Schulz, Jürgen: Management von Risiko- und Krisenkommunikation - zur Bestandserhaltung und Anschlußfähigkeit von Kommunikationssystemen

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Kapitel 2. Begriffsdefinition und Abgrenzung

2.1 Risiko

"Rauchen gefährdet die Gesundheit", steht auf der Zigarettenschachtel. Gefährdet der Raucher seine Gesundheit oder riskiert er sie? Ist Rauchen eine Gefahr oder ein Risiko?

Spätestens mit der Aufklärung wird sich der Mensch seiner eigenen Handlungsmöglichkeiten bewusst und fühlt sich immer weniger den Gefahren übernatürlicher Kräfte ausgeliefert. Fortschritte in Medizin und Naturwissenschaften verstärkten diesen Bewusstseinswandel. Das Risiko löste die Gefahr ab (vgl. LUHMANN 1990). Der Mensch ist z.B. Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr der Gefahr des Blitzschlags machtlos ausgesetzt. Und in diesem Sinne notiert LICHTENBERG 1796:

Dass in den Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig. (Heft L 67; S. 860)

Bis heute steht der Begriff Risiko in direktem Zusammenhang mit der Beziehung des Menschen zu Natur und Technik.

Sowohl Tabu, Sünde als auch Risiko beziehen sich auf zentrale humane Themen: Beim Tabu ist es das Verhältnis zu magischen Mächten, bei der Sünde das Verhältnis der Menschen zu Gott und zur gottgewollten Ordnung und beim Risiko das Verhältnis zur Technik, Gesellschaft und Natur. WIEDEMANN (1993: 45)

Vor allem die Gefährdung durch riskante Technologien ist in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert worden. So war spätestens der Störfall von Tschernobyl Anlass für eine heftige Kontroverse um die Nutzung der Kernenergie.

Andererseits beklagen nicht nur Soziologen die mangelhafte Präzisierung des Begriffs Risiko (vgl. BONß 1995: 14; LUHMANN 1990: 138; BANSE 1996: 43) und die eingangs erwähnte Zigarettenschachtel ist ein Beispiel für die begriffliche Unschärfe nicht nur in der alltäglichen Verwendung des Begriffs.

Beim Thema Risiko geht es inzwischen nicht mehr nur um riskante Technologien. BONß (1995: 10) bestätigt zunächst den inflationären Gebrauch des Begriffs.

Eine Erklärung für die vermehrte Wahrnehmung von Risiken liegt in der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Der moderne Mensch kann sich zwangsläufig nicht mehr um alle Dinge kümmern, sondern muss die Entscheidung vertrauensvoll den dafür spezialisierten Teilsystemen überlassen. Vertrauen wird zum "Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität" (vgl. LUHMANN 1968). Gleichzeitig steigt die Bedrohung der Gesellschaft, da die Teilsysteme gesamtgesellschaftlichen Einfluß haben. Im Teilsystem Wirtschaft löst z.B. der Konkurs eines Unternehmens einen Börsensturz in einem Wirtschaftsraum (Beispiel Asien) aus. Um die grenzenlose Bedrohung für die Gesellschaft geht es auch beim größten anzunehmende Unfall in einem Kernkraftwerk.

Vieles gleicht dem Aufruf, den Risiken den Garaus zu machen, um endlich wieder die gelobte Normalität (=Sicherheit) herzustellen. So mag es kaum verwundern, wenn Ulrich BECK die Einleitung zu seinem Buch Risikogesellschaft mit den Worten enden lässt:

Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geblieben, die es zu verhindern gilt! (1986: 11)

In dieser Haltung zeigt sich zwangsläufig eine typische Sichtweise, die im Sinne des Rationalismus Risiken als ein zukünftig lösbares Problem sieht. BONß bezeichnet dies als "Standardposition der Moderne":

Denn für die 'Standardposition der Moderne' ist eine Verdrängung der Unsicherheit als soziales und technisches Problem typisch, wie sie sich nicht zuletzt an den im Rahmen der Risikobewertung, des 'risk assessment', entwickelten Thematisierungen studieren lässt. (1995:42)

WIEDEMANN (1993: 59f) verweist u.a. auf die Aktualität von Tabu- und Sündenvorstellungen in der aktuellen Diskussion um Risiken.


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Phänomen

Erklärung

Ausblenden des Wagnisaspekts

Der Aspekt der Chance wird im Zusammenhang mit Risiken ausgeblendet. Wagnisse werden tabuisiert und als sündhaft angesehen. Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen werden abgelehnt.

Reduktion von Komplexität

Es wird nicht differenziert. Genforschung wird beispielsweise grundsätzlich verteufelt. Eine Abwägung unterschiedlicher Risikoniveaus findet nicht statt. Unterschiede zwischen "roter" und "grüner Genforschung" sind kaum bekannt.

Betonung des Wertbezugs

Unter dem Stichwort sustainable development werden Handlungsnormen verschrieben. Das ist vergleichbar mit "segensreichen Lebensvorschriften" und "Sündenkatalogen" des Mittelalters.

Zentralisierung des Verhaltensbezugs

Unter dem Motto "Hände weg von..." geht es um Tabuisierung und "Vermeidung von Tabuverletzung."

Rückkehr von Glaubens- und Bekenntnisdiskursen

"Es geht immer ums Ganze: um das Überleben, das Heil oder den Untergang der Menschheit. Die Rollen in dieser Auseinandersetzung gleichen Mysterien- und Heiligenspielen: Es gibt Engel, Propheten und Missionare, Sünder Ketzer und Teufel. Das Gute steht gegen das Böse."

Gegen den trügerischen Wert der Sicherheit im Verhältnis zum Risiko wendet sich LUHMANN (1991: 28f), wohingegen LÜBBE (1993: 24) von "Komplementärthemen" ausgeht und nach dem Verlust von Sicherheit respektive der Zunahme von Unsicherheit fahndet.

Auch in der wissenschaftlichen Diskussion hat die intensive Thematisierung des Begriffs durch BECK (1986) ihre Spuren hinterlassen. Ob "Modernisierungsrisiko", "Risikogesellschaft" oder "Risikowissenschaftler", BECK lässt nichts unberücksichtigt. Dabei vergißt er allerdings, dass die Vermeidung von Risiken nicht zwangsläufig zu einer Erhöhung von Sicherheit beiträgt. Man sollte sich grundsätzlich die paradoxe Frage gefallen lassen, ob Sicherheit überhaupt zu mehr Sicherheit führen kann. Die alltäglichen Erfahrungen nähren unsere Zweifel. Von Sicherheitschecks auf Flughäfen, Airbag im Auto, aufwendigen Sicherheitssystemen in Industriebetrieben bis zum fälschungssicheren Paß und Geldschein - bei all dem Bemühen um mehr Sicherheit entsteht am Ende häufig ein Gefühl der Unsicherheit. BOLZ/BOSSHART betonen andererseits, dass die Verdrängung und Verleugnung von Risiken nur eine Flucht ist.

Wir leben in einer Welt, die schlechthin riskant ist. Und daraus folgt ganz logisch, dass Weltoffenheit identisch ist mit Risikobereitschaft. Es ist deshalb eine falsche Strategie, Risiken vermeiden zu wollen, Wir müssen sie statt dessen aktiv managen. Risikomanagement ist die Kraft, drohende Gefahren in lohnenswerte Herausforderungen umzudeuten. (1995: 58)

Kaum jemand wird gegen diese Darstellung etwas einzuwenden haben und trotzdem sind Risiken in unserer Gesellschaft negativ besetzt.

Mit dem Thema verbinden sich auch wirtschaftliche und soziale Fragestellungen. In vielen Bereichen stellen wir eine abnehmende Risikobereitschaft fest oder reagieren immer allergischer auf Gefahren. "Zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas besseres, als den Tod findest Du überall", sagt der Esel im Märchen Die Bremer Stadtmusikanten. Bekanntlich steigt die Risikobereitschaft, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Mittlerweile wird die Kritik offen geäußert. Es geht uns nur noch um die Wahrung von Besitz und liebgewonnenen sozialen Absicherungen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Risikobereitschaft in der Wirtschaft findet vorwiegend in jungen Jahren statt, wenn man noch nichts zu verlieren hat. Spätestens, wenn die Besitzstandswahrung eintritt, ist es mit der Risikobereitschaft vorbei.

Nachfolgend sollen zunächst folgende Merkmale und Bedingungen, die konstituierend sind für Risikosituationen, systematisch diskutiert werden:


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  1. Zukunftsträchtigkeit des Risikos
  2. positive bzw. negative Einschätzung des Risikos
  3. Zurechenbarkeit
  4. Laien vs. Experten und Betroffene vs. Beteiligte
  5. Qual der Wahl von Handlungsalternativen

(1) Zukunftsträchtigkeit: Es ist offensichtlich, dass der Ereignisfall eines Risikos in der Zukunft liegt. Für den Handelnden oder besser Entscheider sind die Folgen seiner Handlung ungewiß. Unsicherheit und Ungewißheit sind die entsprechenden Gefühlslagen auf deren zentrale Bedeutung PARSONS hinweist:

Exposure to uncertainty is perhaps the most important negative aspect of what many have considered to be central feature of human life and action distinguished from lower forms of living systems. (1980: 145)

Das Individuum geht ein Wagnis ein und nimmt damit auch die möglichen negativen Folgen in Kauf. Allerdings dominiert das Vertrauen in den glücklichen Ausgang. Sonst würde niemand Kernkraftwerke in Betrieb nehmen oder sich an den Roulettetisch setzen. Die ursprüngliche Bedeutung von Risiko zeigt sich im italienischen Verb risciare= wagen (s. u.; vgl. zur Geschichte von Risiko und Risikomanagement ausführlich bei BERNSTEIN 1996).

Neben dieser Betrachtung ex ante darf die ex post-Perspektive nicht übersehen werden. Besonders nach einem Schadensfall dominiert eine ausschließlich negative Interpretation. So wurde die Kernenergie als Risiko vor allem nach Tschernobyl thematisiert. Ebenso werden Naturkatastrophen immer häufiger dem Risiko der industriellen Schadstoffemission zugerechnet. Damit wird die ex post-Betrachtung entscheidend für die Krisenkommunikation.

Auf das Problem der Folgenorientierung im Zusammenhang mit Risiken weist LUHMANN hin.

Denn im Falle von Risiken handelt es sich ja gerade nicht um eine Zukunft, bei der man gegenwärtig schon festlegen kann, wie andere sich in künftigen Situationen verhalten sollen. Gegen Risiken kann man nicht verstoßen. (1991: 67)

Besonders im Haftungsrecht stoßen wir auf Fälle, in denen das Handeln im Vorfeld zwar rechtmäßig ist, die Schadensfolge im Nachhinein jedoch zum Schadensersatz verpflichtet. Man kann daran auch erkennen, dass die Rechtsprechung die Risikoentscheidung zunehmend den jeweiligen Entscheidern überantwortet. Sonst wäre es notwendig, Risiken durch ein grundsätzliches Handlungsverbot auszuschließen.

(2) Positive/negative Einschätzung: Risiken werden häufig als unschöne Situation erlebt. Den Frust der Unsicherheit vertreten jedoch nicht alle Autoren. Besonders in der Psychologie und Verhaltensbiologie aber auch in der Managementlehre werden Unsicherheiten zunehmend als Lust begriffen. (vergl. CUBE 1990: 11; CSIKSZENTMIHALYI 1992: 89). Diese Einschätzung kennen wir von Extremsportarten. Wir halten fest, dass ein Risiko nicht automatisch negativ bewertet werden muss. Obwohl, wie BONß betont, diese Sichtweise überwiegt:

In empirischer Hinsicht dominierend ist seit jeher die Lesart PARSONS, der gleichsam die Standardposition der Moderne vertritt. Seine Perzeption der Unsicherheit läuft auf ihre Abwehr und Verdrängung hinaus. (1995: 40)

Für einen Börsenmakler ist es hingegen das Salz in der Suppe und für Jungunternehmer im Silicon Valley ist es ein ungeschriebenes Gesetz, Risiken einzugehen. Die Wirtschaft vertraut geradezu darauf, dass nicht jede Entscheidung nur auf Berechnungen, sondern ebenso auf der Versuchung des Menschen durch das Risiko basieren.


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Abbildung 2: The Economist 11.11.2000, S. 74

Das Motiv aus einer englischen Werbeanzeige der ALLIANZ richtet sich an Geschäftskunden und wäre trotzdem für Deutschland ungewöhnlich, da hier Risiken gewöhnlich nicht thematisiert werden. So lautet z.B. die Botschaft des GERLING-Konzerns: "Wir unternehmen Sicherheit."

(3) Zurechenbarkeit: Der moderne Mensch erlebt seine Umwelt nicht mehr als Ergebnis einer fremden unbeherrschbaren Macht. Vielmehr entwickelt sich in der Neuzeit ein emanzipatorisches Selbstverständnis, das die Natur als Untertan des Menschen sieht und auch vor Risiken nicht Halt macht. Hier ist die Geburtsstunde des Versicherungswesens und damit der Überlegung, Risiken kalkulieren zu können. Der Mensch beginnt, "etwas auf sein Risiko zu nehmen". Diese Bedeutung ist im Englischen erhalten geblieben - " to take the risk". Und bis heute glaubt auch jeder Spieler, er habe das Spiel im Griff und könne die Risiken kalkulieren. Jedenfalls verraten dies die vollgeschriebenen Schreibblöcke an den Roulettetischen der Spielcasinos.

Allgemein glauben Glücksspieler oft, sie verfügen über die Gabe, in die Zukunft sehen zu können, zumindest innerhalb des beschränkten Rasters aus Zielen und Regeln, das ihr Spiel definiert. CSIKSZENTMIHALYI (1992: 90)

Nur das verlorene Spiel gilt als Pech und wird damit ex post dem nicht Kalkulierbaren zugeschrieben, während gewonnene Spiele eher mit den eigenen Fähigkeiten begründet werden. Ebenso rechnen Motorradfahrer ex ante nicht mit dem Unfall, Geschäftsführer nicht mit dem Konkurs und Verbrecher nicht mit der Verhaftung.

(4) Laien versus Experten/Betroffene versus Beteiligte/Risiko versus Gefahr: In der Regel wird nicht unterschieden zwischen Gefahren und Risiken. Die begriffliche Unschärfe zeigt sich nicht nur auf Zigarettenschachteln, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs. JUNGERMANN/SLOVIC z.B. unterscheiden bei ihren Überlegungen zur individuellen Risikowahrnehmung nicht zwischen Risiko und Gefahr:

Technologien, für die wir Schuldige finden können, d.h. Risiken, die wir uns mit der Entwicklung der Industriegesellschaft selbst geschaffen haben, regen uns ungleich mehr auf als natürliche Risiken, die wir als unvermeidbar hinzunehmen tendieren. (1993: 99)

LUHMANN verdeutlicht, warum die Unterscheidung von Risiko und Gefahr von grundlegender Bedeutung


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für das weitere Verständnis ist.

Um beiden Beobachtungsebenen gerecht werden zu können, wollen wir den Begriff des Risikos eine andere Form geben, und zwar mit Hilfe der Entscheidung von Risiko und Gefahr. Die Unterscheidung setzt voraus ( und unterscheidet sich dadurch von anderen Unterscheidungen), dass in Bezug auf künftige Schäden Unsicherheit besteht. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird der etwaige Schaden als Folge der Entscheidung gesehen, also auf die Entscheidung zugerechnet. Dann sprechen wir von Risiko, und zwar vom Risiko der Entscheidung. Oder der etwaige Schaden wird als extern verAnlasst gesehen, also auf die Umwelt zugerechnet. Dann sprechen wir von Gefahr. (1991: 30f)

Ein Erdbeben wird als Gefahr wahrgenommen. Die Gefahr des Absturzes beim Bergsteigen jedoch als Risiko. Man hat ja selbst das Risiko auf sich genommen, anstatt zu Hause zu bleiben. Wir unterscheiden zwischen:

Damit liefern wir auch eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Raucher riskieren die Gesundheit, müsste auf der Packung stehen. Und damit wäre das Rauchen allein dem Entscheidungsbereich des Rauchers zugeschrieben. Stattdessen wird, wie in Amerika bereits üblich, für die Gefahren des Rauchens ein Verursacher gesucht. Das Problem wird von einer Gefahr zum Risiko transformiert und damit den "verantwortlichen" Produzenten zugerechnet.

Da niemals alle Menschen an allen Entscheidungen beteiligt sein können, stehen sich bei jeder Entscheidung Betroffene und Beteiligte bzw. Entscheider gegenüber. Die Folgen für die Kommunikation werden uns später interessieren.

(5) Qual der Wahl von Handlungsalternativen: Auf den ersten Blick mag man unter Risiken etwas Unschönes verstehen. Das Schaubild macht deutlich, dass eine Vermeidungsstrategie meist wenig hilfreich ist. In beiden Fällen können ungünstige und günstige Handlungsfolgen eintreten. Ob dies Chancen sind, bleibt zunächst dahingestellt.

Abbildung 3:

Der dargestellte Zusammenhang ist nicht allgegenwärtig. Wir stellen eine ganz unterschiedliche semantische Verwendung des Begriffs Risiko fest:

Es überwiegt ganz deutlich eine negative Interpretation. Das beweist u. a. eine Sichtung von SPIEGEL-Titeln der letzten Jahre. Und diese Einschätzungen wird auch bestätigt von DUNWOODY/PETERS:

Eine unserer wesentlichen Thesen lautet nämlich, dass für Journalisten das Konzept "Risiko" keine besondere Bedeutung besitzt und sie diesen Begriff - wenn überhaupt - nur in der diffusen Alltagsbedeutung verwenden. "Katastrophe", "Unfall", und "Umweltskandal" sind einige der Kategorien, mit denen Journalisten den Gegenstandsbereich strukturieren, in dem Experten von Risiken sprechen. (1993)

Die Ausführungen haben gezeigt, dass es sich insofern um ein Kommunikationsproblem handelt. Die damit zusammenhängende Kommunikationsaufgabe hätte das Ziel, den Begriff positiv zu besetzen oder zumindest beide Lesarten zuzulassen.

Die Situation erinnert an eine bekannte Szene aus Spielfilmen. Eine Bombe ist zu entschärfen und der Protagonist muss wählen zwischen verschiedenen Handlungsalternativen. An diesem Beispiel lassen sich die Kriterien von Risiken noch einmal sehr anschaulich zusammenfassen.

  1. Das Risiko bezieht sich auf ein Ereignis in der Zukunft.
  2. Das Ereignis wird zunächst als unschön wahrgenommen. Gleichzeitig wird der Protagonist durch die Annahme des Risikos zum Held.
  3. Im Grunde trägt nur der Protagonist das Risiko, indem er sich zum Handeln bereit erklärt. Alle Übrigen nehmen die Situation als Gefahr wahr,
  4. da für sie keine Handlungsmöglichkeiten bestehen. Sie sind dem Erfolg/Misserfolg des Protagonisten hilflos ausgesetzt. Sie sind Betroffene, er ist Entscheider.

Abbildung 4: Eigene Darstellung

Für den Chef des Unternehmens INTEL, Craig BARRET, haben diese Überlegungen fast alltägliche Bedeutung:

Wir investieren zwei Milliarden Dollar, obwohl die Chips, die dort hergestellt werden, noch nicht einmal entwickelt sind, auch das Produktionsverfahren steht noch nicht fest. So etwas gehört für uns zum Tagesgeschäft. Mit den neuen Produktfeldern steigt das Risiko natürlich noch einmal. Aber ohne die Bereitschaft zum Risiko gibt es keinen Erfolg. Und das Risiko wäre noch größer, wenn wir den Schwenk zum Internet nicht mitmachen würden. DER SPIEGEL (2000,27: 101)

2.2 Krise

Selbst im Kontext von Krisenkommunikation und Krisenmanagement sind die Definitionen des Begriffs Krise sehr uneinheitlich.

OBERMEIER hebt z.B. drei wesentliche Aspekte von Krisen hervor:

HERBST (1999: 2) zählt unsystematisch und ohne nähere Erläuterung Eigenschaften von Krisen auf.

MITROFF et al. definieren in erster Linie die internen und externen Folgen einer Krise:

There is no single, universally accepted, definition of a crisis, although there is general agreement that a crisis is an event that can destroy or effect an entire organization. Accordingly, if something affects merely a part or one unit of an organization, it may or may not be, or lead to, a crisis. A crisis can effect the very existence of an organization, a major product line, a business unit, or the organization´s financial performance. A crisis can also harm the health and well-being of consumers, employees, the surrounding community, and the environment itself. Finally, a crisis can destroy the public´s basic trust or belief in an organization, its reputation, and its image. (1996: 7f)

TÖPFER beschreibt "Plötzliche Unternehmenskrisen" anhand der daraus folgenden Situation des Management. Als Merkmale nennt er:

Krise bedeutet hier also zwangsläufig Managementkrise. Wir wollen hingegen beides zunächst noch auseinanderhalten.

Einleitend wurden Krise und Risiko unter dem Oberbegriff Irritation vorgestellt. Wir unterscheiden zwischen Unternehmenskrisen mit Reputationsfolgen und dem betriebswirtschaftlich geprägten Begriff der Unternehmenskrise, bei dem es vor allem um Liquiditätsprobleme, Insolvenzgefahren etc. geht (vgl. hierzu vor allem KRYSTEK 1987: 4f). Solche ökonomischen Krisen betrachten wir eher als Folge oder als Ursache einer Krise (z.B. die drohende Pleite des Baukonzerns HOLZMANN im Winter 1999/2000). Neben der Bestandsgefährdung sollen nun weitere Merkmale von Krisen vorgestellt werden:

  1. Bestandsgefährdung
  2. Beziehung zu Risiken
  3. Handlungsspielräume
  4. Unsicherheit und Ambivalenz des Ausgangs
  5. Gewinner und Verlierer

(1) Bestandsgefährdung: Krisen werden von Institutionen gefürchtet und als unschön erlebt. LUHMANN betont die möglichen existentiellen Folgen und das Unerwartete einer Krisensituation.

Krisen sind unerwartete (thematisch nicht vorbereitete) Bedrohungen nicht nur einzelner Werte, sondern des Systembestandes in seinem eingelebten Anspruchsniveau. Sie stimulieren und sammeln Aufmerksamkeit dadurch, dass sie den Erfüllungsstand zahlreicher Werte diffus, unbestimmt und unter Zeitdruck gefährden. (1970b: 16)

Eine Krise behindert damit die Handlungsfähigkeit einer Organisation. Handeln im Sinne der jeweiligen Leitdifferenz wird so erschwert, dass die Existenz bedroht ist.


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Abbildung 5: Der Spiegel Nr. 4/24.01.2000

Ein Beispiel ist die CDU-Affäre. Die Krise gefährdete die Existenz der Partei sowohl in personeller und finanzieller Hinsicht als auch hinsichtlich der Reputation. In jedem Fall war die Partei so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihre Rolle als Oppositionspartei einige Zeit vernachlässigen musste.

Die Tabelle gibt einen Überblick über folgenreiche, durch Katastrophen ausgelöste Unternehmenskrisen. Bemerkenswert ist, dass die Krisen vielfach im Anschluß an die auslösenden Ereignisse ihren Lauf nehmen. Kommunikationsleistungen und weniger die Ereignisse selbst spielen für das Ausmaß der Krise eine entscheidende Rolle. Darauf werden wir besonders in Kapitel 5 und 7 näher eingehen.

Tabelle 1: Quelle: KNIGHT/PRETTY (1996 in: The Antidote 1999: 16)

Jahr

Unternehmen

Ereignis

Krisentyp

Opfer

Kosten
(M US$)

Mittelfrist. Erholung Aktienkurs

1982

JOHNSON & JOHNSON

Tylenol

Rückrufaktion nach Vergiftung

7

150

nein

1986

JOHNSON & JOHNSON

Tylenol

Rückrufaktion nach Vergiftung

1

150

ja

1984

UNION CARBIDE

Bhopal

Plant explosion

3.000

>527

nein

1987

ZEEBRUGGE

Zeebruge

Fährunglück

192

>70

ja

1988

PAN AM

Lockerbie

Terroranschlag

270

652

ja

1989

EXXON

Valdez

Schiffsunglück

0

11500

nein

1989

PHILLIPS PETROL

Pasadena

Explosion

23

1300

ja

1990

PERRIER

Benzol

Rückrufaktion

0

263

nein

1992

COM. UNION

London

Terroranschlag

3

<2170

ja


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(2) Beziehung zu Risiken: In der deutschsprachigen Fachliteratur tut man sich immer noch schwer, Risiko und Krise zusammenhängend zu behandeln. Eine Ausnahme ist die Publikation von OBERMEIER (1999: 121-201). In der angloamerikanischen Literatur werden risk und crisis hingegen meist in einem Atemzug genannt.

Risk is the precursor of crisis. Or, to put it in another way, behind every crisis lies a risk assessment that proved to be wrong. Many other factors may appear to trigger a crisis but, on close inspection, it will be found that they were part of the risks that could or should have been foreseen. THE ANTIDOTE (1999: 4)

In der Regel stehen Risiken und Krisen in einem zeitlichen Verhältnis zueinander. Ein Risiko ist eine antizipierte Krise. Oder die Krise gerät zum Anlass, um ein Risiko nachträglich zu thematisieren (vgl. 2.3).

(3) Handlungsspielräume:


Die Zeit ist aus dem Leim - Fluch ihren Tücken,
Dass ich zur Welt kam, sie zurechtzurücken!
HAMLET 1. Akt / 5. Szene

Obwohl Krisen in der Regel mit Lähmungserscheinungen einhergehen, bezeichnen Krisen keine endgültigen Zustände. Es ist immer noch etwas zu machen und für einzelne Personen die große Chance, sich als "Retter" und "Macher" hervorzutun oder vor lauter Unentschlossenheit zu kapitulieren. MEIER/SLEMBECK heben daher auch die besonderen Handlungsmöglichkeiten in Krisensituationen hervor.

Eine Krise charakterisiert sich durch eine hohe Betroffenheit vieler Akteure und eine große zeitliche Dringlichkeit, wodurch ein großer Handlungsdruck (v.a. auf die Regierung) entsteht. Deshalb können die üblichen Mittel und Routinen der Problembehandlung nicht mehr wirkungsvoll eingesetzt werden. Dafür erhöht sich der Handlungsspielraum vorübergehend, was autoritäre Problemlösungsverfahren ermöglicht: Die spezifischen Techniken des Krisenmanagement müssen Platz greifen. MEIER/SLEMBECK (1998: 223)

Eine Katastrophe oder ein fataler Unfall ist nicht unbedingt eine Krise. Es müssen für die betroffene Organisation noch Handlungsmöglichkeiten existieren, auch wenn diese eine ungewohnte Herausforderung darstellen, für die es meist keine Programme und Routinen gibt.

(4) Unsicherheit und Ambivalenz des Ausgangs: Krisen sind für das Unternehmen ein unschönes Ereignis (vgl. Tabelle oben).

Trotzdem schreiben einige PR-Praktiker (vgl. APITZ 1987) Krisen durchaus positive Wirkungen zu. In diesem Zusammenhang erinnert CAPRA an die Bedeutung des Begriffs Krise im Chinesischen:

Der Begriff, den sie für Krise verwenden, wei-ji, setzt sich aus den Schriftzeichen für Gefahr und gute Gelegenheit (Chance) zusammen. (1982: 21)

Vor allem in der ex post-Betrachtung kann eine Krise durchaus notwendige Veränderungsprozesse fördern. In der Medizin wird die Krise auch als Höhe- oder Wendepunkt gesehen, der eine Verbesserung des Zustandes erwarten lässt. Allerdings bleibt der Ausgang fraglich und damit die Frage unbeantwortet, ob der Patient überhaupt den Wendepunkt überschreitet.

(5) Gewinner und Verlierer: Bei der Diskussion um Konsens und Dialog wird leicht vergessen, dass Organisationen aus den Krisen der Konkurrenz Vorteile für sich ableiten können. Der Absturz einer Discountfluggesellschaft führt dazu, dass Passagiere zu renommierten Fluggesellschaften abwandern. Der Imageaufbau der einen Institution geht wie so oft einher mit dem Imageverlust einer konkurrierenden Institution. Und auch die CDU-Affäre war ein Geschenk für die Regierungskoalition.

Ein Unternehmen wie GREENPEACE gewinnt seine Existenzberechtigung fast ausschließlich durch die Krisen anderer. Warum sollte es an der Krisenlösung interessiert sein, wenn die Krise eines anderen dem eigenen Image förderlich ist?

Eine politische Partei, die in eine Krise gerät, sucht nach Möglichkeiten, die gegnerische Partei zu


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diffamieren. Die Krise der Konkurrenz ist eine willkommene Möglichkeit, um das Interesse von Medien und Öffentlichkeit abzulenken.

Abbildung 6: Der Spiegel Nr. 49/06.12.1999

Beispiel: Die CDU-Spendenaffäre und die zeitgleiche "Flugaffäre" der nordrhein-westfälischen SPD in den Jahren 1999/2000.

Droht jedoch die Krise auf das gesamte System überzugreifen, verhält man sich als Teil dieses Systems eher zurückhaltend. Beispiele sind die Krise des Wochenmagazins STERN im Rahmen der gefälschten Hitler-Tagebücher. Auch die Umweltskandale einzelner Chemieunternehmen am Rhein Ende der 80er Jahre wurden keinesfalls als Wettbewerbsvorteil durch die Konkurrenz ausgenutzt, sondern führten vielmehr zu einer verstärkten gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit durch den Verband der Chemischen Industrie.

2.2.1 Arten und Konstellationen von Krisen

Krisen können in jedem Teilsystem auftreten und ebenso sind antizipierte Krisen als Risiko ständig präsent. Wirtschaft und Politik sind die bekanntesten Bühnen dafür. Wie die Tabelle auf der nächsten Seite verdeutlicht, haben in den vergangenen Jahren viele Wirtschaftsunternehmen Erfahrungen mit Krisen gesammelt. Folgende Anlässe sind vorstellbar:

  1. Naturkatastrophe - Erdbeben, Wirbelstürme, Waldbrände etc.
    Anmerkung: Nach unserer Definition eigentlich Gefahren, die durch Zurechnung auf Verursacher nachträglich als Risiko interpretiert werden. (z.B. El Niño u. Umweltzerstörung)
  2. Technologische Katastrophe - Störfälle (AKW), Unfälle, Havarien etc.
  3. Verbrechen - Anschläge, Erpressungen, Spionage, Entführungen etc.
  4. Konflikt - Kontroverse - Protestbewegung etc.
  5. Missmanagement - Nachlässigkeit, Fehlverhalten, Pannen etc.
  6. Affäre und skandalöses Verhalten - Selbstgefälligkeit, Taktlosigkeit, Fauxpas etc.
  7. Betrug - Fälschungen, Korruption, Bestechung, Täuschung etc.

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Unter Umständen kommt es zu einer Ursachenverknüpfung. Nach einem Unfall verstärken zum Beispiel Missmanagement und skandalöses Verhalten die Krisensituation. Wichtig ist für unseren Zusammenhang, dass, egal welche Ursache im einzelnen vorliegt, die Krise ein Kommunikationssystem konstituiert. Eine Person, Organisation, ein Teilsystem oder ein Land steckt in einer Krise und sieht sich verschiedenen Ansprüchen ausgesetzt, die durch Kommunikation ausgehandelt werden. Wir orientieren uns damit am Systembegriff von LUHMANN:

Das heißt: Jeder soziale Kontakt wird als System begriffen bis hin zur Gesellschaft als Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte. (1984: 33)

Die Ansprüche bzw. Erwartungen an die Organisation sind zielgruppenspezifisch. Jede Gruppe richtet eigene Erwartungen an die Adresse des betroffenen Unternehmens. Auf den korrespondierenden Begriff Anspruchsgruppe (Stakeholder) wird später eingegangen (vgl. 5.4.4).

Es fällt auf, dass viele Krisen nicht auf eine Organisation begrenzt bleiben. Diese Erkenntnis ist besonders für die Früherkennung von Themen (Issue-Management) wichtig. Die Verhinderung einer Eskalation durch Isolation ist eine übliche Strategie. Weltweite Wirtschaftsverbände haben sich der Aufgabe verschrieben, Risiken zu minimieren oder zumindest die Ausdehnung von Risiken und Krisen zu verhindern. Folgende Varianten sind denkbar:

  1. Die Krise bleibt auf die betroffene Organisation begrenzt.
  2. Die Krise wirkt sich auf das gesamte Teilsystem aus, dem die Organisation angehört.
  3. Die Krise bedroht andere Teilsysteme.

(1) Die Krise bleibt auf die betroffene Organisation begrenzt. Der "Fall LÓPEZ" - die Spionagevorwürfe von GM an die Adresse des VW-Konzerns - blieb auf den VW Konzern beschränkt. Es kam nicht zu einer Krise der Automobilwirtschaft.

(2) Die Krise wirkt sich auf das gesamte Teilsystem aus. Ein Fall kann genügen, um ein gesamtes Teilsystem zu diskreditieren. Es kommt zu einem Imageverlust und gegebenenfalls sind die Programme des betroffenen Systems gefährdet. Ein Beispiel ist das Thema Doping im Sport.

Die Tabelle zeigt Krisenthemen, die in der Vergangenheit industrielle Bereiche stark beeinflusst haben.

Tabelle 2: Beispiele für Krisenthemen in verschiedenen Wirtschaftsbereichen

Wirtschaftsbereich

Krisen-/Konfliktthema

 

Chemische Industrie

Störfälle

FCKW; PVC etc.

Atomindustrie

Störfälle

 

Pharma

Nebenwirkungen

 

Lebensmittelindustrie

Erpressung (durch vergiftete Produkte)
Nudelskandal

Infiziertes Rindfleisch
Gepanschter Wein
Genmanipulation

Tabakindustrie

Gesundheit (Krebsgefahr)

 

Banken

Fehlspekulation

 

Holzindustrie

Umweltzerstörung

 

Baustoffe

Asbest

FCKW

Kosmetikindustrie

Krebserregende Stoffe

 


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Die Anschließbarkeit in Krisensituationen hat unter Umständen Folgen für das gesamte Teilsystem. So führte der Unfall von Tschernobyl zu einer Krise der gesamten Atomindustrie. Mittlerweile geht es nicht mehr um den Bau oder Betrieb von Atomkraftwerken, sondern um die Wiederaufbereitung, den Transport, die Endlagerung von Brennstäben und letztendlich um den "Atomausstieg".

Den Bezugs- und Anspruchsgruppen steht ein ganzes Set von Erinnerungen früherer und aktueller Kontroversen zur Verfügung, um ihre Einwände stets neu zu begründen. Die von Experten in der Regel geäußerte lapidare Forderung - "Maßnahmen zur Krisenbewältigung haben dies zu berücksichtigen" (TÖPFER 1999b: 53) - klingt wie die Aufforderung zum Kampf gegen Windmühlen.

(3) Die Krise bedroht andere Teilsysteme. Unter diese Kategorie fallen Naturkatastrophen und Störfälle, wie der oben erwähnte GAU von Tschernobyl. Multinationale merger und acquisition können ebenso die Einflußnahme der nationalen Politik zur Folge haben. Auch der Fall des 1999 in Konkurs geratenen Baukonzerns HOLZMANN erweist sich gleichermaßen als Chance und Gefahr für die Politik. Einerseits besteht die Gefahr, die Folgen des Arbeitsplatzverlust etc., angelastet zu bekommen; andererseits sammelt Bundeskanzler SCHRÖDER durch eine politische Einflußnahme und das Abwenden des Konkurses Imagepunkte.

Abbildung 7: Der Spiegel Nr. 3/17.01.2000

Der "Fall CDU" wird mittlerweile nicht nur im politischen Sinne als Bedrohung empfunden.

Dabei geht es neben den Gründen für eine immer stärker zurückgehende Wahlbeteiligung vor allem um den Verfall von Sitten und Anstand staatlicher Würdenträger mit Vorbildfunktion.

Ebenso droht Gefahr, das können Jäger bestätigen, von angeschossenen aber noch nicht erlegten Dickhäutern.

2.3 Zeitliche Zusammenhänge und Krisenverläufe

Bisher wurden die Themen Risiko und Krise in jeweils eigenen Publikationen behandelt - auf der einen Seite die betriebswirtschaftlich orientierte Managementtheorie zum Thema Krise und auf der anderen Seite der soziologische und kommunikationswissenschaftliche Ansatz zum Thema Risiko. In dieser Arbeit geht es um beides - das Risiko der bevorstehenden Krise und ebenso um Risiken, die beim Lösen einer Krise auftreten.


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Interpretationen des Krisenverlaufs liegen in vielfältiger Form vor. Häufig sind die Modelle an betriebswirtschaftlichen Ansätze angelehnt. KRYSTEK (1987: 21ff) stellt die wichtigsten Ansätze vor. HERBST (1999: 8f) diskutiert das Thema ausschließlich bezogen auf die auslösenden Ereignisse im Unternehmen wie Unfälle oder betriebliche Entscheidungen. Damit sind alle plötzlich auftretenden Ereignisse per se Überraschungskrisen.

Die Ratgeber zum Krisenmanagement unterscheiden in der Regel zwischen schleichender und überraschender Krise. Zwei Beispiele:

Eine Krise kann grundsätzlich zwei unterschiedliche Verläufe nehmen:

Und:

Bei der Entstehung von Krisenproblemen kann man neben einer Vielzahl von Modifikationen zwei Krisentypen erkennen. Es handelt sich um die

Auch bei diesen Ansätzen scheint der KrisenAnlass im Mittelpunkt zu stehen. Jedenfalls bleiben viele Autoren den Indikatorwert für ihre Krisenverlaufsmodelle schuldig.

Drei Verläufe von Krisen

 

 

Typ A

Typ B

Typ C

Autoren

Wert

Akuter, progressiver Anstieg

Langsamer, degressiver Anstieg

Alternierender Verlauf, Tendenz steigend

APITZ (1987)

Image

Überraschungskrise

Krise, die sich entwickelt

 

MEIER/SLEMBECK
(1994)

Ohne
Angabe

Plötzliche
Veränderung

Allmähliche
Kumulation

 

SCHERLER (1996)

Ohne
Angabe

Plötzlich und über-raschend auftretend

Schwellende oder schleichende Krise

 

KOHTES&KLEWES (1997)

Interesse
(öffentlich)

Eruptive Krise

Schleichende Krise

Periodische Krise

KLENK (1989) unterscheidet unter dem Oberbegriff "akute Vertrauenskrise" zwischen "sich abzeichnende Krisen" und "über-Nacht-Krisen".

Mit der Untersuchung von KEPPLINGER/HARTUNG (1995) liegt uns eine umfangreiche Untersuchung über die Zusammenhänge bei periodisch wiederkehrenden Krisenverläufen (Typ C) vor. Als Indikator dienen hier vor allem die Intensität der Berichterstattung (Anzahl der Beiträge) und implizite Wertungen, d.h. die Darstellung positiver oder negativer Vorfälle.

Eher problematisch ist das Image als Maß für den Krisenverlauf. Das Image hinkt der medialen Berichterstattung in der Regel hinterher. Der ursprünglichere und leicht durch Medienbeobachtung feststellbare Indikator für den Krisenverlauf ist sicherlich das öffentliche Interesse.

Jedoch stellt sich die Frage nach dem Nutzen solcher Typologien des Krisenverlaufs. Wie wir gesehen haben, neigt man zu einer Überbetonung des Krisenanlasses. Die Kommunikation wird hingegen vernachlässigt.

Die Vergleichbarkeit der Verläufe ist zusätzlich durch jeweils unterschiedliche Zeitfenster eingeschränkt. Die


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Überraschungskrise wird erst nach dem Auftreten erkannt. Die schleichende Krise kann hingegen durch die Frühaufklärung identifiziert werden. Ob es eine Krise ist, merkt man allerdings erst hinterher. Insofern sind Krisen immer "unerwartete (thematisch nicht vorbereitete) Bedrohungen" (LUHMANN 1970b: 16).

Außerdem sind alle Verlaufsmodelle nur grobe Typologien, die Handlungsmöglichkeiten der betroffenen Organisationen grundsätzlich aussparen. Nicht zuletzt aus diesem Grund empfiehlt sich eine differenzierte Untersuchung des Verlaufs nach einzelnen Phasen (vgl. 5.4).

2.4 Weiteren Begriffe im Zusammenhang mit Risiko, Krise

2.4.1 Konflikt

Zunächst ist zu unterscheiden zwischen Intra- und Intersystemkonflikten. Innerhalb eines Systems entstehen Entscheidungskonflikte, wenn die komplexen Umweltbedingungen auf ein beobachtbares Maß reduziert werden müssen. Eine Organisation muss sich entscheiden, welche Umwelteinflüsse sie ins Kalkül ziehen will. Außerdem entstehen Konflikte durch die Auswahl von Handlungsalternativen. Ein Unternehmen kann sich in der Planung und Umsetzung einzelner Instrumente so oder auch so entscheiden (vgl. zur Komplexität und Kontingenz 3.1).

Konflikte entstehen also auf der input-Seite des Systems über die Frage, was relevant und was nicht relevant sei. Kontingenz dagegen erzeugt Konflikte auf der output-Seite des Systems über die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten für das System günstiger und somit vorzuziehen sei. WILLKE (1982: 32)

Menschheitsgeschichte und Mythologie sind geprägt von diesen beiden Konfliktpotentialen, die angefangen beim Sündenfall den Stoff für die großen Tragödien der Welt liefern.

Die Sozialpsychologie beschäftigt sich vor allem mit Konflikten, die zur Maximierung individueller Interessen führen sollen. Ausgangspunkt hierfür war die Vorstellung vom homo oeconomicus. Die Erkenntnisse hierzu basierten auf der mathematischen Entscheidungstheorie und Spieltheorie. Einen Überblick bieten STROEBE et al. (1992: 306ff). Die Forschungsergebnisse deuten auf verschiedene Lösungschancen für Konflikte hin, die auch für unseren Zusammenhang wichtig sind. Kriterien sind:

  1. die Differenz zwischen Eigen- und Fremdinteresse
  2. Gewinnpotential durch eine Kooperation
  3. Kooperationsbereitschaft der Gegenseite
  4. Kennenlernen beider Parteien
  5. Gelegenheiten zur Kommunikation. (ebd.: 315)

Die Entscheidung gegen einen Konflikt hängt letztlich ab von der Erwartung, ob eine Kooperation für das System Sinn macht. Wirtschaftsunternehmen lassen sich also aus Profitgründen auf eine Vermeidung von Konflikten ein. Die Bereitschaft zum Konflikt bzw. zur Kooperationen hängt ab von der Bewertung der jeweiligen Situation (vgl. zu Entscheidungen gegenüber Konfliktgruppen in der Risiko- und Krisenkommunikation WINTER/STEGER 1998: 241-245).

Von besonderem Interesse sind Konflikte, die auf wechselseitiger Abhängigkeit der Konfliktparteien basieren. KRAUSE liefert in Anlehnung an LUHMANN hierfür folgende Definition:

Ein Konflikt liegt vor, wenn ein an Kommunikation beteiligtes System das selektive Kommunikationsangebot oder den Selektionsvorschlag eines anderen beteiligten Systems ablehnt und dies zum Thema weiterer Kommunikation gemacht wird. KRAUSE (1996: 138)

Der Konflikt beginnt mit einem Widerspruch und entwickelt danach eine unweigerliche Eigendynamik. Anhand von einfachen Sozialsystemen lässt sich dies leicht nachvollziehen. Der Protest der Tochter gegen das elterliche Gebot ist der Beginn einer Agonie, die den Familienfrieden langfristig gefährden kann. Dabei entwickeln sich Kommunikationsbeziehungen, die, wie LUHMANN es anschaulich darstellt, von doppelter Kontingenz (vgl. ausführliche Begriffsdefinition 3.1) geprägt sind.


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Ego betrachtet (zunächst in Grenzen, dann allgemein) das, was Alter schadet, eben deshalb als eigenen Nutzen, weil er annimmt, dass Alter das, was Ego schadet, als eigenen Nutzen ansieht. Entsprechendes gilt für Alter. Auf beiden Seiten also doppelte Kontingenz. (1984b/ 479)

Konflikte können als soziale Systeme verstanden werden. LUHMANN spricht sogar von "parasitären" (ebd.) Systemen; denn ohne Wirtstier - Elternhaus, Staat, Partei, Industrie etc. - hätten solche Systeme keine Existenznotwendigkeit. In vielen Fällen entwickeln Konflikte eine Eigendynamik, die dann in der Entstehung von Protestbewegungen mündet. (vgl. ausführlich 5.4.4.1).

Aber das Parasitentum ist hier typisch nicht auf Symbiose angelegt, sondern tendiert zur Absorption des gastgebenden Systems durch den Konflikt in dem Maße, als alle Aufmerksamkeit und alle Ressourcen für den Konflikt beansprucht werden. (ebd.: 480)

Obwohl Konflikte die Fülle möglicher Entwicklungen bereichern, bemüht man sich auch seitens der Soziologie meistens um die Vermeidung von Konflikten. Dies erinnert mehr an die Rezeptionsgewohnheiten von alten Spielfilmen als an die soziale Realität pluralistisch geprägter Gesellschaftssysteme. Dass es aber nicht um ungeteiltes Einvernehmen, sondern ganz im Gegenteil um die Steigerung von Konfliktfähigkeit geht, verdeutlicht LUHMANN:

Der Reiche kann einer an ihn herangetragenen Kommunikation sowieso widersprechen; aber der Arme kann es jetzt auch, wenn er im Recht ist. Entgegen den Annahmen eines "moralischen Funktionalismus" eines Durkheim oder mancher Rechtsphilosophen dient das Recht also nicht primär einer moralischen Integration der Gesellschaft, sondern der Steigerung von Konfliktmöglichkeiten in Formen, die die sozialen Strukturen nicht gefährden. (1997: 468)

Im Gegensatz dazu enden Konflikte in Palermo und Neapel häufiger auf dem Friedhof - ohne die Konflikte zu beseitigen - und in Rumänien führt die Ablehnung des Staates gegenüber den Forderungen der Bergarbeiter in der Regel zu einer massiven Gefährdung der inneren Sicherheit. Das Problem ist, dass diese Konflikte ein hohes Risiko von allen Beteiligten einfordern, weil die Eintrittsbarrieren zu hoch angelegt sind.

Es scheint daher sinnvoller zu sein, die Konfliktschwelle möglichst gering zu halten. In dieser Phase sind die Fronten noch nicht verhärtet und Konfliktlösungen noch für beide Seiten akzeptabel. Das Rechtssystem fungiert dabei als Immunsystem, weil es Konflikte in hohem Maße zulässt bzw. durch die niedrigere Eintrittsbarriere sogar forciert. Instabilitäten oder Irritationen sind somit durchaus erwünscht, weil sie das Immunsystem stärken. Ähnliche Zusammenhänge kennen wir aus der Medizin und Biologie und hier liegen wohl auch die Quellen für LUHMANNs metaphorische Überlegungen.

MEIER/SLEMBECK (1998: 156) nennen "unterschiedliche Ordnungsvorstellungen, Interdependenzen und relative Knappheit" als primäre Konfliktfaktoren.

Unterschiedliche Ordnungsvorstellungen sind durch die unterschiedlichen Ansprüche der Konfliktparteien begründet (vgl. zum Modell der strategischen Anspruchsgruppen JANISCH 1993). Interdependenzen weisen darauf hin, dass die Teilsysteme nicht indifferent zueinander sind, sondern dass sich die Interessen berühren und relative Knappheit bedeutet, dass eine Entscheidung nicht zu umgehen ist.

KEPPLINGER unterscheidet "Interessenkonflikte", "Wertkonflikte" und je nach Ausstrahlung zwischen:

Fraglich bleibt allerdings in KEPPLINGERS Modell, wie öffentliche Konflikte in modernen Gesellschaften abseits des publizistischen Interesses stehen können. Es empfiehlt sich daher die Systematisierung nicht zu weit zu treiben und einfach zwischen privaten (häufig interpersonalen) und öffentlichen (=veröffentlichten) Konflikten zu unterscheiden. Die außerdem angeführte Unterscheidung zwischen "gewaltsamen und gewalt-losen Konflikten" ist oben bereits angedeutet worden. Gewaltsame Konflikte sind ein Zeichen mangelnder Konfliktfähigkeit. Ein konfliktfähiges Immunsystem lässt es nicht so weit kommen. Gelegentlich kann man in europäischen Parlamenten zumindest Handgreiflichkeiten erleben. Gewaltsame Putschversuche, wie zuletzt 1981 in Spanien sind eher die Ausnahme. Die europäischen Demokratien haben den Umgang mit Konflikten inzwischen institutionalisiert - übrigens ohne mehr Konsens erzielen zu müssen.

Die Unterscheidung von Sach- und Beziehungsebene wird vor allem in der Gesprächsführung beachtet. Private Erfahrungen zeigen uns allzu oft, wie die emotionale Ebene die Sachebene und damit das gute Argument überlagern kann. Die Beziehungsebene stellt damit notwendige Voraussetzungen für die Vermeidung und Lösung von Konflikten. Unberechenbar bleiben kulturelle Wertmaßstäbe, deren


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Konfliktpotential uns zum Beispiel in den internationalen Krisenherden immer wieder vor Augen geführt wird. Es ist ebenso leicht nachzuvollziehen, dass sich Konflikte auf der Kultur- und Wertebene ursächlich auf die Beziehungs- und Sachebene auswirken.

OBERMEIER (1994: 26f) unterscheidet zwischen "Sach-, Ermessens- und Fundamentalkonflikten". An dieser Systematik ist die Trennschärfe der Kategorien zu kritisieren. So können Fundamental- und Ermessenskonflikte ebenso auf Sachkonflikten basieren. Wir wollen daher folgende Konfliktkategorien unterscheiden und systemtheoretisch beleuchten:

 

Problemebene

Konfliktcode

Teilsystem

Konfliktlösung

Erkenntniskonflikt

Erkenntnisproblem

Wahr-Unwahr

Wissenschaft (Experten)

Diskurs
Forschung

Interessenkonflikt

Partial-Interessen

Diverse (Je nach beteiligtem System)

Verschiedene Teilsysteme

Verhandlung
Kopplung

Fundamentalkonflikt

Moral-Konflikt

Gut-Böse
(Achtung/Mißachtung)

Protestbewegung

Keine

Fundamentalkonflikte sind im Prinzip Moralkonflikte. Das Fundamentale ist die Ausweglosigkeit dieses Konfliktes. Moralisches Engagement verfliegt nicht, noch ist es durch Argumente zu besänftigen. Wir können es auch noch schärfer formulieren: Wo Moral auftaucht, ist der Konflikt vorprogrammiert (vgl. 3.3 Moral und Ethik). Fundamentalkonflikte erlösen uns letztendlich von der ständigen Erwartung, man müsse doch zu einer Verständigung kommen.

Auch Erkenntnis- und Interessenkonflikte können gegebenenfalls ohne Konsens auskommen. Unter der systemischen Perspektive geben vor allem unterschiedliche Leitdifferenzen Anlass für Interessenkonflikte (vgl. 3.1). Allerdings bestehen hier Alternativen zum Konflikt, insbesondere wenn die beteiligten Systeme einen Vorteil durch die Kooperation erwarten dürfen.

In diesem Fall kommt es zu Resonanz und Kopplung. Wirtschaftsunternehmen sind qua Leitdifferenz ihres Systems (haben/nicht haben) für ökologische Argumente wenig aufgeschlossen. Erst wenn die ökologische Argumentation sich auf das Verhalten der Stakeholder auswirkt und es zum Beispiel zu Boykotten oder Aktienverkäufen kommt, entsteht Resonanz, indem das Wirtschaftsunternehmen reagiert. Die Krisenfälle von NESTLÉ und SHELL sind bekannte Beispiele für diesen Mechanismus.

2.4.2 Skandal/Affäre als Krise

Ähnlichkeiten mit dem Theater sind nicht zu übersehen. Verschiedene Rollen sind zu besetzen. Dem Skandalierten wird eine Verfehlung vorgeworfen. Der Skandalierer erhebt diese Vorwürfe und die Beobachter reagieren als Betroffene des Skandals ihrerseits mit Entrüstung und Empörung. Das ist die Mindestbesetzung für einen Skandal, der in unterschiedlichen Teilsystemen auftreten kann und bei dem vorwiegend die klassischen Themen Geld, Liebe und Macht vorkommen. Die Affäre tendiert im Unterschied zum Skandal ins Peinliche. Dass die "Gürtellinie" hierfür nicht das Ende markiert, zeigt die Affäre um eine Praktikantin im Weißen Haus. Wir wollen trotzdem beide Begriffe synonym behandeln, da es hierbei in erster Linie um die Zurechnung von Personen geht.

Den Ursprung und Bedeutungswandel des Skandalbegriffs leitet KÄSLER her (1991: 69-85). Für das aktuelle Verständnis hebt er zwei Merkmale hervor:

  1. ein irgendwie sozial signifikantes Ereignis, das ein (öffentliches) Ärgernis darstellt,
  2. eine öffentliche Reaktion auf dieses Ereignis, die Anstoß nimmt und Aufsehen erregt.

Vielfältiges Anschauungsmaterial darüber, was ein öffentliches Ärgernis zu sein hat, liefert uns regelmäßig das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.


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Wiederbelebungsversuche der Mord-Theorie im "Fall" Uwe Barschel; Spielbanken-"Affären" in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz; Telefonabhöraktionen in Berlin und Rheinland-Pfalz; Schmiergeldzahlungen in Bremen und Frankfurt; mangelnde Kooperation der chemischen Industrie bei der Verhinderung der Vergrößerung des Ozon-Lochs; mysteriöse Genehmigungsumstände einer Kunstflugveranstaltung, bei der 70 Menschen tödlich verletzt wurden; Scherereien bei Genehmigungsverfahren für eine "Genfabrik"; Unregelmäßigkeiten bei der Kassenführung der Partei Die Grünen; dubiose Praktiken bei der Vorbereitung eines spektakulären Abtreibungs-Prozesses; problematische Details bei der Baugenehmigung eines deutschen Kernkraftwerks; Rückblicke auf die "Skandal"-Serie im Leben des Franz Josef Strauß; ominöse Praktiken bei der organisierten Ayslbewerber-Einschleusung; "skandalöse" Zustände in westdeutschen Alten- und Pflegeheimen; Doping-"Skandale" im Berufssport; illegale Nuklearexporte nach Pakistan; "skandalöse" Besteuerungspläne für Entschädigungszahlungen an AIDS-infizierte Bluter; illegale Aufzeichnungen eines Dienstgesprächs im Bundesverteidigungsministerium; Beteiligung deutscher Firmen beim Bau einer libyschen Giftgasfabrik; Waffenexporte deutscher Firmen nach Südafrika; Plagiatsnachweis eines Romanschriftstellers; Computer-Hacker im Dienste des KGB usw. usw. . KÄSLER (1991: 10)

LUHMANN nennt verschiedene Gesichtspunkte für Skandale.

Zu den wichtigsten Problemen, die heute moralisch aufgeladene Aufmerksamkeit auf sich ziehen, gehören Praktiken, mit denen die Trennung der Code-Werte und damit die Codierungen der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien sabotiert werden. Das gilt für das Unterlaufen der Recht/Unrecht-Unterscheidung durch Korruption, es gilt für entsprechende Phänomene im Bereich der Parteipolitik (WATERGATE). Es gilt für das Benutzen von Insider-Wissen bei Börsengeschäften und für die weit verbreitete Praxis des Dopings im Leistungssport. In all diesen Fällen wird das Problem durch die Berichterstattung der Massenmedien in Skandale transformiert und damit moralisch aufgewertet. Andererseits führt die Verbreitung dieser Phänomene (die Skandale leben davon, dass andere Fälle nicht entdeckt werden) zu praktischer Ratlosigkeit. Aus der Entrüstung, die leicht zu erregen ist, folgt noch nicht, was praktisch wirksam zu tun ist. LUHMANN (1997: 404f)

Inspiriert durch diese Überlegungen wollen wir nun auf folgende Kriterien eingehen:

  1. 1. Öffentliches Ärgernis
  2. 2. Personenbezug (Krise von Personen)
  3. 3. Dramaturgische Qualität
  4. 4. Verstoß gegen Konventionen
  5. 5. Erwartbarkeit
  6. 6. Klischeehaftigkeit
  7. 7. Zusammenhang mit Krisen

(1) Skandale in unserem Sinne sind immer durch Massenmedien veröffentlichte und damit öffentliche Ärgernisse. Der nicht erhörte Ruf eines Kunden, "das ist ja ein Skandal", als Beschwerde für eine ungenügende Garantieleistung erfüllt unsere Bedingung also nicht.

(2) Der Skandal bezieht sich auf das aktive und passive Handeln von Menschen. (vgl. KÄSLER 1991: 11). Personen stehen also im Mittelpunkt des Skandals und verleihen ihm in der Regel auch den Namen. Damit sind Skandale in erster Linie Krisen von Personen. Die Personalisierung und damit Thematisierung von Personen steht im Mittelpunkt.

(3) Der zuvor genannte Aspekt unterstreicht die dramaturgische Qualität von Skandalen. Skandale erinnern an bekannte Dramen oder Tragödien.

(4) Der Skandal entsteht, wenn das Handeln der Beteiligten nicht mehr im Sinne allgemein anerkannter Konventionen ist.

Ein Beispiel verdeutlicht die Thematisierung von Personen in der Boulevardpresse:

David Beckham, 24, britischer Fußballstar bei Manchester United, erregt wieder einmal Aufsehen - durch das Geständnis seiner Frau Victoria, 25, bekannt unter dem Namen "Posh Spice" von der Girlieband Spice Girls. In einem TV-Interview war der Gattin herausgerutscht: "Er leiht sich gern meine Slips aus." Zwar versuchte sie die Äußerung zu entschärfen, doch der Interviewer setzte nach: "Ich weiß, sie machen keinen Scherz - sind es G-Strings (Thongs) oder Unterhosen?" "Thongs", hauchte Posh Spice. Beckham, der gelegentlich mit Sarongs am Leib und seidenen Tüchern auf dem Kopf für Getuschel sorgte, darf sich nun nach seiner Rückkehr mit seiner Mannschaft aus Brasilien auf einiges gefaßt machen. Schon veröffentlichte das Massenblatt "Sun" neue Songtexte für Schlachtenbummler. Ein eher harmloser geht so: "Wir sind rot, wir sind weiß, schaut da ist der Transvestit von Manchester, na na na-na na na na-na. (SPIEGEL 2000,2: 192)

(5) Skandale legen offen, was man im nachhinein immer schon gewußt, vermutet oder erwartet hat. Skandale werden damit schnell zur Realität. Ein nachträgliches Dementieren der Vorfälle wird durch die selektive Wahrnehmung der Öffentlichkeit in der Regel übersehen. Natürlich hat man immer schon vermutet, dass Soldaten homophile Neigungen haben (Der Fall KIESSLING) und Industrieunternehmen ihren Müll im Meer versenken (Der Fall SHELL und BRENT SPAR).

(6) Neben der Realität stiftenden Funktion fällt auf, dass es ein kollektives Gedächtnis für Skandale gibt. Mit "WATERGATE", "LOCKHEED" oder "FLICK" werden leicht Klischees geweckt, die näheres Detailwissen überflüssig machen. Auch die genauen Kenntnisse über die Zusammenhänge in der Parteispendenaffäre um Ex-Kanzler KOHL sind inzwischen obsolet. Der Hinweis auf "schwarze Koffer" reicht aus.

(7) Der Zusammenhang von Skandal und Krise zeigt sich in zwei Perspektiven:

Der Skandal ist gelegentlich die Keimzelle für die Krise eines gesamten Teilsystems. So führte der Dopingskandal einzelner Radsportler während der Tour de France 1998 zur Diskreditierung und Krise des gesamten Radsports. Dafür genügt es, einzelne Fälle exemplarisch vorzuführen. Im Interesse der Medien lebt der Skandal davon, dass nach und nach weitere Skandalfälle publiziert werden. Diese Überlegung führt uns zur zweiten Perspektive des Zusammenhangs von Skandal und Krise. Die Krise, z.B. hervorgerufen durch eine Katastrophe oder einen Unglücksfall etc., wird in Zusammenhang mit Skan-dalen zum anschlußfähigen Anlass für weitere Kommunikation. Der Flugzeugabsturz gerät zum Anlass, um über skandalöses Verhalten der Flugsicherung oder den schlampigen Wartungsdienst zu spekulieren. An diesem Beispiel wird auch der noch zu klärende Zusammenhang mit dem Kommunikationsmedium Gerücht (vgl. 3.2.4) deutlich.

Kontinuität ist bekanntlich ein Nachrichtenfaktor der Medien. Andererseits entwertet die inflationäre Aufdeckung von Skandalen die Abnormität und reduziert damit das weitere öffentliche Interesse. Besonders in der Politik sind Skandale die nächsten Verwandten von Risiko und Krise.

Zunächst fällt auf, dass im Zusammenhang mit politischen Skandalen häufig vom zunehmenden Verfall der Sitten gesprochen wird. Allgemein wird begleitend zum politischen Skandal auf eine zunehmende Deprimierung der Wähler und einer damit zusammenhängenden Politikverdrossenheit hingewiesen. Dies gilt besonders für das ausgehende 20. Jahrhundert, in dem die Wahlbeteiligung in Deutschland einen Tiefstand erreicht hatte. Zunächst muss man dem entgegenhalten, dass politische Skandale wie zum Beispiel Korruptionen die Geschichte des Parlamentarismus seit jeher begleitet haben (vgl. LANDFRIED 1989; ROTH 1989; REESE 1989). Allerdings muss man auch eingestehen, dass der FLICK Skandal eine neue Dimension eingeläutet hat.

Die vollmundigen Sonntagsreden für und im Namen des "Souveräns" stehen in einem eigentümlichen Kontrast zur Servilität jener Politiker, die in den Aufzeichnungen der Konzernspitze mit folgenden Bemerkungen festgehalten wurden: "Lahnstein steht uns jederzeit gern zur Verfügung, um uns zu helfen", "der Minister und seine Versicherungsabteilung machen alles mit", "Friedrichs hat mir abschließend gesagt, er stünde uns zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung". ROTH (1989: 222)

Andererseits sind auch die Klingen der Massenmedien im Laufe der Zeit nicht stumpfer geworden. ROTH weist im Zusammenhang mit dem FLICK-Skandal auf die damals noch ganz typische Kritik an der Medienberichterstattung hin:


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Ihre Kehrseite bildeten die schrillen Töne einer Medienschelte der Beschuldigten und Betroffenen nach dem Motto "Haltet den Dieb!" Da war von "Hinrichtungsjournalismus", von "Vorverurteilung", "Hetzkampagnen" und "journalistischen Todesschwadronen" die Rede, wo es doch "nur" um die Amtsführung und die Ämter von gewählten Politikern und das "Wächteramt" der Presse ging. (1989: 222)

Skandale zeigen auch, dass die ursprüngliche Deprivationstheorie - "je schlechter die Lage, desto größer die Unzufriedenheit" - umgeschrieben werden muss. Mittlerweile muss es heißen: "je besser die Lage, desto größer die Unzufriedenheit." LUHMANNs Überlegungen gehen in diese Richtung:

Es mag sich dann, und zwar gerade unter der Bedingung hohen und wachsenden Wohlstandes, eine generalisierte Unzufriedenheit ausbreiten, die unrealistischen Ansichten über die moderne Gesellschaft Nahrung gibt und zu einem begierigen Konsum von Skandalen führt. (1998: 763)

In dieser Spirale aus panem et circenses spielt die Politik traditionell eine große Rolle. Uns sollen aber weniger die Gründe interessieren, warum Skandale in den letzten Jahren zugenommen haben. Dies schon deshalb nicht, weil es keine empirische Studie gibt, die diese Annahme bestätigen könnte. EBBIGHAUSEN (1989) vertritt die Hypothese einer "wachsenden Legitimationsfeindlichkeit" gegenüber staatlicher Politik im Zuge massiver sozialer Veränderungen. So wird der Skandal denn auch von einigen Autoren als gesundes Zeichen liberaler und demokratischer Gesellschaftssysteme interpretiert. Wie so oft erlangen Skandale öffentliche Bedeutung, weil andere im Verborgenen bleiben. Ohne Skandale gäbe es vermutlich nur niemanden, der entdecken will, kann oder darf.

Skandale sind abhängig von zumindest gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Wir erleben etwa die geringere öffentliche Resonanz auf offensichtliche Korruptionsfälle in Ländern wie Rußland oder der Türkei. Ebenso vermag die Ehescheidung eines hohen Politikers in Deutschland weniger moralische Kontroversen auszulösen als in den USA. Und in Südamerika ist es vermutlich eher ein Skandal, wenn der Regierungschef keine Liebesaffäre hätte.

Die wesentlichen kommunikativen Aspekte des politischen Skandals nennt KÄSLER:

Ein politischer Skandal soll (uns) heißen, ein komplexes soziales Ereignis, bei dem ein sozial signifikantes, öffentlich-politisches "Ärgernis" in personalisierter und dramatischer Form (re)präsentiert und medial verbreitet wird. Derartige politische Skandale sind multifunktional im Bereich der Entscheidungspolitik, insbesondere jedoch im Bereich der Schaupolitik. (1989: 309)

Wir wollen an dieser Stelle zwei Aspekte für die späteren Überlegungen hervorheben (vgl. Kapitel 4):

  1. 1. Personalisierung, d.h. den Rollenaspekt in politischen Skandalen.
  2. 2. Dramatisierung, d.h. einen symbolischen Handlungsverlauf.

2.5 Risiko und Krise als Kommunikationsphänomen

Zunächst ist es sinnvoll, zwischen Anlass und Folgen (als Irritation) zu unterscheiden.

Risiko und Krise beziehen sich auf Wahrnehmungen von Situationen und Ereignissen, die als Bedrohung der Normalität empfunden werden.

Da Bedrohungen in der Regel unspezifisch sind, wählen wir als Oberbegriff Irritation.

Für uns steht aber die Kommunikation im Zusammenhang mit Irritationen im Vordergrund. Dabei übernimmt Kommunikation verschiedene Funktionen:

Risiko, Krise und verwandte Themen wie Skandal und Konflikt verstehen wir als resonanzfähige Dimensionen von Ereignissen. Die Ereignisse können einer Organisation in der Rolle eines Verursachers oder Entscheiders zugerechnet werden.


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Entscheidend ist aber, dass durch die Resonanzfähigkeit vielfältige Kommuni-kationsanschlüsse in der Öffentlichkeit möglich sind.

Abbildung 8: Der Spiegel Nr. 39/25.09.2000

Das Beispiel "Ölkrise 2000" verdeutlicht diesen Zusammenhang. Die Situation drastisch steigender Mineralölpreise hält zunächst unserer Definition von Krise kaum stand. Die Entwicklung wird allerdings zum Anlass genommen, um den politischen Gegner zu diskreditieren.

Irritationen entstehen nicht an sich, sondern sind die Folge abweichender individueller Wahrnehmung (vgl. für die Wirtschaftspolitik MEIER/SLEMBECK 1998: 59).

Diese Unterscheidung zwischen Ereignis bzw. Anlass und kommunikativer Bedeutung wird in den Wirtschaftswissenschaften nicht verfolgt. Hier geht es in erster Linie um die auslösenden Faktoren von Krisen (vgl. KRYSTEK 1987). Auch diese Perspektive sollte jedoch im Aufwind konstruktivistischer Wirklichkeitsauffassungen nicht übersehen werden. Denn spätestens wenn der Konkursverwalter an die Tür klopft, meldet sich die "Wirklichkeit" zurück.

OBERMEIER beschreibt Risikokommunikation als "sozialen Prozeß des Aushandelns" (1994: 32). Spätestens hier wird klar, dass der objektive Risikobegriff und ebenso die darauf aufbauende sachliche Kommunikation den Ansprüchen, die an dies Situation geknüpft sind, nicht gerecht werden.

Der COCA COLA-Skandal in Belgien 1999, bei dem es sich vermutlich um eine Massenhysterie und nicht um eine Vergiftung handelte, und das folgende Beispiel zeigen sogar, dass die Frage nach dem Realitätsbezug unerheblich ist.

Die Firma Audi zum Beispiel verkaufte 1985 in den USA mit aufsteigender Tendenz etwa 74.000 Autos. Im darauffolgenden Jahr behauptete der Fernsehsender CBS in seinem Magazin 60 Minutes, der Audi 100 würde aufgrund eines technischen Defektes unbeabsichtigt beschleunigen. Dies habe zu mehreren Unfällen, zum Teil mit Todesfolge, geführt. Obwohl Audi die Berichte dementierte, wurden sie von anderen Medien aufgegriffen und über mehrere Monate landesweit verbreitet. Im Gefolge der öffentlichen Diskussion über die Sicherheit der Autos ging der Absatz der Wagen um zirka 51.000 zurück. Im Frühjahr 1989 stellte eine unabhängige Untersuchungskommission im Auftrag der zuständigen Behörde fest, dass der Wagen keine technischen Mängel aufwies, die eine

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unbeabsichtigte Beschleunigung hätten auslösen können. Vermutlich hatten die meist älteren Fahrer die Pedale verwechselt. (KEPPLINGER 1992: 30)

Wir werden daher Risiko und Krise in erster Linie als Kommunikationsphänomene begreifen.

2.5.1 Das Risiko (der) Kommunikation

Damit geht es auch um die kommunikative Kompetenz von Organisationen und ihren Repräsentanten. Häufig genug führt gerade die kommunikative Inkompetenz eines Einzelnen zum Risiko der Kommunikation für Organisationen. Denn allzu oft sind die Akteure selbst ein fahrlässiger Anlass für die Berichterstattung (vgl. WACHTEL 1999a: 12). Die Form des Umgang mit den Medien bietet gelegentlich mehr Konfliktpotential als das eigentliche Thema, um das es geht. Wir haben es dabei allerdings auch nicht mit einem ganz neuen Phänomen zu tun. SANDERs Hinweis erinnert an alltägliche Kommunikationserfahrungen, die in einem Sprichwort international festgehalten sind:

Zwar erzeugt Kommunikation möglicherweise den Anschein, individuell beherrschbar zu sein, doch führen immer wieder konkrete Kommunikationserfahrungen vor Augen, wie leicht man sich auch in bewusst gelenkter Kommunikation durch Reden selbst zum Feind wird. (1998: 19)

Das Ziel der Unternehmenskommunikation ist es, die ursprünglich intendierte Information über die Massenmedien zu veröffentlichen. Im Sinne von LUHMANN geht es also dabei um ein Phänomen doppelter Kontingenz und damit um die erfolgreiche Kalkulation von Verhaltenswahrscheinlichkeiten der Massenmedien. Wer die Mechanismen der Massenmedien kennt, sollte sich entsprechend verhalten können. Auch sonst gestalten wir unser Verhalten nach erwartbaren Konventionen, Ritualen oder einfach taktvoll. Wir bemühen uns, im Umgang mit japanischen Geschäftsleuten nicht unser Gesicht zu verlieren. Warum gelingt dies nicht vor Mikrofon und Kamera?

An Bedeutung gewinnt immer mehr das Ethos und damit die Rolle des Kommunikators.

Der Schluck Wasser aus dem Rednerglas wurde Bernhard Walter zum Verhängnis. Weil der damalige Chef der Dresdner Bank vergessen hatte, wo er vor der Erfrischung war, las er fast eine Seite seiner Rede noch mal vor. Eine Peinlichkeit , über die Eon-Chef Ulrich Hartmann vermutlich nicht recht lachen kann, denn auch er hat sein Vortragsfiasko hinter sich. Hartmann, der sogar im kleinen Kreis seine Antworten gerne abliest, wurde bei einer Feierstunde des Unternehmens Ruhrkohle von höchster Stelle gerüffelt: Bundeskanzler Gerhard SCHRÖDER monierte, Hartmann und seine Redenschreiber sollten sich künftig doch besser vorbereiten. [...] Spätestens seit den legendären "Peanuts" von Deutsch-banker Hilmar KOPPER seien die öffentlichen Äußerungen vieler Vorstände nur noch von nackter Angst vor einem Imageschaden geprägt. MERX (2000: 27)

Auch hier zeigt sich ein Versagen rationalistischer Vorstellungen, die dem Argument noch die noble Rolle der Überzeugung zubilligte. Nicht mehr nur Themen, sondern auch Personen stehen im Mittelpunkt und Schußfeld des Medieninteresses. Die perfekte Inszenierung überlagert die Wirkung von Argumenten und Wirtschaftsmanager werden immer häufiger mehr an ihrem Auftritt als an ihren Primärleistungen bemessen. Das beweisen nicht zuletzt die Erfahrungen mit der new economy.

Es entsteht ein neuer Typ des Wirtschaftsmanagers. Sein Erfolg und seine Karriere werden zumindest auch durch den publizistischen und nicht mehr nur durch den wirtschaftlichen Erfolg bestimmt. Wirtschaftsmanager müssen sich und ihr Unternehmen heute vor Fernsehmikrofonen oder in Talkshows verkaufen können. Sie müssen die Eigenschaften von Krisenmanagern haben, um erfolgreich zu sein. DONSBACH/GATTWINKEL (1998: 20)

Was im Positiven gilt, führt im Negativen häufig zum beruflichen Aus der betroffenen Persönlichkeiten. Die Reihe der gescheiterten Spitzenmanager ist lang und prominent. KOPPER (DEUTSCHE BANK), MAUCHER (NESTLÉ), PISCHETSRIEDER (BMW) traten nicht mangels unternehmerischer Fähigkeiten ab, sondern letztlich wegen publizistisch geahndeter Fehltritte. Aus der Unternehmenskommunikation wird dann das Unternehmen Kommunikation, dem häufig ein abenteuerlicher Verlauf beschert ist. Besonders deutlich wird dies gelegentlich im Verlauf von Skandalen:

Im Fall von Skandalen kann es ein weiterer Skandal werden, wie man sich zum Skandal äußert. LUHMANN (1996: 61)

Die Situation verlangt eine immer höhere Medienkompetenz der Personen im Lichte der Öffentlichkeit. Deutsche Politiker sehen sich mittlerweile den Medien in einer Form ausgesetzt, die an amerikanische Verhältnisse erinnert.


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Dem Risiko Kommunikation unterlag letztendlich auch Helmut KOHL. Die ZDF Journalisten BRESSER und BELLUT entlockten dem stets medienerhabenen Altkanzler das "Bimbes"-Geständnis, das die CDU-Affäre nachhaltig negativ beeinflußte.

Nicht ohne Grund unterscheidet GOFFMAN zwischen "Fauxpas", "Taktlosigkeit" und "Fettnäpfchen".

Die Aufmerksamkeit kann natürlich durch unbeabsichtigte Gesten oder unpassendes Eindringen auf diese Tatsachen gelenkt werden. Sie werden jedoch häufiger durch bewusste Aussagen oder durch Handlungen aufgedeckt, deren volle Bedeutung derjenigen, der sie in die Interaktion einführt, nicht bewusst ist. Nach dem üblichen Sprachgebrauch kann man eine solche Störung der Projektion als "Fauxpas" bezeichnen. Wo immer ein Darsteller unüberlegt, aber absichtlich durch Aussagen oder Handlungen das Image das Image des eignen Ensembles zerstört, können wir von "Taktlosigkeiten" sprechen. Wenn ein Darsteller das vom anderen Ensemble projizierte Selbstbild in Gefahr bringt, sagen wir, er sei "ins Fettnäpfchen getreten". Handbücher der Etikette enthalten klassische Warnungen vor derartigen Indiskretionen. (1969: 190)

Während sich deutsche Journalisten eher devot verhielten, um es sich mit Kanzler KOHL nicht zu verscherzen, waren ausländische Journalisten weniger generös. Ein außenpolitisch gravierender Fauxpas passierte in intimer Interviewatmosphäre mit dem TIME MAGAZINE. Da verstieg er sich mit dem Vergleich von GORBATSCHOW und GOEBBELS.

Nicht ohne Grund setzen die Politstrategen in Amerika mittlerweile auf kontrollierte Medienauftritte (PLASSER/SOMMER 1991:96).

Wenn PLASSER/SOMMER (1991: 102) für Österreich den Wandel von der "Politikgestaltung zur Politikinszenierung" konstatieren, so muss man zu Beginn des neuen Jahrtausends feststellen, dass einer diese Lektion besonders erfolgreich gelernt hat.

Für uns bleibt die wichtige Erkenntnis, dass Risiko und Krise durch Kommunikation als Form sozialen Handelns entstehen. So haben nachträgliche Untersuchungen zum Störfall von Griesheim der HOECHST AG ein überdurchschnittliches Niveau des Sicherheits- und Umweltschutzmanagement belegt. Das nütze dem Unternehmen allerdings wenig. Man hatte vor lauter Beschäftigung mit Risiken das Risiko der Kommunikation übersehen.


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Mon Sep 24 16:38:34 2001