6.  Lösungsansätze für den Konflikt

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Folgende Varianten, wie mit dem Konflikt weiter zu verfahren sei, wurden in die öffentliche Diskussion gebracht. Sie sind in zwei Gruppen einzuteilen: Die erste, die davon ausgeht, daß die Moschee in ihrer gegenwärtigen Form nicht erhalten werden sollte, bzw. es nicht notwendig ist, sie zu erhalten. In der zweiten Gruppe werden die Varianten aufgelistet, wo der Erhalt der Moschee angestrebt wird.

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1. Beseitigung der Babri-Moschee:

1. 1. Vorhaben lt. VHP-Planung: Forcierung des Baus eines neuen Tempels, auch unter Anwendung von Gewalt und ohne die gerichtliche Entscheidung abzuwarten. VHP würde sich jedoch bereit erklären, die Moschee an anderer Stelle wieder aufzubauen; durch Zerstörung der Moschee am 6. Dezember 1992 kurzzeitig realisiert.

1. 2. Bau eines neuen Tempels erst im Ergebnis von Verhandlungen zwischen BMMCC/AIBMAC und VHP, eventuell Wiederaufbau der Moschee an anderer Stelle, solange Erhalt des Status quo.

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1. 3. Bau einer völlig neuen Struktur, in der alle Religionen der Welt in einem Gotteshaus Platz hätten (sog. Vivekananda-Lösung, vorgeschlagen von A. K. Biswas).

1. 4. Bau einer Bildungseinrichtung bzw. eines Krankenhauses an der Stelle der Moschee bzw. Umbau der Moschee (Vorschlag u. a. von Swami Agnivesh).

2. Erhalt der Babri-Moschee:

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2. 1. Lt. Aussagen einiger moslemischer Vertreter: Wiederherstellung der Babri-Moschee als Moschee.

2. 2. Bau eines Tempels neben der Moschee.

2. 3. Weitere Nutzung des mittleren Teils der Moschee als Ort der Rama-Anbetung. Entweder soll der jetzige Status als endgültig angesehen werden, oder die Hallen unter den anderen beiden Kuppeln werden als Moschee genutzt.

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2. 4. Erklärung des Geländes der Babri-Moschee als Nationaldenkmal (vorschlagen u. a. von den Historikern der Jawaharlal-Nehru-Universität Neu-Delhi).

2. 5. Bau eines Tempels als Superstruktur über die Moschee (siehe ein Vorschlag dazu im Anhang).

Forderungen, die von Feministinnen und Buddhisten aufgestellt wurden, habe ich hier beiseite gelassen.

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Eine weitere Personengruppe ist generell der Meinung, die Entscheidung der Gerichts abzuwarten.

Betrachtet man sich den Stand der öffentlichen Diskussionen zu dieser Problematik insgesamt, wo allgemein der Bau eines neuen Tempels in seiner von der VHP geplanten Form angestrebt wird, und nur die Frage offen war, ob die Moschee ihm Platz machen soll, und der erreichte Stand in der Kontroverse (Zerstörung der Moschee am 6. Dezember 1992), so fallen eine Reihe von Vorschläge heraus.

Im Hinblick auf die Positionen der beteiligten Kontrahenten war z. B. ein Zugeständnis der VHP, für einen Tempelbau neben der Moschee nicht zu erwarten. Diese Lösungsvariante hätte sie schon längst haben können. Die VHP wäre weiter daran gegangen, ihre Gefolgschaft für sich zu mobilisieren.

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Verhandlungen zwischen VHP und AIBMAC konnten nichts bringen, solange die VHP auf ihre Standpunkte bestand. Dies zeigte sich bereits in der ersten Verhandlungsrunde im Dezember 1990/Januar 1991. Das BMMCC nahm aus dieser Gewißheit heraus von vornherein nicht an ihnen teil. Diese Art von Verhandlungen werden, da sie den Dingen nicht auf den Grund kommen, auch zukünftig zu keiner Lösung führen.

Generell wurde die Evolution des Konflikts durch das politische Kräfteverhältnis bestimmt. Die VHP richtete ihr Handeln danach aus, welche politischen Gewinne sie und ihre Partner erwarten konnten. Bis zum Herbst 1992 forderte sie nur im Oktober 1990 die Lage ernsthaft heraus. Ihre anderen Aktivitäten richteten sich hierbei immer auf das Gebiet vor der Moschee. Die kurzzeitige Besetzung der Moschee am 31. Oktober 1991 von einigen VHP-Anhängern stieß selbst in der VHP auf Kritik. Am 6. Dezember 1992 mußten die VHP/BJP nach zweijähriger Fortdauer der Kampagne, mit der sie unzertrennbar verbunden waren, für die Zerstörung der Moschee wirken. Sie hätte sonst die eigene Bewegung untergraben. Auch wenn der BJP durch die Absetzung der von ihr gestellten Regierung in Uttar Pradesh zunächst mehr Schaden als Gewinn zugeführt wurde. Sie verfährt nun nach dem Grundsatz "Alles oder nichts".

Was eine Lösung generell blockiert, ist die Tatsache, daß die VHP mit dieser Kampagne weitergehende Ziele verfolgt. Entsprechend den in der Arbeit gemachten Aussagen kann es daher für die Ayodhya-Frage keine optimale Lösung geben. Insofern hätte wohl auch der unten skizzierte Vorschlag von vornherein keinen Erfolg gehabt. Eine gerichtliche Lösung etwa, auf die viele ihre Hoffnungen setzen, wird, so ist zu erwarten, zuungunsten einer Seite ausfallen. Diese wird die Entscheidung nicht akzeptieren.

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Da das Ayodhya-Problem zuallererst eine Frage von Rechtsstaatlichkeit und Verfassung ist, sollte sich eine Lösung des Problems möglichst in diesem Rahmen bewegen.

Nach der Zerstörung der Moschee am 6. Dezember 1992 ergibt sich eine neue Situation. Meiner Meinung nach hätte eine Lösung zumindest versucht werden können, die einzig in Bezug auf die Ayodhya-Frage denkbar gewesen wäre. Weitergehende Fragen, wie sie durch die Kampagne noch aufgeworfen wurden, wären davon unberührt geblieben. Und eine solche Lösung hätte nur komplex in einem Junktim erfolgen können.

Tatsache ist, daß die Moschee, wenn sie den Moslems wiedergegeben werden würde, kaum von ihnen genutzt werden würde. In Ayodhya gibt es eine Reihe anderer Moscheen, die derzeit teilweise verwahrlost sind. Andererseits ist es so, daß die Legende besagt, daß dort Rama geboren wurde, und daß nach einer 40jährigen Rama-Anbetung gewisse Tatsachen geschaffen wurden. Die VHP schlug aus der Existenz der Babri-Moschee Kapital und hatte das Anwachsen ihr zu verdanken. Unweigerlich machten sich die BMMCC und AIBMAC mit ihrer Opposition zum Werkzeug der VHP. Das Problem für das BMMCC war es vor allem gewesen, daß die VHP per se diesen Ort nicht als Moschee anerkannte und stets von "Ram Janmabhumi" sprach. Moslems hätten, so die VHP, im Prinzip zu diesem Problem nichts zu sagen. Dies machte ein Verständnis auf Seiten der BMMCC unmöglich.

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Es wäre m. E. möglich gewesen, zu einer Übereinkunft zum Bau des Rama-Tempels zu kommen. Dazu hätte eventuell ein weiteres Gremium bestehend aus lokalen Oberhäupter geschaffen werden müssen, wo die VHP nur ein Teil dessen gewesen wäre. Die VHP hätte sich dazu bereit erklären müssen, das Gebäude als Moschee anzuerkennen. Möglicherweise hätten dann oberste Vertreter der moslemischen Organisationen noch einmal ein Gebet in der Moschee abgehalten. Und man hätte sich eventuell darauf verständigt, die Moschee an einer anderen Stelle wieder aufzubauen, was jedoch nicht notwendig gewesen wäre. Dies hätte unter staatlicher Sanktion mit ausdrücklicher Bekräftigung des im September 1991 verabschiedeten Gesetzes, das für religiöse Kultstätten den Status quo auf den 15. August 1947 festschreibt, erfolgen müssen. Da moslemische Organisationen bei einer Einwilligung der Übergabe stets befürchteten, die Büchse der Pandora zu öffnen. Unter den Moslems gab es Reihe von Stimmen, die meinten, daß die Babri-Moschee es nicht wert sei, das Leben unschuldiger Menschen dafür zu opfern. Dazu gehörte u. a. die JIH. Ein Einverständnis vom MPLB wäre auch denkbar gewesen. Ein solches Abkommen hätte auch nicht ultimativ, so wie die VHP während der letzten drei Jahre stets verfolgte, ausgehandelt werden können.

Kam es also nicht dazu, und das ist das Ergebnis der Ereignisse des Dezembers 1992, so sind die Gründe nicht bei dem Problem darum zu suchen, daß dort ein Tempel gebaut werden sollte, sondern daß eine politische Bewegung ihre Ziele verfolgte.

Nach den Angriffen auf die säkulare Ordnung im Dezember 1992 kann die weitere Behandlung der Frage m. E. nur darin bestehen, die Moschee wieder aufzubauen und neben ihr für den Bau eines Tempels zu wirken, bei weiterer Eindämmung der Tätigkeiten von RSS, VHP und BJP. Sollte dies nicht gelingen, wird die Lösung der Frage außerhalb der indischen Verfassung liegen.


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14.01.2008