15 Forschungsausblick

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Diese Arbeit konzentrierte sich darauf, Faktoren der außenpolitischen Problembearbeitung systematisch zu erfassen und im Zuge der Analyse situationsbezogener institutioneller Entscheidungsprozesse den Stellenwert der pazifistischen Ideologie zu ermitteln. Unter Bezugnahme auf Ansätze in Geschichtswissenschaft, Parteienforschung sowie Literatur der Internationalen Beziehungen wurde dazu ein Set von Erklärungsvariablen entwickelt. Die Tragfähigkeit von Framework als auch Methodik soll nun für zukünftige Untersuchungen beleuchtet werden.

15.1 Immaterielle Phänomene als Untersuchungsgegenstand

15.1.1 Erweiterte und kontrastive institutionelle Analyse

Die Fokussierung dieser Untersuchung auf institutionelle Entscheidungsprozesse basierte auf der Annahme, dass die Partei während des Untersuchungszeitraums diejenige Institution war, die den Pazifismus in der Bundesrepublik Deutschland politisch-parlamentarisch repräsentierte. Diese Voraussetzung ist insofern problematisch, als dass sowohl in Teilen von SPD und PDS als auch in nicht-parlamentarischen Institutionen pazifistische Forderungen und Zielsetzungen existierten.1369 Insofern wäre eine Erweiterung des hier vorgenommenen institutionellen Analyserahmens wünschenswert, da diese erlauben würde, Entwicklung und Stellenwert des Pazifismus innerhalb eines größeren politisch-gesellschaftlichen Kontexts zu verdeutlichen. Die Korrelation zwischen formalen und informal verknüpften Gesellschaftsteilen scheint aus wissenschaftlicher Sicht lohnenswert vor allem in Zeiten des historischen Umbruchs, da verschiedene „Vollzüge“ von Wandel innerhalb verschiedener politischer „Handlungsgefüge“ verdeutlicht werden können.1370

Hinsichtlich der unterschiedlichen institutionellen Erscheinungsformen des Pazifismus bleibt indes zu berücksichtigen, dass politische Akteure nicht nur in einem einzigen organisatorischen Zusammenhang agieren, sondern Verbindungen zu und Mitgliedschaften in anderen Institutionen besitzen und deren Handlungen mitbestimmen. Als Voraussetzung für eine auf ein „Handlungsgefüge“ erweiterte Untersuchung gilt in diesem Zusammenhang, einen gemeinsamen Erwartungszusammenhang innerhalb einer Ansammlung von Individuen als auch eine kodierte Zielsetzung nach außen nachzuweisen.1371 Unter dieser Bedingung kann die erweiterte Analyse mit dem gleichen Set an Faktoren arbeiten. Ungeachtet dessen hat eine notwendig werdende Weitung des Akteursbegriffs Konsequenzen für die Kohärenz des Frameworks, da unterschiedliche Erwartungszusammenhänge, Interessen und Akteurskonstellationen einbezogen werden müssen. Zudem werden divergierende Kausalverhältnisse zwischen den Faktoren von Problembearbeitungsprozessen wahrscheinlich. Es gilt demnach das Framework so zu flexibilisieren, dass es eine realitätsnahe analytische Fassung von Problembearbeitungsprozessen möglich wird.

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Um Entwicklung und Stellenwert des Pazifismus in einem größeren Kontext zu beschreiben, ließe sich auch anstelle einer Weiterung der institutionellen Untersuchungsgrenzen eine kontrastive Untersuchung durchführen, die gegenläufige Wechselwirkungen zwischen ideologischen Optionensets unterschiedlicher Institutionen herauszustellen vermag.1372 In diesem Zusammenhang könnte etwa das Verhältnis zwischen institutionellen Ideologien und internationalen ideellen Phänomenen genauer untersucht werden. Die Notwendigkeit einer solchen Verortung wurde in dieser Arbeit beispielsweise hinsichtlich des – dem pazifistischen Gewaltkonzept strukturähnlichen – Handlungsziel der Menschenrechtssicherung deutlich, welches nachweislich in inhaltlicher wie auch personeller Verbindung zu internationalen Menschenrechtskonzepten steht.1373 Eine genaue Untersuchung des Verhältnisses zwischen institutionellen Ideologemen einerseits und im internationalen System generierten Handlungsoptionen andererseits vermag Kausalverbindungen und damit Erklärungsvariablen aufzuzeigen, die in dem vorhandenen Frameworks nicht berücksichtigt werden konnten.

Was das Verhältnis zwischen institutionellen und international agierenden Akteuren angeht, müssen neben großen Differenzen auch Präferenz-Überschneidungen angenommen werden.1374 Zwar gilt generell, dass die Voraussagbarkeit von Wirkungsweisen immaterieller Faktoren im Falle einer Übereinstimmung von internationalen und institutionellen Normen hoch ist. Sie nimmt ab, je stärker die institutionell existenten Normen von denen der internationalen Ebene divergieren.1375 Unterschiedliche Problembearbeitungsstrukturen, d.h. unterschiedliche Akteure, Präferenzen und Ideologien erlauben nichtsdestoweniger ein gemeinsames zielgerichtetes Handeln.1376 Gleichzeitig können unterschiedliche Akteure aber auch über gleiche Optionensets verfügen, diese jedoch unterschiedlich verwenden. Erst die Analyse unterschiedlicher „Problembearbeitungskulturen“ lässt Rückschlüsse auf Stellenwert immaterieller Phänomene im Rahmengeflecht institutioneller als auch international-systemischer Zusammenhänge zu.

15.1.2 Immaterielle Faktoren und institutioneller Wandel

Institutioneller Wandel wurde hier gefasst als Anpassung von Handlungszielen und –methoden, welche auf der Basis veränderter äußerer Informationen von Akteuren intentional vollzogen wird.1377 Problembearbeitungsprozesse (Methoden) sowie Optionensets (Ziele) besitzen in diesem Sinne eine Indikatorfunktion innerhalb des institutionellen Wandels: Sie werden als Reaktion auf die Entwicklung äußerer Probleme verändert und machen Neuerungen ablesbar. Die hier benannten Einzelfaktoren vermochten zwar eine Verschiebung von Methoden und Zielen analytisch genauer zu fassen als der bloße Verweis auf external shocks, die von den Akteuren verarbeitet werden müssen.1378 Institutioneller Wandel war jedoch ausschließlich situationsbedingt erklärbar, abhängig vom Zusammenspiel der – jeweils unterschiedlich stark wirkenden – Erklärungsfaktoren. Situationsübergeordnete Wandlungsmuster konnten demgegenüber – außer als komplexe „Faktorenpermutation“ – nicht beschrieben werden.

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Vorhandene Thesen im Zusammenhang mit institutionellem Wandel nehmen vor allem den „Argumentationsprozess“ in den Blick: Beispielsweise die These, dass eine argumentative Überzeugung (zur Veränderung von Problembearbeitungsprozessen und Optionensets) in einem neuen und unsicheren Handlungsfeld wahrscheinlicher wird.1379 Aufgrund der Untersuchungsergebnisse dieser Arbeit kann diese Behauptung bestätigt werden, jedoch sagt sie nichts aus über intentionale Kontexte. Entscheidend ist, dass institutioneller Wandel nicht das Resultat eines truth-seeking-discourse darstellt, also eine Veränderung von Handlungsoptionen und Bearbeitungsprozessen nicht notwendig „im Lichte des besseren Arguments“ vollzogen wird.1380 Isolierung und Nachweis eines „kommunikativen Handelns“ in institutionellen außenpolitischen Entscheidungsprozessen war in dieser Arbeit nicht möglich, da die Katalysatorfunktion von Optionensets nicht mit einer „Argumentationslogik“ der Akteure, sondern vor allem mit – materiellen wie immateriellen – Motiven gefüllt wurde. Existente Forschungsergebnisse erlauben demgegenüber keine Rückschlüsse auf die motivationalen Kontexte, in denen sich institutionelle Veränderungen vollziehen.

Aufgrund des hohen Stellenwerts von Interessen und Motiven der Akteure sind bei der Suche nach Wandlungsmustern vor allem Schemata des Übergangs entscheidend, die von äußeren Problemen zu den Akteursmotiven führen. Die Kausalkette führt aus dieser Perspektive von äußeren Informationen über Akteursmotive zu sich verändernden Problembearbeitungstechniken und Handlungsalternativen. Dieser Zusammenhang stellt also bei der Frage institutionellen Wandels den Prozess der „Internalisierung“ veränderter Problemzusammenhänge in den Mittelpunkt. Erst im Zuge veränderter Akteursmotive werden institutionelle Prozesse und Handlungsalternativen als „Internalisierungsinstanzen“ angepasst. Optionensets und institutionelle Prozesse sind demzufolge nicht nur Indikator, sondern als Kommunikationsinstanzen auch Katalysator institutionellen Wandels. Der Versuch, Gesetzmäßigkeiten innerhalb des institutionellen Wandels zu beschreiben, kann aus dieser Sicht nur innerhalb der im Framework benannten Faktoren zum Erfolg führen. Verinnerlichung und Existenzdauer, ebenso Abstoßung von Optionensets sind demzufolge an die hier benannten Erklärungsvariablen gekoppelt.1381

Die Wirkungskomplexität der Problembearbeitungsfaktoren macht eine Beschreibung von institutionellen Wandlungsmustern als wiederkehrender Kausalzusammenhang eben dieser Faktoren unmöglich. Detailliertere Ergebnisse können jedoch hinsichtlich der situationsübergreifenden Richtung institutionellen Wandels erreicht werden. Dabei muss zunächst die Bearbeitung eines neuartigen Problems in einem prozessualen Verhältnis zwischen constraint und acquired interest betrachtet werden. Ein äußeres Problem ist demzufolge nicht lediglich Hindernis bei der Durchsetzung autonomer Akteursinteressen. Vielmehr wirkt das Problem als äußere Erwartungsstruktur auch in Richtung einer motivationalen Internalisierung von Akteuren.1382 Daran anschließend stellen nationale oder internationale Normen nicht ausschließlich Hürden bei der Realisierung von Handlungsmotiven dar, da auch diese institutionell verinnerlicht werden.1383 Indem die Forschung – unter möglicher Zuhilfenahme von psychologischen und soziologischen Konzepten – Übergangsmechanismen von äußerem Hindernis hin zu adaptierten, weil internalisierten Interessen beschreibt, sollte auch eine bessere Verortung institutioneller Wandlungsmechanismen erreicht werden können.

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Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch der Widerstand gegenüber institutionellem Wandel. Die institutionelle Identität, die an verschiedenen Stellen der Untersuchung als Handlungsmotiv hervorgetreten ist, vermag als Erklärungsvariable zwar nicht veränderte Problembearbeitungstechniken und Verschiebungen der Optionensets zu beschreiben.1384 Dennoch steht das Verhältnis zwischen der institutionellen Identität als „konservativer Instanz“ und den Interessen der Akteure zur Disposition, um Faktoren für einen Mangel an institutionellem Wandel zu formulieren.

15.2 Methodik der Untersuchung

Trotz der Praktikabilität des Frameworks offenbarten sich im Laufe des Untersuchungsprozesses einige methodische Probleme, deren konstruktive Behandlung für die Ergebnisse zukünftiger Arbeiten entscheidend sein kann. Es bestätigten sich vor allem die bereits vor Beginn der Analyse bekannten Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Kausalketten zwischen den bestellten Variablen des Problembearbeitungsprozesses. Besonders die wirkungsmäßigen Verbindungen zwischen ideellen Phänomenen und institutionellem Handeln konnten nicht immer einwandfrei nachgewiesen werden. Eine konstatierbare Kongruenz von Akteurshandeln und ideologischem Optionenset, die pure Beobachtung einer zeitlichen Abfolge und/oder konstanten Verbindung zwischen den Akteuren und dem ideologischen Optionenset sind methodisch nicht hinreichend, um die Ideologie als handlungsbedeutsam nachzuweisen.1385 Maßnahmen zur Optimierung der qualitativen Forschung müssen generell an den „Stationen“ des Forschungsprozesses ansetzen. Dabei ist nicht die isolierte Anwendungsevaluation entscheidend, sondern eine Prozessevaluation, die die Anwendung der Methoden im Hinblick auf ihre stimmige Einbettung in die Erforschung des Untersuchungsgegenstands überprüft.1386

Um das Problem uneindeutiger Kausalverbindungen zu verbessern, scheinen konkret zwei methodische Verfeinerungen hilfreich. Einerseits könnte eine „dichtere“ Analyse der Faktoren innerhalb des process tracing die Wirkungsroute der bestellten Variablen deutlicher hervortreten lassen, die von der institutionellen Problemperzeption bis zur Alternativenwahl der institutionellen Akteure führt. Gerade der Nachweis einer Perzeptionswirkung auf das institutionelle Handeln war nicht eindeutig. Es konnte letztlich nicht eindeutig nachgewiesen werden, wie genau die Wahrnehmung der institutionellen Akteure „ideologisch“ beeinflusst wird.1387 Konkreter formuliert: In dem hier verwendeten Framework wurde eine „gestreute“ Wirkung der Ideologie auf die Problemwahrnehmung der Akteure angenommen. Eine differenziertere Einzelanalyse von Interessen, Erwartungen, Strategien, Akteursformationen sowie Interaktionsregeln könnte den Wirkungskanal der Perzeption auf einzelne Teilfaktoren der Akteurspräferenzen genauer fassen.

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Die eindeutige kausale Zuordnung könnte zudem dadurch verbessert werden, dass die Quellen noch enger miteinander in Verbindung gesetzt werden. Die hier gewählte Vorgehensweise: schriftliche Quellenforschung - qualitative Interviews - ggf. neue Quellenforschung reicht mitunter nicht aus, um einen lückenlosen Nachweis der Kausalverbindungen herzustellen. Die Untersuchungsschritte müssten vielmehr wiederholt und innerhalb des Deutungsprozesses mehrfach miteinander in Verbindung gesetzt werden.1388


Fußnoten und Endnoten

1369  Vgl. Gerster 1994; Jansen 2000; Leithäuser 2002.

1370  Berger 1998: 12.

1371  March/Olsen 1998: 948.

1372  Vgl. Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 116.

1373  Vgl. Risse/Ropp/Sikkink 1999.

1374  Vgl. Johnston 1995: 41, 56.

1375  Vgl. Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 114.

1376  Swidler 1986: 275.

1377  Hall 1993: 278.

1378  Vgl. Berger 1998: 12-15; Legro 2000: 423.

1379  Checkel 2001: 562.

1380  Vgl. Risse 2000: 2, 7.

1381  Ungültig sind demnach auch Versuche mittels organizistischer Konzepte institutionellen Wandel zu fassen. Optionensets durchlaufen niemals eine quasi-autonome „Evolution“ und beschreiben auch keine „Lebenszyklen“ (vgl. Finnemore/Sikkink 1998: 894-896).

1382  Vgl. Sending 2002: 449.

1383  Checkel 2001: 557.

1384  Sending 2002: 460. Internalisierungsprozesse können deshalb nicht auf die institutionelle Identität zurückgeführt werden, da diese per definitionem während des Wandlungsprozesses noch nicht vorhanden ist.

1385  Rosen 1995: 14.

1386  Flick 1995: 285.

1387  Vgl. dazu Sending 2002: 451.

1388  Checkel 2001: 565.



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21.10.2005