Vorwort:
geNOkos, oder: Der Mann in uns

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Das, was mit bekannteren und breiteren Begriffen queer und transgender und hier mit einem neuen, engeren und schwerfälligeren Begriff geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen1 genannt wird (nämlich die Überschreitung der Grenze zwischen den Geschlechtern), hatte schon zu Zeiten der D-Mark die Werbung erreicht. Der Restposten-Distributer „Strauss Innovation“ warb im Sommer 2000 für einen Wickel-Rock für Männer mit dem Slogan: „Maskulines Körperbewußtsein im Trendlook: der Wickelrock für Ihn aus 100% Baumwolle. DM 29.90“.

In etwa zur gleichen Zeit bewarb der Autohersteller „SEAT“ sein neuestes Modell mit folgendem TV-Spot: Eine Frau – oder wie sich später vielmehr herausstellt: eine drag queen – steigt in ein Auto; mit zunehmender Begeisterung an dem rasanten Wagen entledigt sie sich ihres Fummels und der Abschlußslogan lautet: „There is a man in all of us.“

Da wir annehmen können, daß SEAT seine Autos tatsächlich an „alle“ (d.h. nicht nur an Männer und drag queens) verkaufen will, können wir des weiteren annehmen, daß die Botschaft dieses Spots nicht (nur) sein soll: ›mit dem richtigen Auto akzeptieren sogar drag queens ihre ‚wahres‘ Geschlecht‹. Vielmehr dürfte die intendierte Botschaft gewesen sein: ‚There is a man in real girls, as well‘. Die drag queen dient nur dazu, dem Publikum den Gedanken nahezubringen, daß die Geschlechtergrenze nicht unüberschreitbar ist, d.h.: daß sich auch Frauen (und nicht nur Männer) für rasante Autos begeistern können.

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Soweit so gut oder – vom ökologischen Standpunkt aus gesehen: Soweit so schlecht.

Aber: Können wir uns den umgekehrten Werbespot vorstellen: Ein drag king bekommt eine Tüte mit Windeln in die Hand gedrückt – und nach zunehmender Begeisterung über das Putzen eines dreckigen Babyarsches erfahren wir: „Es ist eine Frau in uns allen.“ –

Wir können uns einen solchen Werbespot vielleicht vorstellen. Der Effekt wäre aber vermutlich ein Absinken der Geburtenrate und nicht ein verstärkter Absatz der Windeln des so werbenden Herstellers.

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Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem gleichen Problem: Is there only a man in all of us? Oder: Can there be a woman in all of us, as well?

Den Durchbruch für die Erkenntnis der Relevanz dieser Fragestellung brachte bekanntlich 1990 Butlers Gender Trouble (dt. 1991 unter dem Titel Das Unbehagen der Geschlechter), gefolgt vom Streit um Differenz zwischen Judith Butler, Nancy Fraser, Seyla Benhabib und Drucilla Cornell (1993). Zwischendurch machten Wetterer/Gildemeister (1992) in Traditionen. Brüche (Bd. 6 des Forums Frauenforschung) den Begriff doing gender bekannt. Es folgten die Transsexuellen-Studien von Lindemann und Hirschauer (jeweils 1993) – letztere mit dem Titel „Die soziale Konstruktion der Transsexualität“.

Inzwischen ist der Begriff der „sozialen Konstruktion“ (nicht nur von Transsexualität, sondern von Geschlecht überhaupt) – zumindest in einer bestimmten akademischen, kulturellen und geschlechterpolitischen Szene – zum Allerweltsbegriff geworden, so daß an dieser Stelle zunächst auf weitere Literaturnachweise verzichtet wird, und Gildemeister (2000, 219) konstatiert, daß „die Kennzeichnung ‚konstruktivistische Geschlechterforschung‘ mehr verwirrt als erhellt“.

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Diese Verwirrung will die vorliegende Studie ein wenig beseitigen, indem sie die Debatte von den Höhen des Diskurses (Butler) und der Tiefe des „Leibes“ (Lindemann) wieder auf den Boden der Tatsachen des wirklichen Lebens (Marx) zurückholt.

Untersucht wird hier am Beispiel der Arbeitsteilung in Haushalten von Personen, die geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktizieren, welche Auswirkungen geNOkos auf die Machtverhältnissen in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern haben.

Das heißt: Diese Arbeit versucht ein Erkenntnisinteresse zu befriedigen, das bspw. von Brigitte Studer (2001, 116 f.) artikuliert wurde: „Und selbst wenn Menschen das undefinierte ‚Geschlecht der Engel‘ – bzw. deren Geschlechtslosigkeit – haben sollten, sind sie bekanntlich noch lange keine Engel in ihrer Lebensführung. Zumindest nicht in dem Sinne, dass sie freiwillig auf das gesellschaftliche Ordnungs- und Machtangebot verzichteten, welches die Geschlechterdifferenz bietet. Man möchte diesbezüglich mehr über die kulturellen Praktiken, die habituellen Muster und interaktiven Regeln dieser ‚trans‘-Gruppen, wissen.“

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Zur Rechtfertigung der hiesigen Verbindung des allerneuesten (oder vielleicht auch nur: vor-vor-letzten) Schreis der postmodernen Theorie mit einem so verzopften, 19. Jahrhundert- (oder schlimmer noch: 1970er Jahre-) Thema wie dem der Arbeitsteilung soll hier nur daran erinnert werden:

Die Cultural Studies haben sich nicht zur Aufgabe gemacht haben, Macht in Kultur aufzulösen, sondern haben vielmehr die Erkenntnis zur Grundlage, daß Kultur nur „im Kontext von Macht und Politik angemessen analysiert werden kann“ (Winter 2000, 207):

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„Die Schwierigkeit einer Definition der Cultural Studies darf nicht dazu führen, dass jede Analyse von Kultur, insbesondere von populärer Kultur, mit Cultural Studies gleichgesetzt wird. So sind z.B. eine semiotische Analyse eines Hollywoodfilms oder die ethnographische Erforschung kultureller Welten ohne Bezug zum Verhältnis von Kultur und Macht keine Cultural Studies. Denn ihr Projekt hat zum Ziel kulturelle Prozesse in ihrer kontextuellen Einbindung in Machtverhältnisse zu erforschen. Deren bestimmender und prägender Einfluss auf kulturelle Praktiken soll herausgestellt werden.“ (Winter 2000, 207).

Dabei beschränkt sich der Kultur-Begriff der Cultural Studies nicht auf Produkte der sogenannten Hochkultur, sondern bezieht sich auf den ganzen way of life (Linder 2000, 65; Winter 2000, 206, 208, 212), so daß durchaus auch ein Bereich wie Hausarbeit als „Kultur“ bezeichnet werden kann – wobei nicht geleugnet werden soll, daß dieser hier mehr unter einem historisch-materialistischen, denn kulturwissenschaftlichen Fokus betrachtet wird, sofern dies denn eineR als gegensätzliche Perspektiven auffassen sollte.

Indem diese Arbeit das – vermeintlich: queer – doing gender bei der Hausarbeit unter dem Gesichtspunkt des Geschlechterverhältnisses als Machtverhältnis analysiert, macht sich diese Arbeit jedenfalls an etwas zu schaffen, das nach Gildemeister (2000, 223) eine Desiderat der Geschlechterforschung ist: „Bislang steht weitgehend aus, Struktur- und Prozessanalysen miteinander zu verbinden oder, wie es auch heißt: die Analyse sozialer Ungleichheit mit dem Fokus der ‚sozialen Konstruktion‘.“ In ähnlicher Weise plädieren auch Heintz/Nadai (1998, 79) dafür, „die mikrosoziologische Perspektive systematisch mit makrosoziologischen Analysen [zu] verbinden und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschlechtlicher Differenzierung wieder vermehrt Rechnung“ zu tragen – also für ein Verständnis von doing gender, das die „Asymmetrie in den Geschlechterverhältnissen in Bezug auf gesellschaftliche Macht und Herrschaft“, d.h. den „Zusammenhang von Differenz und Hierarchie“ (Teubner/Wetterer 1999,18, 20; vgl. auch Kahlert 1999, 123, 124) nicht ausblendet.

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Indem die vorliegende Arbeit versucht, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, versucht sie zugleich in praxi zu zeigen, daß die von Seyla Benhabib diagnostizierte und zurecht kritisierte Entwicklung, – anders als Benhabib zu meinen scheint – keine ist, die zwangsläufig mit einer Präferenz für de-konstruktivistische (oder poststrukturalistische) theoretische Ansätze einhergehen muß:

„In der feministischen Sozialforschung wurde die Analyse der Position von Frauen in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und in der Arbeitswelt von der Analyse von Identitäten abgelöst: Die Konstitution und Konstruktion von Identitäten, die Probleme kollektiver Darstellungen des Selbst und der anderen sowie Fragen kultureller Kämpfe und Hegemonie stehen im Mittelpunkt dieser Analyse.“ (Benhabib 1998, 55).

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Im Gegensatz zu einer solchen Karikatur des älteren Feminismus (auch wenn sie bei Benhabib als Verteidigung gemeint ist) wird hier (wenn auch nicht ohne Modifikationen) an die ältere feministische Arbeitsforschung angeknüpft, die schon immer wußte, daß Arbeit und Identität nicht zwei getrennte Reiche sind, sondern Arbeit eine Praxis ist, in der sich u.a. geschlechtliche Identität herausbildet2 – und daß eine Überwindung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung nur möglich ist, wenn zugleich die Geschlechterkonstruktion als solche in Frage gestellt wird (Andresen/Woll 1988, 48).


Fußnoten und Endnoten

1  Zu diesen und weiteren Begriffen siehe im folgenden die Erklärungen auf den S. 64 ff.

2  S. bspw. Andresen/Woll 1988: im Abschnitt „Facharbeit: Männer und der Stolz auf das eigene Produkt“ sub 2. bes. S. 41 f., im Abschnitt „Verwissenschaftlichung der Produktion“ bes. die Ausführungen auf S. 43 f. zur Facharbeiteridentität sowie den Abschnitt über die „Vergeschlechtlichung von Arbeit und Menschen“ auf S. 46-48; Haug 1984, 47 und dort ebenfalls den Abschnitt „Identität“ (S. 53-56); Haug 1982 zur Frage „Wesen Kultur im Arbeitsprozeß?“ sowie schließlich die „Thesen zur kulturellen Identität der Facharbeiter“ von Räthzel (1981) – jeweils mit weiteren Nachweisen auch aus der internationalen Diskussion.



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18.09.2006