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2  Forschungsmethode

2.1 Methoden und deren Abgrenzung

2.1.1 Qualitative Sozialforschung

Die Dynamik des sozialen Wandels in der heutigen Gesellschaft erklärt die Feststellung Herbert Blumers (1973; zitiert nach: Flick 1999,10): "Die Ausgangsposition des Sozialwissenschaftlers und des Psychologen ist praktisch immer durch das Fehlen des Vertrautseins mit dem, was tatsächlich in dem für die Studie ausgesuchten Bereich des Lebens geschieht, gekennzeichnet." Die Forschung ist daher in stärkerem Maße auf induktive Vorgehensweisen verwiesen. Für die Untersuchung sozialer Zusammenhänge, in denen neue Phänomene aufgrund rascher Ver­änderungen auftreten, wie die Erfahrung einer Partnerschaft zwischen Bauern, Beratern, Forschern und ihren Organisationen in einer Region, die erst in den letzten 30 Jahren kolonisiert wurde, ist be­sonders die qualitative Forschung geeignet, die darauf abzielt, das untersuchte Geschehen zu ver­stehen.

Die qualitative Sozialforschung entstand als Versuch, eine von den Methoden der Natur­wissen­schaften unabhängige eigene Methode zu entwickeln, die den Zielen der Sozialwissenschaften, die Untersuchung menschlicher und sozialer Phänomene, angemessener ist. Physik und andere Naturwissenschaften ließen sich zu diesem Zeitpunkt, dem Ende des 19. Jahrhunderts, von positivistischen Sichtweisen leiten. Es waren vor allem Dilthey und Weber, die das Verstehen der Tatsachen in ihrem jeweiligen Kontext als wesentliches Ziel betonten und daher Ansätze benutzten, die sich mit der Interpretation der Bedeutungen beschäftigten, die die Subjekte ihren Handlungen beimessen. Diese neue Position, die auch als idealistisch und subjektiv bezeichnet werden kann, stellte sich der positivistischen "Weltanschauung" entgegen. Dies führte zu einer Aus­einander­setzung zwischen qualitativen und quantitativen Methoden, die von beiden Seiten betrieben wurde und sich bis zum Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinzog. André (2000,25; Erstaufl. 1995) hält diese Phase heute für überwunden, aber die Abgrenzung wird von vielen Wissenschaftlern, auch innerhalb der Thematik dieser Arbeit noch als wesentlich empfunden, wie beispielsweise Jiggins & Röling (1997).

Verschiedene Strömungen in der Soziologie wie die Hermeneutik, Phänomenologie, der Symbolische Interaktionismus, die Ethnomethodologie und die Ethnographie1 haben die qualitative Sozialforschung beeinflußt. Während des letzten Jahrhunderts hat es jedoch keine kontinuierliche Entwicklung gegeben, sondern einzelne Disziplinen orientierten sich zeitweise an anderen Paradigmen. Die Erziehungswissenschaften waren zeitweise von der Psychologie dominiert, die sich von Comtes Positivismus leiten ließ, und die Soziologie wurde mehr als 20 Jahre vom Funktionalismus beherrscht, so daß man erst ab den 60er Jahren, ausgelöst vor allem durch die sozialen Bewegungen dieser Epoche, eine Weiterentwicklung der qualitativen Ansätze feststellen kann (André 2000,18.20).


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Auch wenn es unterschiedliche Vorstellungen über die qualitative Sozialforschung gibt, scheint eine Ansicht jedoch sehr populär zu sein, nämlich daß es eine Vorgehensweise ist, die keine Zahlen einbezieht. Das "Unbehagen an der unreflektierten Anwendung" (Lamnek 1995a,1) quantitativer Forschungsmethoden hat sicher dazu beigetragen, daß die qualitative Sozialforschung sich zunächst negativ abgegrenzte: eine kleine Zahl von Untersuchungspersonen; keine echten Stichproben nach dem Zufallsprinzip; keine quantitativen Variablen und keine statistischen Analysen. Für André (2000,24) ist die Tatsache, daß Zahlen verwendet werden (was für manche Untersuchungen sehr wichtig sein kann), nicht ausschlaggebend, um eine Untersuchung der positivistischen Linie zuzuordnen. Es kommt vielmehr auf die Fragen an, die diesem Instrument gestellt werden, und auf die theoretische Haltung sowie die Werte, auf die der Forscher sich bezieht. Dabei spielt beispielsweise eine Rolle, ob der subjektive Faktor Anerkennung findet und wie die Einbeziehung des Forschers als einer der Akteure beurteilt wird.

Die qualitativen Methoden können auf unterschiedlichen theoretischen Sichtweisen basieren. Die ethnographische Forschung kann beispielsweise einer strukturalistischen Linie folgen, phänomenologisch orientiert sein oder sich auf die Kritische Theorie oder den Historischen Materialismus beziehen. Lamnek (1995b,400) sieht die qualitative Sozialforschung als Sammel­bezeichnung für Verfahren an, die sich am interpretativen Paradigma orientieren. André (2000,24-25) hält es nicht für überzeugend, den Begriff quantitative Forschung zu benutzen, um eine positivistische Perspektive zu kennzeichnen. Die Betonung des Gegensatzes zwischen qualitativer und quantitativer Forschung, die in einem bestimmten historischen Moment notwendig war, wird von ihr heute als überholt angesehen, was erlaubt, den Blick auf die wesentlichen Merkmale dieser Forschung zu richten.

Flick (1999,40) arbeitet folgende Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen theoretischen Positionen heraus: Verstehen als Erkenntnisprinzip (das Geschehen soll von innen heraus verstanden werden); Fallkonstruktion als Ausgangspunkt (zunächst wird am Einzelfall angesetzt); Konstruktion von Wirklichkeit als Grundlage (Wirklichkeit ist nicht vorgegeben, sondern wird von unterschiedlichen Instanzen konstruiert) und Text als empirisches Material (es werden Texte produziert, an denen die eigentlichen empirischen Analysen vorgenommen werden).

Neben der aus der quantitativen Forschung bekannten Vorab-Festlegung der Samplestruktur, die auch der Stichprobenziehung zugrunde liegt, kennt die qualitative Forschung auch die schrittweise Festlegung der Samplestruktur. Diese Vorgehensweise orientiert sich unter anderem an dem von Glaser & Strauss (1967; zitiert nach: Flick 1999,81-82) entwickelten theoretischen Sampling, das den Prozeß der Datensammlung zur Generierung von Theorien bezeichnet, "... wobei der Forscher seine Daten gleichzeitig sammelt, kodiert und analysiert und dabei entscheidet, welche Daten als nächste gesammelt werden sollten und wo sie zu finden sind, um seine Theorie zu entwickeln, während sie emergiert. Dieser Prozeß der Datensammlung wird durch die emergierende Theorie kontrolliert."

Geht man von dem allgemeinen Begriff qualitative Forschung ab, so findet man in der Literatur folgende als qualitativ einstufbare Methoden: Einzelfallstudie, qualitative Methoden der Befragung (wie qualitatives Interview, Intensivinterview), Gruppendiskussion, Inhaltsanalyse, teilnehmende Beobachtung, qualitatives Experiment, biographische Methode, Ethnographie und Aktions­forschung (André 2000; Diekmann 1996; Lamnek 1995b). Flick (1999) unterscheidet zwischen verbaler Datenerfassung, wie Interviews, und visueller Datenbeschaffung, wie (teilnehmende) Be­obachtung, Ethnographie, Photo- und Filmanalyse. Die Auswahl der Methoden divergiert jedoch sehr stark zwischen den Autoren. Die Weiterentwicklung der qualitativen Methoden hat zur Zu­nahme ihrer Anwendung geführt.


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Im weiteren sollen nun die Methoden näher betrachtet werden, die für die beabsichtigte Untersuchung in Frage kommen. Für die Auswahl waren folgende Überlegungen maßgebend: die Untersuchung nahm ihren Ausgang bei der Beobachtung sozialer Phänomene in einem spezifischen Zusammenhang, wobei der Beobachter nicht nur Teilnehmer, sondern "gestaltender Akteur"2 war. Daher ist der Versuch notwendig, die Verzerrungen zu kontrollieren, die durch die Person des Beobachters als zentralem Instrument der Datenerfassung hervorgerufen und durch seine gestaltende Rolle noch verstärkt wurden.

2.1.2 Teilnehmende Beobachtung

Die teilnehmende Beobachtung wird angewandt, wenn der Forscher Aussagen über ein soziales Feld machen will, das er weder aus eigener Erfahrung, noch aus der Literatur genügend kennt, um relevante Hypothesen aufstellen zu können. Sie wird vor allem dort eingesetzt, wo es um ansonsten schwer zugängliche soziale Felder geht und / oder Neuland betreten wird (Lamnek 1995b,313; 243). Die Beobachtung wird als teilnehmend bezeichnet, wenn zwischen dem Forscher und der untersuchten Situation ein gewisser Grad von Interaktion besteht, die sowohl die Situation als auch ihn selbst beeinflußt.

Die teilnehmende Beobachtung ist daran interessiert, eine weitgehende Innenperspektive auf das Feld bei gleichzeitiger Systematisierung des Fremdenstatus zu gewinnen. Letztere ermöglicht erst den Blick auf das Besondere im Alltäglichen (Flick 1999,161). Wer daher nicht nur Teilnehmer sein will, sondern Erkenntnisse über Zusammenhänge gewinnen will, muß die Distanz des "professionellen Fremden" beibehalten. So betont Koepping (1987; zitiert nach: Flick 1999,161), daß der Forscher für die teilnehmende Beobachtung "... als soziale Figur genau die Eigenschaften besitzen muß, die Simmel für den Fremden herausgearbeitet hat: Er muß in sich selbst beide Funktionen, die des Engagiertseins und der Distanz, dialektisch verschmelzen können."

Unbestritten ist in der quantitativen wie in der qualitativen Sozialforschung, daß es darum geht, ein möglichst wenig von der Subjektivität des Betrachters verzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit zu zeichnen. Dies ist jedoch weder bei quantitativer noch bei qualitativer Sozialforschung völlig zu erreichen. Sind es in der quantitativen Forschung die theoretischen Raster des Forschers, die sich in den Erhebungsinstrumenten widerspiegeln, so ist es in der qualitativen Forschung, besonders bei der teilnehmenden Beobachtung, der Forscher selbst in seiner Rolle als Erhebungsinstrument. Einerseits besteht in der quantifizierenden Forschung die Gefahr, daß der Forscher das Forschungsobjekt nach seinen eigenen theoretischen Kategorien strukturiert, er also nicht in der Lage ist, den Sinn der Handelnden aufzunehmen, das heißt, zu verstehen, und eine unüberbrückbare Distanz zum Objekt entstehen läßt, die letztlich zu falschen Befunden führt, oder zumindest dem Gegenstand nicht gerecht wird. Andererseits kann die Nähe zum Forschungsobjekt und die eigene Beteiligung die Wahrnehmung der Wirklichkeit ebenfalls verzerren. "... Identifikation ist das Element der Teilnahme, des Verstehens, Distanz ist das Element der Beobachtung, der Prüfbarkeit" (Lamnek 1995b,312-313). So gehört zum Beobachten "... notwendigerweise das Verständnis oder die zutreffende Interpretation des subjektiven Sinns und der sozialen Bedeutung einer bestimmten Handlung oder Verhaltenssequenz" (Mayntz et al. 1974; zitiert nach: Lamnek 1995b,241). Die Relativierung der eigenen 'kulturellen Selbstverständlichkeiten' und die [Seite 34↓]Aneignung des der be­obachteten Gruppe angemessenen Sinnverständnisses, ist auch bei der Untersuchung anderer sozialer Schichten oder Subkulturen innerhalb des gesellschaftlichen Gesamtsystems des Be­obachters nötig (Lamnek 1995b,241-243).

Eine Schwierigkeit bei der Beobachtung ist, daß der Beobachter eine praktikable Rolle annehmen muß, die seinen Aufenthalt im Feld oder an seinem Rand rechtfertigt und die Beobachtung ermöglicht (Flick 1999,154). Von dieser Rolle hängt ab, in welchem Grad der Beobachter das Geschehen beeinflußt und damit die Ereignisse eventuell behindert. Dazu gehört auch die Frage nach offener oder verdeckter Beobachtung und inwieweit den Beobachteten die Absicht des Forschers bekannt ist. Die Rolle des Beobachters kann verschiedene Stufen innerhalb einer Skala zwischen Engagement und Distanz einnehmen (Lamnek 1995b,263; Flick 1999,153):

Man kann zwischen der strukturierten und unstrukturierten Beobachtung unterscheiden. Durch die Strukturierung anhand vorher festgelegter Beobachtungskategorien kann man den Beobachtungs­vorgang besser zu kontrollieren versuchen, läuft aber Gefahr, daß das theoretische Raster des Forschers dominant wird. Dies widerspricht aber den Prinzipien der qualitativen Sozialforschung, da es die Aufstellung eines detailliertes Kategoriensystems voraussetzt, was aber erst möglich ist, wenn dem Beobachtungsvorgang differenzierte und konkrete Hypothesen zugrunde liegen. Selbst damit ist jedoch nicht garantiert, daß alles erfaßt wird, was von Bedeutung ist. Beide Verfahren richten sich auf ein genau formuliertes Forschungsziel und werden systematisch geplant und aufgezeichnet (Lamnek 1995b,250). Bei der offenen Beobachtung tritt der Beobachter ausdrücklich als Forscher auf. Das soziale Feld kennt den Zweck der Anwesenheit des Forschers, wobei es in bestimmten Fällen nicht möglich ist, die theoretischen Aspekte mitzuteilen, und es in anderen nicht opportun wäre, das Ziel völlig exakt zu benennen, da dies zur Verfälschung der Beobachtungs­situation führen würde. Bei der verdeckten Beobachtung gibt der Beobachter sich nicht als Forscher zu erkennen - eine Methode, die mehr von Journalisten angewandt wird (Lamnek 1995b,250).

Strategien wie das theoretische Sampling lassen sich bei der teilnehmenden Beobachtung leichter verfolgen, da der Forscher längere Zeit im Feld bleibt und den Kontakt mit den Personen und Kontexten, die erforscht werden sollen, über einen relativ langen Zeitraum aufrecht erhält. Ein Problem bei der Methode ist, daß die Beobachtungen nur beschränkt möglich sind. Man kann nicht alles beobachten, man muß Glück haben, bei den wesentlichen Ereignissen dabei zu sein. Im Grunde ist man darauf beschränkt, was mit Augen und Ohren erfaßt werden kann. Daher werden häufig zusätzlich die Befragung von Beteiligten oder andere Verfahren angewandt, um dieses Defizit zu überbrücken. Teilnehmende Beobachtung ist als Methode wenig standardisierbar (Flick 1999,163-166).


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2.1.3  Ethnographie

Die Ethnographie ("Kulturbeschreibung") wurde als Forschungsmethode entwickelt, um eine Kultur oder Gesellschaft zu studieren. Der Begriff kann zwei Bedeutungen haben: die Gesamtheit der Techniken um Daten über Werte, Gewohnheiten, Glauben, Praktiken und Verhalten einer sozialen Gruppe zu untersuchen, und der schriftliche Bericht als Ergebnis der Anwendung dieser Techniken (André 2000,27). Eine wesentliche Rolle kommt Malinowski (1973,20-42; erste Ver­öffent­lichung 1922) zu, dessen Anliegen war, die Ethnographie zu einer anerkannten wissenschaftlichen Methode zu entwickeln. Der Forscher sollte wie in den Naturwissenschaften deutlich machen, wie er zu seinen Daten kam. So sollen in der Ethnographie die Beobachtungsresultate, die Sinngebung der beobachteten Personen und die Interpretation sowie die Schlußfolgerung des Forschers deutlich getrennt sein. Positive neue Elemente des von Malinowski eingeführten Ansatzes waren: die Aner­kennung anderer Gesellschaften als in sich kohärente Systeme; das Verstehen der untersuchten Kultur; die Reflexion über die Gesellschaft und die Gewohnheiten des Forschers selbst; die Ein­führung der Feldforschung sowie andere Aspekte der qualitativen Forschung, wie der Einsatz des Forschers als Instrument der Datenerhebung.

Wenn nun die Ethnographie für andere Ziele eingesetzt werden soll, stellt sich die Frage nach den essentiellen Merkmalen dieser Methode und ob diese ihre Anwendung für den beabsichtigten Zweck erlauben. Der lange Feldaufenthalt, der Kontakt mit anderen Kulturen und der breit angelegte Gebrauch sozialer Kategorien bei der Datenanalyse, von Wolcott (1988; zitiert nach: André 2000,28) genannte Voraussetzungen, sind in dieser Form in anderen Fachgebieten nicht notwendig. André (2000,28-29) nennt diese Adaption daher Forschung "vom Typ Ethnographie", um sie von der Ethnographie im strikten Sinne zu unterscheiden. Für den Erziehungsbereich identifiziert sie folgende Aspekte, um eine Arbeit als "vom Typ Ethnographie" bezeichnen zu können. Erster Aspekt ist der Gebrauch traditionell der Ethnographie zugeordneter Techniken wie teilnehmende Beobachtung, Intensivinterview und Analyse von Dokumenten. Das Prinzip der konstanten Interaktion zwischen Forscher und Forschungsobjekt sowie die Tatsache, daß der Forscher das prinzipielle Instrument bei der Erhebung und Auswertung der Daten ist, charakterisieren den zweiten Aspekt der Ethnographie. Ein anderer Aspekt ist die Hervorhebung des Prozesses, also was geschieht, und weniger des Endproduktes. Der vierte Aspekt ist das Interesse an dem Sinn, den die Personen ihren Handlungen und ihrer Erfahrung mit der sie umgebenden Welt geben, und die der Forscher versucht, zu erfassen und wiederzugeben. Ein fünfter Aspekt ist, daß die Ethnographie Feldforschung einschließt. Ein nächster Aspekt ist die große Menge beschreibender Daten: Situationen, Personen, Umgebung, Aussagen, Dialoge. Und schließlich die Induktion: die Ethnographie will Hypothesen, Konzepte, Abstraktionen, Theorien formulieren, die sie aber nicht zu testen beabsichtigt. Der Einstieg in die Ethnographie erfolgt ohne vorformulierte Hypothese. Man benötigt zunächst eine gewisse Zeit, um die von den Personen gelebten Beziehungen zu problematisieren. Was Sinn macht für den Forscher, macht noch nicht Sinn für die Personen. Häufig ist der Forscher nicht daran interessiert, welche Probleme die Personen haben. Eine vorformulierte Hypothese behindert die Herstellung eines Dialogs mit den Personen, sie muß daher unberücksichtigt bleiben. Daher ist der Arbeitsplan in der Ethnographie offen und flexibel und konstante Anpassungen, Evaluierungen und Neuformulierungen selbstverständlich. Ihr Ziel ist die Entdeckung neuer Konzepte, neuer Beziehungen und neuer Formen, die Realität zu verstehen.

Wie bei der teilnehmenden Beobachtung ist in der Ethnographie der Forscher das prinzipielle "Instrument" der Datenerfassung und -analyse. Diese Tatsache schafft eine zu anderen "Instrumenten" völlig unterschiedliche Situation, weil der Forscher aktiv auf die jeweiligen [Seite 36↓]Umstände eingehen kann und falls notwendig die Fragen, die die Forschung leiten, überprüfen, neue Untersuchungsgegenstände entdecken und die gesamte Methodologie noch während des Arbeitsablaufs verändern kann, so wie auch schon beim theoretischen Sampling beschrieben. Während der Feldforschung hat der Forscher keine Absicht, die Umgebung zu verändern oder Modifikationen einzuführen. Die Personen und Situationen werden in ihrer natürlichen Äußerung3 beobachtet (André 2000,28-29).

Die Ethnographie findet in der deutschen Literatur über qualitative Sozialforschung noch wenig Anerkennung. In Diekmann (1996) findet sie keine Aufmerksamkeit. Lamnek (1995b,385; Erstaufl. 1988) räumt ihr nur 6 Zeilen im Glossar mit folgender Einschätzung ein: "... weitgehend ohne theoretisches Erkenntnisinteresse erfolgt eine systematische Erfassung von Regelmäßigkeiten im individuellen und sozialen Verhalten (z.B. Sitten) fremder Gesellschaften". Flick (1999,166; Erstaufl. 1995) dagegen stellt bereits fest, daß die Methode der teilnehmenden Beobachtung zunehmend in den Hintergrund rückt und die "generellere Strategie der Ethnographie" größere Aufmerksamkeit erfährt, in der die Beobachtung mit anderen Verfahrensweisen verbunden ist. Zwei Umstände haben dazu beigetragen: einerseits fand in diesem Kontext eine ausführliche Diskussion über die Darstellung des Beobachteten mit Folgen für andere Bereiche der qualitativen Forschung statt und andererseits ist die neuere methodische Diskussion im angelsächsischen Raum über qualitative Methoden stark von der Ethnographie geprägt (Flick 1999,167).

Nach Flick (1999,167) geht die Ethnographie von der Beschreibung sozialer Wirklichkeiten und ihrer Herstellung aus, zielt dabei auf die Entwicklung von Theorien ab und richtet sich mit ihren Fragestellungen vor allem auf ihre detaillierte Beschreibung in Fallstudien. Nach Lüders (1992; zitiert nach: Flick 1999,166) wandelt sich die Ethnographie "... in eine Forschungsstrategie, die alle nur denkbaren und ethisch vertretbaren Optionen der Datengewinnung einschließt." Die Sammlung der Daten wird konsequent der Fragestellung und den Gegebenheiten im Feld untergeordnet. Die Methoden der Datenerhebung werden in der aktuellen Diskussion weitgehend als sekundär hinter den Strategien der Teilnahme am Feld, der Interpretation und der Darstellung der Ergebnisse angesehen. Die "situativen, zufälligen und individuellen Momente" des Prozesses rücken in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und das "kunstgerechte Handeln des Forschers in der jeweiligen Situation" gewinnt an Bedeutung. Die Vorgaben, die Methoden für die Orientierung des Forschers vermitteln können, werden aufgegeben "... zugunsten einer allgemeinen Forschungshaltung, mit der er sich in der untersuchten Lebenswelt zurechtfinden soll" (Flick 1999,167).

Mit dieser Flexibilität kann die Ethnographie jedoch Gefahr laufen, in methodischer Beliebigkeit zu enden. Durch die verwendeten Methoden wird sie zu einer Strategie der Triangulation4 im Rahmen der Umsetzung einer allgemeinen Forschungshaltung (Flick 1999,168). Dies bedeutet, daß die Fähigkeit des Forschers besondere Aufmerksamkeit verdient. Lüders (1992; zitiert nach: Flick 1999,166) betont daher auch, daß "... das kunstgerechte Handeln des Forschers in den jeweiligen Situationen an Bedeutung ..." gewinnt.


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2.1.4  Fallstudie

Auch die Einzelfallstudie ist trotz ihrer langen Tradition durch die quantitative Sozialforschung und den Empirismus zeitweise verdrängt worden. "Die Dominanz der Methode vor dem Gegenstand" sowie die Bevorzugung und "... zum Teil Fetischisierung quantitativer Forschung ... hat die Einzelfallstudie über Jahrzehnte zu einem Mauerblümchen-Dasein degradiert" (Lamnek 1995b,4). Lamnek sieht die Einzelfallstudie (im weiteren Fallstudie genannt) weder als eine konkrete Erhebungstechnik, noch als ein eigenständiges methodologisches Paradigma an. Daher stuft er sie als Forschungsansatz (approach 5) ein. Das bedeutet, daß die Fallstudie in Forschungen unterschiedlicher paradigmatischer Positionen eingesetzt werden kann, wobei das Datenmaterial prinzipiell mit allen Methoden erhoben werden kann, die innerhalb dieser Position akzeptiert sind beziehungsweise mit ihr kompatibel sind. Beruft sie sich auf das "qualitative Paradigma"6 (Lamnek 1995b,8), so wirkt sich dies auch auf die Methoden aus, denen Lamnek (1995b,20-21; 1995a,41) folgende Merkmale zuordnet:

Die Einzelfallstudie macht Interpretation möglich, also Nachvollzug individueller Be­deutungs­zuweisungen, was mit der quantitativen Sozialforschung kaum erreicht werden kann. Ein Fall kann verschiedene soziale Einheiten erfassen, wie Personen, Gruppen, Institutionen oder Kulturen, wobei das Ziel ist, genaueren Einblick in die Zusammenhänge zu erhalten. Bei der Fallstudie geht es nicht darum, einige wenige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes herauszugreifen, sondern ein ganz­heitliches Bild der sozialen Welt zu zeichnen. Das bedeutet, daß alle für das Untersuchungsobjekt relevanten Dimensionen in die Analyse einbezogen werden. Er ist zumeist auf das Auffinden und Herausarbeiten typischer Vorgänge gerichtet. Die Fallstudie erforscht einen "natürlichen Bereich der Gesellschaft, der nicht zum Zwecke der Untersuchung erst erzeugt worden ist" (Hermanns et al. 1984; zitiert nach: Lamnek 1995b,23).

Die Fallstudie ist eng mit der Forschung vom Typ Ethnographie verküpft (André 2000,30; Flick 1999,167). So stellt André (2000,30) die Anwendung des ethnographischen Ansatzes in der Fall­studie vor. Bei diesem Sonderfall müssen zunächst die Kriterien einer Ethnographie erfüllt sein. Hinzu kommen die Bedingungen der Fallstudie wie die Anwendung auf ein genau eingegrenztes System, beispielsweise eine Person, ein Programm, eine Institution oder eine soziale Gruppe, die besonderes Interesse wecken.


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2.1.5 Aktionsforschung

Die Aktionsforschung, auf die später noch genauer eingegangen wird (Kap. 3.3.1), kann aus­schließlich für kognitive Zwecke (aus Erkenntnisinteresse) benutzt werden, was jedoch für die vor­liegende Arbeit nicht zutrifft. Es kann daher eine während eines Kolloquiums 1986 in Frankreich von den Wissenschaftlern erarbeitete Definition gelten: "Es handelt sich um Forschungen, die eine geplante Aktion beinhalten, um die Wirklichkeit zu verändern, Forschungen mit einem doppelten Ziel: die Realität zu transformieren und Erkenntnisse über diese Veränderungen zu produzieren" (Hugon & Seibel 1988; zitiert nach: Barbier 1996,7). Die Definition von Lamnek (1995b,380) ergänzt einige Aspekte: "Die wissenschaftlich empirische Arbeit ist mit der Absicht verbunden, soziale Veränderungen in dem untersuchten Feld bewußt herbeizuführen. Der Forscher ist dabei zugleich passiver Beobachter und aktiv Handelnder. Die untersuchten Personen sind nicht nur Datenlieferanten, sondern sie werden als 'Subjekte' in den Forschungsprozeß einbezogen."

Die Aktionsforschung schließt immer einen zielgerichteten Aktionsplan, eine Begleitung und Kontrolle (Monitoring) des Prozesses und einen abschließenden Bericht darüber ein. Darüber hinaus sind in verschiedenen Typen dieser Forschung die Teilnehmer in die Phasen der Forschung, einschließlich der Problemdefinition mit einbezogen. Eine systematische Rückgabe der Ergebnisse hat zum Ziel, zur Bewußtwerdung der Teilnehmer über ihre Situation beizutragen und sie dazu zu befähigen, eigene Experimente zu machen.

In der partizipativen Forschung und mehr noch in der Aktionsforschung besteht eine Schwierigkeit in der Distanz zwischen den Problemen des Forschers und denen der anderen Akteure, da es sich zunächst um zwei völlig unterschiedliche Projekte handelt: ein Projekt des Forschers mit dem Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse zu produzieren, und ein Projekt zur Problemlösung im Interesse der anderen Akteure, das keine wissenschaftliche Zielsetzung hat (Avenier 1990; zitiert nach: Casabianca & Albaladejo 1997,17). Weiter ist es wesentlich, daß der Forscher, der nicht neutral bleibt, über seine eigene Position und die Konsequenzen für seine Umgebung und seine Ergebnisse reflektiert.

Im französischen Einflußbereich ist eine gewisse Inflation des Begriffes festzustellen. In Brasilien besteht trotz des Scheiterns der Pesquisa Participante 7 Offenheit für ihre Anwendung. Während die Aktionsforschung oder die Aktions- und Entscheidungsorientierte Untersuchung im deutschen Sprachgebiet in der Beratungslehre häufig erwähnt wird (vgl. Albrecht 1994; Hoffmann 1992; Nagel & Fiege 1997; Ehret 1997), ist in der neueren Literatur über qualitative Sozialforschung Aktionsforschung praktisch nicht behandelt, so in Flick (1999), Lamnek (1995b) und Diekmann (1996).

Die Aktionsforschung ist nach Casabianca & Albaldejo (1997,19) aufgrund ihrer Natur inkompatibel mit positivistischen Modellen. Sie wird von ihnen einem konstruktivistischen Ansatz zugeordnet. Röling & Jiggins (1997,152-157) ordnen diese Forschungsrichtung [Seite 39↓]ebenfalls einem konstruktivistischen Paradigma zu und grenzen sie vom 'naiven realistischen Positivismus'8 ab.

2.1.6 Triangulation

Unter Triangulation wird die Kombination verschiedener Methoden zur Untersuchung eines Phänomens verstanden. Dabei kann es sich auch um die Einbeziehung weiterer Forscher, verschiedener theoretischer Perspektiven, die Verwendung unterschiedlicher Datenquellen handeln. Wurde die Triangulation zunächst als Strategie der Validierung von Ergebnissen angewandt, so hat sie sich nun in Richtung Anreicherung und Vervollständigung der Erkenntnisse entwickelt. Sie kann dazu beitragen, die begrenzten Erkenntnismöglichkeiten der Einzelmethoden zu überschreiten, so daß "Triangulation von Methoden, Forschern, Theorie und Daten die vernünftigste Strategie der Theoriekonstruktion bleibt" (Denzin 19899; zitiert nach: Flick 1999,250). "Das Vertrauen in ein Resultat wächst, wenn mit unterschiedlichen Methoden das gleiche Ergebnis erzielt wird" (Diekmann 1996,18). Die Triangulation kann auch zur Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden führen. Der Methodenmix oder "undogmatische Methodeneklektizismus" kann jedoch nicht Beliebigkeit bedeuten. "Der kreative Umgang mit Methoden setzt allerdings die Beherrschung des Handwerkszeugs voraus: 'Jeder von uns muß erst verstehen lernen, ehe er die Konvention mit neuem Elan durchbricht.' (Hap Grieshaber)" (Nagel & Fiege 1997,42-43).

Wenn man sich dem Prinzip methodologischer Offenheit verpflichtet fühlt, gibt es keine Unvereinbarkeit von quantitativer und qualitativer Sozialforschung, auch wenn die polarisierende Darstellung diesen Eindruck vermittelt (Lamnek 1995a,245). Triangulation bietet die Möglichkeit eines multimethodischen Vorgehens, das ein zentraler Gesichtspunkt empirischer Sozialforschung ist. "Man geht von der Einsicht aus, daß der Forscher und diejenigen, denen seine Arbeit gilt, die soziale Umwelt nicht in der gleichen Weise wahrnehmen ... Deshalb darf der Forscher seine eigene Definition sozialer Wirklichkeit nicht naiv zur Ausgangsbasis theoretischer und empirischer Analysen machen" (Weymann 1973; zitiert nach: Lamnek 1995a,245). Aus der Perspektive der qualitativen Sozialforschung muß der Forscher versuchen, die Welt vom Standpunkt des "Partners" aus zu sehen (Empathie).

In der Triangulation unterscheidet man verschiedene Typen. Die Methoden-Triangulation will entweder durch den Einsatz unterschiedlicher Methoden (between-method) oder durch verschiedene Techniken innerhalb einer Methode (within-method) zu vergleichbaren Ergebnissen kommen. Die Daten-Triangulation bezieht unterschiedliche Datenquellen ein, indem sie Phänomene zu verschiedenen Zeitpunkten, an unterschiedlichen Orten und mit verschiedenen Personen untersucht, eine Annäherung an das theoretische Sampling (Denzin 1989; zitiert nach: Flick 1999,249-250). Weiter nennt Denzin die Untersucher-Triangulation, bei der verschiedene Beobachter oder Inter­viewer eingesetzt werden, und die Theorien-Triangulation, die verschiedene theoretische Sicht­weisen nebeneinander stellt. Es wird nun bei der Triangulation vermutet, daß die verschiedenen Methoden nicht die gleichen Verzerrungspotentiale haben wie die Einzelmethode. Ein anderer Aspekt ist die Bereicherung [Seite 40↓]der Untersuchung: es können breitere und profundere Erkenntnisse erzielt werden. Da nur in seltenen Fällen ein spezifischer Untersuchungsgegenstand mit nur einer Methode zureichend erfaßt wird, kann der Einsatz mehrerer Methoden dem Gegenstand eher gerecht werden, zum Beispiel indem eine teilnehmende Beobachtung durch eine Befragung ergänzt wird.

Die Triangulation wirft aber auch methodische Probleme auf, die sie nicht zum Allheilmittel für die bisher genannten Problembereiche macht. Was ist wenn die verschiedenen Untersuchungen zu widersprüchlichen oder inkompatiblen Ergebnissen führen? Auch wenn man davon ausgeht, daß die Realität durch unsere Beobachtung erst konstruiert wird und man daher nicht von Kongruenz, sondern Komplementarität ausgeht, schaffen divergierende Ergebnisse eine Vielzahl von Problemen.10 Hier soll nicht darauf eingegangen werden, wie diese zu behandeln wären, sondern nur darauf hingewiesen werden, daß Triangulation kein Wert an sich ist, daß sie auch dazu benutzt werden kann, um eigene persönliche Vorstellungen vom Gegenstand zu legitimieren, daß die einzelnen Methoden jeweils dem Forschungsgegenstand angemessen sein müssen und daß die Fragestellungen, die dem Vorhaben zugrunde liegen, "geeignet" sein müssen (Lamnek 1995a,245-257).

2.2 Methodenwahl, Datenerhebung und Auswertung

2.2.1 Angewandte Methoden

Für die Analyse der bisher in der brasilianischen Agrarforschung und der Beratung vertretenen Konzepte wird eine umfangreiche Literaturauswertung durchgeführt, die brasilianische und internationale Erfahrung in Forschung und Beratung in der bäuerlichen Landwirtschaft, insbesondere mit klientenorientierten Ansätzen und partizipativen Konzepten berücksichtigt. Dabei geht auch die eigene Erfahrung in partizipativer Forschungs- und Beratungsarbeit ein, auch aus anderen als den hier behandelten Zusammenhängen.

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Erfahrungen zweier Projekte mit partizipativer Zu­sammenarbeit in Partnerschaft zwischen Forschern, Beratern, Bauern und deren Organisationen, die als Fallstudien aufbereitet werden. Bei der Analyse geht es im wesentlichen um die Beziehungen und Interaktionen zwischen den Akteuren. Da es sich um neue Erfahrungen handelt, wurden Ansätze angewandt, die offen bezüglich der angetroffenen Situation sind und erlauben, Hypothesen aufgrund der untersuchten sozialen Sachverhalte zu formulieren. Die spezifischen Bedingungen der vorliegenden Arbeit führten jedoch zu einigen Einschränkungen, die sich aus meiner Doppelrolle als "teilnehmender Beobachter" und "gestaltender Akteur" im Veränderungsprozeß ergaben. Daher wurde eine Kombination von Elementen der oben vorgestellten Methoden gewählt, ohne jedoch einen methodischen Ansatz ausschließlich oder komplett in allen seinen Aspekten zu verwenden.

Da sich die Thematik der vorliegenden Arbeit durch die teilnehmende Beobachtung während der Forschung über Mechanisierung entwickelte, kam dieser Methode von Beginn an eine zentrale Rolle zu. Es handelte sich um eine unstrukturierte, offene, aktive teilnehmende Beobachtung vom Typ "Teilnehmer als Beobachter", die als Fallstudie aufbereitet wurde. Daneben wurden der Ethnographie weitere Elemente entlehnt: der relativ lange Zeitraum der Feldforschung (zahlreiche mehrtägige Feldaufenthalte von 1994 bis 2000 bei der [Seite 41↓]Zusammenarbeit im Rahmen des Programa Agroecológico da Transamazônica (PAET), dem gemeinsamen Programm von LAET und MPST, und von 1997 bis 2000 beim Lumiar-Projekt) und die Offenheit, die Methode ausgehend von den lokalen Notwendigkeiten zu entwickeln. Problematik und Forschungsfragen entstanden erst nach dem Feldkontakt. Darüber hinaus lehnt sich die Skala der Untersuchung an die Ethnographie an, der es weniger um individuelle Äußerungen geht, als um Feststellungen über eine bestimmte soziale Gruppe oder eine Kultur.

Während die Fallstudie häufig die "Herausarbeitung des Typischen" zum Ziel hat, trifft dies in der vorliegenden Arbeit nur eingeschränkt zu. Beide Fallstudien sind zwar an den natürlichen Äußerungen der Beteiligten interessiert, aber es handelt sich um besondere Situationen, die Aufschluß geben sollen über neue Entwicklungen. Van Velsen (1987) beschreibt diese Öffnung der ethnographischen Fallstudie, die zunächst nur die funktionale Ordnung einer Gesellschaft studierte. Die Notwendigkeit, Variationen, Veränderungen und Normenkonflikte zu erklären, führte weg von der Feststellung von Strukturen hin zum Besonderen, das neue Entwicklungen erkennen läßt. In diesem Zusammenhang kann jedoch die Beobachtung auch individuellen Verhaltens in spezifischen Situationen viel über die Gesellschaft aussagen, wobei es in dieser Arbeit vor allem um das Verhalten der Akteure in der Rolle, die sie in den verschiedenen Zusammenhängen einnehmen, geht.

Da der Forscher in der Ethnographie während der Feldforschungsphase die Umgebung nicht verändern will, sondern die Personen und Situationen in ihren natürlichen Äußerungen11 unter­suchen will, bedeutet dies eine Einschränkung für ihre Verwendung in dieser Arbeit. Da in beiden Projekten (PAET, Lumiar) Veränderungen beabsichtigt sind, kommt grundsätzlich die Aktions­forschung in Frage. Infolge ihrer Prinzipien hätte sie jedoch vom Interesse der Beteiligten an der Forschung und der gemeinsamen Definition der beabsichtigten Schritte ausgehen müssen. Dies war jedoch nicht der Fall, da die Analyse der Beziehungen und der Interaktion der Akteure vor allem den Forscher interessierte, auch wenn sie den übrigen Beteiligten nützen sollte. Diese waren vor allem an den direkten Resultaten der Zusammenarbeit interessiert, das heißt die Bauern an der Einführung der Mechanisierung beziehungsweise die Berater12 an den konkreten Problemen der Beratungspraxis. Insofern handelte es sich bei der Forschung über die in der Zusammenarbeit ablaufenden Prozesse um eine Forschung auf der Metaebene.

Die teilnehmende Beobachtung ist also das wesentliche Element für die Erarbeitung der Fallstudien. Von der Aktionsforschung entlehnt die Untersuchung das persönliche Engagement und die Rolle als "gestaltender Akteur". Verbindende Elemente zwischen den Methoden sind das Interesse am Prozeß, wobei die Aktionsforschung im Gegensatz zur Ethnographie auch am Endprodukt, der Lösung eines identifizierten Problems, interessiert ist. Andere Gemeinsamkeiten sind die Suche nach einer gemeinsamen Sprache (Kommunikativität).


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2.2.2  Datenerhebung und Auswertung

Im allgemeinen wurden die Beobachtungen direkt in einem Tagebuch notiert, was meistens möglich war. In speziellen Situationen wurde darauf verzichtet oder gefragt, ob niemand etwas dagegen hat. Da die Arbeit im Rahmen einer "normalen" Forschungs- und Supervisionsarbeit durchgeführt wurde, war es nicht immer möglich, Aufzeichnungen während der Situationen zu machen. Dies traf speziell auf die Arbeit als Moderator zu. Darüber hinaus ergaben sich viele Informationen in beiläufiger Form, zum Beispiel in informellen Situationen am Abend, während langer Autofahrten an der Transamazônica, bei einer kurzen Debatte vor oder nach den Versammlungen. So waren manche Aufzeichnungen erst in einem späteren ruhigen Moment möglich. Häufig wurden diese Notizen anschließend in den Computer (Textprogramm) übertragen, um die Auswertung zu erleichtern.

Wegen der Beschränkung dieser Methoden für die Erfassung der komplexen Interaktionen aufgrund der Verzerrungen, die durch die Person des Beobachters als zentralem Instrument der Datenerfassung hervorgerufen und durch seine gestaltende Rolle noch verstärkt werden, und der Tatsache, daß nur Situationen erfaßt werden können, an denen der Beobachter direkt teilnimmt, wurden qualitative Befragungen der Beteiligten durchgeführt, die zum Teil anhand eines Leitfadens erfolgten, zum Teil aber aufgrund der jeweiligen Begebenheiten eher in Form von Alltagskommunikation durchgeführt wurden. Diese Form der Befragung kommt dem "rezeptiven Interview" von Kleining (1988; zitiert nach: Lamnek 1995b,82-90) nahe, bei dem die Einseitigkeit des Interviews (einer fragt, der andere antwortet) abgeschwächt wird. Die qualitative Befragung hatte eine ergänzende Funktion, um zum Verständnis der beobachteten Phänomene aus der Sicht der anderen Akteure, 'Subjekte' der Forschung, beizutragen.

Gemeinsame Berichte oder Dokumente der Beteiligten sind eine geeignete Ergänzung, da sie eine Bestätigung oder Korrektur erlauben. Daher wurde eine große Zahl von Dokumenten (interne Diskussionspapiere, Versammlungsprotokolle), wissenschaftliche Arbeiten aus der Region über die beiden Projekte (Publikationen, Dissertationen), darunter zahlreiche Beiträge der Beteiligten, und die Literatur zur Thematik der Interaktion zwischen Forschern, Beratern und Bauern zur Ergänzung ausgewertet. Auch wenn die Texte sich häufig nur auf die laufende Forschungs- oder Beratungsarbeit bezogen und nicht auf die Forschung über die dabei aufgetretenen Phänomene (Meta-Forschung), so erlaubten sie wertvolle Rückschlüsse auf das Verhalten der Beteiligten und deren Beziehung zueinander (zur Bedeutung der Texte siehe Kap. 2.3). Einen Überblick über die Datenquellen gibt die Zusammenstellung im Anhang.

Für die Analyse der Fallbeispiele wurde die Form des Dialogs zwischen der praktischen Erfahrung und der theoretischen Reflexion gewählt, wobei die Diskussion sich an ausgewählten Schlüsselelementen orientierte, die sich im Verlauf der Forschungsarbeit herauskristallisierten.

2.3 Problematisierung der eigenen Rolle und Reduzierung möglicher Verzerrungen

In der Ethnographie ist der Forscher das prinzipielle Instrument bei der Erhebung und Auswertung der Daten, auch wenn er das Mittel der Triangulation wählt. Im Prinzip arbeitet er allein. In der Aktionsforschung hat er ebenfalls eine hervorragende Rolle, die noch dadurch [Seite 43↓]verstärkt wird, daß er einer der Akteure im Veränderungsprozeß ist. Es ist jedoch vorgesehen, die Ergebnisse mit den anderen Akteuren zu besprechen, was auch die Problematisierung der eigenen Rolle erleichtern kann.

Bei beiden Projekten habe ich sowohl die Beobachterrolle als auch eine Rolle als "gestaltender Akteur" eingenommen. Der Zugang in den beiden Projekten war durch meine Rolle als assozierter Forscher13 des LAET beziehungsweise Supervisor (vorgeschlagen vom MPST) geregelt. Während ich in dem ersten Projekt (Forschung über Mechanisierung) diese Rolle mit anderen Kollegen teilte und häufig nicht an "vorderster Front" stand, war dies im zweiten Projekt (Lumiar) weniger möglich. Besonders in den Momenten der Anleitung und des Monitoring war ich häufig Moderator, Fazilitator und teilweise Vorgesetzter in einer Person, was die Rolle des Forschers und Beobachters zwangsläufig einschränkte.

Die Verknüpfung der Rolle als teilnehmender Beobachter, die an sich schon die Frage nach der Geltungsbegründung (Flick 1999,239-253) der Forschung aufwirft, mit der Rolle des "gestaltenden Akteurs" mit eigenen Zielen und Interessen in der Interaktion, wirft besondere Probleme auf (vgl. Seithel 1990,298-321). Diese Kategorie des aktiven Gestalters ist in der Literatur nicht vorgesehen (Lamnek 1995b,263; Flick 1999,153). Die Auswahl und Darstellung der Erfahrungen, ihre Bewertung und die Schlußfolgerungen sind nicht diejenigen eines wenig beteiligten Beobachters in einer "einfachen Rolle", die Lamnek (1995b,266) empfiehlt, sondern ich beobachte, beschreibe und interpretiere meine eigene Interaktionen mit den übrigen Akteuren. Dies muß zwangsläufig zu einer einseitigen Ausrichtung führen, die besonders dann auftreten kann, wenn es darum geht, die eigenen Aktivitäten, die eigene Bedeutung oder die eigenen Ansichten darzustellen. Auch die Bewertung der Aktivitäten von Kollegen, zu denen man ja eine stärkere Beziehung hat, ist davon beeinflußt.

Das Engagement als "gestaltender Akteur" während der Arbeit wurde durch einige Fakten ge­mildert, die das Element "Distanz" verstärkten. Die Tatsache, als Ausländer in einer fremden Region zu arbeiten und nicht in der Region zu wohnen, sondern in der Hauptstadt des Bundes­staates, war sicher von Vorteil. Teilweise hatten die Vertreter der Bauern größeres Vertrauen zu den Ausländern, weil sie nicht als politische Konkurrenten angesehen wurden. Auch die Tatsache "nur" assozierter Forscher von LAET zu sein, minderte die Identifikation mit den Positionen und Handlungen der Institution.

Verschiedene Vorkehrungen können zur Reduzierung der möglichen Verzerrungen getroffen werden. Von den klassischen Methoden der Geltungsbegründung kam lediglich die Validität (Gültigkeit) in Betracht, da die "Wiederholbarkeit der Ergebnisse mit den gleichen Mitteln" (Reliabilität oder Zuverlässigkeit) bei aktionsbestimmten sozialen Situationen, in der die Akteure sich während der Aktion verändern, nicht möglich ist. Auch Liu (1997,195) stellt fest, daß die Wiederholbarkeit der Entwicklungen und identischer Verhaltensweisen keine pertinente Frage ist, da jedes Individuum seine Originalität zeigen und in den Prozeß eingreifen kann (vgl. Kirk & Müller 1986; zitiert nach: Flick 1999,243). Dies gilt auch für die Verwendung von Kontrollgruppen.


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In der Validität qualitativer Forschung geht es um die Frage, inwieweit die "Konstruktionen des Forschers in den Konstruktionen derjenigen, die er untersucht hat, begründet sind ... und inwieweit für andere diese Begründetheit nachvollziehbar wird" (Flick 1999,244). Es können im wesent­lichen vier mögliche Ansatzpunkte für eine Geltungsbegründung unterschieden werden, die sich teilweise überschneiden. Dabei geht es um das Zustandekommen der Daten einerseits und die Dar­stellung und Bewertung andererseits.

Ein erster Ansatz versucht die Qualität der Datenerhebung zu erhöhen. Generell wird für die vorgestellten Methoden die Bedeutung der Fähigkeiten des Forschers betont. Bei der qualitativen Forschung, in die der Forscher offen bezüglich der angetroffenen Situation hineingeht und Hypothesen erst aufgrund der untersuchten sozialen Sachverhalte formuliert, wird eine "generelle Forschungshaltung" bei ihm vorausgesetzt. Er fängt nicht beim Nichts an (Casabianca & Albaladejo 1997,23). Malinowski (1973,26) fordert, daß er über die neuesten Studien Bescheid weiß und sich von ihnen in seinen Prinzipien und Zielsetzungen inspirieren läßt. Auf die Qualität der Datenerhebung zielt ein Teil der von Wolcott (1990; zitiert nach: Flick 1999,247) vorgeschlagenen neun Punkte, die allerdings etwas repetitiv erscheinen. In ihnen (Punkte 1-3, 9) wird unter anderem gefordert, daß der Forscher möglichst viel zuhört, möglichst früh zu schreiben beginnt und möglichst genaue Aufzeichnungen macht. Auch die Vermeidung der von Lamnek (1995b,266) erwähnten Fehlerquellen, wie zu frühe Wertung oder Unvertrautheit mit der Gruppenkultur, zielen in diese Richtung. Für die Erhöhung der Glaubwürdigkeit qualitativer Forschung, Daten und Ereignisse geben Lincoln & Guba (1985; zitiert nach: Flick 1999,252) fünf Strategien an, von denen der Vorschlag, die Datenqualität durch eine längere, ausdauernde Beobachtung zu verbessern, unter den ersten Ansatz fällt.

Der zweite Ansatz verlangt eine möglichst hohe Transparenz bei der Datenerhebung. Demnach ist die wesentliche Aufgabe, die "... Forschungsobjekte möglichst weitgehend zu verstehen, ... und das Verstandene anderen mitzuteilen und für sie überprüfbar zu machen" (Gerdes & Wolffersdorff-Ehlert 1974; zitiert nach: Lamnek 1995a,246). Ansätze, um die Qualität der Aufzeichnungen zu verbessern, streben die Möglichkeit der Überprüfung der "Feldnotizen" durch einen anderen Interpreten an, speziell hinsichtlich der bereits von Malinowski (1973,21) geforderten Unterscheidung zwischen Begriffen der Beobachteten und der Interpretation der Beobachter. Es geht um die Verläßlichkeit der Daten und Vorgehensweisen. Die prozedurale Validität bietet Ansatzpunkte für diese Art der Geltungsbegründung. Folgende der neun Punkten von Wolcott streben vor allem die Transparenz über den Forschungsprozeß an (Punkte 4-6): das Schreiben in möglichst vollständiger und offener Form, die dem Leser so viel an Daten mitliefert, daß er seine eigenen Schlüsse ziehen kann und die des Forschers nachvollziehen kann (Flick 1999,243, 247).

Ein dritter Ansatz ist die Triangulation (vgl. Kap. 2.1.6), die auch von Lincoln & Guba vorgeschlagen wird, die sie um die Forderung nach "peer debriefing"14 erweitern. Darüber hinaus empfehlen sie die Analyse abweichender Fälle und "Member checks", worunter sie die kommunikative Validierung von Daten und Interpretationen mit den Mitgliedern der untersuchten Felder verstehen (vgl. Flick 1999,245). Wolcott kommt zu ähnlichen Vorschlägen, indem er empfiehlt, daß der Forscher im Feld oder bei seinen Kollegen Feedback zu seinen Ergebnissen und Darstellungen suchen soll (Punkt 7).


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Ein vierter entscheidender Ansatz ist die Angemessenheit und Überprüfung der Interpretation (vgl. Lincoln & Guba 1985; zitiert nach: Flick 1999,252). Die kommunikative Validierung kann dabei ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Um die durch die Doppelrolle des Forschers und Gestalters möglichen Verzerrungen zu reduzieren wurden verschiedene Vorkehrungen getroffen, unter denen die Triangulation, vor allem in der Form der Methoden-Triangulation, den größten Stellenwert hatte (dritter Ansatz). Gemeinsame Berichte oder Dokumente der Beteiligten, beispielsweise zusammen mit Kollegen veröffentlichte Artikel, ermöglichten in beiden Projekten die Abstimmung der Beobachtungen mit den Wahrnehmungen und Interpretationen anderer Beteiligter. Im ersten Fallbeispiel konnte auch auf zahlreiche Berichte, Artikel und Dissertationen (Grad des Masters und Doktors) von Kollegen zurückgegriffen werden. Auch eigene Aufzeichnungen von Momenten, in denen ich keine aktive Rolle übernommen hatte (z.B. bei einem konfliktiven Treffen zwischen LAET und MPST im Moment der Krise), oder von Ereignissen, an denen ich nicht direkt beteiligt war (Erzählung durch Teilnehmer) erlauben einen Abgleich hinsichtlich der beobachteten Tendenzen. Im Fall des Beratungsprojektes war der Rückgriff auf andere Daten schwerer, da die professionellen Teilnehmer, also die Berater, Schwierigkeiten hatten, Berichte zu verfassen, die darüber hinaus das Forschungsthema wenig reflektieren. Auch die Supervisoren hatten nur ein geringes Interesse an dem Thema, das formal gesehen sogar unsere gemeinsame Aufgabe war15. Die Berichte beschränkten sich auf die im Projekt durchgeführten Maßnahmen oder die Probleme von Lumiar und reflektierten wenig die Interaktion zwischen den Akteuren und die Problematik der Arbeit als Supervisor. Dies ist zum Teil auch durch die Vorsicht zu erklären, die sich aus der exponierten Stellung und der permanenten Infragestellung des neuen Ansatzes auf den verschiedensten institutionellen Ebenen ergab, die sogar gelegentlich den offenen Austausch untereinander behinderte.

Das peer debriefing spielte in beiden Projekten eine Rolle, hatte aber eine wesentlich stärkere Bedeutung im zweiten Fall (Lumiar). Der Austausch erfolgte vor allem mit den Kollegen der Forschung über Mechanisierung, einzelnen Supervisoren, den Beratern und verschiedenen Ver­tretern der Bauern auf lokaler, regionaler und bundesstaatlicher Ebene.

Das Feedback im Sinne kommunikativer Validierung (Flick 1999,245) wurde durch vertiefte Interviews mit Einzelpersonen, auch nach Abschluß der Untersuchungsphase, hergestellt. Der Aus­tausch mit den Bauern "an der Basis" war stärker in der Forschungsarbeit über die Mechanisierung, sowohl in der Erhebungsphase als auch während der gemeinsamen Ent­wicklungs­arbeit, trat dagegen im Rahmen des Lumiar-Projektes wegen der starken Arbeitsbelastung durch die Betreuung der Beraterequipen und der Mitwirkung beim Aufbau und der Leitung des Projektes auf der Ebene des Bundesstaates in den Hintergrund. Auch während zahlreicher Versammlungen mit den kompletten Equipen (Supervision, Forscher, Berater) oder größeren Gruppen von Bauern gab es Rück­meldungen über die Interaktion zwischen den Beteiligten.

Die Tatsache, daß es sich bei der vorliegenden Arbeit um zwei Fälle mit unterschiedlichem Schwer­punkt, aber in gleicher sozialer Umgebung, zum Teil mit den gleichen Akteuren und mit gleichem Ziel handelt, der Förderung der ländlichen und bäuerlichen Entwicklung, bedeutet eine Daten-Triangulation, die der Strategie des theoretischen Sampling nahekommt. Der Forderung nach Analyse abweichender Beispiele wurde durch Befragung über die [Seite 46↓]Erfahrungen mit anderen Partnerschaften, zwischen Beratern und einer Organisation der sozialen Bewegung im Rahmen des Lumiar-Projektes im Nordosten von Pará16 sowie zwischen Forschern von LASAT und Bauern der FATA im Raum Marabá, entsprochen, um die Erkenntnisse über die Form der Bündnisse abzusichern und zu einer systematischeren Bewertung der beobachteten Fakten zu gelangen.

Die Bemühungen um die Qualität der Datenerhebung (erster Ansatz) konzentrierten sich auf die umfangreiche Mitschrift während der beobachteten Situationen sowie das Zuhören, soweit dem nicht die eigene Rolle als "aktiver Akteur" entgegenstand (vgl. Kap. 2.2). Die Gefahr zu früher Wertung oder Unvertrautheit mit der Gruppenkultur, dürften durch den langen Zeitraum der Arbeit in der Region verringert worden sein.

Die bereits erwähnte kommunikative Validierung wurde auch zur Überprüfung der Ange­messenheit der Interpretation benutzt (vierter Ansatz). Zur Validierung von Daten und Interpretationen wurden daher vertiefende Befragungen und anschließende gemeinsame Erörterung über ihre Sichtweise mit Mitgliedern des untersuchten Feldes, vor allem nach Abschluß der Feldforschung, durchgeführt. Gemeinsame Berichte oder Artikel mit Kollegen in beiden Projekten ergänzten die eigenen Beobachtungen und erlaubten eine Bestätigung oder Korrektur der gewonnenen Erkenntnisse. Auch die Rückmeldung auf eigene Veröffent­lichungen und Diskussionstexte sowie die Texte von Kollegen ermöglichen, andere Sicht­weisen wahrzunehmen.

Im Vergleich zu den Gesprächen, den vertiefenden Befragungen und anderen Maßnahmen der Triangulation, die zum Teil bereits eine Rückmeldung über die eigene Interpretation liefern, halte ich die Anstrengungen zur Erhöhung der Transparenz der Datenerfassung (zweiter Ansatz) für diese Arbeit für wenig relevant und die Überprüfung der "Feldnotizen" für wenig praktikabel. Wer wird sich die Mühe machen, diese Daten außer bei äußerst wichtigen oder spektakulären Fällen zu überprüfen. Hinzu kommt, daß letztendlich niemand den Forscher dabei überwachen kann, ob er auch wirklich beobachtet, was er aufschreibt.17 Daher sollte man ihm die Verantwortung für das, was er schreibt und interpretiert überlassen und den Text als Dokument ansehen. "Der Text tritt dabei an die Stelle des Untersuchten. ... Kontrolle darüber, was und wieviel vom ursprünglich interessierenden Gegenstand ... letztlich der Text noch enthält und wiedergibt, ist nur schwer zu gewinnen" (Flick 1999,43-44). Der Text stellt schließlich die neue Realität dar. Er hat als Dokument seinen Wert, auch ohne die vorangegangene Untersuchung näher zu betrachten.

Hinzu kommt, daß bei den konfliktiven Themen der Untersuchung eine Transparenz hinsichtlich der erfaßten Daten auch die Arbeit gefährden kann. Daher habe ich gelegentlich für den Fall, daß mein Tagebuch etwa offen liegenbleiben würde, meine Notizen, die auch in Portugiesisch kaum für andere lesbar waren, in Deutsch verfaßt. Manche Tatbestände bedürfen auch einer Aufbereitung (Kürzung von Einzelheiten, Entfernung von Namen oder anderer Charakteristika), ehe sie veröffentlicht werden können.

Wie bereits im Fall der Triangulation (Kap. 2.1.6) erwähnt, gibt es jedoch keine Garantie, daß die Ergebnisse und Schlußfolgerungen wirklich ein unverzerrtes Bild der sozialen Wirklichkeit zeichnen. Auf dem Weg dahin, kommt es meines Erachtens wesentlich mehr auf die Interpretation an, die trotz aller Bemühungen um die Anwendung angemessener Methoden zu einem großen Teil ein intuitiver Schritt ist und sich nur teilweise auf die [Seite 47↓]aufgezeichneten Daten stützt. Entsprechend wenig ist dieser kreative Schritt in der Literatur behandelt. Interpretationen entstehen bereits während der Arbeit, beeinflussen die Forschungsfragen und bleiben trotz aller Versuche zu ihrer Validierung in der Verantwortung des Forschers, der sich schließlich mit der Darstellung seiner Arbeit der Rückmeldung und der Kritik der Anderen stellt.


Fußnoten und Endnoten

1 Zu den Begriffen siehe Labourthe-Tolra & Warnier (1997,67-68), die darauf hinweisen, daß die Definition der einzelnen Begriffe mehr durch ihre Entstehungsgeschichte, die von Land zu Land unter­schied­lich ist, als durch eine rigorose Axiomatik beeinflußt wurde.

2 Mit diesem Begriff soll im weiteren die über die von Lamnek (1995b,263) und Flick (1999,153) hin­aus­gehende aktive Rolle des Beobachters bezeichnet werden.

3 Ohne verfremdende Einflüsse, die zum Zwecke der Untersuchung erzeugt werden.

4 Triangulation ist die Kombination verschiedener Methoden zur Untersuchung eines Phänomens (ausführliche Erläuterung weiter unten in diesem Kapitel).

5 Lamnek (1995b,5) versteht unter einem approach einen Forschungsansatz, der die theoretischen Vorgaben der Methodologie in praktische Handlungsanweisungen umsetzt, ohne selbst Erhebungs-technik zu sein.

6 Damit meint er offensichtlich die Position der interpretativen Soziologie (vgl. Lamnek 1995b,17).

7 Eine Tendenz der Aktionsforschung in Lateinamerika, die wegen fehlender theoretischer und methodologischer Definition schwer einzugrenzen ist. Sie erlebte eine kurze Blütezeit in den 70er und 80er Jahren und kann meiner Meinung nach heute als gescheitert angesehen werden, wozu wesentlich die fehlende Bereitschaft beitrug, sie zu einem eigenständigen Konzept weiterzuentwickeln (siehe auch Kap. 3.3.1).

8 Lamnek (1995a,245) spricht vom "sog. Positivismus". Die Abgrenzung scheint offensichtlich nicht so ein­fach zu sein, wie die extra dafür geschaffene Kategorie 'naiver realistischer Positivismus' bei Röling & Jiggins (1997,152-157) zeigt.

9 Denzin, N.K. The research act: a theoretical introduction to sociological methods. McGraw Hill, 3.Aufl., 1989 (Erstaufl. 1970).

10 Ohne die Anwendung der Triangulation würde jedoch die Unzulänglichkeit einer Methode möglicherweise gar nicht erst festgestellt.

11 Das bedeutet nicht, daß es sich in der Forschung um "künstliche" Situationen handelt, die zum Zwecke der Untersuchung erst erzeugt wurden (vgl. auch Hermanns et al. 1984; zitiert nach: Lamnek 1995b,23). Siehe dazu auch Liu (1997,195), der für den Fall der Aktionsforschung feststellt, daß sie zwar komplex und schwierig sein kann, aber daß es sich um eine natürliche Sache handelt.

12 Mit den Beratern fanden auch Reflexionen über die angewandten Methoden und die Interaktionen zwischen den Akteuren statt.

13 Das LAET unterschied deutlich zwischen "permanenten" und "assozierten" Forschern. Erstere wohnten vor Ort in Altamira und hatten vollen Zugang zu Informationen, nahmen regelmäßig an Versammlungen teil (intern, mit MPST sowie im größeren Rahmen mit den Bauern) und stimmten über die Entscheidungen des LAET ab. Letztere hatten häufig Schwierigkeiten, an Informationen zu gelangen (besonders in der Krise der Partnerschaft) und nahmen wegen ihrer sonstigen Verpflichtungen wesentlich weniger an den Ver­sammlungen teil.

14 Regelmäßige Besprechung mit nicht an der Forschung beteiligten Personen, um eigene blinde Flecke aufzudecken sowie Arbeitshypothesen und Ergebnisse zu überprüfen (Flick 1999,252).

15 Die Bezahlung der externen Supervisoren erfolgte in Form eines Forschungsstipendiums, das eine Evaluierung der Leistung der Lumiarequipen sowie eine Auswertung der Erfahrungen mit partizipativen Methoden vorsah.

16 Der Träger des Lumiar-Projektes im Nordosten von Pará war ab etwa 1998 die Fundação Sócio-Ambiental do Nordeste Paraense (FANEP).

17 Auch die quantitativen Erhebungen sind gegenüber diesen Problemen nicht gefeit.



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13.08.2004