7 Teil VII
Schlussfolgerungen

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Als grundsätzliche Forderung aus dem Vorstehenden bzw. der gesamten Arbeit lässt sich deutlich die Einführung grundständiger Studiengänge ableiten, die sowohl Theorie und Praxis in einer vierjährigen akademischen Ausbildung vereinen. Dieses wird insbesondere vor dem Hintergrund einer zersplitterten Berufsgruppe immer dringlicher, da die Einführung von Studiengängen unterschiedlichster Natur zu einer weiteren Spaltung beiträgt: in „Studierte“ und „Nicht-Studierte“. Als ein für die Berufsgruppe von den Studierenden nicht nur berichteter, sondern auch selbst gelebter typischer Identifikationsparameter kann die weiter zunehmende Abgrenzung festgestellt werden.

Die Einführung grundständiger Studiengänge wird nicht sofort - obwohl dringend erforderlich – erfolgen. Um die Selbstbewusstseins- und Identitätsbildung zu fördern, die KlientInnenarbeit zu verbessern und um ein realistisches Bild der Physiotherapie zu vermitteln, sollte zunächst die Ausbildung durch die Umsetzung der folgenden Punkte verändert werden:

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Darüber hinaus verfehlt die Implementierung der Studiengänge für Physiotherapie zurzeit das europäisch verbriefte Ziel, mit einer „Bachelorausbildung“ im Sinne der higher education reflektierte BerufspraktikerInnen auszubilden. Dieses lässt sich sehr deutlich anhand der Karrierevorstellungen der Befragten verfolgen, da die Studierenden eindrücklich andere Ziele verfolgen, als in eine wie auch immer geartete KlientInnenarbeit (zurück) zu gehen. Die Transportierbarkeit realistischer beruflicher Ziele durch das Studium und auch die Identitätsbildung vor diesem Hintergrund befinden sich in den Kinderschuhen.

Die momentan deutsche „Ausnahmesituation“ im europäischen Bildungswesen der Gesundheitsfachberufe führt zu weiterer Verwirrung. Der ohnehin im Ausland mit der fachschulischen Ausbildung erworbene Abschluss „PhysiotherapeutIn“ wird trotz der Erweiterung um den „Bachelorabschluss“ nicht zwangsläufig anerkannt. Den TherapeutInnen werden im Ausland immer noch erhebliche Auflagen für eine Nachqualifikation auferlegt. Hinzu kommt, dass es sich bestätigen lässt, dass insbesondere die PhysiotherapeutInnen mit langer Berufserfahrung das Studium als Weiterbildung verinnerlichen. Dieses ist von den politisch Verantwortlichen auch so gewollt (siehe hierzu auch Kapitel 1.6 „Der Bolognaprozess“)- da es keine grundständige Erhöhung der Vergütung therapeutischer Leistung impliziert.

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Basierend auf den Untersuchungsergebnissen lässt sich für den momentanen Stand der Akademisierung folgendes ableiten:

7.1 Reflexion zum Forschungsprozess

Zum Abschluss der Arbeit sollen noch kurz einige Überlegungen zum Forschungsprozess aufgezeigt werden:

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Der theoretische Hintergrund von Profession, Professionalisierung und Professionalität ist meines Erachtens sehr geeignet, diese Bestandsaufnahme für die Berufsgruppe der PhysiotherapeutInnen zu legitimieren - im Sinne der Erhebung des Professionellen Status Quo - sowie sich dem Phänomen physiotherapeutischer Identität durch die Sozialisation als Studierende zu nähern.

Dabei hat es sich als äußerst sinnvoll erwiesen, Studierende unterschiedlichster Studiengänge in die Untersuchung einzubeziehen, da die Fachhochschulen mit ihren zum Teil differierenden Ausrichtungen als identitätsstiftende Einflussfaktoren gesehen werden können.

Bei der Rekrutierung dieser InterviewpartnerInnen hat mir meine eigene Zugehörigkeit zur Berufsgruppe sehr geholfen. Zudem hat es bedingt, dass die Problemfelder stärker fokussiert und die Notwendigkeit zur Hinzuziehung der ExpertInnen als Außenstehende für unabdinglich gesehen werden konnte. Die mit der Nähe zum Feld gleichzeitig verbundene Gefahr, mögliche antizipierte Erwartungen zu bestätigen und damit möglicherweise die Objektivität zu verlieren, habe ich mit den in Kapitel 3.11 „Computergestützte Auswertung“ beschriebenen Maßnahmen bei der Durchführung und Auswertung entgegengewirkt.

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Aufgrund der immensen Datenfülle hätte sich in Bezug auf die Auswertung retrospektiv auch ein inhalsanalytischer Zugang ohne Typenbildung rechtfertigen lassen, zumal sich herausgestellt hat, dass in einigen Bereichen eine Typenbildung aufgrund zu hoher Heterogenität oder Homogenität nicht möglich war. Die zum Teil hochgradig biographischen Interviews, deren Durchführung mir aufgrund der Offenheit der Studierenden und der externen ExpertInnen großen Spaß bereitet hat, könnten zusätzlich vor einem anderen Fokus wie beispielsweise dem der Verknüpfung von Biographie und Profession ausgewertet werden.

Die Auswertung hat mich an einigen Stellen sehr nachdenklich werden lassen und viele Bereiche aufgezeigt, in denen hoher Forschungsbedarf besteht, um die positive Weiterentwicklung des Berufsstandes zu gewährleisten.

Mir ist bewusst, dass mit der Auswahl der Studierenden als ExpertInnen die Erhebung nur einen kleinen Teil physiotherapeutischer Wirklichkeit einfangen kann. Sicherlich ließen sich andere interessante Ergebnisse erwarten, hätte man die Akademisierungs- und Professionalisierungsaspekte beispielsweise aus der Sicht der verantwortlich Lehrenden oder aber den nicht studierenden BerufspraktikerInnen beforscht.

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Dennoch bin ich davon überzeugt, dass ich mit der vorliegenden Arbeit nicht nur eine Diskussionsgrundlage für die weitere konstruktive Auseinandersetzung im Berufsfeld Physiotherapie geschaffen, sondern auch zu ihrer professionellen Weiterentwicklung beigetragen habe.


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09.11.2005