Schneider, Gabriele: Wertelite und Macht. Max Schelers Beitrag zum Elitediskurs

Anhang 1. Abkürzungsverzeichnis

GW

Die Gesammelten Werke Max Schelers im Francke Verlag, Bern.

 

 


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Einleitung

Max Scheler ist vornehmlich als Philosoph und Wissenssoziologe bekannt geworden und gilt als der Begründer der materialen Wertethik, der Wissenssoziologie sowie der Philosophischen Anthropologie. Obwohl er seinerzeit zu den Universalgelehrten Weberscher Provenienz gezählt wurde und international anerkannt war, wird er heute kaum noch rezipiert<1>, und wenn doch, dann fast ausschließlich in philosophischen Kreisen. Nun ist Scheler - auch wenn er keine explizite politische Theorie entwickelt hat - nicht nur ein interessanter politischer Denker, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der Diskurse im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Als aufmerksamer Beobachter seiner Zeit „mit einer Witterung für atmosphärische Ereignisse“<2> hat Scheler auf der Grundlage seiner Wertethik die kapitalistische Gesellschaft kritisiert und den Verlust einer vorbildhaft wirkenden Elite konstatiert. Scheler versucht, in den unterschiedlichsten Argumentationskontexten die Notwendigkeit einer solchen Elite für die Gesellschaft zu belegen. Seien es bevölkerungspolitische Fragen, geschichtsphilosophische Überlegungen oder Bildungs- und Wissensfragen, immer wieder tauchen elitetheoretische Fragen auf. Nicht zuletzt macht er am Ende der 20er Jahre das Fehlen einer solchen Elite verantwortlich dafür, daß die Weimarer Republik mangels vorbildhafter Führer den Zugriffen von ‚rechts’ und ‚links’


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gleichermaßen ausgesetzt ist. Schelers Insistieren auf die Notwendigkeit einer solchen Elite reiht sich in den Elitediskurs zwischen Kaiserreich und Republik ein. Insbesondere in den offen geführten Debatten der Weimarer Republik wurden elitetheoretische Überlegungen intensiv und kontrovers diskutiert. Schelers Überlegungen zur Elite sind keine beiläufigen Versatzstücke, sondern durchziehen als konstitutives Moment der Wertethik wie ein roter Faden sein ganzes Werk und prägen sein Politikverständnis grundlegend.

Der Elitegedanke hat in der politischen Ideengeschichte und Sozialphilosophie eine lange Tradition, und die Herrschaft der Besten ist ein darin immer wiederkehrender Topos. Trotz der Uneindeutigkeit dessen, was sich genau hinter diesem Topos verbirgt, hat sich die Idee der Besten als resistent gegen Auflösungsversuche erwiesen. Mehrdeutig ist der semantische Gehalt deshalb, da sowohl die Qualitätskriterien, also das, was die besondere Qualität einer Gruppe ausmacht, als auch die Zuordnungskriterien, also die Frage danach, wer bevorzugt die Träger dieser Qualitäten sind, in keine eindeutige Definition eingeflossen sind. Vielmehr handelt es sich bei der Rede von Eliten um eine je nach historisch-politischem Kontext aufzufüllende Leer-, aber dennoch Kampfformel, deren einzig offensichtlicher Charakter darin zu bestehen scheint, den Führungs- bzw. Machtanspruch einer jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe unter Rückgriff auf machtstrategische Potenzen, kognitive Kompetenzen oder gar normative Qualitäten zu legitimieren.

Verfolgt man die Genese dieser Idee, so läßt sich die Entwicklung von einem normativen Elitebegriff platonischer Provenienz hin zu einem deskriptiven bzw. funktionalistischen Elitebegriff beobachten. Diese diskursive Verschiebung<3> ist von der Intention geleitet, ein gesellschaftliches Phänomen wertfrei beschreiben zu wollen. Ziel der meisten aktuellen Ansätze in der Elitetheorie<4> ist es, mit einem


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quantitativen, entideologisierten und entnormativierten Elitebegriff zu operieren, um eine angemessenere Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu leisten. Auch aus demokratietheoretischer Perspektive bilden funktionale Eliten für die Befürworter einer demokratischen Elitenherrschaft<5> den Focus der Betrachtung. Ein hinreichendes Indiz für die Responsivität des politischen Systems auf die Erfordernisse des sozialen Wandels ist ihnen die prinzipielle Zugangsoffenheit von miteinander konkurrierenden Funktionseliten. „Sie (die Befürworter einer demokratischen Elitenherrschaft, G.S.) interessieren sich (...) weniger für die normativen Appelle an die demokratische Selbstbestimmung des Volkes als für den Wandel von Struktur und Zusammensetzung der politischen Klasse im Gefolge von Prozessen der Elitenzirkulation.“<6>

Während also in der empirisch-wissenschaftlichen Forschung ein normativ entlasteter Elitebegriff favorisiert wird, fällt angesichts des öffentlichen Diskurses über Eliten auf, daß dieser deutlich normative Züge aufweist, insofern das Fehlen einer bestimmten Qualität bei den politischen Eliten thematisiert wird, die es aus funktionalistischer Perspektive überhaupt nicht gibt. Es geht um das normative Defizit der Eliten. Normativ deshalb, weil in diesem Diskurs über Eliten, „wie sie sein sollten und doch nicht sind“<7>, dem Elitebegriff ein wie auch immer begründeter ethisch-moralischer Gehalt inhärent ist. Wie sonst ließe sich die große Resonanz


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der öffentlichen Schelte der politischen Eliten<8> verstehen, denen unter anderem vorgeworfen wird, nicht mehr nach Werten zu handeln und damit auch nicht mehr vorbildhaft für die politische Gemeinschaft leben zu können. Die von Richard von Weizsäcker angestoßene Diskussion wurde von seinem Amtsnachfolger Roman Herzog fortgeführt, als er öffentlich darauf verwies, die Gesellschaft benötige eine verläßliche Werthaltung ihrer Eliten. Implizit heißt das, daß der wertfundierte Orientierungsverlust moderner Gesellschaften nicht zuletzt daher rührt, daß die Wertbasis der politischen Führung selbst erodiert ist, oder wie es im „Spiegel“ zusammenfaßt wird: „Die derzeit herrschende politische und ökonomische Klasse leidet an einem gefährlichen Syndrom: Zum Ende des Jahrtausends sind, so scheint es, ausgerechnet denen, die die Gesellschaft führen, die ethischen Maßstäbe ihres Handelns abhanden gekommen, ist das Bewußtsein geschwunden, dass demokratische Gesetze für alle gelten, dass Macht, politische wie wirtschaftliche, auch mit Verantwortung und nicht nur mit Selbstverwirklichung oder Profit zu tun hat.“<9> In modifizierter Form könnte man mit Alfred Weber im Hinblick auf Max Schelers Vorbildtheorem feststellen: „Die Gesamtheit muß sich künftig (...) fragen, wie bringt sie ihre Eliten dazu zu ersetzen, was früher vor dem Massenzeitalter einmal in den lokalen Verbundenheiten die Tradition besorgt hat, - kurz gesagt, irgend eine Form der vorbildlichen Existenz.“<10> Gleichwohl werden aber auch Bedenken aus der politischen Elite selbst laut und die „Hoffnung auf irgendwelche Wert-Eliten, die die Modernisierungsschäden unserer Gesellschaft mit Hilfe der Ressource Sinn kompensieren sollen“, wird für fragwürdig erklärt.<11> Welcher Elitebegriff auch immer favorisiert wird, festzustellen ist zunächst, daß die Rede

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von den Eliten - nach der nationalsozialistischen Erfahrung zeitweise diskreditiert - allgemein wieder populär geworden ist, oder, um es mit Hartwig Schmidt zu sagen: „Alles in Allem hat sich eine Normalisierung des Elitären vollzogen.“<12>

In der sozialwissenschaftlichen Literatur<13> wird idealtypisch unterschieden zwischen Funktions-, Macht- und Werteliten. Welche Elitetheorie bevorzugt wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie Gesellschaft beschrieben wird. Solche Deskriptionen bilden den Rahmen, in dem die jeweilige Wirkweise von Eliten plastisch wird. Während die Rede von Werteliten zumeist vor dem oft kulturkritischen Hintergrund einer gesellschaftlich prekären Situation virulent ist, in der sie als gesellschaftliche Integrationskraft beschrieben werden und ihnen die Fähigkeit zugesprochen wird, zur Leitwertbildung beitragen zu können bzw. die bindenden gesellschaftlichen Werte besonders augenfällig repräsentieren zu können, verweist die Rede von Funktionseliten auf einen immer schon gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhang. In modernen ausdifferenzierten Gesellschaften, so die Vertreter der Funktionselitentheorie, kann nicht mehr von einer einheitlichen gesellschaftlichen Elite die Rede sein. Für jeden ausdifferenzierten Funktionsbereich gibt es demnach entsprechende Funktionseliten. „Die Differenzierung nach Funktionsbereichen und Leistungsaspekten integriert nach Ansicht der Vertreter eines Funktionsbegriffs der Elite die moderne Gesellschaft viel stärker und dauerhafter als die Bezugnahme auf einen letztlich interpretationsoffenen Werte- und Normenkatalog.“<14>

Demgegenüber geht der Begriff der Machtelite, der durch den amerikanischen Klassiker der Elitetheorie Charles Wright Mills „The Power Elite“<15> prominent wurde, von einem konflikttheoretischen Gesellschaftsmodell aus, in dem sich die Elite weder durch besondere moralische oder geistige Qualitäten, noch durch eine besondere Sachkompetenz auszeichnet, sondern durch gesteigerte Durchsetzungsfähigkeit. Macht als Bedingung der Möglichkeit sozialer Ordnung in


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den Mittelpunkt zu stellen, bedeutet, moralische und kognitive Ressourcen nachzuordnen. „Der Geruch der Macht verleiht einer Elitefigur die Autorität praktischer Bewährung und übernommener Verantwortung. Wo die Wertelite sich auf ihr Gewissen und die Funktionselite sich auf ihr Ressort herausreden kann, muss die Machtelite Farbe bekennen.“<16> Verantwortung verhindert den Selbstzweck der Macht. Auch für Scheler ist klar: „Macht kann niemals Zweck sein, sondern immer nur Mittel zum Zweck“<17>. Da dem Begriff der Verantwortung ein normatives Moment inhärent ist, erweitert sich auch der semantische Gehalt des Machtelitebegriffs, wenn er an Verantwortung gekoppelt wird, um eine normative Dimension. An die politische Elite die Erwartung zu stellen, Verantwortung zu übernehmen, geht einher mit der Annahme, daß es der Macht nicht nur um Macht gehen kann, sondern darüber hinaus ein wie auch immer zu konkretisierendes Gemeinwohl mitgedacht werden müsse. „Es bedarf mithin schon einer Leistung für die Allgemeinheit, damit die Mächtigen nicht nur als Experten der Selbstdurchsetzung, sondern auch als Repräsentanten eines gemeinsamen Willens erscheinen.“<18>

Folgt man der von Herfried Münkler jüngst beschriebenen Entwicklung eines einheitlichen komplexen Elitebegriffes der stratifizierten Gesellschaft, in der Macht-, Funktions- und Wertelite koinzidierten, hin zu dessen Reduzierung auf der funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft entsprechende Funktionseliten, in der Funktion und Leistung von Werten und Orientierung entkoppelt wurde<19>, dann läßt sich Schelers Ansatz als der Versuch lesen, diese Entwicklung aufzuhalten. Wenn auch nicht intentional steuerbar, so sind die Bedeutung von Wertvermittlung und Sinnstiftung geradezu der Nukleus seiner Überlegungen zur Elite.


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Gegenwärtig ist sowohl der Diskurs über Eliten als auch der über Werte nicht abgeschlossen. Auch wenn die Verbindung beider Diskurse heute, zumindest im wissenschaftlichen Kontext, seit Hans Jonas „Prinzip Verantwortung“ nicht mehr für adäquat gehalten wird, sondern gemeinschaftlich erzeugte Werte von seiten der republikanisch motivierten Theorietradition in den Vordergrund gestellt werden, so scheint mir die Vergegenwärtigung der elitetheoretischen Denktradition insofern sinnvoll, als einerseits der nichtkommunizierte normative Gehalt von Elitekonzepten sowie andererseits der mitunter vielleicht elitäre Gehalt von wertethischen Ansätzen deutlich gemacht werden kann. Die Aktualität der Debatte legt es nahe, sich auch mit theoretischen Vorläufern auseinanderzusetzen und den Schelerschen Theorieansatz nicht einfach mit dem Luhmannschen Argument zu erledigen, es handele sich dabei um eine der Gesellschaftsstruktur nicht angemessene Semantik.

Das im folgenden rekonstruktiv zu analysierende Elitenkonzept Max Schelers zeichnet sich aufgrund seiner wertethischen Fundierung durch einen normativen Impetus aus.<20> Eingebettet ist diese Perspektive in die allgemeinere Fragestellung nach den sozio-moralischen Grundlagen politischen Handelns<21>. Dabei war eine leitende Überlegung, zu zeigen, wie der Rekurs auf wertfundiertes Handeln als sozio-moralische Ressource trotz mancher dem Republikanismus ähnlichen Motivlagen und Intuitionen - nämlich auf das zu rekurrieren, was Gesellschaften/Gemeinschaften nach deren Auffassung im Kern zusammenhält - ein elitäres Moment birgt. Nun mag bereits der Rekurs auf eine Wertethik als antiquiert erscheinen und ein daraus gewonnener Elitebegriff erst recht. Vergegenwärtigt man sich jedoch die Renaissance des Wert-Diskurses in


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Konkurrenz zum Normbegriff, insbesondere dessen Aktualisierung im kommunitaristischen Diskurs, so relativiert sich dieser Eindruck.<22>

Die materiale Wertethik steht hier aber nicht grundsätzlich zur Diskussion, sondern nur insofern, als sie den normativen Referenzrahmen sowohl für Schelers Elitebegriff im besonderen als auch für sein Politikverständnis im allgemeinen darstellt. Dabei wird zu zeigen sein, inwiefern die Schelersche Wertethik konstitutiv und nicht bloß kontingent elitär ist. Die Rekonstruktion des Schelerschen Elitedenkens wird geleitet von der These, daß sich der in der frühen Phase philosophische Elitebegriff in der späten Phase zu einem soziologischen Elitebegriff entwickelt, ohne indes die normative Fundierung preiszugeben. Aufschlußreich wird sein, die normative Dimension dieses Elitebegriffs in Bezug zu setzen zu Schelers kulturkritisch motivierter These vom Werteverfall. Ins Zentrum rückt dabei die 1911 begonnene, immer wieder aufgenommene, aber nie systematisch<23> beendete Schrift ‚Vorbilder und Führer’<24>, die - wohl aufgrund des in der NS-Ideologie hypostasierten Führerbegriffs zurecht in Mißkredit geraten -


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bislang wenig Beachtung gefunden hat. Von dieser Schrift ausgehend möchte ich zeigen, daß es sich hier um eine - wenn auch unvollständige - Ausformulierung der in der Schelerschen Wertethik implizit angelegten elitetheoretischen Überlegungen handelt. Die Begründung der besonderen Bedeutung und Qualifizierung der Eliten als ‚Vorbilder’ in Abgrenzung zum ‚Führer’-Begriff kann, so meine These, als Rekurs auf eine der Politik und dem Politischen vorgelagerte normative Ebene gelesen werden. Indem er auf diese vorpolitische Ebene rekurriert, thematisiert er das, was man auch als ‚sozio-moralische’ Grundlagen (Herfried Münkler) politischer Ordnungen bezeichnen kann, insbesondere in Krisenzeiten, in denen bisher fraglos Geltendes problematisch und hinterfragbar wird und somit auch der Bestand bzw. die Bindungskraft sozio-moralischer Ressourcen fraglich wird. Da Krisen mit einem erhöhten Maß an Verunsicherung einhergehen, entsteht ein erhöhter Explikationsbedarf und somit ein Kampf um die Deutungskompetenz und -macht. In solchen Zeiten treten die Intellektuellen als professionelle Sinn- und Definitionsproduzenten in den Vordergrund und beanspruchen über das Bewußtmachen der Krisenerfahrung hinaus auch, deren Lösung zu kennen.

Als Diagnostiker und Kritiker seiner Zeit entwickelt Scheler zugleich eine Modernekritik insgesamt. Zugleich mit und gegen Friedrich Nietzsche macht er den Ressentimentbegriff zum Fokus seiner frühen kulturkritischen Schriften, über den sich seine Modernekritik am sinnfälligsten rekonstruieren läßt. Fast zeitgleich mit Scheler beschreibt sein großer Antipode Max Weber aus soziologischer Perspektive ähnliche Phänomene, bewahrt jedoch, im Gegensatz zu Schelers leidenschaftlichen Verstrickungen, Distanz insofern, als er sich, ganz dem Diktum der wertfreien Wissenschaft verpflichtet, jeder emphatischen Bewertung zu enthalten bemüht. Beide Theoretiker untersuchen u.a. - wenn auch mit unterschiedlichem Systematisierungsgrad - die Genese des kapitalistischen Geistes und deren Bedeutung für die moderne Gesellschaft. Darin auch mit Werner Sombart und Ernst Troeltsch übereinstimmend, daß der Siegeszug des modernen Kapitalismus mit rein ökonomischen Kriterien nicht hinreichend erklärt werden könne, erachtet Weber bekanntlich die Einflüsse der protestantischen Ethik für maßgeblich, während Scheler die Herausbildung des neuen kapitalistischen


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Menschentyps auf das Wirksamwerden einer ressentimentgeleiteten Seinsweise zurückführt.

Darüber hinaus reflektieren beide die politische Lage Deutschlands vor und nach dem Ersten Weltkrieg, wobei der Weltkrieg eine besondere Perzeptionszäsur sowohl aus der Binnenperspektive beider Theoretiker als auch der Außenperspektive des vom historischen Standpunkt aus Betrachtenden darstellt. Während Scheler zu Beginn des Krieges in ihm das erlösende Fanal zu erblicken vermeint und sich dies in einer, den kreativen Erzeuger von Neuem feiernden existentiellen Kriegsauffassung manifestiert, verändern die Realität des Krieges und die Kriegserfahrung den Blick. Noch in einer frühen Phase des Krieges gibt Scheler deshalb den existenziellen zugunsten eines den Krieg nur als Mittel der Politik verstehenden instrumentellen Kriegsbegriffs preis.

Insonderheit die politische Führungskrise im Krieg und der vermeintliche Mangel sowohl an politischen als auch an kulturellen Führungskräften nach dem Krieg einerseits und der Bedeutungsgewinn der durch Industrialisierung und Urbanisierung freigesetzten und durch den Krieg mobilisierten Massen andererseits manifestierten sich in einem gesteigerten Problembewußtsein dahingehend, daß die Kriterien, nach denen die ‚Besten’ sich als solche qualifizieren, und der Modus ihrer Rekrutierung nunmehr zur Disposition stehen. Webers Typologisierung von Herrschaft, insbesondere das Modell charismatischer Herrschaft, bietet sich als Kontrastfolie für Schelers Vorbildkonzeption an. Während es nämlich Weber in der Entfaltung der legitimen Herrschaftsformen um deren beschreibende Differenzierung nach den jeweils zugrundeliegenden Prinzipien geht, ist dem frühen Scheler daran gelegen, die normativen Voraussetzungen politischer Ordnungen und Herrschaft aufzuzeigen. Bezogen auf die elitentheoretischen Konsequenzen kann die Differenz zwischen beiden Konzeptualisierungen auch beschrieben werden als Spannung zwischen einem Weber zuschreibbaren eher soziologischen und einem Scheler zuzuordnenden philosophischen Elitebegriff. Gleichwohl lassen sich auch innerhalb des Schelerschen Werkes beide Elitebegriffe finden, wobei in den früheren Werken der philosophische und in den Spätschriften der soziologische und politische Elitebegriff dominiert, ohne indes den jeweils anderen Elitebegriff vollends preiszugeben. Die Genese des Elitebegriffs von einem stark normativ


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fundierten hin zu einem klassisch-soziologisch wissens- und machtfundierten Elitenkonzept ist eng verflochten mit der sich verändernden Wirklichkeitsauffassung Schelers im Hinblick auf die Realisierungschancen von ‚Realfaktoren’ gegenüber ‚Idealfaktoren’, bzw. von Macht und Geist.

Während der philosophische Elitebegriff in seiner gegen Kants rigorose Pflichtenethik entwickelten Wertethik gründet, ist der soziologische Elitebegriff ein Zugeständnis an die klassische soziologische Elitentheorie, vertreten durch Mosca und Pareto. Bildete in den frühen Schriften Schelers die Ressentimentanalyse den Nukleus seines Denkens, so konzentriert er sich nach der wissenssoziologischen Wende auf das Phänomen der Ideologie, um die weltanschaulich motivierten Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik wissenssoziologisch zu entschärfen.

Die Verschiebung von einem philosophischen zu einem soziologischen Elitebegriff ist jedoch nicht als schlichtes opportunistisches Zugeständnis<25> an die Umstände zu verstehen, sondern, und das ist im folgenden die Arbeitshypothese, Scheler hat, indem er nicht einen Ansatz zugunsten des anderen aufzulösen versuchte, gerade in der komplementären Spannung beider Ansätze einen dritten Weg beschritten. Vor diesem wissenssoziologischen Hintergrund wird dann zu zeigen sein, inwiefern


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Schelers machtgestütztes Elitedenken in seine politischen Überlegungen einfließen und seine Vorstellung einer elitären Demokratie begründen.

Die vorliegende Untersuchung des Schelerschen Denkens geht einerseits den Weg einer synchronen Rehistorisierung, andererseits wird sein Denken in diachroner Perspektive aufgeschlüsselt. Die Rekonstruktion seines Denkens wird zwar fachlich eingegrenzt auf die zeitgenössischen Kontroversen innerhalb der Sozialphilosophie und (Wissens-)Soziologie, aber doch auch zum weiteren Feld der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen geöffnet. Ein solcher Schritt lenkt den Blick immer auch auf den Kontext, in dem dieses Denken gründet. Als Ausgangspunkt der Rehistorisierung kann Schelers Entwicklung von eher streng philosophischen zu stärker soziologischen Fragestellungen gesehen werden, wobei die Auseinandersetzung mit politischen Themen zeitgleich stattfindet und sich mit den theoretischen Reflexionen wechselseitig durchdringt. Die Probleme, mit denen sich Scheler auseinandersetzt, können demnach nur verstanden werden, wenn man sich insbesondere die Diskussionslage zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik vergegenwärtigt.

Hält man an der Einteilung der Schelerschen Schaffensphasen in drei Perioden fest, so liegt die Frage nahe, warum die vorliegende Arbeit nur die erste und letzte Phase berücksichtigt, während die ‚katholische Phase’ außen vor gelassen wird. Das hat seinen Grund darin, daß Schelers Auseinandersetzung mit dem Deismus und dessen institutionalisierter Heilsanstalt für die Frage nach den Eliten wenn auch nicht völlig unerheblich, so doch nicht sonderlich erkenntnissteigernd ist. Die Schriften aus dieser Phase werden durchaus auch zum Beleg der hier vertretenen Thesen herangezogen werden, indes ohne ihren systemimmanenten Stellenwert gesondert herauszuarbeiten. Der für vorliegendes Thema besonders wichtige Paradigmenwechsel in der denkerischen Entwicklung Schelers liegt in der wissenssoziologischen Wende begründet, auch in Hinblick auf das Politische. Kreisten Schelers frühe kulturkritische Schriften zwar immer auch um das Politische, wenn auch mit einem antipolitischen Affekt, so ändert sich dies später grundlegend. Die veränderte politische Lage der Weimarer Republik und Schelers


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theoretische Umorientierung lassen ihn zwar nicht zu einem genuin politischen Denker werden, aber das Politische rückt zusehends in den Mittelpunkt seines Interesses.

Im folgenden werde ich entlang der Schelerschen Modernekritik dessen These vom Werteverfall erläutern und zeigen, inwiefern seiner Auffassung nach das Wirksamwerden des Ressentiments eine ‚normative Leerstelle’ erzeugt. (Kapitel II) Wem die Rolle des Platzhalters zugedacht ist und welche Qualitäten benötigt werden, um diese Leerstelle auszufüllen, wird in einer ideengeschichtlichen Ausführung hinsichtlich der Bedeutung von Wissen, Macht und Wert für den Elitebegriff deutlich werden. Wertethisch qualifizierten Eliten kommt in Schelers Konzept neben der rein politischen Führung eine diese Funktion überschreitende Aufgabe zu, nämlich vorbildlich zu wirken und damit zugleich Aufhalter und Wegweiser zu sein. Ein punktueller Vergleich mit Webers Konzeption charismatisch legitimierter Herrschaft soll dann die These untermauern, daß Schelers Vorbildkonzept eine genuin vorpolitische Dimension politischer Ordnung reflektiert, in der, im Gegensatz zu herrschaftssoziologischen Fragen, sozio-moralischen Fragen ein zentraler Stellenwert eingeräumt wird. (Kapitel III) Scheler nimmt die fortschreitenden soziokulturellen Heterogenisierungen einer sich modernisierenden Gesellschaft kritisch ins Visier, in der die vorpolitischen normativen Quellen der politischen Kultur immer mehr zu versiegen drohen. Zu Beginn der 20er Jahre wendet er sich den konkurrierenden Weltanschauungen systematisch zu und versucht, das komplementäre Ideologieproblem wissenssoziologisch zu entschärfen. Schließlich ist zu zeigen, welche Bedeutung sich für das Relationsverhältnis von Vorbild und Führer aus dem Umstand ergibt, daß Scheler in der Spätphase aus kultursoziologischer Perspektive immer deutlicher eine Prävalenz der „Realfaktoren“ gegenüber den „Idealfaktoren“ annimmt. (Kapitel IV) Daran anschließend werden Schelers Überlegungen zur normativen Fundierung der politischen Führung und den sich daran anknüpfenden Konsequenzen für das Demokratieverständnis dargelegt. (Kapitel V) Auch wenn die Werthaltung der Kerngehalt seines Elitekonzeptes ist, spielen sowohl Macht als


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Realisierungsfaktor als auch Wissen als Ermöglichungsfaktor eine zentrale Rolle. In Schelers Verständnis der Volks-Bildung zeigt sich bildungspolitische Konsequenz einer wertethisch zu Ende gedachten Elitekonzeption. (Kapitel VI)

Abschließend möchte ich zeigen, inwiefern im ‚nachmetaphysischen Zeitalter’ (Habermas) der Diskurs um Eliten in gegenwärtigen Debatten - beispielsweise um die Verantwortungsgesellschaft (z.B. Jonas, Etzioni) - durchaus wieder stark normative Züge annimmt. In dieser Diskussion vermag der von Scheler beschrittene ‚dritte Weg’ wenn auch keine Lösung, so doch vielleicht eine Richtung zu weisen. (Schlußbetrachtung)


Fußnoten:

<1>

Habermas’ Urteil, nach dem Scheler nicht mehr zum philosophischen Bestand gehöre (Habermas, Jürgen, 1978, Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien, Frankfurt/Main, S. 118), sowie Plessners Einschätzung, Scheler sei weniger aufgrund seiner Ergebnisse für die Gesellschaftswissenschaft interessant als wegen der Art seines Philosophierens (vgl. Plessner, Helmuth, 1956, Max Scheler, in: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 9, Stuttgart/Tübingen/Göttingen 1956, S. 115-117: 115) können als Exklusionsstrategien vernachlässigt werden. Die Urteile über Scheler reichen von „die stärkste philosophische Kraft (...) in der gegenwärtigen Philosophie überhaupt“ (Martin Heidegger, zit. nach Mader, Wilhelm, 1980, Max Scheler in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg, S. 144) bis hin zu „wilder Denker“ (van Vucht Tijssen, Lietke, 1989, Auf dem Weg zur Relativierung der Vernunft. Eine vergleichende Rekonstruktion der kultur- und wissenssoziologischen Auffassungen Max Schelers und Max Webers, Berlin, S. 43). Zur Gegenwartsbedeutung Schelers vgl. Sepp, Hans Rainer, 1995, Das Werk Max Schelers in der gegenwärtigen Edition und Diskussion, in: Philosophische Rundschau, Vol. 28, n.1, Tübingen, S. 108-122. Stephan F. Schneck hat Ende der 80er Jahre versucht, Scheler für die politische Theorie fruchtbar zu machen, indem er den Schelerschen Personalismus für eine politische Theorie der „Praxis“ zu aktualisieren versuchte. Schneck, Stephan Frederick, 1987, Person and Polis. Max Scheler's Personalismus as Political Theorie, Albany. Im Rahmen der jüngst gegründeten Scheler-Gesellschaft finden nunmehr regelmäßige Kolloquien statt - deren Ergebnisse veröffentlicht werden -, in denen Scheler aus den unterschiedlichsten Perspektiven diskutiert wird.

<2>

Krakauer, Siegfried, 1928, Max Scheler, in: Frankfurter Zeitung vom 21.05.1928.

<3>

Vgl. Stammer, Otto, 1951, Das Eliteproblem in der Demokratie, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 71 und Aron, Raymond, 1960, Die Eliten und die industrielle Zivilisation, in: Universitas. Zeitschrift für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Zürich, S. 1109-1114.

<4>

Nach Klaus von Beyme bezeichnet der „Elitebegriff heute vorwiegend eine genau angebbare Leistungsqualifikation ohne ethische oder politische Forderungen. (...) Politische Elite bezeichnet funktional und positionell abgrenzbare Führungsgruppen des politischen Systems, deren Macht in der Demokratie nur als Derivat der Volkssouveränität gerechtfertigt werden kann.“ Beyme, Klaus von, 1971, Die politische Elite in der Bundesrepublik Deutschland, München, S. 9 und 10. Wolfgang Zapf hat in den 60er Jahren gegen normative Ansätze die Notwendigkeit empirischer Forschung betont. Vgl. Zapf, Wolfgang, 1965, Wandlungen der deutschen Elite. Ein Zirkulationsmodell deutscher Führungsgruppen 1919-1961, München. Vgl. auch Klingemann, Hans-Dieter; Stöss, Richard; Weßels, Bernhard, (Hg.), 1991, Politische Klasse und politische Institutionen. Probleme und Perspektiven der Elitenforschung. Dietrich Herzog zum 60. Geburtstag, Opladen, Wiesbaden. Dagegen hat Suzanne Keller in der ‚International Enzyclopedia of Social Science’ die allgemeine Funktion von Eliten definiert: „to symbolize the moral unity of a collectivity by emphasizing common purposes and interest; to coordinate and harmonize diversified activities, combat factionalism, and resolve group conflicts; and to protect the collectivity from external danger.“ Keller, Suzanne, 1974, Elites, International Enzyclopedia of Social Science, S. 26-29: 27.

<5>

Vgl. Sartori, Giovanni, 1992, Demokratietheorie, Darmstadt. Der Begriff der demokratischen Elitenherrschaft ist ursprünglich von Peter Bachrach, einem Gegner dieses Ansatzes, als polemischer Begriff ins Spiel gebracht worden. Vgl. Lamberts, Günter, 1984, Demokratie oder Eliteherrschaft?: Sind die Bürger nur Statisten?, Krefeld S. 45.

<6>

Leif, Thomas; Legrand, Hans-Josef; Klein, Ansgar (Hg.), 1995, Die politische Klasse in Deutschland. Eliten auf dem Prüfstand, Bonn, Berlin, S. 11.

<7>

So der Untertitel eines jüngst erschienen Aufsatzes von Sven Papcke über Eliten. Papcke, Sven, 1998, Über Eliten. Wie sie sein sollten und doch nicht sind, in: Merkur, Heft 12, 52. Jg., S. 1118-1126.

<8>

Der politischen Elite wird auch eine zunehmende „Isolation (...) vom gewöhnlichen Leben“ vorgeworfen, die sich in einem gewissen artifiziellen Charakter der Politik widerspiegele. Lasch, Christopher, 1995², Die blinde Elite. Macht ohne Verantwortung, Hamburg, S. 11. Von planlosen Eliten handelt das Buch von Glotz, Peter; Süssmuth, Rita; Seitz, Konrad, 1992, Die planlosen Eliten. Versäumen wir Deutschen die Zukunft?, München.

<9>

Emcke, Carolin; Schwarz, Ulrich, 1999, Tanz ums goldene Kalb, in: Der Spiegel, Nr. 51, Hamburg, S.50- 66: 50. „Eliten“, so H.P. Dreitzel, „sind zur Führung und Repräsentation der Gesellschaft berufen - wo sie fehlen oder doch dem Anspruch nicht genügen, werden sie zum Problem.“ Ders., 1962, Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart, S. 1.

<10>

Weber, Alfred, 1955, Einführung in die Soziologie, München, S. 66-67.

<11>

Glotz, Peter; Süssmuth, Rita; Seitz, Konrad, 1992, Die planlosen Eliten. Versäumen wir Deutschen die Zukunft?, München, S. 13.

<12>

Schmidt, Hartwig, 2000, Editorial, in: Berliner Debatte INITIAL 11, S. 2.

<13>

Vgl. auch Endruweit, Günter, 1979, Elitebegriffe in den Sozialwissenschaften, in: Zeitschrift für Politik, Jg. 26, H. 1, S. 30-46.

<14>

Bude, Heinz, 2000, Auf der Suche nach Elite, in: Kursbuch. Die neuen Eliten, Berlin, H. 139, S. 10-11. Vgl. Mittelstraß, Jürgen, 1984, Fortschritt und Eliten, Konstanz, Hoffmann-Lange, Ursula, 1992, Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik, Opladen.

<15>

Wright Mills, Charles, 1956 (dt. 1962), The Power Elite, Oxford.

<16>

Bude, Heinz, 2000, Auf der Suche nach Elite, in: Kursbuch. Die neuen Eliten, Berlin, H. 139, S. 12.

<17>

So Scheler den Grafen Hertling zitierend. Scheler, Max, 1917 (GW 4), Recht, Staat und Gesellschaft, S. 579.

<18>

Bude, Heinz, 2000, Auf der Suche nach Elite, in: Kursbuch. Die neuen Eliten, Berlin, H. 139, S. 12.

<19>

Münkler, Herfried, 2000, Werte, Status, Leistung. Über die Probleme der Sozialwissenschaften mit der Definition von Eliten, in: Kursbuch. Die neuen Eliten, Berlin, Heft 139, S. 76-88, insbes. S. 80.

<20>

Schelers Elitebegriff als Wert-Elite zu bezeichnen, ist eine Folge seines ethischen Personalismus: „Dieser führte ihn dazu, in den Elitebegriff die von ihm früher entwickelte und nie ganz aufgegebene Dialektik von Führer und Vorbild hineinzutragen, so dass die drei Begriffe austauschbar werden.“ Czech, Joachim, 1972, Kirche und Elite. Der Elitebegriff in der Soziologie und Kulturphilosophie sowie in der Christlichen Sozialethik und seine Anwendbarkeit in Theologie und Kirche, München, S. 88.

<21>

Vgl. dazu Schneider, Gabriele, 1996, Ressentiment und Ideologie. Max Schelers Betrachtung differenter Grundlagen politischer Ordnung, in: Bürgerreligion und Bürgertugend. Debatten über die vorpolitischen Grundlagen politischer Ordnung, hg. von Herfried Münkler, Baden-Baden, S. 162-180.

<22>

Der Frage nach der Entstehung von Werten ist in dieser Deutlichkeit jüngst Hans Joas in seinem gleichnamigen Buch nachgegangen. Joas, Hans, 1997, Die Entstehung der Werte, Frankfurt/Main. Dort rekonstruiert und interpretiert Joas den in Vergessenheit geratenen Diskurs bei Nietzsche beginnend bis hin zu Dewey. Die gegenwärtige Debatte, so eines seiner Ergebnisse, habe den lebensphilosophisch und pragmatistisch geprägten Wertdiskurs der Jahrhundertwende außen vorgelassen, was aber nicht als Indiz für dessen Unzulänglichkeit gelten könne. Im Rahmen von Joas Neurezeption wird auch Schelers materiale Wertethik als avanciertester Versuch einer wertethischen Neubegründung respektiert, die, ungeachtet ihrer Unzulänglichkeiten, tiefe Einblicke in die spezifische Erfahrungsweise von Werten ermögliche.

<23>

Das über weite Strecken unsystematische Denken Schelers sowie die „Untreue“ seines Denkens können aber auch als Resultat einer unausgewiesenen „Methodik“ verstanden werden. Der Kern dieser Überlegung ist, daß Schelers Denken von starken Intuitionen geleitet wird, die er je nach Maßgabe der Realisierungsmöglichkeiten in einen anderen theoretisch-wissenschaftlichen, weltanschaulichen oder persönlichen Kontext einbindet. Somit besteht die oft angemahnte Untreue seines Denkens weniger in der Beliebigkeit der Inhalte, als in den verschiedenen Formen, in die diese Inhalte eingelassen sind. Scheler selbst, so Hans-Georg Gadamer in seinen Erinnerungen, hat wohl eingestanden, seine Gedanken nicht immer sauber auszuarbeiten. Zu Nicolai Hartmann soll er anläßlich einer Begebung gesagt haben: „Mein Genie und Ihr Sitzfleisch - das gäbe einen Philosophen.“ Gadamer, Hans-Georg, 1977, Philosophische Lehrjahre. Eine Rückschau, Frankfurt/Main, S. 69.

<24>

Die ‚Vorbilder und Führer’-Schrift ist zwischen 1911 und 1921 entstanden, wobei der Kern der Arbeit, die Vorbildmodelle, wohl zwischen 1912 und 1914 verfaßt wurde. Im ‚Formalismus in der Ethik’ weist Scheler selbst darauf hin, daß dem Buch ‚Vom Ewigen im Menschen’, dessen erster Band vom Verhältnis zwischen ‚Religion und Moral’ handelt, ein zweiter hätte folgen sollen, in dem ‚Vorbilder und Führertypen’ das Thema gewesen wären, ein Vorhaben, das wie vieles andere auch nicht über den Fragmentcharakter hinausgelangt ist. Ein weiterer Beleg für Heinrich Lützelers These, daß Scheler ein „Beginner, kein Vollender“ gewesen ist. Vgl. Lützeler, Heinrich, 1947, Der Philosoph Max Scheler. Eine Einführung, Bonn, S. 8.

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Scheler selbst reagierte auf solcherlei Vorwürfe mehr oder weniger erregt, wie sich folgender Kommentierung entnehmen läßt: „Nicht für unsere Ansichten, wohl aber dafür, daß wir ein Recht haben, sie fortwährend zu ändern und zu modificiren, wollen wir uns totschlagen lassen. Dieses Wort Nietzsches - ist das große unüberwindliche Erkenntnisethos der Neuzeit, das kein Goethezitat, es sei ‚die Wahrheit schon längst gefunden’ verletzen, ja auch nur berühren kann. Unter tiefem und schmerzlichem Ringen der Seele und des Geistes, hat der Verfasser eine Überzeugung resolut preisgegeben und eine der Wahrheit (seiner Einsicht) näherkommende, wenn auch in den großen Händeln der Welt vorläufig noch sehr unwirksame Überzeugung annehmen zu müssen geglaubt, die in schroffem Gegensatz steht zu den heiligsten Gesamt [.....] der abendländischen christlichen Gesellschaft. (....) ‚Treue’ - eine Tugend des Willens - gibt es nicht in der Sphäre der Einsicht. Wer willentlich bei einem Satz beharrt, dessen Gegenteil er in produktiver Forschung - die nie wissen kann, wozu sie kommt - einsieht, ist für den Verfasser ein ‚Schuft’.“ Scheler, Max, Sign.: Ana 315, D II 1. Eine durchgestrichene Ergänzung, die eigentlich für die Vorrede der dritten Auflage des Formalismusbuches als Replik auf die öffentliche Kritik an Schelers Abwendung vom Theismus gedacht war. In einem anderen Fragment betont Scheler seine prospektive Haltung: „Ich bin ein prospektiver Mensch, kein retrospektiver Typus; ein Prometheus, kein Epimetheus. Nur ungern und unter Schmerzen verweilt dazu mein geistiges Auge auf meiner Vergangenheit: der Irrungen, der Enttäuschungen, der Leiden sind zu viele, die sie enthält.“ Scheler-Nachlaß der Bayerischen Staatsbibliothek München, Sammlung loser Blätter, Sign. Ana 315 B III 31h, zit. nach Henckmann, Wolfhart, 2000, Person und Wert. Zur Genesis einer Problemstellung, in: Bermes, Christian u.a., 2000, Person und Wert: Schelers „Formalismus“ - Perspektiven und Wirkungen, Freiburg, München, S. 15.


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Mon Sep 22 10:38:14 2003