Schneider, Gabriele: Wertelite und Macht. Max Schelers Beitrag zum Elitediskurs

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Kapitel 6. Schlußbetrachtung: Werteliten - ein Anachronismus?

Max Scheler war ein Denker, der sich gemäß seiner eigenen Wesensbestimmung des Menschen als ‚weltoffen’ täglich neu ins Geschäft des Philosophierens stürzte. Sein vielschichtiger Erfahrungshintergrund schlug sich auch in den theoretischen Reflexionen nieder.<873> Die Frage, ob Scheler - in Anlehnung an Michael Walzer - ein seiner Gemeinschaft verbundener oder von ihr distanzierter Kritiker ist, läßt sich mit Norbert Elias am besten beantworten. Elias zufolge läßt sich die Leistung der Pioniere der Sozialwissenschaft gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts anhand der Leitdifferenz von Engagement und Distanzierung, als zwei möglichen Verhaltensmodi, beschreiben. Während sie auf der einen Seite versucht hätten, aus einer distanzierten Perspektive „die immanente Ordnung der sozialen Entwicklung der Menschheit und deren Gesetze zu entdecken“, wobei die Probleme ihrer Zeit sich relativierten und nicht mehr den Beurteilungsmaßstab für andere Zeiten bildeten, so sei es ihnen auf der anderen Seite nicht gelungen, sich aufgrund des Involviertseins und des Engagements aus den Parteinahmen und Stereotypen zu lösen. „Diese beiden Einstellungsformen - die eine mehr engagiert, die sie die ganze Entwicklung menschlicher Gesellschaften im Lichte der dringlichen Probleme ihrer eigenen Zeit wahrnehmen ließ, die andere mehr distanziert, die sie befähigte, die kurzfristigen Probleme ihrer eigenen Zeit im Lichte der langfristigen Gesellschaftsentwicklung zu sehen - waren in ihrer Arbeit so unentwirrbar miteinander verschlungen, daß es im Rückblick schwer ist, die eine von der anderen zu sondern.“<874> Scheler war sicherlich der Prototyp einer solchen ‚engagierten Distanzierung‘.

Bereits in seiner Wertethik und dem darin entwickelten hierarchischen Ordnungsmodell war ein hierarchisch gegliedertes Personen- und Wissenstypenmodel angelegt, das einen theoretisch distanzierten Standpunkt


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begünstigte. Allen Überlegungen Schelers liegt letztlich die Grundüberzeugung vom Gesetz der Wenigen und der Vielen zugrunde. Insbesondere die Vorbilder müssen per definitionem eine distanzierte Haltung gegenüber der sie hervorbringenden Gesellschaft und gegenüber der Masse haben, wobei sich die Nähe vielmehr aus einer metaphysischen Verwurzeltheit ergibt.

Max Scheler verstarb 1928, dem Höhepunkt der Weimarer Republik, deren Untergang er nicht mehr erleben mußte. Folgte die Gründung der Republik einem nach außen geführten Krieg, so zerbrach sie an den kriegsähnlichen inneren Konflikten, zu deren Beilegung Scheler seit ihrem Bestehen beitragen wollte. Die Frage, inwiefern die Republik daran zugrunde ging, daß es ihr an überzeugten Republikanern mangelte<875>, die bereit waren, sie gegen Angriffe zu verteidigen statt ihr durch intensivierte Kritik die Legitimationsgrundlage zu entziehen, kann hier nicht geklärt werden. Zumindest kann mit Blick auf Scheler festgestellt werden, daß er mit seiner Kritik nicht diese Intention verfolgte, sondern darauf hoffte, gerade durch das Aufzeigen der Defizite auf die Bestandsvoraussetzungen der Republik aufmerksam machen zu können.<876>

Angesichts des bisher Dargelegten könnte man Schelers elitentheoretische Überlegungen vorschnell als besonders geschickte Camouflage einer sich selbst begünstigenden intellektuellen Allmachtsphantasie bewerten, deren Kerngehalt letztlich darin zu sehen ist, den intellektuellen Bedeutungsverlust und den damit einhergehenden Verlust an Karrieremöglichkeiten zu kompensieren. Unterwirft man die Wissenssoziologie selbst einer wissenssoziologischen Betrachtung, ist es durchaus nicht völlig falsch - wenn auch nicht hinreichend -, die Wissenssoziologie als Theorie der Selbst- bzw. Standortvergewisserung der Träger des Wissens zu verstehen, deren Status durch den Strukturwandel der Gesellschaft prekär


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geworden war.<877> Diese Einschätzung liegt angesichts der Lage des Bildungsbürgertums nahe in einer Zeit, in der Kapitalismus sowie Industrialisierung und Technisierung die Bedeutung des Bildungswissens zugunsten des, wie Scheler es nennt, Herrschafts- und Funktionswissens zunehmend verblassen lassen und somit die mit ihm einhergehende soziale Sonderschätzung desavouieren. Wenn philosophische Kompetenz und philosophisches Wissen als Karriereressourcen bedeutungslos geworden sind und keinerlei Definitionsmacht für sich verbürgen können, dann findet, wie Rainer Lepsius dies treffend formuliert hat, keine weitere ständische Vergesellschaftung über das Bildungswissen statt, und das Bildungsbürgertum sinkt zur Subkultur ab.<878> Damit würden sich Schelers elitetheoretische Überlegungen auf die Konstruktion intellektueller Bedeutsamkeit reduzieren und wären als bloßer Reflex auf den sozio-historischen Kontext zu verstehen.

Auch wenn diese Einschätzung sicherlich eine gewisse Berechtigung für sich reklamieren kann, erzeugt Schelers Beitrag zum Elitediskurs doch auch einen gewissen Selbstthematisierungsüberschuß. D.h., auch wenn Scheler in seinen elitetheoretischen Überlegungen unbestreitbar den intellektuellen Bedeutungsverlust zu kompensieren versucht, so versucht er auch aufgrund seiner Beschreibung der gesellschaftlichen Problemlage, eine Lösung zu finden. Auch wenn die Lösung des Problems nicht angemessen sein mag, so hat er doch zumindest die Verlusterfahrung normativer Leitwertbildung durchaus richtig beschrieben, auch wenn man sich über die Bewertung dieses Umstands streiten mag. Außerdem hat er zu einem sehr frühen Zeitpunkt die zentrale Bedeutung von Werten für das gesellschaftliche Leben thematisiert. Auch heute noch läßt sich beispielsweise aufgrund der Kritik an der ‚politischen Klasse’<879> die Kritik am Verlust eines verbindlichen und tragfähigen Ethos und der in ihm eingelassenen


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sozio-moralischen Ressourcen ablesen. Offensichtlich ist die Politik damit überfordert, die zentralen Werte und Regeln selbst dauerhaft zu reproduzieren und zu legitimieren, und die politischen Eliten sind nicht in der Lage, leitwertbildend bzw. vorbildhaft zu wirken.

Mit der wertethischen Fundierung seines Elitebegriffs versucht er, dem Elitediskurs eine stark normative Wendung zu geben. Durch die personalistische Ausrichtung gelingt es ihm aber nicht, einen Bezug zur Akteursebene eindeutig herzustellen und damit einhergehende Handlungsspielräume zu füllen. Daher rührt die seinen Texten eigene Uneindeutigkeit zwischen Sein und Praxis. Schelers politisches Denken im allgemeinen und sein Elitemodell im besonderen sind konstitutiv determiniert von der Vorstellung einer unverfügbaren, weil „höhergehängten Wertordnung“. Diese Wertordnung stellt den Leitstern für politisches Handeln und die institutionelle Ausgestaltung der Gesellschaft dar. Nun könnte eingewendet werden, dass Schelers enge Verflechtung seines Politikbegriffs mit der Wertethik mit der Gültigkeit bzw. Anerkennung letzterer stehe und falle, oder anders gesagt, daß, wenn Schelers Wertlehre widerlegt sei, auch sein Verständnis von Politik hinfällig sei. Also, was bleibt übrig? Man kann Scheler schließlich auch um Scheler verkürzt lesen, wenn man Politik als eine auf Werten beruhende Sphäre auffaßt, die, wenn sie mehr als reine Technik der Machterhaltung oder -erweiterung sein möchte, nicht ohne den Rekurs auf die Gemeinschaft durchwirkende Werte auskommt. Es geht nicht darum, Scheler im Nachhinein zum Kommunitaristen zu machen.

Wichtiger als eine mögliche Anschlußfähigkeit für heutige Theorieansätze scheint mir indes die Beleg- sowie Kontrastfunktion des Schelerschen Ansatzes. Wenn heute der Bundespräsident auffordert: „Wir brauchen den Dialog über Werte in der Gesellschaft, die auseinander zu driften droht“<880>, dann ist das nur ein Indiz für den nicht verstummten Wertediskurs einerseits und dessen zentrale Funktion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt andererseits. Andererseits hat sich die Hoffnung der Elitetheoretiker, die Wertdimension des Elitebegriffs könne qua Definition abgekoppelt werden, angesichts der intensivierten Werte-Diskussion nicht erfüllt.


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Mit Scheler kann gezeigt werden, inwiefern die Rede von den Eliten immer einen unhintergehbaren normativen Kern mittransportiert, dessen Preisgabe nicht unbedingt einen Explikationsgewinn darstellt. Vergegenwärtigt man sich den normativen semantischen Gehalt der Rede von den Eliten, liegt es nahe, diesen auch theoretisch auszuweisen und den Elitebegriff um eben diese normative Dimension zu erweitern.

Fußnoten:

<873>

„Wir haben Fachphilosophen von bedeutenden Höhen, von denen jeder tief in seinen Problemen lebt, seine Wege geht - wir haben andere wie Spengler oder Keyserling, die für das Leben und die Menge philosophieren. Scheler war alles; ein Vermittler der Philosophie, ein Philosoph für die nichtzünftigen und doch zugleich ein Fachphilosoph, der, wenn auch vielleicht nicht an Exaktheit, so doch an Kenntnis der Probleme, es mit jedem aufnehmen konnte, an Originalität der Geschichte, der Fragen und der Lösungen alle übertraf.“

<874>

Elias, Norbert, 1983, Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie, hg. u. übers. v. Michael Schröter, Frankfurt/Main, S. 25-26.

<875>

Peter Gay hat die Vernunftrepublikaner beschrieben als „reasonable men who had been willing to learn the first lesson of modernity but not the second: they acknowledged that nostalgia for the Empire was ridiculous, but they could not see that the Republic might deserve wholehearted support (...).“ Ders., 1981, Weimar Culture, S. 25.

<876>

Norbert Schürgers hat Scheler als Prototyp des deutschen Intellektuellen der Weimarer Zeit beschrieben, „der sich zwar durchaus der politischen Realität stellt, ja, sie bewußt mitgestalten will, aber dauerhaft weder einen persönlichen noch einen philosophischen Standpunkt innerhalb der Gesellschaft finden kann, von dem aus wirkungsvolles Handeln möglich wäre“. Schürgers, Norbert, 1989, Politische Philosophie in der Weimarer Republik, Tübingen, S. 237.

<877>

Czech, Joachim, 1972, Kirche und Elite. Der Elitebegriff in der Soziologie und Kulturphilosophie sowie in der Christlichen Sozialethik und seine Anwendbarkeit in Theologie und Kirche, München, S. 93.

<878>

Vgl. Lepsius, M. Rainer, 1992, Das Bildungsbürgertum als ständische Vergesellschaftung, in: Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil III., Lebensführung und ständische Vergesellschaftung, hg. von Werner Conze und Jürgen Kocka, Stuttgart, S. 18.

<879>

Vgl. Beyme, Klaus von, 1993, Die politische Klasse im Parteienstaat, Frankfurt/Main.

<880>

Johannes Rau fordert Dialog über Werte, in: Der Tagesspiegel, 13. September 1999, 55. Jg., S. 13.


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