6 Teil VI
Zusammenfassung: Physiotherapeutische Identität, Habitus und Professioneller Status Quo

6.1 Physiotherapeutische Identität/physiotherapeutischer Habitus

477

Identität kann als das Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit bezeichnet werden - möglicherweise auch als Waffe und regressive Utopie konstituiert werden. Zu unterscheiden sind in diesem Kontext sicherlich die Identität des Individuums und die der Gruppe. Es lässt sich nicht eine allgemeingültige, kollektive physiotherapeutische Identität aufweisen. Ein zentrales und verbindendes Moment lässt sich jedoch durch die Studierenden im Hinblick auf die Handlungs-/Praxisorientierung auch im metaphorischen Gebrauch nachweisen: das „Hand“-anlegen, das „Hand“-werkzeug, der „Werkzeugkasten“. Die Hand wird als zentrales Moment physiotherapeutischer Identität expliziert. Dieser sprachliche Gebrauch lässt sich bei allen Studierenden sowie den externen ExpertInnen verzeichnen und weist deutlich auf die Wurzeln der Physiotherapie als einer der Medizin angegliederten und untergeordneten „handwerklichen“ Semiprofession hin. Ebenfalls belegt diese Orientierung und die des sich „Messen-Lassens“ an der Medizin - und des damit selbst auferlegten Legitimationsdruckes eindeutig die Identitätskrise in der Physiotherapie und die anzustrebenden Selbstfindungsprozesse. Erfolg wird noch immer gemessen in der strukturellen Verbesserung, jedoch wenig in der Zufriedenheit der KlientIn in partizipatorischen Kontexten. Trotz des Studiums ist das Neugelernte noch nicht in das Hier und Jetzt integriert. Die über Ausbildung und Berufstätigkeit internalisierten alten Denk- und Sozialisationsmuster lassen sich durch das Studium auch nicht unmittelbar verändern - neues Wissens wie beispielsweise „Ganzheitlichkeit“, „KlientInnenorientierung“ und „Partizipation“ und „Theorie“ bleiben zunächst Worthülsen ohne direkten Umsetzungsbezug. Durch die Äußerungen der Studierenden wird die „Prägung“ durch die Handlungspraxis, die Erfahrungsebene, durch Fortbildungen sowie maßgeblich durch die schulische Sozialisation im Sinne der Fächerorientierung deutlich.

Im Zusammenhang mit der Frage von Identität/Identitätsbildung und der Ausprägung eines Habitus als PhysiotherapeutIn hat sich nachweisen lassen, dass die jeweiligen Studiengänge einen deutlichen Einflussfaktor im Beurteilungsverhalten und der Ausformung der physiotherapeutischen Identität bedeuten. Beispielsweise spielt die nationale Verortung eine große Rolle, denn die nach dem Modell „Ausland“ Studierenden, sehen sich einerseits nicht als „deutsche“ PhysiotherapeutInnen - aber auch eben nicht als „niederländische“. Hier wie auch im Studiengang „Vertiefung“ kommt die deutlich medizinisch orientierte Verwurzelung zum Ausdruck. Die Berufserfahrenen insbesondere des medizinisch ausgerichteten Studienganges entwickeln einen eher in sich selbst ruhenden, ihre physiotherapeutische Identität festigenden Habitus, denn die Vertiefung medizinischen Wissens entspricht ihrer sehr engen Bindung an die Medizin und dem entsprechend tradierten Berufsverständnis. Weiterhin lässt sich für die gesamte Studierendengruppe ein sehr kritischer Habitus ihrer eigenen Berufsgruppe gegenüber feststellen, der gerade bei den NovizInnen zu deutlichen Abgrenzungserscheinungen führt.

6.2 Professioneller Status Quo

Um von einem gelingenden Professionalisierungsprozess sprechen zu können, müsste die stabile Verortung der Professionsmitglieder in ihrem Relevanzsystem gegeben sein. Hierzu kann man die Fähigkeit der Definition der eigenen Tätigkeit, die Entwicklung eines positiven Selbstbilds sowie einer stabilen Identität zählen. Wie sich durch die Interviews gezeigt hat, so sind dieses noch nicht gelingende Parameter im Professionalisierungsprozess der Physiotherapie, die die Aussage legitimieren, dass der Berufsstand der Physiotherapie weit entfernt von einer möglichen Bezeichnung als Profession ist. Es ist auch fraglich, ob sie ihn jemals wird erreichen können, wenn die eigene Identität sehr stark im biomedizinischen Modell gesucht wird. Der Akademisierungsprozess, der als ein unterstützendes Moment einer gelingenden Professionalisierung gesehen wird, hat eine Umbruchsituation nach sich gezogen, die zunächst zu großer Verunsicherung des Berufsstandes geführt hat und die einen langen Verarbeitungsprozess initiiert hat. Hier spielen die studierenden PhysiotherapeutInnen als hochmotivierte, beteiligte Personen für die Richtung der Weiterentwicklung eine bestimmende Rolle. Ihr anfänglicher Enthusiasmus, aber auch ihre kritischen Einstellungen im Bezug auf das Studium sollten Eingang in Studiengangskonzeptionen und politische Überlegungen finden. Die deutlich von den Studierenden transportierten Kernaussagen hinsichtlich der identitätsstiftenden Selbstfindung und der damit verbundenen Geschlossenheit im Auftreten nach außen hin sind als erste grundlegende Ansatzpunkte einer gelingenden Professionalisierung und der damit verbundenen Entwicklung von Professionalität zu begreifen. Es hat sich gezeigt, dass mit dem Beginn der Akademisierung sich nicht automatisch auch Professionalität einstellt. Es wurde deutlich, dass sich die Entwicklung in Richtung „Profession“ als sehr mühselig darstellt, da sich alte Denktraditionen durch das Studium nicht zwangsläufig verändern lassen.

478

Auch die Verantwortlichen sollten in ihren Diskussionen mit den Studierenden zum Thema der Professionsentwicklung nicht nur auf den Prozess der Akademisierung abheben, sondern die Bedeutung der Verknüpfung von Erfahrungswissen und wissenschaftlichem Wissen für die Professionsentwicklung betonen, um die bereits im Anfang befindliche Theorie-Praxis-Divergenz zu minimieren. Dieses setzt voraus, dass identitätsstiftende Lehrpersonen in diesen Prozess integriert sein müssen


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
09.11.2005