen sprachlichen Ablaufs und lassen daher kaum Aussagen über die
Verständlichkeit und Qualität der Umgangssprache zu, ... .“ (FRIEDRICH
u.a.1985, 296)
THIELE (1990) beschreibt verschiedene sprachdiagnostische
Untersuchungsverfahren zur Beurteilung der Gaumenspaltensprache. Sie
unterscheidet dabei visuelle, optische, auditive, akustische,
elektrophysiologische sowie aerodynamische Verfahren und resümiert:
„Von
den verschiedenen Untersuchungsmethoden, die zur Zeit zur Verfügung stehen,
genügen nur wenige als optimales Verfahren zur Sprachbeurteilung bei
Spaltpatienten. ... Die auditiven Beurteilungsverfahren nehmen trotz ihrer
Subjektivität immer noch eine entscheidende Rolle zur Sprachbeurteilung von
Spaltpatienten ein, weil sie den kommunikativen Anforderungen der Sprache am
nächsten kommen.“ (1990, 50ff)
Sie bezieht sich in ihren Ausführungen auch
auf GUTZMANN, nach dem sich die vom Ohr aufgefaßte Nasalität auch recht gut mit
dem Grad der fehlerhaften Nasalausschläge deckt. Sie empfiehlt den Einsatz
mehrerer, sich ergänzender diagnostischer Untersuchungsverfahren:
„Sprache
und Sprechen ist eine Summationsleistung zahlreicher exogener und endogener
Faktoren (...). Diese Summationsleistung erfordert eine vielschichtige
Betrachtungsweise, um Fehlerquellen in der Diagnostik so weit wie möglich
auszuschließen. Eine
Kombination verschiedener Untersuchungsverfahren
zur Diagnostik hier speziell der Gaumenspaltensprache erscheint am
sinnvollsten.“ (1990, 57)
Sie schlägt der Reihenfolge nach klinische
Untersuchungen (visuelle bzw. optische Verfahren), Sprachüberprüfungen (auditive
bzw. akustische Verfahren) und den Einsatz objektiver Meßverfahren (z.B.
Computer-Aerometrie) vor. Allerdings räumt auch sie ein, daß sog. objektive
Meßverfahren meist nur Teilaspekte des Gesamtkomplexes Sprache erfassen und
bemerkt, „daß die aerodynamischen Verfahren, so auch die Computer-Aerometrie,
nicht geeignet sind, alle Sigmatismen, rückverlagerte und überspannte
Artikulierungen, vokalische Unsauberkeiten, Geräusche und Grimassieren zu
diagnostizieren“ (1990, 60).
In vorliegender Untersuchung wurde (abgesehen
von prinzipiellen Erwägungen) auf die instrumentelle Datenerhebung verzichtet, weil
Das bedeutet allerdings nicht, daß der Einsatz instrumenteller Meßverfahren grundsätzlich abgelehnt wird, sondern nur, daß dieser unter Berücksichtigung der spezifischen Problemstellung vorliegender Untersuchung nicht sinnvoll und auch nicht realisierbar erschien. Ungeklärte, aber relevante Teilaspekte könnten jedoch mit Hilfe dieser ergänzend untersucht werden (BRESSMANN/SADER 2000). Beispielsweise wäre die Differenzierung zwischen pharyngealer und laryngealer Lautbildung und hier [Seite 271↓]auch zwischen Frikativen und Plosiven sicherlich genauer möglich, da sich diese ausschließlich über die auditive Perzeption (die visuelle Kontrolle entfällt) schwierig gestaltet (O`GARA/LOGEMAN 1988; CHAPMAN 1991; HOWARD 1993; KAWANO u.a. 1997). Der Unterschied beider Lautbildungen ist der der Lauthaltedauer: Bei Plosiven ist der Lautbildungsvorgang mit der Verschlußsprengung beendet (daher erscheint diese Lautrealisierung als relativ kurz); die Bildung von Frikativen kann, solange der Phonationsstrom reicht, gehalten werden (daher erscheint die Lautbildung mitunter als relativ lang). TRUBETZKOY (1989, 134) spricht von Momentan- bzw. Dauerlauten. Es wäre aber durchaus denkbar, daß es sich bei den als Plosiven identifizierten Lauten doch vielmehr um Frikative von extrem kurzer Dauer handelte und die verhältnismäßig hohe Lautanzahl von Plosiven relativiert werden müßte.
Diese und andere Fragestellungen könnten Mittelpunkt zukünftiger Forschungsarbeiten werden ...
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| [Seite 272↓] |
Die Entwicklung von Kindern mit Spaltbildungen unterscheidet sich in der
Querschnittsuntersuchung
hinsichtlich des
temporalen Verlaufs
in den frühen Entwicklungsphasen der 1.Lallphase, der 2.Lallphase und des
Sprechbeginns beim überwiegenden Teil nicht von dem altersgleicher Kinder ohne
Spaltbildungen.
Ca. ¾ der Kinder beginnen diese Phasen normgerecht und
zeitgemäß (und nicht, wie oft in der Literatur beschrieben, mit einer
Verzögerung), da sie über die gleichen mentalen Voraussetzungen und basalen
Grundfähigkeiten zum Spracherwerb verfügen wie andere Kinder auch.
Hinsichtlich der Gestaltung des strukturellen Verlaufs zeigten sich jedoch in einem relativ homogenen Entwicklungsverlauf bedingt durch die anatomischen Fehlbildungen deutliche Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen:
In der
1.Lallphase
werden altersentsprechend bevorzugt die hinteren Artikulationszonen (3. und 4.) gegenüber den vorderen
(1.und 2.) für die Lautbildungen benutzt. Hierbei überwiegt eindeutig die
Lautproduktion an der 4.Artikulationszone gegenüber der an der
3.Artikulationszone. Es läßt sich eine Reihenfolge im Gebrauch der
Artikulationszonen von pharyngeal-laryngeal
> velar > labial > alveolar feststellen.
Das
phonetische Inventar erschien regulär
an der 4.Artikulationszone sehr umfangreich, an der 1., 2. und
3.Artikulationszone jedoch untypischerweise sehr begrenzt.
Es wurden
erheblich mehr Obstruenten (fast ausschließlich an der 4.AZ) als Sonoranten
realisiert. Am häufigsten wurden insgesamt gesehen Laute der Lautklasse Frikative gebildet. In der Reihenfolge der
Auftretenshäufigkeit erschienen weiter Hauchlaute, Plosive, Nasale,
Approximanten und Laterale.
Hinsichtlich sonorantischer Kategorien wurden stimmhafte Laute mit
einer höheren Auftretenshäufigkeit registriert wie stimmlose
Laute.
Insgesamt schien die Lautentwicklung einer Strategie zur Tendenz der
oralen Lautbildung entsprechend der deutschen Muttersprache zu folgen. Bei der
Bildung der Obstruenten wurden Laute mit geringeren Anforderungen an den
Artikulationsmodus präferiert.
Außer dem eingeschränkten Phoninventar an den
vorderen Artikulationszonen gestaltet sich der strukturelle Verlauf in der
1.Lallphase altersentsprechend und phasenspezifisch. Typische Strategien in der
Lautentwicklung von Kindern mit Spaltbildungen (sofern man von diesen sprechen
darf), sind in diesem Zeitraum erkennbar, treten aber noch nicht deutlich in Erscheinung.
In der
2.Lallphase
werden für die Lautbildung alle 4 Artikulationszonen genutzt. Die Tendenz des Fortschreitens
der Lautbildungen von hinteren zu vorderen Artikulationszonen wurde von den
Probanden ebenso wie bei altersentsprechenden Kindern ohne Spaltbildungen
beobachtet. Allerdings wurde die 4.Artikulationszone in der
Auftretensreihenfolge (1., 4., 2., 3.AZ) von fast der gleichen Probandenanzahl
für die Lautbildung wie die 1.Artikulationszone gebraucht, erst dann erschienen
die übrigen Artikulationszonen. Somit ergab sich eine Auftretenshäufigkeit der
Artikulationszonen von labial >
pharyngeal-laryngeal > alveolar > palatal.
Es wurde
damit eine nicht entwicklungsadäquate Präferenz für die Lautbildungen an der
1.und 4.Artikulationszone deutlich und nicht, wie häufig in der Literatur
beschrieben, an der 2.Artikulationszone.
Das phonetische Inventar erschien an den ersten 3
Hauptartikulationszonen altersuntypisch sehr eingeschränkt, an der
4.Artikulationszone spezifisch sehr umfangreich. Bezogen auf die erhobene
Gesamtlautzahl wurden 40,7% und damit der größte Teil aller ausgewerteten Laute
an der 4.Artikulationszone realisiert. Die übrigen 59,3% verteilten sich in der
Häufigkeitsreihenfolge auf die 1., 2. und 3.Artikulationszone.
Hinsichtlich
der Lautklassen erschienen am häufigsten
Sonoranten gegenüber Obstruenten. In der Reihenfolge der Häufigkeitsanteile
wurden Laute der einzelnen Lautklassen Nasale, Frikative, Approximanten,
Laterale, Hauchlaute und Plosive registriert.
Die Sonoranten wurden
überwiegend an den ersten 3Artikulationszonen, die Obstruenten fast
ausschließlich an der 4.Artikulationszone produziert.
Bezüglich sonorantischer Eigenschaften bestand eine
eindeutige Präferenz für Laute stimmhaften [Seite 273↓]gegenüber stimmlosen Charakters.
Auch hier läßt sich insgesamt
gesehen eine Strategie in der Lautentwicklung zur Tendenz einer oralen gegenüber
nasalen Lautbildung erkennen. Die Lautbildung ist phonetisch-anatomisch vom
Schwierigkeitsgrad des Bildungsmechanismus’ der Lautklassen anhängig. Es lassen
sich daher Lautklassen, bei deren Lautrealisierungen geringere Hindernisstufen
überwunden werden müssen, in größeren Anteilen und Lautklassen, bei deren
Lautbildungen stärkere Hindernisstufen überwunden werden müssen, in geringeren
Anteilen finden.
Die 4.Artikulationszone wurde dabei sowohl in quanitativer
als auch qualitativer Hinsicht für die Lautbildung in abweichender Weise
gebraucht.
Im strukturellen Verlauf dieser Phase lassen sich in vorliegender
Probandengruppe somit
eindeutige Unterschiede
im Vergleich zu altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen feststellen.
Die zentripetalen Artikulationsverlagerungen, die sich durch die Motivation zur
Lautmalerei und mit dem Beginn der bewußten Lautnachahmungen einstellen, sind
für Kinder ohne Spaltbildungen alters- und phasenuntypisch, für Kindern mit
Spaltbildungen allerdings spezifisch. Sie weisen auf frühe Fehlspannungen im
pharyngeal-laryngealen Bereich hin und sind phonetisch-anatomisch plausibel.
Durch die intra- bzw. extraorale Fehlbildung entweicht der Phonationsstrom, der
für die Obstruentenbildungen benötigt wird, über den Nasenraum. Enge- und
Verschlußstellenbildungen werden so in den Bereich verlegt, wo diese noch
möglich sind.
Die Ergebnisauswertung der linguistischen Phase des
Sprechbeginns
ergab phonetisch betrachtet, daß noch immer alle 4 Artikulationszonen gebraucht wurden. Die 3
Hauptartikulationszonen traten in der Häufigkeitsreihenfolge 1. > 2.
> 3. AZ auf. Das entspricht durchaus den Literaturangaben. Die
4.Artikulationszone, und das ist als altersentsprechend abweichend zu werten,
wurde von einem fast ebenso großen Probandenanteil genutzt wie die
1.Artikulationszone. Insgesamt wurde eine Reihenfolge im Gebrauch der
Artikulationszonen von labial >
pharyngeal-laryngeal > alveolar > palatal
festgestellt.
Ausgehend von der Gesamtlautzahl zeigte sich hier wie in der
2.Lallphase auch an den ersten 3 Hauptartikulationszonen ein erheblich
eingeschränktes phonetisches Inventar, an
der 4.Artikulationszone dagegen ein spezifisch erweitertes Inventar. Die
Lautproduktionen vorderer Artikulationszonen (gemäß der universellen
Entwicklungsstrategie vorrangig benutzt) genügen nicht für den Aufbau eines
ausreichenden oppositionell-phonologischen Systems. Die 4.Artikulationszone
bietet dagegen die Möglichkeit der Bildung kontrastreicherer
Konsonanten.
Quantitativ abweichend wurde an der 4.Artikulationszone der
größte Anteil aller Laute produziert. Die übrigen Lautanteile verteilten sich in
der Häufigkeitsreihenfolge auf die 1., 2. und 3.Artikulationszone. Diese Angaben
entsprechen den Literaturaussagen. In dieser Phase wird eine spezifische
Lautauslassung bzw. –präferenz deutlich.
Bei der Auswertung der Laute nach
Lautklassen zeigte sich zahlenmäßig
ein Übergewicht von Sonoranten gegenüber Obstruenten. Nach einzelnen
Lautklassen differenziert betrachtet erschienen die Laute in der
Häufigkeitsreihenfolge ihrer Anteile als Nasale, Hauchlaute, Approximanten,
Laterale, Plosive und Frikative.
Die Betrachtung der Laute hinsichtlich
ihrer sonorantischen Eigenschaftenergab
eine eindeutige Dominanz von stimmhaften Lauten (ca. 2/3) gegenüber stimmlosen
(ca. 1/3).
Hier läßt sich insgesamt eine zum Teil ausgeprägte Tendenz der
zentripetalen Artikulationsverlagerung feststellen, die mit der eindeutigen
Präferenz von Lauten, bei deren Bildung vorrangig die höheren Hindernisstufen
überwunden werden müssen und gleichzeitig gemäß ihrer Stimmlosigkeit einen
höheren Spannungsgrad aufweisen, eine qualitativ neue Stufe erreichte.
Die
Tendenz zur oralen gegenüber der nasalen Lautbildung setzt sich entsprechend der
deutschen Muttersprache grundsätzlich auch in dieser Phase fort.
Die
Motivation zur Imitation von Zielwörtern führt bei der bewußten Lautnachahmung
hauptsächlich zur Ausbildung 2er Strategien: zum einen wird ausschließlich auf
die phonetisch zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zurückgegriffen
(Sonoranten, Hauchlaute), oder aber zum anderen werden die in vorangegangenen
Entwicklungsphasen bereits explorierten und ausprobierten Lautrealisierungen
der 4.Artikulationszone (Plosive, Frikative) in dem verstärkten Bemühen dem
Lautvorbild entsprechend akustisch gleichwertige Klanglautbilder zu produzieren
zwangsläufig internalisiert. Die unerwünschten abweichenden
Sprechbewegungsmuster können so facilitiert und manifestiert werden. Diese
Kinder, die außerdem den größten Probandenanteil (ca. ½) stellten, sind im
höchsten Grad ge[Seite 274↓]fährdet, in ihrer
Lautentwicklung tendentiell eine Symptomatik gemäß dem überspannten Sprachtyp zu
entwickeln.
In dieser Phase treten damit, wie in der 2.Lallphase auch, eindeutige Unterschiede in der
Lautentwicklung von Kindern mit im Vergleich zu Kindern ohne Spaltbildungen
auf. In der Probandengruppe sind diese spezifisch und phonetisch plausibel. Die
Untersuchungsergebnisse entsprechen im allgemeinen der Symptomatik, die für
Kinder mit Spaltbildungen höheren Alters in der Literatur dokumentiert
werden.
Der aktive Wortschatz erwies
sich bei 94 Probanden (4 Probanden produzierten bis zum Alter von 1;6 Jahren
noch keine Wörter) mit einem Umfang von 1- 30 Wörtern als relativ
unterdurchschnittlich entwickelt, bei 70 Probanden (70,0%) mit einem Umfang von
1-10 Wörtern sogar als erheblich eingeschränkt.
Als Erklärung hierfür werden
anatomisch-phonetische Einschränkungen herangezogen, die häufig zur Bildung von
Homonymen bzw. bis zur völligen Entstellung und damit zum Nichterkennen von
Zielwörtern führen können.
Einen altersentsprechenden bzw. durchschnittlich
entwickelten Wortschatz wiesen nur 2 Probanden (2,0%), einen
überdurchschnittlich entwickelten Wortschatz (über 50 Wörter) keine Probanden
auf. So können sich vermutlich eingeschränkte Fähigkeiten auf der einen
Sprachebene frühzeitig auch auf die Leistungen anderer Sprachebenen
auswirken.
Die Ergebnisse zur Wort- und Silbenstruktur entsprechen dagegen
den Literaturaussagen zu allgemeinen Sprachentwicklungstendenzen: Hinsichtlich
der Wortstruktur traten am häufigsten
zweisilbige (67,6%) und einsilbige Wörter (31,1%) auf. Bezüglich der Silbenstruktur dominierten die Formen
KVKV (36,4%), VKV (23,8%), KV (15,6%) und KVK (8,3%). Den größten Anteil (52,0%)
bildeten altersentsprechend die Formen KV und KVKV.
Es ist eine strukturelle
Ähnlichkeit zwischen 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns zu erkennen,
welche auch auf eine funktionelle Verbundenheit hinweist.
In der Längsschnittuntersuchung ließ sich in der Probandengruppe ein insgesamt relativ heterogener Entwicklungsverlauf feststellen. Es wiesen 55 Probanden (60,4%) einen kontinuierlichen temporalen Verlauf auf, bei dem der Beginn aller 3 Entwicklungsphasen innerhalb des konstatierten und altersentsprechenden Toleranzbereiches lag. Bei den übrigen Probanden traten unterschiedliche Abweichungen von dieser Kontinuität auf, welche einzelne oder mehrere Phasen betreffen konnten.
Bei der Betrachtung des
strukturellen Verlaufs
zeigte sich hinsichtlich der einzelnen Artikulationszonen, daß beim
größten Probandenanteil (97,8%) die Lautrealisierungen der 1.Artikulationszone in der 2.Lallphase und in der Phase des
Sprechbeginns (69,0%) sowie beim nächstgrößten Probandenanteil (28,8%) in allen
3 Phasen erschienen. Das entspricht den alterstypischen Erwartungen. Es kann
prognostisch mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß Laute
der 1.Artikulationszone, die bereits in der 2.Lallphase verwendet wurden,
ebenso in der Phase des Sprechbeginns erscheinen.
Laute der 2.Artikulationszone wurden ebenfalls vom
größten Probandenanteil (56,3%) in der 2.Lallphase und in der Phase des
Sprechbeginns (41,4%) sowie in allen 3 Phasen (14,9%) produziert. Für die
prognostische Aussage kann postuliert werden, daß Laute der 2.Artikulationszone,
treten diese bereits in der 2.Lallphase auf, mit relativ hoher
Wahrscheinlichkeit auch in der Phase des Sprechbeginns gebildet werden.
Die
3.Artikulationszone wurde vom größten
Probandenanteil (33,4%) für die Lautbildung weder in der 1.Lallphase, der
2.Lallphase noch in der Phase des Sprechbeginns verwendet. Die übrigen Probanden
zeigten eher unterschiedliche als gemeinsame Entwicklungsverläufe. Ebenso wie
bei der Ergebnisauswertung aus der Querschnittsuntersuchung können sicherlich
hauptsächlich die anatomischen (insbesondere intraoralen) Fehlbildungen für die
phonetischen Beschränkungen verantwortlich gemacht werden. Tendenziell läßt sich
für die vorliegende Probandengruppe eine relative Wahrscheinlichkeit für die
Lautentwicklung feststellen, nach der Laute der 3.Artikulationszone, wenn sie in
der 1.Lallphase noch nicht auftraten, vermutlich auch nicht in der 2.Lallphase
und nicht in der Phase des Sprechbe[Seite 275↓]ginns erscheinen.
Die Betrachtung der 4.Artikulationszone ergab, daß beim größten Probandenanteil
(77,1%) die Lautrealisierungen kontinuierlich in allen 3 Entwicklungsphasen
(1.LP, 2.LP, SB) auftraten. Somit ist bereits tendenziell in frühen Phasen eine
prognostische Aussage möglich: Treten bereits in der 2.Lallphase Laute der
4.Artikulationszone auf (in der 1.Lallphase sind diese ohnehin physiologisch),
so erscheinen diese mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Phase des
Sprechbeginns.
Grundsätzlich läßt sich sagen, daß der größte Anteil der
vorliegenden Probandengruppe in der Lautentwicklung beim Gebrauch der
Artikulationszonen den universellen Tendenzen folgt. Treten Abweichungen bzw.
Einschränkungen auf, so sind diese meist spezifisch-phonetisch plausibel, z.T.
durch externe Einflüsse erklärbar (z.B. Lippenverschlußoperation),
offensichtlich mitunter auch umweltabhängig (z.B. Sprachangebot und –vorbild)
und im Einzelfall möglicherweise auch, darauf deuten die Daten hin, in eine
allgemeine konstitutionelle Sprachschwäche eingebettet.
Die höchste
Gesamtlautzahl
wurde in der 2.Lallphase erreicht und läßt sich rein quantitativ durch die
sensorische Stimulation und die dadurch bedingte hohe Lallaktivität
erklären.
Die [m]-Laute wurden
erwartungsgemäß vom größten Probandenanteil (96,6%) kontinuierlich in allen 3
Phasen (28,7%) bzw. in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns
(67,9%) produziert.
Die [
υ
]-Laute traten beim größten Anteil von
35,7% der Probanden in keiner der 3 Phasen auf und schienen den Kindern damit
größere Schwierigkeiten im Bildungsmechanismus zu bereiten, als vielleicht
anzunehmen gewesen wäre. Die Schwierigkeit bestand vermutlich darin, den
Phonationsstrom ohne vorzeitiges Entweichen über den Nasenraum über die längste
intraorale Passage an den Ort der (annähernden) Engebildung zu leiten.
Die
[l]-Laute wurden von der größten
Probandenanzahl (41,4%) in allen 3 Phasen (11,5%) bzw. in der 2.Lallphase und in
der Phase des Sprechbeginns (29,9%) gebildet. Das Ergebnis entspricht der
physiologischen Lautentwicklung.
Die [n]-Lautbildung erfolgte vom größten Probandenanteil
(35,7%) in keiner der 3 Phasen. An der 2.AZ wurde somit die orale Lautbildung
präferiert. Bei den übrigen Probanden traten diese Laute in verschiedenen Phasen
aber nicht kontinuierlich auf. Es ließ sich insgesamt dennoch eine wenn auch nur
geringe so doch stetige Zunahme in dieser Lautproduktion bis zur Phase des
Sprechbeginns feststellen.
Die [j]-Laute (37,9%) und [
]-Laute (75,9%) erschienen beim jeweils
größten Probandenanteil in keiner der 3 Phasen, obwohl diese aufgrund des
relativ unkomplizierten Bildungsmechanismus` häufiger zu erwarten gewesen
wären. Hier wirkt sich wahrscheinlich das fast völlige Fehlen der 3.AZ stark auf
die Lautbildung aus.
Die [
]-Laute wurden vom größten
Probandenanteil (80,5%) in keiner der 3 Phasen produziert. Altersentsprechend
zeigten diese Kinder somit nicht nur eine sehr geringe Auftretenshäufigkeit
dieser Lautbildung, sondern im Vergleich dazu auch eine Präferenz für die
[l]-Lautrealisierung an der anterioren 2.AZ.
Die [h]-Lautbildung erfolgte beim größten Anteil von 46,0% der
Probanden in allen 3 Phasen. Diese Entwicklung ist phonetisch plausibel sowie
auch aus lautentwicklungsphysiologischer Sicht akzeptabel.
Die [
]-Lautproduktion erschien beim größten
Anteil von 59,8% der Probanden als nicht auffällig. 52,9% wiesen überhaupt keine
[]-Laute und 6,9% diese nur in der 1.Lallphase auf. Aber bei immerhin 18,5%
traten diese erst in der Phase des Sprechbeginns auf und deuten auf
Artikulationsverlagerungen durch bewußte Lautnachahmung hin.
Die [
]-Laute wurden ebenfalls von den größten
Probandenanteilen überhaupt nicht (33,4%) oder nur in der 1.Lallphase (13,8%)
gebildet. Somit zeigten 47,2% der Probanden diesbezüglich eine unauffällige
Lautentwicklung.
Die [
]-Laute zeigten sich bei 18,4% der
Probanden überhaupt nicht und bei 16,1% ausschließlich in der 1.Lallphase. Eine
diesbezüglich unauffällige Lautentwicklung war demnach bei 34,5% der Probanden
zu beobachten.
Die [
]-Lautbildung erwies sich bei 44,9% der
Probanden als unauffällig: 33,4% realisierten diese Laute nur in der 1.Lallphase
und 11,5% überhaupt nicht. Bei dem größten Anteil von 42,5% der Pro[Seite 276↓]banden traten []-Laute allerdings in der 1.
und 2.Lallphase auf.
Die übrigen registrierten Laute [p], [b], [φ], [β],
[f], [v], [t], [d], [θ], [ð], [], [k], [g], [ç], [ʝ], [], [Δ] (Obstruenten an
den vorderen AZ und Nasale der 4.AZ) konnten unberücksichtigt bleiben, da ihre
Auftretenshäufigkeit in der Regel unter 5,0% lag und diese nur vereinzelt und
sporadisch auftraten. Eine gemeinsame Lautentwicklungstendenz war bei diesen
Lauten nicht festzustellen.
Insgesamt bestätigte sich auch hier die Tendenz
zur oralen Lautbildung sowie der zunehmenden Dominanz von Lauten vorderer
gegenüber hinterer Artikulationszonen. Außer den beschriebenen ließen sich keine
weiteren deutlichen einheitlichen Lautentwicklungstendenzen feststellen. Das
macht deutlich, welch komplexes Phänomen Spaltbildungen in ihren Auswirkungen
darstellen. Die individuell sehr unterschiedliche geprägte Ausgangssituation der
Kinder (z.B. Geschlecht, Spaltform, anatomische und funktionelle Bedingungen,
orofaciale Dysfunktionen, auditive Beeinträchtigungen, Sprachangebot und
–vorbild, sozio-ökonomischer Status der Eltern u.a.m.) führt vermutlich mitunter
zu divergenten und individuell variablen Entwicklungsverläufen.
In der Lautreihenfolge (nach der Auftretenshäufigkeit gemäß der Probandenzahlen an allen AZ) erschienen am häufigsten in allen 3 Phasen die [h]-Laute, in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns die Laute [m], [h], [l]. Für diese Laute lag eine Dominanz bzw. Präferenz vor. Seltener traten die Laute [], [] und [] auf. Alle anderen Laute zeigten in den einzelnen Phasen wechselnde Positionen in der Häufigkeitsreihenfolge. Die Ergebnisse sind sowohl aus lautentwicklungsphysiologischer wie auch spezifisch-phonetischer Perspektive erklärbar.
Die Überprüfung der Lautbildung auf spezifische Symptome der jeweiligen
Sprachtypen
entsprechend ergab in der Gegenüberstellung der Ergebnisse aus allen 3
Phasen, daß sich die Lautbildungsstrategien tendenziell dichotomisch zu
differenzieren scheinen: Nachdem sich die Probanden in den ersten Phasen noch
relativ häufig der Risikogruppe 1 zuordnen ließen, schienen sie sich mit
zunehmendem Alter immer mehr festzulegen, entweder in der Lautproduktion
ausschließlich Laute zu verwenden, deren Bildung gemäß ihrer anatomischen
Bedingungen möglich ist (Risikogruppe 0)
oder das eingeschränkte Phoninventar durch starke Artikulationsverlagerungen mit
pharyngeal-laryngealen Plosiven zu erweitern (Risikogruppe 2). Die Motivation entstammt dem Versuch,
eigene Wortproduktionen den Zielwörtern so ähnlich wie möglich zu
gestalten.
Die Längsschnittuntersuchung ließ diesbezüglich keine
einheitlichen Entwicklungstendenzen erkennen.
Es muß allerdings generell
angezweifelt werden, ob die Daten und damit auch die Ergebnisauswertungen
diesbezüglich aussagekräftig sind. Nicht zuletzt die Ergebnisse, die kaum
Schlußfolgerungen zulassen, tragen zu der Überlegung bei, daß sich
Lautentwicklungstendenzen den jeweiligen Sprachtypen entsprechend in diesem
Alter noch nicht eindeutig feststellen lassen.
Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus den 3 Phasen hinsichtlich der
Lautbildungen an der
4.AZ
gemäß der Differenzierung nach
Obstruenten
(Frikative, Plosive) ließ wiederum 2 Lautentwicklungsstrategien erkennen:
entweder wurden keine Obstruenten an der 4.AZ gebildet oder aber
Plosivlautproduktionen (ohne gleichzeitige Frikativlautbildungen) favorisiert.
Die Längsschnittuntersuchung konnte keine einheitlichen Entwicklungsverläufe
deutlich machen.
Bei der Differenzierung der Laute nach Lautklassen gemäß
ihrer sonorantischen Varianten wurde in der Gegenüberstellung der Ergebnisse aus
den 3 Phasen sowohl bei den Frikativen
als auch bei den Plosiven (wenn diese
denn auftraten) jeweils die stimmlose Form, ohne gleichzeitige Realisierung des
stimmhaften Typs, präferiert. Die Längsschnittuntersuchung ließ bei der
Frikativlautbildung keine deutlichen einheitlichen Entwicklungstendenzen
erkennen. Bei der Plosivlautbildung konnte ein Anteil von immerhin 21 Probanden
(24,1%) ermittelt werden, welche in keiner der 3 Phasen diese Laute
realisierten. Die 2 Lautentwicklungstendenzen lassen sich auch hier
bestätigen.
Insgesamt wurden somit tendenziell die Laute bevorzugt, bei
deren Bildung die höchste Hindernisstufe überwunden bzw. der höhere Grad an
Muskelspannung und intraoralem Druck erreicht werden mußte. Oder aber es wurden
überhaupt keine (unphysiologischen) Laute der 4.AZ realisiert.
Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus den 3 Phasen bezüglich der
Auftretenshäufigkeit von Lauten nach
Lautklassen
differenziert zeigte deutliche Selektionen bzw. Auslassungen, die zum
einen [Seite 277↓]vermutlich phasenspezifischer
und zum anderen phonetischer Natur sind.
Im Verlauf der ersten 1;6 Jahre
wurde eine zunehmende Dominanz und damit Präferenz von Nasalen, Approximanten und Hauchlauten (als
auch Lateralen) sowie eine geringere Auftretenshäufigkeit bzw. ein fast völliges
Fehlen von Frikativen und Plosiven
(an den vorderen AZ) erkennbar.
Der Anteil stimmhafter Laute (vorrangig an
den ersten 3 Hauptartikulationszonen gebildet) gegenüber dem stimmloser Laute
(fast ausschließlich an der 4.AZ realisiert) war in allen Phasen größer.
Die Gemeinsamkeit in der Entwicklung von Kindern mit und ohne Spaltbildungen besteht in der zunehmenden Verlagerung der Lautbildung an vordere Artikulationszonen, der Unterschied jedoch im Verhältnis der Lautanteile vorderer und hinterer Artikulationszonen (quantitativ) sowie in der Art der Lautbildungen (qualitativ).
Die Ergebnisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Widerlegbarkeit der Hypothesen.
Grundsätzlich wird in dieser Arbeit die Ansicht vertreten, daß Kinder mit
Spaltbildungen über die selben mentalen Voraussetzungen und basalen
Grundfähigkeiten zum Spracherwerb verfügen wie andere Kinder auch. Darauf lassen
u.a. der relativ kontinuierliche temporale Verlauf und die Dominanz
entsprechender Wort- und Silbenstrukturen beim überwiegenden Probandenanteil
schließen. Allerdings wird die Sprachproduktion vorrangig bedingt durch die
anatomischen Fehlbildungen in spezifischer Art beeinträchtigt (struktureller
Verlauf). Ob es einen Einfluß sprechmotorisch-artikulatorischer Einschränkungen
auf linguistische Kompetenzen gibt, und wenn ja welcher Art dieser ist, kann
derzeit nicht eindeutig beantwortet werden.
Bis alle
phonetisch-phonologischen Beschränkungen bei Kindern mit Spaltbildungen erklärt
werden können, ist es noch ein weiter Weg. Sogar bei Kindern ohne Spaltbildungen
im regulären Sprachentwicklungsverlauf können nicht alle
Lautentwicklungsstrategien zufriedenstellend analysiert und interpretiert
werden.
Vorliegende Untersuchung, welche vorwiegend die deskriptive
Erfassung und Darstellung der phonetischen Entwicklung von Kindern mit
Spaltbildungen beinhaltete, kann als Initialzündung und Basis für folgende
Untersuchungen fungieren. Denn gerade für den deutschsprachigen Raum fehlen
insbesondere für die frühen Entwicklungsphasen dieser Kinder adäquate Daten.
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| DiML DTD Version 3.0 | Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin | HTML-Version erstellt am: 03.03.2004 |