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3  Partizipation und Partnerschaft in den Ansätzen von Forschung und Beratung

3.1 Die Landwirtschaftliche Beratung in Brasilien

3.1.1 Das klassische Modell

Während seiner Existenz von mehr als 50 Jahren hat der landwirtschaftliche Beratungsdienst in Brasilien sechs Phasen durchlaufen, die sich zum Teil überlappt haben oder gleichzeitig abgelaufen sind, wobei die folgenden Daten für den Zeitraum ihrer größten Bedeutung stehen (vgl. Silva 1992): das klassische Modell (1948-1956), das innovative Diffusionsmodell (1956-1967), das Technologietransfer-Modell (1968-1978), das "Überdenken der Beratung" (o repensar da extensão rural) (1979-1991), der Abbau der Dienste (1991-bis heute) und die Phase der Diskussion und des Experimentierens (1996-bis heute).

Die landwirtschaftliche Beratung der letzten Jahrzehnte ist ein Produkt der Nachkriegsepoche, die durch die Sorge der kapitalistischen Länder über die Herausforderung durch die Länder des sogenannten Realen Sozialismus und das Vordringen der Befreiungsbewegungen geprägt war. Die Beratung entstand mit der Entwicklung der Landwirtschaft als einem bedeutenden Sektor der Volkswirtschaft und aufgrund ihrer Rolle im Industrialisierungsprozeß wesentlich früher (vgl. Jones & Garforth 1997). Rogers (1995,357-360) lokalisiert die Wurzeln der Beratungspraxis in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) des Sezessionskrieg (Morill Act 1862), als sich die Farmer mit dem Übergang von einer Sklavenhaltergesellschaft zu einer merkantilen und kapitalistisch strukturierten Gesellschaft konfrontiert sahen (vgl. Fonseca 1985,37; Riascos 1973,2-5). Im Jahr 19141 wurde die Beratung institutionalisiert (Smith-Lever Act) und erhielt damit eine Finanzierung, die zu jeweils ein Drittel von der Bundesregierung, den Regierungen der Bundesstaaten und den Gemeinden (county; eher Landkreis, zu vergleichen mit dem brasilianischen Munizip) übernommen wurde und zu ihrer raschen Ausdehnung führte.

Die erste Erfahrung mit einem landwirtschaftlichen Beratungsdienst in Brasilien2 wurde mit der Associação de Crédito e Assistência Rural de Minas Gerais (ACAR-MG) gemacht, die 1948 mit Hilfe der Vereinigten Staaten nach dem Vorbild der Farm Security Administration gegründet wurde, einer "Einrichtung" die zum Ziel hatte, die amerikanischen Bauern während der Krise 1930 zu unterstützen. In diesem Gründungsprozeß spielte die Associação Internacional Americana para o Desenvolvimento Econômico e Social (AIA) eine fundamentale Rolle, indem sie Fahrzeuge, Diaprojektoren und amerikanische Spezialisten für das Training der brasilianischen Berater zur Verfügung stellte (Fonseca 1985,77-78; Silva & Souza 1999; Riascos 1973,18-28).


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Die ACAR wurde im Kontext des Kalten Krieges und des Auftauens der Beziehungen zwischen Brasilien und den USA gegründet, wobei sie in dem damaligen Governeur von Minas Gerais einen idealen Förderer fand. Die Implementierung des Dienstes war Teil einer Strategie der USA zur Förderung des Kapitalismus in den Entwicklungsländern. Die gesamte Weltbevölkerung sollte anerkennen, "... daß die Demokratie und das kapitalistische System an ihrem Wohlstand interessiert sind. Die Menschen sollen in zunehmendem Maße Gründe spüren, daß ihre besten Interessen und Möglichkeiten für die Zukunft mit unserem Land und unserem Lebensstil identifiziert werden können" (Nelson Rockefeller; zitiert nach: Colby & Dennet 1998,248). Eines der erklärten Ziele der ACAR in Minas Gerais war die Bindung der Bevölkerung an das Land, um den ländlichen Exodus zu vermeiden, der die Produktivität der Landwirtschaft dieses Bundesstaates zu gefährden begann und als Hindernis für die industrielle Entwicklung angesehen wurde. Die Landwirtschaft hatte in diesem Modell die Rolle, Nahrungsmittel und Rohstoffe für Industrie und Arbeiter zu liefern (Fonseca 1985,61, 74). Aber die AIA von Rockefeller strebte mit der Gründung der landwirtschaftlichen Kreditanstalt, der ACAR, nach höheren Zielen und schlug vor, daß der Dienst von der AIA verwaltet werden sollte, die damit den Zugang zu den Darlehen einer staatlichen Bank kontrollierte. "Sogar die Ausgaben der Bauern wurden durch technische Equipen einer lokalen Agentur kontrolliert, die die Autorität über die Konten der Farmer hatte" (Colby & Dennet 1998,251). Das größte Interesse, über die ideologische Strategie der Verbreitung von Demokratie und kapitalistischen Strukturen hinaus, war die Gründung eines agroindustriellen Komplexes und besonders die Schaffung eines Marktes für chemische Düngemittel, der in Brasilien zur damaligen Zeit noch nicht existierte3.

Zu Beginn orientierte sich Brasilien am "klassischen Modell", in dem die Beratung (extensão) das Bindeglied ist zwischen Versuchsstationen zur experimentellen Forschung, normalerweise der Universitäten, und der ländlichen Bevölkerung. Sie hat die Aufgabe, die Kenntnisse zu der ländlichen Bevölkerung hinzubringen und die Probleme der ländlichen Bevölkerung der Forschung zuzutragen. In diesem Kontext ist die Kommunikation das wichtigste Mittel für den Kontakt mit der neuen Technologie (Fonseca 1985,39-40). Das klassisches Modell basierte auf dem "übertriebenen Enthusiasmus" hinsichtlich der Notwendigkeit, die Bauern mit intensivem Einsatz audiovisueller Techniken "... zu informieren und zu überreden, damit sie bessere Praktiken übernahmen" (Fonseca 1985,41, 84). Die ACAR funktionierte zu diesem Zeitpunkt wie eine Krediteinrichtung mit dem prinzipiellen Ziel, Darlehen zu gewähren und nicht den Bauern zu erziehen, ein Ausdruck, der bis dahin unbekannt war (Riascos 1973,18). Dabei wurde der überwachte Kredit (crédito supervisionado) als direkt mit der Beratungsaktion verknüpftes Element eingeführt. Diese Praxis existierte nicht in dem Vorbild USA, sondern wurde nur in den "unterentwickelten" Ländern eingeführt. Das Modell von Minas Gerais war Vorbild für die Einrichtung des Beratungsdienstes im gesamten Land.

3.1.2 Das innovative Diffusionsmodell

Erst nach der ersten Evaluierung im Jahr 1952, die allgemeine Perplexität hervorrief aufgrund der unerwartet unbefriedigenden Resultate, begann der Dienst Beratung mit dem Ziel durchzuführen, die Bauern zu erziehen, wobei er das "innovative Diffusionsmodell" (modelo difusionista-inovador) übernahm. Es war durch die klarere Definition der Beratungsaktionen gekennzeichnet, die auf vier Punkten basierten: das empirische Experiment, die Aufwertung der Arbeit des Beraters (extensionista), der erzieherische Charakter der Arbeit und der Glaube [Seite 50↓]an kommunitäre Alternativen (Fonseca 1985,89-90). Die Information durch Massenmedien wurde durch die überredende Kommunikationsarbeit des Beraters ersetzt und die unpersönliche durch die interpersonale Kommunikation ersetzt (Bordenave 1983). Die Beratung wurde als ein sehr weit gefaßtes Konzept mit integrierendem Charakter verstanden: "Beratung meint Erziehung" (Fonseca 1985,90). Riascos (1973,1) faßte folgendermaßen zusammen, was nach seiner Meinung Beratung war: Erziehung für die ländliche Bevölkerung; Veränderung von Haltung, Wissen und Geschicklichkeit; dem Volk helfen sich selbst zu helfen; mit Männern und Frauen arbeiten; Ambitionen wecken; Mittel finden, um diese Bestrebungen zu erreichen; Individuen, Führungspersönlichkeiten und Gesellschaft entwickeln; zusammenzuarbeiten, um den Wohlstand zu erhöhen; lebendige Beziehungen zu der Kultur des Volkes bewahren; in Harmonie mit der Kultur des Volkes arbeiten; ein Weg mit zwei Richtungen: mitnehmen und zurückbringen; ein kontinuierlicher Erziehungsprozeß.

"Ein Agraringenieur, eine Lehrerin und ein Jeep" (Fonseca 1985,82) war die Standardequipe des Projektes. Im Bericht der ACAR-MG 1954/1955 des Bundesstaates Minas Gerais finden sich Elemente der Partizipation (Fonseca 1985,90-93): das Ziel "... ist, die ländlichen Familien zu lehren, ihre Notwendigkeiten zu entdecken und zu bestimmen". Damit die Arbeit Erfolg habe, "... erarbeitet die ACAR ein Programm, an dem die ländlichen Familien und die Führungs­persönlichkeiten der Comunidades aufgerufen sind, sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung mitzuwirken. Sie sind es, die ihre Probleme aufzeigen und sagen, welche am dringendsten sind und welche Hilfe sie erhalten möchten. Auf der Basis ihrer Äußerungen, legte die ACAR die Projekte4 fest (Handlungsleitfäden, die so angelegt sind, daß sie die totale Lösung der Probleme ermöglichen), die während des landwirtschaftlichen Jahres abgearbeitet werden." Die Berater sind charakterisiert als "... befähigt und bewußt hinsichtlich ihrer Mission, die die modernen Errungenschaften der Wissenschaft und Technik, der Forschung und des Experimentierens auf dem Gebiet der Landwirtschaft und der Hauswirtschaft zu den ländlichen Familien bringt. Es sind auch diese Berater, die die Probleme des ländlichen Raumes zu den Studienzentren weiterleiten." Der "Landmann" (homem rural), der Ziel der Erziehungsaktionen ist, wird in diesem Bericht beschrieben als "... von verschlossenem und mißtrauischem Wesen, der in seiner Umwelt aufgrund des Fehlens von Kommunikationsmitteln und kommunitären Interessen isoliert ist ...", sich weiterentwickeln will, aber nicht weiß, wie er es anstellen soll. Der Bericht fährt fort: "Es besteht die Notwendigkeit, die traditionelle, jedoch primitive Weise, in der die ländliche Familie lebt und arbeitet, durch moderne und praktische Methoden zu ersetzen, die jedoch nur schwer von dem Bauern und seiner Frau übernommen werden ..." Die wenigen Versuche in der Vergangenheit, seine Schwierigkeiten zu vermindern, haben sich als unfruchtbar erwiesen, nicht nur wegen seines Widerstandes, sondern vor allem wegen der Mängel der Methoden zur Anleitung und Unterrichtung. Die Basis der Erziehungsaktionen der Beratung war die Familie. Fonseca (1985,90-91) analysiert: "Wichtig war, jede Komponente der Familie - den Familienvorstand (den Bauern), die Hausfrau und die Kinder - davon zu überzeugen, technische Hilfsmittel zu benutzen, um eine höhere Produktivität und in der Folge den Wohlstand zu erreichen", wobei die eingesetzten Mittel gemeinschaftliche Kampagnen, Demonstrationen, Versammlungen und Vorträge waren.

In diesen Darstellungen sind alle Elemente vertreten, die die Beziehungen zwischen Beratern, Forschern und Bauern in der Arbeit um die Veränderung der traditionellen Landwirtschaft in annähernd 50 Jahren formten, und die im weiteren erwähnt werden, um die Debatte in den nächsten Kapiteln anzuregen: die Übernahme (oder nicht) von neuen Techniken durch den Bauern, der Widerstand seitens des Bauern, die Rückmeldung vom ländlichen Raum zur [Seite 51↓]Forschung mit Hilfe des Beraters, die demokratische Verständigung bei der Erarbeitung des Arbeitsprogramms, das nicht von oben aufgedrückt werden sollte, der integrierte Dienst, der nicht auf die Produktion beschränkt war, die Mission des Beraters, die Erziehungsaktion, die Fähigkeiten des Beraters, usw.

Das klassische Modell wie auch das innovative Diffusionsmodell "... gehen von dem Prinzip aus, daß die Veränderungen in den ländlichen Gesellschaften durch technische Neuerungen her­vor­gerufen werden und nicht durch sozialpolitische und ökonomische Veränderungen dieser Gesellschaften." Die von der Beratung angestrebte ländliche Entwicklung basiert auf der Idee vom sozialen Gleichgewicht, das die "... Harmonie zwischen Land und Stadt sucht, um den Fortschritt in den ländlichen Gebieten anzustoßen, damit diese nicht den industriellen Fortschritt behindern ...", und zielt auf "... die Konstruktion einer modernen (industriellen) Gesellschaft anstatt der traditionellen (ländlichen) Gesellschaft" (Fonseca 1985,53).

Die ACAR war eine Privatinstitution für ökonomische und soziale Arbeit, die Kenntnisse, die sie hauptsächlich von den Universitäten bezog, auf den Gebieten Gesundheit, Wohnen und Ernährung verbreitete sowie über Fragen der Produktion orientierte, wobei sie sich an die Familie als Ganzes wandte (Silva & Souza 1999). Während zweier Jahrzehnte kann der Beratungsdienst als ein Erziehungsprojekt charakterisiert werden, wobei die Aufgabe der 1956 für die nationale Koordinierung geschaffenen Associação Brasileira de Crédito e Assistência Rural (ABCAR) ausdrücklich die Erziehung seiner Zielgruppe, die Klein- und Mittelbauern, war. "Lehren, sich selbst bei dem Bemühen um höhere Produktivität und bessere Lebensbedingungen zu helfen" (Fonseca 1985,25).

Das innovative Diffusionsmodell war auf die kleinen und mittleren Bauern ausgerichtet. Mit deren schrittweiser "Enteignung"5 verlor das Modell seinen Sinn, und die Beratung wandte sich anderen Klienten zu, wobei sie sich auf den Technologietransfer mit einer ausschließlich auf Produktions­steigerung gerichteten Sichtweise konzentrierte.

3.1.3 Das Technologietransfer-Modell

Die erste große Veränderung kam etwa zwei Jahrzehnte nach der Gründung des Beratungsdienstes. Als auf internationaler Ebene Kritiken an dem Modell des Technologietransfers und der Grünen Revolution aufkamen und die ersten Institutionen für Angepaßte Technologie entstanden6, schuf die brasilianische Militärregierung die Strukturen, um die "konservative Modernisierung" vorzubereiten, die charakterisiert ist durch die Bevorzugung bestimmter Flächen, Produkte und Gruppen von Produzenten. Die EMBRAPA wurde 1972 gegründet und das System der land­wirt­schaftlichen Beratung in einen öffentlichen Dienst (empresa pública) umgewandelt mit der Schaffung der Empresa Brasileira de Assistência Técnica e Extensão Rural (EMBRATER) auf nationaler Ebene im Jahre 1976 und den EMATERs auf der Ebene der einzelnen Bundesstaaten. Die Präsidenten und selbst die Technischen Direktoren dieser Dienste wurden von führenden Politikern [Seite 52↓]ernannt. Die neue Philosophie zielte auf die Produktionszunahme durch die Einführung von Technologiepaketen in der Landwirtschaft. Das System des "Orientierten Kredits"7 (crédito orientado) wurde verstärkt (Silva & Souza 1999,33). Die Konsequenzen dieser Politik waren die gleichzeitige Schaffung von Reichtum und Armut, die Erhaltung der extremen regionalen Ungleichheiten und die Auslösung einer Migration in Richtung Mittelwesten und Norden8 (Silva 1982,126).

Das Ziel war nun, "... den Bauern zu beraten, der seinen Betrieb kommerziell ausrichtet, anstatt die kleinen und mittleren Produzenten, deren Entwicklung dauert und die den ökonomischen Fortschritt verzögern" (Silva 1969; zitiert nach: Fonseca 1985,175). In den Regierungsplänen wurde die Landwirtschaft gleichzeitig als Markt für Maschinen und Betriebsmittel sowie als als Quelle für Devisen angesehen. Der Erfolg der "konservativen Modernisierung" wurde mit hohen sozialen Kosten erreicht: anstatt den Bauern an das Land zu binden - eines der prinzipiellen Ziele bei der Schaffung des Beratungsdienstes - wurde sogar sein Weggang verstärkt (Fonseca 1985,175-178). Die Phase der breit angelegten Arbeit in der Lebenswelt des Landwirtes und seiner Familie wurde als überholt angesehen und die Arbeit mit den Jugendlichen und den Comunidades wurden nicht mehr als gerechtfertigt betrachtet (Silva 1992,138).

3.1.4 Überdenken, Diskussion und Experimentieren sowie Tendenzen der Beratung

Die vierte Phase war durch den Kampf verschiedener Sektoren bei der Rückkehr zur Demokratie gekennzeichnet. Wiederum wurde die Zielgruppe modifiziert. Die Prioritäten der Beratungsarbeit waren nun mit der Rückkehr des sozialen Ansatzes wieder "... die kleinen und mittleren Bauern, die Jugendlichen, die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln und die Aktivitäten zur Stärkung der ge­meinschaftlichen Strukturen" (Embrater 1983; zitiert nach: Silva 1992,144). Partizipative Planung, die Bedeutung des bäuerlichen Wissens und die von Paulo Freire entwickelten Er­ziehungs­ansätze sowie die gleichberechtigte Beziehung zwischen Erzieher (Berater) und zu Erziehendem (Bauer), bestimmen nun den Diskurs eines Teils der Berater. Diese Ideen blieben jedoch im wesentlichen auf der rhetorischen Ebene stehen und die Repensar-Bewegung schaffte es weder, den gleichzeitigen Abbau des Dienstes zu verhindern, noch seine Strukturen zu verändern (vgl. Kap. 3.2.5.2).

Einige Ausnahmen können in dieser Abfolge identifiziert werden, wie die NROs, die einen von der staatlichen Beratung verschiedenen Weg eingeschlagen haben. Auch die Einführung des Konzeptes der Entwicklungsorientierten Forschung in einigen Institutionen im Rahmen der französisch-brasilianischen Zusammenarbeit führte zu Veränderungen, wie beispielsweise im Jahr 1985 zur Neuformulierung des Programmes des Instituto Agronômico do Paraná (IAPAR 1986). Dies beeinflußte in einer spezifischen Situation der politischen Öffnung, die von dem damaligen Landwirtschaftsminister des Bundesstaates9 begünstigt wurde, auch die anderen Behörden von Paraná, wie beispielsweise die ACARPA (Beratungsdienst). Kurz darauf setzte jedoch mit dem Regierungswechsel 1987 ein Prozeß der politischen [Seite 53↓]"Kaltstellung" ein, der auch zur Umbenennung der ACARPA in EMATER führt. Einige Dienste anderer Bundesstaaten machten ähnliche Erfahrungen, beispielsweise in Santa Catarina. Obwohl die Beratung in den folgenden Jahren verschiedene Transformationen durchlief (Zusammenfassung von Forschung und Beratung in einem Dienst in einigen Bundesstaaten; Munizipalisierungsprozesse), wird sie weiterhin im wesentlichen von den EMATERs repräsentiert, die nach Silva & Souza (1999) in 70% der Munizipien des Landes präsent sind.

Die Debatte über neue Wege für die landwirtschaftliche Beratung in Brasilien kam erst wieder mit dem Druck der sozialen Bewegungen auf, vor allem des MST für eine Agrarreform, und leitete damit eine neue Phase der Diskussion und des Experimentierens ein. Als Antwort darauf führt die Bundesregierung 1997 das Lumiar-Projekt ein, ein dezentralisiertes landwirtschaftliches Beratungsprojekt von INCRA zur Arbeit in seinen Ansiedlungsprojekten. Die staatlichen Beratungsdienste wurden nicht aufgefordert, ihre Dienste anzubieten, was den Eindruck hinterläßt, daß die Regierung bereits deren Scheitern anerkannte und neue Strukturen fördern wollte. Sie konnten sich jedoch als Träger in den neuen Vorschlag eingliedern, Fachkräfte mit Zeitverträgen einstellen und sich der Philosophie des Projektes anpassen. Gleichzeitig mit der Implementierung des Lumiar-Projektes entstanden Diskussionen über neue Wege der Beratung für die bäuerliche Landwirtschaft auf nationalem Niveau, gefolgt von Diskussionen in den einzelnen Bundesstaaten. Die abschließende Diskussion in Brasília betonte die Notwendigkeit einer öffentlichen und kostenlosen Beratung mit Qualität und ausschließlich für die bäuerliche Landwirtschaft, die sowohl von staatlichen als auch nichtstaatlichen Organisationen angeboten werden könnte. Es wurde ein neues institutionelles Modell gefordert, das dezentral, autonom10, partizipativ, flexibel und effizient hinsichtlich seiner Verwaltung und Finanzierung sein sollte (Workshop Nacional 1997,16). Bis heute (April 2002) gibt es jedoch keine Entscheidung der Bundesregierung über die Zukunft der landwirtschaftlichen Beratung, und das Lumiar-Projekt wurde während Auseinandersetzungen zwischen Bundesregierung und MST vorzeitig beendet (Juni 2000). Die generelle Tendenz zur Reduzierung staatlicher Präsenz in den Dienstleistungen dürfte wohl zur Auslagerung (Tertiarisierung) wie beim Lumiar-Projekt führen.

In den 50 Jahren ihrer Existenz entfaltete die landwirtschaftliche Beratung in Brasilien ihre Arbeit immer getrennt von der Forschung, selbst in Institutionen, die für beide Aufgaben zuständig waren (Martins, A.C.S. 1996). In dieser Hinsicht unterscheidet sich Brasilien nicht von der vorherrschenden Tendenz in der Welt. Über den Erfolg der Beratung in diesem Zeitraum stellt Bergamasco (1993,362) fest, daß "unzählige Analysen" zeigen, daß sie nicht in der Lage war, die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung zu verbessern, und daß aufgrund eines autoritären Entwicklungsmodells die große Masse der ländlichen Bevölkerung ausgeschlossen wurde. So kommt der Beratung im wesentlichen nur das Verdienst zu, an der Produktions- und Produktivitäts­steigerung einiger Produkte mitgewirkt zu haben.


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3.2  Von der Verbreitung zur Beratung

3.2.1 Das Konzept der Beratung

Der Begriff "Extension" bezeichnete ursprünglich ein System der Erwachsenenbildung von Universitäten, so wie es beispielsweise in England bereits im Jahre 1873 existierte. "Extension" wird auch von den Universitäten der Vereinigten Staaten betrieben (z.B. dem Cooperative Extension Service - CES; Nagel, 1997,16). Es handelt sich um ein Konzept, das sich nach Timmer (1954; zitiert nach: Fonseca 1985,39) "... auf alle Mittel und Maßnahmen zur Erhöhung des ländlichen Lebensstandards bezieht ..." und dabei "... alle Zweige der Agrarwissenschaft, die sich für den Menschen in der Landwirtschaft interessieren", einsetzt. Dieses Konzept könnte auch als 'Angewandte Sozialagronomie' bezeichnet werden (vgl. Tschajanow11; zitiert nach: Brandt 1994,158). Nach Röling (1988,36) erweist sich der Begriff Beratung (extension) wenig operational und ungenau, da er viele Aktivitäten mit unterschiedlicher Bedeutung umfaßt. Nach Ban (1985; zitiert nach: Röling 1988,36) ist er in Großbritannien, Deutschland und Skandinavien auf Beratung konzentriert (advisory work), um spezifische Probleme zu lösen, während in der amerikanischen Tradition der Begriff extension education benutzt wird, um zu betonen, daß es sich um Erziehungsaktivitäten handelt, die die Personen lehren wollen, Probleme durch Verbreitung von Informationen zu lösen. In den Niederlanden wird der Ausdruck voorlichting benutzt, der so etwas wie Erleuchtung bedeutet (ein Licht vor jemanden hinhalten, um die Suche nach dem Weg zu erleichtern), während in Frankreich der Ausdruck vulgarisation angibt, daß es sich um die Vereinfachung von Informationen handelt, damit der "vulgus", das "gewöhnliche" Volk, sie verstehen kann. Auch der Begriff encadrement wird für die Beratung in Afrika benutzt12 (vgl. Bauer 1996,20).

In Brasilien werden die Ausdrücke assistência rural, extensão rural, assistência técnica und neuerdings aconselhamento técnico-gerencial benutzt, um die Arbeitsweise mit den Bauern zu bezeichnen (Riascos 1973; Bordenave 1983; INCRA 1997; Lima et al. 1995). Nach Riascos (1973,4) wird der Berater als Erzieher angesehen, und seine Arbeit ist vor allem auf der Überzeugungskraft der Demonstration aufgebaut, wobei darunter Aspekte der Beratung (extensão), der Erziehungspsychologie, der Agrarsoziologie und der angewandten ländlichen Anthropologie verstanden werden. Nach seiner Ansicht sind folgende Erziehungsprinzipien in den Programmen ent­halten: Partizipation, demokratischer Gebrauch der angewandten Wissenschaft, Zusammen­arbeit, Basisorganisation, Wechsel der Methode entsprechend den Bedürfnissen der Gruppe, Einsatz von Spezialisten, Programm von Forschung und Ver­suchen, Anerkennung von Interessen und Bedürfnissen und Anerkennung kultureller Veränderungen.

Röling (1988,39) sieht in den verschiedenen Definitionen der Beratung folgende gemeinsame Elemente:

  1. Beratung ist eine Intervention.
  2. Beratung setzt die Kommunikation als ihr Instrument ein, um Veränderungen herbeizuführen.
  3. Beratung kann nur durch freiwillige Veränderung effizient sein.[Seite 55↓]
  4. Beratung konzentriert sich auf eine Zahl verschiedener Zielprozesse und Ergebnisse, die sie von anderen Interventionen durch Kommunikation unterscheidet13.
  5. Beratung wird durch eine Organisation (institution) ausgeübt.

Er faßt diese verschiedenen Aussagen zu einer Definition zusammen: Die Beratung ist "... eine professionelle Intervention durch Kommunikation, die durch eine Organisation entwickelt wird, um freiwillige Verhaltensänderungen mit einem vermuteten öffentlichen oder kollektiven Nutzen hervorzurufen" (Röling 1988,49).

Wegen des durch den Begriff "Extension" vermittelten Eindrucks, von oben aufgedrängt zu sein, gab es Reaktionen, beispielsweise durch Freire (1992,41), der den "antidialogischen" Charakter des Begriffs kritisierte (vgl. Kap. 3.2.5.1). Dies führte nach Röling (1988,37) zu "Gegenbegriffen", wie "Animation", "Mobilisation" oder "Bewußtseinsbildung". Aber der komplizierteste Aspekt der Beratung ist seine widersprüchliche Natur, gleichzeitig ein Instrument geplanter Intervention zu sein, um die Zielsetzung der daran interessierten Institution zu erreichen, die wiederum nur effizient sein kann, wenn sie freiwillige Veränderungen hervorruft, die auch die Ziele des Klienten befriedigen. In folgenden vier Fällen kann nach Röling (1988,50) dieser Widerspruch gelöst werden:

Nach Röling (1988,21-22) entstand die Beratungswissenschaft als eine Spezialisierung innerhalb der Agrarsoziologie, die Veränderungen durch die Beratung fördern wollte und dazu die Veränderungsagenten studierte. Eines ihrer ersten Untersuchungsgebiete war die Diffusion von Innovationen. Bald trennte sie sich von der Agrarsoziologie und bildete ein selbständiges Fachgebiet, das sich mit der Vorbereitung von Entscheidungen befaßte und dabei Elemente der Sozialpsychologie, Kommunikation, Erziehung, Marketing und Beratung benutzte. Sie befaßte sich mit der Mikroebene, Beratungsmethoden, Prozesse der interpersonalen Kommunikation und Übernahme von Technologien durch die Individuen, und vergaß darüber die Konsequenzen ihrer Handlung auf der Makroebene. Die Diffusion der Neuerungen entwickelte sich als eine spezifische Wissenschaft, die auch die Industrie interessierte. Repäsentanten dieser Richtung sind unter anderem Herbert Lionberger (196014) und Everett M. Rogers (1995; erste Veröffentlichung 1962). Die Wissenschaft der Beratung wird heute auf verschiedenen Gebieten angewandt, darunter die Agrarproduktion, die Bewahrung öffentlicher Güter, das öffentliche Gesundheitswesen und der Umweltschutz. Röling (1994a,51) unterscheidet folgende Arten von Intervention durch Beratung (voorlichting): Verhaltensänderung, Wissenstransfer, Beratung, Erleichterung von Lernprozessen und Organisationsentwicklung.


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3.2.2  Beeinflussung von außen versus eigenverantwortliche Veränderung

Die Übernahme einer Neuerung auf mikrosozialer Ebene kann als Ergebnis des Zusammenwirkens des Verhaltens einer Anzahl von Individuen erklärt werden (Valade 1995,361). Nach Albrecht et al. (1987,103) wäre der Begriff "Änderung" angebrachter, da es sich keineswegs immer um neue oder bessere Lösungen handelt, als das derzeit Praktizierte. Die Veränderungen auf der mikrosozialen und individuellen Ebene, zum Beispiel in einer Lokalität15 im ländlichen Raum, sind von einer Reihe Faktoren beeinflußt, die bei der Entwicklungsarbeit berücksichtigt werden müssen, wie die Erfahrungen, die Werte, die Zukunftserwartungen, die Bedürfnisse, die Interessenlagen, die Einstellungen, die Wahrnehmungen und die Abwehrmechanismen, sowohl auf seiten der "Zielgruppe", als auch der "Entwicklungsagenten". Externe Einflußfaktoren, Information und Kommunikation durch Massenmedien oder interpersoneller Art (Meinung von anderen "Nahestehenden"; soziale Netze) sowie das ideologische Klima tragen zur Entscheidungsfindung bei. Der Einfluß der reinen Information wird im allgemeinen weit überschätzt, wie das klassische Beispiel der Übernahme neuer Maissorten in den Jahren 1928 bis 1941 zeigt. Bereits 1934, als die Verbreitung erst in Gang kam, waren bereits mehr als 80% der Farmer über die neue Technologie informiert (vgl. Albrecht 1992a,21-22; Assis 1998,8; Valade 1995,361-363).

Man kann zwischen verschiedenen Arten von Veränderung unterscheiden, die sich überlappen können: die individuelle Veränderung, die kollektive Veränderung, die freiwillige Veränderung, die gezielte Veränderung, die endogene Veränderung, die exogene Veränderung, die Veränderung durch Anreiz, etc. Die kollektive Veränderung, beispielsweise die Einführung des gemeinschaftlichen Managements natürlicher Ressourcen innerhalb eines Wassereinzugsgebiets, schließt Verhandlungen, Übereinkünfte, Regeln und Verpflichtungen ein. Die endogene Ver­änderung geschieht ohne direktes Eingreifen von fremden Personen. Das "Erziehungsmodell der Be­ratung" unterscheidet zwischen Veränderungen der Kenntnisse (bekannte Sachen), Ver­änderungen der Fähigkeiten (gemachte Sachen), und Veränderungen der Einstellungen (gefühlte Sachen) (Ribeiro 1957; zitiert nach: Fonseca 1985,126). Kelman (1970; zitiert nach: Röling 1994a,48) unterscheidet zwischen Willfährigkeit (compliance; Veränderung aus Unfähigkeit zu reagieren), Identifizierung (Veränderung, um Erwartungen anderer zu erfüllen) und Internalisierung (Veränderung aufgrund eigener Überzeugung).

Eine Veränderung kann das Resultat eines Bedarfs sein, der vom Individuum16 ausgeht (von unten), während eine andere ihren Ursprung im kollektiven Interesse haben kann (von oben). Im ersten Fall will das Individuum eine Veränderung, zum Beispiel ein Bauer, der seine Produktion durch Diversifizierung der Anbaukulturen erhöhen will. Es handelt sich um eine freiwillige Veränderung. Im zweiten Fall kann es sich um die Regierung handeln, die einen bestimmten Anteil des Primärwaldes in jedem landwirtschaftlichen Betrieb erhalten will. Im Fall dieses Veränderungswunsches von oben kann es zu einer Intervention kommen.


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Kasten 3 : Begriffe zum sozialen Wandel

Innovation

Everett M. Rogers (1995,11) definiert Innovation in folgender Weise: "Eine Innovation ist eine Idee, eine Praxis oder ein Objekt, das von einem Individuum oder einer anderen Übernahmeeinheit als neu wahrgenommen wird." Es kommt nicht darauf an, ob die Idee objektiv neu ist oder nicht, wesentlich ist die Wahrnehmung durch das Individuum, die seine Reaktion darauf bestimmt. Für Röling (1994b,276) ist Innovation die Erneuerung der sozial konstruierten Wirklichkeit, die nach ihrer Definition nicht identisch mit Technologie ist. Eine neue Technologie kann jedoch die Konsequenz dieser Erneuerung sein.

Intervention

Intervention ist nach Röling & De Zeeuw (1983; zitiert nach: Röling 1988,39) "... ein systematisches Bemühen, Ressourcen strategisch einzusetzen, um offensichtlich kausale Elemente während eines laufenden sozialen Prozesses zu beeinflussen, wie auch diesen Prozeß permanent in die von der intervenierenden Seite gewünschten Richtungen neu zu orientieren."

Einstellung

Die Sozialpsychologie (vgl. Bock et al. 1998,127-129) geht davon aus, daß das Individuum seine Informationen aufgrund der Wahrnehmung seiner sozialen Umwelt und der anderen organisiert, sie mit (positiven oder negativen) Gefühlen verbindet und eine Neigung für eine bestimmte Handlung oder ein Verhalten entwickelt, die Einstellung. Die Einstellung basiert auf Glauben, Werten und Meinungen und kann verändert werden aufgrund neuer Informationen, Gefühle, Verhaltensweisen oder Situationen sowie auch, wenn das Individuum gezwungen ist, sich in Widerspruch zu ihr zu verhalten. Es besteht eine starke Tendenz, die Übereinstimmung zwischen den Komponenten der Einstellung zu bewahren.

Handeln und Verhalten

"'Handeln' soll dabei ein menschliches Verhalten ... heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden" (Weber 1972,117; zitiert nach: Esser 1999,3). "'Soziales' Handeln bedeutet seinerseits ein Handeln, daß sich hinsichtlich seines von dem Handelnden oder den Handelnden angestrebten Sinnes auf das Verhalten der Anderen bezieht und sich an diesem in seinem Gang orientiert" (Weber 1994,1). Verhalten ist das Zusammenwirken der Handlungen oder Reaktionen des Individuums gegenüber der sozialen Umgebung (Ferreira 1986).

Einige Beratungsansätze, wie das innovative Diffusionsmodell (Kap. 3.1.2), lassen die Verhaltensänderung der Zielgruppe als die wesentliche Aufgabe landwirtschaftlicher Beratung erscheinen. Eine Verhaltensänderung ist erforderlich, wenn die angestrebte Innovation nicht Teil der sozialen und kulturellen Welt der Person ist oder wenn sie mit unangenehmen Dingen verbunden ist, wie die Zunahme von Arbeitsbelastung und Risiken infolge einer unausweichlichen Veränderung des Betriebssystems. Nach Albrecht et al. (1987,76) ist die Verhaltensänderung immer unangenehm, weil sie das Individuum dazu bringt, mit schon gesicherten Grundlagen zu brechen. Sie ist leichter, wenn eine direkte Beziehung zur Erhöhung des Einkommens besteht. Verhaltensänderung ist daher, meiner Meinung nach, nur diejenige Veränderung, die das größte Zögern bei ihrer Übernahme [Seite 58↓] hervorruft, weil sie mit Unsicherheiten und Risiken verbunden ist. Aktivitäten, die keine Veränderung der Einstellung verlangen, sind zum Beispiel die Änderung der Pflanzendichte einer Kultur aufgrund eigener Beobachtungen oder infolge von Informationen des Beraters. In diesem Fall sollte man nicht von Verhaltensänderung, sondern nur von Änderung des Handelns sprechen. Der Begriff "Verhaltensänderung" wird dann lediglich bei Schritten von der Größen­ordnung benutzt, wie die Übernahme unternehmerischer Denkweise seitens der traditionellen Bauern. 18

Ich schlage daher eine Unterscheidung nach der Komplexität der individuellen Veränderung vor, wonach das einfachste Niveau die Veränderung der Kenntnisse ist, gefolgt von der Veränderung der Handelns, der Veränderung der Fähigkeiten, der Veränderung der Wahrnehmung sowie der Veränderung des Verständnisses, und das komplexeste Niveau die Verhaltensänderung von Personen ist. Die Verhaltensänderung entsteht aus dem Zusammenwirken anderer Veränderungen, die nach Koelen & Martijn (1994,232) in sechs Schritten ablaufen: Aufmerksamkeit, Ver­ständnis, Änderung der Einstellung, Änderung der Absicht, Änderung des Verhaltens und Festigung des Verhaltens. Röling (1994a,48) unterscheidet zwischen fünf Gründen für eine Veränderung des Handelns: Veränderung der Rückkopplung, Veränderung der Handlungsmöglichkeiten, Ver­änderung infolge von sozialem Druck, Veränderung aus Überzeugung und Veränderung von Wünschen, Zielen, Prioritäten, etc.

Die freiwillige Veränderung im Fall eines sozialen Akteurs in einem bestimmten Kontext geschieht nur, wenn die Bedingungen existieren in Bezug auf "kennen" (im Sinne von Verstehen, Wahrnehmen), "wollen" (im Sinne von Motivation, Priorität) und "können" (im doppelten Sinn: erstens über die materiellen Bedingungen verfügen oder die Macht haben und zweitens die Möglichkeit haben, aufgrund der Übereinstimmung mit den eigenen sozialen Werten und innerhalb des Einflusses der sozialen Umgebung). Diese drei Begriffe drücken nach Giddens (1984; zitiert nach: Long 1992a,22-23) auch seine Handlungsfähigkeit (agency) aus. Die Beratung befaßt sich hauptsächlich mit den beiden Punkten "kennen" und "wollen", oder, nach dem Schema von Röling, mit Veränderung aus Überzeugung und Veränderung von Wünschen, Zielen, Prioritäten, da es ihr um freiwillige Veränderungen geht. Hinsichtlich der übrigen Bedingungen beschränkt sich ihre Aufgabe darauf, die Veränderungen sichtbar zu machen und dem sozialen Akteur bei dem Verstehen dieser Veränderungen und deren Sinngebung zu helfen (Albrecht et al. 1987,61-114; Röling 1994a,45-48; Bordenave 1983,21).

Nach Carl Rogers (1985; 1992), dessen Erkenntnisse den Partnerzentrierten Beratungsansatz in Deutschland stark beeinflußten, ist die Einsicht ein entscheidender Faktor für Einstellungen und Verhaltensweisen von Personen sowie deren Entscheidungsfindung in Innovationsprozessen.


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Kasten 4 : Einsicht

Die Einsicht beinhaltet nach Carl Rogers (1985,187-191; erste Veröffentlichung 1942) die Reorganisation des Wahrnehmungsfeldes. Sie besteht im Erkennen neuer Beziehungen und der Integration angesammelter Erfahrungen. Sie bezeichnet eine Reorientierung des Selbst. Es gibt verschiedene Arten von Wahrnehmung, die man unter dem Begriff Einsicht zusammenfassen kann, wie die Wahrnehmung von Beziehungen zwischen Fakten (die sich durch plötzliche Einsicht verändern kann, was dem englischen insight entspricht), die Wahrnehmung (Akzeptierung) des Selbst, die Wahrnehmung von Alternativen (das Element der Wahl). Die Einsicht muß durch den Klienten erlangt werden und kann nicht durch einen direktiven Ansatz vermittelt werden. Sie beinhaltet Entscheidungen, die nur der Klient allein treffen kann, und wenn sie sich entwickelt und Entscheidungen getroffen werden, die den Klienten zu neuen Zielen führen, dann folgen diesen Entscheidungen Handlungen, die den Klienten in die Richtung dieser neuen Ziele gehen lassen.

Nach Rogers (1985,177) besteht die wichtigste Technik, die zur Einsicht des Klienten führt, darin, daß der Berater das Äußerste an Zurückhaltung aufbringt.

Die meisten Methoden, die früher benutzt wurden, um Verhaltensweisen und Einstellungen von Personen19 zu ändern, haben sich als ungeeignet erwiesen, die beabsichtigten Ziele zu erreichen. Zu den "in Verruf geratenen Techniken" (Rogers 1985,29) gehören: das Verbieten, die Ermahnung, die Suggestion, die "guten Ratschläge" und die Überredung, wobei man die beiden letzten unter dem Begriff Intervention zusammen fassen könnte. Diese Methoden haben zwei Annahmen gemeinsam: der Berater ist die bestgeeignetste Person über die Ziele des Klienten zu entscheiden und er kann Techniken entdecken, die den Klienten auf die wirkungsvollste Weise die vom Berater definierten Ziele erreichen lassen. Dies fördert aber nicht das Wachsen des Klienten (Rogers 1985,29-35).

3.2.3 Das Diffusionsmodell

Trotz der Unterschiede der Ansätze werden hier mehrere Modelle zusammengefaßt, die eine wesentliche Zielsetzung gemeinsam haben: die Verbreitung bestimmter Überzeugungen oder Technologien, wobei die Überredung der Bauern ein wesentliches Mittel ist. Unter diesem Gesichtspunkt fasse ich das klassische Modell, das innovative Diffusionsmodell und das Technologietransfer-Modell der brasilianischen Beratung zusammen.

Die erste Frage in der Beratung war nach Röling (1988,22): Wie kann ich sie dahin bringen, wohin ich sie haben will? Beratung wurde als ein einfaches Werkzeug der Intervention gesehen, das im Beispiel von Röling (1988,23) Wissens- und Motivationspfeile auf die Zielgruppe abschießt und so Kenntnis transferiert. Zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung war die Beratung ausschließlich bemüht, die angewandten Methoden zu verbessern.

In einem zweiten Schritt lautete die Frage dann (Röling 1988,23): Warum machen sie nicht, was ich von ihnen will? Warum weigern sich die Personen trotz der Überzeugung des Entwicklungsagenten, daß sie aus dem Angebot Nutzen ziehen werden? Für viele Berater, Forscher und Spezialisten ist die Botschaft der Beratung nicht hinterfragbar. Wenn die [Seite 60↓]Botschaft nicht in der Lage ist, das freiwillige Verhalten der Bevölkerung zu verändern, ist das Evaluierungsergebnis, daß die Bevölkerung im Unrecht ist. Diese Denkweise ist sehr häufig bei Ärzten, Agrarforschern und anderen Berufsgruppen anzutreffen, die an das Paradigma des Technologietransfers glauben.

Viele Sozialwissenschaftler arbeiteten daher an der Frage: Warum widersetzen sie sich der Veränderung? Tradition, Fatalismus, Mangel an Ambitionen und Interesse waren die häufigsten Erklärungen von seiten der Forschung und Beratung, und diese Erklärungsmuster werden teilweise bis heute benutzt20. Fehlendes Verständnis für die Reproduktionsstrategien der Bauern seitens der Berater verbindet sich mit der Vorstellung von der Homogenität der ländlichen Bevölkerung. Die Innovation wird als gleich bedeutend für alle Teile des sozialen Systems angesehen, zum Beispiel in der Strategie des Kontakt-Farmer-Ansatzes (progressive farmer strategy).

Bei dieser Strategie bedient sich die Beratung direkter Kontakte mit fortschrittlichen Bauern oder, wie im innovativen Diffusionsmodell, mit ländlichen Führungspersönlichkeiten, um die Einwirkung der Berater zu erleichtern (Silva 1992,123; Fonseca 1985,132-136). Diese wiederum sollen die Neuerungen unter den übrigen Bauern verbreiten, wobei man von der Annahme einer weitgehend homogenen Gesellschaft ausgeht. Trotz einer bestehenden Homogenität aufgrund gleicher Ausgangsbedingungen hinsichtlich der Böden, der Anbaukulturen, der Preise für Agrarprodukte, um nur einige Beispiele zu nennen, zeigen einige Bauern jedoch mehr unternehmerische Denkweisen und sind offener für das Risiko als andere. Sie sind die ersten, die die Bedeutung einer neuen Idee erkennen und sie übernehmen. Die Vorstellung, die dem Modell des Diffusions­prozesses zugrunde liegt, daß die gesamte Zielgruppe in der Folgezeit die Innovation übernimmt, zuerst die Neuerer (die alle Risiken auf sich nehmen), dann die frühen Übernehmer (die das Bei­spiel geben), anschließend die frühe Mehrheit, die späte Mehrheit und schließlich die Nachzügler und als letzte, je nach Modell, die Widerstrebenden (die sich am längsten weigern, die Änderung zu übernehmen) (Albrecht 1992a; Rogers 1995,268-280), erwies sich in vielen Fällen als falsch. Die Tatsache, daß die Ersten eine bestimmte Technologie übernehmen, kann die Übernahme durch die Letzten verhindern, beispielsweise wenn der Markt schon gesättigt ist und den Letzten keine Möglichkeit mehr bietet, eine bestimmte Investition gewinnbringend einzusetzen, oder wenn sie nur mit einer Mindestmenge an Kapital implementiert werden kann (vgl. Röling 1988,66-77).

Diese Beschränkungen wurden erst ab Anfang der 70er Jahre überwunden mit der Einführung des Konzeptes der Zielgruppe und damit der Anerkennung der sozialen und ökonomischen Heterogenität im ländlichen Raum, was zur Entwicklung der Typologie landwirtschaftlicher Betriebe und der Übernahme des Systemansatzes, zunächst im Bereich der Agrarforschung, führte. Auch die Vorstellungen von der fehlenden Risikobereitschaft wichen einer differenzierenden Betrachtungsweise, in der die Möglichkeiten, Risiken einzugehen in die Analyse einbezogen wurden, zum Beispiel vorhandenes Kapital und die Bedeutung der persönlichen Kommunikations­kontakte (Albrecht 1992a,22). Dies hatte auch Auswirkungen auf die Einschätzung der Bedeutung des Faktors Information, prinzipieller Ansatzpunkt der Beratung. Diese Erkenntnisse haben jedoch bis heute wenig Eingang in die Ausbildung der brasilianischen Agraringenieure und Agrartechniker gefunden.


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Das Diffusionsmodell versteht Forschung und Beratung als unterschiedliche, von einander getrennte Aktivitäten, die durch den Prozeß des Technologietransfers miteinander verknüpft werden (vgl. Martins, A.C.S. 1996). Die Forschung soll neue Kenntnisse schaffen, die dann von der Beratung an die Bauern weiter vermittelt werden. Der Akteur, der für eine Phase dieses Prozesses verantwortlich ist, trägt keine Verantwortung in der folgenden Phase. Die Initiative geht von den Wissenschaftlern, den Forschern in der angewandten Forschung und den Beratern aus, wohingegen sich der "Empfänger", der Bauer, vorwiegend passiv verhält; sein Wissen hat keine Bedeutung in diesem Modell, er wird nicht einmal konsultiert (vgl. Röling 1994b,280; Bauer 1996,60-61; Starkey 1990). Die Grundlage dieser Trennung liegt in der Vorstellung von der Landbevölkerung, die nicht angemessen lebt und arbeitet aufgrund von Mangel an Informationen, Ambitionen und Interesse. Das Modell geht von der Annahme aus, daß der Bauer unangemessene Praktiken bei der Administration seines Betriebes anwendet und daß der Berater mehr als er von der land­wirtschaftlichen Produktion versteht. Die Worte eines Beraters der FAO, von Fonseca (1985,35) zitiert, charakterisieren diese Einstellung: "In einer traditionellen ländlichen Gesellschaft kann der technische Fortschritt nur von Quellen außerhalb der Comunidade kommen ... Und die Personen, die wissen, was besser für die Bauern ist, sind die Wissenschaftler und die Berater ...".

Eine andere Annahme dieses Modelles ist die Idee von der linearen Kommunikation, von den Internationalen Agrarforschungszentren zu den nationalen Zentren, wo das Wissen adaptiert wird, von dort an die Spezialisten bestimmter Technologien, die das Wissen in Empfehlungen für die Berater übersetzen, die den Inhalt wiederum an fortschrittliche Bauern weitergeben. Diese Idee korrespondiert mit den ersten Kommunikationsmodellen aus der Zeit vor der Entdeckung des Feedbacks. Wissen wurde als transportfähiges Gut angesehen und nicht als integraler Teil eines sozialen Prozesses. Röling (1988,32) erklärt den Unterschied zwischen Wissen und Information: Information kann weitergegeben werden, während Wissen eine inhärente Funktion des Gehirns ist. Albrecht (1990; zitiert nach: Bauer 1996,56) betont, daß Wissen nur dann eine Handlungs­orientierung geben kann, wenn es eingebettet ist in einen schon vorhandenen Wisssensbestand, in das Weltbild, das das Individuum bereits hat.

Als eines der Verbreitungsmodelle, das in vielen Ländern umgesetzt wurde, soll hier das Training & Visit System (T&V) der Weltbank vorgestellt werden.


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Kasten 5 : Das Training & Visit System der Weltbank

Das Training & Visit System (T&V) der Weltbank wurde in der Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt und als Vorbedingung für Projekte der Bank in vielen Ländern der 'Dritten Welt' eingeführt. Anlaß für seine Entstehung war die negative Evaluierung eines Bewässerungsprojektes in der Türkei, das sehr viele Mittel erhalten hatte. Die wesentlichen Prinzipien des T&V sind: alle Aktivitäten der Beratung in einer Region werden zusammengefaßt in einem einzigen Dienst; der Dienst hat ausschließlich Beratungsfunktion und übernimmt weder hoheitliche oder administrative Aufgaben (Überwachung), noch Aufgaben wie statistische Erhebungen (beispielsweise in Verbindung mit der Steuererhebung) oder Versorgung mit Betriebsmitteln; die Beratung konzentriert sich auf die wichtigsten Kulturen und wenige, aber bedeutende mit ihnen verbundene Praktiken; die Arbeit wird über 'Kontaktbauern' verwirklicht (etwa 10% der Zielgruppe auf 8 Gruppen von 4 bis 15 Personen verteilt), die als Beispiel für die übrigen Mitglieder der Zielgruppe dienen; der Dienst hält engen Kontakt zur Forschung über Spezialisten, die auch für das Training der Berater verantwortlich sind; die Berater werden in regelmäßigem Rhythmus von 14 Tagen weitergebildet, wobei der Inhalt auf die Notwendigkeiten der jeweiligen Jahreszeit zentriert ist, also Aussaatmethoden während der Aussaatzeit; die Tage der Feldbesuche, die im voraus festgelegt sind, sollen ebenfalls im Rhythmus von 14 Tagen stattfinden, wobei 8 Tage für die Besuche vorgesehen sind, 2 für das Training und 2 für außerordentliche Besuche oder administrative Zwecke. Die Bildung von 'Forschungs- und Beratungskomitees' hat die Funktion, bessere Praktiken zu entwickeln, Versuche unter Praxisbedingungen zusammen mit den Bauern durchzuführen und die Berater für die Verbreitung der Empfehlungen zu schulen, wobei die Spezialisten Schlüsselelement bei der Planung und Ausführung der Experimente im Betrieb sind (Bauer 1996,53-55; Albrecht 1992b).

Die Kritik an diesem Modell, das im Prinzip mit leichten Modifikationen dem Kontakt-Farmer-Ansatz und dem Technologietransfer-Modell folgt, wurde von Albrecht (1992b,132; vgl. Bauer 1996,53-61) folgendermaßen zusammengefaßt: Der Ansatz des 'Kontaktbauern' funktioniert nicht wie vorgesehen: die Auswahl ist problematisch, speziell wenn schon eine signifikative soziale Differenzierung existiert, und die Kenntnisse werden nicht an den Rest der Zielgruppe weitergegeben, was zu einer stärkeren Segregation zwischen Bauern mit und ohne Kontakt führt. Der regelmäßige Besuch in Regionen mit schwierigem Zugang und verstreuten Betrieben ist kompliziert und teuer, zudem häufig unangemessen, weil er nicht die Fluktuation der Arbeit des Bauern berücksichtigt und nicht immer Neuigkeiten zu verbreiten hat, zum Beispiel in der Trockenzeit. Aus diesem Grund nehmen die Bauern nur sporadisch teil. Die Berater fühlen sich in dem rigiden System der Besuche gefangen und kontrolliert, was wiederum die Bildung von partnerschaftlichen Beziehungen zu den Bauern erschwert. Das Modell mit seiner rigiden Hierarchie (integraler Teil des Vorschlags) ist höchst anfällig in Bezug auf das Funktionieren einer angewandten und verfügbaren Forschung, die die 'Versorgung' mit angepaßten Lösungen garantiert, sowie auf Haushaltsbeschränkungen wegen seiner organisatorischen Anforderungen. Es gibt nur wenige Spezialisten, die in Beratungsmethoden und Pädagogik vorbereitet sind, um die Berater auszubilden und auf ihre Bedürfnisse und Schwierigkeiten einzugehen.

Wieder sind es die hohen Funktionäre in den Büros, die über den Inhalt der Beratung entscheiden und nicht die Bauern (Angebotsorientierung). Es scheint keine spezielle Arbeit mit Frauen oder Jugendlichen zu existieren. Albrecht kritisiert auch die Idee, daß das Wissen wie ein transportables Gut behandelt werden kann, das zum Beispiel auf einer Datenbank gespeichert werden kann, um es an anderem Ort für die Benutzung zu Verfügung zu stellen.

Die Bank selbst begann nach 20 Jahren T&V den Ansatz zu überdenken und neue Prinzipien ('governing principle)') zu definieren (vgl. 3.4.1.1). In verschiedenen Ländern wurden auch Adaptionen des Modells verwirklicht, so von Nagel et. al. (1983; zitiert nach: Albrecht 1992b,135).

3.2.4 Modelle der Beeinflussung mit nicht-linearer Kommunikation

Havelock21 (1969; zitiert in Röling 1988,25) identifizierte in einer Literaturanalyse von 4000 Dokumenten über Wissensverbreitung und - nutzung drei Basismodelle der Beratung:

Er kombinierte die identifizierten Modelle miteinander, den Ansatz von unten nach oben mit dem von oben nach unten, führte als neues wichtiges Element das Feedback durch die [Seite 63↓]Kommunikation in zwei Richtungen ein und entwickelte das Kopplungsmodell ('linkage model'). Bei diesem Modell der Kommunikation in zwei Richtungen zwischen Erzeuger und Nutzer der Technologie blieb jedes Teilsystem noch getrennt und behielt seine eigenen unterschiedlichen Funktionen bei (Mettrick 1993,20). Die Anwendung des Modells ließ auf sich warten (Röling 1988,25).

Auf der Basis dieses Modelles und der Erkenntnis von der Notwendigkeit eines Prozesses, der der wachsenden Nachfrage an neuen Informationen gerecht würde, den die traditionellen Systeme nicht mehr anzubieten in der Lage waren, entwickelte Nagel (1979) das Landwirtschaftliche Wissenssystem ("Agricultural Knowledge-System"22 - AKS). Wie Havelock kombinierte er alle relevanten Elemente dieses Prozesses und entwickelte ein System mit Überlappungen, institutionellen Beziehungen und Rückkoppelungen zwischen den Beteiligten, das in drei wesentliche Teilsysteme eingeteilt wurde: Die Forschung als Erzeuger des Wissens, die Verbreitung als ihre Transmission und der Nutzer als Integrationselement an der Basis des Bestandes an bäuerlichen Praktiken. Die grundlegende Bedingung für Stabilität und Fluß der Information zwischen den Teilsystemen des Wissenssystems ist die Lösung von sechs funktionellen Problemen: Identifikation des Bedarfs, die Erzeugung neuer Kenntnisse, die Operationalisierung, die Verbreitung, die Anwendung seitens der Bauern und die Evaluierung der Erfahrungen. Mit dem Landwirtschaftlichen Wissenssystem wurden neue Elemente eingeführt, die bis heute beispielsweise in der Untersuchungsregion nicht selbstverständlich sind: der Systemansatz, die Orientierung an den Bedürfnissen des Landwirtes (Service-Funktion), der Austausch zwischen den Beteiligten (den Teilsystemen) und die Überlappung der Verantwortlichkeiten der Akteure, die mit­einander in Beziehung stehen, aber verschiedene komplementäre Rollen übernehmen.23 Der Wissens­systemansatz öffnete einen Raum für die Entwicklung anderer Methoden des "Wissensmanagements" (vgl. Kap. 5.8.1).

Die Problemlösungsmodelle gehen nicht von vorformulierten Zielen aus, sondern stellen die Zielgruppe und andere Beteiligte in den Mittelpunkt ihrer Aktivität. Die Definition der Probleme und der Ziele ist miteinander verknüpft. Dazu gehört die Partnerzentrierte Beratung, die in der landwirtschaftlichen Beratung und der internationalen Zusammenarbeit Deutschlands verbreitet ist.


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Kasten 6 : Das Konzept der Partnerzentrierten Beratung

Eines der Problemlösungsmodelle ist die Partnerzentrierte Beratung. Dieses Modell geht vom Klienten aus, wobei der zentrale Punkt bei der Planung und Ausführung von Beratungsprojekten die Definition des Problems in der Wahrnehmung des Klienten ist und nicht die Ziele oder Vorschläge, wie im Fall anderer Modelle (Bauer 1996,21).

"Beratung ist ein Vorgang, in dem der Berater versucht, seine Beratungspartner durch geistige Hilfe zu solchem Handeln zu motivieren und zu befähigen, das geeignet ist, ihre akuten Probleme zu lösen. Die Betroffenen erhalten bessere Einsicht in den Problemzusammenhang und erkennen die verfügbaren Lösungsalternativen. Sie gewinnen daraus sowohl den Antrieb als auch die Orientierung über die Richtung für problemlösendes Handeln. Ansonsten brachliegende Kräfte werden durch die Vermittlung von Beratung freigesetzt und nutzbar. Die dazu notwendige Beziehung zwischen Berater und Beratungspartner sollte partnerschaftlich24 sein, wobei der Berater dem Wohl seines Gegenübers verpflichtet ist. Die Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwort­lichkeit des Partners muß dabei voll gewahrt bleiben, weil dieser schließlich auch die Ver­antwortung für die Folgen seiner Handlung allein tragen muß" (Albrecht et al. 1987,36). Das Modell kennt nicht die beabsichtigte Einflußnahme (Überredung) auf den Willen anderer Menschen (vgl. Bollnow 1959; zitiert nach: Bauer 1996,16). So zeichnet sich die Beratung von anderen Formen der Beeinflussung durch folgende Eigenschaften (Bauer 1996,18):

  • Der Klient steht im Mittelpunkt des Geschehens;
  • Der Berater verpflichtet sich dem Wohl des Klienten; das Interesse des Beraters (und seiner Organisation) soll dagegen zurückstehen;
  • Die Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortlichkeit des Klienten bleiben gewährleistet.

Der Berater soll den Klienten vorrangig dabei unterstützen, Einsichten in die Problemzusammenhänge zu gewinnen und Lösungsalternativen abzuleiten und zu bewerten sowie deren Chancen und Risiken zu erkennen. Der Erkenntnisprozeß und das Erlernen der notwendigen Techniken sind ebenso wichtig wie die Ergebnisse selbst. Wenn der Klient dies lernt, so ist ihm weit nachhaltiger geholfen, als durch den Vorschlag einer noch so guten Lösung (Bauer 1996,21).

Partnerzentrierte Ansätze können als Ansätze 'von unten' angesehen werden. Der Unterschied zu anderen Modellen liegt darin, daß der Ansatz sich auf die Person und nicht auf das Problem konzentriert, und der Berater dahinter zurücksteht. Zielgruppenorientierung, Partizipation und schrittweise Planung und Ausführung sind wesentlichen Eigenschaften (Albrecht et al. 1987,46-59).

Die Wurzeln dieses Ansatzes sind die Gestaltpsychologie, die von Kurt Lewin ausging, die Verhaltenspsychologie und die humanistische Psychologie mit der "klientenzentrierten Therapie" von Carl Rogers (1985; 1992; vgl. Bauer 1996,26; Schultz & Schultz 1981). Rogers stellt das Individuum in den Mittelpunkt des Interesses und nicht das Problem. Das Ziel ist also nicht, ein bestimmtes Problem zu lösen, sondern dem Individuum zu helfen, sich zu entwickeln, damit es ihm gelingt, das aktuelle Problem und später andere Probleme zu überwinden. Rogers betont mehr als den intellektuellen Aspekt die emotionalen Aspekte der Situation, die in Beratungssituationen wie auch bei der Konfliktlösung (vgl. Glasl 1997) und der Verhandlung wichtig sind (vgl. Fisher et al. 1996). Sich auf den Klienten zentrieren bedeutet eine Haltung anzunehmen, die durch die "fünf Imperative von Rogers" (Mucchielli, R., o.D.; zitiert nach: Hoffmann 1996,27-28) gekenn­zeichnet ist:

  1. Annahme des Klienten, und nicht Initiative.
  2. Zentrierung auf sein Erleben und nicht auf äußere Tatsachen.
  3. Zentrierung auf die Person des Klienten und nicht auf sein Problem.
  4. Respektierung seiner Persönlichkeit und echte Wertschätzung, anstelle einer Demonstration unseres Scharfsinns oder unserer Überlegenheit.
  5. Suche nach besserer Verständigung und nicht nach Deutungen.

Der Ansatz der Partnerzentrierten Beratung entwickelte sich ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde zu Beginn der 80er Jahre durch die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit übernommen (Albrecht et al. 1987).

3.2.5 Die Bedeutung der Erziehung im Veränderungsprozeß

3.2.5.1 Die Bedeutung von Paulo Freire für die landwirtschaftliche Beratung

In Paulo Freire's pädagogischem Konzept hat die Überwindung von Unterdrückung eine zentrale Stellung, weil sie den Menschen am Menschsein hindert. Seine Pädagogik macht daher die Unterdrückung und ihre Ursachen zu Objekten der Reflexion der Unterdrückten. Der Kampf für Freiheit ist jedoch ständig von der Gefahr bedroht, daß die Unterdrückten ihre Befreiung damit gleichsetzen, selbst Unterdrücker sein zu wollen, da die Struktur ihres Denkens konditioniert ist durch den in der konkreten Situation gelebten Gegensatz, in dem sie sozialisiert wurden. Sie fühlen sich von dem Unterdrücker angezogen, wollen ihn und seinen Lebensstil imitieren. Der Erzieher darf diese Tatsache nicht übersehen. Freiheit kann jedoch nur das Ergebnis einer Selbstbefreiung der Unterdrückten sein, die allein dazu berufen sind, sowohl sich selbst, als auch die Unterdrücker zu befreien (Freire 1993,31-55).

Das Konzept der befreienden Erziehung entstand in Auseinandersetzung mit dem Bildungswesen in Brasilien, dessen Ansatz er als "Bankiers-Konzept" bezeichnet. Im Gegensatz zu der von ihm vorgeschlagenen Bildung als Praxis der Freiheit, nennt er sie Bildung als Praxis der Herrschaft und charakterisiert sie als Erziehung, die zu einem "Ablageakt" seitens der Erzieher wird, bei dem die "Schüler" die Behälter sind oder, um im Bankiersjargon zu bleiben, Anlageobjekte, die die Einlagen geduldig entgegennehmen (Freire 1993,58). Wissen entsteht jedoch "... nur durch Erfindung und Neuerfindung, durch die ungeduldige, ruhelose, fortwährende, von Hoffnung erfüllte Forschung, der die Menschen in der Welt, mit der Welt und miteinander nachgehen" (Freire 1973,58). Der Pädagogik der Befreiung geht es darum, den Gegensatz zwischen Lehrer (educador) und Schüler (educando)25 zu überwinden, indem es nicht mehr den Lehrer des Schülers und den Schüler des Lehrers gibt, sondern beide erziehen und lernen, wenn auch mit unterschiedlichem Schwerpunkt: Lehrer-Schüler (educador-educando) und Schüler-Lehrer (educando-educador). Im Gegensatz zur Bankiers-Erziehung, tendiert sie zur völligen Aufhebung dieses Gegensatzes. Dabei ist der Dialog entscheidend (Freire 1993,68).

Die problematisierende Erziehung bedeutet eine permanente Bemühung, durch die die Menschen kritisch wahrnehmen, wie sie sich in der Welt befinden. Der Ausgangspunkt ist die Beziehung der Menschen mit ihrer Welt, und der Beginn der Arbeit ist immer das "Hier und Jetzt", in das sie eingebunden sind. Indem sie sich ihrer Situation bewußt werden, eignen die Menschen sie sich als eine historische Realität an und werden fähig, sie zu verändern. Daher [Seite 66↓]kann das problematisierende Konzept der Erziehung auch nicht von den Unterdrückern benutzt werden, denn welche Unterdrückungs-"Ordnung" würde seitens der Unterdrückten permanent die Frage ertragen: "Warum?" (Freire 1993,70-75).

Freires generelles pädagogisches Ziel war die Veränderung des Bewußtseins der brasilianischen Massen. Bewußtsein ist nach Freire ein Prozeß, "... der sich aus Bewältigung und Aneignung der Realität ergibt ...", also "... nicht parallel zur Wirklichkeit verläuft" (Bendit & Heimbucher 1979; zitiert nach: Weissenstein 1981,45). Bewußtsein kann sich nur unter konkreten historischen und existentiellen Bedingungen im Sinne eines Prozesses entwickeln. Die Beziehung zwischen den Subjekten innerhalb dieses Prozesses sei wiederum nur in dialogischer Weise vorstellbar, denn nur der Dialog könne eine Beziehung dialektisch werden lassen. "Bildung könne erst dann im Sinne von Befreiung verstanden werden, wenn der Mensch in Interaktion mit der Wirklichkeit steht, die er fühlt, wahrnimmt und auf die er verändernd einwirken kann" (Weissenstein 1981,46-47).

Nach Freire sollten die Erzieher nicht zum Volk über ihre Sichtweise sprechen oder sie ihm gar aufzwingen, sondern einen Dialog über ihre beiderseitige Ansicht führen. Sie müssen sich dabei darüber bewußt sein, daß die Weltsicht der Bevölkerung, die sich in ihren verschiedenen Handlungsweisen zeigt, die Situation in ihrem Kontext reflektiert. Eine Erziehungshandlung oder eine politische Aktion (auch der Politiker sollte nach Freire ein Erzieher sein) kann nicht auf das kritische Wissen über diese Situation verzichten, wenn sie nicht zur Bankiers-Erziehung werden oder in der Wüste predigen will. Für eine effektive Kommunikation müssen daher die Erzieher oder Politiker fähig sein, die strukturellen Bedingungen zu kennen, unter denen Denken und Sprache des Volkes in dialektischer Form entstehen (Freire 1993,87). Die grundlegenden Widersprüche dieser Situation werden aufgegriffen, dem Volk wiederum als Problem und Herausforderung vorgestellt, die eine Antwort sowohl auf intellektueller Ebene, als auch in der Aktion verlangt (Freire 1993,86).

Es gibt keinen Dialog ohne eine profunde Liebe zu den Menschen und der Welt. Ein wirklicher Dialog kommt nur zustande, wenn seine Subjekte wirklich, also kritisch denken. Als eine Begegnung zwischen Menschen mit dem Ziel, gemeinsam handeln zu können, bricht er ab, wenn eine Seite die Bescheidenheit verliert (Freire 1973,79-82). "Wie kann ich mich im Dialog engagieren, wenn ich mich als Mitglied einer Kerngruppe sehe von reinen Menschen, Besitzern von Wahrheit und Wissen, für die alle Außenstehenden 'die Leute da' sind oder 'unterlegene Einge­borene'?" (Freire 1973,74-75; Freire 1993,80).26

Bei dem kritischen Dialog haben die "generativen Themen" (temas geradores)27 eine Schlüssel­funktion. Die Vorgehensweise zu ihrer Definition schließt verschiedene Etappen ein, wie die Erforschung des "thematischen Universums" des Volkes, die einer Ethnographie ähnelt, Momente der Aufarbeitung der Ergebnisse mit Hilfe von Spezialisten sowie der "Rückgabe" an die Bevölkerung, Evaluierungstreffen, Kodierung und Dekodierung28, Dialog in "Zirkeln für thematische Forschung", bis schließlich der Dialog in den "Kulturzirkeln" stattfinden kann. Die Vorbereitung geht von den Erziehern aus und bezieht bereits interessierte Freiwillige in die Erhebung ein (Freire 1993,103-120; Freire 1992,88). Lange (1973,15) beschreibt diesen Prozeß als "... ein gemeinsames Projekt der Lehrenden und [Seite 67↓]Lernenden: ein interdisziplinäres Team lebt wochenlang in der Gegend, in der ein Alphabetisierungsprogramm durchgeführt werden soll, und analysiert seine Beobachtungen von Anfang an mit Hilfe von Multiplikatoren am Ort".

Paulo Freire (1992,15)29 analysiert die Arbeit des "Agronomen"30, der irrtümlicherweise "extensionista" genannt wird, als Erzieher (educador). Dazu unterwirft er zunächst den Begriff extensão einer kritischen Analyse. Dieses Wort hatte ursprünglich die Bedeutung "Ausdehnung". In dem hier diskutierten Zusammenhang wird es gebraucht, um auszudrücken, daß eine Sache (das direkte Objekt der verbalen Handlung) ausgestreckt wird bis zu jemandem (dem indirekten Objekt der verbalen Handlung), der den Inhalt des Objektes der verbalen Handlung empfängt. Im Falle des extensionista geht es nun darum, seine Kenntnisse und seine Techniken zu verbreiten. Eine Analyse nach dem Konzept der "Assoziationsfelder" von Bally ergibt für Freire folgende Gedanken im Zusammenhang mit extensão (Freire 1992,19-22): Transmission, aktives Subjekt (der "ausstreckt" oder verbreitet), Inhalt (ausgewählt vom dem, der verbreitet), Messianismus (von seiten dessen, der verbreitet), Überlegenheit (des Inhaltes dessen, der ihn übergibt), Unterlegenheit (dessen, der empfängt), kulturelle Invasion (durch den transportierten Inhalt, der die Weltsicht desjenigen reflektiert, der ihn sendet, und der die Sicht desjenigen überlagert, der passiv empfängt), etc.

Alle diese Begriffe schließen Handlungen ein, die den Menschen fast in ein Ding verwandeln und ihn verleugnen als ein Wesen, das die Welt verändert. Die Bildung von authentischen Erkenntnissen wird verneint. Man könnte nun sagen, daß extensão nicht dieses ist, sondern daß sie erziehend ist. Aus der Analyse geht jedoch deutlich hervor, daß das Konzept der extensão nicht mit einem befreienden Erziehungsansatz korrespondiert. Damit soll dem Agronom nicht das Recht genommen werden, ein Lehrer-Schüler zu sein im Verhältnis zu den Bauern, die Schüler-Lehrer sein können. Im Gegenteil, Freire ist überzeugt, daß genau dies seine Aufgabe ist. Er akzeptiert jedoch weder Überredung, noch Propaganda als eine Erziehungshandlung. Die Option der Befreiung sei unvereinbar damit, zu überreden, Propaganda zu betreiben oder ein Objekt-Subjekt-Verhältnis aufrecht zu erhalten. Als Erzieher weigert sich der Agronom, die Menschen zu "domestizieren", seine Aufgabe entspricht dem Konzept der Kommunikation und nicht der extensão (Freire 1992,22-24).

Die wichtigste Aufgabe im Verhältnis zwischen Agronom und Bauer ist der Aufbau einer Dialog-Beziehung. "Die Erziehung ist Kommunikation, ist Dialog ..." (Freire 1992,69). Lehrer und Schüler nehmen die Rolle von erkennenden Subjekten an, vermittelt durch das erkennbare Objekt, das sie kennenlernen wollen (Freire 1992,28). Mit dem Dialog ist die Problematisierung der eigenen Kenntnisse beabsichtigt in ihrer Reaktion mit der konkreten Realität, in der sie entstehen und auf die sie einwirken, um sie besser zu verstehen, zu erklären und zu verändern (Freire 1992,52). "Die Aufgabe des Erziehers ist nun, den Lernenden den Inhalt, der sie vermittelt, zu problematisieren und nicht einen Vortrag zu halten ... In diesem Akt der Problematisierung der Lernenden, wird er gleichermaßen problematisiert" (Freire 1992,81). Der problematisierende Dialog verringert die Distanz zwischen dem, was der Berater ausdrücken will, und dem Verständnis des Bauern hinsichtlich der Bedeutung, so daß beide das gleiche verstehen (Freire 1992,68) Die Problematisierung bezieht die "kritische Rückkehr zur Aktion" ein, die eine Reflexion über die eigene Handlung bedeutet, um gemeinsam besser der Realität angemessen handeln zu können (Freire 1992,82-83). Die Aufgabe des Erziehers ist, die Bauern immer mehr herauszufordern, so daß sie in die Bedeutung des Inhaltes des Themas eindringen, mit dem sie konfrontiert sind (Freire 1992,90).


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3.2.5.2 Die Erziehungspraxis in der Beratung

In der Beratung wurden im Lauf ihrer Geschichte verschiedene Faktoren als ausschlaggebend betrachtet. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten wurden entweder der Information, der Kommunikation, der Erziehung, der Technologie oder der Partizipation entscheidende Rollen zu­ge­dacht. Die Erziehung wurde bereits zu Beginn der Beratung, beispielsweise in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des ländlichen Raumes angesehen. Einerseits erwartete man sich von der Schulbildung generell eine Verbesserung der Situation in der Landwirtschaft. Andererseits sah man die Erziehung vor allem als ein Mittel, um die "Ignoranz, die Rückständigkeit, die traditionelle Lebensweise der Bauern und die Unfähigkeit zur Initiative seitens der ländlichen Gemeinschaften" zu überwinden, die als Hindernis für die Modernisierung des ländlichen Raumes angesehen wurde. Die ländliche Entwicklung wurde daher eng mit der Erziehung verknüpft.

Die Vorstellung über Erziehung durchlief seit dieser Zeit zahlreiche Entwicklungsstufen, in denen sie sich von einer Pädagogik der Übermittlung (transmissão) und der Autorität hin zur Verhaltensanpassung (Konditionierung) im Sinne Skinners wandelte, um später das Wachstum der integralen, allerdings individuellen Person in den Vordergrund zu stellen und in der Phase nach Paulo Freire zusätzlich auch die Veränderung der Person zusammen mit ihrer Gesellschaft anzustreben (Bordenave 1981,245). Die Einschätzung ihrer Rolle reichte vom Anpassungs- und Unterdrückungsinstrument im Sinne der herrschenden Klasse und des kapitalistischen Systems bis hin zum Hebel für gesellschaftliche Veränderungen.

Dabei werden häufig Schulbildung im ländlichen Raum, Erwachsenenbildung, Volkserziehung (Educação Popular) und der Erziehungsauftrag der Beratung sowie Unterricht (Training, Anleitung, etc.) und Erziehung im Sinne von Persönlichkeitsentwicklung miteinander vermischt. Im weiteren werde ich mich ausschließlich mit der Bedeutung der Erziehung in der Beratung auseinandersetzen. Die Bedeutung der Schulbildung im ländlichen Raum, ihre Anpassung an die Verhältnisse und Themen der Landbevölkerung stehen hier nicht zur Debatte.

In Brasilien wurde der Erziehungsansatz besonders während der Phase des "innovativen Diffusionsmodells" in der Beratung betont, deren Anliegen sowohl die Veränderung der Einstellung, als auch die Unterrichtung bestimmter Techniken war. "Beraten ist erziehen - Erziehung im weitesten Sinne des Wortes"31 (Bechara 1954; zitiert nach: Silva 1992,14). Timmer (1954; zitiert nach: Queda 1987,134-135) bekräftigte, daß "... die Bevölkerung mit einem geringen Bedarfsniveau keine Initiative entwickelt, um ihre Produktion zu erhöhen, auch weil sie ihr überschüssiges Einkommen nicht in vernünftiger Weise auszugeben wüßte." Ihm zufolge müßte die Erziehung der ländlichen Bevölkerung eine unleugbare Priorität haben. Er stellte weiter fest, daß Agrarökonomen und Agronomen der Beratung erkannt hätten, "... daß der 'Bedarfskomplex' der Bevölkerung gemeinhin außerordentlich niedrig ist wegen ihrer mangelnden geistigen und intellektuellen Erziehung, da der Bedarf von dieser Erziehung abhängt" (Timmer 1954; zitiert nach: Queda 1987,134-135). "In klarer Weise, ohne irgendeinen Vorwand, war dies der Inhalt des Erziehungsprojektes" (Queda 1987,134-135).


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Der Erziehungsansatz wurde in der Phase des "Überdenkens der Beratung" in der Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts wieder verstärkt aufgegriffen. Silva (1992,184), der den Erziehungs­prozeß in den Konzepten und der Praxis der EMATER des Bundesstaates Rio Grande do Sul (RS) untersuchte, stellte fest, daß die Befreiungstheorie Paulo Freires den Mitarbeitern hinreichend bekannt war, was darauf zurückzuführen war, daß diese Theorie hohe Priorität in der Organisation während der Phase des "Überdenkens" hatte.32 Obwohl sich die Befragten der verschiedenen hierarchischen Ebenen der EMATER (RS) mehrheitlich als Erzieher verstanden, war das dahinter liegende Verständnis sehr heterogen und zeigte besonders in der Praxis eher autoritäre Züge (Silva 1992,177). Dem Bauern Kenntnisse beibringen, Veränderungen seiner Handlungsweise bewirken, waren häufige Antworten, und die Verbreitung von Technologien herrschte vor. Weder war ein gemeinsames Verständnis von Erziehung vorhanden, noch eine gemeinsame theoretische Basis des Erziehungsprozesses. So wurde zum Beispiel auf der entscheidenden Ebene der lokalen Berater, die den direkten Kontakt mit den Bauern hatten, eine Vorgehensweise beobachtet, die von gesteuertem und unkritischem Druck gekennzeichnet war. "... ich wurde erzogen, um den Bauern zu erziehen ... der Berater führt den Dialog, aber fährt fort, seine Technologie aufzuzwingen" (Silva 1992,167).

Die Struktur der EMATER (RS) weist einen hohen Hierarchisierungsgrad auf, und die drei untersuchten technischen Ebenen bekräftigten, daß die "Fortschrittliche Befreiungstheorie" (Teoria Progressista Libertadora) am meisten ihre Praxis beeinflußte. Daher stellt Silva (1992,189) die Frage: Welche Motive führten unter diesen Voraussetzungen dazu, daß die Erziehungspraxis der Beratung nicht verändert wurde? Ein Argument war, daß die Periode, in der der von Paulo Freires Denken beeinflußte Diskurs entstand, zu kurz war, und die Zeit noch weniger für Veränderungen in der Praxis ausreichte, obwohl die EMATER (RS) die Repensar-Ideen übernommen hatte. Die hierarchische Struktur trug zusätzlich dazu bei, die Umsetzung zu erschweren. Die Ausbildung der Mitarbeiter hatte zudem in Zeiten stattgefunden, als andere, autoritäre Erziehungsmodelle vorherrschend waren. Während der gesamten Geschichte der Beratung wurden die Berater ausgebildet, den Widerstand der Bauern gegen die Übernahme von Neuerungen zu brechen (Silva 1992,198). Den Beratern fehlt die notwendige gründliche Kenntnis der Grundlagen der von ihnen verwendeten Konzepte, um der "Dichotomie zwischen Wollen und Tun" zu entgehen (Silva 1992,190-191). In seiner Geschichte hat der Apparat des Beratungsdienstes immer dafür gesorgt, daß die Berater an der Basis fertige Lösungen empfingen, was ihre "erzieherische Praxis anbetrifft" (Silva 1992,197). "Die Instruktionen waren schon 'übersetzt' in Form von 'Etappen des Übernahmeprozesses', 'Prinzipien des Lernens', 'Führungspersönlichkeiten', etc. In dieser Form blieb der ausführende Berater von der Notwendigkeit 'befreit', das theoretische Wissen zu beherrschen, auf dem diese Orientierungen basierten" (Silva 1992,198). Es besteht eine fast vollständige Abhängigkeit der Berater im Feld von den höheren Ebenen: statt ihren Arbeitsbedarf in Partnerschaft mit den Bauern zu erarbeiten, warten die Berater in der Regel auf "Informations­pakete", die außerhalb ihrer Realität produziert wurden (Silva 1992,168-169). Wie kann jemand eine Befreiungspraxis mit anderen entwickeln, wenn er selbst nicht die Hintergründe kennt und abhängig von aufbereiteten Anweisungen ist, das heißt ein Anlageobjekt, das die Einlagen geduldig entgegen nimmt?

Die Untersuchung kam zu dem Schluß, daß kein Erziehungsprozeß in der EMATER (RS) existierte. Es gab keine einheitliche Linie, noch weniger Hinweise für die Beratungsarbeit vor [Seite 70↓]Ort, die der Befreiungspädagogik Freire's folgten. Die autoritäre und vertikale Haltung herrschte vor (Silva 1992,201-202). Obwohl ihre Verfechter unterlegen waren hinsichtlich ihrer Kapazität, den neuen Vorschlag zur Wirkung zu bringen, war die "Überdenkensphase" mit ihren reichhaltigen Diskussionen jedoch ausreichend intensiv, um die einheitliche theoretische Basis der traditionellen Beratung zu zerstören und eine theoretische Verwirrung zu hinterlassen (Silva 1992,176). Eine Änderung braucht Zeit. Silva (1992,204) stellt fest, daß die Erfahrungen der EMATER (RS) auch auf die anderen Dienste in Brasilien übertragen werden können.

3.2.6 Erziehung oder Beratung?

Der Erziehungsansatz genießt in der landwirtschaftlichen Beratung, bei NROs, Reformern des Beratungswesens und Vertretern der Bauern hohes Ansehen, auch außerhalb von Brasilien. Dabei beruft man sich vor allem auf die Arbeit von Paulo Freire. Für die Arbeit zwischen Berater und Bauer gibt er wertvolle Anregungen: der problematisierende Dialog, die Betonung der Bescheidenheit und des kritischen Denkens im Dialogverhältnis, die Rückkehr zur Aktion, die Bemühung um eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis der Dinge, der Versuch, das Lehrer-Schüler-Verhältnis durch die Idee des Lehrenden-Lernenden und Lernenden-Lehrenden aufzubrechen, die Kritik an Überredung und Propaganda in dieser Interaktion, die Ablehnung der Idee der Transmission von Wissen, die Notwendigkeit, die Bauern herauszufordern, der Bezug auf die konkrete Realität der Betroffenen und schließlich die Suche nach den Grunderfahrungen der Bevölkerung. Die Methode der Suche nach den Themen, die schließlich in "Kulturzirkeln" behandelt werden und eine Art Diagnose darstellt, kann ebenfalls Hinweise für die Vorgehensweise bei der Arbeit geben, insbesondere zur Identifizierung des Bedarfs. Man muß sich jedoch darüber im klaren sein, daß dieses Vorgehen hohe Anforderungen, unter anderem an interdisziplinäre Zusammenarbeit, stellt und daher eventuell nur in Ansätzen zu verwirklichen ist (vgl. Freire 1992,88; Freire 1973,91-104).

Kritik wird vor allem an Paulo Freires Vorstellung über "Bewußtwerdung" geübt. So wirft ihm Berger (1975; zitiert nach: Weissenstein 1981,84) eine hierarchische Sicht des Bewußtseins vor, der die Annahme zugrunde liege, daß die Unterdrückten ihre Situation selbst nicht verstehen könnten und der Hilfe der Pädagogen bedürften. "Das Bewußtsein für eine humane Gesellschaft werde den Unterdrückten demzufolge von denjenigen vermittelt, die erklärtermaßen jene Bewußtseinsstufe bereits erreicht haben" (Weissenstein 1981,85). Eine andere Kritik geht dahin, daß die "Bewußtwerdung" keine eindeutigen Inhalte habe, sondern mit beliebigen Inhalten versehen und somit auch für unterschiedliche politische Ziele eingesetzt werden könne. Dies wurde sogar selbstkritisch von Freire als Schwäche seines Konzeptes gesehen (vgl. Weissenstein 1981,86).

Der Ansatz von Freire ist anspruchsvoll, wenn nicht nur eine Verbesserung des Dialogs angestrebt wird, sondern auch die Einleitung eines Bewußtwerdungsprozesses. Die Übernahme der Positionen von Paulo Freire ist problematisch, weil der politische Aspekt und die Idee der Befreiung nur schwer in einem Staatsdienst zu verwirklichen sind, da er an die Machtfrage rühren kann. Dies kann auch für andere autoritäre Organisationen gelten. So stellt Freire (1993,62) fest: "Wir haben bereits gezeigt, daß die Erziehung die Machtstruktur wiederspiegelt, daher die Schwierigkeit, die ein dialogbereiter Erzieher hat, in kohärenter Weise innerhalb einer Struktur tätig zu sein, die den Dialog verneint." Die Vorgesetzten in der EMATER (RS) wiesen daher die "Erziehungsdimension" zurück, soweit es sich um "eine politische, befreiende Dimension" handelte und erkannten nur technische Inhalte an (Silva[Seite 71↓]1992,166). Politische Einflüsse beendeten auch die Phase des "Überdenkens der Beratung" in der EMATER.

Die Ansätze in der Erziehung sind vielfältig, häufig sogar autoritär. Wenn sie jedoch nicht befreiend und problematisierend sind, hat die Erziehung eine Herrschaftsfunktion, wie Freire darstellt. Daher kann eine Erziehungsaufgabe des Beraters ohne genaue Definition des Konzeptes nicht als geeignete Basis angesehen werden, um Anleitungen für die Interaktion mit den Bauern zu geben. Albrecht & Hruschka (1992,7) erläutern, daß man in verschiedenen Bereichen beruflicher Beratungstätigkeit nach Grundlagen für die Lösung der "personenbezogenen Problematik" suchte, die vom Berater schwieriger als die sachbezogene, technische Problematik empfunden wurde, in der er sich sicherer fühlte, wobei sich in dieser Zeit, den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, eine allgemeine Tendenz zu verhaltenstheoretischen Konzepten zeigte. Von dieser Suche erhoffte man sich Kenntnisse über menschliches Verhalten für eine Verbesserung der Beratungsarbeit, deren wesentliche Charakteristik "... die bewußte Begrenzung des Instrumentariums der Einflußnahme... " war. "Beratung kann nicht 'befehlen', nicht 'anordnen', sie hat keine 'rechtssetzende Kraft', keine 'Verfügungsgewalt', sie kann nicht 'durchsetzen' oder 'erzwingen'".33Albrecht & Hruschka (1992,8) sprechen sich deutlich gegen die Erziehungsfunktion der Beratung aus: "Arimond lehnt eine 'auch-pädagogische' Funktion der Beratung ab und zeigt den Unterschied zur Erziehung auf: während Beratung 'nie allgemein gültige Lösungen geben' kann, sondern 'in ihrem Inhalt auf eine bestimmte Person in einer bestimmten Situation' bezogen ist, soll Erziehung 'alle Betroffenen gemeinsam' zu den als gültig erkannten Werten oder Lösungen führen. Hieraus erhellt sich die originäre Funktion der Beratung: sie ist Hinführung des einzelnen zum jeweilig für ihn besonderen. Die Pädagogik enthält die Verpflichtung, ihren Inhalten zu folgen; die Beratung läßt absolute Freiheit, den Rat anzunehmen oder nicht."34

In Abhängigkeit von dem Ziel und der beabsichtigten Veränderung müssen unterschiedliche Methoden eingesetzt werden. Die Methode der Arbeit zwischen Berater und Bauer und der Erfolg der Innovation können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, ob der Vorschlag von dem Bauern ausgeht oder von einer Institution, ob der Berater von dem Bauern gerufen wird (Nach­frage­orientierung) oder von der Institution ausgesandt wird (Angebotsorientierung). Geht man von einer effektiven Partizipation aus, so ist meines Erachtens erforderlich, daß sich die Beteiligten über die Art der beabsichtigten Veränderung im Klaren sind.

Auf Gebieten mit geringem Staatseinfluß, sei es aufgrund des Privateigentums oder der individuellen Verwaltung des Besitzes, wie im Fall von Produktion, Organisation und Vermarktung in der Landwirtschaft oder des Managements natürlicher Ressourcen innerhalb der Grenzen des landwirtschaftlichen Betriebes, sollte die Veränderung möglichst freiwillig aufgrund von Einsicht erfolgen. Dies wird von der Partnerzentrierten Beratung vertreten. Die auf der klientenzentrierten Therapie von Rogers basierenden Überlegungen schließen meiner Meinung nach für die landwirtschaftliche Beratung Ansätze aus, die Intervention oder Erziehung des Bauern (des Klienten) zum Ziel haben.

Im Fall der Veränderung im kollektiven Interesse, der das Individuum nicht freiwillig zustimmt, handelt es sich um eine Intervention, die Methoden zur Überredung anwenden kann und, falls notwendig, sogar Zwang unter Einsatz der Polizei, beispielsweise zur Durchsetzung von Gesetzen35. "Jedes kollektive Vorhaben ... beruht auf einem Minimum von [Seite 72↓]Integration der Ver­haltensweisen von Individuen und Gruppen, kurz: der betroffenen sozialen Akteure, die jeder für sich unterschiedliche oder sogar widersprüchliche Ziele verfolgen." Schematisch kann dies auf zwei Arten erreicht werden. "Entweder durch Zwang oder seinen Begleiter, die affektive und/oder ideologische Manipulation ... Oder aber über vertragliche Regelungen ..." (Crozier & Friedberg 1993,11-12).

Der Berater sollte eine eindeutige Rolle haben. Im Falle der Intervention (kollektives Vorhaben) ist seine Rolle, im Auftrag einer Veränderungsagentur ein bestimmtes Verhalten oder bestimmte Handlungen bei der Bevölkerung zu erreichen. Hier hat er mit einem Auftraggeber und einer Zielgruppe zu tun, wobei er eine Mittlerstelle (marginale Rolle36) einnimmt (Beziehung zwischen drei Akteuren: Triade)37. Im Fall der partnerzentrierten Beratung (individuelles Vorhaben38) hat er die Rolle, im Auftrag des Klienten zur Lösung seiner Probleme beizutragen. In diesem Fall hat er es nur mit dem Klienten zu tun, und es handelt sich um eine Beziehung zwischen zwei Akteuren (Dyade).

Im Fall des Untersuchungsgebietes plädiere ich für einen klientenorientierten Dienst, in dem der Berater Rollen einnehmen kann, die mit dieser "Zweierbeziehung" kompatibel sind, wie die der Beratung (im Sinne des partnerzentrierten Beratungsansatzes), angewandten Forschung (Ent­wicklungs­orientierte Forschung, Experimente mit Bauern), Moderation (Vermittlerrolle auf Wunsch der Klienten) oder Ausbildung (Verbesserung der technischen, betriebswirtschaftlichen, kommerziellen oder organisatorischen Kapazität der Bauern). Die autoritäre Tradition in Brasilien, die ungenügende Ausbildung und die Einstellung der Berater lassen die Erzieherrolle oder gar eine Doppelrolle als Erzieher und Berater als zu gefährlich erscheinen. Die Interventionsaufgaben und damit kompatible Rollen sollten anderen Agenturen überlassen bleiben. Dazu gehören unter anderem Erziehung in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Umwelt. Die Interaktion in Bewußtwerdungsprozessen oder die Ausbildung neuer Führungskräfte der Bauern sehe ich als einen davon unabhängigen dritten Bereich an, der weder der Intervention, noch der klientenorientierten Beratung (zu der auch die Weiterbildung gehört) zuzuordnen ist. Diese Erkenntnisse werden in einem Vorschlag für einen kombinierten Forschungs- und Beratungsdienst berücksichtigt und fließen besonders in die Beschreibung der Aufgaben des Dienstes und der Rollen seiner Mitarbeiter ein (siehe Kap. 6.2).

3.3 Forschung in Verbindung mit entwicklungsorientierten Aktionen

3.3.1 Aktionsforschung für den sozialen Wandel

Die Aktionsforschung hat nach Ansicht von Barbier (1996,13) ihren Ursprung in der Arbeiterbefragung (enquête ouvrière), für die Karl Marx im Jahre 1880 einen Fragebogen formuliert hatte (Thiollent 1987,101-126). Andere Autoren identifizieren die ersten Schritte [Seite 73↓]der Aktionsforschung in den "Hawthorne-Studien" der Equipe von Elton Mayo, die im Jahr 1929 in der Western Electric Company (Hawthorne, Illinois) Daten über die Situation am Arbeitsplatz erhob (Abwesenheitsrate), aus der sich nach und nach eine Zusammenarbeit zwischen Forschern und Arbeitern entwickelte. Der Begriff Aktionsforschung wurde zu Beginn der 40er Jahre geprägt von Kurt Lewin, einem deutschen Psychologen und Vertreter der Gestaltpsychologie. Lewin arbeitete über die menschliche Motivation in ihrem physischen und sozialen Kontext, soziale Probleme in Verbindung mit der Einführung von Veränderungen, Rassenkonflikte und Gruppendynamik in der Sozialpsychologie. Er glaubte, daß nur die Intervention in kontrollierten Untersuchungen bestimmte Phänomene der sozialen Realität zu beobachten und interpretieren ermöglicht. Er wollte die Forschung im Dienste der Lösung sozialer Konflikte einsetzen, als ein Mittel der Sozialtechnik, weshalb er von manchen Autoren nicht als Gründer einer emanzipatorischen und partizipativen Aktionsforschung anerkannt wird. Eine andere Quelle ist die Aktionsanthropologie (action anthropology), die von nordamerikanischen Anthropologen ab den 50er Jahren entwickelt wurde, die sich angesichts der Situation der Indianer nicht auf Forschung und Beschreibung beschränken wollten, sondern ihre eigene Haltung änderten und zur Veränderung der Situation beitrugen (Albaladejo & Casabianca 1997b,129-130; Barbier 1996,15; Schneider-Barthold et al. 1995,117; Schultz & Schultz 1981,206, 320; Seithel 1990).

Die Aktionsforschung kann ausschließlich für kognitive Zwecke benutzt werden, was für die vorliegende Arbeit jedoch nicht zutrifft. Daher soll von einer während eines Kolloquiums 1986 in Frankreich von den beteiligten Wissenschaftlern erarbeiteten Definition ausgegangen werden: "Es handelt sich um Forschungen, die eine geplante Aktion beinhalten, um die Wirklichkeit zu verändern, Forschungen mit einem doppelten Ziel: die Realität zu transformieren und Erkenntnisse über diese Veränderungen zu produzieren" (Hugon & Seibel 1988; zitiert nach: Barbier 1996,7). Sie verbindet also die Forschung mit einer praktischen Aktion und zielt sowohl auf die unmittelbare Lösung aktueller Probleme, als auch auf die Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse ab. Albrecht (1992c,121) gebraucht auch den Begriff Verfahrensforschung. Die Dynamik des Prozesses beeinflußt die Richtung der Forschung und erbringt neue Einsichten. Die Aktionsforschung liefert nicht nur Ergebnisse, sondern informiert auch, wie sie erzielt wurden, eine Notwendigkeit, die von Bennis (1965; zitiert von Albrecht 1992c,113) hervorgehoben wird: "Leider existiert keine Theorie vom sozialen Wandel. Es ist eine kuriose Tatsache, daß die gegenwärtigen Theorien eigenartig wenig aussagen in Bezug auf das Problem, sozialen Wandel zu implementieren und ihm Richtung zu geben." Sie sind nach Bennis brauchbar für Beobachter des sozialen Wandels, aber nicht für Praktiker, die Veränderungen herbeiführen wollen, weil sie keine Anleitung dazu geben.

In der Aktionsforschung wird ein Ausgangspunkt (Explorationsphase) und ein Endpunkt (Verbreitung der Ergebnisse; Rückgabe) definiert, während die Vorgehensweise zwischen diesen Punkten offen bleibt, die von einem Leitfaden ausgehen kann (Thiollent 1992,47). Dies erlaubt, den Planungsprozeß auf die nächsten Schritte zu beschränken und die Arbeit nach dem Eintreffen erster Reaktionen auf die Aktionen neu zu orientieren. Diese Reaktionen können wesentlich zur Analyse der Situation beitragen ('Diagnostizieren mittels Intervention', wobei es sich hier nicht um einen Fremdeingriff handelt, da die Aktionsforschung die gemeinsame Planung voraussetzt). Die Wechselwirkung zwischen Aktion und Reaktion erbringt Erkenntnisse, die in einer "normalen" Forschung (Ausgangssituation - Endsituation - Bewertung in Bezug auf die Zielsetzung) nicht zu erhalten sind, weil es keine Analyse des Prozesses gibt. Diese Vorgehensweise ermöglicht die Korrektur von Fehlern und die Verbesserung der Methode zu einem relativ frühen Moment. Die Aktionsforschung kann auch ein soziales "Experiment" bedeuten, was äußerst selten in den Sozialwissenschaften möglich ist (Albrecht 1992c,115-116). Nach Thiollent (1992,18) "... ist es mit der [Seite 74↓]Aktionsforschung möglich, in dynamischer Weise die Probleme, Entscheidungen, Aktionen, Verhandlungen, Konflikte und Bewußtwerdungsprozesse zu studieren, die zwischen den Agenten während des Prozesses der Transformation der Situation ablaufen."

Die Aktionsforschung ist auf die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Praktikern, seien es Entwicklungsagenten, landwirtschaftliche Berater oder Bauern, angewiesen. Sie wird daher nur realisierbar, wenn beide Seiten mit der Zusammenarbeit hinzu gewinnen. Für den Forscher ist sie vorteilhaft in komplexen Situationen, in denen die verschiedenen Einflußfaktoren nicht voneinander getrennt werden können, oder zu Beginn eines Projektes, das Entscheidungen in Situationen mit unvollständigen Informationen verlangt. Für die Praktiker hat die wissenschaftliche Begleitung und Analyse einer konkreten Situation den Vorteil, die spezifischen Erkenntnisse verallgemeinern zu können, was die Anwendung dieser Erfahrungen auch in unterschiedlichen Situationen erleichtert (Albrecht 1992c,114).

Außer den erwähnten Eigenschaften, unterscheidet sich die Aktionsforschung von anderen Methoden, die ebenfalls das Element der Aktion kennen (die nicht in allen partizipativen Forschungen vorkommt), durch die geplante und ausgehandelte Aktion, die eine Erfahrung zu machen erlaubt, die irreversibel ist, da die Ereignisse die Teilnehmer in einer Weise beeinflussen, daß sie verändert aus diesem sozialen Prozeß herauskommen. Ein weiterer Punkt ist die beabsichtigte breite Interaktion zwischen Forschern und anderen Beteiligten in der untersuchten Situation. Die Aktionsforschung bringt einige Risiken mit sich, unter anderem den Aktionismus, aufgrund der alltäglichen Anforderungen. Die Aktivitäten haben die Tendenz, sich auf die Aktionen zu konzentrieren, so daß die Gewinnung neuer Erkenntnisse an Gewicht verliert und auf Routineaufzeichnungen reduziert wird.

Thiollent (1992,8) grenzt die Reichweite der Aktionsforschung ein auf einen mittleren Bereich zwischen der mikrosozialen (Individuen, kleine informelle Gruppen) und der makrosozialen Ebene (Gesellschaft, soziale Bewegungen und Organisationen auf nationalem oder internationalem Niveau).


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Kasten 7 : Pesquisa participante

Die Pesquisa Participante 39 hat nach Brandão (1983; zitiert nach: Silva 1991,22) ihren Ursprung in der Idee der Arbeiterbefragung (enquête ouvrière). Er identifiziert als weitere Quelle die teilnehmende Beobachtung, die von dem Anthropologen Malinowski entwickelt wurde, als er in seinem Feldtagebuch bestätigte: "Ich habe enge Beziehungen mit den Eingeborenen, lebe mit ihnen, esse mit ihnen, laufe herum und versuche alles zu erfahren, das ist meine Arbeitsmethode."

Eine der bekanntesten Erfahrungen der Pesquisa Participante in Lateinamerika wurde von der Fundación Rosca de Investigación y Acción Social gemacht, mit der Teilnahme des Soziologen Orlando Fals Borda (Silva 1991,23). Nach Fals Borda (1988,43) handelt es sich bei der Pesquisa Participante "... nicht um den konservativen Typ der geplanten Forschung von Kurt Lewin ...", sondern sie "... bezieht sich auf eine 'Forschung der Aktion, die auf die Basisbedürfnisse des Individuums gerichtet ist' (Huynh, 1979), die speziell auf die Bedürfnisse der Bevölkerungsteile eingeht, zu denen Arbeiter, Camponeses 40 , Bauern und Indianer gehören ..." (Hervorhebung durch Fals Borda). Unter dem Begriff "Volkswissenschaft" (ciência popular) wird das Wissen des Volkes hinsichtlich seiner eigenen Rationalität und seiner eigenen Kausalstruktur anerkannt. Die Pesquisa Participante vertritt sechs methodologische Punkte, unter anderem: die Authentizität und die Verpflichtung der Techniker und Wissenschaftler, den Antidogmatismus, die systematische Rückgabe der Ergebnisse, die Notwendigkeit des Feedback zwischen allen Akteuren, die Bescheidenheit beim Gebrauch wissenschaftlicher Methoden und der Gebrauch von Techniken des Dialogs oder der Partizipation. Es sind noch viele Experimente notwendig, bis sie "... dann eine Wissenschaft wäre, die auf dem Niveau der Weisheit angelangt sei" (Fals Borda 1988,61).

Nach Silva (1991,13), umfaßt die Pesquisa Participante verschiedene Bezeichnungen wie Pesquisa Participante, partizipative Forschung (pesquisa participativa), investigação-ação, Aktionsforschung (pesquisa-ação), investigação participativa, teilnehmende Beobachtung (observação participante), investigação militante, auto-senso, estudo-ação, pesquisa-confronto, etc.41. "Die Idee der Partizipation stellt vielleicht den Aspekt der Pesquisa Participante dar, der am meisten zentral und am meisten umstritten ist ... und es manchmal erschwert zu präzisieren, um welchen Typ von Partizipation es sich handelt und wozu die Partizipation" (Silva 1991,116). Nach Salas (1992) beeinflußten zwei akademische Quellen die Entwicklung der "Partizipativen Aktionsforschung" (ihre Bezeichnung für das Konzept der Pesquisa Participante): die Dependenztheorie und die "Volkserziehung" (educação popular). Carlos Brandão gibt das Fehlen einer theoretischen und methodologischen Definition der Pesquisa Participante zu (Silva 1991,82). Nach Silva (1991,186-188) muß man anerkennen, daß "... die aufgezeigten Probleme und Grenzen noch nicht angemessen aufgegriffen wurden von der begrenzten Produktion, die zirkuliert und die sich noch auf einem Anfangsniveau der Systematisierung befindet ... Die Pesquisa Participante in ein Paradigma zur Wissenserzeugung umzuwandeln ist eine Frage, die aufgeworfen, aber nicht gelöst ist, und vielleicht ist die grundlegende Aufgabe, die Überbewertung zu entmystifizieren, die man dem Sozialwissenschaftler zuerkannt hat, und die Partizipation des Volkes im Prozeß der wissenschaftlichen Produktion zu relativieren ..."

Thiollent (1992,7) stellt fest, daß die "... Ausdrücke 'Pesquisa Participante' und 'Pesquisa-ação' (Aktionsforschung) häufig als synonym angenommen werden. Nach meiner Meinung sind sie es nicht, weil die Aktionsforschung, außer der Partizipation eine Form der geplanten Aktion mit sozialem, erzieherischem, technischen oder anderem Charakter voraussetzt, der sich nicht immer in Vorschlägen zur Pesquisa Participante findet." Die Notwendigkeit wissenschaftlicher Anforderungen wird von Thiollent (1992,9) deutlich betont: "Obwohl er die empirische Seite bevorzugt, wird unser Ansatz niemals auslassen, die Fragen hinsichtlich der theoretischen Referenzrahmen einzubringen, ohne die die empirische Forschung - Aktionsforschung oder nicht - keinen Sinn machen würde."

Der Pesquisa Participante gelang es nicht, sich über einen längeren Zeitraum zu behaupten. Nach Castellanet (1997,4-5) hat sie vermutlich aus zwei Motiven an Raum verloren: die Idealisierung des Volkes und die Leugnung des Wertes der traditionellen Wissenschaft seitens einiger ihrer Vertreter, die sie als bourgeois bezeichneten, wodurch sie nach den 80er Jahren an den Universitäten nur noch eine marginale Rolle spielten. "Wenn die ideologische Einwirkung exzessiv ist, sind die in der Forschung gewonnenen Daten ohne Wert" (Thiollent 1992,39). Was bleibt, ist die Möglichkeit, einige der reichhaltigen Erfahrungen aufzugreifen und zu prüfen, inwieweit sie zu dem hier behandelten Thema einen Beitrag leisten können.

3.3.2 Entwicklungsorientierte Forschung

Die Entwicklungsorientierte Forschung42 entstand etwa um das Jahr 1974, nahm ab den 80er Jahren an Bedeutung zu und traf zusammen mit der Entstehung einer neuen Sichtweise der ländlichen Entwicklung, vor allem beeinflußt von der Kritik an den Konsequenzen der Grünen Revolution (vgl. Glaeser 1987). Parallel dazu entstand aus der Kritik am Technologietransfer die Bewegung der Angepaßten Technologie (vgl. Schumacher 1973; Carvalho 1982; Bliek & Veldhuizen 1993; Willoughby 1990). Die Prinzipien der Entwicklungsorientierten Forschung waren:

Bei dem Systemansatz wird der landwirtschaftliche Betrieb als eine komplexe Einheit angesehen, die von der Familie geleitet wird und sowohl das Produktionssystem (mit den Teilsystemen Pflanzenbau, Tierhaltung, Jagd und Sammlertätigkeit, Weiterverarbeitung, etc.), als auch das Haushaltssystem (Reproduktion) umfaßt, die ökonomisch fein aufeinander abgestimmt sind. Dies kann auch als Betriebs - Haushaltssystem bezeichnet werden. Die Familie trifft ihre Entscheidungen und versucht dabei in geeignetster Weise die vorhandenen Mittel, die unter anderem von den Umweltbedingungen abhängen, miteinander zu kombinieren. Die Hypothese von der Rationalität dieser Entscheidungen wurde, unter anderen, von Schultz (1995,47; erste Veröffentlichung 1964) postuliert, der auf umfangreiche Forschungs- und Beratungserfahrungen zurückblicken konnte: "Es gibt vergleichsweise wenig signifikative Ineffizienz in der Verteilung der Produktionsfaktoren in der traditionellen Landwirtschaft." Die Neuerung wird so zu einem komplexen Prozeß, der normaler­weise mit tiefgreifenden Veränderungen dieser Systeme verbunden ist43. Die Untersuchung in den Betrieben (on-farm research) bedeutet die Einführung der Rückkoppelung in den Forschungsprozeß.

In der Betriebssystemforschung (recherche systemique; pesquisa sistêmica), die im weiteren als gemeinsamer Nenner eingeführt wird, um die verschiedenen Forschungsarten zu behandeln, kann man zwischen Forschung zur Erzeugung wissenschaftlicher Erkenntnisse [Seite 77↓](Forschung in Betriebssystemen; pesquisa em sistemas de produção) unterscheiden und Forschung, die auf Entwicklung abzielt (Entwicklungsorientierte Forschung). Es entstanden nacheinander zwei Arten Entwicklungsorientierter Forschung, zunächst die "Absteigende" und später die "Aufsteigende" Entwicklungsorientierte Forschung44.

Das Ziel der Absteigenden Entwicklungsorientierten Forschung, so genannt wegen des Ansatzes von oben nach unten, ist die Verbreitung einer bereits entwickelten Technologie. In einem ersten Moment entwickelt die Forschung Technologien, und in einem zweiten Moment wird die Technologie an die Diversität der agrarökologischen Bedingungen und die sozio-ökonomischen Situation der Bauern angepaßt, wobei verschiedene Versuchstechniken auf Betriebsebene mit­einander kombiniert werden, um die angepaßtesten Lösungen zu identifizieren (Pillot 1987,17). Nach und nach gingen die Institutionen45 von der einfachen Selektion von Varietäten über zur Integration der Erforschung von Praktiken46, die an die Kombination Varietät – Öko­system angepaßt waren (die Phase der Cropping Systems Programs), bis schließlich hin zur Erarbeitung von Rezepten für "schlüsselfertige" Produktionssysteme mit Varietäten, Praktiken, Kredit, Vermarktung, etc. und die Bemühung um die Schaffung nationaler Verbreitungsdienste. Typisch für diesen Ansatz ist, daß die Einbeziehung anderer Bedürfnisse der Zielgruppe, beispielsweise die Rinderhaltung oder der Kreditbedarf der Zielgruppe, keineswegs die Ausrichtung auf ein Produkt ändert, im Fall des International Rice Research Institute (IRRI) die Verbesserung der Reiskultur, das prinzipielle Anliegen der Institution. Diese Art der Produktorientierung kennzeichnet in Brasilien beispielsweise die Arbeit der CEPLAC, deren Diversifizierungsprogramm niemals dem Kakao seinen Vorrang nimmt, selbst wenn andere Elemente des Produktionssystems seiner Klienten, der Kakaoproduzenten, behandelt werden.

Die Aufsteigende Entwicklungsorientierte Forschung (Ansatz von unten nach oben) ist eine Methode, um Veränderungen in den bestehenden Betriebssystemen oder auf der Ebene des Agrarsystems (Système Agraire) zu fördern. Sie ist Ergebnis der Auseinandersetzung mit der ländlichen, nicht nur mit der technischen Entwicklung zu Beginn der 80er Jahre und berücksichtigt bereits die Kritik an den ersten Programmen der Entwicklungsorientierten Forschung:

Die Aufsteigende Entwicklungsorientierte Forschung legt dagegen nicht im voraus fest, welche Innovationen im ländlichen Raum eingeführt werden sollen. Sie setzt das Mittel der "Diagnose" ein, um Hemmnisse zu identifizieren und Prioritäten für die Erforschung angepaßter Lösungen zu definieren. Das Ziel ist nicht mehr die Verbreitung einer bestimmten Technologie. Zusätzlich zu den anfangs erwähnten Prinzipien ist dieser Typ nach Castellanet (1997,10, 15) durch die Orientierung am Bedarf bestimmter sozialer Gruppen, die Einbeziehung von Beobachtung, Analyse und Aktion in die Arbeit, die Praxis der Pluridisziplinarität und die dynamische Analyse (von der Vergangenheit bis zur Zukunft) gekennzeichnet.47 Er beschreibt ihren klassischen Zyklus mit folgenden Schritten, wobei der Prozeß sich durch Modifikationen iterativ der Lösung nähert:

  1. Beobachtungen, Analyse der Umgebung und Diagnose der Ausgangssituation, Aufstellen von Hypothesen über die aktuellen Tendenzen.
  2. Formulierung und Modellierung der Hypothesen in Bezug auf Technik und Organisation (Hinweise für Forschung und Entwicklung).
  3. Definition eines Interventions- oder Versuchsplans.
  4. Realisierung der in diesem Plan vorgesehenen Verpflichtungen und Beobachtungen im Verlauf der Intervention.
  5. Evaluierung und Interpretation der Ergebnisse.
  6. Anpassungen der Anfangsdiagnose.
  7. Formulierung neuer Hypothesen und/oder Interventionsvorschläge für die Entwicklung in größerem Maßstab.
  8. Verbreitung der Ergebnisse.

Die Prinzipien und die einzelnen Schritte der Entwicklungsorientierten Forschung sagen nichts über ein bestimmtes Niveau der Partizipation aus. Der Einflußbereich kann eine Lokalität48, eine Comunidade, ein Munizip oder eine Region sein (vgl. Castellanet 1997,16-20).

Pillot (1987,23) identifizierte einen dritten Typ, die "Politische" Entwicklungsorientierte Forschung, die die Vorbereitung, die Durchführung und die Evaluierung von agrarpolitischen Maßnahmen zum Ziel hat und auch die Ausbildung der technischen Fachkräften für die Landwirtschaft eines Landes einbeziehen kann. In diesem Fall wird sie als "Forschung-Ausbildung-Entwicklung" bezeichnet (Recherche-Formation-Développement)49. Pillot (1987,23) erwähnt die Kritik an der Beschränkung auf technische Innovationen bei den anderen Ansätzen, der die Hypothese zugrunde lag, daß die Entwicklung durch die Eliminierung der technischen oder ökonomischen Engpässe auf Mikroebene erreicht werden kann. Die Politische Ent­wicklungs­orientierte Forschung geht dagegen von der Annahme aus, daß die Projektwirkung nur erreicht werden kann, wenn ein Projekt in Synergie mit der makroökonomischen Dynamik handelt, die weitgehend den Handlungsspielraum bestimmt. Wenn man sich jedoch auf den technischen Bereich konzentriert und gegen die vorherrschenden Tendenzen handelt, riskiert man, daß das Projekt äußerst beschränkte [Seite 79↓]Resultate erreicht, was nach Pillot (1987,18) häufig bei dem aufsteigenden Ansatz zu beobachten ist. Nach dieser Analyse zeigt der absteigende Ansatz, der in Über­einstimmung mit den externen Kräften handelt, bessere Ergebnisse, die jedoch wahrscheinlich zur Ausgrenzung eines Teils der Bauern führt.

Die Notwendigkeit, die Makroebene zu berücksichtigen, ist unbestritten, jedoch muß dafür kein eigener unterschiedlicher Ansatz (Politische Entwicklungsorientierte Forschung) geschaffen werden. In Abhängigkeit von dem Ziel der Forschung, Veränderungen hervorzurufen oder nur die Agrarsysteme zu analysieren, kann dieser Typ entweder der Thematischen Forschung oder der Aufsteigenden Entwicklungsorientierten Forschung zugeordnet werden, wobei die verschiedenen Ebenen vom System des Pflanzenbau bis zum Agrarsystem und zum agrarökologischen System miteinander verknüpft werden. In späteren Arbeiten (Pillot 1992; Jouve 1995) wird die Politische Entwicklungsorientierte Forschung nicht mehr erwähnt, was diese Einschätzung bestätigt. Die "Forschung-Ausbildung-Entwicklung" hingegen ist ein Begriff, dessen Beibehaltung sinnvoll ist. Die Verbindung der Ausbildung mit der Entwicklungsorientierten Forschung bedeutet einen größeren Handlungsmaßstab hinsichtlich Raum und Zeit. Sie kann sich mit der Ausbildung der Bauern, der Jugendlichen im ländlichen Raum bis hin zur Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte mit Universitätsabschluß befassen (vgl. Reynal et al. 1995,56-66).

Es gibt reichlich Unklarheit und Verwirrung in Bezug auf die Typen und die Eigenschaften der Methoden, die den Systemansatz benutzen. Anders als von den Autoren erwartet, existieren keine prinzipiellen Unterschiede zwischen den Ansätzen im englischen und im französischen Sprachraum, wie Pillot (1987; 1992) und Jouve (1995) deutlich herausarbeiten. Stattdessen können sie nachweisen, daß die Unterschiede innerhalb der einzelnen Methoden wesentlich größer sind und daß sie von den jeweiligen Zielsetzungen der einzelnen Institutionen abhängen, die die Methoden anwenden.

Ein Teil der Probleme beruht auf der Tatsache, daß die Programme Entwicklungsorientierter Forschung häufig mit Arbeiten reiner (landwirtschaftlicher) Systemforschung verwechselt werden, die nicht direkt Entwicklung zum Ziel haben, sondern denen es um wissenschaftliche Erkenntnisse über landwirtschaftliche Systeme geht. Im anglophonen Bereich unterscheidet man deshalb zwischen Farming Systems Research (FSR) im strikten Sinne und Farming Systems Research and Extension (FSR/E) unter Einbeziehung der Verbreitung von Innovationen. Zwei Gründe führen zu diesen Verwechslungen: erstens sind die für Entwicklungsorientierte Forschung (oder FSR/E) benutzten Methoden in der Diagnosephase die gleichen wie bei der Forschung in Produktionssystemen (Recherche-Système oder FSR), und zweitens kommt dieser Programmtyp oft nicht über die Diagnose und Versuchsphase hinaus. Generell bevorzugen die Forscher Arbeiten über neue Forschungsfragen, zum Nachteil der Identifizierung von wirklich lösbaren Engpässen (Pillot 1987,21-22). Die Forscher haben eine Tendenz zu Arbeiten, deren Konditionen sie leichter kontrollieren können und die weder die Erfahrung der Interaktion mit anderen Akteuren, noch mit den landwirtschaftlichen Praktiken erfordern. Auch die Verpflichtung, sozial nützliche Ergebnisse zu erarbeiten, interessiert sie weniger. Die "solitäre" Aktivität selbst, "Forschung zu betreiben" im Rahmen der Institutionen, konditioniert die Forscher, deren Interaktion sich auf die existierenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und die physikalischen Gegebenheiten konzentriert. In diesem Kontext ist der Austausch mit bäuerlichem Wissen komplex und erfordert andere Fähigkeiten.


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In Brasilien benutzen die einzelnen Agrarforschungsinstitutionen unterschiedliche Konzepte. Das IAPAR50 war eines der ersten brasilianischen Institute, das den Systemansatz übernahm und die Forschung in Betriebssystemen (Pesquisa em Sistemas de Produção) ab 1985 in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellte, wobei dieser Begriff unabhängig von der Zielsetzung alle Aktivitäten mit Systemansatz bezeichnet, die sowohl kognitiver Natur sein können als auch Veränderungen durch geplante Aktionen beabsichtigen können (IAPAR 1986; IAPAR, 1997; Doretto 1998). Die EMBRAPA (1993,14) wählte den Ausdruck "Forschung und Entwicklung" (Pesquisa & Desenvolvimento), um ihre Aktivitäten zur Erzeugung von Wissen und Technologien und ihre Transformation in Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu bezeichnen, die sie als Innovationen des Agroindustriellen Komplexes charakterisiert.

Einige Autoren benutzen etwa ab Beginn der 90er Jahre den Begriff Aktionsforschung (recherche-action), um die Aufsteigende Entwicklungsorientierte Forschung oder generell die mit einer Aktion verbundene partizipative Forschung zu charakterisieren (Pillot 1992,12, 14; Albaladejo & Casabianca 1997a; Guerra & Castellanet 2001), sogar im Widerspruch zu eigenen früheren Publikationen, ohne dies zu problematisieren. Meiner Meinung nach berücksichtigt dieser Gebrauch des Begriffes nicht ausreichend die Ursprünge und Differenzen zwischen den beiden Methoden:

Die "Inflation" des Begriffs Aktionsforschung für alle Methoden, die eine Aktion als Mittel zur Veränderung einsetzen, läßt offen, was nun eigentlich Entwicklungsorientierte Forschung ist, und weist ihr einen marginalen, unklaren Platz zu. Daher schlage ich folgende Definition vor:


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Kasten 8 : Die Entwicklungsorientierte Forschung

Die Entwicklungsorientierte Forschung ist eine Methode, die den Systemansatz benutzt und die Verknüfung zwischen der Erzeugung von Wissen und der Entwicklung einer bestimmten Zielgruppe mittels geplanter Aktivitäten zum Ziel hat. Dazu geht sie von der Diagnose der Realität aus und erarbeitet Vorschläge für identifizierte technische und/oder soziale Veränderungen. Die Art der Partizipation der Beteiligten in den einzelnen Etappen des Prozesses wird verhandelt.

Meiner Meinung nach sind Aktionsforschung und Entwicklungsorientierte Forschung verschiedene Ansätze. Sie können nicht als untergeordnetes Element der jeweils anderen Methode angesehen werden, zum Beispiel die die Entwicklungsorientierte Forschung (untergeordneter Begriff) als eine unter mehreren Formen der Aktionsforschung (übergeordneter Begriff) oder umgekehrt. Falls wirklich eine Notwendigkeit besteht, eine übergeordnete Methode zu definieren, dann sollte dafür ein anderer Begriff (nicht Aktionsforschung) vorgeschlagen und die theoretischen und methodologischen Grundlagen dafür konstruiert werden.51

Eine andere Methode ist die ebenfalls gelegentlich mit Entwicklungsorientierter Forschung oder Aktionsforschung verwechselte "Testaktion" (action-test; ação-teste). Sie kann Teil des Elements "Experimentieren" im Prozeß der Entwicklungsorientierten Forschung sein oder zu Beginn einer Zusammenarbeit ermöglichen, auf unmittelbare Bedürfnisse der Bauern einzugehen, die Partner besser zu definieren und die Risiken von Mißverständnissen zu verringern. Sie kann als eine Vorlaufphase für die Diagnose dienen und eine Tür öffnen, um anschließend komplexere Aktivitäten miteinander zu verwirklichen (Castellanet 1997,26-27; Reynal et al. 1995,62, iii). Die Forschung in landwirtschaftlichen Betrieben (on-farm research) kann ebenfalls eine Etappe des Experimentierens im Prozeß der Entwicklungsorientierten Forschung sein und eine Phase der Validierung von Technologien einschließen (vgl. Ribeiro et al. 1997b,88; Jouve 1991).

3.4 Partizipation und Partnerschaft

3.4.1 Partizipation

3.4.1.1 Entdeckung für Forschung und Beratung

Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden im Bereich der landwirtschaftlichen Beratung und der Entwicklungshilfe Versuche unternommen, die "Zielgruppe" stärker zu beteiligen. Die neuere Debatte über Partizipation kann im [Seite 82↓]wesentlichen auf zwei Entwicklungen zurückgeführt werden: die Entstehung einer Bewegung für Angepaßte Technologie in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und die Erfahrungen seit der Propagierung der Entwicklungsorientierten Forschung in den 70er Jahren. Beide sind vor allem in der Ent­wicklungs­zusammenarbeit entstanden und bezogen ihre Energie aus der Kritik an dem Versuch, Technologie aus der Ersten Welt in die Dritte Welt einzuführen (Technologietransfer-Ansatz). Die wesentliche Gemeinsamkeit war die Entdeckung, daß große Teile der Gesellschaft nicht an den Früchten des Entwicklungsprozesses teilhatten, und die Bemühung, dies zu ändern, indem bisher vernachlässigte oder vorurteilsbehaftete Alternativen wahrgenommen und gefördert wurden. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen die Entstehung in einem technisch-ökonomischen Umfeld.

Die Entwicklungsorientierte Forschung versuchte, die Bauern zu erreichen, die nicht an den im Rahmen der Grünen Revolution erreichten Produktionssteigerungen teilhatten. Obwohl in einigen Regionen der Welt eine erhebliche Zunahme der Produktivität bei manchen Agrarprodukten erzielt werden konnten, nahmen große Teile der Bauernschaft sowie der Bevölkerung an diesem "Fortschritt" nicht teil. In Brasilien führte diese "konservative Modernisierung" zu Land­konzentration und Verlusten von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft. Diejenigen, die nicht zum rasanten Wachstum der Städte beitrugen, migrierten in Richtung Norden, und ein Teil nahm an der Kolonisierung der Transamazônica teil. Andere wurden der Kern der Landlosenbewegung, die ihren Ausgangspunkt in den Regionen hatte, in denen die Modernisierung erfolgreich war. Der Angepaßten Technologie ging es darum, ausgeschlossene Teile der Bevölkerung in einen Entwicklungsprozeß einzubeziehen, der ihre kulturellen Eigenheiten nicht abrupt verändern würde und Technologien zu entwickeln, die von der Zielgruppe benutzt und gewartet werden können, ohne sie von externen Ressourcen abhängig zu machen. Es ging mehr um die Anpassung an das lokale Wissen, während dessen Einsatz für die Technologie-Entwicklung noch wenig betont wurde. Die Erreichung des Klienten mit seinen Bedürfnissen stand eher im Vordergrund als seine aktive Einbeziehung in den Prozeß (Collins & Moore-Lappé 1978; Rybczynski 1980; Carvalho 1982; Carr, 1985; Silva 1982; Glaeser 1986; Fleischfresser 1988; Pillot 1992; Schmitz 1990; Willoughby 1990).

Die Erfahrungen mit Entwicklungsorientierter Forschung und Beratungsansätzen zur ausdrück­lichen Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft brachten das Thema der Partizipation auf die Tages­ordnung (Rhoades & Booth 1982; Chambers et al. 1989a). Ein wesentlicher Faktor bei den technisch-ökonomischen Ansätzen war die Entdeckung, daß die Bauern fähig sind zu experimentieren und daß die bäuerlichen Gesellschaften nicht stagnieren, sondern flexibel auf neue Möglichkeiten und auftretende Hemmnisse reagieren (Schultz 1995, erste Veröffentlichung 1964; Rhoades 1989; Okali et al. 1994,27-29). Man erinnerte sich auch, daß die ländlichen Gesellschaften nicht erst in jüngster Zeit, sondern bereits seit mehreren Jahrhunderten flexible Anpassungen an Weltmarktstrategien unternommen haben, wie Homma (2001) am Beispiel Amazonien zeigt52. Andere Wurzeln sind die Aktionsforschung, unter anderem die Action Anthropology und die Pesquisa Participante (siehe Kap. 3.3.1).

Die Erfahrung von 20 Jahren mit dem T&V-Ansatz und die zahlreichen Kritiken veranlaßten sogar die Weltbank, folgende Prinzipien für die zukünftige Arbeit der landwirtschaftlichen Beratung zu formulieren ('governing principles'): Situationsspezifizität, dauerhafte Finanzierbarkeit, Systemflexibilität und Partizipation. Der Erfolg eines Beratungsdienstes [Seite 83↓]hänge davon ab, wie er die Realität des Landes, der Region und der Lokalität in Programmdesign und Zielsetzung berück­sichtige. Die Planung der Beratung müsse sich an bestimmten Klienten und spezifischen agrar­ökologischen Gebieten orientieren. Die Entwicklungsdynamik erfordere, speziell bei einem System, das Bauern dienen solle, eine hohe Flexibilität, um schnell auf sozioökonomische, infrastrukturelle und technische Veränderungen zu reagieren (Hayward 1990; zitiert nach: Bauer 1996,57-58).

Bezüglich der Partizipation wird unter anderem festgestellt: Gemeinsame Versuche in Betrieben und andere bisher entwickelte Formen der Partizipation sind nicht ausreichend. Es muß in Zukunft eine größere Betonung auf die Verwirklichung der vollen Partizipation von Beratung, Bauern, Forschern, Verantwortlichen für die politischen und institutionellen Entscheidungen (policy makers) sowie dem Privatsektor gelegt werden. "Beratung ist nicht bloß ein Verteilungsdienst, sondern eine Beratungspartnerschaft. ... Partnerschaft sollte ein Schlüsselbegriff in der Beziehung zwischen Beratung, Betriebsmittellieferanten, Kreditanstalten und Entscheidungsträgern (policy makers) sein. Partizipation bedeutet auch die Beteiligung der Bauern bei der Bestimmung der Beratungsziele und Aktionsprogramme ... Partizipation basiert auf Selbstvertrauen, Verständnis und Vertrauen seitens aller Beteiligter. Diese Eigenschaften werden nicht von heute auf morgen entwickelt. Zukünftiger Beratungsdesign muß die Möglichkeit prüfen, Anregungen für eine fruchtbare Partizipation einzu­führen ... Partizipation sollte ein vorherrschendes Prinzip in der Beratung sein" (Hayward 1990; zitiert nach: Bauer 1996,58).

Es herrscht also Einmütigkeit über die Notwendigkeit der Partizipation. Aber um welche Partizipation handelt es sich?

3.4.1.2 Begründung und Konzept

Zur Begründung der Partizipation werden zahlreiche, teils sogar widersprüchliche Argumente angeführt. An erster Stelle wird häufig die Zweckmäßigkeit angeführt, wie im folgenden Beispiel: "Sie trägt zu höheren Adoptionsraten der von den Forschern entwickelten Technologien bei ... und reduziert die Kosten für Forschung und Beratung durch die finanzielle Beteiligung der Bauern" (Veldhuizen et al. 1997b,43)53. Okali et al. (1994,1) meinen, daß die ursprüngliche Idee recht einfach war: Beteiligung würde die landwirtschaftliche Forschung effektiver gestalten.

Ein wesentliches neues Element, das erst die Partizipationsdebatte für Forschung und Entwicklung "entdeckte", ist das lokale Wissen, auch autochthones Wissen, bäuerliches Wissen oder Volkswissen (indigenous knowledge) genannt. Die Erkenntnis, daß Innovationen aus verschiedenen Quellen stammen können und daß zu diesen auch die Bauern zählen, hatte die Anerkennung der Existenz, der Bedeutung und des Potentials der bäuerlichen Experimente zur Folge.

Ein anderer Aspekt ist die Stärkung der Zielgruppe54 (empowerment), der eine besondere Bedeutung eingeräumt wird. Verbesserung technischer Fertigkeiten bis Veränderung von Machtkonstellationen werden in dieses Konzept eingebracht. Auch die Förderung der Frauen [Seite 84↓]ist stärker in den Vordergrund gerückt (Okali et al. 1994,102). Dies bedeutet, daß eine Reihe sozialer und politischer Zielsetzungen mit dem Partizipationsgedanken verbunden werden. Die ent­scheidende Frage ist, inwieweit diese Ziele den Beteiligten wirklich klar sind.

Die Partizipation kann auch zur Legitimation staatlicher Maßnahmen eingesetzt werden. So kann die Notwendigkeit der Legitimation entwicklungspolitischer Maßnahmen in den Geberländern ein Argument für die Beteiligung der Betroffenen sein. Sie ist immer auch ein Mittel, um Gruppen mit revolutionären oder radikalen Bestrebungen in die vorherrschende Politik einzubinden und zu kontrollieren, wie bei der Arbeitermitbestimmung55. Eine andere Begründung ist die De­zentralisierung, bei der man drei Argumentationsstränge unterscheiden kann: die Kritik an den Geberorganisationen (des eigenen Landes), die Kritik an den bürokratischen Verhältnissen und den "entwicklungshemmenden Staatsklassen" in den Nehmerländern (von außen eingebracht) und die Tendenz der Regierungen (z.B. der brasilianischen Bundesregierung), staatliche Leistungen zu verringern.

Auf der mikrosozialen Ebene lassen sich folgende Begründungen für die Partizipation der Zielgruppe an Forschung und Entwicklung zur Einführung von Neuerungen in der Landwirtschaft zusammenfassen:

  1. Das Wissen des Bauern einsetzen: Entwicklung (von Technologien) mit den intimen Kenntnissen des Bauern über die lokale Situation verbinden; nur der Bauer kennt wirklich die Wechselwirkung zwischen den Teilsystemen seines Betriebs-/Haushaltssystems; der Bauer ist Beobachter, experimentiert häufig und testet verschiedene Alternativen in seiner täglichen Arbeit; von externer Seite können angepaßte Innovationsvorschläge erst gemacht werden, wenn das komplexe Produktionssystem des Bauern verstanden wurde.
  2. Die Verantwortung des Bauern anerkennen: Es ist der Bauer selbst, der die Entscheidungen in seinem Betrieb trifft und bestimmt, was er mit seinen Produkten macht; er hat oft andere Prioritäten als die Forscher oder Berater, deren Vorschläge seinen Ideen entgegengesetzt sein können.
  3. Den Bauern befähigen: um an seinen Kontext angepaßte externe Technologien zu identifizieren; um eigene Experimente durchzuführen; um Elemente des externen Wissens mit dem lokalen (autochthonen) Wissen zu verbinden; um die Veränderungsprozesse selbst zu gestalten sowie seine Verhandlungsposition zu stärken ( empowerment ).

Der Begriff Partizipation kann völlig unterschiedlich ausgelegt werden, wie Kamp & Schuthof (1991) zeigen. In seiner einfachsten Form bezieht sich die Partizipation auf die Einbeziehung der Bauern in Forschung und Beratung, ohne die Art oder den Grad der Beteiligung genau zu benennen. Es bestehen recht unterschiedliche Ansichten und Praktiken bezüglich der Partizipation der Bauern: mit welchem Ziel, in welchem Moment, in welcher Art von Projekt und mit welchem Partner. Die Definition der Weltbank (World Bank 1996,xi) ist ausreichend, um die Diskussion darüber zu beginnen: "Partizipation ist ein Prozeß, in dem die Beteiligten die Kontrolle über die Entwicklungsinitiativen sowie die Entscheidungen und Ressourcen, die sich auf sie auswirken, beeinflussen und miteinander teilen." Im Prinzip ist sie durch eine ungleiche Beziehung charakterisiert: jemand ist eingeladen, an einem Prozeß teilzunehmen. Jedoch ist in dieser Definition nicht festgelegt, [Seite 85↓]wer die Initiative ergreift; sie ist insofern offen. Die Bank betont weiter, daß sie befürwortet, daß die Bauern um Rat gebeten und gehört werden, speziell im Fall der Armen und Benachteiligten, aber daß sie dies nicht mit dem "Partizipation" genannten Prozeß verwechselt.

Es existieren verschiedene Stufen der Partizipation, zum Beispiel der ländlichen Bevölkerung an Entwicklungsprojekten (Pretty 1994; zitiert nach: Pretty & Volouhê 1997,49):

  1. Passive Partizipation: Die Bevölkerung wird nur informiert darüber, was geschieht oder schon geschehen ist.
  2. Partizipation durch Information: Die Bevölkerung partizipiert, indem sie Fragen der Forscher oder Entwicklungsagenten beantwortet. Sie kann nicht deren Vorgehen beeinflussen und wird auch nicht über die Ergebnisse konsultiert.
  3. Partizipation durch Rat: Die Forscher sind interessiert, die Meinung der Bauern zu hören und ihre Ansicht kennenzulernen, bestimmen aber weiterhin die Probleme, die behandelt werden sollen, sowie deren Lösungen; nur sie treffen Entscheidungen, die jedoch in Abhängigkeit von den Antworten der Bevölkerung modifiziert werden können.
  4. Partizipation aufgrund materieller Anreize: Die Bevölkerung partizipiert, indem sie Ressourcen beisteuert, zum Beispiel Arbeitskraft im Austausch gegen Nahrungsmittel oder materielle Anreize. Viele Fälle des Experimentierens in bäuerlichen Betrieben (on-farm research) fallen unter diese Kategorie.
  5. Funktionale Partizipation: Die Bevölkerung partizipiert, indem sie Gruppen bildet, um bestimmte Ziele im Rahmen eines bereits formulierten Projektes zu erreichen, meist in fortgeschrittenen Etappen des Vorhabens. Die entstandenen Gruppen oder sozialen Organisationen bleiben häufig von den externen Initiatoren abhängig, können aber auch von ihnen unabhängig werden.
  6. Interaktive Partizipation: Die Bauern partizipieren in gemeinsamen Analysen, die zu Aktionsplänen, zur Bildung lokaler Institutionen und zu strukturierten Lernprozessen führen. Die Gruppen übernehmen die Kontrolle über die lokalen Entscheidungen.
  7. Eigene Mobilisierung: Die Bevölkerung ergreift die Initiative unabhängig von externen Institutionen, mobilisiert Ressourcen und externe technische Beratung und behält die Kontrolle über deren Einsatz.

Vergleichbare Unterscheidungen wurden auch von Biggs (1989; zitiert nach: Veldhuizen et al. 1997b,42) und Paul (1986; zitiert nach: Okali et al. 1994) vorgeschlagen, um die verschiedenen Ebenen der Partizipation zu charakterisieren. Biggs beispielsweise beschreibt den zunehmenden Grad der Einbeziehung der Bauern in die Entscheidungen und die Zunahme der Gleichheit zwischen den beteiligten Parteien mit den Ausdrücken: vertraglich, beratend, mitarbeitend und kollegial. Jenseits dieser Stufen können noch die Ebenen "kein Kontakt, Forscher entscheiden allein" nach unten beziehungsweise "Kontrolle durch die Nutzer, die Bauern entscheiden die Forschungsprioritäten" nach oben in der Skala unterschieden werden (Castellanet 1997,31).

Einige der zitierten Stufen, wie die passive Partizipation oder die Partizipation durch Information, bleiben noch weit hinter der von der Weltbank vorgeschlagenen Definition zurück, deren Niveau erst ab "funktionaler Partizipation" (Pretty), "Entscheidung treffen" (Paul) oder "kollegialer Partizipation" (Biggs) erreicht wird. Dies zeigt die Schwierigkeit, ein allgemeines Konzept der Partizipation zu erarbeiten und in die Praxis umzusetzen. Die letzte Stufe von Pretty geht weiter als die Vorstellung von Partizipation als Einladung von externen Fach­kräften an die Bevölkerung und verdeutlicht die Ungleichheit in den anderen Fällen. In diesem Fall handelt es sich bereits um die Partizipation der Forscher in den Projekten der [Seite 86↓]Bauern und ihrer Organisationen. Weiter kann man unterscheiden zwischen der Partizipation in Projekten, die "von der Basis" ausgehen, zum Beispiel ein Vorhaben zur Produktions­steigerung in bäuerlichen Betrieben, und der Partizipation in Projekten, die "von oben" stammen, zum Beispiel Ressourcenmanagement zur Verringerung der Rodung von Primär­wald.

Es gibt Konzepte, die nicht von der effektiven Partizipation der Bauern zu Beginn des Projektes ausgehen, wie die Methode von World Neighbours. Bunch (1995) unterscheidet bei der Beschreibung seiner Methode zwischen der konstruktiven und der destruktiven Partizipation, wobei er betont, daß die konstruktive Partizipation Fähigkeiten von den Teilnehmern verlangt, wie sich in der Öffentlichkeit auszudrücken, Informationen zu analysieren und zu überprüfen, Entscheidungen zu fällen und Konflikte zu lösen. Es ist auch ein Minimum an gegenseitigem Vertrauen nötig. Weiter muß gelernt werden, angemessen mit Macht umzugehen, Geld überlegt zu benutzen und Probleme mit Begünstigungen, Nepotismus, Gerüchten, Manipulation und autoritären Führungs­persönlich­keiten zu vermeiden. "In den meisten Kulturen ist die Partizipation eine Kunst, die man lernen muß" (Bunch 1995,24). Damit weist er auf zwei wesentliche Schlüsselelemente des Partizipations­prozesses hin: die Fähigkeiten der Akteure und die notwendige Zeit für jeden Schritt.

"Die Partizipation muß immer deutlich benannt werden und auf die Situation sowie die angewandte Methode bezogen werden" (Kamp & Schuthof 1991,82; Veldhuizen et al. 1997b,41), da sie sogar in einzelnen Etappen eines Projektes unterschiedlich sein kann. Projekte unter Beteiligung von Forschern, Beratern und Bauern, sei es Beratung, Entwicklungsorientierte Forschung oder auch Diagnose, lassen sich in allgemeiner Form in eine Reihe von Etappen unterteilen, die vollständig oder nur teilweise ausgeführt werden können. In der Praxis sind die Etappen nicht notwendiger­weise voneinander getrennt, wie im folgenden Schema, sondern sie können sich überlappen oder gleichzeitig ablaufen, und es kann Rückkoppelungen zwischen ihnen geben56.


[Seite 87↓]

Okali et al. (1994,93) ordnen die "partizipativen Aktivitäten" vorwiegend zwei Etappen zu: der Problemidentifizierung und den Versuchen in bäuerlichen Betrieben (on-farm trials). Die Partizipation der Beteiligten kann also einen unterschiedlichen Grad in jeder Etappe annehmen. In dieser Hinsicht sind unterschiedliche Situationen denkbar und in der Praxis zu beobachten. Im Fall eines von einer Bauernorganisation initiierten Projektes können die Forscher teilnehmen (oder nicht) bei den Entscheidungen der sozialen Bewegung über die Gesamtaktion. Der Bauer kann in diesem Projekt zwar bei der Identifizierung der Probleme teilnehmen, ansonsten aber wird das Vorhaben von den Forschern durchgeführt. Die Forscher können am Experiment des Bauern teilhaben. Die Gemeindebehörden können an der Verbreitung der Ergebnisse teilnehmen. Ab dem ersten Kontakt, noch ehe überhaupt die Aktion beschlossen ist, kann bereits ein Mobilisierungs­effekt auftreten. Wer partizipiert und in welchem Maße hängt von dem jeweiligen Blickwinkel und der Entscheidung der wichtigsten Akteure ab. Der wirkliche Grad der Partizipation eines jeden Beteiligten kann nur aufgrund einer Gesamtbewertung des durchgeführten Vorhabens festgestellt werden. Damit wird der Weg frei, die Partizipation nicht mehr als Einbahnstraße zu betrachten (Forscher lädt Bauer ein zu partizipieren), sondern von unterschiedlicher Partizipation der Beteiligten (stakeholders) zu sprechen.

Insgesamt gebe es einen Trend zu "kollegialen Beziehungen" in der Partizipation, wird von Okali et al. (1994,93-94) festgestellt. Erfolge bei der Veränderung der generellen Orientierung von landwirtschaftlicher Forschung und Beratung scheinen dagegen gering zu sein (Okali 1994; Lühe 1996). Fujisaki (1994) sieht nach einigen Anfangserfolgen eine eher rückläufige Tendenz in den Internationalen Agrarforschungszentren.

3.4.2 Partizipative Ansätze

3.4.2.1 Vorbemerkungen

Der Partizipationstrend führte zur Entwicklung neuer Ansätze, die sich in ihrem Namen ausdrücklich auf die Partizipation beziehen, im weiteren "Partizipative Ansätze" genannt. Sie sind aufgrund der Bedeutung der Situationsanalyse in der Entwicklungsorientierten Forschung (in diesem Falle wohl speziell Farming Systems Research) entstanden, die als erste Etappe eines Projektes das Verstehen des landwirtschaftlichen Betriebssystems vorsah. Dies führte dazu, daß ausführliche Studien unternommen wurden, um die Elemente des Systems und die Gründe für die Entscheidungen der Bauern kennenzulernen. Wesentliches Ziel war, die Hemmnisse für die Steigerung der Produktion und der Produktivität kennenzulernen. Dies war sicher ein erheblicher Fortschritt, erschwerte jedoch die praktische Entwicklungsarbeit, da es oft Jahre dauerte bis die Ergebnisse vorlagen (Pillot 1987; 1992; Jouve 1995). Okali et al. (1994,101) charakterisieren diese detaillierte Datenerhebung als die Achillesferse der entwicklungsorientierten Forschung.

Ein erster Schritt, um diesen Engpaß zu überwinden, war die Entwicklung des Rapid Rural Appraisal (RRA)58, das als Kurzuntersuchung in die deutsche Sprache einging (Scheuermeier et al. 1991). Nagel (1989,1) führt seine Entstehung auf Robert Chambers59 [Seite 88↓]zurück, wobei praktische Erfahrungen von den Internationalen Agrarforschungszentren geliefert wurden.

Kasten 9 : Rapid Rural Appraisal

"RRA kann definiert werden als systematische halbstrukturierte Aktivität, die vor Ort von einem multidisziplinären Team durchgeführt, darauf angelegt ist, rasch und effizient neue Informationen und Hypothesen über ländliches Leben und ländliche Ressourcen zu erwerben" (Schönhuth & Kievelitz 1993,4). Im RRA wird die Ebene "Partizipation durch Rat" erreicht.

Auf pragmatische Weise werden verschiedene Methoden zur Auswahl der Stichprobe, Datenerfassung und Dokumentation eingesetzt wie direkte (teilnehmende) Beobachtung, Leitfaden-Interview, Individuelle (Schlüsselpersonen-) und Gruppeninterviews, Erstellen von Karten, Transsects, Langzeit-Transsects der Landnutzung, Wealth Ranking, Saisonkalender der Arbeitsgänge. Die Techniken, die vor allem in der Kommunikation mit der Zielgruppe eingesetzt werden, wurden als "Tools" bekannt. Zur Vervollständigung der Erkenntnisse wird die Triangulation unter diesen Methoden eingesetzt (Theis & Grady 1991; Schönhuth & Kievelitz 1993). Kumar (1993b,21-22) beschreibt folgende Situationen, in denen RRA besonders geeignet ist: wenn beschreibende Information ausreichend für Entscheidungsfindung ist, wenn Verständnis der Motivationen und Haltungen der Beteiligten gefordert ist (besonders Fragen mit "warum" und "wie"), wenn verfügbare quantitative Daten interpretiert werden müssen, wenn der wesentliche Zweck der Studie die Erarbeitung von Anregungen und Empfehlungen ist und wenn die Entwicklung von Fragen, Hypothesen und Vorschlägen für umfangreichere Studien notwendig ist.

Seitdem entstanden zahlreiche Ansätze, die auf unterschiedliche Konzepte zurückzuführen und teils schwer von einander zu unterscheiden sind. Kamp & Schuthof (1991) vergleichen 9 unterschiedliche partizipative Ansätze. Schönhuth & Kievelitz (1993) beschreiben 10 Ansätze. Cornwall et al. (1994,104) identifizieren schließlich 29 Ansätze, zu denen sich sicher noch weitere aus dem nicht-englischen Sprachraum gesellen würden. Moden, Eigenheiten der Begründer sowie unterschiedliche historische und politische Ausgangssituationen können Gründe dafür sein, daß sie keine generelle Verbreitung fanden und ihre Anwendung auf eine Organisation, eine Region oder einen bestimmten Zeitraum begrenzt blieben. Ihre Unterscheidung und Behandlung sind nicht Gegenstand dieser Arbeit (vgl. Waters-Bayer & Bayer 1994; Ehret 1997,169-180; Lavigne Delville 2000)60.


[Seite 89↓]

Stellvertretend für die Vielzahl der Partizipativen Ansätze, werden hier zwei Ansätze vorgestellt, die Partizipative Kurzuntersuchung (Participatory Rural Appraisal - PRA) und die Partizipative Technologieentwicklung (Participatory Technology Development - PTD). Während PRA vorwiegend für die Analyse, die Begleitung und die Evaluierung eingesetzt wird, also mehr den Planungsschritten (entscheidungsorientiert) zugeordnet werden kann, ist PTD mit einer Aktion verbunden, also eine Methode der Aktionsorientierten Forschung (vgl. Kap. 3.3.2). Beide Ansätze werden im allgemeinen auf der mikrosozialen Ebene angewandt, also in der Diskussion (PRA) oder dem Experimentieren (PTD) mit Bauerngruppen. Beide gehen vom Methodeneklektizismus aus und verwenden die Triangulation, wobei PTD wesentlich mehr Etappen umfaßt und auch PRA einbeziehen kann.

Diese beiden Ansätze sind für die vorliegende Arbeit und ihre Fragestellung relevant, weil sie sich auf den Bereich der Zusammenarbeit mit Bauern beziehen, auch in Brasilien bekannt sind und, vor allem, bei beiden eine Methodenentwicklung auf der Basis einer relativ breiten Diskussion und Praxis stattfand oder noch stattfindet. Dies bedeutet, daß die Fehler und Schwächen der Ansätze diskutiert und Konsequenzen daraus gezogen wurden. So wurden die Partizipativen Ansätze in Brasilien vor allem durch die Publikationen der AS-PTA61 bekannt, die verschiedene bereits in anderen Sprachen erschienene Bücher übersetzte (Kamp & Schuthof 1991; Reijntjes et al. 1994; Jouve 1991; Chambers et al. 1989b). PRA wurde in Brasilien in zahlreichen Arbeiten, auch zur munizipalen Planung, eingesetzt und weiterentwickelt (Weid 1995; Habermeier 1995; Schmitz et al. 1995; Ribeiro et al. 1997c).

PRA scheint bereits weitgehend entwickelt zu sein. PTD dagegen entwickelt zur Zeit eine starke Dynamik mit eigener Internet-Diskussion (PTD Discussion List; Advancing PTD, Extension Bazaar)62, regelmäßige Treffen über mehrere Jahre hinweg (Treffen der St. Ulrich-Gruppe), verfügt über ein Informationsorgan (PTD Circular) und hat sich durch mehrere Veröffentlichungen, unter Beteiligung des Centre for Information on Low External Input and Sustainable Agriculture (ILEIA), einer breiten Diskussion gestellt (Kamp & Schuthof 1991; Haverkort et al. 1991; Reijntjes et al. 1992; Scoones & Thompson 1994; Veldhuizen et al. 1997a; Veldhuizen et al., 1997b; Zeitschrift ILEIA Newsletter, etc.). Nach den jüngsten Beiträgen will PTD den engen Rahmen der Lokalität sprengen und sich methodisch auf Ressourcenschutzmanagement zu entwickeln, was eine Ausweitung auf die regionale Ebene bedeutet.63

Beide Ansätze repräsentieren die beiden häufigsten partizipativen Aktivitäten, Diagnose und Experimentieren, und erlauben somit, wesentliche Problempunkte der partizipativen Zusammenarbeit anzusprechen. Ein weiteres Argument für die Auswahl war, daß auch eigene Erfahrungen mit den Ansätzen gemacht wurden.


[Seite 90↓]

3.4.2.2  Partizipative Kurzuntersuchung (PRA)

Die Partizipative Kurzuntersuchung64, deren Kürzel PRA in Analogie zu RRA von Rapid Rural Appraisal abgeleitet ist, hat keinen verbindlichen Namen, sondern wird auch Participatory Rapid / Rural / Relaxed Appraisal oder Participatory Appraisal genannt, was mit unterschiedlichen Meinungen über die Zeit, die man sich für die Arbeit nehmen sollte, zusammenhängt (Schönhuth & Kievelitz 1993,1, 5). Wie viele andere Autoren (z.B. Schubert et al. 1994) verstehe ich PRA im Sinne von Participatory Rural Appraisal (in Brasilien bekannt unter Diagnóstico Rápido Participativo - DRP). PRA verbindet die Vorteile des RRA mit dem partizipativen Ansatz und ist damit in der Lage, wesentlich tiefer zu gehen, als RRA, bei dem die ländlichen Teilnehmer nur als Informanten auftreten. PRA besteht aus einem Bündel verschiedener Techniken und Methoden, die bei der Problemdefinition, der Suche nach Lösungen und der Entscheidung über Maßnahmen unter aktiver Beteiligung der Bevölkerung eingesetzt werden. Die Methoden des RRA wurden übernommen und weiterentwickelt und dienen nun vor allem der Kommunikation mit der Zielgruppe und deren Vertretern. Diese wird im wesentlichen über Versammlungen und Gruppen­arbeit verwirklicht, bei denen die Teilnehmer ihr Wissen mitteilen oder Entscheidungen treffen, es findet jedoch auch Feldforschung mit Beobachtungen und Leitfadeninterviews statt. Beim PRA soll ein möglichst großer Teil der Bevölkerung einbezogen werden, speziell auch der Gruppen, die häufig unbeachtet bleiben, wie Frauen, Jugendliche, Arme oder Landlose.

Kasten 10 : Participatory Rural Appraisal

Participatory Rural Appraisal (PRA) "... ist ein Weg, Mitglieder einer sozialen Gruppe dazu anzuregen und zu unterstützen, in einem vertretbaren Zeitrahmen ihre Entwicklungshemmnisse und -chancen zu untersuchen, zu analysieren und zu evaluieren sowie fundierte und rechtzeitige Entscheidungen bezüglich Entwicklungsprojekten zu fällen" (Schönhuth & Kievelitz 1993,5). Es wird eine maximale Partizipation der Beteiligten angestrebt (kollegial, interaktiv).

Ein Katalog von "Werkzeugen" (tools) zählt zum festen Bestandteil des Ansatzes. Dazu hat vor allem das International Institute for Environment and Development (IIED) in London mit zahlreichen dokumentierten Arbeiten und Handbüchern beigetragen (z.B. Theis & Grady 1991). Die Verbreitung der Methode ist sicher auch darauf zurückzuführen, daß sie sowohl ein Schritt in einem größeren Projekt, als auch eine in sich abgeschlossene Aktivität sein kann. Sie hat in vielen Fällen aufwendige Erhebungsverfahren ersetzt, da sie in einem kürzeren Zeitraum durchgeführt werden kann und somit Daten für die Planungsphase zum Projektbeginn liefern kann.

Beim PRA sollen Forscher und Zielgruppe gemeinsam die Daten sammeln und auswerten, ein Anspruch, den RRA nicht hatte; die Rolleneinteilung zwischen Forschenden und Erforschten stand fest. Der wesentliche Unterschied zwischen RRA und PRA besteht im Umgang mit Hypothesen und Forschungsfragen. RRA untersucht eher vorformulierte Hypothesen und Fragestellungen, wohingegen PRA offen für die Analyse von Problemen aus der Innensicht der Bevölkerung und die Erarbeitung von Hypothesen ist (vgl. Beckmann 1997,88; siehe [Seite 91↓]Problematik in Schubert et al. 1994,51). Letzteres orientiert sich an der interpretativen Soziologie und weist Parallelen zur qualitativen Sozialforschung auf.

Wegen seines partizipativen Vorgehens hat PRA ein weites Einsatzspektrum: Diagnose, Projektbegleitung (monitoring), Durchführbarkeitsstudien, Evaluierung, Bewertung (assessment), Vorbereitung formaler Erhebungen (z.B. Fokussierung der Fragestellungen), Identifizierung von Interessenkonflikten, kurz in allen Phasen des Projektzyklus, in denen Einstellungen und lokales Wissen von Bedeutung sind (Schönhuth & Kievelitz 1993,5-6; Chambers 1992; zitiert nach: Okali et al. 1994,123). Khan (1992; zitiert nach: Okali et al. 1994,123) stellt fest: "PRA ist einzigartig geeignet, um quantitative und qualitative Daten zu integrieren."

Einige Vertreter des Ansatzes sehen PRA als kostengünstiges sozialwissenschaftliches Erhebungsinstrument (Chambers 1994; zitiert nach: Beckmann 1997,88). Schönhut & Kievelitz (1993,7) meinen dagegen, daß PRA wesentlich mehr mit angewandter Ethnologie und ethnographischer Feldforschung gemein hat als mit empirischer Sozialforschung, obwohl sich der Ansatz von der Ethnographie durch den multidiziplinären Teamansatz und die limitierte Zeit (meist nur wenige Wochen) unterscheidet. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch die Aktions­orientierung, da PRA auch als "Instrument zur Schaffung von Problembewußtsein und Handlungsbereitschaft" angesehen wird (Westphal et al. 1993,V; Beckmann 1997,89) oder zur Stärkung der Entscheidungskompetenz lokaler Gemeinschaften dient (Schönhut & Kievelitz 1993,7).

Bei PRA handelt es sich also je nach Ansicht und Anwendung um eine Planungsmethode für entwicklungspolitische Interventionen, ein kostengünstiges Erhebungsinstrument, eine dezentrale Planungsmethode mit Beteiligung der Bevölkerung an Problemdefinition, Formulierung der Hypothesen und Auswertung oder eine aktionsorientierte Untersuchung. Beckmann (1997,85-88) führt diese unterschiedlichen Einschätzungen auf die Ursprünge von PRA zurück, die ver­schiedenen, teilweise gegensätzlichen Konzepten entstammen. PRA befindet sich damit nahe der Schnittstelle von quantitativen und qualitativen Methoden und kann sowohl in Ansätzen "von oben" mit begrenzter Partizipation oder "von unten" mit Teilhabe der Bevölkerung an Entscheidungen und Ergebnissen angewandt werden.

3.4.2.3 Bemerkungen zur Partizipativen Kurzuntersuchung

Die positive Einschätzung der Methode, die ich ebenfalls teile, ist weit verbreitet. Deshalb soll hier mehr auf kritische Aspekte eingegangen werden, die zur Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen Forschern, Beratern und Bauern, dem Anliegen dieser Arbeit, beitragen können.

Um die Möglichkeiten des Ansatzes wirklich zu nutzen, müssen die Veranstalter über kommunikative Fähigkeiten verfügen, eine Notwendigkeit, die nach Okali et al. (1994,107) in keiner PRA-Dokumentation ernsthaft angesprochen wird. Die Autoren stellen fest, daß mehr Gewicht auf das Erlernen des Umgangs mit den "Tools", als auf die Organisierung und Moderierung von Versammlungen gelegt wird, ein Defizit bei zahlreichen Forschern und Beratern. Die Moderation bedarf spezifischer Kenntnisse und erfordert erfahrene Personen. Schönhuth & Kievelitz (1993,19, 27) lassen keinen Zweifel, daß die Qualität der Untersuchung steht und fällt mit der persönlichen und beruflichen Erfahrung der PRA-Equipe, ihrer Empathie und Begeisterung, was sowohl Anforderungen hinsichtlich der [Seite 92↓]Einstellung der externen Untersucher als auch hinsichtlich ihrer fachlichen Kompetenz stellt und Fachkräfte (externe Spezialisten) erfordert.

Ein wesentlicher Punkt, sowohl bei RRA als auch PRA, ist die notwendige Vorbereitung durch Kräfte vor Ort, damit der Ansatz funktioniert. Eine Kurzuntersuchung im Kleinen Walsertal beispielsweise bedurfte erheblicher Vorbereitung, damit die 30 Teilnehmer die Ergebnisse des RRA am zweiten Abend bereits den Beteiligten, vor allem den befragten Bauern, zur Diskussion stellen konnten (Scheuermeier et al. 1991). Zur Vorbereitung gehörte unter anderem: Mobilisierung von Experten, die die Region kannten, Vorbereitung für die Einführung in die Problematik der Region, Zusammenstellung der Sekundärdaten, Auflistung der Adressen und Information der Bauern, Organisierung durch mit der Methode vertraute Personen bis hin zur Reservierung eines Saales. Selbst bei schnellen Methoden muß ausreichend Zeit einkalkuliert werden, um die Untersuchung überhaupt durchführen zu können.65

Ein Kennzeichen von PRA ist die Interaktion zwischen den Externen und der Zielgruppe, vermittelt durch Führungspersönlichkeiten oder Organisationen, die vorbereitet werden muß, um das Treffen zwischen diesen Akteuren zu garantieren. Besonders wenn die externen Vertreter von Institutionen ohne eine feste Arbeitsbasis in der Region sind, muß der Kontakt von Organisationen vor Ort hergestellt werden. Eine Gruppendiskussion kommt auch nicht von alleine zustande. Mosse (1993; zitiert nach: Okali et al. 1994,106) stellt fest, daß die Kurzuntersuchung sich im allgemeinen auf die Interaktion mit einer begrenzten Zahl von Personen stützt, die als Makler oder Vermittler zwischen der Gemeinschaft und Außenstehenden dienen. Er argumentiert weiter, daß in öffentlichen Veranstaltungen das Allgemeine über das Besondere dominiert, während gerade letzteres wichtig ist, um neue Lösungen zu finden66. Abweichende und Minderheitsmeinungen werden selten in Versammlungen zum Ausdruck gebracht, was häufig dazu führt, daß die Ansichten der mächtigeren Gemeinschaftsmitglieder dominieren, während besonders die Meinungen der Frauen in der Öffentlichkeit wenig vorgebracht werden (vgl. Kumar 1993c,63-65). Mosse widerspricht der Ansicht, daß die PRA-Werkzeuge, im Gegensatz zu wissenschaftlichen Methoden, nicht kulturgebunden seien.67Netzwerk (1998,19, 21) stellt fest, daß über die interkulturelle Tauglichkeit des Instrumentariums bisher zu wenig nachgedacht worden sei. In kulturellen Umgebungen, in denen sich die Bauern vor allem über die Sprache ausdrücken, dürfte die Vor­gehens­weise zunächst als befremdlich wahrgenommen werden wegen ihres "Gesellschafts­spiel­charakters".

Die Untersuchung findet nicht in einem historischen, politischen, institutionellen oder kulturellen Vakuum statt, sondern das Ergebnis wird erheblich von Faktoren dieser Art beeinflußt (Mosse 1993; zitiert nach: Okali et al. 1994,103). Die Interpretation der Daten hängt wiederum von detaillierten Kenntnissen des sozialpolitischen Kontextes ab (Pottier 1991; zitiert nach: Okali et al. 1994,102). Auch die Verwendung der "Tools" ist teilweise nur mit entsprechender Vorinformation möglich (Schönhuth & Kievelitz 1993,21). Kitz (1998,184) kritisiert die unüberlegte Anwendung einer Vielzahl von "Tools" in der ersten Projektphase (Analyse), was zu langen Workshops und zur Erhebung zuvieler Daten ohne [Seite 93↓]direkten Nutzen führt. Er schlägt daher die Unterteilung der "Tools" nach ihrer Anwendung für Datenerhebung, Problemanalyse und Lösungssuche sowie Aktionsplanung vor. Auch die Leitfadeninterviews bedürfen einer Vor­bereitung. Nach eigener Erfahrung hat es sich als günstiger herausgestellt, die Fragen inhaltlich vor­zu­formulieren. Der Vorteil ist, daß die Ergebnisse vergleichbar sind, wenn mehrere Personen die Be­fragung durchführen oder wenn zahlreiche Personen befragt werden. Die Vorformulierung bedeutet bereits eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Befragung und verringert die Gefahr, daß wesentliche Aspekte vergessen werden. Keineswegs ist dadurch die Offenendigkeit und Flexibilität beeinträchtigt.

In der eigenen Arbeit wurde besonders der Übergang von der Erfassung der "Daten" zur Systematisierung und Identifizierung der Probleme zusammen mit den Teilnehmern, Bauern, Fischern, ländlichen Führungspersönlichkeiten, Beratern, Entwicklungsagenten und Forschern, in Arbeitsgruppen und Plenarsitzungen als schwierig empfunden, wozu eine erfahrene Moderation nötig war. Die Aufstellung von Hypothesen zusammen mit den Teilnehmern war weniger problematisch als die Erarbeitung der Schlußfolgerungen (Schmitz et al. 1995).

Wenn man mehr als den punktuellen Gebrauch für Bedarfsdefinition oder Evaluierung anstrebt, bedarf es zusätzlich eines kontinuierlichen Dialogs zwischen den Partnern. Fujisaka (1991; zitiert nach: Okali et al. 1994,104) vertritt die Ansicht, daß es auf die detaillierte, systematische, tägliche Kommunikation und Interaktion zwischen Forscher und Bauer ankommt, um die komplexen landwirtschaftlichen Systeme weiterzuentwickeln. Okali et al. (1994,104) argumentieren, daß PRA aufgrund der Entstehung als schnelle Untersuchungsmethode nicht unbedingt hilfreich ist, um einen kontinuierlichen Dialog zu etablieren, was jedoch wesentlich ist, wenn PRA nur eine Etappe innerhalb eines größeren Zusammenhangs ist, beispielsweise bei PTD.

Es wird wenig problematisiert, daß viele der für die Durchführung der Partizipativen Ansätze verantwortlichen Experten die Sprache der Zielgruppe nicht sprechen und daher Übersetzungen notwendig sind, die nicht nur mit den Schwierigkeiten der Übersetzung der Denkweise verschiedener sozialer Welten konfrontiert sind, sondern häufig auch mit Manipulation, um die Interessen der Zielgruppe zu wahren (z.B. die Fortsetzung eines nicht sinnvollen Projektes, weil es Geld in die Gemeinschaft bringt) oder die Absichten der Vermittler durchzusetzen68. Diese Tatsache macht vielleicht verständlich, warum so großer Wert auf Visualisierung in Gesellschaften gelegt wird, in denen das gesprochene Wort im Vordergrund steht (vgl. KRIBHCO, 1992; zitiert nach: Okali et al. 1994,107). Die Problematik der Visualisierung und die Bedeutung des Dialoges bei der Erarbeitung von Urteilen und Entscheidungen dürfen nicht unterschätzt werden (Hoffmann 1991,248, 254).

Im allgemeinen wird nicht von einer Charakterisierung der landwirtschaftlichen Betriebssysteme ausgegangen, wie zum Beispiel bei der Entwicklungsorientierten Forschung. Die Frage, wie mit der sozialen Differenzierung umgegangen werden soll, wird insgesamt vernachlässigt (Okali, 1994,105). Dies führt zu unklarer Beschreibung der Zielgruppe ("arme Bauern", etc.) und fehlender Vorstellung über die Repräsentativität der Teilnehmer. Dies kann noch dadurch verstärkt werden, daß trotz guten Willens ein systematischer Fehler durch die geringere Beteiligung benachteiligter, weniger durchsetzungsfähiger Gruppen bei den partizipativen Veranstaltungen entsteht. Von der Mehrheit abweichende Meinungen werden [Seite 94↓]zudem eher in Einzelinterviews als in der Öffentlichkeit geäußert. Die repräsentative Durchführung von Befragungen erfordert im allgemeinen jedoch eine größere Zeitdauer für die Erhebung der Daten (Feststellung der Grundgesamtheit, Kriterien für die Auswahl homogener Gruppen, Stichprobenbestimmung, Durchführung).

Verteidiger tiefergehender Erhebungen argumentieren, daß die schnellen Verfahren überhaupt erst auf der Grundlage langfristiger Untersuchungen möglich waren und die komplexen Zusammen­hänge ohne sie nicht verstanden worden wären (Jouve 1995,28; Schönhuth & Kievelitz 1993,20-21). Dies weist auf zwei kritische Punkte der Realisierung von PRA hin: die Erfahrung, die für die erfolgreiche Durchführung notwendig ist, und die Kenntnis der grundlegenden Zu­sammen­hänge auf den verschiedenen Ebenen des landwirtschaftlichen Systems (système agraire). Ver­ständnis von Gruppenprozessen, Erfahrung im Experimentieren mit Bauern und Kenntnisse über die Art der Informationsverbreitung sind erforderlich (Okali et al. 1994,117), damit die Arbeit über die Ebene der Beschreibung und Diagnose hinausgehen und (neue) Erkenntnisse, vor allem Schlußfolgerungen, liefern kann. Dies ist nicht mit standardisiertem Vorgehen zu erreichen. Auch die Triangulation ist kein Allheilmittel und kann zusätzliche Probleme bei unreflektiertem Gebrauch aufwerfen (Kap. 2.1.6).

Generell sollte die Kritik an manchen Kurzuntersuchungen (RRA, PRA) ernst genommen werden, die den Methoden die Gefahr des Bias (z.B. leichte Erreichbarkeit, geringe Reflexion über die Zusammensetzung der Partizipanten) sowie die im Vergleich zur Datenerhebung relativ lange Auswertungszeit vorhält (vgl. Casley 1993).

Schönhut & Kievelitz (1993,21) sehen die größte Herausforderung für den Ansatz in der "... Etablierung des PRA-Gedankens in den Organisationskulturen bürokratisch aufgebauter Entwicklungsorganisationen. Wo die Offenendigkeit, Flexibilität, Kreativität und Ver­schieden­artigkeit von PRA auf normale bürokratische Tendenzen zu Standardisierung, Zentralisierung und Top-down-Management trifft, bleibt von seinem partizipativen Grundgedanken nicht viel übrig. Lokale Nichtregierungsorganisationen (NRO's) haben deshalb bei der Übernahme der PRA-Idee gewisse Vorteile." Dieser Gedanke wird auch von Bauer (1996,58) bezüglich der Partizipation in der Weltbank vertreten. Der Ansicht, daß NROs in dieser Hinsicht generell überlegen seien, stimme ich in dieser Form nicht zu (vgl. Ehret 1997,222-235; Okali et al. 1994,3). Die Gefahr, daß die Moderatoren die Methode nicht flexibel anwenden (können), entweder weil sie nicht genügend vorbereitet wurden und die Erfahrung für eine kreative Anwendung fehlt, oder weil PRA in vorgeschriebene Abläufe zwingend eingebunden wird, scheint ein generelles Problem zu sein (Okali et al. 1994,107; Kitz 1998,184). Sämtliche Projektbeispiele in Netzwerk (1998,12, 14, 19) erlebten die unflexible Handhabung partizipativer Methoden, die teilweise von der Bevölkerung als bürokratischer Akt erlebt wurde, um eine Finanzierung zu erreichen69.


[Seite 95↓]

3.4.2.4  Partizipative Technologieentwicklung (PTD)

Bei der Partizipativen Technologieentwicklung (PTD) handelt es sich um eine Interaktion zwischen externen Fachkräften (facilitators 70) und ländlicher Bevölkerung, deren gleichberechtigte Partizipation aus unterschiedlichen Gründen gefordert wird: pragmatisch, um die Effizienz der eigenen Arbeit zu erhöhen, ethisch, um Gleichheit und Recht auf Selbstbestimmung zu fördern, und politisch, um die Armen zu stärken (empowerment).

Kasten 11 : Partizipative Technologieentwicklung

Partizipative Technologieentwicklung (PTD) ist ein Prozeß, der Wissen und Forschungskapazität der lokalen bäuerlichen Gemeinschaften mit denen der Forschungs- und Entwicklungsinstitutionen in wechselseitiger Form verbindet. Ziel ist, neue Techniken und Praktiken zu identifizieren, zu entwickeln, zu testen und anzuwenden sowie gleichzeitig die vor­handenen Fähigkeiten der Bauern zu stärken, selbst Versuche durchzuführen und neue Techniken zu beherrschen (Reijntjes et al. 1992). Die Partizipation erreicht die Stufen kollegial, interaktiv oder sogar "eigene Mobilisierung".

Zu den verschiedenen Aspekten der Partizipativen Technologieentwicklung, die auch PRA als einen Bestandteil nutzen kann, existiert eine reichhaltige Literatur. Im weiteren folge ich im wesentlichen Veldhuizen et al. (1997b), da diese Anleitung als vorläufiger Abschluß einer langen Debatte gelten kann, in der sich ein Kern von mit der Arbeit von ILEIA (Institute for Low External Input Agriculture) verbundenen Autoren um die Entwicklung des Ansatzes bemüht hat.

Das Konzept der Partizipativen Technologie-Entwicklung (PTD) ist aus dem Ansatz der Angepaßten Technologie hervorgegangen (Bliek & Veldhuizen 1993). Während aber in der Angepaßten Technologie die verschiedene Gruppen, wie Nutzer, Produzenten, Arbeiter, Unternehmer, etc. einbezogen wurden, befaßt sich PTD vor allem mit den Nutzern, die gleichzeitig Produzenten der Technologie sind. Die Arbeitsgebiete von PTD sind daher im wesentlichen die landwirtschaftlichen Technologien und Praktiken. Insofern kann der Ansatz weniger als Weiterentwicklung, sondern eher als Vertiefung der Angepaßten Technologie für ein bestimmtes Arbeitsgebiet angesehen werden. Auch die Arbeitsebene ist beschränkt: es geht um das Dorf, die Lokalität, die Gemeinschaft (community).

Während die Angepaßte Technologie vor allem die Technik behandelte und die Partizipation der Benutzer eher untergeordnete Bedeutung hatte, stellt die Partizipative Technologie-Entwicklung den Menschen in den Mittelpunkt. Es geht darum, seine Fähigkeiten zu entwickeln, um mit den sich verändernden Situationen zurechtzukommen, und seine Kenntnisse anzuwenden, um Vorschläge für komplexe ökologische und technische Situationen zu erarbeiten, in denen einheitliche Lösungen nicht möglich sind (Bliek & Veldhuizen 1993,7)71. Dabei verwendet PTD sowohl das Volkswissen als auch die formale [Seite 96↓]Wissenschaft und verknüpft die Erarbeitung von Lösungen für aktuelle Probleme mit der Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Ausgangspunkte sind die Erkenntnis, daß sich das Volkswissen von dem formalen Wissen unterscheidet, und die Einsicht, daß Wissenschaftler allein nicht die lokalspezifischen Technologien für die weite Diversität der Bedingungen ressourcenarmer Bauern überall auf der Welt, oder selbst in einem Land, entwickeln können. Formale Forschungs- und Beratungsdienste haben nur eine begrenzte Kapazität zur Erarbeitung der zahlreichen erforderlichen Technologieanpassungen (Veldhuizen et al. 1997b,4, 41-43).

Die gleichberechtigte Partizipation wird als ausschlaggebend angesehen, wenn Nachhaltigkeit bei der landwirtschaftlichen Entwicklung erreicht und der unkritische Gebrauch externer Betriebsmittel durch die tägliche Beobachtung und Entscheidung des Bauern über deren Einsatz zurückgedrängt werden soll. Dazu muß die Technologieentwicklung mit den intimen Kenntnissen der Bauern über die lokale Situation verbunden werden.

PTD nutzt die Methoden von PRA, das selbst ein Bestandteil des Ansatzes sein kann, integriert aber die zusätzlichen Etappen Aktion, Verbreitung und Stabilisierung des Prozesses, die jeweils in mehrere Phasen unterteilt werden, so daß insgesamt 33 Schritte zu berücksichtigen sind:

  1. Beginnen (getting started)
  2. Probleme verstehen und Möglichkeiten erkennen (understanding problems and opportunities)
  3. Mögliche Vorschläge sammeln (looking for things to try)
  4. Experimentieren (experimentation)
  5. Ergebnisse austauschen und über die Bauern verbreiten (sharing the results - farmer based extension)
  6. Den PTD-Prozeß nachhaltig absichern (sustaining the PTD process)

Besonderer Wert wird auf den ersten Kontakt gelegt, der ausschlaggebend für den Aufbau der Beziehung zwischen den Akteuren sein kann und nicht nur mit den Anfragern, sondern möglichst mit allen relevanten Kräften vor Ort, auch den verschiedenen Autoritäten hergestellt werden soll. Im Grunde genommen soll die gesamte Bevölkerung, besonders die Benachteiligten, an dem Prozeß teilnehmen. Von Anfang an sollen Bauern und Externe sich kennenlernen und einander vertrauen.

Die einzelnen Etappen sollen grundsätzlich von der Bevölkerung selbst ausgeführt werden, wobei die Forscher nur Unterstützung leisten. "Wo Außenstehende zur Entscheidungsfindung der Bauern beitragen, geschieht dies offen im Dialog unter Gleichgestellten" (Veldhuizen et al. 1997b,44). Die partizipative Situationsanalyse, bei der die Bauern die führende Rolle haben sollen, bezweckt, "... spezifische Gruppen von Bauern dabei zu unterstützen, ihre lokale Situation zu untersuchen und zu reflektieren, um Hemmnisse für eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung zu identifizieren sowie die Möglichkeiten, diese zu überwinden" (Veldhuizen et al. 1997b,102). Es geht also nicht mehr, wie häufig noch bei PRA, um die Einschätzung lokaler Verhältnisse nur für die Externen. Auch der Zeithorizont ist unterschiedlich: die Schnelligkeit hat ihre herausragende Rolle verloren. Dies ermöglicht, bei den Lernprozessen vor allem von den Erfahrungen der Beteiligten auszugehen und nicht vorrangig das Wissen des "Lehrers" zu vermitteln.

PTD will lokales bäuerliches Experimentieren von spontanem, unorganisiertem und individuellem Vorgehen in einen mehr zielgerichteten, systematischen und organisierten gemeinschaftlichen Prozeß der Technologieentwicklung verwandeln. Die Bauern können auch nicht alle bereits außerhalb ihres Kommunikationsnetzes entwickelten Lösungen [Seite 97↓]kennen. Wesentliches Kennzeichen von PTD ist daher das gemeinsame Experimentieren von Bauern und Forschern. Als Begrenzungen des bäuerlichen Experimentierens werden seine ungerichtete Form, die Gefahr falscher Schlußfolgerungen infolge fehlenden analytischen Ansatzes und das Fehlen einer Vergleichsbasis beim Versuchsaufbau genannt. Auf bestimmten Gebieten, die eine eher wissenschaftliche Be­obachtung verlangen, hat das bäuerliche Wissen oft Defizite.72 Die Ergebnisse einzelner Bauern können angesichts dieser Schwachpunkte unsicher sein, dagegen seien aber von einer Gemeinschaft oder einer größeren Anzahl von Bauern mit gut funktionierender Kommunikation nennenswerte Neuerungen zu erwarten.

Bei PTD geht es eindeutig nur um Versuche, die von den Bauern definiert, kontrolliert, unter Verwendung eigener Mittel durchgeführt, beobachtet, festgehalten und bewertet werden. Neben den bereits genannten Gründen für die Förderung des bäuerlichen Experimentierens (Unmöglichkeit der Anpassung an alle Situationen) wird die Stärkung des Vertrauens und der Kapazität der Bauern, die eigenen Probleme zu lösen, sowie die schrittweise Entwicklung einer lokalen Landwirtschaft angeführt. Die Experimente werden als komplementär zur der durch Wissenschaftler kontrollierten Forschung angesehen.

Die PTD-Praktiker sollen zunächst von den Bauern die Vorgehensweise bei deren Experimenten lernen. Sie beginnen, die aktiven Experimentierer (Männer; Frauen) zu ermitteln, um anschließend durch Beobachtung und Diskussionen mit ihnen die Logik ihrer Experimente, ihrer Testmethoden und die Stärken und Schwächen ihrer Vorgehensweise herauszufinden. Nach einer anfänglichen Lernphase können sie vielleicht eine Übereinkunft erreichen, wie die Ansätze und Methoden der Bauern verbessert werden können, und wie man in systematischerer Weise zusammenarbeiten kann. Die Bauern sollen die Prinzipien der Techniken und der ihnen zugrunde liegenden biologischen Prozesse lernen. Die Forscher sollen dazu beitragen, die Diskussion und die Entscheidungsfindung unter den Bauern zu verbessern, wobei klare Hypothesen und Ziele, für die Bauern nachvollziehbare Versuchsdurchführung und systematische Evaluierung wesentlich sind. Veldhuizen et al. (1997b,157-158) schlagen zahlreiche Verbesserungen der Versuche vor. Dieser Prozeß kann durch den Zusammenschluß der Bauern in Experimentiergruppen verstärkt werden, die gegenseitig ihre Versuche begleiten und diskutieren. Von diesem gemeinsamen Lernprozeß erwartet man auch einen Beitrag zur Verbesserung der Versuche in den landwirtschaftlichen Versuchsstationen.

Ein zentraler Punkt für das Funktionieren des Ansatzes ist die Verbreitung der Ergebnisse durch die Bauern selbst (farmer-to-farmer extension). Diese können in Ergänzung zu bestehenden formalen Diensten arbeiten, sind aber besonders wichtig in der zunehmenden Anzahl von Regionen, die nicht durch solche Dienste erreicht werden. Der PTD-Ansatz legt Wert auf die Unterscheidung des experimentierenden Bauern als auch des Diffusionsagenten (farmer extensionist) von den Kontaktbauern und Demonstrationsbetrieben des Technologietransfer-Ansatzes, beispielsweise des T&V Systems. Während es im letzten Fall um den Austausch von Technologien in engem Kontakt zu den Beratern geht, sieht PTD die Herausforderung im Austausch von Erfahrungen und Methoden, die im Prozeß des bäuerlichen Experimentierens gesammelt wurden. Dieser Prozeß ist die Voraussetzung für eine Weitergabe an andere Bauern. Größter Wert wird darauf gelegt, daß die Erfahrungen mit anderen Gemeinschaften geteilt werden, vor allem über bereits bestehende Kommunikationsnetzwerke der ländlichen Gesellschaft.


[Seite 98↓]

Die Auswahl der Diffusionsagenten ist nicht unproblematisch, deshalb sollen die PTD-Praktiker Vorschläge zum Auswahlverfahren, zur Definition von Kriterien oder auch Empfehlungen über die Wahl von Frauen für diese Aufgabe machen. Damit soll dem möglichem Übergewicht des Einflusses der lokalen Elite begegnet und die Selektion aufgrund politischer Kriterien vermieden werden. Rolle und Aktivitäten des Diffusionsagenten schließen Verpflichtungen gleichermaßen gegenüber den Bauern und der Unterstützungsorganisation ein. Der Aufbau eines Netzwerkes von Diffusionsagenten, die Erleichterung von gegenseitigen Besuchen der Bauern und die Unter­stützung bei der Erstellung von Anleitungen und audiovisuellem Material sind die geeignetsten Maßnahmen zur Unterstützung dieser Aufgabe.

In der Frage, ob es sich um eine bezahlte oder eine freiwillige Tätigkeit handeln soll, tendieren Veldhuizen et al. (1997b,195) zur Freiwilligkeit. Die Anforderungen an die Bauern, die als Verbreiter tätig werden, sind relativ hoch, besonders hinsichtlich Dokumentation, Messung, Benutzung von Büchern und Zeitschriften. Sie müssen über ausreichend Zeit verfügen, um den eigenen Betrieb zu verlassen und sich mit den Problemen anderer Bauern auseinanderzusetzen.

Es wird viel von den PTD-Fachkräften erwartet, und eine Organisation allein dürfte, nach Ansicht der Befürworter, kaum alle erforderlichen Fähigkeiten und Kenntnisse zusammenbringen. Auch PTD ist daher auf die Unterstützung durch andere Partner (Agrarforschungsinstitute, staatliche Beratungsdienste, NROs, Entwicklungsprojekte sowie Bauernorganisationen) angewiesen. Wo diese fehlt, wird die Durchführbarkeit von PTD als recht begrenzt angesehen. In verschiedenen Momenten wird davon ausgegangen, daß ein größerer Kreis von Beteiligten zur Verwirklichung des Ansatzes in einen Verhandlungsprozeß einbezogen wird, für den unter anderem RAAKS73 als Methode vorgeschlagen wird. Eine periodische Stakeholder-Analyse wird vorgeschlagen, um sicherzustellen, daß alle relevanten Organisationen an dem Prozeß beteiligt sind (Veldhuizen et al. 1997b,10, 92).

Partizipative Maßnahmen allein werden jedoch von den PTD-Vertretern als nicht ausreichend angesehen, um die Armut zu beseitigen und den Einfluß der Mächtigen gegen eine gerechtere Verteilung zurückzudrängen. Zusätzlich zu dem partizipativen Prozeß sind daher weitere Maßnahmen notwendig, um dem Bias zugunsten der männlichen, wohlhabenderen und besser ausgebildeten Bauern zu entgehen.

Neben der Problemlösung auf der landwirtschaftlichen Ebene vertritt PTD daher als wesentliche Ziele die Stärkung der ländlichen Bevölkerung (empowerment), die Anregung zur Erzeugung lokalen Wissens sowie die Verstärkung der lokalen Fähigkeiten, nachhaltige Betriebssysteme zu entwickeln. Unter den Gründen für die Förderung der bäuerlichen Experimente wird die Stärkung des Vertrauens und der Fähigkeit, die eigenen Probleme zu lösen sowie die Verringerung der Abhängigkeit von Außenstehenden genannt. Durch ihre Beteiligung in PTD-Aktivitäten verbessern sowohl Männer als auch Frauen ihre individuelle Fähigkeit, lokale Probleme zu benennen, was zu erhöhtem Selbstvertrauen und Respekt hinsichtlich des eigenen Wissens, erhöhten analytischen Fähigkeiten, besseren experimentellen Fertigkeiten und zur Fähigkeit, mit externen Organisationen zu interagieren [Seite 99↓]und zu verhandeln, führt. Zusätzlich zum Experimentieren der Bauern soll die lokale Innovations- und Problemlösungskapazität und die Rolle und Verantwortlichkeit der Bauern und der Gemeinschaften im PTD-Prozeß gestärkt werden, was zu erhöhter Innovationskapazität bei Bauern und Forschern führen kann.

PTD kann nach dieser Beschreibung der Aktionsorientierten Forschung zugeordnet werden. In der Regel handelt es sich nicht um eine Aktionsforschung, da es häufig um die Anpassung einer Technologie geht und weniger um verallgemeinerbare wissenschaftliche Erkenntnisse. Die direkte Lösung steht im Vordergrund und die Veränderung der Akteure im Prozeß ist zwar beabsichtigt, aber nicht Forschungsziel.

3.4.2.5 Bemerkungen zur Partizipativen Technologieentwicklung

Schon Bliek & Veldhuizen (1993, Anh. F,4), wesentliche Befürworter des Ansatzes, weisen auf einige Schwachpunkte von PTD hin, die auch heute noch gelten:

Der entscheidende Beitrag von PTD74, an dem sich eine zukünftige Arbeit zwischen Forschern, Beratern und Bauern orientieren muß, ist das gemeinsame Experimentieren. Dabei wird eindeutig Wert auf den dialektischen Prozeß zur Erzeugung eines neuen "Dritten Wissens" gelegt und weder die wissenschaftliche Arbeit höher angesehen, noch das Volkswissen überschätzt. Die genaue Beschreibung der Etappen und damit der Verantwortung für ihre Durchführung sehe ich als einen wichtigen Beitrag des PTD-Ansatzes an. Diese positive Beurteilung läßt jedoch zahlreiche Fragen offen, wie dieser Ansatz jenseits von Ausnahmesituationen mit besonders qualifizierten Kräften in der Praxis verwirklicht werden kann, damit das Ziel des Ansatzes, und insgesamt des Partizipationsgedankens, erreicht wird, eine möglichst große Anzahl von bäuerlichen Betrieben zu erreichen.

Ein wesentlicher Problemkomplex entsteht durch die Konflikte, die die unterschiedlichen Rollen des Moderators (Fazilitator, PTD-Praktiker) einerseits und des Bauern (Forscher, Diffusionsagent) hervorrufen können. Der Beitrag des Moderators wird ab dem ersten Kontakt sehr zurück­genommen dargestellt. Dies täuscht darüber hinweg, daß die Methode eine erhebliche externe Unterstützung in den verschiedenen Etappen des Prozesses benötigt. Dieser Bedarf und seine Lösung bleiben somit verdeckt. Der Moderator nimmt jedoch sehr gegensätzliche Rollen ein: er kann Geldgeber sein, er ist der Wissenschaftler, der neue Methoden und Kenntnisse einbringt, er soll zur Systematisierung der Versuche beitragen, etc.


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Die Bauern sollen nun bei der Diagnose die führende Rolle haben. Nach meiner Erfahrung bedarf es einer erfahrenen Moderation, selbst wenn es sich statt der Bauern um Agrartechniker oder Berater handelt, um mit dieser Methode zu einem Ergebnis zu gelangen. Bereits mit Beratern ist es schwer, ohne eindeutige Vorgaben solche Untersuchungen durchzuführen. Falls die Vorgehensweise jedoch vorher feststeht, ist es nicht überzeugend, von Untersuchung unter Führung der Bauern (farmer led) zu sprechen. In der Tat sind die Diagnosemethoden vor allem auf die Fachkräfte zugeschnitten. Die "Teilnahme am Dorfleben" und die dabei durchgeführte Beobachtung ist in jedem Fall nur für die Externen gedacht (falls sie die Zeit dazu mitbringen). Die übrigen vorgeschlagenen Methoden wie teilstrukturierte Interviews, die in der Praxis häufig ohne Leitfaden stattfinden, Gruppeninterviews, besonders auch mit Visualisierung, müssen gut vorbereitet werden. Das entscheidende Problem ist anschließend die Systematisierung der Informationen, was selbst Führungspersönlichkeiten der Bauern und Agrartechnikern schwer fällt. Insofern dürfte es sich eher um eine Teilnahme der Bauern bei der Durchführung halten, in der sie mit Informationen und Rat partizipieren und schließlich Entscheidungen bei der Bedarfsidentifizierung treffen. Dabei handelt es sich dann um eine Untersuchung mit zwei Zielsetzungen, eine auf die Bauern und eine andere auf die Externen ausgerichtet. Der Diskurs von der führenden Rolle des Bauern verhindert die Behandlung der wirklichen Probleme bei der Durchführung, beispielsweise wie im einzelnen Fachkräfte und Bauern zusammenarbeiten sollen, wie Schwachpunkte überwunden werden können, etc.

Eines der wesentlichen Anliegen von PTD ist die Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Gerade die partizipative Vorgehensweise wird dafür als besonders geeignet angesehen. Häufig ist dies jedoch zunächst nur die Idee der PTD-Praktikern, mit der die Bauern konfrontiert werden und die sie eventuell gar nicht wollen, wie im Fall eines PRA mit Bauern und Fischern im Rahmen eines munizipalen Planungsprozesses in der Nähe von Belém, bei dem sich die Bauern keineswegs auf eine Landwirtschaft ohne Mineraldünger und Pestizide festlegen lassen wollten (Schmitz et al. 1995). Der Wechsel der Rolle von Moderator zu Forscher und Berater, der seine eigene Erfahrung und Ansicht in die Waagschale einbringt, müßte in diesem Fall problematisiert werden.

Ein zweiter Problemkomplex ist die Stärkung der Bauern (empowerment) in ihren verschiedenen Varianten und die damit eng verknüpfte Frage des Umgangs mit vorhandenen Machtbeziehungen. Die Art der ersten Kontaktaufnahme, die möglichst mit allen relevanten Autoritäten stattfinden und alle Dorfbewohner einbeziehen soll, nicht nur die Anfrager, ist gewagt, da man häufig die Geister, die man rief, nicht los wird und behindert werden kann75. In einem partizipativen Vorhaben, daß den Einfluß der wohlhabenden Bauern und besonders der Mächtigen zurückdrängen will, kann diese anfängliche Offenheit entscheidende Auswirkungen auf das Projekt haben. Es dürfte nicht leicht sein, ohne eine gewisse Vorauswahl (Analyse der Anfrager, vorherige Zielgruppendefinition) eine partizipative Arbeit in einer Gesellschaft mit signifikanter sozialer Differenzierung zu beginnen und ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, wie sich im weiteren mit partizipativen Methoden der Themenkreis der Zusammenarbeit herauskristallisieren soll. Dies erfordert eine einseitig Vorgabe von Kriterien seitens der Externen und viel Fingerspitzengefühl, um nicht wesentliche Teile der Bevölkerung zu verprellen. Dies wiederum setzt eine gewisse Kenntnis des Kontextes oder die Einbeziehung von Kennern der Situation voraus.

Die PTD-Verfechter gehen durchaus davon aus, daß gegensätzliche Interessen innerhalb der verschiedenen sozialen Gruppen und sogar innerhalb der Familien bestehen können. Es wird [Seite 101↓]auch die Gefahr gesehen, daß das Vorhaben von anderen Kräften als der Zielgruppe übernommen und dominiert wird. So kann bereits die Anfrage an Außenstehende das Interesse einiger weniger Individuen repräsentieren, die nicht notwendigerweise zu der Zielgruppe des Programmes zählen. Veldhuizen et al. (1997b,61-62) gehen auch davon aus, daß die PTD-Praktiker mit ihren Unterstützungsorganisationen eine neue organisatorische Struktur mit relativ großem Einfluß innerhalb des lokalen Zusammenhang darstellen, die sie unvermeidlich Teil der lokalen Machtspiele werden läßt. Unter diesen Umständen führt eine gemeinsame Beteiligtenanalyse sicher nicht zu einer offenen Aussprache über die jeweiligen Interessen und zur Diskussion von Strategien für das an­gemessene Verhalten in dem Netz von Machtbeziehungen. Die partizipative Bedarfs­identifizierung könnte das Vorhaben dann endgültig in eine nicht beabsichtigte Richtung führen.

Diese Schwierigkeiten werden durch einen dritten Problemkomplex verstärkt, der sich aus dem Fehlen einer Charakterisierung der landwirtschaftlichen Betriebssysteme und der geringen Be­handlung der Frage, wie mit der sozialen Differenzierung umgegangen werden soll, ergibt. Probleme, die bereits im PRA auftauchten, übertragen und verstärken sich so in PTD. Dieses Defizit kann dazu führen, daß die Zielgruppe nicht klar identifiziert wird. Veldhuizen et al. (1997b,102-103) problematisieren diese Frage.

Die Anerkennung der Bedeutung bäuerlicher Experimente ermöglicht drei Optionen der Zusammenarbeit: Beteiligung der Bauern an Forschung und Beratungsprogrammen, Beteiligung der Forscher und Berater an den Experimenten der Bauern oder gemeinsames Forschen. Die Frage ist, wie die Kooperation zustande kommen kann, um eine möglichst große Synergie zwischen formaler Forschung und bäuerlichem Experimentieren zu bewirken. PTD will vorrangig die bäuerliche Art zu experimentieren verbessern und die Bauern anleiten bei Versuchsdesign, Durchführung und Auswertung, unter anderem in der Systematisierung durch Wiederholung der Versuche. Unklare Begriffe, wie Bauern als Forscher, sollten dabei vermieden werden. Kritische Stimmen meinen, daß durch die Einführung einer vermeintlichen Objektivität der spezielle Beitrag des bäuerlichen Experimentierens geschmälert wird und ein grundsätzlicher Mangel von Vertrauen in die lokalen Fähigkeiten zum Ausdruck kommt (Okali et al. 1994,4-8).

Zur Überwindung des wesentlichen Einwandes, der fehlenden Übertragbarkeit der lokalen Lösungen auf einen größeren Maßstab76, wird von den Verfechtern das Modell des Diffusions­agenten (farmer extensionist) vorgeschlagen. Es soll noch einmal an die Bewertung des T&V-Systems erinnert werden, in der feststellt wurde, daß der Ansatz des 'Kontaktbauern' nicht wie vorgesehen funktioniert: die Auswahl ist problematisch, speziell wenn schon eine signifikative soziale Differenzierung existiert, und die Kenntnisse werden nicht an den Rest der Zielgruppe weitergegeben, was zu einer stärkeren Segregation zwischen Bauern mit und ohne Kontakt führt (Albrecht 1992b,132; Bauer 1996,53-61). Sind es nicht letztlich schlecht (oder gar nicht) bezahlte und schlecht ausgebildete Berater? Wird die ländliche und landwirtschaftliche Entwicklung ohne dauerhafte Institutionen angestrebt, beispielsweise ohne landwirtschaftliche Beratungsdienste - die ja nicht notwendigerweise beamtenähnliche staatliche Strukturen haben müssen? Wie häufig bei der partizipativen Arbeit wird die wesentliche Aufmerksamkeit auf die direkte Zusammenarbeit zwischen Externen und Bauern gerichtet, während die institutionelle Absicherung des Ansatzes als fast gegeben angenommen wird. Ihr wird wenig Aufmerksamkeit gewidmet, obwohl sie von Prozeßbeginn an verfolgt werden müßte (vgl. Scheuermeier 1994).


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PTD setzt bei der Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsstruktur an. Andere Aufgaben landwirtschaftlicher Beratung werden nicht berücksichtigt. Veldhuizen et al. (1997b,132) meinen dazu lediglich: "Das PTD-Team muß eventuell auf damit verbundene Unterstützungsstrukturen hinweisen, die erforderlich sind, um eine bestimmte Möglichkeit zu einem Erfolg zu machen: Transport, Kredit und Vermarktungsmöglichkeiten." Ob periodische Stakeholder-Analysen aus­reichen, um die Beteiligung aller relevanten Organisationen an dem Prozeß sicherzustellen, ist zu bezweifeln. Für die Herstellung der erforderlichen Bündnisse sind erhebliche Anstrengungen notwendig.

Die Aufrechterhaltung von PTD ist sehr teuer ist. Für die Fortsetzung der Dienstleistungen von farmer-to-farmer extension nach Abzug der externen Fachkräfte sowie für kleinere Projekte, die aufgrund der Experimente entstehen, wird ein Fond benötigt, dessen längerfristige Finanzierung aber unsicher ist (Veldhuizen et al. 1997b,195, 208).

Bei PTD, stärker als bei PRA, führt der Methodeneklektizismus zu manchen Unstimmigkeiten. Langzeitbeobachtungen (die PTD-Praktiker mischen sich unter das Volk), die Ethnographien nahekommen, stehen den Anforderungen an Kurzzeiterfolge gegenüber; Erwähnung des Farming-Systems-Ansatzes, ohne dessen Methoden anzuwenden; die Forscher sind Beobachter, obwohl sie eigentlich nur facilitators sein sollen.

3.4.3 Nische oder allgemeine Notwendigkeit

Viele Diskussionen werden darüber geführt, was der geeignete Bereich für die Partizipation der Bauern sei. Okali et al. (1994,93) stellen fest, daß die beiden häufigsten partizipativen Aktivitäten die Problemidentifizierung und die Versuche in bäuerlichen Betrieben (on-farm trials) sind. Während die Partizipation bei der Diagnose und generell bei der raschen Datenerfassung nicht strittig ist, sehen viele Autoren die partizipative Forschung mit Bauern nur auf marginale Regionen und arme ländliche Bevölkerung (low-income rural people) beschränkt, wo sie auch die meisten Projekte mit diesem Ansatz identifizieren. In begünstigten Gegenden sei wenig Nutzen von der Partizipation der Bauern an der Forschung zu erwarten, außer bei der Identifizierung von Forschungsmöglichkeiten zu Beginn und Feldtests am Ende (Okali et al., 1994,16-18). Diese Einschätzung führt konsequenterweise zu der Feststellung, daß kein Bedarf für die Verbreitung "jenseits marginaler Inseln" bestehe, da die Bedingungen zwischen den Regionen zu unterschiedlich seien. Da es sich bei der Forschung mit Bauern nur um eine "Feinanpassung" handele und keine Innovationen mit größerem Verbreitungspotential zu erwarten seien (Fujisaka 1993; zitiert nach: Okali et al. 1994,19), wird sie häufig als zu kostspielig abgelehnt.

Da bei manchen partizipativen Ansätzen nicht von einer Charakterisierung landwirtschaftlicher Betriebssysteme ausgegangen wird, stellt sich die Frage, wie man dann feststellen will, daß die spezifische Situation auf eine Parzelle oder einen Betrieb (Okali 1994,118) begrenzt ist. So wird von marginaler landwirtschaftlicher Umgebung (marginal agricultural environments; low potential areas) einerseits und begünstigten Gegenden (high potential areas) gesprochen, wobei es sich bei den Anden oder den semiariden Zonen Afrikas doch wohl um recht große "marginale" Regionen handelt (Okali et al. 1994,vii, 16). In Bezug auf die Zielgruppe wird von lokaler Bevölkerung oder armen Bauern (local people, poor farmers, etc.) gesprochen, Kategorien, die weit verbreitet sind, wie beispielsweise Farrington et al. (1997,1) feststellen. Sieht man das brasilianische Beispiel an, kommt Armut jedoch sowohl in begünstigten als auch in marginalen landwirtschaftlichen Gebieten vor. Gerade in den begünstigten Gegenden hat die "Konservative Modernisierung" durch [Seite 103↓]Mechanisierung und erhöhten Betriebsmitteleinsatz eine Marginalisierung von Bauern hervorgerufen, die zu Landverteilungskonflikten und zur Gründung der Landlosenbewegung geführt hat. Bis heute finden viele Auseinandersetzungen gerade in den Bundesstaaten statt, denen ein hohes landwirtschaftliches Potential bescheinigt wird (z.B. Paraná; São Paulo). Auch in Regionen, in denen die Kategorien "arme Bauern" oder "marginale landwirtschaftliche Umgebung" nicht zutreffen, findet heute ebenfalls bäuerliches Wissen bei der Entwicklung einer ökologisch orientierten Landwirtschaft eine zunehmende Anerkennung, so beispielsweise in den USA (Seiter et al. 1994), Australien (Campbell 1994) und Niederlanden (Oerlemans et al. 1997).

Angesichts dieser Argumente verliert die Behauptung des ungünstigen Kosten-Nutzen-Verhältnisses einer Forschung mit Bauern ihre Überzeugungskraft. Für eine klare Aussage müßten Zahlen für die vorherrschende Forschung genannt werden, die partizipative Forschung als Alternative (und nicht als Zusatzbelastung) betrachtet werden und soziale Aspekte auf der Ebene der bäuerlichen Landwirtschaft, beispielsweise Beschäftigungswirksamkeit, berücksichtigt werden.

Andererseits wird als ein Problem der partizipativen Methoden die Beschränkung auf kleine Gruppen und das Fehlen von Strategien zur Verbreitung in größerem Maßstab (scaling up) bemängelt. Die Überwindung der Kleinmaßstäblichkeit, besonders von PTD und partizipativer Forschung mit Bauern generell, wird selbst von Verfechtern partizipativer Ansätze als eine der wesentlichen Herausforderungen angesehen (Bliek & Veldhuizen 1993, Anh.F,4; Schönhuth & Kievelitz 1993,21; Okali et al. 1994,107; Veldhuizen 1995,42; Veldhuizen et al. 1997a,281; Kitz 1998,192; Netzwerk 1998,20). Einige Autoren diskutieren die Möglichkeit der Wiederholung der Arbeit an anderen Standorten, um von der Dorfebene, der Arena vieler Studien, zu Ergebnissen in größerem Maßstab zu gelangen: Dies ist nicht nur eine Kosten- und Zeitfrage, sondern wirft auch methodische Fragen auf, besonders hinsichtlich der Systematisierung und Vergleichbarkeit der Daten. Okali et al. (1994,107) stellen in Frage, daß eine flexibel angelegte partizipative Studie (PRA) an anderer Stelle wiederholt werden kann.

Die Fähigkeit komplexe Projekte, wie agrarökologisches Ressourcenmanagement, in größerem Maßstab partizipativ durchzuführen, wird unterschiedlich eingeschätzt, wobei die Skeptiker generell die Kluft zwischen notwendigen Maßnahmen und den Möglichkeiten von Forschungsteams "dramatisch wachsen" sehen und davon ausgehen, daß der notwendige zeitliche Rahmen bei weitem die Projektmöglichkeiten übersteige (Okali et al. 1994,19). Einigkeit scheint darin zu bestehen, daß partizipative Forschung mit Bauern "... klare Vorteile bei der Entwicklung angepaßter, umweltfreundlicher und nachhaltiger Produktionssysteme..." hat (Okali et al. 1994,6). Diese Einschätzung kontrastiert mit dem soeben behandelten "Nischencharakter" partizipativer Arbeit.

3.4.4 Partnerschaft

Die Unzufriedenheit mit dem begrenzten Ansatz der partizipativen Ansätze führte zu der Erkenntnis, daß die Erweiterung des Einzugsgebietes und die Vergrößerung des Aktionsmaßstabes nur über eine Partnerschaft zwischen den beteiligten regionalen oder nationalen Organisationen zu erreichen sei. Die Partizipation findet nicht nur zwischen Individuen oder kleinen Gruppen in informeller Weise statt, sondern sie erstreckt sich auch auf die Partnerschaft zwischen Organisationen, beispielsweise zwischen Agrarforschungsinstituten und Bauernorganisationen. Sie geht damit über den individuellen, [Seite 104↓]mikrosozialen Bereich hinaus und bezieht Organisationen auf seiten aller Beteiligter ein. Ist die Reichweite der Aktion groß (z.B. ein bestimmter Teil der 40.000 Bauernfamilien der Transamazônica), erhält die Verbreitung der Ergebnisse einen großen Stellenwert. Die Partnerschaft mit den Organisationen der Bauern wird zu einer Vorbedingung, mit deren Hilfe diese Zahl von Bauern erreicht werden kann.

Kasten 12 : Partnerschaft

Partnerschaft wird in dieser Arbeit als eine spezielle Art der Partizipation angesehen, deren Akteure Organisationen sind und deren Wirkungen über die mikrosoziale Ebene hinaus die meso- und makrosoziale Ebene einbeziehen.

Die Partizipation auf meso- und makrosozialer Ebene wird weitgehend über (repräsentative) Mittelspersonen realisiert (vgl. Glasl 1997,62-64). Vertreter von Forschern, Beratern und Bauern treffen aufeinander und repräsentieren informelle Organisationen (Interessengruppen von Bauern), formelle Organisationen (Assoziationen, Gewerkschaften, regionale Organisationen), lokale Regierungs­organe sowie staatliche Institutionen (Agrarforschungs­zentren, Universitäten, Be­ratungs­dienste). Beim Übergang von der Partizipation auf der mikrosozialen Handlungsebene zur Partnerschaft auf meso- oder makrosozialer Ebene können eine Reihe von Einflüssen wirksam werden, die zwischen kleinen Forscher- und Bauerngruppen nicht auftreten.


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Kasten 13 : Die sozialen Handlungsebenen

Mikro-sozial: Zwei oder mehrere Einzelpersonen oder kleine Gruppen. Jeder kennt jeden und die Kontakte sind direkt, beispielsweise eine Interessengruppe von Bauern oder das Direktions­team einer Bank, im zweiten Beispiel solange die Arena im Fall eines Konfliktes nicht ausgeweitet wird.

Meso-sozial: Soziale Gebilde mittlerer Größenordnung wie Schulen, Verwaltungs­behörden, Fabriken, lokale Bauerngewerkschaft, die sich aus mikro-sozialen Einheiten aufbauen. Zwischen diesen Einheiten sind oft keine direkten Beziehungen mehr möglich. Die Kommunikation erfolgt zumeist über Mittelspersonen, die als Exponenten ihrer jeweiligen Einheit auftreten, wie der Gewerkschaftdelegierte einer Lokalität. Zu der Komplexität der Beziehungen in Kleingruppen tritt nun die weniger persönliche Zwischengruppenbeziehung als weitere Komplexitätsebene hinzu. Zu den Interessen der Kleingruppen gesellen sich noch andere der Gruppenvertreter, die sich profilieren und ihre Machtposition ausbauen wollen. Häufig geht es nicht darum, den Exponenten der Gegenpartei zu beeinflussen, sondern der Hintermannschaft77 deutlich zu zeigen, daß sie ihre Interessen kräftig vertreten. Es kann Streit nur zu diesem Zweck provoziert werden.

Makro-sozial: Die Einzelpersonen, die als Vertreter verschiedener Kollektive handeln, sind vielfachen Spannungen ausgesetzt. So kann ein Konflikt in einer Stadtverwaltung sich mit Konflikten aus der Tätigkeit als Stadtrat, als Parteienvertreter auf Landesebene sowie der Tätig­keit in einem landwirtschaftlichen Beratungsdienst vermischen. Ein politischer Funktionär mit mehreren Funktionen muß sich verschiedenen Hintermannschaften gegenüber verant­worten, seine Partei ist mit der Landesorganisation der Partei verflochten. Information und Kommunikation gestalten sich durch öffentliche Meinungsmedien anders (nach Glasl 1997,62-64).

Die Partnerschaft erlaubt eine Verbreitung in größerem Maßstab und erleichtert die Einbringung bäuerlicher Interessen in die öffentliche Politik. Arbeitsergebnisse können aufgrund der Partner­schaft in geplanter und systematischer Art unter eine größere Zielgruppe verbreitet werden und eine größere Zahl von Bauern erreichen. Sie ermöglicht, Themen zu bearbeiten, die die Ebene des landwirtschaftlichen Produktionssystems oder der Lokalität überschreiten, zum Beispiel das Ressourcenmanagement oder die Umsiedlung von Familien, die in Agrarreformprojekten ange­siedelt wurden.

Auf breiterer Ebene organisierte "Klienten" haben auch größere Chancen, das formale Forschungs- und Beratungssystem sowie die Kreditgewährung zu beeinflussen. So kann eine Partnerschaft mit Bauernorganisationen vorteilhaft sein, um die Forschungsprioritäten besser zu bestimmen und über die Technologieverbesserung hinausgehende Ziele zu verwirklichen (Bellon et al. 1985; Merrill-Sands & Collion 1993; beide zitiert nach: Castellanet 1998,46). Andere Autoren sind der Meinung, daß erst die direkte Beeinflussung von Planungskomitees und den Institutionen in ihrer Gesamtheit zu merklichen Veränderungen in der Politik von Forschung und Beratung führen (Okali et al. 1994,84-86). Merrill-Sands & Kaimowitz (1990; zitiert nach: Okali et al. 1994,84) stellen sieben Bedingungen für eine effektive Partnerschaft mit Klienten auf, unter anderem: Möglichkeiten der Interaktion schaffen, Übereinstimmung über die Aufgaben suchen, gegen­seitigen Respekt pflegen, gemeinschaftliche Ziele, das Verständnis der gegenseitigen Ab­hängig­keit fördern, sich gegenseitig als Partner und nicht als Konkurrenten wahrnehmen, persön­licher Nutzen soll die Kosten überwiegen.

Zur Frage der Partnerschaft mit Bauerngruppen in Forschungs- und Beratungsaktivitäten betonen Bebbington et al. (1994,699-703; vgl. auch Bebbington 1994), daß die Einbeziehung von Bauernorganisation in diesen Prozeß eine Stärkung ihrer Kapazität in Management, Verwaltung und Mitteleinwerbung erfordert, wobei sie eine gesicherte finanzielle Basis für ausschlaggebend halten. Weitere Aktivitäten zur Stärkung der Zivilgesellschaft, die für diese Organisationen im Vordergrund stehen, sollten jedoch nicht von Forschern übernommen werden, da sie ihre Zeit am effektivsten in der Forschungsarbeit einsetzen könnten. Dies könne zwar zu Problemen im Ver­hältnis zwischen Forschern und Bauern führen, solle aber anderen Organisationen (NROs) überlassen bleiben. Die Bauernorganisationen könnten drei unterschiedliche Rollen übernehmen. Sie könnten den Kontakt zwischen Forschung und Bauern herstellen und über ihr eigenes Netzwerk die Beratungsaktivitäten erleichtern. Sie könnten als Nutzersysteme (vgl. Röling 1988,31, 144-178) tätig sein, die Druck auf die im Landwirtschaftssektor tätigen Organisationen ausüben, damit sie sich am Bedarf der Bauern orientieren. Und schließlich könnten sie eine aktive Rolle bei Schaffung und Verbreitung von Technologien übernehmen, wie farmer-to-farmer extension, Saatgut- und Betriebsmittelverteilung und Austausch über einfache (lumpy) Technologien. In Taiwan beispielsweise wird Beratung von Bauernorganisationen durchgeführt, die auf den verschiedenen Ebenen (provincial, county, township level) organisiert sind und 90% der Bauern zu ihren Mitgliedern zählen, die auch weitgehend für die Finanzierung aufkommen (Nagel 1997,18). Unter den Problemen einer solchen Strategie sehen Bebbington et al. (1994,703) die Gefahr, daß die Bauernorganisationen bestimmte Gruppen der ländlichen Bevölkerung ausschließen könnten. Sie seien keine Garantie für die demokratische Entwicklung auf dem Lande.


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In den letzten Jahren hat sich der Begriff der Partnerschaft zu einem wichtigen Pfeiler der Entwicklungsrhetorik entwickelt, in der von der "Konstruktion partnerschaftlicher Beziehungen" und von "Partnern" in den Entwicklungsprojekten gesprochen wird (Viegas 2002,99). Auch in der traditionellen Forschung und Beratung wird der Begriff der Partnerschaft inzwischen häufig benutzt. Dabei handelt es sich jedoch eher um ein loses Netz von Kontakten zwischen unterschiedlichen Akteuren im ländlichen Raum, darunter auch die "eigentlichen" Klienten, die Bauern. Die EMBRAPA (1998,19) unterscheidet grundsätzlich zwischen Klienten und Partnern. Klienten sind Individuen, Gruppen oder Institutionen, die im Hinblick auf den Erfolg ihrer Aktivitäten von den Leistungen der EMBRAPA und ihrer Partner abhängen, während Partner alle Individuen oder Institutionen sind, die zeitweise oder dauerhaft ein Kooperationsverhältnis mit der EMBRAPA eingehen und dabei Risiken, Kosten und Nutzen mit ihr teilen. Die Weltbank sieht die Partnerschaft als Schlüsselbegriff "... in der Beziehung zwischen Beratung, Betriebsmittellieferanten, Kreditanstalten und Entscheidungsträgern", wobei aber kein Unterschied zum Begriff der Partizipation gemacht wird (Hayward 1990; zitiert nach: Bauer 1996,58). Es ist daher eine Anstrengung nötig, um dem Begriff der Partnerschaft eine klare Kontur zu geben und zu verhindern, daß der unklare Begriff der Partizipation durch den noch unverbindlicheren Begriff Partnerschaft ersetzt wird.

3.5 Perspektiven der Partizipation

3.5.1 Verwirklichung der Partizipation in den Ansätzen

Die Forderung nach Partizipation ist nicht neu, weder in der Entwicklungspolitik, noch im Bereich der landwirtschaftlichen Beratung der letzten Jahrzehnte. Seit der Gründung der ersten Beratungsdienste existierte die Idee, die Probleme der ländlichen Bevölkerung an die Forschung rückzumelden. Diese mußten also in irgendeiner Form über ihren Bedarf informieren, um wiederum die Forschung zu beeinflussen. Viele der hier vorgestellten Ansätze ziehen die Partizipation der Bauern in ihre Überlegung mit ein. Biggs (1989; zitiert nach: Okali et al. 1994,22) berichtet sogar, daß bereits die Kolonialforscher die Mitarbeit der Bauern schätzten, wobei es in diesem Fall wohl mehr darum ging, das landwirtschaftliche Wissen der Kolonialbehörden zu mehren.

Einer stärkeren Beteiligung der bäuerlichen Familien an den Entscheidungen über die Orientierung von Forschung und Beratung stand jedoch, beispielsweise in Brasilien, die paternalistische Einstellung der Behörden gegenüber: während der Phase des klassischen Modells das Bedürfnis, die Bauern über die Agrarkredite zu kontrollieren, und in der Phase des innovativen Diffusionsmodells die Idee, die Bauern zu erziehen, ihre "rückständigen" Methoden und Lebensweise aufzugeben. Kommunitäre Alternativen waren ein anderes Schlüsselelement der Phase des innovativen Diffusionsmodells. Den Zielen, zur Entwicklung von Individuen und Führungspersönlichkeiten bei­zutragen, oder dem Volk zu helfen, sich selbst zu helfen, stand die überredende Kommunikations­arbeit des Beraters zur Verhaltensänderung des Bauern im Wege. Ländliche Familien und Führungs­persönlichkeiten waren zwar aufgerufen, sowohl bei der Planung und Durchführung der Beratungs­programme der ACAR mitzuwirken. Sie sollten Probleme aufzeigen und Prioritäten festlegen, woraufhin der Dienst dann die Projekte festlegte. Die Mission war jedoch klar: den Fortschritt zu den ländlichen Familien zu bringen und den Widerstand dagegen zu brechen.


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Der Technologietransfer-Ansatz brach mit manchen dieser Widersprüche, indem er die integrierte Arbeit einstellte und auf Produktionssteigerung sowie produktorientiertes Vorgehen setzte. Forschung und Beratung wurden als getrennte Aktivitäten angesehen. Die sozialen und ökonomischen Veränderungen der ländlichen Gesellschaft wurden durch technische Neuerungen angestrebt. Das T&V System beispielsweise sah keine explizite Partizipation vor, initiierte aber Forschungs- und Beratungskomitees, die bereits Versuche zusammen mit den Bauern durchführten. Die Arbeit sollte über 'Kontaktbauern' verwirklicht werden, etwa 10% der Zielgruppe, die als Beispiel und Animatoren für die übrigen Mitglieder der Zielgruppe dienten. Unterschiede zum späteren farmer extensionist in PTD erscheinen angesichts vieler gemeinsamer Problempunkte relativ gering.

In der landwirtschaftlichen Beratung hatte die Partizipation immer einen sehr ambivalenten Stellenwert, der auf die Natur der Beratung zurückzuführen ist, gleichzeitig ein Instrument geplanter Intervention und auf die freiwillige Mitarbeit des Bauern angewiesen zu sein. Die Beratungsdienste waren nicht frei von hoheitlichen Aufgaben und paternalistischen Einstellungen ihrer Mitarbeiter zu den Bauern. Erst klientenzentrierte Dienste konnten dieses prinzipielle Hemmnis überwinden. Der von ihnen angewandte Problemlösungsansatz ging nicht mehr von vorformulierten Zielen aus, sondern betonte die Notwendigkeit einer gemeinsamen, offenen Bedarfsdefinition zwischen Bauer und Berater.

Wichtige neue Elemente wurden mit der Idee des Landwirtschaftlichen Wissenssystems eingeführt: die Service-Funktion der Dienste, der Austausch zwischen allen Beteiligten und die Überlappung der Verantwortung über die direkten Aufgaben eines jeden Teilsystems hinaus. Lange Zeit vermißte man organisatorische Strukturen auf seiten der Bauern, was zu dem Vorschlag führte, daß der Beratungsdienst beziehungsweise NROs die Vertretung der Bauern wahrnehmen sollten, zumindest bis zur Entstehung repräsentativer Strukturen. Die Beratung sollte dazu beitragen, die Kapazität der Bauern, ihre Interessen einzubringen, zu verbessern (Nagel 1979,148; Merrill-Sands & Collion 1992; zitiert nach: Okali 1994,86). Im Prinzip geht das Konzept des Landwirtschaftlichen Wissenssystems bereits von der Partnerschaft im Sinne dieser Arbeit aus.

Die homogene Sicht von der ländlichen Gesellschaft, die unwesentlich durch die Unterteilung in kleine, mittlere und große Betriebe durchbrochen wurde, ließ die Akteure im Dunklen. Wie konnten sie teilnehmen, wenn sie nicht gesehen wurden und ihre Interessen nicht bekannt waren? Dies änderte sich erst mit dem Ansatz der Entwicklungsorientierten Forschung, die von Beginn an den Bauern einbezog. Bereits die ersten Modelle betonten die Notwendigkeit, die Arbeit auf die Zielgruppe auszurichten und die Entscheidungslogik der Bauern zu verstehen.

Die Entwicklungsorientierte Forschung wurde bald als partizipativ hingestellt, da sie die Analyse der landwirtschaftlichen Betriebssysteme in Zusammenarbeit mit den Bauern als einen wesentlichen Schritt vorsah. Aber der Forscher blieb der prinzipelle Akteur. Auf der Ebene der internationalen Agrarforschungsinstitute führten diese Bemühungen zu "... mehr klientenorientierten (client-led) Forschern, aber nicht zu mehr klientenorientierten Forschungsinstitutionen" (Merrill-Sands 1992; zitiert nach: Okali et al. 1994,31). Dies führte wiederum zur Kritik, daß die Charakterisierung des Ansatzes als partizipative Methode vor allem die Sichtweise oder Aktion der Forscher legitimieren sollte (Chambers 1992; zitiert nach: Okali et al. 1994,30). Von manchen Autoren mit weitergehenden Partizipationsvorstellungen wurde die Entwicklungsorientierte Forschung daher als grundsätzlich verschieden von den partizipativen Ansätzen angesehen, obwohl sie sich in vielen Fällen bereits weiterentwickelt hatte und beide Ansätze eine gemeinsame Basis hatten (Albaladejo & Casabianca 1997b,141-142; Okali et al. 1994,22, 32-33). In mancher [Seite 108↓]Hinsicht scheinen die Arbeiten mit partizipativen Methoden daher häufig hinter den Stand der Entwicklungsorientierten Forschung zurückzufallen, deren wesentliche Erkenntnis die soziale Differenzierung im ländlichen Raum war und die Entwicklung von Methoden zur besseren Charakterisierung der Zielgruppen.

Partizipative Forschung und Technologieentwicklung ist nicht nur für marginale agrarökologische Regionen geeignet, sondern wird auch in begünstigten Gebieten und zur Entwicklung einer ökologisch orientierten Landwirtschaft eingesetzt. Es besteht sicher Spielraum für Verbesserungen, da die partizipative Forschung nur zu einem geringen Anteil in Projekten mit Forschungscharakter stattfindet, sondern mehr ein Element in umfassenderen Entwicklungsprojekten darstellt, deren Mitarbeiter im allgemeinen weder über Forschungserfahrung verfügen, noch dafür trainiert wurden (Okali et al. 1994,7).

Folgt man der Definition der Weltbank, so bleibt die Partizipation der Bauern in vielen Etappen der vorgestellten Ansätze auf einem "teil-partizipativen" Niveau. Dies gilt sowohl für Beratungsansätze (vor allem die Methoden der Beeinflussung durch lineare Kommunikation), genauso wie für viele Projekte Entwicklungsorientierter Forschung, besonders in ihrer "absteigenden" Form (Merrill-Sands & Kaimovitz 1989; zitiert nach: Ribeiro et al. 1997a,8; Albaladejo & Casabianca 1997b,142). Dagegen steht die Partizipation bei den Methoden der Beeinflussung durch nicht-lineare Kommunikation (Problemlösungsansätze; klientenorientierte Ansätze) und der Aktionsforschung (mit dem Ziel, gleichzeitig Probleme zu lösen und Wissen zu erzeugen) im Vordergrund. Deutliche Unterschiede der Partizipation lassen sich in der Anwendung durch verschiedene Organisationen und zu unterschiedlichen Momenten der Methodenentwicklung feststellen (Pillot 1987, 1992). Dies macht die Analyse jedes einzelnen Falles erforderlich. Demgegenüber erscheint der Versuch von Albaladejo & Casabianca (1997b,142), die Tendenz der verschiedenen Ansätze bezüglich der Partizipation in einer Matrix anzuordnen, simplifizierend. Man vermißt beispielsweise eine Erläuterung für das Ergebnis, daß Farming Systems Research partizipativer als Recherche-Développement sei.

Mit der Einführung der Partizipation sollten sowohl Forschung, Beratung als auch die Situation der Bauern verbessert werden. In Bezug auf die ländliche Bevölkerung versprach man sich "Fortschritte" hinsichtlich Organisation, Bewußtsein, Fähigkeiten und Kapazität, ihre Angelegen­heiten in die eigene Hand zu nehmen. Inzwischen äußern sich selbst Verfechter des Partizipations­gedankens kritisch. "'Partizipation der Bauern' ist eines der am häufigsten benutzten und mißbrauchten Konzepte der Entwicklungsrhetorik der vergangenen Dekade" (Veldhuizen et al. 1997b,41). Biggs (1995,11) kritisiert die Tatsache, daß die neuen partizipativen Ansätze sich rasch als generelle Lösung für die Entwicklungsprobleme anpreisen als "neue partizipative Orthodoxie". Während sie viel Wert auf Managementmethoden und -techniken legt, fehlt dieser neuen Orthodoxie eine kritische und reflexive Sichtweise, was wie schon bei anderen, früher vorherrschenden Konzepten dazu führen kann, eine Serie von "Notausgängen" zu entwickeln, um zu erklären, warum die versprochenen Resultate nicht eingetroffen sind. Es ist ein besseres Verständnis der Einflußfaktoren des technischen und sozialen Wandels, der Machtstrukturen und der Kontrolle von Ressourcen wie der Information notwendig. Chambers (1998,xii) bestätigt: "Und wie gewöhnlich im Fall von Konzepten, die sich verbreiten, ging die Rhetorik sehr weit, weit dem Verständnis voraus und ließ die Praxis allein." Die partizipativen Methoden werden teils rezeptartig auf die Benutzung der "PRA-Toolbox" reduziert, wobei es stärker um die Visualisierung im Kontakt mit "der Bevölkerung" geht, als um den Aufbau einer Beziehung zwischen den Beteiligten. Netzwerk (1998,33) stellt fest: "... nach ca. zwei Jahrzehnten Partizipationsdebatte werden die Schwierigkeiten der Umsetzung offensichtlicher, der Begriff 'Partizipation' durch inflationären Gebrauch so verwässert, daß man zögert, ihn überhaupt [Seite 109↓]noch zu verwenden." Und Blackburn & Holland (1998,2) drücken die Besorgnis aus, daß die Partizipation zu einer Technik reduziert wird, die von ihrem politischen Kontext getrennt werden kann.

3.5.2 Die Stärkung der Bauern (empowerment)

In der Diskussion über Partizipation wird der Stärkung der Zielgruppe78 (empowerment) eine besondere Bedeutung eingeräumt. Dies bedeutet, daß eine Reihe sozialer und politischer Zielsetzungen mit dem Partizipationsgedanken verbunden werden. Von vielen wird "Stärkung der Bauern als das wichtigste Ergebnis von partizipativer Forschung mit Bauern" (Okali et al. 1994,45) angesehen. Diesem Anliegen liegen unterschiedliche Ideen zugrunde. Zur besseren Unterscheidung teile ich sie in drei Gruppen ein, die sich durchaus überschneiden können (vgl. Sagar & Farrington 1988,38-39; Okali et al. 1994,102; Veldhuizen et al. 1997b,41, 52, 208):

Dies wirft eine Reihe von Fragen auf, an erster Stelle in welcher Hinsicht eine Stärkung der ländlichen Bevölkerung notwendig ist und was genau ihre Schwachpunkte sind. Dazu müßte eine Analyse der jeweiligen bäuerlichen Gesellschaft durchgeführt werden, wie dies im landwirtschaftlichen Bereich allgemein anerkannt ist und wie es Freire (1993,103-120) ausführlich für den Fall der Bewußtwerdungsprozesse beschreibt. Dies führt zu der Frage, welche Fachkräfte dazu notwendig sind und wieviel Zeit sie dafür mitbringen. Im Zusammenhang mit partizipativer Forschung und Beratung sind vor allem technisch orientierte Fachkräfte tätig, die nicht auf diese Art der Intervention vorbereitet sind. Angesichts der Problematik von Bewußtwerdungsprozessen oder Veränderung der Machtstrukturen entsteht jedoch bei der Literaturanalyse und bei der Darstellung durch die Veränderungsagenten häufig der Eindruck, daß den Verantwortlichen die Durch­führung dieser Veränderungsprozesse relativ einfach zu sein scheint, und sie sich fast "automatisch" aus ihrer Arbeit ergeben.

Die dritte und entscheidende Frage ist, inwieweit diese Ziele wirklich klar sind. Auf seiten der Initiatoren müßten sie als Bestandteil des Projektes formuliert sein. Auf seiten der Partner müßte die Zustimmung und die Unterstützung dafür vorhanden sein. Die zweite Forderung ist problematisch, da es sich bei der Zielgruppe selten um eine homogene Gruppe ohne hierarchische oder generelle soziale Differenzierung handelt. Es wird daher nicht leicht sein, Ziele offen zu formulieren, die die Veränderung vorhandener Machtstrukturen anstreben. Nur wenn jedoch die Projektziele diesen Aspekt vorsehen und beschreiben, was erreicht werden soll, kann später eine Evaluierung erfolgen. Dazu muß man sich auch damit auseinandersetzen, ob und wie man die Wirkung sozialer Veränderungsprozesse feststellen will oder ob man sich mit Prozeßindikatoren begnügt. Häufig wird festgestellt, daß es schwer sei, die Wirkungen dieses Aspektes der partizipativen Arbeit zu erfassen. Trotz der hohen [Seite 110↓]Bedeutung, die vor allem den sozialen Veränderungen des Partizipations­prozesses von vielen Autoren zugesprochen wird, bleibt deren Evaluierung unbefriedigend (vgl. Netzwerk 12, 21,32; Okali et al. 1994,123-125; Veldhuizen et al. 1997b,210-212).

Um festzustellen, in welcher Hinsicht eine Stärkung der Bauern oder der ländlichen Bevölkerung erforderlich ist, wäre es notwendig, eine Innenperspektive auf das Feld, beispielsweise durch teilnehmende Beobachtung, zu gewinnen. Es bedarf einer geraumen Zeit, bis man die Struktur einer Gesellschaft mit ihren jeweiligen Abhängigkeiten, Netzwerken und Führungspersönlichkeiten kennengelernt hat. Eine andere Möglichkeit, Veränderungsprozesse zu bewirken und gleichzeitig zu erforschen, wäre die Wahl der Aktionsforschung als Methode. In beiden Fällen müßte der Forscher seine eigene Rolle problematisieren, um die Ausgewogenheit von Engagiertsein und Distanz zu wahren. Auf diese Fragen trifft man jedoch kaum bei der Behandlung von empowerment. Villareal (1992,265) spricht in diesem Zusammenhang das Problem an, daß sich die mit Interventionen befaßten Externen ein sehr spezifisches Bild der Situation in ihrem Projektumfeld machen, die von den angetroffenen Problemen beherrscht wird. Dabei übernehmen sie sogar gelegentlich die Verteidigung oder Repräsentation der Zielgruppe, um das Beste für sie durchzusetzen. Faugère (2000) geht in ihrer Analyse neuerer englischer Publikationen noch weiter und spricht von der Schaffung der Probleme durch die Entwicklungsagenten und ihre Organisationen, wobei sie verschiedene Beispiele erfundener Wirklichkeiten beschreibt.79 Im Zusammenhang mit empowerment stellt sie kritisch fest, daß die Entwicklungsagenten unterstellen, daß die Zielgruppe (développés) keinen oder wenig Spielraum und Macht über ihr eigenes Leben haben (Faugère 2000,16, 20). Die wirtschaftlichen Interessen der Experten schaffen sich so ihre eigene Nachfrage. Olivier de Sardan (1995,66) behandelt ebenfalls das Klischee der Entwicklungsagenten von der unterwürfigen, passiven Bauernschaft. Liest man Veldhuizen et al. (1997b) unter diesem Blickwinkel, so fällt der exzessive Verweis auf fehlende Fähigkeit und geringes Selbstbewußtsein auf.80

Eine andere Frage ergibt sich aus der Feststellung von Paulo Freire (1993,52): "Dementsprechend kann sich zwar keiner durch seine eigene Anstrengungen allein befreien, aber er wird auch nicht von anderen befreit." Diese Dialektik spricht auch Villareal (1992,263-266) an, wenn sie die Komplexität von Intervention mit dem Ziel, in Machtprozesse einzugreifen, anspricht. Sie grenzt sich gegen empowerment ab, bei dem ein "mächtiger" Außenstehender (outsider) kommt und den Einheimischen (insiders) die Macht "überbringen" will, wobei die Bevölkerung als völlig machtlos angesehen wird und unterstellt wird, daß sie ausgebildet (trained) werden muß, um mächtig zu werden. Long (1992b,275) spricht in diesem Zusammenhang vom Paradox des empowerment, dem die Protagonisten des Ansatzes auch bei bestem Willen nicht entkommen.

Eine Evaluierung des Lumiar-Projektes stellte zu dieser Thematik fest: "Die naive Interpretation partizipativer Strategien im Entwicklungsprozeß führt zum 'partizipativen Populismus', der eine analytische Simplifizierung der komplexen Prozesse ist, die die Machtbeziehungen zwischen den Ansiedlern selbst, den Beratern (den Besitzern des technischen Wissens) und der Staatsmacht, in diesem Fall von INCRA repräsentiert, [Seite 111↓]durchzieht. Die Frage ist, wie man sozialen Akteuren, die auf dem letzten Platz in den ländlichen Entwicklungsprozessen verblieben sind, Macht geben kann. Die Macht besitzt eine vielfältige Natur, ein den Beziehungen zwischen Entwicklungsagenten (die die institutionalisierte Macht repräsentieren) und ihren lokalen Klienten inhärentes Phänomen in partizipativen Projekten, die wie alle sozialen Prozesse höchst komplex sind. Die Macht­beziehungen können nicht in dichotomischer Weise erklärt werden, bei der die sie einen besitzen und gewähren, während die anderen sie nicht besitzen. Die Macht ist nicht einfach eine Ware, die man besitzen, akkumulieren und in unproblematischer Weise den anderen aufzwingen kann, oder die einfach durch einen Akt des guten Willen der an der Anwendung partizipativer Strategien beteiligten Akteure überwunden werden kann" (MEPF/INCRA 1999,36).

Die Stärkung des Partners (empowerment) im Sinne der Einleitung von Bewußtwerdungsprozessen ist ein häufig normativ eingebrachter Aspekt der Partizipationsdebatte. Aufgrund der Anforderungen, unter anderem hinsichtlich des Zeithorizontes und der notwendigen Intensität der Interaktion, sehe ich es nicht als Aufgabe der Forscher und Berater an, meist technisch ausgebildet und häufig ohne genügend Zeit, eine über ihre fachliche Arbeit hinausgehende Bewusst­werdungs­arbeit zu betreiben (vgl. Okali et al. 1994,34; Bebbington et al. 1994,700).

3.5.3 Eignung der Ansätze für ein klientenorientiertes Forschungs- und Beratungssystem

Welche Ansätze haben nun für das Ziel der Arbeit eine Bedeutung. Für die Beratung wird wie bereits begründet (Kap. 3.2.6) ein klientenorientierter Ansatz vorgeschlagen. Damit scheiden einige Ansätze aus, so das Diffusionsmodell in seinen verschiedenen Varianten. Das bedeutet aber keineswegs, daß Technologietransfer keine Rolle spielt.


[Seite 112↓]

Kasten 14 : Forschungstypen

Man kann zwischen folgenden Arten von Forschung unterscheiden (Rogers 1995,134; Ribeiro 1997b,83-84; Queda 1987,171-173; Sousa 1993,105-106; Okali et al. 1994,96-98):

Die Grundlagenforschung (basic research) dient dem wissenschaftlichen Fortschritt, ohne die Anwendung auf ein praktisches Problem zu beabsichtigen.

Die Strategische Forschung (strategic research) ist zielgerichtet, aber noch weit von der Lösung praktischer Probleme entfernt.

Die Angewandte Forschung (applied research) beabsichtigt, praktische Probleme zu lösen, und kann der Ausgangspunkt für vermarktbare Produkte sein.

Die Anpassungsforschung (adaptive research) hat die Anpassung bereits entwickelter Technologien zum Ziel. Sie kann Forschung in Betrieben (on-farm research) und in ihrer letzten Phase Validierung von Technologie bedeuten.

Einige Arten der Forschung lassen sich nicht einfach in dieses Schema einfügen, beispielsweise neue Beobachtungen, vielleicht zunächst ohne Absicht, oder das Experimentieren mit der Bauern, wobei neue Ideen auftauchen können. Auch Okali et al. (1994,31-32) halten diese weitverbreitete Einteilung der Forschung in vier Typen für eine simplifizierende und sehr kompartimentalisierte Sicht der Forschungskomponenten des landwirtschaftlichen Technologie-Systems, die die institutionelle Forschung begünstigt und legitimiert. Sousa (1993,106) hält die Unterscheidung in der Praxis der Agrarforschung für zunehmend komplizierter und schwieriger.

In der Forschung kann als bewährte Methode die Entwicklungsorientierte Forschung, speziell in der von Castellanet (1997,15) vorgestellten Form, angewandt werden. Für bestimmte Zwecke, besonders in der angewandten Forschung, bei denen kein gemeinsames Experimentieren mit den Bauern vorgesehen ist, sondern die Anpassung einer bereits von der Forschung entwickelten Technologie (Validierung) oder die Einführung einer bereits bekannten Technologie in eine neue Region beabsichtigt ist, kann auch die "absteigende" Entwicklungsorientierte Forschung ein geeignetes Instrument sein. Die Aktionsforschung ist dagegen ein komplexes Instrument, bei der der Forscher seine eigene Rolle reflektieren und die Veränderungen der Teilnehmer im Laufe der Zeit beobachten und festhalten muß. Sie erfordert auch gute Fähigkeiten der Moderation, die über die in den anderen Ansätzen hinausgeht, da im Grunde genommen, wie Avenier feststellte, zwei Projekte verwirklicht werden. In dieser Hinsicht stellt PTD, wenn es sich zu einem kompletten Ansatz für die gesamte Projektphase entwickeln will, nur ein beschränktes Repertoire zur Verfügung. Der Ansatz ist dagegen wertvoll, wenn es um das Experimentieren mit Bauern geht. Er stellt allerdings Anforderungen an die Kontinuität bei der Begleitung der Bauern bis zum Vorliegen der Resultate und während ihrer Verbreitung, an Kenntnisse über Versuchswesen, besonders für bäuerliche Experimente, benötigt einen kleinen Fond für Besuche der Bauern untereinander sowie Versuchsmaterial und ist in der Phase der Systematisierung eventuell auf Kompetenz von außen angewiesen. Die Vorgehensweise darf keineswegs mit dem täglichen Experimentieren der Bauern verwechselt werden, das auch ohne Begleitung durch die Forscher realisiert wird. Dabei kann nicht davon ausgegangen werden, daß andere Organisationen, beispielsweise in der Region tätige landwirtschaftliche Beratungsdienste, diese Aufgaben übernehmen.

Die Methoden zur Diagnose sind zahlreich. Neben dem PRA sei hier auf den Ansatz "Analyse und Diagnose von Agrarsystemen" (Garcia Filho 1999; Dufumier 1996) hingewiesen, der im wesentlichen der ersten Phase der "aufsteigenden" Entwicklungsorientierten Forschung entspricht, und der die Analyse der Landschaft als ersten Schritt kennt, ein Verfahren, das erlaubt, auch in größeren Gebieten tätig zu werden, ohne bereits konkrete Vorkenntnisse zu haben und zu wissen, mit welcher Gruppe von Bauern oder in welchen Lokalitäten gearbeitet werden soll. In den großen Ansiedlungsgebieten Amazoniens ist dies ein entscheidender Schritt, um sich nicht in der "unbekannten" Weite zu verlieren.81 DRP ist sicher ein wichtiges Instrument, insbesondere da es um andere Schritte ergänzt werden kann82. Bei allen diesen Methoden, ebenso wie bei den später vorgestellten Verhandlungsansätzen, ist es wichtig, zunächst eine gute Basis in einer der Methoden zu erlernen, um danach andere Ansätze kennenzulernen und die Fähigkeit zu erhalten, auswählen zu können, welche Methoden oder Methodenkombinationen am besten für den konkreten Zweck geeignet sind.


Fußnoten und Endnoten

1 1914 institutionalisierten die USA die landwirtschaftliche Beratung mit dem Ziel, der ländlichen Bevölkerung nützliche und praktische Kenntnisse für die Landwirtschaft, die Viehhaltung und die Hauswirtschaft zu verbreiten, damit sie die effizientesten Methoden in der Führung von Betrieb und Haushalt übernehmen könne (Fonseca 1985,39).

2 Mit Ausnahme des Bundesstaates São Paulo, der eigene Institutionen (das System CATI - Coordenadoria de Assistência Técnica Integral) auf der Basis von Erfahrungen implementierte, die bis auf das Jahr 1891 zurückzuführen sind (Bergamasco 1993,358-361).

3 Zu den wirtschaftlichen Interessen Rockefellers siehe Colby & Dennet (1998,251-252).

4 Im Original Projekte und Berater mit Großbuchstaben hervorgerufen: PROJETOS; EXTENSIONISTAS.

5 Damit ist ein Konzentrationsprozeß gemeint, der gegen Ende dieser Phase zur Verringerung der Bäuerlichen Betriebe führte (bei den Betrieben bis 10 ha um 4,5% pro Jahr). In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts verschärfte sich dieser Prozeß, vor allem in den "entwickelten" Bundesstaaten. Er wurde durch die Ausdehnung der "Agrarfront", also durch Migration, "gemildert (Silva 1982,127, 164-165).

6  Intermediate Technology Development Group (ITDG), von E.F. Schumacher 1965 in London gegründet; Interdisziplinäre Projektgruppe für Angepaßte Technologie (IPAT), 1975 an der Technischen Universität Berlin eingerichtet und während 8 Jahren Arbeitsplatz des Autors.

7 Speziell für die Finanzierung bestimmter festgelegter Produkte geschaffen.

8 Mittelwesten: Großraum im Landesinnern Brasiliens mit den Bundesstaaten Goias, Mato Grosso und Mato Grosso do Sul, der von der Umwandlung der Savannenlandschaft (Cerrado) in großflächige Landwirtschaft gekennzeichnet ist. Norden ist vor allem das Amazonasgebiet, zu dem auch Pará gehört.

9  Secretário de Estado de Agricultura e Abastecimento, Claus Germer.

10 Nicht direkten Weisungen der Politik unterworfen, z.B. zur Verbreitung von Regierungsprogrammen oder sogar parteipolitisch ausgerichtet.

11 Tschajanow, A. 1924: Die Sozialagronomie, ihre Grundgedanken und Arbeitsmethoden. Berlin.

12 U.J. Nagel (2001): Persönliche Mitteilung. Bauer (1996,20) verbindet mit diesem Begriff die Inhalte einrahmen, eingliedern, einweisen, einreihen. Er kann auch mit "leitende Angestellte" übersetzt werden.

13 Beispielsweise Propaganda, Unterrichtung, Öffentlichkeitsarbeit (public relations), allgemeine Information, Therapie oder politischer und administrativer Zwang (Röling 1994c,31; Bauer 1996,18-19).

14 Lionberger, H. 1960: Adoption of New Ideas and Practices. Iowa State University Press, Ames.

15 Zum Begriff der Lokalität siehe Kap. 1.5.4.

16 Dabei kann es sich auch um eine Bauerngruppe handeln, in der die Individuen gleiche Interessen verfolgen.

17 Weber, M. 1972: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie. J.C.B.Mohr, Tübingen.

18 Diese Art der Veränderung wird zum Beispiel im Lumiar-Projekt gefordert (INCRA 1997,4). Die Agrarreformgebiete sollen unter anderem konkurrenzfähig und marktorientiert in den Produktionsprozeß ein­ge­bunden werden. Roy (2002) beschreibt beispielsweise zwei Bauern (der Kategorie agricultura familiar) im Raum Marabá (Süden des Bundesstaates Pará), die sich in dieser Hinsicht in Einstellung und Strategie unter­scheiden: einen charakterisiert er als "Unternehmer" und den anderen als "Bauer mit Selbst­reproduktion". Die Größenordnung der in diesem Zusammenhang zu beobachtenden Veränderungen recht­fertigt den Begriff Verhaltensänderung.

19 Carl Rogers spricht von Veränderung von Verhaltensweisen und Einstellungen fehlangepaßter Personen in der Psychotherapie. Seine Erkenntnisse wurden jedoch auch in die Beratungspraxis in anderen Zu­sammen­hängen übertragen.

20 Vgl. Starkey (1990) über 30 Jahre Ablehnung der Polykultoren (Geräteträger) für Zugtieranspannung durch die Bauern oder Pimentel et al. (1992) über das Scheitern der Einführung der Zugtieranspannung mit Büffeln im Nordosten von Pará.

21 Havelock, R.G. 1969: Planning for Innovation through Dissemination and Utilisation of Knowledge. University of Michigan, Ann Arbor.

22 Der Ausdruck war bereits vorher von Coombs und Ahmed benutzt worden. Nagel wählte ihn wegen seiner deutlichen Verküpfung von Wissen und landwirtschaftlicher Produktion (Nagel 1979,148).

23 Die Unterscheidung zwischen Wissen und Information (Röling 1988,33) führte später zu dem Begriff des Landwirtschaftlichen Wissens- und Informationssystems ("Agricultural Knowledge and Information-System" - AKIS), der jedoch meines Erachtens keine so wesentliche Verbesserung bringt, daß der unhandliche Begriff übernommen werden müßte. Da es jedoch nicht nur um Information und Wissen, sondern auch um soziale Interaktion geht, und der Bauer heute ebenfalls als Quelle des Wissens angesehen wird, wäre eine Überarbeitung des Konzeptes nötig, was nicht Thema dieser Arbeit ist. Daher wird der Begriff Landwirtschaftliches Wissenssystem hier weiter im Sinne der ursprünglichen Definition benutzt (vgl. Lühe 1996,12; Knierim 2000,13; Röling 1994b,288; Röling & Wagemaker 1998,16-17).

24 Im Rahmen dieser Arbeit wird der Begriff Partnerschaft nicht im Sinne dieser Methode, also auch für das Individuum, benutzt.

25 Die Übersetzung in die deutsche Sprache mit den Begriffen Lehrer-Schüler (statt Lehrender und Lernender) ist nicht glücklich und verändert etwas die Bedeutung des Originals, entspricht aber den deutschen Ausgaben von Paulo Freires Werk, "Pädagogik der Unterdrückten". Dies gilt auch für zahlreiche andere Ausdrücke Freires in diesem Werk, die z.T. einfach eingedeutscht wurde, wie Konszientisation (anstatt [kritische] Be­wußt­werdung). Sicher ist seine Übersetzung nicht einfach. Wo sich jedoch eine bessere Lösung anbot, habe ich die eigene Übersetzung vorgezogen, beispielsweise "unterlegene Eingeborene" (nativos inferiores), statt "fürchterlich Ungewaschene".

26 Teils eigene Übersetzung.

27 Es handelt sich um Grunderfahrungen, von denen her die gesamte Welterfahrung der Lernenden sich organisiert. Sie nennen sich generative Themen, weil sie die Möglichkeit enthalten, in viele weitere Themen entfaltet zu werden, die ihrerseits nach derDurchführung neuer Aufgaben verlangen (Lange 1973,15; Freire 1973,84).

28 Die Kodierungen sind Repräsentationen existenzieller Situationen. Dekodierung besteht in der kritischen Analyse der kodierten Situation (Freire 1973,87).

29 Das Buch "Extensão oder Kommunikation?" wurde zuerst in Chile auf spanisch veröffentlicht (1969).

30 Agraringenieur oder Agrartechniker.

31 Silva (1992,108-109) wendet sich entschieden dagegen, daß die Erziehung nur in dieser Phase eine wichtige Rolle gespielt habe.

32 So basierten alle Arbeitsvorschläge des Seminars "Extensão Rural - Enfoque Participativo", das 1987 die grundlegenden Richtlinien der Organisation für den Zeitraum 1987/1991 festlegte, auf seinem Erziehungs­ansatz.

33 Albrecht, H. Probleme der landwirtschaftlichen Beratung in Entwicklungsländern. In: Offene Welt. Köln und Opladen, H.88, 219-225.

34 Arimond, H. Zeitgemäße Berufsaufklärung. In: Psychologische Beiträge, 9, 181-196.

35 Beispielsweise das Verbot, mehr als 50% bzw. 80% der Betriebsfläche abzuholzen (vgl. Kap. 1.5.3).

36 Marginal: am Rande, auf der Grenze liegend; in den unsicheren Bereich zwischen zwei Entscheidungsmöglichkeiten fallend (Drosdowski 1990,481). Vgl. Rogers (1995,369). Personen lösen das Problem der "Marginalität" auf verschiedene Weisen: indem sie auf die eine oder andere Seite wechseln, eine Seite leugnen, zwischen den verschiedenen Welten "oszillieren" oder indem sie eine neue Welt bilden, die aus Menschen wie sie selbst bestehen (Star & Griesemer 1989,412.

37 Zu Dyade und Triade siehe die Diskussion des Beitrags von Simmel in Kap.5.6.

38 Individuell bedeutet in diesem Fall auch eine Gruppe von Bauern, eine Assoziation oder Kooperative.

39 Salas (1992,245) bezeichnet diese Tendenz der Aktionsforschung als "Partizipative Aktionsforschung" und sieht in ihr einen selbständigen Ansatz im Vergleich zu anderen sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Um nicht in eine Debatte einzutreten, welche der Tendenzen "partizipativer" als die andere ist, behalte ich den in Brasilien vorherrschenden Begriff pesquisa participante bei.

40 Zu dem Begriff Camponês und dem Unterschied, z.B. zu "Bauer" (Agricultor), siehe Wanderley (1997). In der vorliegenden Arbeit wird diese Unterscheidung nicht vorgenommen, sondern nur der Begriff Bauer benutzt.

41 Es soll hier nicht die Mühe unternommen werden, alle Ausdrücke zu übersetzen. Einige Begriffe sind in diesem Zusammenhang fast gleichbedeutend wie pesquisa und investigação für Forschung.

42 Französisch: Recherche-Développement; englisch: Farming Systems Research; portugiesisch: Pesquisa-Desenvolvimento. Diese Ansätze sollen im weiteren gleichgesetzt werden, obwohl es Differenzierungengen wie beispielsweise Farming Systems Research/Extension (FSR/E) gibt. Ich folge hier der Analyse von Pillot (1987; 1992) und Jouve (1995), die keine prinzipiellen Unterschiede zwischen den Ansätzen im englischen und im französischen Sprachraum feststellen konnten. Die brasilianischen Institutionen folgen im wesent­lichen der französischen "Nomenklatur". Die deutschen Institutionen scheinen wenig in diese Frage ein­gestiegen zu sein und haben sich dem englischen Sprachgebrauch angeschlossen.

43 Über die wesentlichen Elemente der Betriebssystemforschung siehe: Jouve (1995,11-13), Pillot (1987,13; 1992,4); Mettrick (1993,63-71).

44  Recherche-Développement "Descendante" (Top-Down) und Recherche-Développement "Ascendante" (Bottom-Up).

45 Die Internationalen Agrarforschungszentren spielten eine wesentliche Rolle in dieser Phase.

46 Der Begriff Itinéraire (portugiesisch: Itinerário) soll hier mangels eines besseren Ausdrucks mit Praktiken übersetzt werden, und meint damit die notwendigen Schritte (bäuerliche Praktiken) zur Verwirklichung eines Produktionsprozesses, z.B. Anbau von Mais.

47 Castellanet (1997,19) meint offensichtlich die Aufsteigende Entwicklungsorientierte Forschung bei seiner Feststellung, daß alle Entwicklungsorientierte Forschung sich von den von ihm genannten Basisprinzipien leiten läßt.

48 Zum Begriff der Lokalität siehe Kap. 1.5.4.

49 Als Pesquisa-Formação-Desenvolvimento (PFD) in Brasilien übernommen, bezeichnet dieser Begriff unter anderem das Programm, in dem NEAF, LAET und LASAT gemeinsam für die Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft arbeiten (vgl. Kap. 1.5.4).

50 Unter anderem langjährige Zusammenarbeit mit der GTZ über Bodenfruchtbarkeit und Direktsaat (vgl. Derpsch et al. 1988). Ich selbst habe meine ersten brasilianischen Berufserfahrungen im IAPAR gemacht.

51 Eine andere Möglichkeit ist, einen gemeinsamen Obergriff zu definieren, der bewußt vage bleiben kann, um die hier behandelte Kategorie von Forschung zu bezeichnen, ohne einem bereits bekannten Konzept wie der Aktionsforschung seine Charakteristik zu nehmen und eine Begriffsverwirrung zu verursachen. Dies könnte beispielsweise "Aktionsorientierte Forschung" sein, ein Begriff der bisher wenig besetzt zu sein scheint und daher im weiteren in dieser Arbeit verwendet wird (zur Thematik der "vagen Begriffe" bzw. der Unschärfe vgl. Kap. 1.2.2).

52 Die Wirtschaft Amazoniens befriedigte seit 1730 die externe Nachfrage in verschiedenen Zyklen: erst Kakao, dann Naturkautschuk, Rosenholz (für Parfüm), Paranuß, Jute, Pfeffer, Tropenholz, Guaraná, etc.

53 Den Autoren geht es allerdings um wesentlich mehr als nur die Effizienz, wie in Veldhuizen et al. (1997b,4) dargestellt.

54 Hier kann ohne Einschränkung von Zielgruppe gesprochen werden, da die Handlung von den externen Akteuren beziehungsweise den professionellen Teilnehmern des Projektes ausgeht.

55 Partizipative Methoden können zur Stärkung einer autozentrierten Entwicklung beitragen, aber auch zur Schwächung solcher Kräfte eingesetzt werden. "Je besser Handlungs- und Entscheidungsmuster und je genauer die tatsächlichen Machtstrukturen und Entscheidungsträger einer Gruppe bekannt sind, desto leichter können Externe ihre Absichten auch gegen den Willen von Betroffenen durchsetzen" (Schönhuth & Kievelitz 1993,19).

56 Zahlreiche Autoren nehmen eine solche Unterteilung in Etappen vor, deren Anzahl von drei (Okali et al. 1994,24; Farrington & Martin 1987; zitiert nach: Okali et al. 1994,48), über fünf (Amanor 1990; zitiert nach: Okali et al. 1994,49), sechs (Kamp & Schuthof 1991,78-80; Reijntjes et al. 1992; Hiemstra 1994; Veldhuizen et al. 1997b,50-51), acht (Castellanet 1997,15) reicht. Die Partizipative Technologieentwicklung sieht bei Veldhuizen et al. (1997b,50-51) in Wirklichkeit 33 Etappen vor, da die sechs Schritte nochmal unterteilt sind.

57 Situationsanalyse und Problemidentifizierung können zusammen als Diagnose bezeichnet werden; sie stellen eine kritische Bestandsaufnahme mit Problemdefinition, jedoch ohne Prognose dar.

58 Im weiteren werden die englischen Abkürzungen verwandt, da sie in diesem Bereich sehr geläufig sind.

59 Institute of Developmente Studies, University of Sussex, UK.

60 Zum Boom der partizipativen Ansätze meint Beckmann (1997,93), daß sie ein umfangreiches Arsenal an "Spielregeln" wie Erhebungs-, Moderations- und Visualisierungstechniken mit sich bringen, die Anlaß für Handbücher und Trainingskurse sind und somit zu einem erneuten Handlungsbedarf für Entwicklungsagenturen führen, die nun inländische und ausländische Mitarbeiter in diesen Methoden ausbilden. Die Beherrschung dieser Methoden wird als Spezialwissen angesehen, das nun einer System­rationalität folgend, von den Agenturen und den Fachkräften ausgebaut wird, um verkauft werden zu können. Vgl. Beckmann (1997,123) und Mutter (1995; zitiert nach: Beckmann 1997,123: Mutter, Theo 1995: Kritische Rückfragen an den Methodenboom in der Entwicklungspolitik. In: PERIPHERIE, Nr. 57/58, 165-175). Ehret (1997,181) erwähnt die hohen Kosten für die Beratung in diesen Methoden, die von vielen Ent­wicklungs­organisationen nicht aufgebracht werden können.

61 Das Netzwerk Projeto Tecnologias Alternativas (PTA) besteht aus etwa 25 unabhängigen NROs in ver­schiedenen agroökologischen Regionen Brasiliens und veröffentlicht über ihre ehemalige Koordinierungs­stelle Assessoria e Serviços a Projetos em Agricultura Alternativa (AS-PTA, Rio de Janeiro) Literatur für die Arbeit mit der bäuerlichen Landwirtschaft (unter anderem Übersetzungen fremdsprachiger Arbeiten).

62 Die Kontakte: Extension BAZAAR: www.viltec.ch/bazaar/welcome.html. PTD Discussion List: ptd-l@etcnl.nl; Advancing PTD: office@qetcnl.nl (Angaben aus dem Jahr 2000).

63 Diese Entwicklung kann jedoch mangels konkreter Unterlagen in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden.

64 Der Begriff Kurzuntersuchung macht keine Aussage über die zeitliche Dauer, die umstritten ist, sondern drückt lediglich aus, daß es sich um eine nicht sehr aufwendige Untersuchung handelt, was das Anliegen von RRA und PRA ist.

65 So wird in verschiedenen der in Kumar (1993a) präsentierten RRAs von Problemen wegen Zeitmangels des Untersuchungsteams berichtet. Dies betrifft vor allem die externe Spezialisten.

66 Der Ansatz Analyse und Diagnose von Agrarsystemen (Garcia Filho 1999; Dufumier 1996) legt beispielsweise ausdrücklich Wert auf das Herausfinden des Besonderen, des Neuen.

67 "... Mosse vertritt den Standpunkt, daß 'partizipative Rhetorik' als fragwürdig angesehen werden kann: Vorstellungen über Informalität sind kulturell definiert und situationsspezifisch, und das Brimborium (paraphernalia) von PRA - Diagramme, Karten, etc. - kann eher mystifizieren als zu Partizipation führen." (Okali et al. 1994,106).

68 Hoffmann (1990; zitiert nach: Okali et al. 1994,106) geht auf eine Studie von Peter Ay ein, die in detaillierter Form die Rolle dieser intermediären Personen beschreibt, eine "Illusion von Kommunikation zwischen Projekten und ihren Klientengruppen" zu schaffen.

69 Siehe dazu das Beispiel von Kabutha et al. 1990; zitiert nach: Kabutha et al. 1993,178-179): "PRA hat normalerweise acht klar definierte Etappen."

70 Mit den partizipativen Ansätzen wurden verschiedene Koordinationsrollen eingeführt, wie facilitator, catalyst, moderator, mediator, etc., für die es zum Teil keine deutsche Bezeichnung gibt. Aus diesem Grund und weil die Abgrenzung nicht immer klar ist, werde ich diese Akteure im weiteren allgemein als Moderatoren bezeichnen und den speziellen Ausdruck nur gebrauchen, wenn es erforderlich ist, z.B. Mediator, wenn es um eine Konfliktbehandlung geht.

71 Eine Gegenüberstellung der beiden Ansätze findet sich in Bliek & Veldhuizen (1993,35-37).

72 Defizite werden unter anderem bei den Kenntnisse über das Insektenleben gesehen, speziell hinsichtlich ihrer Reproduktion und Vernichtung (Bentley 1992; zitiert nach: Veldhuizen et al. 1997b,156; Okali et al. 1994,89).

73  Rapid Appraisal of Agricultural Knowledge Systems (RAAKS) ist ein Ansatz, der verschiedene beteiligte Organisationen zusammenbringt, um ihre Ansicht über ein bestimmtes Anliegen einzubringen und ein gemeinsames Verständnis über ein für alle Beteiligten effizienteres Vorgehen zu erarbeiten (Engel 1997; Salomon & Engel 1997).

74 Wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt, beziehe mich in dieser Darstellung vor allem auf Veldhuizen et al. (1997b), da diese Anleitung als vorläufiger Abschluß einer langen Debatte um die Entwicklung des Ansatzes gelten kann.

75 Ehret (1997,72-73) beschreibt die Schwierigkeiten einer Implementation, die über die traditionellen Führer versucht wurde.

76 Diese Beschränkung wurde in Bliek & Veldhuizen (1993, Anh. F,4) noch deutlich gesehen. Veldhuizen et al. (1997b) sehen sie offensichtlich im wesentlichen als überwunden an.

77 Zu der Beziehung der Repräsentanten zu ihren Parteien oder Hintermannschaften siehe Glasl (1997,159-161).

78 Hier kann ohne Einschränkung von Zielgruppe gesprochen werden, da die Handlung von den externen Akteuren beziehungsweise den professionellen Teilnehmern des Projektes ausgeht.

79 Dazu gehört auch die "Erfindung der Degradierung der Umwelt" in manchen Regionen (Faugère 2000,6).

80 Schließt man von den Zielen auf die Probleme, so muß man annehmen, daß die Bauern kein Selbstvertrauen, keinen Respekt vor ihrem eigenen Wissen, keine Fähigkeit zu analysieren, zu experimentieren, mit Organisationen von außen zu interagieren und zu verhandeln, kein Vertrauen in ihre Problemlösungsfähigkeit haben und von Außenstehenden abhängig sind (Veldhuizen et al. 1997b,146, 208). Ich bin sicher, daß die Autoren das nicht in dieser Form annehmen. Aber wenn PTD-Teams in dieser Form ausgebildet werden, ist die Gefahr groß, daß sie daran glauben.

81 Dies war der Fall der aus andereren Regionen Brasiliens stammenden Moderatoren beim Einführungstraining des Lumiar-Projektes, die die Arbeit in kleinen Ansiedlungsgebieten von vielleicht 100 Familien gewohnt waren, auf die sie direkt zugehen konnten, und deren Methode ITOG (Investimento, Tecnologia, Organização, Gestão) nicht geeignet war, um in einem Gebiet von über 1.000 km² zu arbeiten (siehe Kap. 4.2.2).

82 Siehe dazu auch die in Brasilien entwickelte Metodologia de Diagnóstico Rápido Participativo de Agroecossistemas - DRPA (Weid 1995).



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13.08.2004