1. Einleitung

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Die chronische Infektion mit dem erst 1989 identifizierten Hepatitis C Virus (HCV) betrifft nach Schätzungen heute 170-200 Millionen Menschen weltweit (Lohmann et al., 1999; Preston & Wright 1996). Obwohl ein wichtiger Übertragungsweg, die Transfusion viruspositiver Blutprodukte, durch Überprüfung von Blutspendern heutzutage an Bedeutung verloren hat, kommt einigen Autoren zufolge die größte Welle von Hepatitis C-Erkrankungen noch auf uns zu. Dies ist dem langsamen Verlauf und chronischen Charakter der Infektion zuzuschreiben, die in vielen Fällen über Jahre hinweg asymptomatisch verlaufen kann, ohne diagnostiziert zu werden. Trotz des zunächst recht harmlosen klinischen Erscheinungsbildes der chronischen Hepatitis C ist der Bedarf nach einer effektiven antiviralen Therapie drängend, um späte Folgeerscheinungen wie die Leberzirrhose und das hepatozelluläre Karzinom möglichst zu verhindern.

Zahlreiche internationale Studien beschäftigen sich seit mehr als einem Jahrzehnt damit, eine effektive Therapie der chronischen Hepatitis C zu finden. Die bis heute größten Erfolge wurden bei der Behandlung mit α-Interferon beobachtet, obwohl die Responderrate in den verschiedenen Veröffentlichungen bei enttäuschenden 10-20% liegt. Versuche, diese Ergebnisse zu verbessern, führten unter anderem zu dem Einsatz des Virusstatikums Ribavirin, so daß heute die Kombinationstherapie die Methode der Wahl darstellt mit einer Responderrate von ca. 36-41% (McHutchinson 2002). Neuere Forschungsarbeiten untersuchten weiterhin Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Virusstatika, den Einsatz von Proteaseinhibitoren und die Verwendung chemisch veränderter Interferone. Nicht zuletzt wird parallel nach dem Grund für die hohe Interferonresistenz des HCV gesucht.

In Anbetracht der Tatsache, daß trotz intensiver Forschung in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach kein Medikament zur klinischen Anwendung zugelassen werden wird, welches das α-Interferon ersetzen könnte, ist es wichtig, die Wirkungsweise der Substanz besser kennenzulernen und die Betreuung der Patienten, die sich dieser nebenwirkungsreichen Behandlung unterziehen, zu optimieren.

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Unter den zahlreichen unerwünschten Effekten des α-Interferons gehören die psychiatrischen Nebenwirkungen wie organische Psychosyndrome, Depressionen und andere Affektstörungen zu den schwersten Befunden, die einen großen Teil der behandelten Patienten betreffen und nicht selten zum Therapieabbruch zwingen. Über suizidale Tendenzen, Suizidversuche sowie durchgeführte Suizide wird von verschiedenen Autoren berichtet (Janssen et al., 1994; Renault et al., 1987). Zu dem großen Forschungsbedarf, der zur Erfassung solcher psychiatrischer Nebeneffekte noch besteht, soll hier ein Beitrag geleistet werden. Es soll nicht nur Depressivität vor und während der Interferontherapie beobachtet und dokumentiert werden, sondern auch nach klinischen Methoden gesucht werden, wie man diese Nebenwirkung früh und zuverlässig erfassen kann, um schwerwiegende Entwicklungen zu vermeiden.

Die Forschung nach den Wirkungsmechanismen des α-Interferons wurde in den letzten Jahren vorwiegend auf virologische und biochemische Denkansätze fokussiert. Es soll nicht angezweifelt werden, daß auf diese Weise die Zielsetzung - die Optimierung und Weiterentwicklung der Interferontherapie - erreicht werden kann. Bedenkt man jedoch die zunehmenden Erkenntnisse über die Modulation der Immunantwort durch z. B. Streß oder Depressivität, so erscheint es sinnvoll, zusätzlich psychosoziale Faktoren in die Betrachtung mit einzubeziehen. Dies sollte dabei helfen können, die Mechanismen, die dem Erwerb und dem Verlauf der Hepatitis C sowie dem mangelnden Ansprechen mancher Patienten auf α-Interferon zugrundeliegen könnten, genauer zu beleuchten. In diesem Sinne soll in der vorliegenden Arbeit auch erkundet werden, welche Umstände und Gegebenheiten außer virologischen und biochemischen Faktoren den Behandlungserfolg beeinflussen können. Da das Immunsystem des Patienten, und hier vor allem die zelluläre Immunabwehr, für den Erwerb einer Virushepatitis sowie für den Erfolg einer Interferontherapie eine maßgebliche Rolle spielt, wird demnach untersucht werden, welche individuellen psychosozialen Faktoren des Patienten diese Abwehr beeinträchtigen könnten. Diese Überlegungen werden sich in der vorliegenden Arbeit auf die Depressivität als einen möglichen Einflußfaktor konzentrieren.

Demzufolge werden folgende Schwerpunkte in der vorliegenden Studie gesetzt:

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Die vorliegende Arbeit versteht sich damit weder als eine nur hepatologische noch als eine nur psychologische Untersuchung. Sie versucht vielmehr, beide Bereiche miteinander zu verknüpfen und dadurch Einblicke in die Entstehung bzw. Verstärkung von Depressivität im Rahmen einer α-Interferontherapie zu erlangen. Das größte Gewicht soll dabei auf der klinischen Relevanz und Anwendbarkeit liegen. Somit versteht sich die Studie als ein Beitrag zur psychosomatischen, im Speziellen zur psychoneuroimmunologischen Forschung.


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24.10.2005