2 Teil II
Theoretischer Bezugsrahmen

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An dieser Stelle soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass sich die Physiotherapie in Deutschland bereits inmitten eines professionstheoretisch oder berufssoziologisch zuzuordnenden Diskurs befände. Da der zugrundeliegende Fokus dieser Arbeit auch nicht in einer professionstheoretischen oder berufssoziologischen Auseinandersetzung zu sehen ist, sondern vor einem langsam beginnenden Professionalisierungsprozess, der mit der Etablierung der ersten Studiengänge für Physiotherapie im Zusammenhang steht, wird hier nur eine grobe Einführung in „professionalisierungsrelevante“ Kriterien und Ansätze vorgenommen, die als die Basis der zu analysierenden vorliegenden empirischen Daten dienen. Die sich langsam entwickelnde Debatte um „professionals“ oder Professionalisierung in der deutschen Physiotherapie soll zunächst mit einer begrifflichen Klärung von Arbeit, Beruf, Profession, Professionalisierung und Professionalität (letztere drei Phänomene in Anlehnung an Nittel (2002, 2000) der diese Begrifflichkeiten einer differenztheoretischen Betrachtungsweise zugeführt hat) beginnen, bevor nachfolgend kurz einige der unterschiedlichen Ansätze auf der Mikro- und Makroebene aufgegriffen und die Bedeutungskontexte in der Professionalisierungsdebatte eingehender beleuchtet werden. Vor dem Hintergrund der empirischen Untersuchung haben besonders die auf der Mikroebene angesiedelten Ansätze eine Relevanz, da diese das Subjekt als Professionszugehörigen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Relevante theoretische Auseinandersetzungen aus der deutschen erziehungswissenschaftlichen, erwachsenenpädagogischen, sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema werden aufgrund der Nähe pädagogischer und therapeutischer Tätigkeiten herangezogen.

2.1  Arbeit und Beruf

In vorindustrieller Zeit diente Arbeit der Sicherung existenzieller Grundbedürfnisse. Im Laufe der Entwicklung hin zu einer ausdifferenzierten und dynamischen Gesellschaft, die durch technischen und ökonomischen Wandel eine Spezialisierung der Tätigkeitsfelder bedingte, gewann Arbeit als Tauschwert zunehmend an Bedeutung und diente nun mehr als nur der ausschließlichen Sicherung der Existenz. Die Entwicklung von der Arbeit zum Beruf bezeichnet Hartmann (1972, 42) als „Verberuflichung“, wobei Beruf als eine besondere Art von Arbeit gesehen wird. Zugrunde liegende Dimensionen für die Beurteilung/Einstufung sind zum einen die Systematisierung von Wissen und Fertigkeiten sowie zum anderen die Ausrichtung an gesellschaftlicher Orientierung bzw. Relevanz für die Gesellschaft.. Von Beruf wird spätestens dann gesprochen, wenn die Systematisierung des Wissens dazu geführt hat, Ausbildungsgänge zur Vermittlung des neuen Wissens zu etablieren. Während Arbeit dem reinen Gelderwerb dient und ihr eine egoistische soziale Ausrichtung zugesprochen werden kann, so wird der Beruf als eine gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigende Weiterentwicklung von Arbeit verstanden, die folgenreiche Einflussnahmen auf die unmittelbare Umgebung hat. Verberuflichung ist jedoch als ein aussengesteuerter Prozess zu verstehen, der sich zurückführen lässt auf staatliche und wirtschaftliche Zweckmässigkeitserwägungen (vgl. Nittel 2000, 54), während demgegenüber die Weiterentwicklung im Sinne der Professionalisierung als ein selbstgesteuerter und selbstbestimmter Entfaltungsprozess zu sehen ist.

2.2  Profession

Professionen werden generell in der soziologischen Theoriebildung als Weiterentwicklung von Berufen verstanden bzw. als besondere Berufe ausgewiesen, die zumeist eine akademische Ausbildung genießen. Die Diskussion um Professionen in den Sozialwissenschaften begannen bereits in der 30-iger Jahren in Großbritannien durch Carr-Saunders/Wilson (1933) und mit Parsons in den USA (1939). Auf die bekannten Schwierigkeiten der Übertragbarkeit der angloamerikanischen Professionalisierungsdebatte und auch der Begrifflichkeiten von „professionals“ und „professionalization“ auf die deutsche Debatte wird an dieser Stelle nur verwiesen.

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Hesse (1972) hat sich mit der sprachgeschichtlichen Entwicklung und Bedeutung von „Profession“ auseinandergesetzt und herausgearbeitet, dass im deutschen Sprachgebrauch das Wort „Profession“ bereits über mehrere Jahrhunderte bestand hatte und einerseits dazu diente, den Beruf als eine planvoll geordnete gesellschaftliche Institution zu kennzeichnen, andererseits entwickelte sich der Begriff jedoch zunehmend als Oberbegriff für die handwerklichen Berufe. Welche Berufe nun definitiv als Professionen bezeichnet werden können, lässt sich nicht eindeutig erkennen, wobei grundsätzlich die Ärzte, die Juristen und auch die Theologen aufgrund ihrer lang tradierten wissenschaftlichen und universitären Struktur und Ausrichtung am Gemeinwohl mehr oder weniger eindeutig zugeordnet werden können. Aufgrund der uneinheitlichen Übersetzung des englischen Begriffs „profession“ in den deutschen Sprachgebrauch gestaltet sich diese Zuordnung nochmals diffiziler, kursieren in der Übersetzung die Begriffe „akademische Berufe“, „freie Berufe“, „Akademiker“ (vgl. Hartmann 1972, Hesse 1972, Keirat 1969). Aufgrund der uneindeutigen Zuordnung sprechen Daheim und Schönbauer (1993) nicht von „Profession“, sondern von Spezialisten und Experten. Die so oft als nach außen hin starr erscheinende Art von Professionen als unwandelbaren, starren Konstrukten wird von Everett C. Hughes, einem Vertreter der Chicagoer School of Sociology, abgewandelt betrachtet. Er rekurriert auf die Phänomene, die Professionen als solche legitimieren und hebt die für ihn wesentlichen „Typics“ wie den gesellschaftlichen Auftrag (Mandat) und die gesellschaftliche Erlaubnis (Lizenz) einer Profession hervor. Diese beiden Phänomene sind in ihrer Art nie deckungsgleich und führen daher zu Spannungen, die der Weiterentwicklung von Professionen dienen. Aufgrund dieser Zweiteilung können „Berufe“ durchaus mehr einer Profession als einem eigentlichen Beruf zugesprochen werden. Die Lizenz, die die Gesellschaft ausspricht, entscheidet letztlich darüber, wie die professionelle Verortung eines Berufes anzusiedeln ist, d. h. zu verdeutlichen, warum ein Beruf eine höhere Position oder Wertschätzung erreicht als andere. Die Divergenz zwischen beruflichem Mandat und beruflicher Lizenz (siehe hierzu auch Nittel 2000) führt dazu, auch die Berufe einer professionssoziologischen Überlegung zuzuführen, die nicht den klassischen Professionen zuzuordnen sind. Nittel (ebd. 29) spricht davon, dass letztlich die Gesellschaft über das vollständige Mandat und die vollständige Lizenz und damit auch über den Zentralwertbezug eines Berufes und somit auch über seine Legitimierung als Profession entscheidet, obwohl in den meisten europäischen Staaten eine staatliche Instanz die Entscheidungshoheit zur Einstufung eines Berufes hat. Eliot Freidson hat Profession beschrieben als eine besondere Art von Beruf, die eine besondere Art von Versprechen gegenüber der Gesellschaft gegeben hat (Freidson 1979, 1).

Die vorstehend bereits erwähnte Gemeinwohlorientierung ist neben dem Merkmal der Wissenschaftlichkeit ein herausragendes, da ein besonderer Berufsethos zur Verrichtung der Tätigkeit unabdingbar ist. Gildemeister (1992, 207) sieht in einer Profession einen Beruf, der „sinnerfüllt“ ist. Schorr (1987, 277) arbeitet insgesamt drei Merkmale für Professionen heraus:

  1. Professionen orientieren sich an wichtigen gesellschaftlichen Themenkomplexen.
  2. Professionen zeichnen sich durch ein Sonderwissen aus, welches durch eine Son derausbildung erworben wurde, die einen deutlich höheren Standard aufweist als andere Berufe.
  3. Professionen zielen in ihrer Arbeit darauf ab, Personen zu ändern.

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Für das von Hartmann erarbeitete Kontinuum Arbeit - Beruf - Profession bedeutet Profession der Endpunkt in einem langen Entwicklungsprozess, dessen Absolventen als sog. Professionals „mit der Behauptung auftreten, eine berufliche Leistung auf der Basis systematischen Wissens und von besonderem Wert für die Gesellschaft anzubieten“ (Hartmann und Hartmann 1982, 194).

Die in den folgenden Unterkapiteln ausgeführten, wesentlichen Merkmale von Professionen sind das Erbringen von zentralwertbezogener Dienstleistung (Instanz der Wertrealisierung/Kollektivitätsorientierung), die der Aufrechterhaltung von relevanten Wertuniversalien wie Gesundheit, Konsens, Moral, Wahrheit und Recht in der Gesellschaft dienen. Weiterhin verfügen sie über ein universelles Wissen, welches zur Analyse und Lösung gesellschaftlicher Probleme beiträgt und dient. Dieses universelle Wissen lässt sich in die Bereiche des wissenschaftlichen Wissens, des Berufswissens und des sinnverstehenden Wissens aufgliedern. Unter Berufswissen werden Kenntnisse der kognitiven, normativen und interaktiven Grundlagen der Berufsausübung verstanden, das sinnverstehende Wissen erfährt seine doppelte Verankerung in Wissenschaft und Alltagspraxis. Dementsprechend hoch sind auch der gesellschaftliche Status sowie die den klassischen Professionen wie Arzt, Rechtsanwalt und Theologe zugesprochene Handlungsautonomie. Ihr Handeln basiert auf einer ethisch-moralischen Haltung, die sich an den gegebenen gesellschaftlichen Wertuniversalien orientieren.

2.2.1 Zentralwertbezogene Dienstleistung

Das Handeln der Professionsmitglieder folgt gewöhnlicher Weise nicht einer gewinnorientierten Maxime, gleichwohl es auch der Aufgabe der Sicherung der Einkommensverhältnisse dient. Sie haben sich der Aufrechterhaltung der gesellschaftlich relevanten Wertuniversalien verpflichtet, und fungieren als Instanz der Wertrealisierung, indem sie kollektivitätsorientiert handeln. Hinsichtlich der Wertuniversalien beziehen sie sich auf die gesellschaftsrelevanten Rechte des Rechts, der Wahrheit, der Gesundheit, des Konsenses und der Moral. Hinsichtlich der rechtlichen Relevanz bedeutet dies die Regulation der gesellschaftlichen und damit individuellen Interaktionen, Wahrheit rekurriert auf die wissenschaftliche Erkenntnis als Basis des individuellen Handelns. Die Verpflichtung zur Aufrechterhaltung von Gesundheit und damit der biopsychosozialen Identität ist ebenfalls als ein gesellschaftlicher Wert zu verstehen, ebenso wie die ethisch-moralische Einstellung der Professionsmitglieder. Den Professionsmitgliedern ist es gelungen, innerhalb ihrer Berufsgruppe ein Kollektivitätsbewusstsein zu entwickeln. Dieses Kollektivitätsbewusstsein wurde und wird als Garant für die relativ stabile Konstruktion von Professionen gesehen (strukturfunktionalistische Sichtweise), da die Mitglieder über eine gemeinsame berufliche Identität und Wertorientierung verfügen. Dieses suggeriert das Vorhandensein einer homogenen Masse innerhalb einer Berufsgruppe, die jedoch in den seltensten Fällen in der Realität angetroffen wird. Bucher und Strauss (1972) haben anhand des Berufstandes der Ärzte nachweisen können, das die angenommene Homogenität innerhalb der Berufs- bzw. Professionsgruppe nicht vorhanden ist. Sie sehen Professionen nicht als statische Konstrukte, sondern eher als Segmentzusammenschlüsse, „die verschiedene Ziele auf unterschiedliche Weise verfolgen und die mehr oder weniger lose unter einer gemeinsamen Berufsbezeichnung zu einem bestimmten Zeitabschnitt zusammengefasst werden“ (Bucher/Strauss 1972, 183) können. Innerhalb der Berufsgruppe existieren sowohl unterschiedliche berufliche Identitäten als auch Vorgehensweisen und Einstellungen. Das Interessante an ihrer Arbeit ist die „Entmystifizierung“ (Nittel 2000, 25) der „Einheitlichkeitsvorstellungen“ des als klassischer Profession betrachteten Berufes des Mediziners, wobei sich die Austragung der Konflikte innerhalb der Profession vollzieht und sich dem Blick oder Zugang der Laien entzieht. Dass auch die den klassischen Professionen zugesprochene Einheitlichkeit ein fiktives Faktum ist, kann eine durchaus beruhigende Wirkung für andere, sich in Professionalisierungsentwicklungen befindliche Berufe haben.

2.2.2 Universelles Wissen

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Universelles Wissen zielt auf die Lösung gesellschaftlicher Probleme ab und setzt sich im Wesentlichen aus zwei Wissenskomponenten zusammen. Wesentlicher Wissensbestandteil von Professionen ist zunächst das wissenschaftliche Wissen, welches als systematisches Theorie- und (technisches) Problemlösungswissen existiert (vgl. Wilensky 1972). Dieses wird um das entsprechende Berufswissen, welches als das Erfahrungswissen der Berufsangehörigen zu verstehen ist sowie allgemeines Alltagswissen ergänzt. Zum Berufswissen gehören insbesondere auch die Kenntnisse der kognitiven, normativen und interaktiven Grundlagen, die für die Ausübung eines Berufes wichtig sind. Wissenschaftliches Wissen, als wesentlicher Bestandteil der allein den Professionen zugesprochenen Expertise (siehe unten), wird in spezialisierten und komplexen Forschungsprozessen konstituiert und mit dem entsprechenden Berufswissen in die curriculare Struktur der Ausbildungsgänge implementiert, die dann bei den Studierenden bereits eine Expertenorientierung festigen. Diese tun hiermit einen ersten Schritt in der Entwicklung einer Berufsidentität. Die Ausprägung und Entwicklung des professionellen Habitus gelingt dann durch die eigentliche berufliche Praxis. (Handlungstheoretisch ist dies die Professionalisierung des Einzelnen und feststellbar durch berufsbiographische Entwicklung im Arbeitsprozess.) Die Weiterentwicklung in der professionssoziologischen Diskussion hat aufgezeigt, dass Professionen eine doppelte Verankerung ihrer Wissensbasis haben und einer bestimmten Logik folgen. Doppelte Verankerung meint, dass die Professionsmitglieder sowohl wissenschaftliches Wissen wie auch alltagspraktisches Wissen in ihrem Handeln verknüpfen, denn ihnen kommt als Vermittlerinstanz die Verknüpfung von Theorie und Praxis zu (vgl. Dewe et al. 1992). Oevermann (1990) hebt hervor, dass professionelles Handeln nicht nur auf der Anwendung (allgemeingültigen) wissenschaftlichen Wissen beruht, sondern auch auf individuellem Fall- und Sinnverstehen, welches die Professionsmitglieder in die Lage versetzt, sich entsprechend in die Klientel hineinzuversetzen, um dem jeweiligen Einzellfall gerecht zu werden (siehe hierzu auch die weiteren Ausführungen unter Kapitel 2.4 „Professionalität“). Im Kontakt zu ihren Klienten wird also nicht nur ihr wissenschaftliches, technokratisches (Sach-)Wissen zur Anwendung gebracht, sondern auch Deutungswissen, welches zur Lösung des individuellen Einzelproblems herangezogen wird. Schaeffer (1994, 106f) hebt hervor, dass die „beide(n) durchaus divergenten Typen von Wissen im Handeln der Professionen zur Einheit gebracht werden und zu einer der Struktur nach widersprüchlichen Gestalt der Expertise verschmelzen.“ Diese Besonderheit ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zu anderen Berufen. Weiterhin führt sie aus, dass eine Vereinseitigung der jeweiligen Wissenskomponenten dazu führt, dass die ausschliessliche Verwendung wissenschaftlichen Wissens zur rezepthaften bzw. technokratischen Betrachtung individueller Problemlagen führt. Läge auf der anderen Seite der Schwerpunkt vermehrt auf dem Einsatz deutenden bzw. sinnverstehenden Wissens, so wäre die Gefahr gegeben, „dass der Professional in die Intimität unspezifischer Sozialbeziehungen abrutscht und sein Handeln vom Alltagshandeln nicht mehr unterscheidbar ist“ (ebd. 107).

2.2.3 Handlungsautonomie

Eine dritte, den Professionen zugesprochene Besonderheit ist die der sog. Handlungsautonomie. Diese impliziert eine Kontrolle der eigenen Tätigkeit bzw. die Kontrolle der eigenen Profession. Professionen entziehen sich somit der Kontrolle durch Laien, Externe oder Organisationen bzw. der Berufsgruppe wird die Autonomie zugesprochen. Laut Daheim (1992) ist das Problem der Handlungsautonomie in Anlehnung an Forsyth/Danisiewitsch (1985) zweigeteilt zu betrachten: Autonomie von der Organisation und Autonomie vom Klienten/Laien, wobei ersterer Gegenstand „der Untersuchungen über den „professional in complex organisations“ ist und zweiterer Gegenstand der „Professionssoziologie auf der Mikroebene des professionellen Handelns“ (Daheim 1992, 31).

2.2.3.1 Organisationsautonomie

Mit der zunehmenden Verlagerung von Dienstleistungen in große Organisationen und somit der Reduktion des klassischen Freiberuflerstatus, wird die Frage nach Organisationsautonomie aufgeworfen. Nach Hughes (1971) erbringen die Professionellen in Organisationen Leistungen für den Klienten unter einer bürokratischen Kontrolle durch ein System, welches strukturlogisch keine Befugnis zur Kontrolle über die Arbeit des Professionellen hat, da sie professionsfremden Prämissen folgt. Es wird unklar, wer eigentlich der Klient ist. Ist es die Einzelperson als Klient, die die Dienstleistung des Professionellen in Anspruch nimmt oder ist es möglicherweise die Institution, für die der Professionelle arbeitet. Schaeffer (vgl. 1994) gibt hier als Beispiel den Betriebsarzt an, der mit seinen Entscheidungen zwischen den Interessen des Betriebes und/oder der Klienten/Angestellten zu differenzieren hat, wodurch entsprechende Interessenskonflikte vorprogrammiert sind.

2.2.3.2 Klientenautonomie

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Hierunter wird verstanden, dass sich das Handeln der Professionellen der Kontrolle durch den Klienten entzieht. Diesem wird als Laien bereits seit Parsons die Kompetenz zur Beurteilung der professionellen Handlung durch eine asymmetrische, auf unterschiedlichen Wissenshintergründen basierende Beziehung, abgesprochen. Der Klient ist der Laie, für den in seiner besonderen, auch sozial zugeschriebenen Rolle der Professionelle die Verantwortung für die Lösung seines Problems bereithält bzw. durch entsprechende Interventionen zur Lösung des Problems beiträgt. Legitimiert wird dieses durch das gesellschaftliche Mandat, welches der Professionelle durch die Gesellschaft zugesprochen bekommen hat und aus der Situation, in der sich die Klienten befinden (Oevermann 1990). Klienten nehmen dann die Leistung von Professionellen in Anspruch, wenn ihr alltagsweltliches Verständnis zur Lösung des besagten Problem nicht ausreichend ist und Einschränkungen in ihrer eigenen alltagspraktischen Autonomie entstehen. Aufgrund des Wissensgefälles übernimmt aber der Professionelle auch Verantwortung in dieser speziellen Situation, da die Klienten aufgrund des Wissensgefälles als schutzbedürftig in eben dieser Situation anzusehen sind. Aufgrund der in seiner Expertise verankerten wissenschaftlichen und alltagspraktischen Handlungskompetenz kann er stellvertretend für den Klienten zur Lösung des individuellen Problems beitragen, um dessen entsprechende Handlungsautonomie in der Alltagssituation wieder herzustellen. Die umstrittene Zuschreibung der expertokratischen Betrachtung des Professionellen hat in der Weiterentwicklung der professionssoziologischen Debatte seit den 80iger Jahren dazu geführt, dass der Laienstatus der Klienten (Baer 1986) zunehmend abgelehnt wird. Zwar hat er nach wie vor Probleme bei der Beurteilung der Leistung, aber eine gewisse Kontrolle über Standards durch die Klienten wird von Baer theoretisch begründet und hergeleitet. Laut Baer, erläutert von Daheim (1992, 32) werden solche Standards von Professionellen geschaffen, „um die Ungewissheiten zu beseitigen, die den einzelnen Professionellen wie den Klienten und die Öffentlichkeit plagen.“ Mit Ungewissheit ist die nicht transparente Zuverlässigkeit des Wissens, ihre Anwendungsbedingungen sowie insgesamt die Kompetenz der Profession wie die der einzelnen Professionellen gemeint. Als Rezeptwissen geben die professionellen Standards dem Praktiker Verhaltenssicherheit gegenüber dem Klienten und der Öffentlichkeit, indem sie den Eindruck rationaler Problembearbeitung erwecken. Sie stellen eine komplexe Mischung aus kognitiven und evaluativen Elementen dar, die aber den esoterischen (ausseralltäglichen) Charakter des professionellen Wissens abgelegt haben. Sie demokratisieren somit die Expertise und eröffnen damit auch dem Laien Kontrollchancen, zumal bei gestiegenem Bildungsstand und der Bereitschaft, sich gegenüber dem Angebot für professionelle Dienstleistungen marktkonform zu verhalten. Der nicht unumstrittene Ansatz Baers deutet bereits auf das Problem der Deprofessionalisierung hin, denn automatisch bedeutet die Zunahme der Klietentenmacht auch die Machtreduktion der Professionellen. Die Entwicklung der Klientenautonomie im Fokus der neueren medizinischen Entwicklungen beispielsweise im Sinne der ICF (International Classification of Functioning, vgl. WHO 2001) und der Klientenzentrierung zeigt deutlich auf, welche Entwicklung die Etablierung der Klientenautonomie genommen hat.

Die vorstehend ausgeführten Merkmale sind als Eckpunkte laut Nittel (vgl. ebd.) zwar relativer Konsens in der Professionsdebatte (obwohl die merkmalsbezogene Betrachtung der Professionen sehr umstritten ist), aber das Erreichen dieser Merkmale sagt wenig darüber aus, wie die eigentliche Verortung, die professionelle Identität, der professionelle Habitus und das individuelle, professionelle Handlungsgeschehen aussehen.

Transformationsprozesse innerhalb der Professionen, Aufweichungstendenzen und Erosionen sind aufgrund einer sich fortentwickelnden Gesellschaft als eine logische Konsequenz zu verstehen, die die den Professionen zugeschriebenen Abgrenzungs-tendenzen gegenüber den normalen Berufen aufweichen.

2.2.4 Exkurs: Berufsverbände

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Gerade in der Verknüpfung mit der Handlungsautonomie kommt der Standesvertretung, also dem Berufsverband/den Berufsverbänden eine zentrale Rolle zu. Er ist nach Hesse (1972, 71) die „wichtigste Voraussetzung dafür, dass die Berufsangehörigen die „professionalization“, die Veränderung ihres Berufes mit dem Ziel der Sicherung bzw. Steigerung der Arbeitsentschädigungen, selbständig durchführen können: dass die Gestaltung des Berufes als Selbstgestaltung der Berufsangehörigen betrieben werden kann.“ Die berufliche kollektive Selbstgestaltung und die Freiheit der Inhalte und Formen der beruflichen Ausübung sind entscheidend vom Organisationsgrad der Mitglieder abhängig. Zersplitterung in verschiedene Verbände führt zur Schwächung der Geschlossenheit der Berufsgruppe und damit zur Durchsetzung avisierter Ziele. Schulze-Krüdener (1996) sieht in dem Organisationsgrad der Mitglieder einen eindeutigen Index für den momentanen Status einer Profession. Die Existenz mehrerer Verbände verweist auf unterschiedliche Interessen innerhalb einer Berufsgruppe, was jedoch nicht zwangsläufig zur „Entwicklung eines speziellen Verbandsegoismus führen“ muss (ebd, 43). Schulze-Krüdener (ebd. 45) greift die von Millerson (1964) analysierten Ziele und Funktionen von Berufsverbänden auf. Es ergeben sich primäre und sekundäre Aufgaben. Als primäre Aufgaben sieht er die:

Als sekundäre Ziele/Funktionen werden die folgenden gesehen:

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Schulze-Krüdeners Ausführungen zeigen auf, dass ein Verband nicht die Interessen aller Mitglieder vertreten kann, sondern nur die Segmente (wie beispielsweise eine Studienrichtung) oder Segmentverbindungen, die am stärksten vertreten sind. Weiterhin kommt dem Verband die Aufgabe der Erfassung des professionellen Status Quo eines Berufes/einer Profession sowie die Festlegung der Kompetenzen der einzelnen Berufsmitglieder zu. Im Idealfall obliegt dem Berufsverband die berufliche Selbstkontrolle, d. h. die Zulassung zum Beruf sowie die Festlegung und Kontrolle der Standards und Normen der beruflichen Ausbildung. Ebenso werden neue Tätigkeitsbereiche exploriert und für eine adäquate Entlohnung der Mitglieder eingestanden. Weiterhin obliegt die Erstellung eines ethischen Codes dem Berufsverband. Dieser code of ethics wird durch Ehren- und Berufsgerichte überwacht und beinhaltet die Möglichkeit der Einleitung disziplinarischer Verfahren bei Verstössen der Mitglieder gegen diesen code of ethics.

Ein weiterer wesentlicher Aufgabenkomplex des Verbandes kann in der Etablierung einer beruflichen Handlungsautonomie gesehen werden. Dieses Streben tangiert alle bisher erwähnten sozialen und qualifikatorischen Merkmale und ist eng verwoben mit dem Phänomen der beruflichen Selbstkontrolle, der Reduzierung der Einflussnahme von unqualifizierten Externen und der Anerkennung als Professionelle/ExpertIn. In Anlehnung an Schwänke (1988, 135ff) hebt Schulze-Krüdener (ebd. 50) die vier konstituierenden Faktoren der Autonomie beruflicher Professionalität hervor:

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  1. die Stellung der Mitglieder einer Profession auf dem Arbeitsmarkt,
  2. die Anerkennung der ExpertInnenrolle/bzw. Professionellenrolle,
  3. die Selbstverwaltung und
  4. die Weisungsunabhängigkeit.

Ein starker und einflussreicher Berufsverband lässt den erklärten Willen der Mitglieder, ihre berufliche Position und die damit verbundenen Vergütungen erkennen, erhalten und ausbauen. Erst einmal erfolgreich als Mittlerinstanz zwischen Wissenschaft, Ausbildung und Tätigkeitsfeldern konstituiert, garantieren der andauernde Austausch der Mitglieder und die laufenden Kontakte mit den Abnehmern der professionell angebotenen Leistungen eine permanente Bilanzierung der Entwicklungschancen und Hemmnisse einer sich professionalisierenden Disziplin. Die berufliche Reglementierung der Ausbildungen, so wie sie vorstehend im Angloamerikanischen Ausland im Kontext von Professioalisierungsdiskursen beschrieben, lässt sich jedoch nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen, da hier in einem viel stärkeren Maß der Staat die Ausbildungen reglementiert, die Berufszulassung und - ausübung überwacht (vgl. Beck/Brater/Daheim 1980, vgl. Hesse 1968). Trotzdem können die erwähnten Aufgaben für die deutschen physiotherapeutischen Berufsverbände als Orientierungsmaßstab gelten.

2.2.5 Exkurs: Semiprofession

Legt man die vorstehend genannten Kriterien der Profession für Berufe generell an, so wird vor dem Hintergrund auch von Deprofessionalisierungstendenzen deutlich, dass nur wenige Berufe diese Kriterien erfüllen (können). Das Problem der sog. Semiprofessionen hat bereits Etzioni 1969 aufgegriffen und auch Hesse (1972) sowie Dewe rekurrieren darauf. Dewe (1986, 195) zufolge können „soziale Gebilde“ wie Semiprofessionen vornehmlich in dem Handlungsfeld „Pflege - Erziehen - Helfen“ ausgemacht werden, da sie „nur teilweise oder unvollkommen qua sozialer Mechanismen eine eigenen Fachkompetenz gegenüber dem Laienpublikum wie auch gegenüber der Gesellschaft als ganzer für sich beanspruchen und/oder durchsetzen können.“ Etzioni (1969, 5) hat Semiprofessionen so charakterisiert: „Their training is shorter, their status is less established, there is less of especialized body knowledge and they have less autonomy from supervision or societal control than the professions.“ Semiprofessionen sind um die sogenannten Voll-Professionen herum angesiedelt, wie beispielsweise die Arzt-PhysiotherapeutIn-Relation zeigt. Semi-Professionen verfügen über keine festen Zugangsregeln, um Berufzugehörigkeit festzulegen, besitzen keinen klar umrissenen Geltungsbereich der Berufsautonomie, verfügen über kein Standesgericht, welches über die notwendigen Sanktionen bei Missachtung der Berufsmoral verfügt. Weiterhin besitzen sie keine oder nur geringe soziale Immunität, kein Monopol an Kompetenz für die Interpretation bestimmter gesellschaftlicher Werte und sie weisen keine internalisierte Wertloyalität aus. Sie verfügen über kein Interpretationsmonopol gegenüber konkurrierenden Professionen wie auch gegenüber dem Laienpublikum, welches sie durchsetzen könnten. Zwar wird Semiprofessionen zugestanden, dass sich ihre Arbeit ansatzweise auf die zentralen Werte wie Gesundheit und Erziehung bezieht, aber aufgrund ihrer verkürzten und zum Teil ausschließlich technokratischen Ausbildung, die sie auch zum Teil fallspezifisch einsetzen können, wird ihnen die Vollprofessionalisierung abgesprochen. Sie verfügen über ein Berufswissen, scheitern aber in mehrfacher Hinsicht, das Ziel der Vollprofession zu erreichen. In der Regel sind Semiprofessionen bestrebt, früher oder später als Vollprofessionen anerkannt zu werden. Eine Ursache im Scheitern dieses Ziels wird in dem hohen Frauenanteil des Berufes gesehen. Professionalisierungsbestrebungen von zumeist sozial ausgerichteten Berufen werden aufgrund der generellen Abwertung weiblicher Berufsarbeit stark eingedämmt bzw. gebremst. Hinzukommend wird als Begründung auch angegeben, dass das Wissen dieser Berufe einerseits zu unpräzise oder vage jedoch andererseits zu spezifisch für die Erlangung der Exklusivität einer Profession ist. Ein weiteres Problem von Semiprofessionen zeichnet sich durch die mangelnde Handlungsautonomie aus. Nicht nur die fehlende Klienten- und Organisationsautonomie ist kennzeichnend (Forsyth/Danisisiecz 1985), sondern auch die fehlende autonome Kontrolle über den eigenen Berufsstand, d.h. u.a. auch die mangelnde Kontrolle über die Ausbildung und deren Inhalte und Ausgestaltung.

2.3 Professionalisierung

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Unter Professionalisierung wird zunächst der Entwicklungsprozess verstanden, den Berufe durchlaufen können, um sich dem Phänomen Profession anzunähern, wobei aber nicht zwingend ein Zusammenhang zwischen Professionalisierung und Profession gegeben sein muss. „Eine Profession ist ein soziales Aggregat und Professionalisierung stellt einen sozialen Prozess dar, dessen Ausgang unbestimmt ist“ (Nittel 2000, 49). Professionalisierungsprozesse sind nicht notwendigerweise an einen akademischen Beruf geknüpft, sondern können ebenso in dienstleistungsorientierten oder gewerblichen Berufen stattfinden (vgl. hierzu auch Goode 1972, Hesse 1972). Nittel (ebd.) verdeutlicht den Unterschied zwischen Professionalisierung und Profession, in dem er das Handlungssubjekt in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. „Das Subjekt einer Profession ist mit der Summe all jener beruflichen Rollenträger identisch, die im Besitz einer bestimmten beruflichen Lizenz und des damit korrespondierenden Berufswissens sind und somit von der personalen Seite her die Bedingung für die Möglichkeit des professionellen Handlungssystems sichern. Außerhalb der Profession bzw. der Berufskultur stehen die Laien, die Klienten, aber auch die Berufsnovizen. Das Subjekt der Professionalisierung ist im Vergleich dazu viel schwerer zu bestimmen, denn der Träger der diesbezüglichen Prozesse besteht aus einer Vielzahl von Akteuren und Instanzen: Neben den Berufsvertretern selbst und deren Organisationen spielen vor allem juristische, politische, wissenschaftliche und staatliche Entscheidungsträger sowie mit Definitionsmacht ausgestattete Teile der Öffentlichkeit eine große Rolle, die an der Konstitution eines bereits existierenden Berufes etwas ändern oder einen neuen Beruf zu formieren suchen“ (ebd. 50).

Professionalisierung kann sowohl als ein Weg als auch als das Ziel betrachtet werden. Häufig wird Professionalisierung vor dem Hintergrund berufs- und machtpolitischer Auseinandersetzungen diskutiert, die dazu dienen, einem existierenden Beruf zu mehr Einflussnahme, Macht und Prestige zu verhelfen, die nach Hesse darin gipfelt, „eine staatlich oder gesellschaftlich sanktionierte Autonomie als Voraussetzung zur Verbesserung einzelner Arbeitsentschädigungschancen“ (Hesse 1972, 69) zu erlangen. Motive für Professionalisierungsdiskussionen lassen sich vermehrt in der niedrigen Vergütung der eigenen Arbeit, geringer Einflussnahme in politischen Kontexten und der mangelnden Definitionsmacht für die eigene Berufsausübung verzeichnen. Professionalisierung lässt sich nach Nittel (2000, 61) in verschiedenen Formen begreifen: Zum einen als individueller Prozess der beruflichen Reifung, als kollektives Projekt der Bündelung von Berufsrollen sowie als Prozess der Verwissenschaftlichung. Der Prozess kann sowohl selbst- als auch fremdgesteuert sein. Darüber hinaus spricht er das Phänomen sekundärer Professionalisierung an und meint damit „einen bestimmten Modus der Neukonstitution eines wissenschaftlichen Faches, einer wissenschaftlichen Disziplin. Diese wissenschaftliche Disziplinbildung führt - sobald sie in den Modus der sekundären Professionalisierung übergeht - zu einer Art berufspolitischem Zugzwang, [...] dass die ausgebildeten Praktiker neue Stellen schaffen, die ohne sie vielleicht gar nicht da gewesen wären“ (ebd. 59). Mittels dieses Mechanismus wird der „wissenschaftliche“ Professionelle kreiert. Dieser „wissenschaftliche Professionelle“ bewegt sich im Gegensatz zum klassischen Professionellen „auf offenen Beschäftigungsmärkten mit breiten Grenzzonen, in welchen Personen mit ganz verschiedenen Qualifikationsvoraussetzungen Beschäftigungschancen haben. Hinzu kommt die Abwesenheit von professioneller Autonomie im klassischen Sinne des Begriffes: wissenschaftliche „Professionelle“ haben es oft mit Klienten und Vorgesetzten zu tun, die sowohl über Ziel und Ausführung der Tätigkeit des Professionellen bestimmen als auch seine Leistung kontrollieren“ (Stichweh 1987, 258 zitiert in Nittel 2000, 58).

Laut Nittel (ebd) können Professionalisierungsprozesse grundsätzlich durch zwei mögliche Auslöser in Gang gesetzt werden: Zum einen muss eine hohe intrinsische Motivation zur Leistungserbringung vorhanden sein. Diese gesteigerte Leistungserbringung muss dann durch die potentiellen Abnehmer der Leistung honoriert werden (gesteigerte Vergütung, Ansehen) und auf einem stabilen Vertrauensverhältnis zwischen Klient und Professionellem fußen. Eine andere Möglichkeit der Erhöhung des sozialen Anspruchsniveaus besteht darin, dass die Erbringer von hoher Leistung trotz geringer Honorierung durch die Abnehmer, ihre Leistung weiterhin auf hohem Niveau erbringen - quasi im Sinne der Überzeugungsarbeit.

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Professionalisierungsansätze lassen sich in unterschiedlichen Denkrichtungen und theoretischen Bezugsrahmen wiederfinden. So liegt den meisten Betrachtungen eine makrostrukturelle Analyseperspektive zugrunde. Diese makrostrukturellen Ansätze werden bis auf den merkmalsbezogenen, den machttheoretischen und den feministischen Ansatz (begründet mit der Auswertung der Interviews) hier nur erwähnt werden, was jedoch nicht suggerieren soll, dass sie eine untergeordnete Rolle in der Betrachtung von Professionalisierung spielen. Der Makroebene können insgesamt die prozessualen (z.B. Hesse 1972), systemischen (z.B. Bucher und Strauss 1972), feministischen (z.B. Rabe-Kleberg 1996; Gildemeister 1992; Roloff 1992; Wetterer 1992; Feinman-Nemser/Floden 1991), funktionalistischen (z.B. Dewe et al. 1986; Daheim 1992, 1973, 1970), die machttheoretischen Ansätze (vgl. Olk 1986; Rüschemeyer 1973; Freidson 1986; Sarfatty-Larson 1977) sowie der bereits erwähnte merkmalsorientierte Ansatz zugeordnet werden (Hartmann 1972; Carr-Saunders 1933, u.v.m.)

2.3.1 Merkmalsbezogener Ansatz

Bereits 1933 untersuchten Carr-Saunders und Wilson unter der Prämisse spezialisierten/speziellen Wissens und intellektueller Techniken Berufe und kamen zu der Erkenntnis, dass die folgenden Merkmale typisch für Professionen seien (einige dieser Merkmale sind bereits ausführlich im Kapitel 2.2 „Profession“ erörtert worden):

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Erst ca. 20 Jahre später gelingt eine Einteilung in die sog. old established professions (z. B. Mediziner), new professions (Ingenieure, Psychologen, etc.) und semiprofessions (Krankenschwester, Sozialarbeiter). Millerson (1964, 4) arbeitete in einer sozialhistorischen Studie im englischsprachigen Raum anhand der Häufigkeit genannter Merkmale die folgenden fünf Merkmale einer Profession heraus:

Weiterhin spricht Millerson davon, dass der Professionelle sich durch eine berufliche Unabhängigkeit auszeichnet, einen öffentlichen Dienst verrichtet und sein höherer Bildungsgrad einen höheren Status legitimiert. „It is a type of higher-grade, non manual occupation, with both subjectively and objectively recognized occupational status, processing a well defined area of study or concern and providing a definite service, after advanced training and education (ebd, 10).

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Die vorgenannten Merkmale wurden häufig als ausschlaggebende Kriterien für die Einordnung bzw. den Status einer Profession oder eines Berufes gewählt, sind jedoch hochgradig umstritten.

Dewe et al. (2001) ergänzen in ihrem Beitrag „Zur Neubestimmung von Professionalität im sozialberuflichen Handeln“, dass die nicht enden wollende Flut der meisten Merkmalskataloge zur Differenzierung von Beruf und Profession als „theorieabstinent und konzeptionsarm“ bezeichnet werden können. Letztlich sagt die Erfüllung der vorgenannten Kriterien nichts über den Professionalisierungsgrad einer Person aus. Zudem mag es suggerieren, dass im bildungspolitischen Kontext Akademisierung als Voraussetzung für Verwissenschaftlichung mit Professionalisierung gleichgesetzt werden kann, welches jedoch nicht der Realität entspricht.

2.3.2 Feministischer Ansatz

Die Diskussion um die Geschlechterspezifik von Professionalisierungsprozessen wird zumeist nur dann aufgegriffen, wenn die Beleuchtung der sog. Semi-Professionen ins Blickfeld rückt, bzw. wenn eruiert werden soll, warum sich Berufe nicht zu Professionen entwickeln, (vgl. hierzu auch Etzioni in diesem Kapitel). Wie eingangs bereits erwähnt, zeichnen sich Semi-Professionen durch einen erheblichen Anteil weiblicher Berufsangehöriger aus. Bereits 1976 hat Winkel (115ff) für den Lehrerberuf, der über weite Strecken ähnliche bzw. vergleichbare Grundzüge und Gemeinsamkeiten mit den therapeutischen Berufen aufweist, festgehalten, dass Feminisierung eine der Hauptursachen für die Semi-Professionalität sei, da mit ihr eine hohe Fluktuation und ein angepasstes Sozialverhalten einhergehe, welches einer Professionalisierung im Wege stünde.

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In den darauf folgenden Jahren wurden Professionalisierungsprozesse vermehrt unter geschlechtsspezifischen Aspekten analysiert und entsprechend kritisiert (vgl. Gildemeister 1992, 207ff; Wetterer 1992, 13ff; Feinman-Nemser/Floden 1991, 67ff;). Die Unterrepräsentanz von Frauen in männerdominierten Professions- und Wissenschaftsbereichen führte dazu, dass geschlechtsspezifische Aspekte zu Professionalisierung selten zum Tragen kamen. Wetterer plädiert 1992 dafür, dass „... die Analyse von Professionalisierungsprozessen im Rahmen feministischer Sozialwissenschaft die strukturelle Funktion des Geschlechterverhältnisses an zentraler Stelle und in kritischer Absicht mitreflektiert, statt sie in androzentrischen Abstraktionen zum Verschwinden zu bringen, dass sie die Ausgrenzung von Frauen als konstitutiven Teil der Etablierung von Professionen begreift und deren immer noch konstatierende Marginalität (auch) als Folge von Professionalisierungsprozessen, kurz: dass sie das Verhältnis von Profession und Geschlecht in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses rückt“ (Wetterer 1992, 7). Die Marginalität von Frauen in höherqualifizierten Berufen wird erst durch die feministische Analyse von Professionalisierungsprozessen möglich und zeigt die ökonomischen und gesellschaftlichen Benachteiligungen von Frauen auf (vgl. ebd. 14).

Frauen sind aufgrund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und Doppelbelastung von Familie und Beruf einer Interferenz von Berufs- und Reproduktionsbereich unterworfen, die zur strukturellen Benachteiligung führt.

Die Diskrimination von Frauen im Wirtschafts- und Berufsbereich geschieht durch hierarchische Strukturen sowie die Aufteilung in Männer- und Frauenberufe.

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Asymmetrien und Widersprüche „... zwischen weiblicher Identität oder weiblichem Arbeitsvermögen auf der einen und männlich geprägter Berufskultur auf der anderen Seite“ (ebd. 14) führen zu symbolisch ausgedrückter Geschlechterdifferenz.

Auch kann die Differenz, die von ambitionierten Frauen zwischen ihrer weiblichen und ihrer beruflichen Identität im Kontext der Erfolgsorientierung im beruflichen Alltagshandeln ausgeglichen werden muss, allgemein zu Einschränkungen im Berufsverhalten führen, welches sich auf die Professionalisierung auswirkt. „Im Beharren auf Differenzen zwischen uns als Individuen und dem gesellschaftlichen Konstrukt von weiblicher Identität stoßen wir immer wieder auf die Macht männlicher Maßstäbe - auch bei Frauen“ (Becker-Schmidt/Knapp 1987, 150).

Das System der macht- und marktökonomischen Prinzipien erklärt die Unterrepräsentanz von Frauen in höher- bzw. hochqualifizierten Berufen. Die männliche Definitionsmacht innerhalb des Systems definiert die für das männliche Geschlecht in Frage kommenden Berufe und weist den Frauen - wenn auch nicht vordergründig leicht zu durchschauen - die mit weniger Sozialstatus einhergehenden Tätigkeiten zu. In diesem Kontext spielt insbesondere Bildung eine wesentliche Schlüsselrolle im Prozess der Professionalisierung.

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Die bis heute wichtigste Form der Unterscheidung zwischen Beruf und Profession ist die den Professionen uneingeschränkt zugesprochene Form der akademisch formalisierten und zertifizierten Bildung. Rabe-Kleberg rekurriert in ihren Aussagen, dass:

Historische Verdrängungs- und Ausgrenzungsprozesse von Frauen aus universitären, langen Ausbildungen und somit der sozialen Exklusivität haben sich bis in das Jahr 1899 (Zulassung der ersten Frau zum Medizinstudium) gehalten und unterstreichen die männerdominierten „alten Professionen“ noch heute. Selbst die Zulassung zu Bildungsprozessen der gleichen „Professionen“ hat nicht zwangsläufig zur Folge gehabt, dass die den Männern zugesprochene Exklusivität auch automatisch für die Frauen gegolten hat. In Abhängigkeit von der Arbeitsmarktlage wurden und werden Frauen sowohl in horizontaler als auch vertikaler Ebene im Sinne der „Re-Formierung der Geschlechterhierarchie“ (Wetterer 1992, 26) wieder ausgeschlossen. „Die Entstehung und Entwicklung von Professionen, die sie begleitenden Prozesse der Schließung, die von der generellen Ausgrenzung bis hin zu subtileren Formen der Marginalisierung von Frauen geführt haben und noch führen, sind dafür ein ebenso prägnantes Beispiel wie die Prozesse der sozialen Differenzierung, die in der Abspaltung und Unterordnung bestimmter Tätigkeitsabschnitte bestehen, die dann der Arzt der Krankenschwester oder der Anwalt seiner Anwaltsgehilfin überlässt“ (ebd. 26).

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In der traditionellen Entwicklung von Berufen und Professionen wurden Frauen zumeist nur jene Berufe zugedacht, die sich den Semi-Professionen zuordnen ließen, so auch die Physiotherapie, die sich als ärztlicher Heil-/Hilfsberuf entwickelte. Im Zuge der Professionalisierungsansätze in der Physiotherapie sind diese Prozesse auch unter der Vergeschlechtlichung zu beleuchten. Es gilt geschlechtsspezifische Einflussgrößen zu identifizieren, die sich auf den Prozess und seine Richtungsweisung auswirken. Erst in der Rekapitulation dieser Einflussgrößen werden die entsprechenden Leistungen von Frauen sichtbar: „Die Untersuchung der historischen Herausbildung von Professionen aber lehrt, soziale Prozesse als mit den daran Teilnehmenden veränderbar zu begreifen. Ein Professionalisierungsprozess, an dem Frauen sich aktiv und mitgestaltend beteiligen, könnte ganz andere Aspekte der Berufs- und Habitusentwicklung zum Tragen bringen, und es würde ein ganz anderer Begriff davon geprägt“ (Roloff 1992, 142).

Nicht nur spielen die makrospezifischen Betrachtungsweisen von Geschlecht eine wesentliche Rolle im Professionalisierungsprozess, sondern gerade die Auswirkungen von Geschlecht auf die mikrospezifische Betrachtungsweise von Professionalisierung (die das Individuum im Zentrum sieht) sind von großem Interesse, da hier die Einflussnahme von Geschlecht auf die Ausprägung einer beruflichen Identität und eines beruflichen Habitus sowie Selbstverständnis deutlich werden.

2.3.3 Macht- bzw. herrschaftstheoretischer Ansatz

Professionalisierung unter dieser Betrachtungsweise wird verstanden als eine Strategie von Berufen, sich als „Experten“ Kompetenzen und Monopole zu sichern bzw. die Legitimation von Herrschaft zu verdeutlichen. Machtheoretische Betrachtungen kritisieren die Ansätze der „funktionalen“ Betrachtungsweise von Professionen, die als zentralen Punkt die Selbstkontrolle als elementaren Bestandteil zwischen Gesellschaft und Profession haben. Die hieraus ableitbaren Vorteile für die Professionen werden aus machttheoretischer Sicht jedoch scharf kritisiert: „Im Negativbild dieser Kritik dienen Gemeinwohlorientierung, Dienstideal und der Anspruch auf Selbstkontrolle hauptsächlich der Rechtfertigung eines lukrativen Berufsmonopols, das außerdem noch gegen unangenehme Aufsicht von außen schützt, sowie Prestige und Respekt von Seiten der Laienwelt sichert“ (Rüschemeyer 1972). Freidson hat in diesem Kontext darauf hingewiesen, dass Angehörige von Professionen nicht aufgrund von Dienstgesinnung und beruflichen Fertigkeiten charakterisiert werden können.

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Der Vorwurf also lautet, dass es Professionen nicht so sehr um die Lösung gesellschaftlicher Probleme, sondern um einen spezifischen Machtaufbau und die Bündelung der Interessen der Professionsmitglieder geht (in diesem Zusammenhang sei auf die Bedeutung von Berufsverbänden verwiesen, die eben diese Bündelung der Machtpotentiale vornimmt), und dem Zweck der berufspolitischen Einflussnahme und der Sicherung ökonomischer Marktanteile dient. Daheim und Schönbauer (1993) haben Professionalisierung als ein Mittelschichtprojekt bezeichnet, welches als ein in der Mittelschicht angesiedeltes, zumeist auf eine hohe, universitäre Ausbildung setzendes und damit Privilegien garantierendes System baut, indem die Professionsmitglieder staatlich garantierte Dienstleistungen zu relativ hohen Preisen anbieten können. Diese Dienstleistung wird dann zumeist von einem entsprechend finanzkräftigen Klientel in Anspruch genommen. Die Werte der Mittelschicht, wie beispielsweise die Autonomie der Berufsausübung, hohes Ansehen und hohes Einkommen sind auch die betonten Merkmale der Professionen. Machttheoretische Auseinandersetzungen beschreiben die Existenz eines beruflichen Ethos als ein Verschleierungsphänomen, welches von den eigentlichen Zielen der Professionalisierung, nämlich Macht zu erlangen, ablenkt (vgl. hierzu auch Sarfatti-Larsson 1977). „Die Vorteile, die mit dem Status einer anerkannten Profession verbunden sind, scheinen attraktiv genug, um alle Macht, alles Prestige und alle Mittel ideologischer Propaganda zu mobilisieren, um eine solche Position zu erhalten oder zu erwerben, sei es nun legitim oder nicht“ (Rüschemeyer 1972). In der Regel verfügen Professionen über wissenschaftlich-theoretisch untermauerte und etablierte Wissenschaftsdisziplinen und sind in der Lage, das eigene Wissen zu definieren und weiterzuentwickeln, wobei die Definition der Maxime der ökonomischen Gewinnmaximierung unterliegt. Da die Gesellschaft bzw. die Laien auf die Tätigkeit der „Professionellen“ bzw. der „Experten“ angewiesen sind und sich eine relative Abhängigkeitssituation einstellt, sichern sie sich gleichzeitig Privilegien und ein Kompetenzmonopol, welches ihre Macht deutlich unterstreicht.

Die massive Kritik Illichs (1979) an einer Expertokratie bzw. Expertenherrschaft, greift die Punkte der selbsternannten Definitionsmacht neuer Bedürfnisse und der alleinigen Befriedigung durch die Professionsmitglieder auf. Weiterhin kritisiert er ein unkommunizierbares Spezialwissen, welches unterstreicht, dass genau dieses Wissen benötigt wird. Der Besitz von Wissen und Zertifikaten wird dominant, wobei die Experten mittels einer eigenen erfundenen Fachsprache dem Laien den Zugang zu diesem Wissen unverständlich machen.

Hohes Einkommen, eine lange Spezialausbildung sowie hohes Ansehen der Professionen und ihrer Mitglieder sichern ihre Macht, aber diese wird erweitert um „...die Vollmacht des Experten, einen Menschen als Klienten oder Patienten zu definieren, die Bedürfnisse des Menschen zu bestimmen und ihm ein Rezept auszuhändigen, dass seine neue gesellschaftliche Rolle definiert“ (ebd.).

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Nun existieren neben den genannten Ansätzen von Professionalisierung auf der Makroebene diejenigen der Mikroebene. Diese beziehen sich auf Kompetenz- und Subjektorientierung und nehmen somit einen Perspektivwechsel vor und deuten die Unzulänglichkeit der makrostrukturellen Betrachtungsweise an. Diese handlungsorientierten Ansätze unterschiedlicher theoretischer Ausprägungen (vgl. Schütze 2000; Glagow 1985; u.v.m.) lenken den Fokus von der Betrachtung strategisch-politischer Entwicklungen eines gesamten Berufsstandes vor dem Hintergrund makrostruktureller Betrachtungsweisen um auf die individuenbezogene Ebene. Diese Debatte erweiterte die makrostrukturellen Professionalisierungsansätze um die Binnenperspektive und Handlungsvollzüge der einzelnen Berufe. Professionalisierung wird mehrdimensional durch den Einbezug des Individuums bzw. des Subjektes, wobei ebenfalls lebens- und berufslaufbahngeschichtlich erworbene und (berufs-) identitätsmäßig verankerte, individuelle Handlungsprogramme, Deutungsmuster und Berufskulturen zum Tragen kommen. Diese Betrachtungsweise wird im Folgenden unter dem Phänomen „Professionalität“ mit der Zentralfigur des Individuums beleuchtet.

2.4 Professionalität

Wie bereits eingangs erwähnt, besteht das vorrangige Ziel dieser Arbeit nicht darin, die auf der makrostrukturellen Ebene erreichten Meilensteine zu untersuchen, die sozusagen die eine Seite einer Medaille darstellen. Sie versucht hingegen zu ergründen, wie sich unter dem Einfluss der akademischen Ausbildung die individual-biographische Entwicklung der einzelnen Physiotherapeutin/des einzelnen Physiotherapeuten hin zu einer/m Professionellen vollzieht - was als die mikrostrukturelle Seite der Medaille aufgefasst werden kann und sich im Sinne der Professionalität ausdrücken lässt. Der individuelle Prozess formt die Berufskultur, die nach Terhart (1997) „die für einen bestimmten Beruf bzw. für ein Berufsfeld typischen Wahrnehmungsweisen, Kommunikationsformen und langfristigen Persönlichkeitsprägungen derjenigen Personen, die in einem Beruf arbeiten“ transparent macht. Hier differenziert Terhart (ebd.) in die „äußere“ und die „innere“ Reflexion oder Sicht auf den Beruf. Die äußere Sicht verbindet er mit dem Image, welches der Beruf in der Öffentlichkeit besitzt und die innere Sicht greift die Einstellungen der einzelnen betroffenen Berufsangehörigen auf, die mit dem kollektiven beruflichen Selbstverständnis, den eigenen Deutungsmuster sowie der Selbstinterpretation als Bestandteile die berufliche Kultur formen. Das kollektive Selbstverständnis der BerufsinhaberInnen oder die „innere Berufskultur“ also lässt sich empirisch u. a. an Interaktionsnormen, Gratifikationsstrukturen, Berufsmotiven, Einstellungen, berufstypischem Wissen, Begründungsmustern für ihr Handeln sowie ihrer beruflichen Zufriedenheit und u.v.m. verdeutlichen (vgl. hierzu auch Ziegler 2004; Feinman-Nemser/Floden 1991) und an objektiven Kriterien festmachen und beeinflusst hierüber die berufliche Sozialisation der NovizInnen.

Während sich Professionalisierung auf der makrostrukturellen Ebene als Steigerungsprozess einer gesamten Berufsgruppe begreifen lässt, so ist der Begriff der Professionalität eng verwoben mit dem Individuum und seiner professionellen Handlungskompetenz im beruflichen Alltagsbezug. Insbesondere kann hier unterschieden werden in instrumentelle und soziale Kompetenz: Unter instrumenteller Kompetenz kann, „die Gesamtheit der Kenntnisse und Fähigkeiten (die) dazu dienen, naturwissenschaftliche bzw. technologisch verwendbare Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten praktisch nutzbar zu machen“ (Arnold 1983) begriffen werden. In der Regel handelt es sich hier um technokratisches und technologisch anwendbares Wissen, welches messbar und evaluierbar ist. Dem gegenüber stehen jedoch Berufe, die sich vermehrt durch soziale Kompetenzen auszeichnen und sich auf Bereiche des symbolisch vermittelten Handelns in den Prozessen der menschlichen Entwicklung und Beziehung konzentrieren. Insbesondere Berufe, die den menschlich orientierten Professionen zugeordnet werden können, müssen diese doppelte Kompetenz der instrumentellen und menschlichen, sozial-moralischen Kompetenz aufweisen. Bereits Arnold (1983) weist im Bezug auf pädagogische Kontexte darauf hin, dass es zwei verschiedene Begründungen für professionelles Handeln gibt: „Auf der einen Seite ist eine professionelle Distanz im Sinne affektiver Neutralität und objektiv-distanzierter Verhaltenserklärung Voraussetzung für theoriebegründete und bedingungskontrollierende Interventionen mit kalkulierbaren Wirkungschancen, auf der anderen Seite ist eine professionelle Empathie erforderlich, um eine Reduzierung des Teilnehmers (pädagogischer) Interaktionen auf den Objektstatus zu vermeiden.“

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Der theoretische Bezugsrahmen für professionelles, individuelles Handeln ist hier in der Handlungstheorie zu sehen. Vordergründig kann die Frage nach der Qualität beruflichen Handelns sowie der Qualität interaktionaler Gestaltung erbrachter Dienstleistung gestellt werden. Die zugesprochene und die definitiv vorhandene Kompetenz des Rollenträgers sind hier von wesentlichem Einfluss. Insbesondere tragen die Forschungszweige der biographietheoretischen Forschung und der Wissensverwendungsforschung zum Phänomen der „Professionalität“ bei, indem sie mittels empirischer Ergebnisse Aussagen liefern, die beispielsweise die Differenzierung von Wissensformen und den Nutzen wissenschaftlicher Erkenntnisse für den Berufspraktiker entscheidend untersuchen (wie beispielsweise für das Feld der sozialen Arbeit durch Keupp/Straus/Gmür 1989; Schütze 2000; Dewe 2000).

Nittel spricht davon (2000), dass in der professionstheoretischen Literatur soziologischer Prägung der Betrachtung von „Professionalität“ eher sekundäre Bedeutung zukommt. Es wird angenommen, dass sich Professionalität in der Logik des Berufshandelns automatisch und zumeist als logische Konsequenz einer gelungen Professionalisierung ergibt.

Professionalität umschließt grundsätzlich immer die Begrifflichkeiten Wissen, Können und Reflexion (Nittel ebd., Nittel 2002 in Kraul et al. 256; Dewe et al. 2001, 11). „Wissen und Können bilden die beiden Quellen von Professionalität, allerdings beschränkt sie sich weder auf das Fachwissen einer akademischen Disziplin noch auf die bloße Intuition oder die reine Erfahrung des virtuosen Praktikers“ (Nittel ebd. 71), sondern sie wird als eine Art Schnittmenge zu betrachten sein. Die Schwerpunkte variieren je nach Disziplin und Fokus mit der Konsequenz, dass einmal mehr die Komponente des beruflichen Handelns und auf der anderen Seite des Wissens herausgestrichen werden. Die Gegenüberstellung zweier Zitate aus dem Bereich der Erwachsenenbildung, die aber auch ohne weiteres auf den Beruf der Physiotherapie als einer Handlungsdisziplin übertragen werden können, verdeutlichen dies:

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„Professionalität ist gewissermaßen der ideologisch überhöhte Beruf, die Philosophie, die in der Arbeit steckt. Professionalität ist auch immer ein Begriff, der suggeriert, das jeweilige Handeln sei sowohl effektiv (ich tue das Richtige) wie auch effizient (ich weiss, was ich tue)“ (Nuissl 1997, 13 zitiert nach Nittel 2000, 71).

Professionalität ist „auf eine Kurzformel gebracht, die Fähigkeit nutzen zu können, breit gelagerte, wissenschaftlich vertiefte und damit vielfältig abstrahierte Kenntnisse in konkreten Situationen angemessen anwenden zu können. Oder umgekehrt betrachtet: in eben diesen Situationen zu erkennen, welche Bestandteile aus dem Wissensfundus relevant sein können, es geht also darum, im einzelnen Fall das allgemeine Problem zu entdecken. Es wollen auch immer wieder Relationen hergestellt sein zwischen gelernten Generalisierungen und eintretenden Situationen, zwischen einem umfangreichen Interpretationsrepertoire und dem unmittelbar Erfahrenen“ (Tietgens 1988, 37 zitiert nach Nittel 2000, 71).

Während das erste Zitat vermehrt auf die Handlungsseite, also den Vollzug der Handlung in der konkreten Situation abzielt, so unterstreicht das zweite die Bedeutung des wissenschaftlichen Wissens für die Professionalität. Hier ist es wichtig eine Verhältnisbestimmung vorzunehmen bzw. einen ausgewogenen Bezug beider Bereiche herzustellen, da ein Ungleichgewicht auf der einen Seite zu einem routinierten Berufshandeln ohne Reflexion und auf der anderen Seite zu ausschließlicher Theoretisierung führen würde. Das ließe die Theorie-Praxis-Schere weiter klaffen. Die Transformierbarkeit von Wissen in die Berufspraxis lässt sich durch fachspezifische Forschung unter Abnabelung von Bezugswissenschaften bewerkstelligen (vgl. Gieseke 1997). Für sie besteht das Fundament, auf welchem sich Professionalität entwickeln kann, in der Forschung, die mit jeweiligen Kooperationspartnern und vor dem Hintergrund von Methodendiskussionen durchgeführt werden sollte. Im Professionswissen sollten sich dann das wissenschaftliche Wissen, das Erfahrungswissen, die Intuition, erweitert um andere Wissensformen wie beispielsweise das Wissen um moralisch-ethische Begebenheiten wiederfinden lassen, wobei sich Professionswissen gegenüber dem sog. Alltagswissen als auch dem wissenschaftlichen Wissen abgrenzen muss. Alltagswissen ist gekennzeichnet durch die Parameter der Gleichzeitigkeit von Präzision und Vagheit, Indexikalität und Situationsbezug sowie Suspendierung des Zweifels. Demgegenüber stehen die Merkmale des wissenschaftlichen Wissen: Abstraktheit, Loslösung von Kontexten und der Institutionalisierung des Zweifels (vgl. Nittel 2000, 82).

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Dewe et al. (2001, 16) bezeichnen Professionalität als „Strukturort der Relationierung von Theorie und Praxis im Kontext dialogischer Prozesse.“ Für den Bereich der Sozialarbeit haben sie Professionalität beschrieben als die spezifische Qualität der Handlungspraxis, „die eine Erhöhung von Handlungsoptionen, Chancenvervielfältigung und die Steigerung von Partizipations- und Zugangsmöglichkeiten auf Seiten der Klienten zum Ziel hat. Reflexive [...] Praxis findet ihren Ausdruck sowohl in analytischen als auch in prozesssteuernden Kapazitäten des Handelnden, dessen faktische Bedeutsamkeit situativ in der Bearbeitung des „Falles“ realisiert wird - oder nicht“ (ebd. 16). Reflexionskompetenzen können in unterschiedlicher Ausprägung verstanden und differenziert werden (vgl. hierzu auch Schwendenwein 1990, 369ff), die auch insbesondere im nachfolgend kompetenztheoretischen Kontext relevant erscheinen. Hierzu können Reflexionskompetenzen in folgenden Bereichen gezählt werden:

Nittel (ebd.) unterscheidet im theoretischen Zugang zu Professionalität in den kompetenztheoretischen und den differenztheoretischen. Wie bereits vorstehend angeklungen, lässt sich vor eben diesem kompetenztheoretischen Hintergrund die Frage danach stellen, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten der Berufsinhaber verfügen muss, um seinen Aufgaben „professionell“ gerecht zu werden. Hier gilt es ganz klar, die aus physiotherapeutischer Sichtweise wesentlichen Kompetenzbereiche herauszufiltern (wie sie bereits im Kapitel 1.7 umrissen wurden), die situativ zu einer in der Performanz wieder zu erkennenden Regelmäßigkeit und Qualität in der Klientenarbeit führen. Wesentliche Bestandteile sind sicherlich die der programmplanerischen Gestaltung der Klient-Therapeut-Interaktion auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisgewinne, der Antizipierung der Klientenkontakte, der Zielorientierung, der Klientenzentrierung, der Selbstreflexion zu jedem Moment der therapeutischen Intervention (oder der Umgang mit sich selbst) und Selbstkontrolle, einer ethischen Haltung aufgrund eines ganzheitlichen Menschenbildes sowie die professionelle Beratung und Intervention/Anleitung. Ergänzt werden kann dieses durch methodische Kompetenz sowie politisch-strategische Kompetenz (vgl. ebd.). Allerdings ist die Festlegung von Kompetenzbereichen in der Theorie als nicht sinnvoll zu betrachten, wenn sie keine Möglichkeit der Festhaltung oder Nachvollziehbarkeit in der beruflichen Alltagspraxis erfährt. Die als programmatisch festgelegten Ziele kompetenten Handelns müssen überprüfbar sein und dürfen nicht als fiktive Rahmenparameter ohne Realitätsbezug im Raum stehen. Der Vorwurf an die kompetenztheoretische Ausformulierung von Professionalität liegt Nittel zufolge in einem zugrundegelegten harmonistischen wie auch rationalistischen Wirklichkeitsverständnis, „dass heute immer mehr obsolet zu werden scheint“ und „das Widersprüchliche, Fehlerhafte, Unreine und Konfliktträchtige am beruflichen Handeln [...] vom kompetenzbezogenen Verständnis von Professionalität tendenziell als Problem oder gar als Defizit schematisiert (wird), ohne zu erkennen, dass damit eine Perfektabilität konstruiert wird, der kaum jemand gerecht zu werden vermag (ebd. 79).“

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Als zentraler Ort von Professionalität ist das direkt auf den Menschen bezogene, interaktionelle Handeln zu betrachten, welches nach Oevermann (vgl. 1997) die Integration von Theorie und Praxis verstehen lässt. Oevermanns strukturfunktionale Analyse professionellen Handelns und Nittels Ausführungen (vgl. 2000) zur differenztheoretischen Betrachtung der Professionalität sind für die weiteren Ausführungen und das Verständnis als theoretische Ausgangsbasis zu verstehen. Oevermann zufolge ist der Ort professionellen Handelns die immerwährende und systematische Erneuerung durch Krisenbewältigung, wobei Krisen für die (weitere) personale und gesellschaftliche Entwicklung als existentiell gesehen werden; auch im Rahmen von sozialisationstheoretischer Forschung gelten Diskontinuitäten im Lebenslauf und nicht konsistente Lebensverläufe und -welten als förderlich für die persönliche Weiterentwicklung (vgl. Lempert 1998, 33). Krisen entstehen immer dort, wo routiniertes Handeln nicht mehr zur zufriedenstellenden Lösung von Problemen ausreicht; durch Krisen wird Neues generiert (vgl. Oevermann 1997, 71ff). Professionelle Krisenbewältigung bedeutet, mit unerwarteten Situationen auf der Grundlage von methodisch begründbarem Vorgehen und nicht auf Grund von personaler Charismatisierung zu agieren. Professionelles Handeln kann nie vollständig durch die Gesellschaft kontrolliert werden; somit setzt professionelles Handeln, welches sich gleichwohl der individuellen wie auch der gesellschaftlichen Autonomie verpflichtet, die Verinnerlichung eines idealtypischen Habitus, einer ethischen Grundhaltung sowie die Verknüpfung von Theorie und Praxis voraus. Hierbei spielt gerade systematisches, wissenschaftliches Wissen, welches auf den speziellen Krisenfall angewendet und transformiert werden kann, eine übergeordnete Rolle, da Krisen nicht mit alltagsroutiniertem Wissen bewältigt werden können und die Bewältigungsstrategie darüber hinaus transparent und nachvollziehbar gestaltet werden muss. Insbesondere in der eigenständigen, schnellen und wirksamen Bearbeitung von Krisen ist nach Oevermann (vgl. ebd. 85) die Strukturlogik professionalisierten Handelns zu sehen. Das Individuum befindet sich permanent in einem Spannungsfeld von „Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung“ (vgl. ebd., 77); professionelles Handeln vereint also immer „die Handlungsstruktur der Wissenschaft und (den) Handlungsmodus der Lebenspraxis“ (Nittel 2000, 82). Professionswissen grenzt sich gegenüber Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen ab bzw. kann begriffen werden als ein wechselseitiges Betrachten von Handlungswissen auf der einen und wissenschaftlichem Wissen auf der anderen Seite, welches sowohl zu Verwirrungen als auch zu produktiven Lernprozessen führen kann (vgl. ebd.). Der Umgang mit dem sog. Professionswissen in der jeweiligen zu bewältigenden Krisensituation wird durch die Gesellschaft durch die dem handelnden Subjekt zugesprochene Handlungsautonomie legitimiert.

Funktionale, professionelle Zuständigkeitsbereiche für die Krisenbewältigung differenzieren sich in jeder Gesellschaft heraus. So sieht Oevermann (1997) diese Bereiche insbesondere in Rechtsfragen bzw. der Wahrheitsbeschaffung sowie in Fragen der Gesundheit und Therapie; letztere gerade im Kontext der „Aufrechterhaltung und Gewährleistung von leiblicher und psychosozialer Integrität des einzelnen“ (ebd. 88). Darüber hinaus rechnet er jedoch auch die Wissenschaften und die Kunst zu professionellen Tätigkeiten hinzu. Diese Bereiche haben im Laufe der Ausdifferenzierung einer modernen Gesellschaft aufgrund ihrer Spezialisierung auf „methodisch explizite bzw. sinnliche Erkenntniskritik“ (Ziegler 2004) die Basis für rationale Begründungen und Geltungsfragen geliefert (vgl. ebd.). Insbesondere haben die Erfahrungswissenschaften einen Vorläuferstatus im Hinblick auf die Entwicklung der Wissenschaften als Ausbildungs- und Reproduktionsort der klassischen Professionen (Oevermann 1997). Professionelle - auf Krisenbewältigung abzielende Handlungskompetenz - zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen in zwei Schritten ablaufenden Professionalisierungsprozess nötig macht: der erste Schritt besteht in der kombinierten/verknüpften Aneignung eines erfahrungswissenschaftlichen Habitus mit dem erforderlichen Begründungswissen, der zweite Schritt in der durch einen Mentor angeleiteten Erlangung professioneller Handlungskompetenz (vgl. ebd.). Insbesondere beinhaltet die Beziehung zwischen Klient und Professionellem eine spannungsvolle und nicht widerspruchsfreie Relation zwischen funktional diffuser und funktional spezifischer Anteile. Professionelle, gesteigerte Praxis nach Oevermann bedeutet eine hohe Verantwortungsübernahme des Professionellen im Hinblick der Stärkung des Autonomiepotentials des “Klienten“ im Sinne der stellvertretenden Deutung. Mit Klienten sind Personen gemeint, die vorübergehend, situationsbedingt oder unwiederbringbar diese lebenspraktische Autonomie verloren haben bzw. sie noch nicht im Besitz dieser sind. Anhand einer individualtypischen Rekonstruktion des therapeutischen Settings entwirft er das sog. Arbeitsbündnis, das Vorkehrungen enthält, „um die hochgradige Riskanz und Anfälligkeit dieser Beziehung für Abhängigkeit erzeugende Dynamiken kontrollieren und reflektiert handhaben zu können“ (vgl. hierzu auch Helsper/Krüger/Rabe-Kleberg 2000). Die professionelle Praxis, die gekennzeichnet ist durch konstitutive Spannungen und situativ zu lösende Probleme, lässt sich nicht mit ausschließlicher Verwissenschaftlichung von Disziplinen beheben.

Obwohl im Folgenden die unterschiedlichen Ansätze nicht weiter theoretisch beleuchtet werden, so lassen sich trotzdem grundlegende Gemeinsamkeiten in Oevermanns strukturtheoretischem Zugang, Luhmanns (1997) und Stichwehs (1996) systemtheoretischer Ausdifferenzierung sowie Schützes (1992) in der Tradition der interaktionistischer Betrachtung stehenden Ausdifferenzierung von Profession/Professionalisierung im „Strukturkern professionellen Handelns“, also der interaktionalen Gestaltung der Professionellen-Klienten-Beziehung, identifizieren: nämlich die „Riskanz, Ungewissheit, paradoxe und antinomische Anforderungen, Fehleranfälligkeit und eine spezifische Strukturlogik“ (Helsper/Krüger/Rabe-Kleberg 2000) des professionellen Handelns, welches „weder als wissenschaftlich steuerbares, noch bürokratisch lenkbares bzw. expertokratisch aus allgemeinen Regelsätzen ableitbares“ (ebd.) gesehen werden kann.

2.4.1 Subjektbezogene Ansätze

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Subjektbezogene Ansätze konzentrieren die Betrachtung auf das einzelne Individuum im Kontext von Identität, Persönlichkeit und (beruflicher) Sozialisation als wesentliche Bausteine eines gelingendes Professionalisierungsprozess, bzw. der Entwicklung von Professionalität. Hierbei wird nicht die strukturelle Ebene des situativ-beruflichen Handelns in den Vordergrund gestellt, sondern die individuelle, berufsbiographische prozeßhafte Entwicklung. Subjektnahe Betrachtungen stellen ebenfalls nicht die Untersuchung bestimmter Merkmale der Professionen wie z. B. berufliche Ethik oder Autonomie beruflichen Handelns in den Vordergrund, sondern wie Bollinger und Hohl (1981) ausführen: „Wir wollen uns statt dessen mehr an die Person des Professionellen halten, an seine Lebensführung und sein Selbstverständnis, an sein Wollen und seine Interessen [...] und an seine Deformation“ (ebd. 443). Indem sie sich an der Vollprofession des Arztes orientieren, arbeiten sie Punkte heraus, die den Professionellen von einem Berufsrolleninhaber unterscheiden. So sind dieses vorrangig:

Wie die vorstehenden „Merkmale“ implizieren, spielen sowohl die berufliche Identität sowie die beruflich-biographische Sozialisation eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Professionalität. Gerade die Berufswahlmotive der altruistisch ausgerichteten Berufe, wie beispielsweise der therapeutischen, helfenden oder pädagogischen Berufe, scheinen zwar eine enge Verknüpfung von privater und beruflicher Lebensaufgaben zur Folge zu haben, jedoch haftet ihnen nach wie vor der Stempel der Semi-Professionalität an.

2.4.2 Exkurs: Berufliche Sozialisation

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Um berufliche Sozialisation, und insbesondere die durch ein Studium erworbene, wissenschaftliche Sozialisation eingehender zu beleuchten bzw. um zu eruieren, inwiefern ein Studium der Physiotherapie sich auf den Professionalisierungsprozess auswirken kann, soll an dieser Stelle mit zwei Ausflügen auf zwei weitere, unterschiedliche Bezugsrahmen verwiesen werden: zum einen auf Lemperts Bedingungen, Prozesse und Auswirkungen beruflicher Sozialisation (vgl. Lempert 1998), sowie auf Bourdieus Habituskonzept (vgl. Bourdieu 1989; 1987; Friebertshäuser 1992).

2.4.2.1 Berufliche Identität und berufliche Sozialisation

Identität als solche kann auch, obwohl umstritten, als „self“ begriffen werden (vgl. Straub 2000) und ihre Herausbildung wird als Prozess anstelle von Produkt in der sozialwissenschaftlichen Forschung begriffen. Gemäss Straub ist Identität ein Phänomen, welches mit menschlichen Wesen, ihren Fähigkeiten und Leistungen im Zusammenhang stehend, zu betrachten ist. Er sieht Identität als sozial konstruiert und vermittelt (vgl. Straub 2000), der Einzelne ist somit ein soziales und nicht solitäres Wesen (vgl. Todorov 1996, zitiert in Straub 2000). Seiner Meinung nach muss auch strikt unterschieden werden in den Bereich, der die Identität und den, der die Individualität einer Person erforscht, da jedes dieser beiden Konstrukte für sich ohne das jeweils andere existieren kann. Ein hohes Maß an Identität muss nicht zwangsläufig mit einem hohen Maß an Individualität einhergehen und umgekehrt. Die Identität stellt die Frage nach dem „wer bin ich/wer möchte ich sein“, die Individualität nach dem „wie unterscheide ich mich von den anderen, wo bin ich einzigartig und unverwechselbar.“ Obwohl Identitätsbildung immer auch mit der „Leiblichkeit des Menschen, auf vorsprachlichen und präreflexiven Momenten des Selbst- und Weltverhältnisses“ (Straub 2000) im Zusammenhang zu sehen ist, so ist personale Identität „in den entscheidenden Hinsichten als stets nur vorläufiges, zerbrechliches Resultat der kommunikativen Verständigung eines Menschen mit sich und anderen angesehen, als Ergebnis einer in den Vollzug der sozialen Praxis eingelassenen Verständigung, zumal die Sprache eine herausragende Rolle spielt“ (ebd.). Die personale Identität einer Person kann vor unterschiedlichen Hintergründen betrachtet werden. Straub (ebd.) untersucht die struktur- bzw. formaltheoretische Seite von Identität, indem er die strukturfunktionalen Begrifflichkeiten Kontinuität, Konsistenz und Kohärenz in ihrer Bedeutung für die Identität des Subjektes herausdifferenziert und gleichzeitig auf die elementare Bedeutung der zumeist in der Retrospektion narrativistisch erhobenen Komponenten/Daten empirischer Forschung hinweist. Er grenzt die strukturfunktionale von der qualitativen Identität ab, die beispielsweise entwicklungspsychologische, sozial- oder persönlichkeitspsychologische, sozio-kulturelle oder andere Perspektiven beleuchtet. Da es nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit ist, eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt „Identität“ vorzunehmen, sondern lediglich einige Aspekte des Selbstkonzeptes beruflicher Identität der PhysiotherapeutInnen vor dem Hintergrund ihrer beruflichen Sozialisation darzustellen und aufzugreifen, kann an dieser Stelle übergeleitet werden auf die Entwicklung beruflicher Identität als prozessualem Geschehen. Diese wird im Kindes- und Jugendalter begonnen, durch familiäre Prägung beeinflusst und setzt sich im Erwachsenenalter fort. Der Beruf gilt als eine Teilmenge des allgemeinen Identitätskonstruktes (vgl. Arnold 1983), und ist nicht von der privaten Lebenswelt des Individuums abgekoppelt zu verstehen. Es wird hier von einer gegenseitigen Wechselwirkung bzw. Beeinflussung beider Bereiche ausgegangen, wobei die berufliche Tätigkeit für das Individuum die Herstellung von sozialer Interaktion ermöglicht: „Diese strukturierte und überschaubare Interaktion im alltäglichen Arbeitsbereich mit ihren festgelegten Abläufen und der Existenz einer Berufskultur verleiht dem Individuum ein erhebliches Maß an Verhaltenssicherheit. Gleichzeitig stellt der Beruf das zentrale Medium für eine gesellschaftliche Integration dar. Der Beruf ist somit mehr als ein Lebensbereich neben anderen; er erfüllt eine hervorragende Funktion für die Identität und die Identitätsentwicklung des Einzelnen“ (ebd.). Laut Arnold werden sowohl die identitätsstiftende Bedeutung des Berufes wie auch die gesellschaftliche Integrationsleistung auf mehreren Ebenen verdeutlicht. Auf der Ebene der Verhaltensstandardisierungen innerhalb einer Berufsgruppe hat das Individuum die Möglichkeit, immerwährend das eigene Verhalten im Vergleich zu den Gruppenmitgliedern anzupassen bzw. zu kontrollieren und ggf. zu modifizieren. Auf der Ebene der Entwicklung eines strukturellen Prestiges hat der gesamtgesellschaftliche Status eines Berufes Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit sowie die Ausprägung eines Selbst- und Weltkonzeptes zur Folge. Die internalisierten hierarchischen Strukturen führen zur Ausprägung der beruflichen und gesellschaftlichen Selbsteinschätzung. Die Identität eines Berufsrolleninhabers erfährt auf der Ebene der beruflichen Integration Einbrüche und Instabilitäten beispielsweise durch die Berufseinmündung, Arbeitslosigkeit oder durch horizontale oder vertikale Wechsel. Lebenslaufperspektiven sind eng verwoben mit beruflicher Identität, die im Laufe beruflicher Sozialisation heranreift. Identität kann auch gesehen werden als eine gelungene Entwicklung eines Kontrollbewusstseins, worunter „die vorherrschende Vorstellung von den bewegenden Kräften im eigenen Verhalten, Handeln und Leben“, sowie eine moralischen Urteilsfähigkeit im Sinne der „Fähigkeit, für soziale Konflikte allgemein akzeptable Lösungen vorzuschlagen und [...] überzeugend zu begründen“ sowie eine soziale und personale Identität, auch verstanden als „individuelle Einzigartigkeit und Authentizität“ (Lempert 1998) gesehen werden kann. Darüber hinaus ist Identität durch ein hohes Maß an Selbstreflexivität in unterschiedlichsten Belangen (nicht nur) des beruflichen Handelns zu begreifen. Wie bereits erwähnt, ist die vorliegende Untersuchung jedoch nicht unter dem theoretischen Konstrukt von „Identität“ entstanden. Sie erhebt nur einige Aspekte von Identität bzw. des Selbstkonzeptes von PhysiotherapeutInnen. Wobei Selbstkonzept im Sinne der Identitätsforschung als psychische Generalisierung der kognitiven Komponente von Identität betrachtet werden kann, wohingegen im Selbstwertgefühl die emotionale und in den Kontrollüberzeugungen die motivationale Komponente von Identität zum Tragen kommt (vgl. Ziegler 2004 in Anlehnung an Frey/Haußer 1987).

Unter beruflicher Sozialisation kann die persönlichkeitsstrukturelle Entwicklung verstanden werden, die sich durch die Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Bedingungen des Arbeitslebens und der Arbeitsprozesse ergeben. Unter anderem kristallisieren sich unterschiedliche Formen der Sozialisation heraus: die Sozialisation für den Beruf, die Sozialisation in den Beruf und die Sozialisation im Beruf, wobei letztere beiden für die vorliegende Arbeit von Interesse sind. Mit der Sozialisation in den Beruf ist die Phase der beruflichen Ausbildung gemeint, in der die für den Beruf typischen Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten, Einstellungen und Verhaltensmuster vermittelt werden. Diese Persönlichkeitsmerkmale sind als charakteristisch für einen bestimmten beruflichen Habitus anzusehen und als Distinktionsmerkmale im Vergleich zu anderen Berufsgruppen erkennbar. Sozialisation im Beruf wiederum ist von den Organisationsstrukturen, den Anforderungen durch die Arbeit, den Zielen sowie den individuellen Möglichkeiten der einzelnen BerufsrolleninhaberInnen beeinflusst. Wendepunkte und Brüche (oder auch Diskontinuitäten nach Lempert 1998, 33) im beruflichen Leben verdeutlichen die enge Vernetzung von beruflicher Identität und Sozialisation. Diese Brüche oder auch Dissonanzen müssen durch das Individuum im Sinne einer Anpassungsleistung ausgeglichen werden, um der neuen Rolle gerecht werden zu können, bzw. sich mit ihr identifizieren zu können. Hierzu gehören die Adaptation und/oder Integration an/in die neue Situation, ohne dass es zu Rollenkonflikten oder zur Unglaubwürdigkeit in der neuen „Rollenidentität“ führt. Für die Studierenden der Physiotherapie werden sicherlich Diskontinuitäten zu erwarten sein, da einige von ihnen erst in einem zweiten Schritt das Studium aufnehmen (konnten), da bis zum Jahr 2001 in Deutschland keine Möglichkeit zur akademischen Ausbildung gegeben war.

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Bedingungen beruflicher Sozialisation im Sinne sozialer Umweltstrukturen sind nach Lempert (1998) auf drei unterschiedlichen Ebenen, der Makro-, Meso- und Mikroebene, zu sehen, wobei bereits vorweg erwähnt sein soll, dass sich diese Ebenen gegenseitig beeinflussen bzw. Wechselwirkungen aufweisen.

Der Makroebene ordnet er die Profession (den Beruf) selbst, den regionalen und branchenspezifischen Arbeitsmarkt zu. Für die vorliegende Untersuchung kann dies im Gesundheitssystem und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesehen werden, denn neben lebenslauftheoretischen Betrachtungen spielen gesellschaftliche Rahmensetzungen gerade für die berufliche Entscheidungsfindung eine wesentliche Rolle. Hier kann zurückgegangen werden auf die vorberufliche Sozialisation, d. h. die Einflussnahme über Elternhaus, berufliche Stellung der Eltern und die damit verbundene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Karriereplanungen und –strategien zeigen sich in der Studienwahl im Zusammenhang mit der Entwicklung von Berufszielen.

Zur Mesoebene gehören nach Lempert die konkreten Institutionen, die einen Einfluss auf die berufliche Sozialisation ausüben. Dieses sind im Falle der Physiotherapie sowohl die neu entstandenen/entstehenden Fachhochschulen, die bestehenden Fachschulen sowie die praktischen Einsatzorte für die in der Ausbildung/Studium befindlichen PhysiotherapeutInnen. Dieser Ebene werden aber auch die konkreten Ablaufstrukturen zugeordnet. Hierunter versteht Lempert (ebd. ) die institutionell oder inhaltlichen geregelten Bedingungen, die einen zeitlichen Ablauf in der beruflichen Sozialisation vorgeben. Dieses können im Hinblick auf die Physiotherapie die unterschiedlichen Voraussetzungen zur Aufnahme des Studiums wie beispielsweise im Fall des Fachhochschulstudienganges in Fulda/Marburg sein, die eine Ausbildung zur PhysiotherapeutIn, eine sich anschließende mindestens zweijährige Berufserfahrung sowie Teilnahme an mindestens einer großen Weiterbildung nötig macht. Es wird deutlich, dass die Studierenden dieses Studienganges hier bereits über eine mindestens fünfjährige Sozialisation als PhysiotherapeutIn verfügen im Vergleich zu denjenigen, die direkt ein Studium aufnehmen (siehe hierzu auch Kapitel 1.8 und Anhang E). Zudem bestimmen Karriereerwartungen die eingeschlagenen Wege oder beruflichen Entscheidungen. Im Fall der Physiotherapie war bisher noch nicht klar, welche auslösenden Momente die Berufswahlentscheidung oder Karrierevorstellungen bestimmen. Ebenfalls unbekannt ist, inwiefern sich das „Prestige“ von Physiotherapie in der Gesellschaft darstellt bzw. es überhaupt ein Prestige gibt. Der Beruf der PhysiotherapeutIn war bisher in der vertikalen Aufstiegsmöglichkeit beschränkt und abgesehen von der Möglichkeit in unterschiedlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens zu arbeiten oder in die selbständige Tätigkeit zu wechseln als eher sehr begrenzt anzusehen. Die motivationalen Faktoren zur Aufnahme eines Studiums der Physiotherapie werden eruiert. Sicherlich ist die fachbezogene Weiterentwicklung der physiotherapeutischen Tätigkeit im Sinne einer akademischen die sicherlich logisch konsequente.

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Die Bedingungen der Mikroebene beruflicher Sozialisation sind gemäss Lempert die jeweiligen Interaktionspartner und ihre Interaktionsbeziehungen sowie die gegenständlichen Bezüge zuzuordnen. Dieses sind im Falle der Physiotherapie die KollegInnen in der beruflichen Praxis, KomillitonInnen, LehrerInnen, ProfessorInnen, KlientInnen und KollegInnen aus anderen medizinischen Fachbereichen, Verwaltungspersonal der Fachhochschulen, Kostenträgern uvm. Die Relevanz und die Form der jeweiligen Beziehungen entscheidet über das Ausmaß an Sozialisierungsauswirkungen auf das Individuum. Dabei wird eine strukturell-rollenförmige Beziehung (vgl. Oevermann 1997) wie sie z. B. zwischen PhysiotherapeutIn und Kostenträger oder Studiensekretariat und StudentIn besteht, weniger Auswirkungen auf den Sozialisationsprozess haben. Denn die rollenspezifische Gebundenheit der Interaktionspartner kann jederzeit gelöst werden bzw. die jeweiligen Interaktionspartner können ausgetauscht werden, da ihre rollenförmig strukturierte Beziehung auch mit anderen Interaktionspartnern Bestand hat (vgl. Ziegler 2004, 33). Strukturell-diffuse Beziehungen (vgl. Oevermann 1997) zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Individuen als Ganzes begegnen, wie beispielsweise bei der Entwicklung von Freundschaften während des Studiums. Strukturell-diffuse Beziehungen sind dadurch charakterisiert, dass ihre Interaktion und Kommunikation keine Normierung erfährt und die Beziehung beendet ist, wenn einer der beiden Interaktionspartner aus dem Blickfeld entschwindet. Strukturell diffuse Beziehungen werden als hochgradig sozialisationsrelevant eingestuft (vgl. Ziegler 2004, Oevermann 1997, Schütze 1981). In der Situation als Studierende an der Fachhochschule entwickeln die PhysiotherapeutInnen sowohl strukturell-rollenförmige als auch strukturell-diffuse Beziehungen. Oevermann (vgl. 1997), der die strukturell-diffusen Beziehungen für die therapeutische Interaktion analysiert hat, deren Übertragbarkeit auf die pädagogische Situation an der Fachhochschule durchaus gegeben ist, sieht in den strukturell-diffusen Beziehungen durchaus etwas Positives für Arbeitssituationen/-bezüge. Dieses jedoch nur unter der Voraussetzung, dass die Lehrperson/der Mentor in der Lage ist, die Rolle eines Professionellen einzunehmen, der die diffusen Anteile der Beziehung in der Lage ist zu begreifen. Er muss Verantwortung übernehmen und diese im Hinblick auf die eigene Rolle hochgradig reflektieren sowie die Grenzen des anderen nicht überschreiten. Studierende PhysiotherapeutInnen sind in doppelter Weise in diese strukturell-diffusen Beziehungen eingebunden: einerseits befinden sie sich in der StudentIn-DozentIn-Beziehung an der Fachhochschule und andererseits in der TherapeutIn-KlientIn-Beziehung. Dieses bedeutet, je nach Situation einen Rollentausch vorzunehmen und ist mit einer relativen hohen Anspruchssituation gleichzusetzen.

Unter den bereits erwähnten gegenständlichen Bezügen versteht Lempert materielle und symbolische Bedingungskontexte. Für die Studierenden der Physiotherapie sind hier vornehmlich die neuen Inhalte des Studiums zu betrachten, die die fachschulische Ausbildung ergänzen bzw. sie ersetzen sowie ihre eigene berufliche Kulturalität. Eine fachhochschulische oder akademische Kulturalität entwickeln sie zukünftig, nachdem sie zu der ersten akademisch ausgebildeten Generation der PhysiotherapeutInnen gehören und die Fachdisziplin dieses erst noch wird entwickeln müssen bzw. es sich einstellen wird.

2.4.2.2 Berufliche Identität und berufskulturelle Sozialisation

Die durch ein Hochschulstudium erworbenen neuen Kenntnisse und die Aneignung einer akademischen Fachkultur formen nicht unwesentlich das Erscheinungsbild einer „neuen“ Fachdisziplin. Im Falle der Physiotherapie kann zunächst auf keine akademische Fachkultur zurückgegriffen werden. „Die akademische Fachkultur umfasst die historischen Traditionen eines Faches, seine aktuelle gesellschaftliche Lage, die sächliche und räumliche und personelle Ausstattung, die Formen der Vermittlung von Lehrstoff, wissenschaftliche Traditionen und Selbstdefinitionen, die wissenschaftliche Reputation und ähnliches mehr. All diese Faktoren konstituieren eine Fachkultur und definieren zugleich ihren Status innerhalb der Hierarchie der Fächer. Die akademische Fachkultur repräsentieren maßgeblich die Hochschullehrenden und Dozentinnen“ (Friebertshäuser 1992). Die entsprechende Berufskultur hat bereits während des Studiums einen Einfluss auf die zu sozialisierenden Studierenden. Hier wird im Folgenden zu differenzieren sein zwischen denjenigen Studierenden, die direkt die berufskulturelle Seite vor der Aufnahme ihres Studiums in Form einer Berufstätigkeit oder in Form von Berufspraktika „erfahren“ haben von denjenigen, die ohne jegliche berufliche Vorerfahrung in das Studium der Physiotherapie eingemündet sind. Berufskultur als solche wirkt laut Friebertshäuser (vgl. ebd.) auf die studentische Fachkultur ein, indem die Studierenden entweder über Praktika, Zeitschriften, Fachliteratur o. ä. bereits ein Bild oder zumindest einen latenten Einfluss ihres angestrebten Berufes verzeichnen können. Hinzu kommt das gesellschaftliche Ansehen eines Berufes/einer Profession, welches bereits bei der Berufswahl eine Rolle gespielt haben dürfte. D. h. das Wahrnehmen des entweder antizipierten oder bereits vorhandenen (berufskulturellen) Bildes beeinflusst nicht nur die Berufswahl als solche, sondern auch die Fachkultur. Die Entwicklung eines durch (fach-)hochschulische Sozialisation erworbenen fachspezifischen Habitus durch die Studierenden spiegelt ihre eigene gesellschaftliche Verortung wider. Der fachspezifische Habitus ist gemäss Liebau und Huber (1985) geprägt durch die „anerkannten Muster der Problemstellung und -bearbeitung, von der Problemdefinition bis zu den Lösungswegen und den geltenden Gütekriterien, manifest z. T. auch im Werk der „Großen“ des Faches, z. T. in den Lehrbüchern, exemplarischen Lernsituationen und Prüfungsaufgaben“, wobei hier auch die jeweiligen Lebensstile, Einstellungen zu berücksichtigen sind. Der entwickelte Habitus ist jedoch nicht ausschließlich als ein durch universitäre sondern gesamtgesellschaftliche Einflussfaktoren zu betrachtendes Phänomen zu sehen. Friebertshäuser (ebd.) hat die Einflussgrößen für eine zu entwickelnde studentischen Fachkultur herausgearbeitet: die Herkunftskultur, die studentische Kultur, die Fachkultur sowie die antizipierte Berufskultur. Hierbei umfasst die Herkunftskultur die sozialen Hintergründe der Studierenden, den Bildungsstand im Elternhaus, die kulturellen und ökonomischen Hintergründe und die durch individuelle Dispositionen durchlaufene biographische Entwicklung hin bis zur Berufswahl. Die Entwicklung einer studentischen Kultur wird durch die „relative Homogenität der gesellschaftlichen und lebensgeschichtlichen Situation von Studierenden im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen-Gruppen und durch die gemeinsame Ausübung der Tätigkeit „forschenden Lernens“ gefördert, wobei sich die Studierenden in einer Art „psychosozialen Moratoriums“ befinden“ (ebd.). D.h. einerseits entwickeln sie eine relative persönliche und soziale Unabhängigkeit bei gleichzeitiger finanzieller Abhängigkeit vom Elternhaus oder anderen Institutionen. Der hochschulsozialisatorische Prozess verläuft in studentischen Fachkulturen und formt so den fachkulturellen Habitus aus, wobei dieser durch den Einflussfaktor Geschlecht verstanden werden kann als „Synthese aus biographisch erworbenen Dispositionen der Studierenden, studentischem Lebensstil, akademischem Verständnis und zukunftsweisendem Professionsverständnis, indem gesellschaftliche Positionierungen und Zustände präsent sind“ (ebd.). Die Ausprägung eines akademischen Habitus und die berufliche Sozialisation haben einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der beruflichen Identität.

2.4.3 Exkurs: Habitus

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Habitus im Kontext dieser Arbeit ist deswegen zu erwähnen, weil die Entwicklung eines wissenschaftlichen Habitus innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin als ein elementarer Gesichtspunkt von Sozialisation begriffen werden kann. Auf phänomenologischer Ebene lässt sich Habitus begreifen als Etwas für eine bestimmte Gruppe Spezifisches bzw. Typisches, welches sich als spezifisch/typisch identifizieren lässt, und von den Einzelindividuen dieser Gruppe stark verinnerlicht ist. Auf analytischer Ebene bedeutet es eine „generative Grammatik“ (Bourdieu 1989) von Wahrnehmen, Denken und Handeln, die ohne die Kenntnis der Regeln und ohne ihre mögliche Ausdrucksform funktioniert. Gemäss Bourdieu (1989) ermöglicht Habitus eine „intentionslose Intentionalität, die im Sinne eines Prinzips von Strategien ohne strategischen Plan, ohne rationales Kalkül ohne bewusste Zwecksetzung funktioniert.“ Hierbei geht es ihm um die komplizierte Aufdeckung des Verhältnisses, wie das nach außen Sichtbare eines sozialen Akteurs zugleich sein Inneres ist. Ohne Worte lassen sich Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppierungen erkennen, als Beispiel wird der Arzt im Krankenhaus herangezogen, der nicht nur durch seinen weißen Kittel, sondern auch an seinem Gang von den „gewöhnlichen“ Menschen zu unterscheiden ist. Der Stil des Arztes ist multifaktoriell und auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Wenn von Habitus die Rede ist, so ist immer ein gruppenspezifischer Habitus, ein „subjektives, nicht individuelles System verinnerlichter Strukturen“ gemeint (ebd.), welches die Mitglieder einer sozialen Gruppe „durch ein Verhältnis der Homologie vereinheitlicht, d. h. durch ein Verhältnis der Vielfältigkeit in der charakteristischen Homogenität ihrer gesellschaftlichen Produktionsbedingungen widerspiegelt: Jedes System individueller Dispositionen ist eine strukturale Variante der anderen Systeme. [...] Der eigene Stil, d. h. das besondere Markenzeichen, das alle Hervorbringungen desselben Habitus tragen, seien es nun Praktiken oder Werke, ist im Vergleich zum Stil einer Epoche oder Klasse immer nur Abwandlung“ (ebd. 1987). Bourdieu schreibt darüber hinaus dem Habitus die vermittelnde Stelle zwischen Individuum und Gesellschaft zu, als „Ort der Verinnerlichung der äußeren Ansprüche und Veräußerlichung der inneren Ansprüche (Bourdieu/Passeron 1971). „Die Homogenität der Habitusformen [...] bewirkt, dass Praktiken unmittelbar verständlich und vorhersehbar sind und daher als evident und selbstverständlich angenommen werden: Mit dem Habitus können die Praktiken und Werke nicht nur erzeugt, sondern auch entziffert werden. Da sie personengebunden, bezeichnend ohne Bezeichnungsabsicht sind, ist mit den gewöhnlichen Praktiken ein mehr oder weniger automatisches und personenungebundenes Verstehen möglich, wobei die Absicht, die sie objektiv ausdrücken, aufgegriffen wird, ohne dass dafür ein „Aufleben“ der erlebten Absicht dessen erforderlich wird, der sie ausführt, und auch kein bewusstes Hineinversetzen in den andern ...“ (Bourdieu 1987). Somit kann Habitus begriffen werden als der topos, an dem sich die in Form subjektiv erlebter Erwartungen darstellende Praxis (Lebensstil) mit der Struktur (Lebensbedingungen) trifft, die in Form kalkulierbarer Wahrscheinlichkeiten begriffen werden kann. Bourdieu begreift Habitus als Mittlerfunktion zwischen Struktur und Praxis. Er unternimmt den Versuch zu verdeutlichen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Position, die der einzelne innerhalb eines gesellschaftlichen Raumes einnimmt und seinem Lebensstil. Gemäss Bourdieu können somit die von spezifischen Gruppen verinnerlichten Wahrnehmens-, Denk-, Beurteilungs- und Handlungsmuster als Habitus oder auch unbewusstes Klassifikationsschema verstanden werden. Obwohl Bourdieu die soziale Herkunft als einen wesentlichen Faktor für die Entwicklung eines Habitus sieht, sind Bildungsinstitutionen und ihre reproduktive Funktion immer wieder im Zentrum seiner Betrachtungen. Er schreibt der Schule (im weitesten Sinne) das Monopol der Vermittlung von Bildung zu, indem sie die Funktion übernimmt, bewusst (oder zum Teil auch unbewusst) Unbewusstes zu übermitteln und damit Individuen hervorzubringen, die mit diesem System der unbewussten (oder tief vergrabenen) Schemata ausgerüstet sind. Somit kommt der Schule oder weiteren Bildungseinrichtungen eine zentrale Bedeutung bei der Ausprägung eines beruflichen Habitus, also der Verinnerlichung der unbewussten Denk- und Handlungsmuster zu, die die soziale Herkunftsgröße des Habitus im Laufe des Lebens veränderbar gestalten und zwar: „...durch den Einfluss einer Laufbahn veränderbar“ (Bourdieu 1989), d.h. durch Bildungsprozesse, die auch an Fachhochschulen/Universitäten angesiedelt sind. In der vorliegenden Arbeit geht es aber nicht nur darum, herauszufinden, ob und inwiefern sich ein physiotherapeutischer Habitus entwickelt (hat), sondern auch darum, wie es in der neuen Sozialisationsform im akademischen Umfeld gelingt, sich von den bekannten „alltagswissenschaftlichen“ Gepflogenheiten zu trennen und wissenschaftliche anzunehmen, bzw. der Bruch mit dem Altbekannten und das Verinnerlichen neuer Wissensbestände gelingt. In Anlehnung an Bachelard (1980) ist der Bruch mit dem altbekannten Wissen das Hindernis, welches es zu überwinden gilt und zunächst jede neue Erfahrung die alte negiert. Vorerfahrungen werden somit immer wieder hinterfragt und Wissenschaft selbst konstituiert sich erst aus dieser Bruchstelle heraus.

Betrachtet man Habitusentwicklung auf der Ebene der studentischen Sozialisation, die nicht losgelöst von bisherigen Sozialisations- und Vergesellschaftungsprozessen betrachtet werden können, so lassen sich Fragen stellen, wie:

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Natürlich ist dieses als ein unvollständiger Fragenkatalog anzusehen, dessen Ausführungen allerdings an dieser Stelle auch in keinster Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern nur andeuten sollen, in welchen Dimensionen gedacht werden kann oder muss.

Hochschulsozialisationsforschung in Verbindung mit der Entdeckung habitueller Parameter setzt eine genaue Kenntnis der Disziplin voraus, um die vorgenommenen Unterscheidungen zu anderen Disziplinen, aber auch um die disziplininternen Unterscheidungen nachvollziehen und beschreiben zu können, wobei die Unterscheidung in Habitus nur in der Vergleichbarkeit zu andern (Teil-)Disziplinen vorgenommen werden kann; für die vorliegende Arbeit wird dies die Unterscheidung in NovizInnen und Berufserfahrene sein. Es lassen sich Routinen von Bewältigungsmustern, Denk- und Wahrnehmungsstrukturen von PhysiotherapeutInnen, ihre eigene gesellschaftliche Verortung vor dem Hintergrund biographischer und geschlechtlicher Parameter und Einflussgrößen eruieren. Professionalität physiotherapeutischer Handlungs- und Denkweisen lassen sich weiterhin vor dem Hintergrund der akademischen Sozialisation in einem Habitus ausdrücken, der für die Berufsgruppe als typisch bezeichnet werden kann. Die neuen Bewältigungsstrategien, mit denen sich die Studierenden konfrontiert sehen und die möglicherweise bisherige verfestigte Werte und Normen sowie Praxisrelevanzen in Frage stellen, können den bisherigen Habitus verändern oder festigen. Für die „neuen“ Studierenden der Physiotherapie wird mit der erstmaligen Akademisierung eine biographische Veränderung, eine mögliche Statuspassage durchlaufen (siehe hierzu Friebertshäuser 1992), die dazu führt, bisherige Denkmuster, Selbst- und Weltbildwahrnehmungen, Statusgedanken und Routinen in Frage zu stellen und sich möglicherweise von diesen zu trennen.

2.5 Bedeutung des theoretischen Bezugsrahmens für die
vorliegende Arbeit

Im Folgenden sollen nochmals in einer knappen Form die wesentlichen Untersuchungsparameter zusammengefasst werden, denn es können nicht alle der von Lempert erwähnten gesamten Umweltfaktoren untersucht werden.

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Vor dem Hintergrund der akademischen Sozialisation werden die in den Interviews umrissenen Problemfelder eruiert:

Zunächst werden aus retrospektiver Analyse die Berufswahlmotive und Bilder von Physiotherapie vor der Ausbildung/dem Studium, die Bewertung der fachschulischen Ausbildung sowie der Eintritt in das Berufsleben dargestellt.

Als zweiter Strang wird die Akademisierung der Physiotherapie beleuchtet und welche Auswirkungen sie möglicherweise auf die berufliche Kultur oder einen möglichen Habitus hat. Hier werden u. a. auf metastruktureller Ebene die grundlegenden Einstellungen zu Akademisierung erhoben, die motivationalen Faktoren für die Aufnahme des Studiums incl. Karrierevorstellungen und beruflichen Perspektiven sowie die Beziehungen zwischen Studienzufriedenheit und Studieninhalten, welche als gegenständliche Bezüge auf der Mikroebene angesiedelt sind, die persönliche Entwicklung durch das Studium sowie die Ängste und Sorgen der Studierenden für die Zukunft, die mit der Absolvierung des Studiums verbunden sind.

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Der dritte Strang greift dann auf, woran die PhysiotherapeutInnen Professionalität und den Prozess der Professionalisierung festmachen bzw. wie professionell sich die Berufsgruppe in ihren Augen darstellt. Es werden Ergebnisse zu folgenden Themenkomplexen dargestellt: a) Die Möglichkeit einer Definition von Physiotherapie, b) das physiotherapeutische Selbstbild sowie c) das antizipierte Fremdbild, welche sich als ein Teil des Selbstkonstruktes oder der beruflichen Identität ausmachen lassen. Darüber hinaus wird die Rolle untersucht, die der/die einzelne PhysiotherapeutIn in diesem Professionalisierungskontext spielt. Auch Diskontinuitäten oder Dissonanzen im bisherigen Arbeitsleben sowie deren Verarbeitung werden beleuchtet.

In der Diskussion der Ergebnisse wird zusammenfassend dargestellt, welche Auswirkungen das Studium auf das akademische Selbst, die berufsbezogenen Einstellungsänderungen, die Entwicklung einer Identität sowie die einer möglichen Veränderung oder Entwicklung einer professionellen Berufskultur und einem spezifischen Habitus hat.


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09.11.2005