4 Teil IV
Zusammengefasste, erkenntnisleitende Fragestellungen

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Durch die Einmündung der Physiotherapie in die Akademische Ausbildung - und damit die Anbindung an den tertiären Bildungsbereich - erfährt der Professionalisierungsprozess eine neue Dynamik. Diese Entwicklung weckt bei den Studierenden neue Ängste und Hoffnungen, verknüpfen sie doch mit der Absolvierung des Studiums gewisse Erwartungen. Sie werden auf einen Arbeitsmarkt entlassen, der noch in keiner Weise auf sie vorbereitet ist und wo sie als die PionierInnen einer neuen Ära mit größtmöglichen Ambivalenzen betrachtet werde. Mein Interesse galt der Frage, wie die Studierenden ihr Studium und ihre neue Verortung in der Physiotherapie wahrnehmen, wie ihr studentischer Habitus (vgl. Teil II „Theoretischer Bezugsrahmen“), wie sie ihr berufliches Selbstkonzept entwickeln und wie sie vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung/Professionalisierung das Konstrukt Physiotherapie entwerfen. Da ein Studium auf der einen Seite die Erweiterung beruflicher Qualifikation, auf der anderen Seite aber auch die Exploration neuer Denkweisen bedeuten kann (vgl. Marotzki/Kokemohr 1990; Kokemohr/Marotzki 1989), interessieren mich generell diese neuen Denkweisen im Hinblick auf eine professionelle Verortung, anders ausgedrückt interessiert die Einschätzung der Studierenden, wie professionell sich ihnen die „Physiotherapie“ darstellt und an welchen markanten Punkten sie dieses festmachen.

Der vorliegende Untersuchungsansatz nimmt, wie bereits erwähnt, eine subjektnahe Perspektive ein. Der Fokus zentriert sich auf die am akademischen Prozess beteiligten Studierenden der Physiotherapie der deutschen Fachhochschulen. Es fließen jedoch neben den subjektiven (besser subjektnahen) auch die objektiven Professionalisierungsansätze mit ein. Es wird vorausgesetzt, dass der Prozess der Professionalisierung sich in der Person widerspiegelt und im hohen Maße durch das Subjekt mitgestaltet wird. In der Untersuchung wird angenommen, dass die einzelnen Erfahrungen, Reflexionen, Einstellungen, Meinungen, Interessen, Kritiken und Motivationen wichtige Hinweise auf Problemfelder im Professionalisierungsprozess sind, die wiederum möglicherweise als Grundlage für weitere Forschungsansätze gelten.

Der gesamte Forschungsprozess zielt darauf ab, den Einstieg in die akademische Ausbildung aus der Sicht der betroffenen Studierenden als den ExpertInnen und GestalterInnen einer sich möglicherweise verändernden Physiotherapie zu beleuchten.

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Ähnlich wie in der Hochschulsozialisationsforschung, die sich für die Identitätsbildungsprozesse und Biographien der Studierenden, ihren subjektiven Wahrnehmungen, Selbst- und Weltdeutungen an sich interessiert (vgl. z. B. Kokemohr/Marotzki 1989; Marotzki/Kokemohr 1990; Grunert 1999, etc), stellt die vorliegende Arbeit einen kombinierten Aspekt in den Vordergrund. Nicht nur „der Mensch im Kontext seiner historischen, gesellschaftlichen und sozialen Umwelt als deutendes und interpretierendes Wesen, das sich aktiv mit der Welt auseinandersetzt, rückt ins Zentrum des Interesses“ (Friebertshäuser 1999, 281), sondern auch die PhysiotherapeutIn als ExpertIn mit einer neuen Sozialisation als StudentIn und damit der Entwicklung einer neuen Sichtweise auf den Berufsstand bzw. die innere berufliche Kultur. D. h. an dieser Stelle interessieren die PhysiotherapeutInnen auch in ihrem kollektiven Selbstverständnis und damit ihrer Verortung als „Professionelle“. Die für Professionalisierungsprozesse zentrale Bedeutung der Ausprägung eines professionellen Habitus über motivationale Faktoren, Einstellungen, und Haltungen werden aufgegriffen, die Skizzierung einer impliziten Außendarstellung des Berufstandes wird eruiert sowie die berufskulturellen Aspekte professionstheoretischen Überlegungen zugeführt.

4.1 Ergebnisse des 1. Stranges: Retrospektive Rekonstruktion des Berufs Physiotherapie aus Sicht der Studierenden

Im Folgenden wird zunächst die Auswertung des ersten Stranges dargestellt, der der Frage nachgeht, wie die Studierenden ihr eigenes Berufsbild Physiotherapie retrospektiv skizzieren.

Um dieses transparent zu gestalten, wurden die Studierenden gebeten, ihre Motivation zur Aufnahme der beruflichen Ausbildung zu benennen und diese zu reflektieren. In einem ersten Schritt werden also motivationale Faktoren hinsichtlich der Berufswahl, die Berufsausbildung sowie der Berufseinstieg aus ihrer Sicht beleuchtet. Berufswahlmotive sind sowohl ein wesentlicher Bestandteil als auch der Beginn einer beruflichen Sozialisation, eng verknüpft mit der Entwicklung einer beruflichen Identität. Wobei man die „career-choice“ nicht als eine einmalig stattgefundene Handlung, sondern eher als ein prozessuales Geschehen über die Zeit betrachten kann.

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An dieser Stelle erfolgt allerdings noch keine Unterteilung in das Antwortverhalten von NovizInnen und Berufserfahrene (wie es sich jedoch in der weiteren Arbeit wiederfinden lässt), da die Berufserfahrung für die sog. „Berufs- oder Karrierewahl“ keine Rolle gespielt haben dürfte.

4.1.1 Berufswahl „Physiotherapie“ (Motiv) und Bild der Physiotherapie vor Ausbildungsbeginn

Die motivationalen Faktoren für die Aufnahme der Ausbildung und das Bild der Physiotherapie vor der Berufswahl sind unweigerlich schwer voneinander zu trennen, beeinflusst die Vorstellung von dem Berufsbild auch die Motive, die Physiotherapie als Berufs-„wunsch“ zu äußern. Die befragten PhysiotherapeutInnen haben versucht, dieses Bild zu rekonstruieren, obwohl die Entscheidung (oder auch „Nicht“-Entscheidung) für diesen Beruf zum Teil schon sehr lange zurückliegt.

Bevor nachfolgend die vier identifizierten Typen differenziert vorgestellt werden, soll bereits vorweg genommen werden, dass in allen Aussagen entweder latent oder deutlich die Nähe zur Medizin und die „körperliche“ Bewegung als ein grundlegender motivationaler Faktor eine Rolle gespielt haben. Diese vier Typen sind nicht zu verstehen als in „Reinform“ auftretend, sondern sie sind häufig in einer Mischform vorhanden, wobei jedoch in den jeweiligen Ausführungen eine deutliche Schwerpunktsetzung erkennbar ist.

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Der erste Typ beschreibt diejenigen TherapeutInnen, die mehr oder weniger zufällig in der Physiotherapie „gelandet“ sind und vor Beginn der Ausbildung keine konkrete Vorstellung von dem Beruf hatten. Einige Studierende dieses Typs versuchen jedoch im Nachhinein, ein Erklärungsmuster zu konstruieren, warum die „Physiotherapie“ schlussendlich dann doch in ihrer Berufswahl an erster Stelle rangiert, indem sie sich gegenüber anderen, verwandten Berufen abgrenzen, im folgenden Typ Diffus genannt

Diejenigen, die ihre Berufswahl mit ihrer helfenden Intention begründen, werden dem Typ Helfen zugeordnet.

Die Interviewten, die in ihren Vorstellungen das Sportliche des Berufes mit den medizinischen Hintergründen akkumulierten, werden im Folgenden als Typ Sport bezeichnet.

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Und diejenigen, für die sich durch familiale Tradition, durch Direktkontakt - sei es als KlientIn in physiotherapeutischer Behandlung oder durch ganz gezielte Information ein Bild von Physiotherapie geformt hat - werden Typ Konkret genannt.

4.1.1.1 Typ: Diffus

Dieser Typ ließ sich im Antwortverhalten am häufigsten identifizieren. Knapp die Hälfte aller Befragten zeichnet sich dadurch aus, dass sie zunächst gar keine oder nur eine sehr diffuse Vorstellung von dem Beruf als solchem hatten. In ihrem Begründungsverhalten können sie nicht genau darlegen, warum sie PhysiotherapeutInnen werden wollten.

Bei der ersten Subgruppe führt eine indirekte Begründung, warum schließlich doch die Physiotherapeutenausbildung absolviert wird/wurde, über den Umweg der Erklärung, warum nicht Medizin, Logopädie, Ergotherapie, Pflege, Sportlehrer oder ein „Bürojob“ als Beruf gewählt wurde. Durch die Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen gelingt es, die Erklärung für die Berufwahl bzw. die positiv überzeugenden Aspekte des gewählten Berufes herzuleiten. Anhand des folgenden Zitates lassen sich diese Abgrenzungen deutlich erkennen.

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Text: A\C, Position: 15 – 15 , Code: Motivation für die Ausbildung

„Also ich bin allgemein jetzt nicht jemand, der immer alles hundertprozentig durchkaut, bevor er damit anfängt so, .... aber ich hab mich, wollte mich auch ein bisschen eigentlich überraschen lassen, ja, also zu Ihrer Frage zurück, was es letztendlich wirklich war, ich glaub, dass ich gedacht hab praktisch, 'ne Berufswahl zu treffen, bei der ich halt, wie gesagt, irgendwie Theorie und Praxis ein bisschen verbinden könnte und selber noch in Bewegung bin, und auch ... vielleicht nachher mir ein breites Berufsspektrum erhofft habe. Ich sag mal, jemand, der jetzt irgendwie ein bestimmtes Helfersyndrom oder so hat, da kann man also auch in die Pflege gehen oder so weiter, aber ich hab mir einfach so im physiotherapeutischen Bereich, auch grade, was da noch alles dazu kommt, mit der ganzen Wellness-Schiene und tausend Sachen, hab ich mir einfach ein breiteres Spektrum erhofft, und hab auch einfach gedacht, dass das halt ein guter Grundstock für mich sozusagen ist. Und man kriegt ja auch mit, dass so Fortbildungen eigentlich letztendlich kein Ende nehmen können, wenn man will, und hab eigentlich nachgedacht, dass da mein Spektrum wesentlich breiter ist, als in vielen andern Bereichen. ..... und Medizin zum Beispiel hätte mir jetzt das Studium zu lange gedauert, , aber ich...... glaube, eigentlich (war) ich wenig interessiert an psychischen Problemen und so weiter von andern, von daher, das spielt schon so in der Ergotherapie oder Psychotherapie oder so, solche, spielt schon 'ne große Rolle.“

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Hier wird auf vielfache Weise deutlich, wie die „indirekte“ Begründung hergeleitet wird. Zum Einen rechtfertigt A/C die begrenzte Vorkenntnis von dem Beruf damit, sich überraschen lassen zu wollen, zeigt aber auch die Hoffnung, eine gute Möglichkeit gefunden zu haben, ein „bisschen Theorie und Praxis“ zu verbinden. Darüber hinaus werden mehrere Abgrenzungen zu benachbarten Disziplinen unternommen: das Medizinstudium würde zu lange dauern (eine sehr häufige Begründung, die die befragten PhysiotherapeutInnen angegeben haben, warum sie nicht Medizin studieren), die Pflege sei ein zu sehr auf Helfen ausgerichteter Beruf und die Ergotherapie sei zu psychisch orientiert. Herauskristallisieren lassen sich drei Aspekte, die dann als motivationale Faktoren angebracht werden. Dieses sind zum Einen die Tatsache, selber in Bewegung bleiben zu können, also keiner sitzenden Tätigkeit nachgehen zu müssen, zum Anderen eröffnet sich als berufliche Perspektive ein breites Spektrum (was jedoch noch sehr unkonkret bleibt), gekoppelt an die Möglichkeit einer beruflichen Weiterentwicklung im Sinne immerwährender Fortbildungen. Darüber hinaus wird hier bereits ein Bereich der physiotherapeutischen Identität angesprochen, mit und am Körper arbeiten zu können, ein Aspekt, der an anderer Stelle dieser Arbeit aufgegriffen wird.

Die zweite Subgruppe zeichnet sich dadurch aus, dass sie ebenfalls bei Beginn der Ausbildung noch keine Einblicke in das Berufsbild hatte, aber keine Erklärungsversuche für die Berufswahl unternimmt, zum Teil fremdbestimmt oder durch Zufall in die Physiotherapie einmündete. Die nachstehenden Zitate verdeutlichen die Unkenntnis über den Beruf.

Text: D\Q, Position: 5 – 6, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Gut, also zur Physiotherapie bin ich rein zufällig gekommen, ich wollte Medizin studieren, und mein Vater hat mir gesagt, ich hab 'nen Ausbildungsplatz für dich in 'ner Physiotherapieschule, fängste da an, dann haste was Abgeschlossenes, kannste immer noch hinterher Medizin studieren. Ich wusste nicht, was Physiotherapie ist.“

Text: E\T, Position: 13 – 13, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Also wie ich zur Physiotherapie gekommen bin, das ist mir ehrlich gesagt ein bisschen peinlich. Es ist entstanden in einem Schul-, also man muss doch so'n Schulpraktikum machen, irgendwie in der 10. Klasse oder so, und ich erinnere mich sehr wohl, dass ich in der Aula gesessen habe und gedacht habe, Scheiße, was machst du? Was trägst du da jetzt ein? Und das einzige, was ich wusste, war, dass ich halt nicht in so'n Büro will oder in die Bank, das war 'ne grauenhafte Vorstellung für mich, aber ansonsten wusste ich gar nichts, und hab dann zufällig gesehen, dass meine Nachbarin auf diesen Zettel schrieb, sie wollte in eine Krankengymnastik-Praxis. Ich hab sie dann gefragt, was ist das? Und die Gute konnte mir das aber auch nicht weiter erklären, also, nur sehr dürftig, aber ich hab gedacht, irgendwie klingt das nicht schlecht, das machst du einfach, das probierst du mal aus.“

Text: B\G, Position: 7 – 7, Code: Bild PT vor Berufswahl

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„Ja, ich glaub, ich hatte gar kein Bild, mir ging's nur, ist echt blöde, um die Namen, ich hab immer gesagt, nee, Krankengymnast wollt ich nicht werden, Physiotherapeut wollt ich werden. Ich glaub, ich hatte anfangs auch noch gar keine richtige Vorstellung, außer, dass man sich mit den Patienten zusammen setzt, dann Gymnastikübungen macht, im Prinzip, aber ich hab mich trotz geringer Vorstellung da so rein gesteigert, dass ich dann wusste, nur das.“

Alle drei Studierenden geben an, keine nennenswerten Berufsvorstellungen gehabt zu haben, wobei im ersten Fall die Fremdbestimmung hinsichtlich der Aufnahme der Ausbildung hinzukommt. Es wird deutlich, dass den Befragten die Inhalte der physiotherapeutischen Ausbildung überhaupt nicht bekannt waren und/oder die Ausbildung „nur“ als eine Notlösung gesehen wurde. Im zweiten Fall hat die absolute Unkenntnis über den Beruf dazu geführt, dass die Neugierde der Interviewten geweckt wurde und sie sich um einen entsprechenden Praktikumsplatz bemüht hat. Ihre Entscheidung ist ein Zufallsprodukt, wobei auch der „Klang“ Krankengymnastik entscheidend war. Diesen „Klang“ rückt auch die dritte Interviewte in den Vordergrund ihrer Ausführungen. Trotz der Unkenntnis des Berufes entscheidet sie sich ebenfalls aufgrund des guten Klanges der Berufsbezeichnung für diese Ausbildung. Das Prestige, welches sie in ihrer Vorstellung mit „Physiotherapie“ verband, grenzt sie allerdings deutlich von „Krankengymnastik“ ab und unterstreicht den gravierenden Unterschied; „Physiotherapie“ ist offenkundig „mehr“ oder beeindruckender als „Krankengymnastik“!

4.1.1.2 Typ: Helfer

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Was der Typ „Diffus“ als eher der Pflege zugehörig interpretiert, wird vom helfenden Typus als eigene Motivation okkupiert, das Helfen als Motiv für die Berufsausübung. Wobei auch hier recht unkonkret bleibt, was mit Helfen gemeint ist.

Text: A\A, Position: 3 – 3, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Aber ich wollte Menschen helfen, irgendwie muss es was sein, wo ich therapeutisch arbeiten kann irgendwie was Therapeutisches machen kann. Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie waren dann meine Ziele und hab ganz lange hospitiert, eigentlich ein Jahr lang in verschiedenen Bereichen, und auch gearbeitet immer wieder in den Bereichen. Und da bin ich irgendwie durch die Ambitionen zum Sport und viel laufen wollen und Sport machen bei der Physiotherapie hängen geblieben.“

Text: D\O, Position: 9 – 9, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Ich sag jetzt mal, obwohl das heute ziemlich abgedroschen ist, so dieses Helfen, und ja, dieser individuelle Kontakt zu den einzelnen Menschen, und ja, einfach das wirklich auch alle Altergruppen drin waren.“

Text: B\E, Position: 9 – 9, Code: Bild PT vor Berufswahl

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„So dieses typische Helfersyndrom, glaub ich, hatt ich anfangs gehabt. Ich fand, es war schon mal klasse, wie man den Leuten oder den, ja, Kranken, den Patienten halt, im Leben zu irgendwas weiter helfen kann und wie man versuchen kann, was zu optimieren.“

Aus den drei Zitaten geht hervor, dass die Grundintention zur Aufnahme des Berufes das „Helfen wollen“ ist, also die direkte Entscheidung in einen sozialen Beruf hineinzugehen, wobei die beiden zuerst zitierten Studierenden eine Mischform der Motive angeben und in ihren weiteren Ausführungen bereits Pflege von Therapie abgrenzen. Während A/A eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen therapeutischen Bereichen hinter sich gebracht hat, gibt der Typ an, in der Physiotherapie „hängen“ geblieben zu sein, was metaphorisch als ein nicht aktiver Prozess gedeutet werden kann. Dieser Typ versucht trotzdem für sich begreifbar zu machen, was denn nun eigentlich das Ausschlaggebende an ihrer Berufswahl war. Hier läuft ihr Begründungsmuster vom anfänglichen „Helfen wollen“ auf den Sport und die Bewegung hinaus.

Im zweiten und dritten Zitat schwingen zur Intention des „Helfen Wollens“ die Komponenten der Individualität in der Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn sowie die des „Nahe am Patienten Seins“ sowie das „Optimieren von Funktionen“ mit, d. h. hier wird u. a. bereits die körperliche Nähe zwischen Therapeut und KlientIn aufgegriffen; zum Anderen wird in den weiteren Ausführungen der Studierenden (hier nicht zitiert) die unmittelbare Nähe zur Medizin fokussiert. Auch in dem zweiten Zitat wird der „gute Klang“ bzw. das Statusbewusstsein angesprochen. Darüber hinaus wird im nachstehenden Zitat die allen sozialen Berufen zugrundeliegende Geschlechtsspezifik in der Berufswahl angesprochen. In diesem Fall muss hinzugefügt werden, dass die Studentin ihre Ausbildung in der ehemaligen DDR absolviert hatte und der Beruf der PhysiotherapeutIn für „Mädchen“ hochbegehrt war, PhysiotherapeutInnen waren/sind diejenigen, die einen wieder „fit machen“.

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Text: E\U, Position: 5 – 5, Code: Bild PT vor Berufswahl

„Also, es war ja so, dass zu DDR-Zeiten Physiotherapeut zu werden, für Mädchen was Besonderes war, weil es einer der Wunschberufe war. Ich hab später dann noch ganz viele Leute getroffen, die dann gesagt haben, och, Physiotherapeut, das wollt ich auch werden. es gab aber 'ne sehr beschränkte Zahl von Ausbildungsplätzen.“

4.1.1.3 Typ: Sport

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Der am zweithäufigsten angegebene Grund, warum die Ausbildung zur PhysiotherapeutIn gewählt wurde, ist die Möglichkeit Medizin und Sport zu verbinden. Einige der befragten PhysiotherapeutInnen (insbesondere die der Studienmodelle Ausland und Vertiefung, vgl. Kapitel 1.8) hatten zuvor eine „Karriere“ als (Leistungs-) SportlerIn hinter sich und kennen die Physiotherapie aus ihren eigenen Kontexten, wie Wettkämpfen oder der physiotherapeutisch betreuten sportlichen Aktivität. Sie möchten das Wissen um den eigenen Körper kombinieren mit ihrer sportlichen Vorerfahrung sowie mit der Nähe zum Klienten wie die folgenden Zitate zeigen:

Text: D\R, Position: 5 – 5, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Ja gut, also, ich hatte 'nen Medizinstudienplatz, den hab ich wieder zurückgegeben, und bin Physiotherapeutin geworden, weil ich eigentlich a) sofort oder relativ zeitig mit Patienten arbeiten konnte, b) zu der Zeit auch noch Leistungssportler war und mir das Physiotherapeutische mehr lag, weil du einfach auch viel mit Patienten umgehen kannst und durch den Sport einfach, das lag mir irgendwo mehr, du machst bissel mehr was am Patienten, du kannst halt dich auch so 'n bissel ausbelasten.“

Text: D\P, Position: 10 – 10, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Ja, eigentlich so vom Sport her, wenn Sport dein Leben ist, dann denkst du halt, das hat halt 'n Bezug, und das hat sich, war halt irgendwie Sportbezug, mit Leuten zusammen zu arbeiten und Sport, im Sport drin zu bleiben, mit auf Wettkämpfe gehen zu können und so Sachen halt, das war erst mal so der erste Schritt.“

Die Verknüpfung von Medizin und Sport wird für diese befragten TherapeutInnen als ausschlaggebende Motivation zum Erlernen des Berufes genannt. Hier zeigt sich, dass das bisherige „Leben als Sportlerin“ in den Berufswunsch einmündet. Offensichtlich scheint aber, dass die hier Zitierten den Sport als alleinige Komponente des Lebensunterhaltes als nicht ausreichend erachtet haben und nach Alternativen rund um das Berufsfeld „Sport“ Ausschau hielten. Die Frage nach der eigenen körperlichen Auslastung und die Bewegung stehen insgesamt im Vordergrund. Zwar haben die Studierenden vor ihrer Ausbildung Einblick in einen Ausschnitt der Physiotherapie gehabt, aber im Gegensatz zu dem folgenden Typus keine eigene Anstrengung unternommen, das Berufsbild intensiver und vielgestaltiger kennen zu lernen.

4.1.1.4 Typ: Konkret

Dieser Typus zeichnet sich durch relativ klare Vorstellungen über das Berufsbild aus. Diese resultieren u. a. aus der Tatsache, intensiv Informationen vor dem Beginn der Ausbildung eingeholt zu haben, z. B. durch eigene, lange Praktikumserfahrungen oder durch die Tatsache, selber KlientIn in einer physiotherapeutischen Einrichtung gewesen zu sein. Eine weitere Komponente ist die Prägung über das Elternhaus.

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Text: A\D, Position: 3 – 3, Code: Motivation für die Ausbildung

„Also meine Mutter ist Physiotherapeutin, mein Vater ist Arzt, und ich bin damit im Endeffekt nun mal aufgewachsen.“

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Text: B\E, Gewicht: 100, Position: 5 – 5, Code: Motivation für die Ausbildung

„Und dann hab ich ein Praktikum gemacht in der 9. Klasse, in 'nem Krankenhaus und hatte da über 'ne alte Patientin Kontakt zu 'ner Physiotherapeutin, mit der sie nach 'ner langen Operation die ersten Schritte wieder gemacht hat, und das war echt so'n Aha-irgendwie-Erlebnis für mich, dass ich gedacht hab, so, mhm, Physiotherapie könnt mich ja auch interessieren. Und dann hab ich ein soziales Jahr gemacht nach dem Abitur, in 'ner neurologischen Reha-Klinik, und da hab ich mich so wohl gefühlt, und da hab ich gedacht, o.k., ich probier's jetzt einfach, ich mach's und ich merk, dass das doch absolut mein Beruf ist.“

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Text: C\L, Gewicht: 100, Position: 5 – 5, Code: Motivation für die Ausbildung

„Einmal ist meine Mutter medizinische Bademeisterin und Masseurin, da war schon eine gewisse Vorprägung vorhanden ...und dann halt einfach auch aus eigener Erfahrung aufgrund von 'ner Knieoperation war ich von dem Beruf sehr begeistert.“

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Die drei PhysiotherapeutInnen geben auf der einen Seite die Nähe zur Medizin als einen motivationalen Faktor für die Auswahl ihres Berufes an, wobei erstere und letztere durch ihre familiäre Sozialisation Einblicke in das Berufsbild bekommen haben. Sie unterstreichen, dass auch die häuslichen Gesprächsthemen sie beeinflusst, bzw. Einblicke in die Welt der Medizin und der Physiotherapie ermöglicht haben sowie die Tatsache, über den eigenen KlientInnenstatus einen Zugang zu dem Beruf gefunden zu haben. Die zweite Studierende hat durch ein langes Praktikum einen direkten Einblick in die Physiotherapie bekommen und ein „Aha-Erlebnis“ gehabt hat, indem sie die unmittelbaren Erfolge durch die physiotherapeutische Behandlung erleben konnte. In ihren weiteren (nicht zitierten) Ausführungen gibt sie darüber hinaus pragmatische, familienplanerische Gründe an, warum das Medizinstudium für sie nicht in Frage gekommen ist.

Wie aus den vorgenannten Typbeschreibungen ersichtlich wird, bekommt das Berufsbild Physiotherapie in den Vorstellungen potentieller Berufsinteressierter offensichtlich erst durch einen direkten Kontakt zu PhysiotherapeutInnen eine Kontur und inhaltliche Präzisierung. Welche Gestalt dieses Bild annehmen kann, ist Gegenstand der folgenden Ausführungen.

4.1.2 Bild von Physiotherapie

An dieser Stelle wird bereits deutlich, wie die berufliche Sozialisation als PhysiotherapeutIn das retrospektiv beschriebene Berufsbild, das vor der Ausbildung vorhanden war, beeinflusst.

4.1.2.1 Typ: Diffus

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Das Bild, dass die PhysiotherapeutInnen dieses Typs zeichnen ist relativ diffus und wenig konkret. Es wird nochmals verwiesen auf die Tatsache, dass persönlicher Kontakt zu einer PhysiotherapeutIn darüber entscheidet, welches Bild man entwickelt und verdeutlicht, dass die Kenntnis des Berufes vor der Ausbildung rudimentär ist. Der Beruf ist für die TherapeutInnen nicht transparent, sie gleichen mit Gymnastik- oder Aerobiclehrern ab - und wie sich aus einigen Äußerungen ableiten ließ (Text: B\G, Position 7) ist nicht bekannt, dass die Berufsbezeichnungen „KrankengymnastIn“ und „PhysiotherapeutIn“ einander inhaltlich entsprechen.

Text: A\C, Position: 13 – 13, Code: Bild PT vor Berufswahl

100

„So hundertprozentig gewusst hab ich das letztendlich nicht. Also ich kannte sicherlich Bereiche, so von anderen Leuten aus Erzählungen, also ich hab jetzt keinen superguten Freund oder keine Person, mit der ich in sehr engem Kontakt steh, die Physiotherapeutin ist, dass ich jetzt genau gewusst hätte, aber Teile kannt ich daraus. Also, ja, wie gesagt, ein recht breites Spektrum eigentlich, .... dieses bisschen Gymnastiklehrer-mäßige kam bei mir, man denkt schon irgendwie auch ein bisschen dran an den, so zu sagen, Aerobic-Trainer.“

4.1.2.2 Typ: Helfer

Hier wird ein recht positives Bild von PhysiotherapeutInnen gezeichnet. PhysiotherapeutInnen sind „besondere Menschen, die besondere Begabungen“ haben, den Menschen ganzheitlich betrachten und versuchen, das „Gute zu fördern.“ Sie begleiten und fördern die Entwicklung der KlientInnen, haben Zeit für sie und fühlen sich als AnsprechpartnerInnen in allen Lebenssituationen sowohl bei physischen als auch bei psychischen Beeinträchtigungen zuständig.

Text: A\A, Position: 13 – 14, Code: Bild PT vor Berufswahl

101

„...besondere Menschen, besondere Therapeuten, die ganz besonders auf Menschen eingehen können, anders als Sportler und anders als Lehrer. Und das fand ich halt bei diesen Therapieberufen so toll, und Physiotherapie als ganzheitlicher Ansatz.., und das find ich toll, weil ich selber auch eher so'n Typ bin, der so ganzheitlich betrachtet werden will, und dann denk ich, sollte man das Patienten auch gewährleisten.“

Text A/A, Position: 15 – 16, Code: Bild PT vor Berufswahl

102

„Dass es Menschen sind, die die Funktion des Körpers versuchen, zu verstehen, und die auch das Zusammenspiel zwischen Geist und Körper verstehen, und vielleicht auch ein Stückchen versuchen, dem (Patienten) 'nen Stoß zu geben, zu helfen im Grunde, zu gucken, wie kann ich das unterstützen, das Gute hervorheben.“

Text: B\E, Position: 9 – 9, Code: Bild PT vor Berufswahl

103

„Es war schon mal klasse, wie man den Leuten oder den, ja, Kranken, den Patienten halt, im Leben zu irgendwas weiter helfen kann und wie man versuchen kann, was zu optimieren. Und dass man aber trotzdem sich immer wieder flexibel auf gegebene Umstände einstellen muss.“

Text: C\K, Position: 17 – 17, Code: Bild PT vor Berufswahl

104

„Dass ich mit Leuten zusammen komme, die krank sind, und denen ich versuchen will, durch Handanlegen zu helfen, das war also damals so das einzige Bild, was ich hatte von der Physiotherapie.“

Die vorgenannten Zitate verdeutlichen auf anschauliche Weise, welches Bild der helfende Typus kreiert. Zwar ist die Sichtweise defizitorientiert, d. h. dem Menschen muss geholfen werden, seine Funktionen im Alltag zu optimieren, die Betonung liegt aber auf der individuellen, holistischen Herangehensweise, die den eigenen Ansprüchen genüge trägt. Hier wird eine aufschlussreiche sprachlich Ausdrucksweise verwendet, indem die Therapeutin nur einen „Stoss in die richtige Richtung geben muss“, d. h. der Heilungsprozess wird kraftvoll extern initiiert, um das „Optimum“ für die KlientInnen zu erreichen. Das hier vorherrschende Bild von TherapeutInnen wird als sehr flexibel und ganzheitlich orientiert dargestellt. Sie haben Zeit und gehen auf die KlientInnen ein, allein das ihnen zur Verfügung stehende zeitliche Kontingent im Kontakt mit der KlientIn ist eine Besonderheit. Obwohl zwei der InterviewpartnerInnen auch hier Vergleiche zu anderen Berufen anstellen, steht nicht die Abgrenzung im Vordergrund, sondern die charismatische, altruistisch agierende, helfende TherapeutIn. Bereits im dritten Zitat wird deutlich, dass PhysiotherapeutInnen praktisch durch „Handanlegen“ helfen (siehe hierzu auch Kapitel 6.1 „physiotherapeutische Identität/physiotherapeutischer Habitus“), d. h. sie haben einen sehr direkten Kontakt zum Körper des Menschen.

4.1.2.3 Typ: Sport

105

Das Bild, das die TherapeutInnen dieses Typs zeichnen ist deutlich durch den Sport geprägt. PhysiotherapeutInnen sind sehr sportlich, fit, bewegen sich gerne, sind „tough“, sehr locker und offen. Sie haben eine besondere Art, mit Menschen umzugehen, sind in der Lage, eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu gestalten und bewirken etwas. Ähnlich wie der helfende Typus unterstreichen diese Interviewten, dass der physiotherapeutische Umgang mit Menschen ein besonderer ist, betonen jedoch die Komponente der eigenen körperlichen Aktivität, sie „packen“ an und bewirken etwas, sind dynamisch.

Text: C\L, Position: 9 – 9, Code: Bild PT vor Berufswahl

106

„Begeistert hat mich einfach, wie Physiotherapeuten mit Menschen umgegangen sind, dass man in irgendeiner Form etwas bewegen konnte und bewegen kann, und dass man nicht viel Langeweile in diesem Job hat, weil er so abwechslungsreich ist.... in unserer Schule war immer dieser Standardspruch, weil wir gern mit Menschen zu tun haben und gern Sport treiben, also irgendwie diese Verknüpfung, Menschen zu helfen und selber in Bewegung zu sein.“

Text: B\E, Position: 13 – 13, Code: Bild PT vor Berufswahl

107

„So dieses Aktive mehr, und dann auch vielleicht mehr direkt am Patienten, ich sag immer anpacken.“

Text: B\F, Position: 6 – 6, Code: Bild PT vor Berufswahl

108

„Das war’n sehr lockerer Umgang, also mir hat auch der Umgang zwischen Physiotherapeut und Patient dann sehr gut gefallen, wir waren ja eigentlich topfit und alle gesund, das war halt, die haben uns massiert, die haben uns weitergeholfen beim Training, ja, ...und auch der Umgang, so der, ja die, wie sagt man, die Atmosphäre, die herrschte, eigentlich, was ich gut fand.“

Text: E\S, Position: 12 – 12, Code: Bild PT vor Berufswahl

109

„Ein relatives Klischeebild hatt' ich so, die taffe Physiotherapeutin, die dann sportlich ist.“

4.1.2.4 Typ: Konkret

Die Konturen des Bildes von Physiotherapie sind hier etwas schärfer und umfassender, da der Einblick in die berufliche Praxis der PhysiotherapeutInnen bereits vor Aufnahme der Ausbildung aktiv in Form eines Praktikums gewählt wurde. Was diese PhysiotherapeutInnen besonders beeindruckt, ist ebenfalls der spezielle Umgang und die Interaktion mit den PatientInnen, die Persönlichkeit und das Charisma der TherapeutInnen, ihre Art und Weise, KlientInnen zu motivieren, aber auch die Fähigkeit eine Differenzierung zwischen psychischen und physischen Ursachen vornehmen zu können. Die zu erzielenden Erfolge beeindrucken ebenso wie die Tatsache, über „Bewegung in Kontakt mit Leuten“ zu kommen. Das Bild, das diese PhysiotherapeutInnen vor der Ausbildung also entwickelten, ist (ebenfalls) sehr durch den Erstkontakt geprägt worden. Vermutlich existieren ebenso viele Bilder von Physiotherapie, wie es TherapeutInnen gibt. Es zeigt sich, dass das Bild über den Erstkontakt mit einer PhysiotherapeutIn gewonnen wird und primär von der Persönlichkeit der TherapeutIn im Sinne einer Vorbildfunktion geprägt ist. Teilweise sehen die BerufsaspirantInnen ihre eigenen (erwünschten) Fähigkeiten bzw. Persönlichkeitsmerkmale in den TherapeutInnen widergespiegelt.

Text: A\B, Position: 11 – 11, Code: Motivation für die Ausbildung

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„Diese Erfolge haben mich beeindruckt. Und beeindruckt hat mich auch, die Leute irgendwie an sich, das waren irgendwie Typen, die da irgendwie gearbeitet haben die waren einfach total offen und dies Zwischenmenschliche stimmte einfach so. Und ich glaub, wenn der jetzt irgendwie ein Idiot gewesen wär, dann wär ich vielleicht nicht in die Richtung gegangen. Ich glaub, ich hab ein zu positives Bild gehabt, und damals dacht ich halt auch so, ja, das sind alles voll die Helden und die können da jetzt heilen.“

Text: E\W, Position: 11 – 11, Code: Motivation für die Ausbildung

111

„Ja, mich hat fasziniert diese Arbeit mit den Leuten zusammen und dass man mit Bewegung Kontakt zu den Leuten bekommen hat. Also zum Beispiel, ein Patient kam immer mit Rückenschmerzen und die Physiotherapeutin hat mir dann am Ende der Therapie gesagt, dass, sie macht eigentlich nicht so direkt das, was man an Ursachen, was er an Ursachen eigentlich zeigt oder was auf dem Rezept steht, sondern hat gemerkt, dass das psychisch bei ihm ist, dass es einfach nicht an den körperlichen Symptomen liegt.“

Text: E\T, Position: 13 – 13, Code: Bild PT vor Berufswahl

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„Dieses Praktikum hab ich dann in so'ner Praxis gemacht mit so'ner ganz alten, also die muss damals so um die 60 gewesen sein, total drahtigen für die Zeit so ganz typischen Krankengymnastin, so mit Turnvater-Jahn-mäßig mit Stab und Keule und so, aber diese Frau, die hat mich so fasziniert, so in ihrer Art, dass ich gedacht habe, das versuchst du mal.“

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass nahezu die Hälfte der befragten TherapeutInnen vor Aufnahme der Ausbildung kaum eine Vorstellungen von dem Beruf der PhysiotherapeutIn hat und knapp ein Drittel über den Sport eher zufällig auf das Berufsbild gestoßen ist. Die Nähe zur Medizin, das Helfende und das Sportliche des Berufes formen mit dem zentralen Moment der Bewegung und des körperlichen Kontaktes ein diffus positives Bild von dem Beruf der PhysiotherapeutIn. Ein Teil der TherapeutInnen dagegen bringt eigene Erfahrungen und recht konkrete Vorstellungen und Bilder von dem zu erlernenden Beruf mit. Als bemerkenswert, weil typenübergreifend, lässt sich die Orientierung am Erfolg durch die Behandlung bzw. des direkten Wirksamwerdens (sie bewegen, legen „Hand“ an und „packen zu“) durch therapeutische Intervention festhalten. Das Bild, das durch die PhysiotherapeutInnen mit Praktikumserfahrung gezeichnet wird, wurde im wesentlichen durch das positive Charisma der TherapeutInnen beeinflusst. Äußerungen wie, das sind alles „voll die Helden, die auch wirklich heilen können“, charakterisieren dieses auf eindrucksvolle Weise. Die PhysiotherapeutInnen, die bereits vor zehn bis 20 Jahren ihre Ausbildung absolviert haben, sind teilweise vor der Aufnahme der Ausbildung noch durch das „alte, Turnvater-Jahn-mäßige“ Bild geprägt worden. Nachfolgend sind die wesentlichen Merkmalsausprägungen der einzelnen Typen von Motiv und Bild zusammengefasst. Die Frage, die sich unmittelbar im Anschluss stellt, ist die nach der Veränderung dieses Bildes durch Ausbildung, Berufseinstieg bzw. Berufstätigkeit.

4.1.2.5 Zusammenfassende Übersicht : Motiv + Bild kombiniert

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Typen:

Diffus

Helfend

Sportlich

Konkret

Motiv für die Ausbildung

Diffus, nicht vorhanden, abgrenzend

Helfen wollen, altruistische Intention

Verbindung von Sport und Medizin

geprägt durch die genaue Vorstellung

Bild von Physiotherapeuten

unklar,

Aerobictrainer, Gymnastiklehrer

Menschen mit besonderen Begabungen, fördern das Gute, sind Ansprech-partner, die ganz-heitlich durch „Hand“-anlegen helfen

fit, tough, sportlich, bewegen sich gerne, haben eine besondere Art mit Menschen umzugehen

Besonderer Umgang und Interaktion zwischen Thera-peutin und Patientin, Charisma der PT und ihre Erfolge, Differenzierung zwischen Psyche und Physis, über Bewegung Kontakt zu Menschen halten

Wenn man diese Berufswahlmotive einmal vergleicht mit dem Antwortverhalten beispielsweise kanadischer Physiotherapiestudierender (in Kanada ist die Ausbildung grundsätzlich auf akademischem Niveau angesiedelt), so lassen sich deutliche Unterschiede feststellen. In der Veröffentlichung von Öhman/Solomon/Finch (2002) gaben die befragten Studierenden als motivationale Faktoren, warum sie sich für den Beruf „Physiotherapie“ entschieden hatten, die guten Jobzugangsmöglichkeiten und ein entsprechendes Gehalt sowie ein gutes Ansehen des Berufes an. Weitere Aspekte waren die interessanten Inhalte des Berufes, das Helfende, das Interesse an Sportverletzungen und die Beeinflussung durch die „peers“. Gerade in ersteren Parametern unterscheiden sie sich wesentlich hinsichtlich ihrer Berufswahl von den PhysiotherapieschülerInnen in Deutschland. Weiterhin kommen Öhman et al. zu dem Schluss, dass den BerufsaspirantInnen in Kanada transparent ist, was sich hinter dem zu erlernenden Beruf verbirgt - auch hier ein deutlicher Unterschied zu den deutschen KollegInnen.

4.1.3 Bewertung der fachschulischen Ausbildung durch die Studierenden

Mit dem studentischen (Rück-)Blick auf die eigene Ausbildung als PhysiotherapeutIn skizzieren die Befragten in vielfältiger Weise Problemfelder, die sich ihnen während ihrer Ausbildung eröffnet haben. Die folgenden Ausführungen beschreiben, anhand welcher Kriterien sie die eigene Ausbildung beurteilen, welche Einflussgrößen und Parameter sie angeben, und welche Bereiche sie als besonders bemerkenswert aufgreifen.

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Wie bereits in der Darstellung der soziodemographischen Daten gezeigt wurde, reicht das Spektrum der Absolvierung der Ausbildung von der Gleichzeitigkeit von Ausbildung und Studium und bis hin zu bereits 20-jähriger Berufserfahrung. Da erst 1994 (mit endgültiger verbindlicher Umsetzung im Jahr 1997) eine Vereinheitlichung der Ausbildung mit der neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung (AprO) eintrat, ist zu berücksichtigen, dass in dieser Untersuchung PhysiotherapeutInnen befragt wurden, die zum Teil unterschiedliche Ausbildungsverläufe absolviert haben.

Die Einschätzung der Studierenden hinsichtlich ihrer Ausbildung ist insofern sehr beeindruckend, als dass sie auf die offen gehaltene Frage, sich rückblickend zu ihrer Ausbildung zu äußern, eine eher verhaltene bis negativ-differenzierte Einschätzung abgeben. Nach Durchsicht der Interviews zeigte sich, dass diejenigen Befragten, die vor 1994 entweder an einer staatlichen Physiotherapieschule begonnen oder abgeschlossen haben, in ihrer Beurteilung sehr viel moderater, differenzierter und relativ optimistischer sind als ihre jungen KollegInnen. Die Einflussgröße Ost- bzw. Westdeutschland schien hier keinen Einfluss auf das Antwortverhalten zu haben. Diese Gruppe wird deshalb in der folgenden Auswertung als der „Berufserfahrene Typus“ gesondert von den „NovizInnen“ betrachtet. In den Ausführungen zu ihrer Ausbildung haben die Studierenden die folgenden Kategorien konstituiert:

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Bevor ich mich an dieser Stelle den einzelnen Kategorien zuwende, gebe ich ein für das Antwortverhalten der TherapeutInnen - sowohl für die Berufserfahrenen als auch die NovizInnen - typisches Zitat wieder, welches den Beginn der Ausbildung mit hoher Motivation und viel Enthusiasmus kennzeichnet. Diese überaus positive Einstellung zu Beginn verändert sich dann im Verlauf der Ausbildung und erfährt eine Negativwende im Sinne der Desillusionierung und Ernüchterung.

Text: C\N, Position: 13 – 13, Code: Bewert. Ausbildung

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„Ich hab einfach die Ausbildung genossen, also ich muss sagen, ich fand einfach die Ausbildung sehr, sehr interessant und es hat mir einfach unheimlich viel Spaß gemacht. Aber was jetzt wirklich speziell dann auf einen zukommt, da ist man dann noch recht blauäugig, sag ich mal so. Vielleicht steckt auch doch noch ein bisschen mehr Idealismus, in der Ausbildung hat man ja immer viel Motivation, viel Idealismus, das wird ja dann hinterher noch so'n bisschen runtergebrochen.“

4.1.3.1 Reflexion der NovizInnen

Im Folgenden sind zunächst die Antworten der zum Teil noch nicht berufserfahrenen (da zurzeit noch in Ausbildung und/oder Studium befindlichen) PhysiotherapeutInnen, anhand der oben genannten Kategorien ausgewertet worden.

Die inhaltliche Ausgestaltung der Ausbildung und die Lehrmethoden

Den meisten Studierenden ist zu Beginn der Ausbildung nicht bekannt, mit welchen Inhalten und Anforderungen sie sich während der Ausbildung auseinandersetzen werden. Sie empfinden die Ausbildung als sehr hart, fordernd und auslastend, so dass zum Teil keine Zeit bleibt, sich Gedanken über andere Dinge zu machen. Ein geringer Teil berichtet, dass sie auch noch heute uniforme, vorgeschriebene weiße Kleidung - auch im theoretischen Unterricht - tragen müssen/mussten. Der hohe quantitative „Input“ wird anfänglich gleichgesetzt mit der Qualität der Ausbildung, jedoch in der Retrospektion wieder relativiert, und die Qualität an anderen Kriterien festgemacht.

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Die Kritik, die die Studierenden bezüglich ihrer fachschulischen Ausbildung anbringen, richtet sich insbesondere auf das Verschulte an der Ausbildung sowie auf die geringen Entfaltungs- und Wahlmöglichkeiten im Hinblick auf die Umsetzung der eigenen Interessenslagen. Diese Kritik äußern insbesondere diejenigen Studierenden, die gleichzeitig Studium und Ausbildung absolvieren.

Text: A\C, Position: 95 – 95, Code: Bewert. Ausbildung

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„Also es sind sehr viele kleine verschiedene Fächer oft, und, da wünsch ich mir eigentlich, ich würd mir eigentlich wünschen, dass es da mehr Wahlangebote zum Beispiel geben würde. Als Beispiel, es ist bestimmt wichtig, dass ich irgendwie weiß, wie, dass ich auch Teile wie die der Gynäkologie kenne, ich aber ganz genau weiß, dass ich niemals, glaub ich, Physiotherapeut in der Gynäkologie werde. Für mich ist es ehrlich gesagt, nicht so wichtig [...]. Ich würd's doch schön finden, wenn man, alle sprechen letztendlich von Spezialisierung danach und alle reden von Fortbildungen und ...während der Ausbildung also wird das eigentlich wenig zugelassen, dass man sich vorher vielleicht schon ein bisschen orientiert, obwohl es bestimmt gut ist ...].“

Fast 70 % der NovizInnen würde das Ausbildungssystem mit seiner jetzigen Struktur und seinen Inhalten komplett revidieren wollen, damit es eine Orientierung an der Alltagsrealität der TherapeutInnen erfährt. Veraltetes Wissen soll durch praxisrelevante Fächer ersetzt werden, damit es nicht für teures Geld über die Teilnahme an Fortbildungen unmittelbar nach Abschluss der Ausbildung erworben werden muss.

Text: A\D, Position: 91 – 91, Code: Bewert. Ausbildung

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„Also jetzt das ganze Prüfungssystem, Staatsexamen und so, das find ich, sollte mal wieder überdacht werden und mal wieder, erst recht jetzt auch im Bezug zur FH wieder, mal angepasst werden so auf den Stand, also wir werden halt, zum Beispiel in einem Fach wie Massage, dass man als Physiotherapeut nun einfach in der Klinik sehr wenig macht, weil, die haben Masseure angestellt so, darin werden wir dreimal geprüft, wir haben zwei Prüfungen jeweils nach dem ersten und nach dem zweiten Semester jeweils 'ne Prüfung und danach im Staatsexamen noch mal 'ne Prüfung, und das ist irgendwie ein bisschen Zeitverschwendung.“

Darüber hinaus verweisen sie ausdrücklich auf die Dilemmasituation, dass die Inhalte der Ausbildung nicht mit den in der Berufspraxis erforderlichen Methodenkompetenzen bzw. dem Technikrepertoire einhergehen, denn sie stellen in Frage, ob es für die BerufsanfängerInnen fair ist, dass sie nach der Absolvierung der Ausbildung eine Vielzahl von Fortbildungen belegen müssen, um überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen.

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Text: A\B, Position: 75 – 75, Code: Bewert. Ausbildung

„Und ich wünsch mir zwar schon 'ne Rundum-Ausbildung. aber ich seh es eigentlich nicht ein, dafür nachher viel Geld für mögliche Fortbildungen auszugeben, wenn die Leute dann sagen aus der Praxis nachher, ja, mit dem Fach hatt ich auch nur in der Ausbildung zu tun.“

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Weiterhin kritisieren sie die wenig flexibel gehaltene Art der Unterrichtsgestaltung, wünschen sich einen mehr problemorientierteren Ansatz in der Lehre im Austausch zur vorherrschenden Methode des Frontalunterrichts, der Trichtermethode und des Auswendiglernens. Eine der Interviewten spricht in diesem Zusammenhang an, in der Ausbildung das Denken verlernt zu haben und deutet bereits hier einen motivationalen Faktor für die Aufnahme des Studiums an. Sie hebt hervor, dass sie sich weder mit der Art der Vermittlung der Ausbildungsinhalte einverstanden erklärt noch einen Zugewinn durch die Ausbildung äußert, sondern im Gegenteil einen deutlichen Rückschritt zu ihrer bisherigen Lernbiographie feststellt.

Text: C\L, Position: 27 – 27, Code: Bewert. Ausbildung

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„Weil halt auch die Ausbildung in den letzten Zügen nicht das befriedigt hat, was ich mir auch drunter vorgestellt hab, es war vor allem, dass man das Denken verlernt hat in der Ausbildung. Es geht in der Ausbildung zu sehr da drum, dass man was auswendig lernen muss, aber man muss es nicht verstehen, was man da auswendig lernt, und dementsprechend, was sind zwei Drittel (meiner Klasse),, die die Möglichkeit hatten, noch studieren zu gehen, sind studieren gegangen.“

Zwar wünschen sich die Studierenden, wie erkennbar ist, schon eine „Rundum“-Ausbildung, d. h. die Integration aller Ausbildungsinhalte, entwickeln jedoch aufgrund des „Anreißens“ jeder Thematik ein defizitäres Gefühl hinsichtlich ihrer therapeutischen Methodenkompetenzen. Darüber hinaus vermissen sie die Begründung, warum ein Fachbereich ausgeweitet wird, andere jeweils nur rudimentär als Ausbildungsinhalte vorkommen. Noch weniger einleuchtend erscheint, warum viel Geld für Fortbildungen nach Berufsbeginn ausgegeben werden muss, wenn die Fortbildungsinhalte im Austausch zu veraltetem Wissen in die Ausbildung integriert werden könnten. Das folgende Zitat ist verallgemeinerbar für die befragten NovizInnen:

Text: A\A, Position: 79 – 80, Code: Bewert. Ausbildung

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„...sowieso so dieses Ding der Ausbildung, dass man alles ankratzt. Aber das macht es verdammt schwer, man ist nicht kompetent, wenn man fertig ist, man hat ganz viel gelernt, aber man kann nicht sagen, das kann ich jetzt und das mach ich jetzt immer, sondern, dann muss ich unbedingt noch 'ne Bobath-Ausbildung machen. Und das kostet sehr viel Geld und ich hab grad meine Ausbildung hinter mir und muss schon wieder, und das find ich sehr, sehr schwierig. Da würd ich mir vielleicht wünschen, dass das noch vertiefender wär“

Die Rolle der Lehrenden und das vermittelte Wissen

Die Rolle der Lehrenden und ihre persönliche und fachliche Kompetenz spielen gerade für die in der Ausbildung befindlichen PhysiotherapeutInnen einen wesentlichen Einflussfaktor für die Entwicklung der eigenen fachlichen Kompetenzen und ihrer eigenen persönlichen Entwicklung. Das Charisma des Lehrenden beeinflusst, im Sinne des Modelllernens (vgl. Öhman et al 2002, Bandura 1996), auf mannigfaltige Weise das zu entwickelnde Interesse für eine der jeweiligen Fachrichtungen; kann der Lehrende nicht für das Fach begeistern, so überträgt es sich auf die SchülerInnen.

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Text: E\W, Position: 83 – 83, Code: Bewert. Ausbildung

„Also ich hab immer nur gedacht, ich werd nie Neurologie niemals (machen), weil wir da keinen Dozenten hatten, der uns begeistern konnte also der uns auch, es war nichts Griffiges, aber da (in einem Praktikum) hatt ich 'nen Praktikanten, der also kurz vor seiner Prüfung stand, und der hat mich dort begeistert. Das war ganz komisch.“

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Die Studierende spricht nicht nur an, dass sie nicht durch den jeweiligen Lehrenden begeistert werden konnte, sondern gerade in dem schwierigen Fachbereich Neurologie weder etwas „Griffiges“, d. h. genaue Anleitung, konkretes Wissen um den Umgang mit KlientInnen an die Hand bekommen hat. In diesem Interview wird bereits die Kritik an der mangelnden Betreuung in den praktischen Einsätzen - in diesem Fall in der Neurologie - angesprochen. Sie wundert sich über die Tatsache, dass ein Schüler quasi die Aufgabe der Lehrenden bzw. Mentoren übernommen und es geschafft hat, ihre Begeisterung für die Neurologie zu wecken.

Fünf von 10 befragten NovizInnen merken in ihren Ausführungen kritisch an, dass das vermittelte Wissen nicht fächerübergreifend sondern „schubladen-“ konform gelehrt wurde oder wird, d. h., dass vernetztes Denken nicht gefördert bzw. gefordert wird. Das bedingt, dass die Demonstration ihres Wissens und Könnens jeweils in Abhängigkeit des prüfenden Lehrers erfolgt(e), was einer klassischen Lehrendenzentrierung entspricht. Die Studierenden greifen hier die noch vorherrschende Problematik der klassischen Aufteilung (in Anlehnung an die Medizin) in die unterschiedlichen Fächer der Physiotherapie auf (wie z. B. Orthopädie, Chirurgie, Neurologie etc) die einen ganzheitlichen Ansatz in der Behandlung der KlientIn verhindern.

Text: C\M, Position: 59 – 59, Code: Bewert. Ausbildung

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„Also was ich überhaupt nicht gut fand, war, was ich grade schon gesagt hab, dass man, je nach Lehrer gucken musste, was mach ich..?, Dass, wenn ich mit dem einen Lehrer losgehe, dass ich wusste, was ich zu zeigen hab, und dass ich, wenn ich mit dem anderen Lehrer losging, wusste, was der sehen wollte. Und da hab ich mir eben, da hab ich gedacht, das kann ja irgendwo nicht wahr sein oder das geht nicht.“

Fast durchgängig, aber insbesondere von AbsolventInnen von privaten Schulen, wird angegeben, dass gerade die von den Ärzten gelehrten Fächer wenig mit der physiotherapeutischen Alltagsrelevanz zu tun haben, da das Verständnis der Mediziner für das Berufsbild Physiotherapie fehlt bzw. ihnen nicht transparent ist, was PhysiotherapeutInnen überhaupt tun. Somit ist der inhaltliche Zuschnitt auf die Berufsgruppe nicht möglich. Außerdem beschränken die Mediziner die Weitergabe des Wissens, wenn sie dieses als nicht mehr für die Physiotherapie relevant erachten, und dieser Teufelskreis trägt mit zur defizitorientierten Verortung der TherapeutInnen bei. Jedoch verweisen die Studierenden bereits an dieser Stelle auf die Ausnahmen im medizinischen System. Sowohl PädiaterInnen als auch NeurologInnen scheinen ein sehr viel differenzierteres Bild von Physiotherapie zu haben, als ihre übrigen KollegInnen - auch hier spielt der unmittelbare Kontakt zur Physiotherapie die ausschlaggebende Rolle.

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Text: E\W, Position: 57 – 58, Code: Bewert. Ausbildung

„Die Ärzte, die ihre Vorträge nicht so richtig auf die Physiotherapie zugeschnitten haben, die einzige, die wirklich das richtig auf die Physiotherapie zugeschnitten hat, war unsere Pädiaterin, weil sie Kontakt hatte mit Physiotherapeuten und mit Physiotherapeuten auch zusammen gearbeitet hat, ....es war einfach schade, dass man so, so'n Lehramt nicht richtig besetzt. Also dass die meisten Dozenten Chirurgen oder die überhaupt keinen Bezug zu unserm Beruf hatten, weil ihre Vorlesung ist wahrscheinlich für Medizinstudenten abgehalten und so abgerattert hatten, so kam uns das dann manchmal vor, und manchmal hatten wir aber, also wir hatten auch einen Lehrer, der eben, oder 'nen Arzt, der dann eben gesagt hat, das hier sind Ihre Grenzen, mehr müssen Sie nicht wissen. Wo man doch manchmal auch Fragen hatte und weil man grade ein Beispiel hatte aus der Praxis. Das müssen Sie nicht wissen. Sie sind doch nur Physiotherapeuten.“

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Die Studierende, die bereits oben (C/L) im Hinblick darauf zitiert wurde, das Denken in der Ausbildung verlernt zu haben, erweitert diese negative Einschätzung, indem sie den Lehrenden vorwirft, ihre Wissensmacht absichtlich auszunutzen, indem sie zum Einen nicht ihr ganzes Wissen weitergeben und zudem den SchülerInnen Steine in den Weg legen, damit diese in keinem Fall ein größeres Wissen erlangen als die Dozenten selbst. Interessanterweise erwähnen Studierende zweier weiterer Fachhochschulen ähnliche Sachverhalte, die ihnen aber nicht während der Ausbildung, sondern während des Studiums widerfahren sind. Hier deutet sich ein Phänomen an, das auf das Selbstbild der PhysiotherapeutInnen (siehe Kapitel 4.3.2 „physiotherapeutisches Selbstbild“) hinweist und die Beziehung von Wissen, Macht und mangelndem Selbstbewusstsein und Professionalisierung/Professionalität andeutet.

Text: C\L, Position: 33 – 33, Code: Bewert. Ausbildung

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„Dass guten Schülern zu viel Steine in den Weg gelegt wurden, die sollten nicht besser sein, als ihre Ausbilder, das sind so Tendenzen, wie ich schon öfters bei Physiotherapeuten entdeckt hab [...] ist es sehr schwer, von Physiotherapeuten irgendwas aus dessen Erfahrungsschatz zu bekommen, also das soll man sich am besten alles selbst erarbeiten, und noch mal von neu anfangen, anstatt man vielleicht mit deren Hilfe auf ein viel, auf ein etwas höheres Niveau anfangen könnte, aber das schmälert ja dann das eigene Ego, wenn man das abgeben müsste, und, ja, das waren so die Dinge, also dass man das Denken verlernt hat, und dass guten Leuten Steine in den Weg gelegt worden sind, die sollten, man sollte nicht anfangen, selber zu denken, da wurde man schon schön klein gehalten.“

Diese Studierende erhebt massive Vorwürfe gegen ihre Lehrenden, denen sie unterstellt, aus egoistischen Prestigegründen ihr Wissen nicht vollständig weiterzugeben. Ganz allgemein bemängeln die NovizInnen, dass ihnen vornehmlich Erfahrungswissen, aber kein wissenschaftlich untermauertes Wissen in der Ausbildung offeriert wurde/wird, sie Erfahrungswissen als weniger relevant einstufen und vermehrt fordern, dass sich die Lehrkräfte mit wissenschaftlich fundierten Kenntnissen in der Physiotherapie auseinandersetzen.

Betreuung von Seiten der Schule während der praktischen Einsätze

Ein weiteres, wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Ausbildung ist die Betreuung in den praktischen Einsätzen. Da die praktischen Einsätze je nach Schule und Angliederung an klinische Einrichtungen sehr differieren, sollen hier die beiden auffälligsten Unterscheidungen hervorgehoben werden. Diejenigen SchülerInnen, die jeweils einen halben Tag in einem klinischen Einsatz verbringen und die zweite Hälfte des Tages in der Schule, sind deutlich zufriedener mit der Betreuung (sowohl durch Lehrenden der Schule als auch durch die vor Ort befindlichen MentorInnen), als diejenigen, die jeweils sechswöchige praktische Einsätze en bloc absolvieren. Erstere fassen zusammen, dass die Verzahnung von praktischer Tätigkeit und Schule einen großen Vorteil im Hinblick auf unmittelbare Reflexion bietet, wobei in den Ausführungen nicht ganz deutlich wird, ob mit „Reflexion“ mehr als nur Rücksprache gemeint ist.

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Text: C\N, Position: 41 – 42, Code: Bewert. Ausbildung

„Also wir hatten das halt so, dass wir vormittags halt 'n halben Tag Praktikum hatten und hinterher Schule, und das war halt 'ne ganz glückliche Konstellation, man konnte sich halt reflektieren, man hatte sofort Rücksprache.“

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70 % der studierenden NovizInnen, die ihre praktischen Einsätze jeweils sechs Wochen en bloc absolvier(t)en, bemängeln deutlich die zum Teil fehlende Anleitung vor Ort, sowohl das „Ausgenutzt werden“ als billige Arbeitskraft als auch die bescheidene Betreuung von Seiten der Schule. Sie berichten nicht nur, dass sie sich in ihren lernenden Jahren und gerade in den praktischen Einsätzen „allein“ mit der KlientIn gelassen fühlen, keine Unterstützung erhalten, sondern als vollwertige „Arbeitskräfte“ mit dem gleichen abzuleistenden Arbeitskontingent wie ihre ausgebildeten KollegInnen bedacht werden.

Text: E\S, Position: 42 – 42, Code: Bewert. Ausbildung

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„Meistens belief 's sich doch darauf, dass man die Verordnungen in die Hand bekommen hat, und wenn Rückfragen waren, konnte man die noch stellen und das war's. Es sei denn, es waren wirklich mal Probleme da, starke Probleme, die sich auch mündlich nicht haben regeln lassen, dann sind zwei der Lehrer oder Betreuer auch mal mitgegangen zum Patienten, aber das war es an sich. Völlig daneben fand ich die Betreuung von Seiten der Schule.“

Selbstbewusstseinsbildung und Entwicklung der Sozialkompetenz

Was die NovizInnen insbesondere bewegt und regelrecht bestürzt, ist die Tatsache, dass die Ausbildung mit insgesamt 60 Stunden Unterricht für die Fachbereiche Psychologie, Pädagogik und Soziologie nicht den nötigen Rahmen zur Entwicklung der Sozialkompetenz geschweige denn der moralisch-ethischen Kompetenz bietet. Unter Sozialkompetenz verstehen sie die Entwicklung von sog. Softskills wie die Fähigkeit zur Kommunikation, interdisziplinärer Zusammenarbeit, zur Reflexion, die Entwicklung eigener Denk- und Begründungsstrategien (clinical reasoning) sowie die Übernahme von Verantwortung.

Text: E\V, Position: 60 – 80, Code: Bewert. Ausbildung:

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„...auch so am selbständigen Arbeiten, sie müssen lernen Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen, das ist in der Schule gar nicht gewesen, irgendwo behandelt man das und gut.“

Insbesondere aber heben sie hervor, dass sie sich im Umgang mit der KlientIn, in der TherapeutIn-KlientIn-Interaktion, in der Nähe-Distanz-Problematik, in der theoretischen Entwicklung und praktischen Umsetzung psychologischer und psychosozialer Umgangsformen und Strategien allein gelassen und überfordert fühlen, und sie sich ausschließlich auf ihre Intuition verlassen müssen. Ihre Intuition aber nicht das theoretische Hintergrundwissen lässt sie erkennen, dass der „Patient mal wieder eine Krise“ hat! Daneben sprechen sie auch an, dass der Zuschnitt der sozialwissenschaftlichen Fächer auf die Physiotherapie nicht adäquat gestaltet ist und damit viel von der inhaltlichen Bedeutung dieser Fächer für die physiotherapeutischen Belange verloren geht.

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Text: A\A, Position: 76 – 77, Code: Bewert. Ausbildung

„Wir haben es (Psychologie) als Fach, aber es ist halt eins dieser Laber-Fächer, ne, so was als Laber-Fach verschrien ist, und ich glaub, uns ist dann eben als Unterrichtsbesucher nicht klar, dass das so wichtig ist, das ist so schade, das könnte einfach interessanter gestaltet werden, und grade Psychologie ist so verdammt wichtig, dass man versteht, was der da vor mir hat und nicht, ja ja, das ist der Patient XY, der hat mal wieder seine Krise.“

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Text: E\V, Position: 132 – 138, Code: Bewert. Ausbildung

„Zum einen denk ich, es soll so was wie Kommunikationstraining oder wie man's auch immer nennen will, sollte mit dabei sein, ... ja, man sitzt denn hier mit seinem Befund so, bei den Praktika und krampft sich da einen ab. Das ist, meine ich, völlig ungünstig, und gibt ein völlig falsches Bild irgendwie, Dass auch nicht jeder (Patient) gleich angesprochen werden möchte und ja, wo man dafür doch ein bisschen auch sensibel damit umgehen muss so, man hat auch mal Nebenerkrankungen und dass sie einem nicht unbedingt erzählen, dass sie inkontinent sind oder so, dass ihnen das auch peinlich ist, das wird da völlig übersehen. Die haben vielleicht ihre Nebenwirkungen und die aufzuzählen und dann ist gut, aber nun mit den Patienten als Mensch umgehen und so auch auf jeden seine Intimsphäre so, dass vielleicht auch nicht jeder überall angefasst werden möchte so, da gibt's Patienten, wenn man so im Leistenbereich massiert oder so, das kommt völlig zu kurz.. Auf jeden Fall, da ist man als Schüler überhaupt nicht drauf vorbereitet. Weiß vielleicht, so die und die Übung könntest du in dem Fall machen, aber der Patient ist immer nur das Krankheitsbild und nie der Mensch, das müsste in der Ausbildung doch noch mehr sein. Ich hätt mir auch mehr Behandlungen gewünscht, aber wo vielleicht vorbehandelt wird und wo nachher so gesagt wird, das und das wird den und den Gründen gemacht oder auch jemand zuguckt und sagt, oder fragt vielleicht, warum hast du das so gemacht, und dann sagt, ich hätte die Sachen anders gemacht, aus dem und dem Grund.“

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Gerade letzteres Zitat greift eine ganze Reihe an Kritikpunkten auf, insbesondere aber die Brisanz der KlientIn-TherapeutIn-Interaktion. Die Studierende spricht hier von einem Erlebnis während ihres fachpraktischen Einsatzes, welches verdeutlicht, dass sie erst durch Selbsterfahrung an die Grenzen der Intimssphäre der KlientIn gestoßen ist. Sie ist nicht über Sachverhalte der Nähe-Distanz Problematik informiert, weiß auch die Reaktionen der KlientIn zunächst nicht zu deuten. Die KlientIn wird nicht als Mensch, sondern als Krankheitsbild betrachtet. Die Studierende beschreibt außerdem, wie die „Abarbeitung“ des ausführlichen Befundbogens an der therapeutischen Wirklichkeit vorbeigeht, „man krampft sich einen ab“ und auf der Suche nach möglichen Nebenerkrankungen wird das Wesentliche nicht erkannt. Gleichzeitig spielt sie hier auf die clinical-reasoning-Kompetenz an, also auf die reflektierte und reflektive Auseinandersetzung mit therapeutischem Handeln, welches nach ihrer Ansicht in der Ausbildung weder gefördert noch gefordert wird.

Im Zusammenhang mit den vorgenannten fehlenden Kompetenzen thematisieren die befragten TherapeutInnen, ein Defizit in ihrem Selbstbewusstsein zu entwickeln, insbesondere im Erstkontakt mit der KlientIn. Hinzukommt ihre Einschätzung, dass sie sich nicht in der Lage fühlen, die eigene Leistung, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten adäquat einzuschätzen. Ganz besonders unterstreicht das zweite der folgenden Zitate, dass die Therapeutin zum Ende ihrer Ausbildung eigentlich noch keinen „Wert“ hat, was sich in der eingeschränkten Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls und –bewusstseins ausdrückt. Die Zitate zeigen die Weiterentwicklung der subjektiv empfundenen, defizitären Entwicklung auf.

Text: C\N, Position: 29 – 29 : 43 – 44, Code: Bewert. Ausbildung

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„Man wird ja doch recht allein gelassen. In der Ausbildung hört man ja nichts davon, das Selbstbildnis, was man sich macht, macht man sich alleine.“

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„Man müsste eigentlich selbstbewusster in den Beruf starten, [...]. dass man da ein bisschen selbstbewusster auftritt. Ob's im Umgang mit Patienten ist, ob's im Umgang mit Kollegen, mit Chefs ist, vielleicht in diesem Bereich, dass man sich da halt nicht so unterbuttern lässt.“

Text: A\B, Gewicht: 100, Position: 79 – 79, Code: Bewert. Ausbildung

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„Das ist ein bisschen schade, find ich, dass man eigentlich noch nicht so viel wert ist, mit dem Abschluss, den man hat, man ist zwar fertig, aber irgendwie auch nicht.“

Insbesondere das erste Zitat verweist auf das Selbstbild, das die TherapeutInnen von sich zeichnen. Dieses Selbstbild und die Identitätsbildung werden gesondert in eigenen Kapiteln aufgegriffen. Erkennbar wird jedoch an dieser Stelle, dass die Entwicklung eines professionellen beruflichen Selbstbewusstseins und Selbstverständnisses offensichtlich nicht durch die Ausbildung geschieht, sondern erst durch die berufliche Praxis.

Was heben die TherapeutInnen als positiv an ihrer Ausbildung hervor?

Leider haben die Studierenden mit der Retrospektion sehr viel weniger positive als kritische Anmerkungen und Einschätzungen hinsichtlich ihrer Ausbildung getätigt. Zwei wesentliche Besonderheiten heben sie jedoch hervor: als deutlich positiv bezeichnen die befragten NovizInnen den guten und ausgiebigen Praxisbezug und das „Handwerkszeug“, mit dem sie an die KlientInnen herangehen können. Handwerkszeug wird gleichgesetzt mit der technischen Methodenkompetenz, wobei allerdings an dieser Stelle daran erinnert werden kann, dass sie die technischen Kompetenzen zuvor als ergänzungswürdig bezeichnet haben. Aus metaphorischer Sicht ist die Ausdrucksweise „Handwerkszeug“ hervorzuheben, da es sich um ein Werkzeug handelt, das nicht nur mit der Hand bedient wird, sondern die Hand als solches ist das Werkzeug der PhysiotherapeutInnen und eines der herausragenden und zentralen Identifikationsparameter im Sinne der hands-on-therapy, wie sich im Kapitel 6.1 „Physiotherapeutische Identität/physiotherapeutischer Habitus“ belegen lässt. Das Positive der Ausbildung wird in einen deutlichen Kontext mit dem Studium gebracht, indem die Studierende das System, zunächst eine handwerkliche Ausbildung zu absolvieren und nachfolgend ein Studium ergänzen zu können, für sinnvoll erachtet.

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Text: C\N, Gewicht: 100, Position: 39 – 40, Code: Bewert. Ausbildung

„Ich fand einfach dieses Modell in Deutschland gar nicht so verkehrt, dass man sagt, man macht halt 'ne grundständige Ausbildung ganz normal, lernt halt das Handwerkszeug, die Techniken, beschäftigt sich mit Medizin, wendet das vielleicht erst mal an und überlegt dann, was fehlt mir.“

141

Eine weitere NovizIn hebt generell in der Unterscheidung zu andern Schulen ihre eigene besonders hervor, denn sie hat offensichtlich im Austausch mit anderen KollegInnen bereits die unterschiedlichen Qualitäten in der Ausbildung kennen gelernt und abgeglichen. Besondere Relevanz nimmt für sie die Organisation der Praktika und die Betreuung durch die Schule ein, sowie die Kompetenz ihrer DozentInnen im Hinblick auf die praktische Ausbildung.

Text: A\A, Position: 51 – 51, Code: Bewert. Ausbildung

142

„An der Ausbildung begeistert hat mich die Vielfalt, und, speziell an unserer Schule begeistert mich die Qualität der Ausbildung, also dass man doch auch in Unterhaltung mit andern Physios von andern Schulen merkt, wie hochwertig unsere Dozenten unterrichten und wie hochwertig unser Unterricht ist durch die viele Praxis, die wir erlernen und durch diese tollen Praktikumsplätze, die wir haben. Das find ich enorm, und ich find's auch toll, wie viel Praktikumsplätze wir haben, dass die gesichert sind von vornherein, und dass es im Rotationsverfahren läuft, und auch, wenn man mal zwischendrin denkt, verdammt noch mal, das nervt und, ach ich will nicht länger in der Geriatrie sein, das ist gut, es ist für irgendwas gut. Und das stellt man zwar immer erst hinterher fest, aber so, ich denke, es ist wirklich schön, wie's organisiert ist.“

4.1.3.2 Reflexion der Berufserfahrenen

Wie beschreiben nun die berufserfahrenen TherapeutInnen ihre Ausbildung und in welchen Bereichen unterscheiden sie sich deutlich von den NovizInnen?

Wie eingangs bereits erwähnt, machen die erfahrenen TherapeutInnen (Ausbildungsende bis 1997) ihre Beurteilung der Ausbildung an genau den gleichen Kategorien fest wie ihre jüngeren KollegInnen, äußern sich jedoch insgesamt etwas gemäßigter.

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Die Befragten aus den östlichen Bundesländern unterscheiden sich durch ihre Schwerpunktsetzung nur geringfügig von denen aus dem Westen. Sie sprechen zwar davon, pädagogisch ausgebildete Lehrkräfte (MedizinpädagogInnen) gehabt zu haben, monieren jedoch die veralteten Wissensbestände sowie die Art der Unterrichtsführung, darüber hinaus das mangelnde Technikrepertoire und die mangelnde Vermittlung von Sozialkompetenz. Zudem wird ein Bild von Physiotherapie gezeichnet, dass die PhysiotherapeutInnen als die „Quäler bzw. die ganz Harten“ darstellt, die die KlientIn entmündigen, indem sie ihr eigenes Wissen vordergründig als einzig relevantes herausstellen. Trotz der Kritik an ihrer Ausbildung spricht eine der Studierenden aus den östlichen Bundesländern ähnlich wie ihre Kollegin aus dem Westen an, dass sie durch ihre Ausbildung einen Grundstock bekommen hat, an dem sie sich in ihrer Anfangszeit hat orientieren können; jedoch verweist sie darauf, dass sie sich von dem durch die Schule vorgegebenen Umgang mit der KlientIn sehr frühzeitig distanziert und sich des Dogmatismus in ihrer Ausbildung sehr schnell entledigt hat.

Text: E\U, Position: 31 – 31, Code: Bewert. Ausbildung

144

„Grade unsere Krankengymnastik-Lehrerin, das war so, glaub ich, die prägendste Figur in der Schule, die war sehr gradlinig, sehr streng, hatte Ausbildungsunterlagen, die wohl, ja, schon sehr oft benutzt waren, weil sie so fasrige Blätter hatte, also, sprich, da ist nicht viel verändert worden und das war eigentlich schon in der Ausbildung klar, dass vieles von dem, was sie versuchte, uns einzutrichtern, in der Praxis einfach nicht mehr so anwendbar ist, oder überhaupt nicht, [ ] man doch in der, in der Zusammenarbeit mit den Patienten oder in der Arbeit mit dem Patienten dann seinen Weg finden muss und sicherlich nicht den von ihr vorgeschlagenen. So nach dem Motto, ich bin der Therapeut, ich bin der Quäler, und es wird gemacht, was ich sage, das war so 'ne ganz Harte. Obwohl ihr Unterricht und diese Art, einzutrichtern, schon 'nen Grundstock gelegt hat, also, das konnte man dann einfach, auch wenn man vieles übertrieben, als übertrieben angesehen hat und gedacht hat, schon wieder, ob die Hand nun hier liegt oder da, aber das war nun dieser Drill.“

Von ähnlich alt tradierten und eingeschliffenen Wissensbeständen und konservativen Methoden haben die B e fragten, die im ehemaligen Westen ausgebildet wurden, zu berichten. Eine der Studierenden erläutert darüber hinaus, dass während ihrer Ausbildung nicht nur eine strikte „Kleiderordnung“ herrschte, sondern die SchülerInnen auch vor Ort wohnen mussten. Die im Laufe ihres Berufslebens erworbene Sozialkompetenz lässt sie den Mangel an sozialwissenschaftlichen Inhalten in der Ausbildung anmerken (hier muss ergänzt werden, dass die vor 1994 begonnene Ausbildung im Westen so gut wie gar keine sozialwissenschaftlichen Inhalte vorsahen - anders als im Osten) sowie den nicht vermittelten professionellen Umgang mit KlientInnen. Die zitierte Studierende verortet diese Sichtweise im „historischen“ Kontext. Sie beschreibt die Ausbildung ebenfalls als sehr hart, ausschließlich praxisorientiert, ohne Konzeptorientierung, jedoch mit deutlichen Richtlinien für die KlientInnenbehandlung. Diese Richtlinien lassen sich auf zweierlei Art beurteilen: die negative Seite zeigt, dass das konsequente Festhalten an alt tradierten Behandlungen die KlientIn bzw. das Individuum gänzlich ignoriert und ihm z. T. Schaden zufügt (wie sie ausführlich an einem Beispiel erläutert) sowie an der Tatsache, dass die Studentin in ihrem bisherigen Leben - bis auf ihre Ausbildungszeit - keine Rückenschmerzen hatte, die positive ist, dass den SchülerInnen vermeintlich ein Grundstock an die Hand gegeben wird, an dem sie sich „festhalten“ können. Dieses stärkt das Selbstvertrauen im Umgang mit den KlientInnen und erleichtert so den Einstieg in die Arbeit. Sie beschreibt, wie ihr dieser Grundstock, „von dem sie alsbald nichts mehr gemacht hat“ den Einstieg in die Klientenarbeit erleichtert hat.

Sehr reflektiert geht sie mit der Frage um, inwiefern die Ausbildung sich so stark an der Medizin orientieren muss oder sollte, wobei sie einen Vergleich zu ihrem eigenen abgebrochenen Medizinstudium vornimmt. Sie kritisiert das Faktenwissen und Auswendiglernen und dass das Begreifen von Zusammenhängen keinen Platz hat, sieht aber generell Faktenwissen als unabdingbare Grundlage für die Physiotherapie.

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Text: E\T, Position: 47 – 47, Code: Bewert. Ausbildung

„Also ich hatte das Gefühl, als ich auf die freie Wildbahn so entlassen wurde, dass ich durchaus Grundwerkzeug mitgekriegt habe, also ich fühlte mich nicht furchtbar unsicher, als ich dann am Patienten stand. Es gab damals noch, sehr klare Richtlinien. Für bestimmte Krankheitsbilder wurden einfach zumindest an der Schule bestimmte Herangehensweisen vermittelt. Ich hatte zumindest immer so'n Grundplan im Kopf. Davon hab ich alsbald nichts mehr gemacht, aber es war zumindest so, dass ich irgendwie so'n Gerüst hatte, an dem ich mich irgendwie immer festhalten konnte.

146

Position: 49 – 49 Obwohl ich da im Nachhinein auch echte Katastrophen erlebt habe (in der Ausbildung, also ich bin mir im Nachhinein sicher, dass ich praktisch dabei gewesen bin, wie eine meiner Lehrerinnen mir etwas vorgemacht hat am Patienten und ihm in diesem Moment 'n Bandscheibenvorfall provoziert hat, was aber eben einfach mit dieser Herangehensweise damals zu tun hatte. Es war mir relativ schnell klar, dass einige Dinge, die ich da gelernt habe, schlicht und ergreifend falsch gewesen sind. Es war mir aber klar, weil ich vor meiner Ausbildung nie Rückenschmerzen gehabt habe und auch danach nie, aber während der ganzen Ausbildung.

147

Position: 51 – 51 Und dadurch konnt ich also am eigenen Leibe erfahren, wie es vielleicht nicht sein soll. Was ich ein bisschen schade finde, dass die Ausbildung so sehr stark an der Medizin orientiert ist. Ich weiß allerdings nicht, ob man das wirklich ändern kann, weil der Nachteil an der Medizin, durch mein Studium eben ist mir das ja auch noch mal bewusst geworden, ist, dass man so furchtbar viele Fakten auswendig lernen muss, so dieses, also diese kausalen Zusammenhänge und übergreifenden Sachen eigentlich zu kurz kommen. Auf der andern Seite ist es ja nun mal auch 'ne Fülle an Wissen, die irgendwie, ja, also viele Dinge muss man eben einfach wissen, das seh ich bis heute, das hat sich nicht geändert, also anatomische, physiologische Grundkenntnisse sind eben wichtig.“

Sowohl die Prägung durch die jeweils Lehrenden und damit Entwicklung bestimmter Interessensbereiche hat sich vor 10 Jahren (Vergleich NovizInnen und Berufserfahrene) genauso dargestellt, als auch die positive Einschätzung der Verknüpfung von praktischer Tätigkeit halbtags und Schule (vgl. hierzu die Auswertung der NovizInnen).

Ähnlich wie die NovIzinnen thematisieren auch die Berufserfahrenen, dass die Entwicklung des beruflichen Selbstbewusstseins und der beruflichen Identität während der Ausbildung nicht angebahnt wird. Ihre augenscheinliche Kompetenz hängt von der Fähigkeit ab, „sich gut verkaufen zu können“. Das „sich verkaufen können“ sehen die Studierenden als persönlichkeits- und nicht qualifikationsbedingt. Eine der Studierenden verweist hier auf den Wesenszug einiger PhysiotherapeutInnen, den sie offenkundig durch ihre lange Berufserfahrung kennen gelernt hat und stellt einen Zusammenhang zwischen der Ausbildung und der Ausprägung dieses Wesenszuges her. Zudem greift sie das antizipierte Fremdbild „Massagemäuschen“ (vgl. auch Kapitel 4.3.3 „antizipiertes Fremdbild“) auf.

148

Text: D\P, Position: 24 – 24, Code: Bewert. Ausbildung

„...ist sehr persönlichkeitsabhängig, und sehr selbstbewusstseinsabhängig, , es gibt Leute, die sind fachlich supergut, können sich nicht verkaufen, werden als kleines Massagemäuschen dargestellt, es gibt Leute, die haben wenig drauf, können sich gut verkaufen und sind dann der Hero, also ich denk, das ist persönlichkeitsabhängig, das wird in unserer Ausbildung nicht gefördert, ein sehr großes Selbstbewusstsein zu erlangen.“

149

Was die berufserfahrenen Studierenden als überaus positiv dargestellt haben, ist das sogenannte „Anerkennungsjahr“. Dieses Anerkennungsjahr, welches sich nach der damals zweijährigen schulischen Ausbildung angeschlossen hat, ist von allen als ein ganz wesentlicher Zwischenschritt zwischen schulischer Ausbildung und endgültigem Einstieg in das Arbeitsleben gesehen worden Hier war in einem geschützten Rahmen mit feststehendem Status der „noch zu Betreuenden“ viel Raum für die Exploration des neuen Arbeitsbereiches, der eigenen Entwicklung im Umgang mit KlientInnen, der eigenen Kompetenzentwicklung in fachlicher als auch persönlicher Hinsicht gewährleistet. In diesem Anerkennungsjahr sind offensichtlich wesentliche Defizite der Ausbildung ausgeglichen worden und haben den sog. „Praxisschock“, auf den im nachfolgenden Kapitel eingegangen wird, reduziert.

Text: E\S, Position: 60 – 60, Code: Bewert. Ausbildung

150

„Das (Anerkennungsjahr) war sehr gut, also ich fand's auch im Nachhinein mit am lehrreichsten, also, im direkten Patientenkontakt und mit der Betreuung, da hat man wesentlich mehr gelernt als in den ganzen Praktika während der Ausbildung.“

Die gleiche Studierende reflektiert im Rückblick eine weitere positive Seite ihrer Ausbildung, das Phänomen der Körperlichkeit. Sie betont, dass sie es als sehr sinnvoll erachtet hat, dass in der Ausbildung so offen mit dem nackten menschlichen Körper umgegangen wurde. Sie erinnert sich daran, wie sehr sie anfänglich schockiert durch dieses Erlebnis war, hält es aber für eine unabdingbare Voraussetzung im Umgang mit den KlientInnen. Je mehr natürlichen Umgang mit dem menschlichen Körper die TherapeutIn selber erfahren hat, um so natürlicher und umsichtiger kann sie in der therapeutischen Interaktion handeln. Einen ähnlichen Effekt berichten einige Studierende bei der Einschätzung ihres Studiums, welches sie nach niederländischem Modell absolvieren.

Text: E\S, Position: 70 – 70, Code: Bewert. Ausbildung

151

„Gut fand ich, dass von Anfang an, ohne wenn und aber, sehr offen mit Körper umgegangen wurde, dass wir uns gegenseitig, ja, eigentlich auch des öfteren nackt im Hydro oder so gesehen haben, wobei jeder schon noch die Möglichkeit hatte, da seinen Badeanzug oder was anzuziehen, was am Anfang halt schockierend war, aber ich denke im Nachhinein, kann man am Patienten dadurch, durch so was viel selbstverständlicher damit umgehen und es ist für den Patienten angenehmer.“

Eine weiterer Unterschied zwischen NovizInnen und Berufserfahrenen ist der Umgang oder die Betrachtung von Erfahrungswissen. Während die NovizInnen sehr viel „bewiesenes“, wissenschaftlich untermauertes Wissen einfordern, so äußern sich die Berufserfahrenen kritischer. Auch sie fordern, den neuesten Wissensbestand mit in die Ausbildung einfließen zu lassen, und auch die Lehrenden sind aufgefordert, sich mit den neuesten Erkenntnissen auseinander zu setzen, sie schätzen aber hinsichtlich der Physiotherapie viele Bereiche als noch nicht beweisbar ein bzw. plädieren eindeutig dafür, das Erfahrungswissen nicht völlig in Frage zu stellen.

152

Text: C\M 100, Position: 62 – 63, Code: Bewert. Ausbildung

„Erfahrungswissen soll jetzt nicht ausgetauscht werden gegen evidenz-basiertes Wissen, also ich denk schon, dass es, dass es Sachen gibt, da wird's unheimlich schwer sein, das wissenschaftlich nachzuweisen“

153

Die berufliche Erfahrung lässt sie zu der Erkenntnis gelangen, dass es sich bei dem in der Ausbildung vermittelten Wissens und hier ist zunächst explizites Wissen angesprochen - nur um ein „Halbwissen“ handelt, welches aber allzu oft als absolut hingestellt wird. Dieses spielt für alle Befragten eine große Rolle im Hinblick auf das Selbstbewusstsein- bzw. die Ernüchterung, die sie nach der Beendigung der Ausbildung erfahren. Hier liegt wiederum eine enge Verknüpfung mit der Tatsache vor, dass man „nicht weiß, was man kann“ und auch die eigenen Grenzen des Wissens nicht eingeschätzt werden können, und sich dieses zudem negativ auswirkt auf die Zusammenarbeit mit benachbarten Berufsdisziplinen. Dieser Tatsache wird in dem folgenden Kapitel „Berufseinstieg“ genauer nachgegangen.

Einen weiteren Schwachpunkt in der Ausbildung deckt eine Berufserfahrene auf, indem sie bemängelt, in der Ausbildung nicht gelernt zu haben, wie man adäquate Berichte an den Arzt oder auch an andere Disziplinen schreibt, dass man nicht lernt, sich entsprechend auszudrücken bzw. schriftlich und mündlich zu kommunizieren. Sie gleicht dieses Defizit mit der Berufsgruppe der ErgotherapeutInnen ab und stellt fest, dass diese Berufsgruppe nicht nur in diesem Hinblick weiter in ihrer Entwicklung ist.

Text: D\P, Position: 82 – 83, Code: Bewert. Ausbildung

154

„Wir mussten auch die Berichte schreiben für die Ärzte, das ist zum Beispiel auch was, was in die Ausbildung sollte, denk ich, wie schreib ich 'n Bericht, was gehört da rein, wie soll ich mich ausdrücken, weil in den Berichten, wir lernen das ja nicht, also, klar macht man 'n Befund, und man schreibt das dann hin, aber wenn ich 'n Bericht an die Kasse oder an den Arzt schicke, Ergos sind da super, wir überhaupt nicht. Also ich fühl mich nicht kompetent darin, ich hab's nicht gelernt.“

Fasst man die von den allen Studierenden geäußerte Kritik bzw. die Kriterien für eine gelungene Ausbildung zusammen (vor dem Hintergrund einer bereits erfolgten Studierendensozialisation), so müsste eine Ausbildung folgende Punkte beherzigen:

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4.1.4 Berufseinstieg als Hürde?

Der Berufseinstieg konfrontiert die examinierten PhysiotherapeutInnen mit einer neuen, ungewohnten Situation. In Abhängigkeit von der Art des Arbeitsplatzes und der Persönlichkeit der TherapeutIn wird dieser Berufseinstieg sehr unterschiedlich empfunden und führt bei der Hälfte der Befragten nachfolgend zu weitreichenden Konsequenzen in ihrer Weiterentwicklung. Wie bereits in der Beurteilung der Ausbildung ersichtlich gewesen ist, äußern knapp 80% der befragten TherapeutInnen, dass sie zum Ende der Ausbildung hin ein defizitäres Gefühl im Hinblick sowohl auf ihre beruflichen als auch sozialen Kompetenzen entwickelt haben. Äußerungen wie, „also, was die fachlichen Kompetenzen anbelangt, hab ich mich in den ersten zwei Jahren sehr unwohl gefühlt“, „ich hatte den Eindruck, ich kann nichts und ich werd es vielleicht auch nie lernen“, „wenn du von der Schule kommst, kannst du ja quasi nichts“, „also, ich fühlte mich direkt nach der Ausbildung überhaupt nicht in der Lage, zu behandeln“ stellen dar, dass die PhysiotherapeutInnen den Einstieg in ihr Berufsleben als eine Hürde, als einen möglicherweise auch angstbesetzten Schritt gesehen haben - in einschlägiger Literatur auch als „Praxisschock“ bezeichnet. Sie fühlten sich zum Teil überfordert, das in der Ausbildung erworbene Wissen auf die therapeutische Intervention zu übertragen und stießen immer wieder an ihre eigenen Grenzen, da sie auf die Diskrepanz zwischen Ausbildung und Arbeitsanforderung nicht vorbereitet waren. Die Aussagen der berufserfahrenen Studierenden lassen sich anhand von drei Zitaten typisieren. Sie orientieren sich an der Art des ersten Einsatzes in der Berufspraxis.

Der erste Typ, Typ Praxis genannt, begann seine physiotherapeutische Karriere in einer physiotherapeutischen Praxis, die keine spezielle fachliche Ausrichtung aufwies. Der Einstieg ins Berufsleben zeichnete sich durch eine generelle Überforderung der Therapeutin aus, die zunächst vordergründig aufgrund der „Fließbandarbeit“, d. h. aufgrund der Masse der anfallenden Behandlungen im 30 Minuten Takt, zur Desillusionierung und letztendlich zu einem Wechsel des Arbeitsplatzes führte.

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Die TherapeutInnen, die dem zweiten Typ, Typ Orthopädie zugeordnet werden können, waren ebenfalls mit anderen Vorstellungen in das Berufsleben eingetreten als dann in der Realität vorgefunden. Auch sie wurden ins „kalte Wasser“ geworfen, sind aber in einem Rehabilitationszentrum oder einer anderen Einrichtung mit orthopädisch-traumatischer Ausrichtung tätig. Die TherapeutInnen fühlten sich fachlich durch die Schule “relativ“ gut vorbereitet für diese Tätigkeit. Insbesondere berichten dies die Studierenden, die vor der Einführung der neuen APrO ihre Ausbildung absolvierten, da sie sich an Richtlinien orientieren konnten, die sie jedoch sehr schnell im Verlauf ihrer beruflichen Praxis modifizierten. Sie meisterten die hohe Arbeitsbelastung, obwohl ihr Arbeitsrhythmus mit 25 Minuten pro KlientIn noch gedrängter ausfiel, fanden jedoch Unterstützung bei den KollegInnen. Eine der berufserfahrenen TherapeutInnen zeigt die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs anhand des Umgangs mit dem in der Ausbildung als „absolut“ vermittelten Wissens, der damit verbundenen Abgrenzung gegenüber den Medizinern und der Reflexion der eigenen Sozialkompetenzen.

Der dritte Typ, Typ Neurologie, wechselte nach der Ausbildung in eine neurologische Klinik, und nach anfänglichen Schwierigkeiten, dem Gefühl, allein gelassen zu sein, fand sie sehr gute Unterstützung, um sich in einem geschützten Rahmen zu entwickeln. Sie beschreibt die Schwierigkeiten ihres Berufseinstiegs primär mit dem Fokus der nicht ausreichenden Sozialkompetenz.

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Interviewauswertung anhand der vorgestellten Typen dargestellt und hinsichtlich der Thematik „Berufseinstieg als Hürde“ analysiert.

4.1.4.1 Typ 1: Praxis

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Die Studierende beschreibt ihren Arbeitseinstieg in eine Physiotherapiepraxis. Die Konfrontation mit dem strengen Arbeitsrhythmus, zum damaligen Zeitpunkt noch ein 30-minütiger Wechsel der KlientInnen (heute steht der einzelnen Therapeutin in der Praxis z. T. nur eine Behandlungszeit von 20 Minuten oder weniger pro KlientIn zur Verfügung- Anmerkung der Verfasserin), die geringe Vor- und Nachbereitungszeit, die nicht vorhandene Unterstützung durch ArbeitskollegInnen sowie die Verantwortung gegenüber der einzelnen KlientIn haben dazu geführt, dass die Therapeutin bereits nach kurzer Zeit so demotiviert ist, dass sie sich entschließt, den Arbeitsplatz zu wechseln. Sie spricht davon, dass die BerufsanfängerInnen in der Praxis niemandem wirklich gerecht werden können aufgrund der geringen Behandlungszeit - weder der KlientIn geschweige denn ihrem eigenen qualitativen Anspruch - und möglicherweise auch nicht dem Arzt oder der Vorgesetzten. Um ihre ehemalige Vorstellung des Berufes aufrechterhalten zu können bzw. wiederzubeleben, wechselte sie die Arbeitsstelle. In der Klinik fand sie deutlich bessere Arbeitsbedingungen vor, die sie sowohl hinsichtlich ihrer praktischen Arbeit als auch der weiteren Qualifizierung in ihrem Beruf motivierten.

Text: C\N, Position: 17 – 17, Code: Berufserfahrung/-tätigkeit

158

„Im ersten Berufsjahr ging's mir halt schon recht schlecht, weil ich mir halt da der Verantwortung bewusst geworden bin, die ich halt an Patienten gegenüber habe, man hat halt schon in einem 30-Minuten-Takt gearbeitet, in einer Praxis mit wenig Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit, und das stellte sich für mich dann doch recht unbefriedigend dar, ....da wurde halt weder, weniger die Qualität (der Behandlung) halt in den Vordergrund gestellt , sondern wirklich die Masse musst es halt bringen, dass die Praxis halt läuft, und ja, das war für mich einfach nicht zufrieden stellend. ...irgendwie hatt’ ich das Gefühl, eigentlich keinem so richtig gerecht werden zu können.

Position: 45 – 46, Code: Berufserfahrung/-tätigkeit: Nach einem Jahr hab ich dann halt meine Stelle gewechselt, bin von 'ner Praxis dann ins Akutkrankenhaus gewechselt mit Ambulanz, und das war für mich eigentlich ganz angenehm, hab dann halt dort im Krankenhaus angefangen, weiter wieder Fortbildungen zu machen.“

4.1.4.2 Typ 2: Orthopädie

159

Dieser zweite Typ zeichnet sich durch die Aussage aus, „man sollte darauf vorbereitet werden, dass man weiß, was man weiß“, also durch die realistische Einschätzung der eigenen Kompetenzen. Die TherapeutInnen dieses Typs berichten, dass sie sich fachlich durchaus auf den Einstieg in eine orthopädisch-traumatologisch ausgerichtete Arbeitsstelle (wie z. B. ein Rehazentrum) vorbereitet fühlten. Die Arbeit umfasste eine 40 Stunden Woche, teilweise auch mehr, teilweise bis abends um zehn Uhr und wies eine ähnliche „Fließbandarbeit“ auf wie die des Typs „Praxis“. Im Gegensatz zu jenem ist es jedoch nicht die Masse bzw. die Fliessbandarbeit, die sie als problematisch hervorhebt, sondern sie greift die beim ersten Typ zum Teil unterschwellig anklingenden Themen von Selbstbewusstsein, Selbstüberschätzung, Wissen und Abgrenzung auf.

Text: D\P, Gewicht: 100, Position: 36 – 37, Code: Bewert. Ausbildung

160

„Ich hab von morgens bis abends gleich Patienten gehabt.....und grad als Berufsanfänger, wo man sich unsicher noch fühlt, sind die kommunikativen Möglichkeiten, die man hat, und psychologischen Möglichkeiten, die man hat, ganz, ganz wichtig, grade im Umgang mit gestandenen, im Beruf gestandenen Patienten, um sein Selbstbewusstsein nicht zu verlieren am Anfang, und damit, um auch den Erfolg zu gewährleisten, weil sonst bringt ihm das nichts oder ihr das nichts, und mir das auch nichts, .......bei uns wurde es zwar angesprochen, was es für, was es also in der Psychologie, was es da für Modelle gibt, aber die Umsetzung ist grad für Berufsanfänger, denk ich, sehr wichtig. Weil im Krankenhaus, wenn man Ausbildung macht, ist es einfach was anderes, wenn man halt die TEP durch die Gegend schiebt, oder wenn man halt mit wirklichen gestandenen Leuten in der Praxis zu tun hat, wo man einfach 'n ganz anderen Druck entgegengebracht bekommt. ..... und kritischer Umgang zu dem, was man gelehrt bekommt, gut, man braucht erst mal 'ne Grundlage, um überhaupt arbeiten zu können, das ist klar...... Also so Sachen, dass man, man hat 'ne taffe Ausbildung, also, man kann sofort anfangen zu arbeiten, aber man sollte vielleicht sich mit dem Rauslehnen ein bisschen zurückhalten. Ich mein, ich hab's ja genauso gemacht, aber man wird dann doch kleinlauter, je mehr man dann doch Einblick bekommt, also das ist so einfach so'ne Erfahrung, ja, auch diese klassische, gegen den Arzt zu sein, das spielt schon so in die Ausbildung mit rein.“

Die Therapeutin beschreibt den Berufseinstieg ähnlich wie die Kollegin vom Typ Praxis. Auch sie hat sich anfänglich latent überfordert gefühlt, hatte ebenfalls Bedenken, ob sie ihren eigenen und den Ansprüchen der KlientIn gerecht werden kann. Weiter spricht sie drei für sie markante Problembereiche an: Wissen, Abgrenzung und Kompetenz. Sie beschreibt, ihre eigenen Grenzen nicht gekannt zu haben und bezieht dieses primär auf das Wissen, das ihr zur Verfügung stand, aber auch auf den Umgang mit der KlientIn.

Der Typ zeichnet sich dadurch aus, dass er sich fachlich recht gut durch die schulische Ausbildung auf den Berufseinstieg vorbereitet fühlte, da das entsprechende „Grundrüstzeug“ für die Behandlungen in der orthopädisch-traumatologischen Einrichtung vorhanden war, was an der Aussage, man „hat ne taffe Ausbildung, man kann sofort anfangen zu arbeiten“ deutlich wird. Die Therapeutin hatte ihre Ausbildung noch nach der alten Ausbildung- und Prüfungsverordnung absolviert und gibt an, für bestimmte Krankheitsbilder recht klare Vorgaben gehabt zu haben, an denen sie sich zunächst orientieren konnte. Durch den Berufseinstieg entdeckte sie jedoch, dass das von der Schule vermittelte Wissen als ein absolutes, nicht hinterfragtes Wissen vermittelt wurde (siehe Kapitel 4.1.3 „Bewertung der fachschulischen Ausbildung durch die Studierenden“), mit dem die TherapeutInnen in den Arbeitsalltag entlassen wurden. An dieser Stelle verdeutlicht sie, dass sie sich offensichtlich mit ihrem Halbwissen „aus dem Fenster“ lehnen (siehe auch Kapitel 4.3.2 „physiotherapeutisches Selbstbild“) und versuchen, sich damit gegen andere Berufsgruppen, insbesondere die Ärzte, abzugrenzen. Bereits durch die Ausbildung verinnerlichte sie die Haltung, gegen den Arzt zu sein. In oben stehendem Zitat deutet sich somit die latente Konfliktsituation im Verhältnis ÄrztIn-TherapeutIn an, die ebenfalls an anderer Stelle der Arbeit aufgegriffen wird. Ihr Selbstbewusstsein litt unter der Erkenntnis, dass ihr Wissen als nur relativ einzuschätzen ist.

161

Sie beschreibt einen weiteren Faktor, der die TherapeutInnen in ihrem Berufseinstieg das Selbstbewusstsein verlieren lässt. Es ist der Kontakt mit „im Berufsleben gestandenen Personen“ als KlientInnen. Diese Personen scheinen offensichtlich einen anderen Druck auf die TherapeutInnen auszuüben, als wenn man „eine TEP (Totalendoprothese) über den Flur schiebt.“ An dieser Stelle zeigt sich insbesondere der Wert kommunikativer Fähigkeiten und psychologischen Wissens, welches den Umgang mit KlientInnen erleichtert sowie die Bedeutung der praktischen Umsetzung dieses Wissens insbesondere für BerufsanfängerInnen. Gerade dieses psychologische Wissen als ein minimaler Bestandteil der Ausbildung erfährt keine Umsetzung. Da man in den fachschulischen Praktika „nur die TEP durch die Gegend schiebt“ ist man als Berufsanfängerin nicht auf eine professionelle Art im Umgang mit der KlientIn vorbereitet.

Als Berufseinsteigerin erhielt sie fachliche Unterstützung durch ihre KollegInnen am Arbeitsplatz sowie die Zeit für wöchentliche Fortbildungen, sie unterscheidet sich somit deutlich vom Typ 1. Durch einen aus privaten Gründen bedingten Umzug wechselt sie in eine Klinik und hat hinsichtlich des physiotherapeutischen Alltages ebenso wie der Typ 1 ein „Aha-Erlebnis“, welches ich ebenso auf die Erkenntnis bezieht, dass BerufsanfängerInnen in einem Klinikalltag sehr viel entspanntere Arbeitsbedingungen vorfinden als beispielsweise in Praxis bzw. einer Rehabilitationseinrichtung.

4.1.4.3 Typ 3: Neurologie

Der Typ Neurologie begann seine berufliche Entwicklung in einer neurologischen Klinik. Eine der TherapeutInnen dieses Typs berichtet, dass sie einbezogen wurde in den Aufbau einer neuen Station, womit sie sich zunächst auch überfordert und ausgebrannt fühlte (da ihr das nötige feedback fehlte), obwohl sie die Arbeit als „sehr spannend“ empfunden hat. Ihre anfängliche Überforderung wurde dann jedoch zunächst durch eine kompetente Chefin, „die das gemerkt hat“ und dann durch ein funktionierendes Team und Mentoren aufgefangen. Sie unterstreicht die für sie wesentlichen Schwierigkeiten beim Berufseinstieg deutlich anhand der Punkte der Kritikfähigkeit, des Reflexionsvermögens sowie der Interdisziplinparität. Sie fokussiert ihre primären Schwierigkeiten in der fehlenden realistischen Einschätzung im Umgang mit neurologischen KlientInnen. Diese führt sie zurück auf ihre eingeschränkten Sozialkompetenzen wie bspw. die Fähigkeit zur Reflexion ihrer TherapeutInnenrolle, und ihre mangelnde Kritik- und Teamfähigkeit, die ihr erhebliche Schwierigkeiten bereitet haben. Im Gegensatz zum Typ zwei unternimmt sie keine Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen, sondern entwickelt einen integrativen Ansatz, der auch besonders deutlich zum Tragen kommt, als dass sie das Wohl der KlientIn in der Abhängigkeit von der Zusammenarbeit der unterschiedlichen therapeutischen Berufe in den Mittelpunkt stellt und generell Transparenz hinsichtlich der therapeutischen Tätigkeit fordert.

162

Text: E\W, Position: 85 – 85, 91-91, Code: Berufserfahrung/-tätigkeit

„Also am Anfang hab ich mich völlig ausgebrannt gefühlt, weil ich nicht so richtig wusste, ob das, was ich tue, so richtig ist...und dann hatt ich eigentlich immer so Kollegen, die mich dann so, ich sag jetzt mal, so 'ne Mentorenposition für mich hatten, das war eigentlich ganz gut, wo dann eben nicht mehr nur die Behandlung betrachtet wurde, also die fachliche Behandlung als solches, sondern wo eben auch auf diese Interaktionen geachtet wurde, wo ich eben am Anfang doch Bedarf hatte, wo ich nicht wusste, was ich jetzt, was jetzt falsch daran gelaufen is, wirklich viel gebracht hat mir auch diese interdisziplinäre Teamarbeit, hat mich auch immer sehr gefordert und hat mich auch menschlich noch mal, sozial, in Sozialkompetenzen, ich könnt's mir jetzt nicht mehr vorstellen, in 'ner Praxis zusammen zu arbeiten, wo ich nicht weiß, was meine Kollegen machen, also, ja, so dieses im 20-Minuten-Rhyhtmus oder 30-Minuten Rhythmus, also so überhaupt keine Transparenz mehr haben, nicht mehr besprechen können, was man eigentlich tut, ja, das könnt ich mir nicht mehr vorstellen, also ich würd's schon immer wieder mit mehreren Professionen zusammen arbeiten wollen, weil ich denk, dass es, also grad in der Neurologie, für den Patienten viel mehr bringt....ich war am Anfang nicht sehr kritikfähig.“

163

In der Zusammenfassung lassen sich für die Typen 1-3 Gemeinsamkeiten feststellen. Die TherapeutInnen stiegen mit einem sehr hohen Anspruch an sich selber und an ihre „Erfolge“ in den therapeutischen Alltag ein, dem sie schlussendlich nicht gerecht werden konnten. Dieses vermittelte ihnen das Gefühl, ein „Mangelwesen“ zu sein und führte zu einer ersten Frustration bzw. Desillusionierung verbunden mit einem Gefühl des Selbstwertverlustes. Sie betonen die Diskrepanz zwischen der Ausbi l dungssituation und dem beruflichen Alltag, auf den sie sich nicht adäquat vorbereitet fühlten, sei es bezogen auf die fachliche als auch die persönliche Kompetenz. Diese Diskrepanz lässt sich auch als Praxisschock bezeichnen. Dieser Praxisschock ist bereits für andere Berufe beschrieben worden und lässt sich für die Physiotherapie bestätigen. Die in der Ausbildung nicht vermittelte soziale Kompetenz, das fehlende Reflexionsvermögen, die fehlende realistische Selbsteinschätzung sowie das zu hinterfragende therapeutische Rollenverständnis scheinen insgesamt als größeres Problem empfunden zu werden als die fehlende fachliche Kompetenz. Retrospektiv wird den Befragten bewusst, dass die Ausbildung ihnen zwar ein gewisses Maß an Techniken und Möglichkeiten der Therapie vermittelt, aber auch gleichzeitig „nur“ die Basis für ihre therapeutische Weiterentwicklung bedeutet. Erst durch den unmittelbaren Kontakt zur KlientIn und die Rückmeldungen von KollegInnen des medizinischen Teams stellt sich nicht nur das Erfahrungswissen, sondern auch die Entwicklung der soft skills ein. Problematisch stellt sich für sie dar, dass sie sich am Anfang ihrer Tätigkeit vermehrt auf ihre Intuition verlassen müssen.

Ebenfalls unabhängig vom Typus geben die Befragten an, dass der schnelle KlientInnenwechsel (die „Fließbandarbeit“), sei es in der physiotherapeutischen Praxis oder einer sonstigen Einrichtung, den Bedürfnissen einer BerufseinsteigerIn in keinster Weise entspricht. Zudem machen sie deutlich, dass gerade in ihrem ersten Jahr eine festgelegte Betreuung bzw. Supervision mit einem festen Ansprechpartner und regelmäßige Fortbildungen in einer Gruppe überaus notwendig und wichtig sind, um den Einstieg in das Berufsleben so effektiv wie möglich zu gestalten und nicht zur Hürde werden zu lassen.

4.2 Ergebnisse des 2. Stranges: Akademisierung und ihre Auswirkungen

Da die Aufnahme eines Studiums in vielerlei Hinsicht einen Einfluss auf die Entwicklung einer akademischen Kultur ausübt und zur Änderung der Berufskultur sowie des beruflichen Habitus beiträgt, wird im folgenden zu eruieren sein, welche motivationalen Faktoren für die Aufnahme des Studiums vorlagen und mit welchen Erwartungen diese verknüpft sind. Weiterhin werden die beruflichen Perspektiven und Karrierevorstellungen der PhysiotherapeutInnen im Zusammenhang mit der akademischen Ausbildung vorgestellt sowie ihre Einschätzung des Studiums, aber auch die von ihnen ausgemachten Problemfelder in der Etablierung der Studiengänge. Studienmotivation und Erwartung an den Studiengang sind eng miteinander gekoppelt und so wird nachfolgend die Typologie - wie auch in der übrigen Ergebnispräsentation- zunächst nach Novizinnen und Berufserfahrenen getrennt dargestellt, da sich deutliche Unterschiede ausmachen lassen. Unabhängig jedoch von der Berufserfahrung bringen beide Gruppierungen entweder unterschwellig oder offen ausgesprochen die Themen des Status, der Hierarchie, der Abgrenzung und der gesellschaftlichen Veränderung des Bildes von Physiotherapie, die eng mit dem Selbst- und Fremdbild korrelieren, als motivationale Komponenten zur Aufnahme des Studiums an.

4.2.1 Studienmotivation und Erwartungen an das Studium

4.2.1.1 Berufserfahrene

164

Die berufserfahrenen PhysiotherapeutInnen, die sehr stark in ihrem Beruf verwurzelt sind und aufgrund ihrer jahrelangen Einblicke in den Beruf sowohl die Stärken und positiven Seiten als auch die Schwächen und Grenzen kennen gelernt haben, geben in der Zusammenfassung die folgenden Motive zur Aufnahme des Studiums an:

Die berufserfahrenen TherapeutInnen lassen dreierlei Typen erkennen, zum einen die „suchende EnthusiastIn“, die „abwartende RealistIn“ sowie den Typus „Aufstiegsorientiert“. Bevor die drei Typen beschrieben werden, sollen die Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Alle drei zeichnen sich durch eine aktive Suche nach Alternativen zu ihrer momentanen Tätigkeit aus, gerade die beiden ersteren zeigen auch eine besondere Nähe und ein Festhalten an ihrem Beruf und der ständigen, kritischen Reflexion mit diesem. Alle drei haben im Laufe ihrer Berufserfahrung an sehr vielen, zum Teil mehrjährigen und kostenintensiven Fort- und Weiterbildungskursen (siehe auch Kapitel 4.3.6 „Professionalisierung und Fort-und Weiterbildung“) teilgenommen, die sie zunächst inhaltlich in ihrem Technikrepertoire und damit (Be-)Handlungsrepertoire und ihrer Einsicht in verschiedene physiotherapeutische Konzepte weitergebracht haben, letztlich aber (noch) nicht zu einer Befriedigung in ihrem Beruf geführt haben. Sie sind von der Wichtigkeit des Berufes für die Gesellschaft überzeugt, stoßen aber an ihre Grenzen hinsichtlich ihres Wissens. Sie sind ständig auf der Suche nach einer Ergänzung im Bereich Physiotherapie, von der sie noch nicht genau wissen, wie sich diese gestalten soll, jedoch ist es eindeutig, dass die Fort- und Weiterbildungen allen Typen nach einer gewissen Zeit keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn für ihren Beruf ermöglichen. Ebenfalls teilen sie die Gemeinsamkeit, dass sie den Beruf gerne weiterentwickeln möchten und im Sinne der KlientIn auf eine adäquatere Auseinandersetzung im Hinblick auf interdisziplinäre Gestaltung des therapeutischen Alltags Wert legen.

Typ: „Suchende EnthusiastIn“

165

Der Typ „suchende EnthusiastIn“ ist auf der Suche nach einer Ergänzung oder Vervollständigung seiner physiotherapeutischen Identität. Die TherapeutInnen dieses Typs suchen ergänzende und erklärende Puzzlestücke, die sie weder durch die Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen noch durch Ausflüge wie beispielsweise in die Welt des Medizinstudiums oder auch in andere Studiengänge finden. Sie kehren nach diesen Ausflügen jedoch wieder in den ursprünglichen Beruf zurück, da sie auch in diesen Studiengängen nicht die entsprechenden Ergänzungen finden konnten.

Text: E\T, Position: 72 – 74, Code: Studium\Motivation

166

„Im Grunde genommen war ich die ganze Zeit auf der Suche,, auch dieses Medizinstudium ist im Prinzip aus der Not heraus entstanden. Also ich hatte nach meiner physiotherapeutischen Ausbildung immer irgendwie das Gefühl, dass was fehlt, ...ohne dass viele sagen können, was eigentlich so genau fehlt. Es war ein Versuch, über dieses Medizinstudium das möglicherweise füllen zu können, aber es hat halt fehlgeschlagen. Weil ich dann aber so erkannt habe, dass ich ja schon glücklich im Prinzip mit der Physiotherapie bin, war das für mich klar, dass es da weiter gehen muss, also dass direkt im Bereich der Physiotherapie was fehlt.“

Text: D\O, Position: 72 – 72, Code: Studium\Motivation

167

„Ich hatte immer das Gefühl, ich will noch irgendwas machen, aber ich konnte nie konkret sagen, was. Ich wusste nur, dass ich es nicht einsehe, irgendwie die nächsten 10 Jahre von einer Fortbildung zur nächsten zu rennen, Zeit zu investieren, Geld zu investieren, .....(hab) was im Internet recherchiert und der erste Link, der erschien, neuer Studiengang der Physiotherapie, ja, wunderbar, danke, dacht ich mir, ja, das ist es. Ich wusste zwar nicht, was dahinter steckt, was es bedeutet, keine Ahnung, aber ich dachte mir, ja, und das ist es.“

Die vorstehend zuerst zitierte Studierende, die über eine mehr als 10-jährige Berufserfahrung verfügt, zurzeit eine eigene Praxis (allein) mit selbstbestimmter Arbeitszeit, einem ausgewählten Klientel und einer direkten Anbindung an eine ärztliche Praxis betreibt, berichtet über das Phänomen der Suche nach ergänzenden Inhalten, welches auch im Kontakt mit ihren KollegInnen immer wieder Thema gewesen ist. Der Versuch, diese ergänzenden Inhalte in der Medizin (Aufnahme des Medizinstudiums) zu finden, sind fehlgeschlagen und sie ist zur Physiotherapie zurückgekehrt, weil sie im Grunde damit „glücklich“ ist. Bereits im Kapitel 4.1.3 „Bewertung der fachschulischen Ausbildung“ hatte diese Studierende die strenge Orientierung der Physiotherapie an der Medizin und am biomedizinischen Modell kritisiert bzw. in Frage gestellt. Dieses dürfte auch ein Faktor sein, der die „Weitersuche“ in anderen Bereichen begünstigt hat und sie schlussendlich durch Zufall in ihrer eigenen „Profession“ Physiotherapie das Studium entdeckt hat. Obwohl ihr nicht transparent ist, was sich hinter diesen neuen Möglichkeit verbirgt, weiß sie, dass es genau das ist, was sie sucht.

Die zweite Studierende gibt fast identische Motive zur Studienaufnahme an. Für sie ist die Teilnahme an Fortbildungen während ihrer langjährigen Berufspraxis nicht mehr erfüllend, weder aus inhaltlicher noch aus finanzieller Sicht. Auch sie stolpert zufällig durch einen Hinweis (im Internet) über den neuen Studiengang und weiß ebenfalls, dass es genau das ist, was sie gesucht hat. Beide Studierende verbindet die lange Berufspraxis und die Intention, auch nach dem Studium wieder, wenn auch in unterschiedlicher Form, mit der KlientIn zu arbeiten. Zwar haben beide Therapeutinnen vor ihrer Entscheidung keinen genauen Einblick in den jeweiligen Studiengang gehabt, haben sich aber dann aktiv mit den Inhalten auseinandergesetzt. Erstgenannte entscheidet sich für den dreisemestrigen, vielfältig gestalteten Studiengang, Zweitgenannte für den sechssemestrigen medizinisch ausgerichteten.

168

Ihren Anspruch an das Studium drückt die erste Studierende deutlich aus, wenn sie erklärt, dass sie die Puzzlestücke finden möchte, die ihr in der Physiotherapie fehlen. Darüber hinaus reflektiert sie, dass die Physiotherapie eine ungünstige Position im Gesundheitswesen inne hat, und sie es in ihrer Verantwortung sieht, sich aktiv für eine Veränderung einzusetzen.

Text: E\T, Position: 75 – 75, Code: Studium\Erwartungen.

169

„Also eigentlich brauchte für mich nicht allzu viel passieren, in diesem Studium. Es sind sozusagen Schlüsselbegriffe gewesen, die letztendlich gefallen sind, wo sich plötzlich dieses ganze Wissen, was ich hatte, neu strukturiert hat, neu geordnet hat, und ich einfach 'n anderen Blickwinkel für die Dinge gekriegt habe.....Gut, also ich hatte das Gefühl, dass wir als Physiotherapeuten innerhalb dieses Gesundheitssystems irgendwie 'ne blöde Position haben, 'ne blöde Ausgangsposition,.., wo es sich irgendwie lohnt oder wo es Sinn macht, darum zu kämpfen, das zu verändern und zu verbessern.“

Typ: „Abwartende RealistIn“

Dieser Typus zeigt ebenfalls auf, wo die Grenzen und vielmehr die Probleme des mit viel Enthusiasmus begonnenen physiotherapeutischen Arbeitslebens zu finden sind, bzw. die Desillusionierung beginnt. Nicht nur Defizite in der Ausbildung, sondern auch die Frustration und das „Sackgassenproblem“, kombiniert mit der „burnout-Symptomatik“ werden von acht der zwölf berufserfahrenen TherapeutInnen genannt. Die Studierenden dieses Typs waren langjährig in einer Einrichtung wie beispielsweise einem Rehabilitationszentrum tätig und berichten über relativ gute Arbeitskonditionen. Hierzu zählen sie die Integration in ein Team, den fachlichen Austausch etc. Trotzdem sind diese Faktoren nicht ausschlaggebend, sie in ihrem Beruf zu halten, sie suchen nach adäquaten Alternativen. Die Faktoren, die Schwierigkeiten bereiten sind zum einen die Rolle gegenüber der KlientIn, die interaktionale Gestaltung der Therapeuten-Klienten-Beziehung und damit auch die Abgrenzung und realistische Einschätzung des einzubringenden „Idealismus“ und „Enthusiasmus“. Dies ist eng verbunden mit dem eigenen hohen Anspruch an die Behandlung. Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass trotz der langjährigen Erfahrung die professionelle Grenzziehung zu ihren KlientInnen als sehr schwierig empfunden wird. Nachfolgend berichtet eine der Studierenden dieses Typs eindrücklich, wie ihr eigener Anspruch an die therapeutischen Resultate differierte von der Erwartung, die die KlientInnen an sie hatten. Auch dieser Typus berichtet über das aus wirtschaftlichen Gründen abzuleistende Arbeitskontingent einer 40-Stunden-Woche, da in einem 20-minütigem Rhythmus die KlientInnen - non-stop - behandelt werden müssen. Die Frustration und die Müdigkeit, die die quantitative Überforderung hervorrufen, führen dazu, dass der eigenen qualitativen Weiterentwicklung nicht mehr entsprochen werden kann. Es bleibt aber kaum Zeit, um abends eine fachlich unklare Situation theoretisch nachzuarbeiten.

Text: E\U, Position: 43 – 43, Code: Studium\Motivation

170

„Dass wir (die KollegInnen) uns gegenseitig einig waren, dass wir für uns selber besser Grenzen setzen, wenn mir keine aktive Mitarbeit (von der KlientIn) entgegengebracht würde, werd ich nicht unheimlich viele therapeutische Energie investieren, weil ich weiß, das kann nicht zu 'nem gute Ergebnis führen. Heute würd ich das anders benennen, dieses gemeinsame Ziel finden..... Und das war auf Dauer so, dass diese Bestrebung, einfach abends noch mal in ein Buch zu gucken, wenn ich tagsüber auf ein Problem gestoßen bin, dass die Energie weg war, was ich einfach einerseits sehr schade fand aber auch für mich selber einfach gar nicht anders machbar sah, weil ich wahrscheinlich, also man war einfach ausgepowert nach 'ner 40-Stunden-Woche im 20-Minuten-Rhythmus, es gab Tage, wo das einfach richtig heftig war. ....und ich musste so sehr lernen, das, was ich anbieten kann, auf diese 20 Minuten zu beschneiden, und dass ich eben manchmal auch nur drei Dehnübungen gemacht hab, noch ein bisschen mir das aktuelle Problem angehört habe, aber dann eben sagten musste, das war meine therapeutische Leistung, die ich in dieser Zeit bringen kann.“

Um dieser Situation Abhilfe zu leisten, überlegt bspw. diese Studierende zunächst, eine neue Arbeitsstelle anzunehmen, verwirft aber den Gedanken umgehend, da die Arbeitsbedingungen sich nicht wesentlich verändern würden und sie annimmt, nur vom Regen in die Traufe zu geraten., Darüber hinaus wäre es mit unnötigen Unkosten (Umzug) verbunden und stünde nicht in einer Kosten-Nutzen-Relation. Sie versucht die Situation individuell insofern zu entschärfen, indem sie einen längeren Auslandsaufenthalt antritt, von dem sie sich verspricht, dass er ihr Überarbeitungsphänomen bzw. Burnoutsyndrom entkräftet. Nach ihrer Rückkehr stellt sie jedoch nach kurzer Zeit fest, dass der Erholungswert gleich Null ist, und sie innerhalb einiger, weniger Tage genauso „gefrustet“ ist wie zuvor.

171

Text: E\U, Position: 43 – 43, Code: Studium\Motivation

„Ich hatt immer das Gefühl, verbessern kann man sich hier beruflich nicht.... und war ein paar Monate im Ausland, und dann war es aber auch so, dass ich wieder da war und feststellen musste, dass dieser Arbeitsalltag und dieser Trott so unheimlich schnell wieder über mich gekommen waren, dass ich eigentlich schon nach 'nem Monat ich wieder so richtig in diesem Alltagsdruck und Alltagstrott drin steckte, dass ich eigentlich sehr enttäuscht war, dass das nicht noch länger anhielt, ... Ja, das, also das hat dann dazu geführt, einfach zu gucken, was denn möglich wäre .“

172

Diese Sackgasse ist die Motivation für die Aufnahme des Studiums. Die Erwartungen schwingen nur indirekt mit und werden von der Therapeutin nicht explizit benannt, sie erhofft sich jedoch vom Studium die Eröffnung neuer (beruflicher) Perspektiven; die einen abwechslungsreicheren „Arbeitsalltag“ ermöglichen.

Typ: „Aufstiegsorientiert“

Die Grundmotivation, das Studium aufzunehmen, sind die engen Grenzen und die empfundene Stagnation, auch das arbeitszeitlich abzuleistende Kontingent an Behandlungen. Die hier beschriebenen TherapeutInnen sind durch ihre Arbeitsbedingungen ebenfalls „gefrustet“, obwohl sie in ganz kurzer Zeit alle wichtigen „großen“ Fortbildungen absolviert haben. Ihre Äußerungen sind vergleichbar mit denjenigen des vorstehend beschriebenen Typs. Sie reagieren aber mit ihrer Entscheidung, die Situation zu verändern sehr viel schneller und verbinden auch konkretere Vorstellung mit der Veränderung. Die als „aufstiegsorientiert“ bezeichneten TherapeutInnen wünschen sich eine legale Auszeit mit „Input“ (Studium) und nehmen deutlich mehr ihre eigene Karriere in Augenschein. Es sind PhysiotherapeutInnen, die relativ jung (nach ca. vier Jahren Berufserfahrung) feststellen, dass der Beruf sie in intellektueller Richtung nicht genügend fordert und ihnen durch die unmittelbare Konfrontation mit Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit verdeutlicht wird, dass ihnen der Einblick in wissenschaftliche Erkenntnisse verwehrt ist. Sie gehen bei ihrer Suche nach Alternativen recht zielstrebig voran, und würden auch zunächst in Kauf nehmen, der Physiotherapie den Rücken zuzukehren, indem sie ein „art- oder fachfremdes“ Studium aufnehmen, gäbe es nicht die Innovation, ein Physiotherapiestudium aufnehmen zu können. Ihre vordergründige Intention ist zum Einen, in der medizinisch hierarchischen Struktur einen besseren Status zu erlangen und mit den Ärzten in einen gleichberechtigten Austausch zu treten, zum Anderen verbinden sie mit dem Studium die Forderung nach Aufstiegschancen sowie nach monetärer Anpassung. Im folgenden Zitat wird deutlich, dass das Studium im Prinzip als eine Fortsetzung der Fort- und Weiterbildungskarriere betrachtet wird, denn der Beginn des Studiums fällt zusammen mit dem Zeitpunkt, an dem die meisten TherapeutInnen ihre Teilnahme an Fortbildungen reduzieren (siehe Kapitel 4.3.6 „Professionalisierung und Fort- und Weiterbildung).

Text: E\W, Position: 18 – 19, Code: Studium\Motivation

173

„Physiotherapie ist durch das Studium wieder (Traumberuf) geworden, weil ich ja überlegt hatte, noch mal was anderes zu machen.... Weil man da immer eben an die Grenzen gestoßen ist, die man in der Ausbildung bekommen hat. Deswegen hätt ich jetzt, zum Beispiel, Diplom-Medizin-Pädagoge oder Psychologie einfach noch mal studiert, um bessere Einblicke in die Wissenschaftlichkeit zu bekommen oder in die Lehre, aber ich denk mal, dann hätten sich für mich die Fragen, die ich vielleicht während meiner Tätigkeit als Physiotherapeutin hatte vielleicht auch wieder geklärt und ich hätte den Bogen wieder zurückgefunden, zur Physiotherapie.“

Zusammengefasst ist es den Berufserfahrenen wichtig, in ihrem Beruf zu verbleiben, ihm neue Konturen zu geben, u. a. auch den medizinischen Strukturen zu entfliehen, die Qualität der Behandlungen zu verbessern, an der Mitgestaltung des Berufes beteiligt zu sein, eine Statusverbesserung zu erreichen und in eine egalitäre Kommunikation mit den ärztlichen KollegInnen eintreten zu können. Die vorstehend Zitierten geben an, durch irgendeinen Zufall auf das Studium gestoßen zu sein, was nicht weiter verwunderlich ist, da die ersten Studiengänge 2001 in der Anfangsphase waren. Über diese Studiengänge gestolpert zu sein, bringt für die erstgenannten Therapeutin keinen Wohnortwechsel mit sich, den sie aus beruflichen und familiären Gründen auch nicht hätte vornehmen können. Die beiden zuletzt zitierten Frauen haben einen Umzug an den Studienort vorgenommen, haben sich mit viel Enthusiasmus und Engagement in die neue Situation als Studierende begeben. Da jedoch nur insgesamt vier der insgesamt befragten Studierenden für das Studium einen Wohnortwechsel vorgenommen haben (einmal abgesehen von den Marburger Studierenden, die für die blockweise organisierten Studienabschnitte z. T. zwischen 120-900km anreisen) scheint der Wunsch und die Motivation für das Studium die Schwelle des Umzugs nicht zu überschreiten; einige betonen explizit, dass sie für das Studium auch nicht umgezogen wären. Dies gilt sowohl für die befragten Berufserfahrenen als auch für die NovizInnen und ist nicht unbedingt altersbedingt oder durch familiäre Verpflichtungen begründet. Hierin unterscheiden sie sich deutlich von den Studierenden anderer Studiengänge. Jeweils nur eine der Berufserfahrenen und eine der Novizinnen geben an, dass ein motivationaler Faktor zur Aufnahme des Studiums sei, auch in den Genuß des StudentInnenleben zu kommen- d. h. ein selbstbestimmtes, mit allen Vorzügen des StudentInnenlebens stigmatisiertes Leben führen zu können. An dieser Stelle sei vorweg genommen, dass dieses nur der Berufserfahrenen wirklich gelingt.

4.2.1.2 NovizInnen

174

Wie stellt sich nun die Motivation der NovizInnen dar, das Studium der Physiotherapie aufzunehmen? An dieser Stelle wird bereits eine weitere Unterscheidung vorgenommen in die Gruppe der Studierenden, die direkt nach Absolvierung ihrer physiotherapeutischen Ausbildung das Studium aufnehmen einerseits und diejenige Gruppe, die entweder von Anfang an (Modell Ausland) beginnen zu studieren oder Studium und Ausbildung (Modell Grundständig) verknüpfen andererseits. Betrachtet man die erste Gruppe, konnte unterschieden werden in den pragmatischen Typ und den unzufriedenen Typ. Beide Typen lassen die direkte Einflussnahme der schulischen Ausbildung auf die Motive, ein Studium zu beginnen, erkennen.

Typ: „PragmatikerIn“

Der pragmatische Typ gibt die folgenden Überlegungen für die Aufnahme des Studiums an:

175

Darüber hinaus möchte dieser Typ durch ein Studium das Herablassende der Ärzte- und hiermit ist die hierarchische Beziehungsstruktur zwischen MedizinerInnen und PhysiotherapeutInnen gemeint - verringern, indem der eigene Status angeglichen wird.

Ein weiterer Fokus schwingt mit, nämlich der der Verbesserung der Lehre an den Schulen, der Veränderung der Kompetenzen der Lehrenden sowie die inhaltliche Ausgestaltung der Ausbildung.

Als Zusammenfassung kann das folgende Zitat begriffen werden:

176

Text: C\M, Position: 49 – 49, Code: Studium\Motivation

„...weil ich einfach gedacht hab, wenn ich einmal in dem Beruf drin bin und wenn ich einmal Geld verdient habe, werd ich das glaub ich nicht mehr so machen, wenn ich dann zu den 20 % gehöre, die sich da bewerben, warum soll ich's mir so schwer mache. So mein wichtigster Grund war, dass ich eben diese Erfahrungen gemacht hab, dass jemand zu mir gesagt hat, ja mach mal hier ein bisschen Gymnastik oder gib dem mal noch ein bisschen Massage oder rede doch mal mit dem, und da hab ich gedacht, ja, kannste doch selber machen. Also dieses Herablassende eben irgendwie, was dann schon von Ärzten kam. Wenn jetzt Physiotherapie dahin neigt, professioneller werden, dann möchte ich das auch machen. Und (ich) hab mir meinen Lehrer angeguckt und hab mir gedacht, na gut, der (Klient) hat jetzt das und das, dann möchte der bestimmt das und das von mir sehen, der (Lehrer) weiß aber wahrscheinlich selber nicht, ob das jetzt genau das Richtige für den Patienten ist, weil wenn ich jetzt mit 'nem anderen Lehrer da wäre, dann müsst ich was anderes machen, und das fand ich, war schon, schon die Widersprüche an sich.“

Typ: „Unterforderte KritikerIn“

177

Der zweite Typus zeichnet sich durch eine hohe Unzufriedenheit mit der Ausbildung und eine Unterforderung durch diese aus. Eine Studierende gibt an, dass für sie nach der Ausbildung eindeutig war, dass sie mit 22 Jahren noch nicht arbeiten gehen wird, „da muss noch ein Studium dran, das kann noch nicht alles gewesen sein“ und „man muss mal wieder etwas für den Geist tun“. Die im Kapitel 4.1.3 „Bewertung der physiotherapeutischen Ausbildung“ (vgl. ebd. C\L) ausführlich beschriebenen Kritikpunkte verquicken sich an dieser Stelle mit der Begründung zur Aufnahme des Studiums. Die Studierenden sind bereits durch die Ausbildung dem Beruf gegenüber so kritisch eingestellt, dass für sie von vornherein eine Tätigkeit im Sinne des KlientInnenkontaktes/der KlientInnenbehandlung ausgeschlossen ist, sie sind ausschließlich an ihrer eigenen intellektuellen Weiterentwicklung interessiert. Die an anderer Stelle aufgegriffen Arroganz sowohl BerufskollegInnen als auch anderen Personen des Gesundheits- aber auch Ausbildungssystems gegenüber, aber auch die Ambivalenz und Verunsicherung dieses Typs klingen hier bereits durch. Darüber hinaus versucht der hier beschriebene Typus der unterforderten Kritikerin, unter zeitökonomischen Gesichtspunkten den Arbeitsaufwand für die Erlangung des Bachelor-Abschlusses zu minimieren, indem sie unterschiedliche Modelle des Studiums vergleicht und sich aufgrund des geringen „Zeitverlustes“ für die dreisemestrige Variante entscheidet („aber die drei Semester, das war o.k.“).

Typ: „Mitnehmen“

Die folgende Darstellung beschreibt primär die Motive der Studierenden der Modelle „Ausland“ und „Grundständig“ (siehe auch Kapitel XX „Darstellung der Studiengänge in Deutschland“). Die Motive differieren deutlich von den bisher beschriebenen, da sie sich eher diffuser und unkonkreter darstellen, und den Studierenden auch nicht recht transparent ist, welches Ziel mit dem Studium eigentlich verfolgt wird. Sie wissen zunächst nicht, was genau sie mit dem Abschluss „Bachelor Physiotherapie“ anfangen können bzw. was sich inhaltlich hinter dieser Qualifikation verbirgt. Sieben der acht NovizInnen dieses Typs geben an, dass sie ebenfalls durch einen Zufall auf das Studium gestoßen sind (wie auch die Berufserfahrenen) und sich aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Wohnort und Fachhochschule für das Studium entschieden haben (von diesen acht Studierenden gibt nur eine Studierende an, wegen des Studiums umgezogen zu sein). Der „Mitnahmeeffekt“ wird durch Aussagen wie „da bin ich zufällig hineingerutscht“, „Akademisierung ist immer gut“, „möchte gerne die Qualifikation mitnehmen, nachdem ich schon Abi gemacht habe“ und „es kann nicht schaden, das Studentenleben kennen zu lernen“ unterstrichen. Eine der Studierenden verdeutlicht allerdings, dass sie sich mittels des Studiums ganz klar distanzieren möchte von den RealschülerInnen, die zwar die Ausbildung zur PhysiotherapeutIn, nicht aber das Studium absolvieren können und begründet dieses mit ihrem eigenen hohen Anspruch an sich selber, der in der Ausbildung an einer Berufsfachschule wahrscheinlich nicht bedient werden könnte.

Text: B\H, Position: 21 – 21, Code: Studium\Motivation

178

„Ich hab Abitur gemacht und war dann der Meinung, ich wollte noch einiges mehr lernen, und nur wieder in die Schule zurück um irgend 'ne Ausbildung zu machen war mir in dem Moment zu wenig, also ich wollte mich irgendwie steigern noch, im Anspruch deutlich steigern. Und dachte mir dann einfach, wenn ich mit Real- und Hauptschülern irgendwo zusammen sitze, wär das schwerer möglich als irgendwo zu studieren, und deswegen, also mein Anspruch war dann einfach zu hoch.“

Dieser Ausspruch zeigt ein sich zunehmend herauskristallisierendes Problemfeld in der Physiotherapie auf (die Gefahr der Abgrenzung zwischen den Studierenden und ihren nicht studierenden KollegInnen), welches für sich genommen in dieser Arbeit im Kapitel 4.2.4 unter der Überschrift: „Akademisierung und ihre Problemfelder“ aufgegriffen wird. Abgesehen von den diffusen Äußerungen spricht jedoch die Hälfte der NovizInnen konkret die mit dem Studium verbundene Option der Auslandstätigkeit an.

179

Text: A\D, Position: 61 – 61, Code: Studium\Motivation

„ich hab mir gedacht, gut, wenn man's mitnehmen kann, schaden kann's nicht, erst mal gucken, was da auf einen zukommt, mal gucken, also so'n bisschen auch alles offen halten so, dass man halt nachher die Möglichkeiten hat, alles Mögliche zu machen, also es war ja am Anfang gar nicht so klar, was kann man jetzt überhaupt machen oder es ist ja immer noch nicht so hundertprozentig klar, was wir damit jetzt eigentlich alles später mal Tolles machen können so, und halt immer wieder dieser Auslandsaspekt und mal ein bisschen auch Studentenleben kennen zu lernen.“

180

Die Studierende erklärt, dass das Studium für sie die bestmögliche Option bedeutet, da man sich vor dem Hintergrund, nicht zu wissen, was einen in diesem Studium überhaupt erwartet, noch nicht festlegen muss und es „nicht schaden kann“. Deutlich wird, dass sie es als etwas Positives für sich beschreibt, denn man kann hinterher irgendetwas „Tolles“ damit machen. Darüber hinaus möchte sie gerne das Studentenleben mit seinen positiven Seiten wie Selbstbestimmung im Hinblick auf die Teilnahme an Veranstaltungen und der freien Gestaltung des Alltages kennen lernen, wobei an dieser Stelle bereits vorweg genommen werden kann, dass dieser Wunsch leider nicht in Erfüllung geht, denn „eine Studentin, die morgens um 8.00 Uhr zur Schule bzw. Uni und um sechs Uhr nach Hause zurückkehrt, kennt sie nicht“. Hier verweist sie darauf, dass gerade die Studierenden des Studienmodells „Grundständig“ teilweise ein Wochenkontingent von über 40 Stunden Anwesenheit in der Kombination von Ausbildung und Studium zu verzeichnen haben, welches Ihnen keine Zeit lässt, dass StudentInnenleben wirklich zu genießen.

Insgesamt erhoffen sie sich durch das Studium eine Horizonterweiterung, „einen Blick über den Tellerrand“ der „normalen“ physiotherapeutischen Ausbildung, der ihnen die Möglichkeit eröffnet, fächerübergreifend zusammenzuarbeiten und Einblicke in sozioökonomische Bereiche zu erhalten. Ihr Wunsch ist es, dass sie das Studium mit den Kompetenzen ausstattet, die sie in die Lage versetzen, in der Gesellschaft für die Physiotherapie einzutreten, ihre Präsenz zu vergrößern und auch das Image gegenüber den Ärzten zu verbessern.

Nachstehend sind die wichtigsten motivationalen Faktoren für die Aufnahme des Studiums nochmals tabellarisch (Tabelle 2) zusammengefasst.

181

Berufserfahrene :

Typ

Suchende EnthusiastIn

Abwartende Realistin

Aufstiegsorientiert

Motiv/Erwartung

Zusammenfügen der fehlenden Puzzlestücke,

Herstellung physiotherapeu-tischer Identität,

Qualitative Verbesserung physiotherapeu-tischer Arbeit

Wiedererlangung des „Spass“ am und Idealismus für den Beruf,

Eröffnung neuer Perspektiven,

Eigene Weiter-entwicklung

Karriere,

Statusänderung,

Mitspracherecht,

Moratorium

NovizInnen:

182

Typ

PragmatikerIn

Unterforderte KritikerIn

Mitnahme

Motiv/Erwartung

„Praktische“ Ergänzung ohne großen Aufwand,

„Dabeisein“,

Verbesserung der Ausbildung

Moratorium,

intellektuelle Weiterentwicklung mit „Input“

höhere Qualifikation „mitnehmen“,

Studentenleben kennenlernen,

Möglicherweise im Ausland arbeiten zu können

Verallgemeinernd lässt sich für die berufserfahrenen PhysiotherapeutInnen zusammenfassen, dass insbesondere der Sackgassencharakter, die mangelnden Aufstiegschancen, die Monotonie des therapeutischen Alltags in der Kombination mit der Fließbandarbeit die engen Grenzen des Berufes verdeutlichen und als motivationale Faktoren für die Aufnahme des Studiums gesehen werden können. Während sich diese Faktoren bei den Berufserfahrenen relativ konkret darstellen, so sind die Motive zur Aufnahme des Studiums bei den NovizInnen eher pragmatischerer Natur und insgesamt allgemeiner gehalten. Die Tendenz lässt erkennen, dass die Studierenden sich die möglicherweise durch ein Studium entstehenden Vorteile nicht entgehen lassen möchten, obwohl sich die Vorteile noch nicht eindeutig im Vorfeld bestimmen lassen. Ganz eng an die Studienmotivation geknüpft ist die Frage nach den Karrierevorstellungen und beruflichen Perspektiven der Studierenden. Dieser Fragestellung wird in dem folgenden Kapitel nachgegangen.

4.2.2 Karrierevorstellungen und beruliche Perspektiven

Mit welchen mehr oder weniger konkreten Karrierevorstellungen und antizipierten beruflichen Perspektiven studieren die PhysiotherapeutInnen? Da diese Studiengänge ein Novum darstellen und es keine gesetzlich festgelegten konkreten Arbeitsbereiche für die AbsolventInnen gibt, die in irgendeiner Weise finanziell abgesichert oder zugeschrieben sind, geben die Karrierevorstellungen der InterviewpartnerInnen einen wichtigen Hinweis auf die durch ihre hochschulsozialisatorische Entwicklung verinnerlichten und explizierten Hoffnungen und Wünsche. Bereits im Vorfeld lässt sich festhalten, dass dieses Studium für die Studierenden zumeist verbunden wird mit der Hoffnung auf vertikale Aufstiegschancen.

4.2.2.1 Berufserfahrene

183

Anhand der im vorstehenden Kapitel vorgenommenen Typeneinteilungen hinsichtlich der Motive für die Aufnahme des Studiums lassen sich die unterschiedlichen beruflichen Veränderungen bzw. ihre Wunschvorstellungen aufgreifen und verdeutlichen.

Typ: „Suchende EnthusiastIn“

Für diesen Typ bedeutete die Aufnahme des Studium wie genannt das Zusammenfügen der einzelnen Wissensfragmente, die im Laufe des langen physiotherapeutischen Berufslebens erworben wurden. Die TherapeutInnen dieses Typs möchten wieder in die KlientInnenarbeit zurückkehren und das neuerworbene Wissen mit ihrer bisherigen Expertise verbinden, indem sie beispielsweise mittels wissenschaftlicher Verfahren die physiotherapeutischen Behandlungsmethoden evaluieren. Es ist ihre Absicht, aus dem Bereich der KlientInnenorientierung und des Qualitätsmanagements Extrakte mit in ihren Praxisalltag zu integrieren, um die KlientInnenversorgung zu optimieren, Daten sinnvoll aufzubereiten und somit mit Angehörigen anderer Berufsgruppen kommunizieren zu können. Eine weitere Aufgabe sehen sie darin, nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Berufsstand anders zu positionieren sowie sich einzubringen in Kommissionen, die die Entwicklung der Physiotherapie vorantreiben und gleichzeitig in verantwortungsvoller Weise ihre BerufskollegInnen zu mobilisieren. Die im Sprachgebrauch häufig vorkommende Abgrenzung zu den BerufskollegInnen wird durch Ausdrücke wie der „träge Haufen, bzw. der „Pudding“ verdeutlicht, womit man sich allerdings nicht über die BerufskollegInnen stellen möchte.

Text: E\T, Position: 93 – 93, Code: Studium\Berufsperspektive

184

„Also diese wissenschaftlichen Grundkenntnisse, die ich letztendlich innerhalb dieses Studiums erworben habe, möchte ich gerne in meine Praxis integrieren, ....ich führe eine gewisse Art von Qualitätsmanagement eben einfach ein, ich werde dafür sorgen, dass meine Behandlungsergebnisse für andere nachvollziehbar sind, dass ich mich damit, ja eben auch anders positionieren kann. Also ich will mich jetzt nicht, das klingt so'n bisschen so, als wollt ich mich von der Masse abheben, darum geht es mir aber eigentlich gar nicht, sondern mir geht es darum, wirklich, das ist eigentlich ein Herzenswunsch, ich möchte mich nicht durch diese Ausbildung über den Pudding stellen, sondern ich möchte unheimlich gerne diesen trägen Haufen mitziehen, also das ist so'ne Hoffnung, die ich irgendwie habe, dass ich Leute ein bisschen motivieren kann. Ich hab angefangen, was ich vorher nie getan habe, Verbandsarbeit zu machen, ich bin da in so'ne Kommission eingetreten.“

Text: D\O, Position: 82 – 83, Code: Studium\Berufsperspektive

185

„Möchte gerne eigentlich zwei verschiedene Dinge machen, aber die miteinander verknüpfen, ich möchte schon am Patienten arbeiten, aber ganz klar unter dem Aspekt, Therapieformen zu evaluieren.“

Typ: „Abwartende Realistin“

Hier zeigt sich deutlich, dass die Bandbreite der Möglichkeiten nach dem Studium noch nicht konkret gefasst werden kann bzw. noch nicht zur Entwicklung konkreter Vorstellungen geführt hat. Dieser Typus zeigt viele verschiedene Möglichkeiten der beruflichen Perspektiven und Ideen auf, wägt die eigene Lebenssituation im Hinblick auf die sozialen Kontakte und die regionale Verwurzelung gegenüber nächsten Karriereschritten ab. Es ist aber nicht eindeutig, in welche Richtung die weitere Entwicklung stattfinden soll. Diese Ambivalenzen und noch nicht klaren nächsten Entwicklungsschritte sind nicht nur bei diesem berufserfahrenen Typ zu finden, sondern auch generell bei den NovizInnen. Auffällig ist auch hier, dass die TherapeutInnen dieses Typs in ihre berufliche Weiterentwicklung ebenfalls die KlientInnenarbeit integrieren möchten und ein berufspolitisches Engagement sowie Verantwortung zeigen.

186

Text: E\U, Position: 53 – 53, Code: Studium\Berufsperspektive

„Es gibt ein paar Sachen, die ich gerne mache würde, und ich schätze aber, dass für mich selber nach Abschluss des Studiums einfach die Entscheidung ansteht, werd ich mich jetzt mit all dem, was ich hier gelernt hab, ins Zeug werfen und sehen, dass ich also wirklich 'ne Stelle finde an der ich vieles zumindest aus dem Studium anwenden kann, also entsprechende Weiterentwicklung darstellen, oder wird 's so 'ne räumliche Frage sein.... Also, interessieren würde mich 'ne Arbeit in Richtung Qualitätsmanagement, also wenn sich da 'ne Möglichkeit böte, da vielleicht nebenbei noch 'ne Auditorenausbildung zu machen, schwebt mir grad noch so im Hinterkopf vor, ich würde mich schon gerne an forschender Arbeit in irgend 'ner Weise beteiligen, die mir trotzdem noch den Rahmen lässt, auch wirklich praktisch zu arbeiten, ich würde nach wie vor gerne am Patienten arbeiten. Ansonsten bin ich ziemlich offen, ich würd mich auch gerne berufspolitisch einbringen, wenn sich das in irgend 'ner Weise kombinieren lässt. Aber ich bin schon an diesen, am Thema Berufsstandsweiterentwicklung sehr interessiert und würde mich da auch schon ganz gerne einbringen.“

Typ: „Aufstiegsorientiert“

187

Der dritte Typ unter den Berufserfahrenen (die nach ca. vier Jahren beschließen, neue Wege zu finden) stellt sich als sehr ziel- und aufstiegsorientiert dar. Im Vergleich zum vorstehend beschriebenen Typus äußert er dagegen seine Vorstellungen bereits sehr konkret. Die BerufskollegInnen schreiben sich den Anspruch auf Leitungspositionen zu – eindeutig verbunden mit dem Anspruch höherer finanzieller Vergütung. Hierbei nehmen sie auch in Kauf bzw. kalkulieren sie bereits ein, dass sie andere Berufsgruppen aus ihren Arbeitsbereichen verdrängen. In dem nachstehenden ersten Zitat betont eine der Studierenden, dass sie die Leitung der sporttherapeutischen Abteilung z. B. in einem Rehabilitationszentrum für sich okkupieren möchte, denn aufgrund ihres nun möglichen akademischen Abschlusses bezeichnet sie sich den SporttherapeutInnen gegenüber, deren Ausbildung grundsätzlich akademischer Natur ist, als durchaus ebenbürtig bzw. besser qualifiziert. Lehre oder Forschung gehören zu ihren optionalen Alternativen. Hier spielen insbesondere die Einflussgrößen von Macht und Prestige eine größere Rolle.

Text: D\O, Position: 83 – 86, Code: Studium/Berufsperspektiven:

188

„Also erstens, dass es 'n leitender Job ist doch, ich würd sicherlich nicht für ein normales Physiotherapeuten-Gehalt anfangen, denn, man hat einfach mehr Stress. Und das möchte ich schon erst mal vergütet haben, ohne dem würd ich nicht anfangen, keine Frage.“

Text: D\O, Position: 88 – 88, Code: Studium/Berufsperspektiven:

189

„Das liegt daran, dass zur Zeit diese Stellen sehr von Sporttherapeuten besetzt werden, und viele Reha-Kliniken eigentlich drauf hoffen, dass dann Physiotherapeuten mal diesen Job übernehmen, weil wir von der Ausbildung her, ich hab ja auch diese Sportphysiotherapie-Ausbildung gemacht, ich kann genau so gut Trainingspläne schreiben, wie ein Sporttherapeut, ich hab genauso meine MTT Ausbildung wie ein Sporttherapeut, hab aber noch Zusatzqualifikationen, das heißt, ich kann den Leuten für eventuell dasselbe Gehalt mehr bieten.“

Während in diesem Fall ganz deutlich wird, dass auch eine entsprechende Erhöhung der Vergütung erwartet wird und somit entsprechende Ansprüche erhoben werden, so ist die nachstehend zitierte Therapeutin möglicherweise als Subtyp zu begreifen, der eher durch die Hoffnung geprägt ist. Diese Physiotherapeutin gibt ebenfalls (bedingt) konkrete Vorstellungen hinsichtlich ihrer beruflichen Entwicklung an, und erklärt ihre Begeisterung für die Forschung, die sie durch den direkten Kontakt zu einer Forschungsstelle „für Physiotherapeuten von Physiotherapeuten“ bekommen hat und unterstreicht damit eine von den Ärzten abgekoppelte, autonome Durchführung von physiotherapeutischen Forschungsprojekten (siehe auch Kapitel 4.3.5 „Professionalisierung und Handlungsautonomie“). Sie geht aber eher mit einer vagen Hoffnung an mögliche Initiativbewerbungen und betont, dass es eigentlich keine festgeschriebenen Arbeitsmöglichkeiten für sie gibt und es an den Studierenden liegt, ihre neu erworbenen Kenntnisse den Einrichtungen anzubieten. Auch sie macht einen Anspruch auf eine leitende Stelle deutlich, wenn sie in das Berufsleben zurück geht. Da sie jedoch nicht unbedingt von dem Gelingen ihres Vorhabens überzeugt ist, zieht sie bereits jetzt eine Alternative in Betracht. Bei einem Scheitern ihrer Vorstellungen möchte sie erst einmal eine Familienpause einlegen, d. h. sie würde zunächst keine weiteren Anstrengungen unternehmen, eine ihren Vorstellungen entsprechende Arbeitsmöglichkeit zu finden. Sie spricht von „Pech“, wenn ihr dieses nicht gelingen sollte und arbeitet hierbei mit externaler Verantwortungszuschreibung. Hier schwingen bereits die Ambivalenzen und Ängste mit, die dieses neue Studium mit sich bringt. Ihre Zielstrebigkeit bezieht sich primär auf die Angabe ihrer Alternative „des schwanger Werdens“. Diese Angabe weist allerdings auch wieder auf die Geschlechterproblematik und damit verbundenen Antizipation scheiternder Karrierevorstellungen hin.

Text: E\W, Position: 121 – 121, Code: Studium\Berufsperspektiven

190

„Vorstellen würd ich mir 'ne leitende Stelle oder eine leitende Position in Forschung und Lehre.. und das, ich würd versuchen, mehr Initiativbewerbungen zu machen, ... da auch meine Vorstellungen so klar machen, zu sagen, o.k., ich möchte die Anleitung von Praktikanten unter den und den Gesichtspunkten machen oder ich möchte, dass die Therapeuten in Richtung Forschung gelenkt werden, und wenn das a l les nicht klappt, dann hab ich Pech, dann muss ich privat sehen, und schauen, ob ich vielleicht erst mal schwanger werden kann oder so, also als Ü bergang erst mal.“

Zusammenfassend kann für die berufserfahrenen Studierenden der Physiotherapie festgehalten werden, dass insbesondere diejenigen mit langjähriger Praxis sehr konkrete Vorstellungen zu ihrer beruflichen Weiterentwicklung im Sinne der Umsetzung des Gelernten im klinischen Bereich entwickelt haben. Die KollegInnen, die dem zweiten Typ zugeordnet sind, sind sich hinsichtlich ihrer genauen Zielsetzung nicht ganz bewusst und vornehmlich die Studierenden mit vier Jahren Berufserfahrung, die dem Typ „Aufstiegsorientiert“ zugeordnet werden können, sind in ihren Vorstellungen sehr klar, dass sie leitende, lehrende oder forschende Positionen besetzen möchten. Sie haben weniger den Focus auf die Fortführung der KlientInnenarbeit gelegt.

4.2.2.2 NovizInnen

191

Der NovizInnen, die direkt nach der Ausbildung das dreisemestrige Studium anschließen, zeigen ebenfalls ausgeprägte Unterschiede im Hinblick auf die berufliche Karriere.

Typ: „Pragmatikerin“

Der Typ „PragmatikerIn“ möchte zunächst Berufserfahrung sammeln und Fortbildungen besuchen, bevor er eine „höhere Position“ - beispielsweise in der Lehre - bekleidet. In einem Nebensatz erwähnt eine Studierende dieses Typs, dass sie sicherlich anders arbeiten wird als ihre nicht studierten KollegInnen. Sie spricht davon, dass die PhysiotherapeutInnen sie ohne Berufserfahrung nicht ernst nehmen würden, und sie selbst auch keinen Anspruch darauf erhebt, dass sie als „Bachelor“ eingestellt wird und verbindet implizit durchaus eine bessere Vergütung, die mit diesem Abschluss in Verbindung stünde. Sie verknüpft aber indirekt einen besseren Status mit dem Abschluss, den sie jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt einzufordern gedenkt; sie möchte sich die Türen entsprechend offen halten. Ihr vorrangiges Ziel ist nicht so sehr die Forschung, weil sie sich nicht entsprechend vorbereitet fühlt, aber ihre Überlegungen gehen in Abhängigkeit vom Studienausgang in Richtung Lehre und persönliche Weiterentwicklung im Sinne des „Master“- Abschlusses. Interessant ist bereits hier, dass sie sich sehr sicher ist, dass sie irgendwann nicht mehr im KlientInnenkontakt arbeiten wird und dafür das Studium bereits den Grundstein legt.

Text: C\M, Position: 96 – 96, Code: Studium\Berufsperspektiven

192

„Diese Berufserfahrung, die ich eben noch nicht habe, dass ich die machen möchte. Unabhängig vom Bachelor- Dasein oder von, mit meinem Hintergrund, dass ich natürlich für mich anders arbeite, das denk ich, ist schon klar, aber da erheb ich jetzt keinen Anspruch, dass mich irgendwie jemand als Bachelor einstellt, weil ich einfach denke, dass ich diese Berufserfahrung machen muss, damit ich einfach mitreden kann. Und das mich sonst auch kein anderer Physiotherapeut wirklich ernst nimmt. Ich möchte auch Fortbildungen machen, von denen ich einfach denke, dass sie so gut es irgendwie geht, wissenschaftlich bewiesen sind, um mich auch einfach weiter in ein Themengebiet einzuarbeiten ich erhoffe mir eigentlich dadurch so'n bisschen, dass es irgendwann auch einfacher wird, in den Lehrberuf rein zu kommen, dass wenn ich sage, ich will nicht mehr als Physiotherapeut arbeiten, oder nicht mehr als Physiotherapeut, der eben an der Bank steht, arbeiten, dass ich dann versuche, in den Lehrberuf rein zu kommen und vielleicht je nach dem, wie das hier ausgeht, überleg ich mir auch, den Master eben noch zu machen.“

Typ: „Unterforderte KritikerIn“

Einen ganz deutlichen Unterschied im Antwortverhalten zeigt der eher unzufriedene Typ, der im gleichen Semester an der Fachhochschule studiert wie die Pragmatikerin. TherapeutInnen dieses Typs sind eher verunsichert und können nicht so genau einschätzen, was sie mit dem Studium machen möchten. Dieser Typ ist aber der Meinung, dass man nach dem Studium nicht in die KlientInnenarbeit (zurück-)kehrt (wobei bis auf die Praxiseinsätze in der Ausbildung auch keine weiteren KlientInnenkontakte bestehen), sondern gleich eine leitende Funktion oder eine Praxis übernimmt. Sie betonen, dass „man es ihnen im Studium so erklärt hätte“. Interessant ist diese Einschätzung insofern, als dass sie im krassen Gegensatz zur vorstehend zitierten Kollegin steht, die selbstkritisch einschätzt, dass kein Physiotherapeut sie ohne Berufserfahrung ernst nähme. In den Augen des kritischen Typs scheint KlientInnenarbeit in der Physiotherapie als eher sekundärwertig betrachtet zu werden. Das folgende Zitat weist bereits auch auf die Kritik an ihrem Studiengang hin (siehe auch Kapitel 4.2.3.2 „kritische Anmerkung der Studierenden zum Studium“). Es scheint nicht transparent zu sein, welche Intention dieser Studiengang verfolgt, welcher Sinn dahintersteht und welchen Bezug zur KlientInnenarbeit er hat, darüber hinaus wurde in ihren Augen auf therapeutische Belange wenig Wert gelegt. Dieser Typ fühlt sich durch das Studium deutlich besser im Marketing ausgebildet als in ihrer eigentlichen beruflichen Disziplin. Bedingt durch ihre eigene Verunsicherung erhebt sie massive Vorwürfe gegenüber den für die Etablierung der Studiengänge und für die Lehre Verantwortlichen, dass sich im Vorfeld niemand Gedanken zum Verbleib der Studierenden gemacht hätte und auch nicht transparent ist, was sich letztlich hinter dem Abschluss des „Bachelor“ verbirgt. Ihre Verunsicherung sieht sie eng geknüpft an die Erfahrungen, die die Studierenden der vorausgehenden Semester gemacht haben.

193

Text: C\L, Position: 121 – 121, Code: Studium\Berufsperspektive

„Also, ich glaub, mit dem Marketing fühl ich mich jetzt besser ausgebildet, als wieder an den Patienten zurück zu gehen mit diesem Studium. Uns wurd eigentlich eher erklärt, dass es darum geht, dass wir die leitende Position einer Abteilung oder halt unsere eigene Praxis übernehmen sollen mit diesem Studium, und eigentlich nicht an den Patienten zurück gehen sollen.... Weil, dazu wären wir ja letzten Endes zu gut qualifiziert nach diesem Studium, dass halt wirklich diese wirtschaftliche Seite, fand ich, hat sehr überwogen hier, weil halt einfach von der therapeutischen Seite nichts kam .... Und was dann noch dazu kam, war, dass, ich glaub, sehr wenig Gedanken darüber gemacht wurde, was mit den Absolventen hinterher passiert, wie die auf den Arbeitsmarkt wieder eingegliedert werden, wenn man sieht, oder wenn man hört, dass der Jahrgang vor uns zu 90 % an die Stellen zurückgegangen sind, wo sie hergekommen sind, dann fragt man sich da nach dem Studium wieder, ob das alles gewesen sein kann, weil viel ändern wird sich nicht, wenn man wieder zurückkehrt.“

Typ: „Mitnehmen“

194

Die Studierenden dieses Typs (die im vorstehenden Kapitel betont haben, das es nicht schaden kann, das Studium „mitzunehmen“) kann man hinsichtlich ihrer beruflichen Perspektiven zunächst nochmals unterteilen, wobei allen gemeinsam die ambivalente Einstellung und Verunsicherung gegenüber dem Eintritt in die Arbeitswelt ist. Unterteilen lässt sich die Gruppe in diejenigen, die nach dem Studium in die KlientInnenarbeit eintreten wollen und bereits für sich beschlossen haben, an bestimmten Fortbildungen teilzunehmen. Sie schätzen ähnlich wie der Pragmatische Typ ein, dass sie auf dem Arbeitsmarkt ohne Berufserfahrung ihre Qualifikation des „Bachelors“ ansonsten nicht werden verwenden können. Diese Studierenden haben aber darüber hinaus auch sehr individuelle Vorstellungen und unterschiedliche mittelfristige Alternativen für sich erschlossen, da für sie durch ihre Praktika ersichtlich ist, dass die Arbeit in der Klinik sie auf die Dauer nicht befriedigen würde. Dieses sind primär die Studierenden des Studienganges „Grundständig“.

Text: A\D, Position: 106 – 111, Code: Studium\Berufsperspektive

195

„Ganz normal (arbeiten), wie nach 'nem Schulabschluss, wie ich das jetzt auch machen würde, also in 'ner Praxis oder in der Klinik, das ist mir eigentlich erst mal relativ egal so, auch Fachbereich weiß ich auch noch nicht so genau... Und dann halt nach ein oder zwei Jahren, wenn ich so'n bisschen für mich das alles so 'ne Sicherheit bekommen hab, noch mal ins Ausland gehen halt für ein, zwei Jahre, und dann mal gucken, irgendwann eventuell mal selbständig machen aber das muss dann auch alles passen.“

Eine TherapeutIn, der zu diesem Typus gehört, begründet die berufliche Vorstellung so, dass er/sie den Berufseinsteig zunächst als „normale“ TherapeutIn beginnt, weil er/sie sich primär nicht von den anderen „nichtstudierten“ TherapeutInnen unterscheidet, da er die gleiche Arbeit verrichten wird und entsprechend auch den gleichen Lohn bekommen müsste. Weiterhin schwingt in diesen Ausführungen die latente Angst mit, überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen. Er/sie verweist an dieser Stelle auf das mit dem Studium verbundene Theorie-Praxis-Problem (siehe Kapitel 4.2.4 „Akademisierung und ihre Problemfelder“). Auch für diese StudentIn wird nicht transparent, welche Ziele mit der Absolvierung des Studiums verfolgt werden können. Konkrete Berufswünsche sind noch nicht entwickelt, aber es wird bereits auf latente Forschungsabsichten verwiesen. Darüber wird hier das Problem des Selbstverständnisses als Student versus nicht akademisiertem Physiotherapeut transparent.

Text: A\C, Position: 107 – 107, Code: Studium\Berufsperspektive

196

„Wenn ich den gleichen Job hab, wie jemand anders, der jetzt nur den schulischen Teil absolviert hat, wär ich ja in dem Sinne kein besserer Physio, wär ich ja nicht besser in dem Beruf, den ich grade mach. Wenn jetzt mein Arbeitgeber natürlich daran interessiert ist, irgendwie die bestimmte, die beste Therapieform von 10 verschiedenen zum Beispiel herauszufinden, dass man praktisch nebenbei noch das hier gelernte theoretische Wissen irgendwie in Form da noch anbringen könnte dann an seinem Arbeitsplatz, dann könnte man sich das natürlich überlegen, ob man sich das nun bezahlen lassen würde, aber so lange man die gleiche Arbeit macht? Ich glaub, die Leute, die Physiotherapeuten, die überhaupt 'nen Job kriegen mit dem Gehalt, können sowieso schon froh werden, von daher werden sich da wohl die wenigsten beschweren, wenn das so wär.“

Der zweite (Sub-)Typ macht deutlich, dass die hier zusammengefassten Studierenden mit dem Studium sehr konkrete Berufsziele verfolgen. Zum einen möchte er sich selbständig machen, aber auch forschen, weil die Studierenden da während des Studiums „total heiss drauf gemacht“ worden sind, auf der anderen Seite sieht er seine Aufgabe darin, der Öffentlichkeit und der Ärzteschaft gegenüber deutlich zu machen, dass studierte PhysiotherapeutInnen „hochkarätig“ sind; dieses sind primär die Studierenden des Studienganges „Ausland“.

197

Text: B\E, Positionen: 105 - 109, 113-– 113, 155-155, Code: Studium\ Berufsperspektive

„Einfach dieses Forschen und die Physiotherapieeinsicht noch weiter voran bringen. Über eben Forschungsprojekte, einfach auch mal das untermauern, was wir da machen, wir behaupten das immer nur alle, und dann ist natürlich klar, wenn ich keinem beweisen kann, hör mal zu, wir haben die und die Studien gemacht, das wirkt, dann ist klar, dass da irgendwer ankommt, und sagt, das, was ihr macht, das ist alles noch ein bisschen unbegründet.... Wir sind ja richtig, richtig heiß drauf gemacht worden, he, Leute, man kann forschen, guckt euch das mal an.“

198

Wenn wir da viel mehr an die Öffentlichkeit gehen und viel mehr so sagen, wir sind hochkarätig, wir haben hier was zu sagen, dann denk ich, es wird sich auch ganz schnell die Meinung ändern. Oder auch auf Kongressen oder auf, es gibt ja so viele, so medizinische Tagungen und so was, das sind ja immer nur Ärzte.“

Zusammenfassung der Aussagen zu Karrierevorstellungen

Kumuliert man die Aussagen der Berufserfahrenen einmal mit Blick auf ihre Vorstellungen, was sie mit ihrem Studienabschluss verbinden, dann lassen sich ihre Angaben in tabellarischer Form darstellen. Aus den freien Erzählungen der TherapeutInnen sind diese Bereiche herausgearbeitet worden, wobei jede TherapeutIn jeweils mehrere Optionen angegeben hat. Die Angaben zur berufspolitischen Veränderung und der Weiterqualifikation im Sinne des Master-Studiums sind der Vollständigkeit halber schon an dieser Stelle mit aufgenommen worden, werden aber noch ausführlicher in anderen Kapiteln erörtert, da sie zum einen sehr eng mit dem physiotherapeutischen Selbstbild (berufspolitische Veränderung) als auch der Beurteilung des Studiums (Zufriedenheit mit dem Studium) verwoben sind. Hier wird deutlich, dass die Vorstellungen von Leitung und höherer Positionierung, also im Sinne vertikalen Aufstiegs gesehen werden und auch Lehre und Forschung die favorisierten Ziele sind. Die berufspolitische Veränderung liegt ebenfalls mehr als der Hälfte der TherapeutInnen am Herzen und deutet auf die Unzufriedenheit mit der Repräsentanz des eigenen Berufes in der Öffentlichkeit hin. Die Verbesserung der KlientInnenarbeit bildet nach der akademischen Weiterqualifikation das Schlusslicht (siehe hierzu Tabelle 3).

199

Berufserfahrene :

Karrierevorstellungen

Leitung/ Höhere Position

Berufspool. Verände-rung

Lehre

Wissen-schaftliche Arbeit/ Forschung

Weiter-qualifi-kation im Sinne des „master“

Verbesse-rung der KlientIn-nenarbeit

Von 12 Berufs-erfahrenen:

9

7

6

6

4

3

Vergleicht man hierzu die Aussagen der 10 NovizInnen, so wird hier ganz deutlich mit dem Abschluss des Bachelor die wissenschaftliche Arbeit bzw. das Forschen in Augenschein genommen, auch die Weiterqualifikation im Sinne des Masterabschlusses sowie die vorläufige KlientInnenarbeit favorisiert. Die von den Studierenden in einem zweiten (Karriere-)Schritt anvisierten Ziele sind dann Leitung/höhere Position, Lehre und Selbständigkeit. Im Hinblick auf die berufspolitische Veränderung spielt eindeutig die berufliche Sozialisation bzw. die Berufserfahrung eine entscheidende Rolle, denn die NovizInnen erwähnen dies im Vergleich zu ihren berufserfahrenen KollegInnen relativ selten.

200

NovizInnen:

Karrierevorstellungen

Wissen-schaftliche Arbeit/ Forschung

Weiterquali-fikation im Sinne des „master“

KlientInnen-arbeit

Berufspool. Veränder-ung

Leitung/ Höhere Position

Lehre

Selb-ständigkeit

Von 10 NovizIn-nen:

5

4

4

3

2

2

2

Insgesamt sind die NovizInnen eher ambivalent und verunsichert, was ihre beruflichen Vorstellungen anbelangt. Dem gegenüber haben die (vierjährig) Berufserfahrenen deutliche Karrierevorstellungen, die sich mit weniger KlientInnenkontakt verbinden.

4.2.3 Bewertung des Studiums

201

Mit der Absolvierung des Studiums entwickeln die Studierenden sowohl eine neue Identität als auch eine reflektierende Haltung gegenüber dem Studium. Rückblickend oder gegenwärtig beurteilen sie dieses anhand positiver wie auch negativer Kriterien. Interessant ist, dass die Studierenden in ihrer Beurteilung des Studiums trotz des Novums „Studium Physiotherapie“ vermehrt negative Kritikpunkte erwähnen bzw. ausführen als positive - ähnlich wie es bei ihren Ausführungen zur Beurteilung der fachschulischen Ausbildung der Fall war. Unabhängig von der Tatsache, ob sich die Berufserfahrenen oder die NovizInnen zu dem Thema der positiven Beurteilung des Studiums äußern, machen sie ihre Anhaltspunkte wiederum an den Dimensionen: Dozenten, Inhalte, Lernformen, Perspektiven und persönlicher Entwicklung fest. In diesem Kapitel erfolgt noch keine Typenbildung, sondern eine ausschließliche Beschreibung der Beurteilung.

An dieser Stelle lässt sich zum Teil der Einfluss der entsprechenden Fachhochschule erkennen bzw. als Kontextfaktor vor dem Hintergrund der verschiedenen Inhalte und Ausrichtungen begreifen. Unabhängig jedoch von der jeweiligen Fachhochschule sind sich die Studierenden (bis auf eine Ausnahme) darüber einig, dass die neuen Inhalte sinnvoll sind, sei es in der „Ergänzung und Fächervielfalt“ wie es die Fachhochschulen mit der dreisemestrigen Vollzeitvariante als auch die medizinisch ausgerichtete Fachhochschule mit der primären Vertiefung der medizinischen Grundlagen im Sinne der sechssemestrigen Blockvariante vorsehen.

Aus diesem Grund werden an dieser Stelle in der Beurteilung der positiven Seiten des Studiums die Subkategorien entsprechend der Hauptunterscheidungsmerkmale gemäß der formalen Gestaltung des Studienganges getätigt. Die Subkategorien „Ergänzung“ (dreisemestrige Vollzeitvariante) und „Vertiefung“ (sechssemestrige Blockvariante) werden für die Berufserfahrenen verwendet, für die NovizInnen „Grundständig“ (vierjährig, während der ersten drei Jahre gleichzeitig Ausbildung und Schule) und „Ausland“ (Organisation des Studiums durch Kooperation mit einer holländischen Hogeschool).

4.2.3.1 positive Kritik

Berufserfahrene – Studiengang: „Ergänzung“

202

Die Studierenden dieser Studiengänge heben insbesondere die neuen Inhalte hervor, von denen sie bislang weder in der Ausbildung noch in ihren Fortbildungen etwas erfahren haben. Dieses sind u. a. die Fächer Betriebswirtschaftslehre, Recht, Gesundheits- und Sozialwissenschaften, wissenschaftliches Arbeiten und Forschung, evidenzbasierte Medizin bzw. Physiotherapie, clinical reasoning, Qualitätsmanagement, etc. Ihnen wird bewusst, welches Wissen ihnen bisher „gefehlt“ hat, um Situationen des therapeutischen Alltags adäquat einschätzen zu können bzw. auch ihre Verortung im Gesundheitssystem zu erkennen. Das Begreifen von Zusammenhängen wird als ebenso wichtig unterstrichen wie das eigentliche physiotherapeutische Know-How und die Entwicklung eigener, neuer Interessen. Dieses untermauern einige kurze Zitate, die vermehrt auf die inhaltliche Seite abzielen, aber auch schon Effekte des Studiums auf die persönliche Entwicklung andeuten. Insgesamt bleiben aber diese Aussagen auf einem recht allgemein gehaltenen Niveau. Eine der Studierenden spricht darüber hinaus die positiven Seiten des StudentInnenlebens an, nämlich „neue Leute“ kennen zu lernen und gänzlich auf das „physiotherapeutische“ Arbeiten verzichten zu können (sie ist eine der ganz wenigen Studierenden, die das Studentenleben offensichtlich auf diese Art und Weise genießen kann). Eine weitere Studierende hebt für sich als besonders beeindruckend das Zusammentreffen mit Persönlichkeiten hervor, die in der Physiotherapie „schon richtig weit“ sind und zum Teil in Forschungskontexte eingebunden sind. Für sie selbst als Bereicherung empfindet sie, dass sie so an den neuesten Entwicklungen in der Physiotherapie teilhaben kann. Sie spricht auch dann von der Art, mit neuem Wissen konfrontiert zu werden, und dass sie genießt, dieses „reingeschoben“ zu bekommen. Damit meint sie, dass sie dieses Wissen präsentiert bekommt und es sich nicht mühselig selber erarbeiten muss.

Text: C\N, Position: 51 – 52, Code: Studium\Positives

203

„Clinical reasoning schon auch, aber auch Gesundheitsökonomie und diese Dinge fand ich schon sehr interessant, und das hat mich auch wirklich weitergebracht; die gesundheitsökonomischen Aspekte, ich hab halt vom Gesundheitswesen wenig Ahnung gehabt als Physiotherapeut, obwohl ich ja im Gesundheitswesen gesteckt hab, aber hier lernt man dann halt so die Zusammenhänge kennen, und ich finde, das ist mindestens ebenso wichtig, wie die physiotherapeutischen Tätigkeitsbereiche.“

Text: E\S, Position: 180 – 180, Code: Studium\Positives

204

„Am Positivsten find ich eigentlich, noch mal über den Tellerrand gucken zu können, neue Interessen erschließen zu können und einfach zu sehen, ja, es gibt auch noch andere Sachen, und Methoden und Mittel an die Hand bekommen zu haben, wie kann ich da überhaupt vorgehen, das war das ganz große Plus neben dem Studienleben überhaupt, und mal neue Leute und, ja, studieren ist schon anders als arbeiten.“

Text: E\U, Position: 51 – 51, Code:Studium\Positives

205

„Was ich total spannend finde, dass man das Gefühl hat, man ist so an den neusten, an den aktuellen Themen dran, die ICF (International classification of functioning) kommt auf den Markt, und wir lernen was davon, die Zukunftsinitiative bildet sich grade, und wir wissen was darüber und werden wohlmöglich auch noch angesprochen, da mitzutun, und das find ich total spannend, so dieses Dabei sein. Leute zu treffen, die in der Physiotherapie schon richtig weit sind, die an Forschungen beteiligt sind ....die Art eben auf vielerlei Hinsicht wissensmäßig angeregt zu werden. Ich hatt gesagt, ich würd gern was über Betriebswirtschaft lernen, weil das interessiert mich zwar ein bisschen, aber ich wär viel zu faul und viel zu träge, mir das selber anzueignen, also ich möchte das ein bisschen rein geschoben kriegen so, und das ist jetzt ein sehr sinnvoller Bestandteil, aber auch die Anregung.“

Berufserfahrene – Studiengang: „Vertiefung“

Die TherapeutInnen dieser Studienvariante haben sich mehr oder weniger bewusst für das relativ medizinisch ausgerichtete Studium entschieden, weil sie für sich die ihnen bereits aus der Ausbildung bekannten Grundlagen medizinischen Wissens vertiefen wollten. Auch sie machen an den gleichen Dimensionen die positive Beurteilung des Studiums fest, legen jedoch andere Schwerpunkte. Besondere Bedeutung haben für sie der Praxisbezug, die therapeutische Nähe der vertieften medizinischen Inhalte, die Behandlung komplexer Themenblöcke - und nicht - wie in der physiotherapeutischen Ausbildung moniert - das „Schubladen“-weise Verabreichen von Wissenssequenzen, die ohne jegliche Verknüpfung nebeneinander stehen. Darüber hinaus unterstreichen sie, dass sie einen globalen Überblick über die Vielzahl der Behandlungsmethoden erhalten, ohne jedoch dogmatische, fortbildungsähnliche Verhältnisse vorzufinden und begrüßen in diesem Zusammenhang die Aufhebung der Konzeptgebundenheit in der Betrachtung physiotherapeutischen Wissens. Bezüglich der Lernform genießen sie die Arbeit in kleinen Gruppen, um ein Thema zu be- bzw. erarbeiten. Sie unterstreichen, dass sie einen neuen Umgang mit Wissen lernen und sie ihr Wissen nun anders organisieren. Die Studierenden beziehen sich insbesondere auf das „role model“ der DozentInnen der Physiotherapie, die sowohl fachlich wie theoretisch sehr versiert, kompetent und offen sind. Auffällig ist in dem letzten Zitat, dass die Studierende die Vorteile im Vergleich zu den Studierenden der Medizin aufgreift und nicht mit vergleichbaren anderen physiotherapeutischen Studiengängen, hier lässt sich möglicherweise vermuten, dass sie sich bereits mehr mit der Medizin identifiziert als mit der Physiotherapie.

Text: D\O, Position: 80 – 80, Code: Studium\Bewertung

206

„Pro Semester 3 Blöcke á 3 Wochen, jeder Block steht unter einem großen Thema, was weiß ich, jetzt sind wir grad beim Herz-Kreislauf-System, und dann ist es halt wirklich so, dass, ich sag mal, von der Anatomie, Physiologie, Pathologie, alle Fächer, so zusammengelegt sind, und dann aber auch, immer der Bezug zur Physiotherapie, also das war eigentlich so das Gute, dass sie dann wirklich immer auch Dozenten da hatten zu den speziellen Themen, die wirklich sich auf ihrem Gebiet theoretisch und praktisch auch wirklich gut auskannten, und dass man einfach verschiedene, ich sag mal jetzt, ja, Konzepte kennen lernt. Ich muss jetzt nicht sämtliche Zertifikate haben und ich muss das jetzt auch nicht alles können, Schwachsinn, sondern ich brauch 'n guten, nicht ganz oberflächlichen, schon etwas tieferen Einblick und, aber je nachdem, in welche Situation ich komme, dass ich dann weiß, o.k., das ist eins der Konzepte, die da greifen können und damit muss man sich beschäftigen, wenn man da weiter will.“

Text: D\Q, Gewicht: 100, Code: Studium\Bewertung

207

„Ich find's auf der andern Seite super, denn die kleine Gruppe ist natürlich ein ganz anderes Arbeiten. Wenn ich mir vorstell, als Medizinstudent bist du, ich weiß nicht, mit wie vielen, und unsere Gruppe ist schon, also da kann man unheimlich intensiv arbeiten, hat den direkten Kontakt als Student untereinander, hat zu den Dozenten 'nen andern Kontakt, in den Praktikas, also ich find's eigentlich ideal.“

NovizInnen – Studiengang: „Grundständig“

Die NovizInnen dieses Studienganges (sie nehmen gleichzeitig an Ausbildung und Studium teil) äußern sich ähnlich wie die Berufserfahrenen: sie beurteilen die positiven Seiten bzgl. der Ergänzung der Inhalte ihres Studiums allerdings eher global und leicht verhalten, greifen aber auch die gleichen Dimensionen auf. Die Studierenden haben sehr stark das Bedürfnis, sich mit ihren DozentInnen in irgendeiner Weise über physiotherapeutische Bezüge identifizieren zu können (dieses Phänomen zieht sich im übrigen durch die Beurteilung jeden Studienganges) sowie etwas „Handfestes, Greifbares“ zu haben. In dem ersten Zitat bringt die Studierende es zwar mit ihrem Naturell in Verbindung, dass sie etwas Handfestes, Konkretes benötigt, dieses ist aber als durchaus typisch für PhysiotherapeutInnen (siehe hierzu auch Kapitel 6.1 „physiotherapeutische Identität/physiotherapeutischer Habitus“) zu bezeichnen. Das zweite Zitat unterstreicht nochmals deutlich, die Erwartungen, die die Studierenden an die Lehrenden haben. DozentInnen, die keinen therapeutischen Bezug haben, sollten sich zumindest für die Physiotherapie interessieren und sich mit der unbekannten Thematik auseinandersetzen. „Guter Unterricht“ wird nur insofern präzisiert, als dass die Studentin davon spricht, dass sie „gefüttert werden bzw. ihnen frontal etwas reingeworfen wird“, mit dem sie sich dann auseinandersetzen müssen. Dieses erinnert an die Aussage der Berufserfahrenen des Studienganges „Ergänzung“, die ebenfalls davon sprechen, „etwas reingeschoben“ zu bekommen. Beides signalisiert zunächst eine relativ passive Haltung im Lernprozess.

208

Text: A\D, Position: 73 – 73, Code: Studium\Bewertung

„Was ich sehr gut fand, waren die Seminare bei XY, der hat, also das ging alles sehr in das Politische mit rein so, weil man da viel Hintergrundwissen einfach über das Ganze bekommt. Dann hatten wir noch mal ein Seminar in einem anderen Fach, das hat auch 'ne Physiotherapeutin gemacht und, das ist dann halt auch mehr in Bezug zu uns irgendwie, find ich. Weil die dann immer ein bisschen mehr Vorstellung davon haben, wie sieht unser Tagesablauf eigentlich aus oder wie sieht ein Ablauf in der Klinik aus oder im Praxisalltag, worauf muss man denn da wirklich achten so, ne?“

209

Text: A\A, Position: 53 – 54, Code: Studium\Positives

„Andererseits haben wir dann 'nen Dozenten, der hat uns gefesselt, der war unbedarft, was uns angeht. Er wusste überhaupt nicht, was auf ihn zukommt mit uns, fragt uns ganz viel, wie wir das gut finden oder nicht, und gibt uns Futter, erklärt uns was, geht drauf ein, fragt, der macht tollen Unterricht, da gehen wir gerne hin und nehmen auch unheimlich viel mit. Also, durchweg alles dabei, aber es ist einfach spannend. Für mich auch spannend, das alles zu hinterleuchten und auch einfach mal ja, frontal, also so Sachen zu, reingeworfen zu bekommen.“

NovizInnen – Studiengang: „Ausland“

210

Die Studierenden in diesem Studiengang, der grundständig vierjährig nach dem holländischen Modell organisiert ist und größtenteils in Deutschland durchgeführt wird, absolvieren von vornherein ein Studium, ohne gleichzeitig an einer Ausbildung zur PhysiotherapeutIn nach deutschen Ausbildungsreglementierungen teilzunehmen. Sie machen ihre Begeisterung für den Studiengang vor allen Dingen an den „kompetenten holländischen Dozenten“ und den Rahmenbedingungen wie beispielsweise einer gut ausgestatteten Bibliothek, Internetzugang etc. fest und beziehen sich in ihren detaillierten Ausführungen primär auf ihre zweiwöchige Vorlesungszeit in Holland, die sie während ihres Studium „genossen“ haben. (Anmerkung am Rande: als interessant hervorzuheben ist der Sprachgebrauch, den die Studierenden verwenden, sie sprechen explizit von „den Holländern“ und nicht von „den Holländerinnen“. Aber nicht nur diese Studierenden sondern eine weitere, sehr berufserfahrenen Kollegin des Studienganges „Ergänzung“ spricht von den männlichen Holländern, die sie besonders in ihrer Art zu denken und zu therapieren geprägt haben. Die Studierenden stellen einen sehr starken Bezug zwischen Wissen und Geschlecht her. Sie sprechen ihre Begeisterung darüber aus, dass einige der Dozenten sogar ihren Doktortitel haben. Dieses kann darauf hinweisen, dass Wissen in der physiotherapeutischen Betrachtungsweise als männlich assoziiert wird, und die klassische Rollenaufteilung und Hierarchisierung im (deutschen) medizinischen System aber auch im Wissenschaftssystem generell widerspiegelt. Gleichzeitig heben sie die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit des kollegialen Umganges der Holländer untereinander und mit den Studierenden hervor). Eine der Studierenden geht sogar so weit, dass sie berichtet, die Ausbildung ausschließlich in den Niederlanden absolviert zu haben, wenn sie im Vorfeld über die Qualität des Studiums dort informiert gewesen wäre. Sie nimmt hier eine deutliche Differenzierung vor, die sich auf ihre therapeutische Identität als „in Holland ausgebildete Physiotherapeutin“ in Abgrenzung zu ihren in Deutschland ausgebildeten KollegInnen bezieht.

Der zweite entscheidende Punkt, der von den Studierenden als besonders positiv beurteilt wird und auch noch an anderer Stelle der Auswertung wiederkehren wird, da er zum Selbstbild der PhysiotherapeutInnen gehört, ist die Aufhebung des „Schubladendenkens“, der Vermittlung grundständigen, konzeptunabhängigen Wissens, welches sie zu eigenständigem Denken und Handeln, zur Reflexion ausbildet. Dieses wiederum erinnert an die Aussagen der Studierenden des Studienganges „Vertiefung“, die sich in ganz ähnlicher Weise äußern. Auch hier grenzen sie sich deutlich gegenüber ihren zumeist nicht studierenden KollegInnen aus Deutschland ab. Darüber hinaus unterstreichen sie die Lernformen der Kleingruppenarbeit, die, zusammen mit der Tatsache, sich die meiste Zeit „nur halb bekleidet“ gesehen zu haben, zu einem persönlichen Kontakt und Zusammenhalt geführt hat. Aber nicht nur die zwischenmenschliche, kreative Basis wird von ihnen betont, sondern auch die medizinischen Inhalte, angefangen mit der Anatomie, Anatomie in vivo, das Spüren und Erfühlen von Strukturen sowie die manualtherapeutische Ausrichtung, die Forschungsinhalte und Wahlmöglichkeiten. Schlussendlich heben sie die Lehrmethoden, die auf die Studierenden zentrierte Sichtweise sowie das pädagogische Geschick der „holländischen“ Dozenten, hervor.

Text: B\G, Position: 48 – 57, Code: Studium\Positives

211

„Die zwei Wochen in Holland. die waren echt genial. Also, was die Holländer für Möglichkeit haben, wie sie arbeiten, hab ich auch gedacht, naja, hätt ich das früher gewusst, wär ich vielleicht doch direkt nach Holland gegangen und nicht nach Deutschland. Also, das hat mich wirklich völlig begeistert.

212

F. Können Sie mir das ein bisschen ausführen?

A. Ja, also, in Holland haben sie im Prinzip noch verstärkt, drauf geachtet, dass man, sag ich mal ganz allgemein, dass man untersucht und dementsprechend behandelt, es wurde ganz viel Wert drauf gelegt, dass man die Grundlagen kennt und auf die Grundlagen aufbaut, aber nicht, dass man einfach weiter stur was aus dem Buch auswendig lernt, sondern dass es erklärt wurde. Was auch in Holland genial war, war die Riesen- Bibliothek, die wir hier leider nicht haben, die riesen Möglichkeiten im Internet, sämtliche Dozenten, die wirklich alle bescheid wussten, wenn man 'ne Frage gestellt hat. Aber die waren der Hammer da drüben, was die ein Wissen hatten, es war egal, was man gefragt hat, es kam wirklich zurück. Aber auch pädagogisch war das der Hammer, dass die Dozenten dann knallhart gesagt haben, o.k., jetzt machen wir 'ne Pause, so total unerwartet. Manche Dozenten haben dann wirklich Witze erzählt oder 'nen Schwank aus ihrer Jugend, und plötzlich waren alle wieder da, also, total genial.“

213

Text: B\E, Position: 91 – 91, Code: Studium\Positives

„Da hatten wir Unterricht gehabt bei, also hochkarätigen Physiotherapeuten, die auch ihren Doktor haben und eine Menge publiziert haben und, das war klasse, weil irgendwie, man hat Artikel von denen schon gelesen und plötzlich stehen die vor einem und die sehen aus wie du und ich, und dann halt auch einfach die Kompetenz der Lehrer, man hatte zu irgendwas gefragt und, och, da hab ich doch grad 'nen Artikel, einen Moment, und dann erklärt der einem das. Man hat wirklich das Gefühl, also man sitzt da unter hochkarätigen Physiotherapeuten und bekommt von denen jetzt was erklärt und beigebracht.“

214

Text: B\E, Position: 171 – 171, Code: Studium\Positives

„Nicht dieses, nicht dieses harte, hierarchische Strukturdenken, sondern viel mehr Flexibilität und viel besseres Ansehen und einfach viel mehr Dynamik. Also, ja, ich finde, die sollten alle mal nach Holland gehen, gut, wir hatten da jetzt auch echt wirklich wahrscheinlich die Creme de la Creme da sitzen, also die haben schon gesagt, dass sie da wirklich so ihre besten Dozenten für uns hingesetzt haben, um uns natürlich auch ein bisschen zu beeindrucken.“

215

Text: B\H, Position: 53 – 53, Code: Studium\Positives

„Dass wir ja nun uns, ja, wenn man's mal sagen soll, mehr in Unterwäsche kannten als angezogen, ja, und dadurch muss man zusammenrücken und irgendwo sich arrangieren, und die Gruppenarbeit wurde hier sehr gefördert.“

216

Text: B\F, Position: 45 – 45, Code: Studium\Positives

„Also, dass wir keine vorgegebenen Wege hatten, wie wir Patienten zu behandeln hatten. Wir haben zwar bestimmte Prinzipien gehabt, die für uns aber auch einleuchtend waren, also Prinzipien, nach denen wir einfach die verschiedenen Übungen ausgesucht haben, oder uns verschiedene Konzepte angeguckt haben, ja, das war das, was ich gut fand.“

217

Fasst man nochmals die positiven Punkte zusammen, dann zeichnet sich sehr deutlich ab, dass sich die Studierenden um so positiver zu ihrem Studium äußern, je mehr sie sich mit ihren DozentInnen identifizieren können und je ausgeprägter sich der Praxis- und Medizinbezug darstellt. Dieses ist vor allen Dingen bei den eher medizinisch ausgerichteten Studiengängen (also Studiengang Vertiefung und Ausland) der Fall, da die Studierenden sehr klar den unmittelbaren Bezug zu ihrem Beruf erkennen und mit ihrer erklärten Absicht, (zurück) in den praxisorientierten Alltag oder aber in Leitung/Lehre/Forschung zu kehren, kombinieren.

An dieser Stelle erfolgt eine kurze vergleichende Gegenüberstellung der Kernaussagen.

Studiengang

(Berufserfahrene)

Ergänzung

Vertiefung

Positive Äusserungen

generell die neuen Inhalte (konsumieren können),

An aktuellen Themen „dran“ zu sein,

Zusammenfügen von Wissensfragmenten,

Entwicklung neuer Interessen,

Kennenlernen von „Per-sönlichkeiten“ in der Physiotherapie,

Neue Leute kennenlernen

der Praxisbezug bzw. die therapeutische Nähe der medizinischen Inhalte,

Aufhebung des dogmatischen Denkens,

Neuer Umgang mit Wissen

Themen- und problemzentriertes Lernen in kleinen Gruppen,

Kompetente DozentInnen

218

Studiengang

(NovizInnen)

Grundständig

Ausland (an dieser Stelle muss festgehalten werden, dass die Studierenden sich in ihren positiven Ausführungen fast ausschließlich auf eine zweiwöchige Studienzeit in Holland beziehen)

Positive Äusserungen

generell die neuen Inhalte (konsumieren können),

Neue Anregungen, neues Hintergrundwissen, neue Einblicke zu erhalten,

Kennenlernen von „Per-sönlichkeiten“ in der Physiotherapie,

Soweit physiotherapeutische Bezüge bestehen oder sich die DozentInnen bemühen, einen Einblick in die PT zu gewinnen beeindrucken auch sie

Kompetente, hochkarätige Dozenten, die:

- einen Doktortitel besitzen,

- ein immenses Wissen haben, welches sie ohne Hierarchiedenken den Studierenden kollegial zukommen lassen,

- pädagogisch hochgradig geschickt sind,

der Praxisbezug, bzw. die therapeutische Nähe der medizinischen/theoretischen Inhalte,

manualtherapeutische Ausrichtung,

Aufhebung des dogmatischen Denkens, welches prinzipiengeleitet und unabhängig von Konzeptgebundenheit vermittelt wird und zur Reflexion beiträgt,

Themen- und problem-zentriertes Lernen in kleinen Gruppen

4.2.3.2 Kritische Anmerkungen der Studierenden zum Studium

Bevor im Folgenden die kritischen Anmerkungen und Schwierigkeiten der Studierenden in Bezug auf das Studium dargestellt werden, kann bereits hier vorweggenommen werden, dass sich alle befragten Studierenden zu den organisatorischen Stolpersteinen in der Aufbauphase der Etablierung geäußert haben. Diese Anmerkungen reichen von Bemerkungen wie „es lief völlig chaotisch ab“ bis hin zu „es hat sich niemand so richtig für uns zuständig gefühlt“ (da zum Teil die Professuren entweder nicht besetzt waren oder schnelle Wechsel in der Besetzung erfolgten). Da sich dieses Phänomen - wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung - in allen Fachhochschulen wiederfindet, wird es an dieser Stelle insgesamt nicht weiter verfolgt, denn es klingen in allen Bereichen der Organisation, d. h. von der Anmeldung zum Studium, bis hin zur Unklarheit hinsichtlich der Prüfungsleistungen alle Bereiche an. Den Studierenden ist aber sehr wohl bewusst, dass sie zu den PionierInnen einer neuen Ära gehören, welches wiederum für sie einen Vorteil bedeuten kann - insofern relativieren sie die Aussagen mit ihrem Verständnis für die Anfangsschwierigkeiten. Eine typische Äußerung lässt sich aber verallgemeinernd für alle Studierenden in dem folgenden Zitat wiederfinden:

Text: C\M, Position: 77 – 77, Code: Studium\Kritik

219

„Ja, also die gesammelte Organisation einfach unseres Studienganges, dass hier eigentlich keiner so genau weiß, wann wir irgendwas abzugeben haben, wie das genau gemacht wird, welche Prüfungsleistungen wie sein müssen, das weiß keiner, da müssen wir immer nachhaken. Das hat einfach von Anfang an so nicht gestimmt, da will ich auch keinem irgendwie Schuld in die Schuhe schieben, dass manche Fächer auch neu für die Professoren sind, das haben die auch noch nicht gemacht und müssen sich da ihr Wissen aneignen.“

Die Hauptdimensionen, an denen die Studierenden ihre Kritik manifestieren sind die Persönlichkeit der Lehrenden, die Inhalte, der Theorie-Praxis-Bezug sowie die Lernformen, also entsprechend der vorstehend genannten positiven Dimensionen. Nachfolgend werden diese eingehender erörtert.

Persönlichkeit der Lehrenden

220

Einer der am häufigsten angesprochenen Kritikpunkte ist die Persönlichkeit der Lehrenden im Zusammenhang mit den zu vermittelnden Inhalten. Die Studierenden finden gerade in den Fächerbereichen, die für sie in ihrer Intensität völlig neu sind (z. B. Sozialwissenschaften), den Bezug zur Physiotherapie nicht, da die DozentInnen zum Teil noch nie Berührung mit PhysiotherapeutInnen hatten bzw. auch ihr Berufsfeld nicht kennen, und damit auch die Lehre nicht entsprechend auf die „Bedürfnisse“ der Berufsgruppe zuschneiden können. Die Studierenden müssen ihnen erst „erklären“, was PhysiotherapeutInnen überhaupt tun, damit die Lehre diesen Zuschnitt bekommen kann. Die Studierenden greifen hier auch indirekt wieder die Thematik ihrer eigenen Identität auf. So wünschen sie sich DozentInnen, unabhängig davon, ob berufserfahrene KollegInnen oder NovizInnen berichten, mit denen sie sich identifizieren können, die Einblicke in das Berufsfeld der TherapeutInnen haben, die um die Schwierigkeiten innerhalb der Berufsgruppe Bescheid wissen und ein entsprechendes Verständnis entwickeln, aber auch den Blick erweitern. Diese Hervorhebung ist bereits bei der Beleuchtung der positiven Aspekte des Studiums aufgefallen, denn je deutlicher die Identifikation mit den Lehrenden, um so positiver waren die Aussagen. Eine der Studierenden geht sogar so weit, dass sie den Sinn der Lehre bezweifelt, wenn ein Arzt, ein Soziologe, ein Psychologe, der letztlich nicht weiß, was Physiotherapie ist, PhysiotherapeutInnen unterrichtet.

Text: A\D, Position: 73 – 73, Code: Studium\Bewertung

221

„Und es (Kommunikation und Konfliktmanagement) ist sicher auch wichtig im Umgang mit Patienten oder mit Teamarbeit oder so, aber ganz ehrlich, wenn das dann auch nur Sozialpädagogen im Endeffekt machen oder Soziologen, die haben zu wenig Ahnung davon, was für uns wirklich wichtig ist. Dann stellen die sich das immer so vor so, ja, und wenn ein Patient dann das und das sagt, reagieren Sie mal so und so. Ich hab nicht so das Gefühl, dass mir das wirklich viel gebracht hat jetzt, so Kommunikation und so was.“

Text: C\M, Position: 73 – 73, Code: Studium\Kritik

222

„Wir hatten nen andern Professor, und der wusste überhaupt nicht, was Physiotherapeuten in der Ausbildung gemacht haben. Es war ein Arzt und von dem kam immer, boh, das könnt ihr? Er hat überhaupt nicht um das Problem gewusst, was in der Physiotherapie herrscht, glaub ich, und, ja, dass da eben viele Fragen noch so unbeantwortet geblieben sind.“

Text: C\L, Position: 81 – 81, Code: Studium\Kritik

223

„Die Kompetenz der Professoren, das kann nicht sein, dass ein Arzt, der letzten Endes nicht weiß, was Physiotherapie ist, Physiotherapeuten unterrichtet.“

Auffällig ist, dass diese Kritik bereits in der Beurteilung der fachschulischen Ausbildung eine Rolle gespielt hat - und sich hier in der Beurteilung des Studiums fortzusetzen bzw. zu wiederholen scheint.

Inhalte und der Theorie Praxisbezug

Hinsichtlich der inhaltlichen Komponente lassen sich in der Kritik wiederum fachhochschulspezifische Besonderheiten und Einflüsse erkennen. So zeigen insbesondere die Studierenden der dreisemestrigen Studiengänge und die Studierenden des kombiniert grundständigen an, dass sie sich sowohl vermehrt physiotherapeutisches Theoriewissen als auch vermehrt die Herstellung von Praxisbezügen wünschen. Physiotherapeutisches Theoriewissen fokussieren die Studierenden zum Teil im Vergleich zu ihren ergotherapeutischen KollegInnen, mit denen sie „unter einem Fakultätsdach“ sitzen. Sie haben Kontakt zueinander, gleichen Inhalte und Scripten miteinander ab, und teilweise besuchen sie auch gemeinsame Veranstaltungen. Die PhysiotherapeutInnen geben an, dass die ErgotherapeutInnen in der Entwicklung theoretischen Wissens und Auseinandersetzung mit diesem bereits deutlich weiter sind und sie sich ebenfalls gern in diese Richtung entwickeln würden. Allerdings muss hier hinzugefügt werden, dass insbesondere die Studierenden einer der dreisemestrigen Studiengänge und die Studierenden des Studienganges „Grundständig“ sich bereits mit Theorie auseinandergesetzt haben und sie sich gerne aufgrund des „spannenden“ Themas dort weiterentwickeln würden, während die Studierenden der anderen Studiengänge überhaupt keine Theoriebildung erwähnen. Diese Auseinandersetzung korrelieren mit der Entwicklung des beruflichen bzw. professionellen Selbstverständnisses. Insbesondere die Studierenden der dreisemestrigen Studiengänge „Ergänzung“ geben an, dass das Studium für sie zu kurz und zu überfrachtet sei, um tatsächlich in die fachliche Tiefe einzusteigen. Dieses wiederum führt zu einem weiteren defizitären Gefühl, denn es wird nicht recht deutlich, was sie nun durch das Studium für ihre eigentliche Entwicklung im Bereich der Physiotherapie gewonnen haben.

224

Text: E\W, Position: 117 – 117, Code: Studium\Bewertung

„Diese Theorien, da könnte man vielleicht noch ein bisschen mehr drauf eingehen, also, mehr erklären, was ist ein Konzept, was ist ein Modell, dass da mehr Hintergrund noch kommt, also nicht einfach nur erklären, das es so und so was gibt, und dass es den und den Aufbau hat, sondern dass man mehr noch dahinter geht und vielleicht das Ganze mit mehr Beispielen noch bringt.“

225

Text: C\N, Position: 35 – 35; 53-53, Code: Studium\Bewertung

„Das ist in der Ergotherapie wirklich anders, also ich hab da halt in dieses Ergotherapiescript auch mal reingeschaut, wir sind ja interdisziplinär, da kann man ja mal bei der Konkurrenz in Anführungsstrichen mal gucken, und die haben dort halt schon 'ne Menge (Theorie) mehr gemacht. Was fehlt, ist halt noch so'n bisschen das Selbstverständnis, das physiotherapeutische Selbstverständnis, da haben wir wenig gemacht. Meiner Meinung nach ist halt das Studium einfach zu kurz, wir riechen überall nur rein, wir kratzen überall mal an der Oberfläche, wir sehen, hier gibt es was und da gibt es was, und das Studium ist eigentlich zu Ende, bevor man richtig angefangen hat, in die Tiefe zu gehen, und das ist halt was, was ich sehr schade finde.“

226

Text: C\L, Position: 23 – 23, Code: Studium\Bewertung

„Ja, mir persönlich hat das Studium als Physiotherapeut nichts gebracht. Weil halt auf therapeutische Dinge überhaupt kein Wert gelegt wurde. Mir kam's vom Studium wieder mal so vor, die Physios hatten jetzt die Chance, 'ne Akademisierung zu machen, das musste dann jetzt innerhalb von, ja, ziemlich schnell halt über die Bühne laufen, und es wurde sich halt, irgendwie kam 's mir so vor, keine Gedanken gemacht, was da rein soll in das Studium. Es war keinem klar, was es heißt, das Niveau eines Bachelors zu haben, weil halt zwei Dinge auf einmal kamen, einmal die Akademisierung der Physios und einmal, was ist überhaupt ein Bachelor- Studiengang in Deutschland. Keiner wusste, was die Anforderungen dafür sind, und dementsprechend wurde hier wieder alles in diesen Physiotherapie-Studiengang rein gepackt, was man rein packen konnte, dementsprechend wird alles kurz angerissen und ich geh mit sehr vielen offenen Fragen aus dem Studium raus.“

227

Darüber hinaus unterstreichen einige Studierenden, dass sie sich vermehrt Praxisbezüge wünschen bzw. die Verknüpfung von Theorie und Praxis, die offenkundig nur bedingt oder gar nicht gelingt. Besonders deutlich wird dieses Problem von einer Studierenden angesprochen, die darauf verweist, dass die Theorie des clinical reasonings überhaupt keine praktische Relevanz aufzeigt, obwohl das clinical reasoning einer der Hauptanknüpfungspunkte für die Theorie-Praxis-Transferleistung wäre (vgl. auch Higgs und Jones 2002). Zwar sieht das Studium z. B. an einem Standort vor, dass die Studierenden während des Studiums jeweils an zwei Tagen KlientInnen behandeln. Sie berichten allerdings relativ enttäuscht, dass die Theorie und die Praxis nebeneinander stehen würden, ohne dass diese Transferleistung oder Verknüpfung stattfinden würde. Sie verdeutlichen durch ihre Ausführungen, dass sie sich vermehrt praktische Bezüge wünschen, die gerade auch die neuen Inhalte, die eine veränderte Sichtweise auf den therapeutischen Prozess ermöglichen, integrieren. Sie sprechen die inhaltliche Aufteilung an, dass innerhalb des Studiums zuviel Zeit für die KlientInnenbehandlung zur Verfügung gestellt wird, aber dafür andere wichtige Bereiche wie das physiotherapeutische Selbstverständnis viel zu kurz kommen. Insbesondere geben das Studierende an, deren Lehrstuhlvertretung nicht über eine Sozialisation als PhysiotherapeutIn verfügt.

Text: C\N, Position: 55 – 57, Code: Studium\Kritik

228

„Mich hat ein bisschen gestört, wie dieser Fachbereich clinical reasoning bei uns gehandhabt wurde, wir wurden ja in ein Praktikum gesteckt für clinical reasoning, und es gab aber eigentlich keine Praktikumsauflage. Was man draus gemacht hat, war halt jedem selber überlassen.

Im Bereich physiotherapeutisches Selbstverständnis haben wir wenig gemacht, da war ich ein bisschen unzufrieden.

229

Und (ich) würde dann halt wirklich mal sagen, o.k., wir machen mal so'n Minidesign einer Wirksamkeitsstudie oder wir erheben mal 'nen Fragebogen und fragen mal Patientenzufriedenheit ab oder wir machen mal 'ne Evaluation über Patientenprogramme oder irgendwie so was in die Richtung, das hätt ich persönlich wirklich interessant gefunden, weil, in diesem Bereich fühl ich mich jetzt auch noch so'n bisschen unsicher einfach. Und wenn man, ich glaub, so was mal am praktischen Beispiel erlebt, wäre das vielleicht 'ne ganz interessante Angelegenheit gewesen.“

Ferner sind die Studierenden enttäuscht darüber, dass sie keine „Ministudien“ oder Forschungsversuche in ihrem Studium unternehmen können. Nur die Bachelorarbeit würde dafür Raum lassen, wobei sie sich jedoch mit der Bewältigung dieser Aufgabe, ein Forschungsprojekt durchzuführen, überfordert fühlen würden. Eine weitere Kritik, vornehmlich von den Studierenden des Typs „Grundständig“ ausgedrückt, ist ihre Enttäuschung darüber, dass das Studium ihren Erwartungen, vermehrt Fortbildungsinhalte als integralen Bestandteil des Studiums vermittelt zu bekommen, nicht entsprochen hat bzw. nicht entspricht.

230

Im letztgenannten Zitat spricht die Studierende an, dass ihnen im Studium verdeutlicht wird, dass die Praxis nicht an die Fachhochschule gehöre, sondern entweder in die Ausbildung oder aber den Fortbildungsmarkt, in der Phase des Studiums würde ausschließlich theoretisch über physiotherapeutische Belange nachgedacht. Darüber hinaus hält sie sich für kompetent genug, auch ohne das Studium bereits über clinical reasoning Kompetenz zu verfügen, hier drückt sie ihre Enttäuschung hinsichtlich ihrer Erwartungen an den Praxisbezug im Studium aus. Diese Kritik wird von einigen NovizInnen der dreisemestrigen Studiengänge „Ergänzung“ aufgegriffen, die gegenüber den Verantwortlichen in der Lehre diesbezüglich massive Vorwürfe erheben.

Text: C\L, Position: 117 – 117, Code: Studium\Kritik

231

„Dass man therapeutisch in irgendeiner Form weiter kommt, dafür hätt ich mich hier nicht ein Jahr hinsetzen müssen. Es war auch sehr viel, ja, Gegenwehr auch, von, ja, oberen Strukturen einfach da, dass halt vielleicht, ja so'n Bobath-Instructor oder so, solche Leute vorbeikommen, die Möglichkeit oder das Angebot war da, nur das wurde von der Fachhochschule nicht angenommen. Das gehöre hier nicht hin.“

Lehrmethoden

Die Studierenden zeigen eine hochgradige Ambivalenz hinsichtlich der von ihnen gewünschten Lehrmethoden. Auf der einen Seite wünschen sich diejenigen, die neben ihrer fachschulischen Ausbildung das Studium absolvieren aber auch diejenigen, die die dreisemestrige Vollzeitvariante des Studiums besuchen, mit neuem Wissen „gefüttert“ zu werden, obwohl sie während ihres Studiums durchaus auch die neuen Lehrmethoden wie die des problemorientierten, selbstgesteuerten Lernens in Anspruch genommen bzw. kennen gelernt haben. Bei dieser Art des selbstgesteuerten, selbstorganisierten Lernens haben sie jedoch vermehrt das Gefühl (gehabt), dass die Lehrmethoden nicht absichtlich eingesetzt wurden, sondern in einer Art Notlösung verwendet worden sind - in Ermangelung der DozentInnen, die sie hätten anleiten können; somit waren sie gezwungen, sehr viel in Eigenarbeit zu erarbeiten, ohne jedoch eine Rückmeldung zu erhalten. Sie wünschen sich Frontalunterricht, der sie zum Denken anregt anstatt Problematisieren ohne wirkliches Problem sowie wiederum die Herstellung physiotherapeutischer Bezüge. Gerade im Hinblick auf die Arbeitsbelastung, die einige der Studierenden mit 46 Stunden in der Woche bewältigen müssen, wünschen sie sich eine effizientere Gestaltung des Studiums. Aus einer relativen Überforderung heraus erachten sie einen Unterricht, der sie selbst entlastet, indem sie konsumieren können, als sinnvoll.

Text: A\A, Code: Studium\Kritik

232

„Futter, als Frontalunterricht, und dann so'n bisschen praktisch dazu, das wäre für uns wahrscheinlich das Beste gewesen. Wir haben dann aber mit einer Schildkröte gespielt, die dann uns zugeworfen wurde und wir mussten dann immer irgendwas rausrufen, und wir machten immer Praxis und müssen uns immer öffnen und immer kritisieren und, das war zu viel, uns zu nervig, zu pädagogisch, immer alles ein Stück weit zu hinterleuchten, war uns zu viel Gelaber und zu viel Diskussion um den heißen Brei. Wo gar kein Konflikt war, wurde dann ein Konflikt gelöst und das war für uns ein bisschen kompliziert. Weil, wir sind eher so Leute, die dann mal auf den Tisch hauen. Das haben wir als sehr anstrengend empfunden, weil, man muss bedenken, wir haben einen, einen Wochenrhythmus von 46 Stunden etwa, das ist viel, das ist Futter, das ist ganz schön viel. Und wenn man dann nebenbei noch arbeitet und vielleicht auch noch Hobbys hat oder ein Privatleben, dann ist das kompakt, und wenn man dann in sein Seminar kommt, wo man nicht Futter kriegt oder Frontalunterricht, sondern irgendwie seine Gefühle nach außen kehren soll vor einem Dozenten,, wo die Chemie nicht ganz rüberspringt, nicht stimmig ist, dann geht das nach hinten los.“

Ein weiterer, zwar nicht explizit ausgesprochener Punkt ist der der Nicht- Entwicklung eines studentischen Habitus. Dieses deuten nicht nur die vorgenannten Studierenden aufgrund ihrer Arbeitsbelastung an, sondern auch diejenigen, deren Lehrveranstaltungen blockweise und berufsbegleitend organisiert sind und teilweise bis zu 12 Stunden Vorlesung in sozialwissenschaftlichen oder medizinischen Fächern pro Tag vorgeben - wobei die medizinischen Fächer einen sehr viel stärkeren Anwendungsbezug aufweisen und der Physiotherapie insgesamt näher sind. Eine richtige Verortung als Studierende kann demzufolge nicht stattfinden, denn die Assoziation, StudentIn zu sein würde eine freie Zeiteinteilung ohne Anwesenheitspflicht bedeuten (vgl. Friebertshäuser 1992) sowie eine mögliche, interessengemäße Steuerung der Teilnahme an Vorlesungen.

233

Text: A\B, Position: 69 – 69, Code: Studium\Bewertung

„Dann mussten wir halt hier wieder Anwesenheit nachweisen, aber ansonsten ist es nicht so locker wie ein normales Studentenleben.“

234

Text: D\R, Position: 76 – 76, Code: Studium\Kritik

„Was ich sehr anstrengend finde, sind die Frühjahrblöcke, da werden so 10, 12 Stunden am Tag durchgeschreddert, das ist für die medizinischen (Fächer), da ist das kein Problem, weil man dann auch mal Praxisteile hat, aber wir kommen nun mal nicht unbedingt aus der Sozial, sozialen Richtung, das heißt, mir 5 Stunden Pädagogik anzuhören und dann noch mal Sozialmedizin und dann vielleicht noch mal irgendwie so was, das ist anstrengend, das ist richtig anstrengend, da kann ich nun mal nicht aus meiner Berufserfahrung schöpfen, da muss ich mich hinsetzen und mir das Zeug anhören und auch einbimsen, es hilft nichts.“

235

Auch in dem vorstehenden Zitat wird deutlich, dass die Studierenden eine Verortung ihrer Profession im medizinisch ausgerichteten System und nicht im sozialen System haben. Sie beschreiben die Mühe, die sie mit den sozialmedizinischen Inhalten haben, sie können nicht aus ihrem Erfahrungsschatz rekrutieren, sondern müssen völlig neu lernen, gegebenenfalls sich die Inhalte „einbimsen“, auswendig lernen. Diesen Sachverhalt betonen insbesondere die PhysiotherapeutInnen, die sich für die medizinisch ausgerichtete Variante des Studiums entschieden haben. Sie verdeutlichen, dass sie zunächst keinen direkten Praxisbezug in den sozialwissenschaftlichen Fächern zu ihrer beruflichen Tätigkeit herstellen können und unterstreichen insbesondere, dass aber gerade der Praxisbezug der vermittelten Wissensbestände für die Physiotherapie wichtig und entscheidend ist. Die Ausdrucksweise „10 bis 12 Stunden“ Vorlesung in den Sozialwissenschaften „herunterzuschreddern“ zeigt darüber hinaus, dass die primäre Verortung als StudentIn nicht gegeben ist, sondern aufgrund der inhaltlichen Fülle eigentlich keine Zeit bleiben kann, das Studentenleben zu genießen.

Eine gänzlich andere Problematik bzw. Kritik greifen die Studierenden auf, die das Studium nach holländischem Modell absolvieren. Sie identifizieren sich zunächst nicht als „deutsche“ PhysiotherapeutInnen, sondern als holländische - und betonen die Abgrenzung gegenüber den deutschen KollegInnen. Ihre hauptsächlichen Kritikpunkte belaufen sich auf eine fehlende gemeinsame Fachsprache, die unabhängig von jeglicher Konzeptgebundenheit eingeführt werden sollte. Sie beschreiben ihre Probleme, wenn sie nach niederländischem Modell studieren, welches orthopädisch/manualtherapeutisch ausgerichtet ist und dann mit ihren deutschen KollegInnen kommunizieren müssen. Ihnen ist die deutsche, konzeptgebundene Sprache in der therapeutischen Anwendung nicht bekannt, obwohl sie zum Teil über das gleiche therapeutische Repertoire verfügen, das sie anhand von Prinzipien erlernt haben. Hier heben sie einen Schwachpunkt der deutschen Physiotherapie hervor, der zu mannigfaltigen Problemen im therapeutischen Alltag führt. Es scheinen Verständigungs- und Verständnisprobleme zwischen den TherapeutInnen der unterschiedlichen Fachrichtungen zu existieren. Weiterhin kritisieren sie die deutsche Regelung, dass ihre Studieninhalte in der spezifischen Richtung der „Manuellen Therapie“ nicht gleichgesetzt bzw. als Äquivalent gesehen werden zur in Deutschland zertifizierten Fortbildung „Manuelle Therapie“, die eine höhere Vergütung der therapeutischen Leistung nach sich zieht. Diese zertifizierte Fortbildung wird auf dem freien Fort- und Weiterbildungsmarkt angeboten und ist kostenintensiv. Die Studierenden vermuten hier zugrundeliegende monetäre Interessen der Fortbildungsanbieter und/oder Verbände.

Text: B\H, Position: 73 – 73, Code: Studium\Kritik

236

Das Problem ist für uns zunächst gewesen und wird vielleicht im Anfangsbereich noch sein, dass wir viele Dinge gemacht haben, die die Deutschen eben unter einen bestimmten Namen packen und wir aber eigentlich gar nicht wissen, wie wir es verbinden sollen, ne, das heißt, wir haben's schon irgendwo gemacht, aber uns fällt einfach schwer, dann mit den Deutschen zu kommunizieren, weil da hängt's immer, im Endeffekt. Das im Endeffekt unser Lehrprogramm umgestellt wird, verlangt eigentlich keiner, nur es sollte noch ein bisschen mehr an Deutschland angepasst werden, dass wir damit besser umgehen können, denk ich.“

Zusammenfassung der Kritikpunkte

Fasst man die von den Studierenden genannten Kritikpunkte am Studium zusammen, dann würde sich ein sinnvolles Studium durch folgende Merkmale auszeichnen:

237

Insgesamt weniger kritisch gegenüber ihrem Studium äußern sich die Studierenden der Studienrichtung „Vertiefung“ und „Ausland“. Beide Studienrichtungen haben, wie schon vorstehend ausgeführt, einen deutlichen und ausgeprägten Praxis- und Medizinbezug, in dem sich die Studierenden wiederfinden. Schwierigkeiten treten insbesondere in Fächern mit sozialwissenschaftlichen Bezügen auf und sind unabhängig vom jeweiligen Fachhochschulstandort festzustellen. Die Hälfte der Studierenden der jeweils dreisemestrigen Vollzeitvariante (Ergänzung) ist durch das Studium zwar ebenfalls sehr begeistert, aber offensichtlich auch kritischer, da sie das Gefühl entwickeln, alles in der Kürze der Zeit nur angerissen zu haben und sich in keinem Bereich wirklich ausreichend auszukennen.

Setzt man an dieser Stelle die kritischen Äußerungen der Studierenden zum Studium einmal mit ihren kritischen Anmerkungen im Hinblick auf ihre berufsfachschulische Ausbildung zur PhysiotherapeutIn (Aussagen im ersten Strang im Kapitel 4.1.3 „Bewertung der fachschulischen Ausbildungdurch die Studierenden“) in Bezug, so durchziehen sich drei markante Themenbereiche wie rote Fäden sowohl durch die Ausbildung als auch durch das Studium. Sie unterstreichen auf eindrucksvolle Weise die Bedeutung, die die Studierenden diesen Komplexen beimessen können als wesentliche Desiderate gelten. Dieses sind:

238

4.2.4 Die Akademisierung der Physiotherapie und ihre Problemfelder

Bei der Auseinandersetzung der Studierenden mit der sehr offen gehaltenen Frage, wie sie die Bedeutung der Akademisierung und auch ihre neue Rolle beurteilen, zeigen sie diverse Problemfelder und Ambivalenzen auf, die zum Teil recht eng mit ihren Erwartungen an das Studium sowie ihren Karrierevorstellungen und beruflichen Perspektiven verknüpft sind - somit ergeben sich einige Überschneidungen zu den vorstehenden Kapiteln.

Die von den Studierenden aufgeworfenen Problemfelder bzw. reflektierten Dimensionen sind:

239

4.2.4.1 Einführung der flächendeckenden Akademisierung

Der erste von den Studierenden aufgegriffene Diskussionspunkt ist, wie sie die Einführung einer flächendeckenden, grundständigen akademischen Ausbildung für PhysiotherapeutInnen einschätzen und wie sie ihre Einschätzung begründen.

Pro

Von den 22 Studierenden der Physiotherapie geben insgesamt nur sechs Personen an, dass sie eine flächendeckende Akademisierung, d. h. die Einführung eines grundständigen, möglicherweise vierjährigen Studiums, welches sowohl Praxisinhalte als auch theoretische Inhalte aufweist, für alle PhysiotherapeutInnen als sinnvoll erachten. Es lassen sich drei interessante Begründungstypen erkennen, wobei allen drei Typen die Fortentwicklung primär des gesamten Berufsstandes ein Anliegen ist und nicht nur die individuelle Weiterentwicklung ins Zentrum ihrer Reflexionen rückt.

Typ: „Status“

240

Der erste Typ begründet seine positive Einstellung gegenüber dem grundständigen Studium mit den merkmalsbezogenen, professionstheoretischen Phänomenen der Erlangung von mehr Einfluss, mehr Autonomie und damit mehr Macht. Daran geknüpft ist die Hoffnung nach einer anderen Positionierung ihres Berufes in der Hierarchie des Gesundheits- und Sozialsystems sowie des Wissenschaftssystems. Sowohl die Anerkennung durch die Ärzteschaft als auch durch die KlientInnen ist ihm ein wesentliches Anliegen. Diese Äußerungen werden sowohl von NovizInnen als auch Berufserfahrenen gleichmäßig getätigt, jedoch ist auffällig, dass dies insbesondere die Studierenden sind, deren Studienmodelle vermehrt medizinische Inhalte anbieten. Insbesondere die Ambivalenz gegenüber der Ärzteschaft sowie die Handlungsautonomie sind einer der brisanten Bereiche im Prozess der Professionalisierung. Diese werden im dritten Strang im Kapitel 4.3 „Professionalisierung und Professionalität“ einer ausführlichen Auswertung unterzogen. Besonders das nachfolgend zweite Zitat zeigt die Nähe zur Medizin anhand des Statussymbols des Stethoskops auf. Eine Studierende dieses Begründungstyps berichtet, dass die PhysiotherapeutInnen im Ausland auch „ein Stethoskop umhängen“ haben und sie der direkte Ansprechpartner für die KlientInnen gleich in der Hierarchie nach dem Arzt sind. Hier drückt sich ebenfalls der Wunsch und die Hoffnung aus, mit dem Arzt auf einer Stufe zu stehen - der Anspruch wäre ihrer Meinung nach durch ein Studium der Physiotherapie durchaus gerechtfertigt bzw. gewährleistet.

Text: B\G, Position: 119 – 119, Code: Akademisierung

241

„Wenn es dann wirklich flächendeckend nur noch Akademiker gibt, könnt ich mir vorstellen, dass Physiotherapeuten von ärztlicher Sicht eher als gleichberechtigter Partner gesehen wird. Zum Beispiel in Holland, wo den Physiotherapeuten überlassen wird, welche Behandlungsmaßnahme sie ergreifen, dass sie selbständig entscheiden dürfen, was natürlich auch sinnvoll ist. Ich meine, wir kennen unsere Möglichkeiten und können die dann auch vielleicht patientenorientierter einsetzen, als wenn der Arzt vorschreibt, manuelle Therapie, weil er grade gehört hat, dass es beim andern Patienten gewirkt hat.“

Text: B\E, Position: 169 – 169, Code: Akademisierung

242

„...weil zum Beispiel grade auch in Irland oder England Physiotherapeuten ja 'ne weitaus kompetentere Stellung haben, als hier in Deutschland. Also, die dürfen ja eben diese Diagnosen stellen, die haben ja ein Stethoskop umhängen und machen da auch sehr viel und sind im Prinzip, wenn der Arzt nicht da ist, die erste Ansprechperson, das wär ja bei uns in Deutschland undenkbar.“

Typ: „Internationale PragmatikerIn”

Der zweite Begründungstyp macht seine Befürwortung an drei pragmatischen Gründen fest: Erstens der Verbesserung der Qualität der therapeutischen Interventionen, denn mit dem Studium werden die TherapeutInnen in die Lage versetzt, ihre eigenen Behandlungen kritisch wissenschaftlich auf Evidenz und Effektivität zu untersuchen und zu evaluieren. In diesem Zusammenhang ließe sich laut Aussage der Studierenden das Problem der schlechten beruflichen Ausbildung beheben, da Akademisierung hier gesehen wird als die Sicherung der Qualität über Standards, die es in der Physiotherapie bislang nicht gibt. Zweitens führt die Einführung des flächendeckenden Studiums zur Anerkennung und Gleichstellung der deutschen PhysiotherapeutInnen mit den KollegInnen im Ausland (Reduktion des Minderwertigkeitsgefühls) und drittens ließe sich die gesamte „Lerndauer“ verkürzen, denn das jetzige gestufte System führe zu viel zu langen Ausbildungs- und Studienzeiten, denen ja eigentlich mittels des Bolognaabkommens entgegen gewirkt werden sollte.

Text: B\H, Position: 81 – 81, Code: Akademisierung

243

„Ich denke und hoffe, dass man insgesamt für Deutschland einfach ein bisschen mehr Qualität auf Dauer bekommt im Vergleich zum Ausland. Also die Holländer haben so'n sehr guten Ruf, wenn man in die Schweiz gehen möchte, dann muss man erst Nachtests machen oder noch mal 'n Aufbauseminare, wie auch immer, also es ist ja so, dass viel auch im Ausland gesagt wird, meine Güte, was wollt ihr denn? Ihr geht nach der 10. Klasse dahin, und macht das (die Ausbildung), ihr habt nicht mal Abitur, ne?“

Text: E\U, Position: 58 – 60, Code: Akademisierung

244

„Es kann nicht der Weg sein, in Zukunft sich drei Jahre, ja keine leichte Ausbildung um die Ohren zu schlagen, sich dann noch mal hinzusetzen, um 'nen Bachelor zu haben, und dann für die ganz Engagierten, sich dann noch mal hinzusetzen, und dann noch einmal den Master zu machen oder vielleicht noch weiter zu gehen. Ich denke schon, dass dieser Aspekt, internationale Angleichung 'nen ganz wichtiger ist, und dass wir uns nicht weiterhin als deutsche Physioassistenten im Weltniveau auslachen lassen sollten.“

Typ: „Effektiv“

Der dritte Typ könnte auch als Subtyp des vorstehenden betrachtet werden, macht auch er die Veränderung der Qualität physiotherapeutischen Handelns vordergründig. Er fokussiert jedoch primär das Theorie-Praxis-Phänomen, die Reflexivität und das Selbstbild der PhysiotherapeutInnen, indem er aus der eigenen Erfahrung heraus berichtet, dass die PhysiotherapeutInnen „nur in diesem praktischen Bereich herumtümpeln“ und sich nicht mit Theorie, Effizienz und Evidenz auseinandersetzen.

245

Text: C\K, Position: 133 – 142, Code: Akademisierung

„Der Bachelor wäre sinnvoll, den würd ich als sinnvoll erachten einfach, um die Therapeuten wirklich nicht nur in diesem praktischen Bereich tümpeln zu lassen, in dem ich mich am Anfang auch befunden hab, sondern wirklich auch ein bisschen das Bewusstsein dafür zu schärfen, zu überlegen, was tu ich hier, warum tu ich das und welche Rahmenbedingungen sind mir gegeben, welche brauche ich, welche kann ich nutzen, um hier wirklich effektiv und effizient auch zu arbeiten.“

Contra

246

Im Gegensatz zu der Gruppe, die das vierjährige Studium begrüßen, sind mehr als die Hälfte der Studierenden (12 von 22) der Meinung, dass es nicht nötig ist, eine flächendeckende Akademisierung einzuführen und weitere drei äußern sich sehr ambivalent. Grundsätzlich erachten sie es als sinnvoll, dass PhysiotherapeutInnen die Wahloption haben, sich zusätzlich bzw. ergänzend für ein Studium zu entscheiden. Ihre Begründungen spiegeln vor allen Dingen ihre eigenen, individuellen Vorstellungen zur beruflichen Entwicklung, ihren Karrierevorstellungen und Wünsche, insbesondere in Forschung und Lehre tätig zu werden, wider. Gleichzeitig scheint auch hier das berufliche Selbstbild durch, welches die Studierenden an anderer Stelle von ihrer Berufsgruppe zeichnen haben. Dass die flächendeckende Einführung von grundständigen Studiengängen nicht nötig ist, wird vermehrt sowohl von den Studierenden der ergänzenden (dreisemestrigen) Studiengänge berichtet als auch von denjenigen, die sich noch in Ausbildung und Studium (gleichzeitig) befinden. Interessanterweise sind dieses zu zumeist NovizInnen bzw. PhysiotherapeutInnen, die eine geringe Berufserfahrung haben (13 von 15) und nur insgesamt zwei der langjährig Berufserfahrenen. Gleichzeitig vermuten und/oder befürchten aber auch neun dieser Studierenden, dass es eine „Zweiklassenphysiotherapiegesellschaft“ geben wird.

NovizInnen

Hier lässt sich keine eindeutige Typeneinteilung vornehmen, denn alle Studierende verweisen in ihrer Begründung in irgendeiner Weise auf die Theorie-Praxis-Problematik und das Phänomen der Abgrenzung. Anhand von Beispielen und den eindrücklichsten Argumenten wird dieses Begründungsverhalten gegen die Einführung grundständiger Studiengänge dokumentiert. Es erscheint die Stufigkeit im System deswegen als sinnvoll, weil zunächst über die grundständige berufliche Ausbildung das „Handwerkszeug“ und die Techniken zu erlernen sind, also praktische Fertigkeiten, um sich dann in einem weiteren Schritt entweder für das Studium oder die berufliche Tätigkeit zu entscheiden. Einige der Novizinnen geben an, dass nur diejenigen nach der Ausbildung studieren sollten, die bereits während der Ausbildung verstanden haben, dass „Physiotherapie mehr ist als nur Technik“ und die bereits vor Aufnahme des Studiums in der Lage sind, wissenschaftliche Texte zu lesen. Sie befürworten ein hierarchisch abgestuftes System im Bereich der Physiotherapie wie es beispielsweise in einigen anglo-amerikanischen Ländern wie u. a. in Amerika vorherrscht (Physiotherapieassistenten, (an-)leitende Physiotherapeuten, den forschenden Physiotherapeuten etc.). Für die praktische Tätigkeit mit der KlientIn ist es ihrer Meinung nach nicht vonnöten, dass alle PhysiotherapeutInnen studiert haben; es ist ausreichend, wenn ein oder zwei der TherapeutInnen in einer Abteilung diese Qualifikation besitzen und dann entsprechend die Leitung übernehmen und ggf. ihr Wissen weitergeben. Gleichzeitig benötigen die akademisch ausgebildeten PhysiotherapeutInnen auch insgesamt weniger Technikrepertoir, da sie vermutlich „weniger am Patienten/an der Bank stehen werden“. Die Aussagen verweisen wiederum auf das Theorie-Praxis-Problem und auf die eigene berufliche Identität, deren Darstellungen eigene Kapitel gewidmet sind.

Text: C\L, Position: 89 – 89, 141-141, Code: Akademisierung

247

„Ich denk mal, der Ansatz ist der richtige Weg, dass man die grundständige Ausbildung lässt und dann das als Aufbaustudium macht, weil es letzten Endes ein praktischer Beruf ist, und den kann ich nicht an der Universität lehren, das ist meine Meinung, dass das Studium, so wie es jetzt gedacht ist, schon richtig ist. ...Bei mir war's so, dass ich relativ früh schon halt angefangen hab, gewisse Studien zu lesen, mir halt dieses Niveau der Berufsausbildung zu niedrig war, dementsprechend halt auch schon an Fortbildungen teilgenommen hab und denke, dass nur dies reine Umgehen mit Patienten mich in dem Studium nicht weiter gebracht hat. Also für mich würd ich wieder entscheiden, das direkt nach der Ausbildung zu machen, aber ich würd's nicht jedem empfehlen.“

Die Studierende grenzt ihre eigenen Fähigkeiten sehr stark gegen die der anderen TherapeutInnen ab. Zwar verfügt sie über noch keine Berufserfahrung, schätzt aber ein, dass „nur dieser reine Umgang mit Patienten“ sie im Studium nicht weiter gebracht hätte. Mit dieser sprachlichen Hervorhebung unterstreicht sie, dass für sie KlientInnenarbeit einen geringeren Stellenwert hat als andere Tätigkeiten. Diese Studierende hatte bereits bei ihren Erwartungen an das Studium angegeben, dass sie für leitende Tätigkeiten oder die Übernahme einer eigenen Praxis ausgebildet würde und ihr das Studium auch eigentlich für die Entwicklung ihrer physiotherapeutischen Kompetenzen nicht „allzu viel“ gebracht hätte. Sie assoziiert, dass sie nicht direkt mit KlientInnen arbeiten, sondern sofort eine andere Position bekleiden möchte und greift auf, dass sie eine hierarchische Strukturierung des Systems für sinnvoll erachtet. Sie begründet ihre Entscheidung für die Abstufung damit, dass die Praxis nicht an der Fachhochschule anzusiedeln sei, so zumindest sei es ihr an ihrer Fachhochschule erklärt worden. Eine ähnliche Abgrenzung nimmt eine Studierende vor, die hervorhebt, dass man auch nicht alle Fachschüler auf das Fachhochschulniveau transferieren kann.

248

Text: A\B, Position: 166 – 166, Code: Akademisierung

„Die kann man ja nicht alle auf 'ne Fachhochschule stecken, die haben ja auch gar nicht alle Abitur. Auf der einen Seite ist es, wie gesagt, die Höherqualifikation aber auf der anderen Seite brauche wir auch Kräfte, die arbeiten.“

249

Indirekt verbindet die Studierende, dass auch sie nicht „arbeiten“ wird im klassischen Sinne, also „mit und an der KlientIn“, sondern sich für sie eine andere Tätigkeit ergeben wird. Auf der anderen Seite betont sie, dass das System aber noch TherapeutInnen benötigt, die die „Arbeit“ verrichten. Daher zögert sie, die flächendeckende Akademisierung als sinnvoll zu erachten. Ähnlich betrachtet es ihre Kollegin, die sich wie folgt äußert:

Text: A\D, Position: 129 – 129, Code: Akademisierung

250

„Weil jetzt um 'nen Patienten gut zu behandeln, muss ich nicht unbedingt studiert haben, denk ich einfach, also um jetzt mit dem irgendwie das Bein wieder gesund und heil zu kriegen, so irgendwie, was weiß ich, da ist es viel wichtiger, 'ne fundierte praktische Ausbildung zu haben.“

Hier wird nicht nur die wünschenswerte Abstufung innerhalb des Systems unterstrichen, sondern es lässt die tiefe Verwurzelung der reduktionistischen Sichtweise aus der medizinischen Anlehnung erkennen, die „arbeitende PhysiotherapeutIn“ benötigt zwar Techniken, aber keine weiteren Hintergrundkenntnisse wie beispielsweise KlientInnenzentrierung und psychosoziale Fähigkeiten oder gar eine holistische Sichtweise.

Auch das folgende Zitat greift die Problematik der Akademisierung vor dem Hintergrund des Theorie-Praxis-Problems auf. Die Studierende ist ebenfalls Novizin, nimmt aber zunächst für sich keine direkte negative Abgrenzung gegenüber ihren nicht studierenden KollegInnen vor. Sie steht der flächendeckenden Akademisierung, die sie an und für sich unterstützen würde, da die PhysiotherapeutInnen hierüber ihr Prestige verbessern könnten, insofern ambivalent gegenüber, weil sie einen Teil der potentiellen PhysiotherapeutInnen ausgrenzen würde. Sie spricht von denjenigen, die nicht über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügen. Sie erklärt, dass sie es nicht nur als sehr ungerecht empfinden würde, mit einem Fachhochschulstudium eine Teilgruppe auszugrenzen, sondern dass genau diejenige Teilgruppe ausgegrenzt würde, die über therapeutische Qualitäten verfügt. So sind für sie die TherapeutInnen mit einem Realschulabschluss/Hauptschulabschluss einerseits assoziiert mit den Fähigkeiten, spüren und fühlen zu können (also die intuitiven Fähigkeiten betonend), andererseits jedoch mit weniger kognitiven Kompetenzen ausgestattet. Sich selbst empfindet sie als „theoretisierten Kopf“, der zu therapeutischer Arbeit nicht mehr in der Lage sein wird, weil sie „den Kopf dicht hat mit Wissen“, sie sieht sich in der Rolle der Denkerin, der Theoretikerin. Damit stellt sie heraus, dass sie mit dem Studium ausschließlich Theoriewissen verbindet, welches ihr auch für die Zukunft andere Arbeitsmöglichkeiten eröffnet (ihr Karriereziel ist die Lehre oder Forschung), während die praktische Seite des therapeutischen Prozesses durchaus den nicht akademisierten TherapeutInnen zukommt. Damit hebt sie ihre anfänglich getätigte, explizierte Nicht-Abgrenzung wiederum auf.

251

Text: A\A, Position: 68 – 70, 118 – 119 Code: Akademisierung

„Denn, nicht nur, weil ich Abitur hab und dadurch an die Fachhochschule komm oder Abi, Fachhochschulreife hab, bin ich besser als jemand, der quer einsteigt und eben irgendwie über Realschule ohne Fachhochschulreife diese Ausbildung macht und ein super Physiotherapeut ist. Es gibt so viele Physios, die auch von mir aus 'n Hauptschulabschluss haben und diese Ausbildung machen und deswegen nicht schlechtere Menschen sind oder schlechtere Therapeuten, sondern grade die Richtigen, weil sie spüren können, weil sie genau spüren, was der Patient dort hat oder sehen können, was der Patient will. Und ich als akademisierter, theoretisierter Kopf dahin gegen....!, Ich weiß gar nicht, wovon ich rede, aber theoretisch ist das so und so. Schrecklich. Also ich denke, es muss einfach in diesem Beruf ein Mensch arbeiten, der spürt und fühlt, was los ist, und der nicht so verkopft an die ganze Sache rangeht. Das ist das, was ich vorhin meinte, der Horizont ist gut, dass man den hat, das ich weiß, was ich tue, aber ich muss meinen Beruf als Berufung leben und arbeiten können, also ich muss diesen Beruf ausüben können, das kann ich nicht, wenn ich nicht mehr spüre. In diesem Beruf ist Spüren das Wichtigste. Sehen, Anfassen. Und Patienten da abholen, wo er sich befindet, und das kann ich nicht, wenn ich meinen Kopf dicht hab mit Wissen.“

252

Es ist insbesondere auffällig, dass primär die NovizInnen ohne Berufserfahrung ihre Begründung gegen ein grundständiges Studium auf einer starken Abhebung zu ihren KollegInnen und den Bildungsvoraussetzungen fußen lassen, es muss „Arbeiter“ geben und „Denker“, wobei sie sich zu den letzteren zählen. Teilweise heben sie ihre eigenen Fähigkeiten hervor, qualifizieren die „hands-on-therapie“ herab und erwähnen, dass es ausreichend ist, wenn man Techniken beherrscht, um „ein Bein“ zu behandeln.

Berufserfahrene

Auch zwei der sehr berufserfahrene Kolleginnen teilen die Einschätzung, dass das System der Abstufung sinnvoll ist, denn die Theorielastigkeit des jetzigen Studiums in der Kombination mit der praktischen Ausbildung würde vermutlich zu einer deutlichen Überforderung für die meisten Studierenden führen. Eine Studentin begründet es durch ihre eigene Erfahrung und Einschätzung, indem sie retrospektiv ihre eigenen Fähigkeiten zu Beginn der schulischen Ausbildung reflektiert und ihren eigenen Lerntyp als Begründung mit heranzieht. Darüber hinaus hält sie Berufserfahrung und Erfahrungswissen vor Aufnahme des Studiums für sehr wichtig.

Text: D\O, Position: 119 – 122, Code: Akademisierung

253

„Ich für meinen Teil, also ich find 's klasse und ich würd's wieder genauso machen, also ich würd erst meine Ausbildung machen, dann arbeiten und mir dann überlegen, ob ich das will oder nicht mit dem Studium. Es ist schwierig, aber aus meiner persönlichen Erfahrung her, ich sag mal, so wie ich lerne und wie ich Erfahrungen mache, würde ich's wieder so machen und auch andern Leuten so empfehlen und nicht sofort in ein Studium gehen.“

254

F. Was ist die genaue Begründung dafür? Vielleicht nur ein, zwei Sätze dazu.

A. Ich mach's mal an meinem Beispiel (fest). Für mich war wichtig, dass ich die Basis lerne, jetzt rein medizinisch und physiotherapeutisch, und dann über Erfahrung und Weiterbildung mich weiter qualifiziere und wie gesagt, dieses Beispiel mit der Neuroanatomie vorhin, ich hätte das, ich persönlich hätte das mit Anfang 20 nicht lernen können, ich hätte es tatsächlich nicht begriffen. Und wenn ich damals noch viel mehr Theorie hätte lernen müssen, hätte es mich, glaub ich, abgeschreckt oder es wäre anders gelaufen, und für mich, ganz individuell war das so der absolut perfekte Weg.“

255

Fasst man nochmals zusammen, so hält die Mehrzahl der PhysiotherapeutInnen eine flächendeckende Akademisierung zum jetzigen Augenblick für weder sinnvoll noch durchführbar. Auffällig ist insbesondere, dass vor allen Dingen die NovizInnen ein starkes Abgrenzungsverhalten gegenüber ihren nicht-akademisch ausgebildeten KollegInnen an den Tag legen, und betonen, dass sie die nächste „DenkerInnengeneration“ sein werden. Sie begründen es dergestalt, dass die allgemeinen intellektuellen Voraussetzungen bei den meisten KollegInnen nicht gegeben seien - und darüber hinaus müsse es in jedem Fall PhysiotherapeutInnen geben, die weniger denken, sondern arbeiten. Eng im Zusammenhang hiermit stehend sind Aussagen zu werten, die die Theorie-Praxis Klaffung ansprechen (siehe hierzu jedoch auch das Kapitel 4.2.4.4 „Die Theorie-Praxis-Problematik“ ).

4.2.4.2 Schwierigkeiten im Umgang mit SchülerInnen in der Ausbildung und TherapeutInnen ohne fachhochschulische Sozialisation

Das zweite von den Studierenden aufgegriffene Problemfeld steht sehr eng mit ihren Ausführungen zur flächendeckenden Akademisierung im Zusammenhang und bezieht sich auf das Zusammentreffen mit ihren nicht studierten KollegInnen in ihrem Arbeitsalltag. Sie berichten darüber, wie zwiegespalten sie empfangen werden, ein Grossteil der Studierenden stößt auf offene Ablehnung und Skepsis. Insbesondere die Studierenden, die während des Studiums aufgrund der organisatorischen und räumlichen Nähe mit SchülerInnen in der physiotherapeutischen Ausbildung zu tun haben (Studiengänge: „Grundständig“ und Ausland“), berichten von diesen Schwierigkeiten, aber ebenfalls die Berufserfahrenen, die zurück in das Arbeitsleben kehren. Die Einführung der Studiengänge empfinden die Studierenden als deutliche Verunsicherung nicht nur auf „beiden Seiten“ innerhalb der Berufsgruppe, sondern auch an den Schnittstellen zu benachbarten Disziplinen. Hervorgehoben wird hier insbesondere die Abgrenzung zur Pflege, denn die Pflegenden seien „sowieso“ neidisch auf die PhysiotherapeutInnen - und dieses Phänomen würde sich nun noch verstärken. Es lassen sich deutliche Klischees und Stereotypien ausmachen, die die TherapeutInnen gegenüber anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens verinnerlicht haben bzw. antizipieren. Weiterhin scheint nicht transparent und bekannt zu sein, dass in der Pflege bereits seit langer Zeit die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung existiert.

Während sich die zuerst zitierte Studierende nicht sicher ist, ob es ihr eigenes Verhalten gegenüber ihren KollegInnen ist, welches diese Ambivalenzen gegenüber den Studierenden hervorruft, so unterstreicht die Studierende im zweiten Zitat sehr deutlich ihre Andersartigkeit gegenüber ihren „nicht studierten“ KollegInnen und AnleiterInnen, indem sie ihr eigenes, vergleichsweise höheres Reflexionsvermögen herausstellt. Dieses höhere Reflexionsvermögen führt zu Unstimmigkeiten innerhalb der therapeutischen Gruppe. Der Sprachgebrauch der „Konkurrenz“ greift auch an dieser Stelle latente Abgrenzungstendenzen auf. Interessanterweise lassen sich hier fachhochschulische Besonderheiten aufweisen, denn insbesondere die Studierenden des Studienganges „Ausland“ betonen ihre Andersartigkeit.

256

Text: A\D, Position: 130 – 132, Code: Akademisierung

„Aber am Anfang war's schon so, dass da schon immer so'n bisschen Neid mit war, so, die können jetzt studieren und wir nicht, und was lernen die da alles, und die fühlen sich als was Besseres. Ich glaub nicht, dass wir das doll vermittelt haben. Also ich fühl mich auch nicht als was Besseres, aber das wird von einigen schon so aufgenommen und man hört halt von den Leuten, die arbeiten, auch schon manchmal so, ja, warum macht ihr das eigentlich? Was soll das denn? Auch in Zusammenarbeit mit Pflegepersonal kommt das, finde ich, manchmal dazu, ach, jetzt studiert ihr auch noch, so, die haben ja sowieso immer das Gefühl, dass wir das Gefühl haben, noch was Besseres zu sein. Also ich glaub schon, dass an der Klinik, kann ich mir schon vorstellen, dass da schon immer wieder Konflikte auftreten können, ich glaub, wenn man jetzt in 'ner Praxis arbeitet, dass das geringer sein wird, einfach, weil man da nicht noch so'n ganzen Rattenschwanz mit dran hat halt.“

257

Text: B\H, Position: 79 – 79, Code: Akademisierung

„Da hab ich ganz häufig den Unterschied zwischen andern Praktikanten und mir und eben auch dem Betreuer und mir gesehen. Also, dass da dann auch ein bisschen schlechte Stimmung fast aufkam, wenn man zu viel hinterfragt hat und die fühlten sich dann fast geprüft, der eben, ja so'n bisschen, die Konkurrenz stand schon ein bisschen vor ihnen. Warum soll ich dich einstellen, du bist studiert, du könntest mehr wissen, als ich, ja? Fand ich teilweise ein bisschen schwierig.“

258

Anhand dieser beiden Zitate lässt sich nicht nur deutlich erkennen, dass die Studierenden nicht auf diese Konfrontation vorbereitet sind, sondern sie zeigen auch ihre Ambivalenzen und Ängste, die damit in Verbindung stehen. In fast allen Aussagen der Studierenden scheint durch, dass sie sich zunächst mit diesen Unsicherheiten allein gelassen fühlen und sie nicht wissen, wie damit umzugehen ist. Im folgenden Kapitel wird nun noch kurz darauf eingegangen, ob und wie ihre Einschätzungen hinsichtlich einer Zwei-Klassen-Physiotherapiegesellschaft aussehen.

4.2.4.3 Umgang mit der Zwei-Klassen-Physiotherapiegesellschaft

Die beiden vorstehenden Kapitel verdeutlichen die Schwierigkeiten, mit denen sich die Studierenden auseinander zu setzen haben und weisen auf die Entwicklung einer Zweiklassengesellschaft hin, die sich möglicherweise nicht nur in ihren Köpfen manifestieren wird. Die Entstehung dieses Phänomens hält die Hälfte aller Studierenden für sehr wahrscheinlich und kann eindrücklich dem folgenden Zitat entnommen werden:

Text: D\R, Position: 82 – 82, Code: Akademisierung

259

„Dass es in Richtung Zwei-Klassen-Gesellschaft geht, das auf alle Fälle, da geht es auch rein nicht um, um Können oder was auch immer, sondern, dass Posten bleiben. Teamorganisation und so weiter, dass die früher oder später von studierten Physiotherapeuten besetzt werden, weil wir rein formal, was auf dem Papier steht, schon diese Möglichkeit mitbringen, wir haben Personal-Management, wir haben BWL, also wir haben einfach so Geschichten (im Studium) drinne, die uns, sag ich mal, dafür qualifizieren so 'ne Jobs zu übernehmen. Das heißt, dass es einfach schon da zu Spannungen kommt, Wir haben 'ne relativ kleine Hierarchisierung im physiotherapeutischen Bereich, um´n bisschen mehr Geld zu verdienen, wir sind ja nicht grade im Beruf mit sehr viel Geld gesegnet. Und die Leute, die dann wirklich studiert sind, wirklich nur an die guten Posten ran kommen und die andern keine Chance haben, das kann sicherlich mal Konfliktpotential geben, das denk ich mir.“

Diese Studierenden unterstreichen im Sinne einer selbstverständlichen Forderung auf der einen Seite ihre Erwartungen und ihren Anspruch auf einen „höheren, leitenden Posten“, den sie aus der Absolvierung des Studiums ableiten. Diese Studierenden sehen ihre Rolle darin, insbesondere gegenüber der Ärzteschaft (siehe u. a. auch die Kapitel 4.3.3 „Antizipiertes Fremdbild“, Kapitel 4.3.5 „Professionalisierung und Handlungsautonomie“) zu unterstreichen, dass er vermehrt Verantwortung für die KlientInnenbehandlung übernehmen wird, sich „nicht mehr hinter dem Ofen“ verstecken möchte und die Handlungsautonomie anstrebt, zunächst aber vermehrt auf die eigene Entwicklung fokussiert. Sie nehmen zum Teil bewusst in Kauf, dass dieses zu einer weiteren Spaltung des Berufstandes führen kann, stellen aber ihre eigenen Bedürfnisse klar in den Vordergrund. Dieses sind insbesondere diejenigen Studierenden, die über ca. vier Jahre Berufserfahrung verfügen (also der Typ „Aufstiegsorientiert“) und nach dieser Zeit beschlossen haben, dass sie keine Erfüllung ihrer Ansprüche in ihrem bisherigen Beruf finden sowie knapp die Hälfte der NovizInnen.

260

Die andere Hälfte der NovizInnen beansprucht für sich zwar auch besondere Positionen einzunehmen, ist aber als eher passiv zu beurteilen. Auch sie können sich vorstellen, dass das deutsche System in eine Zweiklassengesellschaft driftet, wobei sie die Hoffnung aussprechen, dass sich diese Gefahr abwenden lässt.

Text: B\G, Position: 106 – 107, Code: Akademisierung

261

„Ja, kann ich mir ziemlich gut vorstellen, also dass man wirklich einfach getrennt wird, denn grade in Deutschland, also wenn sich ein Beruf für die Akademiker ergeben hat, ob der jetzt schlecht oder gut ist, das weiß ich nicht, kann ich mir vorstellen, dass es dann schon wirklich zwei separate Klassen werden, beide mit dem entsprechenden Ruf und, dass dann vielleicht auch Konkurrenzprobleme entstehen oder so, könnt ich mir schon vorstellen. Auch wenn ich 's nicht hoffe. Muss nicht sein.“

Eine gänzlich andere Umgehensweise und Reflexion zu dieser Thematik verdeutlichen diejenigen Studierenden, die über eine mehr als achtjährige Berufserfahrung und somit über eine lange Beobachtung ihrer Berufsgruppe verfügen und im physiotherapeutischen Selbstbild die Zersplitterung des Berufsstandes besonders anmerken werden (siehe hierzu Kapitel 4.3.2 „Physiotherapeutisches Selbstbild“) - sowie eine Novizin. Sie befürchten aufgrund der Einführung der Studiengänge eine weitere Spaltung der Berufsgruppe. Sie schreiben sich selbst mit der Absolvierung des Studiums ein hohes Maß an Verantwortungsübernahme für die gesamte Berufsgruppe zu. In ihrer Reflexion sehen sie sich in der Rolle derjenigen, die auf behutsame Weise ihren KollegInnen die Angst vor dem Fachhochschulstudium nehmen möchten und eine gewisse Überzeugungsarbeit im Sinne eines Plädoyers für die akademische Ausbildung leisten müssen. Ebenso schreiben sie sich die Verantwortung für die Weiterentwicklung des gesamten Berufsstandes zu.

Text: E\T, Position: 157 – 162, Code: Akademisierung

262

„Ja, was diese Trennung betrifft der akademisierten und nicht-akademisierten Physiotherapeuten, da stößt man massiv auf Ängste. Ich versuche das wirklich dauernd und ständig zu entschärfen. Ich glaub, das ist unsere absolut wichtigste Aufgabe, die wir momentan haben, also die wenigen, die jetzt eben oder auch langsam mehr werden, die auf den Markt da rausgeschwemmt werden, dass wir unsere eigenen Leute beruhigen, dass wir uns mehr als Zugpferde betrachten, und nicht versuchen, uns von den anderen zu distanzieren, sondern sie einfach mitzuziehen. Dass halt ich für wichtig.“

263

4.2.4.4 Die Theorie-Praxis-Problematik

Eine Thematik, die die Studierenden immer wieder ansprechen und die sehr stark mit ihrem Selbstbild und ihrer Identität korreliert ist die der Theorie in der Physiotherapie. Die Thematik der Theorie-Praxis-Divergenz ist in den Interviews nicht explizit als Frage erhoben worden, sondern hat sich aus den Erzählungen der Studierenden als eigenständige Problematik bei der Reflexion über ihren Beruf/ihre Profession entwickelt. Abgesehen von der Tatsache, dass einige PhysiotherapeutInnen gerne mehr oder überhaupt etwas zur Theorie(-bildung) der Physiotherapie in ihren Vorlesungen und Seminaren gehört hätten (siehe auch Kapitel 4.2.3.2 „Kritische Anmerkungen der Studierenden zum Studium“), wird in diesem Kapitel aufgegriffen, wie PhysiotherapeutInnen „Theorie“ begreifen und welchen Stellenwert sie ihr beimessen. Theorie, das sei bereits an dieser Stelle vorweggenommen, wird von den Studierenden der Physiotherapie als nicht mit der Praxis in Verbindung stehendes Phänomen betrachtet, es steht völlig losgelöst von der Verbindung zur Praxis - ein Phänomen, welches aus vielen verschiedenen anderen Disziplinen bekannt ist (Pflege, Sozialwissenschaften, Erwachsenenbildung). Anhand einiger weniger Zitate wird veranschaulicht, was die Studierenden darunter verstehen. Auch der Theoriebegriff an sich stellt sich für sie als sehr ungewiss dar. So verstehen sie unter „Theorie“ teilweise das medizinische Faktenwissen (medizinisch ausgerichtete Studiengänge), die sozialwissenschaftlichen Inhalte der Bezugswissenschaften (die keinen direkten Transfer auf die Physiotherapie erfahren), und nur zwei Studierende sprechen explizit vom Theoriewissen der Physiotherapie.

In der Einschätzung der Bedeutung von Theorie für die Physiotherapie konnten keine Typenunterscheidungen vorgenommen werden, da sich das nachstehende exemplarische Exzerpt in fast allen Aussagen (zwar in unterschiedlicher Betonung) erkennen lässt. Die Studierenden assoziieren ihren Beruf als ausschließlich praktisch. Dieses geschieht unabhängig von ihren eigenen Berufswünschen und Karriereplänen bzw. Erwartungen (selbst für diejenigen NovizInnen, die sich als TheoretikerInnen! bezeichnen und hiermit bereits auf einen inneren Widerspruch verweisen) und durchzieht sowohl die Personengruppe der NovizInnen als auch die der Berufserfahrenen. Nachfolgend sind drei kurze Zitate aufgeführt, die den Beruf der Physiotherapie eindeutig als praktischen Beruf identifizieren (siehe hierzu auch Kapitel 6.1 in der Auswertung zur „physiotherapeutischen Identität/physiotherapeutischen Habitus“), und auch die „akademische“ Weiterentwicklung ändert an diesem Zustand wenig. Diese Praxiszuordnung unterstreicht, dass die Theorie wenig Eingang findet bzw. zunächst keine Rolle in der Zusammenarbeit mit dem Klienten spielt. Physiotherapie wird mit Praxis gleichgesetzt.

264

Text: C\L, Position: 89 – 89, Code: Akademisierung

„Weil es letzten Endes ein praktischer Beruf ist, und den kann ich nicht an der Universität lehren, das ist meine Meinung.“

265

Text: C\I, Position: 72 – 72, Code: Akademisierung

„Und das letzten Endes ist die Physiotherapie nicht aus den Augen verliert, was sie eigentlich ist, nämlich ein praktischer Beruf und kein grundsätzlich akademischer. Ich finde, diese akademischen Anteile, die da jetzt mit rein kommen sinnvoll, aber es ist ein praktischer Beruf und soll es auch bleiben.

266

Text: B\F, Gewicht: 100, Code: Akademisierung

„Wir sind nicht Wissenschaftler nur, wir sind auch Praktiker. Mir ist es schon bewusst, dass ich auch ne Beziehung, ja, zum Patienten aufbauen muss, auch diese ganze persönliche Ebene, ist mir auch bewusst. Und es kam mir immer so vor, als würden wir quasi als Studenten so’n bisschen in die Ecke der Theoretiker gestellt.“

267

F. Und das hat Sie gestört?

268

A. Das hat mich gestört, ja. Es ist ja schließlich ne praktische Tätigkeit, ja.“

Anhand eines einzigen Zitates, welches alle Angaben zur Theorie-Praxis-Thematik umfasst, kann aufgezeigt werden, welche Bedeutung die befragten PhysiotherapeutInnen der Theorie beimessen. Die Studierende, die sich zu dem Sachverhalt äußert, verfügt über mehrjährige Berufserfahrung, hält insgesamt eine grundständige akademische Ausbildung für sinnvoll, die jedoch stufenweise eingeführt werden sollte; sie und ihre KollegInnen betonen die grundsätzliche Äquivalenz von „Akademisierung“ und „Theoretisierung“.

Interessant und hervorzuheben ist der Abgleich, der zunächst zur Berufsgruppe der ErgotherapeutInnen vorgenommen wird, denn nach Einschätzung der Studierenden sind die ergotherapeutischen KollegInnen in der Entwicklung theoretischen Wissen der Physiotherapie um ein Vielfaches voraus. Die ergotherapeutische Auseinandersetzung mit der Theorie wird allerdings als völlig praxisfern und den Blick für die therapeutische Wirklichkeit verklärend empfunden.

269

Text: E\S, Position: 334 – 340, Code: Akademisierung

„Das find ich auf der einen Seite auch im Studium vielleicht eher gefährlich, also ich hab mitbekommen, was bei den Ergotherapeuten dann im Bezug auf Berufsbild und Geschichte der Ergotherapie. Da (wurde) auch ganz viel aus dem amerikanischen oder angloamerikanischen Bereich ist da rüber geschwappt, und mit Texten und Wissenschaft, und ich denke, das ist einfach die eine Seite der Medaille, man kann sich damit auseinander setzen, aber in der Praxis, in der Realität sieht's ja doch ein bisschen anders aus. Ich denke, es ist gesünder, erst mal zu wissen, wie es (in der Realität) aussieht und sich dann Gedanken zu machen, wie es aussehen kann, wie es entstanden ist, um daraufhin analysieren zu können. Aber den Bezug einfach zu haben, zu dem, wie es wirklich aussieht in der breiten Masse, und sich auch selber damit identifizieren kann, und dann von da aus starten....So grad die Ergotherapie fällt mir da ein, weil ich manchmal in Diskussionen dann denke, hallo, komm mal auf den Teppich, also in der Theorie ist das alles wunderbar, aber in der Praxis da läuft's anders, und da kann ich nicht, wenn's 'nem Patienten jetzt schlecht geht, mir 'ne ganze Stunde Zeit nehmen oder was weiß ich, also auf der einen Seite halt dieser Idealismus, dass der auf der einen Seite erhalten bleiben muss und auch gesund ist, aber dass er auch ab 'nem gewissen Grad ungesund werden kann für einen selber, weil man ihn so nicht leben kann durch die Berufszwänge in der Praxis. ......Hands-on ist eigentlich das, was ich vermisse, das was auch Physiotherapie zum großen Teil ausmacht und was auf keinen Fall verloren gehen darf. Also Wissenschaft ist gut und schön, um mir das notwendige Hintergrundwissen anzueignen, um auf dem Stand zu bleiben, aber in der Therapie direkt bin ich Physio von Haus, also chronisch durch und ohne Wissenschaft und alles.

270

Ich bin in erster Linie Physio, und ich muss auch sagen, ja, akademisiert, was heißt das? Ich fand's sehr spannend, konnte für mich viele Aspekte raus ziehen, aber das ist Beiwerk, um, also ich bin nach wie vor Physio und sonst gar nichts, und ich könnte mir auch nicht vorstellen, was anderes hiermit anfangen zu können. Klar, hobbymäßig, Interesse, aber für'n Beruf, aber ich denke halt, dass das einfach, wenn man nie in der Praxis drin war und man dann so viel über dieses ganze Theorie, und was sich auch so toll anhört und dann sehr, sehr positiv dargestellt und beleuchtet wird und teilweise schon mit 'nem enthusiastischen Idealismus verbreitet wird von manchen Leuten, dass schon ein falsches Bild liefern kann. Ich denk, der Alltag hat nun mal eben auch gewisse Brutalitäten oder einfach Konflikte oder auch Umstände, mit denen man sich auseinander setzen muss, und die auch sich da auch einfließen können, sonst geht man kaputt. Ich denk, es könnte eventuell sein, dass so'n, gerade auch die Berufe an sich, die Leute bringen ja oft schon wahnsinnig Idealismus mit rein, und wenn man den dann in der Praxis, wenn der noch mehr gesteigert ist, könnte ich mir vorstellen, einfach durch's Studium, wenn man den nicht leben kann, dass die Leute es unheimlich schwer haben.“

4.2.4.5 Zusammenfassung zur Bedeutung von Theorie

Zusammengefasst können die Aussagen zur Einschätzung der Bedeutung von Theorie wie folgt dargestellt werden:

271

Hier lässt sich als Fazit abschließend festhalten, dass die Theorie nicht verstanden wird als Denkwerkzeug zur Analyse der Praxis und ihrer „Brutalitäten“ !

4.3 Ergebnisse des 3. Stranges: Professionalisierung und Professionalität

Nachfolgend wird die Auswertung zum Thema Professionalisierung/Professionalität aus der Sicht der Studierenden dargestellt. Es handelt sich hierbei zum Einen um Themen, die die Studierenden unter der Überschrift „Professionalisierung/Professionalität“ aufgegriffen haben bzw. verstehen, aber ebenfalls um Kernbereiche, die durch den Interviewleitfaden vorgegeben waren und anhand derer sich Professionalität bzw. der Grad an Professionalisierung im Zusammenhang der individuellen Verortung im gesellschaftlichen Gefüge festmachen lässt. Bedeutungskontexte sind die Fähigkeit der eigenen Definition, das Selbst- und antizipierte Fremdbild, welche deutlich auf die physiotherapeutische Identität verweisen, wobei hier durchaus einige fachhochschulische Besonderheiten anklingen. Unabhängig jedoch von fachhochschulischer Zugehörigkeit geben alle Studierenden an, dass sie ihren eigenen Beruf als recht unprofessionell empfinden. Diese Aussagen sind bereits als motivationaler Faktor für die Aufnahme des Studiums angeklungen. Die detaillierte Betrachtung der Professionalisierungsthematik wird zeigen, inwiefern und an welchen Punkten sie Professionalisierung, Professionalität und Profession manifestieren. Vorweg genommen sei, dass die Studierenden immer wieder die Themen Reflexionsfähigkeit, autonomes, verantwortungsvolles Handeln, Kommunikationsfähigkeit und die eigene Identität als zentralen Parametern ihrer Einschätzung von Professionalisierung ansprechen.

272

Der letzte Strang wird zweigeteilt dargestellt. Zunächst werden die Ergebnisse zur Definition von Physiotherapie, dem Selbst- und antizipierten Fremdbild aufgegriffen, um anschließend auf die von den Studierenden vorgenommene Einschätzung des Professionalisierungsgrades ihres eigenen Berufes anhand der von ihnen eingekreisten Foki von Handlungsautonomie, Fort- und Weiterbildungsverhaltens, Berufspolitik sowie der eigenen Rolle einzugehen.

4.3.1 Definition Physiotherapie

Bereits in der Einleitung wurde auf die Tatsache verwiesen, dass die Frage nach der Definition von Physiotherapie große Schwierigkeiten und Ambivalenzen bei den Berufsangehörigen auslöst. Die Studierenden der Physiotherapie, die durch ihre fachhochschulische Sozialisation und theoretische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen als „ExpertInnen“ einen erweiterten Blick und eine andere Perspektive entwickeln, wurden in den Interviews explizit gebeten, Physiotherapie zu definieren. Hier waren die Möglichkeiten gegeben, eine individuell konstruierte, eine aus der Literatur bekannte oder eine als Ergebnis von Diskussionen entstandene Definition zu präsentieren bzw. zu beschreiben, was Physiotherapie für sie selbst beinhaltet. Natürlich lässt sich die gegebene Definition nicht von dem physiotherapeutischen Selbstbild, welches die Studierenden bei dieser Frage indirekt oder direkt beeinflusst, loslösen. Nichts desto trotz sollen die Antworten an dieser Stelle zunächst isoliert dargestellt werden, um zu zeigen, dass die so profane anmutende Frage nach einer Definition der eigenen Fachdisziplin durch die Studierenden - wenn überhaupt beantwortet - so mit sehr großen Ambivalenzen behaftet ist. Eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik scheint entweder keinen oder wenig Raum weder in der Ausbildung noch im Studium einzunehmen. Dieses scheint jedoch vor dem Hintergrund einer professionellen Entwicklung des Berufes für die Ausprägung der eigenen sowie der kollektiven Identität der PhysiotherapeutInnen und somit auch der Professionalität unabdingbar zu sein, da sich ohne Identität auch kaum eine Professionalität ausprägen kann oder wird.

Von den 19 Studierenden, die sich zur Frage einer Definition von Physiotherapie geäußert haben, beginnen 11 ihre Antwort mit dem Satz, dass es sehr schwierig für sie sei, eine Definition zu finden, da sie sich entweder noch nie Gedanken darüber gemacht haben oder es nicht möglich oder nicht nötig sei, Physiotherapie zu definieren. Nach diesem anfänglichen Statement wurde dann zumeist jedoch der Versuch unternommen, genauer auf die Frage einzugehen. Einleitende Worte wie: „Wie ich das definiere? Ach Gott, da hab ich mir ehrlich noch nie Gedanken drüber gemacht. ... 'ne Definition für Physiotherapie?“ (Text: A\D Position:33 – 35 Code: Defin i tion PT) kennzeichnen das Dilemma nicht nur bei den NovizInnen, sondern auch bei den Berufserfahrenen. Eine Typenbildung ist aufgrund der Heterogenität der Aussagen kaum möglich gewesen, deswegen erfolgt nachstehend eine Zusammenfassung bzw. Auflistung der angegebenen Begründungen, warum eine Definition von Physiotherapie nicht gegeben werden kann.

273

Grundsätzlich lassen sich diese in zwei Bereiche gliedern:

A) Eine Definition für Physiotherapie ist nicht möglich

B) Eine Definition ist an das Merkmal Fort- und Weiterbildung gekoppelt.

274

Für jeden der zwei Bereiche fanden sich unterschiedliche Argumentationen, die von mir im Folgenden schlagwortartig angeführt und mit Beispielen belegt werden.

A) Eine Definition für Physiotherapie ist nicht möglich, weil:

1. Physiotherapie zu umfassend ist und sich uneinheitlich darstellt, geprägt durch die Vielgestaltigkeit der Aufgaben der Individuen, die den Beruf erlernen und ausführen - und somit jede PhysiotherapeutIn ihre eigene Definition kreiert.

275

Text: C\M, Position: 45 – 45, Code: Definition PT

„Ich find das schwierig, weil 's eben so viele Bereiche sind, und weil das auch so viele, ja wie ich ja jetzt gesehen habe, Arten von Menschen gibt, die Physiotherapeuten werden.“ (Novizin)

276

Text: C\N, Gewicht: 100, Position: 27 – 27, Code: Definition PT

„Ich denke, ist schwierig, also das physiotherapeutische Selbstverständnis, ich glaub, da versteht vielleicht auch jeder Physiotherapeut von sich halt schon was anderes drunter.“ (Novizin)

277

Hervorzuheben ist, dass in dem letzteren Zitat zum Selbstverständnis Stellung genommen wird, obwohl nach einer Definition gefragt wurde. Obwohl Selbstverständnis und Definition sehr eng miteinander korrelieren, so fällt doch der Sprachgebrauch sehr deutlich auf.

2. Physiotherapie nicht ohne weiteres von anderen Berufen abgegrenzt werden kann.

Text: E\W, Position: 145 – 145, Code: Definition PT

278

„Weil ich gar nicht mal genau sagen kann, was macht Physiotherapie aus, weil, wenn ich das anfange zu beschreiben, dann sagen die Ergotherapeuten, das machen wir doch auch, dann sagen die Sportlehrer, das machen wir doch auch, das ist das Problem, deswegen wär es für den Berufsstand an sich vielleicht wirklich nicht schlecht, zu sagen, das und das und das macht uns als Physiotherapeuten aus, also in dem Sinne 'ne Abgrenzung, aber nicht um abzugrenzen.“ (Berufserfahr e ne)

Text: B\E, Position: 43 – 43, Code: Definition PT

279

„Es ist einfach so'n Beruf, der sich immer wieder weiter entwickelt, und der auch nicht nur aus sich da steht, sondern der hängt ja mit so vielen irgendwie so zusammen, also das ist ja wie so'ne Kette, zusammen mit den Ergos, mit den Logos, mit den Psychotherapeuten, und ich denke, wenn ich jetzt Physiotherapie als einen (Bereich) nur definiere, dann grenz ich sie von allem andern ein bisschen ab. Das find ich eigentlich immer so'n bisschen schade.“ (Novizin)

Das Thema der Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen, die Schnittstellendefinition wird zum einen von den TherapeutInnen als positiv und sinnvoll erachtet, um im Sinne der KlientIn effektiv tätig werden zu können, auf der anderen Seite wird angeführt, dass die Definition von Physiotherapie einen negativen Beigeschmack bekäme, wenn sie auf das Hervorheben des eigenen Berufsstandes hinauslaufen würde und einen negativen Effekt auf die Zusammenarbeit ausüben könnte. Überdies kann dem zweiten Zitat entnommen werden, dass eine Definition das Berufsbild einengen würde, da sich der Beruf ständig weiterentwickelt. Definition wird als ein starres, unflexibles Konstrukt gesehen - dieses kann möglicherweise eine Begründung dafür sein, warum keine konkrete Antwort gegeben werden konnte.

280

3. Eine Definition erst möglich ist über Berufserfahrung.

Eine weitere Studierende begründet die Unmöglichkeit einer Definition mit ihrer unzureichenden Berufserfahrung, wobei sie die Definition ihres „Selbst“ mit der beruflichen Definition gleichsetzt.

Text: D\P, Position: 92 – 92, Code: Definition PT

281

„Ich kann mich gar nicht so sehr definieren, weil ich mich, weil ich glaube, zu wenig Berufserfahrung zu haben, um mich festlegen zu können.“ (Novizin)

Während die vorstehend zitierten Studierenden die Schwierigkeiten einer Definition aufzeigen, so sehen die folgenden Studierenden die Aussagen zu einer Definition an das Phänomen Fort-/Weiterbildung geknüpft.

282

4. Physiotherapie möglicherweise einen Rahmen zugewiesen bekommt, den sie eigentlich übersteigt.

Damit wird eine Definition auch hier als Einschränkung begriffen. In dem folgenden Zitat wird ebenfalls auf die Schnittstellenproblematik zu anderen Berufen hingewiesen und darauf, dass das „Feld“ eigentlich zu weit für eine einheitliche Definition ist. Gleichzeitig spricht die Studierende, die in ihren praktischen Einsätzen Erfahrung in der Onkologie gesammelt hat, wo ihr „reihenweise die Leute weggestorben sind“, an, dass man solche „Randbereiche“ der Physiotherapie mit einer einheitlichen Definition ausgrenzen würde, sie plädiert eher dafür, wenn überhaupt, für jeden einzelnen (Fach-)Bereich der Physiotherapie eine Definition zu finden.

Text: B\H, Gewicht: 100, Position: 31 – 33, Code: Definition PT

283

„Dafür ist mir das Feld zu weit. Manchmal ist es auch einfach nur ein Erhalten des Zustandes, es ist ja nicht immer Rehabilitation, also find ich sehr schwierig. Weiß gar nicht, ob ich da überhaupt mich auf eine Definition fixieren möchte. Also eine übergeordnete Definition fällt mir schwer, ja, weil ich denke, dass es doch häufig in andere Bereiche einfließt und man dann doch für jeden Bereich an sich vielleicht eine Definition finden sollte, also eine übergeordnete, weiß ich nicht, ob das Sinn macht, ob man da nicht der Physiotherapie irgend einen Rahmen zuschreibt, den sie im Prinzip eigentlich noch übersteigt, ja? “ (Novizin)

B) Die Definition ist gekoppelt an das Merkmal Fort- und Weiterbildung

284

Das zweithäufigst erwähnte Thema hinsichtlich der Definition ist der aufgezeigte Zusammenhang zum Fort- und Weiterbildungsverhalten der PhysiotherapeutInnen. Unabhängig von den eigenen Versuchen der Definition verweisen acht TherapeutInnen darauf, dass der Grossteil ihrer BerufskollegInnen sich über die von ihnen absolvierten Fort- und Weiterbildungen definiert bzw. über die nach erfolgreichem Abschluss erhaltenen Zertifikate. Das folgende Zitat unterstreicht nicht nur die Tatsache als solche, sondern auch die Kritik und Frustration, die damit einhergehen, und werden ausführlicher bei der Betrachtung des Selbstbildes hervorgehoben. Die Studierende berichtet, dass sie sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit der Darstellung und Definition von Physiotherapie im Internet auseinandergesetzt hat. Dort hat sie die Präsentation der unterschiedlichsten physiotherapeutischen Institutionen wie Fortbildungszentren, Schulen und sonstige Einrichtungen untersucht. Während ihres Projektes jedoch steigt ihre Frustration, da niemand wirklich zum Inhalt und Wesen oder aber eine Definition von Physiotherapie angibt, sondern ausschließlich Behandlungsmethoden dargestellt werden - dieses führt letztlich zum Abbruch ihres Vorhabens.

Text: E\V, Position: 27- 27, 29-31, 33-33, Code: Definition PT

285

„Bobath-Therapeut, Manual-Therapeut, so was in der Richtung, darüber definieren sie sich meist. Traurig. Weil's nicht ausreichend ist, nur Bobath oder nur Manuelle ist es auch nicht, es ist ja auch trotzdem noch andere Sachen, die in der Physiotherapie dahinter stehen, und die auch sinnvoll sich ergänzen damit, das ist eigentlich schade. Die Schulen sagen, man kann dann tätig werden in Kliniken oder in Praxen oder in Reha-Einrichtungen, und das war's schon, was genau gemacht wird oder was Physiotherapie in dem Sinne ist, das ist nicht drin, das schreibt keiner. Es war auch frustrierend, dass man einen Menschen behandelt, so 'ne Hauptsache, kam gar nicht vor, sondern nur, wir behandeln mit den und den Methoden.“ (Berufserfahrene)

Wie aber sehen nun die Definitionen von Physiotherapie aus, die die Studierenden nach den anfänglichen Abwehrmechanismen und Erklärungsversuchen, warum dieses gar nicht möglich sei, anbringen? Die gegebenen Definitionen variieren nicht nur hinsichtlich der Länge, sondern sehr stark in ihrer inhaltlichen Differenzierung, teilweise sind es aber auch Tätigkeitsbeschreibungen oder aber auch Ausführungen zum physiotherapeutischen Selbstverständnis, die mit einer Definition gleichgesetzt werden. Im Folgenden sollen einige der kurzen Zitate vorgestellt werden, denn hier lassen sich die Schwerpunktsetzungen durch die TherapeutInnen, aber auch ihre Schwierigkeiten bei der Formulierung bereits sehr deutlich erkennen. Eine Typenbildung hinsichtlich der Definition von Physiotherapie ist relativ schwer möglich gewesen, letztlich kann jedoch eine Unterscheidung in einen eher ganzheitlich betrachtenden, patientenorientierten Typus und den defizitorientierten, reduktionistischen Typus, der die Wiederherstellung körperlicher Dysfunktionen vor Augen hat, vorgenommen werden.

Text: A\C, Position: 47 – 47, Code: Definition PT

286

„Irgendwie 'ne Therapie des Körpers und am Körper.“ (Novizin)

Text: E\V, Position: 21 – 21, Code: Definition PT

287

„Den Menschen helfen, im Sinne Bewegung helfen, Beweglichkeit.“ (Berufserfahrene)

Text: B\G, Position: 27 – 27, Code: Definition PT

288

„Physiotherapie ist 'ne Behandlungsart, die ja, durch Mitarbeit des Patienten versucht, seine Funktionsfähigkeitsstörung zu beheben und so mit dem Alltag wieder besser zurecht zu kommen. Im Prinzip, die Alltagsaktivitäten zu optimalisieren, Schmerzen zu lindern, und ähnliches. Was halt mit verschiedenen Behandlungsansätzen auch möglich ist.“ (Novizin)

Text: B\E, Position: 39 – 39, Code: Definition PT

289

„Ja, im Prinzip 'ne Therapie des Körpers, was aber trotzdem in den gesamtheitlichen Aspekt eingegliedert werden sollte.“ (Novizin)

Text: D\Q, Position: 50 – 51, Code: Definition PT

290

„Arbeiten mit dem Körper, um 'ne Veränderung von Einschränkungen aller möglichen Art zu erreichen.“ (Berufserfahrene)

Text: D\P, Position: 60 – 60, Code: Definition PT

291

„...bio-psychospezifisches, bio-psychomedizinische Physiotherapeuten, also im Prinzip Wissen über die Grundlagen, kritisches Umgehen mit denen, psychologisches Wissen mit Symptomen in diesem Bereich umzugehen, die einzuschätzen, einzuordnen, ja, und dementsprechend zu behandeln und sich selbst zu kritisieren, also, nicht zu kritisieren sondern einfach sich zu reflektieren.“ (Berufserfahrene)

Text: C\K, Position: 33 – 33, Code: Definition PT

292

„Physiotherapie ist einfach ein Gleichgewicht zwischen Zwischenmenschlichkeit und Therapie auf der andern Seite, also das Psychische und das Physische muss einfach stimmen.“ (Berufserfahrene)

Text: C\I, Position: 83 – 84, Code: Definition PT

293

„Ja, spontan könnte mir Wiederherstellung und Erhaltung einfallen.“ (Berufserfahrene)

Text: B\F, Gewicht: 100, Position: 29 – 29, Code: Definition PT

294

„Physiotherapie ist eigentlich, den Kontakt zum Patienten haben, das ist, das passiert auf verschiedenen Ebenen, und ist quasi ne Heilung durch Motivation.“ (Novizin)

In diesen kurzen Zitaten wird die Bandbreite an diffusen Vorstellungen zu einer Definition von Physiotherapie deutlich. Der primäre Fokus liegt auf der Betonung, dass die Physiotherapie sich mit dem Körper und seinen Funktionen bzw. der Wiederherstellung derselben auseinandersetzt. Als Bestandteil einer Definition erscheint die Bewegung eher randständig relevant zu sein. Dieses ist insofern interessant, als dass Bewegung der eingangs erwähnte, dominante motivationale Faktor für die Aufnahme der Ausbildung zur PhysiotherapeutIn darstellte. Auf die psychische Komponente in der Definition heben nur zwei Personen ab, auch Alltagsbezug, Klienten-/Patientenorientierung spielen eine untergeordnete Bedeutung.

295

Anhand des folgenden Zitates kann man erkennen, wie sich im Laufe langjähriger physiotherapeutischer Tätigkeit nicht nur das Bild der Physiotherapie verändert, sondern auch die Einstellung zur Therapie. Die Physiotherapeutin, die über eine mehr als 10-jährige Berufserfahrung verfügt und sich lange mit Physiotherapie in unterschiedlichsten Bereichen beschäftigt hat (Erfahrung im Akutkrankenhaus, im Rehabilitationsbereich und in der Lehre) zeichnet zunächst die Inhalte einer Definition nach, die sie zu Beginn ihrer physiotherapeutischen Berufsausübung hatte und wie sich diese mit anderer Schwerpunktsetzung entwickelt haben. Auch sie beginnt ihre Ausführungen mit den Worten, dass sie eigentlich nicht genau definieren könne, was Physiotherapie ist, kreist jedoch nachfolgend das Thema ausführlicher ein. Während sich die vorgenannten KollegInnen nur rudimentär zu einer Definition äußern (können) und das Thema sehr schnell wieder verlassen (möchten), setzt sie sich in einer intensiveren, kritischen Reflexion damit auseinander.

Text: D\O, Position: 30 – 30, Code: Definition PT

296

„Es ist eine Tätigkeit, die auf einer anatomisch-physiologischen Grundlage beruht, die unterschiedlichsten Erkrankungen insoweit vielleicht beeinflussen kann, dass sie einmal schon ja rehabilitativ arbeiten kann, ja, die auch präventiv eingreifen kann. [ ] Weil ich mittlerweile die beratende oder informierende Tätigkeit viel höher ansiedle, als ich das vielleicht noch vor 5, 6 Jahren gemacht habe. Da hatt ich auch noch so das Bild, jeder Physiotherapeut muss den Patienten sofort anfassen. Mittlerweile ist das Informieren des Patienten über das, was mit ihm eigentlich, ich sag mal, los ist, wie kann der Patient sich selber helfen, wie können wir als Therapeuten ihn dabei unterstützen, ihm auch in gewisser Weise weiterhelfen, aber ich hab einfach gemerkt, dass die Information des Patienten häufig ganz, ganz, ganz schlecht ist. Und wenn er 'nen gewissen Informationsgrad hat, dann sind plötzlich ganz andere Dinge möglich , weil das Verständnis einfach dann da ist.“

Die Physiotherapeutin erklärt, dass ein elementarer Bestandteil ihrer „früheren“ Definition beinhaltet hat, dass Physiotherapie sehr viel mit „Handanlegen, Anfassen“, also körperlichem Kontakt zur KlientIn zu tun gehabt hat, d. h. die TherapeutIn hat an der KlientIn „manuell“ etwas geleistet. Hier spricht sie die Rollenverteilung zwischen der aktiven TherapeutInnenrolle und der eher passiven KlientInnenrolle an. Im Laufe der Zeit hat sich ihr Fokus aber immer mehr auf die KlientIn anstatt auf ihre Erkrankung gerichtet, d. h. die Autonomisierung der KlientIn über Information ist ihr ein zentrales Anliegen geworden. Ihre TherapeutInnenrolle hat sich zu einer primär informierenden, beratenden Funktion gewandelt und erst in einem zweiten Schritt, wenn die KlientIn soweit informiert ist, dass sie ihre eigene Entscheidung über therapeutisches Vorgehen einfließen lassen kann, sieht sie sich als TherapeutIn, die „Hand anlegt“. Anzumerken an ihren Ausführungen ist hier der Sprachgebrauch „Patient“, denn eigentlich suggeriert dieser Sprachgebrauch die eher defizitorientierte Betrachtungsweise des biomedizinischen Modells, sie spricht jedoch von einer mündigen KlientIn.

Diese Veränderung in der Sichtweise und auch Definition ist typisch für die befragten Physiotherapeutinnen, die über eine mehr als achtjährige Berufserfahrung verfügen und resultiert aus eben dieser Berufserfahrung. Sie ist nicht primär zurückzuführen auf einen integrativen Bestandteil des Studiums, welches sich auch anhand eines Vergleiches mit einer Novizin (bis auf die praktischen Einsätze in der Ausbildung verfügt sie noch nicht über weitere Berufserfahrung als Physiotherapeutin) darstellen lässt.

297

Auch die Novizin spricht über die ganzheitliche Betrachtungsweise der KlientIn, wobei diese als offensichtlich theoretisches Phänomen im Raume steht, denn in ihren Ausführungen kehrt sie immer wieder zurück zur körperfunktionsbezogenen Sichtweise, d. h. sie hat durch ihr Studium kennen gelernt, was unter Ganzheitlichkeit zu verstehen ist, und auch, dass die Alltagsaktivitäten eine Rolle spielen, ihre Definition hebt jedoch auf Gelenke, Muskulatur und Hautbeschaffenheit ab.

Text: A\A, Position: 45 – 46, Code: Definition PT

298

„So dieses Ganzheitliche, die ganzheitliche Betrachtung, das Zusammenspiel Geist und Körper, und dann halt die großen Gelenke oder die, also die Körperteile im Grunde, dass die physiologisch ablaufen können. Und nicht nur die ADL (activities of daily living), die Sachen für das tägliche Leben, sondern dass der Körper an sich funktionieren kann. Und vielleicht ein Stückchen mehr halt auch auf die Muskulatur zu achten, ein Stückchen mehr auch auf Hautbeschaffenheit so insgesamt, wie der Mensch eigentlich funktionieren kann.“

Aus dem Vorgenannten werden die Schwierigkeiten ersichtlich, die die Studierenden in der Auseinandersetzung mit dem Thema „Definition“ haben, da dies auch offenkundig weder in der Ausbildung noch in ihrem Studium eine wesentliche Rolle spielt. Eine der Studierenden, die im Vorfeld einer Definition sehr kritisch gegenübergestanden hat, da das Feld zu weit und eine Definition ggf. als Einschränkung zu sehen ist, und eher den berufserfahrenen KollegInnen die Fähigkeit zur Definition zuspricht, macht eine Aussage, die auf das bereits erwähnte Problemfeld im Kontakt mit SchülerInnen in der Ausbildung verweist. Für sie ist es durchaus logisch, dass ihnen als Studierenden eine Definition sehr viel mehr Schwierigkeiten bereitet als eine Physiotherapieschülerin in der berufsfachschulischen Ausbildung.

Text: B\H, Position: 34 – 37, Code: Definition PT

299

„Ich denke, dass die Auszubildenden in einem viel konkreteren Rahmen gehalten werden, und das ist dann das Format fünf, in dem sie arbeiten. Ich denke und hoffe, und es hat sich auch bestätigt, dass wir da etwas weitläufiger ausgebildet sind, auch doch noch mehr so das eigene Gehirn einzusetzen, wenn ich's mal so ein bisschen böse formulieren darf, und glaub deswegen, das es uns schwieriger fällt, ja.“

An dieser Stelle spricht sie an, dass in der Ausbildung ganz konkretes Wissen vermittelt wird, welches Schubladendenken fördert und „nach Schema fünf“ behandeln lässt, der einzelne Physiotherapeut aber nicht befähigt wird, sich differenzierter mit einer Thematik auseinander zu setzen. Da sie als Studierende einen größeren Wissenspool aufweisen und ihr Denken reflektierter ist, fällt es ihnen auch schwerer, sich konkret zur Definition zu äußern. Diese Aussagen sind vor dem Hintergrund von fachhochschulspezifischen Zügen interessant, denn sie werden von Studierenden angesprochen, die während ihres Studiums einen unmittelbaren Kontakt zu in der Ausbildung befindlichen KollegInnen haben. Diese Ambivalenzen und die Brisanz in der Einstellung gegenüber den in der (Fach-)Schule ausgebildeten KollegInnen sind bereits im Kapitel 4.2.4 „Die Akademisierung der Physiotherapie und ihre Problemfelder“ ausführlich dargestellt worden.

300

Betrachtet man die Definition der eigenen Tätigkeit/des eigenen Berufes als einen Parameter von Professionalität bzw. Identität, so zeigt sich hier ein bedeutsames Defizit in der Physiotherapie auf. Die Vielzahl der Begründungsversuche, warum Physiotherapie nicht zu definieren ist, weist darüber hinaus auf ein sehr inhomogenes, verunsichertes Berufsfeld hin- und auch darauf, dass die Fachhochschulen als identitätsstiftende Institution dieses Phänomen mit den Studierenden noch intensiver diskutieren müssten.

4.3.2 Physiotherapeutisches Selbstbild

Nachdem im vorstehenden Kapitel die Studierenden die Schwierigkeiten einer Selbstdefinition aufgezeigt haben, so befassen sich die folgenden Ausführungen mit dem physiotherapeutischen Selbstbild und der kritischen Reflexion des eigenen Berufes. Die Studierenden haben im Laufe ihres Berufslebens und besonders während ihres Studiums eine kritisch distanzierte Haltung gegenüber ihrer eigenen Berufsgruppe entwickelt. Sie zeigen die aus ihrer Sicht vorhandenen Schwachpunkte ihres Berufes auf, wobei ihre Sozialisation als Studierende, und auch die damit für sie verbundene implizite Aufgabe einer möglichen Verbesserung des Zustandes, anklingen. Vorweggenommen sei bereits, dass sich die von den NovizInnen und den berufserfahrenen Studierenden angesprochenen Kritikpunkte häufig überlappen bzw. fast identisch sind (siehe hierzu die zusammenfassende Tabelle am Ende dieses Kapitels). Dieses ist insofern von Bedeutung, da sich bereits hier die Frage aufdrängt, warum die NovizInnen, die noch keine Berufserfahrung gewonnen haben, ein so düsteres Bild ihres eigenen Berufes aufzeigen, den sie gerade studieren bzw. erlernen und den sie zum Teil mit großem Enthusiasmus begonnen haben. In ihrer kritischen Auseinandersetzung beleuchten sie u. a. auch die Schwachstellen in der Zusammenarbeit mit angrenzenden Berufsgruppen und Professionen bzw. nehmen Vergleiche und wiederum mannigfaltige Abgrenzungen vor.

Im Folgenden werden wiederum Berufserfahrene und NovizInnen getrennt dargestellt, wobei eine Typenbildung, wie auch im vorstehenden Kapitel, ausbleibt, in diesem Fall jedoch aus Gründen hochgradiger Homogenität im Aussageverhalten. Unabhängig voneinander beschreiben beide Gruppierungen einen physiotherapeutischen Habitus, der sich zumeist an gleichlautenden Persönlichkeitsmerkmalen festmachen lässt.

4.3.2.1 Positive Aussagen der Berufserfahrenen zum Berufsbild

301

Vier der berufserfahrenen Studierenden, die auch angegeben haben, dass sie nach Absolvierung des Studiums wieder in die praktische Arbeit zurückkehren werden (Typ: „Suchende EnthusiastIn“), unterstreichen zunächst die positiven Seiten des Berufes bzw. äußern sich auf eine positive Art und Weise zu dem Berufsbild der Physiotherapie. Sie betonen auf der einen Seite die „Individualität“ der PhysiotherapeutInnen (wobei sie individuell zunächst nicht weiter ausführen), die sich auch auf die Interaktion mit der KlientIn überträgt, und auf der anderen Seite, dass sie durch die verschiedenen Techniken im Laufe der Jahre gelernt haben, der KlientIn schnell und effektiv helfen zu können. Es bedarf nur weniger Einsatzgeräte, um Positives zu leisten und möglicherweise wirtschaftlich gut „dazustehen“ (Äußerung einer selbständig arbeitenden Physiotherapeutin). Die positiven Aspekte ihrer Tätigkeit sehen sie darin, in jedem Fall mehr Zeit für die einzelne KlientInnenbehandlung zur Verfügung zu haben als die ÄrztInnen. Weiterhin erzielen sie effektive Behandlungsergebnisse zum Wohle der KlientIn.In der Hierarchie sehen sie sich in unmittelbarer Folge nach dem Arzt und die Möglichkeit, sich mit diesem Beruf selbständig machen zu können verleiht ihnen ein relativ gutes Ansehen in der Bevölkerung (hierzu auch Kapitel 4.3.3 „Antizipiertes Fremdbild“). Insgesamt bezeugen die den Spaß an ihrer Arbeit über ihre Effektivität und intensive Auseinandersetzung mit ihren KlientInnen.

Text: E\T, Position: 22 – 24, Code: Selbstbild PT

302

„Das Tolle ist eigentlich der Kontakt zum Menschen und Zeit für den Patienten zu haben, das find ich reizvoll und schön. ...also wir können reden, wie wir wollen, es wird auch viel Physiotherapie verordnet, und insofern passiert da einfach was. Also die positive Einschätzung denke ich, kommt eben daher, dass den Patienten irgendwie tatsächlich geholfen wird.“

Text: D\R, Position: 15 – 15, Code: Selbstbild PT

303

„Hat Physiotherapie 'nen relativ hohen Standard, also hierarchiemäßig unter dem eines Arztes oder eines Mediziners, aber auch immer noch, weil's eben ein Selbständigkeitsberuf und so weiter, hat man relativ hohes Ansehen.“

Die Persönlichkeit der TherapeutIn bei Beginn ihrer Berufstätigkeit (mit der Betonung auf Beginn) wird als sehr individuell und zielstrebig beschrieben. Sie zeigt eine hohe intrinsische Motivation gemessen an der Frequenz der Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen (vgl. hierzu Schämann 2001 und diverse Kapitel z. B. 4.3.6 „Professionalisierung und Fort- und Weiterbildung“), in die sie sehr viel Zeit und Geld investieren, um in ihrem Beruf und ihren Behandlungen kompetenter zu werden. Sie berichten, dass dieses Verhalten für Externe schwer nachvollziehbar ist, denn es ist daran keine besondere Erhöhung der Vergütung der physiotherapeutischen Leistungen geknüpft (siehe auch Kapitel 4.3.6 „Professionalisierung und Fort- und Weiterbildung“).

Text: D\O, Position: 17 – 17, Code: Selbstbild PT

304

„Physiotherapeutinnen habe ich sehr individuell kennen gelernt, gerade so die am Anfang, die wussten immer ziemlich genau, was sie wollten, haben ziemlich viel rein investiert und ihre Fortbildungen an den Wochenenden gemacht und, wenn andere Berufe sagen, seid ihr eigentlich blöd, was macht ihr da, wieso schlagt ihr euch eure Wochenenden um die Ohren und ihr habt ja irgendwie auch nicht so richtig viel mehr davon.“

Zusammenfassend heben die Berufserfahrenen vor allen Dingen den hohen Enthusiasmus der PhysiotherapeutInnen gerade während ihrer Anfangsjahre, ihre Wissbegierde und damit die Exploration neuer Behandlungsmöglichkeiten sowie die relative Handlungsautonomie hervor. Mit relativer Handlungsautonomie (hierzu weitere Ausführungen im Kapitel 4.3.5 „Professionalisierung und Handlungsautonomie“) meinen sie, dass sie zwar von der ärztlichen Verordnung abhängig sind, jedoch zumeist in der Wahl der Behandlungsmöglichkeiten relativ freie Hand haben. Die langjährige Berufserfahrung lässt sie aber dann in ihren Erzählungen umschwenken auf die von ihnen ausgemachten Problemfelder der Physiotherapie, die sie vor dem Hintergrund ihrer Sozialisation als Studierende und dem retrospektiven und momentanen Blick auf ihre Profession schildern.

4.3.2.2 Kritische Reflexionen der NovizInnen zum Berufsbild

305

Im Folgenden sind die Aussagen der Studierenden wieder schlagwortartig zusammengefasst, in denen sie Problemfelder bzw. Kritik an ihrer eigenen Berufsgruppe benannt haben, exemplarisch werden sie jeweils mit einem oder mehreren prägnanten Originalzitaten belegt und wenn nötig, erläutert. Die Aussagen der Berufserfahrenen werden dann in einem zweiten Schritt den Aussagen der NovizInnen gegenüber gestellt und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgestellt.

Die Berufserfahrenen machen an den folgenden, zusammengefassten Merkmalen die Einschätzung ihrer „Profession“ fest:

1. Es gibt kein gemeinsames berufliches Selbstverständnis.

306

Text: E\T, Position: 101 – 101, Code: Selbstbild PT

„So dieses eigene physiotherapeutische Selbstverständnis hab ich offensichtlich nie mit der großen Meute abgeglichen. Für mich war das so rund und in Ordnung. Und wenn ich mich aber eben jetzt so da mit einbringe, dann merk ich, dass es offensichtlich nicht rund und in Ordnung ist, sondern dass ich mich schon in so'm Randbereich da bewege, und mich wirklich häufig schlicht und ergreifend gar nicht verstanden fühle.“

307

2. Ein Teil des physiotherapeutischen Selbstverständnisses basiert darauf, keine Verantwortung zu übernehmen, bzw. nicht übernehmen zu wollen und zu können.

Text: E\T, Position: 117 – 120, Code: Selbstbild PT

308

„Dass dieses Selbstverständnis mit dem viele Physiotherapeuten werden, eher so ist, dass sie, also ich will's mal hart ausdrücken, aber dass sie eigentlich Handlanger sind, also, keine Eigenverantwortung übernehmen müssen.“

3. PhysiotherapeutInnen benötigen Richtlinien, die bisher nicht existieren, um sich absichern zu können.

Text: E\T , Position: 120 – 124, Code: Selbstbild PT:

309

„Vielleicht kann man da einfach noch klarere Richtlinien schaffen, damit die Leute sich auch sicherer fühlen, weil das bisher ja nie zur Diskussion stand, die Verantwortung hat der, in Anführungsstrichen der Arzt, hat er natürlich nicht, weil wenn dir was passiert auf der Bank, dann bist du sowieso dran.“

4. PhysiotherapeutInnen sind unpolitisch und als Berufsgruppe zersplittert.

310

Text: D\P, Position: 15 – 16, Code:Selbstbild PT

„Man kriegt sie nicht unter einen Hut, was politisch schlecht ist.“

311

5. PhysiotherapeutInnen sprechen keine gemeinsame Sprache und hören sich gegenseitig nicht zu.

Text: E\T, Position: 62 – 70, Code: Professionalisierung \ Fortbildung / Fortbildungsverhalten

312

„Ich weiß nicht, wie viele verschiedene Manualtherapeutische Ansätze es gibt, da hab ich zum Beispiel das Gefühl, die Leute unterhalten sich überhaupt nicht. Wir (sind) im Grunde genommen gar nicht in der Lage, uns vernünftig zu unterhalten. Also wenn mir ein Bobath-Therapeut in seiner Sprache erzählt, was er tut, versteh ich Bahnhof. Das ist total bescheuert, also, wie gesagt, wir schaden uns wirklich selber, also wenn wir uns noch nicht mal untereinander unterhalten können, also wie sollen wir uns dann nach außen präsentieren.“

Text: D\O, Position: 18 – 20, Code: Selbstbild PT

313

„Wo ich dachte, wenn ihr euch mal gegenseitig zuhören würdet und nicht darauf beruft, dass ihr's besser wisst als der Andere, sondern überlegt das doch einfach mal zusammen, dann kommen wir glaub ich deutlich weiter..“

6. PhysiotherapeutInnen der unterschiedlichen Fachbereiche sind unterschiedlich in ihrer Persönlichkeit sowie ihrer Art zu denken; sie zeichnen sich durch unterschiedliche Sozialkompetenzen aus, insbesondere unterscheiden sich diejenigen KollegInnen, die in der Neurologie oder Pädiatrie arbeiten von dem Rest der Berufsgruppe - sie sind in ihrer Betrachtungsweise ganzheitlicher, teamorientierter und offener; weiterhin lassen sich diejenigen KollegInnen, die in der Klinik arbeiten von denjenigen, die in der Praxis Fließbandarbeit leisten, abgrenzen.

Text: D\P, Position: 62 – 62, Code: Selbstbild PT

314

„Es ist noch ein Unterschied, in welchem Bereich man arbeitet, aber die Kindertherapeuten oder die querschnitt-neurologisch-arbeitenden Physiotherapeuten, die sind sehr, die sind sehr in ihrer Materie drinne und sind sehr, sehr intensiv Physiotherapeuten. Ich glaub, die sind auch besser, die reflektieren, nicht reflektieren, aber die sind mehr in ihrer Materie drin, sind vielleicht auch dort rein belesener, bewanderter, und haben auch schon immer 'n besseren Drahtvielleicht auch in der interdisziplinären Kommunikation, weil da, weil es dort alleine auch nicht geht. Es ist viel mit Ergos zusammen oder mit Logos oder auch mit den Ärzten. Wenn man sich auf Neurologie einlässt, lässt man sich mehr ein. Und es gibt ja auch gar nicht so viele Physiotherapeuten, die ihren Beruf extrem lange ausüben, um so tief einzusteigen, also jetzt nur mal von den ganzen Frauen, die halt sagen, ja, das ist ja ganz gut, da geh ich hin, da mach ich meinen Job und dann geh ich wieder nach Hause, und das ist ja das, was ich wollte,aber damit kommen wir ja nicht vorwärts, und damit, das ist halt auch dann irgendwo zu wenig Engagement oder, nee, das ist nicht das Richtige, aber es ist nicht, man braucht mehr Leute, die ihren Beruf auch als Berufung ausüben.“

Dieses Zitat ist in seiner Ausführlichkeit erwähnt, weil es verschiedene Aspekte der unterschiedlichen fachlichen Zugehörigkeit wiederspiegelt. Insbesondere den PhysiotherapeutInnen, die in der Neurologie und Pädiatrie tätig sind, wird Ganzheitlichkeit bzw. eine positive Andersartigkeit zugesprochen, sie sind „intensivere“, „reflektiertere“ TherapeutInnen als diejenigen, die beispielsweise in der Orthopädie arbeiten und den Menschen anhand der „gestörten Strukturen“ untersuchen und behandeln (diese Aussage tätigen sowohl PhysiotherapeutInnen, die in der Orthopädie tätig sind als auch KollegInnen, die in der Neurologie arbeiten). Die Studierenden sind der Ansicht, dass die TherapeutInnen in der Neurologie mit sehr viel komplexeren Situationen konfrontiert werden und daher ein anderes Einfühlungsvermögen, eine andere Empathie, sehr viel mehr psychosoziale Kompetenzen und ein größeres Wissen mitbringen müssen, um den therapeutischen Interaktionen gerecht zu werden. Sie sind in der Lage, interdisziplinär zu kommunizieren und zu arbeiten, grenzen sich weniger voneinander und auch von den anderen Berufsgruppen ab. Die TherapeutInnen, die neurologisch arbeiten, haben nach Einschätzung der Studierenden eine sehr viel persönlichere Beziehung zu ihren KlientInnen und scheinen auch einen anderen Anteil ihrer Persönlichkeit in diese Situation einzubringen. Die Studentin hat in ihrer differenzierten Beschreibung der Tätigkeit in der Neurologie sehr viel weiblich attribuierte Fähigkeiten erwähnt und plötzlich schwenkt sie in ihren Ausführungen auf das Thema „Frausein“ als Erklärung für die Stagnation ihrer Berufsgruppe um, da die Frauen „nur ihren Job“ machen und früher oder später aus dem Beruf aussteigen (Hinweis auf die Geschlechterproblematik in der Physiotherapie). Diese Erklärung kann auch für den folgenden Kritikpunkt gesehen werden.

315

7. Die große Masse der PhysiotherapeutInnen (von den Studierenden auch bezeichnet als Brei, Pudding, Meute) ist nicht an einer Weiterentwicklung des Berufes interessiert und hat Angst vor Innovationen; Weiterentwicklung wird nicht durch die Berufsgruppe selber initiiert, sondern durch Externe.

Text: E\T, Position: 104 – 106, Code: Selbstbild PT F:

316

„In dem Pudding, damit mein ich die große, die großen physiotherapeutischen Haufen, und den Zustand, der einfach in Deutschland in der Physiotherapie so herrscht, die haben weniger das Bestreben, glaub ich, etwas daran zu ändern, also es ist nicht so aus sich selbst heraus, sondern es ist ein Fremdprodukt, was geholt wurde.“

8. PhysiotherapeutInnen teilen ihr Wissen nicht unbedingt miteinander, grenzen sich gegeneinander ab, haben Angst, sich in die Karten schauen zu lassen, sie sind nicht gruppenfähig, „kochen ihren eigenen Brei“ und „wurschteln“ vor sich hin. Darüber hinaus konkurrieren sie als EinzelkämpferInnen um die Gunst der KlientInnen.

Text: C\N, Gewicht: 100, Position: 29 – 29, Code: Selbstbild PT

317

„Da herrscht dann halt auch schon so'n bisschen der Konkurrenzkampf oder, war ja immer so 'ne Grundlage von Konkurrenzkampf so, wer ist der bessere Therapeut, wer kommt schneller zum Erfolg, wer ist der beliebtere Therapeut.“

Text: C\I, Position: 89 – 90, Code: Selbstbild PT

318

„Dass man ganz froh ist, wenn man seinen eigenen Brei kochen kann, wenn nicht zu viele andere Leute in das eigene berufliche Handeln Einblick bekommen und man dann vielleicht auch der Befürchtung unterliegt, da Kritik zu bekommen oder 'ne Rüge.“

Text: D\Q, Position: 136 – 141, Code: Selbstbild PT

319

„Die wurschteln vor sich hin, und sind so in ihrer, in ihrem Bereich tätig und sehen aber nicht, was, was dieses Verhältnis mit den Medizinern anbelangt, mit der Öffentlichkeit anbelangt, mit den Patienten anbelangt, und haben da irgendwie überhaupt keinen Drang, raus zu kommen und was zu verändern.

320

F. Was ist der Grund ist, dass die meisten Physios einfach so rum wurschteln, wie du sagst?

A. Ja, ich glaub erstens, dass es ist, weil's 90 % Frauen sind und die sind halt, die möchten gerne 'ne Arbeitsmöglichkeit haben, die sie mit der Familie kombinieren können. Und dann sind aber auch immer bestimmte Menschen, die Physiotherapie machen.

321

F. Kannst du mir das auseinander pflücken, was hast du für'n Eindruck, was sind das für Menschen?

322

A. „Ja, das sind eben Menschen, die zieh'n sich gerne salopp an, tragen gern Birkenstock-Sandalen, wurschteln gerne vor sich hin, sind so'n bisschen chaotisch.“

Während im ersten Zitat die Problematik des Konkurrenzdenkens und des fehlenden „Selbstbildes“ (nicht zitiert), welches sich jede PhysiotherapeutIn selbst schaffen muss, angesprochen wird, zeigt das zweite Zitat die Angst vor Kritik und Hinterfragung des eigenen therapeutischen Handelns durch BerufskollegInnen, aus diesem Grunde wird der therapeutische Prozess offensichtlich nicht transparent gestaltet. Im dritten Zitat liefert die Studierende eine Erklärung für das „Rumgewurschtel“ in der Physiotherapie und weist auf die damit verbundene Stagnation hin. Auch an dieser Stelle wird das Frausein verantwortlich gemacht für diese Situation in der Physiotherapie, hinzukommen die den PhysiotherapeutInnen zugesprochen Persönlichkeitsmerkmale der birkenstocktragenden, strukturlosen Chaotin.

9. PhysiotherapeutInnen sind unreflektiert, sie sind hin und hergerissen zwischen Selbstüberschätzung (absolutes Wissen) und Minderwertigkeitskomplex/ mangelndem Selbstvertrauen.

323

Text: E\T, Position: 129 – 130, Code: Selbstbild PT

„Und ich hab immer das Gefühl, die Physiotherapeuten in Deutschland sind so hin und her gerissen zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, eben auf der einen Seite, dass sie ja dauernd das Maul total aufreißen, wie toll sie sind, also ganz, ganz klasse, aber ja, innerhalb dieses Systems ja dann total kuschen, also da brauch ja nur irgend ein Arzt aufzutauchen, und dann ist plötzlich alles vorbei mit der Großmäuligkeit. [ ] Also die Physiotherapeuten gehen gerne auf, in so'ne Abwehrhaltung hinein, also fühlen sich ganz schnell an die Wand gestellt und fangen an, nur noch sich zu verteidigen, ohne mal hinzugucken, ob ihnen das vielleicht auch irgendwelche Vorteile bringen kann.“

324

Die Studierende führt die durch ihre langjährige Berufserfahrung empfundene Ambivalenz ihrer Berufsgruppe an. Als Erklärung für die mangelnde Reflexionsfähigkeit macht die Studierende das momentane Fortbildungssystem verantwortlich, es scheinen die PhysiotherapeutInnen den „Gurus“ in der Physiotherapie „hinterherzulaufen“ und Fortbildungsinhalte unreflektiert zu absorbieren. An anderer Stelle ist bereits das sog. Halbwissen erwähnt worden, welches als Erklärung für die hier benannte Einschätzung ebenfalls herangezogen werden kann.

Text: E\T, Position: 170 – 171, Code: Selbstbild PT

325

„Wir kriegen immer Dinge vorgesetzt, wir haben immer so Gurus, ne, denen die Leute hinterher rennen, es ist schlimm, also es wäre sehr, sehr schön, wenn die Physiotherapeuten wirklich anfangen würden, ihre, also 'ne echte, eigene Meinung zu bilden, da hab ich schon das Gefühl, das ist nicht immer passiert. Also in bestimmten Gruppierungen natürlich, aber in der breiten Masse fürcht ich nicht.“

Auch in diesem Zitat wird unterstrichen, dass aus der Sicht der Studierenden die breite Masse, die das Bild der Physiotherapie prägt, Wissen rezipiert ohne zu reflektieren.

10. PhysiotherapeutInnen definieren sich nicht über ihren eigentlichen Beruf „PhysiotherapeutIn“, sondern über ihre Fortbildungen; physiotherapeutisches Denken geschieht über Schubladen.

326

Text: E\T, Position: 36 – 37, Code: Definition PT

„Wenn man die Leute fragt, was machst Du, und die sagen, ich bin Manualtherapeut, das kommt so vor, sie sagen nicht, sie sind Physiotherapeut, und ganz besonders schlimm ist es bei den Physiotherapeuten, die osteopathische Zusatzausbildungen gemacht haben, die trennen das wirklich massivst, also verraten und verkaufen sich meines Erachtens.“

327

Dieses Phänomen ist bereits ausführlich bei der Definition von Physiotherapie aufgegriffen worden.

11. PhysiotherapeutInnen haben ein Problem mit Nähe-Distanz-Phänomenen, nicht nur untereinander oder in der Auseinandersetzung mit anderem medizinischen Personal, sondern auch in der KlientInnenbehandlung.

Text: D\Q, Position: 142 – 143, Code: Selbstbild PT

328

„Eine Eigenart, die auch alle Physiotherapeuten haben, dass sie immer sofort „du“ sagen müssen und sich nicht wohl fühlen, wenn sie eben 'ne bestimmte, auf 'nem bestimmten Distanz-Niveau sich bewegen sollen. Und wenn die nicht „du“ sagen können, dann fühlen sie sich gleich komisch.“

Das Phänomen des „Duzens“ erklärt eine Studierende wiederum mit dem Aspekt „Frausein“ und ein historisches Anhängsel der Orthopädie zu sein. Es dient innerhalb der Berufsgruppe der Entwicklung eines Kollektivitätsbewusstseins sowie der Abgrenzung gegenüber anderen Berufsgruppen des Gesundheitssystems, insbesondere jedoch gegenüber den ÄrztInnen.

329

Text: D/R , Position 146-146, Code: A.

„Dass es damit zusammenhängt, dass es viele Frauen sind und der Beruf ja schon so'n bisschen als ein Anhängsel der Orthopädie entstanden ist. Und Orthopäden fühlen sich so als ein bisschen was Besseres und wenn du dann „du“ sagst, dann hast du ein besseres Zusammengehörigkeitsgefühl vielleicht, und dadurch mehr Halt gegenüber jetzt so'ner Distanz.“

330

Die Problematik der Abgrenzung zur KlientIn ist bereits als Thema bei der Untersuchung der Studienmotivation erörtert worden. Die dort konstatierte, fehlende Distanzierungs- und Abgrenzungsfähigkeit gegenüber den KlientInnen ist als ein Faktor für die Aufnahme des Studiums vor dem Hintergrund einer drohenden Burnout-Problematik herausgearbeitet worden (siehe hierzu Kapitel 4.2.1 „Studienmotivation und Erwartungen an das Studium“).

12. PhysiotherapeutInnen lesen keine Fachartikel (männlich attribuiert im Interview E/T) und sind nicht an Wissenschaft interessiert.

Text: E\T, Position: 145 – 146, Code: Selbstbild PT

331

„Das ist 'ne Folge des Studiums, ganz eindeutig, also, dass ich angefangen habe, tatsächlich Fachartikel zu lesen, ich habe vorher nie einen gelesen.“

332

13. PhysiotherapeutInnen haben so’n Ton am Leibe, sie laufen rum wie die Lehrmeister.

Text: D\O, Position: 18 – 20, Code: Selbstbild PT

333

„Dass es doch auch immer wieder Physios gab, die extrem von sich überzeugt waren, so, was ich sage, stimmt, und ich sage meinem Patienten, was er zu tun hat, und wenn er ein guter Patient ist, dann macht er das so, und wenn er nicht artig ist. Die häufig 'ne sehr bestimmende Art an sich haben und dann mal so'n bisschen wie so'n Lehrmeister rumlaufen oder wie so'n, so'n Lehrer, wo ich immer dachte, das kann's ja auch nicht gewesen sein, die nicht nur ihren Patienten gegenüber so'n Ton am Leib hatten“

14. PhysiotherapeutInnen müssen sich verkaufen (können).

334

Text: D\P, Position: 24 – 24, Code: Fremdbild PT antizipiert

„Das kommt drauf an, wie man sich verkaufen kann. Es gibt Leute, die sind fachlich supergut, können sich nicht verkaufen.“

335

15. PhysiotherapeutInnen haben Schwierigkeiten und eine große Ambivalenz im Umgang mit den ÄrztInnen.

Diesem Phänomen wird ausführlich im folgenden Kapitel 4.3.3 „Antizipiertes Fremdbild“ nachgegangen.

16. Es gibt einen mangelnden Austausch zwischen berufspolitischer Standesvertretung und den Fachhochschulen; die Studierenden fühlen sich nicht durch berufspolitische Standesvertretungen unterstützt.

336

Auch dieser Aussage ist ein eigenes Kapitel 4.3.7 „Professionalisierung und Berufsverband“ gewidmet.

4.3.2.3 Globale Einschätzung der NovizInnen zum Berufsbild

Bevor der zusammenfassende Vergleich der Aussagen der beiden Studierendengruppen vorgenommen wird, werden die von den NovizInnen als positiv benannten Seiten des Berufes herausgestellt. Sie empfinden ebenfalls den Kontakt zu Menschen/Klienten als sehr angenehm, stellen aber vor allen Dingen den Wesenszug der PhysiotherapeutInnen, einen besonderen Wissensdurst zu haben, in den Vordergrund. Insgesamt sind sie dem Berufsstand gegenüber kritischer eingestellt als die Berufserfahrenen. Eine Novizin skizziert den Berufsstand, indem sie eine Dreiteilung vornimmt: Auf der einen Seite gibt es diejenigen PhysiotherapeutInnen, die über das Studium die Professionalisierung vorantreiben möchten und sich auch dafür verantwortlich fühlen (die Studierenden), dann gibt es die Skeptiker, die der Akademisierung sehr verhalten gegenüber eingestellt sind und diejenigen, die seit „Urzeiten“ ein bestimmtes Schema verfolgen, jegliche Innovation ablehnen und die „Probleme der KlientInnen wegmassieren“ möchten. Letztere Gruppierung macht bei mangelndem Behandlungserfolg dann den Arzt verantwortlich, da offenkundig eine Fehldiagnose vorgelegen haben muss. Gleichzeitig nimmt die studierende Novizin stellvertretend für ihre KollegInnen eine Verortung ihrer eigenen Position im physiotherapeutischen System vor, indem sie sich zu den reflektierten, selbstkritischen VertreterInnen ihrer Berufsgruppe zählt, die in der Lage sind, sich selbst in Frage stellen zu können, ohne allzu große Probleme zu entwickeln. Weiterhin betont auch sie, dass PhysiotherapeutInnen in ihren Augen den therapeutischen Prozess nicht transparent gestalten.

Text: C\M, Position: 104 – 104, Code: Selbstbild PT

337

„Es sind so drei Typen vielleicht, ... die da wollen, dass das eben professionalisiert wird, dann gibt es diejenigen, die noch nicht den Sinn dahinter sehen, weil sie einfach denken, das kann man nicht alles auf Wissenschaft dann runter brechen Und dann gibt's glaub ich, ja, diese, diese typisch alteingesessenen Physiotherapeuten. ja, also gestern hat mir noch 'ne Freundin erzählt, ihr Chef hätt ihr gesagt, da kommt die Diagnose, da machste dann mal 'ne Funktionsmassage, ne? Also dieses ja dieses wegmassieren wollen von Problemen irgendwie. Weil das schon immer so geholfen hat, mach ich das, oder ich bin in meiner Kabine, da guckt mich ja keiner an, und wenn das immer noch nach sechsmal nicht gut ist, dann war entweder der Arzt schuld oder es ging überhaupt nicht. Die, wenn sie sich selbstkritisch reflektieren würden, viel zu große Probleme dann hätten.“

Da auch die NovizInnen eine hochgradig kritische Position ihrer eigenen Berufsgruppe gegenüber einnehmen, die sie an ähnlichen Parametern festmachen wie ihre berufserfahrenen KollegInnen, wird an dieser Stelle auf eine detaillierte Darstellung der Einzelaussagen verzichtet und nachfolgend die Gegenüberstellung der Aussagen vorgenommen.

4.3.2.4 Vergleichende Gegenüberstellung der Aussagen zum Selbstbild von NovizInnen und Berufserfahrenen

338

Die nachstehende Übersicht verdeutlicht die Merkmale, an denen die berufserfahrenen KollegInnen im Vergleich zu den NovizInnen das berufliche (Selbst-)Bild in der Physiotherapie festmachen, bevor die Unterscheidungen und Gemeinsamkeiten besonders beleuchtet werden. Vergleichbar angesprochene Themengebiete wurden einander gegenübergesetzt und jeweils die Anzahl der „Thematisierungen“ in den Interviews hinzugefügt. Wenn Themengebiete nur von den Berufserfahrenen angesprochen wurden, so ist das entsprechende Feld der NovizInnen nicht ausgefüllt worden und vice versa. Die Angaben zur Häufigkeit der Erwähnungen haben keine Relevanz im statistischen Sinne, sie sind insofern von Interesse, als dass sie die Ähnlichkeit der angesprochene Themengebiete der Berufserfahrenen und der NovizInnen unterstreichen, sich aber hier ebenfalls die Unterschiede, die sich durch die Berufserfahrung ergeben haben, manifestieren lassen.

Berufserfahrene

NovizInnen

Es gibt kein gemeinsames berufliches Selbstverständnis (4)

 

Das physiotherapeutische Selbstverständnis basiert darauf, keine Verantwortung zu übernehmen bzw. nicht übernehmen zu wollen und zu können

(2)

vielen Physiotherapeutinnen würde die Eigenverantwortung den Boden unter den Füssen wegziehen

(2)

Physiotherapeuten benötigen Richtlinien, die bisher nicht existieren, um sich absichern zu können (2)

Physiotherapeutinnen benötigen immer Richtlinien und Leitfäden (2)

Physiotherapeutinnen sind unpolitisch und als Berufsgruppe zersplittert (4)

 

Physiotherapeutinnen sprechen keine gemeinsame Sprache und hören sich gegenseitig nicht zu (4)

Physiotherapeutinnen haben keine gemeinsame Fachsprache und hören sich nicht gegenseitig zu (5)

Physiotherapeuten der unterschiedlichen Fachbereiche sind unterschiedlich in ihrer Art zu denken, zeichnen sich durch unterschiedliche Sozialkompetenzen aus, insbesondere unterscheiden sich diejenigen KollegInnen, die in der Neurologie arbeiten von dem Rest der Berufsgruppe; darüber hinaus unterscheiden sich diejenigen Kolleginnen, die in der Klinik arbeiten von denjenigen, die in der Praxis Fließbandarbeit leisten (8)

Physiotherapeutinnen aus der Neurologie sind anders als die beispielsweise in der Sportphysiotherapie. PhysiotherapeutInnen unterscheiden sich je nach Fachgebiet in ihrer Persönlichkeit, viele PhysiotherapeutInnen können nicht interdisziplinär arbeiten PhysiotherapeutInnen in der Praxis leisten Fließbandarbeit (3)

Die große Masse der PhysiotherapeutInnen (auch bezeichnet als Brei, Pudding, Meute) ist nicht an einer Weiterentwicklung des Berufes interessiert und hat Angst vor Innovationen; Weiterentwicklung wird nicht durch die Berufsgruppe selber initiiert, sondern durch Externe (5)

Die meisten PhysiotherapeutInnen ruhen sich aus und bewegen sich nicht vom Fleck und haben Angst vor Innovationen (3)

PhysiotherapeutInnen teilen ihr Wissen nicht unbedingt miteinander, grenzen sich gegeneinander ab, haben Angst, sich in die Karten schauen zu lassen, sie sind nicht Gruppenfähig, „kochen ihren eigenen Brei“ und wurschteln vor sich hin. Darüber hinaus, konkurrieren sie als Einzelkämpfer um die Gunst Patienten (5)

PhysiotherapeutInnen haben ein Konkurrenzdenken und gehen asozial miteinander um, PhysiotherapeutInnen wollen nicht, dass ihnen die Schüler über die Schulter schauen, „jeder kocht sein Teechen“ (7)

PhysiotherapeutInnen sind unreflektiert, sie sind hin und hergerissen zwischen Selbstüberschätzung (absolutes Wissen) und Minderwertigkeitskomplex/mangelndem Selbstvertrauen (5)

PhysiotherapeutInnen sind unzufrieden, weil sie sich nicht reflektieren können, haben Angst, sich zu reflektieren, denn dann fällt ein Kartenhaus zusammen; PhysiotherapeutInnen „reißen seit 20 Jahren ihren Stremel runter“, würden sie sich reflektieren, so würde ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen werden PhysiotherapeutInnen sind nicht sehr selbstbewusst mit Argumenten, sondern mit sturen Behauptungen, PhysiotherapeutInnen sind übereifrig und haben einen Minderwertigkeitskomplex (5)

PhysiotherapeutInnen definieren sich über ihre Fortbildungen; physiotherapeutisches Denken geschieht über Schubladen (8)

PhysiotherapeutInnen definieren sich über Fortbildungen, PhysiotherapeutInnen haben ein Schubkastendenken und sind konzeptorientiert (7)

PhysiotherapeutInnen haben ein Problem mit Nähe-Distanz-Phänomenen, nicht nur untereinander oder in der Auseinandersetzung mit anderem medizinischen Personal, sondern auch in der Patientenbehandlung (3)

 

PhysiotherapeutInnen lesen keine Fachartikel (männlich attribuiert) und sind nicht an Wissenschaft interessiert (2)

Die meisten PhysiotherapeutInnen lesen keine Fachartikel (3)

PhysiotherapeutInnen haben so’n Ton am Leibe, sie laufen rum wie die Lehrmeister (3)

 

PhysiotherapeutInnen verkaufen sich (1)

PhysiotherapeutInnen sind Selbstdarsteller und verkaufen sich (2)

PhysiotherapeutInnen haben Schwierigkeiten im Umgang mit den Ärzten (9)

PhysiotherapeutInnen erfinden immer neue Techniken, um die Ärzte und die Berufsgruppe zu verwirren und Schwierigkeiten im Umgang miteinander (3)

Der Austausch zwischen beruflichen Interessensvertretungen und den Fachhoch-schulen ist nicht befriedigend (3)

Es gibt keinen Austausch zwischen den Verbänden und den Fachhochschulen (2)

Interessant ist, dass sich in beiden Gruppierungen die nachstehenden Themen hinsichtlich der Einschätzung des physiotherapeutischen Selbstbildes bzw. der Beschreibung der Wahrnehmung ihrer Berufsgruppe herauskristallisiert haben. Feststellen lässt sich ebenfalls eine nicht nur sprachliche, sondern auch inhaltliche Distanzierung von der eigenen Berufsgruppe.

339

Wie bereits erwähnt, entspricht die Mehrzahl der von den NovizInnen angesprochenen Themenbereiche denen der Berufserfahrenen. Dieses lässt den Schluss zu, dass diese Einstellungen gegenüber der Berufsgruppe bereits in der Ausbildung mit ihren integrierten Praktika entstehen und sich dann durch das gesamte Berufsleben hindurchziehen. Das deckt sich mit den Aussagen, die die Studierenden hinsichtlich der Einschätzung ihrer Ausbildung getätigt haben. Besondere Relevanz erhält in diesem Zusammenhang das schubkastenförmige Denken, welches über die Fortbildungen weitergeführt und begünstigt wird. Diese Einschätzung verweist auf das von den Studierenden bereits aufgeworfene Problemfeld der Art und Weise der Vermittlung der zu lernenden Inhalte sowie die damit verbundene Einschränkung der Entwicklung vernetzten, reflektierten Denkens. Insbesondere die Studierenden, die in ihrem Studium nach dem holländischen System dieses vernetzte Denken gelernt haben, berichten von ihrer Mühe im Umgang mit ihren „Deutschen KollegInnen“, da sie nichts mit diesen Schubkästen anfangen können. Daraus erwachsen vor allen Dingen die bereits erwähnten Kommunikationsprobleme im Austausch mit den in Deutschland ausgebildeten KollegInnen.

Darüber hinaus wird insbesondere von den NovizInnen (7 von 10) hervorgehoben, dass die lehrenden und anleitenden PhysiotherapeutInnen (primär in den praktischen Einsätzen) sich nicht „über die Schulter schauen lassen“, obwohl sie insbesondere während der Ausbildung den Auftrag und auch die Verpflichtung dazu haben. An dieser Stelle drängt sich dann die Frage auf, wie der von den Studierenden als praktisch identifizierte Beruf zu erlernen sei, wenn ihrer Einschätzung nach gerade die Praxis, bei der Lernen über visuelle Nachvollziehbarkeit und Modellhaftigkeit und Reflexion erfolgt, unbefriedigend ist. Auch dieses Phänomen scheint sich durch das Berufsleben hindurchzuziehen und verweist auf die von den Studierenden aufgegriffene Diskrepanz zwischen Minderwertigkeitsgefühl, mangelndem Selbstbewusstsein und Unsicherheit (aufgrund des Halbwissens) auf der einen Seite und der Selbstüberschätzung andererseits.

340

Obwohl die nachstehend aufgeführten Themen von beiden Gruppen angesprochen werden, so wird aufgrund der Frequenz und der Intensität der Ausführungen deutlich, dass dieses primär Themen sind, die durch Berufserfahrung an Brisanz zunehmen bzw. sich immer mehr herauskristallisieren.

Die Studierenden heben hervor, dass die Art des Denkens und des Umganges mit Menschen je nach physiotherapeutischem (medizinischem) Fachbereich differiert. Zwar stellen dies insgesamt 11 der 22 befragten Studierenden heraus, davon aber nur drei der NovizInnen. Der Unterschied ist nicht nur zahlenmäßig, sondern auch hinsichtlich der Kontrastsetzung von Bedeutung. Während die Berufserfahrenen insbesondere die Neurologie gegen die Orthopädie abgrenzen, so nehmen die NovizInnen eine Mehrfachabgrenzung vor: Neurologie versus Sportphysiotherapie/Orthopädie versus Innere Medizin und Gynäkologie. Die Auflistung impliziert bereits eine Wertung, empfinden die NovizInnen letztgenannte Bereiche als weniger relevant (siehe auch im Kapitel 4.1.3 „Bewertung der fachschulischen Ausbildung“). Dem Fachbereich der Neurologie sprechen sie wie die Berufserfahrenen ebenfalls hinsichtlich der Komplexität und Kompliziertheit der zu leistenden Arbeit und der einzubringenden menschlichen Kompetenzen die höchsten Anforderungen zu.

Die zweite Thematik, bei der sich die Berufserfahrung bemerkbar macht, ist die der ÄrztIn-TherapeutIn-Relation. Obwohl sich diese Problematik im Umgang miteinander bereits den NovizInnen darstellt, so werden diese Schwierigkeiten dreimal so oft von den Berufserfahrenen betont. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung sprechen die berufserfahrenen Studierenden Problemfelder an, die sich den NovizInnen nicht vordergründig darstellen. Die ausschließlich von den Berufserfahrenen angesprochene Themengebiete sind:

341

Vorstellung zum Idealtypus PhysiotherapeutIn

Im Zusammenhang mit dem Vorstehenden skizzieren die Studierenden dann einen Idealtypus „PhysiotherapeutIn“, wie er durch Ausbildung und Studium die Berufsgruppe im medizinischen System und in der Gesellschaft repräsentieren sollte. Im Hinblick auf diese Äußerungen lassen sich gewisse fachhochschulische Besonderheiten finden (vgl. hierzu auch Kapitel 1.8 „Studiengänge für die Physiotherapie in Deutschland“).

342

Studiengang Vertiefung (Variante 3 Jahre Ausbildung + 2 Jahre Berufserfahrung + 3 Jahre Studium): Insbesondere die Studierenden mit Berufserfahrung des medizinisch ausgerichteten Studienganges stellen die fachwissenschaftlichen Kompetenzen wie medizinisches Fachwissen, Technikwissen, clinical reasoning, Problemlösestrategien und das Erkennen von Kontraindikationen in den Vordergrund ihrer Aussagen. Darüber halten sie es für unabdingbar, über kommunikative Kompetenzen wie Ausdrucksvermögen sowohl verbal als auch schriftlich sowie über aktives Zuhören zu verfügen. Weiterhin sollte eine PhysiotherapeutIn über Sozialkompetenzen verfügen (wobei Sozialkompetenz jedoch nicht weiter spezifiziert wird) und sich des eigenen Modellcharakters gegenüber KlientInnen wie auch SchülerInnen bewusst sein.

Studiengang Ergänzung (Variante 3 Jahre Ausbildung + 1,5 Jahre Studium): Hier kann wiederum unterschieden werden in NovizInnen und Berufserfahrene. Die NovizInnen heben neben der fachwissenschaftlichen Kompetenz im Hinblick auf adäquaten Einsatz medizinischen Wissens, Technikrepertoire, Befund und Problemlösestrategien, Reflexionsvermögen, kommunikative Kompetenzen, ganzheitliche Betrachtungsweise der KlientIn als auch Erlangung von Selbstbewusstsein hervor. Die Berufserfahrenen zielen zumeist auf die Erlangung von Interdisziplinarität, Interaktion und Transparenz, Sozialkompetenz sowie fachwissenschaftliche Kompetenz ab.

Studiengang Ausland (vierjährig nach niederländischem Modell): die Studierenden haben etwas differenzierter ihre Vorstellungen zu einem Idealtypus einer PhysiotherapeutIn dargelegt. Sie beginnen ihr Ausführungen mit einer auf die KlientIn zentrierenden Sichtweise, indem sie die Besonderheit der KlientIn und ihre Ansprüche, ihre Mitsprache und Zielorientierung in der Gestaltung des therapeutischen Prozesses fokussieren. Die TherapeutIn ist in der Lage, individuelle Befund- und Behandlungspläne zu erstellen, und ihre therapeutische Intervention geschieht nicht nach „Schema F“. Sie ist empathisch, selbstkritisch, selbstbewusst und geduldig. Sie ist in der Lage, interdisziplinär zu arbeiten und zeichnet sich durch Flexibilität und Kreativität in der Behandlung aus. Sie zieht die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse heran, kann evidenzbasiert arbeiten, kann je nach Bedarf auch forschen oder vermitteln. Sie steht mit den Ärzten auf einer Stufe, hat viele internationale Kontakte und ist an einer Weiterentwicklung ihres Berufes und ihrer eigenen therapeutischen Fähigkeiten interessiert.

343

Studiengang grundständig (die Studierenden absolvieren gleichzeitig Ausbildung und Studium): Die Studierenden unterstreichen relativ pauschal, dass eine PhysiotherapeutIn sowohl über Technikrepertoire, Methoden- und Handlungskompetenz verfügen als auch um sozialkompetente Fähigkeiten ergänzen sollte. Sie führen ihre Äußerungen jedoch nicht weiter aus.

Abgeleitet aus der Kritik der Studierenden ließe sich der Idealtypus einer physiotherapeutischen Persönlichkeit folgendermaßen darstellen: Die Berufsangehörigen treten geschlossen in der Öffentlichkeit auf, sie sind politisch aktiv und verantwortlich für ihre eigene Entwicklung. Sie entwickeln u. a. Standards und Leitlinien, die es ihnen ermöglichen, eine reflektierte, verantwortliche Therapie durchzuführen. Grundlagen ihres Handelns sind eine Patienten/Klienten zentrierte Sichtweise, sozialkompetenter Umgang inter-, intra- und transdisziplinärer Natur. Sie sind sich ihrer eigenen Grenzen (fachlich wie persönlich) bewusst und gestalten ihre Therapie transparent, um einen fachlichen Diskurs zu etablieren, der auf einer gemeinsamen Fachsprache basiert und die unterschiedlichen Sichtweisen nebeneinander ohne Dogmatismus bestehen lässt. Die Therapie integriert neueste fachwissenschaftliche Erkenntnisse im Sinne der KlientIn, wobei die forschenden PhysiotherapeutInnen das Wissen für die Praxis aufbereiten und entsprechend in Fachmagazinen veröffentlichen.

4.3.3 Antizipiertes Fremdbild in der Bevölkerung und in der Ärzteschaft

Nachdem das vorhergehende Kapitel der Darstellung des „Selbstbildes“ gewidmet war, so wird nachstehend das antizipierte Fremdbild eruiert. Hier bringen die Studierenden zum Ausdruck, welches Bild nach ihrer Meinung die Physiotherapie in der Gesellschaft verkörpert, und explizieren, welche Einstellungen, Meinungen und Vorstellungen ihnen bisher entgegengebracht wurden. In ihren Erzählungen und Meinungsäußerungen rekurrieren sie primär auf zwei verschiedene Personengruppen: zunächst allgemein auf die Bevölkerung als potenzielle KlientInnen und weiterhin auf die Berufsgruppe der ÄrztInnen, von deren Verordnungsverhalten sie zum größten Teil abhängig sind. In ihren Schilderungen wird deutlich, dass im Hinblick auf die Ärzte vermehrt die Phänomene Hierarchie, Abgrenzung, Autonomie und Macht eine Rolle spielen, (welches im übrigen auch die Parameter/Merkmale sind, an denen sie insgesamt „Professionalisierung“ festmachen). Zunächst erfolgt die Präsentation des in der allgemeinen Bevölkerung existierenden Bildes (aus der Sicht der Studierenden), sich daran anschließend das der Spezifizierung als KlientIn. Der letzte Teilbereich greift dann auf, wie sie sich durch die Brille der MedizinerInnen verstanden fühlen.

4.3.3.1 Bevölkerung

344

Die Studierenden lassen sich grob in zwei unterschiedliche Meinungstypen unterscheiden, diejenigen Studierenden, die der Ansicht sind, dass die Bevölkerung nicht weiß, was sich hinter dem Berufsbild „Physiotherapie“ verbirgt und diejenigen, die gegenteilige Erfahrungen gemacht haben, wobei die erste Gruppierung mit 17 von 22 Studierenden überwiegt und nachfolgend Typ „Unbekannt“ genannt wird und dem Typus „ Bekannt“ gegenüber gestellt wird.

Typ: „Unbekannt

Einige Studierende beschreiben eindrücklich ihr eigenes Erstaunen darüber, wie wenig die Bevölkerung Einblick in das Berufsbild der PhysiotherapeutIn hat. Ein häufig skizziertes Erlebnis ist die Verwechslung von Psycho- und Physiotherapie; wird Physiotherapie jedoch erklärt als Krankengymnastik, so ist die Assoziation „Massage“ oder zum Teil auch „Wellness“ vorhanden. Eine Studentin berichtet, dass sie gefragt wurde, ob sie an Krankengymnastik „glaube“, hier wird impliziert, dass Physiotherapie von fraglichem therapeutischen Nutzen ist. Erst durch unmittelbaren Kontakt zu PhysiotherapeutInnen, sei es durch familiäre oder freundschaftliche Beziehungen oder schlussendlich als KlientIn selbst wird transparent, was sich hinter der Berufsbezeichnung verbirgt.

Text: D\O, Position: 21 – 21, Code: Fremdbild PT antizipiert

345

„Mir wird das eigentlich immer nur dann bewusst, wenn ich mal mit Leuten zusammen bin, die zum Glück mal nichts mit Medizin zu tun haben, und die dann sagen, was bist du? Physiotherapeutin? Physiotherapeutin, mhm, wenn du dann sagst, Krankengymnastin, ach ja, die. Ich sag dann meist gar nichts dazu, weil ich immer echt gespannt bin, was denn als erster Kommentar kommt. So, oh ja, ich habe auch Rückenschmerzen, ich glaub, da kann man zu euch gehen, ach ihr seid doch die, die massiert. Aber häufig auch, was macht ihr eigentlich? Es gibt tatsächlich Leute, die einfach definitiv nichts damit anfangen können.“

Eine weitere Studierende berichtet davon, dass selbst an ihrer Fachhochschule nicht bekannt ist, was sich hinter dem Berufsbild „Physiotherapie“ eigentlich verbirgt. Sie macht in ihren Erzählungen ihre eigene Frustration über diese Tatsache transparent; sie würde gern in der Bevölkerung verdeutlichen, dass sie zu mehr in der Lage ist, als „nur zu massieren“, und dass sie auf keinen Fall mit den Masseuren verwechselt werden möchte.

346

Text: C\K, Position: 23 – 25, Code: Fremdbild PT antizipiert

„Also im Studentenbüro (hat) jemand zu mir gesagt, welcher Studiengang bist du? Und ich so, Bachelor-Physiotherapie, und er so, ach so, die Knetmäuschen. Wo wir uns eigentlich, denk ich, deutlich von abgrenzen möchten. Wir sind nicht nur die Knetmäuschen oder irgendwelche Hupfdohlen, sondern ich denke, in uns steckt mehr Potential, aber dieses Bild ist leider noch weit verbreitet.“

347

Während es der Großteil der TherapeutInnen unabhängig von der Dauer der Berufserfahrung bedauert, dass ihr Beruf so wenig bekannt zu sein scheint, und seine Aufgabe darin sieht, diesen bekannter und transparenter zu gestalten, so hält ein Novize es für nicht notwendig, dass die Bevölkerung einen erweiterten Einblick in die Tätigkeit eines Physiotherapeuten habe. Seiner Ansicht nach ist es ausreichend, wenn sie diesen als KlientInnen bekämen. Für ihn kommt Physiotherapie erst dann zum Tragen, wenn sich in der gesundheitlichen Situation des Menschen etwas verändert, was ihn dann in die physiotherapeutische Behandlung bringt. Er hält es allerdings für unabdingbar, dass den angrenzenden Berufen im medizinischen System transparent ist, worum es sich bei Physiotherapie handelt.

Text: A\C, Position: 59 – 59, Code: Fremdbild PT antizipiert

348

„Für die andern wär es natürlich schon wesentlich wichtiger, also für Ärzte, für Pflegepersonal, das man ungefähr weiß, was man macht Ich sag mal, 'ne Person, der es gut geht, und die nicht in Behandlung ist, muss nicht unbedingt wissen, was ein Physiotherapeut alles kann oder macht.“

Typ: „Bekannt“

Vier der berufserfahrenen Studierenden (hier wiederum der Typ: „Suchende EnthusiastIn“ und eine Novizin) sind davon überzeugt, dass das Ansehen der Physiotherapie ein relativ hohes ist und stetig zunimmt. Die Bevölkerung hat durchaus einen Einblick in die Tätigkeiten einer PhysiotherapeutIn (gerade durch die von den Medien gezeichneten Bilder der Physiotherapie, die im Zusammenhang mit Sportlern dargestellt werden), dergestalt, dass sie einen sportlichen, fitten Typ verkörpern, der Erfolge in der KlientInnenbehandlung aufweist. Sie sind überzeugt, dass der hohe Standard der Physiotherapie in der Bevölkerung bekannt ist. Die Novizin erklärt, dass die Physiotherapie ein „einigermaßen gutes“ Bild in der Gesellschaft von sich zeichnet, und gibt als Begründung an, dass die PhysiotherapeutInnen so „viele passive Maßnahmen“ (C/L Position 165) durchführen und sich der Klient somit verwöhnen lassen kann. Sie bringt die Zunahme passiver Maßnahmen in der KlientInnenbehandlung mit der Tatsache in Verbindung, dass mit zunehmender KlientInnenautonomie auch deren Eingriff in die therapeutische Situation grösser würde - und somit im Sinne des „Wohlfühlens“ vermehrt passive Maßnahmen gefordert würden.

4.3.3.2 KlientInnen

Sobald die Bevölkerung einen Kontakt zur Physiotherapie bekommt im Sinnes des KlientInnenstatus, verändert sich das Bild, welches sie von der Physiotherapie haben, gravierend.

349

Je nach medizinischer Einrichtung empfinden die KlientInnen offenbar die therapeutischen Interventionen als sehr relevant. Die berufserfahrenen Studierenden stellen die Bedeutung primär der therapeutischen Berufe im Rehabilitationsprozess, an dem der Arzt nur bedingt beteiligt ist, heraus.

Text: D\O, Position: 25 – 25, Code: Fremdbild PT antizipiert

350

„Wenn die (KlientInnen) nach 3 Wochen dann auch gefragt wurden, was hat denn am meisten geholfen, sagen sie, na ja, die Physiotherapie. Oder die Therapeuten allgemein, nur der Arzt in der Rehaklinik hilft dem Patienten nicht primär weiter.“

Zwei weitere Befragte (Berufserfahrene und Novizin) differenzieren das antizipierte Fremdbild je nach Bildungsstand und Alter der KlientIn. Zumeist die älteren KlientInnen verbinden laut Aussagen der PhysiotherapeutInnen die Physiotherapie mit „Massagemäusen, Hupfdohlen, Turnmäusen“, und gerade die jüngeren männlichen Klienten sehen in ihnen die „Quäler“, die sie „fertig machen“ wollen, aber auch gleichzeitig den Ansprechpartner, der „fast“ auf der Ebene eines Arztes rangiert. Und für diejenigen, die es sich leisten können, bedeuten physiotherapeutische Behandlungen Luxus.

Text: B\H, Position: 27 – 27, Code: Fremdbild PT antizipiert

351

„Ich sag mal so, die 70jährige, für die ist das die Turnstunde.. Der mittlere Bevölkerungsbereich, da ist es, denk ich, eher gemischt. Bei den Jüngeren ist es wieder deutlich, dass es doch für die entweder, je nach Therapeut, eher 'ne langweilige Sache ist, oder auch sehr fordernd ist, die sagen, oh Gott, so anstrengend, es hilft mir zwar viel, aber ich werd da fertig gemacht. Und dann, der mittlere Bereich sieht das für sich dann auch als 'ne Art Luxus, den sie sich da gönnen.“

Text: B\E, Position: 27 – 27, Code: Fremdbild PT antizipiert

352

„Grade, wenn man so mit jüngeren Patienten zusammen arbeitet, die sehen uns jetzt auch nicht irgendwie, ja nur als so Handlanger, sondern teilweise auch so'n bisschen auf der Ebene von Ärzten.“

Den weniger „gebildeten“ KlientInnen wird zugesprochen, dass sie die TherapeutIn mehr vereinnahmen, fordernder sind und die TherapeutIn als zur Familie gehörig (C/N Position 21) empfinden, während den akademisch gebildeten KlientInnen eine größere Distanz und Reflexionsfähigkeit im Hinblick auf die Physiotherapie zugesprochen wird. Hier spiegeln die Studierenden wieder, wie sie selbst gerne gesehen werden möchten bzw. welchen KlientInnentypus sie vermehrt behandeln möchten, nämlich den reflektierten, interessierten Akademiker, mit dem sie sich auch besser auseinandersetzen können. Nicht das Behandlungsergebnis, sondern die interaktionelle Seite der TherapeutIn-KlientIn-Interaktion, in der sie sich selbst mit ihren Potentialen verstanden fühlen möchte, wird vordergründig. Die KlientIn weiß nicht nur die Leistung zu würdigen, sondern auch das entsprechende Selbstwertgefühl der TherapeutIn mit einzubeziehen.

353

Text: C\N, Position: 23 – 23, Code: Fremdbild PT antizipiert

„Und wenn man dann vielleicht wieder 'nen Patienten mit höherem Bildungsniveau hat, der geht schon wieder anders mit einem um. Während halt immer so viele Patienten aus dem etwas niedrigeren Bildungsstand, die vereinnahmen einen eher so. “Bring mich auf die Beine“, egal wie, Hauptsache, ich kann hinterher wieder laufen, alles andere ist mir egal-, und reflektieren sich selber halt auch wenig, während ich immer das Gefühl hab, dass ein höherer Bildungsstand schon auch wieder sich selber mehr reflektiert.“

354

Wie eingangs erwähnt ist der allgemeine Tenor unter den Studierenden, dass sobald sich die KlientInnen in der Behandlung befinden, sie ein differenziertes Bild von dem Beruf entwickeln, was u. a. dazu führt, dass sie sich bei Problemen zum Teil direkt mit den TherapeutInnen in Verbindung setzen, auch ohne Verordnung des Arztes, denn die KlientInnen haben offensichtlich bereits „sehr viel mehr geschnallt, was PhysiotherapeutInnen tun, als diejenigen, die es verordnen.“ (Text: E\T, Position:41 – 44, Code: Fremdbild PT antizipiert)

Insbesondere für KlientInnen mit orthopädischen Beeinträchtigungen scheint festzustehen, an wen sie sich wenden können: an die „taffen, sportlichen“ PhysiotherapeutInnen, die in der Hierarchie einen relativ hohen Stellenwert einnehmen und unmittelbare Hilfe bieten können.

Text: E\S, Position: 22 – 27, Code: Fremdbild PT antizipiert

355

„Das klassische Bild,, sportlich, taff, wenn ich irgendwo was an der Schulter oder am Knie hab, dann frag ich mal da nach und dann krieg ich sofort die passende Antwort.“

Zusammenfassend lautet die Einschätzung der Studierenden, dass ihr Berufsbild in der Bevölkerung nur rudimentär - wenn überhaupt - transparent und bekannt ist und wiederum erst durch einen direkten Kontakt ein Einblick in die Fähigkeiten von PhysiotherapeutInnen gewonnen werden kann. Die Studierenden differenzieren bereits in fachbereichsabhängige Reputationen, wie sich auch in der nachfolgenden Einschätzung aus der Sicht der Ärzte fortsetzen bzw. bestätigen lässt. Das vorherrschende Bild ist ihrer Meinung nach abhängig vom Alter und Bildungsstand der KlientInnen, je höher der Bildungsstand, um so mehr Würdigung erfahren die TherapeutInnen.

4.3.3.3 ÄrztInnen

356

Wie bereits aus dem Vorgenannten und anderen Kapiteln ersichtlich wird, ist das Thema „Arzt“ und die damit verbundene Nähe zur Medizin eines der zentralen Themen in der Physiotherapie. Bei der Beschreibung des Bildes, welches die ÄrztInnen von der Physiotherapie haben, stoßen die Studierenden immer wieder auf mangelnde Akzeptanz, hierarchische Strukturen und ungleiche Verteilung von Macht innerhalb des Systems. Da durchweg alle Studierenden diese Probleme ansprechen und ein relativ negatives Bild ihres eigenen Berufes durch die Brille der Mediziner abbilden, entfällt ebenfalls an dieser Stelle eine Typenbildung. Nach Meinung der Studierenden haben die MedizinerInnen nicht nur ein „queres“, sondern auch falsches und veraltetes Bild von der Physiotherapie. Als Begründung wird die konservative Ausbildung der ÄrztInnen gesehen, die während ihres Studiums keine Vorlesungen zu physiotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten besuchen (bis auf wenige Ausnahmen, beispielsweise den medizinischen Reformstudiengängen; Anmerkung der Verfasserin). Es scheint, als hätte die von den Studierenden empfundene Entwicklung ihres Berufes keinen Eingang gefunden in das Verständnis von Physiotherapie (gerade im Bereich der Orthopädie). Eine der Studierenden verdeutlicht dieses anhand der Tatsache, dass sie seit einigen Jahren zwar mit zwei Orthopäden in einer Praxis arbeitet, sie sich aber fragt, ob überhaupt bekannt ist, was sie eigentlich an Behandlungen appliziert. Die Orthopäden wissen zwar, dass sie physiotherapeutisch behandelt, aber was sich dahinter verbirgt, entzieht sich offenkundig ihrer Kenntnis. Diese Studierende berichtet, dass die beiden Ärzte sie jetzt nicht mehr so sehr bedrängen, „richtige“ Krankengymnastik, verstanden als Muskeltraining, Spannungsübungen, Einsatz von Stab und Keule, durchzuführen.

Dem Zitat der Berufserfahrenen wird ein Zitat einer Novizin gegenübergestellt. Während die Berufserfahrenen die Unkenntnis der MedizinerInnen und dafür Erklärungen suchen, so greifen die NovizInnen in diesem Zusammenhang das Hierarchieproblem auf und stellen kämpferisch die Frage, wie viel Sinn es macht, jemanden „Physiotherapie“ verordnen zu lassen, der augenscheinlich keinen Einblick in die Physiotherapie hat. Auffällig häufig werden diese Äußerungen von den Studierenden des Studienganges: „Ausland“ getätigt:

357

Text: E\T, Position: 39 – 39, Code: Fremdbild PT antizipiert

„Also mit den Ärzten, leider Gottes ist ja sehr erschütterlich, ja, weil ich meine, da bin ich ja nicht die Einzige, die dieses Problem hat, Ich fürchte, es liegt an der sehr, sehr konservativen Ausbildung, die die Ärzte so im Hintergrund haben, also ich hab wirklich das Gefühl, dass die Ärzte den Beruf des Physiotherapeuten so sehen, wie er vor 50 Jahren gewesen ist.“

358

Text: B\H, Position: 29 – 29, Code: Fremdbild PT antizipiert

359

„Das ist häufig das Problem, dass die Ärzte eigentlich gar nicht informiert sind über die Möglichkeiten, die man in der Physiotherapie eigentlich hat, und meinen aber trotzdem, alles selbständig verschreiben zu können.“

Beide Zitate sind in ihrer Aussage für die interviewten TherapeutInnen als typisch anzusehen. Eine weitere Verallgemeinerung lässt sich herausarbeiten: Bild und Verständnis für den Beruf hängen von zwei wesentlichen Faktoren ab:

  1. von der Institution und
  2. vom Fachbereich

360

Diese beiden Faktoren spiegeln die wesentliche Einflussgrößen bei der Auswertung des antizipierten Fremdbildes wider und sollen im folgenden kurz skizziert werden.

Institutionsabhängiges Bild

Das Bild, das die Ärzte von der Physiotherapie laut Aussage der Studierenden haben, ist deutlich differenzierter, wenn sie in Kliniken und nicht in Praxen tätig sind. Je differenzierter das Bild, um so größeres Ansehen ergibt sich offenbar für die Berufsgruppe.

Text: D\P, Position: 24 – 24, Code: Fremdbild PT antizipiert

361

In der Klinik hat man komischerweise ein sehr viel höheres Ansehen von Ärzten, als in der Praxis.“

Fachbereichabhängiges Bild

Das differenzierteste Bild haben laut Aussagen der Studierenden die in der Neurologie oder in der Pädiatrie tätigen ÄrztInnen. Insbesondere berichten das diejenigen TherapeutInnen, die langjährige Erfahrung in diesen Fachbereichen gesammelt haben, aber auch die NovizInnen, die in ihren Praxiseinsätzen in der Neurologie gearbeitet haben. Gerade die in neurologischen Kliniken tätigen MedizinerInnen sehen die TherapeutInnen als annähernd gleichwertige Partner im therapeutischen Prozess.

362

Dieses korreliert mit den Aussagen zum Selbstbild der PhysiotherapeutInnen. Dort haben die Studierenden bereits betont, dass sich diese beiden Fachbereiche und die dort arbeitenden PhysiotherapeutInnen durch bestimmte Besonderheiten ausweisen, wie beispielsweise interdisziplinäres Arbeiten, Teamfähigkeit, intensive Auseinandersetzung mit den KlientInnen. In den übrigen medizinischen Fachbereichen haben nach Einschätzung der Studierenden die Mediziner sehr wenig Einblicke in die Tätigkeit der TherapeutInnen und erachten auch den Stellenwert der physiotherapeutischen Behandlungen als gering, eine der Studierenden gibt an, dass die Physiotherapie manches Mal als Notlösung hinzugezogen werden kann, da sie ja nichts schadet.

Text: D\Q, Position: 27 – 27, Code: Fremdbild PT antizipiert

363

„Der Physiotherapeut, na gut, er kann nicht groß schaden. Also in der Pädiatrie ist es vielleicht noch ganz anders, ich hab die Zusammenarbeit mit den Pädiatern, grad eben im Bereich Körperbehinderte, eigentlich schon als anders empfunden als mit andern Ärzten.“

Text: B\E, Position: 27 – 27, Code: Fremdbild PT antizipiert

364

„Mit den Ärzten, da hab ich halt leider schlechter Erfahrungen gemacht. Weil es hieß halt immer so, naja, was wollt ihr denn, was wisst ihr denn schon vom Patienten, wobei ich wiederum der Neurologie, und da war's auch wirklich Teambesprechung“

Fasst man die Aussagen zusammen, so schätzen die Studierenden ein, dass der größte Teil der ÄrztInnen aufgrund der konservativen Ausbildung nicht nur keinen Einblick in den Beruf der PhysiotherapeutIn hat, sondern auch die Entwicklung der Physiotherapie für sie nicht nachvollziehbar ist. So kommt es dazu, dass u. a. die Verordnungen wenig mit der physiotherapeutischen Alltagsrealität zu tun haben.

Text: A\C, Position: 55 – 56, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

365

„Ja bei Ärzten ist es auch auffällig, dass die Verordnungen zum Beispiel halt nicht auf der Grundlage von „Bobath“ sondern von „Boberg“ ausgestellt sind , da merkt man halt schon ein bisschen die Unwissenheit.“

Untermauert wird diese Anmerkung zusätzlich von einer Physiotherapeutin, die von einem gemeinsam mit Neurologen ausgerichteten Kongress berichtet, auf dem sich die Ärzte selber dazu aufgerufen gefühlt haben, vermehrt Einblicke in die Behandlungsmöglichkeiten der PhysiotherapeutInnen zu bekommen und als eine gute Möglichkeit zum interdisziplinären Austausch die Organisation „professionsübergreifender“ Veranstaltungen gesehen werden könnte.

366

Text: B\H, Position: 143 – 143, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

„Wir haben da mal ein ganz interessantes Treffen hier gehabt. Mit Ärzten und Physiotherapeuten zusammen, das waren Neurologen, , und genau diesen Aspekt haben sie dann auch genannt, dass die Ärzte auch mehr dazu aufgerufen werden sollten, da sich weiterzubilden.“

367

Aus den Ausführungen ist deutlich ersichtlich, dass die PhysiotherapeutInnen sehr intensive Anstrengungen unternehmen müssen, um das in ihren Augen nur rudimentär existierende Bild von Physiotherapie in der Ärzteschaft und in der Bevölkerung zu vervollständigen. Wenn man jetzt jedoch das gezeichnete, sehr kritische und teilweise negative Selbstbild und die Schwierigkeiten bei der Eigendefinition mit diesem Vorhaben in Bezug setzt, dann schließt sich die Frage an, wie die Studierenden dieses Bild in eine positive Richtung hin verändern möchten bzw. welche Rolle sie sich selbst in diesem Prozess zuschreiben (siehe hierzu im Kapitel 4.3.8 „Die Rolle der einzelnen PhysiotherapeutIn im Professionalisierungsprozess“).

4.3.4 Relevante Themen im Professionalisierungsprozess

Nachdem im ersten Teil des dritten Stranges zum separat aufgegriffenen Thema Professionalität/Professionalisierung die Definition von Physiotherapie, das Selbst- und antizipierte Fremdbild als mögliche Parameter einer physiotherapeutischen Identität im Kontext von Professionalität ausgewertet und dargestellt wurden, so interessiert an dieser Stelle die Einschätzung der Studierenden hinsichtlich der Fragestellung: Welche Punkte/Themen sind für sie im „Professionalisierungsprozess“ und im Bedeutungskontext „Professionalität“ relevant bzw. woran machen sie Professionalisierung und Professionalität fest? Nicht nur gemeinsam mit dem ersten Teil des dritten Stranges, sondern auch aufgrund der Aussagen aus dem ersten und zweiten Strang soll dann zusammengefasst werden, wie professionell sie ihren eigenen Berufsstand skizziert haben.

Relevante Themen

368

Die PhysiotherapeutInnen machen Professionalisierung und die Professionalität an deutlich merkmalsorientierten Parametern fest. Immer wieder greifen sie die Dimensionen „Hierarchie“, „Macht“, „Handlungsautonomie“, „Berufsständische Vertretung“, und im Zusammenhang mit „Wissen“ die Bedeutung des „Fort- und Weiterbildungsverhaltens“ auf. Die damit in Verbindung stehenden weiteren Ausführungen zu Verantwortungsübernahme, Selbstbewusstsein und Abgrenzung sind bereits sehr eng mit ihrer möglichen neuen Rolle verwoben. Die bereits in allen Strängen der Auswertung entweder direkt oder indirekt angesprochenen Dimensionen wie die der Geschlechtsspezifik sowie des fehlenden Berufsethos kehren auch an dieser Stelle wieder. Überaus selten greifen sie Professionalität im Hinblick auf den Umgang mit der KlientIn in der konkreten Handlungssituation und die damit im Zusammenhang stehende Reflexion auf. Es scheint in der gesamten Darstellung und Reflexion ihres eigentlich praktisch verorteten Berufes die praktische Tätigkeit selten Gegenstand ihrer professionellen Betrachtung zu sein – KlientInnenorientierung als solche oder Verbesserung der therapeutischen Interaktion werden zunächst als nicht relevant oder sekundär relevant für die Professionalisierung bzw. die professionelle Entwicklung gesehen. Vor allen Dingen die Akademisierung und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten wie Forschung, Lehre und Leitung spielen im Sinne einer Statusanpassung an die ärztliche Profession eine überragende Rolle. Im Folgenden werden die von den Studierenden aufgegriffenen Themen in der Reihenfolge der Brisanz einzeln dargestellt und wenn möglich einer entsprechenden Typisierung zugeführt.

4.3.4.1 Hierachie und Macht

„Hierarchie“ und die damit verbundene Machtverteilung im medizinischen System beschäftigt die PhysiotherapeutInnen als Thema prioritär. Diese Thematik ist bereits in der Darstellung des antizipierten Fremdbildes und des beruflichen Selbstbildes angeklungen; sie ist außerdem eng verwoben mit der Betrachtung von „Professionalisierung“ - Überschneidungen der drei Bereiche lassen sich an dieser Stelle nicht vermeiden.

Die PhysiotherapeutInnen verorten sich selber in der Hierarchie des medizinischen Systems - je nach beruflicher Erfahrung und Typus etwas unterschiedlich. Auffällig ist jedoch, dass die hierarchische Struktur fast ausschließlich mit dem Zuschnitt auf den Stand der MedizinerInnen vorgenommen wird und nur hin und wieder auch die Abgrenzung zur Ergotherapie und Pflege vorkommen. Insbesondere wird diese Thematik durch die NovizInnen und diejenigen Studierenden, deren Studiengang sehr eng an die Medizin angelehnt ist, aufgegriffen (9 von 10 NovizInnen und 6 von 12 Berufserfahrenen) Im Zusammenhang mit der Dimension „Hierarchie“ kristallisieren sich die folgenden Themen heraus:

369

4.3.4.2 Feststellen und Betonen der strukturellen Hierachie in
Krankenhäusern

Die NovizInnen berichten, dass sich PhysiotherapeutInnen gerade als SchülerInnen nicht nur selbst mit einer geringeren Bedeutung im medizinischen System identifizieren, sondern sie darüber hinaus auch räumlich getrennt von anderem Personal - zumeist im Keller der Krankenhäuser - ihre Räumlichkeiten zur Ausübung ihres Berufes vorfinden. Verbunden mit dieser räumlichen Zuordnung verbinden sie das Gefühl, in der Behandlung ihrer KlientInnen die „letzten Rechte zugesprochen“ zu bekommen, da unabhängig von der couleur des medizinischen Personals die SchülerInnen der Physiotherapie immer „hinten an stehen müssen“, und sie sich nicht wirklich ernst genommen fühlen. Sie empfinden eine große Unzufriedenheit mit der alltagspraktische Realität, da sie sich durch die ÄrztIn, der immer Vorrang im Kontakt mit der KlientIn zugesprochen wird, in ihren Behandlungen unterbrochen fühlen.

Text: A\D, Gewicht: 100, Position: 113 – 113, Code: Rolle PT/Med. System\Arzt

370

„Also die Ärzte kommen, gehen immer vor, die müssen auch gar nicht fragen, ob sie rein dürfen.“ (Novizin)

Die strukturelle Hierarchie führt in einigen Fällen zur Entwicklung einer selbstzugeschriebenen, minderwertigen Einordnung, in andere Fällen jedoch zur Ausprägung eines intensiven Konkurrenzverhaltens mit der ÄrztIn (siehe hierzu auch Kapitel 4.3.4.3.1). Eine Auffälligkeit soll an dieser Stelle erwähnt werden: Besonders die NovizInnen des Studienmodells: „Ausland“ heben vermehrt die Unterschiede zur Ärzteschaft über die entsprechenden Statussymbole wie beispielsweise „weisser Kittel“ und „Stethoskop“ hervor, deren Erlangung sie auch für sich selbst als erstrebenswert erachten. Sie führen wiederkehrend den Vergleich zum Ausland an, wo die PhysiotherapeutInnen ebenfalls diese Statussymbole tragen dürfen und als Ersatz für den Arzt in dessen Abwesenheit fungieren.

371

Text: B\E, Position: 169 – 169, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

„Zum Beispiel grade auch in Irland oder England (haben) Physiotherapeuten ja 'ne weitaus kompetentere Stellung, als hier in Deutschland. Also, die dürfen ja eben diese Diagnosen stellen, die haben ja ein Stethoskop umhängen und machen da auch sehr viel und sind im Prinzip, wenn der Arzt nicht da ist, die erste Ansprechperson, das wär ja bei uns in Deutschland undenkbar.“ (Novizin)

372

Die berufserfahrenen PhysiotherapeutInnen bestätigen diese Aussagen der NovizInnen und verweisen insbesondere auf die ausgeprägte Hierarchie an Universitätskliniken. Ein allgemeiner Tenor ist, dass man sich als „kleiner Physiotherapeut unter den großen Ärzten“ bewegt.

Text: D\R, Position: 33 – 33, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

373

„Ich hab an der Uni gelernt, das ist immer noch was ganz anderes, also da gibt es, um Gottes Willen, Chefarzt vor allen und dann laufen alle, aber den gleichen Weg hinterher.“ (Berufserfahrene)

Sie betonen insbesondere die empfundene Abgrenzung zwischen AkademikerInnen und Nicht-AkademikerInnen in Abhängigkeit von der Institution, auch hier wird wieder die Ausnahme neurologischer Kliniken hervorgehoben. Allerdings unterstreichen sie, dass sie der Physiotherapie in der „therapeutischen Rangfolge“ eine besondere Relevanz im Vergleich zu anderen Berufen zusprechen.

Text: E\S, Position: 28 – 28, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

374

„Dass eigentlich innerhalb des Teams 'ne deutliche Hierarchisierung da war, da kam zuerst der Arzt, dann die Psychologie, also die Akademiker vorne weg, dann die Physiotherapie und dann die andern. Auch was funktioneller Status bei den Besprechungen oder so anging wurde doch eher auf das gehört, was die Physiotherapie gesagt hat, falls es sich mal widersprochen hat zu dem, was die Ergotherapie gesagt hat.“ (Berufserfahrene)

4.3.4.3 Auswirkungen der Hierachie auf Einstellung und Verhalten

Konkurrenz PhysiotherapeutIn – ÄrztIn

Die Hierarchie im medizinischen System führt gerade bei den NovizInnen zu unterschiedlichen Reaktionen und Erklärungsversuchen, warum dieses Missverhältnis zwischen MedizinerInnen und PhysiotherapeutInnen existiert und zum Teil von ärztlicher Seite auch aufrecht erhalten werden muss. Einige der NovizInnen sind davon überzeugt, dass die Ärzte aus Angst vor der zunehmenden Kompetenz der PhysiotherapeutInnen, die sie durch Studium und Fortbildung erlangen, das hierarchische Gefälle erst recht aufrechterhalten müssen. Erklärungen sind beispielsweise, dass die TherapeutInnen den MedizinerInnen den Rang ablaufen und eine weitaus größere Allroundkompetenz aufweisen könnten, denn sie sehen sich in der Lage, nahezu jede KlientIn adäquat behandeln zu können - unabhängig vom Fachbereich. Zum Teil unterstreichen sie ihre Äußerungen durch einen deutlichen Abwehrmechanismus, der mittels eines kämpferisch, aggressiven Erzählstils betont wird. Ein Novize spricht davon, dass er sich „nach oben bringen muss“, wenn die Ärzte unsicher gegenüber den TherapeutInnen sind, um ihnen eindeutig zu definieren, was die Physiotherapie zu bieten hat und über welche Kompetenzen und Fähigkeiten PhysiotherapeutInnen verfügen.

375

Text: A\C, Position: 29 – 30, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt)

„Das jetzt Ärzte, oder die verordnenden Personen für die Krankengymnastik, wenn man denkt, dass die sich unsicher sind, dann muss ich natürlich versuchen, mich irgendwie nach oben zu bringen und auch denen das klar zu definieren.“

376

Nachfolgend sind zwei Zitate von NovizInnen aufgegriffen worden, die die Problematik der Selbstüberschätzung der TherapeutInnen transparent macht und das Abgrenzungsverhalten und Geltungsbewusstsein unterstreicht.

Text: B\E, Position: 31 – 31, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

377

„Manchmal hab ich auch so'n bisschen das Gefühl, die haben mehr Angst, dass wir irgendwie denen vielleicht den Rang ablaufen könnten, grade, wenn sie dann noch so hören, naja, vielleicht Studium, dann gewisse Fortbildungen und dann doch ein bisschen engagiert, dann merkt man schon so manchmal so, naja, ich glaube, ich muss der mal zeigen, dass ich hier der Arzt bin. Das heißt, die haben oft so dieses Denken, ich bin Gott in weiß, und das find ich ziemlich schade.

Text: C\L, Position: 149 – 149, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

378

„Der Hauptgrund ist, warum Ärzte mit uns nicht reden, dass sie eigentlich doch sehr neidisch darauf sind, auf das weit gefächerte Wissen, was wir haben. Wir können nun mal nicht sagen, das ist ein neurologischer Patient, dann schicken wir ihn zum Neurologen, wir müssen auch behandeln können, obwohl wir vielleicht eher orthopädisch oder so spezialisiert sind. Und ich denk mal, dass wir da sogar kompetenter sind als Ärzte, allein, wie Physiotherapeuten befunden können, ohne dafür ein Gerät zu brauchen, dahin gehend müssten allein schon mehr Entscheidungskompetenz uns zustehen, weil, ich denke, dass das Physiotherapeuten besser können, weil sie aber letzten Endes auch 20 Minuten Zeit für den Patienten haben als ein Kassenarzt Terminzeit hat, das muss man auch sehen.“

Resignation

Bei fast der Hälfte aller Studierenden löst die hierarchische Struktur im Gegensatz zu dem eher kämpferischen Typ eine relative Resigniertheit aus. Sie fühlen sich als „kleine Nummer“, es wird auf sie „herabgeschaut“ und fühlen sich als Fachpersonal nicht wahrgenommen. Gemäß ihrer eigenen Wahrnehmung glauben die ÄrztInnen, sie seien nicht genügend gebildet und das vorhandene Wissen rekrutiere sich nur aus nicht bewiesenem Erfahrungswissen, welches gegenüber wissenschaftlichem Wissen auch an dieser Stelle eine deutliche Abwertung erfährt. Auch hier spielt Wissen wieder die entscheidende Rolle - der Arzt wird in seiner „Wissensallmacht“ wahrgenommen.

Text: B\F, Position: 16 – 20, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

379

„Ich glaub, dass die Physiotherapie oft, sehr oft, unterschätzt wird. Ich hab immer das Gefühl, es wird auf mich runtergeguckt. In Deutschland ist es ja eigentlich so, dass die Ärzte uns gar nicht richtig ernst nehmen, weil wir immer nur auf dieser Stufe bleiben, was wir erfahren, was wir beobachten, und uns gar nicht richtig beweisen. Ich denke, dass wir da gar nicht anerkannt sind und in unserer Ausbildung das auch gar nicht so richtig mitbekommen, also wie man sich selbst beweisen könnte oder wie man seine Therapie beweisen könnte.“

Das Zitat verweist bereits auf die Hoffnung, mittels der akademischen Ausbildung und der erwünschten, damit einhergehenden Verwissenschaftlichung den Anspruch auf Einflussnahme und egalitäre Kommunikation zu legitimieren.

Akademisierung und Verwissenschaftlichung als Abhilfe und Kompensation in Bezug auf die hierachische Kluft

380

Die Studierenden (sowohl NovizInnen als auch Berufserfahrenen) sprechen im Hinblick auf die Hierarchisierung die Bedeutung des Studiums zur Behebung der Dilemmasituation der eigenen Verortung im medizinischen System aus. Sie empfinden die Hierarchie als störend und halten die Angleichung an den Stand der MedizinerInnen nicht nur für sinnvoll, sondern auch realistisch. Ihr Bestreben ist es, auf einer Augenhöhe zu kommunizieren und beweisen zu können, dass auch sie in der Lage sind, u. a. selbständige Entscheidungen zu fällen und Forschungsvorhaben ohne einen Arzt durchführen zu können. (siehe auch das Kapitel 4.2.1 „Studienmotivation und Erwartungen an das Studium“ und Kapitel 4.3.5 „Professionalisierung und Handlungsautonomie“).

Text: D\Q, Position: 89 – 89, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

381

„Ein wichtiger Grund ist, dass ich schon glaube, dass sich in der Physiotherapie unbedingt was ändern muss, von dieser Diskrepanz zwischen Arzt und Physiotherapeut, und das wird man nur machen können, wenn man als Physiotherapeut eben 'nen entsprechenden Hochschulabschluss hat, dann wird man vielleicht sich langsam was erarbeiten können, dass das in etwa auf den gleichen Level kommt.“ (Berufserfahrene)

Text: B\F, Position: 181 – 181, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

382

„Also ich denk, das Studium ist unheimlich wichtig. Wir müssen einen ganz tollen Stand, oder müssen einen guten Stand gegenüber den Ärzten haben, um auch wirklich ne Kommunikationsebene zu haben, damit die uns wahrnehmen, dass wir auch Akademiker sind, dass wir auch was, dass unser Wissen, wir sind keine Gymnastiklehrer, wir sind Physiotherapeuten und wir haben unsere Berechtigung, unser Stand hat seine Berechtigung.“ (NovizIn)

„Die Ausnahmefälle“

Einige (wenige) der berufserfahrenen PhysiotherapeutInnen (wiederum Typ: „Suchende EnthusiastIn“) wissen zwar um die empfundene hierarchische Problematik, haben jedoch selber wenige dieser Negativerfahrungen innerhalb des Systems gemacht. Sie schlagen u. a. zur Lösung des Problems vor, gemeinsame Kongresse mit den Medizinern zu veranstalten, um die Kluft zu verringern und um Transparenz auf diesem Wege herzustellen. Sie sehen allerdings ganz klar, dass gemeinsame Kongresse nur dann einen Sinn und Effekt haben, wenn die PhysiotherapeutInnen auch wirklich Ergebnisse einzubringen haben.

Diese Studierenden heben ihre empfundene Handlungsautonomie (siehe hierzu auch das Kapitel 4.3.5 „Professionalisierung und Handlungsautonomie“) hervor, indem sie erklären, größtenteils „Blanco“ Rezepte ausgestellt bekommen zu haben, um eigenverantwortlich die therapeutischen Interventionen zuordnen zu können. Dieses bescheinigt das entgegengebrachte Vertrauen und die symbolische Bedeutung, auf diesem Gebiet als SpezialistInnen wahrgenommen zu werden. Sie betrachten die medizinischen Leistungen im Sinne der KlientIn und halten es für unabdingbar, dass sich die unterschiedlichen Wissensbestände zum Wohle der KlientIn ergänzen, und nicht hierarchisch-systemgebundene Strukturen dieses verhindern.

383

Text: E\U, Position: 27 – 27, Code: Rolle PT/Med.System\Arzt

„Wenn wir Kontakte mit Ärzten hatten, haben wir ganz selten in irgend 'ner Weise negativ kommuniziert, weil wir mit den Ärzten der nahe liegenden Kliniken sowieso 'nen regen Austausch hatten und, also zum Teil Blanco-Rezepte bekommen haben. Wo dann klar war, Sie sind die Fachleute, tragen Sie ein, was Sie für richtig halten, und, wo ja schon ein enormer Vertrauensvorschuss gegeben ist“

384

Aus den vorgenannten Ausführungen zur Hierarchie lassen sich insgesamt drei Typen ableiten, die teilweise auch fachhochschulische Einflussfaktoren zeigen:

der aggressiv-kämpferische Typ, der davon ausgeht, dass er in bestimmten Bereichen mehr kann als die MedizinerInnen und ihnen beweisen möchte, was er kann und ein Anrecht auf ähnliche Statussymbole geltend macht. Mit der Einführung der Studiengänge ergibt sich für ihn die logische Konsequenz, Anspruch auf eine ähnliche Stufe in der Hierarchie zu erwirken sowie das Recht auf eine bessere Vergütung zu verknüpfen. Auffällig häufig sind das Studierende der Studiengänge: „Ausland“ (NovizInnen) und „Vertiefung“ (also Studiengängen, die einen ausgeprägten Medizinbezug haben), sowie einigen Studierenden des „grundständigen“ Studienganges (NovizInnen).

der resignierte Typ, der unter der vermeintlichen Minderwertigkeit leidet und die Situation, so wie sich darstellt, sehr bedauert. Dieses sind grundsätzlich vermehrt NovizInnen und Studierende der ergänzenden Studiengänge

385

der lösungsorientierte Typ, der durch Transparenz des eigenen Handelns eine Verringerung der Hierarchisierung für möglich und nötig erachtet. Hier finden sich primär die langjährig Berufserfahrenen (über achtjährige Berufserfahrung) unabhängig von der Zugehörigkeit zum Studiengang wieder.

4.3.5 Professionalisierung und Handlungsautonomie

Sehr eng mit der Hierarchisierung und Machtverteilung verbunden ist die Frage nach der Handlungsautonomie. Bereits in den vorstehenden Kapiteln ist dieses Thema immer wieder direkt oder indirekt angesprochen worden. Nachdem insgesamt 15 der 22 Studierenden entweder unter der mangelnden Akzeptanz ihrer Berufsgruppe primär durch die Ärzteschaft „leiden“ oder sich zumindest verkannt fühlen, ist die Auseinandersetzung mit dem Thema der eigenen Handlungsautonomie von besonderem Interesse. Vorweg genommen sei, dass die in die Studie einbezogenen PhysiotherapeutInnen Handlungsautonomie verstehen als die Lossagung von jeglicher ärztlichen Verschreibungs- und Kontrollpflicht, so wie sie momentan per Gesetz vorgegeben ist. Das Ziel ist, als sog. „first-contact-practitioner“ im medizinischen System zu agieren, d. h. die TherapeutIn ist bei Bedarf unmittelbar für die KlientIn zuständig, sie kann sie diagnostizieren und entsprechende Behandlungen - ohne Umweg über die ärztliche Verordnung (so wie es in vielen andern Ländern bereits der Fall ist) - durchführen und abrechnen.

In den Interviews hat sich ein breites Spektrum von Überlegungen für und gegen die Handlungsautonomie herausarbeiten lassen. Zunächst werden die befürwortenden Begründungsmuster dargestellt.

4.3.5.1 Begründungsmuster für Handlungsautonomie

386

Nur insgesamt fünf der Studierenden, drei davon Novizinnen, halten eine Handlungsautonomie der Physiotherapie für sinnvoll, unabdingbar und erstrebenswert, schätzen aber eine Loslösung von der ärztlichen Kontrolle zum jetzigen Zeitpunkt für noch nicht flächendeckend durchführbar ein. Letztlich sprechen sie primär davon, ihre eigenen kreativen Ideen hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten entwickeln und durchsetzen zu wollen, kommen aber immer wieder auf das Phänomen der „Teamarbeit“ zurück. Offensichtlich lässt sich Handlungsautonomie aus der Sicht der Studierenden nicht mit Interdisziplinarität verbinden. Anhand zweier Beispiele sollen Begründungsmuster für das autonome Handeln aufgezeigt werden, wobei ersteres Beispiel die Argumentation einer Novizin und letzteres die einer vierjährig Berufserfahrnen aufgreift. Beide begründen den Anspruch auf Handlungsautonomie primär mit ihrer eigenen, verantwortungsvollen Persönlichkeitsstruktur. Es ist interessant festzustellen, dass niemand der langjährig Berufserfahrenen die sofortige gesetzliche oder rechtliche Einführung der Autonomie für sinnvoll erachtet und auch die mittelfristig Berufserfahrenen dieses als nicht vordergründig für die Entwicklung ihres Berufes sehen.

1. Beispiel: Die Studierende argumentiert, dass ihre verantwortungsbewusste Persönlichkeitsstruktur und ihr Bestreben, ihr eigener Chef sein zu wollen sowie die Tatsache des mangelnden Einblicks der Mediziner in die physiotherapeutische Materie die Erlangung der Handlungsautonomie legitimieren (siehe auch Kapitel 4.3.3 „antizipiertes Fremdbild“). Der ihr zur Verfügung stehende zeitliche Behandlungsrahmen bzw. die Kontaktzeit mit der KlientIn übersteigt bei weitem den der ÄrztInnen und macht eine intensivere Betreuung der KlientIn möglich. Der Zeitfaktor, und hier meint die Studierende, dass sie mehr Zeit für die KlientIn hat als der Arzt, wird auch als Begründung für ganzheitlicheres Arbeiten (wobei Ganzheitlichkeit an dieser Stelle gleichgesetzt wird mit „Ganzkörperlichkeit“) und psychologische Unterstützung der KlientIn gesehen. Sie geht davon aus, dass die intensivere und individuellere Auseinandersetzung mit der KlientIn und die Kenntnis der eigenen Kompetenzen autonomes Handeln voraussetzt bzw. legitimiert. Im Laufe der weiteren Ausführungen schränkt die Studierende jedoch ein, dass sie Handlungsautonomie nur für sich selber nicht aber für die gesamte Berufsgruppe als sinnvoll erachtet, da die hohe Verantwortungsübernahme, die sie als Voraussetzung für Handlungsautonomie sieht, den meisten KollegInnen „den Boden unter den Füssen wegreißen“ würde. Hiermit spricht sie den KollegInnen ab, Verantwortung zu übernehmen/übernehmen zu können (siehe auch Kapitel 4.3.2 „physiotherapeutisches Selbstbild“). Sie unterstreicht allerdings deutlich, dass ihre Äußerungen nicht wertend zu verstehen sind und sie viel Verständnis für die KollegInnen hat, die sich an Vorgeschriebenem bzw. an Anweisungen/Rezeptvorschriften orientieren. Je länger ihre Ausführungen zur erklärten Handlungsautonomie jedoch sind, um so diffuser wird der Anspruch auf autonomes Handeln. Letztendlich schließt sie jedoch den Bogen, dass für sie eigentlich Teamarbeit und Transparenz im Vordergrund stehen sollten.

Text: A\A, Position: 100 – 101, Code: Professionalisieung\ Handlungsautonomie

387

„Ich für mich, ja, sofort, ich find' s schöner, nicht anweisungsgebunden zu sein, weil wir doch mehr Zeit haben, uns Patienten anzugucken, als es beispielsweise ein Arzt kann, der ja dann aufschreibt, nach Bobath oder so behandeln. Oftmals, wissen Ärzte auch gar nicht so genau, was Physios machen. Ich denke, das wäre schon sinnvoll bedingt, dass man eben da nicht weisungsgebunden ist, weil man dann eben adäquat auf den Patienten auch reagieren kann und auch handeln kann und nicht nur die Schulter, Schulter-Arm-Syndrom behandelt, sondern sieht, ah, der hat da auch noch 'ne Schiefstellung des Beckens, und das könnte da alles her kommen, dass man eben ganzheitlich, mein Schlagwort auch immer wieder, behandeln kann. Oder wenn jemand eben Fibromyalgie hat, dass man den nicht behandelt, weil er da grad was am Zeh hat, sondern dass man auch psychologisch auf den eingehen kann, ist natürlich auch der, was ich vorhin auch schon sagte, wieder 'ne große Herausforderung, und ein ziemlich hoher Anspruch so, das wäre für mich toll. Auf der andern Seite denk ich, dass es für viele Physiotherapeuten auch schwierig wäre, weil die das vielleicht grade gut finden, dass sie eben diese Verantwortung nicht haben, was nicht negativ ist oder positiv wieder, ohne Wertung, für viele ist das aber vielleicht grade gut, dass sie eben weisungsgebunden sind, weil sie dann das, was sie gelernt haben, auch sehr gut, aber eben genau das anwenden können. Nur für mich wieder, es wär toll, weil ich bin sowieso lieber mein eigener Chef. Aber ich denk, für viele würde das auch so 'n Boden unter den Füßen wegreißen sein. Ich weiß nicht, ob man das einfach so gutheißen soll. Es ist schwierig. Da müsste halt auch wieder an der Transparenz zu den Ärzten gearbeitet werden, dass die auch wirklich wissen, was sie dort verschreiben und das, es gibt ja viele Praxen, die auch Rücksprache halten zu ihren Ärzten und, wo das dann hin und her geht, was meinst denn du dazu, und kennst du den Patienten, guck dir den doch mal an, was hälst ' davon? Das ist toll, Transparenz dabei. Teamwork.“

Die Studierende des zweiten Beispiels hält es mit Rückgriff auf den internationalen Vergleich für sehr realistisch, dass die ÄrztInnen den PhysiotherapeutInnen in Zukunft vermehrt Handlungsautonomie zugestehen (müssen), da transparent wird, dass sie unterschiedliche Bereiche „bearbeiten“ bzw. sie unterschiedliche Schwerpunktsetzungen bzgl. der KlientIn aufweisen. Ähnlich wie im ersten Zitat spricht auch diese Studierende die eigene Übernahme von Verantwortung an, d. h. sie hält sich für durchaus in der Lage, Verantwortung für die KlientInnenbehandlung zu übernehmen - und zwar von der Diagnosestellung hin bis zur Durchführung therapeutischer Interventionen. In dem Maße, in dem PhysiotherapeutInnen Verantwortung übernehmen, „wälzen sie die Verantwortung nicht mehr auf den Arzt“ ab und können sich nicht mehr „hinter dem Ofen verstecken“. Sie reflektiert aber darüber hinaus, dass PhysiotherapeutInnen bereits jetzt über eine relative Handlungsautonomie verfügen, denn ein Rezept wird selten – aufgrund der unterstellten Unkenntnis der MedizinerInnen und des diffusen Verschreibungsverhaltens - als verbindliche Vorschrift gesehen. Mit der Übernahme vermehrter Verantwortung verknüpft sie darüber hinaus aber auch eine verbesserte Vergütung ihrer eigenen Tätigkeiten.

388

Text: D\R, Position: 95 – 95, Code: Professionalisierung\ Handlungsautonomie

„Das hat Vor- und Nachteile, den Vorteil, dass wir sicherlich irgendwann mal ein höheres Gehaltsniveau bekommen, dass wir sicherlich immer mehr wissenschaftlich arbeiten, wie das die Mediziner ja nun auch schon versuchen. Schwierig wird es, wir können uns nicht mehr hinterm Ofen verstecken und sagen, haha, wir geben die Verantwortung an den Arzt ab, der ist ja der, der unterschreibt und wir behandeln nur. Der Vorteil, wir können hoffentlich irgendwann auch mal gewisse eigene, selber Entscheidungen treffen, wieviel Behandlungseinheiten, wie was gemacht werden kann. Gesetzmäßig dürfen wir ja eigentlich noch gar nichts entscheiden Auf der einen Seite machen sie's heute schon, wenn man überlegt, wenn mir ein Arzt schreibt, Rückenschmerz, mach mal Krankengymnastik, muss er davon ausgehen, dass ich den Patienten diagnostizieren muss, weil Rückenschmerz ist ein relativ weiter Begriff für mich, und mit Krankengymnastik sagt er mir auch nicht, was ich zu tun und zu lassen hab. Die wenigsten Ärzte wissen eigentlich, was wir mit dem Rezept oder was sie mit dieser Ausstellung des Rezeptes bewirken, nämlich, dass ich da freie Hand habe, im Endeffekt. Irgendwann mal über kurz oder lang muss der Arzt die Entscheidungsfreiheit abgeben, einfach durch internationalen Druck.“

389

Zusammengefasst sehen die Begründungsmuster für Handlungsautonomie wie folgt aus:

PhysiotherapeutInnen sollten Verantwortung übernehmen und nicht alles auf die MedizinerInnen abwälzen.

390

PhysiotherapeutInnen haben mehr Zeit für die KlientIn und können sich individueller und intensiver um die KlientInnen bemühen als die MedizinerInnen.

391

MedizinerInnen haben einen mangelnden Einblick in die physiotherapeutische Materie und sind somit auch nicht adäquat in der Lage, physiotherapeutische Leistungen einzuschätzen bzw. diese zu verordnen.

Der Angleich an die KollegInnen der internationalen Fachgemeinschaft muss geschafft werden, denn diese besitzen zumeist als first-contact-practitioner eine hohe Autonomie.

392

Höhere Vergütungsforderungen könnten mit der Übernahme von mehr Verantwortung einhergehen.

4.3.5.2 Begründungsmuster gegen Handlungsautonomie

Diejenigen TherapeutInnen, die zunächst in der Erlangung von Handlungsautonomie zur Weiterentwicklung des Berufes kein vorrangiges, sondern eher ein Fernziel sehen, begründen dieses auf fünf Weisen.

393

Begründung 1: Die Persönlichkeitsstruktur von PhysiotherapeutInnen und das Selbstverständnis, mit dem sie diesen Beruf erlernen (siehe auch Kapitel 4.3.2 „physiotherapeutisches Selbstbild“) nämlich explizit unter der ärztlichen Verordnung zu arbeiten, „Handlanger“ zu sein, macht die Übernahme von Eigenverantwortung schwierig.

Text: E\T, Position: 116 – 117, Code: Professionalisierung\Handlungsautonomie

394

„Also offensichtlich ist es ja so, dass dieses Selbstverständnis mit dem viele Physiotherapeuten werden, eher so ist, dass sie, also ich will's mal hart ausdrücken, aber dass sie eigentlich Handlanger sind. Und nicht, also, keine Eigenverantwortung übernehmen müssen. Also so lange das im Hintergrund ist, und Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen unter diesen Voraussetzungen die Ausbildung antreten, werden sie auch sich schlecht davon lösen können, dass sie auf einmal Verantwortung für etwas übernehmen sollen.“ (Berufserfahrene)

Begründung 2: PhysiotherapeutInnen können gerade nach ihrer Ausbildung nicht die ärztliche Untersuchung ersetzen bzw. eine adäquate Diagnose stellen. Die Ausführungen der hier zitierten Novizin rekurrieren in ihrer Ausdrucksweise deutlich auf die reduktionistische Betrachtungsweise medizinischer Modelle, wenn sie von Lendenwirbelsäulen- und Schulter-Arm-Syndromen und nicht von KlientInnen spricht.

Text: C\M, Position: 112 – 112, Code: Professionalisierung\ Handlungsautonomie

395

„Ich fühl mich nicht dazu in der Lage, da eine Diagnose stellen zu können. Von den Mitteln nicht, von meiner Ausbildung her nicht, gut, dass ich mir schon zutraue, dass, wenn da ein LWS-Syndrom (Lendenwirbelsäulensyndrom) kommt zum hundertsten mal, oder ein Schulter-Arm-Syndrom, das ich dann sage, gut, vielleicht guckt der sich noch mal die Halswirbelsäule an oder so. Aber das ich da 'ne große Diagnose stell oder so, ja, trau ich mir jetzt nicht zu, trau ich ganz vielen nicht zu, vielleicht können's manche. Aber da kommt das Wissen auch einfach nicht aus der Ausbildung, aus Fortbildungen, glaub ich.“ (Novizin)

Text: D\O Position: 108 – 108, Code: Professionalisierung\Handlungsautonomie

396

„Auf der einen Seite denk ich mir, dass ich es vielen, vielen Kollegen zutraue, dass sie so pflichtbewusst, ich sag jetzt mal, untersuchen können, dass sie 'ne klare Aussage treffen können, ob das für alle so die glückliche Lösung wäre, würd ich sagen, nein. Ich weiß nicht, ob ich mit 20 die Tragweite hätte erkennen können, dass ich jetzt sage, o.k., das trau ich mir durchaus zu. Ich fand es bisher nicht unangenehm, die Möglichkeit zu haben, was weiß ich, Ärzte oder andere Berufsgruppen zu fragen oder gewisse Richtungen vorgezeigt zu bekommen und dann aber zu sagen, o.k., das ist jetzt ganz klar dein Bereich, da kannst du weiter untersuchen. Mittlerweile denk ich mir, ich sag mal, auch mit dem Studium, sind wir natürlich noch keine Ärzte, das ist nach wie vor ganz klar. Und, in manchen Bereichen sag ich ganz klar, also ich möchte da irgendwie nicht die Verantwortung für übernehmen und ich möchte eigentlich auch die klare Diagnose nicht stellen müssen.“ (Berufserfahrene)

Begründung 3: Handlungsautonomie ist letztlich deswegen nicht vordergründig, weil die PhysiotherapeutInnen bereits im Arbeitsleben autonom genug sind.

397

Text: E\S, Position: 246 – 246, Code: Professionalisierung\Handlungsautonomie

„Auf der andern Seite muss ich sagen, hab ich in der Behandlung selber auch im Klinikverbund da nie irgendwelche Bevormundungen oder so was erlebt, also da hab ich mich schon autonom gefühlt in allem, was ich entschieden habe oder konnte letztendlich machen, was ich wollte. Von daher stellt sich jetzt die Frage innerhalb der Therapie oder innerhalb 'ner Klinik nicht.“ (Berufserfahrene)

398

Begründung 4: PhysiotherapeutInnen zum jetzigen Zeitpunkt Handlungsautonomie zuzusprechen, wäre verfrüht, weil die wissenschaftliche Untermauerung physiotherapeutischen Wissens noch nicht genügend fortgeschritten ist.

Text: E\S, Position: 247 – 259, Code: Professionalisierung\ Handlungsautonomie

399

„Ich denke an, ja, an Empirie letztendlich, oder an EBM, einfach an Nachweise, dass wir wirklich auch belegen können, so, und wir sind wer und die Behandlung nützt aus den und den Gründen und es ist wissenschaftlich nachgewiesen. Das hängt jetzt auch zusammen, ich denk, Unabhängigkeit, wenn man jetzt einfach schreit, wir wollen unabhängig werden, ich denke, es wird ohnehin ein harter Kampf und dann muss man schon ein bisschen was im Rücken haben.“ (Berufserfahrene)

Text: B\E, Position: 150 – 152, Code: Professionalisierung\Handlungsautonomie

400

„Wir müssen jetzt quasi erst mal von diesem Turnmaus-Klischee wegkommen, wir müssen jetzt erst mal zeigen, o.k., wir werden akademisiert, zum Beispiel, wir lernen empirisch zu arbeiten, wir können begründen und belegen, was wir machen, und dann, wenn wir diesen, auch diesen Wissenspool haben, und über den Tellerrand raus gucken, dann könnt ihr uns eigentlich auch mal zugestehen, dass wir in der Lage sind, Diagnosen richtig selber zu stellen. Ich finde das ja jetzt übertrieben, zu sagen, so wir wollen jetzt von heute auf morgen diese Handlungsautonomie, es würde in die Hose gehen, knallhart, weil ich denke, dass sich auch ganz viele davon einfach überfordert fühlen würden.“ (Novizin)

Begründung 5: Handlungsautonomie bzw. das komplette Lossagen von den Ärzten wird insgesamt für nicht erstrebenswert erachtet, da es eine unnötige Abgrenzung der Berufe gegeneinander bedeuten würde. Die TherapeutInnen, die dieses Begründungsmuster angeben, schätzen ihre eigenen Handlungskompetenzen ein und erkennen die Limitierung ihrer Zuständigkeiten. Sie fokussieren sehr stark auf interdisziplinäre Zusammenarbeit und Ergänzung der Wissensbestände zum Wohl der KlientIn.

Text: E\U, Position: 85 – 85, Code: Professionalisierung\Handlungsautonomie

401

„Was ich mir gut vorstellen könnte, ist, eben da 'ne enge Zusammenarbeit zu schaffen, dass der Arzt eben, beispielsweise, wirklich wenig investiert und sagt, das können wir gleich weitergeben, und dass ich wiederum sage, an der und der Stelle ist mir das zu heikel, ich möchte gerne, dass der (Patient) noch mal 'nem Arzt vorgestellt wird, also das ist schon noch mal so 'ne, wie ein Filter ist, aber auch in Form 'ner engen Zusammenarbeit. Also ich würd mich nicht gerne völlig unabhängig machen, ich denk auch im Hinblick auf Vernetzung und integrierter Versorgung ist ein völliges Unabhängigmachen vielleicht gar nicht unbedingt anzustreben, ich denke aber trotzdem, dass der weitere Weg sich schon sehr in Richtung unabhängige Leistungen entwickeln wird aber dieses völlige Lossagung von ärztlicher Verordnung halt ich nicht für gut oder erstrebenswert.“ (Berufserfahrene)

Text: A\B, Position: 156 – 156, Code: Professionalisierung\Handlungsautonomie

402

„Aber warum muss es diese, auf dem Papier diese Handlungsautonomie sein, wenn's 'ne Teamarbeit sein könnte. Ist zwar vielleicht was Gutes und ich kann viel tun, aber schwarze Schafe gibt's dann immer und dann gerät das Berufsbild auch wieder in die Kritik und, es wär doch eigentlich da viel besser, wenn's 'ne Handlungsautonomie in soweit wär, dass man mit mehreren Fachkräften zusammen arbeitet und zum Ziel findet und nicht jetzt alleine davor steht, sondern wirklich Arzt, was weiß ich, Logopäde, Physiotherapeut zusammen dann das Ziel entwerfen.“ (Novizin)

Auffällig häufig wird von den Studierenden bei ihren Begründungen auf die pauschale Einschätzung ihrer eigenen Berufsgruppe verwiesen, der sie die Übernahme von Verantwortung nicht so recht zutraut. Sie halten den überwiegenden Teil der BerufskollegInnen für nicht kompetent genug, die Verantwortung auch der Diagnosestellung übernehmen zu wollen bzw. können, da die wissenschaftliche Untermauerung physiotherapeutischen Wissens noch nicht ausreichend vorhanden ist. Das Studium bedeutet jedoch einen wesentlichen Schritt in Richtung autonomer Handlungspraxis. Das zweite große Thema, welches die Studierenden ansprechen, ist der Wunsch nach einer gelingenden interdisziplinären Zusammenarbeit. Interdisziplinarität wird verstanden als das Zusammenwirken der unterschiedlichsten medizinischen Fachbereiche zum Wohle der KlientIn, geknüpft an die Reflexionsfähigkeit der einzelnen Berufsangehörigen.

4.3.6 Professionalisierung und Fort- und Weiterbildung

403

Im Zusammenhang mit Professionalisierung und Professionalität und den dazugehörigen Wissenskomponenten äußern sich die PhysiotherapeutInnen zum Fort- und Weiterbildungsverhalten ihrer Berufsgruppe, die auch im Kontext von lifelong learning Aspekten betrachtet werden können.

Normalerweise gibt es zwei idealtypische Muster für die Teilnahme an Fortbildung/Weiterbildung (FB/WB). Zum einen existiert das klassische Modell der freiwilligen Teilnahme an FB/WB. Dieses beinhaltet einen Verlauf, der die freiwillige Befriedigung von Lerninteressen zum Ziel hat. Hier stehen am Anfang Lerninteressen, die sich zu konkreten Weiterbildungsabsichten entwickeln, und letztendlich zu einer Weiterbildungsteilnahme führen. Das andere Modell greift die subjektiv empfundene Weiterbildungspflicht als Reaktion auf tatsächlichen oder vermeintlichen äußeren Druck auf. Dieses bedeutet, dass der betreffende Teilnehmer glaubt, sich der Weiterbildung nicht entziehen zu können. In diesem Modell finden sich also solche Faktoren wieder, die entweder extern z. B. durch Arbeitgeber initiiert worden sind oder aber subjektiv als Pflicht empfunden werden. Ein Beispiel hierfür könnte der drohende Arbeitsplatzverlust sein.

Die beruflichen Lerninteressen kann man laut BSW VI5 grundsätzlich in zwei große Bereiche eingliedern. Zum einen in den Bereich, der das Interesse an der Anpassung und der Erweiterung der vorhandenen Kenntnisse beinhaltet. Zum anderen in den Bereich, der das Interesse am Nachholen von Abschlüssen und Umschulungen, die sog. kompensatorische WB aufgreift. Diese kompensatorische WB soll jedoch an dieser Stelle unberücksichtigt bleiben.

404

1994 wurden im BSW VI (s.o.) auf die Frage nach den Motiven für die Fortbildungsteilnahme drei im Antwortverhalten vorgegebene Antworten favorisiert.

An erster Position rangiert „das Interesse an der Anpassung an neue Entwicklungen und Anforderungen im Beruf“; auf Position zwei und drei „das Vermeiden beruflicher Verschlechterungen sowie das Erreichen von beruflicher Verbesserung"6. Behringer gibt im SOEP (Sozio-ökonomischen Panel)7 die folgenden Motive für Fortbildung an:

405

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, sind Angehörige medizinischer Berufe vermehrt in Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen anzutreffen. Sie nehmen sehr viel stärker aus eigenem Antrieb an beruflicher WB teil als vergleichsweise die Angehörigen anderer Branchen (zum Beispiel der Metallbranche - 60% versus 20%).8

In der Auswertung einer 1997 und 1999 erfolgten Längsschnittstudie zum Fort- und Weiterbildungsverhalten von PhysiotherapeutInnen (Schämann 2001) hat sich in der Berufsgruppe eine sehr hohe intrinsische Motivation, an Fortbildungen teilzunehmen, dargestellt. Von den damals knapp 680 befragten TherapeutInnen hatten bereits 85% während des ersten Jahres nach Abschluss ihrer Ausbildung an einer Fortbildung teilgenommen (zum damaligen Zeitpunkt gab es noch keine Studienmöglichkeiten für Physiotherapie in Deutschland). Es zeigte sich, dass die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen während der ersten fünf Jahre nach Berufsabschluss enorm hoch war und danach kontinuierlich abgenommen hatte.

Die von den damals befragten PhysiotherapeutInnen angegebenen Motive ließen sich in fünf Kategorien unterteilen, von denen nur die ersten vier für die vorliegende Arbeit als relevant zu bezeichnen sind:

406

In die erste Kategorie wurden diejenigen Antworten gefasst, deren eindeutige Kernaussagen die Wissenserweiterung beinhalteten. Häufig vorkommende Antworten waren z. B. „Ich möchte mein Wissen erweitern, ich möchte etwas Neues lernen, Interesse an der Thematik, etc.“

Die zweite Kategorie beinhaltete diejenigen Antworten, die explizit das Wohl der KlientIn als zentralen Punkt des Antwortverhaltens erkennen ließen. Das typische Antwortverhalten in dieser Kategorie war: „Ich möchte dem Patienten besser helfen, ihn besser therapieren können, effektiveres Arbeiten und Verbesserung der Therapie“.

Die dritte Kategorie enthielt alle Antworten, deren Motivation eindeutig auf eine Verbesserung der Vergütung hinwiesen: „Höherbezahlung, bessere Abrechnungsmöglichkeiten nach Zertifikaterlangung“.

407

In der vierten Kategorie wurden dann all jene Antworten gebündelt, die Aufstiegsabsichten bzw. -tendenzen erkennen ließen und die Konkurrenzfähigkeit in den Mittelpunkt stellten: „Leitungsfunktionen zu übernehmen; besser zu sein (therapieren zu können) als die Kollegen, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern“.

Bei der kumulierten Betrachtung der ersten beiden Kategorien ließ sich dann aufzeigen, dass im Jahr 1997 85% der befragten Physiotherapeutinnen und 1999 83% die Teilnahme an Fortbildungen im Sinne einer Anpassungsfortbildung begründeten und eine hochgradige intrinsische Motivation aufwiesen.

Genauso konnten die Kategorie drei und vier kumuliert betrachtet werden, denn die Motivation ging eindeutig in Richtung Aufstiegsfortbildung. Insgesamt waren es jedoch nur 13% (1997) bzw. 16% (1999) der befragten TherapeutInnen, die beim Besuch der Fortbildungen einen beruflichen Aufstieg oder eine bessere Vergütung vor Augen haben.

408

Während die 1997 und 1999 befragten PhysiotherapeutInnen eine positive Einstellung gegenüber Fortbildungen hatten (sie nahmen zum Zeitpunkt der Befragung an einer Fortbildung teil), äußern sich die hier befragten Studierenden sehr kritisch zur Situation auf dem physiotherapeutischen Fort- und Weiterbildungsmarkt.

4.3.6.1 Einschätzung der Studierenden zum Fort- und
Weiterbildungsverhalten

Bevor im folgenden die Einschätzungen der Studierenden hinsichtlich des bestehenden physiotherapeutischen Habitus, an vielen Fort- und Weiterbildungen teilzunehmen dargestellt werden, verdeutlicht ein Zitat exemplarisch, wie die Fort- und Weiterbildungskarrieren von PhysiotherapeutInnen aussehen können. Die Studierende, die über fünf Jahre Berufserfahrung verfügt, berichtet von ihrem Werdegang, der als relativ typisch für PhysiotherapeutInnen gesehen werden kann. Sie hat sich zunächst im Fachbereich der Neurologie spezialisiert und an entsprechenden Fort- und Weiterbildungen teilgenommen. Nach einer gewissen Zeit sucht sie jedoch nach weiteren Ergänzungen und Erweiterungen ihres Wissens. Der Abbruch einer zunächst begonnenen Fortbildung wird sowohl mit der inhaltlichen als auch der personellen Seite begründet. Die Inhalte der Fortbildung waren auf der einen Seite bereits Bestandteil der Ausbildung gewesen - also ergibt sich kein Zugewinn an Wissen, auf der anderen Seite ist die Persönlichkeit des Fortbildungsleiters/Instruktors abschreckend. Die PhysiotherapeutIn beschreibt ihn als jemanden, der ein „Papst-Denken“ an den Tag legt (dieser Ausspruch erinnert an den Vergleich von „Physiotherapie“ mit der „katholischen Kirche“ im Kapitel 4.3.2 „Physiotherapeutisches Selbstbild“). Er ist intolerant anderen therapeutischen Denkrichtungen gegenüber und stellt sein Wissen als Alleingültiges dar. (Eine weitere Studierende spricht in einem ähnlichen Zusammenhang von „Gurutum“). Sie begründet die Fortbildungsteilnahme mit ihrem eigenen Wissensdurst und der Weiterentwicklung ihrer therapeutischen Kompetenz. Sie stellt heraus, dass Informationen zur Qualität einer Fortbildung nur in Form der Mund zu Mund Überlieferung existieren, d. h. bei guten Erfahrungen werden die entsprechenden Fortbildungen von KollegInnen weiter empfohlen.

Text: E\S, Position: 124 – 130, Code: Professionalisierung \ Fortbildung \ Fortbildungsverhalten

409

„Ich hab mich spezialisiert in erster Linie in neurologischer Richtung, hab da einige Fortbildungen gemacht. Das fing an mit 'nem Schädel-Hirn-Trauma-Kurs, ein Ataxie-Kurs, ein normaler Bewegungskurs, ein Bobath-Kurs, dann hab ich gedacht, mir fehlt ein bisschen was, die orthopädische Richtung, was mit Rücken und Gelenken zu tun hat und hab dann auch Manuelle angefangen. Und dann hatt ich glaub ich mal 'ne FBL-Fortbildung gemacht, aber die dann schnell wieder über'n Haufen gekippt.

410

F. Warum?

Weil wir, unsere Orthopädie-Ausbildung in der Schule war reine FBL, und die war relativ gut, und mir ist dieser, dieser, ja, dieser Instructor, ich hab nicht neues gelernt, und so wie die nächsten zwei Kurse sich zum Beispiel gelesen haben, hätt ich auch nichts Neues gelernt und hab dann gedacht, nee, also, das ist Geld zum Fenster raus geworfen, da gibt's andere Sachen, die einen eher weiter bringen, und diese Art von dem Instructor hat mich auch abgeschreckt, weil er halt noch dieses Papst-Denken hat und alles andere ist schlecht. Und dann haben mich halt die neurologischen Sachen wesentlich mehr interessiert, bzw. hab ich da einfach selber dieses Bedürfnis nach Wissen

411

F. Ich wollt grad fragen, nach welchen Kriterien haben Sie dieFortbildungen ausgewählt?

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Ja, danach was mich oder meinen Berufsalltag in erster Linie ausgemacht hat und wo ich am meisten Defizite gesehen habe, dann auch nach den Leuten. Wir waren ein Team von 18 oder 20 Leuten, die auch schon etliche lange Jahre Berufserfahrung hatten, die dann auch wussten, wer gut ist. Und Bobath war für mich ohnehin klar, dass ich's machen möchte, der normale Bewegungskurs war auch so'n Ding, der hat mich absolut überzeugt, weil ich danach einfach, das war 'ne Anleitung zum selber lernen für mich.“

Die Studierenden hatten bei der Beleuchtung ihrer schulischen Ausbildung berichtet, dass sie bereits während ihrer Ausbildung darauf vorbereitet werden, dass mit dem Abschluss der Ausbildung zur „PhysiotherapeutIn“ das Lernen erst richtig losgehen werde, da dann die üblichen Fortbildungen absolviert werden müssten. Gerade die NovizInnen zeigen eine hohe Unzufriedenheit mit diesem Zustand, da die zu besuchenden Fortbildungen nicht nur einen hohen finanziellen und Freizeitaufwand bedeuten, sondern mittlerweile als Zwang empfunden werden, dem man sich kaum entziehen kann. Sie sprechen von einem Teufelskreis, wenn sie erklären, dass die Teilnahme an bestimmten Fortbildungen geknüpft ist an eine gewisse Berufserfahrung, auf der anderen Seite aber beim Einstieg in das Berufsleben von den Arbeitgebern bereits Fortbildungen gefordert werden. Zudem unterstreicht es das defizitäre Gefühl, von dem sie nach Beendigung ihrer Ausbildung berichtet haben (siehe Kapitel 4.1.3 Bewertung der fachschulischen Ausbildung). Sie wünschen sich vermehrt Fortbildungsinhalte als integralen Bestandteil ihrer Ausbildung/ihres Studiums, der es ihnen ermöglicht, Prinzipien zu erlernen anstelle dogmatischen Wissens. Eine Novizin schlägt vor, ein ähnliches Punktesystem einzuführen wie es bei den Ärzten existiert, welches Fortbildung ermöglicht und nötig macht, um sich den neuesten Entwicklungen und Erkenntnissen anzupassen, und erhoffen sich die Reduktion der bestehenden „Fortbildungshysterie“. Sehr frustriert berichten die Studierenden, die ihr Studium nach dem holländischen Modell absolvieren, dass ihnen die in das Studium integrierte manualtherapeutische Ausbildung, die den Umfang des deutschen Zertifikatskurses erheblich überschreitet, in Deutschland zur Abrechnung der (Leistungskatalogs-) Position „Manuelle Therapie“ nicht angerechnet wird.

Text: C\L, Position: 174 – 175, Code: Professionalisierung\Fortbildung/Fortbildungsverhalten

413

„Ich weiß nicht, wie die Entwicklung kam, dass man so viele Fortbildungen machen will, auch machen muss, wie das entstanden ist, dass würd mich mal brennend interessieren, muss ich ehrlich gestehen, weil ich einfach denke, dass das der falsche Weg ist, also es kann nicht sein, dass man eigentlich die Ausbildung beendet und eigentlich schon wieder bei Null anfängt. Und, es ist halt, letzten Endes, 'ne riesen Geldmacherei mit den ganzen Fortbildungen, da fragt man sich, ob man denn wirklich so grundlegend viel Neues erfährt. Wobei ich halt schon denke, dass halt von dem Inhalt die Ausbildung relativ dicht gepackt ist, so dass wir nicht als Anfänger, so wie man dargestellt wird, aus dieser Ausbildung heraus kommt und wieder bei Null anfangen muss. Ich kann eher so was, mir so'n Punktesystem bei den Ärzten, dass man Fortbildungen nicht weg lässt, aber das halt nicht mit so'm, ja, Ehrgeiz und Hobby betreibt, wie's betrieben wird, sondern einfach es darum geht, dass man auf dem neuesten Stand ist.“ (Novizin)

Text: A\B, Position: 79 – 79, Code: Professionalisierung/Fortbildung/Fortbildungsverhalten

414

„Warum muss es diese Fortbildungslandschaft geben, warum kann nicht ein gewisser Anteil da (in die Ausbildung) mit integriert werden, das wär eigentlich meiner Meinung nach ein bisschen angenehmer und das, ja, die Lehrer werden ja dafür bezahlt, uns was beizubringen, also warum können die nicht in gewisser Weise einige Fortbildungen, in Anführungsstrichen, machen dürfen.“

Eine weitere Besonderheit ist einer Studierenden während einer Fortbildungsteilnahme im Zusammenhang mit der inhaltlichen Ausgestaltung der Fortbildungen aufgefallen. Sie erwähnt, dass ihre „deutschen“ KollegInnen in den Fortbildungen unruhig und unzufrieden werden, sobald die DozentInnen über Studien oder wissenschaftlichen Erkenntnisse zu berichten beginnen, die möglicherweise bestehendes Wissen in Frage stellen oder aber keine klaren, eindeutigen Handlungsrichtlinien geben können, da hierfür die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht hinreichend sind. Dieses Zitat greift besonders die genannten Schwierigkeiten im Umgang mit „Nicht-Rezeptwissen“ auf.

415

Text: B\F, Position: 89 – 89, Code: Professionalisierung / Fortbildung / Fortbildungsverhalten

„Also diese wissenschaftliche Untersuchung von verschiedenen Techniken, da ist das Interesse teilweise kaum, nicht so da. Also, bei diesem Kurs waren auch sehr viel deutsche Physiotherapeuten, und die meisten haben eigentlich schon Interesse gezeigt, aber es waren auch ein paar dabei, die gesagt haben, was will ich denn überhaupt mit den ganzen Studien. Also, die haben da überhaupt kein Verständnis dafür gehabt und das ist mir bei ner anderen Fortbildung aufgefallen, bei nem, auch bei nem wissenschaftlich, oder bei nem studierten Physiotherapeuten. Und da war es ganz extrem, also da war, da hatt ich das Gefühl, die konnten gar nichts damit anfangen, was dieser Mann da gesprochen hat. Und die Therapeuten, die eigentlich sonst noch da waren, die haben halt immer nach Konzepten gefragt, oder nach klaren Richtlinien, Behandlungsrichtlinien und er hat halt immer gesagt, ne, das geht eigentlich gar nicht, oder das können wir ja gar nicht sagen. Also, da drüber gibt’s einfach überhaupt keine Studien und wir müssen’s individuell festlegen und auch Verantwortung übernehmen. Das geht einfach nicht so leicht, wie man sich das vorstellt. Also, das war ne sehr demotivierende Stimmung, die zwei Tage. Weil das Interesse auf einmal an dieser ganzen Fortbildung abgenommen hat. Gravierend. Also, die Leute kamen morgens spät, die sind abends früher gegangen. Also es war auch nicht schön für diesen Fortbilder. Der hat da vorne gesessen und hat sich bemüht und die Leute sind dann einfach am zweiten Tag oft nicht mehr gekommen.“ (Novizin)

416

Während die BerufsnovizInnen vor allen Dingen den subjektiv empfundenen Zwang zur Fortbildung unterstreichen und in diesem Zusammenhang kritisieren, dass die Fortbildungsinhalte nicht andeutungsweise integraler Bestandteil der veralteten Ausbildung sind, so bemängeln insbesondere die langjährig Berufserfahrenen den unkontrollierten Fortbildungsmarkt und fordern im Sinne von Qualitätssicherung und Transparenz Richtlinien und Orientierungshilfen, die nicht nur für die eigene Berufsgruppe, sondern auch für angrenzende Berufsgruppen existieren sollten. Im Zusammenhang mit der nicht vorhandenen bzw. nicht garantierten Qualität werfen sie bestimmten Gruppierungen vor, sich Marktanteile sichern sowie sich profilieren zu wollen, ohne die Weiterentwicklung des Berufes im Blick zu haben und somit dem Berufsstand als solchem bzw. seiner professionellen Weiterentwicklung zu schaden. Sie verleihen ihrer Forderung nach mehr Qualität Ausdruck, indem sie hervorheben, dass sie für die hohen Teilnahmegebühren einen entsprechend qualitativen „Input“ einfordern können. Auf der anderen Seite vermuten sie, dass die mangelnde Qualität der Fortbildungen u. a. mit der fehlenden pädagogischen Ausbildung der DozentInnen zu tun haben könnte. In Verbindung mit der zunehmenden Akademisierung erhoffen sie sich, dass die Fortbildungen, so wie sie sich zurzeit auf dem Markt präsentieren nicht mehr existieren werden, sondern sich als ein elementarer Bestandteil der jeweiligen Fachrichtung in das Fachhochschulstudium integrieren lassen, d. h. dass beispielsweise neurologische Fortbildungen wie Bobath, etc. als „handwerkliches Gerüst“ für das vertiefende Studium der Physiotherapie in der Neurologie sein werden.

Text: E\T, Position: 62 – 70, Code: Professionalisierung \ Fortbildung \ Fortbildungsverhalten

417

„Ich empfinde es irgendwie als ziemlich furchtbar. Also es ist erst mal einmal unübersichtlich, gerade für'n Berufsanfänger ist es relativ unmöglich, also sich zu entscheiden irgendwie, in welche Richtung das geht. Also so die Qualitätskriterien, denk ich, sind da alles andere als einheitlich, und es ist, ich suche schon die ganze Zeit nach dem richtigen Wort dafür, also es ist halt, es hat für mich nicht richtig was mit dem Beruf zu tun, sondern das sind einfach bestimmte Gruppierungen, die versuchen, sich auf ihre Weise zu profilieren, und durchaus auch, also eher so Marken, Markenprodukte zu schaffen, und die eben zu verkaufen. Also ich weiß nicht so ganz genau, wie man das Problem lösen kann, aber der Weg, wie das momentan ist, das ist mir viel zu verfilzt, stört eigentlich das Gesamtbild der Physiotherapie, also, um ein einheitliches Bild der Physiotherapie zu schaffen, ist das absolut tödlich.“ (Berufserfahrene)

Text: E\S, Position: 136 – 139, Code: Professionalisierung \ Fortbildung / Fortbildungsverhalten

418

„Dass man ja doch eigentlich die Kosten selber trägt und im Vergleich zum Verdienst oder zu andern Berufen, steht (das) in keiner Relation, dann find ich zum Teil auch etwas übertrieben diese gesamten tausend (Fortbildungs-)Richtungen, die es gibt, also, in Anlehnung an und hier und da und teilweise extra verwirrend gemacht, ja, und was Qualität angeht, also ich denke, man merkt deutliche Unterschiede zwischen den Instruktoren, die eben auch eigentlich keine Lehrausbildung haben, denk ich, ganz viele zumindest nicht, und dass da solche Qualitätsunterschiede sind, find ich extrem ärgerlich. Wenn man 'n großen Kurs macht und dafür 2500 Mark oder 3000 Mark bezahlt, dann erwart ich zumindest auch, dass ich dementsprechend Input kriege, und wenn man dann halt Pech hat und hat nun mal eben jemand da stehen, wo auch andere Instruktoren die Hände über'n Kopf zusammen schlagen, find ich, gehört da einfach 'n Aussiebverfahren oder irgend 'ne Regelung hin, das so was nicht passieren kann, das find ich oberfaul. Ich würd das ganze System ändern. Also, wenn, was weiß ich, in 15 Jahren die ganze Ausbildung eigentlich an die FH gezogen werden soll oder auch mal an der Uni, dass das einfach diese ganzen Fortbildungsrichtungen nicht mehr auf dem freien Markt quasi existieren sondern eher in eine Ausbildung integriert sind, dass man sich da entscheiden kann, meinetwegen für den Bereich Orthopädie oder für den Bereich Neurologie oder Pädiatrie, und da einfach das Handwerkszeug letztendlich mit bekommt in der Ausbildung und nicht so'n pseudo-duales System, wie es momentan ist.“ (Berufserfahrene)

Im Hinblick auf die professionelle Verortung bringen die Studierenden- ähnlich wie in dem Kapitel zum beruflichen Selbstverständnis bereits angesprochen- die Kritik an der mangelnden Selbstreflexion über das rezeptweise „Verabreichen“ von Wissen durch die Fortbildungsveranstaltungen. Das vermittelte Wissen wird als absolut dargestellt und führt dazu, dass sich der Grossteil der PhysiotherapeutInnen über die Konzepte definiert (siehe hierzu auch das Kapitel 4.3.1 „Definition Physiotherapie“ ).

Text: B\H, Position: 74 – 75, Code: Professionalisierung \ Fortbildung / Fortbildungsverhalten

419

„Es sieht immer so'n bisschen aus, dass in Deutschland, es klingt zwar blöd, aber es besucht jemand einen Kurs, und der nennt sich PNF, und dann werden die nächsten 30 Patienten, ob sie's nun wollen oder nicht und ob's jetzt wirklich hundertprozentig angebracht ist oder nicht, werden nach PNF behandelt.“

Es lässt sich durch das Studium eine zunehmende kritisch-distanzierte Haltung gegenüber dem Fort- und Weiterbildungssystem erkennen und sich für die Zukunft auch eine Veränderung im Fort- und Weiterbildungsverhalten der studierten PhysiotherapeutInnen vermuten. Während sich in den Jahren 1997 und 1999 eine wenig hinterfragte Selbstverständlichkeit bei den PhysiotherapeutInnen bei der Nachfrage nach Fort- und Weiterbildung verzeichnen ließ - so zeigt sich nun eine reflektiert- fordernde Einstellung, die möglicherweise auch Konsequenzen für den entsprechenden Markt bedeuten könnte.

420

Interessanterweise lässt sich auch feststellen, dass sich für einige TherapeutInnen das Studium als Fortsetzung ihrer Fort- und Weiterbildungskarriere begreifen lässt. Dieses trifft insbesondere auf die Studierenden zu, die sich nach ca. vier bis fünf Jahren Berufserfahrung zu diesem Studium entschließen, also zu einem Zeitpunkt, an dem das Fort- und Weiterbildungsverhalten der TherapeutInnen rückläufig wird. Diese Studierenden gehören vermehrt dem Typ „Aufstiegsorientiert“ an. Während die Teilnahme an Fortbildungen eher im Sinne einer Anpassungsfortbildung gesehen werden, so ist mit dem Studium deutlich die Aufstiegsorientierung erkennbar (bereits ausgewertet im Kapitel 4.2.1 „Studienmotivation und Erwartungen an das Studium“).

4.3.7 Professionalisierung und berufspolitische Vertretung

Ein Thema, welches die Studierenden insbesondere im Zusammenhang von Akademisierung und Professionalisierung bewegt, ist die Verknüpfung mit ihren berufspolitischen Standesvertretungen. Sie sprechen von der Zersplitterung des Berufsstandes durch die Existenz mehrere konkurrierender Verbände und sehen darin einen Erklärungsgrund für die mangelnde politische Wirkkraft („wer kennt denn schon den Verband“) und das mangelnde Mitspracherecht, das die Physiotherapie im Gesundheitssystem aufweist.

Text: C\L, Position: 181 – 181, Code: Professionalisierung\Verband

421

[...] „und dann eigentlich, wo Physiotherapeuten im politischen Sinne schon mal gar keine Lobby haben, sich diese geringe Lobby dann noch auf vier oder fünf Berufsfachverbände noch mal zerteilt, das war glaub ich ein Fehler“

Diejenigen Studierenden, die während ihres Studiums Kontakt zu ihren ergotherapeutischen KollegInnen haben, vergleichen mit deren berufsständischer Vertretung, die in ihren Augen sehr viel selbstbewusster den eigenen Beruf repräsentiert und auch gegenüber den Kostenträgern andere Vergütungsforderungen durchzusetzen in der Lage sind:

422

Text: C\N, Position: 79 – 79, Code: Professionalisierung\Verband

„...die Ergos treten viel selbstbewusster auf.“

423

Mit ihrem neuen Status als Studierende fühlen sie sich zunächst durch keinen der existierenden Verbände unterstützt oder vertreten, eher abgelehnt oder ignoriert. Die Studierenden werfen den Verbänden u. a. vor, dass ihre Interessen nicht mitgetragen werden und sie sich in dieser neuen Situation allein gelassen fühlen. Weiterhin bemängeln sie den fehlenden Einsatz der Berufsverbände hinsichtlich der akademischen Entwicklung und sprechen ihnen eher kontraproduktive Einstellungen und mangelnde Innovationsabsichten diesbezüglich zu. Alle 22 Studierenden äußern in irgendeiner Form Kritik an ihrem/ihren Berufsverband/Berufsverbänden, auch diejenigen, die sich selbst engagieren und einbringen in die Verbandsarbeit oder die durch das Studium ihre Verantwortung gegenüber dem eigenen Berufsstand entdeckt und entwickelt haben. Fünf von ihnen geben an, dass sie Mitglied in einem der Verbände sind. Anhand der von den Studierenden getätigten kritischen Aussagen im Bezug auf den Verband lassen sich deutlich vier Typen identifizieren, die der Häufigkeit nach geordnet und vorgestellt werden.

Typ 1: Die Enttäuschte und Vorwurfsvolle

Typ 2: Die Desinteressierte

424

Typ 3: Die OpportunistIn

Typ 4: Die Engagierte und Verantwortungsvolle

4.3.7.1 Typ: „Die Enttäuschte und Vorwurfsvolle“

Dieser Typ (mehr als die Hälfte aller befragten PhysiotherapeutInnen) schildert insbesondere, dass er durch den Verband enttäuscht worden sei. Drei der langjährig Berufserfahrenen berichten, dass sie „nie etwas Positives“ von ihrem Verband mitbekommen haben und aus diesem Grunde ihre anfängliche Mitgliedschaft gekündigt haben. Sie werfen den Verbänden pauschal vor, dass sie sich wenig Gedanken hinsichtlich der Qualität des Studiums, hinsichtlich Richtlinien und Standards sowie internationaler Vergleichbarkeit machen. Zudem werfen sie ihrer berufsständischen Vertretung vor, dass sie sich der Ideen anderer bedient bzw. diese dann als eigene okkupiert, jedoch keine eigenen Kreativität entwickelt. Zudem geben die Studierenden des Studienganges „Vertiefung“ an, dass sie sich des Gefühls erwehren können, andere Studiengänge als ihr eigener, den sie eigentlich als „den“ Qualitätsstandard sehen, würden durch den Verband bevorzugt dargestellt (hier scheint auch ein latentes Konkurrenzverhalten der Studiengänge untereinander durchzuscheinen). Sie fühlen sich und ihre studentischen Interessen nicht durch den Verband repräsentiert. Eine Physiotherapeutin greift das Thema der Stagnation in ihrem Beruf auf, indem sie den Berufsverband hinsichtlich seines Innovationsverhalten mit der katholischen Kirche vergleicht.

425

Text: D\R, Position: 166 – 168, Code: Professionalisierung\Verband

„Was ich in letzter Zeit mitbekommen hab, fördert er (der Verband) nur einen Studiengang. Bis jetzt machen sich eigentlich immer nur die andern Gedanken, und der Verband freut sich, super Sache, wir nehmen alles mal auf. Aber das der Verband sich mal wie so'n Curriculum, oder sich einfach mal überlegt, was sind denn die Kriterien, was sind denn Standardnormen, damit irgendjemand mal 'nen Wegweiser hat, das ist zum Beispiel auch 'ne Sache.“ (Berufserfahrene)

426

Text: E\U, Position: 71 – 71, Code: Professionalisierung\Verband

„Die maßen sich an, dass nur sie die Fraktion der Physiotherapeuten vertreten. Das ist auch so ein, ein Punkt, wo man dann wieder richtig Wut kriegen könnte, aber so dieses Abschotten und selbstherrliche Feiern, das find ich, ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Die, wenn die katholische Kirche sagt, wir haben den einzig wahren Glauben. Also, das find ich dann schon sehr bedenkenswert. Aber das ist auch so'n Punkt, warum zum Beispiel nur ein Landesverband ein scheinbar gut funktionierendes Informationssystem hat, warum in einem Landesverband unheimlich viel zu passieren scheint, während andere Landesverbände eben noch so'n bisschen vor sich hinkrepeln, das hängt sicher auch wieder personell zusammen, aber, es ist insgesamt katastrophal“ (Berufserfahrene).

427

Vor allen Dingen greifen die NovizInnen dieses Typs auf, dass der Verband in ihren Augen weder Vorreiter noch Unterstützer der Akademisierung war und ist, sondern in seiner Entwicklung eher nachgezogen, wenig Informationen zur Verfügung gestellt und eher noch versucht hat, die Einführung der Studiengänge zu verzögern als zu fördern. Erst als die Verbände merken, dass man um die akademische Ausbildung keinen Bogen mehr machen kann, beginnt sie, sich näher mit der Thematik auseinander zu setzen. Die kritische Distanziertheit und ablehnende Haltung gegenüber den Verbänden, so berichtet die zitierte Studierende, wird bereits zum Teil in der beruflichen Ausbildung angebahnt und durch die Lehrenden und andere Kontaktpersonen transportiert. Sie spricht davon, dass ein Negativbild existiert und internalisiert ist, ohne dass sich die einzelne PhysiotherapieschülerIn jedoch jemals eingehender mit der Problematik auseinandergesetzt hätte - dieses erinnert an den Ausspruch einer Studierenden, die berichtet hatte, dass bereits durch die Ausbildung/das Studium eine Ablehnung gegen die MedizinerInnen entwickelt wird.

Text: C\M, Position: 126 – 126, Code: Professionalisierung\Verband

428

„Ich habe eben vom Verband mehr mit bekommen, weil ich die Zeitschrift bekommen. Was mir da aufgefallen ist, dass das anfänglich, das da ganz wenig befürwortende Stimmen waren, für dieses Studium oder für die Professionalisierung. wo ich aber jetzt merke, dass auf einmal alles danach strebt, und sei es auf einmal, heißen sie Physioakademie, [ ] weil einfach glaub ich, alle geschnallt haben, dass es ohne irgendwann nicht mehr geht, oder dass das jetzt eben so das ist, ja, wo sich keiner mehr gegen wehren kann eigentlich“ (Novizin).

Text: C\M, Position: 130 – 130, Code: Professionalisierung\Verband

429

„Eigentlich müsste ja so'n Verband schon jemand sein, der grade am Puls der Zeit ist, und da oben auch Leute sitzen haben, die eben auch 'ne entsprechende Ausbildung haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer da oben sitzt, oder wer da Vorsitzender ist oder so, hab ich mich auch noch nicht mit beschäftigt, ich glaub aber auch, es liegt daran, weil wir eben aus unserer Ausbildung nicht so viel Positives über 'n Verband gehört haben. Weil bei uns in der Schule schon immer sehr viele kritische Stimmen eben waren. Also ich denke, er muss informieren können, offen sein vor allen Dingen für neue Sachen und nicht sagen, gut, wir sind hier aber mit der größte Verband, und wenn wir sagen erst mal nee, dann ist auch erst mal nicht.“ (Novizin)

4.3.7.2 Typ: „Die Desinteressierte“

Dieser Typ (primär NovizInnen) zeichnet sich dadurch aus, dass ihm nicht recht bekannt ist, was der Verband eigentlich für PhysiotherapeutInnen leistet. Er ist entweder noch gar nicht oder eher zufällig einmal auf das Thema Verband gestoßen. Für ihn ist es auch nicht notwendig, sich zu engagieren oder vertreten lassen zu wollen, oder ihm fehlt die Zeit, sich mit der Thematik zu befassen. Eine Erklärung liegt begründet in der beruflichen Identität. So erklärt beispielsweise ein Therapeut, dass es ihn deswegen nicht interessiere, weil er primär in einem Fitnessstudio und nur sporadisch in physiotherapeutischen Einrichtungen arbeite. Einige der NovizInnen geben jedoch an, aus Zeitgründen noch keine Interessen für berufspolitische Aktivitäten entwickelt haben zu können, einige bedauern aber auch, dass die Thematik mit der Auseinandersetzung mit dem eigenen Berufsstand nicht Thema des Studiums bzw. der Ausbildung ist.

Text: C\I, Position: 64 – 68, Code: Professionalisierung\Verband

430

„Ich bin ja gar nicht in einer physiotherapeutischen Einrichtung tätig, ich bin ja im Fitnessstudio beruflich und arbeite nur vertretungsweise teilweise in praktischen Einrichtungen mit PTs und deswegen war für mich keine Notwendigkeit gegeben, mich da vertreten lassen zu wollen... Nur ganz am Rande, dass ich da vielleicht mal was mitbekommen habe, im Zuge unserer eigenen Hausarbeiten, die wir erstellen mussten, dass man da mal auf Verbände gekommen ist oder dass man da mal auf Internetseiten geguckt hat, ansonsten hat mich das wenig interessiert eigentlich.“ (Berufserfahrener)

4.3.7.3 Typ: „Die OpportunistIn“

Die Studierenden dieses Typs (ebenfalls zumeist Novizinnen) geben an, dass sie aus mehreren Gründen Mitglied in einem der Verbände geworden sind. Einer der wesentlichen Gründe ist der geringe Mitgliedsbeitrag, den sie als Studierende zu entrichten haben. Würde diese Vergünstigung nicht bestehen, würden sie umgehend ihre Mitgliedschaft kündigen, da die Leistung, die sie erhalten, den höheren Beitrag in ihren Augen nicht rechtfertigen würde. Ihnen sind die Befriedigung eigener Interessen vordergründig wie beispielsweise das Einholen von Informationen und die vergünstigte Teilnahme an Fortbildungen, die über die Verbände organisiert sind. Sie berichten aber ebenfalls wie die vorstehend beschriebenen Typen - über ihre negativen Erfahrungen mit ihrem Verband, die sie gerade bei der Informationseinholung im Zusammenhang mit dem Studium gemacht haben. Sie werfen dem Verband Trägheit und unprofessionelles, wenig mitgliederfreundliches Arbeiten vor. Sie greifen ebenfalls die Zersplitterung der berufsständischer Vertretung in mehrere Verbände auf, eine Physiotherapeutin unterstreicht aber eine Trennung in mindestens zwei Teilverbände für sinnvoll, da die Interessenslagen von Selbständigen und Angestellten zu unterschiedlich seien. Diese „Teilverbände“ sollten sich allerdings unter einem Dach befinden und „sich nicht gegenseitig bekriegen“. Sie erwarten, dass der Verband sie bei Verhandlungen mit Kostenträgern adäquat repräsentiert, haben aber den Eindruck, dass dieses nicht geschieht. Insgesamt ist die Kritik, die dieser Typ anbringt, in seiner Ausdrucksweise sehr scharf und aggressiv.

431

Text: C\L, Position: 181 – 192, Code: Professionalisierung\Verband

„Ich bin eigentlich nur eingetreten, um relativ günstig an Informationen zu kommen, im Ausland zu arbeiten. „ich bin auch nur in dem Verein, weil ich keinen Beitrag bezahlen muss als Student. Wenn ich dafür Geld bezahlen müsste, und das die Leistungen sind, die ich für dieses Geld bekäme, würd ich sofort austreten. Ich denke mal, dass es zwei (Verbände) geben sollte, zwei reichen, einmal für die Angestellten, einmal für die Selbständige, vielleicht so'n Dachverband drüber, letzten Endes, dass man zwei getrennte hat, die sich nicht gegenseitig bekriegen. An Erwartungen hab ich einfach nur eine, dass die Interessen der Physiotherapie in den Bereichen vertreten, wo ich nicht hinkomme, als einzelner. Ich merk's halt jetzt, wenn ich um Informationen bitte, für meine Bachelor-Arbeit, dass mir das entschieden zu lange dauert, und erst nach fünfmaligem Nachfragen die Unterlagen dann irgendwann mal kommen, das dauert mir halt zu lange, und wie gesagt, wenn ich für diese Leistung Geld bezahlen müsste... Und dann halt, hab ich immer nur so den Eindruck, dass sie immer nur gut zuhören und das auch, was auf Bundesebene in der Gesundheitspolitik abläuft, doch auch gut wiedergeben, aber dass sie mal agieren lernen, das findet da nicht statt.“

4.3.7.4 Typ: „Die Engagierte und Verantwortungsvolle“

432

Dieser Typ (langjährig Berufserfahrene) kritisiert ebenso wie alle anderen Typen die Aktivitäten der Verbände, ist aber weitaus gemäßigter in seinem Ausdrucksverhalten als beispielsweise der Typ Opportunist. Er verweist ebenfalls vermehrt auf die Zersplitterung in die unterschiedlichsten Interessensvertretungen (die er als krankmachend bezeichnet) und nimmt die Aktivitäten der Standesvertretungen kritisch unter die Lupe. Seiner Meinung nach sollte es nur einen Verband geben, der sich nicht nur die einzige Aufgabe der Aushandlung der Behandlungsvergütungen zuschreibt, (da dieses an der physiotherapeutischen Wirklichkeit vorbeigehen würde), sondern vermehrt die Entwicklung im Bereich der Physiotherapie in den Blickwinkel nehmen sollte. Das Streiten um Pfennigbeträge ist nach seiner Meinung zwar nicht überflüssig, wird jedoch als nicht vordergründig betrachtet. Mit seiner Kritik verbindet dieser Typus aber auch seine eigene Aufgabe, sich aktiv in die positive Entwicklung einzubringen, wobei er die rigiden Strukturen hervorhebt, die es nicht einfach gestalten, in diese Kreise einzusteigen. Er ist davon überzeugt, dass die misslichen Zustände sich langsam beginnen zu verändern, was er anhand der Entwicklung der „Käseblätter“ (und hier spricht eine langjährig erfahrenen Studierende von den Fachzeitschriften) feststellt. Die Therapeutin macht dieses an der Verbesserung der Veröffentlichungen fest und assoziiert somit eine der Fachzeitschriften als Verbandsorgan (welches allerdings nicht der Realität entspricht - Anmerkung der Verfasserin). Die qualitative Verbesserung der Artikel wird gleichgesetzt mit professioneller Entwicklung innerhalb des Verbandes. Insgesamt ist sie der Meinung, dass es charismatischer Persönlichkeiten bedarf, die sich in Interessengemeinschaften zusammen schließen, in denen sich u. a. auch die Studierenden engagieren sollten.

Text: E\T, Position: 95 – 98, 136-140, Code: Professionalisierung\Verband

433

„Das Ganze ist erst mal frustrierend, also überhaupt 'n Fuß da rein zu kriegen, aber immerhin, ich bin einfach erst mal drin, sie hören, was ich zu sagen habe, und ich denke, es geht so'n bisschen in die Richtung, steter Tropfen höhlt den Stein, also, es ist schon wichtig, dass solche Leute wie wir letztendlich dabei sind und ihre Meinung dazu äußern. Ich find's schon ziemlich haarsträubend, was zum Teil eben da so diskutiert wird, aber o.k., das ist erst mal irgendwie 'n Anfang. ... Mit diesen Berufsverbänden, das macht mich völlig krank. Es ist schade, letztendlich ist es eben Politik und Politik ist irgendwie immer, geht am Thema vorbei. Nein, ich fühle mich in keinster Weise repräsentiert. Ich hab das Gefühl, dass es ein bisschen besser geworden ist, und zwar komischerweise eben auch gerade auf Seiten des Verbandes etwas besser geworden ist. Also irgendwie passiert da schon was, also es geht für mich mit diesen Käseblättern los, wo ich das Gefühl habe, das es etwas besser geworden ist, Niveau einfach erst etwas besser geworden ist. Ich glaube, dass wir einfach 'ne Interessengemeinschaft brauchen, dass die momentan vielleicht nicht unbedingt das Gelbe vom Ei sind, ist 'ne andere Sache, aber sich jetzt nur darüber zu beschweren, macht wenig Sinn.“

Resümierend lässt sich festhalten, dass alle vier dargestellten Typen eine kritisch-distanzierte Haltung gegenüber ihrer standespolitischen Vertretung einnehmen und sie sich als Studierende weder repräsentiert noch mit ihren Interessen und auch Zukunftsängsten und -wünschen wahrgenommen fühlen. Interessanterweise scheint diese verinnerlichte Haltung bei den NovizInnen primär durch die schulische Ausbildung transportiert worden zu sein, während sie sich bei den Berufserfahrenen durch die Unmittelbarkeit der „Erlebnisse“ manifestiert hat. Auch Studierende, die sich zunächst weder für die berufspolitische Weiterentwicklung ihres Berufes interessieren, weisen diese negative Grundhaltung auf. Wie in dem vorstehenden Kapitel jedoch ersichtlich wurde, ist es gerade für die Berufserfahrenen ein wesentliches Ziel, dem Beruf eine andere Kontur auch im Zusammenhang mit der berufspolitischen Standesvertretung zu geben.

Welche Rolle sich jedoch die einzelne PhysiotherapeutIn in diesem Professionalisierungsprozess vor diesem Hintergrund zuschreibt, ist Gegenstand des folgenden Kapitels.

4.3.8 Die Rolle der einzelnen PhysiotherapeutIn im
Professionalisierungsprozeß

434

Im Zusammenhang mit der dargestellten Kritik an ihren Verbänden, die Professionalisierung nicht entsprechend voranzutreiben, schreiben sich die Studierenden selber mannigfaltige Aufgaben und auch Verantwortung in diesem Prozess zu. Ihr vorrangiges Anliegen ist es, der Bevölkerung und den Ärzten zu demonstrieren, über welche Fähigkeiten und welches Potential der Berufsstand verfügt. Immer wieder kehren sie in ihren Ausführungen, wie dieses zu erreichen sei, auf die Dimensionen der Transparenz, des Wissens, der eigenen Persönlichkeit und der Verantwortungsübernahme zurück. Die einzelne PhysiotherapeutIn kann den positiven Entwicklungsprozess unterstützen, indem sie möglicherweise „forscht“, „veröffentlicht“, „sich selber kritisch reflektiert“, „aufklärt“ und „das Gespräch sucht“. Das übergeordnete Ziel, nämlich Gemeinsamkeit und Geschlossenheit innerhalb der Berufsgruppe zu entwickeln, um daraus ein gesundes Selbstbewusstsein und eine physiotherapeutische Identität zu entwickeln sowie Transparenz und Präsenz nach außen herzustellen, kann nur über eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle geschehen. Dieses bedeutet, dass einigen TherapeutInnen Vorreiterrollen zugeschrieben werden und die anderen TherapeutInnen unterstützende Rollen übernehmen (sollten). In der Gesamtheit der Ausführungen ist zwar eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung erkennbar, die auch mit den beruflichen Wünschen der Studierenden korreliert, jedoch kann an dieser Stelle keine eindeutige Typenbildung vorgenommen werden, da die einzelnen Aspekte zu sehr miteinander verwoben sind. Während die NovizInnen insbesondere auf den Bedarf an kritischer Reflexion des Wissens und Wissenschaftlichkeit hinweisen, sehen die Berufserfahrenen ihre Hauptaufgabe in der Verdeutlichung der therapeutischen Qualitäten gegenüber der ÄrztIn und der KlientIn (siehe hierzu auch Kapitel 4.3.3 „antizipiertes Fremdbild“). Die prägnantesten Aussagen werden nachfolgend kurz zusammengefasst und wenn nötig, kommentiert.

4.3.8.1 NovizInnen

Die Physiotherapeutin sollte professionell werden bzw. sich professionell einbringen, indem sie sich kritisch selbst hinterfragt und mittels der kritischen Selbstreflexion auch die Grenzen ihres eigenen Wissens erkennt. Das Einholen von Informationen und neuesten Wissensbeständen ist die Aufgabe der einzelnen Berufsangehörigen. Ein Studium ist hierfür die Grundsteinlegung. Im therapeutischen Prozess ist dann auf Qualität zu achten, die mittels Dokumentation und Evaluation garantiert wird.

Text: C\M, Position: 110 – 116, Code: Professionalisierung\Rolle der Einzelnen

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„Da sollte vielleicht jeder versuchen, da professionell zu werden, in dem er versucht sich kritisch selbst zu reflektieren, und dann auch mal zugibt, dass er das eben nicht kann, trotz 15 Fortbildungen, die mehr oder minder gut oder schlecht sind. Also, wenn man sich selbstkritisch reflektiert, dann glaub ich, Dokumentation, und 'ne Verlaufsdokumentation, und dann auch, ja, 'ne kritische Bewertung... Ich denk, je mehr Leute das Studium eben anfangen und die Notwendigkeit dieses Studiums sehen, die Notwendigkeit der Wissenschaft sehen und seine Sachen hinten anzustellen und sagen, gut, da ist jetzt was raus gefunden worden, das ist jetzt der aktuellste Stand des momentanen Wissens und das mach ich auch, glaub ich, wird schwierig werden, wär natürlich 'ne Idealvorstellung.“

Die PhysiotherapeutInnen (dieses wird insbesondere von den NoviziInnen betont) sollten ihr Wissen weitergeben (gerade an die jüngeren Kolleginnen), es nicht für sich selbst behalten oder gar mit „ins Grab nehmen“, sie sollten aktiv werden, indem sie Öffentlichkeitsarbeit betreiben und Transparenz sowohl gegenüber den KlientInnen als auch gegenüber der eigenen Berufsgruppe schaffen. Vorschläge, um dieses zu erlangen sind u. a. das Verfassen von Artikeln und die Durchführung von Vorträgen und Informationsveranstaltungen.

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Text: A\A, Position: 96 – 97, Code: Professionalisierung\Rolle der Einzelnen

„Diese Transparenz, dass man nicht sein Wissen immer speichert und speichert, speichert, speichert, wenn ich dann tot bin, dann hat da keiner was von, weitergeben, immer weitergeben. Und genau das Gleiche erwart ich, dass sie auch Patienten gegenüber eben diese Transparenz zeigen und dort eben Öffentlichkeitsarbeit, immer, immer wieder tun. Indem sie ihre Arbeit wirklich so tun, dass eben diesen Beruf leben, das ist mein Anspruch, aber den leben sicherlich nicht alle so, ich seh halt den Beruf als Berufung an Und zuhören, anderen Physiotherapeuten zuhören, tolerant sein und gucken, [..] Ich hab das auch erlebt, dass dann in der Klinik die Türen zugemacht werden, weil keiner will, dass ein Praktikant zuguckt, warum denn nicht, ich mein, keiner macht irgendwas falsch[..] halt auch so'n Zusammenknüpfen der Therapeuten, und auch Öffentlichkeitsarbeit, Angebote auch vielleicht für Physiotherapeuten, Öffentlichkeit zu leben.“

4.3.8.2 Berufserfahrene

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1. Insbesondere ist die Aufgabe darin zu sehen, der Profession der Ärzte zu verdeutlichen, welches Potential die Physiotherapie zu bieten hat. Die einzelnen PhysiotherapeutInnen sollten in das Gespräch mit den Ärzten treten, die Wirkweisen der einzelnen Behandlungsmöglichkeiten transparent gestalten und entsprechend das Angebot dann auf die KlientIn zuschneiden. Die hier zitierte Studierende, die nach dem Modell „Vertiefung“ ihr Studium absolviert, bringt einen sehr interessanten weiteren Aspekt hinzu: sie hofft, dass die Transparenz und das Verständnis für die Berufsgruppe von ärztlicher Seite nicht nur über die fachliche Ebene, sondern auch über die persönliche Ebene wie beispielsweise eine Heirat zwischen Arzt und Physiotherapeutin gefördert wird.

Text: D\R, Position: 145 – 145, Code: Professionalisierung\Rolle des einzelnen

438

„...auch mal fachlich zu diskutieren mit Ärzten. Und so sieht es aus, das und da können wir machen, was hältst du von der Sache? Man muss hoffen, dass sich die Ärzte drauf einlassen, keine Frage, aber mittlerweile hat sich ja auch so diese Chefarzt-Generation etwas abgewechselt, das heißt, es kommen viel jüngere Ärzte, die auch relativ häufig mit Krankenschwestern und Physiotherapeuten verheiratet sind, ist auch so'n, ein gesellschaftliches Phänomen, also da ein bisschen mehr Bescheid wissen, und sich auch dafür interessieren.“

2. PhysiotherapeutInnen müssen durch professionelles Auftreten und „verantwortungsvollem Umgang mit der Verantwortung“ auch ihren KlientInnen verdeutlichen, dass ihre Behandlungen von hoher Qualität sind. Dafür benötigen sie ein Spezialwissen und soziale Kompetenzen, mittels derer sie diese Überzeugungsarbeit auch gegenüber anderen Berufsgruppen – wie bereits betont insbesondere den Ärzten - leisten bzw. transportieren können. Durch ein thematisches Umschwenken weist die Studierende darauf hin, dass die TherapeutInnen auch dafür verantwortlich sind, dass Interesse an ihrem eigenen Beruf aufrechtzuerhalten, um Fließbandarbeit zu vermeiden. In einem zweiten Schritt jedoch überlegt sie dann kritisch, ob und wieviel der Einzelne wirklich für die professionelle Weiterentwicklung des Berufes tun kann und kommt zu dem Ergebnis, dass Präsenz zu zeigen und informiert zu sein die wesentlichen Aspekte in diesem Zusammenhang sein könnten; die „wirkliche Weiterentwicklung“ des Berufes wird jedoch immer nur ein kleiner Kreis von Personen vorantreiben.

Text: E\S, Position: 278 - 284, 300-302, Code: Professionalisierung \ Rolle der Einzelnen

439

„durch professionelles Auftreten, also sprich, ich muss den, den ich in den Fingern habe, absolut überzeugen, dass das, was ich mache, auch richtig und gut ist und er mit 'nem guten Gefühl raus geht und ich auch, ja gut, das ist ein eigenes Ding, aber das auch nachweisen kann, dass ich da was bewirkt habe, was Positives, und verantwortungsvoll mit der Verantwortung umgehen auch.„...jeder einzelne find ich schwierig. ...Also ich denke, es gibt da bestimmt immer Vorreiter, die Engagement zeigen, und da wird sich kaum jeder einzelne dranhängen können [..] aber ich denke, das, was jedem möglich sein sollte oder könnte, ist einfach, dieses „aktuell Bleiben“ auf dem Stand, politisch informiert sein und da vielleicht auch bei Gelegenheiten, wo es drauf ankommt, einfach Präsenz zeigen, und ansonsten geht's darüber hinaus dann schon weiter, was man nicht von jedem erwarten kann.“

3. Zum Wohle der PatientIn und der Weiterentwicklung des Berufes, sollte die PhysiotherapeutIn offen sein, sich um einen Austausch bemühen und aufhören, ihren eigenen „Brei“ zu kochen. Als Einzelpersonen sollten sie sich zurücknehmen und integrieren können in die Gruppe, damit die Berufsgruppe nach außen hin ein geschlossenes Bild zeigt, welches in der Kopplung mit der eigenen beruflichen Identität dazu führt, dass sie stolz auf ihren Beruf sein kann.

440

Text: E\T, Position: 126 – 130, Code: Professionalisierung\Rolle des einzelnen

„Das Gefühl hat ich übrigens schon immer, dass durchaus einzelne Menschen ganz, ganz viel erreichen können zur richtigen Zeit am richtige Ort, damit die Menschen, mit denen wir Kontakt haben, damit sich daraus auch ein einigermaßen einheitliches Grundverständnis in der Gesamtbevölkerung entwickelt. Also, wenn jeder seinen eigenen, wie ich auch, Brei da veranstaltet, also mehr Gemeinsamkeiten, gemeinsames Vokabular, ja, ein Verantwortungsgefühl, also, auch ein gewisser Stolz, find ich, ist wesentlich.“

441

Sehr eng an die einzelne Rollenzuschreibung im Professionalisierungsprozess sind die Wünsche und Ängste der Studierenden geknüpft, die sich durch die Gesamtauswertung der Interviews. Schlagwortartig lassen sich die Wünsche, aus denen sich in komplementärer Weise auch die Ängste ergeben, wie folgt zusammenfassen:

Entwicklung eines gemeinsamen Selbstbildes und Selbstverständnisses

Politische Geschlossenheit

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Präsenz und Transparenz ihres Berufes nach außen

Die Anerkennung und Stärkung der Studierenden durch die Berufsverbände, die sich wiederum für eine höhere Vergütung ihrer therapeutischen Leistung einsetzen sollten

Anerkennung im In- und Ausland


Fußnoten und Endnoten

5  Kuwan, H.; Gnahs, D:; Kretschmer, I.; Seidel, S.: Berichtsystem Weiterbildung 1994. Integrierter Gesamtbericht zur Weiterbildungssituation in Deutschland, hrsg. Vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Bonn 1996

6  Kuwan, H., Gnahs, D., Seidel, S. (VerfasserInnen); Berichtssystem Weiterbildung VII – Integrierter Gesamtbericht zur Weiterbildungssituation in Deutschland; Hrsg: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn 2000, 76

7  Behringer, Friederike; Qualifikationsspezifische Unterschiede in der beruflichen Weiterbildung – das Resultat unterschiedlicher Interessen und selektiver betrieblicher Förderung. In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 21 (4) 1998, 295-305

8  vgl. Kuwan et al., 2000,



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09.11.2005