Vorwort

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Diese Arbeit hat den bislang ereignisreichsten Zeitabschnitt in der Geschichte des unabhängigen Indiens zum Gegenstand.

Zum Objekt einer tiefgreifenden politischen Auseinandersetzung wurde seit dem Ende der 80er Jahre die Babri-Moschee von Ayodhya. Ayodhya ist eine kleine Stadt, die sich etwa 500 km südöstlich von Delhi befindet und im Unionsstaat Uttar Pradesh gelegen ist. Auf der Stelle, auf der sich heute diese Moschee befindet, wollen bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die ich in der Arbeit benennen werde, einen hinduistischen Tempel zu Ehren Gott Rama errichten. Gott Rama, so sagt die Legende, soll hier geboren worden sein. Angeblich stand bereits einst auf jener Stelle ein Tempel, den der "moslemische Eroberer" Babar 1528 zerstören ließ. Der Tempel, der nun erbaut werden soll, soll riesig werden. Seine geplante Länge beträgt 82 m, die Breite 38 m und die Höhe 40 m. Damit wird er mehr Platz einnehmen als die heutige Moschee. Doch das Allerheiligste des Tempels, und darauf kommt es an, soll sich genau an der Stelle befinden, wo die Moschee steht, und wo Rama geboren wurde. Deshalb wird sie auch als "Ram Janmabhumi", Geburtsort Ramas, bezeichnet.

Die Bewegung, die dazu Mitte der 80er Jahre ins Leben gerufen wurde, erschütterte grundlegende Fragen indischer Staatlichkeit. Sie zog damit das Interesse aller gesellschaftlichen Gruppen auf sich.

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Eine solche Dimension nimmt diese Frage, die nachstehend als Ayodhya-Frage u. ä. bezeichnet wird, seit dem 30. Oktober 1990 ein. An jenem Tag sollte mit dem Bau des Tempels begonnen werden, Freiwillige erstürmten die Moschee, was ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften versucht hatte zu verhindern. Jene Ereignisse führten zu einer politischen Krise, die die Ausübung der Regierungsgeschäfte der Zentralmacht zeitweilig paralysierte.

Die Arbeit ist grundlegend empirisch-analytischer Natur. Wobei ich den 30. Oktober 1990 zum Ausgangspunkt meiner Betrachtungen nehme, d. h. ich versuche nachzuvollziehen, weshalb es zu jener gewalttätigen Entladung des Konflikts im Herbst 1990 gekommen ist. Davon ausgehend ziehe ich Schlußfolgerungen, ob und wie dieser Konflikt gelöst werden kann. Um dies zu erreichen, wurde folgende Methode gewählt. Ich trennte den zeitlichen Prozeß, den der Konflikt durchlief, in drei Ebenen und führte diesen zum 30. Oktober 1990 hin wieder zusammen. D. h. im ersten Kapitel der Betrachtung wird die religiöse Dimension des Problems angegangen: Welche Organisationen usw. agieren mit welchen religiösen Symbolen. Im zweiten Kapitel soll die Frage interessieren, wie die politischen Parteien mit der Herausforderung, die in Ayodhya entstanden ist, umgegangen sind. Und im dritten Kapitel ist es Gegenstand der Untersuchung, wie der Staat auf die Entwicklungen in und um Ayodhya reagierte. Dem allen ist ein Kapitel vorangestellt, in dem ich die grundlegenden politischen Gedanken, die z. Zt. der Unabhängigkeit im Jahre 1947 über das freie Indien bestanden, darstelle. Einerseits erleichtert dies den Zugang zum indischen Phänomen, da es zeigt, wie die Hauptdenker des Landes ihr Land sahen, und welche politischen Strategien sie aufgrund dessen entwickelten. Andererseits soll dies die Arbeit dahingehend abrunden, da in der Bewegung um Ayodhya das grundlegende Staatskonzept, das in den 40er Jahren entwickelt worden war, zur Debatte steht.

Zur Erschließung des Problems weilte ich während der letzten beiden Jahre insgesamt fünf Monate in Indien. Mein erster Aufenthalt war im Herbst 1990, also jener Zeitabschnitt, in dem die Ayodhya-Kontroverse das gesamte öffentliche Leben beherrschte. Meine zweite Reise führte mich im Frühjahr 1992 nach Indien. U. a. war ich nun auch im Juni für vier Tage in der Tempelstadt von Ayodhya.

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Ich berufe mich bei der Arbeit auf Quellen verschiedenster Art. Eine der wichtigsten sind die englischsprachigen Tageszeitungen, die mir kontinuierlich seit 1988 zur Verfügung standen. In Indien stellen sie ungleich als in Deutschland das wichtigste Mittel der Kommunikation dar. Sie geben den größten Teil der Aussagen von Parteien, Organisationen und Politiker wieder, die dann Gegenstand öffentlicher Kontroverse werden. Daneben ging ich durch die Debatten des Unterhauses, um herauszufinden, wie sich die Ayodhya-Frage im Parlament widerspiegelte. Ich zog Resolutionen von Parteien und Organisationen heran. Als eine wichtige Quelle erwies sich die Zeitschrift "Muslim India", die einen Großteil von Dokumenten abdruckte. Von Zafaryab Jilani, einem Rechtsanwalt in Lucknow, erhielt ich Fotokopien von weiteren Dokumenten, die nirgends woanders erhältlich waren. Das Bild versuchte ich, durch eine Reise nach London zu vervollständigen, wo ich mit den führenden Persönlichkeiten der dortigen Organisationen der Auslandsinder sprach, um zu erfahren, wie sie auf die Ereignisse in ihrer ursprünglichen Heimat reagieren. Des weiteren besuchte ich die 5. Europäische Konferenz der Vishva Hindu Parishad, eines der hauptsächlichen Akteure im Ayodhya-Konflikt, die im August 1992 in Frankfurt/M. stattgefunden hat.

Das Quellenverzeichnis ist in drei Teile geteilt. Im ersten Teil werden die Quellen von Autoren und Einzelpersonen nachgewiesen. Im zweiten Teil werden die verwendeten Zeitungsausschnitte aufgeführt. In der Arbeit wird dieser Quellenverweis mit den ersten beiden Worte des jeweiligen Artikels und, wenn notwendig, drei Punkten wiedergegeben. Der dritte Teil bezieht sich auf die Quellen von Parteien, Organisationen, Gremien, Regierungsstellen sowie Gerichtsurteile, die zur Ayodhya-Frage erlassen wurden. Sie werden mit Großbuchstaben zitiert.

Abschließend möchte ich all jenen danken, die mir in Indien, Deutschland oder England geholfen haben, mein Vorhaben zu verwirklichen.


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14.01.2008