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4  Auswertung

4.1 Analyse/Interpretation

4.1.1 Querschnittuntersuchung

4.1.1.1 1.Lallphase

Erhebungen zum temporalen Verlauf ergaben, daß für den größten Probandenanteil von 36 Kindern (39,5%) im Alter von 0;2 Jahren (2 Monate) der Zeitpunkt des Beginns der 1.Lallphase lag.
Insgesamt begannen in dem als normgerecht definierten Zeitraum von 0;1 – 0;3 Jahren (1.-3.Monat) 70 Probanden (76,9%) mit den für die 1.Lallphase typischen Lautproduktionen. Das bedeutet, daß der Großteil (über ¾ aller untersuchten Kinder) keine Verzögerung im Beginn der 1.Lallphase gegenüber altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen aufwiesen.

Die erhobenen Daten zum strukturellen Verlauf ließen folgendes erkennen:

Bei der Benutzung von Artikulationszonen traten die hinteren Artikulationszonen (3. und 4.) häufiger als die vorderen (1. und 2.) auf.
Bei der separaten Betrachtung der Auftretenshäufigkeit der einzelnen Artikulationszonen zeigte sich eine eindeutige Präferenz in der Benutzung der 4.Artikulationszone (98,9%) gegenüber der 3.Artikula­tionszone (32,9%). Die vorderen Artikulationszonen (1. und 2.) wurden bei der Lautbildung seltener verwendet, wobei die 1.AZ gering häufiger als die 2.AZ gebraucht wurde.
Es zeigte sich eine Häufigkeitsreihenfolge in der Verwendung von Artikulationszonen von pharyngeal -laryngeal > velar > labial > alveolar.
Diese Bevorzugung in der Benutzung der 4. Artikulationszone zeigte sich auch in der Betrachtung des Gebrauchs der Artikulationszonen insgesamt: Beim größten Probandenanteil von 39,5% erfolgte die Lautbildung ausschließlich an der 4. Artikulationszone. Die 3./4. Artikulationszone wurde von 16,5% und die 1./4.AZ von 13,2% der Probanden gebraucht.
Die Dominanz hinterer Artikulationszonen bei der Lautbildung in der 1.Lallphase entspricht den Beobachtungen und Aussagen in der Literatur und ist daher auf den ersten Blick nicht als ungewöhn­lich oder abweichend zu werten. Allerdings wird meist die Häufigkeitsreihenfolge von velar > pharyngeal > labial > alveolar beschrieben (Abschnitt 2.3.2.1.2.1.).
Die überwiegend pharyngeal-laryngeale Lautlokalisation könnte für eine frühzeitig beginnende Artikulationsverlagerung nach zentripetal sprechen.
Tendenziell ist außerdem die zunehmende Einbeziehung der vorderen AZ in die Lautbildung, wie sie der Ontogenese entspricht, erkennbar.

Insgesamt wurden 393 Laute registriert. Der größte Anteil von 262 Lauten (66,7%) wurde an der 4.AZ realisiert. Die übrigen Laute erschienen in der Reihenfolge ihrer Auftretenshäufigkeit an der 3.AZ (54 Laute bzw. 13,7%), der 1.AZ (51 Laute bzw. 13,0%) und an der 2.AZ (26 Laute bzw. 6,6%).
Auch hier läßt sich eine Dominanz vor allem im Gebrauch der 4.AZ und tendenziell auch der 3.AZ beobachten. Lautbildungen der 2.AZ traten, wie auch in der Literatur für Kinder ohne Spaltbildungen beschrieben, mit der geringsten Auftretenshäufigkeit auf.

An der 1.Artikulationszone wurden nur 2 Laute mit höherer Auftretensfrequenz gebildet. Am häufigsten erschien hier der Laut [m] . Bei diesem handelt es sich um einen Nasallaut mit bilabialer Verschlußbildung. Da der pulmonale Luftstrom während des oralen Verschlusses durch die Nase entweichen kann, kommt es zu keinem intraoralen Überdruck und damit auch zu keinem Geräusch bei der oralen Verschlußlösung (POMPINO-MARSCHALL 1995).
„Das vor allem bei den stimmhaften Nasallauten evidente Klassenmerkmal der Nasalqualität hat seine Ursache in dem resonatorischen Mitwirken des Nasenhohlraumes mit seinen spezifischen, aber nicht veränderbaren Hohlraum- und Oberflächencharakteristika (Raumform, Oberflächengröße und stark schleimbedeckte Schleimhautauskleidung).“ (PETURSSON/NEPPERT 1996, 89)
[Seite 234↓]Da bei Kindern mit Spaltbildungen durch die bestehende Gaumenspalte keine Trennung zwischen oralem und nasalem Resonanzraum hergestellt werden kann, ist die Artikulation dieser Laute nicht nur möglich sondern erheblich erleichtert.

Als zweiter häufiger Laut trat das [ υ ] hier auf. Der Approximant entsteht, wenn die für den stimm­haften Frikativ [v] gebildete labiodentale Enge erweitert bzw. der Luftdurchfluß bei gleicher Enge vermindert wird, so daß keine oder nur geringe Geräuschbildung erfolgt (POMPINO-MARSCHALL 1995). Da der Phonationsstrom bei der Frikativartikulation zur Turbulenzausbildung an der artikulie­renden Enge genutzt werden muß, ist diese Lautbildung nicht bzw. nur äußerst selten möglich. Der Luftstrom wird bei dem Versuch, einen intraoralen Druck aufzubauen, meist über den Nasalraum entweichen. Es überwiegt, wie generell bei Approximanten, der ausgeprägte Klangcharakter gegen­über dem Geräuschanteil. Daher ist auch eine Frikativbildung von [φ], [β]), [f] an dieser Artikulations­zone nicht bzw. nur in Ausnahmefällen möglich, ebenso von Plosiven [p], [b], zu deren Bildung ein noch stärkerer Druck hergestellt werden muß.

Die Lautproduktionen an der 2.Artikulationszone beschränkte sich ebenfalls auf nur 2 häufiger aufgetretene Laute. Je nachdem, welcher Resonanzraum für die Passage des Phonationstromes bei ansonsten gleichem Artikulationsorgan und -ort genutzt wurde, entstand das [l] oder das [n].

Bei den lateralen Frikativen [] liegt die geräuschverursachende Engebildung nicht im Längszentrum des Ansatzrohres, sondern (bei zentralem Verschluß) seitlich (POMPINO-MARSCHALL 1995). Laterale Approximanten bzw. Laterale [l] sind durch die nicht geräuschverursachende seitliche Enge gekennzeichnet. Wie beim vokalischen Artikulationsmodus hat die relativ schwache Luftströmung (ein Teil wird bei Kindern mit Spaltbildungen ohnehin über den Nasenraum entweichen) kaum oder keine Artikulationsfunktion. Entscheidend ist die resonatorisch bedingte Schallmodifikation durch Veränderung der Hohlraumform (PETURSSON/NEPPERT 1995, 93).
Die Kieferspalte wirkt sich auf die Lautbildung phonologisch (i.S. der Lautdifferenzierung und –diskrimination) nur begrenzt oder gar nicht aus, aber phonetisch: Es wurden oft Zungenverlagerungen besonders bei einseitigen Spaltbildungen zur Spaltseite hin, manchmal auch in die Kieferspalte hinein, beobachtet.
„Es genügt, wenn nur der eine Zungenrand frei ist, während der andere anliegt. Ja, selbst beide Zungenränder können den Gaumen längs der oberen Zahnreihe ziemlich weit nach hinten berühren (...). Auch braucht die Zungenspitze nicht unbedingt hinter den oberen Schneidezähnen zu liegen; sie kann in mittlerer Höhe schweben oder sogar an den unteren Schneidezähnen liegen, während der Zungenrücken sich hebt, um den l-Klang hervorzurufen.“ (WEINERT/DITTRICH 1989, 97)
Phonetische Varianten blieben deshalb unberücksichtigt.

Bei der Bildung des Nasallautes [n] findet der orale Verschluß zwischen Artikulationsorgan Zunge koronal und dental-alveolarer Artikulationsstelle statt bei ansonsten prinzipieller Entsprechung dem Artikulationsmodus beschriebener Nasallautbildungen.

Weitere Lautrealisierungen, wie die Bildung möglicher Plosive [t], [d], Frikative [θ], [ð], [s], [z], [∫], [] und Vibranten [r], schließen sich durch die erforderlichen Bildungsprinzipien und die vorherr­schenden anatomischen Verhältnisse bei den Probanden aus bzw. werden äußerst selten beobachtet. Die Sibilanten erscheinen außerdem in der Ontogenese generell erst später.

An der 3. Artikulationszone beschränkte sich die Artikulation auf die häufiger gebildeten Laute [j], [] und [].

Bei dem Laut [ʝ] handelt es sich gemäß der Konsonantendifferenzierung des Standarddeutschen um einen stimmhaften mediopalatal-mediodorsalen Frikativ. Da eine Engebildung zwischen Gaumendach und mittlerem Zungenrücken bei bestehender Gaumenspalte kaum möglich ist, kann diese nur erfol­gen, indem sich das artikulierende Organ (der Zungenrücken) medio- oder postdorsal der Artikula­tionsstelle, dem anatomisch rudimentärem Substrat, medio- bzw. postpalatal, velar oder uvular anlegt. Bei annähernder Engestellenbildung, eine vollständige ist aufgrund der intraoral veränderten Anato­mie kaum möglich, kann der Phonationsstrom für eine geräuschverursachende Lautbildung so gut wie [Seite 235↓]nicht genutzt werden. Die Lautproduktion kann meist nur durch die Erweiterung der artikulatorischen Enge über den kritischen, turbulenzbedingenden Wert hinaus erfolgen, bzw. indem die Zunge eine gegenüber der entsprechenden Lage für einen hohen Vokal (z.B. in [ja]) stärkere, aber noch kein Turbulenzgeräusch verursachende Verengung bildet (POMPINO-MARSCHALL 1995).
Daher wird der gemäß dem deutschen Lautsystem klassifizierte Laut [ʝ] häufig als allophonische Variante [j] realisiert.

Bei der Bildung des Nasallautes [ ] ist die postpalatale (velare) Verschlußstellenbildung mit der Zunge postdorsal infolge der Gaumenspalte erschwert aber nicht gänzlich unmöglich. Die orale Phonationspassage kann nur vermieden werden, indem die Zunge in ihrer gesamten Masse den intraoralen Raum so weit wie möglich ausfüllt, d.h. die Regulation der Luftstromführung kann nur über die Zungenlage erfolgen. Um einen größtmöglichen nasalen Resonanzanteil an der Lautbildung zu erreichen, ist vermutlich eine starke Zungenhoch- und –rückverlagerung in die Gaumenspalte hinein erforderlich.

Bei dem Laut [ ] handelt es sich um einen mit dem hinteren Zungenrücken artikulierten Lateral(-Approximanten). Dieser entsteht normalerweise, wenn sich die Zunge in ihrem dorsalen Teil der 3.AZ (palatal, velar bzw. uvular) nähert.

Weitere Laute, deren Bildung an der 3.Artikulationszone möglich gewesen wäre, von [k], [g], [ç], [ʝ], [x], [], [χ], [], [R], traten nicht oder nur sehr selten auf, da die erforderlichen Bildungsmechanismen bedingt durch die Spaltbildung kaum bzw. nicht realisierbar waren.

Das bedeutet, daß die 1., 2. und 3.Artikulationzone von den Probanden nicht nur weniger frequentiert wurden, sondern daß außerdem an diesen Artikulationszonen ein sehr eingeschränktes phonetisches Inventar vorlag. Das Fehlen dieser Laute bei der Lautmalerei ist für die Lautentwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildung untypisch und kann daher auf eine typische Lautvermeidung/-auslassung bedingt durch die Spaltbildung schließen lassen.

An der 4.Artikulationszone gestaltete sich das phonetische Inventar sehr umfangreich. Gemäß dem deutschen Lautsystem ist hier nur die Bildung des Lautes [h] physiologisch. Dieser trat mit der höch­sten Auftretenshäufigkeit von 89,0% auf. Diese hohe Probandenbeteiligung ist auch nicht erstaunlich, da die Hauchlautbildung aus phonetischer Sicht sich nicht unbedingt schwierig gestaltet. Außer der laryngealen Hauchstellung ist keine weitere Hemm- bzw. Verschlußstellenbildung im Ansatzrohr, im supraglottalen Bereich, notwendig. Bei LAVER (in POMOPINO-MARSCHALL 1995) werden sie sogar als geflüsterte bzw. behauchte Approximanten nicht spezifizierter Artikulationsstelle betrachtet. Das heißt, daß sich die anatomischen Fehlbildungen/Anomalien, die zur Deformation oder zum völli­gen Fehlen von Artikulationszonen bzw. –stellen führt, auf die Hauchlautbildung wenn überhaupt nur in äußerst geringem Maße auswirkt. Außerdem wird auch bei altersgleichen Kindern ohne Spaltbil­dungen in der Literatur oft eine hohe [h]-Lautproduktion beschrieben.
Alle weiteren an dieser Artikulationszone registrierten Laute sind dem deutschen Lautsystem nicht zugehörig, werden aber entwicklungsentsprechend sowohl in der Literatur für Kinder ohne als auch mit Spaltbildungen beschrieben. In der Reihenfolge der Auftretenshäufigkeit wurden hier der stimm­hafte Frikativ [] und der stimmlose Frikativ [], der stimmhafte Plosiv [] und der stimmlose Plosiv [] sowie der Nasal [Δ] registriert. Die erforderliche Hemm- bzw. Verschlußstellenbildung (Frikative/ Plosive) wird entweder pharyngeal (durch das Zusammenwirken von Zunge und Rachenhinterwand) oder laryngeal (durch die Stimmlippen) geleistet. POMPINO-MARSCHALL (1995) äußert sich zum System der 3 Sphinkter-Muskeln des Pharynx folgendermaßen:
„Über die durch die horizontale Zungenlage bewirkte Veränderung der Pharynxöffnung in Vorwärts-rückwärts-Richtung hinausgehend sind diese drei Muskeln in der Lage, den Pharynxraum seitlich zu verengen. Neben dieser Verengung kann eine rein isometrische Muskelanspannung dieses Systems zu einer Versteifung der Rachenwände führen, was einen entscheidenden Einfluß auf die Resonanzklang­farbe hat und z.B. bei den gespannten Konsonantenartikulationen ... eingesetzt werden dürfte.“ (1995, 58)
[Seite 236↓] Pharyngealisierung entsteht durch „Zurückziehen der Zungenwurzel bzw. eine pharyngeale Engebildung durch die Pharynxmuskeln selbst“ (1995, 208).
Bei der Laryngealisierung „reichen die Realisierungsvarianten von einer Stimmqualitäts- (verbunden mit einer Grundfrequenz-)Änderung bis hin zum Glottisplosiv“ (1995, 208).
Der Nasallaut [Δ] wird in der Literatur unterschiedlich charakterisiert. In vorliegender Arbeit wurde er als eigenständige Kategorie für sämtliche posteriore Nasallautbildungen verwendet, deren Artikula­tionsstelle nicht mehr an den ersten 3 AZ lokalisiert werden konnte. Die Auftretensfrequenz war erstaunlich gering und konnte fast unberücksichtigt bleiben. Diese Lautbildungen scheinen erst mit zunehmendem Alter nach 1;6 Jahren vermehrt aufzutreten.

Hinsichtlich der Lautklassen traten insgesamt (an allen Artikulationszonen) gesehen Frikative (35,9%) am häufigsten auf. Es folgten in deutlichem Abstand die Hauchlaute (20,6%). Die Lautklasse der Plosive verfügte immerhin über einen Lautanteil von 14,8%. Eine geringere Auftretensrate an der Gesamtlautzahl zeigten die Nasale (11,9%) und die Approximanten (10,7%). Die geringste Auftretens­frequenz wurde bei den Lateralen (6,1%) registriert.
Diese Ergebnisse ähneln denen von PAPOUSEK (1995) und STARK (1980) zur Lautentwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen. Auch sie fanden häufig Frikative, Hauchlaute, Plosive und seltener Nasale, Approximanten und Laterale. ROUG/LANDBERG/LUNDBERG (1989) fanden außerdem ebenfalls mehr Nasale als Approximanten. Allerdings stellten die Autoren auch häufiger auftretende Trills bzw. Vibranten fest, die in vorliegender Probandengruppe überhaupt nicht registriert werden konnten, ebenso wie velare Plosive und Frikative. Hier besteht ein deutlicher Unterschied in der Entwicklung von Kindern mit und ohne Spaltbildungen.

TRUBETZKOY (1989) unterscheidet hinsichtlich des Überwindungsmodus („Schaffung eines Hindernisses und dessen Überwindung“) zwischen 3 Hindernisstufen :

In der vorliegenden Untersuchung besteht ein Verhältnis von 2,5 : 1 in der Auftretensrelation von 280 Obstruenten (71,2%) gegenüber 113 Sonoranten (28,8%). Das bedeutet, daß für Laute, bei deren Bildung die höchste bzw. mittlere Hindernisstufe überwunden werden muß, eindeutig eine Präferenz vorlag.
Diese Entwicklung wird auch für Kinder ohne Spaltbildungen beschrieben. Eine Erklärung hierfür wäre möglicherweise, daß in dieser Entwicklungsphase, welche vorrangig der Entdeckung und der primären Funktionserkundung der Artikulationsorgane dient, als universelle Strategie bevorzugt Laute mit überwiegendem Geräuschcharakter die weitere Funktionslust und Entdeckungsfreude verbun­den mit kinästhetischen Empfindungen zu mobilisieren scheinen (Abschnitt 2.3.2.1.2.1.). Das könnte auch die Präferenz in der Lautbildung an der 4.Artikulationszone erklären, da hier noch Verschluß- bzw. Engestellenbildungen möglich sind.
Außerdem wäre es denkbar, die hohe Frikativlautfrequenz eventuell als (phonologische) Tendenz bzw. Vorstufe einer Lalldrift zur Muttersprache hin zu interpretieren, da diese Lautklasse gemäß dem deutschen Phonemsystem die größte Anzahl von Lauten enthält (MEINHOLD/STOCK 1982).

Die Nasale, Approximanten und Laterale erschienen in geringeren Anteilen. Ausgehend von dem Schwierigkeitsgrad der Bildungsmechanismen wären sicherlich größere Anteile von Sonoranten zu erwarten gewesen, da bei der Bildung dieser Laute hinsichtlich der Hindernisüberwindung im Ansatz
rohr die geringsten Anforderungen erfüllt werden müssen.
Allerdings verlagert sich nach Aussagen in der Literatur (Abschnitt 2.3.2.1.2.1.) erst mit zunehmender Entwicklung und Geschicklichkeit der Artikulationsorgane die Lautbildung von hinteren zu vorderen [Seite 237↓]Artikulationszonen.
Bei Kindern mit Spaltbildungen bestehen jedoch durch die anatomischen Fehlbildungen für die Arti­kulation ab der 3.Artikulationszone (von hinten nach vorn) keine physiologischen Verhältnisse mehr. Außerdem ist in der Literatur häufig von orofacialen Dysfunktionen bereits in der oralen Dominanz­phase die Rede, die sich möglicherweise zusätzlich auf die fortschreitende Lautentwicklung zunächst hemmend auswirken können.

Die Auswertung der Laute gemäß ihrer sonorantischen Eigenschaften ergab das Verhältnis von 1,7 : 1 von 247 stimmhaften zu 146 stimmlosen Lauten.
Von den stimmhaften Lauten (62,8%) wurden 122 Laute (31,1%) an der 4. AZ, 51 Laute (12,9%) an der 3. AZ, 48 Laute (12,2%) an der 1. AZ und 26 Laute (6,6%) an der 2. AZ gebildet.
Da die Lautbildung an der 4.Artikulationszone insgesamt präferiert wurde, ist dieses Ergebnis nicht weiter erstaunlich.
Die stimmlosen Laute (37,2%) wurden fast ausschließlich an der 4.Artikulationszone realisiert. An der 1. und 3.Artikulationszone erschienen jeweils 3 Laute (0,8%) und an der 2. Artikulationszone keine stimmlosen Laute. Erklärbar wird dieses Ergebnis, wenn man die Literaturaussagen berücksichtigt, die der Lautbildung ohne Stimmbeteiligung möglicherweise einen höheren Grad an Muskelspannung und intraoralem Druck nachsagen, die für Kinder mit Spaltbildungen sicherlich schwieriger zu realisieren sind (SCHANER-WOLLES 1994, 41; POMPINO-MARSCHALL 1995, 181).
Bei der Betrachtung der Laute nach Lautklassen, die sowohl eine stimmhafte als auch stimmlose Form in der Lautbildung ermöglichen (Approximanten/Nasale/Laterale verfügen nur über eine stimmhafte, Hauchlaute nur über eine stimmlose Variante), erschienen bei den Frikativen und Plosiven jeweils ca. doppelt so viele stimmhafte Laute als stimmlose.
Es bestand somit eine Präferenz in der Lautbildung für Konsonanten mit Geräuschübergewicht (stimmhafte Frikative, stimmhafte Plosive) gegenüber echten Konsonanten bzw. reinen Geräusch­lauten (stimmlose Frikative, stimmlose Plosive). Auch diese Tatsache könnte vom Anforderungsgrad der Lautbildung abhängig sein. Auch in der Literatur zur Entwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen werden häufiger stimmhafte Laute beschrieben.

Bei der Betrachtung des gesamten Phoninventars an der 1.Artikulationszone läßt sich feststellen, daß, wenn Laute dieser Artikulationszone realisiert wurden, stets der [m]-Laut im phonetischen Inventar vorhanden war. Dieser Laut scheint somit am Anfang der basalen Lautbildung an dieser Artikulations­zone zu stehen d.h. er stellt vermutlich eine elementare Voraussetzung für die weitere Lautbildung (anderer Lautklassen) dar.
An der 2.Artikulationszone wurde in fast jedem phonetischen Inventar der [l]-Laut gefunden. Nur 2 Probanden (2,2%) realisierten ausschließlich den [n]-Laut. Denkbar wäre eine angestrebte Tendenz zur oralen gegenüber einer nasalen Lautbildung der Probanden gemäß der deutschen Muttersprache (im deutschen Lautsystem stehen wesentlich mehr orale nur 3 nasalen Konsonanten gegenüber).
Die 3.Artikulationszone zeigte eine ähnliche Tendenz. In fast allen phonetischen Inventaren war der [j]-Laut enthalten. Bei nur 1 Probanden trat ausschließlich der []-Laut auf.
Bei der Differenzierung der oralen und nasalen Artikulation ist den Kindern sicherlich die von den Kieferorthopäden wenige Tage nach der Geburt eingesetzte Trinkplatte, die den harten Gaumen bedeckt, behilflich.
Die Betrachtung des Phoninventars der 4.Artikulationszone läßt folgendes erkennen: Die Reihenfolge des Auftretens der einzelnen Laute, [h] (Hauchlaute), [] (stimmhafter Frikativ), [] (stimmloser Frikativ], [] (stimmhafter Plosiv), [] (stimmloser Plosiv), [Δ] (posteriorer Nasal), folgte (bei Auslassen des Hauchlautes) dem Schwierigkeitsgrad des Überwindungsmodus`. Das heißt, daß Laute, bei deren Realisierung eine höhere Hindernisstufe überwunden werden mußte, seltener auftraten.
Die stimmlose Form (bei Plosiven und Frikativen) erschien dabei gegenüber der entsprechenden stimmhaften Variante stets mit geringerer Auftretensfrequenz.
Außerdem zeigte sich bei der Analyse aller enthaltener Laute des kompletten Phoninventars, daß bei [Seite 238↓]allen Probanden, bei denen eine Plosivvariante erschien, auch eine Frikativvariante enthalten war.
Bei der Bildung von Frikativen mußte bei der überwiegenden Mehrheit der Probanden eine stimm­hafte Variante vorhanden sein, wenn eine stimmlose realisiert wurde.
Ähnlich verhielt es sich bei den Plosiven. Auch bei dieser Lautproduktion verfügte der überwiegende Teil der Probanden über eine stimmhafte Form, wenn eine stimmlose produziert wurde.
An der 4.Artikulationszone könnte als Interpretationsmöglichkeit dieses Bestandes postuliert werden, daß bei der Lautbildung der Schwierigkeitsgrad des Bildungsmechanismus' im Vordergrund steht. Anders gesagt, je schwieriger der Artikuklationsmodus von Lauten (z.B. Hindernisüberwindung, Sonorität) erscheint, desto geringer ist die Auftretensfrequenz, desto seltener werden diese gebildet.

Bei der Untersuchung der Lautbildungen auf charakteristische Tendenzen in der Symptomatik der unterschiedlichen Sprachtypen wurden 6 Probanden (6,6%) ermittelt, welche lediglich die Laute [h], [Δ] oder gar keine Laute der 4.Artikulationszone in ihrem phonetischen Inventar enthielten (RG 0). Bei 44 Probanden (48,3%) wurden die Laute [] bzw.[] im Phoninventar registriert (RG 1). Das Auftreten der Laute [] bzw. [] zeigte sich im Phoninventar von 41 Probanden (45,1%) (RG 2).
Aber immerhin 50 Probanden (54,9%) realisierten weder stimmhafte noch stimmlose Plosive in ihrem Phoninventar.
Der Grundgedanke, der dieser Einteilung zugrunde liegt, ist der, daß mit zunehmendem Auftreten von Lauten, deren Bildung mit steigendem Schwierigkeitsgrad in der Überwindung von Hindernisstufen einher geht, auch das Risiko steigt, in der Lautentwicklung eine Tendenz zur Symptomatik des überspannten Sprachtyps zu entwickeln.
Die Zahlen der Risikogruppen 1 und 2 erschienen recht hoch. Da pharyngeale bzw. laryngeale Lautbildungen in dieser Entwicklungsphase allerdings altersentsprechend und normgerecht auftreten, läßt sich diese Einteilung scheinbar auf die 1.Lallphase nur bedingt anwenden. Trotz alledem wird dies aber aus zweierlei Gründen getan:
Zum einen ist in diesem Zeitraum noch keine eindeutige Unterscheidung zwischen physiologischen (und auch willkürlichen) und pathologischen (unwillkürlichen und durch die Gaumenspalte beding­ten) Lautproduktionen möglich. Eine bereits in dieser frühen Entwicklungsphase einsetzende und für Kinder mit Spaltbildungen typische Artikulationsverlagerung wäre durchaus denkbar und kann zumindest nicht ausgeschlossen werden. Die Einteilung der Risikogruppen (0, 1 und 2), die sich ausschließlich am Phoninventar orientiert, sollte gemessen an den Lauten in erster Linie als deskripti­ver Art verstanden werden und erst in zweiter Linie als mögliche Tendenz. Sie sollte nicht als definitive und rigide Zuordnung betrachtet werden.
Setzt man dieses Verständnis der Einteilung nun zum anderen voraus, können vorliegende Daten aus der 1.Lallphase der Auswertung der Längsschnittstudie (1.Lallphase→ 2.Lallphase → Sprechbeginn) zugrunde gelegt werden, um (wenn es diese gibt) mögliche Lautentwicklungstendenzen bei Kindern mit Spaltbildungen eventuell deutlicher zu machen.


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4.1.1.2  2.Lallphase

Bei der Auswertung der Daten bezüglich des temporalen Verlaufs zeigte sich, daß für den größten Probandenanteil von 28 Kindern (28,0%) im Alter von 0;6 Jahren (6 Monate) der Zeitpunkt des Beginns der 2.Lallphase lag.
In dem als normgerecht definierten Zeitraum von 0;4 – 0;8 Jahren (4.-8. Monate) begannen 75 Probanden (75,0%) mit den für diese Entwicklungsphase typischen Lautproduktionen.
Der Beginn der 2.Lallphase lag für ¾ der Probanden somit im Normbereich (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.). Das heißt, der überwiegende Teil der Kinder zeigte einen altersentsprechenden temporalen Verlauf und keine zeitlichen Verzögerungen.

Die Ergebnisse der Datenauswertung zum strukturellen Verlauf machten folgendes deutlich:

Bei der Lautproduktion wurden sämtliche Artikulationszonen genutzt. Die separate Betrachtung der einzelnen Artikulationszonen ergab in der Häufigkeitsreihenfolge des Auftretens eine Präferenz für die Benutzung der 1.Artikulationszone (99,0%), dicht gefolgt von der 4.Artikulationszone (90,0%). An dritter Stelle stand der Gebrauch der 2.Artikulationszone (78,0%). Am seltensten wurde die 3.Artikulationszone (51,0%) genutzt.
Es ergab sich somit eine Auftretenshäufigkeit der Artikulationszonen von labial > pharyngeal-laryngeal > alveolar > palatal.
Die Betrachtung des Gebrauchs von Artikulationszonen insgesamt auf die 100 Probanden bezogen zeigte am häufigsten die gleichzeitige Verwendung aller, der 1./2./3./4., Artikulationszonen von 39,0% und der 1./2. und 4.Artikulationszone von 31,0% der Probanden. Ebenfalls etwas häufiger kam der Gebrauch der 1./4.Artikulationszone von 11,0% und der 1./3./4.Artikulationszone von 9,0% vor. Alle anderen Realisierungsvarianten kamen seltener vor.
Die Lautentwicklung schreitet nun von im Mundraum hinten gebildeten (Glottale, Velare in der 1.Lallphase) zu vorderen Lauten. Es erfolgt eine zunehmende Beteiligung des oberen Ansatzrohres. Nach Literaturaussagen findet sich in dieser Entwicklungsphase im Auftreten der Laute hinsichtlich des Artikulationsortes oft die Häufigkeitsreihenfolge alveolar > labial > velar (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.).
Insgesamt läßt sich auch bei Kindern mit Spaltbildungen ein Fortschreiten zu Lauten vorderer Artiku­lationszonen als universelle Strategie erkennen. Allerdings entspricht die Reihenfolge der Probanden­zahlen hinsichtlich des Gebrauchs der Artikulationszonen nicht den Literaturaussagen. Hier treten Abweichungen vom systematischen Entwicklungsverlauf altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auf.
Die Dominanz des Gebrauchs der 1.Artikulationszone läßt sich möglicherweise durch die zur auditi­ven Kontrolle außerdem hinzutretende visuelle Stimulation erklären (an anderen AZ nur eingeschränkt möglich), und eine dadurch eventuell zusätzlich motivierte Lautimitation. Wenn man bedenkt, daß der auditive Analysator durch häufige Beeinträchtigungen des Hörvermögens in seiner Funktion schon in dieser frühen Entwicklungsphase erheblich eingeschränkt sein kann (Abschnitt 2.4.1.3.), könnte der visuelle Analysator demgegenüber einen gewichtigeren Stellenwert haben und vorrangig zu Lautpro­duktionen an der Artikulationszone animieren, welche das größte Maß an visueller Wahrnehmung von Artikulationsbewegungen und visueller Kontrolle ermöglicht (Abschnitt 2.3.1.2.).
Das relativ häufige Verwenden der 4.Artikulationszone ist für Kinder ohne Spaltbildungen untypisch, für Kinder mit Spaltbildungen jedoch typisch. Bedingt durch die Gaumenspalte und die dadurch be­wirkte nasale Luftflucht verlagern die Kindern ihre Artikulation beim bewußten Versuch der korrekten Lautnachahmung in den pharyngeal-laryngealen Bereich, in welchem Enge- und Verschlußbildungen möglich sind (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.3.). Erstaunlich bzw. bedenklich ist die hohe Frequenz im relati­ven Gebrauch der Artikulationszone, erst recht, wenn man Literaturaussagen über die „physiologische Trägheit“ des labialen und gutturalen gegenüber dem dental-alveolaren Bereichs berücksichtigt (MEINHOLD/STOCK 1982, 147).
Die 2. und 3.Artikulationszone sind von der anatomischen Anomalie am stärksten betroffen. Daher könnte dieser Bereich für die Lautbildung von den Probanden am seltensten genutzt worden sein.


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Die Gesamtlautzahl betrug 582 Laute (100%). Von diesen wurde der größte Teil von 237 Lauten (40,7%) an der 4.AZ gebildet. Die übrigen Lautanteile (59,3%) folgten in der Auftretenhäufigkeit den physiologischen Artikulationszonen mit der anatomischen Wanderung von vorn nach hinten: An der 1.AZ wurden 150 Laute (25,8%), an der 2.AZ 120 Laute (20,6%) und an der 3.AZ schließlich 75 Laute (12,9%) realisiert.
Die Präferenz in der Benutzung der 1.und 4.Artikulationszone spiegelt sich somit auch quantitativ hinsichtlich der Lautanzahl in diesen Gebieten wider. Die 4.Artikulationszone rangiert dabei eindeutig im Lautumfang vor der 1.Artikulationszone.
An den jeweiligen Artikulationszonen entstanden keine neuen Lautbildungen als in der 1.Lallphase auch.
Insgesamt gesehen zeigte sich ein altersuntypisch begrenztes phonetisches Inventar an allen 3 Hauptartikulationszonen. Es wurden zwar alle Artikulationszonen für die Lautbildung genutzt, jedoch nur für eine geringe Anzahl von unterschiedlichen Lauten. Je weiter die Lautentwicklung hinsichtlich der Realisierungen von hinteren zu vorderen Artikulationszonen fortschreitet, desto stärker wirkt sich die Gaumenspalte auf die Lautbildungen aus.
An der 4.Artikulationszone erschien dagegen ein altersuntypisch, für Kinder mit Spaltbildungen jedoch typisch erweitertes phonetisches Inventar.
In dieser Phase kann bereits, da eindeutige Unterschiede in der Lautentwicklung vorliegender Probandengruppe von der altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen bestehen, von einer spezifischen Lautauslassung bzw. -präferenz ausgegangen werden.

Die Betrachtung der Laute nach Lautklassen ergab, daß insgesamt 320 Sonoranten (54,9%) überwie­gend an den ersten 3 Artikulationszonen einem etwas geringeren Lautanteil von 262 Obstruenten (45,1%) überwiegend an der 4.Artikulationszone gegenüberstanden. Die Lautanteile stehen in einem Verhältnis von 1,2 : 1 zueinander.
In dieser Phase läßt sich somit eine Dominanz für Laute mit überwiegendem Klangcharakter feststel­len. Da nach TRUBETZKOY (1989) bei der Bildung dieser Laute die geringste Hindernisstufe über­wunden werden muß, wird sich dieser Bildungsmechanismus in der Lautrealisierung bei Kindern mit Spaltbildungen am einfachsten und unkompliziertesten darstellen.
Am häufigsten erschienen die Nasale, Frikative, Approximanten, gefolgt von Lateralen, Hauchlauten und Plosiven.
Nasale und Approximanten sind Sonoranten. Die Bildung von Lateralen als Sonoranten wäre durchaus häufiger zu erwarten gewesen. Allerdings entspricht dieses Ergebnis den Literaturaussagen. Hauchlaute sind die einzigen physiologischen laryngealen Laute, deren Auftreten daher auch nicht ungewöhnlich ist.
Plosive wären normalerweise in weit höherem Maß zu erwarten gewesen. Da sie hier aber (wie auch die Frikative) fast ausschließlich an der 4.Artikulationszone realisiert wurden, ist ihr generelles Auftre­ten als bedenklich zu werten. Sie deutet bereits in dieser Entwicklungsphase auf eine Artikulationsver­lagerung nach zentripetal hin. Das dabei Frikative häufiger als Plosive produziert wurden, könnte auf die spannungsärmere Überwindung der mittleren Überwindungsstufe zurückgeführt werden.
In der Literatur (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.) werden als Lautklassen mit den häufigsten Auftretensraten in dieser Phase die Plosive und Nasale genannt. Frikative und Approximanten traten in den Untersuchun­gen mal häufiger mal seltener auf. Die geringsten Auftretenshäufigkeiten zeigten allerdings fast durch­gängig die Laterale und Vibranten.
In der Probandengruppe lag mit der Favorisierung der Sonoranten eine eindeutige Abweichung in der Lautklassenbevorzugung im Vergleich zu Forschungsergebnissen bei altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen vor. Die Erklärung liegt offensichtlich in der intraoralen Fehlbildung: Manipulationen des Phonationsstromes bei den Obstruentenlautbildungen im intraoralen Bereich sind nur begrenzt und in äußerst geringem Ausmaß möglich. Konfigurationsänderungen des Ansatzrohres und damit Varia­tionen der Klangstruktur fallen phonetisch-anatomisch dagegen wesentlich leichter.


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Genau diese Tatsache spiegelt sich auch bei der Auswertung der Laute gemäß ihrer sonorantischen Eigenschaften wider. Dabei ergab sich ein Verhältnis von 2,7 : 1 von 426 stimmhaften (73,2%) zu 156 stimmlosen Lauten (26,8%).
Von den stimmhaften Lauten wurden 145 Laute (24,9%) an der 1.AZ, 117 Laute (20,1%) an der 2.AZ, 91 Laute (15,6%) an der 4.AZ und 73 Laute (12,6%) an der 3.AZ gebildet. Der überwiegende Teil der stimmhaften Laute (57,6%) wurde an den ersten 3 Hauptartikulationszonen realisiert.
Die stimmlosen Laute traten fast ausschließlich an der 4.Artikulationszone auf.
Bei der Differenzierung nach Lautklassen zeigte sich bei den Plosiven eine fast doppelt so hohe Anzahl stimmhafter (46) wie stimmloser (24) Laute. Bei den Frikativen wurde eine gleiche Anzahl stimmhafter (60) wie stimmloser (60) Laute realisiert. Beobachtete Laute übriger Lautklassen traten jeweils physiologischerweise ausschließlich in einer stimmhaften bzw. stimmlosen Form auf.
Insgesamt ist eine Bevorzugung der Laute feststellbar, die gemäß ihrer Stimmhaftigkeit für ihre Bil­dung einen geringeren Grad an Muskelspannung und intraoralem Druck erfordern und phonetisch für Kinder mit Spaltbildungen damit leichter zu produzieren sind. Läßt man den Hauchlaut [h], dem ohnehin durch spezifische Bildungsprinzipien eine Sonderstellung eingeräumt wird (SCHANER-WOLLES 1994; POMPINO-MARSCHALL 1995), unberücksichtigt, so ergibt sich in der folgenden Reihenfolge eine Präferenz für Konsonanten mit Klangübergewicht (Nasale, Approximanten, Latera­le) und für Konsonanten mit Geräuschübergewicht (stimmhafte Frikative und Plosive). Sog. echte Konsonanten (WIRTH 1990) bzw. reine Geräuschlaute (stimmlose Frikative und Plosive) sind zahlen- und anteilmäßig mit der geringsten Auftretenshäufigkeit erschienen.
Auch in der Literatur zur Sprachentwicklung von altersgleichen Kindern (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.) wird häufig ein dominantes Auftreten von stimmhaften gegenüber stimmlosen Lauten beschrieben. Dies scheint ebenfalls eine gemeinsame (bei Kindern mit Spaltbildungen offensichtlich jedoch stärker ausgeprägte) Entwicklungstendenz zu sein.

Das Phoninventar an den einzelnen Artikulationszonen wies ähnliche Zusammensetzungen wie in der 1.Lallphase auf:
Die hohe Auftretensfrequenz des [m]-Lautes an der 1.AZ entspricht weitestgehend den Literaturaussa­gen zur Entwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen.
Die hohe Auftretensrate der Laute [l] an der 2.AZ und [j] an der 3.AZ könnte weiterhin (wie in der 1.LP auch) für eine Lalldrift zur Muttersprache hin bezüglich der Orallaute sprechen.
Nach der Auftretensreihenfolge der Laute an der 4.AZ erschienen [h], [], [], [] und [] sowie [Δ]. Bei den Probanden, bei denen eine Plosivvariante auftrat, war bei der überwiegenden Mehrheit der Probanden auch eine Frikativvariante im Phoninventar vorhanden. Allerdings gab es eine, wenn auch nur geringe, Anzahl von Probanden, die Plosivlaute ohne Vorkommen von Frikativen produzierte.
Von den Probanden, welche Frikativlaute realisierten, bildete der größte Anteil beide Varianten [, ], der nächstgrößte Anteil nur die stimmlose Form [] und der geringste Anteil ausschließlich die stimmhafte Form []. Es verfügten fast ¼ der Probanden über die stimmlose Variante ohne stimm­hafte Ergänzung.
Bei der Realisierung von Plosiven zeigte der größte Anteil dieser Kinder die stimmhafte bzw. die stimmlose/stimmhafte Form gleichzeitig und der geringere Anteil ausschließlich die mit größerer Spannung einhergehende Bildung des stimmlosen Typs.
Die Lautbildung scheint vorrangig noch immer vom geringeren Schwierigkeitsgrad des Bildungs­mechanismus’ abhängig zu sein (danach richtet sich die Häufigkeitsreihenfolge der Laute nach Lautklassen), aber die einzelnen (auch sonorantischen) Varianten nähern sich zahlenmäßig einander an.

Die Untersuchungen der Lautbildungen auf charakteristische Tendenzen in der Symptomatik der jeweiligen Sprachtypen ergab folgendes:
Der geringste Probandenanteil (22,0%) zeigte einen unauffälligen, nicht abweichenden Entwick­lungsverlauf bzw. möglicherweise eher Tendenzen in der Symptomatik des unterspannten Sprachtyps [Seite 242↓](RG 0).
Mögliche Gefährdungen in der Lautentwicklung, eine Tendenz in der Symptomatik dem überspannten Sprachtyp entsprechend zu entwickeln, könnten bei den übrigen Probanden vorliegen. Bei 30,0% der Probanden wurde das Risiko durch die Frikativrealisierungen mittleren Grades eingeschätzt (RG 1). Der größte Probandenanteil (46,0%) könnte allerdings, und das wäre bedenklich und müßte beobachtet werden, durch Plosivlautproduktionen (höchste Hindernisstufe) die größte Gefährdung aufweisen, eine Symptomatik des überspannten Sprachtyps zu entwickeln (RG 2). Eine äußerst hohe Gefährdung und damit große Wahrscheinlichkeit eine o.b. entsprechende Symptomatik zu entwickeln, besteht dabei bei 7 Probanden (7,0%), welche stimmlose Plosive ohne stimmhafte Ergänzungen produzierten. Sie favorisierten damit die spannungsreichere Lautvariante.

Diese prälinguistische Entwicklungsphase weist resümierend bei Kindern mit Spaltbildungen erheb­liche Unterschiede im strukturellen Verlauf zu altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen auf.
Die Kinder versuchen den universellen Lautentwicklungstendenzen, die bei altersgleichen Kindern zu beobachten sind (z.B. Lautvorverlagerung an vordere AZ, Präferenz von Orallauten, Dominanz von stimmhaften Lauten), zu folgen. In der Regel gelingt ihnen das nur in der beschriebenen Charakteri­stik, die phonetisch plausibel erscheint.


[Seite 243↓]

4.1.1.3  Sprechbeginn

Die Auswertung der Ergebnisse hinsichtlich des temporalen Verlaufs ergaben, daß der Zeitpunkt des Beginns der linguistischen Phase für den größten Probandenanteil von 23 Kindern (23,0%) im Alter von 1;0 Jahren (12 Monate) lag.
Der Toleranzbereich für den als normgerecht definierten Zeitpunkt des Beginns der linguistischen Phase wurde für den Zeitraum von 0;10 – 1;2 Jahren (10-14 Monate) festgelegt. In dieser Zeit trat bei 77 Probanden (77,0%) das erste intentional gebrauchte Wort auf. Außer diesen gab es noch 4 Probanden (4,0%), die die Phase des Sprechbeginns im Alter von 0;9 Jahren und damit vorzeitig begannen. Dieser Umstand ist überraschend, da die Kinder im allgemeinen über äußerst ungünstige Bedingungen für das Sprechenlernen verfügen, aber scheinbar dennoch möglich.
Der größte Anteil (über ¾) der Probanden (81,0%) begann somit im bzw. vor dem altersentsprech­enden zeitlichen Normbereich die linguistische Phase und nicht, wie häufig in der Literatur (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.) beschrieben, verzögert.
Ob der Anteil von 15 Probanden (15,0%), die im Alter von 1;3 – 1;6 Jahren (15-18 Monate) mit der Produktion von ersten Wörtern begannen, als Population mit verspätetem Sprechbeginn eingestuft werden könnte oder müßte, kann unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits, ausgehend von der engen Begrenzung des Toleranzbereiches, der dieser Auswertung zugrunde gelegt wurde, müßte diese Frage bejaht werden. Andererseits gibt es auch in der Population von Kindern ohne Spaltbildungen einen Prozentsatz von Kindern, die ebenfalls erst zu einem späteren Zeitpunkt erste Wörter äußern. Außerdem muß bedacht werden, daß Kinder mit Spaltbildungen in ihren phonetischen Möglichkeiten äußerst begrenzt sind. Diese Tatsache findet ihre Entsprechung in der Beschränkung phonologischer Merkmalsrealisierungen, die wiederum zu einer erheblichen Einschränkung der Sprechverständlich­keit führen kann. So ist es durchaus denkbar, daß erste Wortäußerungen der Kinder nicht als diese wahrgenommen und erkannt werden, und der Zeitpunkt des Sprechbeginns erst später konstatiert wird.
Allerdings bleibt ein wenn auch nur geringer Anteil von 4 Probanden (4,0%), welche ihre Wortpro­duktionen erst in einem Alter nach 1;6 Jahren (18 Monaten) aufnahmen und eindeutig als sprachent­wicklungsverzögert gelten müssen. Die Frage hier ist jedoch, ob die Sprachentwicklungsverzögerung kausal mit der Spaltbildung im Zusammenhang steht, oder ob noch weitere Faktoren (wie unterschied­liches Sprachangebot, konstitutionelle Sprachschwäche, Einschränkungen des Hörvermögens u.a.m.) für diese (mit)verantwortlich sein können. Da dieser Prozentsatz jedoch recht gering ausgefallen ist, interessiert diese Fragestellung nur peripher.

Die Auswertung der Daten bezüglich des strukturellen Verlaufs ließ folgendes erkennen:

Der aktive Wortschatz erwies sich bei 94 Probanden (94,0%) mit einem Umfang von 1-30 Wörtern als eingeschränkt, wenn man der Auswertung Literaturaussagen zugrunde legt, die bis zum Alter von 1;6 Jahren einen Umfang von ca. 30-50 Wörtern konstatieren. Bei 70 Probanden (70,0%) bestand der Wortschatz sogar nur aus 1-10 Wörtern und muß damit als erheblich eingeschränkt gelten.
Nur 2 Probanden (2,0%) verfügten über einen Wortschatz von über 30 Wörtern und lagen somit im altersentsprechenden Normbereich.
Eine Erklärung hierfür wäre möglicherweise, daß durch die anatomisch-phonetischen Einschränkun­gen häufig für unterschiedliche Zielwörter Homonyme gebildet werden, die nicht als mehrere Wörter differenziert wahrgenommen werden können, bzw. die Klangprodukte der Nachahmungsversuche dermaßen entstellt sind (z.B. nur ein Vokal), daß diese nicht als eigenständige, intentional gebrauchte Wörter erkannt werden (VIHMAN u.a. 1985).
Hinsichtlich der Wortstruktur dominierten eindeutig zweisilbige Wörter (67,6%) mit vorrangiger Betonung der initialen Silbe, gefolgt von einsilbigen Wörtern (31,1%).
Bezüglich der Silbenstruktur erschienen am häufigsten die Formen KVKV (36,4%), VKV (23,8%), KV (15,6%) und KVK (8,3%). Die Silbenstrukturen KV und KVKV bildeten zusammen den größten Anteil von 52,0%.
Diese Ergebnisse entsprechen im allgemeinen den Sprachentwicklungstendenzen altersgleicher Kinder (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.). Die Dominanz bestimmter Wort- und Silbenstrukturen in den ersten Wörtern scheint universellen Entwicklungsstrategien unterworfen zu sein und läßt auf intakte mentale Voraus­[Seite 244↓]setzungen und die selben Grundfähigkeiten zum Spracherwerb bei Kindern mit Spaltbildungen schließen.

Die Lautproduktion erfolgte an allen 4 Artikulationszonen . Hinsichtlich der Auftretenshäufigkeit ergab sich bei der separaten Betrachtung im Gebrauch der einzelnen Artikulationszonen die Reihen­folge labial > pharyngeal-laryngeal > alveolar-dental > palatal.
Bei der Betrachtung des Gebrauchs der Artikulationszonen insgesamt auf die 100 Probanden bezogen, zeigten die größten Probandenanteile den gleichzeitigen Gebrauch der 1./2./3./4. Artikulationszone (33,3%) und der 1./2./4.Artikulationszone (32,3%). Beim nächstgrößten Probandenanteil von 16,7% erschienen Lautrealisierungen an der 1./4.Artikulationszone. Andere Varianten traten mit erheblich geringerer Probandenbeteiligung auf.
Nach Literaturaussagen (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) dominieren in der Phase des Sprechbeginns die vorderen (labialen, alveolar-dentalen) Konsonanten. HACKER (1992) spricht sogar davon, daß die hinteren Konsonanten nur vereinzelt auftreten.
Außer dem doch sehr häufigen Gebrauch der 4.Artikulationszone für die Lautproduktionen erscheint die Auftretensreihenfolge der 1. > 2. > 3.Artikulationszone in vorliegender Probandengruppe entspre­chend den alterstypischen Erwartungen. Die hohe Probandenanzahl von 88,5% jedoch, welche für ihre Lautrealisierungen die 4.Artikulationszone benutzte, ist als zu hoch in Bezug auf die Lautentwick­lungstendenzen zu werten.
Genau wie in der 2.Lallphase traten hier Abweichungen vom systematischen Entwicklungsverlauf altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auf.

Die Gesamtlautzahl belief sich in dieser Phase auf 473 Laute (100%). Genau wie in der 2.Lallphase wurde der größte Anteil von 179 Lauten (37,8%) an der 4.AZ realisiert. Die übrigen 294 Laute (62,2%) nahmen anteilmäßig mit Zunahme der Artikulationszonen-Numerierung ab: An der 1.AZ wurden 136 Laute (28,8%), an der 2.AZ 99 Laute (20,9%) und an der 3.AZ 59 Laute (12,5%) gebildet.
Auch hier bestand somit quantitativ eine Präferenz für die Lautrealisierungen an der 4.Artikulations­zone.
Literaturaussagen (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) hinsichtlich bevorzugter Artikulationsorte bei der Lautpro­duktion benennen nicht nur die vorderen Artikulationszonen als präferierte Gebiete, sondern beschrei­ben mitunter auch die Tendenz der Bevorzugung labialer vor alveolar-dentaler Laute. Neben der größeren visuellen Kontrolle labialer Lautrealisierungen begründet MAC NEILAGE (1997) ihre Prädominanz mit der Belastung, die durch die gleichzeitige Encodierung lexikalischer und phoneti­scher Elemente entsteht.
Diesen Angaben entsprechen, mit Ausnahme der hohen Anzahl von Lautrealisierungen an der 4.Arti­kulationszone, auch vorliegende Untersuchungsergebnisse, die aufgrund dessen als normgerecht bzw. auch als Folgen einer universellen Strategie gewertet werden können.
Die Lautrealisierungen stimmten im wesentlichen mit jenen aus der 1.Lallphase überein. Dementspre­chend trat wie in der vorangegangenen Phase auch an den ersten 3 Hauptartikulationszonen ein alters­untypisch, äußerst eingeschränktes Lautinventar, an der 4.Artikulationszone dagegen ein vom deut­schen Lautsystem abweichend erweitertes Phoninventar auf. Auch hier kann deutlich eine spezifische Lautauslassung bzw. –präferenz für Kinder mit im Vergleich zu Kindern ohne Spaltbildungen festgestellt werden, die offensichtlich phonetisch plausibel ist.

Die Auswertung der Laute nach Lautklassen insgesamt an allen Artikulationszonen zeigte, daß ausgehend von der Gesamtlautzahl 288 Sonoranten (60,9%) hauptsächlich an den ersten 3 Hauptarti­kulationszonen und 185 Obstruenten (39,1%) fast ausschließlich an der 4.Artikulationszone produziert wurden. Es bestand ein relatives Verhältnis von 1,6 : 1 der Lautanteile zueinander.
Nach den einzelnen Lautklassen differenziert betrachtet traten am häufigsten Laute der Lautklasse Nasale mit einem Anteil von 32,6% (ca. 1/3 aller Laute), Hauchlaute (15,4%) und Approximanten (14,8%) sowie der Laterale (13,5%) auf.
[Seite 245↓]Dadurch wird in dieser Phase insgesamt vorrangig eine Tendenz zur nasalen Lautbildung deutlich erkennbar. Einerseits erhöht sich der Lautanteil der Nasale in dieser Phase physiologischerweise bei altersgleichen Kindern auch (willkürlicher Art).
Andererseits könnte mit dem bewußten Versuch einer korrekten Lautimitation durch das verstärkte Bemühen bei der Artikulation der Phonationsstrom auch vermehrt über den Nasenraum entweichen, weil dieser (sind im intraoralen Bereich Hindernisse vorhanden) sich den Weg des geringsten Widerstandes wählt und sich verflüchtigt (unwillkürlicher Art).
Bei den Obstruentenlautbildungen erschienen am häufigsten die physiologischen Hauchlaute.
Plosive (13,3%) kamen 1,3x häufiger als die der Frikative vor. Da bei der Lautbildung der erstgenann­ten Lautklasse nach TRUBETZKOY (1989) die höchste Hindernisstufe überwunden werden muß, erscheint diese Relation aus phonetischer Sicht äußerst bedenklich.
Frikative (10,6%), bei deren Lautbildung „nur“ die mittlere Hindernisstufe überwunden werden muß, traten mit dem geringsten Lautanteil am seltensten auf. Sie wären aber sicherlich zumindest häufiger als die Plosivlautbildungen zu erwarten gewesen, da ihre Bildung aus phonetischer Perspektive bei Kindern mit Spaltbildungen einfacher erscheint.
In der Literatur (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) werden des öfteren Laute, die in dieser Phase am häufigsten beobachtet werden, der Lautklassen Plosive und Nasale sowie Laute, die seltener erscheinen, der Lautklassen Frikative und Laterale erwähnt. Hauchlaute und Approximanten wurden in unterschied­licher Auftretenshäufigkeit (mal mehr mal weniger) beschrieben.
Die Lautanteile von Nasalen, Hauchlauten und Approximanten in vorliegender Probandengruppe entsprechen demnach relativ den Literaturangaben in dieser Entwicklungsphase. Allerdings fehlt ein hoher Plosivanteil.
Laute der Lautklassen Plosive und Frikative, altersentsprechend vorrangig an vorderen Artikulations­zonen zu erwarten gewesen, entstehen bei Kindern mit Spaltbildungen fast ausschließlich durch pharyngeal-laryngeale Fehlspannungen und sprechen für eine frühzeitige Artikulationsverlagerung nach zentripetal. Es bestehen eindeutige Abweichungen vom altersentsprechenden Entwicklungsver­lauf. Auch hier müssen anatomisch-phonetische Unzulänglichkeiten als Erklärung für spezifische Lautauslassungen bzw. –selektionen und –präferenzen nach Lautklassen differenziert verantwort­lich gemacht werden.

Bei der Betrachtung der Laute gemäß ihrer sonorantischen Eigenschaften zeigte sich ein Verhältnis von 2,4 : 1 von 335 stimmhaften (70,8%) zu 138 stimmlosen Lauten (29,2%).
Die stimmhaften Laute wurden an allen 4 Artikulationszonen gefunden. Dabei nahm die Lautanzahl mit fortschreitender Wanderung der Artikulationsgebiete nach pharyngeal-laryngeal ab.
Die stimmlosen Laute erschienen fast ausschließlich an der 4.Artikulationszone.
Bei der differenzierte Betrachtung nach Lautklassen (Plosive/Frikative) überwog jeweils zahlenmäßig die stimmlose Variante.
In der Literatur (Abschnitt 2.3.2.1.3.3.) wird häufiger eine höhere Auftretensfrequenz stimmhafter gegenüber stimmloser Laute erwähnt.
Die hohe Anzahl stimmhafter Laute erklärt sich in vorliegender Probandengruppe durch die allgemei­ne Tendenz in der Lautbildung vorrangig in dieser Entwicklungsphase vordere Artikulationszonen für die Artikulation zu verwenden. Dieser universellen Strategie in der Ontogenese folgen offensichtlich auch Kinder mit Spaltbildungen in ihrer Sprachentwicklung (s.o.). Da jedoch die Obstruentenlautbil­dungen in diesen Bereichen bedingt durch die Gaumenspalte so gut wie unmöglich erscheinen, entste­hen dort fast ausschließlich Laute mit überwiegendem Klangcharakter, in dem Bemühen ein mög­lichst kontrastreiches oppositionelles phonologisches System zu schaffen. Behilflich dabei sollen auch die Plosive und Frikative sein, deren Bildung phonetisch meist nur an der 4.Artikulationszone möglich ist. Daß die stimmlosen Varianten dabei präferiert werden, weist auf eine erhöhte Tension und einen stärkeren intraoralen Druckaufbau bei der Lautbildung hin.
So erschienen in der Auftretensreihenfolge am häufigsten Laute mit Klangübergewicht (Sonoranten) gefolgt von den echten/reinen Geräuschlauten (stimmlose Obstruenten) und am seltensten die Laute mit Geräuschübergewicht (stimmhafte Obstruenten).


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Das Phoninventar an den einzelnen Artikulationzonen unterschied sich im wesentlichen nicht von dem, welches in der 2.Lallphase erhoben wurde:
Auch hier ließen sich mit der Dominanz der Laute [m], [l] und [j] an der 1.-3.AZ gemeinsame Tenden­zen (in allen 3 Phasen) erkennen.
An der 4.AZ verfügte das Phoninventar über die größte Anzahl von Lauten. In der Häufigkeitsreihen­folge erschienen hier [h], [], [], [], [] und [Δ].
Die Produktion von Plosiven (stimmhafte u./o. stimmlose Variante) erfolgte insgesamt bei 45 Proban­den (46,9%) und die der Frikative (stimmhafte u./o. stimmlose Variante) bei 33 Probanden (34,3%).
Von den Probanden, welche in ihrem Phoninventar über Plosive u./o. Frikative verfügten, gebrauchte der größte Probandenanteil ausschließlich eine Plosivvariante ohne gleichzeitig auch eine Frikativ­form zu realisieren. Somit lag eine Präferenz für Laute vor, deren Bildung die Überwindung der höchsten Hindernisstufe erforderte, bei Auslassen des Artikulationsmodus‘ mittlerer Hindernisstufe. Es zeigte sich damit die Bestätigung der zunehmenden Verstärkung der Artikulationsverlagerung.
Ausschließlich Frikativformen traten bei dem geringsten Probandenanteil auf, welche damit Spann­ungsverhältnisse geringsten Grades bei der zentripetalen Artikulationsverlagerungen aufwiesen.
Ähnliche Tendenzen ließen sich innerhalb der Lautklassen gemäß ihrer sonorantischen Varianten feststellen: Sowohl bei den Frikativen als auch bei den Plosiven dominierte bei der größten Proban­denanzahl der stimmlose Typ.
An zweiter Stelle in der Reihenfolge der zahlenmäßigen Auftretenshäufigkeit erschienen die Realisie­rungen stimmhafter und stimmloser Art.
Die Kinder des geringsten Probandenanteils favorisierten ausschließlich die stimmhafte Form.
Auch hier präferierten die Probanden nach phonetischen Gesichtspunkten betrachtet tendenziell eher Spannungsverhältnisse höheren Grades gemäß der vorrangigen Lautbildung stimmloser Laute bei meist gleichzeitigem Fehlen der spannungsärmeren Lautvariante gemäß der Bildung stimmhafter Laute.
Nach phonologischen Aspekten betrachtet könnte allerdings folgende Erklärung herangezogen wer­den: In der von LINDNER (in MEINHOLD/STOCK 1982) aufgestellten Häufigkeitsverteilung von Konsonantenphonemen nach Artikulationsart in der deutschen Sprache erscheinen insgesamt am häufigsten Frikative vor Plosive, nach sonorantischen Eigenschaften differenziert stimmlose Frikative vor stimmlosen Plosiven und nach der Differenzierung sonorantischer Varianten innerhalb der Laut­klassen stimmlose vor stimmhaften Frikativen sowie stimmlose vor stimmhaften Plosiven. So gesehen könnten die Ergebnisse dafür sprechen, daß die durch die Artikulationsverlagerungen entstandenen Laute in ihren relativen Häufigkeitsanteilen (gemäß Lautklassen, sonorantischer Varianten) den für die deutsche Sprache konstatierten Häufigkeitswerten tendenziell entgegenkommen.

Die Überprüfung der Lautbildung auf charakteristische Tendenzen an der 4.AZ in der Symptomatik der jeweiligen Sprachtypen ergab, daß der größte Probandenanteil zwar noch immer über Plosiv­produktionen (RG 2) verfügte, aber ein fast ebenso hoher Probandenanteil entweder keine Laute der 4.AZ oder die Laute [h], [Δ] aufwies (RG 0).
Der geringste Probandenanteil realisierte Frikative (RG 1).
Das deutliche Bemühen bei der intentionalen Lautnachahmung vorgegebener Zielwörter führte am häufigsten zu zweierlei unterschiedlichen Ergebnissen: entweder erfolgte die Imitation mit den phonetisch zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (RG 0) oder aber die in den vorangegangenen Entwicklungsphasen bereits explorierten Lautrealisierungen hinterer Artikulationszonen werden in den verstärkten Bestrebungen dem Lautvorbild akustisch gleichwertige Klangbilder zu produzieren zwangsläufig durch das häufige Entstehen und Wiederholen internalisiert (RG 2). Die Manifestierung von unerwünschten, abweichenden Sprechbewegungsmustern kann so facilitiert werden.
Allerdings ist hier lediglich von Tendenzen und nicht von eindeutigen Zuordnungen die Rede. Erst die Weiterentwicklung mit zunehmendem Alter kann die Herausbildung der Symptomatik entsprechend der Sprachtypen bestätigen.


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Auch in dieser Phase lassen sich resümierend bei grundsätzlichem Befolgen universeller Entwick­lungstendenzen (z.B. Lautvorverlagerung, Dominanz stimmhafter Laute, Präferenz von Nasalen) bei Kindern mit Spaltbildungen erhebliche Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern finden (z.B. Phoninventar).
Diese sind zum einen meist phonetisch plausibel und erreichen in den unphysiologischen Lautreali­sierungen an der 4.AZ einen stärkeren Ausprägungsgrad als in der 2.LP (Zunahme der Plosive und der stimmlosen Laute). Insgesamt scheinen sich die Kinder bereits in dieser frühen Phase (bis zum Alter von 1;6 Jahren) tendenziell in ihrer Lautentwicklungsstrategie der Charakteristik der einzelnen Sprachtypen (Risikogruppen) anzunähern. HARDING/ GRUNWELL (1996, 1998) beschrieben diese Tendenzen ebenfalls bereits präoperativ (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.4.).
Zum anderen könnten diese sich aber auch an phonologischen Kriterien orientieren und den Aufbau eines oppositionellen Systems unterstützen.


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4.1.2  Längsschnittuntersuchung

4.1.2.1 Temporaler Verlauf

Insgesamt konnten die 91 Probanden (100%) in 8 Gruppen aufgeteilt werden:

1.

Beim überwiegenden Teil der Probanden von 55 Kindern (60,4%) ließ sich ein relativ kontinuier­licher, altersentsprechender temporaler Entwicklungsverlauf feststellen. Das heißt, daß diese Kinder sowohl die 1.Lallphase, die 2.Lallphase als auch die Phase des Sprechbeginns in dem als normgerecht definierten Zeitraum mit den für die einzelnen Entwicklungsphasen typischen Lautproduktionen begannen.

Die übrigen 36 Probanden (39,6%) zeigten keinen kontinuierlichen Verlauf in der temporalen Entwicklung:

2.

7 Probanden (7,7%) wiesen ausschließlich beim Beginn der 2.Lallphase eine zeitliche Verzögerung auf, der Beginn der 1.Lallphase und der linguistischen Phase lag im altersentsprechenden Normbereich.

3.

Ausschließlich die linguistische Phase (Sprechbeginn) begann bei 7 Probanden (7,7%) verzögert. Der Zeitpunkt des Beginns der 1. und 2.Lallphase wurde in zeitlich normgerechten Toleranzbereichen konstatiert.

4.

Ein durchgehend verzögerter Verlauf trat bei 6 Probanden (6,6%) in sämtlichen Entwicklungs­phasen (1. und 2.Lallphase, Sprechbeginn) auf.

5.

Ein Anteil von 5 Probanden (5,5%) zeigte ausschließlich beim Beginn der 1.Lallphase eine Verzögerung. Die 2.Lallphase und die Phase des Sprechbeginns begannen normgerecht.

6.

Die 1. und 2.Lallphase begannen bei einem Probandenanteil von 5 Kindern (5,5%) verzögert, die Phase des Sprechbeginns erschien zeitgemäß.

7.

Bei 5 Probanden (5,5%) erschienen die 2.Lallphase undder Phase des Sprechbeginns zu einem Zeitpunkt, der als verspätet gewertet werden muß. Die 1.Lallphase trat norm- bzw. altersent­sprechend auf.

8.

Nur 1 Proband (1,1%) begann die 1.Lallphase und die Phase des Sprechbeginns verspätet, die 2.Lallphase aber zeitgemäß.

Der größte Probandenanteil wies damit einen kontinuierlich alters- bzw. normentsprechenden und somit keinen abweichenden temporalen Verlauf über den gesamten Zeitraum von 1;6 Jahren auf. Dies läßt darauf schließen, daß Kinder mit Spaltbildungen über die selben mentalen Voraussetzungen und basalen Grundfähigkeiten zum Spracherwerb verfügen wie andere Kinder auch.
Bei den übrigen Probanden traten unterschiedliche Abweichungen von dieser Kontinuität auf, welche einzelne oder mehrere Phasen gleichzeitig betreffen konnten und möglicherweise unterschiedliche Ursachen haben (z.B. Lippenverschlußoperation, Hörbeeinträchtigungen u.a.m.).


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4.1.2.2  Struktureller Verlauf

4.1.2.2.1 Verwendung von Artikulationszonen

Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus der Querschnittuntersuchung der einzelnen Phasen ergab, daß quantitativ in der 2.Lallphase die einzelnen Artikulationszonen von jeweils der größten Proban­denanzahl für die Lautbildung genutzt wurden. Die sensorische Stimulation scheint die Lautexplora­tion erheblich zu aktivieren und zu mobilisieren.

Die Auswertung der Daten aus der Längsschnittstudie ergab, daß die vorderen Artikulationszonen erwartungsgemäß zunehmend in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns für die Lautbil­dung verwendet wurden.

Die Produktion von Lauten der 1.Artikulationszone erfolgte beim größten Anteil von 60 Probanden (69,0%) in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns sowie beim nächst-größten Anteil von 25 Probanden (28,8%) in allen 3 Phasen. Das entspricht erwartungsgemäß der Lautentwicklungsten­denz altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen, bei denen die Verwendung vorderer Artikulationszo­nen mit steigendem Alter zunimmt. Es wurden keine Probanden ermittelt, die über keine Laute der 1.AZ in irgendeiner Phase verfügten.

Die 2.Artikulationszone verwendete der größte Anteil von 36 Probanden (41,4%) für die Lautreali­sierung ebenfalls in der 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns (Gruppe 6). Bei 13 Probanden (14,9%) erfolgte die Lautbildung an dieser AZ in allen 3 Phasen (Gruppe 4). Die Lautvorverlagerung begann somit beim größten Probandenanteil (56,3%) wie auch häufig bei altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen z.T. bereits in der 1.Lallphase.

Ganz andere Zahlen wurden im Hinblick auf den Gebrauch der 3.Artikulationszone ermittelt: Der absolut größte Probandenanteil von ca. 1/3 aller Kinder zeigte keinerlei Laute der 3.AZ in irgendeiner Phase (Gruppe 8). Das entspricht den Ergebnissen aus der Querschnittsuntersuchung. Diese AZ ist von der Fehlbildung am stärksten betroffen. Daher wurde sie vermutlich auch für die Lautbildung am seltensten verwendet.

Die Lautrealisierungen der 4.Artikulationszone verwendete der größte Anteil von ca. ¾ der Proban­den (77,1%) in der 1.Lallphase, der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (Gruppe 4). Da das Auftreten von Lauten hinterer Artikulationszonen in der 1.Lallphase altersentsprechend und von spezifischen Artikulationsverlagerungen kaum zu unterscheiden ist, hat es auch keinen diagnostischen Aussagewert. Eine weit größere Relevanz hat dagegen das kontinuierliche Erscheinen der 4.AZ bei der Lautbildung in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns. Es läßt sich somit folgende Tendenz feststellen: Treten in der 2.Lallphase Laute der 4.AZ auf, so erscheinen diese mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Phase des Sprechbeginns. Somit ist bereits tendenziell in frühen Entwicklungsphasen eine prognostische Aussage möglich.

Andere auffallende gemeinsame Entwicklungstendenzen waren nicht erkennbar.

Grundsätzlich läßt sich sagen, daß der größte Anteil der vorliegenden Probandengruppe in der Lautentwicklung beim Gebrauch der Artikulationszonen und hinsichtlich des phonetischen Inventars den universellen Tendenzen folgt. Treten Abweichungen bzw. Einschränkungen auf, so könnten diese durchaus phonetisch plausibel, z.T. durch externe Einflüsse erklärbar (z.B. Lippenverschlußoperation), offensichtlich mitunter auch umweltabhängig (z.B. Sprachangebot und –vorbild) und möglicherweise auch, darauf deuten die Daten hin, in eine allgemeine konstitutionelle Sprachschwäche eingebettet sein.


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4.1.2.2.2  Phoninventar

Die höchste Gesamtlautzahl in der 2.Lallphase läßt sich rein quantitativ vermutlich durch die sensorische Stimulation und die dadurch bedingte hohe Lallaktivität erklären.

An der 1.Artikulationszone erschienen am häufigsten die Laute [m] und [υ].
Beim absolut größten Anteil von 84 Probanden (96,6%) erfolgte die [m]-Lautbildung kontinuierlich in allen 3 Phasen (28,7%) bzw. in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (67,9%).
Hier ist das Ergebnis sowohl phasentypisch als auch (im Hinblick auf die Problematik) spezifisch-phonetisch erwartungsgemäß ausgefallen.

Die Längsschnittuntersuchung machte deutlich, daß die [ υ ]-Laute vom größten Probandenanteil (35,7%) in keiner der 3 Phasen gebildet wurde. Diese Lautbildung hat sich für Kinder mit Spaltbildun­gen somit als schwieriger herausgestellt, als auf den ersten Blick vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil der Phonationsstrom hier die längste intraorale Passage nehmen muß, um an den Ort der (annähernden) Engebildung zu gelangen, ohne vorher über den Nasaltrakt zu entweichen.

An der 2.Artikulationszone erfolgte am häufigsten die Bildung der Laute [l] und [n].
In der Längsschnittuntersuchung wurde der größte Probandenanteil von 26 Kindern (29,9%) in der Gruppe 6 gefunden, in der die [l]-Laute sowohl in der 2.Lallphase als auch in der Phase des Sprechbeginns produziert wurden. Weitere 10 Probanden (11,5%) realisierten diesen Laut in allen 3 Phasen. Somit verfügten immerhin 36 Probanden (41,4%) über einen kontinuierlichen Lautentwicklungsverlauf.
Das Ergebnis entspricht den phasentypischen Lautproduktionen altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen und zeigt deutlich den Zusammenhang zwischen vorsprachlicher und sprachlicher Lautentwicklung.

Auch die [n]-Laute wurden (wie die []-Laute) vom größten Probandenanteil (35,7%) in keiner der 3 Phasen gebildet. Nur 20 Probanden (23%) zeigten eine altersentsprechende Lautentwicklung, indem 1 Proband (1,1%) ihn in allen 3 Phasen bzw. 19 Probanden (21,9%) ihn in der 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns realisierten.
Da der Bildungsmechanismus der Nasallaute für Kinder mit Spaltbildungen relativ leicht zu bewältigen ist, ist das Ergebnis um so erstaunlicher. Es wären durchaus mehr Probanden zu erwarten gewesen, die [n]-Laute artikulierten. Die Probanden scheinen an dieser Artikulationszone die orale Lautbildung zu präferieren. Allerdings war eine wenn auch nur geringe so doch stetige Zunahme von Probanden zu verzeichnen, die diese Laute bis zur Phase des Sprechbeginns realisierten.

An der 3.Artikulationszone wurden am häufigsten die Laute [j], [] und [] produziert.
Obwohl der [j]-Laut charakteristischerweise als Approximant in jeder Phase und aus phonetischer Sicht wegen dem relativ einfachen Bildungsmodus recht häufig zu erwarten gewesen wäre, zeigte die Längsschnittuntersuchung, daß der größte Probandenanteil von 33 Kindern (37,9%) keine [j]-Laute bildete.
Vermutlich wirken sich die anatomischen Defizite (3.AZ besonders betroffen) nicht nur qualitativ (Phoninventar) sondern auch quantitativ (Auftretenshäufigkeit von phonetisch möglichen Lauten) auf die Lautbildung aus.
Nur 10 Probanden (11,5%) realisierten diese Laute altersentsprechend in allen 3 Phasen.

Die [ ]-Lautbildung wurdevomgrößten Probandenanteil (75,9%), wie die Längsschnittuntersuchung zeigte, nicht realisiert. Andere Entwicklungstendenzen waren nicht erkennbar. Insgesamt spiegelte sich auch in diesen Ergebnissen die Artikulationsarmut von Lauten an dieser Artikulationszone wider.


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Die [ ]-Laute wurden von der größten Probandenanzahl (80,5%) in keiner der 3 Phasen produziert. Altersentsprechend zeigten diese Kinder somit nicht nur eine sehr geringe Auftretenshäufigkeit dieser Lautbildung, sondern im Vergleich dazu auch eine Präferenz für die [l]-Lautrealisierung an der anteri­oren 2.AZ. Diese Tendenz kann als Indiz für die Bevorzugung der Laute vorderer Artikulationszonen interpretiert werden.

An der 4.Artikulationszone traten am häufigsten die Laute [h], [], [], [] und [] auf, welche (außer dem [h]-Laut) altersentsprechend und charakteristischerweise am häufigsten in der 1.Lallphase erscheinen sollten.
Die Längsschnittuntersuchung bestätigte, daß der größte Probandenanteil von 40 Kindern (46,0%) den [h]-Laut kontinuierlich über alle 3 Phasen verwendete. Dieser Anteil könnte eventuell noch höher lie­gen, wenn man die 18 Probanden der Gruppe 5 betrachtet, welche in der 1. und 2.Lallphase Hauchlau­te bildete. Da der aktive Wortschatz i.d.R. erheblich eingeschränkt war, könnte bei einem evtl. Wort­schatzzuwachs auch die [h]-Lautproduktion häufiger erscheinen.
Diese Entwicklung ist nicht nur phonetisch plausibel, sondern auch aus lautentwicklungsphysiologi­scher Sicht akzeptabel.

Das zahlenmäßig zunehmende Vorkommen der [ ]-Laute in den späteren Phasen (Querschnittunter­suchung) ist auf den 1.Blick als äußerst bedenklich zu werten, weil es auf eine verstärkte Artikula­tionsrückverlagerung hinweist (Abschnitt 4.1.2. und 4.1.3.).
Auf den 2.Blick, so geht es aus der Längsschnittstudie hervor, zeigte sich jedoch, daß 46 Probanden (Gruppe 8) überhaupt keine []-Lautproduktion und 6 Probanden (Gruppe 1) diese nur in der 1.Lall­phase aufwiesen. Somit erschien die []-Lautrealisierung von immerhin fast 2/3 der Probanden (59,8%) als nicht auffällig.
Allerdings zeichnete sich noch ein erheblicher Anteil von immerhin 16 Probanden (18,5%) von den übrigen ab, welche erst in der Phase des Sprechbeginns diese Laute bildeten (Gruppe 3). Bei 1/5 der Probanden führte die Artikulationsverlagerung vermutlich durch die bewußte Lautnachahmung in dieser Phase zur []-Lautbildung.

Das Auftreten des [ ]-Lautes ist auch hier erst ab der 2.Lallphase als bedenklich zu werten. Die abnehmende []-Lautproduktion in der Phase des Sprechbeginns (Querschnittuntersuchung) könnte zugunsten der []-Lautproduktion ausgefallen sein.
Die Längsschnittuntersuchung zeigte, daß 29 Probanden (33,4%) keine []-Laute und 12 Probanden (13,8%) diese nur in der 1.Lallphase produzierten. Damit erwies sich die []-Lautbildung bei insge­samt 47,2% aller Probanden (ca. der Hälfte) als unauffällig.

In der Längsschnittuntersuchung zeigten 16 Probanden (18,4%) keine [ ]-Laute und 14 Probanden (16,1%) ausschließlich in der 1.Lallphase. Ein Probandenanteil von insgesamt 34,5% (ca. 1/3) wies daher eine unauffällige []-Lautentwicklung auf.

Nach der Längsschnittuntersuchung erfolgte bei 29 Probanden (33,4%) die [ ]-Lautbildung aus­schließlich in der 1.Lallphase und bei 10 Probanden (11,5%) überhaupt nicht. Das ergibt einen Probandenanteil von 39 Kindern (44,9%) welche eine unauffällige []-Lautentwicklung zeigten.
Der größte Probandenanteil entfiel allerdings auf 37 Kinder (42,5%), die während der 1. und 2.Lallphase []-Laute bildeten. Diese Probanden (über 1/3) scheinen an dieser Lautbildung aus der 1.Lallphase festzuhalten.
Insgesamt scheinen die Kinder der universellen Lautentwicklungstendenz zu folgen, nach der die Laute hinterer Artikulationszonen mit zunehmenden Alter erst einmal abnehmen. Wenn auch die Probandenanzahl, die in der 2.Lallphase []-Laute bildete, noch recht hoch erscheint, so ist doch tendenziell diese Entwicklungsrichtung erkennbar.


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Andere eindeutige gemeinsame Entwicklungstendenzen waren nicht festzustellen.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß bei den Probanden über alle 3 Entwicklungsphasen hinweg die Tendenz der zunehmenden Dominanz von Lauten vorderer gegenüber hinterer Artikulationszonen (außer []) vorherrscht. Neben den Bestrebungen mit den anatomisch-phonetischen Möglichkeiten bei der Lautbildung auszukommen, entstehen bei Nichtgelingen frühzeitige Artikulationsverlagerungen.
Insgesamt, wenn man alle Lautentwicklungstendenzen betrachtet, scheinen die Kinder recht unter­schiedliche Strategien zu vefolgen. Das macht deutlich, welch komplexes Phänomen Spaltbildungen in ihren Auswirkungen darstellen. Die individuell sehr unterschiedlich geprägte Ausgangssituation der Kinder (z.B. Geschlecht, Spaltform, sozio-ökonomischer Status der Eltern, Sprachangebot und –vor­bild, orofaciale Dysfunktionen, auditive Beeinträchtigungen u.a.m.) führt vermutlich zu divergenten Entwicklungsverläufen über diesen langen entwicklungsintensiven Zeitraum von 1;6 Jahren.
Diese vielschichtige Problematik bedarf daher auch einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise, um kausale Zusammenhänge erkennen und damit eindeutigere Zuordnungen (von Symptom und Ursache) vornehmen zu können.

Die Ergebnisse zur Lautreihenfolge nach der Auftretenshäufigkeit gemäß der Probandenzahlen ([m], [h], [l] häufige Laute; [], [], [] weniger häufige Laute; [Δ] und Obstruenten der ersten 3 AZ äu­ßerst seltene Laute) scheinen phonetisch plausibel und zeigen besonders die strukturelle Verbunden­heit der 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns.

Im Verlauf der ersten 1;6 Jahre scheint sich die Lautbildung bezüglich der Charakteristika gemäß der Sprachtypen in der Querschnittuntersuchung tendenziell dichotomisch zu differenzieren: Nachdem sich die Probanden in den ersten Phasen noch relativ häufig der Risikogruppe 1 zuordnen ließen, schienen sie sich mit steigendem Alter zunehmend festzulegen, entweder in der Lautproduktion ausschließlich Laute zu verwenden, deren Bildung gemäß ihrer anatomischen Bedingungen möglich ist (Risikogruppe 0) oder das eingeschränkte Phoninventar durch starke Artikulationsverlagerungen mit pharyngeal-laryngealen Plosiven zu erweitern (Risikogruppe 2). Diese Entwicklung ließ sich auch an der Auftretenshäufigkeit der einzelnen Laute in den Phoninventaren ablesen. Die Motivation ent­stammt vermutlich dem Versuch, eigene Wortproduktionen den Zielwörtern so ähnlich wie möglich zu gestalten.
In der Längsschnittuntersuchung ließen sich keine einheitlichen Entwicklungstendenzen feststellen. Es gab keine eindeutigen Hinweise darauf, ob eine bestimmte Entwicklung in der einen Phase eine andere bestimmte Entwicklung in einer darauffolgenden Phase bedingt.
Zweierlei Interpretationen dieser Ergebnisse sind möglich: Zum einen können die Auswirkungen von Spaltbildungen auf die Sprachentwicklung sehr unterschiedlich sein und zu differenten Entwicklungs­verläufen führen. Es wäre wichtig, die Weiterentwicklung zu beobachten, da die Ergebnisse bis 1;6 Jahre so gut wie keine gemeinsamen Entwicklungstendenzen deutlich machen konnten.
Zum anderen könnte allerdings generell angezweifelt werden, ob die Daten und damit auch die Ergeb­nisauswertungen diesbezüglich aussagekräftig sind. Nicht zuletzt die Ergebnisse, die kaum Schlußfol­gerungen zulassen, tragen zu der Überlegung bei, daß sich Lautentwicklungstendenzen den jeweiligen Sprachtypen entsprechend in diesem Alter noch nicht eindeutig feststellen lassen.

Bei der Gegenüberstellung der Ergebnisse aus der Querschnittuntersuchung hinsichtlich der Lautbil­dung an der 4.Artikulationszone gemäß der Differenzierung nach Obstruenten ließen sich relativ deutliche Entwicklungstendenzen über 1;6 Jahre feststellen. Insgesamt nahm die Anzahl der Proban­den, welche an der 4.AZ Obstruenten (hier Frikative, Plosive) bildeten zwar ab, jedoch präferierte dabei der größte Probandenanteil die ausschließliche Plosivlautproduktion (ohne gleichzeitige Frika­tive). Es wurden damit, und daran läßt sich der qualitative Grad der Artikulationsverlagerungen ablesen, die Laute favorisiert, bei deren Bildung die höchste Hindernisstufe überwunden werden muß. [Seite 253↓]Demgegenüber steht der kontinuierlich steigende Anteil der Probanden, die überhaupt keine dieser Obstruenten der 4.AZ bildeten.
Hier bestätigten sich die 2 tendenziellen Lautentwicklungsstrategien, entweder das Obstruentenphon­inventar der 4.AZ weitestgehend aufzugeben oder ausschließlich die Laute des Überwindungsmodus höchster Hindernisstufe beizubehalten.
Die Ergebnisse der Längsschnittuntersuchung konnten keine einheitlichen Entwicklungsverläufe deut­lich machen. Die einzelnen Probandenanteile zeigten sehr differente Entwicklungen über 1;6 Jahre und erlauben daher keine prognostischen Aussagen.

Bei der Differenzierung der Laute nach Lautklassen gemäß ihrer sonorantischen Varianten zeigte sich bei den Frikativen dieselbe o.b. Entwicklungstendenz. Die Anzahl der Probanden in der Querschnitt­untersuchung , welche Frikative verwendete, nahm zwar über den Zeitraum von 1;6 Jahren ab, doch bei diesen dominiert zunehmend die Bildung der stimmlosen Form.
Auch hier wurden hauptsächlich die 2 Möglichkeiten der Lautentwicklungsstrategien beobachtet: ent­weder erfolgte gar keine Bildung von Frikativen an der 4.AZ oder aber, wenn doch welche auftraten, wurde vorrangig die stimmlose Form verwendet. Somit wird auch hier zunehmend die spannungsrei­chere Variante präferiert, die für eine qualitativ stärkere Artikulationsverlagerung spricht.
Die Längsschnittuntersuchung offenbarte keine weiteren Entwicklungstendenzen.

Bei der Lautklasse der Plosive ließ sich in der Querschnittuntersuchung eine ähnliche wenn auch nicht so deutliche Entwicklung feststellen: Die Probanden, die Plosive realisierten, präferierten mit zuneh­mendem Alter immer häufiger die stimmlose Form.
Andererseits gab es in jeder Phase einen Probandenanteil von ca. 50%, bei dem gar keine Plosivlaute im Phoninventar auftraten. Die 2 Lautentwicklungstendenzen lassen sich somit auch hier erkennen.
Die Längsschnittuntersuchung zeigte ebenfalls, daß der größte Anteil aus 21 Probanden (24,1%) be­stand, die weder in der 1. und 2.LP noch in der Phase des SB Plosive realisierten. Andere gemeinsame Entwicklungsverläufe konnten nicht ermittelt werden.


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4.1.2.2.3  Auftretenshäufigkeit von Lauten nach Lautklassen

Es lassen sich eindeutige Selektions- bzw. Vermeidungsstrategien , die zum einen phasenspezifischer und zum anderen phonetischer Natur sind, feststellen (Abschnitt 4.1.).

Insgesamt konnte über alle 3 Phasen die Reihenfolge Nasale > Approximanten > Laterale festgestellt werden. Die Häufigkeitsanteile anderer Lautklassen variierten dagegen von Phase zu Phase.
Die abnehmende Gesamtlautzahl in der Phase des Sprechbeginns im Vergleich zur 2.Lallphase erklärt sich hauptsächlich durch die zahlenmäßige Abnahme der Frikativlautbildungen.
Die Approximantenlautproduktion könnte sich im weiteren Entwicklungsverlauf (nach 1;6 Jahren) in der Auftretenshäufigkeit ebenso wie die der Nasale stabilisieren, so daß in diesem Alter (bis 1;6 Jahre) von einer relativen Dominanz und damit Präferenz der Nasale, Approximanten und Hauchlaute aus­gegangen werden kann.
Laterale nahmen in der Auftretenhäufigkeit eine mittlere Position ein. In der Phase des Sprechbeginns treten diese generell relativ selten auf. Aufgrund der anatomischen Bedingungen bei Kindern mit Spaltbildungen wäre aber auch eine steigende Tendenz denkbar, da diese als Sonoranten im Gegensatz zu Obstruenten leichter realisierbar sind.
Frikative und Plosive wurden zwar mit den geringsten Auftretenhäufigkeiten registriert, scheinen je­doch nicht unbedingt Vermeidungsstrategien unterworfen zu sein. Da die Bildung dieser Obstruenten fast ausschließlich an der 4.AZ erfolgte, ist die zahlenmäßige Abnahme der Auftretenshäufigkeit in jenen Lautklassen bei fortschreitender Entwicklung sicherlich auf die universelle Entwicklungsten­denz, der Verlagerung der Lautbildung an vordere Artikulationszonen, zurückzuführen.

Die Gemeinsamkeit in der Entwicklung altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen besteht in der zunehmenden Vorverlagerung der Lautbildung, der Unterschied jedoch im Verhältnis der Lautanteile vorderer und hinterer Artikulationszonen sowie in der Art der Lautbildungen.
Kinder ohne Spaltbildungen präferieren in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns hinsichtlich des Artikulationsortes vorwiegend Laute vorderer Artikulationszonen (1./2.) und bezüg­lich der Artikulationsart häufig Plosive und Nasale.
Kinder mit Spaltbildungen versuchen dieser Tendenz zu folgen. In der Regel gelingt ihnen dabei an den vorderen Artikulationszonen nur die Bildung der Sonoranten (Nasale, Approximanten, Laterale) und an der 4.AZ nur die der Hauchlaute. Um das phonetische (1./2.Lallphase) und später phonologi­sche Inventar (Phase des Sprechbeginns) zu erweitern und kontrastreicher zu gestalten, werden bei einem Teil der Probanden Lautbildungen der 4.AZ aus der 1.Lallphase beibehalten bzw. verfestigen sich durch verstärkte Bemühungen bei der Lautnachahmung zwangsläufig (Abschnitt 4.1.).

Der stets überwiegende Anteil stimmhafter gegenüber stimmloser Laute deutet ebenfalls auf das be­vorzugte Befolgen der Tendenz der Lautvorverlagerung hin, da die Laute stimmhaften Charakters bis auf die 1.Lallphase (und hier phasenspezifisch bedingt) zum größten Teil an den vorderen 3 Artikulationszonen gebildet wurden. Die Lautbildung kann in diesem Bereich meist nur durch eine Veränderung der Klangstruktur quantitativ (umfangreicher) und qualitativ (kontrastreicher) gestaltet werden, denn Hemm- und Verschlußstellenbildungen sind hier kaum möglich.
Der Anteil stimmloser Laute (fast ausschließlich an der 4.AZ realisiert), der sich in der 2.Lallphase prozentual etwas verringerte und in der Phase des Sprechbeginns wieder zunahm, spiegelt qualitativ den zunehmenden Grad der Artikulationsverlagerung wider. An dieser Tendenz ändert sich auch nichts, wenn die physiologischen Hauchlaute unberücksichtigt bleiben.


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4.2  Hypothesen

Die Ergebnisse der Untersuchung erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Widerlegbarkeit der Hypothe­sen (Abschnitt 3.1.2.).

4.3 Diskussion

Die Vergleichbarkeit von Untersuchungsergebnissen zur frühsprachlichen Entwicklung bei Kindern mit Spaltbildungen in der Fachliteratur ist durch die Verwendung unterschiedlicher Methoden, Daten­erhebungsparameter und –kriterien sowie Auswertungsstrategien der einzelnen Studien erheblich eingeschränkt.
Zudem erschwert der Einsatz differenter klinischer Konzepte (Zeitpunkte, ein- bzw. zweiphasiger Verschluß, OP-Methode) und die häufig unterschiedliche Muttersprache der Probanden die Gegen­überstellung des Sprachentwicklungsverlaufs von Kindern mit bzw. ohne (nicht/partiell/total operativ verschlossenen) Spaltbildungen (SCHEUERLE 1993; WYATT u.a. 1996).

Dennoch kann und muß klärend zu der Frage beigetragen werden, ob es gemeinsame Entwicklungs­tendenzen bei Kindern mit Spaltbildungen in der Zeit von der Geburt bis 1;6 Jahren gibt:

Hinsichtlich des temporalen Verlaufs in allen 3 Phasen traten beim größten Anteil der Probanden keine Abweichungen vom dem altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auf. Hierin unterscheiden sich vorliegende Ergebnisse eindeutig von den Aussagen, die teilweise in der Literatur gemacht wurden. Dort wurde des öfteren auf eine Sprachentwicklungsverzögerung hingewiesen, die noch vor der oder spätestens mit der Phase des Sprechbeginns deutlich werden würde (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.).

Bezüglich des strukturellen Verlaufs wurden erhebliche Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern gefunden.
In der 1.Lallphase sind allerdings typische Symptome der Gaumenspaltensprache, sollte diese bereits auftreten, noch nicht eindeutig erkennbar durch die phasentypisch bedingte Lautproduktion an hinte­ren Artikulationszonen. Allerdings wird bereits in dieser Zeit eine Dominanz im Auftreten der 4. gegenüber der 3.Artikulationszone sowie ein eingeschränktes phonetisches Inventar an den vorderen (1., 2., 3.) Artikulationszonen deutlich. Hier stimmen die Forschungsergebnisse mit denen aus der Literatur im wesentlichen überein. Leider beginnen die Untersuchungen meist erst mit dem Beginn der 2.Lallphase. Dennoch beschreiben einige Autoren (z.B. O´GARA/LOGEMANN 1990) ein erweitertes Phoninventar an der 4.AZ als kompensatorische Artikulationsmuster sowie ein überwiegen von Sono­ranten bzw. ein Fehlen von Obstruenten an den vorderen Artikulationszonen als Folge der peripheren Fehlbildungen. Diese Aussagen werden durch die vorliegenden Untersuchungsergebnisse bestätigt.

Das Interesse an der 2.Lallphase war dagegen in der Literatur schon ausgeprägter; diese stand häufiger im Mittelpunkt wissenschaftlicher Erhebungen.
Die Ergebnisse vorliegender Untersuchung stimmen mit den Literaturangaben überein, die eine Abweichung in der Entwicklung von Kindern mit Spaltbildungen von derjenigen altersgleicher Kinder konstatieren. Anderslautenden Aussagen muß hier widersprochen werden. Frühere Aussagen stützten sich meist nur auf eigene Beobachtungen, Vermutungen oder subjektive Interpretationen. Neuere Arbeiten, die sich wissenschaftlich, analytisch und detaillierter mit dieser Thematik auseinandersetz­ten, bestätigen zunehmend einen andersartigen Sprachentwicklungsverlauf bezüglich der 2.Lallphase (Abschnitt 2.4.2.1.1.2.). Hierzu zählt vorliegende Untersuchung ebenfalls.
Eine Verlangsamung des Lauterwerbs, einen verspäteten Konsonantismus bzw. eine Sprachentwick­lungsverzögerung konnte nicht festgestellt werden, wohl aber eine eindeutige Präferenz bzw. ein Fehlen ganz bestimmter Konsonanten im Phoninventar. Von einer bewußten aktiven Vermeidungs­strategie kann aber nicht die Rede sein, da die Kinder präoperativ nicht über die anatomischen Voraussetzungen verfügen, die phonetisch für die Bildung dieser Laute (Obstruenten) erforderlich wären. Erst postoperativ könnte im Vergleich mit dem altersentsprechenden Sprachentwicklungsver­[Seite 256↓]lauf eine Verzögerung bestätigt werden. Diese Aussage schließt sich hier aus, da der Gaumenver­schluß bei allen Probanden noch nicht erfolgt war.
Grundsätzlich zeigten die Ergebnisse vorliegender Untersuchung mit denen anderer Übereinstimmung, welcher Art die strukturellen Abweichungen sind:
So wurden insgesamt hinsichtlich des Artikulationsortes häufiger labiale und glottale (pharyngeal-laryngeale) Lautproduktionen registriert, als dental-alveolare und palatal-velare. Die beobachtete und beschriebene vorrangige Nutzung der äußersten Peripherie des Ansatzrohres (anterior wie posterior) für die Lautbildung kann hier bestätigt werden. Verantwortlich hierfür ist primär die Spaltbildung an sich und in der Konsequenz daraus sekundär eine linguale Fehlorientierung (Rückverlagerung).
Hinsichtlich der Artikulationsart gibt es unterschiedliche Erkenntnisse bedingt durch Erhebungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten (Alter), prä- bzw. postoperativem Zustand der Probanden, postoperative Versorgung (mit bzw. ohne Gaumenplatte) sowie eine z.T. wesentlich geringere Probandenanzahl in den Untersuchungsgruppen. So beschrieben beispielsweise O´GARA/LOGEMANN (1988) und LOHMANDER-AGERSKOV (1994) eine Dominanz von Plosiven gegenüber Nasalen, Frikativen, Gleitlauten; GRUNWELL/ RUSSELL (1988) und WYATT u.a. (1996) dagegen einen Mangel an eben diesen Lautrealisierungen.
Dennoch wurde (auch bei zahlenmäßigen Abweichungen zur Auftretenshäufigkeit) folgende Gemein­samkeit deutlich: Das Phoninventar besteht an den vorderen 3 Artikulationszonen vorrangig aus Sono­ranten. Wenn Plosive und Frikative im Phoninventar erscheinen, werden diese fast ausschließlich als kompensatorische Artikulationsmuster im pharyngeal-laryngealen (und postoperativ im supraglottal posterioren) Bereich produziert. Präoperativ war diese Tendenz natürlich deutlicher, aber auch post­operativ scheinen sich diese Relationen nur langsam zu verändern.

In der Phase des Sprechbeginns scheinen sich diese beobachteten Sprachentwicklungstendenzen, auch wenn die Vergleichbarkeit der Ergebnisse ebenfalls erheblich eingeschränkt ist, im allgemeinen fortzusetzen.
Bezüglich des Artikulationsortes dominierten in dieser Phase nach wie vor labiale und glottale vor alveolaren und palatalen Lautrealisierungen (O´GARA/LOGEMANN 1988; CHAPMAN 1991; OKAZAKI u.a. 1992). Wie in der 2.Lallphase auch werden bevorzugt extreme Bereiche des Ansatz­rohres (anterior, posterior) für die Lautlokalisation genutzt. Hier decken sich vorliegende Ergebnisse mit Literaturaussagen. Neben in der Literatur (ESTREM/BROEN 1989) diskutierten lingualen Dys­funktionen (z.B. unphysiologische Zungenrückverlagerung, eingeschränkte Zungenmuskelinnervation, beeinträchtigtes Kinästhetik-Feedback) könnte auch die größere visuelle Kontrolle bei der Bildung labialer Laute, v.a. bei großer Wahrscheinlichkeit von auditiven Wahrnehmungsschwächen, hierbei eine Rolle spielen (DAVIS/MAC NEILAGE 1995; MAC NEILAGE 1997).
Hinsichtlich der Artikulationsart wurde in der Literatur häufig ein eingeschränktes konsonantisches Inventar (präoperativ) bzw. eine niedrigere Auftretenshäufigkeit von intraoralen Lautproduktionen (postoperativ) an den ersten 3 Hauptartikulationszonen im Vergleich zu altersentsprechenden Kindern genannt. Es wurden in allen Untersuchungen Sonoranten (z.B. [m], [n], [l], [j]) erfaßt. Bei den sich v.a. postoperativ in Entwicklung befindlichen Obstruenten überwogen meist die Plosive vor den Frika­tiven und Affrikaten. Bei den Frikativen zeigten sich labiale Laute am häufigsten, alveolar-palatale Laute dagegen sehr selten. Ein Mangel an Frikativen v.a. der 2. und auch 3.Artikulationszone wurde in der Literatur sehr oft beschrieben. Da allerdings in der Literatur über den Sprachentwicklungsverlauf von Kindern (ohne Spaltbildungen) ebenfalls Plosive vor Frikativen erscheinen (Abschnitt2.3.2.1.3.3.) ist diese Tatsache bei Kindern mit Spaltbildungen nicht verwunderlich ober besonders relevant. Die Bildung von Frikativen ist (z.B. nach STILLER 1993) phylogenetisch jüngeren Alters und komplizier­ter als die der Plosive. Sie ist daher, wenn sie schon bei Kindern ohne anatomische Fehlbildungen später auftritt, erst recht nicht bei Kindern mit Spaltbildungen früher zu erwarten.
An der 4.Artikulationszone wurden neben den häufig beobachteten physiologischen Hauchlauten [h] bei den kompensatorischen Artikulationsmustern überwiegend mehr Plosive als Frikative (bis auf GRUNWELL/RUSSELL 1988) gefunden.
Dem entsprechen auch größtenteils vorliegende Untersuchungsergebnisse. Da sich die Kinder im präoperativen Zustand befanden, konnte die Obstruentenlautbildung an den ersten 3 Artikulationszo­nen nicht bzw. nur annähernd (z.B. als Approximanten) erfolgen. Die vorrangige Plosivlautbildung an der 4.Artikulationszone kann ebenfalls bestätigt werden.
[Seite 257↓]Detaillierte Aussagen über präferierte Laute gemäß ihrer sonorantischen Charakteristika fanden sich in der Literatur nicht. Da allerdings häufig die Sonorantenbildung konstatiert wurde, müßte der Anteil stimmhafter Laute an der Gesamtlautbildung demgemäß (wie in vorliegender Untersuchung auch) sehr hoch sein.
Zudem kann die Auffassung von WYATT u.a. (1996), daß bei operierten Kindern stimmlose vor stimmhaften Plosiven erscheinen, nicht vorbehaltlos akzeptiert und übernommen werden. Nach vorlie­genden Untersuchungsergebnissen könnte eher die Tendenz bestehen, stimmhafte Obstruenten in das bestehende Phon(em)inventar zu integrieren, da das Merkmal der Stimmhaftigkeit dem absolut größ­ten Lautanteil zugehörig war, und die Bildung stimmhafter Laute eine geringere (noch zu erlernende) intraorale Druckbildung erfordert als die der stimmlosen Laute. Aber diese Entwicklungstendenz kann erst postoperativ analysiert werden.

Die Einordnung der Lautbildung nach charakteristischen Tendenzen gemäß der Symptomatik der jeweiligen Sprachtypen zeigte in der Querschnittsuntersuchung über alle 3 Phasen eine stetige Zu­nahme der Probandenanzahl in Risikogruppe 0, eine kontinuierliche Abnahme in Risikogruppe 1 und eine relative Konstanz in Risikogruppe 2.
In der 1.Lallphase ist es sehr fraglich, ob hinsichtlich der Lautproduktionen überhaupt von einer Symptomatik gesprochen werden kann. Dennoch wurden Daten dieser Phase aus Gründen der Voll­ständigkeit und Kontinuität erhoben. Die Auswertung und Interpretation dieser ist allerdings sehr schwierig, da die Lautrealisierungen phasentypisch an hinteren Artikulationen erfolgt. Das heißt, sollten in dieser frühen Phase bereits Symptome der Gaumenspaltensprache auftreten, so sind diese noch nicht deutlich von der physiologischen Lautbildung zu differenzieren.
Über den gesamten Untersuchungszeitraum von 1;6 Jahren läßt sich eine Zweiteilung in der Lautent­wicklungstendenz erkennen: während in der 1.Lallphase die Probandenanzahl in RG 1 am größten war, war sie in der Phase des Sprechbeginns am geringsten sowie in den RG 0 und 2 höher. Die Kinder scheinen dementsprechend bereits in dieser frühen Entwicklungsphase bis 1;6 Jahre dazu zu neigen, tendenziell eine der beschriebenen Lautentwicklungsstrategien (Abschnitt 2.4.2.1.1.3.4.) zu präferieren und sich in Richtung passiver/unterspannter oder aktiver/überspannter Sprachtyp zu entwickeln. Ein wichtiger Faktor, der für eine frühzeitige Intervention spricht.
Die Längsschnittuntersuchung ließ keine einheitlichen Tendenzen im Langzeitverhalten erkennen.

Da vorliegende Probandengruppe ausnahmslos im präoperativen Zustand untersucht wurde, wies sie insgesamt mit wenigen Ausnahmen in der Auswertung der Querschnittuntersuchung einen relativ homogenen Entwicklungsverlauf auf. Das betrifft sämtliche Artikulationsparameter in allen Phasen wie bevorzugte Artikulationszonen sowie realisierte Laute gemäß ihrer Zugehörigkeit zu Lautklassen und sonorantischen Merkmalskategorien.
In der 1.Lallphase überwogen Lautrealisierungen an der 4. und 3.Artikulationszone vor jenen an der 1. und 2.AZ. Das maximale Lautinventar beinhaltete die Laute [(b), (β), (f), (v), υ, m, (d), (ð), l, n, (k), (g), (ç), (ʝ), (), , j, , , , , , h, (Δ)]. Insgesamt traten am häufigsten Laute der Lautklassen Frikative und Hauchlaute vor Plosiven, Nasalen, Approximanten und Lateralen auf. Nach Artikula­tionszonen differenziert traten an der 1.AZ nach der Auftretenshäufigkeit Nasale, Approximanten vor Frikativen und Plosiven; an der 2.AZ Laterale und Nasale vor Frikativen und Plosiven; an der 3.AZ Approximanten, Nasale und Laterale vor Frikativen und Plosiven; an der 4.AZ Frikative, Hauchlaute und Plosive vor Nasalen auf. Obstruenten wurden um ein vielfaches häufiger als Sonoranten produ­ziert. Stimmhafte Laute erschienen in Überzahl vor stimmlosen Lauten.
In der 2.Lallphase dominierten Lautproduktionen an der 1. und 4. vor jenen an der 2. und 3.AZ. Das maximale Lautinventar verfügte über die Laute [(p), (b), (φ), (β), (f), (v), υ, m, (t), (d), (θ), (ð), (), l, n, (k), (g), (ç), (ʝ), (), , j, , , , , , h, (Δ)]. Nach Lautklassen betrachtet traten am häufigsten Nasale, Frikative, Approximanten und Laterale vor Hauchlauten und Plosiven auf. An der 1.AZ erschienen Nasale und Approximanten vor Frikativen und Plosiven; an der 2.AZ Laterale und Nasale vor Frikativen und Plosiven; an der 3.AZ Approximanten, Nasale und Laterale vor Frikativen und Plosiven; an der 4 AZ Frikative, Hauchlaute und Plosive vor Nasalen. Sonoranten erschienen jetzt etwas häufiger als Obstruenten. Stimmhafte Laute wurden fast 3x so häufig wie stimmlose Laute registriert.
[Seite 258↓]In der Phase des Sprechbeginns ähnelten die Ergebnisse denen aus der 2.Lallphase. Das maximale Lautinventar umfaßte die Laute [(f), (v), υ, m, (d), l, n, (k), (ʝ), , j, , , , , , h, (Δ)]. Hinsichtlich der Differenzierung nach Lautklassen wurden nun in der Reihenfolge Nasale, Hauchlaute, Approxi­manten, und Laterale vor Plosiven und Frikativen gefunden. Sonoranten wurden häufiger als Obstru­enten produziert. Stimmhafte Laute erschienen ca. 2x so häufig wie stimmlose Laute.
In der Längsschnittuntersuchung blieben insgesamt die grundsätzlichen Entwicklungstendenzen, die in der Querschnittsuntersuchung deutlich wurden, erkennbar (AZ, Laute, LK). Allerdings zeigte sich in einigen Detailfragen ein eher heterogener Entwicklungsverlauf , wie in der Literatur beschrieben. Sowohl bezüglich des temporalen als auch strukturellen Verlaufs sind nicht in allen Fällen eindeutige Tendenzen erkennbar.
Zwar zeigten immerhin 60,4% der Probanden einen kontinuierlichen temporalen Verlauf, bei dem der Zeitpunkt des Beginns aller Phasen in einem normentsprechenden Zeitraum lag, aber von immerhin 39,6% der Probanden konnte das nicht behauptet werden. Bei diesen lag der Zeitpunkt des Beginns von einer oder mehrerer Phasen außerhalb des Toleranzbereiches.
Beim strukturellen Verlauf konnten bezüglich der Artikulationszonen für den Gebrauch der 2.AZ bei ca. 1/2 der Probanden und der 3.AZ bei ca. 2/3 der Probanden mehr unterschiedliche als gemeinsame Tendenzen festgestellt werden. Bei der Betrachtung der einzelnen Laute fielen (außer den sporadisch vorkommenden Frikativen und Plosiven an vorderen Artikulationszonen) besonders die Laute [υ], [n], [] durch ein unregelmäßiges Auftreten in den einzelnen Phasen auf.
Außerdem gab es auch bei Probanden mit einem insgesamt recht kontinuierlichen Verlauf Ausnahmen mit einigen Abweichungen: nicht jeder Proband, der die ersten Phasen altersentsprechend begann, verfügte auch über den größten Wortschatz. Und nicht jeder Proband, der bis zum Alter von 1;6 Jahren keine Wörter produzierte, begann die ersten Phasen verspätet.
Ursachen hierfür könnten vielfältiger Natur sein und wurden ansatzweise bereits diskutiert. Spracher­werb und –entwicklung scheinen einen überaus komplexen Prozeß darzustellen, der besonders bei Kindern mit Spaltbildungen von vielen Faktoren beeinflußt wird (z.B. orofaciale Dysfunktionen, auditive Beeinträchtigungen, anatomische und funktionelle velopharyngeale Bedingungen, OP-Zeitpunkte, individuelle Umweltinteraktionen, konstitutionelle Schwächen). Außerdem wäre es denkbar, daß die Kürze der einzelnen Sitzungen (Erhebungszeitpunkte), in denen die Kinder mögli­cherweise nicht immer in gleichem Maße vokalisationsbereit sind, für eine evtl. nicht ausreichende Repräsentation des Lautrepertoires verantwortlich ist.
Die Klärung individueller Abweichungen vom allgemeinen Entwicklungsverlauf läßt sich allerdings nur durch weitere detaillierte Untersuchungen erreichen.

Auffallend sind insgesamt aber, und dies läßt sich sowohl an der Querschnitts- als auch Längsschnitt­untersuchung ablesen, die vielen eindeutigen Parallelen in der Entwicklung verschiedener Artikula­tionsparameter in der 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns. Diese sprechen für die strukturel­le Verbundenheit beider Entwicklungsphasen, die in neueren Literaturaussagen immer wieder betont wird (Abschnitt 2.3.2.1.2.2.). Wie in den Artikulationskreisen (Abschnitt 2.3.1.3.) dargestellt, assozi­ieren sich schon sehr früh Bewegungsempfindungen an den Artikulationsorganen mit den dazugehöri­gen Lautklangbildern. Aus diesen resultieren Sprechbewegungsmuster , welche als Engramme in der neurologischen Struktur manifestiert und internalisiert werden. In den nächsten Entwicklungsphasen, so auch in der Phase des Sprechbeginns, kann auf diese bereits vorhandenen und explorierten Sprech­bewegungsmuster zurückgegriffen werden, um auf der nächsten Entwicklungsstufe nicht nur die korrekte Laut- sondern schon die Wortimitation zu realisieren.
So dient die 2.Lallphase als Basis für die weitere i.e.S. Laut- und i.w.S. Sprachentwicklung. Aller­dings scheint dies auch für unphysiologische Lautrealisierungen und kompensatorische Artikulations­muster zu gelten. Auch diese entwickeln sich als Bestandteil des phonetischen Repertoires sehr früh­zeitig und scheinen als Sprechbewegungsmuster fest integriert und engrammiert zu sein. Dies wird sehr häufig in der Literatur beschrieben und findet auch in vorliegenden Untersuchungsergebnissen Übereinstimmung. Sogar nach erfolgter Gaumenverschlußoperation vor der Phase des Sprechbeginns bleiben diese Muster trotz rekonstruierter anatomischer Strukturen und damit phonetischer Vorausset­zungen für eine ausschließlich physiologische Lautbildung häufig bestehen. Dieses Phänomen unter­[Seite 259↓]streicht die immense Relevanz der prälinguistischen für die linguistische Phase, deren Bedeutung nur allzu oft gerade in der Rehabilitation unterschätzt wird.

Als Ursache für diesen strukturell andersartigen Sprachentwicklungsverlauf müssen in erster Linie die phonetischen Beschränkungen infolge der anatomischen Fehlbildungen verantwortlich gemacht wer­den. Ungeklärt ist nach wie vor allerdings, inwiefern eingeschränkte bzw. modifizierte Fähigkeiten bezüglich der Sprachproduktion, also des Teilvorgangs Sprechen (und hier eine veränderte Lautphy­siologie), Auswirkungen auf das Gesamtkonzept Sprache haben. Welcher Art ist die Beziehung oder Wechselwirkung perzeptueller, sprechmotorisch-artikulatorischer und linguistisch-mental-kognitiver Fähigkeiten?
HOWARD (1993) vermutet nach der „two-lexicon theory“ von HEWLETT ein intaktes „input-lexicon“, ein System phonologischer Repräsentationen, welche im „output-lexicon“ gemäß ihren be­grenzten phonetischen Möglichkeiten abweichend repräsentiert werden. Da phonologische Kontraste/ Oppositionen trotz phonetischer Unzulänglichkeiten in ihrer Untersuchung z.T. zwar nur ansatzweise und rudimentär realisiert wurden, kann den Kindern offenbar das Wissen über die phonologische Struktur ihrer Muttersprache nicht abgesprochen werden. Dies würde HOWARD’s Annahme unter­stützen.
Ein eingeschränkter Wortschatz , in der Literatur und auch in der vorliegenden Untersuchung gefun­den, und eine geringere Komplexität grammatischer Strukturen bei Kindern mit im Vergleich zu jenen ohne Spaltbildungen, sprechen jedoch für eine Ausweitung, einen Einfluß eingeschränkter Fähigkeiten auf einer Sprachebene (phonetisch-phonologisch) auf Fähigkeiten anderer Sprachebenen (lexikalisch-semantisch, morphologisch-syntaktisch in Abschnitt 2.4.2.2. und 2.4.2.3.).
Die Fragestellung bleibt dennoch: Handelt es sich hierbei um ein bewußtes Kompensationsverhalten , eine weniger komplexe Silben-, Wort- und später Satzstruktur zu bevorzugen, um den zu bewältigen­den Schwierigkeitsgrad bei sprachlichen Realisierungen so gering wie möglich zu halten, oder aber letztendlich um ein (konstitutionelles oder erworbenes) Unvermögen ?
Die Wahrscheinlichkeit spricht eher für den ersten Erklärungsansatz, da es sich bei Spaltbildungen i.d.R. nur um periphere Fehlbildungen der Artikulationsorgane handelt (Abschnitt 2.1.2.). Deshalb kann man den zweiten nicht zwangsläufig ausschließen. Dafür sind auch Ergebnisse unterschiedlicher Studien über linguistisch-kognitiv-mentale Fähigkeiten von Kindern mit Spaltbildungen zu diver­gent ausgefallen (Abschnitt 2.4.3.).
Kinder verfügen von Geburt an über basale kognitive Fähigkeiten. Die weitere quantitative und quali­tative Entfaltung hängt jedoch von 2 Faktoren ab: zum einen von der Umweltstimulanz (Interaktio­nismus), zum anderen von eigenen (später auch sprachlichen) Handlungen , Manipulationen, Experi­menten (Kognitivismus). Aus Vorbild und Imitation entwickeln sich Handlung, Erfahrung und Moti­vation; Lernprozesse werden in Gang gesetzt. In diesem Punkt sind sich auch die Spracherwerbs­theorien einig. Umstritten ist allerdings, welche Fähigkeiten angeboren, prädisponiert und welche erworben, erlernt sind. Auch die Beziehung zwischen Kognition und Sprache ist letztlich nicht eindeutig geklärt.
Der Nativismus, der die Modularität kognitiver und sprachlicher Bereiche sowie ihre Autonomie und Unabhängigkeit in ihrer Arbeits- und Wirkweise voneinander unterstreicht, bezieht sich in der Erklä­rung des Spracherwerbs vorrangig auf die Aneignung morpho-syntaktischer Regeln. Phonologie, Lexikon-Semantik und Pragmatik werden vernachlässigt. Syntaktische Kategorien werden durch ein angeborenes biologisches Programm (Universalgrammatik) aus der Umweltsprache ausgewählt. Lexikon und Pragmatik müssen erlernt werden. Durch die Modularitätsthese werden gegenseitige Beeinflussungen einzelner Module (wie sprachlicher Module untereinander, als auch sprachlicher und kognitiver Module) ausgeschlossen. Dieser Argumentation kann nicht vorbehaltlos gefolgt werden, da Forschungsergebnisse aus der Literatur und aus vorliegender Untersuchung eher auf eine komplizierte Vielschichtigkeit und größere Komplexität des Spracherwerbs, bei dem eine Verwobenheit verschie­dener Funktionsbereiche nicht ausgeschlossen werden kann, hindeuten (Abschnitt 2.2.1.1.).
Beim Kognitivismus wird Spracherwerb als ein Prozeß der Bildung mentaler sprachspezifischer Syste­me im Zusammenhang mit dem Aufbau der Schematisierung und internen Koordination sensomotori­scher Erfahrungen verstanden. Es wird eine konstruktive Wechselwirkung zwischen den kognitiven Teilsystemen angenommen, die, von der Umweltstimulanz abhängig, eine Weiterentwicklung bewirkt. Sprache fungiert als ein Teilkonzept des Gesamtkomplexes Kognition. Demnach determinieren kogni­[Seite 260↓]tive Fähigkeiten sprachliche Leistungen. Die zentrale Aussage ist dabei, das Sprache zwar auf allen Entwicklungs- und Altersstufen kindliches Denken reflektiert, Denken aber selbst nicht begründet. Und hier liegt auch der Hauptkritikpunkt an dieser Theorie. Sie konstatiert eine Einflußrichtung von Denken zu Sprache, schließt aber die umgekehrte Richtung von Sprache zu Denken aus. Dieses angenommene einseitige Verhältnis beider Systeme scheint zu eng und einfach gesehen zu werden (Abschnitt 2.2.1.2.).
Der Interaktionismus integriert die Annahmen vom genetisch Vorgegebenen, das durch die Umwelt­stimulanz aktiviert wird. Es wird für die Einstiegsphase des Spracherwerbs eine Wechselwirkung mit kognitiven Prozessen nicht ausgeschlossen, die sich allerdings mit der Entfaltung syntaktischer Fähig­keiten, die sich relativ autonom entwickeln, relativiert. Insgesamt scheint die Art dieser Beziehung zwischen Sprache und Kognition sehr ungenau und unpräzise beschrieben zu sein. Mit anderen Worten: sie ist nicht geklärt (Abschnitt 2.2.1.3.).

Vorliegende Untersuchung kann diese Frage auch nicht klären, das war auch nicht das Anliegen dieser Arbeit. Um Aussagen über so differenzierte Entwicklungsvorgänge und kausale Zusammenhänge treffen zu können, wäre zumindest ein postoperativer Zustand (nach Gaumenverschlußoperation) erforderlich.
In neueren empirischen Untersuchungen, in denen nicht mehr nur allgemein von geistigen Entwick­lungshemmungen oder verzögerter Intelligenzentwicklung die Rede ist, werden mittlerweile die Risikobereiche differenzierter erfaßt. So wurde beispielsweise häufiger festgestellt, daß sich Defizite überwiegend auf expressiv-verbale , nicht aber auf rezeptiv-nonverbale Bereiche erstrecken (Abschnitt 2.4.3.). Da die kognitiven Fähigkeiten in verbalen Tests, wie der Name schon sagt, über sprachliche Leistungen repräsentiert werden müssen, könnte mitunter die Validität und Reliabilität der Untersuchungsergebnisse angezweifelt werden. Mit zu bedenken ist natürlich bei den Studien aus neuerer Zeit, daß sich nationale wie internationale Konzepte um eine frühstmögliche Versorgung bemühen. Das heißt, daß sekundäre Folgebeeinträchtigungen bei früher anatomischer und funktionel­ler Rehabilitation nicht mehr so stark ausgeprägt sein müssen. Die differenzierte Erfassung und Messung dieser ist dadurch um so komplizierter.
Wie dem auch sei, das Ergebnis dieser Studien könnte resümierend lauten: eingeschränkte expressive Sprachfähigkeiten können in gewisser Weise Auswirkungen auf kognitive Teilbereiche haben, die aber nur deskriptiv erfaßt werden können. Ob bei artikulatorisch-phonetischen Beschränkungen linguistisch-mental-kognitive Fähigkeiten tangiert werden bleibt (vorerst) ungeklärt.

In dieser Arbeit wird die Ansicht vertreten, daß Kinder mit Spaltbildungen i.d.R., wenn keine zusätz­lichen Fehlbildungen, Störungen oder Entwicklungsbeeinträchtigungen vorliegen, mit denselben basalen kognitiven Grundfähigkeiten (sensomotorische Handlungen, temporaler Sprachentwicklungs­verlauf) von Geburt an ausgestattet sind wie andere Kinder auch. Fraglich ist, wann und wie der Einfluß mangelnder expressiver Sprachleistungen einsetzt. Denkbar wäre, daß diese bereits in der prälinguistischen Phase in unspezifischer Form wirksam werden. Durch die anatomischen Fehlbil­dungen können beispielsweise in der 2.Lallphase elementare Fähigkeiten zur Lautbildung nicht erworben werden. Die Phase des Sprechbeginns wird bei den Kindern somit bereits mit mangelnden Voraussetzungen, einem Defizit, einem Entwicklungsunterschied begonnen. Hier nun wirken sich die eingeschränkten expressiven Sprachleistungen in spezifischer Weise aus, indem den Kindern durch mangelnde Engrammausbildung für benötigte Lautbildungen der Muttersprache und anatomische Fehlbildungen die Voraussetzungen fehlen, um kognitives Wissen adäquat sprachlich repräsentieren zu können. Aus dem eingeschränkten Lautinventar resultiert die Bildung von Homonymen und daraus wiederum häufig eine mangelnde Bedeutungsdifferenzierung.
Unterstützend zu obiger These wurden in einer Untersuchung von SCHÖNWEILER u.a. (2000) an 1076 Kindern signifikant häufiger Einschränkungen der phonologischen, grammatikalischen, lexika­lischen und semantischen Sprachebene gefunden, wenn gleichzeitig myofunktionelle Störungen (MFS) vorlagen. Störungen des äußeren und inneren Funktionskreises der orofacialen Muskulatur können häufig neben zunächst phonetischen Störungen zu einer eingeschränkten Mittelohrbelüftung mit nachfolgenden Schalleitungsschwerhörigkeiten führen und die Entwicklung auditiver Verarbei­tungs- und Wahrnehmungsleistungen erheblich behindern. Durch eine Inkonstanz erlernbarer akustischer Muster oder akustische Deprivation können Sprech- und auch durchaus Sprachstörungen [Seite 261↓](mit)verursacht werden.
Welcher Art denn diese Wechselbeziehung auch immer sein mag, sie beginnt vermutlich in dieser frühen Zeit. Denn Sprachentwicklungsverzögerungen, die in der Literatur häufig beschrieben werden, treten (in logisch, konsequenter Interpretation obiger These) meist erst mit zunehmendem Alter in späteren Entwicklungsphasen als langfristige Folgeerscheinungen auf. So ist die prälinguistische Phase in ihrer strukturellen und funktionellen Wirkungsweise auch in diesem Zusammenhang von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

4.4 Schlußfolgerungen

Die Schlußfolgerungen beschäftigen sich mit den Konsequenzen für die


[Seite 262↓]

4.4.1  Konsequenzen für die Praxis

„Das Wissen um anatomisch-physiologische Vorgänge beim Sprechen (...) in Wechselwirkung mit dem Wissen, wie einzelne Laute bzw. Lautkombinationen gebildet werden und wovon die Bildung abhängt (...), also das Wissen im Bereich der artikulatorischen Phonetik, ermöglicht dem Therapeuten eine Hypothesenbildung hinsichtlich möglicher Schwierigkeiten bei der Realisierung von Phonemen des Deutschen. Anatomisch-physiologische Gegebenheiten (bspw. Zahnstellungs-, Zungen-, Lippen-, Kiefer-, Gaumen-Anomalien oder Nerven- und Muskellähmungen usw.) können die Artikulation erheblich beeinflussen (...). Diese und andere durch eine medizinische Diagnose abzuklärenden anatomisch-physiologischen Voraussetzungen einer Lautbildung (...) können auf der Basis eines phonetischen Wissens den Blick auf vorauszusehende Lautbildungsprobleme lenken und müssen zu bestimmten therapeutischen Konsequenzen führen (...). Medizinische Diagnosen dürfen jedoch keinesfalls dazu führen, eine umfassende phonetische Analyse bei organischen Problemen von vornherein zu unterlassen.“ (SCHLENKER-SCHULTE / SCHULTE 1990, 23f)

Diese Arbeit stellt den Versuch dar, gegenwärtige Erkenntnisse über phonetisch-phonologische Störungen auch z.T. auf die sprachlichen Abweichungen bei Kindern mit Spaltbildungen zumindest deskriptiv zu verwenden, um Aussagen über eventuell auftretende Auffälligkeiten und Prozesse in frühen Entwicklungsphasen und damit verbundene prognostische Aussagen über die relative Wahrscheinlichkeit der sprachlichen Weiterentwicklung zu treffen. Das Wissen um allgemeine Entwicklungstendenzen ist Voraussetzung für die Planung rehabilitativer Maßnahmen mit der Erarbeitung spezifischer Förder- und Therapiekonzepte.

Da bereits in sehr frühen Phasen der Entwicklung (struktureller Verlauf) quantitative und qualitative Abweichungen bei Kindern mit Spaltbildungen im Vergleich zu der altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen auftreten, müssen auch sehr früh Interventionen geplant werden.

Zum einen müssen die anatomischen Voraussetzungen geschaffen werden, damit die orofaciale Muskulatur ihre primären und sekundären Funktionen (physiologische Lautbildung) ausüben kann. Das bedeutet, daß die Verschlußoperationen so früh wie möglich, aus sprachheilpädagogischer Sicht wird ein Alter von 3-4 Monaten vorgeschlagen (vor Beginn der 2.Lallphase), stattfinden müssen. Die Lippenrekonstruktion ist v.a. für die Ausbildung der labialen Laute notwendig. Die Gaumenverschluß­operation (sowohl harter als auch weicher Gaumen) ist für die Unterstützung einer physiologischen Zungenlage, die evtl. in der Konsequenz die Lautbildung an der 2. und 3 Artikulationszone fördert und die Herausbildung unphysiologischer Artikulationsmuster an der 4.Artikulationszone verhindert, notwendig:
„Von ausschlaggebender Bedeutung für die Sprachentwicklung ist die Spaltbildung des Velums und dessen Korrektur. ... Ein funktionstüchtiges Velum ist die wichtigste Voraussetzung für das Erlernen einer normalen Umgangssprache. Eine frühzeitige Rekonstruktion ist notwendig. Die frühzeitige Wiederherstellung des velopharyngealen Abschlusses verhindert die Ausbildung und Engrammierung einer gestörten Sprachentwicklung.“ (DIECKMANN 1996, 276)
Nach ANDRÄ/NEUMANN (1996) ist der alleinige Verschluß einer Spaltbildung keine absolute Garantie für eine ungehinderte Umgangssprache, wohl aber eine notwendige Voraussetzung.

Zum anderen muß darauf aufbauend eine Aktivierung funktioneller Reserven und Kapazitäten erfolgen, die ebenfalls so früh wie möglich einsetzen sollte, da eingeschliffene, fehlerhafte Gewohn­heiten vor der Operation danach keineswegs von selbst verschwinden (WULFF/WULFF 1981; CHAPMAN 1991; WYATT u.a. 1996). Das heißt, daß die interdisziplinäre Kooperation in der Betreuung von Kindern mit Spaltbildungen ebenfalls zum frühstmöglichen Zeitpunkt beginnen muß.
Die Notwendigkeit und damit Begründung im Bereich der Sprachtherapie ergibt sich aus entwick­lungsphysiologischer bzw. –psychologischer Perspektive (Abschnitt 2.4.4.2.2.1.): Generell ist es günstiger und sinnvoller eine physiologische Lautentwicklung entsprechend der Ontogenese von Anfang an zu initiieren und zu unterstützen, als sich einmal internalisierte abweichende Sprechbewe­gungsmuster später zu inhibieren und neue zu faszilitieren.
„Besser ist es, ... pharyngeale und laryngeale Lautbildung und deren Eingewöhnung zu vermeiden. ... Diese sind später viel schwerer zu beheben, und es ist besser, wenn das Kind zwar etwas nuscheliger [Seite 263↓]aber dafür jedenfalls vorn spricht.“ (WULLF/WULFF 1981, 173f)
Was den Zeitpunkt des Beginns der Frühförderung betrifft, wird in dieser Arbeit grundsätzlich die Meinung vertreten, daß es ein „zu frühes Eingreifen“ nicht gibt. Entwicklung vollzieht sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten mit altersspezifischen Schwerpunkten und gegenseitigen zeitlichen Überschneidungen einzelner Bereiche. Sie folgt hierarchischen Prinzipien, d.h. ein gewisses Entwick­lungsniveau muß erreicht, eine bestimmte Phase muß überwunden sein, um als Basis für folgende Entwicklungsabläufe fungieren zu können. Daher sind auch individuelle Abweichungen des persönlichen Lautentwicklungsprofils von der prinzipiellen Lautentwicklungssystematik bzw. –hierarchie in jedem Alter erkennbar. Besonders wichtig ist in der Hervorhebung der speziellen Problematik der Frühförderung die Wahl des kind- und alterspezifischen, methodisch-didaktischen Vorgehens bei Berücksichtigung individueller Besonderheiten (z.B. Entwicklungsstand, Geschlecht, sozio-ökonomische Faktoren, Umwelt). Dementsprechend wird in der Sprachtherapie u.a. zwischen unspezifischer und spezifischer Förderung unterschieden (Abschnitt 2.4.4.2.2.2.).
„Sprachtherapie greift ... immer in einen Erwerbsprozeß ein, wenn sie versucht die sprachlichen Handlungsmöglichkeiten eines Kindes zu erweitern. Die Einleitung sprachtherapeutischer Maßnah­men geht von der Annahme aus, daß die sprachlichen Erfahrungsmöglichkeiten eines ... Kindes im Alltag offensichtlich nicht ausreichen, damit es sich Lautsprache im erwarteten Umfang und Tempo aneignen kann. In der Konsequenz bemüht sich die Sprachtherapie darum, die sprachlichen Umge­bungsbedingungen für das Kind in einer Weise zu optimieren, die es ihm erleichtern, sprachliche Regeln abzuleiten.“ (HACKER 1992, 58)

Die unspezifische Sprachförderung beinhaltet die Sensibilisierung und Mobilisierung basaler, sprachtragender Funktionsbereiche. Vorliegende Untersuchungsergebnisse liefern nicht nur die Berechtigung sondern auch die Notwendigkeit des Einsatzes von Frühförderkonzepten (z.B. Früher­ziehungsplan ab 1;6 Jahren nach HOCHMUTH 1988). Bei Kindern mit Spaltbildungen könnte, da Abweichungen in der Entwicklung bereits in der 1.Lallphase z.T. erkennbar werden, schon während der oralen Dominanzphase zur Prävention von oralen Dysfunktionen (z.B. durch Stimulation der oralen Stereognose, Kinästhesie, Mobilisierung der orofacialen Muskulatur durch Aktivierung und Unterstützung primärer Funktionen) und in der 2.Lallphase (z.B. auditive Stimulation, Luftstromlen­kungsübungen, spielerisches Ausnutzen des kindlichen Nachahmungstriebes) vorbereitend auf das Sprechen interveniert werden.
„Vornesprechen ist ... ein Postulat der Sprecherziehung. Aus den vorstehenden Bemerkungen ergibt sich eindeutig, wie wichtig die Funktionsfähigkeit der Sprechmotorik für die Sprachbehandlung ist. Darüber hinaus ist die motorische Entwicklung und ihre Ausdifferenzierung an gewisse Wachstums­zeiten gebunden, im sprachlichen Bereich z.B. die beiden Lallperioden, die Zeit der Selbst- und der Fremdnachahmung, die Phasen des motorisch-akustischen Einspielens und des zentralen, neuralen und extrapyramidalen Modifizierens und Korrelierens. ... Sorgfältiges und anhaltendes sprechmotorisches Funktionstraining, vor- und nachoperativ, ist daher bei Patienten mit Gaumenspalten unerläßlich, da sie infolge der Lippen-Gaumenspalte manche Behinderung aufweisen. Es muß als Voraussetzung für die Gesamt- und Sprachentwicklung und die logopädische Behandlung angesehen werden. ... (Die) Mobilisierung kann sogar noch vor der Operation durch vorsprachliches Übungsgut wie Schmatzen, Schnalzen, Knallen, Glucksen, Zischen, Kauen, Krächzen, Gurgeln, Spucken u.v.a. erfolgen.“ (WULFF/WULFF 1981, 161f)
Das ist in diesem frühen Alter nur durch eine intensive Zusammenarbeit von Eltern (Elternanleitung, -instruktion und –sensibilisierung zum Beobachten und Fördern der Kinder) und entsprechender rehabilitativer Einrichtungen realisierbar, damit systematisch Impulse für kindliche Sprachlern­prozesse gegeben werden können (HARDIN 1991).
„Das kann nur dadurch geschehen, daß die Eltern des kleinen unoperierten Kindes darüber aufgeklärt werden und dafür sorgen, daß es nicht zum korrekten Sprechen angehalten werden darf, weil es sich dann ... Fehler zwangsläufig aneignet. ... Vor der Spaltoperation bzw. vor der Anpassung einer Gaumenplatte darf mit dem Kinde weder in kindischer, alberner Weise noch in korrigierender oder ermahnender Art Sprechen geübt oder verbessert werden, weil dadurch noch mehr die falschen Ersatz- und Kombinationsbewegungen eingewöhnt und gespeichert werden. Dies würde die spätere Sprachbe­handlung nur erschweren. Die Eltern sollten zu Hause auf eine eigene gute und dem Kind verständli­che, einfache, aber korrekte Ausdrucksweise Wert legen und außerdem das Sprechhören und Sprach­[Seite 264↓]verständnis durch kindgemäßes Sprachgut (...) fördern“ (WULFF/WULFF 1981, 174f)
HACKER (1992) betont, daß auf kindliche Initiativen in sensibler Form möglichst flexibel eingegan­gen werden muß, um kindliche Aktivitäten zu unterstützen und zu ermutigen. Denn die Aneignung produktiver Sprache kann nur gelingen, wenn ein Kind genügend Sprechaktivität zeigt.
Letztendlich muß die Praxis über Realisierung und Praktikabilität von Methoden und Formen der Frühförderung entscheiden.

Nach der stürmischen Sprachentwicklung der ersten Lebensjahre beschäftigt sich die spezifische Sprachförderung u.a. mit der Lautstruktur sowohl aus phonetischer als auch aus phonologischer Sicht. Bei der kindspezifischen Vorgehensweise wird von den vorhandenen Fähig- und Fertigkeiten ausgegangen. Es soll noch „Fehlendes“ oder „strukturell Gestörtes“ vom vorhandenen Bestand an Lauten und koartikulatorischen sowie intonatorischer Fähigkeiten her entwickelt werden.
„Das ermöglicht eine differenziertere Prognose mit einer daraus ableitbaren gezielteren Therapie und bewirkt, daß Lautanbildung und Lautkorrektur weniger vom „Fehlenden“ als vom „Gekonnten“ aus­gehen können, also eine bewußte Akzentverschiebung von einer „nicht sprechen können“- zu einer „schon sprechen können“- Sicht.“ (SCHLENKER-SCHULTE / SCHULTE 1990, 25)
So kann beispielsweise in der Lautanbildungsreihenfolge das mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits bestehende Phoninventar von physiologischen Lauten ([m], [l], [h]) für die Ableitung neuer Laute genutzt werden. Hier können vorliegende Untersuchungsergebnisse prinzipielle Anhaltspunkte für die Therapieplanung, die durch eine individuelle, einzelfallorientierte Diagnostik erweitert, ergänzt und optimiert werden muß, tendenziell zu 3 phonetischen Kriterien liefern:
Beim Aufbau des Phoninventars wird die chronologische Reihenfolge des Erwerbs von Lauten vor­derer vor Lauten hinterer Artikulationszonen berücksichtigt. Dabei kann an (fast) jeder Artikulations­zone vermutlich von einem bereits bekannten Laut (z.B. an der 1.AZ [m], 2.AZ [l], 3.AZ [j], 4.AZ [h]) ausgegangen werden (Artikulationsort). Dieser kann wiederholt, ggf. modifiziert und gefestigt werden, hebt die Motivation des Kindes durch Erfolgserlebnisse (gerade am Anfang wichtig) und schafft die Grundlage für die Anbildung phonetisch komplizierterer Laute (z.B. Tierlaute: muh, miau, mäh ...).
Zweitens können bekannte Bildungsmechanismen (von Nasalen, Approximanten, Hauchlauten) mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesetzt und für das Erlernen neuer, erst ähnlicher, später unähnlicher Lautbildungsprinzipien genutzt werden (Artikulationsmodus).
Und drittens, so die Untersuchungsergebnisse, kann an den ersten 3 Artikulationszonen wahrschein­lich vorrangig mit dem Auftreten stimmhafter und an der 4.Artikulationszone überwiegend mit dem stimmloser Laute gerechnet werden (Stimmbeteiligungsparameter). Grundsätzlich bedeutet dies, daß im hinteren intraoralen Bereich Fehlspannungen abgebaut und im vorderen intraoralen Bereich Modifikationen des Phonationsstromes (Aufbau von intraoralen Hindernissen und Druck) erlernt werden müssen. Bei der Lautanbildung sollten stimmhafte vor stimmlosen Lauten in der Reihenfolge berücksichtigt werden.

Phonologische Prozesse sind hier vorrangig phonetisch motiviert. Daher muß hier eine phonetisch orientierte Sprachtherapie im Vordergrund stehen. Erst nach der Erweiterung des Phoninventars können die einzelnen lautlichen Segmente als Phoneme, also in ihrer phonologischen Funktion im Regelsystem Sprache, verwendet werden. Phonologische Prozesse treten entwicklungs- und alters­bedingt nahezu bei allen Kindern auf. Die Frage hier ist allerdings, sind bei Kindern mit Spaltbildun­gen typische, spezifisch-abweichende Regelhaftigkeiten erkennbar, auf die dann auch in spezifizierter Weise in der Behandlung eingegangen werden müßte. Auch hier können vorliegende Untersuchungs­ergebnisse einen Beitrag zur spezifischen Therapieplanung (z.B. Minimalpaartherapie nach spezifisch phonetischen Gesichtspunkten bei Kindern mit Spaltbildungen) liefern, denn:
„Daraus ergibt sich ein umschriebenes sprachpathologisches Störungsbild, das durch die Kontrastie­rung zum normalen phonologischen Verhalten im Kindesalter zur Ausdifferenzierung der Wesens­merkmale einer phonologischen Störung beiträgt, so daß eine Präzisierung eines deskriptiv verstan­denen Störungsbegriffs durch die Erweiterung der Designate ermöglicht werden kann, und empirisch-analytischer Methodik auch in der sprachtherapeutischen Praxis zugänglich wird. Explizite Beschrei­bungen tragen dazu bei, phonologisch abweichende Systemmerkmale, d.h. ihre Struktur und Regeln zu rekonstruieren, um damit die Komplexität des phonologisch abweichenden Verhaltens aufzudecken. [Seite 265↓]Daraus läßt sich ein besseres Verständnis dieses Störungsphänomens ableiten, das letztendlich zu einer differenzierten Diagnose und Therapie von phonologischen Störungen führen soll.“ (ROMONATH 1991, 436)
So könnte beispielsweise nach der phonetischen Lautanbildung der neu erworbene Laut zuerst in solchen Wörtern eingesetzt und geübt werden (Transfer in die Spontansprache), welche seltener phonologischen Prozessen unterworfen waren. Das heißt, es sollte zunächst an den phonologischen Gegensätzen/Oppositionen gearbeitet werden, die das Kind in seiner Spontansprache schon teilweise berücksichtigt (z.B. kurzsilbige Wörter, wenige lautliche Segmente KV/KVKV (da, mama), keine Konsonantenverbindungen, keine 2 neuen Laute in einem Wort).
Generell wird es eine Sprachtherapie, in der phonetische und phonologische Aspekte verzahnt und gemeinsam integriert werden, geben müssen. Phonetische und auch phonologische Erwägungen kön­nen das therapeutische Vorgehen in verschiedenen Phasen in unterschiedlichem Ausmaß bestimmen. Auch KAUSCHKE sagt, „daß an dem Erscheinungsbild einer komplexen Aussprachestörung phoneti­sche und phonologische Komponenten beteiligt sein können. Das therapeutische Vorgehen, das von einer detaillierten Analyse des individuellen phonologischen Systems des Kindes und von einer Einschätzung seiner phonetischen Fähigkeiten ausgehen muß, kann demnach nicht im Sinne einer strikten „entweder-oder-Entscheidung“ für einen phonetischen oder phonologischen Ansatz geplant werden (...). Wie ... deutlich wurde, wird die Therapie in Abhängigkeit von den aktuellen Fähigkeiten und Problemen des Kindes sowie unter Berücksichtigung eigendynamischer Entwicklungsveränderun­gen unterschiedliche Schwerpunkte setzen müssen, wobei sich phonologische und artikulationsthera­peutische Methoden verbinden oder einander ergänzend einsetzen lassen. ... Die von phonologischen Ansätzen fokussierte Arbeit mit Minimalpaaren läßt sich mühelos in die „traditionellen“ Therapiebe­reiche der Lautfestigung und Generalisierung integrieren, denn die Einsicht in die bedeutungsunter­scheidende Funktion von Phonemen bleibt eine wesentliche Voraussetzung für eine Umstrukturierung des phonologischen Systems und damit für eine produktive Übernahme fehlender Laute in die Spontansprache.“ (1996, 328f)

Neben der Förderung von Fähigkeiten auf der phonetisch-phonologischen Sprachebene müssen auch jene auf der lexikalisch-semantischen Ebene berücksichtigt werden. Die frühzeitige Erweiterung des phonetischen und damit später auch phonologischen Inventars sollte die Bildung von Homonymen zwar begrenzen, dennoch kann begleitend der Aufbau des aktiven Wortschatzes unterstützt und geför­dert werden (z.B. (Ober-)Begriffe aus Spielwelt, Wohnung, Tierwelt, ...). Außerdem sollte das primär lexikalische Lernen in der Phase der ersten 50 Wörter konsequenterweise zu einer (zumindest) Gleich­stellung semantischer und damit pragmatischer Gesichtspunkte in der Therapie führen (HACKER 1992, 44). Denn mit zunehmendem Alter werden Entwicklungsunterschiede deutlicher, kann ein Störungsbewußtsein aufgebaut werden und sich die Problematik auf andere Persönlichkeitsbereiche (Emotionalität, Soziabilität) ausdehnen (Abschnitt 2.4.3.).

Insgesamt darf nicht vergessen werden, „daß der Erwerb der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit – und der Auspracheerwerb ist ein integrierter Teilaspekt davon – dynamisch in die kindliche Gesamt­entwicklung eingebettet ist und durch Bedingungen und Faktoren in der sozialen und sprachlichen Umwelt des Kindes (interaktionale Muster, Sprachangebote und –feedbacks der Bezugspersonen usw.) maßgebend unterstützt und mitbestimmt wird (...). Es ist daher höchst unwahrscheinlich, daß in der Sprachtherapie ausschließlich linguistische (phonologische) Variablen darüber entscheiden, ob ein Kind in seiner spontanen Lautsprache kommunikativ bedeutsame Fortschritte vollzieht oder nicht (...). Vielmehr ist davon auszugehen, daß insbesondere auch kognitive, motivationale, emotionale und sozial-kommunikative Voraussetzungen und Schwierigkeiten des jeweiligen Kindes einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf den weiteren Verlauf seines (Laut-)Spracherwerbs ausüben. Die Bedeu­tung von solchen „nicht-linguistischen“ (Entwicklungs-)Faktoren seitens des aussprachegestörten Kindes wurde von der Therapieforschung bis heute ebenso vernachlässigt wie die Frage, welche Merkmale der interpersonalen Beziehung, Interaktion und Kommunikation zwischen Kind und Logopädin relevante Determinanten einer „erfolgreichen“ sprachtherapeutischen Intervention sind.“ (HARTMANN 1996, 306)
Daher sollte gerade bei Kindern mit Spaltbildungen, deren Entwicklung in vielfältiger Weise gefährdet ist, ein Förderkonzept umfassend und ganzheitlich orientiert sein.


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Zur weiteren detaillierten Therapieplanung müssen folgende wissenschaftliche Forschungen beitragen, denn:
„Wissenschaft heißt Erfahrung planmäßig machen, sammeln und unter bestimmten Gesichtspunkten ordnen zu dem Zwecke, daraus Richtlinien für ein Handeln zu erlangen.“ (HANSELMANN zit. in BAUMGARTNER 1998, 251)

4.4.2 Forschungsausblick für die Wissenschaft

Vorliegende Untersuchungsergebnisse konnten prinzipielle Entwicklungstendenzen bei Kindern mit Spaltbildungen aufzeigen, welche der Konzeptualisierung spezifischer Diagnostik- und adäquater Therapieverfahren zugrunde gelegt werden können.
Weitere empirische Untersuchungen zu folgenden Aspekten könnten die gewonnenen Informationen und Daten noch ergänzen und erweitern:

Um einen abweichenden Sprachentwicklungsverlauf systematisch erfassen und abgrenzen zu können, muß eine breite und hinreichende Datenbasis über den normalen, alterstypischen Sprachentwick­lungsverlauf vorhanden sein. Diese Daten, aus Querschnitts- (z.B. zu einzelnen Phasen) und Längs­schnittuntersuchungen (z.B. Zeitpunkte des Auftretens bzw. Überwindens von phonetischen Abwei­chungen, phonologischen Prozessen) gewonnen, dienen als Orientierungsgrößen und Vergleichsmög­lichkeiten.
„Läßt sich weiter erhärten, daß es sich bei der sogenannten vorsprachlichen Phase nicht um ein unstrukturiertes Lallen handelt, sondern durchaus um einen kontinuierlichen, klar aufzeigbaren Entwicklungsverlauf, so könnte eine differenzierte Beschreibung dieses Entwicklungsverlaufs einen großen klinischen Wert haben.“ (SENDLMEYER / RÖHR-SENDLMEYER 1997, 218)
Nach diesen Autoren könnte eine detaillierte phonetische Beschreibung der vorsprachlichen Entwick­lung der Lautproduktion normaler, im deutschsprachigen Kontext aufwachsender Kleinkinder als ein Referenzsystem für sich abweichend entwickelnde Kinder fungieren, um i.S. einer Frühdiagnose Rückschlüsse auf mögliche Entwicklungsstörungen zu erlauben und darauf aufbauende Maßnahmen der Frühförderung zu ermöglichen. Die Autoren bezogen sich in ihren Ausführungen zwar auf die Problematik der Diagnostik frühkindlicher Hörstörungen, doch die Forderungen lassen sich auch auf die Thematik LKG-Spalten übertragen.
„Die Auswahl von sprachlichen Lerngegenständen sollte sich immer an der Erwerbschronologie von spracherwerbsunauffälligen Kindern orientieren. ... Denn soweit Regelhaftigkeiten im Spracherwerb bekannt sind, wird es möglich, die Reihenfolge von Lerngegenständen in der therapeutischen Arbeit zu begründen.“ (KNEBEL 1996, 292)
In jedem Fall wäre ein Datenvergleich zwischen einer Kontrollgruppe und einer Untersuchungsgrup­pe sinnvoll, da in der direkten und unmittelbaren Gegenüberstellung der Ergebnisse auch geringfügige Abweichungen im Entwicklungsverlauf tendenziell erkennbar werden können.

Hinsichtlich des temporalen Verlaufs könnten so Informationen darüber gewonnen werden, wie hoch der Anteil von Kindern ohne Spaltbildungen ist, welche (wenn überhaupt) einzelne und/oder mehrere Phasen verspätet beginnen. Die evtl. Feststellung ähnlicher Entwicklungstendenzen wie in der Unter­suchungsgruppe könnte vorliegende Erkenntnisse erhärten (der größte Teil der Probanden zeigte keinen abweichenden temporalen Entwicklungsverlauf), die evtl. Feststellung größerer Diskrepanzen im Entwicklungsverlauf müßte dann eine Ursachenforschung nach sich ziehen.

Bezüglich des strukturellen Verlaufs sind noch mehrere Fragen offen:
Nach Literaturaussagen (Abschnitt 2.4.2.1.1.1.) nimmt die Entwicklung des pathologischen Stimmklanges bereits in der Schreiphase ihren Anfang. Die Abweichungen einzelner Parameter des Säuglingschreies zwischen Kindern mit und ohne Spaltbildungen konnten jedoch z.T. durch intakte neuromuskuläre Regulationsprozesse der Stimmerzeugung in relativ geringer Zeit kompensiert werden.
Die vorliegende Untersuchung konzentrierte sich ausschließlich auf artikulatorische Kriterien. Daher [Seite 267↓]könnten zukünftige Forschungen die Stimmqualität (z.B. Frequenzen, Intensität, nasale Resonanzan­teile) in Querschnitts- und Längsschnittuntersuchungen (1.Lallphase → 2.Lallphase → Sprechbeginn) analysieren. Es könnte dadurch evtl. eine abnehmende oder zunehmende Entwicklung des pathologi­schen Stimmklanges und damit eines der Parameter in der Symptomatik der Gaumenspaltensprache festgestellt werden.

Die Erhebung des vokalischen Lautinventars blieb in vorliegender Untersuchung gänzlich unberück­sichtigt. Hier könnten folgende Untersuchungen klären, ob spezifische Vermeidungs- bzw. Selektions­präferenzen (funktionelle Belastung einzelner Vokale), insbesondere beim gemeinsamen Auftreten mit bestimmten Konsonanten, bestehen. Diese könnten dann Ansatzpunkte für Therapieplanungen liefern.

Die gewonnenen Daten zum konsonantischen Inventar können ebenfalls durch zukünftige Forschun­gen erweitert werden.
Mit Hilfe darstellender Verfahren ließe sich genauer lokalisieren, ob eher eine pharyngeale bzw. laryngeale Lautbildung an der 4.AZ bevorzugt wird. Damit ließen sich genauere Aussagen darüber treffen, ob bereits in dieser frühen Phase eher altersentsprechende bzw. abweichende Lautentwick­lungstendenzen dominieren.
Ab der 2.Lallphase wären Untersuchungen indiziert, die die Erhebung allophonischer Varianten thematisieren. So könnten beispielsweise phonetische Varianten des /l/-Phonems erfaßt werden, d.h. wie oft eine Zungenverlagerung nach lateral (meist zur Spaltseite hin) oder aber auch ein (un-)physio­logischer Zungenvorstoß (vom Zeitpunkt der Erhebung abhängig) nach addental/interdental auftritt. Daraus ließen sich evtl. frühzeitige rehabilitative Maßnahmen ableiten.
Außerdem blieb die Erwerbschronologie, d.h. die Erfassung der Auftretensreihenfolge der Laute, un­berücksichtigt. Diese könnte allerdings Aufschluß über primär bevorzugte Lautbildungsmechanismen geben, (da hier nur der Lautbestand in seiner Gesamtheit ermittelt wurde) und sollte daher in folgen­den Untersuchungen unbedingt Aufmerksamkeit erfahren. In der phonetischen Therapie wäre dann eine Orientierung an der spezifisch-entwicklungschronologischen Lauterwerbsreihenfolge denkbar.

Zukünftige Längsschnittuntersuchungen könnten zur Klärung der Fragestellung beitragen, warum sowohl hinsichtlich des temporalen als auch des strukturellen Verlaufs eine bestimmte Anzahl von Probanden eine unerwartete, nicht kontinuierliche Entwicklung aufwiesen (z.B. Zeitpunkt des Beginns einzelner Phasen, Verwendung von AZ, Lauten, Lautklassen). Hierfür muß es Ursachenfaktoren ge­ben, die identifiziert, analysiert und in der Konsequenz wünschenswerter Weise ausgeschaltet werden können. In vorliegenden Untersuchungen konnten darüber nur Vermutungen und Spekulationen geäu­ßert werden (z.B. Lippenverschlußoperation, unterschiedliche Sprachvorbilder, geschlechtsspezifische Entwicklungsunterschiede).

Zukünftige differenzierte Analysen des sprachpathologischen Phänomens bei Kindern mit Spaltbil­dungen müssen, auch wenn die traditionelle Betrachtungsweise vorrangig phonetischer Art ist, auch aus phonologischer Sicht angegangen werden. Denn das Störungsbild ist weit komplexer. Die Erfas­sung der Struktur der Individualsprache, des Abstraktbereiches, des Systems geordneter Regeln (und nicht nur des Lautinventars) ist für die Interventionsplanung bedeutsam. Es besteht nach wie vor die Notwendigkeit der Abgrenzung des abweichenden (bei Kindern mit Spaltbildungen) gegenüber dem altersgemäßen (bei Kindern ohne Spaltbildungen) phonologischen System . Nach ROMONATH (1991) „ist besonders die Frage relevant, ob eine vorhersagbare universelle Entwicklungsmatrix besteht, die dem Abbau der Prozesse in qualitativer und quantitativer Hinsicht zugrunde liegt. ... (Die Beantwortung dieser Frage) erfordert breit angelegte vergleichende Longitudinalstudien und Quer­schnittsuntersuchungen auf verschiedenen Altersstufen, die prozeßspezifischen Auftretensraten und der Systematik des Abbaus auch in unterschiedlichen Sprachtypologien nachgehen.“ (1991, 440f)
Vorliegende Untersuchung kann hierzu bei der spezifischen Thematik nur eine Initialzündung für weitere ergänzende Detailstudien (z.B. zu vokalischen Prozessen, Persistieren bzw. Modifikation von Lautentwicklungspräferenzen, wortpositionale Dominanz der Segmentbetroffenheit bei einzelnen phonologischen Prozessen) geben.
„Je präziser die phonologische Analyse, desto leichter wird es sein, Ansatzpunkte zu finden, die dem Kind sprachliche Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Grundlegend orientiert sich die Sprachtherapie am normalen Spracherwerb. Nur über den Vergleich der zeitlichen Abfolge üblicher Erwerbsschritte [Seite 268↓]mit dem aktuellen Entwicklungsstand des gestörten Kindes wird es möglich sein, Zielstrukturen aus­zuwählen, die im Rahmen seiner sogenannten Zone der nächsten Entwicklung liegen. Aber auch die Art und Weise des natürlichen Erwerbs gilt es im Auge zu behalten, um vermeintliche Hilfestellungen nicht zu Fußangeln werden zu lassen.“ (HACKER 1992, 59)
Wichtig und auch die Begründung für zukünftige Forschungen ist, Voraussagen darüber zu treffen, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Prozesse in der weiteren Sprachproduktion auftreten werden. Dabei ist im Hinblick auf die Synchronisierung mit dem normalen phonologischen Erwerb unter Berücksichtigung der eigendynamischen phonologischen Erwerbslogik parallel eine ständige Verlaufsbeobachtung und -diagnostik erforderlich (KAUSCHKE 1996, 326).

Die Feststellung des eingeschränkten Umfanges des aktiven Wortschatzes beim größten Teil der Pro­banden impliziert Vermutungen über die Entwicklung des passiven Wortschatzes und i.w.S. auch der linguistisch-mental-kognitiven (Teil-)Fähigkeiten. Erhebungen dieser Art könnten nicht nur Aufschluß über diese Fragestellung geben, sondern auch zu einer notwendigen Erweiterung bisheriger vorrangig phonetisch orientierter Förderkonzepte führen.

Weiterführende Studien ab einem Alter von 1;6 Jahren könnten als Querschnitts- und auch Längs­schnittuntersuchungen Aufschluß über folgende Weiterentwicklungstendenzen geben:
Beispielsweise könnte eine detaillierte Erfassung der Erwerbschronologie von Lauten in phoneti­scher/phonologischer Funktion erfolgen. Dabei müßte unbedingt die Abhängigkeit von unterschiedli­chen kieferchirurgischen Konzepten (insbesondere Operationszeitpunkte) berücksichtigt werden, um Vor- bzw. Nachteile dieser transparent zu machen und evtl. Empfehlungen daraus ableitend formulie­ren zu können. Im Zusammenhang mit vorliegender Untersuchung, die ja ausschließlich den präopera­tiven Zustand erfaßte, wäre die postoperative Entwicklung von besonderem Interesse.
Es kann die Weiterentwicklung der Risikogruppen (Symptomatik der jeweiligen Sprachtypen) analy­siert werden. Die Ergebnisse können mit zunehmendem Alter ebenfalls Eingang in die spezifische Therapieplanung finden. Bis zum Alter von 1;6 Jahren ist es eher sinnvoll, die Tendenzen nur zu beobachten, die Weiterentwicklung abzuwarten (nicht jede angenommene Tendenz muß auch zur Aus­prägung der Symptomatik führen) und besonders bei Kindern mit Charakteristika der Risikogruppe 2 nicht korrektes Sprechen zu fordern.
Mit zunehmendem Alter sollte auch die Abhängigkeit der Sprachentwicklung von sozio-ökonomi­schen Faktoren (Familie, Umwelt) in der Forschung Berücksichtigung finden.
Außerdem könnten zukünftige Untersuchungen klärend zu der Fragestellung beitragen, ob sich die unterschiedlichen Spaltfomen auf die Sprachentwicklung auch in spezifisch-unterschiedlicher Weise auswirken.
Die Untersuchung von geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Sprachentwicklung von Kindern mit Spaltbildungen hinsichtlich des strukturellen Verlaufs wäre ebenfalls von wissenschaftlichem wie praktisch-therapeutischem Interesse.

4.5 Methodenkritik

Die Methodenkritik versucht sich konstruktiv mit den Untersuchungsbedingungen auseinanderzuset­zen, mögliche Fehlerquellen zu benennen bzw. auszuschließen und Vorschläge zu unterbreiten, wel­che Faktoren bzw. Aspekte in zukünftigen Forschungen mitberücksichtigt werden sollten.

Grundsätzlich ist der Vergleich der Ergebnisse zwischen der Untersuchungs- und Kontrollgruppe aussagekräftiger als die alleinige Ergebnisauswertung der Probandengruppe. In dieser Untersuchung bestand allerdings nicht die Möglichkeit der Datenerhebung an einer gleich starken Kontrollgruppe (gleiche Probandenanzahl), da in der Klinik für MKG generell nur Kinder mit spezifischen Auffällig­keiten vorstellig werden.

Um generalisierbare Aussagen aus einer Untersuchung ableiten und formulieren zu können, ist die Erhebung einer repräsentativen Stichprobe unerläßlich. Dabei müssen auch sozio-demographische [Seite 269↓] Aspekte Berücksichtigung finden. Die Probanden vorliegender Stichprobe stammten fast ausschließ­lich aus den neuen Bundesländern und Berlin-Ost aufgrund der historisch-politischen Verhältnisse. Obwohl das Einzugsgebiet der Probanden regional zentriert und begrenzt war, war es dennoch auch sehr groß. Aus diesem Grunde ist die Stichprobe in vorliegender Untersuchung auch für repräsentativ befunden worden. Dennoch sollten zukünftige Forschungen wenn möglich für die Probandenauswahl einer Stichprobenzusammenstellung größere Einzugsgebiete berücksichtigen.

Die Datenerhebung erfolgte mittels freier (repräsentativer) Sprachprobe. Diese ist natürlich stets sowohl quantitativ (durch mehrmalige Erhebungen) als auch qualitativ (z.B. Verlaufskontrollen durch unterschiedliche Medien) erweiterbar. In vorliegender Untersuchung begrenzte allerdings die hohe Probandenanzahl, das junge Alter der Probanden und der lange Erhebungszeitraum die Erhebungs­möglichkeiten.
„Dem freien Sprechen kommt ... die entscheidende Rolle bei der Beurteilung und Bewertung der Aus­sprache eines Kindes zu. Sowohl im Rahmen der Diagnostik als auch bei der Ermittlung von Erwerbs­schritten infolge therapeutischer Interventionen bleibt das Sprachverhalten in alltäglichen Kommuni­kationssituationen der Gradmesser möglicher Entwicklungen. ... Repräsentiert werden soll hiermit der Gebrauch von Sprache, wie er in alltäglichen, natürlichen, unvorbereiteten Gesprächen mit anderen üblich ist.“ (HACKER 1992, 44f)
SCHLENKER-SCHULTE/SCHULTE (1990) halten für eine repräsentative Sprachprobe neben Tonbandaufzeichnungen eine Ergänzung des auditiven Eindrucks durch eine Video-Aufzeichnung, besonders unter dem Aspekt einer artikulatorischen Phonetik, für erforderlich.

Bei der Lautanalyse müssen prinzipielle Schwierigkeiten berücksichtigt werden:
„(Es) ... besteht eine hohe Bandbreite für die als richtig bzw. falsch eingeschätzte Sprachproduktion. ... Jede Sprachbeurteilung ist letztlich vom subjektiven Werturteil und denn jeweiligen Erwartungsvor­stellungen des Diagnostikers abhängig, die wiederum von den eigenen Vorerfahrungen, den situativen Rollenerwartungen sowie den Umwelt- und Kommunikationsbedingungen beeinflußt werden. Ein ob­jektiv gleiches Sprachverhalten kann damit von unterschiedlichen Hörern subjektiv ganz verschieden­artig eingeschätzt werden. ... Die Möglichkeiten einer als richtig anerkannten Lautrealisierung unter­liegen einem hohen individuellen Variationsbereich.“ (GROHNFELDT 1980, 170f)
Das Ziel der Transkription ist, so ROMONATH (1991), die phänomenologische Umsetzung der beim Abhören der Daten entstehenden auditiven Eindrücke in Transkriptionssymbole.
„Mit diesen von Phonetikern postulierten fachsprachlichen Kategorien macht der Transkribent sein Urteil über auditive Eindrücke namhaft, d.h., daß Notate Widerspiegelungen subjektiver Auditionen und somit kein objektives Meßinstrument sind.“ (1991, 238)
POMPINO-MARSCHALL (1995, 171) weist darauf hin, daß das analytische Hören des als Transkri­bent trainierten Ohrenphonetikers am artikulatorischen Verhalten der Quelle (bzw. im Sinne der „motor theory of speech perception“ an dessen internem Nachvollzug) orientiert ist. Dennoch sollte die Diskussion z.B. der unterschiedlichen akustischen Auswirkungen von als kategorial gleich wahr­genommenen Artikulationen davor bewahren, in die Aporie der frühen Instrumentalphonetik zu verfallen und nur den gemessenen Signalen Glauben zu schenken.
„Nicht wie die Laute physikalisch beschaffen sind, sondern wie sie vom Sender und/oder Hörer klassifiziert werden, ist psychologisch relevant, denn es nützt uns nichts, würden wir die Klangproduk­te bzw. Geräusche in ihrer physikalischen Beschaffenheit wahrnehmen. Erst wenn der Hörer von den gehörten Lauten abstrahieren und Phonemfolgen identifizieren kann, erschließt sich ihm der Sinn. ... Das Phänomenale am Identifizieren eines Lautes als Repräsentant eines Phonems ist die Tatsache, daß oft minimale Gemeinsamkeiten ausreichen, um ihn zu erkennen.“ (ADLER 1996, 228)
Und dieses war auch ausschließlich das Ziel dieser Untersuchung: die Feststellung der Aussprachever­ständlichkeit bei der (Konsonanten-)Artikulation der Probanden über die auditive Wahrnehmung er­mittelt. Denn letztendlich kommt es auf die Umwelt (das menschliche Ohr) an, über (Nicht-)Akzep­tanz von sprachlichen Leistungen bzw. Abweichungen zu entscheiden. Hier gilt es sich zu bewähren.
Die Frage nach objektiver Einschätzung und Beurteilung sprachlicher Leistungen wird von WULFF/ WULFF (1981) folgendermaßen beantwortet:
„Alle Versuche, das Sprechen und seine Verbesserung und damit auch den sprachlichen Operations­erfolg durch Röntgenaufnahmen, Klanganalysen und technische Apparaturen meß- und vergleichbar [Seite 270↓]darzustellen, müssen wegen der Komplexität des Sprechens scheitern. ... Sprechen ist dafür eine viel zu komplizierte, stets variable Bewegungskombination von Atmung, Stimme und Artikulation, die außerdem noch sehr wichtiges rhythmisches, dynamisches, melodisches Beiwerk sowie Mimik und Gestik hat. Es läßt sich nicht durch technische Analysen erfassen und vergleichen.“ (1981, 180)
Auch KLEISCHMANN (1994, 24) weist darauf hin, daß das geschulte Ohr als Instrument zur Sprach­beurteilung nicht zu ersetzen ist. Bei der Komplexität der Sprache ist das Gehör instrumentellen Me­thoden überlegen. Auch wenn diese von verschiedenen Autoren zur Objektivierung der Sprachbefunde und der velopharyngealen Insuffizienz gefordert werden (z.B. Vidoefluoroskopie, orale und nasale Endoskopie, aerodynamische Studien, elektromagnetische Artikulographie), können diese wegen der Vielschichtigkeit der Sprache jedoch nur unterstützenden Charakter haben.
„Es fehlt ... nicht an Versuchen zur objektiven Beurteilung der Sprechfunktion mittels röntgenologi­scher, aerodynamischer und klanganalytischer Methoden (...). Diese können zwar vergleichbare Daten liefern, erfassen aber jeweils nur einen Teilaspekt des komplexen sprachlichen Ablaufs und lassen daher kaum Aussagen über die Verständlichkeit und Qualität der Umgangssprache zu, ... .“ (FRIED­RICH u.a.1985, 296)
THIELE (1990) beschreibt verschiedene sprachdiagnostische Untersuchungsverfahren zur Beurteilung der Gaumenspaltensprache. Sie unterscheidet dabei visuelle, optische, auditive, akustische, elektro­physiologische sowie aerodynamische Verfahren und resümiert:
„Von den verschiedenen Untersuchungsmethoden, die zur Zeit zur Verfügung stehen, genügen nur wenige als optimales Verfahren zur Sprachbeurteilung bei Spaltpatienten. ... Die auditiven Beurtei­lungsverfahren nehmen trotz ihrer Subjektivität immer noch eine entscheidende Rolle zur Sprachbeur­teilung von Spaltpatienten ein, weil sie den kommunikativen Anforderungen der Sprache am nächsten kommen.“ (1990, 50ff)
Sie bezieht sich in ihren Ausführungen auch auf GUTZMANN, nach dem sich die vom Ohr aufgefaßte Nasalität auch recht gut mit dem Grad der fehlerhaften Nasalausschläge deckt. Sie empfiehlt den Ein­satz mehrerer, sich ergänzender diagnostischer Untersuchungsverfahren:
„Sprache und Sprechen ist eine Summationsleistung zahlreicher exogener und endogener Faktoren (...). Diese Summationsleistung erfordert eine vielschichtige Betrachtungsweise, um Fehlerquellen in der Diagnostik so weit wie möglich auszuschließen. Eine Kombination verschiedener Untersu­chungsverfahren zur Diagnostik hier speziell der Gaumenspaltensprache erscheint am sinnvollsten.“ (1990, 57)
Sie schlägt der Reihenfolge nach klinische Untersuchungen (visuelle bzw. optische Verfahren), Sprachüberprüfungen (auditive bzw. akustische Verfahren) und den Einsatz objektiver Meßverfahren (z.B. Computer-Aerometrie) vor. Allerdings räumt auch sie ein, daß sog. objektive Meßverfahren meist nur Teilaspekte des Gesamtkomplexes Sprache erfassen und bemerkt, „daß die aerodynamischen Verfahren, so auch die Computer-Aerometrie, nicht geeignet sind, alle Sigmatismen, rückverlagerte und überspannte Artikulierungen, vokalische Unsauberkeiten, Geräusche und Grimassieren zu diagnostizieren“ (1990, 60).
In vorliegender Untersuchung wurde (abgesehen von prinzipiellen Erwägungen) auf die instrumentelle Datenerhebung verzichtet, weil

Das bedeutet allerdings nicht, daß der Einsatz instrumenteller Meßverfahren grundsätzlich abgelehnt wird, sondern nur, daß dieser unter Berücksichtigung der spezifischen Problemstellung vorliegender Untersuchung nicht sinnvoll und auch nicht realisierbar erschien. Ungeklärte, aber relevante Teilas­pekte könnten jedoch mit Hilfe dieser ergänzend untersucht werden (BRESSMANN/SADER 2000). Beispielsweise wäre die Differenzierung zwischen pharyngealer und laryngealer Lautbildung und hier [Seite 271↓]auch zwischen Frikativen und Plosiven sicherlich genauer möglich, da sich diese ausschließlich über die auditive Perzeption (die visuelle Kontrolle entfällt) schwierig gestaltet (O`GARA/LOGEMAN 1988; CHAPMAN 1991; HOWARD 1993; KAWANO u.a. 1997). Der Unterschied beider Lautbildun­gen ist der der Lauthaltedauer: Bei Plosiven ist der Lautbildungsvorgang mit der Verschlußsprengung beendet (daher erscheint diese Lautrealisierung als relativ kurz); die Bildung von Frikativen kann, solange der Phonationsstrom reicht, gehalten werden (daher erscheint die Lautbildung mitunter als relativ lang). TRUBETZKOY (1989, 134) spricht von Momentan- bzw. Dauerlauten. Es wäre aber durchaus denkbar, daß es sich bei den als Plosiven identifizierten Lauten doch vielmehr um Frikative von extrem kurzer Dauer handelte und die verhältnismäßig hohe Lautanzahl von Plosiven relativiert werden müßte.

Diese und andere Fragestellungen könnten Mittelpunkt zukünftiger Forschungsarbeiten werden ...


[Seite 272↓]

4.6  Zusammenfassung der Ergebnisse

Die Entwicklung von Kindern mit Spaltbildungen unterscheidet sich in der Querschnittsuntersu­chung hinsichtlich des temporalen Verlaufs in den frühen Entwicklungsphasen der 1.Lallphase, der 2.Lallphase und des Sprechbeginns beim überwiegenden Teil nicht von dem altersgleicher Kinder ohne Spaltbildungen.
Ca. ¾ der Kinder beginnen diese Phasen normgerecht und zeitgemäß (und nicht, wie oft in der Litera­tur beschrieben, mit einer Verzögerung), da sie über die gleichen mentalen Voraussetzungen und basalen Grundfähigkeiten zum Spracherwerb verfügen wie andere Kinder auch.

Hinsichtlich der Gestaltung des strukturellen Verlaufs zeigten sich jedoch in einem relativ homogenen Entwicklungsverlauf bedingt durch die anatomischen Fehlbildungen deutliche Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen:

In der 1.Lallphase werden altersentsprechend bevorzugt die hinteren Artikulationszonen (3. und 4.) gegenüber den vorderen (1.und 2.) für die Lautbildungen benutzt. Hierbei überwiegt eindeutig die Lautproduktion an der 4.Artikulationszone gegenüber der an der 3.Artikulationszone. Es läßt sich eine Reihenfolge im Gebrauch der Artikulationszonen von pharyngeal-laryngeal > velar > labial > alveolar feststellen.
Das phonetische Inventar erschien regulär an der 4.Artikulationszone sehr umfangreich, an der 1., 2. und 3.Artikulationszone jedoch untypischerweise sehr begrenzt.
Es wurden erheblich mehr Obstruenten (fast ausschließlich an der 4.AZ) als Sonoranten realisiert. Am häufigsten wurden insgesamt gesehen Laute der Lautklasse Frikative gebildet. In der Reihenfolge der Auftretenshäufigkeit erschienen weiter Hauchlaute, Plosive, Nasale, Approximanten und Laterale.
Hinsichtlich sonorantischer Kategorien wurden stimmhafte Laute mit einer höheren Auftretenshäufig­keit registriert wie stimmlose Laute.
Insgesamt schien die Lautentwicklung einer Strategie zur Tendenz der oralen Lautbildung entsprech­end der deutschen Muttersprache zu folgen. Bei der Bildung der Obstruenten wurden Laute mit gerin­geren Anforderungen an den Artikulationsmodus präferiert.
Außer dem eingeschränkten Phoninventar an den vorderen Artikulationszonen gestaltet sich der struk­turelle Verlauf in der 1.Lallphase altersentsprechend und phasenspezifisch. Typische Strategien in der Lautentwicklung von Kindern mit Spaltbildungen (sofern man von diesen sprechen darf), sind in die­sem Zeitraum erkennbar, treten aber noch nicht deutlich in Erscheinung.

In der 2.Lallphase werden für die Lautbildung alle 4 Artikulationszonen genutzt. Die Tendenz des Fortschreitens der Lautbildungen von hinteren zu vorderen Artikulationszonen wurde von den Proban­den ebenso wie bei altersentsprechenden Kindern ohne Spaltbildungen beobachtet. Allerdings wurde die 4.Artikulationszone in der Auftretensreihenfolge (1., 4., 2., 3.AZ) von fast der gleichen Probanden­anzahl für die Lautbildung wie die 1.Artikulationszone gebraucht, erst dann erschienen die übrigen Artikulationszonen. Somit ergab sich eine Auftretenshäufigkeit der Artikulationszonen von labial > pharyngeal-laryngeal > alveolar > palatal.
Es wurde damit eine nicht entwicklungsadäquate Präferenz für die Lautbildungen an der 1.und 4.Arti­kulationszone deutlich und nicht, wie häufig in der Literatur beschrieben, an der 2.Artikulationszone.
Das phonetische Inventar erschien an den ersten 3 Hauptartikulationszonen altersuntypisch sehr einge­schränkt, an der 4.Artikulationszone spezifisch sehr umfangreich. Bezogen auf die erhobene Gesamt­lautzahl wurden 40,7% und damit der größte Teil aller ausgewerteten Laute an der 4.Artikulationszone realisiert. Die übrigen 59,3% verteilten sich in der Häufigkeitsreihenfolge auf die 1., 2. und 3.Artikula­tionszone.
Hinsichtlich der Lautklassen erschienen am häufigsten Sonoranten gegenüber Obstruenten. In der Reihenfolge der Häufigkeitsanteile wurden Laute der einzelnen Lautklassen Nasale, Frikative, Approximanten, Laterale, Hauchlaute und Plosive registriert.
Die Sonoranten wurden überwiegend an den ersten 3Artikulationszonen, die Obstruenten fast aus­schließlich an der 4.Artikulationszone produziert.
Bezüglich sonorantischer Eigenschaften bestand eine eindeutige Präferenz für Laute stimmhaften [Seite 273↓]gegenüber stimmlosen Charakters.
Auch hier läßt sich insgesamt gesehen eine Strategie in der Lautentwicklung zur Tendenz einer oralen gegenüber nasalen Lautbildung erkennen. Die Lautbildung ist phonetisch-anatomisch vom Schwierig­keitsgrad des Bildungsmechanismus’ der Lautklassen anhängig. Es lassen sich daher Lautklassen, bei deren Lautrealisierungen geringere Hindernisstufen überwunden werden müssen, in größeren Anteilen und Lautklassen, bei deren Lautbildungen stärkere Hindernisstufen überwunden werden müssen, in geringeren Anteilen finden.
Die 4.Artikulationszone wurde dabei sowohl in quanitativer als auch qualitativer Hinsicht für die Lautbildung in abweichender Weise gebraucht.
Im strukturellen Verlauf dieser Phase lassen sich in vorliegender Probandengruppe somit eindeutige Unterschiede im Vergleich zu altersgleichen Kindern ohne Spaltbildungen feststellen. Die zentripeta­len Artikulationsverlagerungen, die sich durch die Motivation zur Lautmalerei und mit dem Beginn der bewußten Lautnachahmungen einstellen, sind für Kinder ohne Spaltbildungen alters- und phasen­untypisch, für Kindern mit Spaltbildungen allerdings spezifisch. Sie weisen auf frühe Fehlspannungen im pharyngeal-laryngealen Bereich hin und sind phonetisch-anatomisch plausibel. Durch die intra- bzw. extraorale Fehlbildung entweicht der Phonationsstrom, der für die Obstruentenbildungen benötigt wird, über den Nasenraum. Enge- und Verschlußstellenbildungen werden so in den Bereich verlegt, wo diese noch möglich sind.

Die Ergebnisauswertung der linguistischen Phase des Sprechbeginns ergab phonetisch betrachtet, daß noch immer alle 4 Artikulationszonen gebraucht wurden. Die 3 Hauptartikulationszonen traten in der Häufigkeitsreihenfolge 1. > 2. > 3. AZ auf. Das entspricht durchaus den Literaturangaben. Die 4.Arti­kulationszone, und das ist als altersentsprechend abweichend zu werten, wurde von einem fast ebenso großen Probandenanteil genutzt wie die 1.Artikulationszone. Insgesamt wurde eine Reihenfolge im Gebrauch der Artikulationszonen von labial > pharyngeal-laryngeal > alveolar > palatal festgestellt.
Ausgehend von der Gesamtlautzahl zeigte sich hier wie in der 2.Lallphase auch an den ersten 3 Haupt­artikulationszonen ein erheblich eingeschränktes phonetisches Inventar, an der 4.Artikulationszone da­gegen ein spezifisch erweitertes Inventar. Die Lautproduktionen vorderer Artikulationszonen (gemäß der universellen Entwicklungsstrategie vorrangig benutzt) genügen nicht für den Aufbau eines ausrei­chenden oppositionell-phonologischen Systems. Die 4.Artikulationszone bietet dagegen die Möglich­keit der Bildung kontrastreicherer Konsonanten.
Quantitativ abweichend wurde an der 4.Artikulationszone der größte Anteil aller Laute produziert. Die übrigen Lautanteile verteilten sich in der Häufigkeitsreihenfolge auf die 1., 2. und 3.Artikulationszone. Diese Angaben entsprechen den Literaturaussagen. In dieser Phase wird eine spezifische Lautauslas­sung bzw. –präferenz deutlich.
Bei der Auswertung der Laute nach Lautklassen zeigte sich zahlenmäßig ein Übergewicht von Sono­ranten gegenüber Obstruenten. Nach einzelnen Lautklassen differenziert betrachtet erschienen die Laute in der Häufigkeitsreihenfolge ihrer Anteile als Nasale, Hauchlaute, Approximanten, Laterale, Plosive und Frikative.
Die Betrachtung der Laute hinsichtlich ihrer sonorantischen Eigenschaftenergab eine eindeutige Dominanz von stimmhaften Lauten (ca. 2/3) gegenüber stimmlosen (ca. 1/3).
Hier läßt sich insgesamt eine zum Teil ausgeprägte Tendenz der zentripetalen Artikulationsverlage­rung feststellen, die mit der eindeutigen Präferenz von Lauten, bei deren Bildung vorrangig die höhe­ren Hindernisstufen überwunden werden müssen und gleichzeitig gemäß ihrer Stimmlosigkeit einen höheren Spannungsgrad aufweisen, eine qualitativ neue Stufe erreichte.
Die Tendenz zur oralen gegenüber der nasalen Lautbildung setzt sich entsprechend der deutschen Muttersprache grundsätzlich auch in dieser Phase fort.
Die Motivation zur Imitation von Zielwörtern führt bei der bewußten Lautnachahmung hauptsächlich zur Ausbildung 2er Strategien: zum einen wird ausschließlich auf die phonetisch zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zurückgegriffen (Sonoranten, Hauchlaute), oder aber zum anderen werden die in vorangegangenen Entwicklungsphasen bereits explorierten und ausprobierten Lautrealisierun­gen der 4.Artikulationszone (Plosive, Frikative) in dem verstärkten Bemühen dem Lautvorbild ent­sprechend akustisch gleichwertige Klanglautbilder zu produzieren zwangsläufig internalisiert. Die unerwünschten abweichenden Sprechbewegungsmuster können so facilitiert und manifestiert werden. Diese Kinder, die außerdem den größten Probandenanteil (ca. ½) stellten, sind im höchsten Grad ge­[Seite 274↓]fährdet, in ihrer Lautentwicklung tendentiell eine Symptomatik gemäß dem überspannten Sprachtyp zu entwickeln.
In dieser Phase treten damit, wie in der 2.Lallphase auch, eindeutige Unterschiede in der Lautentwick­lung von Kindern mit im Vergleich zu Kindern ohne Spaltbildungen auf. In der Probandengruppe sind diese spezifisch und phonetisch plausibel. Die Untersuchungsergebnisse entsprechen im allgemeinen der Symptomatik, die für Kinder mit Spaltbildungen höheren Alters in der Literatur dokumentiert werden.
Der aktive Wortschatz erwies sich bei 94 Probanden (4 Probanden produzierten bis zum Alter von 1;6 Jahren noch keine Wörter) mit einem Umfang von 1- 30 Wörtern als relativ unterdurchschnittlich entwickelt, bei 70 Probanden (70,0%) mit einem Umfang von 1-10 Wörtern sogar als erheblich eingeschränkt.
Als Erklärung hierfür werden anatomisch-phonetische Einschränkungen herangezogen, die häufig zur Bildung von Homonymen bzw. bis zur völligen Entstellung und damit zum Nichterkennen von Ziel­wörtern führen können.
Einen altersentsprechenden bzw. durchschnittlich entwickelten Wortschatz wiesen nur 2 Probanden (2,0%), einen überdurchschnittlich entwickelten Wortschatz (über 50 Wörter) keine Probanden auf. So können sich vermutlich eingeschränkte Fähigkeiten auf der einen Sprachebene frühzeitig auch auf die Leistungen anderer Sprachebenen auswirken.
Die Ergebnisse zur Wort- und Silbenstruktur entsprechen dagegen den Literaturaussagen zu allgemei­nen Sprachentwicklungstendenzen: Hinsichtlich der Wortstruktur traten am häufigsten zweisilbige (67,6%) und einsilbige Wörter (31,1%) auf. Bezüglich der Silbenstruktur dominierten die Formen KVKV (36,4%), VKV (23,8%), KV (15,6%) und KVK (8,3%). Den größten Anteil (52,0%) bildeten altersentsprechend die Formen KV und KVKV.
Es ist eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen 2.Lallphase und der Phase des Sprechbeginns zu erken­nen, welche auch auf eine funktionelle Verbundenheit hinweist.

In der Längsschnittuntersuchung ließ sich in der Probandengruppe ein insgesamt relativ heteroge­ner Entwicklungsverlauf feststellen. Es wiesen 55 Probanden (60,4%) einen kontinuierlichen temporalen Verlauf auf, bei dem der Beginn aller 3 Entwicklungsphasen innerhalb des konstatierten und altersentsprechenden Toleranzbereiches lag. Bei den übrigen Probanden traten unterschiedliche Abweichungen von dieser Kontinuität auf, welche einzelne oder mehrere Phasen betreffen konnten.

Bei der Betrachtung des strukturellen Verlaufs zeigte sich hinsichtlich der einzelnen Artikulationszo­nen, daß beim größten Probandenanteil (97,8%) die Lautrealisierungen der 1.Artikulationszone in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (69,0%) sowie beim nächstgrößten Probandenanteil (28,8%) in allen 3 Phasen erschienen. Das entspricht den alterstypischen Erwartungen. Es kann pro­gnostisch mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß Laute der 1.Artikulationszo­ne, die bereits in der 2.Lallphase verwendet wurden, ebenso in der Phase des Sprechbeginns erscheinen.
Laute der 2.Artikulationszone wurden ebenfalls vom größten Probandenanteil (56,3%) in der 2.Lall­phase und in der Phase des Sprechbeginns (41,4%) sowie in allen 3 Phasen (14,9%) produziert. Für die prognostische Aussage kann postuliert werden, daß Laute der 2.Artikulationszone, treten diese bereits in der 2.Lallphase auf, mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Phase des Sprech­beginns gebildet werden.
Die 3.Artikulationszone wurde vom größten Probandenanteil (33,4%) für die Lautbildung weder in der 1.Lallphase, der 2.Lallphase noch in der Phase des Sprechbeginns verwendet. Die übrigen Probanden zeigten eher unterschiedliche als gemeinsame Entwicklungsverläufe. Ebenso wie bei der Ergebnisaus­wertung aus der Querschnittsuntersuchung können sicherlich hauptsächlich die anatomischen (insbe­sondere intraoralen) Fehlbildungen für die phonetischen Beschränkungen verantwortlich gemacht werden. Tendenziell läßt sich für die vorliegende Probandengruppe eine relative Wahrscheinlichkeit für die Lautentwicklung feststellen, nach der Laute der 3.Artikulationszone, wenn sie in der 1.Lallpha­se noch nicht auftraten, vermutlich auch nicht in der 2.Lallphase und nicht in der Phase des Sprechbe­[Seite 275↓]ginns erscheinen.
Die Betrachtung der 4.Artikulationszone ergab, daß beim größten Probandenanteil (77,1%) die Laut­realisierungen kontinuierlich in allen 3 Entwicklungsphasen (1.LP, 2.LP, SB) auftraten. Somit ist bereits tendenziell in frühen Phasen eine prognostische Aussage möglich: Treten bereits in der 2.Lall­phase Laute der 4.Artikulationszone auf (in der 1.Lallphase sind diese ohnehin physiologisch), so er­scheinen diese mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Phase des Sprechbeginns.
Grundsätzlich läßt sich sagen, daß der größte Anteil der vorliegenden Probandengruppe in der Laut­entwicklung beim Gebrauch der Artikulationszonen den universellen Tendenzen folgt. Treten Abwei­chungen bzw. Einschränkungen auf, so sind diese meist spezifisch-phonetisch plausibel, z.T. durch externe Einflüsse erklärbar (z.B. Lippenverschlußoperation), offensichtlich mitunter auch umweltab­hängig (z.B. Sprachangebot und –vorbild) und im Einzelfall möglicherweise auch, darauf deuten die Daten hin, in eine allgemeine konstitutionelle Sprachschwäche eingebettet.

Die höchste Gesamtlautzahl wurde in der 2.Lallphase erreicht und läßt sich rein quantitativ durch die sensorische Stimulation und die dadurch bedingte hohe Lallaktivität erklären.
Die [m]-Laute wurden erwartungsgemäß vom größten Probandenanteil (96,6%) kontinuierlich in allen 3 Phasen (28,7%) bzw. in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (67,9%) produziert.
Die [ υ ]-Laute traten beim größten Anteil von 35,7% der Probanden in keiner der 3 Phasen auf und schienen den Kindern damit größere Schwierigkeiten im Bildungsmechanismus zu bereiten, als viel­leicht anzunehmen gewesen wäre. Die Schwierigkeit bestand vermutlich darin, den Phonationsstrom ohne vorzeitiges Entweichen über den Nasenraum über die längste intraorale Passage an den Ort der (annähernden) Engebildung zu leiten.
Die [l]-Laute wurden von der größten Probandenanzahl (41,4%) in allen 3 Phasen (11,5%) bzw. in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns (29,9%) gebildet. Das Ergebnis entspricht der physio­logischen Lautentwicklung.
Die [n]-Lautbildung erfolgte vom größten Probandenanteil (35,7%) in keiner der 3 Phasen. An der 2.AZ wurde somit die orale Lautbildung präferiert. Bei den übrigen Probanden traten diese Laute in verschiedenen Phasen aber nicht kontinuierlich auf. Es ließ sich insgesamt dennoch eine wenn auch nur geringe so doch stetige Zunahme in dieser Lautproduktion bis zur Phase des Sprechbeginns feststellen.
Die [j]-Laute (37,9%) und [ ]-Laute (75,9%) erschienen beim jeweils größten Probandenanteil in keiner der 3 Phasen, obwohl diese aufgrund des relativ unkomplizierten Bildungsmechanismus` häu­figer zu erwarten gewesen wären. Hier wirkt sich wahrscheinlich das fast völlige Fehlen der 3.AZ stark auf die Lautbildung aus.
Die [ ]-Laute wurden vom größten Probandenanteil (80,5%) in keiner der 3 Phasen produziert. Alters­entsprechend zeigten diese Kinder somit nicht nur eine sehr geringe Auftretenshäufigkeit dieser Laut­bildung, sondern im Vergleich dazu auch eine Präferenz für die [l]-Lautrealisierung an der anterioren 2.AZ.
Die [h]-Lautbildung erfolgte beim größten Anteil von 46,0% der Probanden in allen 3 Phasen. Diese Entwicklung ist phonetisch plausibel sowie auch aus lautentwicklungsphysiologischer Sicht akzep­tabel.
Die [ ]-Lautproduktion erschien beim größten Anteil von 59,8% der Probanden als nicht auffällig. 52,9% wiesen überhaupt keine []-Laute und 6,9% diese nur in der 1.Lallphase auf. Aber bei immer­hin 18,5% traten diese erst in der Phase des Sprechbeginns auf und deuten auf Artikulationsverlage­rungen durch bewußte Lautnachahmung hin.
Die [ ]-Laute wurden ebenfalls von den größten Probandenanteilen überhaupt nicht (33,4%) oder nur in der 1.Lallphase (13,8%) gebildet. Somit zeigten 47,2% der Probanden diesbezüglich eine unauffäl­lige Lautentwicklung.
Die [ ]-Laute zeigten sich bei 18,4% der Probanden überhaupt nicht und bei 16,1% ausschließlich in der 1.Lallphase. Eine diesbezüglich unauffällige Lautentwicklung war demnach bei 34,5% der Proban­den zu beobachten.
Die [ ]-Lautbildung erwies sich bei 44,9% der Probanden als unauffällig: 33,4% realisierten diese Laute nur in der 1.Lallphase und 11,5% überhaupt nicht. Bei dem größten Anteil von 42,5% der Pro­[Seite 276↓]banden traten []-Laute allerdings in der 1. und 2.Lallphase auf.
Die übrigen registrierten Laute [p], [b], [φ], [β], [f], [v], [t], [d], [θ], [ð], [], [k], [g], [ç], [ʝ], [], [Δ] (Obstruenten an den vorderen AZ und Nasale der 4.AZ) konnten unberücksichtigt bleiben, da ihre Auftretenshäufigkeit in der Regel unter 5,0% lag und diese nur vereinzelt und sporadisch auftraten. Eine gemeinsame Lautentwicklungstendenz war bei diesen Lauten nicht festzustellen.
Insgesamt bestätigte sich auch hier die Tendenz zur oralen Lautbildung sowie der zunehmenden Do­minanz von Lauten vorderer gegenüber hinterer Artikulationszonen. Außer den beschriebenen ließen sich keine weiteren deutlichen einheitlichen Lautentwicklungstendenzen feststellen. Das macht deut­lich, welch komplexes Phänomen Spaltbildungen in ihren Auswirkungen darstellen. Die individuell sehr unterschiedliche geprägte Ausgangssituation der Kinder (z.B. Geschlecht, Spaltform, anatomi­sche und funktionelle Bedingungen, orofaciale Dysfunktionen, auditive Beeinträchtigungen, Sprach­angebot und –vorbild, sozio-ökonomischer Status der Eltern u.a.m.) führt vermutlich mitunter zu divergenten und individuell variablen Entwicklungsverläufen.

In der Lautreihenfolge (nach der Auftretenshäufigkeit gemäß der Probandenzahlen an allen AZ) erschienen am häufigsten in allen 3 Phasen die [h]-Laute, in der 2.Lallphase und in der Phase des Sprechbeginns die Laute [m], [h], [l]. Für diese Laute lag eine Dominanz bzw. Präferenz vor. Seltener traten die Laute [], [] und [] auf. Alle anderen Laute zeigten in den einzelnen Phasen wechselnde Positionen in der Häufigkeitsreihenfolge. Die Ergebnisse sind sowohl aus lautentwicklungsphysiolo­gischer wie auch spezifisch-phonetischer Perspektive erklärbar.

Die Überprüfung der Lautbildung auf spezifische Symptome der jeweiligen Sprachtypen entspre­chend ergab in der Gegenüberstellung der Ergebnisse aus allen 3 Phasen, daß sich die Lautbildungs­strategien tendenziell dichotomisch zu differenzieren scheinen: Nachdem sich die Probanden in den ersten Phasen noch relativ häufig der Risikogruppe 1 zuordnen ließen, schienen sie sich mit zuneh­mendem Alter immer mehr festzulegen, entweder in der Lautproduktion ausschließlich Laute zu ver­wenden, deren Bildung gemäß ihrer anatomischen Bedingungen möglich ist (Risikogruppe 0) oder das eingeschränkte Phoninventar durch starke Artikulationsverlagerungen mit pharyngeal-laryngealen Plosiven zu erweitern (Risikogruppe 2). Die Motivation entstammt dem Versuch, eigene Wortproduk­tionen den Zielwörtern so ähnlich wie möglich zu gestalten.
Die Längsschnittuntersuchung ließ diesbezüglich keine einheitlichen Entwicklungstendenzen erken­nen.
Es muß allerdings generell angezweifelt werden, ob die Daten und damit auch die Ergebnisauswer­tungen diesbezüglich aussagekräftig sind. Nicht zuletzt die Ergebnisse, die kaum Schlußfolgerungen zulassen, tragen zu der Überlegung bei, daß sich Lautentwicklungstendenzen den jeweiligen Sprach­typen entsprechend in diesem Alter noch nicht eindeutig feststellen lassen.

Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus den 3 Phasen hinsichtlich der Lautbildungen an der 4.AZ gemäß der Differenzierung nach Obstruenten (Frikative, Plosive) ließ wiederum 2 Lautentwicklungs­strategien erkennen: entweder wurden keine Obstruenten an der 4.AZ gebildet oder aber Plosivlaut­produktionen (ohne gleichzeitige Frikativlautbildungen) favorisiert. Die Längsschnittuntersuchung konnte keine einheitlichen Entwicklungsverläufe deutlich machen.
Bei der Differenzierung der Laute nach Lautklassen gemäß ihrer sonorantischen Varianten wurde in der Gegenüberstellung der Ergebnisse aus den 3 Phasen sowohl bei den Frikativen als auch bei den Plosiven (wenn diese denn auftraten) jeweils die stimmlose Form, ohne gleichzeitige Realisierung des stimmhaften Typs, präferiert. Die Längsschnittuntersuchung ließ bei der Frikativlautbildung keine deutlichen einheitlichen Entwicklungstendenzen erkennen. Bei der Plosivlautbildung konnte ein Anteil von immerhin 21 Probanden (24,1%) ermittelt werden, welche in keiner der 3 Phasen diese Laute realisierten. Die 2 Lautentwicklungstendenzen lassen sich auch hier bestätigen.
Insgesamt wurden somit tendenziell die Laute bevorzugt, bei deren Bildung die höchste Hindernisstu­fe überwunden bzw. der höhere Grad an Muskelspannung und intraoralem Druck erreicht werden mußte. Oder aber es wurden überhaupt keine (unphysiologischen) Laute der 4.AZ realisiert.

Die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus den 3 Phasen bezüglich der Auftretenshäufigkeit von Lauten nach Lautklassen differenziert zeigte deutliche Selektionen bzw. Auslassungen, die zum einen [Seite 277↓]vermutlich phasenspezifischer und zum anderen phonetischer Natur sind.
Im Verlauf der ersten 1;6 Jahre wurde eine zunehmende Dominanz und damit Präferenz von Nasalen, Approximanten und Hauchlauten (als auch Lateralen) sowie eine geringere Auftretenshäufigkeit bzw. ein fast völliges Fehlen von Frikativen und Plosiven (an den vorderen AZ) erkennbar.
Der Anteil stimmhafter Laute (vorrangig an den ersten 3 Hauptartikulationszonen gebildet) gegenüber dem stimmloser Laute (fast ausschließlich an der 4.AZ realisiert) war in allen Phasen größer.

Die Gemeinsamkeit in der Entwicklung von Kindern mit und ohne Spaltbildungen besteht in der zunehmenden Verlagerung der Lautbildung an vordere Artikulationszonen, der Unterschied jedoch im Verhältnis der Lautanteile vorderer und hinterer Artikulationszonen (quantitativ) sowie in der Art der Lautbildungen (qualitativ).

Die Ergebnisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Widerlegbarkeit der Hypothesen.

Grundsätzlich wird in dieser Arbeit die Ansicht vertreten, daß Kinder mit Spaltbildungen über die selben mentalen Voraussetzungen und basalen Grundfähigkeiten zum Spracherwerb verfügen wie andere Kinder auch. Darauf lassen u.a. der relativ kontinuierliche temporale Verlauf und die Domi­nanz entsprechender Wort- und Silbenstrukturen beim überwiegenden Probandenanteil schließen. Allerdings wird die Sprachproduktion vorrangig bedingt durch die anatomischen Fehlbildungen in spezifischer Art beeinträchtigt (struktureller Verlauf). Ob es einen Einfluß sprechmotorisch-artikula­torischer Einschränkungen auf linguistische Kompetenzen gibt, und wenn ja welcher Art dieser ist, kann derzeit nicht eindeutig beantwortet werden.
Bis alle phonetisch-phonologischen Beschränkungen bei Kindern mit Spaltbildungen erklärt werden können, ist es noch ein weiter Weg. Sogar bei Kindern ohne Spaltbildungen im regulären Sprachent­wicklungsverlauf können nicht alle Lautentwicklungsstrategien zufriedenstellend analysiert und interpretiert werden.
Vorliegende Untersuchung, welche vorwiegend die deskriptive Erfassung und Darstellung der phone­tischen Entwicklung von Kindern mit Spaltbildungen beinhaltete, kann als Initialzündung und Basis für folgende Untersuchungen fungieren. Denn gerade für den deutschsprachigen Raum fehlen insbe­sondere für die frühen Entwicklungsphasen dieser Kinder adäquate Daten.


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03.03.2004