4.  Der Ayodhya-Konflikt als Verfassungswertekonflikt

↓140

Am 22. Oktober 1990 trat am Abend der Premierminister Indiens, V. P. Singh, mit einer Fernsehansprache an die Nation. Er kündigte an, daß sich nun der Staat veranlaßt sehen würde, aufgrund der um Ayodhya entstandenen Lage, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Am nächsten Tag wurde der Vorsitzende der BJP, L. K. Advani, der auf dem Weg nach Ayodhya war, um die "Kar Seva" anzuführen, verhaftet. In diesem Kapitel soll nun interessieren, wie der Staat auf die in Ayodhya existierende Herausforderung reagierte, und wie in diesem Zusammenhang die Ereignisse eine solche Dimension angenommen haben, daß es zu dem Zusammenstoß zwischen den Angehörigen der VHP und den staatlichen Behörden am 30. Oktober kam. Denn erst hier nahm der Konflikt endgültig die Dimension an, die Grund dieser Betrachtung ist.

4.1.  Die Evolution der Ereignisse

4.1.1.  1949: Die Eroberung der Moschee

Das Ayodhya-Problem ist so alt wie das unabhängige Indien. Am 23. Dezember 1949 um 10. 30 Uhr sandte der Distriktgouverneur von Faizabad, K. K. Nayar, an den damaligen Chefminister Uttar Pradeshs, G. B. Pant, den Chefsekretär sowie an den Sekretär für Inneres einen Funkspruch mit folgendem Inhalt: "Einige Hindus haben in der Nacht die Babri-Moschee betreten, als die Moschee verlassen war, und ein Götterstandbild installiert. DM und SP und Polizei am Ort. Situation unter Kontrolle. Polizeiposten mit 15 Personen war in der Nacht im Dienst hat aber offensichtlich nichts unternommen" (-In: Noorani 1990a, 58). Diese Nachricht basierte offenbar auf der Schilderung des Stationsoffiziers Muharrir. Der hatte in einem von ihm abgefaßten Bericht festgehalten: "Etwa um 9.00 Uhr, als ich Janmabhumi erreichte, erfuhr ich, daß eine Gruppe von 50 bis 60 Personen die Babri-Moschee betreten hat, bevor sie die Schlösser des Hofes aufgebrochen hatte und die Mauer und das Treppenhaus erklommen hatte. Sie stellte ein Standbild von Shri Bhagwan (Rama- M. S.) in ihr auf und kritzelte Bilder von Sita Ramji usw. in safranfarben und in gelb an die Innen- und Außenwände.

Hans Raj, der Wachposten Nr. 7, versuchte, sie aufzuhalten, aber sie kümmerte sich nicht darum. PAC-Wachen, die am Ort waren, wurden um Hilfe gebeten. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten die Leute bereits die Moschee betreten. Oberste Distriktbeamte kamen vor Ort und trafen Maßnahmen. Später versammelte sich ein Mob von 5 bis 6 Tausend Leuten und versuchte, die Moschee zu betreten, indem sie religiöse Losungen schrien. Aber aufgrund angemessener Vorkehrungen geschah nichts. Diejenigen, die das Verbrechen verübten, (Mujriman-e-Waqe) Ram Dass, Shukla Das, Sudarshan Das mit 50 bis 60 Personen, deren Namen nicht bekannt sind, haben die Moschee dadurch entheiligt (org. napak), daß sie die Moschee mit Gewalt widerrechtlich betraten und Bildnisse in ihr aufstellten. Diensthabende Beamte und eine Reihe anderer Leute haben dies beobachtet. Diese Angelegenheit wurde überprüft. Sie wurde für richtig befunden" (F.I.R.).

↓141

Ein weiteres Dokument über die Ereignisse vom Dezember 1949 stellen die Niederschriften des damaligen Sekretärs der Kongreßpartei des Distrikts Faizabad, Akshay Brahmachari, dar. Nach seiner Aussage wußte der Distriktgouverneur von den Ereignissen der vorhergehenden Nacht bereits um 6.00 Uhr früh. Und A. Brahmachari berichtete weiter: "Ich ging mit dem Distriktgouverneur etwa um 12.00 Uhr Mittag zur Babri-Moschee. Das Götterbildnis befand sich noch an der Stelle. Einige Menschen versammelten sich in der Nähe der Moschee. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Moschee einfach gerettet, und das Bildnis beseitigt werden können. Aber der Distriktgouverneur dachte, daß dies nicht angemessen wäre. Von diesem Morgen an begann man über Lautsprecher anzukündigen, daß 'Bhagwan' (Gott Rama- M. S.) erschienen wäre und ermahnte alle Hindus, zur Anbetung zu kommen. Ich machte den Distriktgouverneur auf die hektische Propaganda sowohl in Faizabad als auch in Ayodhya aufmerksam, während wir in seinem Auto nach Ayodhya fuhren. Die Spannungen nahmen zu. Anzeigen und Handzettel wurden bereits verteilt. Tausende von Leuten begannen, zur Gottesanbetung in Autos und öffentlichen Fahrzeugen, die von Faizabad kamen, in die Stadt zu strömen. Aufrührerische Reden wurden gehalten. In denen war davon die Rede, daß der Kongreß den Hinduismus zerstört, und seitdem in Pakistan kein einziger Tempel übrig geblieben sei, sollten sie alle zusammenkommen, um in Ayodhya, alle moslemischen Zeichen auszutilgen. Dies wäre nur möglich, wenn auch der Kongreß beseitigt werden würde" (Brahmachari 1950, 253).

Nach dem Bericht von Mohammed Ibrahim, dem Inspektor des U. P. Sunni Waqf-Zentralausschusses vom 10. Dezember 1949 kündigten sich die Ereignisse jener Nacht bereits einige Wochen zuvor an: "'Aufgrund der Furcht vor Hindus und Sikhs brachte niemand mehr ein Namaz-Gebet in der Moschee dar, und wenn sich irgendein Reisender während der Nacht in die Moschee verirrte, dann schikanierten ihn die Hindus sehr'. Es war bereits für die Moslems schwierig geworden, die Moschee zu betreten. Hindus, die sich am Tempel aufhielten, der sich im Hof befand, beschimpften jeden Moslem, der versuchte, die Moschee zu betreten" (-In: Gupta, K. 1989). Gupta schrieb in seinem Artikel weiter, daß die "Moslems in Wirklichkeit nur noch zum Freitagsgebet kamen. Der Deputy Commissioner wurde bereits um Hilfe ersucht, den Moslems, den Besuch in der Moschee zu ermöglichen. Das letzte Gebet fand am Freitag, dem 16. Dezember 1949 statt. Danach war das Betreten des Ortes nicht mehr möglich" (Gupta, K. 1989). In der Nacht vom 22. zum 23. Dezember 1949 wurde folglich nur noch der letzte Akt der Übernahme der Moschee vollzogen.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen des Distriktgouverneurs, K. K. Nayar, ging des weiteren hervor, daß am 23. Dezember, um 5.00 Uhr abends "das Tor gesichert wurde und mit einem mächtigen Schloß verriegelt wurde. (Das Schloß) wurde von außen angebracht, und es wurden die Polizeikräfte verstärkt" (-In: Tripathi, S. K., 20).

↓142

Was nun folgt, ist ein Opportunismus staatlicher Behörden. Sie "verewigen eine ungesetzliche Situation, die durch Gewalt und List geschaffen wurde, und stellen nicht unverzüglich den Status quo wieder her, der vor dieser ungesetzlichen Tat bestanden hatte" (Nayar 1949b, 4). Diese Aussage machte kein Geringerer als der Gouverneur von Faizabad, der für die Entscheidungen, die um Zuge dessen nun gefällt wurden, verantwortlich war. In zwei Briefen, die mir bekannt sind, versuchte, er die Fragen, warum die Distriktbehörden keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen haben, und warum die Götterstandbilder nicht entfernt wurden, wie folgt zu beantworten: "Für diese Tat gab es keine Vorwarnung. (...) (Niemand) hat je daran geglaubt, daß sich jemals ein solches Unrecht ereignen würde. (...) Um entschlossene Hindus am Betreten der Moschee zu hindern, müßte die Moschee ständig bewacht werden. (...) Nun, da sich dieser Zwischenfall ereignet hat, sollte die Regierung an die Bewachung dieser und ähnlicher strittiger Schreine in Benares und Mathura denken. (...) Die gewalttätige Entfernung der Götterbildnisse ist möglich. (...) Die Idee von einer Beseitigung der Götterbildnisse ist derart, daß ich ihr nicht zustimmen kann, oder ich sie auf eigener Initiative ausführen möchte. (...) Mit keiner Ausnahme, von der ich Kenntnis hätte, stehen die Hindus hinter der Forderung, das Bildnis dort zu belassen, wo es herkommt. (...) Es wird berichtet, daß die Hindus sich entschlossen haben, eine Beseitigung des Bildnisses mit einem Angriff auf moslemische Behausungen (zu beantworten)" (Nayar 1949a, b). Deshalb plädiere er für die Durchführung eines folgenden Plans: "Die Moschee sollte unter einstweilige Verfügung gestellt werden, und sowohl Hindus als auch Moslems sollte, außer einigen Verantwortlichen des Hindu-Gottesdienstes, der Zutritt zu ihr verwehrt werden. (...) Den Moslems wird solange das Eigentum nicht übergeben bis ein Zivilgericht, wenn überhaupt, sich zu ihren Gunsten entschieden hat" (Nayar 1949b, 4).

Am 29. Dezember 1949 nun ordnete der Richter M. Singh die Beschlagnahme der Babri-Moschee unter der "Section 145 (des) Code of Criminal Procedure, 1898" an. Unter dieses Gesetz kann ein "Streitfall um Land und dessen Gebäude (...) oder Wasser fallen, wenn dieser Streit möglicherweise eine öffentliche Ruhestörung verursacht. (...) Wurde eine Partei gewaltsam und widerrechtlich ihres Eigentums beraubt, kann (...der Richter oder der Distriktgouverneur) die Partei als so enteignet betrachten, als ob er zu diesem Zeitpunkt in Besitz dessen war,(...) und kann der (enteigneten) Partei (...) das Eigentum wieder zurückgeben" (-In: Noorani 1990b, 73, 74).

Die Frage, die nun zunächst mit diesem Gesetz berührt wird, ist, wem gehörte bis zu jenem Zeitpunkt, als die Bildnisse Ramas und Sitas erschienen, die Moschee?

↓143

In meinem Besitz ist die Fotokopie des Dokuments über das Eigentumsrecht des "besagten Gebäudes" aus dem Jahre 1931. Daraus geht hervor, daß dieses Gebäude als Babri-Moschee eingetragen wurde. Das Sondergericht, das 1989 mit dem Verfahren beauftragt wurde, hat derzeit u. a. zu klären, ob die auf diesem Dokument eingetragenen Grundstücke mit denen der Moschee identisch sind. D. h. also, ob dieses Dokument das Eigentum der Babri-Moschee tatsächlich beschreibt. 13) Doch sollte dies nicht der Fall sein, so gibt es noch genügend weitere Dokumente, in denen festgehalten wurde, daß das "besagte Gebäude" eine Moschee war. In dem Gerichtsverfahren, das im Jahre 1950 in die Wege geleitet wurde, machten im Auftrage des Staates von Uttar Pradesh, Ugra (als Beklagter Nr. 6), der Deputy Commissioner von Faizabad (als Beklagter Nr. 7) und der SP von Faizabad (als Beklagter Nr. 9) separat voneinander folgende gleichlautende Aussage: "Das Eigentum, das Gegenstand der Verhandlung ist, ist als Babri-Moschee bekannt. Seit einer langen Zeit ist es als eine Moschee zum Zwecke des Gottesdienstes von Moslems in Gebrauch. Es war nicht als ein Tempel für Shri Ram Chandraji in Gebrauch. In der Nacht vom 22. zum 23. Dezember 1949 wurden die Bildnisse von Shri Ram Chandraji unerlaubt und zu Unrecht in sie eingebracht. Im Ergebnis dieser besagten ungesetzlichen Tat wurde eine Situation geschaffen, die die öffentliche Ruhe und den Frieden gefährdete, und die öffentlichen Behörden mußten einschreiten, um eine Verletzung von Ruhe und Frieden zu verhindern". (Fotokopien dieser Dokumente sind im meinem Besitz.)

Nun wurde den Moslems aber ihr Eigentum nicht wieder zurückgegeben. Stattdessen setzte der Richter M. Singh nach der Beschlagnahme den Vorsitzenden der Stadtverwaltung von Faizabad/Ayodhya, Priya Dutt Ram, als Treuhänder der Babri-Moschee ein. Dieser legte, wie gefordert, am 5. Januar 1950 einen Plan vor. Darin hielt er fest, daß "'das größte Verwaltungsproblem, daß der Aufrechterhaltung von Bhog (Vergnügen) und Puja (Hindu-Gottesdienst) ist, zu den Bedingungen, zu denen sie geführt wurden, als ich die Verantwortung übernahm'. Es sollte wenigstens drei Verantwortliche für den Gottesdienst geben, denen der 'freie Zutritt zu den aufgestellten Bildnissen erlaubt werden sollte'. Nach diesem Plan wurde den Moslems der Zutritt verboten. Vier Hindus, die durch den Richter bestimmt wurden, sollten durch einen Seiteneingang die Möglichkeit erhalten, den Gottesdienst in der Moschee abzuhalten" (-In: Noorani 1990b, 75). Dies war die Verwirklichung des Vorhabens, so wie es bereits von Nayar vorgeschlagen wurde. Die Frage der Enteignung der Moschee wurde völlig ignoriert, es interessierte nur noch das Problem der "öffentlichen Ruhestörung". An dieser Stelle sollte nochmals auf die oben zitierten Dokumente verwiesen werden, wo festgehalten wurde, daß diejenigen, die die Bildnisse aufstellten, diese bereits gebrochen hatten. Und nicht, daß diese erst durch mögliche staatliche Handlungen (Entfernung der Bildnisse) gefährdet sein könnte. Nayar hoffte durch die Beschlagnahme der Babri-Moschee, Zeit zu gewinnen: "Während der Fall Gegenstand des Zivilverfahrens ist, könnte es möglich sein, (und ich hoffe es zutiefst, daß dies erreicht werden wird), eine Art Kompromiß zu erzielen. Die Moslems, von denen sogar jetzt eine kleinere Anzahl so denkt, könnten dazu bewegt werden, die Moschee, im Gegenzug für den Bau einer genauso teuren Moschee, freiwillig den Hindus zu überlassen" (Nayar 1949b, 4).

Am 16. Januar 1950 wird der gerichtliche Prozeß eingeleitet. An diesem Tag reichte ein gewisser Gopal Singh Visharad beim Zivilgericht von Faizabad ein Verfahren mit der Nummer 2/1950 ein. In seinem Antrag beklagte er neun Parteien, daß er "am 14. 1. 50 daran gehindert worden war, 'Janma Bhoomi' zu betreten und das Bildnis anzubeten" (OCJ, 71). In seinem Antrag ersuchte er um "die Rechte als Eigentümer, um freien Zutritt (...) und um ein unwiderrufliches Verbot, das die Beklagten an einer Entfernung des Bildnisses hindern sollte" (OCJ, 71). Der Zivilrichter N. N. Chadha sanktionierte am selben Tag den bestehenden Zustand. Er erließ eine einstweilige Verfügung, in der die "Parteien daran gehindert werden (...), die fraglichen Bildnisse vom strittigen Ort zu entfernen und sich in die Puja (Hindu-Gottesdienst) etc., wie sie derzeitig durchgeführt wird, einzumischen" (OCJ, 72). Daraufhin erhoben die von Visharad moslemischen Beklagten Nr. 1-5 "Einspruch" (OCJ, 72). Sie hielten nun fest, daß die "Babri-Moschee (,seitdem sie von Babar gebaut worden war), als Moschee in Gebrauch war, daß Hindus niemals dort einen Gottesdienst abgehalten haben und daß die Bildnisse erst kürzlich am Ort aufgestellt wurden" (OCJ, 72). Diesen Sachverhalt bestätigten auch die anderen Beklagten Nr. 6, 7, 9 (siehe das obige Zitat). Sie aber "legten keine weiteren Einwände beim Gericht ein" (OCJ, 72).

↓144

Der Zivilrichter sah "keine Möglichkeit, (...) eine Entscheidung (zur Frage, ob das strittige Gebäude schon immer eine Moschee war), zu treffen" (OCJ, 73). Am 3. März 1951 hielt er hingegen in einer Verfügung fest: "Eine unbestreitbare Tatsache bleibt, daß am Tage, als dieses Verfahren eingebracht wurde, die Bildnisse von Sri Bhagwan Ram Chandra u. a. am Ort existierten und daß Hindus, darunter der Zivilkläger, zwar unter einigen Beschränkungen der Exekutivbehörden, den Gottesdienst durchführten. (...)" (OCJ, 73). Zum Zwecke des "Vorteilsausgleich (soll der) Zivilkläger in diesem Verfahren seiner Rechte nicht beraubt werden" (OCJ, 74). Der Richter verwies dann auf weitere, im Ort existierende Moscheen, "die örtlichen Moslems werden nicht zu viele Unannehmlichkeiten erfahren, wenn die einstweilige Verfügung, während der Fall behandelt wird, in Kraft bleibt. Aus diesen Gründen verfüge ich, daß der Status quo erhalten bleiben soll" (OCJ, 74).

Dies war der grundsätzliche Richterspruch, von dem aus bei dem gesamten weiteren Verfahren um die Babri-Moschee ausgegangen wurde. Er sanktionierte, den Zustand, wie er nach der Besetzung der Moschee vom 23. Dezember 1949 entstanden war. Status quo meint hier also nicht den Zeitraum vor diesem Tag, sondern den Zustand vom 16. Januar 1950, an dem sich bereits die Bildnisse von Rama und Sita in der Moschee befanden. Doch dies selbst war eine "ungesetzliche Tat" (Nayar 1949b). Aus diesem Richterspruch heraus gilt es bis zum heutigen Tage zu klären, wem das Gelände der Babri-Moschee zuzusprechen ist.

Nochmals sollte hier auf den bereits erwähnten Akshay Brahmachari verwiesen werden. Seine in den Jahren 1949 und 1950 getroffenen Kommentare lesen sich aus heutiger Sicht wie "Alles schon einmal dagewesen": "Die Ereignisse von Faizabad und Ayodhya und das Problem der Babri-Moschee ist nicht einfach ein gewöhnlicher Hindu-Moslem-Streit. Noch ist es die Frage, ob das strittige Gebäude ein Tempel oder eine Moschee ist. Dies sind verschwörerische Handlungen von reaktionären Kräften, durch die sie die hohen Ideale des Kongresses und des Vaters unserer Nation (gemeint ist Mahatma Gandhi-M. S.) ausrotten wollen und dadurch ihr Ziel erreichen wollen, indem sie durch die Schürung kommunalistischer und religiöser Gefühle die Wahlen gewinnen und die Kongreßregierung stürzen. In diese Verschwörung sind sogar örtliche Regierungsbeamte verwickelt" (Brahmachari 1950, 252). Er verwies ebenfalls auf das Beispiel des "Star Hotels" von Faizabad, das einst einem Moslem gehörte. Unter der Anschuldigung, daß sich in seinem Hotel ein Waffenlager befände, wurde das Hotel gestürmt und der "Hotelbesitzer mußte unverzüglich das Gebäude räumen. Später wurde das Gebäude jemand anderem übereignet und unter dem Namen Gomti-Hotel wiedereröffnet" (Brahmachari 1950, 253).

↓145

Brahmachari "bestand darauf, daß (im Falle der Babri-Moschee...) die führenden Persönlichkeiten eine klare und dauerhafte Lösung auf oberster Ebene finden müssen" (Brahmachari 1950, 254). Er stand über ein halbes Jahr lang mit dem Innenminister des Unionsstaates, Lal Bahadur Shastri, im Briefwechsel. In den Briefen mahnte er die Regierungsstellen zum Handeln: "Ayodhya nimmt eine große Bedeutung in der Politik des Landes an. (...) Was immer in Ayodhya im Namen der Religion und der historischen Überzeugung geschieht, es ist nur ein Mittel, um die politischen Ambitionen von gewissen Leuten durch terroristische Methoden zu erfüllen" (Brahmachari 1950, 302, 303). Brahmachari trat am 30. Januar bis zum 4. Februar 1950 sowie nochmals vom 22. August bis 22. September 1950 in den Hungerstreik, um eine Wiederherstellung der Gesetzlichkeit in Ayodhya durchzusetzen. Am 24. Juli 1950 schrieb er resignierend an den Innenminister von U. P., "aus all den Gesprächen und Korrespondenzen erscheint es mir, als ob die Regierung an den grundsätzlichen Fragen des Problems nicht rühren möchte" (Brahmachari 1950, 307). Der Innenminister verwies damals, wie auch heute, auf die Behandlung des Falls vor Gericht, was es der Regierung unmöglich machen würde, zu handeln.

Auch der damalige Innenminister Indiens, Vallabhai Patel, den die RSS gern zu ihrem Anwalt macht, äußerte sich zu Ayodhya. In einem Brief an den Premier von U. P., G. V. Pant, ist eine Aussage dokumentiert, aus der hervorging, daß er die Forderung der Hindus zwar anerkennt, aber dazu das Einverständnis der Moslems haben möchte: "Solche Dinge können nur friedlich gelöst werden, wenn wir die wollende Übereinstimmung der Moslem-Gemeinschaft mit uns nehmen. Es ist keine Frage, solche Streitfälle gewalttätig zu lösen. In diesem Fall müssen die Kräfte von Gesetz und Ordnung den Frieden um jeden Preis aufrechterhalten" (Patel). Des weiteren versicherte er Brahmachari, daß sich "niemand unsicher fühlen soll" (-In: Mashruwala).

In der Tat war der damalige Distriktgouverneur, K. K. Nayar, derjenige der am stärksten die Behebung des entstandenen Schadens blockierte. Er, der Brahmachari als "einen getreuen Protagonisten des moslemischen Standpunktes in dieser Kontroverse" (Nayar 1949a, 3) bezeichnete, setzte alles daran, eine "ungesetzliche Situation verewigen" (Nayar 1949b, 4) zu wollen. Dadurch nahm er aber einseitig für die "Hindu-Seite" Partei. Andere staatliche Stellen taten dies durch ein opportunistisches Untätigsein. Nayar wechselte später die Partei. Im Jahre 1967 gewann er als Kandidat der BJS bei den Unterhauswahlen den Wahlkreis Bahraich.

↓146

Brahmachari trat 1950 aus der Kongreßpartei aus. 40 Jahre später, als das Ayodhya-Problem wieder auf der Tagesordnung stand, sagte er zurückblickend: "All meine Ideale sind zerstört. Ich habe kein Ziel mehr vor Augen. Ich wünschte, ich hätte mein Fasten nicht abgebrochen und wäre nicht gezwungen, diesen Tag zu erleben" (Brahmachari 1989).

Die hinduistische Seite gab sich schließlich mit dem Übereinkommen einer einstweiligen Anordnung zufrieden. Die moslemische Seite meldete am 18. Dezember 1961 wieder ihre Ansprüche an. Der Sunni Waqf-Zentralausschuß u. a. reichten an diesem Tag beim Zivilgericht "im Auftrage und zum Nutzen der gesamten Moslem-Gemeinschaft" (SCBW, 12) eine schriftliche Klage gegen 19 Personen ein. Zu den Beklagten gehörten neben G. S. Visharad und Hans Ram Chandar Das, die mit ihren im Jahre 1950 eingebrachten Verfahren die 'Interessen der hinduistischen Seite' vertraten, auch der Staat von Uttar Pradesh, der Bürgermeister von Faizabad und der SP von Faizabad sowie der Präsident der All-India Hindu Mahasabha, der Präsident der All-India Arya Samaj und der Präsident der All-India Sanatan Dharam Sabha. Der Staat war damit die einzige Partei, die in allen Verfahren von beiden Seiten gleichzeitig beklagt wurde.

Die Ankläger hielten bei ihrem eingebrachten Antrag fest, daß das besagte Gebäude "allgemein als 'Babri Masjid', (...) für den Gebrauch der Moslems im allgemeinen, bekannt ist" (SCBW, 4). Die Frage, ob dieses Gebäude keine Moschee sei, entstehe lt. ihrer Meinung nicht, da bereits bei den gerichtlichen Verfahren im Jahre 1885 die Existenz der Moschee bestätigt wurde. Sie stellten dann in dem Antrag die Rechtmäßigkeit der am 29. 12. 1949 erfolgten Beschlagnahme in Zweifel und beklagten, daß "die Moslems ihres gesetzlichen und verfassungsmäßigen Rechts, in der besagten Moschee Gebete abzuhalten, beraubt werden. (...) Während den Hindus gestattet wird, die Puja für die Bildnisse, die sie in der Moschee aufgestellt haben, durchzuführen, wird sogar den Moslems nicht erlaubt, die Moschee zu betreten. (...) Die einstweilige Anordnung ist voll von Ungerechtigkeit. (...) Die Regierung des Unionsstaates und ihre Beamten, die Beklagten Nr. 6 bis 8, versagten in ihrem Amt, die Täter zu bestrafen und die Interessen der Moslems zu schützen" (SCBW, 10, 12, 14). Die Kläger ersuchten nun "eine Erklärung folgenden Inhalts, daß das Eigentum (...) eine öffentliche Moschee ist, die allgemein als 'Babri Masjid' bekannt ist. (...) Eine Übergabe des Eigentums der Moschee durch die Beseitigung der Bildnisse, die die Hindus in der Moschee aufgestellt haben, zugunsten des Klägers. (...)" (SCBW, 15).

↓147

Auch diese Zivilklage änderte nichts an dem Status des 'besagten Eigentums', den es seit 1949 inne hat. Er bleibt bis in die 80er Jahre hinein erhalten. Die staatlichen Behörden blieben untätig.

4.1.2.  1986: Die Öffnung der Babri-Moschee für den allgemeinen Hindu-Gottesdienst

Nachdem bereits seit etwa anderthalb Jahren die VHP/RJMYS für einen ungehinderten Zutritt zur Babri-Moschee stritt, nahmen zu Beginn des Jahres 1986 die Ereignisse eine jähe Wendung. Auf dem "Dharma Sansad", das vom 30. bis 31. Oktober 1985 in Uddipi stattfand, setzte die VHP das Datum des 9. März 1986 als Ultimatum für eine Öffnung der Babri-Moschee zur ungehinderten öffentlichen Anbetung des Rama-Bildnisses fest. Offizielle der VHP, dazu gehörten die beiden pensionierten Richter des Obersten Gerichts, S. N. Katju und B. N. Agrawal, sowie der ebenfalls pensionierte Generaldirektor der Polizei Uttar Pradeshs, S. C. Dixit, informierten u. a. am 18. Dezember 1985 darüber den Gouverneur des Distrikts sowie wenige Tage später den Chefminister von Uttar Pradesh, Vir Bahadur Singh.

Die staatlichen Behörden befanden sich in einer komplizierten Situation. Sie waren zur damaligen Zeit mit zwei unterschiedlichen Kampagnen konfrontiert. Die organisierte "moslemische" Seite hatte den Ausbau ihres Zivilgesetzbuches, wozu exemplarisch der Fall der Muslima Shah Bano diente, gefordert. Und die "Hindu"-Seite forderte nun die Öffnung der Babri-Moschee. Der Staat versuchte sich im Krisenmanagement.

↓148

Am 25. Januar 1986 stellte ein gewisser Umesh Chand Pandey in Bezug auf das Verfahren Nr. 2/50 ein Gesuch. Darin sollen "die Beklagten (dieses Verfahrens) Nr. 6 - 9 aufgefordert werden, dem Gottesdienst (Darshan und Puja etc.), der von (ihm), und der gesamten Hindu-Gemeinde im allgemeinen, durch die Anbetung der Bildnisse von Bhagwan Sri Ram Chandraji u. a. in dem fraglichen Gelände dargebracht wird, durch die Schließung des Eingangstores des besagten Ortes oder durch die Anbringung von Schlössern daran, keine Beschränkungen oder Hürden aufzuerlegen bzw. in den Weg zu stellen" (JDJ, 75). Der in der Hierarchie unterhalb des Distriktrichters stehende Munsif von Faizabad lehnte am 28. Januar mit Rücksicht auf das schwebende Gerichtsverfahren eine Entscheidung des Falls durch ihn ab. Daraufhin legte Pandey am 31. Januar 1986 beim Zivilgericht des Distrikts Berufung ein. Einen Tag später, am 1. Februar, fiel der Richter des Distrikts von Faizabad, S. K. Pandey, seine Entscheidung.

Er stellte fest, daß für ihn die eigentliche Frage der Berufung diejenige ist, "ob das Schloß, das am Tor angebracht ist, beseitigt werden könne" (JDJ, 76). Da dies nur eine Maßnahme gewesen sei, um "Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten" (JDJ, 75) und um zu gewährleisten, daß "die Bildnisse nicht beseitigt werden würden" (JDJ, 77), stellte nun der Richter fest: "Seit den letzten 35 oder 36 Jahren hat die andere Gemeinschaft kein Namaz-Gebet abgehalten. (Wie auch?-M. S.) (...) Seit 1951 entstand keine Unruhe oder irgendein Problem bei der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung" (JDJ, 77). Nach Anhörung des Distriktgouverneurs und des Polizeichefs von Faizabad kam der Richter zu dem Schluß, daß "es nicht notwendig ist, am Eingangstor (...) die Schlösser zu belassen, damit Ruhe und Ordnung aufrechterhalten oder die Götterbildnisse gesichert werden können" (JDJ, 77). Da den Hindus 1950 und 1951 gerichtlich das Recht zum Gottesdienst, zwar in beschränkter Form, zuerkannt worden war, wird "der Himmel nicht hineinstürzen, wenn die Schlösser (...) beseitigt werden würden. Der Distriktgouverneur hat mir heute versichert, daß es den Mitgliedern der moslemischen Gemeinschaft nicht gestattet sein wird, irgendein Gebet am strittigen Ort abzuhalten. Ihnen wird es nicht erlaubt sein, dorthin zu gehen. Wenn dies die Lage der Dinge ist, dann gibt es keinen Anlaß eines Problems für Ruhe und Ordnung, wenn die Schlösser beseitigt werden würden" (JDJ, 78). Daraus zog der Richter nun die Schlußfolgerung: "Der Berufung wird stattgegeben. Der Berufungsbeklagte wird aufgefordert, die Schlösser am Tor O und P unverzüglich zu öffnen" (JDJ, 78).

Der Richter traf um 16. 40 Uhr seine Entscheidung. Um 17. 19 Uhr wurden nach 36 Jahren erstmalig wieder die Haupttore des Geländes zur Babri-Moschee für die Allgemeinheit geöffnet.

↓149

Daß diese Entscheidung nicht auf das individuelle Unvermögen eines Richters zurückzuführen war, wird durch eine Reihe von Anhaltspunkten bestätigt. So brachte kurze Zeit darauf das staatliche Fernsehen, das sonst bei der Übertragung von Ereignissen sehr wählerisch ist, einen Bericht über die Öffnung der Babri-Moschee. Vier Jahre später hingegen wird die Berichterstattung aus Ayodhya fast völlig ausgeblendet werden. Im Januar 1989, erinnerte sich der damalige Kongreßpolitiker Arif Mohammed Khan über die jene Ereignisse. Danach versuchte die Gandhi-Regierung 1986, zwischen den Forderungen der "Moslems" nach einem separaten Scheidungsgesetz und der Forderung der "Hindus" nach der Babri-Moschee die Balance zu halten. Dem "All-India Muslim Personal Law Board" (AIMPLB) wurde zu verstehen gegeben, daß ihrer Forderung entsprochen werden würde. Sie, die "moslemische Seite", sollte hingegen der Öffnung der Babri-Moschee ihr Einverständnis geben. Es war vorgesehen, zu einem Geschäft zwischen beiden Seiten zu kommen. Der Unterhändler soll damals Arun Nehru gewesen sein. Dieser bestritt zwar in einem Interview seine damalige Verantwortung. Aber er bestätigte "das Geschäft (engl. package deal)" (-In: No róle ...), das damit vorgesehen war: "Ich wußte, daß es eine gefährliche Sache war, und ich war damit nicht einverstanden. (...) Als ich Rajiv Gandhi fragte, wer die Öffnung des strittigen Schreins im Fernsehen zeigte, (...) lachte er nur und sagte, es war ein 'Wie du mir, so ich dir' für das Gesetz für moslemische Frauen. (...) Das Problem ist, daß Rajiv Gandhi zu keinem Problem eine beständige Politik betreibt - Punjab oder der Schrein in Ayodhya oder das Gesetz für Muslima. Das Ergebnis ist ein Durcheinander" (-In: No róle ...).

Zu einem gewissen Grade funktionierte zunächst der Plan der Regierung, denn der Vorsitzende des AIMPLB, Abdul Hassan Nadvi, äußerte sich wie folgt: "'Es gibt so viele andere Moscheen, die verlassen und unbenutzt sind'. Damit meinte er, daß eine weitere Moschee zu dieser Menge hinzugefügt wurde" (Khan 1989) (siehe auch 2. 3. 2. 2. 2.).

Lt. der Aussage eines Führers der VHP hatte ihr "Rajiv Gandhi (bereits) unzweideutig signalisiert, daß (vor dem 8. März) alle Tore des Gebäudes für die religiösen Verehrer geöffnet werden müssen" (-In: Noorani 1990b, 78). Wenige Tage nach der Öffnung der Babri-Moschee wurde im Parlament das separate Scheidungsgesetz für Muslima vorgestellt.

↓150

Ein Kommentar von damals: "Die Rajiv-Regierung ist scheinbar nicht mehr der Herr über die Ereignisse im Lande. Mit Schwierigkeiten konfrontiert, versucht sie verzweifelt mit den Kräften ins Geschäft zu kommen, die selbst ihre potentiellen Gegner sind" (Chakravartty, N.).

4.1.3. Die Zwischenperiode der Jahre 1986 - 1989

Der Zeitraum der Jahre 1986 bis 1988 ist durch den Aufbau einer konfrontativen Situation, an der beide Seiten (VHP und BMMCC) ihren Anteil hatten, gekennzeichnet. Der Staat aber nahm die Position eines Beobachters ein, wodurch wiederum die Tätigkeit beider Organisationen bestärkt wurden. Der Staat war von beiden Seiten in dem Gerichtsverfahren eine beklagte Partei, und damit der letztliche Adressat der Kampagne.

In einem Interview mit dem politischen Magazin "India Today" beschrieb der damalige Premierminister Rajiv Gandhi sein Herangehen an diese Kontroverse. Gefragt, ob er das Anwachsen der Aktivitäten der VHP als ein Problem ansehen würde, antwortete er: "Ja, aber im großen und ganzen denke ich, werden die Hindus unter Kontrolle bleiben. Ich meine, sie werden keine Fanatiker werden" (Gandhi, Rajiv 1986).

↓151

Folglich war es bis in das Jahr 1989 nicht klar, wer auf staatlicher Seite für das um Ayodhya entstandene Problem verantwortlich zu machen sei. Stattdessen wurden "ausflüchtende und widersprüchliche Standpunkte" (Noorani 1990a, 72) abgegeben. In einem Presseinterview, das am 12. 3. 1986 veröffentlicht wurde, sagte z. B. Rajiv Gandhi, daß er "in den folgenden Monaten eine mögliche Antwort für dieses (Problem bekommen möchte). Aber wir müssen sicher sein, daß die heiligen Stätten einer jeden Religion ganz respektiert werden. ... Ich habe nach einer detaillierten Karte gefragt. ... Aber ich habe einen Grundriß bekommen, wo sie sich auf dem Grundriß unterscheiden" (?)(-In: Noorani 1990a, 72). Am 24. 7. 1986 verkündete nun der damalige Innenminister Indiens, Buta Singh, in der Lok Sabha: "Wir sind dabei, eine friedliche und für beiden Seiten akzeptable Lösung in der näheren Zukunft zu finden" (-In: Noorani 1990a, 72). Rajiv Gandhi gab am 7. 1. 1987 die Verantwortung an die Regierung Uttar Pradeshs weiter: "Wir treffen darüber keine Entscheidung. Es ist Aufgabe der Regierung Uttar Pradeshs, eine Entscheidung zu treffen" (-In: Noorani 1990a, 72). Einige Tage später antwortete er während einer Pressekonferenz auf die Frage, ob "'die Zentralregierung nur ein Beobachter bleiben will': 'Es ist für uns sehr schwer, sowohl für das Zentrum als auch für die Regierung UPs, darin verwickelt zu werden, da es ein noch nicht entschiedener Rechtsfall ist. Er wird beim Obersten Gericht von UP behandelt, und wir möchten nichts unternehmen, während der Gerichtsfall fortschreitet" (Gandhi, Rajiv 1987). (Hier war er offensichtlich über den Fall gar nicht im Bilde, denn erst 1989 nimmt das Oberste Gericht von UP das Verfahren auf). Am 3. April 1987 wurde eine "andere Taktik angenommen. Buta Singh erklärte, daß es ein lokales Problem für die 'Menschen des Gebiets' sei" (-In: Noorani 1990a,72). Vorausgegangen war dieser Erklärung eine mehrtägige Debatte im Unterhaus über die Bestätigung des Haushalt des Innenministeriums. Bereits hier kreiste die Diskussion größtenteils um das Ayodhya-Problem. Eine Reihe von Redner mahnte eine schnelle Behandlung der Frage an. Viele machten die Verantwortung für die entstandene Situation beim Innenministerium fest. So gab z. B. ein Kongreßabgeordneter zu Protokoll: "Ich habe die Situation verstanden, und ich habe die Menschen beobachtet, und auf der Grundlage dessen kann ich sagen, wenn die Regierung mit der Situation nicht angemessen und unverzüglich fertig wird, dann wird das Land den Rand der Zerstörung erreichen" (Rai, R. K., 347-348).

Im April 1987 wurde zur Ayodhya-Frage eine Unterkommission des Kabinetts gebildet. Am 19. April erklärte Buta Singh dazu in der Lok Sabha, daß bereits Diskussionen stattgefunden haben, "aber es ist nicht möglich zu sagen, daß eine unverzügliche Lösung machbar ist, da es eine sehr delikate Frage ist und die Empfindungen und religiösen Gefühle berührt" (Singh, B. 1987a). Um das Problem gerichtlich behandeln zu können, müßten nach seiner Ansicht "die Führer der beiden Gemeinschaften" (Singh, B. 1987a) mitmachen. Aber alles in allem konstatierte er, daß bereits "in den letzten 8 bis 10 Monaten eine gute Atmosphäre geschaffen worden ist. Es ist unsere Pflicht, diese zu erhalten" (Singh, B. 1987a). Diese Erklärung kann nur als ein Indiz dafür gelten, daß sich die Regierung mit der Problematik noch gar nicht auseinander gesetzt hatte.

Nun hatte bereits die Regierung Uttar Pradeshs die Propagandaumzüge der VHP (Rath Yatras) im Frühjahr 1986 verboten. Ihre Wiederaufnahme wurde auch später nicht mehr gestattet. Aber eigentlich aktiv wurde die Staatsmaschinerie erst, nachdem das BMMCC im Sommer 1988 kurz vor der Realisierung seiner Planungen für die Durchführung eines Marsches nach Ayodhya zum 12. August stand. In einem Gespräch zwischen Buta Singh und dem Chefminister von Uttar Pradesh, N. D. Tiwari, das am 30. Juli stattfand, wurde die weitere Strategie abgesteckt. Zunächst sollten mit beiden Seiten (VHP und BMMCC) Verhandlungen durchgeführt werden. Sollte dies fehlschlagen, so wird der rechtliche Prozeß mit der Schaffung eines Sondergerichts beim Obersten Gericht Uttar Pradeshs in Gang gesetzt. Buta Singh favorisierte Verhandlungen, gab aber öffentlich zu verstehen, daß bereits in offiziellen Kreisen Zweifel darüber bestehen, ob diese Erfolg haben werden (Buta, Tiwari hold ...).

↓152

Tiwari gestand eine Woche zuvor ein, daß alle bisher mit dem BMMCC und der VHP geführten Gespräche nur einen "vorbereitenden Charakter" (Ayodhya issue hotting ...) hatten. Es war noch nichts geschehen, als Buta Singh am 5. August den Präsidenten Indiens, Venkataraman, von den "positiven Entwicklungen" (-In: Govt. may mediate ...) in Kenntnis setzte. Buta Singh gab schließlich dem BMMCC endgültig die Zusicherung, Verhandlungen einzuleiten. Daraufhin erst setzte das BMMCC den geplanten Marsch nach Ayodhya ab (siehe 2. 3. 3. 1.).

Am 19. August 1988 fand das erste Gespräch zwischen Vertretern des BMMCC und dem Innenminister Indiens im Beisein des Chefministers von U. P., N. D. Tiwari, und anderen Regierungsvertretern statt. Das BMMCC übergab drei Dokumente (Memorandum der 40 moslemischen MPs, März 1986; Deklaration der Gründung des BMMCC, Dezember 1987; Erklärung der Großkundgebung am 30. 3. 1987). Das BMMCC legte als grundlegendes Ziel ihrer Bewegung, das der 'Wiederherstellung der Heiligkeit der Babri Moschee', dar. Zweite Forderung sei die Verabschiedung eines Gesetzes, das den Status quo für religiöse Stätten auf den 15. August 1947 festlegt. Als ersten Schritt wurde in Bezug auf die Babri-Moschee die Wiederherstellung des Status quo ante vor dem 1. Februar 1986 gefordert (Tripartite talks ...). Am 31. August 1988 machte Indrajit Gupta, KPI, dazu eine Anfrage im Parlament. Es wurde in der Antwort zunächst nur darauf verwiesen, daß "die Gespräche noch fortgeführt werden. Und es nicht im öffentlichen Interesse ist, zu diesem Zeitpunkt Einzelheiten bekanntzugeben" (Dev, S. M.). Buta Singh erklärte auf weitere Anfrage, daß er nicht ausschließt, auch andere Parteien in den Verhandlungsprozeß einzubeziehen: "Zu diesem Zeitpunkt möchte ich nicht diejenigen Parteien benennen. Aber es gibt noch Parteien, die ihre Füße auf beiden Seiten haben (gemeint sind möglicherweise die BJP und Janata Party-M. S.). Sie müssen klar sagen, wie sie dieses Problem im besten Interesse der Nation lösen wollen" (Singh, B. 1987b).

Am 1. September 1988 fand dann das erste Gespräch zwischen dem Innenminister Indiens und einer neunköpfigen Delegation der VHP/RJMYS statt. Die RJMYS machte deutlich, daß sie sich an keinen weiteren Gesprächen beteiligen wird, bis das BMMCC nicht endgültig die Durchführung des bislang nur aufgeschobenen Marsches nach Ayodhya absagt. Zu diesem Zeitpunkt war es der RJMYS klar, daß Gegenstand der Verhandlungen nur sein kann, wie und wann ihr das Gelände der Babri-Moschee übergeben wird. In einem Memorandum, das sie Buta Singh übergab, erklärte sie: "Obwohl wir bereit sind, Gespräche und Diskussionen zu jedem Zeitpunkt und auf jeder Ebene abzuhalten, möchten wir es klarmachen, daß die Geburtsstätte von Gott Rama den Hindus gehört, die keinen Vorschlag für deren Teilung oder irgendein anderen Vorschlag, in welcher Form auch immer, akzeptieren werden" (-In: Patriot. -New Delhi, 1988-9-2). Der "Indian Express" vom 21. 9. 1988 meldete folglich, daß bei diesen Gesprächen "kein gemeinsamer Standpunkt" gefunden werden konnte.

↓153

Am 12. Oktober 1988 gab das Innenministerium dem BMMCC die Zusicherung, daß "nach der Feiertagssaison (Dashahra und Divali-M. S.) ... Schritte ergriffen werden würden, um bei dem im Obersten Gericht von Allahabad schwebenden Eigentumsverfahren unverzüglich eine Anhörung durchzuführen" (MHA 1988). Doch wurden Verhandlungen nicht ausgeschlossen, und eine weitere Runde wurde angekündigt.

Im Januar 1989 zeigte es sich immer deutlicher, daß der Innenminister Indiens keinen Erfolg mit seinen Gesprächsrunden hatte. Er hatte sich nochmals mit der VHP/RJMYS am 25. 12. 1988 getroffen. Drei Tage später erklärte er gegenüber dem BMMCC, daß "er seine Diskussionen mit verschiedenen Hindu-Führern und -Organisationen beendet hat" (BMMCC 1988f). Er machte zwar keine genaueren Angaben, signalisierte aber, daß nun der gerichtliche Weg bestritten werden müsse. Bei einem Hungerstreik vor der Residenz der Premierministers am 1. Februar 1989 gab dieser dem BMMCC die Zusicherung, daß nun Buta Singh die Sache durch die Einsetzung eines Sondergerichts beschleunigen würde (PM's assurance ...). In der folgenden Nacht gab das Innenministerium eine Presseerklärung heraus: Demnach "(empfahl es) der Staatenregierung UP's , weitere Schritte zu ergreifen, um den rechtlichen Prozeß über das Oberste Gericht weiterzuverfolgen" (Buta's assurance ...). Aus dieser Erklärung ging nicht hervor, ob damit schon die Einsetzung eines Sondergerichtes erwogen wurde. Auch blieb die Frage eines Gesetzes über die Festschreibung des Status religiöser Stätten auf den 15. 8. 1947 offen. Lt. BMMCC war dies jedoch ein Punkt, den die Regierung "reiflich überlegen" (BMMCC 1988f) wollte. Jedenfalls war nach Aussage Buta Singhs "die Zentralregierung über die Sache vollständig im Bilde" (-In: Buta's assurance ...).

Die VHP hatte zwischenzeitlich bereits das Programm zur Grundsteinlegung des Tempels angekündigt. Sie zog mit diesem Vorhaben die Initiative einseitig an sich. Damit war auch der bisherigen Herangehensweise seitens der Regierung der Boden entzogen worden. Eine neue politische Situation war entstanden, worauf die Regierung angemessen reagieren mußte.

4.1.4.  1989: Das "Shilanyas"-Programm der VHP

4.1.4.1.  Die Einsetzung eines Sondergerichts in Lucknow

↓154

Auf mehreren Ebenen liefen Versuche an, inwieweit unter dem Blickwinkel des neuen Vorhabens der VHP, die Gesetzlichkeit Indiens im wesentlichen erhalten werden kann. Kurz zusammengefaßt beschränkten sie sich auf folgende Maßnahmen: Im Frühjahr 1989 wurde mit der Einsetzung eines Sondergerichts in Lucknow versucht, das Rechtsverfahren in Bezug auf die Babri-Moschee zu beschleunigen. Daneben wurden Überlegungen laut, BJP und VHP zu verbieten.

Aufschluß über den Stand der öffentlichen Diskussion sowie über Aktivitäten staatlicher Stellen im Falle der Ayodhya-Problematik gab die sich über sechs Tage im April und Mai 1989 hinziehende Debatte in der Lok Sabha über "die Situation der Beziehungen zwischen den Gemeinschaften" (engl. 'communal situation'). In deren Verlauf kamen 35 Redner zu Wort. Dazu gehörten auch Rajiv Gandhi und Buta Singh.

Der damalige Premierminister, Rajiv Gandhi, begann seine Rede, während derer er das Ayodhya-Problem nicht erwähnte, mit den Worten: "Nur ein säkulares Indien ist ein Indien, das überleben kann. (...) Als Regierung ist es unsere Pflicht, (das Prinzip des) Säkularismus zu schützen" (Gandhi, Rajiv 1989a, 438, 442). Doch zeigte er dann, daß er zu einer völligen Fehleinschätzung der Lage gekommen war: "Während der letzten 40 Jahre haben wir unsere Fähigkeit vergrößert, dem Kommunalismus zu begegnen. Dies zeigt sich in einem abnehmenden Trend bei kommunalistischen Vorfällen" (Gandhi, Rajiv 1989a, 443). Darüber hinaus wies er dann, im Gegensatz zur oben gemachten Bemerkung, die Verantwortung von sich: "Ruhe und Ordnung sind Gegenstand des Unionsstaates. Das Zentrum kann höchstens an die nationale Perspektive denken, Richtlinien herausgeben und den Staatenregierungen behilflich sein. Aber die oberste Verantwortlichkeit liegt deutlich bei den Regierungen der Unionsstaaten" (Gandhi, Rajiv 1989a, 443). Nun muß dazu bemerkt werden, daß sich das Zentrum in der Vergangenheit gewöhnlich nie auf eine solche Art zurückgehalten hatte, sondern des öfteren Regierungen in der Unionsstaaten ihres Amtes enthob und unter Zentralverwaltung stellte (sog. "President's Rule").

↓155

Der Innenminister Indiens, Buta Singh, machte in seinem Redebeitrag am 8. Mai auf das Dilemma, in dem sich die Regierung zur Ayodhya-Frage befindet, aufmerksam, indem er sagte, daß "die Regierung keinen Standpunkt zu religiösen Fragen einnehmen wird, (...) außer in dem begrenzten Bereich, wenn infolge dessen das Problem von Ruhe und Ordnung entsteht" (Singh, B. 1989a, 444). Der Staat war somit der Gefangene seiner eigenen Unschlüssigkeit geworden. Wenn nun "die Hindus" den Ort der Babri-Moschee als "Geburtsort Ramas" ansehen, und nach vierzigjähriger Präsenz der Rama-Bildnisse wurden gewisse Tatsachen geschaffen, so kann der Staat gar nichts mehr machen. Mit der Entscheidung des Jahres 1949 war ein Teufelskreis in Gang gesetzt worden, aus dem bis zur Abfassung der Arbeit niemand herausgekommen ist. Buta Singh erklärte nun während dieser Debatte, daß "die Regierung, die Regierung von Uttar Pradesh dahingehend instruiert hat, in einer zusammenfassenden Form, einen Antrag auf Einsetzung eines Sondergerichts, bestehend aus drei Richtern des Obersten Gerichts von Allahabad, einzureichen" (Singh, B. 1989a, 444). Grund für diesen Schritt war es, die vier unterschiedlichen Anträge, die bis dahin zur Babri-Moschee beim Gericht zur Behandlung vorlagen, von einem Gericht behandeln zu lassen, um damit das gerichtliche Verfahren beschleunigen zu können. Der Staatsminister für Inneres, P. Chidambaram, mußte erst einige Tage zuvor Anschuldigungen abwehren, daß "die Regierung (bisher) nichts getan hat" (Sen): "Es liegt nicht bei uns, ein Gericht einzusetzen (und ...) ein Datum festzusetzen. Das ist eine Sache, die das Oberste Gericht zu entscheiden hat" (Chidambaram 1989a).

Im Sommer 1989 wurde dann endgültig die zweite Ebene einer Konfliktlösung in der Ayodhya-Frage institutionalisiert. Am 10. Juli hatte das Oberste Gericht in Allahabad entschieden, ein Sondergericht bestehend aus drei Richtern in Lucknow zu bilden. Am 27. Juli wurde dieses Gericht eingesetzt, und am 14. August erließ es in seiner ersten Tagung den Beschluß, der bis heute die oberste bindende Autorität zu dieser Frage darstellt: "Bis das Gericht weitere Beschlüsse faßt, sollen alle Parteien in dem Verfahren (...) den Status quo erhalten und den Charakter des in Frage stehenden Eigentums nicht ändern" (-In: UPG, 5). Etwa ein Jahr später, am 22. Mai 1990, wird dieses Sondergericht ein Katalog mit all den Fragen, die in diesem Verfahren in Verbindung stehen und daher von ihm geklärt werden müssen, veröffentlichen. 13)

Mit der Einsetzung eines Sondergerichts wurde endlich auf eine seit längerer Zeit auch von dem BMMCC bestehende Forderung eingegangen. Buta Singh hatte am 4. August im Oberhaus die Verpflichtung der Regierung dazu bekundet, den "Status quo (nicht verletzen zu lassen und ...) eine gerichtliche Lösung" (Singh, B. 1989b, 297) zu bevorzugen. Zugleich gestand er indirekt ein, daß bislang die Regierung erfolglos war: "Seit Juli 1988 hat die Regierung verschiedene Schritte eingeleitet, um die Kontroverse zu entschärfen und eine Lösung zwischen den verschiedenen Organisationen und betroffenen Gruppen zustandezubringen. Ich habe verschiedene Gesprächsrunden sowohl mit führenden Persönlichkeiten der Hindus als auch der Moslems, eingeschlossen mit religiösen Oberhäuptern, abgehalten. Die Regierung hat auch ein Treffen mit Führern der im Parlament vertretenen Oppositionsparteien einberufen und von deren Ansichten profitiert" (Singh, B. 1989b, 296).

↓156

Mit der Einsetzung des Sondergerichts im Sommer 1989 ist die Grundkonstellation des staatlichen Herangehens an die Ayodhya-Frage herausgebildet. Rajiv Gandhi wird sie ein Jahr später in einem Interview wie folgt charakterisieren: "(1.-M.S.) eine Lösung außerhalb des Gerichts (zu finden). (2.-M.S.) Wenn dies nicht möglich ist, dann eine gerichtliche Lösung. (3.-M.S.) Und solange das Gericht den Fall behandelt, den Status quo zu erhalten" (Gandhi, Rajiv 1990b, 44). Was von diesem Zeitpunkt an die einzelnen Phasen der Ayodhya-Kontroverse unterscheidet, ist der vom Staat für vertretbar gehaltene Grad der Herausforderung des Status quo von einer der Konfliktparteien und seine darauf basierenden Gegenmaßnahmen.

In der Diskussion über ein Verbot kommunalistischer Parteien und Organisationen verwies der Staatsminister für Inneres auf andere geltende Gesetze, die im Falle der Störung der öffentlichen Ordnung angewandt werden könnten. Im übrigen stand er, wie ein jeder Demokrat, vor dem Problem, inwieweit das Grundrecht der Versammlungsfreiheit (Indische Verfassung, Artikel 19) angetastet werden soll. Und er sah sich nicht imstande zu definieren, welche Organisation kommunalistisch sei, ohne den Mißbrauch einer solchen Anordnung ausschließen zu können (Chidambaram 1988). Im November 1988 wurde in der Lok Sabha in einer Anfrage festgehalten, daß "gegenwärtig die Regierung keinen Vorschlag über ein Verbot kommunalistischer Parteien und ... Organisationen in Erwähnung zieht" (Gov 1988). Die in dieser Diskussion angesprochenen Sachverhalte schlugen sich in einer Ergänzung des "Representation of the People Act, 1951" vom 15. 6. 1989 nieder. Danach mußten die politischen Parteien ihre Verfassungstreue durch die Aufnahme des folgenden Passus bestätigen: "Die Partei hegt wahren Glauben und Ergebenheit in die Verfassung Indiens sowie in die bestehenden Gesetze und die Prinzipien des Sozialismus, Säkularismus und Demokratie und wird die Souveränität, Einheit und Integrität Indiens aufrechterhalten" (MLJ, I/73).

4.1.4.2. Die Reaktionen des Staates und seine Aktivitäten unmittelbar im Zuge des VHP-Programms

Der Zeitpunkt der Durchführung des "Shilanyas"-Programm der VHP rückte näher und damit nahm die Hektik auf Seiten der staatlichen Stellen zu, welche Maßnahmen zu treffen seien.

↓157

Wie das Innenministerium selbst in seinem letzten Bericht des Jahres 1988/89 festgestellt hatte, waren "die kommunalistischen Ausschreitungen in Uttar Pradesh hauptsächlich der (... Ayodhya-)Kontroverse zuzurechnen" (MHA 1989). Hatte 1986 die Administration Uttar Pradeshs das "Yatra"-Programm der VHP verboten, so war jetzt noch nicht klar, wie sich die Regierung verhalten solle.

Am 19. August 1989 gab es im Lichte der geplanten "Shila-Yatras" dazu ein Treffen des Chefs des indischen Geheimdienstes mit den Polizeichefs von 12 Unionsstaaten (Top police ...). Was genau dessen Ergebnis war, war natürlich nicht zu erfahren. Aber soviel muß aus diesem und anderen Gesprächen herausgekommen sein, daß Rajiv Gandhi ein Jahr später auf die Frage, ob die Regierung diese Prozessionen nicht besser hätte verbieten sollen, erklärte: "Damals gab es eine grundlegende Entscheidung zu treffen. Halten wir sie auf, und verbieten wir sie, oder gestatten wir sie, und halten wir sie auf möglichst niedrigem Niveau, ohne daß sie aufflammen? Aber das Innenministerium und der Geheimdienst waren eindeutig der Ansicht, daß das Zentrum und die Unionsstaaten nicht die Polizeikräfte haben, um die 'Shilanyas' aufzuhalten. Und falls sie es mit den nicht genügend verfügbaren Polizeikräften versuchen sollten, würde dies in Gewalt, Schußwechsel und vielen Toten enden" (Gandhi, Rajiv 1990c).

Am 27. September 1989, wenige Tage vor dem geplanten Beginn des VHP-Programms, schloß der Innenminister Indiens, Buta Singh, in Lucknow mit führenden Vertretern der VHP ein Abkommen ab. Die Regierung Indiens gestattete der VHP die Durchführung ihres Programms, wobei dies in "Zusammenarbeit mit den (staatlichen) Behörden" (-In: Aggarwal, 91) geschehen sollte. Die VHP machte im Gegenzug ein beachtliches Zugeständnis: "Die VHP verpflichtet sich, die Anordnung des Sondergerichts des Obersten Gerichts von Allahabad in Lucknow vom 14. 8. 1989 inhaltlich zu befolgen, daß die im Verfahren beteiligten Parteien, den Status quo einhalten und nicht den Charakter des strittigen Eigentums verändern und versichern, daß Frieden und kommunale Harmonie erhalten bleiben" (-In: Aggarwal, 92).

↓158

Die "Situation der Beziehungen zwischen den Gemeinschaften" war nochmals Gegenstand des Parlaments in der letzten Sitzung vor seiner Auflösung in einer über drei Tage gehenden und insgesamt 7 Stunden andauernden Debatte. In ihr hatte sich die Regierung schärfster Kritik insbesondere seitens moslemischer Abgeordneter zu erwehren. Deren allgemeine Einschätzung war, daß "heute die Situation in unserem Land die beunruhigendste, quälendste und schlimmste seit den Tagen der Erlangung der Unabhängigkeit ist" (Sait, 125). Und es wurde gefragt, was die Regierung angesichts der weitverbreiteten Gewaltausbrüche zu tun gedenkt, wo doch bereits die "heiligen Ideale der Verfassung in Frage gestellt werden" (Shahabuddin 1989h, 117), und die "bloße Basis des Sozialismus und Säkularismus auf dem Spiel steht" (Soz, 107)? Oder ob sie "ein stiller Beobachter" (Soz, 111; Shahabuddin 1989h, 111) dessen bleiben will. Die Forderung war, daß die "Shila-Prozessionen ... und die 'Shila-Puja' verboten werden sollten" (Sait, 132; Owaisi, 148; Shahabuddin 1989h, 113), bzw. "die BJP nicht registrieren zu lassen" (Soz, 113; Singh, D.-Cong., 171).

Mehrere Abgeordnete zweifelten den Charakter des zwischen der Regierung und der VHP geschlossenen Abkommens an. Es würde nun der Eindruck entstehen, daß die VHP ihr Vorhaben "unter der Schirmherrschaft (der Regierung) durchführt" (Banatwalla). Darauf reagierte der Innenminister, daß das Abkommen der "Versuch sei, Konfrontation zu verhindern, (...) und es keine geheimen Absprachen (gab)" (Singh, B. 1989c). Auch der Staatsminister bestätigte, daß der VHP "kein Versprechen gemacht wurde" (Chidambaram 1989b, 141). Stattdessen ging die VHP eine Verpflichtung ein, und "solange diese Aktivität und dieses Programm nicht die Grenzen des Gesetzes überschreitet, solange wird der Staat -und in diesem Falle ist es der Staat von Uttar Pradesh- diese Aktivität in einer solchen Art und Weise regulieren, daß sie nicht zu Gewalt und kommunalistischem Hader führt. (...) Die Regierung wird (während der Grundsteinlegung) dabei sein, um zu sichern, daß niemand die Rechtsstaatlichkeit verletzt und sich selbst Recht verschafft. (...) Die Regierung ist entschlossen, jeden notwendigen Schritt zu ergreifen, um kommunale Harmonie und Frieden zu bewahren" (Chidambaram 1989b). Doch andere schätzten bereits ein, daß die "säkularen Kräfte nicht (mehr) stark" (Sait, 127) sind, und die "Regierung den 'Rashtrawadis' (Nationalisten) freie Hand zu geben scheint" (Shahabuddin 1989h, 110).

Die Rajya Sabha nahm in einer Debatte zur gleichen Zeit eine Resolution (ohne Abstimmung) zur Situation im Lande an. Sie hatte nur einen allgemeinen Charakter und stellte keine Forderungen. Das Oberhaus drückte seine "tiefe Betroffenheit über den Anstieg der kommunalistischen Gewalt aus (...) und appellierte an die Bevölkerung, an keiner Agitation, keinen Zeremonien oder 'Shila Puja'-Prozessionen teilzunehmen. (...) Die VHP und das BMMCC (...) sollten alle ihre Programme, (...) bis zur Verkündigung des Gerichtsurteils hinausschieben" (RS).

↓159

Zwar hat die Regierung Bihars am 3. November alle Prozessionen aufgrund des Ausbruchs einer Reihe von Gewaltakten verboten, doch insgesamt zeigte der Staat eine große Nachgiebigkeit gegenüber dem VHP-Vorhaben. Ein Grund dafür mag eine Fehleinschätzung der Lage gewesen sein. So hatte die "Times Of India" am 8. 8. das Ergebnis einer Umfrage veröffentlicht. Die TOI kam zu dem Schluß: "In dem größten Teil des Landes ist (diese ...) Kontroverse kein Thema" (Babri dispute ...). Bekannt sei diese Frage vor allem unter der städtischen Bevölkerung Uttar Pradeshs, Gujerats und Maharastras, und unter der besonders bei der gebildeten und zeitungslesenden Öffentlichkeit. Vor allem Kongreßabgeordnete sahen dem Vorhaben mit Blick auf die bislang geringen Wahlerfolge der BJP mit Gelassenheit entgegen. So besaß in der damaligen Lok Sabha die BJP bekanntlich nur zwei Sitze.

Am 27. Oktober lehnte das Oberste Gericht in New-Delhi ein von zwei ehemaligen Richtern eingebrachtes Ersuchen um ein Verbot des VHP-Programms mit Hinblick auf das Grundrecht der Propagierung der Religion sowie mit dem Hinweis, daß andernfalls die Regierung angemessene Schritte bei Verletzung der öffentlichen Ruhe zu ergreifen hätte, ab (No SC ban ...).

Am 2. November 1989 markierte die VHP diejenige Stelle, an der die Grundsteinlegung des geplanten Tempelbaus erfolgen sollte mit einer safranfarbenen Flagge. Daraufhin setzte ein Rechtsstreit ein, der bis heute noch nicht geklärt ist. Das gesamte Land Ayodhyas wurde nämlich während dreier Vermessungen in den Jahren 1861, 1931 und 1937 in Grundstücke, die entsprechend numeriert wurden, aufgeteilt. Am 3. November nun wandte sich die Distriktadministration von Faizabad an das Innenministerium Uttar Pradeshs. Es informierte darüber, daß die Stelle, die die VHP für ihre Zeremonie ausgesucht hatte, sich auf dem Grundstück mit der Nummer 586 befindet. Nach Ansicht der Distriktbehörden war dies "eine eindeutige Verletzung der Interimsanordnung des Gerichts vom 14. 8. 89" (UPG, 9), da das "'fragliche Eigentum' (...) das Eigentum (...) mit der Grundstücksnummer 586 einschließt" (UPG, 10). Der Anwalt A. N. Trivedi, der im Verfahren um die Babri-Moschee die Interessen der Regierung Uttar Pradeshs wahrnimmt, wandte sich daraufhin am 6. November mit folgendem Ersuchen an das Sondergericht von Lucknow: "Das Gericht sei hiermit gebeten, klarzustellen und zu erklären, daß die Worte 'fragliches Eigentum', die in der Interimsanordnung vom 14. 8. 89 erwähnt werden, sich auf das Eigentum (...) mit der Grundstücksnummer 586 (beziehen)" (UPG, 10). Einen Tag später bestätigte das Sondergericht, das die Ayodhya-Frage behandelt, diesen Sachverhalt: "(...) Das Eigentum Nr. 586, das für die Grundsteinlegung ausgewiesen wurde, schließt das (fragliche) Eigentum ein" (-In: Ayodhya land ...).

↓160

Zwischenzeitlich hatten am 6. November Rajiv Gandhi und Buta Singh den in Vridanban an den Ufern der Yamuna lebenden Mönch Devraha Baba getroffen. Hier war es letztlich, wo die Entscheidung über die "Shilanyas"-Zeremonie gefällt wurde. Er machte Gandhi unmißverständlich klar, daß die "Shilanyas"-Zeremonie am vorgesehen Ort stattfinden muß. Devraha Baba signalisierte, daß die Zeremonie friedlich verlaufen und Babri-Moschee nicht angerührt werden würde. Er soll Gandhi versichert haben, daß er bei Genehmigung des Vorhabens wieder Premierminister werden würde. Wie reagierte nun aber die Regierung auf die Anordnung des Gerichts? Am 8. November erklärte sie, daß entsprechend einer Karte aus dem Jahre 1961 der Standort der "Shilanyas"-Zeremonie "außerhalb der Grenzen des zum Streitfall zählenden Geländes EFGH" ('Shilanyas' site ...) liegen würde.

Der Führer der VHP, S. C. Dixit, wertete diesen Schritt der Regierung während der "Shilanyas"-Zeremonie über ein Mikrofon an die Menge gewandt wie folgt: "Es ist aufgrund eurer Stärke, weshalb der Premierminister vor Devraha Baba auf die Knie fallen mußte" (-In: Suri).

4.1.5.  1990: Die neue Regierung unter V. P. Singh

Am 2. Dezember 1989 wurde aufgrund des neuen Kräfteverhältnisses, das sich aus den Unterhauswahlen ergab, V. P. Singh (Janata Dal) zum Premierminister Indiens vereidigt (siehe 3. 3. 1.). V. P. Singh, der bislang die "ausweichende und halbherzige Reaktion der Regierung" (Singh, V. P. 1989b) in Bezug auf die Ayodhya-Frage beklagt hatte, hatte nun selbst die Möglichkeit, die Initiative zu ergreifen. Eine seiner Standarderklärungen lautete nun, "Lösungen solcher Probleme kann es nur durch eine friedliche Regelung geben. Es wird keine gewalttätige Lösung geben" (Singh, V. P. 1989f). In seiner ersten Fernsehansprache an die Nation am 3. Dezember bekundete er die Bereitschaft seiner Regierung "die brennenden Probleme, vor denen das Land steht, durch Konsens und Ausgleich versuchen zu lösen. (...) Eine nationale Anstrengung wird gemacht werden, um solche komplexen Probleme wie Punjab, Jammu und Kashmir und Ram Janambhumi-Babari Masjid zu lösen" (Singh, V. P. 1989g). Dann listete er die Themen auf, die er bereit sei, entschlossen anzugehen. Es waren jene, die L. K. Advani in seinem Brief an V. P. Singh vom 29. November nannte, und bei denen zwischen Janata Dal und BJP Übereinstimmung bestand, und die die Unterstützung der neuen Regierung durch die BJP möglich machten (siehe 3. 3. 2.). V. P. Singh bezeichnete sich nicht als geistigen Erben von Nehru und Mahatma Gandhi, wie es bei den Kongreßregierungen immer der Fall war, sondern, auch hierbei war nun der Wandel perfekt, er nannte R. Lohia und J. Narayan, der Mitte der 70er Jahre die Opposition zur Kongreßregierung aufbaute. Am 7. Dezember fuhr V. P. Singh in den Punjab. Sein Besuch des Goldenen Tempels von Amritsar, der von den vorherigen Regierungen zweimal gestürmt worden war, da sich Terroristen in ihm verschanzt hatten, wurde allgemein als ein neues Herangehen an die angestauten Probleme gewertet. Doch dabei blieb es dann auch.

↓161

In der Ansprache des Präsidenten an beide Häuser des Parlaments am 20. Dezember, die vom Premierminister vorgelegt wurde, wurde das Ayodhya-Problem schon nicht mehr erwähnt. Es fand sich nur noch ein allgemeiner Hinweis auf "Unruhen und Gewalt, die in den letzten Monaten stattgefunden haben, (...) und die durch eine Atmosphäre von Einvernehmen und gutem Willen" (PA 1989, 4) ersetzt werden sollen. Bei der Debatte zum Vertrauensvotum, die in der Lok Sabha am 21. Dezember gestellt wurde, machte folglich der Redner der Kongreßpartei sofort darauf aufmerksam: "Kann jetzt der Ehrenwerte Premierminister einen klaren Standpunkt zu 'Ram Janmaboomi und Babri Masjid' fassen? (... Und) ich bitte auch Advaniji (dazu)" (Antulay, 34). Die Antwort, die V. P. Singh wenige Zeit später darauf gab, war ausflüchtend: "Wir waren uns (der Probleme) bewußt. (...) Laßt uns nicht vergessen, daß das Feuer viel früher geschürt wurde, und heute sind sie brennende Probleme. (...) Laßt uns zusammenkommen, und sie gemeinsam packen" (Singh, V. P. 1989h, 121-122). Die Abgeordneten, die für die Janata Dal und die CPI während der Debatte das Wort ergriffen, waren zuversichtlich: "Zu (dieser) Frage wird eine Lösung gefunden werden, und (alle ...) werden uns ihre Unterstützung geben, sie zu lösen" (Mishra, J., 66); "(Diese) Frage wird durch nationalen Konsens gelöst werden. Es ist kein Streitpunkt der Parteien" (Gupta, In., 83). Advani erwähnte in seinem Redebeitrag die Frage nur flüchtig in Bezug auf die Rolle, die die Kongreßpartei in ihr gespielt hatte.

Im Februar 1990 ergab sich für V. P. Singh der erste Test zur Ayodhya-Frage. Die VHP hatte für den 14. Februar zum Baubeginn des Rama-Tempels aufgerufen. Führer der VHP beklagten bereits, daß sich der neue Premier ihrer Sache noch gar nicht angenommen hatte. Am 6. Februar fand schließlich zwischen der VHP und dem Premier in dessen Amtssitz ein Gespräch statt. Er appellierte an die VHP angesichts der "schwierigen Periode, die das Land durchschreitet" (Govt asks ...), ihren Plan aufzuschieben. Der Premier schlug noch am selben Abend die Bildung eines Komitees vor, das eine Lösung finden sollte. Von Seiten der Regierung sollten daran der Innen- und Finanzminister und der Chefminister Uttar Pradeshs teilnehmen. Schließlich ging die VHP auf die Bitte ein, und gab der Zentralregierung vier Monate Zeit. Der Premier konnte folglich in seiner Ansprache im Unterhaus am 12. März erklären: "Seitdem die Regierung das Amt übernommen hat, hat sich die Situation in den Beziehungen zwischen den Gemeinschaften sichtlich verbessert. Meine Regierung hat eine neue Initiative ergriffen, um den (Ayodhya-) Streit friedlich zu lösen. Die Lösung von einer solch emotionalen Frage sollte durch Dialog und Konsens gefunden werden. Ein aus drei Personen bestehendes Komitee wurde gebildet, um eine akzeptable Lösung zu finden" (PA 1990, 3). "Es gab bei dieser Frage eine kleine Verzögerung, zuerst wegen den Wahlen und dann wegen der Situation in Jammu und Kashmir. Aber das Komitee wird sehr bald seine Arbeit aufnehmen" (Singh, V. P. 1990b), hieß es dazu am 16. März. Dieses Komitee, das sich schließlich aus den beiden Ministern der Zentralregierung, M. Dandavate und George Fernandes, sowie dem Minister Uttar Pradeshs, M. Anees, zusammensetzte, traf sich zum ersten Mal am 5. April mit den Vertretern der VHP. Gegenüber Bedenken, daß die VHP ein neues Ultimatum setzen könnte, äußerte er, "niemand ist unvernünftig" (Singh, V. P. 1990a). Es gab im Falle Ayodhyas keine Überlegungen seitens der Regierung. Auf Hinweise, daß die VHP ein neues Programm vorbereitet, reagierte der Innenminister gegenüber einem Kongreßabgeordneten im Parlament: "Wie lange haben sie bei diesem Problem geschwankt" (Sayeed 1990a)? Als er im Juni direkt auf eine Strategie zu Ayodhya hin angesprochen wurde, gab er zur Antwort: "Der Premierminister hat der VHP gesagt, daß ihre Kampagne nicht im nationalen Interesse ist" (Sayeed 1990b).

Die Janata Dal war fest davon überzeugt, daß die BJP die gegenwärtige Regierung weiter unterstützen würde. Der Premier verwies auf die "vielen Bereiche" (Singh, V. P 1990a), bei denen beide Parteien übereinstimmen, und wo Regelungen zu treffen seien. Und ein weiterer Spitzenpolitiker der Janata Dal meinte dazu, "jeder will (...) eine Regierung ohne den Kongreß" (Shekhar 1990a).

↓162

Schließlich sollte sich die im Februar 1990 vereinbarte Verschiebung für V. P. Singh und die stattlichen Stellen ungünstiger als erhofft erweisen. Die VHP hatte längst nicht die für eine Kampagne notwendigen Vorbereitungen getroffen. Sie wäre also im Februar weitaus geringer ausgefallen. Und zweitens hatte, lt. einer Aussage Ashok Singhals, die VHP dem Premier bei ihrem Treffen mit ihm am 6. Februar entgegen bisherigen anderslautenden Erklärungen (siehe 2. 3. 5. 1.) angeboten, mit dem Bau des Tempels auf unstrittigem Gebiet zu beginnen (Govt asks ...). Der "feste Glaube der Regierung, (daß dieses Problem) durch Verhandlungen gelöst werden (könne)" (Sharma, S.), wie sich der Staatssekretär für Inneres ausdrückte, stellte ihr schließlich ein Bein.

Nach Ablauf der Frist von vier Monaten fand am 8. Juni ein weiteres Treffen zwischen V. P. Singh und der VHP statt. Es endete ergebnislos. Der Generalsekretär der VHP schätzte nun ein, daß "die Angelegenheit dem Premierminister aus den Händen geglitten (ist). (... Wenn er für seine Anstrengungen, das Problem in den letzten vier Monaten zu lösen, eine Zensur bekommen müßte, würde er) eine Null von Zehn (erhalten)" (VHP to go ...).

In einer weiteren Gesprächsrunde traf Ende Juli der Staatsminister für Inneres, S. K. Sahay, einzeln mit Vertretern des BMMCC sowie der VHP zusammen. Die VHP gab ihm zu verstehen, daß an dem nun zwischenzeitlich bereits entschiedenen Termin des Baubeginns am 30. Oktober nicht mehr geändert wird (Sahay meets ...). Während einer Tagung der Gouverneure erklärte der Premier am 29. Juli, daß "im Falle des Versuchs, die gerichtliche Entscheidung zu untergraben, die Regierung die Position beziehen wird, die Judikative aufrechtzuerhalten" (-In: Centre to ...).

↓163

Inzwischen war bereits im Mai in Bezug auf die Babri-Moschee und dem Handeln des Staats von Uttar Pradesh ein Präzedenzfall gesetzt worden. Der Shankaracharya von Dwarka, Swami Swapuranand, hatte angekündigt, am 7. Mai 1990 die "wirkliche Grundsteinlegung" (I'll build ...) vorzunehmen. Die VHP hätte am 9. November 1989 die Zeremonie nicht entsprechend den Schriften, zum falschen Zeitpunkt sowie 150 m vom ursprünglichen Geburtsort Ramas vollzogen, lauteten seine Argumente. Auf seinem Weg nach Ayodhya wurde er schließlich am 1. Mai in Phulpur, Distrikt Azamgarh, wegen Befürchtung vor öffentlicher Ruhestörung für eine Woche verhaftet. Der Antrag auf Freilassung wurde am 4. Mai vom Obersten Gericht in Neu-Delhi abgelehnt. Grundlage dessen bildete der FIR des diensthabenden Polizeiinspektors von Phulpur, wonach "(er) während seiner Rede (in Phulpur am Abend zuvor) gesagt hat, daß sie (er und Anhänger-M.S.) endgültig den Tempel auf Ram Janmabhoomi bauen werden und die Babri Masjid zerstören; welcher Moslem auch immer uns entgegentreten wird, wird nicht am Leben bleiben; diejenigen, die in Indien leben, müssen Hindus werden, Moslems haben kein Recht, in Indien zu leben" (-In: Plea to ...). Der Chefminister Uttar Pradeshs, Mulayam Singh Yadav, machte im Juni die unmißverständliche Haltung seiner Regierung deutlich: "Niemandem wird es gestattet werden, mit dem Bau zu beginnen, solange bis das Gericht sein Urteil gefaßt hat. (...) Wir werden es ihnen (VHP-M.S.) nicht gestatten, den Ort zu betreten, während die Frage vom Gericht behandelt wird. Wir werden es niemandem gestatten, sich in unsere Handlungen einzumischen. Wir sind entschlossen, zu gewährleisten, daß Ruhe und Ordnung strikt durchgesetzt werden. (...) Wir werden alle möglichen Maßnahmen ergreifen, sie daran zu hindern, sogar wenn es bedeutet weiter zu gehen, als sie (VHP-M.S.) nur zu verhaften. (...) Unsere Politik ist (seit der Verhaftung des Shankaracharyas) ganz klar" (Yadav 1990a).

Inzwischen schritten die Planungen der VHP für den 30. Oktober voran. Und der VHP-Chef von Uttar Pradesh, S. C. Dixit, verkündete den Beschluß der VHP, daß nach dem 1. August keine formellen Gespräche mehr mit der Regierung geführt werden, da sie den Anhängern ein falsches Bild über ihre Entschlossenheit, den Tempel zu bauen, vermitteln würden (Kar seva ...). Am 25. September begann der Parteivorsitzende der BJP, L. K. Advani, seine Fahrt quer durch das Land, die ihn zum 30. Oktober nach Ayodhya führen sollte. Die Fahrt zeigte eine beachtliche Resonanz. Und mit näher rückendem Termin, wurde ein Eingreifen staatlicherseits dringlicher.

Lange Zeit wurde versucht, Advani von seinem Vorhaben abzubringen. Doch die BJP war entschlossen, ihr von den anderen Parteien verschiedenes politisches Konzept massenwirksam umzusetzen. Die erste Demonstration dessen war ihre Nichtteilnahme an der Tagung des "National Integration Council" am 22. September in Madras. 11) (siehe 3. 3. 4.). In der Folgezeit wurde eine Reihe von Gesprächsrunden mit den Führer der VHP und BJP durchgeführt, insbesondere in der Zeit vom 14. bis 19. Oktober, als sich Advani in Delhi aufhielt. U. a. wurde angeboten, daß die "Kar Seva" an der Stelle stattfinden könne, wo ein Jahr zuvor die "Shilanyas"-Zeremonie abgehalten wurde. Für den 17. Oktober wurde in Delhi ein All-Parteien-Treffen einberufen. BJP und Kongreßpartei nahmen nicht an ihm teil. (siehe 3. 3. 4.). An dessen Ende stand die Veröffentlichung einer Resolution, die ähnlich der des NIC vom 22. September war. Die Parteien unterstrichen nochmals, daß "nichts unternommen werden sollte, den Status quo (in der Babri-Moschee) zu verändern. Die Ayodhya-Kontroverse sollte durch Verhandlungen beigelegt werden, schlagen diese fehl, sollte das Gerichtsurteil respektiert werden" (All-party meet ...).

↓164

Am 19. Oktober startete die Zentralregierung einen weiteren Versuch, eine Wende in der Lage der Ereignisse herbeizuführen. Der Präsident erließ eine Anordnung über den Erwerb des strittigen Gebietes von Ram Janma Bhoomi-Babri Masjid durch die Zentralregierung (org. "Ram Janmaboomi-Babri Masjid (Acquisition of Area) Ordinance, 1990"). 14) Damit war nun der Streitfall aus der Reichweite der gerichtlichen Behandlung und jeglicher bislang bei Gericht vorgebrachter Eigentumsansprüche genommen. Die Leitung des Eigentums, und die Gewährleistung der Sicherheit der Moschee lag nun in den Händen der Zentralregierung. Dieser Erlaß war Teil eines 3-Punkte-Plans der Regierung, wonach dem Ramjanmabhumi-Komitee der VHP die diesem Gebiet angrenzende Fläche übergeben werden sollte, und das Oberste Gericht Indiens eine schnelle Behandlung des Verfahrens in die Wege leiten sollte. VHP und AIBMAC lehnten diese Maßnahmen zur Lösungsfindung ab. Moslemische Vertreter bezeichneten sie als einen "hastigen Schritt (und kritisierten, daß durch ihn) moslemisches Eigentum dem Staat übereignet wurde" (Muslims Reject ...). Auch verschiedene Rechtsexperten äußerten ihre Zweifel über die Rechtmäßigkeit dieses Erlasses. Er wurde zwei Tage später vom Präsidenten wieder zurückgenommen.

Am 23. Oktober wurde um 6. 25 Uhr Advani in Samastipur (Bihar) unter den Bestimmungen des "National Security Act" verhaftet. 15) Wie diese Maßnahme letztendlich tatsächlich zustande gekommen war, ist schwer nachzuvollziehen. Das Oberste Gericht Indiens hatte erst am 22. Oktober einen schriftlichen Antrag abgelehnt, bei dem um ein Verbot der 'Rath-Yatra' ersucht worden war. Es begründete seinen Standpunkt damit, daß "dies keine einer gerichtlichen Entscheidung unterworfenen Angelegenheiten" (-In: SC dismisses ...) sind. Letztlich soll die Entscheidung der Verhaftung Advanis auf der Kabinettssitzung vom 22. Oktober getroffen worden sein. Ursprünglich sollte er bereits am 20. Oktober verhaftet werden. Doch V. P. Singh wollte ihm unter dem Eindruck des Erlasses vom Präsidenten noch mal Zeit geben. Am 22. Oktober fand in Neu-Delhi ein Treffen der Chefminister statt. Hier verwies V. P. Singh auf die Resolution der Sitzung des NIC von Madras. Nochmals wurde an Advani ein Appell gerichtet, und V. P. Singh versicherte, innerhalb von sechs Monaten eine Lösung des Problems zu finden. Dazu sollte ein aus sechs Chefminister bestehendes Komitee gebildet werden. Doch auch dieser Versuch mußte fehlschlagen.

Am Abend desselben Tages stand schließlich eine 15minutige Fernsehansprache von V. P. Singh an die Nation. Sie signalisierte, daß die Zentralregierung die Herausforderung von Ayodhya angenommen hatte. Die Ansprache offenbarte, zu welcher Meinungsbildung sich die Zentralregierung durchgerungen hatte, und daß nun die Ayodhya-Kontroverse auf einer anderen Ebene ausgetragen wurde: "Der Streit um Ram Janmabhoomi-Babri Masjid (...) ist ein alter Streit, der eine neue Gestalt angenommen hat, eine, die das Land in eine Krise gestürzt hat. Womit wir heute konfrontiert sind, ist nicht einfach ein neues Problem, eine neue Krise: Die Nation steht auf dem Prüfstand wie niemals zuvor. Die Herausforderung, der wir heute gegenüberstehen, ist nicht nur die Rechtsstaatlichkeit, nicht nur unser politisches System und unsere Verfassung. Es ist unsere Menschlichkeit, und es ist unser Mitgefühl. Die nächsten Tage werden entscheiden, ob wir gemäß unseren Prinzipien leben werden, oder ob wir sie verraten werden. In diesen wenigen Augenblicken wird die Geschichte Indiens geschrieben werden. (...). Wenn kein Kompromiß gefunden werden kann, dann gibt es die Rechtsstaatlichkeit und die Gerichte. (...) Ich habe sie (VHP-M.S.) darum gebeten, auf die gerichtliche Entscheidung zu warten. Aber mit großem Bedauern muß ich ihnen mitteilen, daß dieser einfache und prinzipielle Standpunkt kein Wohlwollen bei ihnen (VHP/BJP/RSS-M.S.) gefunden hat. Sie sagten, daß sie mit dem Bau von der bereits ausgewählten Stelle und auf dem strittigem Gebiet beginnen werden. Sie werden nicht auf das Gericht warten, und sie sind nicht bereit, seinem Urteil Folge zu leisten. (...) Es ist nicht eine Frage darüber, ob ein Tempel oder eine Moschee auf einer bestimmten Stelle gebaut wird. Unsere grundlegendsten Prinzipien stehen auf dem Spiel. Wir haben eine Verfassung entworfen und den Weg entschieden, wie unser Land regiert werden soll. Nun wird behauptet, daß die Religion und der Glauben über dem Gesetz und den Bestimmungen der Verfassung stehen. Wenn wir dies akzeptieren, dann legen wir den Grundstein für einen theokratischen Staat. Die Ideale eines säkularen Staates, die Bapu (Mahatma Gandhi-M.S.) und Nehru gehegt haben, werden zerstört werden. (...) Dies ist die Nation, die Mahatma Gandhi geschaffen hat. (...) Regierungen kommen und gehen, aber die Nation muß bestehen bleiben. Dabei brauche ich, meine lieben Landsleute, ihre Unterstützung. (...) In den nächsten wenigen Tagen wird entschieden werden, welche Richtung Indien in der Zukunft nehmen wird" (Singh, V. P. 1990c).

↓165

Mit dieser Erklärung war die Verhaftung Advanis beschlossene Sache. Zwar behauptete der Chefminister Bihars, Lallu Prasad Yadav, gegenüber Journalisten, daß die Verhaftung Advanis seine Entscheidung gewesen sei (I only ...). Doch spätestens wäre diese Maßnahme beim Betreten des Gebiets von Uttar Pradesh erfolgt. Dies wäre dann zwei Tage später gewesen. Der Zeitpunkt der Verhaftung änderte nichts an der grundlegenden Situation, in der sich Indien nun befand.

Am Tage der Verhaftung Advanis, dem 23. Oktober, wurde dem Präsidenten eine Brief übermittelt, in dem die BJP erklärte, daß sie der Regierung ihre Unterstützung entzieht. Damit war gleichzeitig eine Regierungskrise eingeläutet. V. P. Singh hatte keine Mehrheit im Parlament. Die Zentralgewalt Indiens befand sich nun in einem Machtvakuum. Praktisch hielt es bis zur Vereidigung der übernächsten Regierung von P. V. N. Rao im Juni 1991 an.

4.2.  Der 30. Oktober 1990

4.2.1.  Die Lage vor dem 30. Oktober

Im Unionsstaat Uttar Pradesh waren bereits vor dem 23. Oktober die Sicherheitskräfte mobilisiert worden. Die öffentliche Unterstützung dafür hatte sich der Chefminister von Uttar Pradesh, Mulayam Singh Yadav, in einer Reihe im September/Oktober organisierter "Anti-Kommunalismus"-Kundgebungen eingeholt. Die größte derartige Manifestation fand am 14. Oktober in Lucknow statt. Sie fanden eine große Erwiderung, weshalb der Einfluß, den sie wirklich hatten, unklar ist. Der Chefminister macht deutlich, daß er keine Zerstörung der Babri-Moschee zulassen wird. Bekannt wurde insbesondere seine Aussage, wonach es nicht einmal einem Vogel möglich sein wird, das Gelände der Moschee zu erreichen: "Als Chefminister kann ich nicht zusehen, daß diese Verfassung verletzt wird" (Says Mulayam ...), sagte er am 26. Oktober.

↓166

Die VHP gab an, daß sie insgesamt 1,5 Millionen "Kar Sevaks" zum Marsch nach Ayodhya mobilisiert hatte. Diese Zahl wurde später auf 446.083 korrigiert (VHP 1991). Sicherheitskräfte in einer Gesamtstärke von 175.000 bis 250.000 Mann wurden aufgeboten, um den Staat in die Lage zu versetzen, den Status quo der Babri-Moschee erhalten zu können. Dabei wurden auch Kräfte eingesetzt, denen ursprünglich eine völlig andere Aufgabe zugedacht worden war. Neben Einheiten den Polizei wie "Provincial Armed Constabulary (PAC)" waren die dem Innenministerium unterstehenden paramilitärischen Kräfte wie die "Central Reserve Police Force (CRPF)" und die an den Grenzen Indiens stationierten Einheiten der "Border Security Force (BSF)" (Grenze zu Pakistan, Bangladesh) und der "Indo-Tibetan Border Police (ITBP)" (chinesische Grenze) im Einsatz. Die CRPF wurde 1939 mit der Absicht geschaffen, "die Polizeikräfte der Unionsstaaten bei der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu unterstützen" (MHA 1992, 18). Es wurde auch berichtet, daß die Eliteeinheit der "National Security Guards (NSG)", die gegen Eindämmung terroristischer Aktionen und zum Schutz von Politikern eingerichtet wurde, mit herangezogen wurde.

Die Regierung des Unionsstaates untersagte bereits im Oktober der VHP die Durchführung ihres "Rama-Jyoti"-Programms. Ab der zweiten Hälfte des Monats befanden sich große Teile Uttar Pradeshs praktisch unter einem unerklärten Ausnahmezustand. Eisenbahnzüge, die in die Nähe Ayodhya führten, wurden vom Fahrplan gestrichen. Schulen wurden teilweise geschlossen. An den Grenzübergängen zu den Nachbarstaaten Uttar Pradeshs wurden die ersten Straßensperren eingerichtet, dann nochmals in einem Umkreis von 300 km um Ayodhya sowie an allen sechs Einfahrten zu Ayodhya selbst. An ihnen wurden Kontrollen durchgeführt, um den möglichen Personenkreis an dem Erreichen Ayodhyas zu hindern. Letztlich wurde damit auch der gesamte Güterverkehr behindert, und aufgrund ausbleibender Lebensmittellieferungen kam es zu Preissteigerungen in Uttar Pradesh. Wurde jemand an den Straßensperren als "Kar Sevak" identifiziert, sollte er im Regelfall verhaftet werden. Doch bereits an der Grenze von Madhya Pradesh zu Uttar Pradesh gelang es mehrere Gruppen, die Sperren zu überrennen. Vom 26. Oktober, 19.00 Uhr an wurde über die beiden Städte Faizabad und Ayodhya eine unbegrenzte Ausgangssperre verhängt. In Ayodhya waren Sicherheitskräfte insgesamt in einer Stärke von etwa 20.000 Mann stationiert. Mehrmals sollen in den Tagen zuvor die Häuser und Tempel Ayodhyas nach "Kar Sevaks" durchsucht worden sein. Erschwert wurde die Arbeit der Sicherheitskräfte dadurch, daß für den 30. Oktober auch eine Reihe von Pilgern zur Absolvierung ihres "Parikrama" (Rundgang mehrerer Tempel und heiliger Stätten) in Ayodhya waren. Das Oberste Gericht in Allahabad, hatte so dem Antrag mehrerer Pilger stattgegeben, die um eine ungehinderte Fahrt nach Ayodhya ersucht hatten (SC dismisses ...). Diese gerichtliche Anordnung war kaum durchsetzbar. Willkürliche Festnahmen blieben daher nicht aus. Zahlen über die Menge der durchgeführten Verhaftungen variierten zunächst zwischen 100.000 bis 750.000. Später gab die VHP eine Zahl von 283.901 Verhaftungen bekannt (VHP 1991). Darunter war fast die gesamte Spitze der BJP, wie z. B. A. B. Vajpayee, Rajmata Scindia, und der Chef der Parteiorganisation Delhis, Khurana, die jeweils Gruppen von Freiwilligen nach Ayodhya angeführt hatten. Und doch sollen, wie später ausgesagt wurde, angeblich 85.000 "Kar Sevaks", von denen jedoch 25.000 auf der anderen Seite des Saryu-Flusses festgehalten wurden, Ayodhya am 30. Oktober erreicht haben (Singhal 1991, 5).

4.2.2. Die Ereignisse des 30. Oktober und 2. November und ihre Folgewirkungen

Die größte indische Tageszeitung "The Times Of India" betitelte ihren Kommentar vom 30. Oktober mit der Überschrift "Die Stunde Null der Nation". Die Lage war also äußerst gespannt. Nun war am 30. Oktober selbst außerhalb der Stadt nichts über die Ereignisse in Ayodhya zu erfahren. Der staatliche Rundfunk hatte praktisch eine Nachrichtensperre verhängt. Nur allmählich ergab sich ein Bild, was in Ayodhya geschehen ist, und selbst dies ist teilweise mit einiger Vorsicht zu betrachten. 16)

↓167

Der Zeitpunkt der Durchführung der "Kar Seva"-Zeremonie war lt. der Konstellation der Sterne von der VHP für 9. 44 Uhr angesetzt worden. Seit etwa 3.00 Uhr am Morgen begann sich an der Brücke, die Ayodhya mit der anderen Seite des Saryu-Flusses verbindet, eine Menge von etwa 5000 Personen zu sammeln. Bis 6.00 Uhr war sie auf angeblich 15.000 angewachsen. Die Menge rückte auf der Nationalstraße entlang, die durch Ayodhya führt, bis an die Kreuzung, die in der Nähe des "Hanumangarhi"-Tempels ist, vor. Zu diesem Zeitpunkt war es etwa gegen 10.00 Uhr. Hier traf auf sie weitere Gruppen von "Kar Sevaks", die aus anderen Richtungen, wie z. B. den verschiedenen Klöstern der Stadt, kamen. Die Angaben über die Größe der Menschenmenge schwanken zwischen 10.000 bis 40.000. Am "Hanumangarhi" versuchte die Polizei, sie mit Tränengas und Holzstöcken auseinanderzutreiben. Vereinzelt wurde geschossen. Anwohner bewarfen die Polizisten mit Steinen, die schließlich zurückwichen. Es gelang der Menge, die Polizei zu überrennen und weiter in Richtung Babri-Moschee vorzudringen. Vom "Hanumangarhi"-Tempel aus waren es noch etwa 700 m bis zur Babri-Moschee. Kurz vor 12.00 Uhr erreichten 70 bis 300 Personen die Babri-Moschee. Die Sicherheitskräfte wußten nicht, was sie tun sollten und öffneten das Haupttor zur Moschee. Diesen Zeitpunkt hielt das Team von "Newstrack" in seinem Filmbericht fest. Es gab von seiten der Polizei keinen Widerstand. Sie beobachtete nun das Spektakel. Etwa 20 Personen erklommen das Dach der Moschee, pflanzten auf den drei Kuppeln der Moschee die safranfarbene Flagge und zerstörten Teile der Kuppel. An der Mauer, die die Moschee abgrenzt, wurden die Gitterteile herausgerissen. (siehe Fotoanhang) Dies dauerte eine ganze Zeit lang an. Ob nun alle "Kar Sevaks" bis zur Moschee gelangen konnten, ist nicht bekannt. Tote soll es an diesem Tag zwischen 4 bis 11 gegeben haben.

Nun setzte ein Wettlauf darum ein, wie diese Vorfälle in der Moschee zu werten seien. Advani gab an dem Ort, wo er festgehalten wurde ein Interview. Er erklärte: "Was am 30. Oktober stattgefunden hat, war der Beginn der 'Kar Seva'. Und ich denke, trotz all der Macht, die der Staat aufgeboten hat, war das, was von den 'Kar Sevaks' erreicht wurde, ein Triumph der 'Lok Shakti' (Macht des Volkes-M.S.) über 'Raj Shakti' (Staatsmacht-M.S.)" (Advani 1990l). Dafür hatte er bereits während seiner "Rathyatra" die Stimmung vorbereitet: "Diese 'Rathyatra', die in Somnath begonnen hat, wird nicht Halt machen, bevor sie nicht Ayodhya erreichen wird. Ich spreche nicht über diesen 'Rath' (Wagen-M.S.) oder über mich selbst, sondern ich meine diesen 'Rath' von Menschen, den ich jetzt sehe" (Advani 1990l), hatte er auf einer seiner Kundgebungen gesagt. Bezogen auf den 30. Oktober sprach die VHP in ihren Broschüren stets von einem "Sieg der Kar Sevaks". 17) Englischsprachige Tageszeitungen waren der Auffassung, daß zumindest eine "symbolische Kar Seva" durchgeführt wurde. Amtliche Stellen, wie z. B. auch die abendliche Nachrichtensendung des staatlichen Fernsehens, betonten, daß "keine 'Kar Seva' durchgeführt wurde und die Moschee in Takt und unzerstört" sei.

Es stellt sich nun aber die Frage, was an diesem Tag eigentlich gemacht werden sollte. Zielpunkt war diesmal, und das wurde deutlich, im Vergleich zu anderen Zeitpunkten die Moschee selbst. Auf sie waren die Emotionen gerichtet. Was hieß nun in diesem Zusammenhang "Kar Seva"? "Kar Seva", ein Konzept aus dem Sikhismus, ist mit dem Aufbau einer Kultstätte verbunden. Doch jeder weiß, daß dies ohne gewisser Vorarbeit nicht übers Knie zu brechen ist. Die Moschee stand. Also hätte sie an diesem Tag beseitigt werden müssen. In der Schnelligkeit der Ereignisse wäre sie damit auch zerstört worden. Der Generalsekretär der VHP, A. G. Kishore, behauptete am 30. Oktober so, daß man stattdessen "die Moschee nur an eine andere Stelle transportieren wollte. Sollte sie zerstört worden sein, dann sei dies aus der Wut der Masse heraus geschehen. Es war nicht geplant" ('Kar sewa ...).

↓168

Nun sprach anderes dagegen. Losungen, die an Häuserwänden kursierten, und die die "Kar Sevaks" riefen, machten nicht den friedlichen Eindruck, den die Führer der VHP bemüht waren, von ihrem Vorhaben zu vermitteln. 18) Des weiteren peitschte die VHP die Stimmung mit solchen Äußerungen, wie z. B. "jetzt oder nie", zu einem emotionalen Höhepunkt hoch. Angesichts des staatlichen Gegenmaßnahmen nahm nun in ihrer Propaganda der Staat den Platz ein, den bislang die moslemischen Horden des 16. Jahrhundert, die den Rama-Tempel zerstört haben sollen, inne hatte. Mulayam Singh Yadav, der hiesige Chefminister, wurde zur Hauptzielscheibe der Angriffe. Er war die Verkörperung Babars des 20. Jahrhunderts schlechthin. Die VHP hatte nun einen greifbaren Feind, der ihrer Bewegung entgegengetreten war. Er wurde von ihr als ein typischer pseudo-säkularer Moslem-Stimmenfänger charakterisiert und erhielt nun den Namen "Mullah Singh Yadav" bzw. "Mohammed Singh Yadev". In einem Gedicht, das jener Tage entstand, wird er als "Mulama" bezeichnet: "Stop uns, wenn Du kannst, Mulama, wir werden genau dort den Tempel bauen. Wieviel Du auch verhaftest, wir werden mehr Verehrer Rams rufen. Tausende haben sich schon geopfert, Hunderttausende werden sich noch opfern. Das ist nur der Trailer, Mulama, den Film werden wir Dir noch zeigen" (-In: Datta, 2525).

Auch zeigten die Bilder vom 30. Oktober die engere Absicht der VHP an diesem Tag. Der Generalsekretär der RSS, H. V. Seshadri, machte bereits im Juli klar, daß "man andernfalls keine Alternative hätte, als die Moschee zu zerstören, um den Bau des Tempels zu ermöglichen" (-In: Sahay meets ...). In der VHP-Broschüre zu den Ereignissen vom Oktober/November 1990 wird dieser Tag wie folgt beschrieben: "(Die 'Kar sevaks') gingen hinein (...) und begannen die 'Kar seva' - 'Kar Seva' - d. h. Zerstörung" (Sharma, R. P. c, 80). Damit war nun eindeutig gesagt worden, daß es die Absicht gewesen war, die Moschee zu zerstören. Doch schien es dafür überhaupt keine genauen Planungen gegeben zu haben. Offensichtlich war es den Beteiligten unklar, was sie nun, als sie die Moschee erreichten, machen sollten. Demnach soll es keine Schwierigkeit für die Polizei gewesen sein, die Moschee nach einiger Zeit zu räumen.

Es stellte sich nun jeder die Frage, wie es trotz massiven Sicherheitsaufgebots nicht möglich gewesen sein soll, diese Ereignisse zu verhindern. Fast alle Beobachter stimmten darin überein, daß die Sicherheitskräfte unzureichend vorbereitet waren. Große Teile von ihnen begegneten den "Kar Sevaks" sogar mit Sympathie. Eine Tatsache, die ich bei meinem Aufenthalt in Ayodhya im Juni 1992 selbst beobachten konnte. Der Chef der VHP Uttar Pradeshs, S. C. Dixit, ist selbst pensionierter Polizeichef dieses Unionsstaates. Beamte redeten ihn sogar während seiner "Verhaftung" in Ayodhya mit "Sir" an. Für andere Verhaftete "Kar Sevaks" hingegen gab es oft keine Unterkünfte, so daß es ein Leichtes für sie war, wieder zu entkommen. Viele "Kar Sevaks" erreichten Ayodhya, nachdem die Hauptstraßen zur Stadt versperrt waren, zu Fuß auf Nebenwegen und teilweise des Nachts. Die VHP hatte eigens dafür vorbereitete Landkarten ausgeteilt. Sie berichteten, daß sie dabei herzlich von den Bewohnern der Dörfer, durch die sie kamen, begrüßt und bewirtet worden waren.

↓169

Eines wurde deutlich, die "Kar Sevaks" waren keine plötzlich wild gewordene Menge, sondern sie waren Teil eines Netzwerkes, das von einem Kommando geführt wurde. Bereits auf der VHP-Tagung in Haridwar wurden für die für die Rekrutierung der "Kar Sevaks" notwendigen Instruktionen erlassen. So mußte der "Kar Sevak" einen Schwur auf Rama leisten und sich dazu verpflichten, der Disziplin der "Kar Seva"-Komitees zu folgen. Teilweise hatten sie ihre Registrierung als "Kar Sevak" an ihr Hemd zu heften. Ein "Kar Sevak" war somit sofort als ein solcher zu erkennen. Die "Kar Sevaks" wurden in Gruppen zu sieben Personen aufgeteilt. Jede Gruppe hatte einen Führer. Die Gruppe bildete die kleinste strukturelle Einheit. Die weiteren Ebenen waren vertikal durchorganisiert, so daß eine schnelle Vermittlung von Anordnungen der Zentrale bis zur Gruppe möglich war. (siehe: The Great ...). "Ayodhya erreicht jede Gruppe einzeln. Drei solcher Gruppen bleiben wiederum mit einem Führer in Verbindung, der sie anführt.(...) 100 Leute umfassen eine 'Vahini'. Jede 'Vahini' hat einen Kommandeur, er wurde bereits darüber informiert, welche Optionen er hat. Er kennt die verschiedenen Wege, die zu nehmen sind. (...) Es ist wie eine militärische Operation" (Kar sewa will ...), hatte ein VHP-Führer auf einer Pressekonferenz am 23. Oktober in Delhi erläutert. Der "Organiser" konnte von den beiden Tagen berichten, daß "die gesamte Operation (...) in einer gut disziplinierten und koordinierten Art und Weise durchgeführt worden war. Wo immer sich 'Kar Sevaks' trafen, wenn sie von verschiedenen Plätzen kamen, gruppierten sie sich systematisch in der Ordnung der aufeinander abgestimmten Hierarchie" (Sharma, A. B.). Von diesem Organisationsprinzip wurde nie abgegangen. So sagte der bei dem Tempelbau mit der Sicherheit Beauftragte im Sommer 1992 in einem Interview aus: "'Die einfachen Leute folgen Herrn Singhal (Generalsekretär der VHP-M.S.). Falls irgendwelche aufsässigen Elemente versuchen, die Entscheidungen der Organisation zu durchkreuzen, und beginnen, Unruhe zu stiften, werden wir (Bajrang Dal-M.S.) sie schnell unter Kontrolle haben'. -Frage: 'Wie'? -Antwort: 'Wir haben unsere Mittel. Wir sind dafür ausgebildet worden'" (Pratap). Es war demnach für die Spitze der VHP leicht, die Menschenmenge zu mobilisieren, ihr Anweisungen zu geben und wieder ihren Rückzug anzuordnen.

Die VHP-Führung hatte bereits vor dem 30. Oktober angekündigt, daß ihr gesamtes Programm bis zum 7. November andauern wird. Eine Vielzahl von "Kar Sevaks", so wurde angegeben, seien noch auf dem Weg, um, so der Führer der BJP, V. K. Malhotra, am 31. 10. den Kampf zu Ende zu führen, der "gerade erst begonnen hat" (-In: Fight to ...). Selbiges äußerte Ashok Singhal auf einer Großversammlung der "Kar Sevaks" am 1. 11. in Ayodhya. Nach Angaben der VHP waren zu diesem Zeitpunkt etwa 50.000 Freiwillige in Ayodhya, weitere 20.000 warteten noch auf der anderen Seite des Flusses.

Am darauffolgenden Tag wurde von den Behörden von 4.00 bis 8.00 Uhr die Ausgangssperre aufgehoben. Im Anschluß daran, wurde ein erneuter Versuch der Erstürmung der Moschee unternommen. Dieses Mal waren zwei Züge aufgebrochen. Einer wurde von der Abgeordneten der BJP im Unterhaus Uma Bharti angeführt. Beide Züge trafen sich gegen 10.00 Uhr an der Kreuzung der Nationalstraße am "Hanumangarhi". Dort wurden sie von den paramilitärischen Kräften gestoppt. Im Gegensatz zum 30. 10. erreichten die "Kar Sevaks" diesmal die Moschee nicht. Die Sicherheitskräfte sollen instruiert worden sein, auf keinen Fall eine zweite Erstürmung der Moschee zuzulassen. Als Gruppen von "Kar Sevaks" weiter vorrückten, begannen die in Ayodhya stationierten Einheiten zu schießen. Wer nun letztlich den Befehl dafür gegeben hat, und ob überhaupt er überhaupt gegeben wurde, ist nicht bekannt geworden. Jedenfalls wurde die Menge auseinandergetrieben. Viele fanden in Häusern Zuflucht, die die Sicherheitskräfte danach durchsuchten. Die englischsprachigen nationalen Zeitungen berichteten am nächsten Tag von 25 bis 30 Toten und 150 bis 200 Verletzten. Die Abteilung für Inneres der Regierung Uttar Pradeshs gab am 13. 11. eine Liste mit 16 Toten, die an beiden Tagen ums Leben gekommen waren, heraus. Andere Quellen setzten die Zahlen weitaus höher an. Die VHP sprach z. B. von 100 Toten und 400 Vermißten. Nach diesen Ereignissen lag der Enthusiasmus eines Großteils der "Kar Sevaks" praktisch am Boden. Es wurde der Führung deutlich, daß sie nicht ein drittes Mal die Massen mobilisieren kann. Auch mehrten sich die Stimmen innerhalb des der BJP freundlich gesonnenen Lagers, ein sinnloses Blutvergießen zu verhindern. Sah es doch, das eigentliche Ziel des Vorhabens vom 30. Oktober als erfüllt an (siehe: Stop this ...). Die Administration stimmte am 4. 11. dem Ansinnen der VHP zu, den "Kar Sevaks" die Anbetung der Bildnisse von Rama in der Babri-Moschee zu gestatten. Die VHP erklärte im Gegenzug ihr "Kar Seva"-Programm als beendet und ordnete die Heimreise der "Kar Sevaks" in drei Sonderzügen und mehreren Bussen an.

↓170

Was die genauere Einschätzung der Vorfälle vom 30. Oktober und 2. November erschwert, ist die Mythenbildung, die im nachhinein um diese Tage erfolgte. Ayodhya war gemäß dieser Lesart ein einziges Meer von Blut. BJP und VHP stellten unmittelbar einen Vergleich mit den Ereignissen in Jallianwala Bagh (Amritsar, Punjab) auf, als 1919 die britische Kolonialmacht ein Massaker auf eine versammelte Menschengruppe anrichtete, die keine Möglichkeit zum Entfliehen hatte. Der Chefminister Uttar Pradeshs wurde hierbei auch mit dem damalig befehlenden General Dyer verglichen. Bezogen auf die Vorfälle in Ayodhya erschien die grausamste Schilderung gerade gut genug. Seitens der Polizei war das "Massaker" geplant. Sie wollte nun Rache für den 30. Oktober nehmen und den "Kar Sevaks" eine Lektion erteilen. "... Und dann ohne Warnung brach die Hölle aus...." (Dwivedi). Wahllos und unnötiger Weise wurde, so der Bericht weiter, auf naher Distanz auf sie in den Kopf und die Brust geschossen. Die Polizei zerrte "Kar Sevaks" aus den Häusern, in denen sie Zuflucht gefunden hatten. Das Schicksal einer Gruppe wurde u. a. wie folgt geschildert: "(Der Offizier) brach die Tür meines Hauses mit seinen Leuten auf und schoß auf sieben 'Kar Sevaks', die sich versteckt hatten. Ihre Körper wurden in Jutesäcken fortgetragen" (-In: Dwivedi). Das ganze glich eher einer Kriegsberichterstattung als allem anderen. Diese Version jener Ereignisse wurde insbesondere durch die Videokassette der "Jain-Studios", die einem Parlamentsabgeordneten der BJP gehören, verbreitet und auf öffentlichen Veranstaltungen vorgeführt. Kurze Zeit nach ihrer Veröffentlichung wurde sie wegen ihrer einseitigen und aufhetzenden Darstellung in einigen Gebieten verboten. Auf dieser Kassette wurde u. a. von einem roten Kleintransporter berichtet, der die vielen Toten heimlich an den Saryu-Fluß fuhr. Dort wurden ihnen Sandsäcke um den Bauch gebunden, und sie wurden in den Fluß geworfen. Tatsächlich wurden in den nächsten Tagen Leichen als Beweis dafür aus dem Fluß herausgefischt. Sie waren jedoch schon längere Zeit tot. Stark beteiligt an der Verbreitung solcher Phantastereien war ebenfalls die hindisprachige Presse. Ihr schien keine Zahl hoch genug gewesen zu sein. Ob 200 oder 300, maximal war von 2000 Toten zu hören. Die Zeitungen, die auf diese Art berichteten, fanden einen Riesenabsatz. "Die Auflage der Agra-Ausgabe (einer der bekanntesten Hindi-Zeitung) 'Aaj' stieg während des Zeitraums Oktober/November 1990 von 30.000 auf 84.000 an" (Poison ...). Einzelne Ausgaben dieser Zeitung wurden im November 1990 wegen ihrer sensationellen Berichte und reißerischen Schlagzeilen von der Administration verboten. Aber diese Art der Berichterstattung wirkt bis in die heutige Zeit hinein nach. So erzählte mir jemand bei meinem Aufenthalt in Indien im Juni 1992, daß es in Ayodhya 500 Tote gegeben habe. Von mir gefragt, woher er das habe, antwortete er, daß er dies in der "Navbharat Times" gelesen hätte. Was eine wahrheitsgetreue Schilderung weiterhin behindert, ist, daß einige Personen beklagen, Familienangehöriger eines Opfer von Ayodhya zu sein, um somit Geldzahlungen oder Hilfe zu erhalten.

Nun ergab sich ein Problem. Wie waren diese Greueltaten zu erklären, wenn andererseits am 30. Oktober über die "Solidarität von patriotischen Leuten in der Polizei" (Sharma, A. B) berichtet werden konnte? Die Antwort dafür war schnell bei der Hand. Diese Beamten kamen natürlich diesmal nicht zum Einsatz. Stattdessen wurde "eine Sondergruppe gebildet, (...) die meistenteils aus Moslems bestand" (Singhal 1990b). Bzw. wurden "auch einige moslemische Gangster (...) angeworben, ihnen wurden Polizeiuniformen gegeben, und sie gaben dieser schrecklichen Tat freien Lauf. Es wurde auch von Schüssen aus den Wohnungen der Moslems berichtet. Ein Polizeibeamter Yusuf Salim (ein moslemischer Name-M.S.) tötete oder verletzte etwa 100 'Kar Sevaks'" (Sharma, A. B.). Das Feindbild der VHP zahlte sich nun aus.

In der Kampagne der VHP spielten von nun an die Toten eine wichtige Rolle. Die VHP reihte diese Märtyrer, die ihr Leben für die Sache um "Ram Janmabhumi" opferten, den vielen vorherigen zu, die angeblich ebenfalls ihr Leben dort gelassen haben. Symbolisch standen dafür die Brüder Kothari aus Kalkutta. Beide hatten die safranfarbene Flagge am 30. 10. auf der Moschee gehißt, und starben drei Tage später bei dem zweiten Versuch der Erstürmung der Moschee. Angeblich soll bei ihrer Verbrennung die ganze Stadt getrauert haben. In Wirklichkeit sollen dabei gerade 100 Personen anwesend gewesen sein, und nicht ein Führer der VHP war darunter. Nichtsdestotrotz heroisierte die VHP den Tod der "Kar Sevaks". In ihrer "Ehrerbietung" "betete (sie) zu dem Allmächtigen, (ihnen) 'Moksha' (Erlösung-M.S.) zu gewähren" (VHP 1990b). Ein Aktivist der Bajrang Dal setzte sogar noch weiter an. Die Notwendigkeit der Weiterführung des Vorhabens wurde von ihm damit begründet, daß dann erst das "'atma' (Seele-M.S.) (aller, die) in unserem Kampf (gestorben sind, ...) in Frieden ruhen" (-In: Ramaseshan, R.) werden.

↓171

Der wahre Ausmaß der Ereignisse von Ayodhya sollte sich nicht in Ayodhya, sondern erst in den nächsten Monaten in großen Teilen des Landes abspielen. In einer nicht gekannten Gewaltwelle, die nun ausbrach, wurden tatsächlich oftmals unschuldige Personen Opfer. Die Mehrzahl der politischen Beobachter war sich darin einig, daß Indien zu dieser Zeit die schwerste Krise seit der Erlangung der Unabhängigkeit durchlebte. Nach Angaben des Innenministeriums starben im gesamten Kalenderjahr 831 Menschen bei den als kommunalistisch bezeichneten Ausschreitungen. In Uttar Pradesh waren es 338, davon in der zweiten und dritten Dezemberwoche 169. (in Aligarh allein 84). Weitere Zentren der Ausschreitungen waren Gujerat und Hyderabad (Andhra Pradesh), wo zu dieser Zeit 132 Menschen starben. Oftmals reichte eine Gerücht, bzw. taten auch die Audio- und Videokassetten über die Ereignisse in Ayodhya ihr übriges, um in einer Stadt die offene Gewalt in Gang zu setzen. In etwa 50 indischen Städten mußte über einen längeren oder kürzeren Zeitraum Ausgangssperren verhängt werden. Was die Gefährlichkeit der Situation weiter vertiefte, war die Tatsache, daß die Sicherheitskräfte teilweise aufhörten, die neutrale Kraft in diesen Gewaltakten zu sein. So wurde, wie beim Fall der Erstürmung der Babri-Moschee, von einem starken pro-hinduistischen Voreingenommenheit berichtet.

Dies war Ausdruck und Ergebnis einer in großen Teilen des Landes beinahe vollständig gemeinschaftlich polarisierten Gesellschaft, deren verbindende Kräfte versiegten. Die Politiker der nationalen Parteien suchten dabei zunächst Wege, die wenig hilfreich waren, der Situation wirksam entgegenzutreten. V. P. Singh z. B., versuchte, solche Führer der Moslems wie den Imam der Jama-Masjid von Delhi in sein politisches Konzept zu integrieren. Was nur noch mehr Öl auf das Feuer der BJP goß. Die Antwort auf diese desintegrative Lage, die sich über Jahre hinweg aufgebaut hatte, mußte nun politisch gefunden werden. In diesem Prozeß befindet sich derzeit das Land.

4.3.  Die Rashtriya Svayamsevak Sangh (RSS)

4.3.1.  Der Hintergrund ihrer Entstehung

K. B. Hedgewar (1889-1940) gründete die RSS im Jahre 1925. In den Jahren zuvor war er in einer Reihe Untergrundaktivitäten engagiert. So war er ebenfalls Mitglied einer Gruppe innerhalb des Kongresses. Doch nachdem Gandhi die Führung im Kongreß übernahm, fühlte sich Hedgewar mehr und mehr von ihm entfremdet. Insbesondere dessen politische Strategie der Gewaltlosigkeit und der Betonung der Freundschaft zwischen Hindus und Moslems fanden keinen Anklang bei ihm. Dies widersprach seinen Vorstellungen, die Unabhängigkeit mit terroristischen Mitteln zu erlangen. In diesen Gedanken war er sich eins mit Savarkar. Und gerade dessen Schriften "Hindutva" und "The Indian War Of Independence 1857" inspirierten ihn, Mitte der 20er Jahre einen neuen Weg zu suchen. Savarkar war selbst zu jener Zeit noch im Gefängnis. Hedgewar schuf nun eine eigene Organisation.

↓172

Zwischen den Ideen Hedgewars und Savarkars bestand zweifellos eine gewisse Affinität. Golwalkar, der Nachfolger Hedgewars, sagte dazu einmal auf einer Veranstaltung anläßlich des 80. Geburtstages Savarkars, daß er "in Savarkars großartiger Arbeit 'Hindutva' die Prinzipien des Nationalismus wissenschaftlich erklärt gefunden hat. Für (ihn) ist es ein Textbuch, ein 'wissenschaftliches Buch'" (-In: Goyal, 80). Savarkar wurde, nachdem er 1937 aus dem Gefängnis kam, Vorsitzender der Hindu Mahasabha und nicht Mitglied der RSS, womit angedeutet war, daß beide ein voneinander verschiedenes Herangehen an politische Fragen hatten.

4.3.2.  Weltbild und Organisation

Die Mitglieder der RSS bezeichnen sich, wie der Name ihrer Organisation bereits Auskunft gibt, als Svayamsevaks, Freiwillige. Ein Svayamsevak ist im Grunde genommen nicht von dieser Welt. Er hat eine Vision und fühlt sich einer Mission verpflichtet. Daher gibt er sich, betrachtet man sein grundlegendes Weltbild, nicht mit kleinlichen, weltlichen Dingen ab. Sondern er strebt nach Höherem, sieht sich als Teil einer großen Gemeinschaft, die seit ewigen Zeiten besteht und eines Tages wieder zu blühendem Leben erwachen wird. Dies ist es, wovon ein Svayamsevak felsenfest überzeugt ist, und was ihm Kraft für sein Wirken gibt. Ist die heutige Welt unzulänglich, so nur, weil die Menschen nicht jenen Prinzipien folgen. Für den Svayamsevak ist es eine feststehende Tatsache, daß eine solche Nation bzw. die kommende Welt hinduistisch ist. Hindu wird hierbei nicht unbedingt religiös gefaßt, sondern es ist kulturell, rassisch und vielmehr völkisch zu verstehen.

Doch was sind jene Prinzipien? Hedgewar wurde es klar, daß Indien Charakter und Disziplin fehlen. Dies führte zum Niedergang der einst großartigen Hindu-Nation. Soll sie wieder auferstehen, so ist die Grundbedingung dessen die Herausbildung von starken Charakteren. Aus diesem Gedanken heraus entwickelte Hedgewar die der RSS eigentümliche Technik der "Shakhas".

↓173

Die Svayamsevaks eines Shakhas versammeln sich zu verschiedenen Zeiten. Entweder ist dies dreimal am Tag oder aber nur einmal täglich, dann zumeist morgens früh um 6.00 Uhr. Nach Altersstufen und nach Wohngegenden kann dies auch nur einmal in der Woche oder im Monat sein. Ein Shakha umfaßt etwa 50 bis 100 männliche Teilnehmer. Jedes Shakha ist in vier Altersgruppen aufgeteilt. Die einzelnen Altersgruppen sind wiederum in Gruppen (gata) zu je 20 Teilnehmern unterteilt. Jede Gata hat einen Führer und einen Lehrer. Die Shakhas sind Teil der systematisch noch oben aufgebauten Organisation, deren Hauptsitz sich in Nagpur (Maharastra) befindet. Andersen/Damle haben in ihrem Buch den Ablauf eines Shakhas beschrieben, wie ich es aus eigenem Erleben nur bestätigen kann. Zu Beginn des Shakhas stellen sich die Svayamsevaks in Reihen in Front zur "Bhagwan Dhwaj", der safranfarbenen Flagge der RSS, auf. Dieser Flagge kommt in der RSS die oberste Autorität zu. Sie symbolisiert all das, wofür die RSS strebt, bzw. als dessen Teil sie sich ansieht. Während des Hissens der Flagge wird ihr Ehre bezeugt. Danach beginnt das Programm. Gewöhnlich sind das Mannschaftsspiele, z. B. Fußball oder auch das als urtypisch indisch angesehene Kabaddi, bzw. werden Kampfsportarten oder gymnastische Übungen durchgeführt. Nach einer gewissen Zeit kündigt der Hauptlehrer (mukhya shikshak) durch das Blasen einer Pfeife, das "einen magischen Effekt" (Golwalkar 1980, 512) ausübt, das Ende des physischen Teil des Programms an. Danach versammeln sich das gesamte Shakha oder dessen einzelne Gruppen zu Diskussionen oder zum Singen von Liedern. "Die Themen der Diskussionen beziehen sich gewöhnlich auf die 'guten' Eigenschaften (d. h. Treue, Seelenstärke, Ehrlichkeit, Gehorsam, schwere Arbeit, persönliche Disziplin), die Notwendigkeit der Einheit Indiens oder auf einen Helden oder historische Ereignisse in der Geschichte Hindu-Indiens" (Anderson/Damle, 90). Dazu werden die Heldentaten verschiedener Persönlichkeiten zitiert. Die Gedanken, die hier vermittelt werden, sind im Kern einfach: "Hindus leben in Indien seit undenklichen Zeiten. Die Hindus sind eine Nation, weil Kultur, Zivilisation und Leben nur durch sie beigesteuert wurden. Nicht-Hindus sind Eroberer oder Gäste und können solange nicht als gleiche behandelt werden, bis sie nicht Hindu-Traditionen, -Kultur etc. angenommen haben. Die Nicht-Hindus, besonders die Moslems und Christen, sind Feinde von allem, was Hindu ist, und müssen daher als Bedrohung behandelt werden. Die Freiheit und der Fortschritt dieses Landes sind der Freiheit und der Fortschritt der Hindus. Die Geschichte Indiens ist die Geschichte des Kampfes der Hindus um Schutz und Erhaltung ihrer Religion und Kultur gegen die Angriffe dieser Fremden. Die Bedrohung hält an, da die Macht in den Händen derjenigen ist, die nicht daran glauben, daß diese Nation eine Hindu-Nation ist. Diejenigen, die von nationaler Einheit als Einheit all derjenigen, die in diesem Land leben, reden, sind durch ihr egoistisches Verlangen, die Stimmen der Minderheiten zu kaufen, motiviert. Deshalb sind sie Verräter. Die Einheit und die Konsolidierung der Hindus ist das dringlichste Gebot der Stunde, da das Hindu-Volk von allen Seiten von Feinden umgeben ist. Die Hindus müssen die Fähigkeit für eine massive Vergeltung entwickeln, und Angriff ist die beste Verteidigung. Der Mangel an Einheit ist die Wurzel für all die Schwierigkeiten, die die Hindus haben, und die Sangh wurde mit der göttlichen Mission geschaffen, diese Einheit herzustellen" (Goyal, 179). Dies ist der Kern der Gedankenwelt der RSS. Sie ist so schlicht, daß sogar ein Kind im Alter von 10 Jahren auf Kundgebungen mit ihr eine Masse von Zuhörern begeistert. So geschehen im Wahlkampf 1991. Was hier vielleicht gegen über den einleitenden Worten des Abschnitts etwas pessimistischer klang, widerspricht dem nicht. Beides geht je nach Lage der Dinge einander einher. Die BJS/BJP und VHP entwickelten aus diesem grundlegenden Konstrukt heraus ihre weiteren Theorien.

Auch werden während der Shakhas Lieder gesungen, wo mit Patriotismus das Mutterland Indien, dem man ganz und gar ergeben ist, besungen wird. Für sie würde sogar der Svayamsevak "auf einen Platz im Himmel verzichten" (-In: Anderson/Damle, 91). Zum Schluß des Shakhas versammeln sich noch mal alle an der Flagge, und es wird gemeinsam das Gebet (prarthna) zitiert. In ihm wird das heilige Mutterland der Hindus, dem man vollständig ergeben ist, zitiert. Das Gebet soll den Svayamsevaks Kraft geben, den "dornenreichen Weg, den (sie) angenommen haben" (-In: Goyal, 200) zu bestehen. Danach können Ankündigungen etc. allgemeiner Natur vorgetragen werden. Das Programm endet mit dem gemeinsamen Ruf "Bharat Mata ki Jai" (Sieg, Dir Mutter Indien).

Die RSS ist eine Organisation bestimmter städtischer Mittelschichten. Mit ihrem Sportprogramm wendet sie sich vor allem an Jugendliche. Man kann an den Shakhas teilnehmen, ohne unbedingt ein Svayamsevak sein zu müssen. Nach einer gewissen Zeit (manchmal dauert dies Jahre) hat man, will man Svayamsevak werden, einen Eid zu leisten. Nach Informationen eines RSS-Funktionärs aus Allahabad leisten ihn gewöhnlich nur etwa 40 % der Besucher eines Shakhas. In ihm erklärt man sich bereit, gemeinsam mit der RSS für die "Entwicklung der Hindu-Gesellschaft (...) sein ganzes Leben lang zu wirken" (-In: Goyal, 200). Durch diesen Eid besteht eine besondere Loyalität des Svayamsevaks zur Organisation, wodurch nun das weitere Leben geprägt wird. Der ideale Svayamsevak soll sich in seiner Ergebenheit für die RSS nicht von anderen Einflüssen des modernen Lebens wie "vulgären Bildern, Liedern, Kino, Romanen und Vergnügungen" (Golwalkar 1980, 603) ablenken lassen. Svayamsevaks rauchen und trinken daher auch nicht, und die hauptamtlichen Funktionäre der RSS sind nicht verheiratet.

↓174

Bei Nichterscheinen eines Svayamsevaks beim Shakha bzw. bei ungenügender Disziplin können Strafen verhängt werden. Neben den Shakhas, die die Kernzelle der RSS bilden, gibt es Treffen auf regionaler Ebene oder einmal jährlich abgehaltene Lager. Diese Lager werden auch vom Sarsanghachalak, derzeit Deoras, besucht. Mit Märschen durch die Stadt, in der das Lager abgehalten wird, demonstriert auch die RSS gewöhnlich ihre Macht nach außen.

4.3.3.  Die RSS und die Politik: Zwischen Verbot und Regierungsmacht

Das Verhältnis der RSS zur Politik ist zwiespältiger Natur. Im Grunde seines Herzens will der Svayamsevak sich hierbei nicht seine Hände schmutzig machen, und man will sich nicht in einer täglichen politischen Kleinarbeit verschleißen bzw. seinen ideologischen Anspruch verwässern lassen. Ausgenommen die Organisation irgendwelcher Untergrundarbeiten. Dies gibt dem Svayamsevak stets ein Gefühl der Bedeutung und Exklusivität seiner Tätigkeit. Für Hedgewar hieß das, sich bewußt aus öffentlichen Geschäften zurückzuziehen. Er gab noch kurz vor seinem Tod die Order aus, daß "bevor die RSS sich in jegliche anderen Arbeiten verwickelt, sie einen Anteil an der Bevölkerung von 3 % in den Städten und 1 % auf dem Land ausmachen soll" (-In: Goyal, 89). Diese Haltung ließ die RSS-Führung auch ignorant gegenüber der Entwicklung der Unabhängigkeitsbewegung sein. Savarkar hingegen war bewußt politisch engagiert. Er übernahm den Vorsitz in der HMS, die unter ihm zu einer wirklich eigenständigen Partei wurde. In der HMS wurden Anfang der 30er lediglich Überlegungen laut, die RSS zur Jugendorganisation der HMS zu machen. Die Zielgruppen der RSS und HMS waren jedoch identisch, und in den 40er Jahre dehnte sich die RSS vor allem im Fahrwasser und auf Kosten der HMS aus (siehe: Goyal, 71; Prakash, 104). Was beide aber grundsätzlich unterschied, war die Methode. Daher kritisierte Savarkar die Svayamsevaks, daß sie eher mit sich selbst beschäftigt seien, als alles andere: "Das Epitaph eines Freiwilligen der RSS würde lauten: 'Er wurde geboren, er wurde Mitglied der RSS, und er starb, ohne etwas erreicht zu haben'" (-In: Goyal, 197). Im Gegenzug warf Golwalkar Savarkar Passivität vor, da er nichts zur Charakterbildung der Hindus beitrug und sich teilweise nur auf eine anti-moslemische Agitation beschränkte.

Am 30. Januar 1948 wurde Mahatma Gandhi von einem Fanatiker ermordet, der der Meinung war, daß Gandhi die Interessen der Hindus gegenüber den Moslems verraten hatte. Diese Einstellung ist die gleiche Position, die auch HMS und RSS zur Frage der Hindu-Moslem-Beziehungen einnehmen. Und es stellte sich heraus, daß Naturam Godse, der Mörder Gandhis, mindestens in den 30er Jahren zur RSS gehört hatte. Bald kam auch der Verdacht auf, daß Gandhi einer Konspiration der RSS zum Opfer gefallen war, und die RSS wurde verboten. Daß die RSS in den Mord verwickelt gewesen sein könnte, konnte nie nachgewiesen werden. Dies ist auch nicht so wichtig. Doch unbestreitbar ist, daß die RSS "die Atmosphäre geschaffen hat, in der Leute (wie Godse) handeln konnten" (-In: Goyal, 132), wie Nehru dazu bemerkte. Auch der damalige Innenminister, S. Patel, stellte fest, daß "die Aktivitäten der RSS eine klare Bedrohung der Existenz der Regierung und des Staates darstellen" (-In: Goyal, 136).

↓175

Die RSS wurde schließlich 1949 wieder zugelassen. Bedingung dafür war, daß sie eine Verfassung vorlegt. In ihr verpflichtete sie sich, ihre Aktivitäten auf die kulturelle Sphäre zu beschränken, sich an friedliche Mittel zu halten und zur Verfassung Indiens sowie zur Nationalflagge Indiens ihre Loyalität zu bekunden. Einige Svayamsevaks empfanden unter dem Eindruck des Verbots ihrer Organisation, daß es günstiger ist, wenn zumindest eine Partei ihre Interessen wahrnehmen würde. Somit entstand die BJS, wo Svayamsevaks bis heute (als BJP) die Führung inne haben. Golwalkar (1906-1973), den Hedgewar testamentarisch zu seinem Nachfolger gemacht hatte, war kein unbedingter Anhänger dieser Idee. Er bemerkte nur dazu, daß die "unmittelbare politische Macht niemals ein Problem lösen wird. ... Die RSS wird weder die Hindu Mahasabha noch jede andere Partei im besonderen unterstützen. (...) All unsere Anstrengungen werden auf die Charakterbildung gerichtet sein, die ein Gefühl des selbstlosen Dienstes einflößen soll und den grenzenlosen Patriotismus lehren soll. Die Schaffung einer gut durchdachten Organisation für eine homogene Nation ist unser Ziel" (Golwalkar 1980, 97, -In: Baxter, 74).

Daß die RSS nicht politisch tätig sein würde, hieß, daß "sie nicht an den ständig stattfindenden Wahlen teilnehmen wird" (Golwalkar 1980, 672). Es schließen sich für einen Svayamsevak ein Engagement in der Politik und Kulturarbeit nicht aus. Die Vorstellung, die die RSS von dem Begriff der Kultur hat, ist weit gesteckt. Die RSS hat eine "umfassende Sicht, wo alle Sphären der Gesellschaft für die Erfüllung des menschlichen Lebens in all seinen Aspekten durchdrungen, erhoben und aufeinander abgestimmt werden sollen" (Golwalkar 1980, 96). Eine jener Sphären ist auch die Politik. Und die RSS äußerte sich im Laufe ihrer Geschichte stets auch zu politischen Fragen. Im Idealfall sehen Svayamsevaks "das existierende Netzwerk (der) Shakhas als die Infrastruktur der (...) Nation an" (Thengadi 1972, 48). Also betrachtet sich die RSS als Staat im Staat. Ein Staat, der sich kurz davor befindet, selbst der Staat zu werden. Die Svayamsevaks sind von der zwingenden Notwendigkeit ihrer Mission, alleinig die Organisation zu sein, die die staatlichen Angelegenheiten bewerkstelligen kann, tief überzeugt. Da wegen dieses laxen und demokratischen Herangehen der anderen Parteien, der Staat eines Tages wie ein Kartenhaus zusammenfallen wird. In dieser Situation ist dann die RSS da, dessen Aufgaben zu übernehmen. Der "Streit" in der RSS entfacht sich nur darum, ob man selbst diesen Zusammenfall forcieren soll, oder ob man nur darauf zu warten braucht. Dies war auch im Kern die Auseinandersetzung, die innerhalb der RSS anfangs um die Gründung der BJS geführt wurde. Zu einem bestimmten Grade gerieten auch die Svayamsevaks mit der Gründung einer Partei in eine Gewissenskrise. Denn, sie engagierten sich nun in einer Partei, obwohl man sich erklärter Maßen gegen die Existenz von Parteien aussprach. Denn das Endziel der RSS war ein Staat, wo es keine Parteien mehr gab, und in dem nur noch ein Wille herrschte.

Mit diesem Herangehen an die Fragen der Politik unterscheidet sich die RSS von allen anderen Organisationen und Parteien. Anknüpfungspunkte mit ihnen gibt es nur, wenn es um solche Fragen wie die Einheit der Nation, Ordnung und Schutz vor auswärtigen "Feinden" geht. Dies wurde z. B. in den indisch-pakistanischen und indisch-chinesischen Kriegen aktuell. Eine Reihe von Svayamsevaks sind daher auch in Justiz, Polizei und Armee anzutreffen. Viele hauptamtliche Funktionäre der RSS sind pensionierte Angehörige aus diesen Staatsapparaten. Der Hinweis von Rajiv Gandhi im August 1988, daß es den Regierungsangestellten weiterhin verboten sei, an den Aktivitäten der RSS teilzunehmen, ist, solange nicht die RSS verboten wird, irrelevant. In einer Reihe von Entscheidungen erhielten wegen ihrer Mitgliedschaft in der RSS gekündigte Svayamsevaks, da ihnen persönlich keine Schuld nachgewiesen werden konnte, immer recht. Und nach den politischen Entwicklungen der letzten Jahre besetzen nun selbst Svayamsevaks Ministerposten in den Regierungen einer Reihe von Unionsstaaten.

↓176

Die RSS stand der Gründung einer Reihe von Organisationen Pate. Sie führen daher alle ihre grundlegende Ideologie auf die RSS zurück. Sie dienen verschiedenen Zwecken und sollen verschiedene Zielgruppen ansprechen. Zunächst ist das die BJS/BJP, die als Partei an den Wahlen teilnimmt, und um Stimmen zu kämpfen hat. Daher hat sie ihre Überlegungen spezifisch daran auszurichten. Daneben entstanden die "Bharatiya Mazdur Sangh" (Gewerkschaft der Arbeiter), "Bharatiya Kisan Sangh" (Organisation der Bauern), "Akhil Bharatiya Vidhyarthi Parishad" (Organisation der Studenten), "Vishva Hindu Parishad" (Dachorganisation der verschiedenen hinduistischen Sekten), "Vanavasi Kalyan Ashram" (Organisation für Stammesangehörige). All jene Organisationen werden auch unter dem Begriff der "Sangh-Parivar" (Sangh-Familie) im politischen Sprachgebrauch zusammengefaßt. 1972 erfolgte die Gründung des "Deendayal Research Instituts". Es beschäftigt sich vor allem mit der entwicklungspolitischen Umsetzung der Philosophie der RSS. In allen genannten Organisationen haben Svayamsevaks die Leitung inne. Die derzeit bekanntesten Führungspersönlichkeiten der BJP, L. K. Advani, A. B. Vajpayee und M. M. Joshi, sind alle Svayamsevaks. Ashok Singhal, Generalsekretär der VHP und die Autorität auf "hinduistischer Seite" in der Ayodhya-Kampagne, war ein hauptamtlicher Funktionär der RSS, der, bevor er die Arbeit der VHP aktiv bestritt, längere Zeit im Hauptquartier der RSS in Nagpur gearbeitet hat. Man kann nun raten, in welcher Rolle sie in den anderen Organisationen auftreten, gibt ihnen doch der einst abgeleistete Eid nur die Wahl der Loyalität zur RSS. Deendayal Upadhyaya z. B. eilte noch im Tod der Ruf eines "idealen Svayamsevaks" (Golwalkar 1972) nach, und Advani bemerkte über sein Verhältnis zu RSS, "ich bin, was ich bin, weil ich in der RSS bin" (Advani 1990m).

Die RSS versuchte also über zwei Schienen, Einfluß in der Gesellschaft zu erlangen. Einerseits nutzte sie bestehende Institutionen des Staates, bzw. bot sie ihre Mitarbeit den anderen Parteien an. Andererseits hat sie eigene Organisationen geschaffen. Die Mitgliederzahlen der RSS sind über Jahre hinweg gestiegen. 1932 gab es in und um Nagpur, der Heimat der RSS, 500 Svayamsevaks. 1947 und 1951 waren es 600.000. Im Jahre 1965 hatte die RSS 700.00 bis 1 Mill. Mitglieder. Nach heutigen Angaben sind in den 25.000 Shakhas im ganzen Land zwischen 1,8 bis 2,5 Millionen Svayamsevaks organisiert. 19)

4.3.4.  Die RSS und Ayodhya

Man könnte meinen, daß sich die Verpflichtung der Svayamsevaks nach Rechtmäßigkeit und Engagement um Babri-Moschee einander ausschließen. Dem ist nun ganz und gar nicht. Denn für einen Svayamsevak sind es stets die Moslems, die Ärger machen.

↓177

In Bezug auf die Ayodhya-Kontroverse übernahm sie große Teile der Argumente ihrer Familienmitglieder, von VHP und BJP, ohne die Kampagne als Organisation in die eigenen Hände zu nehmen. Für die RSS war es gar keine Frage: das Gebiet der sog. Babri-Moschee gehört den Hindus. Es kann nicht Gegenstand einer gerichtlichen Verhandlung sein (Courts can't ...). Die Kontroverse darum schaffen nicht die Hindus, sondern die Moslems, die säkularen Parteien und die Kommunisten (Seshadri 1989). Die Ayodhya-Bewegung symbolisierte für die RSS einen Wendepunkt in der Geschichte Indiens. Sie stand für die "Wiederherstellung des nationalen Stolzes" (Deoras praises ...). Bislang mußten die "Hindus alles einstecken. (... Nun aber) sind sie erwacht" (Seshadri 1989). Die RSS stilisierte die "Janmabhumi"-Frage zu einer Frage der "nationalen Ehre" (Seshadri 1988, 276). Folglich "unterstützte (die RSS) mit ganzem Herzen die Entschlossenheit (der Hindu-Gesellschaft in dieser Frage). Wir sind auf jedes Opfer, und wenn nötig auf jegliche Konfrontation mit jedermann vorbereitet" (Deoras 1990), sagte ihr derzeitiger Sarsanghachalak. Der 30. Oktober 1990 war lt. Aussage ihres Generalsekretärs ein "Augenblick der Geschichte, (...) der zeigte, daß der durchschnittliche Hindu nicht mehr feige ist" (Seshadri 1990a). Für die Regierung hielt er eine "entscheidende Lektion bereit, (...) daß die wachsame und organisierte Hindu-Macht (...) nicht unterdrückt werden kann" (Seshadri 1990b). Am 4. November nahm die RSS an der Fastenaktion in Delhi teil, die im Gedenken an die "brutal von der Polizei (...) umgebrachten 'Kar Sevaks'" (Seshadri 1990c) organisiert worden war.

Wie das "Kar Seva"-Programm in seiner "disziplinierten Formation" (Sharma, A. B.) organisiert worden war, erinnerte zweifellos an die Strukturen der RSS. Einer ihrer führenden Funktionäre wies in einem Interview darauf hin, daß bereits das "Shilanyas"-Programm "von (ihren) Führern entschieden wurde" (Sudarshan). Dies geschah meiner Meinung nach im Zeitraum zwischen Dezember 1988 und Februar 1989. Inwieweit jedoch die gesamte Entwicklung von allen beteiligten Seiten (RSS-VHP-BJP) geplant wurde und vorhergesehen werden konnte, ist schwer nachzuvollziehen. Die VHP organisierte zunächst die Massenunterstützung. Als deutlich wurde, daß diese groß genug war, engagierte sich auch die BJP. Zu entscheidenden Zeitpunkten war auch die RSS beteiligt. Das Verhältnis der drei Organisationen schätzte der damalige Vorsitzende der BJP wie folgt ein: "Die VHP ist mit der RSS mehr verbunden. (...) Zu einem Thema der Art Ayodhyas (...) haben wir versucht, miteinander in Verbindung zu bleiben, damit es ein Maß an Koordination gibt" (Advani 1990n). Über die Bedeutung der RSS bei dieser Kontroverse waren sich auch die Politikern anderer Parteien bewußt, als diese sie in die Lösungsfindung einbezogen. Die Ayodhya-Kampagne erlaubte somit erstmalig der RSS sich durch VHP und BJP aktiv politisch zu engagieren, ohne ihre eigene Identität als Organisation aufgeben zu müssen. Da die RSS aber eine Organisation ist, die eher im Hintergrund tätig ist, kann über ihre tatsächliche Verwicklung in dieser Frage nur spekuliert werden.

4.4.  Schlußfolgerungen

Im Gegensatz zu den Moscheen von Benares und Mathura hat noch keine Partei eine der Moschee von Ayodhya ähnliche Agitation um deren "Befreiung" aufgenommen. Die Frage, die um die Babri-Moschee aufgeworfen wurde, ist somit ein Problem, das auf einer anderen als der religiösen Ebene zu klären ist. Das Ayodhya-Problem ist Teil einer längerfristigen und umfassenden politischen Strategie, die in einer Neufassung des indischen Staatskonzeptes, der Verfassung und den sich daraus ergebenen weiteren Regelungen münden soll.

↓178

Diejenigen Kräfte (RSS/VHP/BJP), die hinter der Bewegung, die um die Babri-Moschee entstanden ist, stehen, haben in der 40jährigen Geschichte des unabhängigen Indiens verschiedene Methoden zur Erweiterung ihres politischen Einflusses angewandt. Einerseits nutzten sie bestehende Institutionen des Staates, bzw. boten sie anderen Parteien ihre Mitarbeit an. Andererseits verwirklichten sie ihre eigenen Programme. Ein Methode dafür bildeten die Organisation von Agitationen. Sie wurden vor allem zu solchen Fragen wie Kuhschutz, Kashmir und Hindi durchgeführt. Das Problem der Babri-Moschee ermöglichte erstmalig die Propagierung der Vorstellungen jener Kräfte auf breiter Grundlage. Sie konnten es dazu nutzen, um Massen für ihr politisches Konzept zu mobilisieren. Dabei kommen den verschiedenen Akteuren für jenes Konzept auf den verschiedenen Ebenen spezifische Aufgaben zu. Die BJP hat auf parlamentarischer Ebene, Änderungen in Verfassung und Gesetz zu erwirken.

Eingebunden in diese Rahmenbedingungen wurde für alle politischen Kräfte dadurch die Babri-Moschee zu einem Symbol um das Selbstverständnis Indiens. Aus diesem Grund war zu keiner Zeit, bei dem gegebenen politischen Kräfteverhältnis und der errungenen Stärke einer Seite in diesem Konflikt, an eine Lösung dieser Frage zu denken.

Daß Ayodhya einen solchen Stellenwert einnehmen konnte, war Ausdruck einer tiefgehenden Staatskrise. Über einen Zeitraum von sechs Jahren hinweg wurde eine konfrontative Situation aufgebaut. Der Staat und die ihn bislang tragenden Parteien steuerten einer solchen Situation nicht entgegen. Stattdessen hatten sie sie mit verursacht. Der Staat hatte unterreagiert, und die grundlegende Fragestellung, um der es bei der Ayodhya-Frage geht, erst in einer für ihn ausweglosen Lage angenommen. Hier hatte er daraufhin z. Zt. der Entladung des Konflikts im Herbst 1990 überreagiert.

↓179

Die Ayodhya-Frage ist eine Frage um den Erhalt von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Verfassung. Diejenigen, die bei dieser Frage eine Veränderung der Lage vornehmen wollen, bewegen sich außerhalb der Verfassung Indiens. Oder wie sich einer der Verfechter dieses Konzeptes daher auch ausdrückte, "(die Babri-Moschee) sollte uns gegeben werden. (...) Ich sage es offen, wenn irgendeine Verfassung mich dafür erhängt, dann laß es so geschehen" (Parmanand).

Sie machen nicht die gerechte und sichere Verwaltung für alle zum Grundsatz ihres Handelns. Stattdessen wird eine Ordnung angestrebt, wo der Mensch die Souveränität seines Handelns an aus ewigen göttlichen Gesetzen (Dharma) stammende Institutionen abgeben soll. Also der Mensch aufhört, er selbst zu sein. Diese auf den nationalen Willen ausgerichtete Ordnung, in der "die Politik mit dem Dharma (in Übereinstimmung gebracht wird" (Vasudevananda), soll zu Harmonie und Einheit Indiens führen. Sie soll daher auch ein Mittel sein, verschiedene Interessen, die sich im Zuge der Modernisierung beginnen zu artikulieren, disziplinieren zu können.

Die Verwirklichung solcher Ideen stößt beständig in Konflikt mit der derzeitigen Verfassungsordnung Indiens. Mehr noch, sie können sich nur im Konflikt mit ihr durchsetzen. "Der Konflikt ist unumgänglich. Doch die Zerstörung, die solchen Konflikten folgt, wie (einer ihrer Hauptvertreter feststellte), ist der erste Schritt in Richtung auf eine neue Schöpfung" (-In: Nene, 90). Ein fester Bestandteil in diesem Konzept bildet also die Gewalt und der Tod von Menschen. Dies ist möglich, da der Mensch nur als ein Mittel angesehen wird, er nicht aber den Mittelpunkt aller Überlegungen selbst bildet. Wer für diese Mission stirbt, hat etwas für die Verwirklichung jener Ordnung vorbildhaftes vollbracht.

↓180

Aus diesem Sachverhalt leitet sich eine grundsätzliche Militanz in der Ayodhya-Frage her. Somit haben der 30. Oktober und 2. November 1990 auch für diejenigen, die die staatliche Ordnung an diesen Tagen in Ayodhya herausforderten, eine Bedeutung, die integraler Bestandteil ihrer Ideologie ist. Schon aus diesem Grund waren unter dem Eindruck der Zuspitzung der Situation die Ereignisse vom Herbst 1990 nicht vermeidbar. Versuche religiöser Führer, die Konfrontation an jenen Tagen zu verhindern, mußten scheitern. Sie waren keine Partei in dieser Konfliktkonstellation und waren nicht an der Ausarbeitung der Strategien um die Babri-Moschee beteiligt. Daher ist auch die Erklärung, daß Lücken in der Kommunikation die Ereignisse im Herbst 1990 verursacht haben, nicht vertretbar (Communication gap ...).

Wie sich weiterhin zeigte, war die Frage, ob diese grundsätzlich militante Lage um die Babri-Moschee in offene Gewalt umschlägt, eine Frage des politischen Kräfteverhältnisses. Demnach teilten sich die einzelnen Phasen des Konfliktverlaufs, vor und nach dem Herbst 1990 darin ein, inwieweit eine der beteiligten Parteien den Status der Babri-Moschee herausfordern wollte. Konkret bedeutete dies, welchen politischen Nutzen sich RSS/BJP/VHP durch ihr jeweiliges Handeln errechneten. Dieser war im Herbst 1990 groß genug. (Eine Regierung mußte aufgeben, wodurch Neuwahlen unumgänglich wurden. Diese fanden dann im Mai/Juni 1991 statt.) In dieser gegebenen konfrontativen Situation im Herbst 1990 lag die Hauptverantwortung der Ereignisse bei den Führern der VHP, RSS und BJP, und nicht beim Staat, der von Menschenrechtsgruppen wegen "des übermäßigen Gebrauchs seiner Macht" (Govt blamed ...) verurteilt wurde. Die RSS etc. konnten bei ihrem Vorhaben auf ein vertikal durchorganisiertes Netzwerk zurückgreifen, das eine schnelle und zielgerichtete Steuerung der Aktivitäten ermöglichte. Sie hätten daher auch am ehesten die Ereignisse verhindern können.

Eine erneute gewalttätige Entladung des Konflikts am 6. Dezember 1992, die zur Zerstörung der Babri-Moschee führte, war unausweichlich. Der Staat hatte den Entwicklungen nicht entgegengesteuert, bzw. stellten diejenigen Kräfte, die eine einseitige Änderung der Lage in Ayodhya herbeiführen wollten, in Uttar Pradesh bereits erhebliche Teile des Staatsapparates. Die Führer der "Sangh-Parivar" waren im Interesse des Ausbaus ihrer errungenen Machtpositionen dazu verpflichtet, die Bewegung, die sie ins Leben gerufen hatten, weiterzuführen. Dies zeigte sich bereits im Juli des Jahres, als nach einem weiteren Aufschub der Termins des Baubeginns des Tempels an der Basis ernste Kritik an den Führungskräften laut wurde.

↓181

In den anderen Phasen des Konfliktverlaufs beschränkten sich die VHP und ihre Partner während ihrer Programme aufgrund des gegebenen politischen Kräfteverhältnisses zunächst auf das Gelände, das sich vor dem Stacheldrahtzaun, der die Moschee seit 1989 umgibt, befindet. Die Frage war hierbei für den Staat dann, inwieweit er diese Aktivitäten jeweils als Veränderung des Status quo des Geländes einstufte. Die Absicht, dies zu erwirken, war von der VHP in der Zeit vor dem Oktober 1990 bekundet worden. Daher mußte der Staat auf diese Herausforderung reagieren. Von November 1990 bis Dezember 1992 ergab sich die gleiche Konstellation, nur daß die VHP, nachdem sie bereits erhebliche Positionen besetzen konnte, weiter an deren Ausbau gearbeitet hatte.

Der Staat bewegte sich bei der Ayodhya-Frage von Anfang an auf einem komplizierten Balanceakt. Zunächst unternahm er nichts, um einmal begangenes Unrecht wieder zu beheben. Dann gestattete er 1989 auf einem als "strittig" deklarierten Grundstück die Durchführung der Grundsteinlegung für den geplanten Tempelbau. Und seit dem Frühjahr 1992 wurde das gesamte Gelände vor der Moschee eingeebnet, und es wurden Baggerarbeiten durchgeführt. Eine Delegation von Unterhausabgeordneten unter der Leitung von S. R. Bommai (Janata Dal) unternahm daraufhin am 4. April 1992 eine Ortsbegehung. Sie hielt in ihrem Bericht fest, daß diese Handlungen "nicht in Übereinstimmung mit dem Geist und Buchstaben der Anordnungen, die das Oberste Gericht in Bezug auf das schwebende (...) Verfahren verabschiedet hat, sind" (NIC 1992). Sie befand also, daß die Anordnung über den Erhalt des Status quo bereits verletzt wurden, da Teil der gerichtlichen Entscheidung auch das Gebiet ist, das an die Moschee grenzt. Damit hielt die Delegation bereits ein ernsthaftes Unterlaufen der bestehenden Rechtsordnung von Indien fest. Dies fand schließlich in der Erstürmung der Moschee und deren Zerstörung im Dezember 1992 seinen Niederschlag, da vom Frühjahr bis zum Winter 1992 der Staat auf diesen Tatbestand nicht reagiert hatte. Die Folge war, daß die VHP vollständig den Lauf der Ereignisse bestimmte, und sich Ayodhya für zwei Tage in den Händen der VHP befand. Dadurch wurde es ihr möglich, die Moschee zu zerstören.

Der Verfassungsgrundsatz des Säkularismus war vom 6. bis 8. 12. 1992 völlig außer Kraft gesetzt.

↓182

Neben diesen Handlungen in Ayodhya versuchten die Anhänger dieser Bewegung, weitergehend ihre Ideen zu verwirklichen. So wurden in den von der BJP regierten Unionsstaaten, die Schulbücher dahingehend umgeschrieben, damit sie ihrem Geschichtsbild von der Existenz einer kontinuierlichen Hindu-Nation entsprechen. Darüber hinaus wurde begonnen, Orte, Straßen und Plätze umzubenennen. In Bhopal (Madhya Pradesh) wurde das unter autonomer Leitung stehende Kulturinstitut "Bharat Bhavan" von der dortigen BJP-Regierung im Dezember 1990 unter direkter Vorherrschaft des Chefministers gestellt. Die Motivation, die hinter diesem Schritt stand, ist ähnlich dem Vorhaben der RSS/BJP/VHP in Ayodhya: Negierung der verschiedenen Kulturen und Propagierung der Existenz von nur einer. Die bislang in diesem Institut arbeitenden Künstler bezeichneten deshalb auch das "Bharat Bhavan" als "ihre Babri-Moschee".

Ayodhya ist kein Problem darum, ob dort eine Moschee oder ein Tempel stehen soll. Das Problem geht darum, nach welchen Prinzipien sich das Land zukünftig organisiert, was ich hiermit als Verfassungswertekonflikt versucht habe zu bezeichnen. Im weitestes Sinne ist der Ayodhya-Konflikt eine Weltanschauungsfrage, die um die Durchsetzung eines grundsätzlichen Menschenbildes geführt wird. Somit ist der Konflikt, der um die Babri-Moschee von Ayodhya geführt wird, keine Frage, die allein auf Indien beschränkt ist. Sondern sie geht alle Menschen etwas an, die die Vernunft verteidigen wollen.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
14.01.2008