2 Stand der Forschung

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Die Untersuchung des Pazifismus als außenpolitische Ideologie bei Bündnis 90/Die Grünen schneidet im wesentlichen drei verschiedene Forschungsbereiche: die Geschichtswissenschaft, die Parteienforschung sowie die Literatur der Internationalen Beziehungen. Im folgenden soll der Forschungsstand der unterschiedlichen Bereiche dargestellt und unter Bezugnahme auf die existierende Literatur ein Framework entwickelt werden, das es erlaubt, Richtlinien für systematische Erklärungen aufzustellen.47 Dabei wird es darauf ankommen, die zur Erklärung notwendigen Variablen sowie – falls a priori möglich – deren Kausalbeziehungen zueinander zu bestimmen.48

2.1 Pazifismus in der historischen Forschung

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Pazifismus sind vornehmlich in der Geschichtswissenschaft entstanden. Bedeutsam sind die historischen Arbeiten zunächst hinsichtlich der begrifflich-definitorischen Fassung des Pazifismus. Johnson fasst den Pazifismus als eine „Suche nach Frieden“.49 Appelius definiert Pazifismus als „friedenspolitischen Aktivismus“50 . Für die Zwecke dieser Arbeit soll folgende Definition gelten: Pazifismus ist die Gesamtheit individueller und kollektiver Akte, die ein politisches Handeln fordern, propagieren und betreiben, welches Erscheinungsformen und Ursachen von Gewalt zu beseitigen sucht und das Ziel einer sicher und auf Dauer friedlich existierenden Staaten- und Völkergemeinschaft verfolgt.51 Diese Definition ermöglicht es, verschiedene Begriffsfacetten und inhaltliche Schwerpunkte des Pazifismus zu erfassen, die etwa in der begrifflichen Fixierung auf das Handlungsziel „Gewaltfreiheit“ vernachlässigt werden.52

Der Pazifismus wird in der Forschung unterteilt in eine realistisch-pragmatische und eine utopisch-radikale Ausprägung.53 Der Unterschied wird hinsichtlich der von pazifistischen Akteuren verfolgten Umsetzungsstrategie sowie mit Blick auf das Verhältnis zwischen Handeln und „ideeller“ Begründetheit herausgearbeitet.54 Diese Kategorisierung ist insofern problematisch, da einerseits pazifistische Implementierungsbestrebungen von äußeren Handlungsbedingungen mitbestimmt werden, die in der historischen Forschung nicht in die Kategorisierung integriert werden. Außerdem hängt die Realisierung pazifistischer Forderungen vom Stellenwert ab, den der Pazifismus bei seinen „Trägern“ einnimmt. Radikalitätsgrad bzw. Anpassungsfähigkeit gegenüber einem politisch-gesellschaftlichen Status Quo liefern insofern kein Unterscheidungsmerkmal des ideellen Phänomens Pazifismus selbst.

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Hinsichtlich der „Träger“ oder Akteure des Pazifismus werden in der historischen Forschung unterschiedliche Ansätze verfolgt. Lowe fasst Pazifismus als „geschichtlich-sozialen Diskurs“.55 Dadurch wird einerseits eine angesichts des großen Untersuchungszeitraums zwischen 1340-1560 notwendige Flexibilität des Begriffes Pazifismus gewährleistet. Die bekundete Einbettung „pazifistischer Ideen“ in ein Netz von Bedeutungsbeziehungen sozialer Praktiken beeinträchtigt jedoch insofern die Kohärenz der Untersuchung, da sich Lowe gleichzeitig der schriftlichen Ausdrücke individueller „Träger“ des Pazifismus bedient, um die Prägung des pazifistischen „flow of ideas“zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zu verdeutlichen.56

Brock verlegt demgegenüber den Blickwinkel von vornherein auf individuelle Akteure und deren „persönliche Verantwortung“ zu pazifistischem Handeln. Er versteht die Entwicklung des Pazifismus nicht als Ergebnis des geistig-ideellen Fortgangs innerhalb eines sozial-kulturellen Raumes, sondern als Produkt individueller politisch-moralischer Entscheidungen.57 Durch diese individualzentrierte Betrachtung wird der menschlichen Einflussnahme auf historische Abläufe größerer Raum zuerkannt. Jedoch weist Brock eine „heroisch-moralische“ Gewissensentscheidung individueller Pazifisten nicht nach, sondern nimmt diese in jeder historischen Entscheidungs- und Handlungssituation a priori an.

Ein weiterer Problemkreis der historischen Forschung umfassen Einflussstärke und Stellenwert des Pazifismus bzw. seiner Akteure auf politisch-ökonomische Strukturen des Untersuchungszeitraums. Bei Lipp werden pazifistische Akte als „progressive Potentiale in der Geschichte“ benannt, ein tatsächlicher Nachweis der Wirkungskraft auf politischer und sozialer Ebene und in spezifischen historischen Situationen fehlt jedoch.58 Appelius’ zufolge besitzt eine Analyse des Einflusses auf politische Prozesse sogar per se „spekulativen Charakter“.59 Lowe untersucht im England der frühen Neuzeit politische, soziale und wirtschaftliche Bedeutungsgeflechte, die auf pazifistische Konzeptionen einwirken. Er beschreibt die Entwicklung des Pazifismus somit als Geschichte seiner intellektuellen Standpunkte als auch seiner politisch, sozial und ökonomisch bestimmten Legitimierungsverfahren.60 Dabei misst auch er spezifischen Ausprägungen des Pazifismus lediglich eine „indirekte“ kausallogische Verbindung zu historisch-politischen Geschehnissen zu und bleibt zudem in deren Nachweis sehr vage. 61

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Unbeachtet bleibt in der Geschichtsforschung demnach die Überlegung, dass individuelle oder kollektive pazifistische Akte sehr wohl die historischen Entwicklungen beeinflussen können, in denen sie entstehen. Die Wirkung pazifistischen Handelns wird ebenso vernachlässigt wie eine integrierte Betrachtung des ideellen Phänomens im Kontext politisch-sozialer Strukturen. Es entsteht so das Bild einer zwar von außen determinierten, aber in ihrer Eigengesetzlichkeit isoliert fassbaren Geistesgeschichte des Pazifismus. Dieser Umstand ist für die hier angestrebte Untersuchung des Pazifismus innerhalb politischer Strukturen nicht hilfreich.

Letztlich werden in den historischen Untersuchungen zum Pazifismus kollektive Akteure des Pazifismus nicht klar genug abgegrenzt. Am deutlichsten werden institutionelle Fragen noch bei Holl, der den Begriff der „Bewegung“ verwendet, um einen Bezugspunkt für die politische Relevanz des Pazifismus vor allem im 20. Jahrhundert herauszustellen.62 „Die“ pazifistische Bewegung ist jedoch großen inhaltlichen und institutionellen Schwankungen unterworfen, so dass ihnen nicht zeitübergreifend gemeinsame Zielsetzungen, Organisationsstrukturen und Handlungsstrategien zugeschrieben werden sollten, ohne Verknüpfungen als auch spezifische Eigenheiten einzelner Bewegungsteile in die Untersuchung zu integrieren.

Eine kohärente Bestimmung von Untersuchungsgegenstand und -zeitraum wird erst durch eine genaue Abgrenzung des äußeren und inneren Wirkungszusammenhangs sowohl des ideellen Phänomens als auch seiner Akteure möglich. In diesem Sinne ist für eine Untersuchung zu Charakteristika, Entwicklungen und potentiellen Einflüssen des Pazifismus die Bestimmung einer Institution als „Kollektivakteur“ nötig. Eine Institution wird hier definiert als ein Erwartungszusammenhang innerhalb einer Ansammlung von Individuen, der sich durch eine kodierte Zielsetzung nach außen kennzeichnet.63

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Die historischen Arbeiten bestellen zusammenfassend kein befriedigendes Instrumentarium, mit dessen Hilfe Entwicklung und Stellenwert des Pazifismus untersucht werden könnten. Sie ermangeln einer befriedigenden Vorlage zur Analyse des Verhältnisses zwischen dem Pazifismus und den politischen Strukturen, in denen er existiert. Zudem formulieren die Arbeiten kein systematisches Akteurskonzept zur Fassung von individuellen als auch kollektiven pazifistischen Handlungen.

2.2 Ideologien in der Parteienforschung

Aus Sicht der Politikwissenschaft umfasst „der“ Pazifismus als ziel- und problembezogene Forderung vor allem Policy-Elemente.64 Im Rational-Choice-Modell der Parteienforschung werden Policies als „Ideologien“ und damit als „öffentliche Äußerung über die politische Linie“ einer Partei verstanden.65 Die inhaltliche oder „ideologische“ Policy-Ausrichtung ist in diesem Modell auch der wesentlichste Bestimmungsfaktor für die Ausrichtung einer Partei: In der Konkurrenz untereinander positionieren sich demokratische Parteien „ideologisch“ dergestalt, dass sie diejenige Kombination von sozialen Gruppen anspricht, in der die Partei die meisten Anhänger zu finden glaubt.66 In dem Bestreben also, Wählerstimmen zu maximieren, suchen Parteien inhaltliche Nähe zum median voter, dem modellhaft konstruierten Median- oder Durchschnittswähler des Elektorats.67

In einem vor allem von Rabinowitz entwickelten, alternativen Rational-Choice-Modell profitieren Parteien demgegenüber gerade von inhaltlichen Positionen, die sich von denen anderer Parteien unterscheiden. Parteien vermeiden aus diesem Grund in den Grenzen einer „ideologischen Akzeptanzregion“ das politische Zentrum des median voter.68 Empirische Untersuchungen in unterschiedlichen Ländern haben gezeigt, dass das Modell von Rabinowitz generell keine realistischeren Erklärungen für das Verhalten in Mehrparteiensystemen liefert.69 Jedoch verdeutlicht das Alternativmodell das analytische Problem, die faktisch vorhandene inhaltliche Distanz zwischen Parteien überzeugend erklären zu müssen.70

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In Kitschelts vergleichender Studie zu grünen Parteien in Deutschland und Belgien werden in diesem Zusammenhang Interessenvertretungen von Unterstützern der Partei als Grund für die Vermeidung der politischen Mitte benannt. In dieser Theorie wählen Parteien zwischen der Wählerschaftskonkurrenz (electoral competition) und einer Constituency-Repräsentation.

„A logic of constituency representation is inspired by the ideologies and political practices of core supporters. Faced with a tradeoff between breadth of popular appeal and ideological purity, they prefer the latter.”71

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Die Berücksichtigung von Interessen von Aktivisten und Stammwählern begrenzt die Möglichkeit der Akteure, die inhaltliche Positionierung der Partei frei zu wählen. Die Constituency-Repräsentation wird somit Erklärungsvariable für das Verhalten von rational agierenden Parteien.72

Kitschelt bricht zudem mit der Analogie zwischen Parteien und Individuen73 und trägt so dem Umstand Rechung, dass unterschiedliche Akteure einer Partei verschiedenen Erwartungszusammenhängen entsprechen und unter Berücksichtigung verschiedener Einflüsse ihre Präferenzen bestimmen.74 Eine Differenzierung unterschiedlicher Akteure in der Partei vermag diesen Interessen-Divergenzen der in „lose verkoppelter Anarchie“75 agierenden Individuen zu fassen.76

Im Anschluss an diese Überlegung gelten diejenigen Individuen als Akteure, die „aktiv einwirkend am Handlungsgeschehen... Interesse haben“77, also Motivation und Potential besitzen, als Repräsentanten unmittelbar und in prägender Weise die Handlungen der Partei zu „tragen“. Dabei können Parteiaktivisten in spezifischen Handlungssituationen selbst zu einem „Kollektiv-Akteur“ werden.78 Als Interessen der institutionellen Akteure gelten hier genuine und instrumentelle, sich wechselseitig beeinflussende sowie über unterschiedliche Zeithorizonte verfolgte Interessen an der Stimmenmaximierung (vote-seeking), an Ämterbekleidung (office-seeking) sowie an der Umsetzung inhaltlicher Positionen (policy-seeking).79

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Entscheidend für die inhaltliche, „ideologische“ Ausrichtung von Parteien sind zusammenfassend einerseits die unterschiedlichen akteursspezifischen Interessen als auch die Berücksichtigung unterschiedlicher Erwartungszusammenhänge innerhalb und außerhalb der Institution. Relevant sind darüber hinaus auch Übereinkünfte zwischen Parteien, nicht um das gleiche Wählerpotential zu konkurrieren, als auch die Antizipation von möglichen Koalitionsbildungen sowie die Korrelationen der inhaltlichen Ausrichtung in unterschiedlichen Politikfeldern.80 Die Komplexität dieser Faktoren macht Voraussagen für Parteiverhalten extrem schwierig. Die genannten Größen konstituieren aber ein überschaubares Variablenset für eine situationsbezogene Erklärung der inhaltlichen Ausrichtung und das Handeln von institutionellen Akteuren innerhalb der Konkurrenz demokratischer Parteien.

Im inhaltlich umfassendsten Werk zu den Grünen von Raschke und mehreren Koautoren wird in einer Vierteilung jeweils eine externe, organisatorische, akteursbezogene und eine ideologische „Strukturierungsgeschichte“ der Partei vorgenommen.81 Im Hinblick auf die ideologische Strukturierung spricht Raschke einerseits vom „ideologischen Feld“ einer Partei und bezeichnet damit problem- und themenbezogene Policies. Zudem spricht er jedoch von einer „ideologischen Deutungsebene“ im Gegensatz zu einer rationalen und sachbezogenen Politik und begreift eine Ideologie damit als eine Matrize, „in deren Licht“ politische Problembearbeitungen stattfinden.82

Damit wird einerseits das in der jüngeren deutschen Parteienforschung zu Bündnis 90/Die Grünen verwendete, sehr unreflektierte Ideologiekonzept systematisiert.83 Gleichzeitig erfährt der Ideologiebegriff des Rational-Choice-Modells eine wesentliche Erweiterung. Bestimmt wird ein Einfluss der Ideologie auf die

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„Identifizierung, Problemauswahl und -priorisierung, die Einordnung in übergreifende Zusammenhänge und die Profilierung bestimmter Interpretations- und Bearbeitungsmuster“.84

Die institutionelle „Abwägung“ zwischen Kosten und Nutzen vollzieht sich demnach auch über Ideologien, die angesichts übergroßer Komplexität und gleichzeitiger Unvollständigkeit der von außen kommenden Informationen dazu dienen, die letztere innerhalb der Institution vereinfacht zu verarbeiten.85 Die Ideologie „entwirft“ in diesem Sinne perzeptionale Schemata, die die Wahrnehmung der Akteure auf bestimmte Teilbereiche äußerer Sachverhalte lenkt, wodurch diese in einer spezifischen Kombination aus Wahrnehmungsfokussierung und Ignoranz interpretiert werden.86 Ideologien umfassen demzufolge nicht nur öffentlich bekundete Ziele oder „Policy-Bündel“ einer Partei, sondern formulieren unterschiedlich stark versprachlichte Konzepte oder „Systeme von Ideen und politisch-sozialen Kollektivvorstellungen".87

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Eine solche Fassung erlaubt es methodisch, über die sprachliche Verwendung der Akteure hinausgehende, nicht- oder halbsprachliche Wirkungsstrukturen einer Ideologie zu integrieren. Policy-Elemente, die der Ideologie zugehören, können sich demnach angesichts unterschiedlicher Kognitionsgrade in Denk- als auch in Redefiguren manifestieren. Eine Ideologie umfasst so neben politikfeld- und problembezogenen Positionen auch begriffsstrukturelle Elemente oder „Ideologeme“, die nicht als Zielformulierung gefasst, jedoch sehr wohl in die Bearbeitung äußerer Informationen als auch in Handlungsoptionen Eingang finden. Die Ideologie konstituiert dadurch eine institutionelle Kommunikationsform, die nicht nur als sprachlicher Austausch, sondern auch in einem „indirekte[m] Gespräch zwischen Abwesenden“88 manifest wird. Eine Ideologie soll hier letztlich als zu einer Sinneinheit verbundene Symbole gelten, die eine Kommunikationsinstanz zwischen Innen und Außen der Institution bildet.

2.3 Immaterielle Faktoren in den Internationalen Beziehungen

Auffallend an allen hier aufgeführten Beiträgen zur Parteienforschung ist der innerparteiliche bzw. innenpolitische Fokus bei der Erklärung von Parteiverhalten.89 In dieser Arbeit bilden demgegenüber Sachverhalte in der internationalen Umwelt den Problemzusammenhang von institutionellen Bearbeitungsprozessen und Akteurshandlungen. Bei der Erstellung eines Analyse-Frameworks sollen nun vor allem Ansätze der Internationalen Beziehungen einbezogen werden, die speziell die außenpolitische Problembearbeitung von Parteien und Ideologien in ihnen zu erklären vermögen.

In der wissenschaftlichen Literatur sind es vor allem „konstruktivistische“ Ansätze der Internationalen Beziehungen, die sich mit immateriellen Phänomenen befassen.90 Konstruktivistische Ansätze versuchen, die kulturelle, soziale und historische Bedingtheit von außenpolitischer Problemwahrnehmung, Bearbeitung und Aktion in wissenschaftlichen Analysen zu berücksichtigen.91 Als Zielrichtung wird ein Interesse an der Frage benannt, inwieweit und auf welche Weise konstruierte Bedeutungsstrukturen das Verhalten außenpolitischer Akteure beeinflussen.92 In diesem Sinne sind Normen93, Ideen94, Identitätsvorstellungen95 sowie militärische96 und strategische97 Entscheidungskulturen mehr als nur „Epiphänomene“ materieller Faktoren der internationalen Politik.98

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Wissenschaftliche Ansätze, die immaterielle Erklärungsfaktoren berücksichtigen, wenden jedoch keine außenpolitische Theorie an und beschreiben oftmals lediglich ein Forschungsprogramm.99 Huntingtons Ansatz des Clash of Civilizations etwa, der unter Kultur umfassend Sprache, Geschichte, und Religion einer sozialen Gemeinschaft versteht, überschätzt den Stellenwert kultureller Faktoren..100 Durch eine Omnipräsenz immaterieller Faktoren bleibt wenig explanatorischer Raum für materielle, technologische und systemische Faktoren international gerichteter Politik.101 Ideelle Phänomene stellen jedoch nur einen unter vielen möglichen Faktoren für außenpolitisches Handeln dar.102

Problematisch sind mitunter auch die theoretischen Voraussetzungen hinsichtlich der Wirkungsweise immaterieller Faktoren im außenpolitischen Handeln. Die Annahme, eine staatliche Rollenkonzeption als Zivilmacht103 oder Handelsmacht104 bestimme das außenpolitische Verhalten der Bundesrepublik Deutschland, steht in der Gefahr, ein erwünschtes Deutschlandbild mit einem politischen Ist-Zustand zu verwechseln.105 In der Tendenz zum selection bias beeinflussen die ausgewählten Untersuchungsgegenstände dabei die erzielten Ergebnisse.106

Trotz konzeptioneller Schwierigkeiten ermöglichen die konstruktivistischen Ansätze eine entscheidende Verbesserung eines Frameworks der institutionellen außenpolitischen Problembearbeitung, da sie den Begriff der Handlungsrationalität flexibilisieren.107 Als „zielgerichtete Disposition des Willens“108 orientiert sich das Interesse außenpolitischer Akteure an den Erwartungen desjenigen Handlungszusammenhangs, der durch Probleme, die von der internationalen Umwelt generiert werden, auf institutioneller Ebene entstehen.109 Eine Verbindung von Interessenstrukturen außenpolitischer Akteure und ideeller Phänomene ermöglicht deren konzeptionelle Einbindung als motivhafte Faktoren ebenso wie die Berücksichtigung einer kontextuellen Beeinflussung ideeller Phänomene durch Interessen.110 Dies erlaubt einen Brückenschlag zwischen einem „Mainstream“-Konstruktivismus sowie dem deutschen Neorealismus, vor allem dem synoptischen Ansatz. Gleichzeitig wird eine Ergänzung von systemischen Beschreibungen der internationalen Beziehungen und eine akteurszentrierte Analyse von (materiell wie immateriell bestimmter) Außenpolitik durchführbar.

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In dem hier verwendeten Framework institutioneller außenpolitischer Problembearbeitung111 werden die von der internationalen Umwelt generierten Probleme im Zuge eines Identifizierungsprozesses in der Institution wahrgenommen. Auf Akteursebene treffen die Probleme neben subjektiv definierten Interessen auf Erwartungen, die als Wahrscheinlichkeitsschätzungen hinsichtlich einzusetzendem oder eingesetztem Kapital und erwünschtem Ertrag getroffen werden.112 Darüber hinaus sind die Akteure mit Strategien als situationsübergreifenden Mittelkalkulationen zur Erreichung längerfristiger Handlungsziele ausgestattet.113 Die Akteure formieren Akteurskonstellationen, entsprechend den ihnen verfügbaren Ressourcen, die in einer konkreten Situation um die Erreichung von Interessen willentlich ausgeübt werden können. Die Akteure agieren letztlich im Rahmen expliziter oder impliziter Interaktionsregeln miteinander, die bestimmte Akteurshandlungen wahrscheinlich machen.114 Neben Interessen, Erwartungen, Strategien, Konstellationen und Interaktionsformen finden zusätzliche äußere Handlungserwartungen ebenfalls Eingang in die Akteursebene. 115 Im Fall von demokratischen Parteien sind dies vor allem Einflüsse der Parteienkonkurrenz und der Constituency der Institution.

Auf der Basis dieser Einzelfaktoren bestimmen die Akteure in der konkreten Entscheidungssituation Präferenzen.116 Es steht ihnen ein feasable set oder Optionenset zur Verfügung, dem sie auf der Basis ihrer Präferenzen Handlungsalternativen entnehmen.117 Die Alternativenwahl der Akteure besteht aus einem reasoning process, in dem ein Ranking über den Ertragswert der möglichen und erwarteten Ergebnisse getroffen wird.118

Abbildung 1: Parteiinterner Prozess außenpolitischer Problembearbeitung

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Die Alternativenwahl ist als unmittelbarer Ausgangspunkt des Akteurshandelns die qualifizierte Bestimmung der höchstbewerteten aller möglichen Handlungsoptionen.119

Institutionelles Handeln ist die Gesamtheit aller deutlich erkennbaren Reaktionen institutioneller Akteure auf äußere Probleme. Innerhalb dieses Reaktionsprozesses entstehen Diskontinuitäten, die Adaptions- und zugleich Innovationskompetenz implizieren.120 Ein institutioneller Lernprozess äußert sich in einem problembezogen wiederkehrenden

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“„deliberate attempt to adjust the goals and techniques of policy in response to past experience and new information.”” 121 “”

Institutionelles Lernen setzt so rationale Motive institutioneller Akteure zur Anpassung der institutionellen Zielsetzung (goals) sowie Informationsverarbeitung (techniques) voraus, die durch exogene Faktoren aktiviert werden können.122

Der Stellenwert einer außenpolitischen Ideologie als Faktor im institutionellen Prozess der Problembearbeitung lässt sich in dreifacher Hinsicht bestimmen. Die Ideologie formiert zunächst innerhalb des feasable sets wählbare Optionen für Akteurshandlungen.123 Die Ideologie ist ein Lieferant für Elemente des institutionellen Optionensets und fungiert demzufolge in Entscheidungssituationen als tool kit. 124

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Als ideologische Teilelemente oder Ideologeme gelten hier zunächst Normen als kollektive Vorstellungen richtigen Verhaltens.125 Normen beziehen sich im Gegensatz zu institutionellen Interaktionsregeln präskriptiv auf das äußere Handlungsfeld der Institution und sind demnach Teil der problem- und akteurübergreifende Implementierungsbestrebungen.126 Werte hingegen beschreiben positiv belegte Handlungsziele wie auch Modi und Mittel zur Erreichung dieser Ziele.127 Letztlich gehören zu den Ideologemen auch causal beliefs, die Vorstellungen von Ursache-Wirkung-Verhältnissen formulieren.128

Werte, Normen und causal beliefs lassen sich analytisch in miteinander gekoppelten „Ideensystemen“ verorten.129 So wird hier eine horizontale Typologisierung immaterieller Faktoren vorgenommen.130 Die vertikale Dimension zur Kategorisierung von Ideologemen bezieht sich auf deren unterschiedliche Kognitionssgrade, d.h. ihre Erscheinungsformen in Denk- und Redefiguren.131

Der zweite angenommene Wirkungskanal der Ideologie innerhalb des Frameworks beruht auf der Beobachtung, dass Institutionen spezifische Einschätzungen der internationalen Umwelt und der ihnen entspringenden Probleme besitzen.132 Indem die Ideologie – wie oben beschrieben – durch Selektion und Fokussierung den Identifizierungsprozess außenpolitischer Probleme beeinflusst, erhöht sich einerseits das Risiko von Fehleinschätzungen133, andererseits werden mögliche Konflikte durch verzerrte Wahrnehmungen auch verringert.134

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Aus Sicht der Institution werden im Identifizierungsprozess außenpolitischer Probleme unerwartete und unerwünschte Informationen durch kognitive „Schemata“ verändert und durch Selektion und Fokussierung sogenannte „institutionelle Mythen“135, d.h. simplifizierte Bilder oder Images136 formiert. Die Ideologie vermag als institutionelle Kommunikationsinstanz die Interpretation des außenpolitischen Problems vorzustrukturieren, so dass dieses in der Institution „wie durch eine Linse“ wahrgenommen wird.

2.4 Ideologische Kollektiv-Funktionen und institutionelle Identität

Die Untersuchung von institutionellen Problembearbeitungsprozessen basiert auf der Analyse von Interessen und Motiven, die die Präferenzen und damit auch die Alternativenwahl der Akteure in Entscheidungssituationen wesentlich bestimmen. Ideologien sind Kodeterminanten der institutionellen Entscheidungsbildung, indem sie – ohne selbst als Handlungsmotiv zu gelten – einerseits Handlungsoptionen formieren und zum anderen die institutionelle Problemidentifizierung leiten. Das Framework fasst den dritten ideologischen Wirkungskanal nun als ein „Quasi-Motiv“ innerhalb der institutionellen Problembearbeitung. Er bestimmt einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Ideologien und der Alternativenwahl der institutionellen Akteure, der in einem Diktum Max Webers bezüglich des Verhältnisses zwischen ideellen Phänomenen und menschlichen Interessen deutlich wird:

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„Interessen (materielle und ideelle), nicht: Ideen, beherrschen unmittelbar das Handeln der Menschen. Aber: die ‚Weltbilder‘, welche durch ‚Ideen‘ geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte.“137

Das Rational-Choice-Modell nimmt in einer Analogie zwischen Einzel- und Gruppenakteur an, dass Individuen wie Kollektive eine rationale Wahl derjenigen Handlungsalternativen treffen, die die höchste erwartete Nützlichkeit im Sinne ihrer Interessen formulieren.138 Diese Analogie ist insofern problematisch, da vor allem in großen Organisationen der Nutzen aller nicht dem spürbaren Nutzen des einzelnen entspricht139 und individuelle Beiträge zum kollektiven Handeln aus diesem Grund zusätzlicher Motive als der rationalen Nutzenabwägung entspringen müssen.140

In dieser Untersuchung wird angenommen, dass die Wirkung von Ideologien über eine isoliert-subjektive Bedeutung für individuelle Akteure hinausgeht. Ideologien übernehmen als institutionelle, intersubjektive Kommunikationsinstanz vielmehr „kollektive Funktionen“, die als „kontextuelle Rationalität“141 die Alternativenwahl der Akteure mitbestimmen.142 Damit ist kollektives Agieren einer Institution mehr als die Summe des Handelns von Akteuren innerhalb dieser Institution.143 Ideologische Kollektivfunktionen beeinträchtigen dabei das Rationalitätskalkül des institutionellen Akteurs und beschränken seine Handlungsautonomie. Für die Institution jedoch erfüllt die „irrationale“ Alternativenwahl bestimmte, auf die Institution selbst und ihr Funktionieren bezogene Zwecke.144 Mit dieser funktionalistischen Betrachtung wird nicht intentionales Handeln als ein dynamisches Moment politischen Handelns unterschlagen, da die Kollektivfunktionen das Resultat einer gemeinsamen Wahl der Mitglieder der Institution und damit eine intentionale, quasi motivgeleitete Determinante, also einen institutionellen „Weichensteller“ bei der Wahl von Alternativen durch die Akteure darstellen.

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Den ideologischen Kollektivfunktionen ist gemein, dass ihre Versprachlichung symbolischen Charakter besitzt und auf „Kollektiv-Motive“ der Institution verweist. Sprache ist in diesem Zusammenhang nicht

„Zeichensystem, das wir benutzen, um einer ‚realen’ Welt Ausdruck zu verleihen,... sondern... Zeichensystem, mit dem wir Bedeutungen produzieren.“ 145

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Diese Bedeutungen haben keinen Selbstzweck etwa als Sinngebung146, sondern begründen Akte der symbolischen Kommunikation zwischen den Mitgliedern der Institution, wobei die Ideologie den Knotenpunkt der Interaktanten formiert. Die institutionellen Akteure werden an dieser Schnittstelle in das identifikative Feld eingebunden, das sie gleichzeitig beschreiben.147

Die ideologischen Kollektivfunktionen sollen hier gegenüber dem Faktor der institutionellen Identität abgegrenzt werden. Die institutionelle Identität bildet – anders als bei Einzelpersonen148 – das Resultat eines gemeinschaftlichen Erfahrungshintergrunds der gesamten Institution.149 Durch die Einübung und Wiederholung eines gemeinsamen Agierens einer großen Menge von Individuen entsteht ein „Feedback“-Mechanismus, der Institutionen bei der Stabilisierung eines komplexen Systems von Werten, Normen und causal beliefs mit einer höheren Effektivität als Einzelpersonen ausstattet.150

Die institutionelle Identität formiert sich als Speicher kollektiver „Handlungsgeschichten“, die in vergangenen Entscheidungsabläufen und bei der Anwendung von Handlungsoptionen angehäuft wurden.151 Die Identität fördert als „Rückkopplungsinstanz“ einen Impuls, kollektive Handlungsmuster zu bestätigen, die dem existierenden institutionellen Erfahrungsspeicher entsprechen und so „Zusammengehörigkeit... handlungspraktisch demonstrieren“.152 In dieser Arbeit wird angenommen, dass die institutionellen Akteure in touch with identity 153 stehen. Ein direkter Wirkungskanal auf die Präferenzen der Akteure besteht nicht. Die institutionelle Identität hat ebenso wie die Ideologie lediglich kausale Wirkung im Zusammenwirken anderer Faktoren.154

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Ideologie und Identität sind miteinander verbunden, stellen jedoch zwei unterschiedliche Instanzen innerhalb des Prozesses institutioneller Problembearbeitung dar. Im Sinne einer adäquaten Verortung müssen – in Analogie zu anderen ideellen Phänomenen – eine Übergeneralisierung, Übergewichtung und Tautologisierung der Erklärungsvariable „Identität“ vermieden werden.155 Gleichzeitig darf die Wirkung der institutionellen Identität nicht mit einem identity interest verwechselt werden, dem rationalen Akteursinteresse also, eine bestimmte kollektive Identität für individuelle Zwecke zu formieren, zu bestätigen oder zu bestärken.156 Umgekehrt sind die Interessen der institutionellen Akteure auch niemals das „sozial konstruierte Ergebnis“ einer institutionellen Identität.157

2.5 Methodisches Vorgehen in der Arbeit

Zusammenfassend wird in dieser Arbeit eine akteurszentrierte Analyse der institutionellen außenpolitischen Problembearbeitung vorgenommen. Die Wirkungskanäle der Ideologie des Pazifismus innerhalb des entwickelten Frameworks werden in dreifacher Hinsicht (wahrnehmungsstrukturierend, optionenbildend, kollektivfunktional) angenommen. Die Analyse der Ideologie als außenpolitischer Faktor ist also in die Untersuchung der institutionellen Problembearbeitung integriert. Das beruht auf der Annahme, dass sich die Ideologie nur im konkreten, also problembezogenen außenpolitischen Handeln nachweisbar wird. Die komplexen kausalen Zusammenhänge zwischen den oben bestimmten Determinanten außenpolitischer Problembearbeitung, vor allem deren problem- und situationsabhängig variierende Wirkungsstärke, erfordern eine sehr genaue Untersuchungsmethode und ein systematisches Vorgehen.

Die Untersuchung ideeller Phänomene in außenpolitischem Handeln kann sowohl mit qualitativ-interpretativen als auch mit quantitativen Methoden vollzogen werden.158 Dabei führt weder eine quantitative Untersuchung erst zu „eigentlichen“ und objektiven Ergebnissen, noch dürfen qualitative Methoden zur bloßen Thesen-Illustration benutzt werden.159 Eine quantitative Forschungsmethode ist in dieser Arbeit indes nicht angemessen, da die Erklärungsvariablen des institutionellen Problembearbeitungsprozesses wechselseitig Rückwirkungseffekte hervorrufen können. Die Variablen der longitudinalen Untersuchung sind demzufolge nicht standardisierbar und erlauben keine quasi-experimentelle Methode, sondern erfordern vielmehr problembezogen interpretative Bewertungen.160 Ein interpretativer Zugang zu den Quellen wird auch aus dem Grund notwendig, da die Analyse von Entwicklung und Stellenwert der Ideologie sich nicht ausschließlich auf sprachlich-semantische Formen begrenzt, sondern auch paradigmatisch-strukturelle ideologische Teilelemente umfasst. Da also der Informationsgehalt der zugänglichen Daten sehr unstrukturiert ist, führt eine qualitative Untersuchung zu relevanteren Ergebnissen.161

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Das größte methodische Problem der Untersuchung besteht in dem Nachweis von Kausalverbindungen zwischen beobachteten Normen, Werten und causal beliefs einerseits und dem tatsächlichen Akteursverhalten andererseits.162 Ideelle Variablen dürfen nicht nur im Falle einer Unerklärbarkeit von außenpolitischen Entscheidungen mittels materieller Faktoren miteinbezogen werden und auf diesem Wege verbleibende Erklärungslücken füllen.163 In solchen explanations of last resort wird alles, was nicht mit traditionellen Faktoren politikwissenschaftlicher Forschung erklärt werden kann, kulturellen Unterschieden oder Prägungen zugeschrieben.164 Um die Gefahr eines „assoziativen Zusammensetzens“ von Kausalverbindungen zu verhindern, soll in möglichst kleinen Untersuchungsschritten die Verkettung der einzelnen Variablen nachgezeichnet werden. In diesem process tracing sollen Mechanismen beobachtbar werden, die belegen, ob Zusammenhänge zwischen Variablen entweder zufällig, auf den Einfluss anderer Faktoren zurückzuführen sind oder tatsächlich eine situationsbezogene Determinante des Akteurshandeln darstellen.165

Aufgrund der oben benannten Rückwirkungseffekte bei Variablenveränderungen nimmt die Untersuchung methodisch keine two-tiered-affair vor, die eine direkte Kausalbeziehung zwischen ideellem Faktor und Akteurshandeln nachzuweisen sucht, sondern formiert eine flexiblere „Mehr-Klammern-Analyse“.166 Ausgangspunkt sind dabei die Beschreibung von Faktoren, deren Wirkungsmechanismus innerhalb der institutionellen Problembearbeitung durch eindeutige Quellenlage zu bestimmen sind und die so ein Rahmengeflecht zur situationsbezogenen Erklärung von Akteurshandeln garantieren. Innerhalb der entstehenden Analyseklammern werden dann unter Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden Quellen diejenigen Faktoren bestimmt, die eine konsistente Kausalkette zwischen den potentiellen Erklärungsvariablen herstellen.

Die „interpolierende Rekonstruktion“ des Problembearbeitungsprozesses konzentriert sich auf eine qualitative Inhaltsanalyse der vorhandenen und zugänglichen schriftlichen Quellen.167 Bei diesem Vorgehen wird unterstellt, dass öffentlich zugängliche Daten relativ gut mit Innenansichten korrespondieren, die nur durch die Kenntnis von Strategiepapieren, vertraulichen Interviews oder teilnehmender Beobachtung gewonnen werden können.168 Zu den verwendeten Quellen gehören vor allem Parteiprogramme, Bundestagsreden, Pressemitteilungen, schriftliche Beiträge sowie Interviews in Zeitungen, Zeitschriften und wissenschaftlichen Journalen. Die Aussagestärke der zu Verfügung stehenden Quellen muss insgesamt als gut eingestuft werden.169

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Innerhalb der „verstehenden“ Rekonstruktion vergangener Entscheidungsprozesse sind qualitative Interviews mit am institutionellen Entscheidungsprozess beteiligten Akteuren naheliegend.170 Aussagen von Akteuren stellen einen unmittelbaren Zusammenhang zu zurückliegenden Handlungsprozessen her, so dass den Interviews zunächst die Aufgabe zukommt, eine ungenaue schriftliche Quellenlage zu kompensieren und eine konsistente und plausible Rekonstruktion der vergangenen Problembearbeitungsprozesse zu ermöglichen. Die Befragten können sich jedoch zu retrospektiven Rationalisierungen genötigt sehen, indem sie ihrem oder dem Handeln anderer Akteure statthafte Beweggründe ursächlich zuordnen. Verschleierungseffekte ursprünglicher Motive und Interessen werden also immer mit einzurechnen sein.171

Zu berücksichtigen ist zudem, dass vergangene Entscheidungen und Handlungen das Ergebnis von Faktoren sein können, die außerhalb der Rationalitätsweite der Akteure liegen.172 Diese Rationalitätsgrenzen vermögen jedoch die Untersuchung zu unterstützen, indem sie auf nicht intendierte und unbewusste Problembearbeitungsstrukturen hinweisen, die sich möglicherweise in den Quellen andeuteten. Das Frageinstrumentarium, ebenso wie die gegebenen Antworten bedürfen in jedem Fall einer sehr vorsichtigen Interpretation.173 Trotz Untersuchungsstandards, die gleichermaßen für qualitative wie quantitative Untersuchungen entwickelt wurden174, ist letztlich die Glaubwürdigkeit des Interviewpartners im Vergleich zur Beweiskraft der schriftlichen Quellen entscheidend. Eine glaubhafte Berichtigung der vorhandenen Quellen durch die Befragten hat auch für die Rekonstruktion des Problembearbeitungsprozesses korrigierende Funktion und gegebenenfalls eine erneute schriftliche Quellenforschung zur Folge.

Insgesamt betrachtet können die kausalen Zusammenhänge zwischen den Variablen nicht direkt nachgewiesen werden, sondern durch Eliminierung von Alternativhypothesen bestimmt werden.175 Aus diesem Grund bedarf der qualitative Erkenntnisprozess des Ausschlusses von situationsbezogen nicht relevanten, sowie der genauen Gewichtung von entscheidenden Variablen. Die aus der Gesamtschau der schriftlichen Quellen wie aus den Interviews entstehenden Hypothesen zu Problembearbeitung und Stellenwert der Ideologie werden letztlich miteinander verglichen und gegeneinander ausgeschlossen. Auf diesem Weg sollen die tatsächlichen Kausalverhältnisse zwischen den für das Akteurshandeln relevanten Faktoren bestimmt werden.


Fußnoten und Endnoten

47  Scharpf 1997: 37.

48  Ostrom 1999: 39f.; Goldstein/Keohane 1993: 3-30.

49  Johnson 1987.

50  Appelius 1991: 9.

51  Diese Definition orientiert sich an der begrifflichen Fassung von Karl Holl, nach der Pazifismus beinhaltet „die Gesamtheit individueller und kollektiver Bestrebungen..., die eine Politik friedlicher, gewaltfreier und zwischenstaatlicher Konfliktaustragung propagieren und den Endzustand einer friedlich organisierten, auf Recht gegründeten Staaten- und Völkergemeinschaft haben." (Holl 1978: 769).

52  Vgl. Brock 1999.

53  Nigel Brock/Young 1999: x; Caedel 1996: 21.

54  Der Historiker E.H. Carr verdeutlicht die Unterscheidung: „The utopian is necessarily voluntarist: he believes in the possibility of more or less radically rejecting reality, substituting his utopia for it by an act of will. The realist analyses a predetermined course of development which he is powerless to change.. The complete realist unconditionally accepting the causal sequence of events, deprives himself of the possibility of changing reality.” (Carr: 1964: 9).

55  Lowe 1997: 8-11.

56  Albert 1996: 133; Porter 1996.

57  Brock 1972: 471; vgl. Brock/Young 1999: 397-403.

58  Lipp 1995: 1.

59  Appelius 1991: 11.

60  Lowe 1997: 5.

61  Lowe sieht lediglich „an indirect effect on larger cultural attitudes as they developed and changed…“
(Lowe 1997: 10).

62  Vgl. Holl 1988: 220-238.

63  March/Olsen 1998: 948.

64  Vgl. Waschkuhn 2002: 22; Naßmacher 2002: 4; Rohe 1994: 61.

65  Downs 1968: 98.

66  Downs 1968: 98.

67  Vgl. Downs 1968: 138; Krämer/Rattinger 1997: 1.

68  Vgl. MacDonald/Listhaug/Rabinowitz 1991; Rabinowitz/MacDonald 1989: 108.

69  Für einen Überblick der Forschungsergebnisse siehe: Karp/Banducci 2002: 126. Für das bundesrepublikanische Mehrparteiensystem ist dies von Krämer/Rattinger 1997 bestätigt worden.

70  MacDonald/Rabinowitz 2001; vgl. Adams/Merrill 1999; Merrill 1995: 276.

71  Vgl. Kitschelt 1989: 41.

72  McGann 2002: 37.

73  Vgl. Downs 1968: 25; Wiesendahl 1998b: 98f.

74  Kitschelt dazu: „Active members are expected to consider many potential objectives and strategies and choose among them in light of variable preferences and cognitive beliefs.“ (Kitschelt 1989: 46).

75  Wiesendahl 1998b: 228-233.

76  Kitschelts idealtypische Unterscheidung zwischen Ideologen, Lobbyisten und Pragmatikern als Akteure in der Partei ist hinderlich, da sie Akteuren a priori bestimmte Verhaltensmuster zuschreibt, die sich möglicherweise im Laufe der Untersuchung als nicht haltbar erweisen: Parteiakteure können in spezifischen Entscheidungs- und Handlungssituation unterschiedlichen Interessenrepräsentationen nachkommen (vgl. Kitschelt 1989: 50f.).

77  Wiesendahl 1998b: 156.

78  Scharpf 1997: 71.

79  Strom 1990: 570-572.; vgl. Wiesendahl 1998b: 101; Laver 135-137.

80  Laver 1997: 118-127.

81  Vgl. Raschke 1993: 22-32.

82  Vgl. Raschke 1993: 37f.

83  Müller-Rommel 1993: 162ff.; Berger 1994: 149f.; Poguntke 1997; Jagodzinski/Kühnel 2002; Bauer-Kaase 2001; Fuchs/Rohrschneider 2001.

84  Raschke 1993: 131.

85  North 1991: 23.

86  Scharpf 1997: 62.

87  van Hüllen 1989: 13.

88  Keller 1997: 311.

89  Monroe 2001: 155.

90  Der Begriff „Konstruktivismus“ in der wissenschaftlichen Literatur der Internationalen Beziehungen geht wahrscheinlich auf Onuf zurück (vgl. Onuf 1989).

91  Vgl. Onuf 1998: 58-60.

92  Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 66; Hopf 1998; Wendt 1999: 133; Krell 2000: 242; Risse 2000: 5.

93  Berger 1996; Finnemore 1996; Price/Tannenwald 1996; Raymond 1997; Boekle/Rittberger/Wagner 2001.

94  Desch 1999; Goldstein/Keohane 1993.

95  Wendt 1994; Herrmann 1997; Risse-Kappen 1996.

96  Farrell 1998; Kier 1996; Rosen 1995.

97  Johnston 1995; Gray 1999.

98  Desch 1999: 144; vgl. Wendt1999: 1, 370f.

99  Onuf 1999: 58; Lemke 2000: 44.

100  Huntington 1993: 22; Huntington 1996.

101  Johnston 1995: 37; vgl. Wilson 2000: 255f.

102  Yee 1996: 70; Sending 2002: 458.

103  Maull 1992; Maull 1993: 64; Maull 2000.

104  vgl. Staack 2000, vor allem 15-56.

105  Zum Problem der tautologischen Konzeptionalisierung von Normen siehe: Legro 1997: 33.

106  Smith 1999: 3.

107  Risse 2000: 3; Sending 2002: 444.

108  Kindermann1997: 1.

109  Scharpf 1997: 61f.

110  Vgl. dazu Kindermann 1997.

111  Vgl. dazu die Modelle von Scharpf 1997: 44 und Siedschlag 2001: 53.

112  Elster 1989: 109.

113  Ostrom 1999: 37, Raschke 2001: 111. Für einen zusammenfassenden historischen Überblick zu Strategiekonzepten in den Internationalen Beziehungen siehe: Malik 1999.

114  Scharpf 1997: 44-48; Wiesenthal 1990: 48.

115  Vgl. Katzenstein 1996: 14; Goldstein/Keohane 1993: 29.

116  Vgl. Scharpf 1997: 63-68.

117  Scharpf 1997: 39.

118  Sending 2002: 454.

119  Elster 1986: 4.

120  Wiesenthal 1990: 44f.

121  Hall 1993: 278.

122  Vgl. Kitschelt 1989: 44.

123  Scharpf 1997: 42.

124  Swidler 1986: 276.

125  Vgl. Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 54.

126  Vgl. Ostrom 1999: 37.

127  Berman fasst Werte dreifach: „Values can be modes, such as ‚individualism’, means, such as ‚hard work’, or ends, such as ‚personal wealth’“ (Bergman 1998: 86).

128  Goldstein/Keohane 1993: 10.

129  Vgl. Kindermann 1991: 162.

130  Vgl. Raymond 1997: 225f.

131  Diese Klassifizierung steht im Gegensatz zu Forschungsergebnissen, bei denen kulturelle Faktoren in vertikalen Strukturen von belief systems verortet werden. Eine Unterteilung etwa von Sabatier in deep core-Elemente, einen „Policy-Kern“ und sekundäre Aspekte eignet sich zur Kategorisierung von Policy-Systemen (vgl. Sabatier/Jenkins-Smith 1999: 121-135). Aus analytischen Gründen sollen hier jedoch Überschneidungen zu anderen ideellen Systemen ausgeblendet werden. Zudem werden auch solche Klassifizierungen nicht berücksichtigt, die den Abstraktionsgrad und Emotionalität immaterieller Phänomene zu integrieren suchen, da sie hinsichtlich Stellung und Wirkungsweise von belief systems den Voraussetzungsgrad des hier entwickelten Frameworks übersteigen (vgl. Berger 1996: 326).

132  Vgl. Kindermann 1989: 23.

133  Stoessinger geht sogar soweit zu behaupten, dass alle Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts aufgrund von Fehlwahrnehmungen politischer Führer zustande gekommen sind (Stoessinger 1993).

134  Stein 1990: 11.

135  Legro 2000: 428.

136  Herrmann 1997: 423.

137  Weber 1947: 252.

138  Monroe 2001: 153; vgl. Wiesendahl 1998b: 97.

139  Olson 1998: 62f.

140  Wiesenthal 1987: 437.

141  Sending 2002: 447.

142  Vgl. dazu Scully/Patterson 2001: 143.

143  Legro 2000: 420f.

144  Scharpf 1997: 64.

145  Keller 1997: 315.

146  Geertz 1973; Snyder 2002: 15 . Van Hüllen beschreibt eine Ideologie als Instanz der kollektiven Sinngebung (van Hüllen 1989: 14).

147  Vgl. Johnston 1995: 40.

148  Vgl. Gilliart 2002: 33.

149  Scharpf 1997: 54.

150  Wiesenthal 1990: 45.

151  Gleichzeitig werden die dem Identitätskonzept Roths enthaltenen Dimensionen der kollektiven Identität, nämlich „der kognitiven Definition von Zielen, Mitteln und Handlungsfeldern“, in den Bereich der Ideologie gelegt (Roth 1998: 54).

152  Rucht1995: 10; vgl. Stöss 2002: 6.

153  March/Olsen 1989: 161.

154  Sending 2002: 446, 458.

155  McSweeney dazu: „The idea of a collective identity as a social fact projects the image of a collective self to be discovered: we are what we are." (McSweeney 1996: 90); vgl. Zehfuss 2001.

156  Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 63.

157  Vgl. Wendt 1992: 398; Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 60f.; Ruggie 1998: 863.

158  Vgl. Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 128.

159  Flick 1995: 280f.

160  Untersuchungen mit konstruktivistischem Ansatz haben aber sehr wohl mit quantitativen Methoden gearbeitet (vgl. dazu Henderson 1998; Herrmann 1997; Legro 1996).

161  Flick 1995: 281.

162  Wilson 2000: 268.

163  Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 109.

164  Hudson 1997: 2.

165  Vgl. Yee 1996: 76-78; Checkel 2001: 565.

166  Vgl. Yee 1996: 84.

167  Checkel 2001: 565.

168  Scharpf 1997: 63.

169  Das größte Defizit bei der Rekonstruktion vergangener Problembearbeitungsprozessen ist die Sperre von internen Mitteilungen, Standortpapieren u.ä., die nach der Bundestagswahl 1994 in der Fraktion erarbeitet wurden.

170  Bouma/Atkinson 1995: 214f.

171  Vgl. Goldstein/ Keohane 1993: 27.

172  Vgl. McSweeney 1999: 142.

173  Vgl. Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 132.

174  Adcock /Collier 2001.

175  Reinecker 1993: 281.



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21.10.2005