3 Teil III
Methodologische Einordnung der Untersuchung

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In der vorliegenden Untersuchung, die sich auf die Erfassung subjektiver Einstellungen, Innen- und Außensichten, Deutungen und subjektiven Sinnzuschreibungen der Studierenden der Physiotherapie richtet, bietet die qualitative Sozialforschung den adäquaten Zugang, bzw. bietet sie sich als Forschungsstrategie an. Die qualitative Sozialforschung gewährleistet trotz ihrer Heterogenität und ihren unterschiedlichsten Ansätze in den theoretischen Traditionen des Symbolischen Interaktionismus, der Phänomenologie, der Ethnomethodologie, des Konstruktivismus sowie der Psychoanalyse und des genetischen Strukturalismus (vgl. Flick/von Kardorff/Steincke 2003), die Fokussierung auf das im Alltagserfahren subjektiv Erlebte und Gedeutete. Gemeinsame Grundannahme der unterschiedlichen Ansätze des interpretativen Paradigmas ist, dass sich die soziale Wirklichkeit als Ergebnis sozialer Interaktion aller an diesem Prozess Beteiligten verstehen lässt, indem die Handelnden Bedeutungen und Zusammenhänge ihrer Interaktion interpretieren. Insbesondere durch die Hintergrundannahmen der verschiedenen Ansätze, dass die Realität interaktiv hergestellt und subjektiv bedeutsam wird und dass diese Realität über sowohl kollektive als auch individuelle Interpretationsleistungen vermittelt und handlungswirksam wird, verdeutlicht die herausragende Rolle der Kommunikation in der qualitativen Sozialforschung.

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Das im Alltag Erfahrene würde sich ohne den qualitativen Forschungsprozess dem Zugang und dem Verstehen „Externer“ verschließen und wird auch erst dem Individuum selbst über Reflexion und Re-Konstruktion zugänglich. Die offenen Verfahren qualitativer Sozialforschung zielen auf das Erfassen sozialer Wirklichkeiten in ihrer Komplexität ab (vgl. Flick/von Kardorff/Steinke 2003) und diese werden „über die Rekonstruktion der subjektiven Sichtweisen und Deutungsmuster der sozialen Akteure“ (vgl. ebd. 20) erfasst.

Verallgemeinernd dargestellt, zeichnen sich qualitative Verfahren durch ihre ganzheitliche und mehrdimensionale Perspektive aus. Sie sind subjektbezogen und einmalig, d. h. sie erheben weder Anspruch auf universelle Gesetzmäßigkeiten oder Standardisierung noch auf Objektivität, da die Kontextgebundenheit von Personen und Situationen dieses verhindern würden.

Im Folgenden möchte ich insbesondere die methodologischen Prämissen und das methodische Prozedere detailliert darstellen, um größtmögliche Transparenz des Forschungs- und Analyseprozesses im Sinne intersubjektiver Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Es kann zwar in der qualitativen Forschung kein Anspruch auf intersubjektive Überprüfbarkeit erhoben werden, jedoch der Anspruch der „intersubjektiven Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses, auf deren Basis eine Bewertung der Ergebnisse erfolgen kann“ (Steinke 2003, 324). Hierfür ist eine mögliche Vorgehensweise die genaue Dokumentation des Forschungsprozesses. Dieses wird als ein zunehmend wichtiges Kriterium für qualitative Forschung angesehen „Mit diesem Kriterium kann der für jede qualitative Studie einmaligen Dynamik zwischen Gegenstand, Fragestellung und methodischem Konzept Rechnung getragen“ und „die Herstellung intersubjektiver Nachvollziehbarkeit kann somit als Hauptkriterium bzw. als Voraussetzung zur Prüfung anderer Kriterien betrachtet werden“ (ebd. 324).

3.1 Methodisches Vorgehen der Untersuchung

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Die Entscheidung zur Durchführung von ExpertInneninterviews lässt sich mit der nachstehenden theoretischen Ausführung zu „ExpertInneninterviews“ als methodologischem Zugang erklären. Die Prämissen des interpretativen Paradigmas können trotz thematischer Vorstrukturierung eingehalten werden. Obwohl die nachfolgende Untersuchung nicht vor dem theoretischen Hintergrund der Biographieforschung erfolgte, weisen jedoch die durchgeführten Interviews (teilweise) hochgradig biographische Züge auf. Diese biographischen Bezüge werden in der Auswertung (rekurrierend auf den Fall) mit berücksichtigt, stehen aber zudem einer gesonderten Auswertung im Kontext von Biographie und Profession zur Verfügung.

3.2 ExpertInneninterviews

Aus wissenssoziologischer Sicht ist in der empirischen Sozialforschung das ExpertInneninterview ein als eher randständig untersuchtes Phänomen beschrieben. Die Literaturrecherche zur empirischen und qualitativen Sozialforschung verdeutlicht, dass das ExpertInneninterview zumeist keiner eigenen methodischen Reflexion unterzogen wird, sondern immer im Kontext der methodischen Auseinandersetzung von biographischem, problemzentrierendem, narrativem oder fokussierendem Interview. Obwohl explizit nicht als solche gekennzeichnet, werden ExpertInneninterviews doch recht häufig durchgeführt, sei es als eigenständige Methode oder aber in der Kombination mit anderen Methoden- zumeist in der „industriesoziologischen Forschung, der soziologischen Verwendungsforschung, der Bildungsforschung und der Implementationsforschung“ (Meuser/Nagel 1997). Darüber hinaus werden sie im Rahmen von Evaluationsforschungsprozessen in der pädagogischen Forschung, der Erforschung von Sozialisationsprozessen sowie der Darstellung von Bildungs- und Berufsverläufen sowie institutionellen Karrieren eingesetzt.

Was ist nun ein Experte?

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Die Diskussion um den wissenssoziologischen Begriff des Experten wird von Alfred Schütz durch seine Publikation zum „gut informierten Bürger“ 1972 angeregt, der darüber hinaus auch das Verhältnis zum Professionellen und Spezialisten aufgreift sowie die unterschiedlichen Formen des Wissens (als implizites Wissen, Geheimwissen, Sonderwissen) ins Verhältnis setzt. Bei Schütz (zitiert nach Meuser/Nagel), der den „Experten“ von dem „Mann auf der Straße“ und dem „gut informierten Bürger“ aufgrund des Auswahlkriteriums „Bereitschaft, Dinge als fraglos anzunehmen“ (ebd. 89) differenziert, stellt sich der Experte wie folgt dar:

Sprondel (1979) arbeitet den Expertenbegriff dann weiter in der Abgrenzung zum Laien heraus. Kennzeichnend sind auch hier das Sonderwissen, dass zumeist an eine Berufsrolle gekoppelt ist und „sozial institutionalisierte Expertise“ (ebd. 141) hervorbringt; gerade dieses unterscheidet ihn vom motivierten, spezialisierten Hobbybastler. Sprondel wirft die wissenssoziologische Frage auf, „ob mit dem Besitz oder Nicht-Besitz von spezialisiertem Wissen strukturell bedeutsame soziale Beziehungen konstruiert werden oder nicht“ (ebd. 149), d. h. ob durch sie Beziehungen etabliert werden, die die Konstruktion von Wirklichkeit in einer Gesellschaft beeinflussen. In Sprondels Betrachtungen zum Experten wird der Funktionskontext einer Person und weniger seine persönliche Motiviertheit vordergründig.

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Sprondel und auch Schütz unterscheiden sich im Hinblick auf den Status des Expertenwissens von der Sichtweise Meusers und Nagels (1997). Ersterer unterstreicht, dass den Experten das Sonderwissen klar und präsent ist, und dieses die Unterscheidung zum Alltagswissen bedeutet. Meuser und Nagel gehen jedoch einen Schritt weiter, indem sie vorschlagen, „den Begriff des ExpertInnenwissens zu erweitern und das ExpertInneninterview im Interesse der Analyse gerade auch solcher Strategien und Relevanzen zu nutzen, die zwar im Entscheidungsverhalten zur Geltung zu gelangen, den ExpertInnen aber nicht unbedingt reflexiv zur Verfügung sind“ (Meuser/Nagel 1997, 458)

„Solche kollektiv verfügbaren Muster, die zwar nicht intentional repräsentiert sind, aber als subjektiv handlungsleitend gelten müssen, lassen sich ebenfalls als auferlegte Relevanzen verstehen, die allerdings nur ex post facto entdeckt werden können. Wissenssoziologisch haben wir es hier mit implizitem Wissen zu tun, mit ungeschriebenen Gesetzen, mit einem Wissen im Sinne von funktionsbereichsspezifischen Regeln, die das beobachtbare Handeln erzeugen, ohne, dass sie von den AkteurInnen explizit gemacht werden können“ (ebd. 486).

Methodologisch lässt sich der Expertenbegriff laut Meuser/Nagel also durchaus bestimmen. Der Forscher in seinem Forschungskontext entscheidet letztendlich darüber, wer in Bezug auf sein Forschungsinteresse als Experte anzusehen ist. Der Experte verfügt über ein Wissen, „dass sie (er) zwar nicht alleine besitzt, das aber doch nicht jedermann, bzw. jederfrau in dem interessierenden Handlungsfeld zugänglich ist“ (Meuser/Nager 1997, 484) sowie „...durch institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit“ (Hitzler/Honer/Maeder 1994) maximal beiträgt.

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Damit wird deutlich, das im ExpertInneninterview die Funktionsgebundenheit (in diesem Falle die Studierenden der Physiotherapie) vordergründig zu betrachten ist, aber auch Biographie und Person als Kontextfaktoren eine Rolle spielen.

3.3 Das ExpertInneninterview als Erhebungsmethode

Das leitfadengestützte, thematisch strukturierte ExpertInneninterview wird durch seine offene, erzählgenerierende Aufforderung dem interpretativen Paradigma gerecht. Es entspricht der Forderung nach Offenheit und Kommunikation sowie dem „Postulat der Prozesshaftigkeit im Forschungsprozess“ (vgl. Liebold/Trinzcek 2002, 40), da schrittweise Daten erhoben, reflexiv und rekurrierend auf bereits erhobenen Daten ausgewertet werden und zu neuen Einflussfaktoren führen, die für weitere Erhebungen dienen.

Das ExpertenInneninterview setzt mittels des Leitfadens bereits einen deutlichen Fokus auf einen bestimmten Abschnitt der Wirklichkeit, indem thematisch, inhaltlich vorstrukturiert wird, wobei jedoch die Offenheit des Interviews, das Erzählprinzip sowie die lockere Handhabung der Reihenfolge der Themen immer die Möglichkeit bieten, auch theoretische Vorüberlegungen zu revidieren und somit die „Theoriegenerierung durch die Befragten“ (vgl. ebd. 42) ihre inhaltlichen Schwerpunktsetzungen etc. zu ermöglichen; Liebold/Trinczek (2002) bezeichnen dies als „offene Geschlossenheit“.

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Gerade deswegen weisen ExpertInneninterviews keine streng induktive Vorgehensweise auf, sondern lassen sowohl induktive als auch deduktive Vorgehensweisen bzw. die Kombination beider zu.

Zusammenfassend lassen sich die Vorteile wie folgt begreifen: der prozessuale Charakter, die kommunikative und flexible Handhabung des Interviews bieten Chancen, neue Erkenntnisse qualitativen Ursprungs zu erhalten, Unbekanntes zu explorieren und Theorie zu generieren. Die durch die Themenschwerpunkte fokussierten Inhalte lassen möglicherweise erste gegenstandsbezogene Hypothesen zu und darüber hinaus bietet sich die Geordnetheit des Materials an, zu jedem Zeitpunkt, sei es Erhebung oder Auswertung, eine vergleichende Interpretation durchzuführen. Gleichzeitig ist aber auch die Möglichkeit gegeben, auf den einzelnen Fall zu rekurrieren, d. h. das Besondere zu entdecken, die Kontextfaktoren herauszuarbeiten und Erklärungsmuster für die Typenbildung zu erhalten.

3.4 Studierende der Physiotherapie als ExpertInnen und Feldzugang

Mit der Entscheidung, in dieser neuen Phase im Professionalisierungsprozess der Physiotherapie die Studierenden der Physiotherapie per se als ExpertInnen für die Physiotherapie auszuwählen, wird deutlich, dass nur sie über ein Wissen oder einen neuen Zugang zu Wissensbeständen verfügen, der einen möglicherweise neuen Blick in und auf die Konstruktion physiotherapeutischer Wirklichkeit eröffnet, wobei es sich hierbei auch um die Exploration der Innensicht beruflicher Kulturalität, Sozialisation und der damit verbundenen Ausprägung einer beruflichen Identität vor dem Hintergrund der professionellen „Eigenverortung“ handelt. Obwohl die heterogene Studierendengruppe die unterschiedlichsten soziodemographischen Voraussetzungen aufweist, so teilen sie das Novum, „institutionell“ Studierende der Physiotherapie zu sein.

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In ExpertInneninterviews, deren Durchführungsstil dem alltagsweltlichen Sprachgebrauch und den –codices der jeweiligen Berufsgruppe entspricht, ist es sinnvoll und nötig, dass die ForscherIn Einblick in die zu beforschenden Sachverhalte oder zumindest über eine kompetente Wissensbasis verfügt. Trinczek verweist zu Recht auf das Phänomen, dass die Experten dazu neigen, „...ihrer Lust am handlungsentlastenden intellektuellen Austausch, am Argumentieren und Diskutieren nachkommen (zu) können“ (ebd. 64). Um dem Erkenntnisinteresse in möglichst diskursiver Natur näher zu kommen, ist es unabdinglich, dass der Forscher in der Lage ist, mögliche Gegenpositionen aufgrund der Kenntnis des Gegenstandsfeldes einzunehmen. Gleichzeitig erfordert es allerdings auch vom Forscher größtmögliche Sozialkompetenz (vgl. Liebold/Trinczek 2002).

Obwohl in der Literatur zur qualitativen Sozialforschung häufig erwähnt wird, dass die Forscher das zu erforschende Feld möglichst unvoreingenommen explorieren sollen, ist der von der Forscherin gewählte Zugang ein explizit anderer. Das Forschungsvorhaben an sich setzt bereits eine Kenntnis des Feldes voraus, um dem Forschungsansatz „aus der Praxis für die Praxis“ gerecht werden zu können. Der „Feldzugang“ der Forscherin ist insofern gegeben, als sie seit langer Zeit Physiotherapeutin ist, die akademische Entwicklung der Physiotherapie in unterschiedlichen Kontexten mitbegleitet hat und zurzeit in die Lehre und Mitgestaltung von Studiengängen involviert ist.

Die eigene Zugehörigkeit zum Feld bietet den Vorteil, dieses nicht erst mühevoll explorieren zu müssen (vgl. hierzu auch Girtler 1995) und somit die entsprechenden Fehler beim Zugang zum Feld vermeiden zu können (vgl. hierzu z. B. Seitter 1999). Begünstigend kommt hinzu, dass die Sachkenntnis im Sinne größtmöglicher Erkenntnisgewinnung genutzt werden und der Fokus zentriert werden kann, um sie rückführend wieder der Praxis zuzuleiten. Andererseits birgt natürlich dieser Zugang die Problematik in sich, dass die eigene Sichtweise auf die Dinge den Blick selektiv werden lässt. (vgl. hierzu Kapitel 7.1 „Reflexion zum Forschungsprozess“).

3.5 Anlage der Untersuchung

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Die Untersuchung besteht aus drei unterschiedlichen Teilbereichen, wobei hier allerdings nicht von einer methodischen Triangulation gesprochen werden kann:

3.6 Auswahl der Befragten

Zwar erheben qualitativ ausgewertete Daten keinen Anspruch auf Repräsentativität im statistischen Sinne, dennoch haben sie das Ziel, aus möglicherweise außergewöhnlichen Fällen auf Allgemeines und Gemeinsames zu schließen.

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Hier stellt sich nun die wichtige Frage, wie die Stichprobe ausgewählt worden ist und wie sich das Sample zusamengesetzt hat (vgl. Merkens 1997; Flick 1995b, 78ff).

Es ergeben sich mehrere Möglichkeiten des Vorgehens, das selektive und das theoretische sampling. Von beiden Varianten stellt sich das selektive sampling als ökonomischer dar, da bereits im Vorfeld der Forschungsdurchführung das Sample mehr oder weniger festgelegt wird, sowohl hinsichtlich seiner Merkmalsausprägung als auch der Anzahl, mit dem Ziel, eine möglichst breite Abbildung des Untersuchungsfeldes zu ermöglichen. Hierbei wird bereits theoriegeleitet gearbeitet und es folgen die Erstellung eines Planes, die Durchführung der Untersuchung und die Analyse getrennt voneinander. Die möglichen Nachteile dieser Methode sind zu sehen in der zum qualitativen Design im Kontrast stehenden Tatsache, über eine merkmalsbezogene Auswahl des Materials zu Kategorien zu gelangen. Ein anderer Nachteil könnte ggf. forschungspraktischer Natur sein, dass nicht alle relevanten Fälle in die Untersuchung Eingang finden.

Die zweite Möglichkeit der Samplezusammenstellung ist das von Glaser und Strauss entwickelte theoretical sampling (Glaser/Strauss 1979). Diese Forschungsmethode, bei der Datenerhebung und Analyse gleichzeitig ablaufen, bietet sich gerade in Forschungsbereichen an, in denen erst wenig über das Forschungsfeld bekannt ist. Die aus der Analyse gewonnenen Kategorien dienen als Grundlage zur weiteren gezielten Datenerhebung. Die theoretische Sättigung ist erst dann erreicht, wenn keine weiteren kontrastierenden Fälle hinzukommen bzw. wenn durch neu hinzukommende Fälle kein neuer Erkenntnisgewinn zu verzeichnen ist. Das Ziel dieses methodischen Vorgehens ist die Generierung neuer Theorien. Ein Nachteil kann im zeitaufwendigen Prozedere gesehen werden.

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Die vorliegende Untersuchung lässt sich als eine Mischform bezeichnen. Als selektives sampling insofern, da von vornherein das einzige Merkmal „StudentIn der Physiotherapie“ (andere Merkmale spielten keine Rolle) festgelegt war und die Freiwilligkeit der Beteiligten gegeben sein musste, d. h. die Studierenden konnten sich mit der Forscherin bei Interesse in Verbindung setzen. Dem Vorgehen des theoretical sampling wurde nur insofern gefolgt, als Erhebung und Analyse teilweise gleichzeitig abgelaufen sind, die größtmöglichen (minimale und maximale) Kontrastierungen in die Auswertungen mit einbezogen wurden und aufgrund von Memos (vgl. hierzu auch Glaser und Strauss 1998) und Kategorienbildung auch die Inhalte verschoben bzw. anders fokussiert wurden. Memos spielen eine wesentliche Rolle unter anderem im Prozess der Kategorienbildung, indem Interpretationsansätze ebenso wie ambivalente oder auch widersprüchliche Aussagen oder aber auch Schlüsselstellen identifiziert und festgehalten werden können, um sie vor dem Hintergrund der theoretischen Vorüberlegung in die Auswertung mit einfließen zu lassen.

In der eigentlichen Auswertung aller Interviews wurde jedoch dann der Vorgehensweise der ExpertInneninterviews gefolgt.

3.7 Methodisch begründete Grenzen der Aussagekraft der Daten

Der Beschreibung der einzelnen Schritte der empirischen Untersuchung seien noch einige Anmerkungen über die Grenzen der Reichweite der Daten vorangestellt:

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Es handelt sich um eine qualitative Untersuchung, die sich auf eine beschränkte Zahl von Studierenden der Physiotherapie stützt, deren Erhebung auf freiwilliger Teilnahme basiert und somit zufällig und nicht repräsentativ ist. Es geht nicht um Häufigkeiten im statistischen Sinne, sondern um die durch den Vergleich der Aussagen der Studierenden herauszuarbeitenden Gemeinsamkeiten, Gesetzmäßigkeiten und beeinflussenden Faktoren (vgl. Hildenbrand 1995). Insofern ist die Untersuchung nicht repräsentativ angelegt.

In den Interviews berichten die Befragten u. a. von vergangenen Ereignissen, Beziehungen, Gefühlen, Entscheidungen usw. Solche retrospektiven Erhebungen bringen grundsätzliche Probleme mit sich, denn wir erfahren durch sie nicht, was wirklich war, sondern erhalten vielfältig überformte Deutungen des Vergangenen. Ereignisse und Beziehungen werden rückblickend oft anders bewertet, Erinnerungslücken phantasievoll geschlossen usw. Auch die Stimmung am Interviewtag, aktuelle Freuden und Sorgen prägen den Blick auf die Vergangenheit. Diese Schwierigkeiten können nicht gänzlich ausräumt werden, zumal bei der Komplexität der Forschungsfragen die aufwändige Nutzung erzähltheoretischer Erkenntnisse bei der Interviewdurchführung und –auswertung, die dem entgegenwirken könnte, zu zeitintensiv gewesen wäre (vgl. die zusammenfassende Darstellung dieser Problematik bei Hollstein 2002: 77ff).

3.8 Interviews mit den Studierenden

Durchgeführt wurden insgesamt 33 Interviews mit Studierenden der fünf unterschiedlichen Fachhochschulen, an denen der neue Studiengang Physiotherapie angeboten wird.

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Um den Kontakt zu den Studierenden herzustellen, wurden verschiedene Wege genutzt. Zum einen wurde der Sprecher des Studentennetzwerkes OSGe (Organisation der Studierenden der Gesundheitsfachberufe) kontaktiert, welches sich im Zuge der Akademisierung etabliert hat. An ihn wurde die Bitte herangetragen, das von der Forscherin verfasste Anschreiben an die im Netzwerk organisierten Studierenden über e-mail Kontakt weiterzuleiten. Dieses Anschreiben erklärte das Forschungsvorhaben (siehe Anlage A). Auf diesem Wege wurden jedoch nicht alle potentiell interessierten Studierenden erreicht, so dass die Forscherin zum Teil direkt an die Lehrstuhlbeauftragten der jeweiligen Fachhochschulen herangetreten ist und um Weiterleitung des Schreibens über den fachhochschulinternen Verteiler gebeten hat. Darüber hinaus wurde das Schneeballsystem (vgl. Flick 1995b, 76; Patton 1990, 176f) genutzt, indem nicht nur Studierende einer Fachhochschule die Studierenden anderer Fachhochschulen angesprochen haben, sondern auch diejenigen, die bereits eine Zusage zu den Interviews getätigt hatten, weitere potentielle InterviewpartnerInnen angesprochen haben.

Es war geplant, möglichst viele Studierende unterschiedlicher Fachhochschulen aus den jeweils höchsten Semestern einzubeziehen, um ggf. auch regionale Unterschiede mit beleuchten zu können.

3.9 Interviewerhebungsphase

Die Interviewerhebungsphase erstreckte sich über den Zeitraum Juni - Dezember 2003. Diese Erhebungsphase lief nicht getrennt von einer sich anschließenden ausschließlichen Auswertungsphase, sondern orientiert sich in Auszügen an der Vorgehensweise der Grounded Theory, bei der Datenerhebung und Auswertung gleichzeitig stattfinden und zur Entdeckung neuer Zusammenhänge oder wichtiger Themengebiete führen können.

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Zentrales Instrument waren die bereits beschriebenen leitfadengestützten ExpertInneninterviews. Die thematischen Schwerpunkte waren festgelegt, ließen jedoch den Interviewten auch Raum für eigene Themen, an die dann angeknüpft werden konnte. Von den insgesamt 33 Interviews mit den Studierenden dienten die ersten fünf Interviews als „Pretest“, also zur Aufdeckung von Schwierigkeiten sowie nachfolgend der Revidierung und Überarbeitung des Interviewleitfadens hinsichtlich Fragestellungen und Prozedere.

Die Interviews fanden an den jeweiligen Studienorten der Studierenden statt. Aufgrund der großen Kooperationsbereitschaft der Studierenden wurde die Organisation der Räumlichkeiten vor Ort direkt durch sie, in Absprache mit der entsprechenden Fachhochschule getätigt, so dass die Interviews ungestört durchführen werden konnten.

Die Interviewdauer erstreckte sich zwischen 60 und 110 Minuten, war von vornherein offen gestaltet und orientierte sich am Gesprächsverhalten der Studierenden. Sämtliche Interviews sind mit dem Einverständnis der GesprächspartnerInnen auf Tonband aufgezeichnet worden. Selbstverständlich wurde allen Befragten Anonymität zugesichert. Zum Abschluss fast jeden Gesprächs äußerten die Studierenden, dass es Ihnen große Freude bereitet hätte, in einem Rahmen, der ihre Stimme und Meinung als relevant betrachtet, ihre Einstellungen über physiotherapeutische Belange äußern zu können und somit einen Beitrag zur Erforschung der Physiotherapie zu erbringen.

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In einem Fall gelang es jedoch nicht, das Interview bis zum Ende durchzuführen, da das Bedürfnis nach Wissensaustausch auf Seiten der Studierenden so immens war, dass sich die Situation von Interviewerin und InterviewpartnerIn umkehrte. Auch mehrfache Versuche, das geplante Interview fortzuführen, konnten nicht umgesetzt werden, so dass die Aufnahme abgebrochen wurde und mit der StudentIn gemeinsam die relevanten Bereiche ausdiskutiert wurden.

3.10 Analysephase

Die nachfolgend dargestellte Auswertung orientiert sich im wesentlichen an der von Liebold/Trinczek (2002) vorgeschlagenen Vorgehensweise.

3.10.1 Transkription der Interviews

Nach ausführlichem, wiederholtem Hören der Interviewbänder wurden die am meisten kontrastierenden Interviews für die Transkription ausgewählt, wobei neben diesem Aspekt auch dem Aspekt der Verteilung auf die einzelnen Fachhochschulen Rechnung getragen wurde. Angestrebt war zwar nicht eine identische Anzahl an Interviews pro Fachhochschule, aber eine ähnliche. D. h. die Kontrastierung erfolgte zum einen nach der institutionellen Zugehörigkeit und zum anderen nach äußeren Kriterien. Hierzu zählte beispielsweise, ob die Ausbildung in den neuen oder alten Bundesländern absolviert wurde, Berufserfahrung vorhanden war oder nicht, Alter, Geschlecht, besonderes Engagement, unterschiedliche Berufskarrieren oder auch motivationale Faktoren für das Studium. Natürlich lässt sich an dieser Stelle die Frage stellen, warum gerade diese 22 Fälle ausgewählt wurden bzw. ihnen eine besondere Relevanz zugesprochen wurde. Da die Datenerhebung nicht durch die von Glaser und Strauss vorgeschlagenen Methode des theoretical samplings getätigt, sondern an der Merkmalsausprägung „StudentIn der Physiotherapie“ zu sein festgemacht wurde, war die Entscheidung für die größtmögliche Varianz im Datenmaterial vordergründig. Das Vorwissen der Forscherin über den zu beforschenden Gegenstand machte eine relativ sichere Auswahl diesbezüglich möglich. Die nicht transkribierten Interviews ähnelten inhaltlich in weiten Bereichen bereits ausgewählten, ergaben keine neuen Aspekte oder neue Themenfelder und machten so eine Transkription nicht erforderlich.

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Die 22 Interviews sind zur Transkription fremdvergeben und vollständig transkribiert worden, obwohl bei der Auswertung von ExpertInneninterviews nicht zwangsweise Volltranskripte gefordert sind. Die Interviews sind gemäss des Transkriptionssystems der Standardorthographie (also wörtliche Transkription ohne Verwendung besonderer Zeichen für Pausen oder Betonungen) transkribiert worden, da es nicht die Absicht der Forscherin ist, die Pausen oder Betonungen auszuwerten.

Dem Anspruch auf Genauigkeit der Volltranskription ist durch mehrfaches „Korrekturhören“ (vgl. Hopf und Schmidt, 1993, Anhang C, 1-3) und so der Elimination von Übertragungsfehlern Rechnung getragen worden. Darüber hinaus sind die Interviewtranskripte nicht nur von der Forscherin selbst, sondern von einer entsprechend forschenden peergroup „Korrektur gehört und gelesen“ worden, um die größtmögliche Optimierung der inhaltlichen Richtigkeit und Objektivität zu gewährleisten.

Die Anzahl der pro Studienstandort transkribierten Interviews zeigt die folgende Übersicht:

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Tabelle 1:
Überblick über die Verteilung der Studierenden auf die einzelnen Fachhochschulen

Kiel

Idstein

Osnabrück

Marburg

Hildesheim

4

4

5

4

5

3.11 Computergestützte Auswertung

Die Auswertung erfolgte mit der Unterstützung des maxqda (vgl. Kuckartz 2003), einem computergestützten Datenverarbeitungsprogramm für qualitative Sozialforschung. Dieses Programm erleichtert nicht nur die Arbeit mit dem Gesamtinterview, sondern ermöglich darüber hinaus die thematische Codierung des gesamten, vorliegenden Materials. Überlappende Themenblöcke können unterschiedlichen Überschriften zugeordnet werden, codings und subcodes können mühelos hinzugefügt oder aber auch wieder gelöscht werden. Desweiteren ist es möglich, sowohl das Gesamtinterview als Fall eingeblendet zu sehen als auch die thematisch aus allen Interviews gebündelten Aussagen gleichzeitig auf dem Bildschirm hierzu in Bezug zu setzen.

Der zweite Schritt in der Analyse war die Verschlagwortung/Kodierung jedes einzelnen Interviews, d. h. anhand der im Leitfaden vorgegebenen und/oder durch die Studierenden neu hinzugebrachten Themen wurden entsprechende Überschriften den entsprechenden Textpassagen zugeordnet. In dieser Phase ist textnahes Vorgehen erforderlich. Auch dieses Codieren ist durch die entsprechend forschende peergroup im Sinne einer professionsübergreifenden, die Reliabilität unterstützenden Nachvollziehbarkeit kontrolliert worden.

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Der nächste Schritt ist die Aufhebung der Sequenzialität des Textes, die durch das Vorhandensein gleicher Überschriften erleichtert wird, d. h. die Aussagen der Studierenden zu einer Thematik bzw. Überschrift liegen nun, extrahiert von ihren Interviews, zusammen. Somit befindet sich dann das gesamte Material unter thematischen Überschriften geordnet und die inhaltliche Analyse im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann erfolgen. Die Besonderheit der Arbeit mit ExpertInneninterviews ist das ständige Wechseln zwischen dem Interview als ganzem Fall und den nach Themenblöcken geordneten Material. „Während bei Ersterem vor allem die inhärente Logik des Expertengesprächs sowie die kontextuelle Einbettung und Entstehung von Argumentationen (aber auch Ungereimtheiten und Widersprüchen im Interview) interessieren, geht es bei der (quer-)dimensionalen Analyse [...] um den systematischen Vergleich der inhaltlichen Passagen“ (Liebold/Trinczek 2002, 51). Somit zielt die dimensionale Analyse darauf ab, „die erhobenen Daten zu reduzieren und in einer verdichteten Geordnetheit wiederzugeben. Die Fallgestalten füllen dabei jedoch die gerafften Informationen stets wieder mit Leben; sie (re-)kontextualisieren komprimierte Forschungsdaten, indem sie z. B. über die jeweiligen Perspektiven, Relevanzsetzungen sowie institutionellen Rahmenbedingungen von Interviewpersonen [...] Auskunft geben“ (ebd., 51).

In der vorliegenden Forschungsarbeit ist der Fokus zunächst auf das Erstellen von Typenbildungen gerichtet, die das Ergebnis der Analyse der einzelnen Teilthemen im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der unterschiedlichen Interviews der jeweiligen Forschungsstränge darstellen und in deskriptiver Form präsentiert werden. Darüber hinaus wird in dem Gesamtforschungsvorhaben versucht, komplexere Zusammenhänge von Dimensionen und Ausprägungen in möglichen Kombinationen zu erfassen oder auch das Verfolgen einer inneren Logik durch die Subjekte aufzuspüren. Dafür ist es notwendig, den einzelnen Fall wieder hinzuzuziehen, die Sequenzialität in den Vordergrund zu stellen, um so die Bedeutungszusammenhänge transparent zu gestalten.

3.12 Auswertung

Bevor im Folgenden zur eigentlichen Auswertung übergegangen wird soll an dieser Stelle zunächst die Kohorte der befragten StudentInnen der Physiotherapie dargestellt werden. Die Daten entstammen dem quantitativen Kurzfragebogen, den die Studierenden vor dem Interview ausfüllten. Die Darstellung der Daten macht bereits deutlich, dass die Studierenden der Physiotherapie sich zum Teil erheblich von den Studierenden anderer Fachbereiche unterscheiden.

3.12.1 Soziodemographische Daten der TeilnehmerInnen

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Das Alter der Studierenden variierte zwischen 21 und 46 Jahren, wobei diese beiden Alterstufen sowie die Altersstufe „39 Jahre“ jeweils nur einmal vertreten waren. Das Gros der Studierenden befand sich mit 13 Teilnehmenden in der Altersgruppe 23-28, weitere sechs in der Altersgruppe 29-35. Die sich darstellende Variationsbreite hinsichtlich der Altersstruktur lässt sich aufgrund der mitzubringenden Voraussetzungen zur Zulassung in den einzelnen Studiengängen erklären, da teilweise die Zulassung direkt nach dem Abitur möglich ist, an anderem Ort aber eine abgeschlossene Berufsausbildung, Berufserfahrung und mindestens eine Weiterbildung nötig sind.

Die schulische Sozialisation erfolgte in 19 Fällen über das Gymnasium mit dem Abschluss des Abiturs, in drei Fällen über die Erlangung der Fachhochschulreife und in einem Fall über die Polytechnische Oberschule, ein in der ehemaligen DDR erworbener Fachschulabschluss, den die Teilnehmerin sich auf vielen verschiedenen ministeriellen Wegen als Äquivalent zur Fachhochschulreife bzw. Zulassung zum Studium hat anerkennen lassen können.

Die Geschlechtsverteilung zeigt mit 20 PhysiotherapeutInnen und zwei Physiotherapeuten eine berufsspezifisch übliche Unterrepräsentanz der männlichen Therapeuten (die Repräsentanz der männlichen Physiotherapeuten in der gesamten Berufsgruppe entspricht ca. 15-20%) und liegt somit in der Untersuchung unter der normalen Repräsentanz. Sicherlich kann an dieser Stelle vor dem Hintergrund der Freiwilligkeit der Teilnahme an den Interviews die Frage auftreten, ob den Frauen das Erhebungsinstrument der qualitativen Interviews näher liegt als ihren männlichen Kollegen, was jedoch nicht abschließend beantwortet werden kann.

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Von den Befragten sind drei PhysiotherapeutInnen verheiratet und die Frage nach Kindern wurde von nur einer KollegIn bejaht.

Bezüglich der Ost-West-Verteilung kommen vier der TherapeutInnen aus den neuen Bundesländern, bzw. haben dort ihre Ausbildung zur PhysiotherapeutIn gemacht. Zwei von ihnen haben die Ausbildung noch nach der alten Ausbildungs- und Prüfungsordnung (AprO)vor 1994 absolviert, die anderen beiden nach der revidierten gemeinsamen APrO nach 1994.

Bleibt man bei der Unterteilung im Hinblick auf die Jahreszahl und damit bei der Änderung der Berufsausbildung, so haben fünf der Befragten ihre Ausbildung in den westlichen Bundesländern ebenfalls vor 1994 und somit das dritte Ausbildungsjahr als (nicht mehr schulisch organisiertes) Anerkennungsjahr in einer klinischen Einrichtung absolviert, die Bezeichnung des Berufsabschlusses zum damaligen Zeitpunkt war noch der der KrankengymnastIn. Nach der neuen Ausbildungsordnung sind dann 13 PhysiotherapeutInnen ausgebildet worden, vier absolvieren gar keine Ausbildung, sondern sind ausschließlich Studierende.

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Diese Vier studieren an einer semestergebührenpflichtigen privaten Fachhochschule, aber auch 10 der anderen InterviewteilnehmerInnen haben vor Aufnahme des Studiums an einer (schul-)gebührenpflichtigen Einrichtung ihre Ausbildung absolviert; die weiteren acht Befragten hatten ihre Ausbildung an staatlichen Einrichtungen absolviert, die zumeist Universitätskliniken angegliedert sind/waren.

Fragt man die Studierenden, ob sie von einer der kooperierenden Fachschulen in die Fachhochschulausbildung eingemündet sind, so bejahen dieses insgesamt nur sechs. Obwohl einige Fachhochschulen im Jahr 2003 ihre Studierenden entweder zu 100 bzw. 80% aus kooperierenden Fachschulen rekrutieren, lässt sich an dieser Stelle vermuten, dass die geringe Anzahl der Zugelassenen der Fachschule aufgrund der „Neuheit der Studiengänge bzw. ihrer kurzen Existenz“ resultiert, noch nicht entsprechend viele SchülerInnen die Zusatzangebote nachfragen konnten und somit für „externe“ BewerberInnen in den ersten Kohorten der Studiengänge vermehrt Plätze zur Verfügung standen.

Berufserfahrene KollegInnen, und hier ist mit beruferfahren gemeint, vor Aufnahme des Studiums hauptberuflich als PhysiotherapeutIn/KrankengymnastIn gearbeitet zu haben, sind in dieser Kohorte mit 12 versus 10 leicht die Mehrzahl gegenüber den „NovizInnen“. Das Phänomen der NovizIn erklärt sich insofern, als dass die TherapeutInnen entweder direkt nach Abschluss ihrer berufsfachschulischen Ausbildung das Studium aufgenommen haben (und somit noch nicht über Berufserfahrung verfügen) oder aber gleichzeitig Ausbildung und Studium absolvieren bzw. sich ausschließlich im Studium befinden.

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Die Bandbreite der Berufserfahrung korreliert hier mit der Altersverteilung und liegt im Mittel bei fünf Jahren (abgesehen von drei Personen mit jeweils 12, 13 und 23 Jahren Berufserfahrung). Diese fünfjährige Berufserfahrung vor Aufnahme des Studiums ist insofern interessant, als dass sich hier ein Zusammenhang zwischen dem Fortbildungsverhalten (vgl. Schämann 2001) von PhysiotherapeutInnen und der Aufnahme des Studiums vermuten lässt. Dieser wird jedoch an anderer Stelle in die Interpretation aufgenommen (siehe Fortbildungsverhalten und Professionalisierung).

Wie finanzieren die Studierenden ihr Studium? Die finanzielle Absicherung des Lebensunterhaltes geschieht bei neun der Studierenden über die Eltern, den Mann und/oder über den Bezug von Bafög, wobei im Detail nicht weiter differenziert wurde. Diese Studierenden müssen neben ihrem Studium nicht zusätzliche hohe Energie in die Sicherung des Lebensunterhaltes investieren, sondern können sich vermehrt auf ihren StudentInnenstatus konzentrieren.

Die verbleibenden Befragten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Tätigkeiten während des Studiums insofern, als dass knapp die Hälfe weiterhin als PhysiotherapeutIn arbeitet, z. T. in eigener Praxis, freiberuflich oder in einem Rehabilitationszentrum und somit einen engen Bezug zu ihrem ursprünglichen Beruf beibehält. Die andere Hälfte geht zwar nicht gänzlich anderen Erwerbsquellen nach, wie z. B. der Tätigkeit in einem Fitnessstudio oder in der Pflege, handwerklicher Tätigkeit oder der Nachhilfe, um nur einige zu nennen. Diese jedoch nicht physiotherapiespezifischen Tätigkeiten üben sowohl berufserfahrene TherapeutInnen als auch die NovizInnen aus. Für acht der NovizInnen ist diese Tatsache logischer Natur, da sie das Examen und damit die Berufsbezeichnung PhysiotherapeutIn noch nicht führen dürfen. Im Hinblick auf die berufserfahrenen TherapeutInnen stellt sich jedoch die Frage, ob möglicherweise diese Tätigkeiten lukrativerer Art sind als die Arbeit mit der KlientIn im physiotherapeutischen Kontext.

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Zudem wurde der Aspekt Entfernung zum Wohnort bzw. der Umzug an den Studienort beleuchtet. Fünf Studierende geben an, wegen des Studienganges einen Umzug an den Hochschulstandort vorgenommen zu haben, weitere vier pendeln zwischen ihrer Berufstätigkeit und den Blockstudienwochen z. T. 120 bis 900 km. Interessant ist, dass alle weiteren Studierenden ihren Wohnort in mehr oder weniger unmittelbarer (Fahr-)Nähe zur Fachhochschule bereits vor Aufnahme des Studienganges hatten. Die Entfernung zwischen Studienort und Wohnort spiegelt unter anderem den Aufwand wider, den Studierende zur Aufnahme ihres Studiums betreiben sowie motivationale Einflussfaktoren, die aus hochschulsozialisatorischem Blickwinkel von Interesse sind.

Aus diesen kurz umrissenen Daten wird deutlich, wie heterogen sich die Gruppe der Studierenden präsentiert. Im weiteren Verlauf der Darstellung und der Typenbildungen werden sich einige der soziodemographischen Daten als mögliche Kontextfaktoren wiederfinden lassen.

Bei der Typenbildung handelt es sich um Typisierungen, die von mir vorgenommen wurden. Sie orientieren sich zunächst an der von Kelle und Kluge aufgezeigten Vorgehensweise, wie vom Einzellfall zum Typus gelangt werden kann (vgl. hierzu Kelle und Kluge 1999), sowie im weiteren Procedere in Anlehnung an Liebold/Trinzcek. Die Typenbildungen sind für die jeweilig herausgearbeiteten und/oder vorstrukturierten Themenfelder/Kategorien/Dimensionen vorgenommen worden, jedoch sind in einigen thematischen Bereichen entweder aufgrund zu extremer Heterogenität oder Homogenität in den Ausführungen der Studierenden keine Typenbildungen möglich. In diesen Fällen - und hier handelt es sich größtenteils um Teilbereiche im dritten Strang, der sich mit Professionalität und Professionalisierung auseinandersetzt. Für den Fall zu großer Heterogenität werden die Ergebnisse in einer zusammenfassenden Darstellung präsentiert, für den Fall der Homogenität in einem oder maximal zwei Typisierungen. Typenbezeichnungen sind in keinem Fall als wertend zu verstehen, sie drücken ausschließlich die prägnantesten Dimensionen oder Merkmale aus. Die Auswertung erfolgt in drei Teilsträngen, so wie sie bereits auf Seite 11 präsentiert wurden. Jeder einzelne Teilaspekt eines Stranges wird aufgegriffen und ausgewertet, abschließend für jeden Strang eine Zusammenfassung erarbeitet, die dann wiederum in die Diskussion der Ergebnisse von Professionalität, Identität, beruflicher Kultur und Habitus zusammengeführt wird.


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09.11.2005