5 Teil V
Zusammenfassende Ergebnisdiskussion vor dem Hintergrund physiotherapeutischer Identität, physiotherapeutischen Habitus und des professionellen Status Quo

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Wie bereits in den theoretischen Ausführungen (siehe Kapitel 2.4.2.1 „Berufliche Identität und berufliche Sozialisation“) erwähnt, stellt der Beruf nicht nur eine Teilmenge des allgemeinen Identitätskonstruktes dar, sondern ihm wird darüber hinaus eine herausragende Funktion in der Identitätsentwicklung des Individuums aber auch eines Gesamtkollektivs zugeschrieben. Auf der Ebene der Entwicklung eines strukturellen Prestiges hat der gesamtgesellschaftliche Status eines Berufes Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit und die Ausprägung von Selbst- und Weltkonzepten. Identität ist immer auch gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Selbstreflexivität, die sich im Denken und Handeln ausprägt. Ihre gelungene Entwicklung manifestiert sich im Kontrollbewusstsein, der moralischen Urteilsfähigkeit, in einem beruflichen Selbstverständnis und einem entsprechenden Selbstwertgefühl. Die berufliche Sozialisation in den Beruf, im Beruf, durch ein Studium und/oder den Berufsteinstieg bedingen somit die Entwicklung dieser Identität. Wendepunkte und Brüche verdeutlichen die enge Vernetzung von beruflicher Identität und Sozialisation. Sie zeigen aber auch, inwiefern es gelingt, entstehende Rollenkonflikte zu bewältigen und sich von Altbekanntem zu lösen. Dieser Habitus - als Verinnerlichung der unbewussten Denk- und Handlungsmuster verstanden - beeinflusst ebenfalls die Entwicklung der Identität. Im Rahmen dieser Arbeit war insbesondere die Ausprägung oder Veränderung eines physiotherapeutischen Habitus durch die Einführung der Studiengänge für Physiotherapie von Interesse. Berufliche Identität wiederum ist als ein zentraler Parameter von Professionalität besprochen worden, welche wiederum den Professionellen Status Quo einer Berufsgruppe verdeutlicht.

Die vorliegende Arbeit beschäftigte sich in drei Teilsträngen mit dem studentischen Blick auf das Berufsfeld „Physiotherapie“, um vor dem Hintergrund der Einführung von Bachelor- und Master- Studiengängen in dieser Disziplin zu erforschen, wie sich Professionalität, Identität und ein möglicher Habitus ausprägen bzw. präsentieren. Nachfolgend werden diese drei Stränge hinsichtlich der Ergebnisse nochmals zusammenfassend dargestellt und ihr Beitrag zur Erforschung der Professionalisierung der Physiotherapie aus der Sicht der von mir interviewten 33 Studierenden diskutiert. In diese zusammenfassende Diskussion fließen an dieser Stelle - die sogenannte Binnenperspektive ergänzend - Kommentare zweier weiterer, für die Entwicklung der Physiotherapie wichtiger Persönlichkeiten mit ein - als so genannte Außenperspektive. Hier wird aber nicht nur die „Aufsicht“, sondern auch die von den externen „ExpertInnen“ in ihren eigenen Ausbildungs- und beruflichen Kontexten als PhysiotherapeutInnen Erfahrungshintergründe aufgegriffen und dargestellt. Mit ihren ergänzend einschätzenden Kommentaren wird die Entwicklung der Disziplin eruiert. Diese beiden, sich in der Dauer der Berufserfahrung unterscheidenden Persönlichkeiten, haben die Physiotherapie in den letzten Jahrzehnten in unterschiedlichsten Kontexten institutionalisierter und/oder beobachtender Zugehörigkeit zu diesem Berufsfeld begleitet und ihm Konturen gegeben. Alle Interviews sind als ExpertInneninterviews konzipiert worden, d. h. mittels eines halbstrukturierten oder auch „offene Geschlossenheit“ aufweisenden Leitfadens durchgeführt worden (siehe hierzu auch Kapitel 3.2 „ExpertInneninterviews“ und Kapitel 3.3 „Das ExpertInneninterview als Erhebungsmethode“).

Die der Arbeit zugrundeliegenden Annahmen entspringen zum einen konstruktivistischen Überlegungen, indem das Individuum - in diesem Fall der/die einzelne PhysiotherapeutIn- mit der neuen, ungewohnten Situation als Studierende Konstituierungsleistungen und Pionierarbeiten übernehmen muss, die in keinem Falle vorgegeben oder transparent sind. Zum anderen beziehen sie sich auf „Subjektivität“ und rechtfertigen das methodische Vorgehen mittels der ExpertInneninterviews mit den Studierenden. Es ermöglicht, sowohl ihre subjektiven Sichtweisen (vor einem durchaus berufsbiographischen Hintergrund) zu erheben, aber auch die den ExpertInnen zugesprochene Zugehörigkeit zu einer Institution - in diesem Falle der Fachhochschule - mittels derer nur sie über einen Einblick bzw. über ein bestimmtes Wissen verfügen, zu erfassen.

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Jeder der im Folgenden dargestellten Auswertungsstränge beginnt zunächst mit der Präsentation der Ergebnisse, die sich durch die Auswertung der Interviews mit den Studierenden ergeben haben. Sie werden entsprechend um die subjektiven (beruflichen) Erfahrungen der externen ExpertInnen sowie ihrer Wahrnehmung der momentanen Situation ergänzt.

In den drei unterschiedlichen Forschungssträngen äußerten sich die Befragten zu drei zentralen Themen.

Im ersten Strang rekonstruierten die Studierenden in einer Retrospektion ihre Berufswahlmotive und das Bild von Physiotherapie, welches sie vor ihrer Ausbildung zur PhysiotherapeutIn internalisiert hatten, beleuchteten ihre Ausbildung sowie den Eintritt in das Berufsleben.

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Im zweiten Strang äußerten sie sich zu dem großen Thema Akademisierung, ihren motivationalen Faktoren zur Aufnahme des Studiums, ihren Erwartungen an das Studium bzw. ihren Karrierevorstellungen sowie ihrer Beurteilung des Studiums. Darüber hinaus ließen sich deutliche Problemfelder in diesem Akademisierungsprozess einkreisen.

Der dritte Strang beinhaltete als zentrale Themen die der Professionalisierung und der Professionalität. Hierbei handelte es sich zum einen um die Definition des eigenen Berufes, die Reflexion des Selbst- und antizipiertes Fremdbilds und zum anderen um die Frage, woran die Studierenden Professionalität bzw. den Prozess der Professionalisierung festmachen.

Wie bereits in den einleitenden Kapiteln (Teil 1, Einleitung und Begründung der Arbeit) erörtert wurde, liegen bis zum heutigen Tag sehr spärliche Forschungsarbeiten im Kontext von Professionalisierung, Akademisierung, Entwicklung einer beruflichen Identität bzw. Habitus für den Beruf der Physiotherapie vor, so dass die vorliegende Arbeit möglicherweise als eine Grundlage für weitere Forschungsarbeiten bezeichnet werden kann.

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Bevor ich zur Ergebnisdiskussion des ersten Stranges übergehe, möchte ich an dieser Stelle bereits erwähnen, dass sich die Hauptunterscheidungsmerkmale im Antwortverhalten der Studierenden primär durch die Dauer der Berufserfahrung vor der Aufnahme des Studiums sowie durch die Zugehörigkeit zu den einzelnen Studiengängen aufzeigen bzw. begründen ließen. Geschlecht als Kategorie in der Differenzierung zwischen männlichem und weiblichem Antwortverhalten spielte keine wesentliche Rolle, obwohl generell in der Literatur „Geschlecht“ als einer der bestimmenden Faktoren für zugewiesene Semiprofessionalität auch in anderen Disziplinen festgestellt wurde - und diese ließ sich auch in dieser Untersuchung durch das Antwortverhalten der Studierenden bestätigen (einige der Studierenden sprechen explizit davon, dass die Physiotherapie ihren semiprofessionellen und stagnierenden Status aufgrund der Vielzahl weiblicher Berufstätiger hat - dieses entspricht auch den theoretischen Ausführungen zum feministischen Professionalisierungsansatz auf der Makroebene - siehe Kapitel 2.3.2 „Feministischer Ansatz“). Eine Erklärungsmöglichkeit, warum sich kein unterschiedliches Antwortverhalten der Geschlechter nachweisen ließ, mag in der quantitativen Unterrepräsentanz der männlichen Befragten in dieser Forschungsarbeit zu sehen sein.

Insgesamt wird sich hier jedoch für die Physiotherapie möglicherweise ein großes Forschungsgebiet erschließen lassen, denn bereits in dieser Arbeit hat sich andeutungsweise, da nicht explizit erhoben, dieses Phänomen als Einflussfaktor für die Identität verdeutlichen lassen.

Auch die Unterteilung in diejenigen Studierenden, die entweder im ehemaligen Osten bzw. Westen ihre Ausbildung absolvierten, spielte keine wesentliche Rolle. Hier ist sehr interessant, dass eher die Umstellung auf das gemeinsame, neue Ausbildungssystem (seit 1994 beginnend) im Vergleich zum alten einen deutlichen Unterschied zumindest in der Beurteilung der fachschulischen Ausbildung nach sich gezogen hat.

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Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal hat sich gezeigt, indem das Studium für die einzelnen PhysiotherapeutInnen unterschiedliche persönliche Entwicklungen ermöglichte und zugeschriebene Bedeutungen und entsprechende Auswirkungen auf die Identität hat. Die Bandbreite beläuft sich hier auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit durch das Studium im Sinne eines Moratoriums, auf das Zusammenfügung von Wissensfragmenten und Reifung der Identität, auf den Versuch, sich mit der studentischen Kultur zu identifizieren und eindeutig auch mit dem Phänomen, Karriere zu machen und damit Statuspassagen zu durchlaufen. Diesen Phänomenen wird im Folgenden in der Ergebnisdiskussion eingehender nachgegangen.

5.1 Ergebnisdiskussion zum 1. Strang: Retrospektive Rekonstruktion
des Berufes

In diesem ersten Strang werden Ergebnisse zur Berufswahl, zur Bewertung der Ausbildung sowie zum Berufseinstieg diskutiert. In der Analyse hat sich eindrücklich gezeigt, dass die wenigsten PhysiotherapeutInnen bei ihrer Berufswahl eine konkrete Vorstellung von dem zu erlernenden Beruf haben. Die Transparenz hinsichtlich nicht nur der zu lernenden Inhalte, sondern auch die Kenntnis möglicher Arbeitsfelder ist zunächst nur bedingt, wenn überhaupt bekannt, sondern diffus antizipiert. Beeindruckend ist jedoch, dass unabhängig von der Vorinformation zu dem Beruf immer wieder die individuelle, charismatische, helfende, sportliche und insbesondere medizin- und bewegungsorientierte Komponente der PhysiotherapeutInnen betont wurde. Diese sind in einer einzigartigen Art und Weise mit der KlientIn über „Hand-anlegen“ und Analyse der Psyche umzugehen in der Lage und beeindrucken entsprechend die BerufsaspirantInnen. Es sind stark individuenbezogene Charakterzüge, die eine wesentliche Rolle spielen. Neben denjenigen PhysiotherapeutInnen, die dem Typus „Diffus“ (der generell mit einer sehr unkonkreten Vorstellung diesen Beruf ergreift) zugeordnet sind, sind auch die Typen „Helfen“ sowie „Sport“ nur mit Fragmenten der Tätigkeit vor der Aufnahme der Ausbildung ver- bzw. betraut. Allein der Klang der Berufsbezeichnung ist zum Teil ausschlaggebend für die Berufswahl. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass der Beruf vor seiner Aufnahme nur rudimentär bekannt ist und kein homogenes identitätsstiftendes Bild existiert, trotz allem jedoch der Beginn der Berufsausbildung mit einem durchaus als hoch zu bezeichnenden Enthusiasmus verzeichnet ist.

Beide die Außenaufsicht ergänzenden ExpertInnen berichten ebenfalls, dass sich ihre Berufswahlmotive vor Jahrzehnten sehr diffus dargestellt hatten bzw. kein Bild von Physiotherapie/Krankengymnastik vorhanden war und der Berufswunsch eher durch Dritte kreiert bzw. initiiert wurde. Im ersten Fall durch einen Arzt, bei dem eine andere medizinische Ausbildung absolviert wurde und im zweiten Fall durch eine im Ausland lebende Schwester. Auch diese beiden Fälle demonstrieren, dass erst der unmittelbare Kontakt zu einer „KrankenymnastIn“ (wie die Berufsbezeichnung bis 1994 lautete) überhaupt erst ein Berufsbild entstehen lässt und die „sportliche Komponente des Berufes“ und die Nähe zur Medizin wiederum als zentrale Auslöser in den Erzählungen erinnert werden. Dieses ist insofern interessant, als dass sich der Beruf seit Jahrzehnten zwar insgesamt weiterentwickelt hat, sich aber nach wie vor seine konkreten Inhalte der Kenntnis der potentiell Interessierten entziehen bzw. sich die feststehenden, internalisierten Klischees nicht geändert haben.

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Die Sozialisation in den Beruf als PhysiotherapeutIn beginnt dann mit der eigentlichen Ausbildung, welche der einzelnen SchülerIn die Adaptation und Verinnerlichung von Normen, Werten, Regeln und Rollenzuschreibungen ihres zukünftigen Berufes ermöglicht. Im Ausbildungsprogramm erfährt für gewöhnlich die Identitätsbildung ihre Grundsteinlegung – zum einen über die interaktionelle Seite der Auseinandersetzung mit der entsprechenden peer group, aber auch maßgeblich über das sogenannte „role model“ der Lehrenden, an denen sich die SchülerInnen orientieren.

Offensichtlich erfahren die SchülerInnen dann aber während ihrer Ausbildung eine sehr deutliche Ernüchterung, die sich auf das vorhandene Bild des zu erlernenden Berufs auswirkt, und unmittelbar mit den Schwierigkeiten in der Ausbildung verknüpft ist. Bereits an der Stelle der Auswertung der fachschulischen Ausbildung wird die Bedeutung der Lehrenden für die Ausprägung einer selbstbewussten beruflichen Identität, die im Falle der Physiotherapie nur bedingt oder gar nicht gelingt, durch die Aussagen der Studierenden deutlich. Wie ein roter Faden in den Äußerungen der Studierenden zieht sich das Problem der Lehre in der Physiotherapie - und es betrifft sowohl die Ausbildung als auch zu einem etwas geringeren Maß das Studium - als der zentrale Schwachpunkt durch das Phänomen der Identitäts- und Selbstbewusstseinsbildung. Die Studierenden kritisieren deutlich die veralteten Wissensbestände in der Ausbildung, die veralteten Lehrmethoden sowie die mangelnde Selbstbewusstseins- und Identitätsbildung durch die Ausbildung. Ihre Begründungsmuster laufen auf die fehlende akademischen Ausbildung bzw. pädagogische Kompetenz der Lehrenden sowie die vorherrschende Aufteilung in medizinische Fachgebiete hinaus.

Im Hinblick auf das Gelingen von Identitätsbildung sollten nicht nur Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten für die berufliche Alltagssituation vermittelt werden, sondern auch der berufsethische Umgang mit KlientInnen. Besonders die den „helfenden“ Berufen zugrunde liegenden Intentionen des „Helfen Wollens“ und des mit „Menschen Arbeitens“ erfahren bereits in der Ausbildung eine relative Ernüchterung, denn die Studierenden stellen fest, dass sie ihren eigenen Ansprüchen, aber auch denen Dritter in der Realität nicht gerecht werden können. Hier spielen insbesondere die „Nicht- Übereinstimmung“ der Realitäten zwischen Ausbildung und Berufsalltag eine wesentliche Rolle. Dieses erinnert an das bereits von Becker 1961 beschriebene Phänomen, als er die Desillusionierung der MedizinerInnen („Boys in white“) durch das Studium beschreibt. Auch die PhysiotherapeutInnen erfahren durch ihre Ausbildung eine deutliche Ernüchterung ihres anfänglich diffusen Enthusiasmus. Es scheint eine negative Kurve zu existieren, die sich insbesondere mit dem Eintritt in das Berufsleben einem ersten beruflichen Tiefpunkt zuneigt. Nicht nur die Ernüchterung, sondern auch eine latente Überforderung im Umgang mit der KlientIn charakterisieren den Eintritt in das Berufsleben und sind wiederum in der Korrelation mit einer nicht den Eintritt ins Arbeitsleben adäquat vorbereitenden Ausbildung zu begreifen. Die SchülerInnen durchleben das von Gildemeister 1983 beschriebenen „cooling out“, wobei Enttäuschungen und Verluste in Kauf genommen werden (müssen). Die den SchülerInnen vermittelte Fortbildungshysterie, der Habitus, durch die Ausbildung nicht nur eine ablehnende Haltung gegenüber den MedizinerInnen und der berufsständischen Vertretung zu entwickeln bzw. zu verinnerlichen, sondern auch das abgrenzende Konkurrenzverhalten untereinander und gegenüber anderen Berufsgruppen, keine kollektive Perspektive zu entwickeln, sind wesentliche Resultate am Ende der Ausbildung. Besonders häufig wird von den Studierenden betont, dass die Ausprägung einer Identität während der beruflichen Ausbildung nicht angebahnt wird und sich jede angehende PhysiotherapeutIn ein „eigenes Bild von Physiotherapie“ machen muss. Die auch von den Studierenden angesprochene Kritik an den fehlenden psychosozialen Inhalten der Ausbildung, die den Berufseinstieg zu einer Hürde werden lassen, den z. T. konkurrenziösen und militärisch anmutenden Führungsstilen sowie der Negativerfahrung durch die Ausbildung aufgrund des mangelnden pädagogisch-didaktischen Hintergrundwissens der Lehrenden durchziehen die Ausbildungssituation offensichtlich seit Jahrzehnten, wie auch das nachstehende Zitat einer der hinzugezogenen ExpertInnen bestätigt.

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Text: Expert\ax- 1, Position: 21 – 21, Code: Bewert. Ausbildung

„Ich hab keine guten Erinnerungen an meine Ausbildung, ich hab gute Erinnerungen so an soziale Kontakte, [..] es war unsystematisch, undidaktisch und ein unglaublicher Drill, den ich da erlebt habe, die erste Zeit. Spaß gemacht haben mir dann nachher die Praktikumseinsätze und sicherlich waren einige Lehrkräfte nahbarer, aber ich hatte ganz große Schwierigkeit mit der Art der Schulleiterin, die eine große Dominanz da auch hatte an dieser Schule und ... [..] ich hab sehr viel, mit sehr viel Interesse gute medizinische Vorlesungen gehört. Das hat mich sehr geprägt, wir hatten gute ärztliche Dozenten, ....aber insgesamt hab ich drei Kreuze gemacht und bin froh, dass ich die zweijährige Ausbildung gemacht habe.“

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Es wird deutlich, dass primär die persönlichen Beziehungen und menschlichen Umgangsweisen die Beurteilung der Ausbildung prägen. In den weiteren Ausführungen auch der vorstehend zitierten ExpertIn werden Opportunismus, Anpassung, Bloßstellung und das Phänomen, fertig gemacht worden zu sein, angesprochen. Auch hier lassen sich Aussagen der heute Studierenden bestätigen, wenn sie von ähnlichen Erfahrungen in ihrer Ausbildung und sogar in ihrem Studium berichten. Beide ExpertInnen bestätigen die Aussagen der Studierenden, dass die Art und Weise der Lehre sowie das neben einander stehende, nicht vernetzte Wissen die Grundsteinlegung für die bedingte professionelle Entwicklung des Berufes bedeuten.

Text: Expert\ax-2c, Position: 46 – 46, Code: Bewert. Ausbildung

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„Manchmal, wenn die Lehrer in der Laune waren, haben wir uns das gemeinsam gefragt, was wir eigentlich für'n Stuss unterrichten. .... Ja, weil wir erlebten, dass die Schüler, ja, die hatten so Kästchen-Wissen.“

Mit dem Berufseintritt erfahren die PhysiotherapeutInnen, dass es nicht ihre fachlich-manuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten sind, die sie in ihrem Berufsalltag überfordern, sondern wie bereits erwähnt, ihre eigenen psychosozialen Kompetenzen im Umgang mit den KlientInnen allgemein. Es fehlt an Hintergrundwissen aus Psychologie, Pädagogik und Soziologie, um die hochkomplexen Reaktionen der KlientInnen einschätzen, aber auch ein mögliches Scheitern der therapeutischen Intervention verstehen zu können - auch ein sinnvolles „Haushalten“ mit den eigenen Ressourcen, Abgrenzungsfähigkeiten gegenüber KlientInnen sowie Reflexionsvermögen entwickeln zu können, bleibt ihrer Meinung nach auf der Strecke. Diese aufgezählten Parameter sind als Hauptgründe für den als problematisch zu bezeichnenden Berufseinstieg zu betrachten. Diese durch die Ausbildung nur bedingt gereiften Kompetenzen können u. a. auch als Ursachen bei der Entwicklung der sog. Burnout-Symptomatik betrachtet werden, von denen einige der Studierenden berichten.

Die auch an anderer Stelle von den Studierenden aufgezeigten Aufteilungen in die medizinischen Fachbereiche wie beispielsweise die Physiotherapie in der Orthopädie, Neurologie etc. scheinen sich beim Eintritt in das Berufsleben zu manifestieren. Es ließ sich aufzeigen, dass grundsätzlich BerufsanfängerInnen in einer physiotherapeutischen Praxis ohne Spezifizierung die größten Hürden zu bewältigen haben, gefolgt von denjenigen, die in einer neurologisch ausgerichteten Institution ihre Berufskarriere beginnen. Am Zufriedensten mit dem Berufseintritt erscheinen diejenigen TherapeutInnen, die nach ihrer Ausbildung im Bereich der Orthopädie ihre Tätigkeit aufnehmen, da es sich hier um ein deutlich begrenztes Aufgabengebiet handelt, in dem sich die TherapeutInnen „regelgeleitet“- d. h. durch die Ausbildung mit klaren Überlegungen und Behandlungsleitfäden und dem sog. „Handwerkszeug“ versorgt - recht sicher fühlen. Hier gelingt es den Studierenden ausnahmslos, ihre eigene Verortung zu erkennen und zu begreifen. Dieses verweist eindrücklich auf die geschichtlichen Wurzeln der Physiotherapie.

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Als bemerkenswerte Differenzierungsmöglichkeit in der Zufriedenheit mit dem Berufseintritt lassen sich diejenigen TherapeutInnen herausheben, die ihre Ausbildung in den alten Bundesländern vor 1994, also vor Einführung der gemeinsamen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, absolvierten. Diese Ausbildung integrierte das sog. Anerkennungsjahr, in welchem die PhysiotherapeutInnen in einem mehr oder weniger geschützten Rahmen in die KlientInnenarbeit einsteigen konnten - der sog. Praxisschock war auf ein geringes Maß reduziert. Die angebahnte Identität als PhysiotherapeutIn konnte so weiter reifen. Gerade mit diesem letzten Punkt im Zusammenhang stehend äußert sich eine der hinzugezogenen externen ExpertInnen wie folgt zu der Einführung der „neuen“ Ausbildungs- und Prüfungsverordnung von 1994:

Text: Expert\ax-2c, Position: 40 – 40, Code: Bewert. Ausbildung

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„Wir haben nichts neu dazu gewonnen, wir haben ein drittes Ausbildungsjahr dazu gewonnen und haben die Praxisintegration, die das Praktikum früher bot, bei guten Praktikumsstellen, verloren. Es ist die Frage, ob diese Art der neuen Ausbildung, mit dieser kleinkarierten Ausbildungsprüfungsverordnung wirklich ein Gewinn war? Die alte APrO fand ich viel hilfreicher, weil jeder wusste, die ist so alt, dass man sich nicht mehr danach richten kann, auch die Aufsichtsbehörden wussten das. Es kam niemand auf die Idee, bei unseren Prüfungen den Maßstab der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung anzulegen, die war 30 Jahre alt, jetzt ist sie neu, und die Aufsichtsbehörden legen sie an, und das ist schrecklich, ne, denn das ist Fliegendreck, was da drinsteht.“

Es scheint so, als seien die existierenden Freiräume, die durch die alte Ausbildungs- und Prüfungsverordnung gegeben waren, durch die neue Verordnung minimiert worden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass auch in der heutigen Zeit kein vereinendes, identitätsstiftendes Bild der Physiotherapie existiert. Die durch die Ausbildung gegebenen Möglichkeiten der Formung/Prägung/Habitusentwicklung erfolgt in sehr unterschiedlichem Maß, teilweise einseitig und unzureichend, so dass die Probleme beim Berufseinstieg vorprogrammiert sind.

5.2 Ergebnisdiskussion zum 2. Strang: Die Akademisierung und
ihre Auswirkungen

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In diesem zweiten Strang wird vor dem Hintergrund von Identität(-sentwicklung) und Habitus die Bedeutung des Studiums eruiert. Zunächst erfolgt die Ergebnispräsentation zu Studienwahlmotiven, Karrierevorstellungen und beruflichen Perspektiven sowie die Bewertung des Studiums durch die Studierenden. Sich daran anschließend werden die von Studierenden ausgemachten Problemfelder im Akademisierungsprozess dargestellt. Für die folgenden Ausführungen wird aufgrund des deutlich differierenden Antwortverhaltens die Unterteilung in die Berufserfahrenen und die NovizInnen vorgenommen.

Das Novum, Studierende der Physiotherapie zu sein, verbinden insbesondere die berufserfahrenen Physioth e rapeutInnen mit hohen Ambitionen für ihre beruflichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Im Hinblick auf ihre Studienmotivation und die damit verbundenen Karrierevorstellungen ließen sich für die Berufserfahrenen drei unterschiedliche Typen herausarbeiten (vgl. Kapitel 4.2.1. Studienmotivation und Erwartungen an das Studium): die „Suchende EnthusiastIn“, die „Abwartende Realistin“ und die „Aufstiegsorientierte“. Unabhängig jedoch vom Typ sind der von ihnen angesprochene Sackgassencharakter des Berufes, die fehlende vertikale Aufstiegsmöglichkeit, der zwar über Fortbildungen erworbene, jedoch nicht identitätsstiftende Wissenszuwachs aber auch die Burn-out-Symptomatik durch den KlientInnenkontakt die zunächst primär angebrachten motivationalen Faktoren für die Aufnahme des Studiums. Es zeigt sich, dass die berufserfahrenen TherapeutInnen deutliche Aufstiegschancen im Sinne von Leitung, Forschung, Lehre und einer neuen Konturierung ihres eigenen Berufes mit dem Studium verbinden sowie die Veränderung ihrer Identität explizieren. Während der Typ der „Suchenden EnthusiastIn“ versucht, die Puzzlestücke bzw. die nebeneinanderstehenden Wissensfragmente in der Physiotherapie zusammenzufügen und dem Studium eine identitätsstiftende und das Selbstverständnis verändernde Funktion zuschreibt sowie die Veränderung ihrer Welt- und Selbstsicht betont, so hat der „aufstiegsor i entierte Typ“ eine deutlich karriereorientierte Weiterentwicklung vor Augen. Diese geht einher mit der Hoffnung, mit der Absolvierung des Studiums einen neuen gesellschaftlichen Status erwarten zu können - also im Sinne des Durchlaufens einer Statuspassage - verknüpft mit dem Recht auf eine legale „Auszeit“ durch das Studium, im Sinne eines sog. Moratoriums. Die „Abwartende RealistIn“ erhofft sich ebenfalls eine Veränderung ihrer beruflichen Perspektiven und die Erschließung neuer Horizonte, ist aber sehr viel unentschlossener, welcher Weg nach dem Studium eingeschlagen werden könnte. Es schwingt die Hoffnung mit, über das Studium neue Facetten des Berufes zu explorieren und somit den Spaß am „alten“ Beruf wiederzuerlangen. Wie der Typ der „Suchenden Enthusiastin“ schreibt auch sie dem Studium die Festigung ihre Identität als PhysiotherapeutIn zu.

Es kristallisiert sich heraus, dass die Mehrzahl der Berufserfahrenen das Studium eher als eine Art „Weiterbildung“ betrachtet, trotzdem oder gerade deswegen damit eine vertikale Aufstiegsmöglichkeit verbindet. Auffällig ist, dass insgesamt die KlientInnenarbeit bzw. die Verbesserung dieser nicht mehr im Vordergrund steht, sondern deutlich die Erschließung neuer Arbeitsfelder.

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Auch eine die Außenaufsicht auf den Beruf skizzierende Physiotherapeutin (durchaus dem Typ „suchende EnthusiatIn“ entsprechend), die zu einem Zeitpunkt, als die Studienmöglichkeit „Physiotherapie“ in Deutschland noch nicht existierte ein „artfremdes“ Studium (welches sie als sog. „Schonraum“ bezeichnet) aufgenommen hatte, berichtet davon, dass sie immer auf der Suche nach dem eigentlichen Sinn der Physiotherapie war - und bestätigt somit die langfristige Existenz der suchenden Enthusiastin. Darüber hinaus belegt es, was auch die Studierenden heute berichten: die Suche nach ihrer wahren Identität, denn sie beschreibt sich zunächst mit den ihr zugeschriebenen Rollenerwartungen als „ArbeiterIn“, die sie aber keinesfalls sein möchte und nicht mit ihrer empfundenen Identität einhergeht. In den Reflexionen beschreibt die externe ExpertIn ebenfalls die Begrenztheit der beruflichen Weiterentwicklung über Fortbildungen und die zunehmende Unzufriedenheit mit dem Beruf. Die in dem folgenden Zitat angesprochene intensive KlientInnenarbeit vor dem Hintergrund einer die interpersonellen Kontakte nicht reflektierenden Ausbildung, die die einzelne TherapeutIn deutlich auf die eigene Intuition im Umgang mit KlientInnen sowie die Überlegung zur eigenen Rolle im therapeutischen Geschehen verweist, wird vordergründig. Ebenso wird der Charakter der Fließbandarbeit oder auch der der empfundenen „Reparaturwerkstatt“- (metaphorisch sehr interessant) transparent. Darüber hinaus wird neben den empfundenen engen Grenzen des Berufes mit dem letzten Satz des Zitates der Verweis auf ein nicht vorhandenes kollektives physiotherapeutisches Selbstverständnis transparent- und dieses berichten sowohl die Studierenden der Physiotherapie heute als auch die KollegInnen, die vor einigen Jahrzehnten ihre Ausbildung absolvierten.

Text: Expert\ax- 1, Position: 35 – 35, Code: berufliche Identität

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„Nun war ich natürlich noch in einer Phase, mich fachlich sehr zu, zu spezialisieren, .....also legte, so zu sagen, in Sachen Fachkompetenz auch sehr nach, und hatte dann aber so das Gefühl, meine Güte, es ist immer mehr des selben. Natürlich haben mich diese Methoden immer weiter gebracht und ich hab so meinen Werkzeugkasten gefüllt und hab ein Gespür dafür bekommen, welches Kind, oder ich würd fast sagen, welche Familie welche Therapie braucht, oder Behandlung braucht, aber ich wurde eigentlich immer unzufriedener, weil ich merkte, die wirklichen Probleme, die diese Familien, die ja sehr erwartungsvoll in so einem sozialpädiatrischen Zentrum sind, also sprich- die ambulanten Praxen hatten die an vielen Punkten durchlaufen- und sie kamen mit hohen Erwartungen zum Teil auch eben in diese stationäre Aufnahme..... Und ich fühlte mich ein bisschen wie eine Reparaturwerkstatt, zu der jemand kommt oder Kinder gebracht werden, und dann hieß es, machen Sie mal. Und wir tun auch so, als wenn wir den Reifen auswechseln können.....von daher war dann spürbar für mich 'ne Unzufriedenheit, spürbar auch, dass ich mit fachlichen Fortbildungen nicht mehr die Befriedung finde und diese Antworten finde auf die Fragen, die sich dann entwickelt hatten. Und ich kam mir auch immer exotischer vor in diesem Physio-Kontext.“

Im Vergleich zu den berufserfahrenen KollegInnen verbinden die NovizInnen der gebildeten Typen „Pragmat i kerIn“, „Mitnahme“ und „Unterforderte KritikerIn“ (vgl. Kapitel 4.2.2.2. „Studienmotivation und Erwartungen an das Studium-NovizInnen“) mit der Aufnahme des Studiums insgesamt als pragmatisch zu bezeichnende St u dienmotive. Auf der einen Seite möchten sie gerne „dabei sein, wenn sich die Physiotherapie professionalisiert“, sie möchten nichts verpassen, wenn sie die qualifikatorischen Voraussetzungen „mitbringen“, auf der anderen Seite kritisieren sie die intellektuell nicht ausfüllende Ausbildung und verbinden unbewusst die Möglichkeit der eigenen persönlichen Reifung durch das Studium. Die bevorzugten nächsten Karriereschritte sind ganz deutlich: Forschend tätig zu werden und eine Weiterentwicklung im Sinne des Masters zu überlegen, in gleichem Maße, wie in die therapeutische Tätigkeit einzusteigen. An dieser Stelle erscheint nachdenkenswert, ob den BerufsnovizInnen, die zunächst über noch keine Erfahrung im dauerhaften, alltagspraktischen KlientInnenkontakt verfügen, vor dem Hintergrund der Überlegung, mit einem Bachelorstudium reflektierte PraktikerInnen auszubilden, solche möglicherweise unrealistischen Zielsetzungen durch das Studium vorrangig transportiert werden sollten. Hinzukommt, dass die BerufsnovizInnen Erfahrungswissen im Vergleich zu evidenzbasiertem Wissen abstufen. Erfahrungswissen als solches erfährt kaum eine Würdigung und führt dazu, dass die NovizInnen den KlientInnenkontakt zunächst als nachrangig einstufen. Aber erst durch die Verknüpfung von Erfahrungswissen und wissenschaftlichem Wissen entsteht Professionswissen. Hier steht zu vermuten, dass sich die Einstellung der Lehrenden im Sinne der Prägung der Fachkultur niederschlägt. Ohne Zweifel ist evidenzbasiertes Wissen als eine der tragenden Säulen effektiver und effizienter physiotherapeutischer Handlungspraxis Voraussetzung, jedoch ist hier ein recht vehementer „Ruck“ in diese Richtung zu verzeichnen, der es fraglich erscheinen lässt, ob er der Entwicklung des Berufsstandes gerecht wird. Es muss überlegt werden, ob den Studierenden als wesentliche neue Sichtweise auf den therapeutischen Prozess die der Statistik, Nachweisbarkeit und Betriebswirtschaftlichkeit vermittelt werden sollte. Wirklich problematisch erscheint, dass einige BerufsnovizInnen sich als die „DenkerInnen“ der nächsten Generation heranwachsender PhysiotherapeutInnen sehen. Genau an diesem Punkt wird der Auftrag, den die Studiengänge für die reflektierte Praxis im Sinne der „higher education“ haben, nur bedingt eingelöst. Dieses lässt sich auf die Tatsache zurückführen, dass das Studium ein Novum ohne akademische Tradition darstellt und der Bruch mit alttradierten Wissensbeständen zwangsläufig zur Verunsicherung und auch zu selbst- und fremdinitiierten Selbstfindungsprozessen führt.

Auf der anderen Seite ist den BerufsnovizInnen das therapeutische Setting sekundär relevant. Verwissenschaftlichung im Sinne der Akademisierung kann an dieser Stelle verglichen werden mit der Entwicklung technokratischen Wissens - und dieses erinnert stark an das Phänomen der Absorption der Inhalte während der beschriebenen Fort- und Weiterbildungen (vgl. hierzu Kapitel 4.3.6 „Professionalisierung und Fort- und Weiterbildung“)

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Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass NovizInnen und Berufserfahrene unterschiedliche Schwerpunkte setzen - und sich dieses in ihrem Habitus wiederfinden lässt.

In der Beurteilung ihres Studiums - grundsätzlich sind alle Studierenden durch den Wissenszuwachs begeistert - erwähnen sie ähnliche Dimensionen wie bei der Beurteilung der fachschulischen Ausbildung, auch hier sind die zentralen Foki die Persönlichkeit der Lehrenden, der Theorie-Praxis-Bezug, die Lehrmethoden sowie der Zuschnitt und die Vermittlung der Inhalte. Genau diese sind wiederum als die zentralen identitätsstiftenden Momente zu verstehen. Hervorgehoben werden von den Studierenden insbesondere ihre Erwartungen an die sog. teaching skills und das pädagogisches Wissen der Lehrenden: Authentizität, pädagogische Ausbildung, fächerübergreifende Lehre, Wissen bzgl. der eigenen Disziplin. Sie fordern Exzellenz in der Lehre. Wie bereits angedeutet, durchzieht dieser Aspekt sowohl die physiotherapeutische Ausbildung wie auch das Studium. Die Zufriedenheit mit dem Studium hängt unter anderem sehr stark davon ab, wie sehr sich die Lehrenden mit der „Physiotherapie“ identifizieren und wie stark sie in diesem Beruf verwurzelt sind. Die Studierenden benötigen Lehrende in Vorbildfunktion, um ihre Verunsicherung in dieser Umbruchsituation abbauen und den eigenen Selbstfindungsprozess begünstigen zu können.

An allen Studienstandorten hat sich herauskristallisiert - und dieses ist unabhängig von der Berufserfahrung zu sehen - dass wiederum die sozialwissenschaftlichen Fächer bzw. ihr Zuschnitt und auch die praktische Relevanz für die Physiotherapie die größten Schwierigkeiten bedeuten und bereiten. Dieses liegt einerseits darin begründet, dass die Studierenden ihre Wurzeln deutlich im medizinischen Kontext begreifen (welches als Fakt durch die Ausbildung transportiert und sozialisiert ist) und andererseits darin, dass auch im Studium die Bezugswissenschaften wie beispielsweise die Psychologie auf die Physiotherapie „gestülpt“ werden, ohne jedoch den alltagspraktischen Bezug und die direkte Umsetzung in der therapeutischen Situation aufzuweisen. Gerade die sozialwissenschaftlichen Inhalte, und hier inkludiere ich auch das Wissen über moralisch-ethische Hintergründe, stellen sich als die zentralen Kernelemente oder Schwachpunkte, sei es in der Ausbildung oder im Studium, dar - denn sie sind genau die Begründungsparameter, die die Studierenden für das berufliche Scheitern in der Alltagspraxis verantwortlich gemacht haben.

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Insbesondere die NovizInnen gehen in ihren Äußerungen so weit, dass sie den Sinn der Lehre in den sozialwissenschaftlichen Fächern anzweifeln, wenn sie von „physiotherapiefremden“ Professionen unterrichtet werden - in deren Bezügen und Relevanzen sie sich nicht wiederfinden können. In der Verknüpfung mit ihrer Identität wünschen sich die Studierenden authentische DozentInnen, die ausgestattet mit einer entsprechenden Berufserfahrung, den Zuschnitt auf die Berufsgruppe schaffen. Die im Moment von den Studierenden an dieser Stelle verlangte Transfer- und Konstituierungsleistung kann nicht gelingen. Die ihnen überlassene Gestaltungszumutung, nicht nur eine neue Identität als Studierende zu entwickeln sondern auch die inhaltliche Neuorientierung führen zu hochgradiger Verunsicherung - dieses aber nicht nur auf der Seite der Studierenden – sondern auch bei den „nicht studierenden BerufspraktikerInnen“ (vgl. hierzu Kapitel 4.2.4.2. „Schwierigkeiten im Umgang mit SchülerInnen in der Ausbildung und TherapeutInnen ohne fachhochschulische Sozialisation“). Das Studium wird also nicht nur als das Durchlaufen einer Statuspassage im positiven Sinne gesehen, sondern als ein Wendepunkt und/oder Bruch mit alttradierten Wissensbeständen, die eine hohe Anpassungsleistung durch das Individuum nach sich ziehen. Dieses mag als ein Grund für die möglicherweise überwiegend kritischen Äußerungen bei der Beleuchtung des Studiums gesehen werden.

Die Studierenden der eher medizinisch ausgerichteten Studiengänge (vgl. Kapitel 1.8 „Studiengänge für die Physiotherapie in Deutschland“) äußern sich insgesamt sehr viel moderater und zufriedener mit ihrem Studium, da sie sich durch den medizinischen Wissenszuwachs und die vermittelten Forschungsperspektiven mit ihrer medizinisch verorteten Identität wiederfinden.

Was jedoch durch die Struktur der Studiengänge nur bedingt gelingt, ist die Identifizierung mit einer studentischen Kultur. Anwesenheitspflicht, z. T. relativ verschulte Studiengangsstrukturen schränken diese Entwicklung sehr ein.

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Durch die Sozialisation als Studierende geprägt, machen sie in ihrer Reflexion im Wesentlichen drei Proble m felder im Akademisierungsprozess aus:

Nur etwas mehr als ein Viertel aller interviewten Studierenden befürwortet eine grundständige physiotherapeutische Ausbildung, wie sie im Ausland für den Berufsstand üblich ist. Ihre Begründungsmuster beziehen sich auf die Entwicklung des gesamten Berufsstandes, der Statusveränderung durch wissenschaftlich untermauerte Wissensbestände und die damit möglicherweise verbundene Akzeptanz im Ausland. Auch beide hinzugezogenen externen ExpertInnen begründen mit ebengleichen Argumenten die Einführung einer flächendeckenden ak a demischen Ausbildung.

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Die übrigen Befragten sind entweder gegen die Einführung grundständiger, sowohl Theorie und Praxis umfassender Studiengänge oder aber sie sind hochgradig ambivalent. Mannigfaltige Begründungen werden hier angebracht (vgl. Kapitel 4.2.4.1 „Einführung der flächendeckenden Akademisierung“). Die Hoffnung, die jedoch latent in jeder Aussage mitschwingt, bezieht sich auf die Tatsache, über die individuelle Weiterentwicklung einen besseren Status zu erlangen als es dem Rest der Berufsgruppe möglich ist - und sich somit deutlich abgrenzen zu können. Argumentiert wird primär von den BerufsnovizInnen, dass es ja auch noch „HandwerkerInnen“, „ArbeiterInnen“ geben muss und dass „man nicht unbedingt studiert haben muss, um ein Bein zu behandeln“ und „die kann man ja gar nicht alle auf ein akademisches Niveau heben“. In einigen Fällen schwingt deutlich die Herabwertung der therapeutischen Intervention mit. Studium - von den Studierenden gleichgesetzt mit Theorie - und Praxis, so wird es offensichtlich vermittelt, erscheinen für sie als nicht zusammenzugehörig. Auch hier wird wieder eindeutig die durch die Implementierung der Studiengänge verursachte Verunsicherung transparent, und es obliegt wiederum dem Individuum - mit wenig Unterstützung durch die akademischen Welt - diesen Selbstfindungsprozess und die realistische Verortung zu gestalten. Darüber hinaus wird die wahrgenommene Mehrdimensionalität des Studiums für die eigene persönliche Entwicklung transparent. Im Gegensatz zu den NovizInnen halten die eher verhaltenen Stimmen der Berufserfahrenen - zumeist die Studierenden des medizinisch ausgerichteten Studienganges „Vertiefung“ (vgl. Kapitel 1.8 „Studiengänge für die Physiotherapie in Deutschland“) die Einführung grundständiger Studiengänge deswegen für überdenkenswert, weil sie die Fülle des medizinischen Wissens für nicht verarbeitbar in einem grundständigen Studium halten. Auch hier deutet sich bereits wieder die primär medizinisch verortete Identität an. Es lässt sich an dieser Stelle nicht nur vermuten, dass die Entwicklung einer Zwei-Klassen-Physiotherapiegesellschaft droht, sondern dass sie bereits eingetreten ist. Nicht nur über das vorstehend erwähnte Abgrenzungsphänomen ihren BerufskollegInnen gegenüber, sondern verbal expliziert, existiert dieses Phänomen bereits.

Insgesamt macht hier ein Typus von PhysiotherapeutInnen eine Ausnahme (gleichzusetzen mit der „Enthusiastischen Idealistin“ des ersten Stranges). Überaus verantwortungsbewusst geht dieser Typ mit der drohenden Zwiespaltung um und sieht die persönliche Einbringung darin, den BerufskollegInnen die Angst vor dem Studium zu nehmen.

Das jedoch größte Problemfeld lässt sich unter der Überschrift des Theorie-Praxis-Bezuges subsummieren. Dieses ist nicht verwunderlich, verfügt die Physiotherapie in Deutschland über kaum eigenständige Theoriebildung. Aber auch der Theoriebegriff an sich bleibt diffus - zum Einen wird das medizinische Faktenwissen mit Theorie gleichgesetzt, zum Anderen das Studium als Ganzes, dann wieder nur die Inhalte der Sozialwissenschaften. Auch die Bedeutung der Theorie als „Denkwerkzeug zur Analyse der Praxis und ihrer Brutalitäten“ findet keine Entsprechung. Hier zeigt sich bereits eindrücklich, was sich in anderen handlungsorientierten Disziplinen (bspw. Pflege, Sozialarbeit, Erwachsenenbildung etc.) nach 10 Jahren akademischer Erfahrung als ähnliche Ergebnisse herauskristallisiert hat. Für die Physiotherapie aber bedeutet es, sich zunächst einmal Begrifflichkeiten wie Theorie, Konzept, Modell, Grundannahme und Bezugsrahmen zu nähern - und von vornherein einen Zuschnitt auf die Physiotherapie zu versuchen. Die von den Studierenden getätigten Aussagen zur Theorie, die u. a. krank machend ist, Identitätsstiftung verhindert, praxisfremd und Beiwerk ist, verdeutlicht das Klaffen der Schere in dieser Disziplin vom Beginn der Etablierung der Studiengänge an. Darüber hinaus wird genau an dieser Stelle wiederum die physiotherapeutische Identität transparent. Physiotherapie ist Praxis - die sich „auch nicht an der Universität lehren lässt“. Selbst die „DenkerInnen“ der kommenden Generation argumentieren mit der medizinisch orientierten Praxis, dem „Hand“-anlegen, der Hand als „Werkzeug“, den Techniken als „Werkzeugkasten“ als wesentlichen identitätsstiftenden Momenten für ihren Beruf.

461

Was insbesondere von einigen NovizInnen der „dreisemestrigen“ Studiengänge (genannt „Ergänzung“- vgl. Kapitel 1.8. „Studiengänge für Physiotherapie in Deutschland“) in diesem Zusammenhang erwähnt wurde, ist, dass der fehlende Praxisbezug im Studium sie verunsichert und sie nicht recht erkennen lässt, was das Studium für ihre weitere Entwicklung bedeuten wird. Aufgrund der Kürze des Studiums verstärkt sich bei einigen Studierenden das bereits durch die Ausbildung entwickelte defizitäre Gefühl, welches sich deutlich auf die mögliche Festigung ihre physiotherapeutischen Identität durch das Studium niederschlägt, da die Inhalte aufgrund der zeitlichen Begrenzung „wieder“ nur angerissen werden können.

Zusammenfassend lässt sich im Hinblick auf die Studienmotivation und Karrierevorstellungen eine deutliche Heterogenität in der Gruppe der Studierenden festhalten Die Berufserfahrung vor Aufnahme des Studiums prägt eindrücklich die Karrierevorstellungen. Im Hinblick auf die Entwicklung einer „neuen“ Identität als Studierende spielt nicht so sehr die Berufserfahrung die entscheidende Rolle, sondern inwiefern es durch den gemeinsamen Sozialisationsprozess gelingt, einen neuen Habitus zu entwickeln oder den alten zu festigen. Die von den Studierenden eingekreisten Problemfelder im Akademisierungsprozess verdeutlichen die Schwierigkeiten, mit denen sie sich auch in Bezug auf ihre Selbstfindung konfrontiert sehen.

5.3 Ergebnisdiskussion zum 3. Strang: Professionalisierung und
Professionalität

In diesem letzten Strang wurde vor dem Hintergrund von Professionalisierung und Professionalität beforscht, wie sich das physiotherapeutische Selbst über Definition des eigenen Berufes, das Selbstbild sowie antizipierte Fremdbild darstellt und woran die Studierenden Professionalität und den Professionalisierungsprozess festmachen.

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Wie in der theoretischen Auseinandersetzung bereits erschlossen, ist Professionalität zunächst sehr eng an das Phänomen eigener beruflicher Identität geknüpft, aber auch an die Fähigkeit der Anwendung wissenschaftlich vertiefter, abstrahierter Kenntnisse in der konkreten (Handlungs-) Situation. In den bereits erfolgten Ausführungen wurde transparent, dass letzterer Punkt eng an die Theorie-Praxis-Verknüpfung gekoppelt ist - oder anders gesagt, ein ausgewogener Bezug beider Bereiche aufeinander nötig ist - um auf der einen Seite ausschließliche Theoretisierung und auf der anderen Seite unreflektiertes Berufshandeln zu verhindern. Diese Synthese gelingt zur Zeit in der Physiotherapie aus den bereits genannten Gründen noch nicht, denn weder hat die Physiotherapie es bisher geschafft, die Bezugswissenschaften auf die Disziplin zuzuschneiden, geschweige denn sich von ihnen in einem Transformationsprozess zu lösen, der eigene Identität und Professionalität entstehen lassen könnte. Wissenschaftliches Wissen wird auf der Mesoebene nach Lempert (1998) zwar erworben, doch in wiefern es sich auf wissenschaftlich-praktische Kompetenz im beruflichen Handeln auswirkt, wird erst noch zu eruieren sein. Die im kompetenztheoretischen Zusammenhang stehenden berufsethischen, professionsspezifischen Leitziele existieren noch nicht - und lassen sich über die gesamte Forschungsarbeit eindrücklich den Aussagen der Studierenden entnehmen.

In diesem Zusammenhang steht aber für sich das Phänomen, dass die Studierenden die berufliche Handlungspraxis als wesentlichen Baustein professioneller Entwicklung nicht in den Vordergrund ihrer Betrachtungen rücken, sondern Leitung, Forschung und Weiterlernen, wie nachfolgend beschrieben.

Als ein Teil beruflicher Identität sind in dieser Arbeit wie gesagt explizit die Parameter einer Definition von Physiotherapie, das Selbst- sowie antizipierte Fremdbild erhoben worden. Sicherlich sind die drei Parameter sehr miteinander verwoben, beeinflussen sich wechselseitig und sind somit nicht einfach voneinander zu trennen. Die Studierenden haben zunächst größte Mühe, eine Definition ihres eigenen Berufes zu geben bzw. die charakteristischen Elemente ihres Berufes hervorzuheben. Die unterschiedlichen Begründungen lassen sich zunächst unter zwei übergreifende Aussagen stellen: Die erste besagt, dass eine Definition nicht möglich sei, da eine Definition als Einschränkung empfunden wird. Die zweite betont, dass die Selbstdefinition an das Merkmal von Fort- und Weiterbildung gekoppelt ist, d. h., die PhysiotherapeutIn definiert sich nicht über den (Grund-)Beruf Physiotherapie, sondern über jeweils absolvierte Fort- und Weiterbildungen. Dieses wird als Tatsache von den Studierenden mit großer Frustration berichtet. Das sich daran offensichtlich seit Jahrzehnten nichts geändert hat, zeigt das nachfolgende Zitat einer externen ExpertIn:

463

Text: Expert\ax-H2b, Position: 76 – 76, Code: Definition

„Sie (die PhysiotherapeutInnen) müssen was Besonderes sein, klar, und darum sind sie ja dann auch nicht mehr Physiotherapeut, sondern Manualtherapeut oder Bobath-Therapeut oder Vojta-Therapeut oder FBL-Therapeut. Was soll das? Das sind, also ich find's ein Jammer, wenn jemand nur Manualtherapeut ist oder nur FBL-Therapeut, wo bleibt der ganze Rest?“

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Die weiteren Ausführungen der Studierenden kreisen dann als die zentralen Parameter ihrer möglichen Definitionen das Arbeiten mit dem Körper, das Helfen und das Wiederherstellen von Funktionen ein. Auffällig ist, dass hin und wieder auch der Begriff der Ganzheitlichkeit fällt, der allerdings in einem oberflächlichen Betrachtungsmodus ohne Verinnerlichung verbleibt - und das Moment der „Bewegung“, das eigentlich übergreifende Berufswahlmotiv - nicht in die Definition einbezogen wird. Lediglich die langjährig erfahrenen TherapeutInnen integrieren über lang reflektierte Prozesse beruflichen Handelns die Veränderungen in ihrem Selbst und damit der Definition. Sie reflektieren ihre Handlungspraxis von der anfänglich „Hand“-anlegenden Therapie hin zur beratenden, die KlientIn autonomisierenden Tätigkeit.

Im Kontrast hierzu stellt eine der hinzugezogenen ExpertInnen die für sie zentralen und auch anderen Berufen gegenüber einzigartigen Definitionsmomente der Physiotherapie heraus: Die Bewegung sowie die körperliche Nähe im KlientInnenkontakt. Hier wird sich sicherlich in der Zukunft ein hoher Diskussionsbedarf einstellen, der nicht nur nach einer möglichen Definition, sondern auch nach einem kollektiven Selbstverständnis und der Selbstinterpretation sucht.

Identität stellt immer die Frage nach dem „Wer bin ich- und wer möchte ich sein“. An dieser Stelle soll nun mit der Zusammenfassung der Ergebnisse zum Selbstbild der PhysiotherapeutInnen fortgefahren werden. Kristallisierte sich bereits das Finden einer Definition als diffus und äußerst diffizil heraus, so kommt im Selbstbild der PhysiotherapeutInnen, also der Beschreibung, wie der eigene Berufsstand und der eigene Bezug zu ihm wahrgenommen wird, eine sehr hohe Aussagekraft zu. Die Aussagen der Studierenden verdeutlichen die tiefe Identitätskrise im Berufsstand der PhysiotherapeutInnen - und stimmen sehr nachdenklich. Die eingangs so charismatisch, sportlich, einfühlsam und über psychologisches Beurteilungsvermögen beschriebene Persönlichkeit der PhysiotherapeutIn scheint verschwunden. Sowohl NovizInnen wie auch Berufserfahrene stehen ihrem eigenem Berufsstand mit äußerster Skepsis und Kritik gegenüber. Es verwundert, dass beide zu einem fast identischen Aussageverhalten im Selbstbild gelangen und lässt die Frage stellen, wodurch diese Einstellungen transportiert werden. Nun können hier nicht alle Aussagen zum Selbstbild wiederholt werden (siehe hierzu in aller Ausführlichkeit das Kapitel 4.3.2 „physiotherapeutisches Selbstbild“), aber einige wesentliche Fragmente sollen dennoch beleuchtet werden. Abgesehen von der festgestellten Tatsache, dass kein gemeinsames berufliches Selbstverständnis existiert, sprechen die Studierenden der überwiegenden Mehrheit der BerufsinhaberInnen die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung ab und schreibt ihr konkurrierendes, mangelnde Sozialkompetenzen erkennen lassendes Verhalten zu. Weiterhin attribuieren und empfinden sie die unpolitische, an Weiterentwicklung nicht interessierte Berufsgruppe als hin- und hergerissen zwischen „Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn“, unfähig, die eigenen Kompetenzen und ihre Grenzen zu erkennen sowie sich durch Abgrenzung gegeneinander auszuzeichnen. (Hier ist allerdings anzumerken, dass die Mehrzahl der Studierenden sich bereits in ihrem Antwortverhalten zur flächendeckenden Einführung grundständiger Studiengänge ebenfalls abgrenzend geäußert hat!). So fordern sie Richtlinien, die das therapeutische Handeln reglementieren sollen und kritisieren die hohe Zersplitterung in verschiedene Verbände, die die politische Wirkkraft schwächen. Weiterhin fokussieren sie ein fehlendes, kompetentes Kommunikationsverhalten untereinander sowie gegenüber der Ärzteschaft. In diesem Fall liegt eine kollektive Einschätzung vor, die von beiden ExpertInnen geteilt wird und die Forderung zulässt, sich in Zukunft um eine gemeinsame, auch für angrenzende Berufsgruppen nachvollziehbare und kommunizierbare Fachsprache zu bemühen.

465

Text: Expert\ax-2b, Position: 66 – 66, Code: Professionalisierung\ Kommunikation

„Wir verstehen ja schon untereinander nicht, ne, wenn ein FBLer9), sag ich jetzt mal, mit einem Manualtherapeuten spricht, verstehen die sich ja nicht in ihrer Terminologie. Und das halt ich für tödlich für den Berufsstand oder für den Wissensbestand eines Berufes. Wenn jeder glaubt, er muss 'ne Bewegungsrichtung nun auf seine Art bezeichnen und noch mal anders, als es die Schüler im Anatomiebuch finden, was soll das? Also, was mir als sehr unangenehme Entwicklung schon seit vielen, vielen Jahren auffällt, ist die sprachliche Entfremdung zwischen Medizin und Physiotherapie.“

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Der Haupttenor in der Entwicklung des mangelnden Selbstbewusstseins einerseits und der Selbstüberschätzung andererseits, den die Studierenden bereits im dritten Strang betont haben und der als Folge einer nicht gelingenden, kollektiven Identität durch die Ausbildung mit mangelnder Entwicklung eines beruflichen Selbstverständnisses betrachtet bzw. verstanden werden kann, durchzieht wie ein zweiter roter Faden die Interviews und wird wiederum durch die Außenaufsicht bestätigt.

Text: Expert\ax-2b, Position: 68 – 68; 100-102, Code: Selbstbild PT

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„an der Selbstüberschätzung, würd ich sagen, und an der, es fehlt das Regulativ.

Wenn wir wirklich ein selbstbewusster Berufsstand wären, wären wir ja in der Lage, mit vernünftigen Fragen, wie jeder andere Wissenschaftler das auch macht, in die Nachbardisziplin zu gehen und zu sagen, hör mal, ich hab hier ein Phänomen, das kann ich mir nicht erklären, was fällt dir denn dazu ein? Warum können wir das nicht? Das hoff ich mir, dass wir irgendwann mal so weit kommen, ne, wenn die Frage entsteht, was erwarten Sie sich von der Akademisierung der Physiotherapie, zum Beispiel das. Dass wir ein berufliches Selbstverständnis entwickeln, dass uns befähigt, ohne Berührungsängste zu den Grundlagenwissenschaften zu marschieren, zu den Begleitwissenschaften zu marschieren und zu sagen, hört mal Jungs, hier brauch ich mal 'ne Auseinandersetzug mit euch. Und das schaffen wir nicht.

468

F. Ja und warum? Was ist da der Grund?

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Weil wir Halbgebildet sind, das muss man so krass sagen. Halbgebildete kriegen sofort Hosenschlottern, wenn ein vermeintlich ganz Gebildeter vor ihnen steht. Und nichts ist schlimmer, als ein Halbgebildeter, der sich für gebildet hält. Und das tun wir, weil wir jahrelang pauken, in der Ausbildung, in der Fortbildung pauken wir, und glauben natürlich, wir wissen unglaublich viel. Aber wir wissen kaum was. Wir wissen Einzelheiten, aber wir haben ja überhaupt keinen Zusammenhang im Kopf. Und wie kann jemand, der sich nur mühsam diese ganzen, diesen ganzen Bobath, Vojta, FBL sind auch wochenlange Kurse, Manuelle10, wochenlang fährt man irgendwo hin, bezahlt viel Geld, lässt sich auf die Finger gucken, macht 'ne Prüfung und zittert und bebt, hat, was weiß ich, 30, 40.000 Mark investieren die da, und dann sollen sie das in Frage stellen, was sie da gelernt haben? Ist ein bisschen viel verlangt, ne?“

Die Erklärung, die eine der ExpertInnen für diesen Sachverhalt sieht, wurzelt wiederum in einem nicht vorhandenen, kollektiven Selbstverständnis, welches sie auch wiederum durch die Ausbildung bedingt sieht.

Text: Expert\ax-2b, Position: 114 – 120, Code: Professionalisierung

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Ja, klar, deswegen seh ich ziemlich trist in die Zukunft, so lange die Lehrer nicht qualifiziert sind, bleibt die Ausbildung, wie sie ist. Wenn die Ausbildung bleibt, wie sie ist, bleibt die Physiotherapie weitestgehend so, wie sie ist. Und dann tauchen so'n paar Lichtgestalten auf, die sich ihren Freiraum suchen.“

Dass sich PhysiotherapeutInnen je nach unterschiedlichen Fachgebietszugehörigkeiten identifizieren, hat sich vor Jahrzehnten ebenso dargestellt wie heutzutage. Im Sinne der Identität ist hervorzuheben, dass alle interviewten ExpertInnen (d. h. Berufserfahrene, NovizInnen sowie externe ExpertInnen) äußern, dass die PhysiotherapeutInnen in den Fachgebieten der Neurologie und der Pädiatrie weitaus komplexere und persönlich anspruchsvollere Aufgaben zu lösen haben, als beispielsweise die in der Orthopädie/Traumatologie/Sportphysiotherapie Tätigen, denn diesen Fachbereichen schreiben sie ausschließlich strukturell zu lösenden Probleme, aber keine Betrachtungen auf der Aktivitäts- oder Partizipationsebene zu. Dieses ist sicherlich sehr zu hinterfragen, denn auch in diesen Kontexten wird ein „Mensch“ behandelt, der seine Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben aufrechterhalten möchte und kann. Letzterer Aspekt wird ebenfalls von den beiden externen ExpertInnen durch das nachfolgende Zitat eindrücklich untermauert.

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Text: Expert\ax-2b, Position: 84 – 84, Code: berufliche Identität

„Und dass Patienten immer und immer wieder kommen mit denselben Beschwerden, ist 'ne Bankrotterklärung der Physiotherapie, weil ich spätestens dann, wenn er zum dritten Mal mit seinen Rückenschmerzen kommt, wissen muss, dass ist kein strukturelles Problem, also ob ich da jetzt noch mal an der Struktur rumpopele oder ob ich die x-te Rückenschule mit ihm mache, was en vogue ist, Rückenschule, das ändert ja nichts an dem Problem, der braucht was ganz anderes, der trägt seinen Rücken so lange irgendwo hin, bis jemand mal merkt, dass er seine Seele trägt und nicht seinen Rücken.“

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Interessant im Zusammenhang mit den Ausführungen zum Selbstbild ist die Frage nach dem antiz i pierten Fremdbild, also der Frage, wie die Studierenden glauben, durch die Augen anderer Berufsgruppen oder der Bevölkerung gesehen zu werden. Bezeichnend ist hier, dass von allen anderen Berufsgruppen wieder der Berufsstand der MedizinerInnen die primäre Messgröße ist - und damit wieder die eigentliche Verortung transparent wird. So berichten die Studierenden sowohl davon, dass weder der Großteil der Bevölkerung ein adäquates Bild von ihrem Berufsstand habe noch die Ärzteschaft; sie leiden unter der mangelnden Transparenz und dem „Verkanntwerden“. Erst durch einen direkten Kontakt zur Physiotherapie im Status der KlientIn wird das Bild von den „Massagemäusen und Hupfdohlen“ revidiert und präzisiert, und letztlich die eigentliche therapeutische Leistung wertgeschätzt. In Bezug auf die Ärzteschaft wird wieder transparent, was an anderer Stelle dieser Arbeit bereits erwähnt wurde: die Fachbereichszugehörigkeit. So haben die MedizinerInnen in der Neurologie und in der Pädiatrie ein weitaus differenzierteres Bild von der Physiotherapie und wertschätzen die von den TherapeutInnen erbrachten Leistungen um ein Vielfaches höher als ihre orthopädischen KollegInnen. Diese Fachbereiche sind auch von den Studierenden im Selbstbild als besonders komplex beschrieben worden und machen eine inter- und multidisziplinäre Betrachtung der therapeutischen Situation im Sinne der KlientIn unabdingbar. So fühlen sie sich in diesen fachlichen Kontexten als „KollegInnen“ wahrgenommen und akzeptiert, in allen anderen Bereichen jedoch nicht.

Die professionelle Entwicklung, Professionalität und den professionellen Status Quo ihres Berufes machen die Studierenden eindeutig an merkmalsbezogenen Kriterien wie Status, Macht, Hierarchie, Selbstbewusstsein, Verantwortung, Handlungsautonomie, dem Weiterbildungsverhalten sowie der berufspolitischen Vertretung fest - und eindeutig nicht an der Entwicklung ihrer Handlungskompetenz in der TherapeutIn-KlientIn-Interaktion.

Es wird von den Studierenden im Zusammenhang mit Status, Macht und Hierarchie wie bereits vorstehend im überwiegenden Maß ein Abgleichen mit dem Stand der MedizinerInnen vorgenommen. Diese Abhängigkeit der Legitimation und die Akzeptanz physiotherapeutischen Handelns erscheint mir vor dem Hintergrund einer bereits 1970 von Freidson getätigten Aussage zur Professionalisierungsmöglichkeit „paramedical professions“ – die sich in eben diese Abhängigkeit begeben - für fatal - da die Erlangung des Status als Profession genau deswegen nicht gelingen kann. PhysiotherapeutInnen sind keine MedizinerInnen und sollten auch nicht danach trachten, sondern ihr eigenes Profil entwickeln und schärfen! Es ist bezeichnend, dass einige der Studierenden in den Interviews davon sprechen, dass auch sie gerne ein Stethoskop und einen weißen Kittel tragen möchten - also die eng mit der medizinischen Profession assoziierten Statussymbole. Sie setzen sich so unter den Druck, dem medizinischen Modell zu folgen. Die PhysiotherapeutInnen leiden regelrecht unter der hierarchischen Struktur, da sie sich vom Stand der MedizinerInnen nicht entsprechend wahrgenommen und ihre Arbeit auch nicht entsprechend gewürdigt fühlen. Einige der TherapeutInnen - vornehmlich die NovizInnen und die ca. vier Jahre Berufserfahrenen - entwickeln eine ausgesprochene Konkurrenzsituation zur Profession der MedizinerInnen. Mit der Absolvierung ihres Studiums findet wiederum zum Teil eine nachdenklich stimmende Selbstüberschätzung statt - (ist das die Fortführung der Selbstüberschätzung, die bereits durch die Ausbildung angebahnt wurde?), denn die TherapeutInnen fühlen sich zum Teil auf einer Stufe mit den MedizinerInnen. Sie glauben aber auch, dass sie mit ihrer Bachelorausbildung den MedizinerInnen den Rang ablaufen könnten. Der Wunsch, die empfundene Kluft im Sinne der KlientIn zu reduzieren, ist legitim und sinnvoll, aber wiederum ist das reflektierte Erkennen der eigenen Kompetenzen und Grenzen als wichtigste Voraussetzung für eine möglicherweise gelingende KlientInnenversorgung zu sehen. Es ließen sich wiederum Typen erkennen, wobei die vorstehend beschriebenen Intentionen für den eher „aggressiv-kämpferischen Typ“ (vgl. Kapitel 4.3.4.3 „Auswirkungen der Hierachie auf Einstellung und Verhalten“ ) gelten, der mit den Typen „Aufstiegsorientiert“ im zweiten Strang (vgl. Kapitel 4.2.1.1.3 „Typ: Aufstiegsorientiert“) sowie insgesamt den Studierenden der eher medizinisch ausgerichteten Studiengänge „Vertiefung“ und „Ausland“ sowie einigen Studierenden des Studienganges „Grun d ständig“ in Verbindung (vgl. Kapitel 1.8 „Studiengänge für die Physiotherapie in Deutschland“) stehend zu sehen ist. Der herausgearbeitete „resignierte Typ“ leidet besonders unter der empfundenen Minderwertigkeit und bedauert die Situation, so wie sie sich darstellt, ist jedoch recht passiv in der Entwicklung von Lösungsstrategien. Dieses sind insbesondere die Studierenden der ergänzenden Studiengänge sowie NovizInnen. Der „l ö sungsorientierte Typ“ hingegen versucht, das eigene Handeln transparent zu gestalten und den Weg direkter Kommunikation zu suchen, um somit dem Phänomen der Hierarchisierung und ungleichen Machtverteilung entgegen zu treten. Dieser Typ berichtet dann auch von dem Effekt, dass das durch das Studium erlangte höhere Reflexionsvermögen von den MedizinerInnen wahrgenommen wird und wechselseitig zu einer anderen Akzeptanz führt. Unbenommen sind dies die Studierenden, die über eine mehr als achtjährige Berufserfahrung verfügen - unabhängig vom jeweiligen Fachhochschulstandort.

473

Die in der Diskussion um Professionalisierung und die mit dem Vorgenannten im engen Zusammenhang stehende Frage nach einer Ablösung von der ärztlichen Verschreibungspflicht im Sinne des „first contact practitioner“ oder der Erlangung von Handlungsautonomie hat zum Teil zu sehr interessanten und reflektierten Begründungen für oder gegen diese geführt. Handlungsautonomie umfasst grundsätzlich die alleinige Definitionsmacht einer Profession für sich selbst, die Selbstverwaltung und Entwicklung der Profession ohne Einflussnahme und Kontrolle von außen - hierzu gehört u. a. die Festlegung von Standards (auch Verhaltensstandards) in allen Bereichen der Profession. Handlungsautonomie impliziert möglicherweise eine arrogante Einstellung. Die ärztliche Rollendominanz und Definitionsmacht auf der strukturellen Ebene legitimiert, dass anderen Professionen Anweisungen erteilt und die jeweiligen Ergebnisse überprüft werden können. Hinzukommt die Festlegung, was unter Wissenschaft zu subsummieren sei und welche Ideen und Informationen zugelassen werden können. Die Frage, die sich anschließt: Würde die ärztliche Definitionsmacht nachlassen, wenn die PhysiotherapeutInnen als first-contact- practitioners auftreten?

Das Erreichen von Handlungsautonomie ist für die Studierenden zunächst einmal kein vorrangiges Ziel. Lediglich fünf der befragten Studierenden (drei NovizInnen und zwei vierjährig Erfahrene) halten dieses für sinnvoll und unabdingbar. Sie begründen dies mit ihrer eigenen, verantwortungsvollen Persönlichkeit. Sie halten die Autonomie im Handeln deswegen für sinnvoll, weil sie damit die MedizinerInnen entlasten könnten, die nur sehr wenig Zeit für die KlientIn, aber auch keinen adäquaten Einblick in die physiotherapeutische Handlungspraxis haben. Ein gleichzeitiges Anliegen ist allerdings auch die Angleichung an das Ausland zu erreichen sowie eine höhere Vergütung fordern zu können.

Alle übrigen Studierenden sehen in der Handlungsautonomie ein mögliches Fernziel, welches sie mit dem Blick auf den eigenen Berufsstand und dem zuvor beschriebenen Selbstbild begründen - und dieses, obwohl in allen Interviews das über die strukturelle Ebene hinausgehende ungeklärte Macht- und Beziehungsverhältnis zwischen MedizinerInnen und der Berufsgruppe vordergründig ist. Sie sprechen in dieser Phase des Professionalisierungsprozesses der Berufsgruppe die Übernahme der Verantwortung von der Diagnosestellung bis hin zur Therapie ab. Angeführt wird einerseits die noch nicht ausreichende wissenschaftliche Untermauerung ihres „Professionswissens“ und andererseits die Einstellung, mit der viele TherapeutInnen ihre berufliche Ausbildung - eben als weisungsgebunden Handelnde - antreten. Dem Studium schreiben sie in diesem Zusammenhang eine wesentliche Bedeutung im Hinblick auf das Erlangen von Handlungsautonomie zu. Auch die beiden externen ExpertInnen halten die Erlangung von Handlungsautonomie für sinnvoll, die Umsetzung aufgrund der nachstehend beschriebenen Einschätzung jedoch zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht.

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Text: Expert\ax-2c, Position:12 – 14, Code: Professionalisierung\ Handlungsautonomie

„Also, sagen wir mal, ein Großteil der Physiotherapeuten macht das, was er tut, würd ich jetzt mal ketzerisch behaupten, so mehr oder weniger im Instrumentenflug. Ohne Sicht. Mit anderen Worten, ohne Durchblick. Sie tun, was sie gelernt haben, was sie irgendwo gezeigt gekriegt haben und dann nachmachen, das ist jetzt so'n bisschen platt ausgedrückt, ein bisschen mehr ist natürlich schon dabei, aber ohne, ja ohne den wahren Durchblick, warum mach ich das jetzt und wie kontrolliere ich das jetzt und ... ja, und dann gibt es sicherlich auch noch welche, ... die nicht mal im Instrumentenflug sondern im Blindflug, .... durch die Krankheitsgeschichte segeln, ja, das sind die, die ihre Patienten nicht mal vorher angucken, sondern gleich mit Übungen loslegen, die gibt's ja auch, leider immer noch viel zu viele.

475

Und dann gibt es eben auch welche, die hochprofessionell arbeiten und genau wissen, was sie tun und warum sie's tun, also die Spanne ist sehr weit. Es gibt Physiotherapeuten, die würde ich ohne mit der Wimper zu zucken ohne ärztliche Verordnung arbeiten lassen, weil sie mehr wissen, als der Arzt, auf jeden Fall im Bereich Störungen des Bewegungssystems, weil die konservative Orthopädie ärztlicherseits immer mehr verrottet, die gibt es auch, ich denke, in der Minderheit, und die leiden natürlich unter dem Image, das der Rest prägt. Und für die, die wachen Auges wissen, was sie tun und warum sie etwas tun und das auch reflektieren und auch sich selbst reflektieren und, ja, also das sind, was ich als Professionelle bezeichnen würde. Die finden sich nicht repräsentiert. Davon ist sicherlich ein Großteil auch in dieser Zukunftswerkstat11t gelandet, weil sie, ja, auch hoffen, dass es noch ein paar andere gibt, die so ähnlich denken und empfinden wie sie. Und für die tut niemand was.“

Der überwiegende Teil der befragten Studierenden fokussiert jedoch sehr viel stärker auf Inter- und Multidi s ziplinarität und Teamarbeit als Alternative zur Handlungsautonomie. Interdisziplinarität wird hier verstanden als die verantwortungsvolle, reflektierte Ergänzung der unterschiedlichsten medizinischen Fachbereiche zum Wohl der KlientIn. In vielen anderen Ländern ist der Ruf nach Autonomie zu einem politischen Schlachtruf geworden (vgl. Rothstein 2003). Die vordergründige, möglicherweise rechtlich verbriefte Einführung von Handlungsautonomie trägt nicht zwangsläufig zur Professionalisierung eines Berufes - und schon gleich gar nicht zur Entwicklung der professionellen Entwicklung des Individuums bei. Vielmehr kann es als Machtinstrument verkannt und missbraucht werden - was der KlientIn nicht zwangsläufig dienlich ist. Die hier befragten Studierenden nehmen zunächst Abstand - aus welchem Grund auch immer - von der Forderung nach autonomem Handeln. Sie begreifen als primär relevante Ziele die professionelle Entwicklung ihres Berufes mittels wissenschaftlichen Arbeitens, Forschens, Lehrens und der Entwicklung von Reflexionsfähigkeit als Basis für die professionelle Weiterentwicklung etc.

476

Wie sich durch eine Längsschnittuntersuchung in den Jahren 1997 und 1999 darstellen ließ (vgl. Schämann 2001), hatte sich eine wenig hinterfragte Selbstverständlichkeit (bzw. Habitus) bei den PhysiotherapeutInnen beim Besuch von Fortbildungen gezeigt. Demgegenüber haben die Studierenden durch das Studium eine kritisch distanzierte Haltung im Hinblick auf das existierende Fort- und Weiterbildungssystem entwickelt. So empfinden die BerufsnovizInnen die erwähnte Fortbildungshysterie als Zwang und fordern vermehrt die Integration von Fortbildungsinhalten in ihre Ausbildung - im Austausch zu veralteten Wissensbeständen. Die Berufserfahrenen ergänzen dies um die Forderung nach Transparenz und Qualitätskontrolle, Leitlinien und Standards sowie grundsätzlich das Erlernen von Prinzipien sowie die Abschaffung der Technokratisierung physiotherapeutischer Wissensbestände. Die Neuordnung sollte an einem Punktesystem, ähnlich wie dem ECTS (European Credit Transfer System) orientiert werden, um so die Überlegung zu bekräftigen, auch außerfachhochschulisch erworbene Kenntnisse als mögliche Studienleistungen im Kontext des lifelong learnings anerkennen lassen zu können.

Der letzte Punkt, zu dem sich die Studierenden im Hinblick auf den professionellen Status äußern, ist die Einschätzung zu ihrer berufsständischen Vertretung. Die Vielzahl existierender, miteinander konkurrierender Verbände ist in ihren Augen der Grund, der ein geschlossenes, politisches Auftreten mit der entsprechenden Wirkkraft verhindert und die Stagnation innerhalb des Berufes und auch die Unkenntnis in der Gesellschaft bedingt. Alle TherapeutInnen haben ein überaus kritisches Bild internalisiert, welches sich auch in der Typenbildung wiederfinden lässt (vgl. Kaptiel 4.3.7. Professionalisierung und berufspolitische Vertretung“). Einzig der Typ „Engagiert und Verantwortungsvoll“ sieht sich mit der Absolvierung des Studiums in die Verantwortung genommen, sich in die politischen Gremien einzubringen. Aufgrund der Äußerungen zu ihren Berufsverbänden ließen sich letztendlich drei weitere Typen herauskristallisieren: „Die Enttäuschte und Vorwurfsvolle“, „Die Desinteressie r te“ sowie „Die OpportunistIn“. Gerade diese drei Typen - und man muss hinzufügen, dass sich die wenigsten Studierenden wirklich mit berufspolitischer Entwicklung auseinandergesetzt haben - berichten darüber, das Negativbild, an dieser Stelle auch gleichzusetzen mit kritischem Habitus (bspw. der Vergleich einer der Verbände mit der katholischen Kirche) bereits durch ihre fachschulische Ausbildung erworben zu haben. Dieses erinnert an die Aussagen, auch am Ende der Ausbildung gegenüber den MedizinerInnen eine negative Einstellung entwickelt zu haben. Sie erwähnen, dass sie sich gerade in den Anfängen der Akademisierung nicht unterstützt und mit ihrer Verunsicherung allein gelassen gefühlt haben - und ihre Verwirrung eher noch zugenommen hat, nachdem sie das anfänglich kontraproduktive Agieren auf der politischen Ebene beobachten konnten. Dieses spiegelt deutlich die Verunsicherung und Umbruchsituation wieder, die mit der Etablierung der ersten Studiengänge einhergegangen ist - und hat für die relativ instabile Identität deutliche Folgen. Der Selbstfindungsprozess ist nicht nur für die Studierenden losgetreten worden, sondern auch für die Mitglieder politischer Standesvertretungen, denn wenn die Akademisierung das Konzept der Zukunft ist - und die Studierenden die Mitgestalter dieser neuen Ära, dann werden sie sicherlich auch für eine andere Politik eintreten und sich möglicherweise aktiv für ein transparentes, politisch anerkanntes Berufbild einsetzen, welches andere Prioritäten und Maßstäbe an den Tag legen wird. Auch wird von Interesse sein, ob einer der bereits existierenden Verbände als Vertreter studentischer Belange tatsächlich den Zuspruch der Studierenden oder Studierten erhalten wird.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die langjährig Berufserfahrenen TherapeutInnen sehr viel moderater in ihrem Antwortverhalten zum Professionalisierungsprozess äußern als die BerufsnovizInnen. Allerdings ist bemerkenswert, dass unabhängig von der Berufserfahrung eine deutlich negative Einschätzung gegenüber der eigenen Berufsgruppe existiert und Professionalität an gleichen Parametern festgemacht wird. Durch die Aussagen der die Außenaufsicht ergänzenden ExpertInnen wird deutlich, dass sich das kollektive Selbstverständnis noch immer nicht entwickelt hat. Erstaunlich ist, dass sowohl die Studierenden als auch die externen ExpertInnen die Handlungsautonomie zunächst als kein vorrangiges Ziel sehen, obwohl sie in vielerlei Hinsicht einen Abgleich mit dem Stand der MedizinerInnen vornehmen. Auch das insgesamt dürftige Interesse an berufspolitischen Vertretungen ist im Hinblick auf den Professionalisierungsprozess bemerkenswert.


Fußnoten und Endnoten

9  Funktionelle Bewegungslehre, eine mögliche Fortbildungsrichtung in der Physiotherapie

10  Darunter ist „Manuelle Therapie“ gemeint, eine von vielen krankengymnastischen Behandlungsmethoden.

11  gleichzusetzen mit der Zukunftsinitiative Physiotherapie, „ZIPT“ (vgl. Kapitel 1.5 „Was ist Physiotherpie?“)



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09.11.2005