Anhang 1: Fallbeschreibungen

Um zu veranschaulichen, auf welche Weise es in der vorliegenden Studie bei vier Patienten zu schweren psychiatrischen Nebenwirkungen kam, werden im folgenden die Fallberichte dieser Patienten vorgestellt werden.

Fall 1

Herr A. ist 33 Jahre alt, verheiratet und Vater einer fünfjährigen Tochter. Er brach eine Krankenpflegerausbildung ab, als er vor 13 Jahren an Hepatitis C erkrankte, und ist zur Zeit nicht erwerbstätig. Nach einer milden akuten Phase der Erkrankung ist er beschwerdefrei. Eine Therapie mit α-Interferon vor 5 Jahren erbrachte keinen dauerhaften Erfolg.

Herr A. beschreibt starke Depressionen, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen über die letzten Jahre. Er versuchte vor 10 Jahren und vor 8 Jahren, sich mit Kokain bzw. Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Die depressiven Nebenwirkungen des Interferons seien in der zurückliegenden Therapie stark belastend gewesen, doch dieses Mal sei er zuversichtlich, damit umgehen zu können. Suizidgedanken habe er seit der Geburt seiner Tochter nicht mehr zugelassen.

Vor Therapiebeginn erreicht Herr A. 39 Punkte auf der ADS und 26 Punkte im BDI und wird damit als schwer depressiv eingestuft. Er wird dennoch in die Studie aufgenommen und mit der Kombinationstherapie behandelt. Histologisch wird seine Hepatitis als chronisch-aktiv beurteilt. Er ist mit dem Virusgenotyp 2b infiziert. Seine Transaminasen liegen bei 51 U/l (GPT) und 19 U/L (GOT), γGT bei 50 U/l.

Nach einer Woche Therapie klagt Herr A. über erneut auftretende Suizidgedanken bei schwerer Depressivität und fragt nach der Telefonnummer der psychosomatischen Ambulanz. Seine Schlafstörungen sind nun so massiv, daß er kaum noch schläft, zudem beschreibt er Fieberschübe, Gelenkschmerzen und quälenden Juckreiz.

Nach zwei Wochen Therapie gibt Herr A. an, konkret über einen Suizidversuch mit Kokain nachgedacht zu haben. Er versucht, seine Depressionen mit dem Rauchen von Cannabis zu lindern. Er beschreibt Unstimmigkeiten mit seiner Frau. Der Therapieabbruch wird ihm von dem betreuenden Hepatologen nahegelegt.

Nach vier Wochen Therapie bricht Herr A. auf eigenes Bestreben die Behandlung ab und weist sich nachts selbst über die Kriseninterventionsstelle ein, verläßt die Einrichtung jedoch schon nach einer Stunde. In einem abschließenden Fragebogen gibt er an, er "würde sich umbringen, wenn er es könnte" (BDI). Auf der ACSA setzt er sein Kreuz weit vom untersten Rand entfernt und schreibt daneben: "Die schlimste und übermegaschlimste Zeit in meinem Leben". Der ADS-Summenwert beträgt zu diesem Zeitpunkt 33 Punkte. Laborchemisch haben sich seine Leberwerte auf 55 U/l (GPT), 33 U/l (GOT) und 61 U/l (γGT) verschlechtert.

Herr A. begibt sich wenige Tage darauf in ambulante Psychotherapie und wird mit Antidepressiva behandelt. Bei seinem nächsten Besuch 8 Wochen nach Therapiebeginn zeigt er sich deutlich aufgehellt. Auf der ADS erreicht er nun 26 Punkte, im BDI 25 Punkte und beschreibt sich damit als weniger depressiv als vor Behandlungsbeginn.

Fall 2

Frau B. ist 36 Jahre alt, geschieden, und lebt zusammen mit ihrem Freund. Sie arbeitet als Altenpflegerin, bemüht sich aber, die Stelle zu wechseln, da sie nach eigenen Angaben die Nacht- und Wochenendarbeit nicht mehr verkraftet. Es wird vermutet, daß sie im Rahmen ihrer Tätigkeit vor 4 Jahren mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert wurde. Vor 18 Jahren erwarb sie während der Ausbildung eine Hepatitis B, die inzwischen ausgeheilt ist. Sie gibt an, depressive Stimmungen zu kennen, glaubt aber nicht, daß sie besonders depressiv sei. Vor Therapiebeginn erreicht sie auf der ADS 23 Punkte, im BDI ebenfalls 23 Punkte, wird also als depressiv eingestuft. Histologisch wird eine chronisch-persistierende Hepatitis C mit dem Virusgenotyp 1a und Enzymwerten von 28 U/l (GPT), 13 U/l (GOT) und 11 U/l (γGT) festgestellt. Frau B. wird als nicht vorbehandelte Patientin randomisiert und der Kombinationstherapie zugeteilt.

Nach einer Woche Therapie klagt Frau B. über eine "depressive Phase", fühlt sich antriebslos und matt. Sie arbeitet nicht, verbringt ihre Zeit zu Hause und wird von ihrem Freund kritisiert, sie sei faul. Sie hat Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe der Deutschen Leberhilfe aufgenommen und hofft, dort auf mehr Verständnis für ihre Lage zu treffen.

Nach vier Wochen Therapie scheint eine gewisse Stabilisierung einzutreten: Frau B. hat eine andere Stelle angeboten bekommen, auf der sie mit Büroarbeit beschäftigt sein wird. Sie beschreibt sich als launenhaft und labil und sagt, manchmal "kenne sie sich gar nicht wieder". Hepatologisch werden Enzymwerte im Normbereich gemessen: 13 U/l (GPT), 7 U/l (GOT) und 9 U/l (γGT). Auf der ADS erreicht Frau B. 37 Punkte.

Nach acht Wochen Therapie klagt Frau B. über starke Unruhe, Neigung zum Weinen und Gewichtsverlust. Sie fühlt sich "am Rande eines Nervenzusammenbruchs" und berichtet über ein "Komplott" ihrer Arbeitgeber und des Personalrates, um sie auszubeuten. Sie bittet einen Anwalt um Hilfe wegen ihrer Arbeitssituation und sucht eine Psychologin auf.

12 Wochen nach Therapiebeginn erscheint die Patientin nicht in der Sprechstunde, schickt aber einen Brief, in dem sie von einem dreiwöchigen stationären Klinikaufenthalt "wegen massiver Nebenwirkungen" berichtet. Sie hat ihre Therapie nach 9 Behandlungswochen abgebrochen. In der Liste der "Nebenwirkungen die zur Aufnahme führten", führt sie unter anderem auf:

"Erbarmungswürdiger seelischer Zustand; totale psychische Erschöpfung; totale Vergesslichkeit; Gedächtnisstörungen; Depression; ich konnte nichts mehr essen; ich konnte mich überhaupt nicht mehr konzentrieren; ich konnte nicht mehr schlafen; Suizidgedanken; ständige Übelkeit; ich konnte nicht mehr arbeiten; keine Merkfähigkeit; Geschmacksstörungen; allergische Reaktionen an der Haut; Durchfall/Verstopfung; totale Unruhe; konnte mich überhaupt nicht entspannen oder abschalten; Sprachstörungen".

Im beiliegenden Fragebogen erreicht sie 30 Punkte auf der ADS und 35 Punkte im BDI.

Fall 3

Herr C. ist 28 Jahre alt, ledig, und lebt mit seiner Freundin zusammen. Er arbeitet bei einem Wachdienst, ist aber seit 4 Monaten wegen seiner Hepatitis C krankgeschrieben. Diese erwarb er wahrscheinlich im Rahmen seines früheren Mißbrauchs von intravenösen Drogen, von denen er seit dem Alter von 13 Jahren 9 Jahre lang abhängig war. In dieser Zeit lebte er wegen der Abweisung durch die Eltern teilweise auf der Straße.

Er erinnert sich an eine akute ikterische Phase vor 7 Jahren. Die allgemeine Müdigkeit, Abgeschlagenheit und "Knochenschmerzen" begannen erst vor ca. 4 Jahren. Während eines Aufenthalts in der Untersuchungshaft wegen Beschaffungskriminalität versuchte Herr C., sich zu erhängen, wurde aber rechtzeitig aufgefunden und überlebte.

Herr C. schätzt seine Stimmungslage als labil ein und hat daher Angst vor den möglichen depressiven Nebenwirkungen der Interferontherapie. Er erreicht vor Behandlungsbeginn einen Summenwert von 20 Punkten auf der ADS, 26 im BDI.

Histologisch wird eine chronisch-aktive Form der Hepatitis C festgestellt, die Infektion erfolgte mit dem Virusgenotyp 1a. Seine Enzymwerte sind mit 585 U/l (GPT), 189 U/l (GOT) und 86 U/l (γGT) die höchsten des gesamten Kollektivs. Er wird als nicht-vorbehandelter Patient randomisiert und der Monotherapie mit Interferon zugeteilt.

Nach einer Woche Therapie klagt Herr C. nur wenig über grippeartige Nebenwirkungen, es sei "insgesamt aushaltbar". Er genießt sogar die arbeitsfreie Zeit und verbringt große Teile des Tages an der frischen Luft.

Nach knapp zwei Wochen Therapie wird Herr C. nachts auf eine psychiatrische Überwachungsstation aufgenommen, nachdem er sich nach einem Streit mit seiner Freundin seine drei restlichen Interferonspritzen á 3 MU auf einmal injiziert hat. Er "kann sich selbst nicht verstehen", "wollte doch nur abschalten", wirkt insgesamt sehr labil und aufgewühlt. Er äußert Ängste vor erneutem Drogenkontakt, der ihm durch einen Bekannten nahegebracht wird, und kündigt an, sich umbringen zu wollen, falls er wieder in die Abhängigkeit geraten sollte. Durch seine lange Krankschreibung gebe es zudem eine "Vorverhandlung wegen Rausschmiß" aus seiner Arbeitsstelle. Er sucht Hilfe bei einer Psychologin und macht Gebrauch von einem Krisentelefon. Obwohl er selber die Therapie fortsetzen möchte, sofern er von nun an nicht selbst spritzen muß, wird die Behandlung abgebrochen.

Bei seinem nächsten Besuch drei Wochen nach Therapiebeginn hat Herr C. mit einer Psychotherapie begonnen und befindet sich nach eigener Einschätzung in einer Trennung von seiner Partnerin. Leider werden keine weiteren Fragebögen von ihm ausgefüllt, so daß Werte von ADS und BDI zu diesem Zeitpunkt fehlen. Hepatologisch werden 4 Wochen nach Therapiebeginn Enzymwerte von 30 U/l (GPT), 17 U/l (GOT) und 41 U/l (γGT) gemessen. Diese steigen jedoch nach Therapieabbruch wieder an und erreichen 8 Wochen nach Behandlungsbeginn wieder Werte von 509 U/l (GPT), 166 U/l (GOT) und 34 U/l (γGT).

Fall 4

Frau D. ist 35 Jahre alt, lebt seit 4 Jahren von ihrem Ehemann getrennt und arbeitet als Schreibkraft in einer Bank. Sie war vor 21 Jahren mit einem Drogenabhängigen liiert und erwarb in diesem Zusammenhang eine Hepatitis B, die inzwischen ausgeheilt ist. Vor 4 Jahren wurde bei einer akuten ikterischen Erkrankung eine Hepatitis C festgestellt, ohne daß der Infektionsweg bekannt geworden wäre. Sie selber hat zu keiner Zeit intravenöse Drogen konsumiert. Die hyporektische Patientin berichtet über eine Phase schwerer Niedergeschlagenheit vor wenigen Monaten. Auf der ADS gibt Frau D. 14 Punkte an, im BDI 5 Punkte. Damit wird sie als nicht depressiv eingestuft.

Die hepatologische Beurteilung dokumentiert eine chronisch-aktive Form der Hepatitis C, die Infektion erfolgte mit dem Virusgenotyp 2b. Die Enzymwerte erreichen 30 U/l (GPT), 23 U/l (GOT) und 15 U/l (γGT). Die Patientin ist nicht vorbehandelt, wird randomisiert und der Monotherapie mit Interferon zugeteilt.

In den ersten 8 Wochen der Behandlung klagt Frau D. hauptsächlich über grippeartige Symptome, Gewichtsverlust und Erschöpfung. Sie zeigt aber großen Durchhaltewillen, auch wenn sie sich wegen ihres Zustandes beurlauben läßt. Der nach 4 Wochen erhobene ADS-Summenwert beläuft sich auf 6 Punkte. Ihre Leberwerte befinden sich nach 4 Wochen mit 10 U/l (GPT), 12 U/l (GOT) und 13 U/l (γGT) im Normbereich.

Nach 10 Wochen Therapie konsumiert Frau D. nach einem Streit mit ihrem Freund exzessiv viel Alkohol und schließt sich daraufhin drei Tage lang in ihrer Wohnung ein und verbringt diese mit diskonnektiertem Telefon und heruntergelassenen Rolläden. Dann kommt sie von selbst in die Ambulanz der psychosomatischen Abteilung und wird von dort an die psychiatrische Station eines Krankenhauses weitergeleitet. Sie verbringt nur eine Nacht dort, da sie sich schlecht betreut fühlt. Sie hat große Angst, daß ihre Interferontherapie abgebrochen werden könnte. Nach Beratung mit den betreuenden Ärzten wird diese daraufhin in halber Dosierung fortgesetzt.

Nach 12 Wochen Therapie gibt Frau D. 42 Punkte auf der ADS und 44 Punkte im BDI an. Ihre Leberwerte befinden sich weiterhin im Normbereich.

Die depressive Symptomatik sowie die starke Gewichtsabnahme bleiben auch im weiteren Verlauf erhalten, bis Frau D. nach 24 Wochen Therapie erstmals angibt, wieder hoffnungsfroher zu sein. Sie beginnt, wieder einen normalen Appetit zu entwickeln. In den Gesprächen zeigt sie häufig Interesse an einer psychotherapeutischen Behandlung, sieht sich jedoch nicht in der Lage, ihre weiter bestehende Kontaktabneigung zu überwinden.

Nach 32 Wochen wird die Therapie abgebrochen, da Frau D. mehrere Wochen lang über ein Ohrgeräusch klagte. Nach wenigen Wochen wird der zuvor negative Virusnachweis wieder positiv.


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24.10.2005