“Die Evolution einer fundamentalistischen Bewegung im Hinduismus: Der Ayodhya-Konflikt”

Thesen zur Dissertation

von Michael Schied

Berlin, 10. Dezember 1992

1. Der Konflikt um die Babri-Moschee von Ayodhya, der sich an der Oberfläche der Gesellschaft als eine Frage darum gestaltet, daß auf ihrer Stelle ein Tempel zu Ehren Ramas errichtet werden soll, ist in seiner Dimension Ausdruck einer tiefgreifenden Staatskrise. In deren Verlauf wurden die Grundlagen indischer Staatlichkeit Indiens in Frage gestellt, die mit Annahme der Verfassung Indiens im Jahre 1950 geklärt zu sein schienen.

2. Die Babri-Moschee ist somit nicht Gegenstand einer religiösen Auseinandersetzung, sondern der Konflikt ist Teil einer längerfristigen und umfassenden politischen Strategie, die in einer Neufassung des indischen Staatskonzeptes, der Verfassung und den sich daraus ergebenen weiteren Regelungen münden soll. Er kann daher nicht durch Verhandlungen religiöser Oberhäupter gelöst werden.

3. Der Fall der Babri-Moschee ist untrennbar mit dem politischen Selbstverständnis Indiens verbunden. Sie bildet den Brennpunkt des politischen Geschehens zum Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre. Die Behandlung dieses Problems hat daher weitergehendere Konsequenzen für die politische Ordnung des Landes. Somit ist nachfolgend zitierte Aussage des indischen Finanzministers, womit er ausländische Firmen zur Investition in Indien einlud, solange irrelevant, bis nicht eine innerhalb der Verfassung Indiens stehende Lösung der Ayodhya-Frage erfolgt: "Der größte Vorteil Indiens ist es, daß Indien eine funktionierende Demokratie ist, daß die Rechtsstaatlichkeit eine feststehende Tradition in unserem Land ist, daß, wenn wir sagen, daß ausländische Investitionen willkommen sind, dies durch die ganze Macht des indischen Gesetzes untermauert wird" (Singh, M.). Die Ayodhya-Frage zeigt gerade, daß dies nicht der Fall ist.

4. Im Verlauf der Evolution des Konflikts agierten verschiedene Organisationen und Parteien. Die Agitation nahm im Jahre 1984 die Vishva Hindu Parishad auf. Eine Organisation, die 1964 geschaffen wurde, um eine Erneuerung der Hindu-Gesellschaft zu bewirken. Erst mit der Aufnahme des Problems um die Babri-Moschee gelang es hier, sich in der Gesellschaft bekannt zu machen und Einfluß zu erlangen. Ihr Wachstum und ihre Konzepte waren somit unmittelbar an diese Frage sowie der Realisierung dieses Vorhabens gebunden.

5. Die VHP versteht sich als Plattform der religiösen Strömungen im Hinduismus. Sie zeigte sich formal offen für alle Ideen. Dies mußte sie sich auch erhalten, um eine immer größer werdende Unterstützung mobilisieren zu können. Dies war möglich, da sie eine neue Gemeinschaft jenseits klerikaler Strukturen bildete, die auf einem bestimmten Weltbild, aber keinem religiösen Dogma basierte. Damit blieb das Bild, das sie von sich und ihrer Umwelt hatte, nicht endgültig fixiert.

6. Aufgrund ihrer Offenheit war sie, was ihre reale gesellschaftliche Einflußnahme betraf, zunächst eine Hindu-Organisation wie jede andere. Konkret greifbar wurden ihre Vorstellungen erst mit ihrem Vorhaben der "Befreiung" von 3000 Moscheen, die angeblich "unter moslemischer Herrschaft" an den Orten errichtet wurden, wo sich vormals ein Tempel befand. Direkte Forderungen stellte sie in bezug auf die Moscheen von Ayodhya, Benares und Mathura auf, wobei sie nur im Falle von Ayodhya das Konzept real verwirklichte. Dieses Ziel im Blick ermöglichte es ihr, Massen zu mobilisieren und ihre sonst nicht klar formulierten Vorstellungen zu institutionalisieren.

7. Die VHP propagierte Toleranz. Sie mußte sich letztlich auf Ayodhya und Gott Rama beschränken. Was in ihrem eigenen Lager langfristig gesehen zu Problemen führen wird, und auch die Unterstützung des Programms der VHP begrenzt. Die Entwicklung der VHP ist so eng mit der Ayodhya-Frage verbunden, daß sie mit ihr steht und fällt.

8. Die VHP schuf eine neue Gemeinschaft, und sie entwickelte Zeremonien, Umzüge und verschiedene Kampagnen, die es dem Einzelnen ermöglichten, zusätzlich zu seiner bekannten Religiösität am Hinduismus der VHP teilzuhaben. Gott Rama war in ein weitergehenderes Weltanschauungssystem eingebunden, womit er auch eine neue Interpretation erfuhr.

9. Ginge der Konflikt nur darum, auf der Stelle der Moschee einen Tempel zu errichten, so würde wahrscheinlich längst ein Tempel stehen. Tatsächlich war die Existenz einer Moschee auf dem angeblichen Geburtsort Gott Ramas kein Problem für die lokale Bevölkerung. Im Jahre 1949, als die Götterstandbilder Ramas in der Moschee installiert wurden, kam es zu keinem weitergehenden Konflikt. Dies blieb bis 1986 so. Lokale Oberhäupter hätten sich auf die Handhabung der Frage geeinigt. Sie konnte erst dadurch Dimensionen gesamtgesellschaftlichen Ausmaßes annehmen, da nationale Organisationen mit bestimmten Zielsetzungen und ihr verwickelt waren. Zur Untersuchung der Interpretation des Hinduismus durch die VHP reicht die religiöse Dimension nicht aus, sondern es bedarf der politischen Erklärung.

10. Aufgabe der VHP war es in einer längerfristigen politischen Strategie, eine allgemeine, öffentliche Unterstützung für ein zu realisierendes politisches Gesamtkonzept zu mobilisieren. War diese groß genug, so nahmen weitere Parteien und Organisationen wie RSS und BJP mit ihren Organisationen ebenfalls die Kampagne um die Babri-Moschee auf.

11. Der Ayodhya-Konflikt ist ein Konflikt komplexer Natur, der auf verschiedenen Ebenen ausgetragen wird und unterschiedliche Fragen gesellschaftlicher Entwicklung berührt. Diese unterschiedlichen Ebenen, die der Konflikt in seinem Verlauf durchschritten hat, führten zu einem Wandel der beteiligten Konfliktparteien. Das jeweilige politische Kräfteverhältnis bildete für sie das Maß, um die von der VHP angeführte Kampagne aufzunehmen.

12. Moslemische Organisationen waren an der Gestaltung des Konfliktverlaufs nur in den Jahren 1987-1988 beteiligt. Sie agierten ansonst aus einer Position der Defensive heraus. Ihnen kann bei bestehender rechtlicher Lage in bezug auf die Babri-Moschee kein Vorwurf gemacht werden.

13. Der Ayodhya-Konflikt ist kein "Hindu-Moslem"-Konflikt sondern eine Frage darum, wie sich der Hinduismus selbst definiert. Vielmehr brauchte die VHP die Moslems zur Mobilisierung ihres Vorhabens. Die moslemischen Organisationen, haben, wenn sie einen Einfluß hatten, das Vorhaben der VHP unterstützt und nicht gehemmt.

14. Doch zeigt die Ayodhya-Kampagne einen real vorgehenden Vereinheitlichungsprozeß im Hinduismus an, der weitergehende theologische Konsequenzen haben wird. Es könnte sich in der Tat im Hinduismus eine klerikale Hierarchie etablieren, wobei Rama mehr und mehr als verbindende Gottheit fungiert.

15. Die BJP nahm erst zu einem späten Zeitpunkt die Agitation um die Babri-Moschee aktiv auf. Sie zögerte lange Zeit mit einem vollen Engagement. Da sie nicht wußte, ob klare Aussagen zugunsten des Tempelvorhabens der VHP ihr größere öffentliche Unterstützung einbringen würde oder nicht. Sie nutzte schließlich die Ayodhya-Frage seit dem Sommer 1990 als Identifizierungspunkt für ihre Partei. Sie konnte damit ihre besondere Ideologie gegenüber allen anderen Parteien unterstreichen.

16. Die Regierung der Nationalen Front unter V. P. Singh mußte unter dem gegebenen politischen Kräfteverhältnis unmittelbar an der Ayodhya-Frage scheitern. Ihre Niederlage während der Vertrauensfrage am 7. November 1990 erfolgte nicht aufgrund der Verwirklichung der Empfehlungen der "Mandal-Kommission".

17. Der Ayodhya-Konflikt ist ein Konflikt um Rechtsstaatlichkeit und Verfassung. Diejenigen, die zu dieser Frage eine einseitige Veränderung der Status der Moschee vornehmen wollen, bewegen sich außerhalb der Verfassung.

18. Vom 6. bis 8. Dezember 1992 war erstmalig in der Geschichte des unabhängigen Indiens der Verfassungsgrundsatz des Säkularismus außer Kraft gesetzt. Dies führte zur Zerstörung der Babri-Moschee durch Aktivisten der VHP und RSS.

19. In der politischen Geschichte des Landes wandten RSS und BJS/BJP verschiedene Taktiken an, um ihren Einfluß in der Gesellschaft zu erhöhen. Sie nutzten einerseits bestehende staatliche Strukturen und gingen Koalitionen mit Kräften ein, die sich auf dem Boden der indischen Verfassung bewegten. Andererseits trieben sie den Aufbau ihrer eigenen Basis stetig voran. Dazu wurde die Ayodhya-Frage genutzt.

20. Demokratische Kräfte gingen mit diesen Kräften Koalitionen ein, da sie sich eine Stabilisierung und ein Ausbau ihres Einflusses erhofften. Diese Politik verfolgten sowohl die seit 1947 fast ununterbrochen regierende Kongreßpartei als auch die oppositionelle Janata Dal. Dadurch erreichten BJP/RSS/VHP eine hohe Akzeptanz in der Gesellschaft, was das Einleiten von Maßnahmen gegen die verfassungsfeindlichen Tätigkeiten unmöglich machte und ihren Aufstieg begründete.

21. Die demokratischen Parteien gingen die grundlegende Fragestellung, die mit der Ayodhya-Frage durch die VHP aufgeworfen wurde, nicht an. Statt dessen förderten sie, da die Babri-Moschee auch in ihrer politischen Strategie eine Rolle spielte, damit das Vorhaben der VHP. Daher mußte es zwangsläufig zur Zerstörung der Moschee am 6. Dezember 1992 durch Freiwillige der VHP kommen.

22. Der Indische Nationalkongreß ist unter den gegebenen sozial-ökonomischen Bedingungen des Landes die einzige Partei, die mit ihrer Programmatik die Entwicklung des Landes und eines Großteils ihrer Glieder gewährleisten kann und eine stabile Zentralregierung stellen kann.

23. Die anderen nationalen Parteien vertreten nur die Interessen bestimmter Schichten und Gruppen, wobei sie die anderer nicht angleichen können und daher desintegrierend wirken.

24. Das politische Gesamtkonzept der BJP sieht hingegen die Durchsetzung der Interessen gegen und auf Kosten anderer durch, wodurch sie die Strukturen Indiens sprengt und den Bestand des Landes in seiner gegenwärtigen geographischen Gestalt gefährdet. Diese könnte sie bei weiterer Etablierung ihrer Macht nur durch den massiven Einsatz von Militär und Polizei gewährleisten.

25. Die eigentliche Organisation, die hinter der Kampagne um die Zerstörung der Babri-Moschee stand, ist die RSS. Die RSS ist eine nach militärischen Prinzipien strukturierte Kaderorganisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Erledigung der öffentlichen Geschäfte jenseits des bisherigen politischen Systems zu bewerkstelligen. Ihre kleinen Einheiten ("Shakhas") sieht sie dabei als Modell des zukünftigen Staates an. Die anderen Organisationen in der Kampagne um Ayodhya sind Gründungen der RSS. Deren Ideologie basiert daher auf der RSS. Die RSS hält zwar ihre Treffen im Freien ab, tritt jedoch selten offen in die politische Auseinandersetzung ein. In den Kampagnen seit den 50er Jahren wurden von der RSS/BJS-BJP/VHP bislang solche Themen wie Kuhschutz, Hindi betont. In der Ayodhya-Kampagne konnten sie erstmalig einen Masseneinfluß herstellen. BJP und VHP ermöglichten dabei der RSS, offen eine öffentliche Unterstützung für ihre Ideologie zu mobilisieren, ohne daß sie ihre Identität als Organisation aufgeben mußte.

26. Der Konflikt liegt nicht direkt auf Vorurteilen und Stereotypen begründet. Indirekt beeinflußten sie ihn jedoch dadurch, daß weite Kreise der hinduistischen Mittelschichten dem Programm der VHP mit Gleichgültigkeit begegneten.

27. Die Ayodhya-Kontroverse ist Ausdruck eines tiefgreifenden Modernisierungsprozesses, der keine Entsprechung im politischen Bereich gefunden hat. Damit kommt der seit der Machtübernahme Indira Gandhis verfolgten Politik der Kongreßpartei eine Hauptschuld bei der Entwicklung einer krisenhaften Situation zu.

28. Zur Klärung der Einordnung des Ayodhya-Konflikts werden drei Begriffe, die sich gegenseitig bedingen und nur in ihrer Wechselseitigkeit zum konkreten Ayodhya-Konflikt führten, vorgeschlagen: Konfliktpotential, Ursachen des Konflikts im weiteren und engeren Sinne. Das Konfliktpotential bildete die der unterentwickelte Zustand der indischen Gesellschaft, worauf die grundlegende Legitimationskrise des indischen Staates seit seiner Bildung beruht. Dies äußerte sich in der staatlichen Sanktion der Ereignisse in der Moschee im Jahre 1949 und in der Existenz der RSS. Konfliktursachen im weiteren Sinne, sind alle die Faktoren, die mit der Entwicklung des Landes seit den 60er Jahren verbunden waren (Modernisierung, Strukturwandel, abnehmende Partizipation, geringere staatliche Leistungen; also Vertiefung und Reproduktion der Unterentwicklung). Daraus entstand eine gesellschaftliche Konfliktlage, die in einem konkreten Konflikt, dem Ayodhya-Konflikt, umschlug. Jene Faktoren, die zu seiner gewalttätigen Entladung im Oktober 1990 führten bildeten die Ursachen des Konflikts im engeren Sinne. (Fehleinschätzung der Lage, Förderung des Vorhabens der VHP durch Parteien wie Kongreß und Janata Dal, keine Versuche einer Konfliktlösung, Darstellung des Konflikts als des eines zwischen Hindus und Moslems und das darauf begründete Vertrauen eines Erfolgs von Verhandlungen zwischen diesen beiden Seiten).

29. Die Ayodhya-Bewegung stellt die Realisierung eines Fundamentalismus im Hinduismus dar. Fundamentalismus ist die Bildung einer neuen Gemeinschaft entlang des Modernisierungsprozesses, die jenseits anerkannter klerikaler Strukturen liegt. Der Fundamentalismus sieht sich in der Kontinuität einer ewigen, göttlichen Ordnung. Dieses Prinzip begründet die Gemeinschaftsbildung. Der Mensch ist in dieser Gemeinschaft nur Objekt dessen. Diese Gemeinschaft schafft sich neue Symbole und Zeremonien.

30. Eine gesamtgesellschaftliche Dimension können fundamentalistische Bewegungen aufgrund des Entwicklungsstandes der Gesellschaft nur in Ländern der 3. Welt annehmen. Daher sollte der Begriff des Fundamentalismus in seiner Spezifik auf sie beschränkt bleiben.

31. Da das grundsätzliche Geschichts- und Menschenbild der BJP sich aus den Merkmalen des Fundamentalismus ableitet, ist die BJP eine hindu-fundamentalistische Partei.

32. In bezug auf die geschichtlichen Ereignisse, die die VHP aufgeworfen hat, liegen für mich weder Beweise dafür vor, daß Rama an der Stelle der Babri-Moschee geboren wurde, noch daß jemals dort ein Tempel gestanden hätte.

Quellennachweis:

Singh, M.: -In: India Update: (Videomagazine). -Government of India. Ministry of Information and Broadcasting: Directorate of Advertising an Visual Publicity. -New Delhi, June 1992.


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14.01.2008