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1  Einleitung

1.1 Der Anstoß

Der Anlaß, der den Anstoß zu einem Forschungsprojekt gab, sowie die Erörterung des Problems werden zusammen als "Entdeckungszusammenhang" bezeichnet (Friedrichs 1990,50). Im Falle dieser Arbeit war der Anstoß die Teilnahme an einer partizipativen Forschungsarbeit zur Einführung der Mechanisierung in der bäuerlichen Landwirtschaft im brasilianischen Amazonasgebiet. Zu Beginn des Jahres 1994 wurde ich eingeladen, an einer Forschung des kurz vorher gegründeten Laboratório Agroecológico da Transamazônica (LAET - Agroökologisches Labor der Transamazônica) teilzunehmen, die auf Bestreben der Bauern und ihrer Vertreter zustande gekommen war. Es handelte sich um die Einführung der Mechanisierung an der Transamazônica1, wofür mich die Veröffentlichung eines Buches zum Thema qualifizierte. Aufgrund persönlicher Kontakte hatte ich schon vorher Kenntnis von der Gründung des neuen "Laboratório" in Altamira erhalten und war auf eigene Initiative dorthin geflogen, um an dem ersten Seminar teilzunehmen, auf dem das Programm der Zusammenarbeit zwischen Forschern und Bauern sowie deren Vertretern diskutiert wurde.

Noch ehe ich konkrete Aktivitäten an der Transamazônica begann, kamen erste Zweifel auf: warum wollten die Bauern die Mechanisierung, obwohl sie noch über ausreichende Fläche verfügten, um die Brachewirtschaft fortzusetzen? Der Test eines Fragebogens in einer anderen Region, wo auf recht engem Raum in unterschiedlichen agrarökologischen Situationen die Nutzung und die Ablehnung der Zugtieranspannung, einschließlich der ungenutzten Zugtiergeräte eines gescheiterten Projektes der Kirche, beobachtet werden konnten, bestätigte die Skepsis. Während der ersten Erhebungsphase im Mai 1994 zeigte sich, daß die Zweifel berechtigt waren. Trotzdem nahm der Druck auf das LAET nicht ab, konkrete Aktionen zu diesem Thema zu unternehmen. So kam es schließlich zur Vereinbarung über eine Aktionsforschung in Uruará an der Transamazônica, die wesentlicher Bestandteil der ersten Fallstudie ist.

Es zeigte sich bald, daß andere Motive mit im Spiel waren, daß die politischen Interessen nicht zu vernachlässigen waren und daß Partizipation nur wenig mit harmonischer Zusammenarbeit zweier Partner zu tun hat. Weitere Akteure traten in die Arena, und Ereignisse auf übergeordneter Ebene spielten eine entscheidende Rolle in dem Projekt, das mit einer Gruppe von Bauern begonnen hatte.

Während dieses Zeitraumes wurde das Lumiar-Projekt gegründet, mit dem zum ersten Mal ein partizipativer Ansatz in der öffentlichen landwirtschaftlichen Beratung Brasiliens realisiert wurde. Das Projekt wurde in kürzester Zeit implementiert, ohne die beteiligten Berater entsprechend vorbereiten zu können, die sich nach einem nur 10-tägigen Kurs aufmachten, partizipativ zu arbeiten. Einbeziehung von Supervisoren aus den Universitäten und Nichtregierungsorganisationen (NROs) sowie die offizielle Einbindung von Bauernorganisationen waren Neuerungen. Die Agrarfakultät der Bundesuniversität von Pará (Universidade Federal do Pará - UFPA), in der ich arbeitete, wurde eingeladen, zusammen mit anderen Institutionen auf der Ebene des Bundesstaates zu der Implementierung des [Seite 2↓]Projektes beizutragen, die Berater auszubilden und sie während der Arbeit methodisch anzuleiten.

Die wesentliche Motivation für die Evolution des Themas ging von der reichhaltigen Erfahrung aus, die mir mitzuerleben möglich war: einmal als assoziierter Forscher in einer Konstellation zwischen einer eher schwachen Forschungsorganisation und einer starken Bauernorganisation und andererseits als Supervisor beim Aufbau eines klientenorientierten Beratungsdienstes, bei dem die Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation unter den gegebenen Bedingungen sowie institutionelle Widerstände deutlich sichtbar wurden. Für die Weiterentwicklung partnerschaftlicher Ansätze in der Zusammenarbeit zwischen Forschung, Beratung, Bauern und deren Organisationen boten beide Projekte äußerst interessante Erkenntnisse.

1.2 Das Problem

1.2.1 Problematik der landwirtschaftlichen Forschung und Beratung

Die landwirtschaftliche Forschung und Beratung für die bäuerliche Landwirtschaft2 in vielen Ländern der "Dritten Welt" wird kritisiert, weil sie ihre Methoden nicht an heutige Erkenntnisse und Anforderungen angepaßt hat. Echenique (1998,1) stellt fest, daß in Brasilien ein breiter Konsens besteht, daß das landwirtschaftliche Beratungssystem eine Krise mit vielfältigen Formen durchmacht, die charakterisiert durch den Verlust an Legitimation und Glaubwürdigkeit, Haushaltsprobleme, geringe Handlungsmöglichkeit, Verlust von Infrastruktur, geringe Eingliederung neuer Berater, Fehlen von politischer Unterstützung und schließlich eine Krise ihrer Paradigmen gekennzeichnet ist. Es scheint, daß diese grundsätzliche Situation auf viele Länder zutrifft, wenn auch die spezifische Situation recht unterschiedlich sein kann. So erklären Nagel et al. (1992,2): "Es gibt keinen Mangel an Anstrengungen, Beratungssysteme in Afrika aufzubauen, zu verbessern oder wiederzubeleben."3 Und Ehret kommentiert (1997,2), daß eine solche Behauptung das Bewußtsein vom Scheitern vieler Entwicklungsanstrengungen und dem Ausbleiben von Verbesserungen auf der Ebene der bäuerlichen Familie zeigt, jedoch ohne Aussicht auf eine Lösung. Nagel et al. (1992,2) stellen weiter fest, daß die zu Beginn ihrer Arbeit in Sambia angetroffene Problemliste fast identisch ist mit den Resultaten einer Evaluierung der Food and Agriculture Organization of the United Unions (FAO), die 20 Jahre früher in verschiedenen afrikanischen Ländern gemacht wurde. Einige Probleme scheinen unabhängig von den jeweiligen Ansätzen aufzutreten, was eine tiefere Analyse und Reflexion erfordert.

Zur Wirkung der landwirtschaftlichen Beratung stellt Bergamasco (1993,362) fest, daß zahlreiche Analysen beweisen, daß sie nicht fähig war, die Lebensbedingungen der ländlichen Familien zu verbessern und aufgrund des vorherrschenden autoritären Entwicklungsmodells die große Masse der ländlichen Bevölkerung ausgeschlossen wurde. Echenique (1998,1) [Seite 3↓]kommt zu dem Ergebnis, "... daß im Land ein breiter Konsens über die Diagnose existiert, daß sich das System der landwirtschaftlichen Beratung in einer Krise mit vielfältigen Formen befindet ...", die gekennzeichnet ist durch Verlust von Legitimität und Glaubwürdigkeit, Haushaltsprobleme, mangelnde Operationsfähigkeit, geringe Einstellung neuer Fachkräfte, Fehlen politischer Unterstützung und schließlich durch eine Krise ihrer Paradigmen. Die Abwanderung von Bauern vom Lande und die gleichzeitige Integration von neuen Kategorien von Landwirten im Rahmen der Landbesetzungen und der Agrarreformprogramme, häufig ohne die nötigen technischen und administrativen Kapazitäten (z.B. Landarbeiter), sind eine große Herausforderung an die öffentlichen Dienste. Selbst wenn man berücksichtigt, daß die Veränderungen in den ländlichen Gesellschaften sich nicht nur aufgrund technischer Neuerungen, sondern auch durch den Wandel der soziopolitischen und ökonomischen Strukturen vollziehen, wird angesichts dieser kritischen Situation das Funktionieren dieser Dienste und der Austausch zwischen Forschung und Praxis umso dringender.

In den 50 Jahren ihrer Existenz in Brasilien war die landwirtschaftliche Beratung immer ein von der Forschung getrennter Dienst, selbst wenn sie von Institutionen4 angeboten wurde, die für beide Aktivitäten verantwortlich waren (Martins, A.C.S. 1996). Und die Kritik von Olinger5 (1980; zitiert nach: Martins, A.C.S. 1996,19), daß "... viele Technologien in den offiziellen Forschungseinrichtungen existieren, aber nur wenige Techniken oder Kenntnissen erzeugt werden, die in der Praxis von den Bauern genutzt werden können", trifft auch auf die aktuelle Situation zu. Conto et al. (1996) beschreiben profunde technische Veränderungen im Rahmen der bäuerlichen Landwirtschaft einer Region des Bundesstaates Pará und zeigen, daß diese Veränderungen ohne eine geplante Intervention oder eine systematische Begleitung durch die öffentlichen Einrichtungen der Agrarforschung und Beratung stattfanden. Diese hatten noch nicht einmal Kenntnis davon, was sich in der bäuerlichen Landwirtschaft nahe der Hauptstadt des Bundesstaates abspielte, wo die Mehrzahl ihrer Forscher und Berater arbeitet. Costa (2000,336) beschreibt, daß die in Pará am stärksten durch den Agrarkredit finanzierten Kulturen nicht Gegenstand der Forschung waren. Tura (2000,292) kommt in einer Erhebung zu dem Ergebnis, daß 34% der von den Krediten begünstigten Bauern das Fehlen einer landwirtschaftlichen Beratung als größtes Problem bezeichneten. Nicht nur die Bauern, sondern auch die Banken sehen die fehlende Beratung als begrenzenden Faktor für die Agrarkreditprogramme an.

Dies bedeutet, daß die öffentlichen Investitionen in die Agrarforschung Brasiliens (Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária - EMBRAPA, Forschungsinstitute der Bundesstaaten, Universitäten) nicht der großen Mehrzahl der Bauern zugute kommen. Wegen der fehlenden Interaktion von Forschung und Beratung erreichen die wenigen für Bauern entwickelten Technologien die Zielgruppe häufig nicht. Nach Schätzungen von Fachleuten sind 80% der Betriebe ohne Beratung (Echenique 1998,16). Gemeinsame Entwicklung von neuen Techniken, im Sinne von Partizipativer Technologieentwicklung oder "Ko-Konstruktion von neuem Wissen" findet kaum statt.


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Die Kritiker übersehen zum Teil, daß die landwirtschaftliche Forschung und Beratung nur einen begrenzten Anteil an der Entwicklung der Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung hat. Man kann ihr eigentlich nur dort eine begrenzte Verantwortung zuweisen, wo sie Entwicklungsmodelle verfolgt, die einen Teil der Bevölkerung ausschließt, oder wo sie schlecht funktioniert. Wenn es politisches Ziel ist, daß die landwirtschaftliche Produktion von einer immer geringeren Zahl intensiv wirtschaftender Betriebe übernommen wird, dann kann auch die landwirtschaftliche Forschung und Beratung daran nichts ändern. Es bleibt dann den übrigen Bauern überlassen, zu entscheiden, welche Lebensbedingungen sie akzeptieren und wieviel sie über die reine Subsistenz hinaus an monetärem Einkommen benötigen, um beispielsweise ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen.

Der fehlende politische Wille kann natürlich nicht durch Ideen über eine effizientere Forschung und Beratung überbrückt werden. Aber ohne ausgearbeitete Vorschläge ist es schwierig, seitens der Zielgruppe und anderer Interessierter Maßnahmen auf diesem Gebiet politisch einzufordern. Hinzu kommt, daß ein Bewußtsein über die gesamte Dimension des Problems vorhanden sein muß. Daran mangelt es allerdings häufig auch bei politischen Entscheidungsträgern, deren Forderungen sich im politischen Alltag oft auf die Gewährung weiterer Agrarkredite und die Einstellung von Beratern für die Ausarbeitung der Kreditprojekte reduzieren.

Berücksichtigt man die Zahl der betroffenen Personen (Forscher, Berater, Bauern), die in institutionellen Aktionen zur ländlichen Entwicklung einbezogen sind, die eingesetzten Mittel und die Bedeutung des Produktions- und Verarbeitungssektors6 für die Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen, speziell im ländlichen Raum der "Dritten Welt", kann man die Bedeutung einer effizienten Funktion dieser Dienste ermessen (siehe Kap. 1.5.2). Hinzu kommt die Wirkung hinsichtlich der Landschaftsgestaltung und der Erhaltung der natürlichen Ressourcen. In Amazonien steht dabei im Vordergrund, wie Ökosystemschutz mit landwirtschaftlicher Nutzung kompatibel gestaltet werden kann, ohne die Entwaldung voran zu treiben.

1.2.2 Problematik der Arbeitsansätze

Dennoch kann auch in Brasilien die Wirkung des Paradigmenwechsels, der gegenwärtig im Bereich der landwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungslandschaft stattfindet, nicht übersehen werden. Dieser Wandel begann in den 70er Jahren, als zusammen mit der Kritik an den Auswirkungen der Grünen Revolution Debatten über die Rolle der Verbreitung von Technologien für Bauern in "Entwicklungsländern" aufkamen (Howell 1988; zitiert nach: Sagar & Farrington 1988,1; vgl. Glaeser 1987). In der Forschung und Beratung tauchten in vielen Ländern der Welt Versuche auf, die vorherrschenden Ansätze 'von oben' durch Ansätze 'von unten', von der "Zielgruppe" aus, zu ersetzen. Diese Ansätze wurden auch als partizipativ bezeichnet. Verschiedene Autoren betonten die Notwendigkeit, den Bauern in den Mittelpunkt des Forschungsprozesses zu stellen (Rhoades & Booth 1982; Chambers et al. 1989a). Die wesentlichen Folgen dieser Veränderungen waren die Verbesserung von Kontakt [Seite 5↓]und Informationsfluß zwischen Forschung, Beratung und Nutzern (den Bauern) und die Rückkoppelung zwischen diesen Bereichen.

Auf seiten der Forschung war anfangs das Motiv für die Einführung dieser Neuerung, ihre Effizienz angesichts der Kritiken am Technologietransfermodell zu erhöhen. Aber die Dynamik dieser Veränderung schuf bald ein fruchtbares Feld, in dem die Praxis der Partizipation gedeihen konnte, die zum wesentlichen Element der Artikulation in diesem Prozeß wurde. Entwicklungsorientierte Forschung7, Aktionsforschung und andere Methoden wie Partizipative Kurzuntersuchung (Participatory Rural Appraisal - PRA) und Partizipative Technologieentwicklung (Participatory Technology Development - PTD) wurden in die ländliche Entwicklungsarbeit eingeführt. Der Systemansatz und die Hypothese von der Rationalität des Bauern rückten die ländliche Bevölkerung in den Mittelpunkt des Interesses. Die Überlegung, daß Technologieentwicklung ohne das Wissen über die Komplexität der landwirtschaftlichen Betriebssysteme nicht die erwarteten Ergebnisse zeigt, führte zu der Idee der Partizipation der Bauern von Beginn des Prozesses an. In manchen Diensten wurde nun der Nachfrageorientierung der Vorzug vor der Angebotsorientierung gegeben.

Auf seiten der landwirtschaftlichen Beratung geschah diese Veränderung nicht mit der gleichen Dynamik. Während in einigen Ländern mit der partnerzentrierten Beratung bereits eine Tradition der bedarfsorientierten Beratung existierte (Rheinwald & Preuschen 1956; zitiert nach: Hruschka 1994,5; Albrecht 1987), blieben die Dienste vieler Länder Instrumente der Regierungsintervention. Die Problematik, einerseits über ein Politikinstrument zu verfügen, um Ziele im Interesse der Gesellschaft oder der Regierung zu erreichen, und andererseits die Bedeutung der Orientierung am Klienten und die Wichtigkeit der Partizipation der Bevölkerung zu betonen, zeigen die Beiträge zum aktuellen Reference Manual der FAO, wie beispielsweise Adhikary (1997) und Contado (1997), die eher für die Politikinstrumente stehen, und Pretty & Voluhê (1997), Jiggins et al. (1997) und Cristóvão et al. (1997), die eher den Bedarf der Bevölkerung in den Vordergrund stellen. Die Bemühungen, die Trennung zwischen Forschung und Beratung sowie den beteiligten Akteuren im Umfeld der bäuerlichen Landwirtschaft zu überwinden, führten nicht zu dem gewünschten Ergebnis, wie kürzlich Swanson (1997,171) feststellte: "Das Fehlen einer engen Arbeitsbeziehung zwischen den nationalen landwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungsorganisationen und den verschiedenen Kategorien der Bauern sowie deren Organisationen ist eines der schwierigsten institutionellen Probleme, mit dem Landwirtschaftsministerien in vielen Entwicklungsländern konfrontiert sind."

Einige Jahre nach dem Aufkommen der Kritik ("Farmer First"; Chambers et al. 1989a) und der Einführung neuer Ansätze der Zusammenarbeit zwischen Forschern und Bauern entstanden aufgrund der gewachsenen Erfahrung der Basis mit Entwicklungsorientierter Forschung und partizipativen Methoden viele offenen Fragen, die die Notwendigkeit von weiterer Forschung und dokumentierter Erfahrung deutlich machte ("20 Jahre Partizipation - what next?", Netzwerk 1998). Im Bereich der landwirtschaftlichen Beratung stellt Bauer (1996,v) fest, daß trotz der Einführung der Idee der partnerzentrierten Beratung in der deutschen technischen Zusammenarbeit schon vor 15 Jahren die Erfolge gering sind. Es wurde versucht, die Möglichkeiten und Grenzen der partizipativen Prozesse besser zu identifizieren, wobei man von der Notwendigkeit ausging, die komplexen Beziehungen einer Vielzahl von Akteuren und Netzwerken besser zu verstehen und Wissen als einen sozialen [Seite 6↓]Prozeß zu betrachten, der Ergebnis der Interaktion und des Dialogs zwischen den Akteuren ist (Scoones & Thompson 1994).

Als mit der Kritik an den bisherigen Methoden der landwirtschaftlichen Forschung und Beratung neue Ansätze wie Entwicklungsorientierte Forschung und Partizipation entstanden, war es wahrscheinlich nicht möglich, die komplexen Probleme bei deren Anwendung wahrzunehmen, die erst später identifiziert wurden (Scoones & Thompson 1994; Okali et al. 1994; Blackburn & Holland 1998). Die Praxiserfahrung führte dazu, daß sogar einige der Befürworter zu kritischen Einschätzungen kamen. Veldhuizen et al. (1997b,41) stellten fest, daß Partizipation der Bauern einer der am häufigsten benutzten und mißbrauchten Ansätze in der Entwicklungsrhetorik des vergangenen Jahrzehnts sei. Biggs (1995,11) kritisiert die Tatsache, daß die neuen partizipativen Ansätze rasch als generelle Lösung für die Entwicklungsprobleme hingestellt wurden, als "neue partizipative Orthodoxie". Er hält mehr Kenntnisse im Bereich des technischen und sozialen Wandels, der Machtstrukturen und der Kontrolle über (Macht-) Mittel wie Information für erforderlich. Andere äußern ihre Besorgnis, daß Partizipation zu einer Technik reduziert wird, die man vom politischen Kontext trennen kann (Blackburn & Holland 1998,2). Die Schwierigkeiten in der (institutionellen) Praxis führten dazu, daß einige Akteure (Institutionen und Individuen) den partizipativen Ansatz verließen oder seine Bedeutung auf wenige Nischen begrenzt sehen wollten (Okali et al. 1994,97-101) oder sie einfach in der Praxis nicht anwendeten.

Chambers (1998,xii) bestätigt: "Und wie es gewöhnlich bei Konzepten vorkommt, die eine Aufwertung erfahren, ging die Rhetorik sehr weit, sehr weit voran im Vergleich zum Verständnis und ließ dabei die Praxis allein zurück." Häufig werden die partizipativen Methoden auch auf die Anwendung der "PRA-Toolbox" reduziert (die Werkzeuge zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den verschiedenen sozialen Akteuren; Theis & Grady 1991; Forster et al. 1998; Netzwerk 1998), so als wären es Rezepte, wobei häufig eher die bessere Visualisierung beim Kontakt mit dem "Volk" im Vordergrund steht, als der Aufbau von Beziehungen zwischen den Beteiligten. Viele Autoren beschreiben, wie sie möglichst schnell und effizient zu einer Situationsanalyse gelangen. Die langfristige Arbeit vor Ort, die ihnen den Weg ebnet, bleibt eher im Verborgenen.

Die Unschärfe des Partizipationsbegriffs (Beckmann 1997) ist ein weiterer Faktor, der einerseits zu seiner Beliebtheit, besonders im Diskurs, beiträgt und seine breite Anerkennung von den Organisationen der Bauern bis hin zur Weltbank erleichtert (World Bank 1996). Die Akteure interpretieren das Konzept in unterschiedlicher Weise und geben der jeweiligen Version Priorität, die sich am ehesten ihren eigenen Zielen annähert. Hobsbawm nennt diese Begriffe "... Omnibus-Wörter, die in alle vier Himmelsrichtungen verkündet werden, und von denen niemand weiß, was sie bedeuten" (zitiert nach: Cooper 2000,11).

Der Aufbau einer Partnerschaft zwischen Forschern, Beratern, Bauern und ihren Organisationen verlangt einen hohen Grad an Fähigkeiten und Verständnis aller Beteiligter hinsichtlich Macht, Konflikten, Kommunikation, Verhandlung und technischem und sozialem Wandel. Pretty & Chambers (1994,187) sprechen vom alten und neuen Professionalismus und der Notwendigkeit einer neuen Rolle der Wissenschaftler und Berater in der Landwirtschaft. Sie müssen von und mit den Bauern lernen, um unter verschiedenen Bedingungen und mit komplexen Produktionssystemen zu arbeiten. Dies schließt neue Rollen ein, wie Versammlungsleiter für Gruppen, Katalysator und Berater, um zu animieren und zu unterstützen, Fazilitator8 der von den Bauern selbst durchgeführten Analysen, Reiseleiter, um [Seite 7↓]den Bauern zu ermöglichen, voneinander zu lernen, und Aktivitäten, um Material und Praktiken zu suchen und an die Bauern weiterzuleiten, damit sie experimentieren können. Dies erfordert eine Professionalität mit neuen Konzepten, Werten, Methoden und Verhalten. Auch in jüngster Zeit wurde hervorgehoben, daß "persönliches Verhalten und Haltungen entscheidend" seien (Chambers 1998,xv).

Die partizipative Arbeit steht und fällt insofern mit der Einstellung und dem Verhalten der Beteiligten. Während früher Einigkeit über die notwendige Verhaltensänderung bei den Bauern bestand, steht heute im Vordergrund, daß Programm-Manager, Forscher und Berater hinzu lernen müssen. Ein kurzes "Totaleintauchen" von Weltbank-Spitzenkräften in ein Dorf oder ein Slumviertel erfüllt diesen Zweck nicht (Chambers 1998,xv).

Die Partizipation geht über den individuellen, mikrosozialen Bereich hinaus und bezieht Organisationen auf seiten aller Beteiligter ein. Die Partizipation auf meso- und makrosozialer Ebene wird weitgehend über (repräsentative) Mittelspersonen realisiert (Kommunikation, Verhandlung, etc.; vgl. Glasl 1997,62-63). Diese Ebene der Partizipation nenne ich Partnerschaft. Vertreter von Forschern, Beratern und Bauern treffen aufeinander, um informelle Organisationen (Interessens­gruppen von Bauern), formelle Organisationen (Assoziationen, Gewerkschaften, regionale Organisationen), lokale Regierungsorgane sowie staatliche Institutionen (Agrar­forschungs­zentren, Universitäten, Beratungsdienste) zu repräsentieren und Inhalte, Ziele und Verfahren von Forschungs- und Beratungsprozessen auszuhandeln.

1.3 Das Ziel

Die Zusammenarbeit von Bauern, Beratern, Forschern und ihren Organisationen zur Entwicklung des ländlichen Raumes befindet sich in Brasilien seit längerer Zeit in einer Krise. Dazu tragen nicht nur fehlende Entscheidungen auf Seiten der Regierung, speziell über die Zukunft der land­wirt­schaft­lichen Beratung und der Rolle der bäuerlichen Landwirtschaft, bei, sondern auch fehlende überzeugende Vorschläge für eine Überwindung der Situation.

Die vorliegende Arbeit hat daher zum Ziel, zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Forschung und Beratung in Brasilien und der Zusammenarbeit der Akteure im ländlichen Raum beizutragen. Ansätze zum besseren Funktionieren des Landwirtschaftlichen Wissenssystems9 können sich auf die Veränderung der vorhandenen Institutionen, den Aufbau neuer Dienste, die Verbesserung der Arbeitsmethoden oder eine bessere Interaktion der Akteure im ländlichen Raum beziehen. In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt vor allem auf dem Verständnis und der Verbesserung der Beziehung zwischen den Partnern und in zweiter Linie auf der Auseinandersetzung mit den Ansätzen in Forschung und Beratung, um Bausteine für eine konstruktive, partizipative Arbeit in organisierter Partnerschaft zwischen Forschern, Beratern und Bauern zu entwickeln.


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Um dies leisten zu können, soll zunächst untersucht werden, welche Konzepte bisher in der brasilianischen Agrarforschung und -beratung vertreten wurden. Das Verständnis ihrer Grenzen und Möglichkeiten trägt dazu bei, den Spielraum für die Einführung neuer Ansätze besser einzuschätzen. Dabei wird davon ausgegangen, daß auch in den bisherigen Modellen Ansätze zu finden sind, deren Berücksichtigung zur Zielsetzung der Arbeit beitragen, und daß die Identifizierung der Probleme und Erfolge bei ihrer Verwirklichung Ansatzpunkte für die heutigen Aufgaben liefern können. Gleichzeitig gehe ich davon aus, daß die Anknüpfung an vorhandenen Ideen eine größere Offenheit für innovative Vorschläge bei den Beteiligten, die im Rahmen dieser Ansätze sozialisiert wurden, schafft. Falls ein Vorschlag grundsätzliche Veränderungen oder die Einführung von Neuerungen beabsichtigt, muß ihm eine überzeugende Kritik des Bestehenden vorausgehen. Daher soll auch auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der historischen Entwicklung der Ansätze eingegangen werden. Neue klientenorientierte Konzepte, die in Brasilien diskutiert werden oder die vielversprechend für die dortige Realität sind, werden untersucht und diskutiert. Einige Jahre nach der Forderung "Farmer First" ist die anfängliche Euphorie hinsichtlich der Partizipation einer vorsichtigeren Betrachtung gewichen. Die Partizipation soll daher in ihrer sozialen und politischen Dimension aufgezeigt, der Reduzierung auf eine nur technische Sichtweise (z.B. die Tools) begegnet und versucht werden, einen Beitrag zu einer realistischen Einschätzung zu leisten.

Anschließend sollen die Erfahrungen zweier Projekte (Entwicklungsorientierte Forschung; Aufbau eines partnerzentrierten Beratungsdienstes), in denen die partizipative Zusammenarbeit und die Partnerschaft zwischen Forschern, Beratern, Bauern und deren Organisationen im Vordergrund stand, als Fallbeispiele aufbereitet werden. Die Studien haben einen unterschiedlichen Schwerpunkt, handeln aber in der gleichen sozialen Umgebung, zum Teil mit den gleichen Akteuren und mit dem gemeinsamen Ziel, der Förderung der ländlichen und bäuerlichen Ent­wicklung. Die Projekte sind komplementär zueinander und ermöglichen, sowohl die Forschungs- als auch die Beratungsaspekte zu untersuchen. Im ersten Fall wird eine Entwicklungsorientierte Forschung mit Gruppen von Bauern in einer Partnerschaft zwischen einer Forschungsorganisation (LAET) und einer Bauernorganisation (MPST)10 untersucht. Im zweiten Fall wird der Aufbau eines bundesweiten landwirtschaftlichen Beratungsdienstes auf der Ebene des Bundesstaates und die Orientierung von drei interdisziplinären Beratergruppen in der gleichen Region wie das erste Projekt analysiert. Die Tatsache, daß beide Projekte im gleichen Kontext angesiedelt sind, erleichtert das Verständnis der verschiedenen Dimensionen von Partizipation und Partnerschaft. Beide Projekte beziehen die Ebenen Lokalität11, Munizip, Region, Bundesstaat ein und erfahren darüber hinaus internationale Einflüsse (Entwicklungszusammenarbeit; Fallstudie 1) beziehungsweise Einwirkungen der nationalen Politik (Verhandlungen und Konflikte zwischen nationaler Bauernorganisation und brasilianischer Bundesregierung; Fallstudie 2), so daß sie sich für die Untersuchung der über die Partizipation vor Ort hinausgehenden Phänomene eignen.

Die in beiden Projekten gewonnenen Erfahrungen mit partizipativer Zusammenarbeit, zwischen individuellen Akteuren einerseits und in der Partnerschaft zwischen Organisationen andererseits, stellen die Grundlage für die Analyse der in der Praxis auftretenden Probleme dar. Anhand identifizierter Schlüsselelemente werden die Fallstudien diskutiert, um die Interaktionen der ver­schiedenen Akteure zu verstehen und zu einem besseren theoretischen und praktischen Verständnis der Partnerschaft zu gelangen. Diese Reflexion soll dabei helfen, Ansätze für den Aufbau neuer Forschungs- und Beratungsdienste sowie eine bessere [Seite 9↓]Vorbereitung der Akteure auf die Komplexität der partnerschaftlichen Zusammenarbeit im Rahmen der ländlichen Entwicklung zu entwickeln.

Darüber hinaus soll ein Beitrag geleistet werden, um durch klare Verwendung der Begriffe zur Weiterentwicklung der partizipativen Methoden beizutragen. Die Beliebigkeit, mit der manche Konzepte benutzt wurden und eine ablehnende Haltung hinsichtlich ihrer theoretischen Weiter­entwicklung, hat zum Scheitern vielversprechender Ansätze geführt.

Im Rahmen dieser Arbeit wird nur die bäuerliche Landwirtschaft (Agricultura Familiar) behandelt. Die unternehmerische Landwirtschaft verfügt über andere Mechanismen, innovative Prozesse zu gestalten, mit denen im Rahmen dieser Arbeit keine Erfahrung gemacht wurden. Die Ge­schlechterfrage wurde nicht mit einbezogen, da sie in den beobachteten Zusammenhängen im Hinter­grund stand.12 Die Ergebnisse, die mit einzelnen Ansätzen erreicht wurden, sind ebenfalls nicht Gegenstand der Arbeit. Ausgangspunkt der Analyse ist der brasilianische Bundesstaat Pará in der Amazonasregion, der einige Besonderheiten aufweist (siehe Kap. 1.5). Die meisten Themen haben jedoch brasilienweite Relevanz und sind vermutlich auch für andere Länder interessant.

Meine Zielgruppen sind vor allem brasilianische Fachkräfte, die zur Entwicklung des ländlichen Raumes beitragen, wie Forscher, Berater, Entwicklungsagenten, Berater der Sozialen Bewegungen sowie Dozenten und Studenten in den Fachgebieten, die sich mit bäuerlicher Landwirtschaft befassen.13 Darüber hinaus wendet sich die Arbeit jedoch auch an deutsche Fachkräfte, die in unterschiedlichen Zusammenhängen vor ähnlichen Problemen stehen können oder Erfahrungen gemacht haben, zu deren Reflexion die Arbeit beitragen kann. Die Arbeit will besonders die Seite der Forschung und Beratung beeinflussen, während dies hinsichtlich der Bauern (Fähigkeiten, Ausbildung, Organisationen, Bewußtwerdung, Führungspersönlichkeiten, etc.) auf andere Weise und über andere Kanäle erfolgen muß. Dies erklärt die Ausblendung der Seite der Bauern bei bestimmten Themenbereichen.

1.4 Hypothesen und Forschungsfragen

Da sich die Thematik der vorliegenden Arbeit durch die teilnehmende Beobachtung während der Forschung über Intensivierung herauskristallisierte und ein Gebiet behandelte, über das noch wenige Erfahrungen vorlagen, erfolgte der Einstieg mit wenigen Hypothesen, die erst aufgrund der untersuchten sozialen Sachverhalte weiterentwickelt werden sollten. Die Untersuchung wurde auf der Grundlage einer Reihe von Fragen durchgeführt, die als Orientierung verstanden wurden und während des Forschungsprozesses aufgrund neuer Erkenntnisse weiterentwickelt wurden.

Zu Beginn der Arbeit stand das Interesse an der Partizipativen Technologieentwicklung, die sich aus der Angepaßten Technologie heraus entwickelt hatte, und den Voraussetzungen für die partizipative Zusammenarbeit im Vordergrund (Hiemstra 1994; Kamp & Schuthof 1991; Reijntjes et al. 1992; Bliek & Veldhuizen 1993). Der entscheidende Schritt in der ersten Etappe der Partizipativen Technologieentwicklung ist die Herstellung der Partnerschaft.


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Da es wenig effizient ist, mit den vorhandenen Ressourcen und den Entfernungen in einer Region wie Pará eine individuelle Arbeit mit Bauern zu machen, deren Nachhaltigkeit außerdem durch fehlende Möglichkeit zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen sowie mangelnden Austausch zwischen den Bauern in Frage gestellt ist, bietet sich die Partnerschaft mit den Organisationen der Bauern an. Auch auf Seiten der Forscher oder anderer Entwicklungsagenten handelt es sich um Aktionen von Organisationen und nicht nur um individuelle Maßnahmen einzelner Personen, wie es auch dem Konzept des Landwirtschaftlichen Wissenssystems entspricht.

Folgende Hypothesen wurden aufgestellt:

Die Forschung ließ sich von folgenden Fragen auf den verschiedenen Ebenen leiten:


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Die Fragestellungen entwickelten sich im Verlauf der Forschungsarbeit hin zu der Problematik der Partnerschaft, nun stärker verstanden in ihrer Eigenschaft als Partizipation auf der Ebene der Organisationen unter Einschaltung von (repräsentativen) Mittelspersonen, und zu den Aus­wirkungen auf die Konstruktion eines effizienten Landwirtschaftlichen Wissenssystems für die Unter­suchungsregion. Es ging nun nicht mehr nur um die Partizipation der Bauern, sondern um die Art der Beteiligung verschiedener Akteure und deren Beziehung untereinander. Es ließ sich beobachten, daß sie unterschiedliche, auch miteinander in Konflikt stehende Interessen hatten und daß die Zusammenarbeit durch Machtbeziehungen, Konkurrenzprobleme und die indirekte Kommunikation infolge der Vermittlung gestört werden konnte. Die Berücksichtigung verschiedener Elemente stellte sich als entscheidend für die Partnerschaft heraus, wie Macht, Organisation, Verhandlung, Haltung, etc.; dies führte zu der Idee, die Beobachtungen entlang dieser Schlüsselelemente zu diskutieren.

Folgende Hypothesen wurden daher zusätzlich aufgestellt:

Es kamen folgende Fragen hinzu:

1.5 Der Kontext

1.5.1 Geschichtliche und politische Voraussetzungen

Die Untersuchungsregion umfaßt einen Abschnitt von etwa 700 km im brasilianischen Bundesstaat Pará längs der Transamazônica, einer Straße, die Anfang der 70er Jahre in den fast unberührten, aber nicht unbewohnten Urwald gebaut wurde (siehe Karte 1). Sie sollte als [Seite 12↓]Zeichen des Fortschritts die Beherrschung und Nutzung Amazoniens verstärken und die nationalen Interessen in Amazonien sichern. Als Teil der Kolonisierungspolitik der damaligen Militärregierung sollte sie unter anderem dazu beitragen, die Probleme in anderen Regionen Brasiliens ohne eine Agrarreform zu lösen. "Land ohne Menschen für Menschen ohne Land", war das Motto. Sie sollte den Nordosten Brasiliens mit Amazonien verbinden und den Verkehr über Land zwischen den Endpunkten der schiffbaren Strecken der rechten Amazonaszuflüsse ermöglichen.

Obwohl das Leitbild der brasilianischen Agrarpolitik für Amazonien der große "rationell wirtschaftende" Betrieb war, wurde neben Rinderfarmen auch die Ansiedlung von Kleinbauern entlang der Transamazônica gefördert. Dazu wurden Stichstraßen rechtwinklig zur Haupt­verbindung im Abstand von 5 km ohne Rücksicht auf Topographie in dem tropischen Regenwald angelegt. Ursprünglich waren sie etwa 12 km lang, verlängerten sich aber später durch spontane Kolonisation auf mehr als 50 km nach beiden Seiten, so daß ein etwa 100 km breites Band genutzt ist.

Das Motto "Land ohne Menschen für Menschen ohne Land" zeigte sich in doppelter Hinsicht als falsch. Erstens war das Land nicht unbewohnt. Die Transamazônica führte auf der Höhe des heutigen Medicilândia (km 90; km 100) über zwei Dörfer (aldeia) der Arara-Indianer, die beträchtlichen Widerstand leisteten und die Camps der Baufirmen und die Maschinen angriffen, die darauf durch Elektrozäune geschützt wurden. Zwei Mitarbeiter der Demarkierungsfirma wurden getötet und Mitarbeiter der Indianerbehörde Fundação Nacional do Índio (FUNAI) verletzt, die die Índios verfolgte, um sie unter ihre Aufsicht zu stellen. Die Índios verweigerten den Kontakt mit der Behörde und gaben erst auf, als sie ohne ihre roças (kultivierte Fläche im Wanderfeldbau) unter Nahrungsmangel litten. Die letzte Gruppe kapitulierte erst 1986. Insgesamt handelte es sich um drei Gruppen von Araras von etwa 200 bis 500 Personen, deren Zahl heute erheblich reduziert ist.15 Sie haben nun ein Schutzgebiet von schätzungsweise 5.400 km². Zweitens sollte es bereits wenige Jahre nach Beginn der Kolonisierung zu Landkonflikten kommen.

Die ersten Kolonisten (colonos) kamen sowohl aus dem Süden und Südosten, wo sie im Zuge der "konservativen Modernisierung" der Landwirtschaft vertrieben worden waren (Silva 1982,126; Fleischfresser 1988), als auch aus dem Nordosten, der von regelmäßig wiederkehrenden Dürreperioden und extremer Landkonzentration gekennzeichnet ist. Sie genossen eine umfangreiche staatliche Unterstützung, bei der das Nationale Institut für Kolonisierung und Agrarreform (Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária - INCRA) das wichtigste staatliche Organ war und für die Kolonisten "Vater und Mutter" zugleich bedeutete. Später kamen der staatliche Beratungsdienst Empresa de Assistência Técnica e Extensão Rural (EMATER), das Nationale Kakaoforschungsinstitut (Comissão Executiva do Plano da Lavoura Cacaueira - CEPLAC) und das Nationale Agrarforschunginstitut (EMBRAPA) hinzu. Mit der Ankunft jeder Institution war die Einführung einer bestimmten Kultur verbunden: mit EMATER der Pfeffer, mit CEPLAC der Kakao und mit der EMBRAPA die Reissorte Xingu. Aufgrund der Schuldenkrise nahmen die staatlichen Subventionen und Dienstleistungen Mitte der 80er Jahre ab. An der Transamazônica wurden unter anderem die subventionierten Kredite, der Transport und die Lagerung der Agrarprodukte reduziert. Die staatlichen Institutionen konnten schließlich ihre Aufgaben kaum noch wahrnehmen. Davon waren auch Gesundheitsdienste, Erziehungssystem und Wartung der Straßen in dieser von den wirtschaftlichen und [Seite 13↓]politischen Zentren Brasiliens entfernten Region betroffen. Dieser Prozeß erfolgte zur gleichen Zeit, als sich das Militär nach fast 20 Jahren aus der Politik zurückzog und ein Demokratisierungsprozeß begann.

Karte 1: Region der Transamazônica

Quelle: LAET.


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Der Staat ist heute ein vergleichsweise schwacher Akteur in der Region. Es gibt keine koordinierte Aktion der Regierung wie zur Zeit der Nationalen Entwicklungspläne für die Region. Das hängt unter anderem auch mit der relativen Erstarkung der Regierungen der Bundesstaaten gegenüber der Bundesregierung zusammen. Die Behörden arbeiten nebeneinander her oder sogar gegeneinander16, selbst Funktionäre der gleichen Behörde können sich öffentlich bekämpfen, wenn sie gleichzeitig politisch tätig sind. Es gibt keine zentrale Instanz, die die Entscheidungen trifft, beispielsweise ein District Development Officer (vgl. Schubert 1994,77-80). Daher kann man auch nicht davon ausgehen, daß es eine selbstverständliche Beteiligung anderer staatlicher Stellen an einem Projekt unter Leitung einer staatlichen Institution gibt. Dies hängt auch mit der Beherrschung einzelner Bereiche durch führende Politiker zusammen, die die jeweilige Führung der Institution benennen. So wurde die Agrarreformbehörde INCRA in Pará über mehr als 15 Jahre von einem Politiker dominiert. Dies hat Auswirkungen sowohl auf die Auswahl von Munizipien, in denen gearbeitet wird, als auch auf die Besetzung niedriger Leitungsposten. Die Korruption ist ein allgemein verbreitetes Phänomen in den Sphären, in denen umfangreiche öffentliche Mittel bewegt werden. Gelegentlich kommt es zu partiellen Moralisierungsprozessen. So wurden einige der Akteure im Umfeld des Lumiar-Projektes aufgrund von Korruptionsvorwürfen aus ihren Positionen entfernt, beispielsweise der Superintendent von INCRA und zwei einander im Amt folgende Lokalchefs dieser Behörde in Altamira. Die starke Verbreitung der Korruption hängt unter anderem mit dem Patrimonialismus17 zusammen.

Viele Aktivitäten sind vom Assistenzialismus gekennzeichnet, der besonders stark das Klima dort prägt, wo der Staat früher die Kolonisierung förderte. Dies ist ein Begriff, der in Lateinamerika eine Politik finanzieller und sozialer Hilfe beschreibt, die die Symptome, aber nicht die Ursachen gesellschaftlicher Übel bekämpft, und die Klientelnetze vor allem für die Schaffung einer politischen Basis aufbaut (Freire 1977,21; Lopes 2000).

Die Frage des Landbesitzes ist sehr kompliziert in Brasilien, besonders in einer Region, in der verschiedene Akteure in Gebiete vordringen, deren rechtliche Situation oder Ausdehnung nicht klar ist. Die Formen und Grenzen des Landbesitzes sind selbst dort, wo die Bevölkerung bereits lange lebt, in Bewegung. Dies kann durch Auflösung des bisherigen Konsenses erfolgen oder durch das Eindringen neuer Akteure, wie Fazendeiros 18 beim Bau der Straßen oder professionelle Land­händler (grileiros), die durch Kontakt zu Anwälten, Besitzern von Notariaten (cartórios), Politikern und Polizei sich Land aneignen, das bereits von Bauern bewirtschaftet wird, die aber keinen offiziellen Landtitel haben. Häufig wird dieser Form der Aneignung durch Gewalt Nachdruck verliehen, wie durch Morddrohungen oder den Einsatz von bezahlten Mördern (pistoleiros).

Zwei Fälle in Pará verdeutlichen diese Praxis. Die schwache Präsenz der Behörden und des Staates insgesamt bietet Raum für private Interventionen. Man stelle sich jemanden vor, der einem Besitzer eines Notarbüros einen angemessenen Betrag bietet, um im Munizip Altamira, das mit etwa 130.000 km² Ausdehnung19 noch 20% größer ist als die fünf Neuen Länder, ein [Seite 15↓]Gebiet von 70.000 km², fast so groß wie die Niederlande und Belgien zusammen, sein eigen zu nennen. Dem steht nicht entgegen, daß dort schon andere Ansprüche bestehen, beispielsweise die eines Indianerschutzgebietes und eines Militärgebietes, das bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts zum nationalen Sicherheitsgebiet gehörte, da dort die erste Atombombe Brasiliens explodieren sollte (Junior 1999). Es ist äußerst schwer, diese Situation rückgängig zu machen, mit der auch ver­schiedene private und politische Interessen verbunden sind. Im zweiten Fall kam es im Munizip Mãe do Rio zu mehreren Morden wegen Landkonflikten. Die Bevölkerung lebte bereits seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts auf ihrem Land, hatte Karten von ihren Grundstücken und bezahlte Grundsteuer. Mit dem Bau der Straße Belém - Brasília Anfang der 60er Jahre breiteten sich Fazendas aus, die schließlich bis in dieses Gebiet expandierten. Es regte sich Widerstand, Führungspersönlichkeiten der Bauern wurden umgebracht, und erst in jüngster Zeit kam es infolge der Ausweitung von Maßnahmen der Agrarreform dazu, daß INCRA das Gebiet zum Ansiedlungsgebiet (projeto de assentamento) erklärte und damit Landtitel, Infrastruktur, Beratung (Lumiar-Projekt) und Kreditprojekte bieten konnte.

Im Gegensatz zur Kolonisierung der Transamazônica in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts reagiert INCRA heute vorwiegend auf bereits geschaffene Fakten, wie erfolgte Landbesetzungen oder Druck der Bauern hinsichtlich der Enteignung von nicht genutzten Großbetrieben. In der Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts nahm die Bewegung der Landlosen (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra - MST) ihren Anfang im Süden Brasiliens. Sie wurde gegen Ende der 90er Jahre die aktivste und kampffähigste organisierte Bewegung der Opposition. Trotz der Reduzierung der mit der Landwirtschaft verbundenen Arbeitsplätze und der Zunahme der Stadtbevölkerung, in letzter Zeit besonders in den kleineren Städten, gab es eine zahlenmäßig geringere gegenläufige Tendenz, auf das Land zurückzukehren. Menschen vom Land, die längere Zeit in den Ballungsgebieten lebten, mischten sich mit Personen aus der Stadt, die dort ebenfalls keine Perspektive mehr sahen, und bildeten zusammen mit Söhnen und Töchtern von Bauern, deren Land nicht weiter unterteilt werden konnte, die Landlosenbewegung. Das MST konzentriert sich auf die sogenannten "unproduktiven" Großbetriebe, die enteignet werden können und provoziert mit ihren Besetzungen die Aktion der Behörden. Es vertritt eine kollektive Landwirtschaft mit Maschinen- und Betriebsmitteleinsatz sowie Verarbeitung der Agrarprodukte, wogegen allerdings häufig nach erfolgter Besetzung Widerstand entsteht, da die neuen Landbesitzer individuell wirtschaften wollen. Dennoch existieren eine Reihe sehr erfolgreicher Projekte des MST.

Als Reaktion auf den Rückzug des Staates an der Transamazônica entstand während verschiedener sozialer Auseinandersetzungen das Movimento Pela Sobrevivência na Transamazônica - MPST ("Bewegung zum Überleben an der Transamazônica"), das 1991 offiziell in Altamira gegründet wurde20. Als größte regionale NRO repräsentierte es 1997 die Mehrzahl der Organisationen der Region (62%, insgesamt 47 Organisationen), darunter 29 Bauernorganisationen sowie städtische Gewerkschaften (Lehrer, Gesundheitsagenten), Frauenbewegung und Bewegung der Schwarzen (Movimento Negro). Die Organisationen der Bauern waren 14 Assoziationen, 6 Kooperativen und 9 Bauerngewerkschaften (Sindicatos de Trabalhadores Rurais - STR21). Seinen Aktionsradius dehnte das MPST auf neun Munizipien aus (FVPP 1997,19-20).


[Seite 16↓]

Besondere Erfolge hatte es infolge seiner Mobilisierung für den "Grito da Terra"22, der sich von der Transamazônica bis auf nationales Niveau verbreitete und Forderungen der Bauern in den Hauptstädten der Bundesstaaten und in der brasilianischen Hauptstadt Brasília (2.000 km entfernt) vorbringt. Dabei konnte die Gewährung von speziellen Kreditprojekten erreicht werden, die aus einem von der Verfassung vorgesehenen Fonds finanziert werden (in der Region Norden Fundo Constitucional de Financiamento do Norte- FNO) und als FNO-Especial bekannt wurden. So flossen nach einer längeren Periode staatlichen Desinteresses plötzlich erhebliche Mittel in die bäuerliche Landwirtschaft, was neben Entwicklungserfolgen auch zahlreiche Probleme mit sich brachte.

Auf der Ebene des Bundesstaates Pará ist die Organisierung der Bauernschaft einer der wesent­lichen Faktoren der gesellschaftlichen Veränderung. Noch Anfang der 90er Jahre des 20. Jahr­hunderts wurden Morde an Bauernführern bei Landkonflikten nicht geahndet, der erste Ge­richts­prozeß gegen einen Auftraggeber in der jüngeren Geschichte von Pará kam erst Mitte der 90er Jahre zu­stande. Die Vertretung der Bauern auf der Ebene des Bundesstaates, die Federação dos Trabalhadores na Agricultura do Estado do Pará e Amapá (FETAGRI)23 gewann erst langsam an Bedeutung mit dem politischen Erstarken der Bauerngewerkschaften (STRs), wozu die katholische Kirche und einige NROs beitrugen. Heute ist die FETAGRI ein Verhandlungspartner der Landesregierung und hat starke Kontakte über die Nationale Bauernorganisation Confederação Nacional dos Trabalhadores na Agricultura (CONTAG) nach Brasília. Bauern von der Transamazônica spielen wesentliche Rollen in diesen Organisationen und als Abgeordnete auf der Ebene des Bundesstaates oder der Republik. Die Vertreter der Bauernschaft sind im wesentlichen in der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores - PT) organisiert, die in der Hauptstadt von Pará, Belém (etwa 1.2 Millionen Einwohner), seit 1997 den Präfekten stellt.

Die organisierte Bauernschaft geht auch auf ökologische Fragen ein. So sah das MPST bereits in seiner Rechtsform FVPP die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen vor. Trotz Widersprüchen, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, die wirtschaftliche Situation der Bauern zu verbessern, beispielsweise bei der raschen Ausweitung der Rinderhaltung und der damit verbundenen Entwaldung, ist die organisierte Bauernschaft einer der wesentlichen Akteure in Pará, die Entwicklung und Umweltschutz miteinander zu verbinden versuchen. Dies zeigt sich auch in verschiedenen Projekten des MPST und der FETAGRI, beispielsweise dem Projekt Proambiente24, das einen ökologischen Umbau der Landwirtschaft versucht. Verschiedene Maßnahmen wie Anbau ohne Abbrennen, Schutz der Bewaldung entlang der Flüsse sollen durch günstige Kreditbedingungen angeregt werden. Der Mehraufwand der [Seite 17↓]Bauern soll durch öffentlichen Transfer entgolten werden. Die Einhaltung der Verpflichtungen soll durch externe Institutionen kontrolliert werden.

Trotz der gewachsenen Bedeutung der Bauernorganisationen steht Pará nach Angaben der Comissão Pastoral da Terra (CPT 2002)25 hinsichtlich der Gewalt auf dem Lande an erster Stelle. Dazu geht sie in ihrem Jahresbericht auf Morde, Morddrohungen, Verletzte, Gefangennahmen von Bauern und ihren Führern ein, listet die Zahl der Landbesetzungen und Räumungen von besetzten Gebieten, die Konfliktgebiete, die Fälle von Sklavenarbeit in Fazendas auf und weist auf die Verschleppungen von Prozessen sowie die praktisch kaum existierende Gefängnisstrafe für Pistoleiros und deren Auftraggeber hin. Im Süden und Südosten Parás kam es zu 69 Morden an Bauern seit 1996, darunter das Massaker von Eldorado, bei dem die Militärpolizei am 17. April 1996 19 Landlose bei einer Straßenblockade umbrachte. Dies erregte internationale Aufmerksamkeit und führte dazu, daß die Regierung im Bereich "Agrarreform" stärker tätig wurde, unter anderem durch die Gründung des Lumiar-Projektes. Im weiter westlich von Marabá gelegenen Bereich der Transamazônica, in dem die Untersuchungen zu dieser Arbeit stattfanden, ereigneten sich weniger Konflikte. Auseinandersetzungen zwischen Besetzern und Besitzern von kaum genutzten Fazendas (häufig Spekulationsobjekte) konzentrierten sich auf die Munizipien Pacajá und Anapu. Aus bisher ungeklärten Motiven wurde am 25.08.01 der Leiter des MPTX26 und regionaler Vertreter der FETAGRI, Ademir Alfeu Federicci ("Dema"), in Altamira von zwei Männern in seiner Wohnung ermordet.27

1.5.2 Die bäuerliche Landwirtschaft

Der brasilianische Begriff "Familienlandwirtschaft" (Agricultura Familiar) für die Kategorie, mit der in der Untersuchung gearbeitet wird, wird hier mit "bäuerlicher Landwirtschaft" übersetzt, die dementsprechend von "Bauern" betrieben wird. Der häufig benutzte Begriff kleinbäuerliche Landwirtschaft würde demgegenüber "Kleinheit" in Bezug auf die Betriebsfläche oder die Produktion suggerieren und damit der Heterogenität der Agricultura Familiar nicht gerecht werden. Dem wird die unternehmerische Landwirtschaft (z.B. von Fazendeiros betrieben) gegenüber gestellt.

Der Bauer ist heute in Brasilien sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion als auch in der Regierungspolitik zunehmend als bedeutende soziale Gruppe anerkannt. Dies ist eine neue Entwicklung, denn lange Zeit wurde er nicht als ein wichtiger Faktor angesehen und sein Schicksal schien von der Eliminierung gekennzeichnet zu sein, um im kapitalistischen Modernisierungsprozeß von den Agrarunternehmen ersetzt zu werden. Für die Veränderung dieser Sichtweise stehen Namen wie Schultz (1964), der aufgrund seiner langen Erfahrung in landwirtschaftlicher Forschung und Beratung auf der Rationalität des Bauern bestand, sowie Hayami & Ruttan (1985) und Lamarche (1993), die mit Studien über den Beitrag der bäuerlichen Landwirtschaft zur Entwicklung in Ländern wie Deutschland, Frankreich, [Seite 18↓]Polen, Japan und USA zu einer veränderten Wahrnehmung beitrugen. Auch die Arbeit von Priebe & Hankel (1980) über die Bedeutung der Landwirtschaft im Entwicklungsprozeß sei hier erwähnt. In Brasilien sind Veiga (1991), Abramovay (1992), Wanderley (1997), Romeiro (1998) und Costa (1992), letzterer in Pará, zu nennen (vgl. Hurtienne 1999).

Allerdings bereitet die Abgrenzung dieser Kategorie von den unternehmerischen Landwirten (agricultores patronais) jedoch einige Probleme angesichts der enormen Unterschiede in der bäuerlichen Landwirtschaft. In einer Studie im Rahmen der Kooperation FAO/INCRA (1996) und in einer aktuellen Ergänzung der Autoren (Guanziroli et al. 2001,50) wird die bäuerliche Landwirtschaft Brasiliens folgendermaßen definiert: der Betrieb wird von dem Bauern geleitet und er setzt überwiegend Familienarbeitskraft und weniger Lohnarbeit ein. Zusätzlich wird eine "größte regionale Fläche" als obere Grenze bestimmt, um den erheblichen regionalen Unterschieden Rechnung zu tragen, die bei der durchschnittlich von einer Familie bewirtschafteten Betriebsflächen bestehen, und zu vermeiden, daß unproduktive Latifundien zur bäuerlichen Landwirtschaft gerechnet werden.28

Die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Brasilien sind der bäuerlichen Landwirtschaft zuzurechnen (Tabelle 1).29 Sie erwirtschaften 37,9% der Produktion (in R$) auf 30,5% der Fläche, obwohl sie nur 25,3% der Finanzierung (Kredite) erhalten (Tabelle 2). In der Region Norden (siehe Karte 2) übersteigt ihr Anteil an der Produktion sogar den der unternehmerischen Landwirtschaft. Die 218.610 km² der Fläche der bäuerlichen Landwirtschaft in dieser Region sind immerhin so groß wie 61% der Fläche Deutschlands. Demgegenüber ist das durchschnittliche Jahreseinkommen der bäuerlichen Betriebe in Brasilien gering. Im Norden liegt es mit 2.904 R$ (einschließlich des Eigenverbrauchs) leicht über dem brasilianischen Durchschnitt, davon beträgt das monetäre Einkommen 1.935 R$. Das monatliche Einkommen pro Arbeitskraft (Annahme: 3 Familienarbeitskräfte) ergibt somit etwa 80 R$. Dies liegt weit unter den Opportunitätskosten, die man für den gleichen Zeitraum (Tagelohn in Pará 5,57 R$)30 mit etwa 117 R$ ansetzen kann (Guanziroli et al. 2001,53-57).

Die bäuerliche Landwirtschaft ist der wesentliche Faktor für die Arbeit auf dem Land in Brasilien. Mit 13,8 Mio. Arbeitskräften ist sie für 76,9% der Beschäftigten in der Landwirtschaft ver­antwortlich, das sind 18,8% der ökonomisch aktiven Bevölkerung Brasiliens (eigene Be­rechnung nach Almanaque 1998,192). Im Norden sind sogar 82,2% der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in bäuerlichen Betrieben beschäftigt (Guanziroli et al. 2001,57-63). Die Entwicklung der bäuer­lichen Landwirtschaft stellt somit eine wichtige Aufgabe dar in einer Region, in der Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung strukturell bedingt sind.


[Seite 19↓]

Tabelle 1: Zahl und Fläche der Betriebe

Gebiet/Art der Betriebe

Zahl der Betriebe

Anteil an der Gesamtzahl (%)

Gesamtfläche der Betriebe

(km²)

Anteil an der Gesamtfläche (%)

Durchschnittl. Betriebsgröße (ha)

Brasilien

(Total)

4.859.732

100

3.536.030

100

----------*

Untern. Lw.

554.501

11,4

2.400.421

67,9

423

Bäuerl. Lw.

4.139.369

85,2

1.077.685

30,5

26

Region Norden Untern. Lw.

----------*

----------*

----------*

----------*

1.008

Region Norden Bäuerl. Lw. **

380.895

85,4

218.610

37,5

57

Anmerkungen: Lw: Landwirtschaft. Die unternehmerischen und bäuerlichen Betriebe zusammen ergeben weniger als 100%, da es einige andere Betriebsarten gibt (z.B. Betriebe des Staates oder der Kirchen). Gekennzeichnet mit *: Daten nicht vorhanden oder nicht sinnvoll; mit **: Prozentsätze beziehen sich auf die Region. Quelle: Guanziroli et al. 2001,53-65).

Tabelle 2: Produktion, Einkommen, Finanzierung und Beschäftigung in der Landwirtschaft

Gebiet/Art der Betriebe

Produktion (brutto)

(Mrd. R$)

Anteil an der Produktion (%)

Jährl. Betriebseink. (R$)

Jährl. Betriebseink. pro Flächen­einheit (R$/ha)

Anteil an der Finanzierung (%)

Anteil an den Beschäftig­ten auf dem Land

(%)

Brasilien

(Total)

47,8

100

----------*

----------*

100

100

Untern. Lw.

29,1

61,0

19.085

44

73,8

----------*

Bäuerl. Lw.

18,1

37,9

2.717

104

25,3

76,9

Reg. Norden Untern. Lw.

----------*

----------*

11.883

12

----------*

----------*

Reg. Norden Bäuerl. Lw.**

1,4

58,3

2.904

51

38,6

82,2

Anmerkungen: Lw: Landwirtschaft. Die unternehmerischen und bäuerlichen Betriebe zusammen ergeben weniger als 100%, da es einige andere Betriebsarten gibt (z.B. Betriebe des Staates oder der Kirchen). Das Betriebseinkommen schließt den Eigenverbrauch mit ein. Gekennzeichnet mit *: Daten nicht vorhanden oder nicht sinnvoll; mit **: Prozentsätze beziehen sich auf die Region. Angaben zur Währung (R$) in Kap. 1.5.4. Quelle: Guanziroli et al. 2001,53-65).


[Seite 20↓]

Karte 2: Brasilien

Quelle: Statistisches Bundesamt (1994,11).

Die Investitionen in der bäuerlichen Landwirtschaft betragen insgesamt 2,5 Mrd. R$ pro Jahr (32% der gesamten Landwirtschaft), das sind 612 R$/Betrieb und 23,50 R$/ha (etwas mehr als in den unternehmerischen Betrieben), jedoch im Norden nur 7,4 R$/ha pro Jahr [Seite 21↓](Guanziroli et al. 2001,67). Die besonders niedrigen Investitionen und das geringe Betriebseinkommen im Norden deuten auf eine von anderen Großräumen Brasiliens völlig verschiedene Situation hin. Der Grad der Intensivierung in der Landwirtschaft ist äußerst gering. Auch die "konservative Modernisierung" (Silva 1982,126; siehe Kap. 1.5.1) hat hier nicht stattgefunden und die Mechanisierung der Landwirtschaft (Zugtieranspannung, Traktoren, Geräte) ist äußerst gering. Nur in Gebieten im Süden Amazoniens, die an die Savannenlandschaft angrenzen, wiederholen sich Prozesse, die den Mittel­westen von Brasilien zu einem Gebiet mit hochproduktiven landwirtschaftlichen Groß­be­trieben (Anbau von Getreide, Soja) gemacht haben.

Diese Daten zeigen, daß die bäuerliche Landwirtschaft nicht nur auf dem Land, sondern auch im größeren Rahmen der brasilianischen Wirtschaft ein wesentlicher Faktor, vor allem für die Beschäftigung ist. Trotz ihrer Bedeutung, unter anderem für die Produktion von Nahrungsmitteln und Grundstoffen für den Verarbeitungssektor sind die Einkommen und die Investitionen sehr gering, letztere besonders in der Region Norden. Dies ist ein fruchtbares Feld für die Arbeit eines effizienten landwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungsdienstes.

Heute zeigt sich die Bedeutung der bäuerlichen Landwirtschaft auch in der Regierungspolitik, die Ergebnis der Forderungen und Aktionen der Bauernorganisationen ist, insbesondere des MST. Die wichtigsten Maßnahmen sind die Agrarreform31, der Zensus zur Agrarreform, das Lumiar-Projekt, das Programm zur Stärkung der bäuerlichen Landwirtschaft (Programa Nacional de Fortalecimento da Agricultura Familiar - PRONAF) sowie das Forschungsprogramm der bäuerlichen Landwirtschaft der EMBRAPA. Wenn auch hier nicht auf die Einzelheiten, Widersprüche und zeitlichen Horizonte dieser Programme eingegangen werden kann, so kann doch erstmals von einer Regierungspolitik in diesem Bereich die Rede sein. Dies kommt auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß Brasilien inzwischen zwei Minister im Bereich der Landwirtschaft hat, wobei das Landwirtschaftsministerium grob gesehen für die unternehmerische Landwirtschaft, die Exporte und die Agrarforschung (EMBRAPA, CEPLAC) zuständig ist und das Ministerium für Agrar­ent­wicklung für die bäuerliche Landwirtschaft, darunter die Agrarreform und INCRA.32

1.5.3 Die Situation in der Untersuchungsregion

Die Erfahrungen, die dieser Arbeit zugrunde liegen, wurden in einer Region des Bundesstaates Pará gemacht, die sich als eine neue "Agrarfront"33 herausgebildet hat. Darunter wird verstanden, daß die menschlichen Aktivitäten und wirtschaftlichen Transformationsprozesse auf dem Vormarsch sind und neues Territorium in die landwirtschaftliche Nutzung inkorporiert wird (Expansion).

Das Gebiet erstreckt sich ausgehend von der Stadt Altamira (Rio Xingu) etwa 350 km nach beiden Seiten entlang der von Marabá (Rio Tocantins) nach Itaituba (Rio Tapajos) verlaufenden Transamazônica und bezieht vor allem die westlich von Altamira gelegenen Munizipien Uruará, Medicilândia, sowie die östlich gelegenen Munizipien Pacajá und Anapu [Seite 22↓]ein (siehe Karte 1). Die Transamazônica, deren Asphaltierung bis heute, 30 Jahre nach ihrem Bau, immer wieder Thema politischer Versprechen ist, ist eine schlechte Erdstraße, die häufig durch Einsturz der Holzbrücken oder Schlammlöcher unterbrochen ist. Von der westlich von Itaituba gelegenen Strecke von etwa 1000 km bis Humaitá (Rio Madeira) existieren nur noch unzusammenhängende Abschnitte. In der Regenzeit sind Bereiche der Straße gelegentlich unbefahrbar. In der anderen Jahreshälfte ist der Verkehr gefährlich, weil der feine Staub die Sicht behindert. Sie ist sicher ein Hindernis für den Transport, aber zwischen 1994 und 2000 fehlte beispielsweise niemals das aus einem anderen Bundesstaat gelieferte Bier in Uruará. Problematischer ist der schlechte Zustand der Stichstraßen, in denen die Transportverbindungen unregelmäßiger sind und die Transportkosten die Vermarktung der Agrarprodukte erschweren.

In der Region herrscht ein tropisch-humides Klima vom Typ Am nach der Klassifizierung von Köppen vor, mit einer Trockenzeit (Juli bis November) und einer mittleren Temperatur, die zwischen 25° und 28°C schwankt. Die mittleren Maximal- und Minimalwerte der Temperatur erreichen 31°C beziehungsweise 22,5°C. Die mittlere Niederschlagsmenge beträgt 2.000 mm. (IDESP 1990; zitiert nach: Brandão et al. 1998). Im trockensten Monat (August) beträgt sie 49 mm und Regen fällt nur an 6,6 Tagen (Mittelwert 1983 - 1990) (Scerne & Santos 1994,17-18). Die Topographie ist hügelig. Die Böden haben im allgemeinen eine mittlere bis niedrige Fruchtbarkeit, wobei es sich vorwiegend um Podzólico Amarelo und Latossolo Amarelo handelt. Terra Roxa Estruturada Eutrófica, einer der fruchtbarsten Böden der Tropen, kommt in größeren Flecken auf etwa 8% der kolonisierten Fläche vor.34 Ein interessantes Phänomen ist die Terra Preta do Índio, ein anthropogener sehr fruchtbarer Boden mit hoher Aggregatstabilität, der in der Umgebung von ehemaligen Indianersiedlungen, vermutlich durch Akkumulation von organischer Substanz entstanden ist (vgl. Pabst 1993).

Amazonien hat mit etwa 3,44 Millionen km² eine der größten Waldreserven der Welt (Almanaque 2001a,45). Der Wald ist durch verschiedene Faktoren gefährdet. Großprojekte wie Wasser­kraft­werke, Bergbau, Straßenbau bewirken nachhaltige Veränderungen in dem Großraum. Holz­einschlag, auch wenn er zunächst nur selektiv die attraktivsten Holzarten ausbeutet, zieht weitere Ver­änderungen nach sich. So bewegt sich eine "Mahagoni-Front" durch den Urwald voran. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis rechtfertigt den illegalen Straßenbau von mehreren 100 km, um be­stimmte "Inseln" auszubeuten. Diese Straßen können später für spontane Besiedlung oder die Ausbeute weniger wertvollen Holzes genutzt werden. Nach wenigen Jahren sind abhängig von der Erreichbarkeit etwa 40% der Fläche bis zu 50 km einwärts entwaldet. Forstwirtschaft, das heißt geregelte Waldbewirtschaftung oder Aufforstung, besteht in der Praxis kaum. Es gibt Pläne der Regierung, im Rahmen des Programms "Avança Brasil" Infrastruktur im Amazonasgebiet zu schaffen, die nach Hochrechnungen im schlechtesten Fall bis zum Jahre 2020 den Waldbestand um 95% (im optimistischen Fall um 72%) reduzieren können. Dazu muß die Regierung aber ihre Investitionszusagen über diesen Zeitpunkt aufrecht erhalten. Es handelt sich um Straßen, Wasser­kraftwerke, Häfen, Holznutzung, Gasleitungen, Stromnetze und schiffbare Wasserverbindungen (Schwartz 2000; Scholz 2002,10-11). Bisher ist etwa eine Fläche von der Größe Frankreichs entwaldet (etwa 544.000 km²; etwa 14% der ursprünglichen Waldfläche). Die Entwaldung betrug 1997-99, also in 2 Jahren, 17.383 km². Da es sich dabei [Seite 23↓]aber im wesentlichen um den Kahlschlag handelt, den man vom Satellit aus entdecken kann, dürfte dieser Wert etwa doppelt so hoch sein35 (Almanaque 2001a,165)

Auch die Landwirtschaft trägt zur Entwaldung bei. War es zu Beginn vor allem die Anlage subventionierter Rinderfarmen, so rückt heute auch die bäuerliche Landwirtschaft ins öffentliche Interesse. Wenn alle 380.895 Bauern der Region Norden36 ihren auf 48% der Betriebsfläche geschätzten Waldbestand abholzen würden, würde sich damit die Waldfläche um 110.000 km² verringern, was etwa der aktuellen Entwaldung in elf Jahren entsprechen würde. Tatsächlich ist dies aber nicht zu erwarten, da das Bewußtsein der Bauern über das Risiko, keine Reserve für die Fortsetzung der Brachewirtschaft zu haben, gewachsen ist (vgl. Kitamura 1994,89-94; Scholz 2002,1-2; Almanaque 2001a,165).

In der bäuerlichen Landwirtschaft Amazoniens ist die Brachewirtschaft37 weit verbreitet, die durch die Nutzung einer Fläche für ein bis zwei Jahre (roça) und die anschließende Brache von einigen Jahren gekennzeichnet ist. Selbst in Regionen, die bereits seit mehr als 100 Jahren kolonisiert sind wie der Nordosten von Pará, behalten viele Bauern dieses traditionelle System bis heute bei, das in Bezug auf Arbeitsaufwand und Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ökonomisch und ökologisch angepaßt ist, solange ausreichende Brachezeiten eingehalten werden (Ruthenberg & Andreae 1982,131-132). Für diese Form des Wanderfeldbaus mit Rotation einer kultivierten Fläche innerhalb der langfristig genutzten Betriebsfläche wird im weiteren der Begriff Brachewirtschaft benutzt38. Dieses System bezieht sich nur auf einjährige Kulturen, die jedoch in der Untersuchungsregion häufig zusammen mit Dauerkulturen und Weideflächen im gleichen Betrieb anzutreffen sind und deren Anteil an der Betriebsfläche im allgemeinen geringer ist als die der anderen Komponenten. Häufig wird die Brachewirtschaft und die damit verbundene Brandrodung als Umweltzerstörung, vor allem wegen der Vernichtung tropischen Regenwaldes, kritisiert und Alternativen vorgeschlagen, die das Roden eindämmen und zu einer Intensivierung der Landwirtschaft führen sollen (vgl. Hurtienne 1999). Obwohl die Bauern nicht an erster Stelle hinsichtlich der Vernichtung des tropischen Regenwaldes in Amazonien stehen, sind es beträchtliche Flächen, die von ihnen gerodet werden. Eine Verlängerung des Anbaus von einem Jahr, was der Realität der untersuchten Betriebe am nächsten kommt, auf drei Jahre würde die Rodung bereits um 56% verringern. Bei vier beziehungsweise sechs Jahren kontinuierlichem Ackerbau reduziert sich die notwendige Fläche für den Rotationszyklus um 63% und 69%39.

Bereits seit über 60 Jahren wird das Ende dieser häufig als "irrational" charakterisierten Landwirtschaft und die Verwüstung der Region Nordosten von Pará vorhergesagt. So stellt [Seite 24↓]Conceição (1990,7-14) fest, daß die irreversible "Zerstörung" dieser Region seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts beschworen wird (z.B. 1984 von dem damaligen Direktor des Instituto Agronômico do Norte, dem Vorgänger der EMBRAPA-CPATU), letztlich aber nicht eingetreten sei. Martins (1992,90-93) geht auf die kontroverse Diskussion ein, ob die Bodenfruchtbarkeit im Nordosten von Pará nun abnimmt oder nicht. Die Agrarproduktion hat jedoch in dieser Region zugenommen und die Brachewirtschaft mit ihrem Management des Sekundärwaldes (Capoeira)40 hat sich als ein relativ nachhaltiges System in dieser am dichtesten besiedelten Region Parás herausgestellt. In Abaetetuba in der Region des Rio Tocantins, etwa 60 km von Belém entfernt, findet die Brachewirtschaft schon seit über 60 Jahren in den gleichen Betrieben statt.

Laut Gesetz ist eine Waldschutzzone von 50% der Fläche eines jeden landwirtschaftlichen Betriebes in Amazônia Legal festgelegt. Bereits abgeholzte Flächen müssen wieder aufgeforstet werden. Die kürzliche Erhöhung dieser Zone auf 80% wird zur Zeit vom Parlament behandelt, da es Bestrebungen gibt, dies wieder rückgängig zu machen, wobei die Auseinandersetzungen zwischen Großgrundbesitzer, Viehzüchter und Holzindustrie einerseits und Umweltschutzbewegung anderseits stattfinden. Letztere genießen die Unterstützung der Mehrheit der Brasilianer und des Umweltministeriums (Scholz 2002,4-5). Die Beibehaltung der 80% würde den Druck hin zu intensiverer Landnutzung verstärken.

An der Transamazônica fand die Kolonisierung zunächst auf einer Fläche von bis zu 12 km von der Straße entfernt statt. Das Gebiet wurde in Betriebe von 100 ha in der Nähe der Straße aufgeteilt, während weiter einwärts größere Betriebe von 500 ha für die unternehmerische Landwirtschaft verteilt wurden. Auf einer relativ kleinen Fläche werden einjährige Kulturen angebaut. Reis, Mais, Bohnen und Maniok sind vorwiegend für den Eigenverbrauch bestimmt. Die Transportsensibilität der Produkte (Preis-Gewicht-Verhältnis) entscheidet über die Möglichkeit der Vermarktung, vor allem in den Stichstraßen. Die wesentlichen Marktkulturen sind daher Kakao, Pfeffer und Kaffee. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm die Rinderhaltung und die damit verbundene Entwaldung für die Anlage von Weiden erheblich zu, um nach einigen Jahren in ein langsameres Wachstum überzugehen. Teilweise wurde dabei das Brachesystem zugunsten der Anlage von Weiden aufgegeben, indem zwischen die einjährigen Kulturen bereits Gras gepflanzt wurde, so daß kein Sekundärwald (Capoeira) mehr entstehen konnte. Dennoch haben die meisten Betriebe noch einen großen Anteil von Primär- und Sekundärwald. Die Landwirtschaft ist recht diversifiziert, wie folgende Situationsanalyse zeigt.


[Seite 25↓]

Kasten 1 : Die Bauern der Aktionsforschung über Mechanisierung in Uruará

Von 19 Bauern, die 1995 zu Beginn der Aktionsforschung befragt wurden, sind 5 Migranten aus dem Nordosten Brasiliens, 7 aus dem Südosten, 6 aus dem Süden und nur einer aus dem Bundesstaat Pará. Der Durchschnitt der Betriebsfläche ist 86 ha; wobei sich ein mittlerer Wert von 103 ha für die ursprünglich durch die Kolonisierung geschaffenen Betriebe ergibt und 21 ha für die chácaras, die aufgrund einer Betriebsteilung entstanden. Auf diesen "Kleinbetrieben", die näher an der Transamazônica oder an urbanen Zonen liegen und in ihrer Mehrheit eher kleiner als 10 ha sind, wird auf kleineren Flächen intensiv gewirtschaftet und Pfeffer oder Gemüse erzeugt. Die Fläche der 19 Betriebe wird zu 3,3% von einjährigen Kulturen eingenommen, zu 3,1% von Dauerkulturen, zu 29,5% von Weide, zu 44,9% von Primärwald und zu 17,4% von Capoeira. Die wesentliche Tätigkeit der 14 Bauern, die 1996 befragt wurden, sind Anbau von Pfeffer (2), Kakao und Rinder (2), Pfeffer und Rinder (1), Milchproduktion (2) und Bullenhaltung (2). Die übrigen Betriebe können als diversifiziert (2), als chácaras (2) oder als unterkapitalisiert41 (1) charakterisiert werden. Die Nahrungsmittelkulturen werden auf etwa 2,8 ha angebaut (Schmitz et al. 1996,219; Schmitz & Castellanet 1995).

Die Produktionssysteme sind aufgrund der Böden (Terra Roxa oder weniger fruchtbare Böden) und der Kolonisierungsgeschichte unterschiedlich, wobei der westlich von Altamira gelegene Streckenabschnitt im allgemeinen begünstigt war. In der Umgebung von Medicilândia wird Zuckerrohr angebaut, das in einer von INCRA unterhaltenen Fabrik für Zucker- und Alkoholproduktion verarbeitet wird. Der Holzeinschlag ist für die Wirtschaft der Region von großer Bedeutung. Hamelin (1994) schätzt, daß mehr als die Hälfte der monetären Einnahmen von Uruará aus der Holzwirtschaft stammen.42 Durch neuere Maßnahmen der Naturschutzbehörde Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (IBAMA) wird der Holzeinschlag erschwert. Der Rückgang der Holzwirtschaft, vielleicht auch durch ihre geringe Nachhaltigkeit, führt inzwischen auch in der Kleinstadt zu Arbeitslosigkeit.43

Die Kolonisierung hat zu einer Besiedlung mit extrem niedriger Einwohnerdichte geführt, die nach Hamelin (1994) 2 Familien pro km Stichstraße oder 2 Personen pro km² in der ländlichen Zone des Munizips beträgt. Die bis zu 50 km langen Stichstraßen, die von der Transamazônica abzweigen, sind infolge des Kolonisierungsmodells und späterer Landkonzentration vor allem in größerer Entfernung von der Hauptverbindung bewohnt, was für die Bauern mit erschwertem Zugang zu Vermarktung, Bildung, Gesundheitseinrichtungen und landwirtschaftlicher Beratung verbunden ist. Die Unterhaltung von mehr als 1.000 km Stichstraßen und zum Teil auch der von der brasilianischen Bundesregierung vernachlässigten Transamazônica bedeutet für die Munizipien eine enorme Belastung.

Die Städte entlang der Transamazônica sind erst in jüngster Zeit entstanden. Ihre Umwandlung in unabhängige Munizipien erfolgte in den 80er und 90er Jahren. Nur Altamira, die größte Stadt der Untersuchungsregion, hat wegen ihrer Lage am Rio Xingu bereits eine längere Geschichte (seit dem 18. Jahrhundert), ebenso wie Porto de Moz nahe der Mündung dieses großen Seitenflusses des Rio Amazonas. Die Einwohnerzahl (in Klammern) des städtischen und ländlichen Raumes der erwähnten Munizipien beträgt in Altamira (78.800), in Medicilândia (30.900), in Uruará (37.400), in Anapu (14.200), in Pacajá (22.035) und in Porto de Moz (24.100) (Guia 2001; O Liberal 2000; Dantas et al. 199844). Der Bau der Transamazônica (BR 230) wird heute als ein Fehler angesehen, aber es sei ein noch größerer [Seite 26↓]Fehler, diese Investition wieder aufzugeben, so die Haltung der Bewohner der Region und auch des MPST.

1.5.4 Der Rahmen der Handlungen

Für das Verständnis der Arbeit ist die Unterscheidung wichtig, auf welchen Ebenen sich die Handlungen abspielen. Im Unterschied zu vielen anderen Ländern gibt es in Brasilien im allgemeinen nicht das Dorf als den Ort, wo die Bauern wohnen. Sie haben ihr Haus normalerweise auf ihrem Betrieb. Die Entfernung zwischen den Familien hängt daher von der Größe der Betriebe ab, die wiederum mit der Besiedlungsgeschichte zusammenhängen. Die ursprünglichen Standard­betriebsgrößen (Module) sind beispielsweise im Nordosten von Pará 25 ha, im Südosten des Staates 50 ha und an der Transamazônica 100 ha. Es wurde zwar versucht, beim Bau der Transamazônica mit der Gründung von Agrovilas Agglomerationen zu schaffen, aber die große Mehrheit der Bauern wohnt außerhalb. Einige entwickelten sich zum Kern für die Bildung von Städten, andere wurden zu kleinen Weilern mit einigen Geschäften oder kleineren Betrieben (chácaras). Daher müssen für kollektive Aktivitäten andere Handlungsebenen als das Dorf gesucht werden. Zeitweise konnte man von den Comunidades ausgehen. Mit der Zunahme der evangelischen Kirchen verlor die Comunidade, eine Basiseinheit der katholischen Kirche, jedoch die Funktion, eine handlungsfähige lokale Einheit zu sein. Daher wird heute der Begriff Lokalität für die kleinste räumlich-soziale Einheit benutzt, um beispielsweise gemeinsames Ressourcenmanagement zu verwirklichen (vgl. Castellanet et al. 2000). Das kann ein Abschnitt einer Stichstraße sein, in dem eine bestimmte Religionszugehörigkeit vorherrscht45, eine Agrovila oder .ein kleines Ansiedlungsgebiet. Wesentlich ist, daß die Möglichkeit der Handlungsfähigkeit besteht. Die Lokalität muß für den jeweiligen Untersuchungszweck definiert werden. Darunter gibt es natürlich die Interessengruppe oder die Familie als kleinste kollektive Handlungseinheiten. Die größeren handlungsfähigen Einheiten sind das Munizip, die Region46, der Bundestaat (in diesem Fall Pará) und die nationale Ebene.47


[Seite 27↓]

Kasten 2 : Informationen über den größeren Rahmen dieser Arbeit

Die Föderative Republik Brasilien ist in 27 Bundesstaaten aufgeteilt (siehe Karte 2), deren Autonomie in etwa mit den deutschen Bundesländern zu vergleichen ist. Brasilien hatte im Jahr 2000 eine geschätzte Bevölkerung von 166,1 Millionen Einwohnern, ist mit 8.547.403,5 km² 24 mal größer als Deutschland, ist die achtgrößte Wirtschaftsmacht mit einem Bruttosozialprodukt von 558 Mrd. US$, das zu 9,1% von der Landwirtschaft, zu 31,1% von der Industrie und zu 57,8 von Dienstleistungen erwirtschaftet wird. Das statistische Einkommen pro Kopf und Jahr ergibt 3401 US$ (Almanaque 2001b,139). Das Land exportiert unter anderem Verkehrsflugzeuge in die USA. 26% der Haushalte werden "von Frauen geleitet", wobei es sich vor allem um alleinerziehende Mütter handeln dürfte. Die Lebenserwartung beträgt 68,1 Jahre (Almanaque 2001a,115). Brasilien ist eines der Länder der Welt mit der größten sozialen Ungleichheit, die auf extremer Konzentration von Land und Einkommen basiert.

Die Währung ist seit 1994 der Real, dessen Wert anfangs 1 US$ betrug, heute (April 2002) entspricht 1 R$ etwa 2,28 US$ (oder 0,5 Euro). Die Inflation dürfte in dieser Zeit etwa 100% betragen haben, was in etwa die in dieser Zeit erfolgte Abwertung begleitet (Almanaque 2001a,74; Folha de São Paulo 2002).

Pará ist mit 1.253.164,5 km² der zweitgrößte Bundesstaat (etwa 15% der Fläche Brasiliens oder zweieinhalbfache Größe der Bundesrepublik Deutschland; siehe Karte 3) (Almanaque 2001a,205). Die Bevölkerung beträgt 6,2 Millionen Einwohner.

Karte 3: Bundesstaat Pará

Quelle: Mello et al. (2000.)

Meine Einbindung in der Untersuchungsregion war zunächst das Programm Forschung - Ausbildung - Entwicklung (Pesquisa - Formação - Desenvolvimento - PFD), das mit der Gründung des CAT (Centro Agro-Ambiental do Tocantins) begann, einem Versuch, die Arbeit der Universität (UFPA) für die sozialen Bewegungen und speziell die Bauern in der Region Marabá nutzbar zu machen. Führende Persönlichkeit in diesem Prozeß war Jean [Seite 28↓]Hébette, der das CAT und das Programm leitete. Das CAT setzte sich aus einer Forschungsorganisation, dem LASAT (Laboratório Sócio-Agronômico do Tocantins) und der FATA (Fundação Agrária do Tocantins-Araguaia), einem Zusammenschluß der Bauerngewerkschaften (STR) von vier Munizipen, zusammen (Hébette & Navegantes 2000; Reynal et al. 1995). Die Erkenntnis, daß diese Entwicklungsprozesse geeignete Fachkräfte erforderten, führte 1991 zur Gründung eines einjährigen interdisziplinären Aufbaukurses für Agrarwissenschaftler in Bäuerlicher Landwirtschaft und Nachhaltiger Entwicklung (DAZ), der später um einen Masterstudiengang erweitert wurde.48 Diese Studiengänge bildeten bereits über 80 Fachkräfte aus, die eine wichtige Rolle in den Organisationen Amazoniens spielen. Die Forderungen der Bauern an der Transamazônica führten zur Gründung eines ähnlichen Laboratório im Rahmen des Programmes, dem LAET in Altamira, mit dem ich assoziiert war. Später trat ich in den Núcleo de Estudos Integrados sobre Agricultura Familiar (NEAF - Fachgebiet für Studien über bäuerliche Landwirtschaft) der Agrarfakultät (CAP - Centro Agropecuário, "Agarforschungszentrum") der UFPA ein. Inzwischen hatte sich die Konstellation verändert und NEAF stand nun an der Spitze des Programmes PFD mit den assoziierten Equipen von LASAT in Marabá und LAET in Altamira sowie den beiden Studiengängen, denen das Grundstudium in Agrarwissenschaften (Curso de Licenciatura Plena em Ciências Agrárias) in Altamira und Marabá folgte. Die Idee war, Studiengänge, Forschung in der Region und Entwicklungsprozesse auch inhaltlich miteinander zu verknüpfen. Die Bundesuniversität von Pará (UFPA) wird von der brasilianischen Bundesregierung unterhalten und ist mit etwa 25.000 Studenten eine relativ große Universität, die in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Gründung verschiedener Campi (Santarém, Altamira, Marabá, etc.) einen Teil ihrer Aktivitäten ins Landesinnere von Pará verlagerte.

1.6 Der Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist in sechs Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel werden der Anlaß für die Arbeit (Kap. 1.1), das Problem (Kap. 1.2) und das Ziel (Kap. 1.3) der Forschung, die Hypothesen und Forschungsfragen (Kap. 1.4) sowie der Kontext der Untersuchung (Kap. 1.5) vorgestellt.

Das zweite Kapitel behandelt die in der Forschung angewandten Methoden. Zunächst werden die in die engere Wahl eingegangenen Methoden diskutiert (Kap. 2.1), sodann die gewählte Methodenkombination begründet sowie die Datenerhebung und Auswertung präsentiert (Kap. 2.2). Anschließend wird die eigene Rolle in der Untersuchung problematisiert und auf die Vorkehrungen zur Reduzierung möglicher Verzerrungen eingegangen (Kap. 2.3).

Das dritte Kapitel behandelt die in Forschung und Beratung eingesetzten Konzepte. Dazu werden die verschiedenen für Brasilien relevanten Ansätze seit der Gründung des landwirtschaftlichen Beratungsdienstes analysiert (Kap. 3.1), wobei die Literaturanalyse durch eigene Erfahrungen ergänzt wird. Im Anschluß werden die Veränderungen der [Seite 29↓]Konzepte in der Beratung analysiert (Kap. 3.2), wobei zunächst auf die generelle Problematik des Konzeptes und die möglichen Veränderungen, die die Beratung bewirken soll, eingegangen wird. Danach werden drei unter­schiedliche Beratungsansätze vorgestellt. Dem Diffusionsmodell als einem Beeinflussungsmodell mit linearer Kommunikation und seiner bekanntesten Version, dem Training and Visit System, werden die Modelle der Beeinflussung mit nicht-linearer Kommunikation gegenübergestellt, die An­regungen durch die Idee des Landwirtschaftlichen Wissenssystem erhielten und in dem partnerzentrierten Beratungsansatz eine klare Ausprägung fand. Als drittes Thema wird die Bedeutung der Erziehung im Veränderungsprozeß behandelt, da ihr in der landwirtschaftlichen Beratung häufig ein hoher Stellenwert beigemessen wird, unter anderem infolge der Arbeit von Paulo Freire. Dieser Abschnitt schließt mit einer ersten Diskussion über das Leitbild und das Rollen­verständnis des Beraters ab. Unter dem Thema "Forschung in Verbindung mit ent­wicklungs­orientierten Aktionen" werden Ansätze behandelt, die die Interaktion zwischen Forschern und Bauern in den Vordergrund stellen (Kap. 3.3): die Aktionsforschung, darunter auch die in Latein­amerika zeitweise sehr beachtete pesquisa participante, und die Entwicklungsorientierte Forschung mit ihren verschiedenen Varianten. Anschließend wird unter dem Thema Partizipation und Partnerschaft (Kap. 3.4) die Begründung und das Verständnis von Partizipation behandelt, zwei ausgewählte "Partizipative Ansätze" diskutiert und im Rahmen der Debatte über die Reichweite dieser Ansätze die Partnerschaft als eine spezifische Form der Partizipation eingeführt. Zum Schluß dieses Kapitels wird ein erstes Zwischenergebnis vorgestellt, das auch auf die Frage der Stärkung der Zielgruppe (empowerment) eingeht und die Eignung der Ansätze für ein klientenorientiertes Forschungs- und Beratungssystem diskutiert (Kap. 3.5).

Im vierten Kapitel werden die beiden Fallstudien vorgestellt. Im ersten Fall (Kap. 4.1) wird im Rahmen einer Entwicklungsorientierten Forschung mit Gruppen von Bauern die Möglichkeit der Mechanisierung im Rahmen des Übergangs von der Brachewirtschaft zu einer intensiveren Landwirtschaftsform, mit längerer Nutzung der gleichen Parzelle, und damit der Reduzierung der Abholzung in der Region der Transamazônica (Bundesstaat Pará) untersucht. Diese Arbeit, deren Kern eine Aktionsforschung ist, gibt Einblicke in die Beziehungen zwischen den beteiligten Akteuren und deren Interessen sowie die Einwirkungen aus den "übergeordneten Handlungs­ebenen". Diese Forschung ist in eine Partnerschaft zwischen einer Forschungsorganisation (LAET) und einer Bauernorganisation (MPST) eingebunden, deren Problematik ebenfalls analysiert wird. Im zweiten Fall wird der Aufbau eines bundesweiten landwirtschaftlichen Beratungsdienstes auf der Ebene des Bundesstaates Pará und die Orientierung von drei interdisziplinären Beratergruppen in der gleichen Region (Transamazônica) analysiert (Kap. 4.2). Die Darstellung der Fallbeispiele erfüllt zwei Aufgaben: neben einem zusammenhängenden Überblick über die beiden Projekte, liefern sie bereits Informationen, die im nächsten Kapitel aufgegriffen werden. Diese Form der Darstellung wird gewählt, um das Verständnis für die Dynamik der beiden Fälle zu erleichtern, das allein durch die isolierte Diskussion einzelner Aspekte unter den verschiedenen Blickwinkeln der Schlüsselelemente nicht herzustellen wäre. Wiederholungen werden jedoch vermieden. So wird ein großer Teil der Fakten erst im folgenden Kapitel beschrieben.

Das fünfte Kapitel ist der Analyse der beiden Fallstudien und der Identifizierung und dem Verstehen von Problemfeldern partizipativer Zusammenarbeit und Partnerschaft gewidmet, die in Form eines an ausgewählten Schlüsselelementen orientierten Dialogs zwischen theoretischen und praktischen Erkenntnissen realisiert wird. Da in den einzelnen thematischen Abschnitten Bezug auf unterschiedliche theoretische Ansätze genommen wird, erfolgt eine ausführlich Erläuterung zu Beginn (Kap. 5.1). Daher werden hier nur kurz die behandelten Elemente genannt: Einstellung, Motivation und Fähigkeit (Kap. 5.2), Bedarf (Kap. 5.3), [Seite 30↓]Macht (Kap. 5.4), Organisationen (Kap. 5.5), Konflikte (Kap. 5.6), Vertrauen (Kap. 5.7) und Verhandlungen (Kap. 5.8).

Kapitel sechs faßt die in den Fallstudien und dem Dialog zwischen Theorie und Praxis gewonnenen Ergebnisse zusammen. An erster Stelle werden die Erkenntnisse über die Beziehungen und Interaktionen zwischen den verschiedenen Akteuren und der Beitrag zu einem besseren theoretischen und praktischen Verständnis der Partnerschaft behandelt, um eine Antwort auf die aufgestellten Hypothesen und Forschungsfragen zu geben (Kap. 6.1). An zweiter Stelle werden die sich daraus ergebenden Ideen für einen konkreten, auf die Situation im Untersuchungsgebiet abgestimmten Vorschlag vorgestellt (Kap. 6.2).

Wegen der gewählten Vorgehensweise, die Elemente der Partnerschaft in einem Dialog zwischen Theorie und Praxis zu behandeln, war es nicht möglich, die theoretischen Ausführungen an einem Ort zu konzentrieren. Sie wären zu umfangreich geworden und zu sehr losgelöst von der jeweiligen Notwendigkeit gewesen. Daher wird die Theorie dort diskutiert, wo sie gebraucht wird: die Forschungsmethode wird in Kapitel 2 zur Diskussion gestellt, die Ansätze der landwirtschaftlichen Forschung und Beratung und ihr Verhältnis zu Partizipation und Partnerschaft werden in Kapitel 3 behandelt, während die theoretische Auseinandersetzung im Dialog mit den Erfahrungen aus den Fallstudien in jedem einzelnen Abschnitt des Kapitels 5 erfolgt. Zur besseren Einordnung dieser Debatte wird ihr eine Kontextualisierung des theoretischen Hintergrundes vorangestellt (Kap. 5.1). Ich habe mich bemüht Wiederholungen zu vermeiden. Nur im Fall der Aktionsforschung mußte eine kurze Vorstellung bereits bei den Forschungsmethoden erfolgen. Sie sollte aber nicht aus der zusammenhängenden Vorstellung der landwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungsansätze herausgelöst werden. Aus diesem Grund wird sie erst zusammen mit den anderen aktionsorientierten Ansätzen in Kapitel 3 ausführlich behandelt.

In dieser Arbeit wird als Darstellungselement häufig der Kasten benutzt. Er wird dort eingesetzt, wo Erläuterungen erfolgen, die sich nicht selbstverständlich in den Lesefluß einordnen. Es kann sich dabei um Definitionen, Exkurse, Beispiele, Daten, Interviews oder Übersichten handeln. Wegen der besseren Lesbarkeit verzichte ich darauf, ausdrücklich zwischen männlichen und weiblichen Formen, beispielsweise Bäuerinnen und Bauern (oder BäuerInnen), zu unterscheiden, wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen gemeint sind. Alle Worte mit männlichen Endungen bezeichnen deren Klasse und nicht das Geschlecht dieser Personen. Wenn nicht ausdrücklich anders erwähnt, stammen die Übersetzungen von fremdsprachigen Publikationen (vgl. Literaturverzeichnis) vom Autor.


Fußnoten und Endnoten

1 Die Transamazônica ist eine Straße, die Anfang der 70er Jahre in den Urwald Amazoniens gebaut wurde. Der Name wird im weiteren sowohl für die Straße, als auch für die Region benutzt. Sie ist die einzige Verbindung zu Land; vor ihrem Bau erfolgte der Verkehr über die Flüsse. Nur nach Altamira existierte eine sehr einfache Landverbindung.

2 Der brasilianische Begriff "Familienlandwirtschaft" (Agricultura Familiar) für die Kategorie, mit der in der Untersuchung gearbeitet wird, wird hier mit "bäuerlicher Landwirtschaft" übersetzt, die dementsprechend von "Bauern" betrieben wird (siehe Kap. 1.5.2).

3 Wenn nicht ausdrücklich anders erwähnt, stammen die Übersetzungen von fremdsprachigen Publikationen (vgl. Literaturverzeichnis) vom Autor.

4 Der Begriff Institution bedeutet (öffentliche, staatliche oder kirchliche) Einrichtung (z.B. Parlament, Behörde, Stiftung, Gesellschaft). Er wird in dieser Arbeit vorwiegend in diesem Sinne benutzt, z.B. für eine formale Organisation mit staatlichem Einfluß, z.B. ein Agrarforschungsinstitut. Wohlgemuth (1991,35) weist auf die Problematik hin, für sozio-technische Systeme, die Organisation genannt werden, den Begriff "Institution" zu verwenden, da er auch für kulturelle Einrichtungen wie Ehe und Eigentum gebraucht wird.

5 Glauco Olinger war von 1979 bis 1985 Präsident der Empresa Brasileira de Assistência Técnica e Extensão Rural - EMBRATER, die von 1976 bis 1990 auf nationaler Ebene in Brasilien für Beratungsfragen zuständig war (Martins, A.C.S. 1996,32).

6 Der "Agroindustrielle Komplex" umfaßt die Vorleistungen zur Produktion (Saatgut, Maschinen, Düngemittel, etc.), die eigentliche Produktion im landwirtschaftlichen Betrieb und den gesamten Nacherntebereich bis hin zum Konsumenten (Vermarktung, Transport, Verarbeitung), der erst aufgrund der landwirtschaftlichen Produktion möglich ist und einen starken regionalen Bezug hat (z.B. befinden sich Zentren der Fleischverarbeitung oder der Milchwirtschaft in der Nähe der Schwerpunkte der Produktion).

7 Dieser Begriff wird in dieser Arbeit synonym zum Begriff des Farming Systems Research und der Recherche-Développement (portugiesisch pesquisa-desenvolvimento) verwendet (vgl. Pillot 1987, 1992; Jouve 1995).

8 Mit dem Gebrauch dieses "neudeutschen Begriffes" für facilitator schließe ich mich Schwedersky et al. (1997,92) an.

9 Das Landwirtschaftliche Wissenssystem besteht aus drei Teilsystemen, der Forschung als Produzent, der Beratung als Übermittler und den Bauern als diejenigen, die innovatives Wissen in den Produktionsprozeß integrieren. Zwischen den Teilsystemen findet ein effizienter Kommunikationsfluß in beide Richtungen statt (vgl. Nagel 1979,147). Da es jedoch nicht nur um Information und Wissen geht, soll später geprüft werden, ob dieser Begriff mit dieser Definition für die Problemstellung dieser Arbeit angemessen ist.

10  Movimento pela Sobrevivência na Transamazônica, in Altamira.

11 Zum Begriff der Lokalität siehe Kap. 1.5.4.

12 Allein diese Tatsache weist auf ein erhebliches Untersuchungspotential hin, wie auch Arbeiten in anderen Zusammenhängen zeigen (vgl. Villareal 1992).

13 Daher soll die Arbeit ins Portugiesische übersetzt werden, was durch die Tatsache erleichtert wird, daß ein beträchtlicher Teil der Ideen zu der Arbeit auf portugiesisch geschrieben wurde.

14 Auf die Nummerierung der Hypothesen wird in der Diskussion der Ergebnisse und Schlußfolgerungen (Kap. 6.1.2) Bezug genommen.

15 Persönliche Mitteilung Tarcísio Feitosa da Silva (2002), Mitarbeiter des Conselho Indigenista Missionário (CIMI), einer Einrichtung der katholischen Bischofskonferenz Brasiliens. Vgl. auch J.S. Martins (1996).

16 Dies trifft auch für das Verhältnis, z.B. der Bundesbehörden untereinander, zu.

17 Patrimonialismus stellt eine Form der politischen Herrschaft dar, in der die Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre nicht existiert (vgl. Weber 1994,155; Sorj 2001,13-16).

18 Unternehmerische Landwirte, in der Region häufig durch extensive Rinderhaltung mit geringen Investitionen gekennzeichnet. Vor der letzten Währungsreform hatte Landbesitz stark spekultiven Charakter, was sich jedoch durch den starken Rückgang der Inflation (von etwa 30% im Monat auf etwa 10% im Jahr) und der Bodenpreise (etwa auf die Hälfte) veränderte.

19 Seit 1961 war die Größe des Munizips Altamira 153.862 km² (IDESP 1977,67). Später wurden die Munizipien Medicilândia und Brasil Novo gebildet, so daß heute das Gebiet von Altamira etwa 130.000 km² betragen dürfte.

20 Die Gründung erfolgte in Form einer Stiftung (Fundação Viver, Produzir, Preservar - FVPP: Stiftung Leben, Produzieren, Bewahren), wobei der Name MPST nach außen beibehalten wurde. Zur Entstehung des MPST als neuer sozialer Akteur siehe Henchen (2002,31-38).

21 Der Name, der Gewerkschaft der Landarbeiter bedeutet, wird der tatsächlichen Zusammensetzung seiner Mitglieder nicht gerecht. In der Untersuchungsregion, aber auch in den meisten anderen Regionen Brasiliens, stellen die Kleinbauern den überwiegenden Teil der Mitglieder dar. Die eigentlichen Landarbeiter werden sowohl von Großbetrieben (Fazendas) als auch von den Kleinbauern als Tagelöhner angestellt. Daneben gibt es andere soziale Kategorien, auf die jedoch hier nicht eingegangen wird (meeiros, agregados, empreiteiros, etc.). Die sozialen Konflikte zwischen den verschiedenen Kategorien werden durch die Tatsache, daß sie von einer gemeinsamen Gewerkschaft vertreten werden, oft verdeckt. In Lateinamerika sind Brasilien und Paraguay die beiden einzigen Länder, in denen Landarbeiter und Bauern gemeinsam organisiert sind. Gegenwärtig gibt es in der Confederação Nacional dos Trabalhadores na Agricultura (CONTAG) umstrittene Bestrebungen, auch in Brasilien für die Organisierung der Bauern und Landarbeiter zwei Gewerkschaften zu haben.

22 Kann mit "Aufschrei des Landes" übersetzt werden.

23 Die FETAGRI vertritt auch die Bauern des kleineren Bundesstaates Amapá mit, der nördlich von Pará an Französisch Guyana grenzt.

24 Proambiente ist ein Projekt der Federações dos Trabalhadores na Agricultura da Amazônia Legal (Zusammenschluß von neun repräsentativen Organisationen der ländlichen Produzenten in Amazonien, ein­schließlich des Bundesstaates Mato Grosso und des westlichen Teils von Maranhão; eine der Organisationen ist die FETAGRI).

25 Kirchliche Organisation für Landrechts- und Bauernangelegenheiten, die mit der katholischen Bischofs­konferenz verbunden ist.

26 Das MPST nannte sich im Zuge seiner Umwandlung in eine regionale Entwicklungsorganisation im Jahr 2000 in Movimento pelo Desenvolvimento da Transamazônica e Xingu (MDTX) um.

27 Mögliche Motive: Raubüberfall, sein Engagement gegen die Umstände der Realisierung eines Großprojektes von Wasserkraftwerken am Rio Xingu, sein Beitrag zur Aufklärung der Zweckentfremdung von Entwicklungsgeldern für Amazonien (Fall SUDAM, Superintendência para o Desenvolvimento da Amazônia) oder sein Beitrag zur Aufklärung der zahlreichen Überfälle zum Raub von Fahrzeugen an der Transamazônica.

28 Diese "größte regionale Fläche" beträgt im Norden 1.222 ha (Guanziroli et al. 2001,108). In fast allen Regionen des Bundesstaates Pará dominiert die Familienarbeitskraft in den Betrieben bis 200 ha.

29 Für Einzelheiten der Abgrenzung und Berechnung sei auf Guanziroli et al. (2001) verwiesen, die im wesentlichen dem Ansatz von Marc Dufumier folgen, der zahlreiche Einsätze im Rahmen der Zu­sammen­arbeit FAO/INCRA realisierte. Die Daten wurden auf der Basis des Agrarzensus 1995/96 des Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE) errechnet.

30 Vgl. Guanziroli et al. (2001,109). Dabei muß berücksichtigt werden, daß der Tagelöhner nicht jeden Tag Arbeit findet. Man müßte also das tatsächliche Jahreseinkommen dieser Kategorie für den Vergleich her­an­ziehen.

31 Dabei handelt es sich im Grunde genommen eher um eine Politik der Regelung und Konsolidierung bereits geschaffener Fakten und der aktuellen Konfliktlösung.

32 Über die Agrarpolitik seit 1980 vgl. Leite (2001).

33 Auf die Diskussion über die Verwendung der unterschiedlichen Begriffe (frente agrícola; frente pioneira; frente de expansão; fronteira agrícola; fronteira agrária) für dieses Phänomen kann hier nicht eingegangen werden (vgl. Velho 1981; Martins, J.S. 1996; Lima 1991,63-65; Silva 1982,114-115).

34 Die Terra Roxa Estruturada Eutrófica kommt in etwa 10% der Fläche vor, auf der die Transamazônica angelegt wurde (Falesi 1972, 1986). Betrachtet man jedoch die von der Landwirtschaft besetzte Fläche von 50 km zu beiden Seiten der Straße, so kann man nach Schätzungen von LAET von etwa 8% der Fläche ausgehen. Zur Korrelation der brasilianischen Bodenklassifizierung mit anderen Systemen sei auf Sanchez (1976,54-68) verwiesen.

35 Diese Werte beziehen sich auf Amazônia Legal, einer Einheit, die zusätzlich zu den Bundesstaaten der Nordregion Mato Grosso und den westlichenTeil von Maranhão umfaßt. Da dieser Großraum sehr unterschiedliche Ökosysteme einschließt, ist er für die Analyse von Phänomenen, wie die Entwaldung, wenig geeignet.

36 Die Zahlen sind nur auf die Entwaldung der Nordregion (1997-98: 9.905 km²) bezogen und mit dem Faktor zwei multipliziert. Tatsächlich dürfte Tocantins wegen seiner Lage außerhalb des tropischen Regenwaldesgebietes nicht in die Rechnung einbezogen werden, was die errechnete Fläche um etwa 10% reduzieren würde.

37 Ruthenberg & Andreae (1982) nennen sie in ihrer allgemeinen Form Urwechselwirtschaft.

38 Die Literatur unterscheidet nicht immer zwischen den beiden Ausdrücken für dieses System. So benutzt Kitamura (1982) Wanderfeldbau (agricultura migratória), Flohrschütz (1983) und Walker et al. (1997) sprechen von Wechselwirtschaft (agricultura itinerante). Es ist sicher noch eine tiefere Reflexion über den Begriff der Brachewirtschaft und die Klassifizierung der komplexen landwirtschaftlichen Be­triebs­systeme im Amazonasgebiet erforderlich.

39 Bei der Rechnung wurde davon ausgegangen, daß jedes Jahr eine neue Teilfläche gerodet wird (kontinuier­liche Rodung). Die zugrundegelegte Brachedauer beträgt 5 Jahre, was der Realität nahe kommt.

40 Mit Capoeira wird im weiteren jeglicher Brachewuchs bezeichnet, unabhängig von ihrem Alter.

41 Unterkapitalisierung (descapitalização) bedeutet, daß die Ausstattung (Fläche, Geräte, Betriebsmittel, Tiere) nicht ausreicht, um von dem Betrieb zu leben und daher zusätzlich anderen Tätigkeiten nachgegangen werden muß, so daß die notwendige Arbeitskraft für das Wachstum des Betriebes fehlt.

42 Hamelin vergleicht aber nur 3 Arten von Einnahmen: direkte Transfer, wie munizipale Steuereinnahmen, Rente, Kreditprojekte (22,5%), landwirtschaftliche Produktion (nur Marktprodukte; 20,5%), Holzverwertung (57,0%). Diese nach eigener Berechnung gebildeten Mittelwerte aus den zwei Jahren 1993 und 1994 können je­doch nur als momentaner Ausschnitt angesehen werden, da sie starken Veränderungen unterliegen (z.B. Ab­nahme der monetären Einnahmen aus der Landwirtschaft von 1993 zu 1994 um 22% in absoluten Zahlen.)

43 François Glory, katholischer Pfarrer von Uruará; persönliche Mitteilung (2002).

44 Eigene Berechnung anhand der Angaben über Wahlberechtigte. Alle Daten sind wegen der Dynamik der Bevölkerungsentwicklung, des Interesses der Munizipien an hohen Zahlen zur Erhöhung der Steuertransfers und der Unzuverlässigkeit der Statistiken in einer Region mit den Entfernungen Amazoniens nur als Anhaltswerte zu betrachten. So stieg die Einwohnerzahl von Uruará nach Angaben der Präfektur bereits im Jahr 1993 auf 56.029 an (Brandão et al. 1995), was jedoch später durch IBGE auf 29.300 Einwohner (1995) reduziert wurde (Simões 1996,3).

45 Oft ist die Arbeit mit Anhängern unterschiedlicher Kirchen schwierig, da sie unterschiedliche Gewohnheiten haben. So müssen Anhänger evangelischer Kirchen Alkohol, Tanz, freizügige Kleidung meiden. Andere Kriterien für die Bildung einer Lokalität können Verwandtschaft, Engagement in der Gewerkschaft, Einfluß einer Führungspersönlichkeit oder Abstammung aus dem gleichen Großraum (Süden, Nordosten Brasiliens) sein.

46 Der Begriff "Region" wird in dieser Arbeit nicht für einen Großraum (Makroregion) gebraucht, bei­spiels­weise Westafrika oder Andengebiet (vgl. Okali et al. 1994,16), sondern stellt eine Einheit von der Art des Einflußgebietes der Transamazônica dar (eine Mikroregion). Ihre Handlungsfähigkeit hängt dabei von der Existenz organisierter Gebilde ab, z.B. einer regionalen Bauernorganisation oder ein effektiver Zu­sammen­schluß der Präfekturen dieses Raumes. Auf den Gebrauch des Begriffes "Region" für statistische Zwecke (z.B. Region Norden) wird an dieser Stelle hingewiesen, in der weiteren Arbeit wird der Begriff jedoch nur in dem eingangs beschriebenen Sinne benutzt.

47 Der Begriff Munizip wird in dieser Arbeit beibehalten, da ein Munizip sehr groß sein kann (Altamira 130.000 km², Uruará 10.839 km²), mehrere Städte umfassen kann und im allgemeinen dem Präfekten mehr Macht zuweist als in einer Gemeinde in Deutschland (es gibt nur drei hierarchische Stufen in Brasilien).

48 Mit dem an Entwicklungsorientierter Forschung ausgerichteten Ansatz und einem Praktikum in bäuerlichen Familien im Landesinnern zu vier unterschiedlichen Zeiten des landwirtschaftlichen Jahres (jeweils drei Wochen) brach der Kurs mit der traditionellen Ausbildung in den Agrarwissenschaften. Der Name DAZ war eine Anpassung des ursprünglich an der Université des Antilles e de la Guyane (UAG) entwickelten Konzeptes und bezog sich auf Desenvolvimento (D) und Amazônia (AZ). Den Aufbaukurs habe ich von 1996 bis 1998 geleitet und den Masterstudiengang von 1996 bis 2000.



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13.08.2004