A. Einleitung

I.  Hartes Brot: Keinem/r zum Gefallen

▼ 8 (fortgesetzt)

Der folgende Text ist keine leichte Kost: Nicht für diejenigen, die „Geschlecht“ noch immer für eine eindeutige und unwandelbare Angelegenheit halten, die das Wesen einer Person ausmacht. Denn sie werden vielleicht auch in ihrer eigenen (Geschlechts)identität verunsichert, wenn sie im folgenden am Beispiel anderer Personen mit der Uneindeutigkeit und Wandelbarkeit des Geschlechts einer Person konfrontiert werden.

Der Text ist aber auch keine leichte Kost, für diejenigen, die die Uneindeutigkeit und Wandelbarkeit ihres Geschlechts (er)leben. Denn der folgende Text ist weder eine warmherzig-empathische Sympathiewerbung für eine beliebige oder auch bestimmte „Minderheit“ (vgl. Schulze 2000), noch feiert er Uneindeutigkeit und Wandel an sich.3

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Und der Text ist schließlich auch keine leichte Kost für diejenigen, die Wissenschaft auf Praxisbezogenheit und Verwertbarkeit (sei es im Sinne einer ‚Nützlichkeit‘ für die genannte „Minderheit“ oder im Sinne schlichter Marktgängigkeit) trimmen wollen. 4 Denn die Wissenschaft ist selbst eine Praxis, die sich nicht durch den Bezug auf irgendeine andere Praxis rechtfertigen muß5, sondern die sich durch die Produkte ihrer Praxis selbst – durch die Erkenntnisse, die sie produziert – rechtfertigt (vgl. Lecourt 1975b, 10 f. zu Bachelards Kategorie „epistemological value“).6

Ohnehin besteht die Differenz zwischen den beiden zuletzt genannten Gruppen (der Gruppe derjenigen, die Verwertbarkeit i.S. sozialer Bewegungen, und denjenigen, die Verwertbarkeit i.S. von Marktgängigkeit verlangen) wahrscheinlich nicht im Prinzipiellen, sondern nur darin, welchen ‚Betroffenen‘ die Wissenschaft nützlich sein soll. Im Gegensatz zu derartiger apriorischer Anwendungsorientierung besteht der Nutzen, der hier versprochen wird, im schlichten Erkennen der Wahrheit – vorliegend der Wirkung von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen auf das Geschlechterverhältnis. Spezifischen Subjekten wird dies nur dann nutzen, soweit sie nicht Meinungen oder bloße ‚Wünsche‘, sondern objektive Analysen zur Grundlage ihres (politischen) Handelns machen und deshalb adäquate Handlungsstrategien zu entwickeln in der Lage sind.

Demgemäß wird hier scheinbar traditionell7 daran festgehalten, daß

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„die Wissenschaft in einem vollkommenen Gegensatz zur Meinung [steht]. Wenn sie einmal in einem besonderen Punkt die Meinung rechtfertigen sollte, so aus anderen als für die Meinung ausschlaggebenden Gründen, so daß die Meinung auch im Recht immer unrecht hat. Die Meinung denkt falsch; sie denkt nicht: sie übersetzt Bedürfnisse in Erkenntnisse. Indem sie die Gegenstände durch ihre Nützlichkeit bestimmt, nimmt sie sich die Möglichkeit, sie zu erkennen. 8 Auf die Meinung läßt sich nichts gründen: sie gilt es allererst zu zerstören. Sie ist das erste Hindernis, das überwunden werden muß. […]. Vor allem gilt es Probleme aufzustellen. Und im wissenschaftlichen Leben stellen sich Fragen gewiß nicht von selbst. Gerade dieses Problembewußtsein kennzeichnet den wirklichen wissenschaftlichen Geist. Für einen wissenschaftlichen Geist ist jede Erkenntnis die Antwort auf eine Frage. Hat es keine Frage gegeben, kann es auch keine wissenschaftliche Erkenntnis geben.“ (Bachelard 1938, 47 – Hv. i.O.).9

Ohne theoretisches Problembewußtsein, das die Meinungen in Frage stellt, gibt es keine wissenschaftliche Erkenntnis: „Ein Problem zu formulieren, ist genau der Anfang und das Ende aller Geschichte [scil.: Geschichtswissenschaft]. Keine Probleme, keine Geschichte [dito].“ (Febvre 1953a, 22). 10

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Aus diesem Grund folgt diese Arbeit nicht der – bspw. vom E.P. Thompson11, aber auch von Jeanette Hofmann (1997) in Übereinstimmung mit dem mainstream der qualitativen Sozialforschung4 propagierten – angeblich „neuen Bescheidenheit“, die ‚sich vorbehaltlos in die Welt des Forschungsgegenstandes hineinbegibt‘5 (6) und die Erkenntnis bereits dann erreicht sieht, „wenn die konkrete Sinnorientierung von Akteuren zutreffend erfaßt ist“ (Hitzler/Eberle 2000, 113 – Hv. d. Vf.In), wenn „das untersuchte Handlungsfeld selbst zum Sprechen“ gebracht worden ist; die den Sinn der Wissenschaft darin sieht, daß ‚die Beschreibungen der Akteure selbst‘ unser Wissen (sic!) infragestellen (sic!) (Hofmann 1997, 5). 6

Sie folgt aber auch nicht der scheinbar 7 gegensätzlichen – bspw. von Elisabeth Bronfen (2000) in Übereinstimmung mit dem mainstream postmoderner Cultural Studies propagierten – neuen Unbescheidenheit, die – komplementär zu Hofmanns Auffassung – das Primat der Erkenntnis statt in der Subjektivität der Beobachteten in der Subjektivität der Beobachtenden sieht, wenn sie schreibt, daß die Bedeutung „vom Betrachtenden durchaus auch ausgehandelt werden“ kann. „Wenn im Umfeld der angloamerikanischen Kulturwissenschaft immer wieder der Begriff eines negotiated reading aufgeworfen wird, so deshalb, um hervorzuheben, dass es weder eine festgeschriebene Bedeutung einer Darstellung noch eine festgeschriebene Betrachterposition gibt.“ 8

Die erstgenannten, vermeintlich bescheidenen Ansätze trachten nicht danach, zu vermeiden, daß (sondern sehen es als „erkenntnispraktischen Glücksfall“ an, wenn) in umfrage-gestützten Untersuchungen die Antworten auf die theoretisch entwickelten und begründeten Fragen ausbleiben 9 und die ForscherInnen statt dessen „zu ZuhörerInnen von Geschichten“ werden, nach denen sie „nicht gefragt“ hatten (S. 4) – was, ernst genommen, nahelegen würde, das Fragen am besten gleich ganz sein zu lassen.

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Demgegenüber wird hier mit der Theorie und der Entwicklung der Fragestellung begonnen, statt einfach nur das Protokoll einer Befragung der ‚Akteure selbst‘ wiederzugeben. 10 Denn: „Man muß nachdenken, um zu messen, und nicht messen, um nachzudenken.“ (Bachelard 1938, 309).

Anders als im Fall der zweitgenannten (unbescheidenen) Ansätze wird (wissenschaftliche) Theorie hier allerdings nicht als beliebiges „discursive play“ (vgl. krit.: Ebert 1992/93, 13) aufgefaßt, das keine Entscheidung über die Güte unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Theorien erlaubt. Vielmehr wird wissenschaftliche Theorie hier als das Resultat jenes gesellschaftlichen Prozesses begriffen, der in der kognitiven Aneignung der Realität in ihrer Gesamtheit besteht (Macherey 1985, 1294).

Das heißt, hier wird folgender Auffassung von Teresa L. Ebert und Pamela Robertson gefolgt:

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„reality exists outside the consciousness of humans – ideas do not have an autonomous existence and reality is not merely a matter of desire, dreams, or operations of language. This does not mean that reality, as we have access to it, as we make sense of it, is not mediated by signifying practices, but rather that social relations and practices are prior to signification and are objective in their effects on us. The subjugation of women, than, is an objective historical reality: […].“ (Ebert 1992/93, 43, FN 1 – Hv. i.O.; vgl. Ebert 1995, 45).

▼ 14 

„While cultural studies […] depend on the idea that texts are ‚adrift in the culture‘ and can be put to different uses by different audiences and spectators, we nonetheless need to be able to account for how texts get taken up – not simply to accept any and all appropriations as equally valid, but instead to explore how and why certain texts get taken up in certain ways by certain groups.“ (Robertson 1996, 6, die diesem Anspruch in ihrer eigenen Analyse aber nur teilweise gerecht wird).

Theorie ist demnach nach hiesigem Verständnis

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und auch keine positivistische14 oder phänomenologische 15 ‚Tatsache‘, sondern eine gültige Erkenntnis kausaler Zusammenhänge 16.

In dem Maße, wie jener Prozeß der „kognitiven Aneignung der Realität“ (s.o.) nicht abgeschlossen ist (und in Anbetracht der Veränderlich- und Veränderbarkeit der Realität auch nie abgeschlossen sein kann), ergeben sich aus dem Stand der Theorie die Fragen für die weitere Forschung. Dieser Weg von der Theorie, vom theoretischen Problem, zur empirischen Fragestellung soll im folgenden für die hier vorliegende Arbeit dargestellt werden.

II. Theorie: Die ‚postmoderne‘ Infragestellung der Kategorie ‚Geschlecht‘

1.  Die Theorie des ‚postmodernen‘ Feminismus

Theoretische Ausgangspunkte (Kapitel B.I.2.) dieser Arbeit sind (im aller weitesten Sinne) postmoderne Ansätze, die seit Ende der 80er Jahre in der feministischen Debatte eine zunehmende Rolle spielen. Unter dem Schlagwort „Performativität“ fassen sie Geschlecht nicht mehr als ein Haben, sondern als ein (sei es bewußtes, sei es unbewußtes) Tun auf. Vergeschlechtlichtes Handeln wird nicht mehr als expressiv, als Ausdruck einer vorgängigen Geschlechtsidentität aufgefaßt, sondern als performativ: Erst das doing gender bringe die geschlechtliche Identität hervor, so wird sowohl aus ethnomethodologisch-sozialkonstruktivistischer als auch dekonstruktivistisch-poststrukturalistischer Perspektive17 behauptet:

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„Das Herstellen von Geschlecht (doing gender) umfaßt eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, welche bestimmte Handlungen mit der Bedeutung versehen, Ausdruck weiblicher oder männlicher ‚Natur‘ zu sein. Wenn wir das Geschlecht (gender) als eine Leistung ansehen, als ein erworbenes Merkmal des Handelns in sozialen Situationen, wendet sich unsere Aufmerksamkeit von Faktoren ab, die im Individuum verankert sind, und konzentriert sich auf interaktive und letztlich institutionelle Bereiche.“ (West/Zimmermann 1991, 14). „Das macht es […] schwierig, von der Geschlechtszugehörigkeit zu sprechen, weil man sie im strikten Sinne nur ‚hat‘, indem man sie ‚tut‘.“ (Gildemeister/Wetterer 1992, 212 – Hv. i.O.).

▼ 17 

„[…] die Geschlechtsidentität ist ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, das es der Tat vorangeht. […]. Wenn die Attribute der Geschlechtsidentität nicht expressiv, sondern performativ sind, wird die Identität, die sie angeblich nur ausdrücken oder offenbaren sollen, in Wirklichkeit durch diese Attribute konstituiert. […]. Daß die Geschlechter-Realität (gender reality) durch aufrechterhaltene gesellschaftliche Performanzen geschaffen wird, bedeutet gerade, daß die Begriffe des wesenhaften Geschlechts und der wahren oder unvergänglichen Männlichkeit und Weiblichkeit ebenfalls konstituiert sind.“ (Butler 1990, 49, 207, 208 – Hv. i.O.).

Damit verschieben sich auch die Konfliktlinien in feministischen Strategie-Debatten: Wurde in den 70er und 80er Jahre noch vielfach über die anzustrebende oder zu verteidigende gesellschaftliche Gleichheit oder Differenz der als biologisch unterschiedlich vorausgesetzten Geschlechter gestritten, so wird heute die Existenz biologisch unterschiedlicher Geschlechter gerade nicht mehr vorausgesetzt: 18

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„Es gibt keine zufriedenstellende humanbiologische Definition der Geschlechtszugehörigkeit, die die Postulate der Alltagstheorien einlösen würde.“ (Hagemann-White 1988, 228). „Klassifikationskriterien können [… nämlich] die Genitalien zum Zeitpunkt der Geburt oder die Chromosomen sein, die im Zuge vorgeburtlicher Analyseverfahren festgestellt werden; beide müssen nicht notwendigerweise übereinstimmen. […]. Im Alltag jedoch erfolgt die Zuordnung – und wird aufrechterhalten – aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. In diesem Sinne kann man sagen, daß die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht das entsprechende biologische Geschlecht unterstellt und in vielen Situationen ersetzt.“ (West/Zimmermann 1991, 14 f.).

Zugleich gibt es aber – außerhalb des Feminismus – auch eine Tendenz zur Re-Biologisierung des Geschlechter-Begriffs: Ausgerechnet die zur-Kenntnisnahme der medizinischen Zwangsbehandlung von Intersexuellen, deren Existenz der Beweis für die Nicht-Binarität des biologischen Geschlecht ist, wird ausgebeutet für die ideologische These ‚Natur ist stärker als Gesellschaft‘:

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„Anders als man früher glaubte,“ – damals als die Feministinnen die Gesellschaft noch beherrschten …?! – „sind Kinder bei der Geburt kein weißes Blatt, was ihre geschlechtliche Identität angeht. Die alte feministische These, Mädchen und Jungen werden gemacht und nicht geboren‘ ist falsch. Schon vor der Geburt wirken Hormone im Mutterleib auf das Gehirn des Fötus und prägen die Identität als Junge oder Mädchen. Das haben Studien mit intersexuellen Patientinnen bewiesen. Obwohl die Eltern sie konsequent als Mädchen erziehen, spielen viele von ihnen lieber mit Autos und Legos statt mit Puppen.“ (Spiewak 2000, 34).

Wenn ‚gemachte‘ Mädchen, die lieber mit Autos spielen, ‚beweisen‘, daß sie eigentlich Jungs sind, was beweisen dann ‚richtige‘ Mädchen, die lieber mit Autos spielen (obwohl sie ebenfalls konsequent als Mädchen erzogen wurden)? – Wenn sich heute Protest von Intersexuellen gegen ihre Zwangsbehandlung regt, dann beweist dies nicht, daß die angeblich bereits vor-geburtlich festgelegte Geschlechtsidentität auch mit noch soviel Erziehung und noch soviel medizinischen Maßnahmen nicht gebrochen werden kann. Vielmehr verweist die Entstehung dieses Protestes auf zweierlei: (1.) Jede der fraglichen medizinischen Maßnahmen erinnert von Neuem daran, daß das Geschlecht (dieser Personen) gerade nicht natürlich ist – und destabilisiert dadurch zwangsläufig den angestrebten Erfolg, eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit dieser Personen als natürlich erscheinen zu lassen. Spätestens, wenn dann (2.) auch noch von anderer Seite die Stabilität der Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt wird, ist die Möglichkeit zum Protest gegen die Zwangsvereindeutigung des eigenen Geschlechts gegeben. Und in der Tat wird die Stabilität der Zweigeschlechtlichkeit heute – neben Ansätzen einer Intersexuellen-Bewegung – von zwei mindestens unterschiedliche Seiten in Frage gestellt: Zum einen ökonomischen Tendenzen einer neo-liberalen Flexibilisierung, die auch traditionelle Geschlechterarrangements nicht unberührt läßt (s. dazu unten jew. in und bei Endnote 42 und 356); zum anderen von eben jenen postmodernen Feministinnen, die nicht mehr nur die Natürlichkeit der Geschlechtsidentität oder des sog. sozialen Geschlechts, sondern auch die Natürlichkeit der vermeintlich biologischen Zweigeschlechtigkeit in Frage stellen (s. dazu unten S. 38 und 77 ff.).

Und genau um Jenes (die De-Stabilisierung der herrschenden Zweigeschlechtlichkeit) geht es postmodernen Feministinnen (und mit ihnen sympathisierenden §Männern 5) – es geht ihnen um die Frage: Wie kann bereits/sogar in den Konstitutionsprozeß der Geschlechter subversiv / ent-identifizierend (s. unten S. 84, FN  * ) / störend eingegriffen werden, statt nur dessen Folgen abzumildern? 6 So vermutet Butler, „daß gerade mit Hilfe von Praktiken, die die Desidentifizierung mit jenen regulierenden Normen hervorheben, durch die die sexuelle Differenz materialisiert wird, sowohl feministische als auch queer-Politik mobilisiert wird.“ (Butler 1993/94, 24 – Hv. i.O.).

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Damit verschiebt sich das politische und analytische Interesse weg von einem vermeintlich feststehenden Kollektivsubjekt §Frauen: Es entwickelt sich hin zu devianten Subjektpositionen6 wie Drag Kings und Queens, Transsexuellen, Cross Dresser-Innen und anderen gender-non-conformists, die – im Kontext dieser theoretischen Aufmerksamkeit (vor allem in den USA) – in den letzten Jahren eine subkulturelle Popularität (auch hier) erlangt haben (s. jüngst bspw. Siegessäule 7/2002). Jene gender-non-conformists machten mit ihren Körperinszenierungen – so die Annahme – die Produziert- (statt: Gegeben)heit von Geschlecht deutlich und stellten damit auch – so die weitere Annahme – die Stabilität von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in Frage. So behauptet Marjorie Garber7, weil Transvestiten direkt vorführen, wie gender konstruiert wird, stecke in ihnen „eine außergewöhnliche Sprengkraft und ein hohes Entlarvungs- und Provokationspotential“ (vgl. ausführlicher und differenzierter: Butler 1990, 15-22, 181-204; Butler 1994/94, 169-185, 304-319).

Diese Annahmen haben vielfältige Kontroversen innerhalb und außerhalb des postmodernen Feldes ausgelöst, die im folgenden zu erörtern sind.

2. Die Kritik und Anti-Kritik

Die Vorwürfe von außerhalb des postmodernen Feldes sind zwar von unterschiedlicher methodischer Redlichkeit, aber alle samt relativ einfach zu widerlegen. Neben Einwänden, die auf den schwachen Fundamenten einer historizistischen ‚Verdachtsproduktion‘ 7 8 beruhen, steht der Vorwurf der Leugnung der Materialität des Geschlechterverhältnisses und der Auflösung der vermeintlichen Grundlage feministischer Politik, des Subjekt „Frauen“9.

a)  Der Vorwurf der Entkörperung und Entsubjektivierung von Frauen

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Der erste – ich beginne mit den schwächeren Argumenten – bspw. von Maihofer (1994) formulierte Verdacht lautet, die aktuelle feministische Theoriediskussion könne eine Akzeptanz von Gen- und Reproduktionstechnologien fördern und auch fortschreitende technologische Modernisierungsschübe unterstützen. Dies wird kritisch betrachtet und dabei ein „Zusammenhang zwischen fortschreitenden technologischen Entwicklungen, wie der Reproduktionstechnologie, und den feministischen Diskussionen über den sozial konstruierten ‚gesellschaftlichen‘ Körper“ behauptet (vgl. Bischof 1995, 608).

Auf der gleichen Linie liegt die Sichtweise von Duden (1993a/b)8, die Butlers Werk als historisches „Zeitdokument“ (24/153) liest – als „Idealtypus des postmodernen Objektes“, für das die „Entkörperung“ charakteristisch sei (28/160). Dabei läßt Duden einfließen, daß sie eine „Freundin des [gentechnologie-kritischen] Gen-Archivs in Essen“ sei (29/162, FN 18), das sich in Dudens Sichtweise anscheinend die Verteidigung des authentischen Körpers gegen seine gentechnologische Deformierung/Auflösung (und nicht etwa bspw. den Eingriff in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse) zur Aufgabe gemacht hat.

Der zweite ‚Verdacht‘ resultiert aus der Behauptung, daß der Begriff des Subjekts in dem geschichtlichen Augenblick abgewiesen werde, in dem Frauen beginnen, Zugang zum Status des Subjekts zu erhalten (Braidotti 1990, 119 zust. zit. von Benhabib 1991, 29, FN 14), also eine Konterreaktion auf die Neue Frauenbewegung sei.

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Gegen beide Einwände kann zunächst grundsätzlich festgehalten werden, daß ein analytischer Satz (hier: die Behauptung der gesellschaftlichen Konstruiertheit der Zweigeschlechtlichkeit im besonderen und der Subjekte im allgemeinen) nicht durch Verweis auf die politischen Wirkungen, die diese Analyse haben kann, widerlegt werden kann. Die Schlußfolgerungen von dem, was nicht sein darf oder nicht sein soll, auf das, was ist oder sein kann, wie auch von der Genese auf die (Nicht-)Geltung eines Arguments können allein schon unter logischen Gesichtspunkten nicht akzeptiert werden.9

Darüber hinaus sind allerdings auch die behaupteten politischen Wirkungen der neuen Geschlechteranalysen keinesfalls so eindeutig, wie die KritikerInnen meinen. Denn umgekehrt kann auch von dem, was sein kann, nicht auf das, was sein soll, geschlossen werden.

Aus der (analytischen) Bejahung der Möglichkeit der ‚Konstruktion‘ (was damit auch immer gemeint sein mag) von Körpern folgt nicht die (politische) Bejahung der Realisierung/Nutzung dieser Möglichkeit (insbesondere mit den Mittel der Reproduktionstechnologien, wobei darüber hinaus deren prinzipielle Unvereinbarkeit mit feministischen Zielen auch noch zu begründen wäre [vgl. Haraway 1984]). Vielmehr öffnet überhaupt erst die analytische Bejahung der Möglichkeit der ‚Konstruktion‘ von Körpern das Blickfeld in diese Richtung. Erst damit wird die Möglichkeit einer kritischen Positionierung geschaffen, während die (analytische) Negation (selbst) der Möglichkeit der ‚Konstruktion‘ von Körpern gerade blind macht für das umstrittene Phänomen (was keine geeignete Grundlage für dessen Abwehr ist). Im konkreten Fall kommt hinzu, daß sich Butler – soweit ersichtlich – nicht für die Nutzung der Möglichkeiten der Reproduktionstechnologie (bspw. im Rahmen der von ihr vorgeschlagenen politischen Strategie zur Subversion der Geschlechterbinarität) ausgesprochen hat, und eine solche Nutzung auch nicht von ihrer Theorie nahegelegt wird. Denn diese stellt weit mehr auf die sozial-kulturelle (als sozial-technologische) ‚Konstruktion‘ von Körpern und Geschlecht ab. Butler greift den Biologismus nicht technologisch an, sondern da, wo die Anerkennung von sex der Freiheit von gender entgegensteht:

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„Die Annahme einer Binarität der Geschlechteridentität wird implizit […] von dem Glauben an ein mimetisches Verhältnis zwischen Geschlechtsidentität und Geschlecht geprägt, wobei jene dieses widerspiegelt oder anderweitig von ihm eingeschränkt wird. Wenn wir den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.“ (Butler 1990, 23 – Hv. i.O.). „Selbst wenn die anatomischen Geschlechter […] in ihrer Morphologie und biologischen Konstitution unproblematisch als binär erscheinen […], gibt es keinen Grund für die Annahme, daß es ebenfalls bei zwei Geschlechtsidentitäten bleiben muß.“ (ebd.).

Gegen die dem biologischen Geschlecht zugeschriebene ‚Macht‘/Bedeutung die Reproduktionstechnologie zu Hilfe zu rufen, würde – gerade im Gegensatz zu Butlers Ziel – dazu führen, das biologische Geschlecht in seinem Status als Grund (‚Widerspiegelung‘) oder zumindest Einschränkung der Geschlechtsidentität zu (re)stabilisieren: Es würde dem biologischen Körper eine materielle Macht zuschreiben (oder eine solche Zuschreibung zumindest nahelegen), die nur mit gleichfalls materiellen (hier: technologischen) Mitteln, nicht aber mittels bloßer kultureller ‚Resignifizierung‘ gebrochen werden könnte.

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Es kann also resümiert werden: Der erstgenannte, historizistische Verdacht, der eine politische Verbindung zwischen dem de-konstruktivistischen Feminismus und den per se als patriarchal verstandenen Reproduktionstechnologien behauptet, geht ins Leere. Er ist argumentationslogisch (hinsichtlich der Vermengung von Analyse und Norm) sowie hinsichtlich des Butler unterstellten Technizismus haltlos und auch hinsichtlich der Einschätzung der Reproduktionstechnologien diskussionsbedürftig.

Genauso geht der zweite Verdacht, die Infragestellung des modernen Subjekts sei eine Reaktion auf die Neue Frauenbewegung, ins Leere. Denn zum einen ist sehr fraglich, ob (die) Frauen und die Frauenbewegung – wie in der Kritik unterstellt – einen machtpolitischen Vorteil haben oder hätten, wenn sie der modernen Subjektillusion unterliegen bzw. unterlägen. Zum anderen läßt sich die strukturalistische Kritik der Subjekt-Ideologie bis Mitte der 1960er Jahre (s. Endnote 92-95), die entsprechende marxistische Kritik bis 1845 10 zurückverfolgen, so daß es doch als recht unwahrscheinlich erscheint, daß diese Kritik in präventiver Reaktion auf die Neue Frauenbewegung, die Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre entstanden ist, entwickelt wurde.

Dennoch haben diese denunzierenden Angriffe auf den de-konstruktivistischen Feminismus eine – ihre – narzißtische Logik: Sie sind ein Symptom dafür, daß sich der essentialistische Differenzfeminismus in der Defensive befindet. Was aber tatsächlich Druck aus verschiedenen Richtungen ist, die mit unterschiedlichen und teils gegensätzlichen Mitteln (teils analytisch-diskursiven, teils synthetisch-materiellen; teils kulturalistischen, teils technizistischen Mitteln) das ‚Wesen‘ des Menschen und das ‚Wesen‘ der Frau in Frage stellen, wird vom Differenzfeminismus als ein Angriff auf sich selbst wahrgenommen.

b) Der Idealismus-Vorwurf

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Größere theoretische (und nicht nur politische) Relevanz hat dagegen Hilge Landweers (1993a, 41, 42) Kritik. Sie wirft Butler eine „Diskursontologie“ vor, nach der „Vordiskursives überhaupt nicht vorausgesetzt werden darf“; nach der allein schon der „Verweis auf Materialität als unzulässige Prämisse“ gebrandmarkt werde. 11

Dagegen kann vom hiesigen Ausgangspunkt aus folgendes eingewandt werden: Mit Butler – und vor allem der Wissenschaft, in deren Gegenstandsbereich diese Frage fällt (d.h.: der Humanbiologie und deren Teildisziplinen, s. oben S. 34 und unten S. 81) –, die Existenz von zwei, essentiell definierten biologischen Geschlechtern zu bestreiten, heißt noch lange nicht, jegliche Materialität des Geschlechterverhältnisses oder gar jegliches Vordiskursives zu bestreiten. Die Existenz von ausschließlich zwei, essentiell definierten Geschlechtern (und darüber hinaus vielleicht 12 den wissenschaftlichen und politischen Wert jeglicher Klassifizierung der Menschen in vermeintlich biologische Geschlechter) zu bestreiten, heißt nicht (jedenfalls nicht zwangsläufig) die Existenz von Körpern (mit sexuellen Merkmalen), also materiellen Objekten, zu bestreiten. Es heißt nur zu bestreiten, daß sich diese Körper ausnahmslos einer von zwei, jeweils essentiell definierten Gruppen (§Männern und §Frauen) zuordnen lassen (s. dazu auch Endnoten 189 und 386).

Darüber hinaus erscheint es als sinnvoll, nicht nur die unberührte Natur (also bspw. diese Körper mit sexuellen Merkmale) als ‚materiell‘ aufzufassen. Das heißt: Selbst wenn man/frau/lesbe Butler so verstehen würde, daß sie die Existenz von menschlichen Körpern abstreitet, so würde dies noch nicht bedeuten, daß Butler die Existenz jeglichen Vordiskursivens bestreitet. Vielmehr können auch folgende – von Butler jedenfalls nicht ausdrücklich in ihrer Existenz bestrittenen, teilweise sogar ausdrücklich bejahten (s. unten S. 89) – Phänomene als ‚materiell‘ aufgefaßt werden:

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Ob Butler mehr behauptet hat oder behaupten wollte, als die Existenz ausschließlich zweier, essentiell definierter biologischer Geschlechter zu bestreiten, ob sie insbesondere die Existenz jeglichen Vordiskursivens bestreiten wollte oder bestritten hat, spielt hier allerdings keine Rolle, 16 weil ihr hier insoweit nicht gefolgt wird bzw. werden würde (und auch nicht gefolgt werden muß oder gefolgt werden müßte; vielmehr nicht gefolgt werden kann bzw. könnte, s. dazu unten im Abschnitt „Forschungsmethode“), so daß letztlich dahinstehen kann, ob Landweers Kritik an Butler zutrifft. Denn jedenfalls für uns geht es nur darum, „auch die Kategorie Geschlecht endlich so zu denken, wie es für alle anderen Strukturmomente sozialer Ungleichheit längst selbstverständlich ist: historisch und sozial“ (Teubner/Wetterer 1999, 23).

c) Der Vorwurf der theoretischen Perpetuierung der bestehenden Verhältnisse

Seyla Benhabib (1991, 15, 14) schließlich wendet – in Form von rhetorischen Fragen – ein weiteres politisches Argument gegen Butler: „Wenn wir nichts weiter als die Gesamtsumme der geschlechtlichbestimmten Äußerungen sind, die wir inszenieren, gibt es dann noch eine Möglichkeit, diese Aufführung eine Zeitlang zu unterbrechen, und den Vorhang fallen zu lassen und erst dann wieder zu öffnen, wenn wir [die Frauen] ein Mitspracherecht bei der Produktion des Stückes haben dürfen?“ Benhabib verneint diese Frage. Denn sie nimmt an, daß jedes (nicht nur das „weibliche“, so kann Benhabib wohl zwanglos verallgemeinert werden) Projekt der „Emanzipation“ eines „regulativen Prinzips der Handlungsfähigkeit, der Autonomie und der Ichidentität“, also eines (Kerns des) Subjekts, der/das der gesellschaftlichen Performierung vorangeht, bedarf.

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Auch hier gilt wieder, daß ein analytischer Satz nicht durch Verweis auf die politischen Wirkungen, die diese Analyse haben kann, widerlegt werden kann. Davon abgesehen ist Benhabib zwar zuzugeben, daß es auf der Grundlage von Butlers (und hier insofern geteilter) Argumentation schwierig zu bestimmen ist, wer ‚Wir Frauen‘ ist, und daß auf der Grundlage derselben Argumentation auch schwierig ist zu bestimmen, was Emanzipation ist (denn welches ‚Wer‘ soll ‚Wovon‘ ‚befreit‘ werden, wenn jedes ‚wer‘ überhaupt erst durch dieses ‚Wovon‘ – die gesellschaftliche Determinierung – konstituiert wird, also mit diesem zusammen verschwinden würde?).9 – Aber: Das heißt nicht, daß in dieser Vorstellung niemals ‚der Vorhang fällt‘ bzw. der Verlauf des Stückes keine andere Richtung nehmen kann. Denn in dem Maße, in dem die gesellschaftlichen Verhältnisse widersprüchlich sind, ist auch die Determinierung der sub-jekte 10 uneindeutig. 11 Und in dem Maße wie die Determinierung der sub-jekte uneindeutig ist, ist nicht nur uneindeutig, wer ‚Wir Frauen‘ ist, sondern auch wer ‚Wir Männer‘ ist. Die Anrufung11/‚Einberufung‘ der Individuen in herrschende oder beherrschte Subjekt-Positionen (in Praxen des Herrschens oder des Beherrschtwerdens)12 ist nicht (bspw. von der Natur) starr vorgegeben, sondern Ergebnis politischer Kämpfe13 und anderer gesellschaftlicher Prozesse – und das gilt insbesondere für die kapitalistischen Verhältnisse: Denn „im Gegensatz zu den Ständen ermöglichen die Klassen durchaus den völlig freien Übergang einzelner Personen aus einer Klasse in die andere“ (Lenin 1897, 472 f.). Das Entsprechende können wir im Zusammenhang mit einer nicht-biologistischen Geschlechterdefinition sagen: Die Konstruktions-These bedeutet weder in individueller (s. die von Lenin angesprochene Mobilität) noch in struktureller (s. die Widersprüchlichkeit und damit politische Umkämpftheit der bestehenden Verhältnisse) Hinsicht, d.h.: weder in reformistischer noch in revolutionärer Hinsicht, die Behauptung einer Unveränderlichkeit der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Hiernach können wir also feststellen: Die Einwände von außerhalb des postmodernen Feldes gegen die neuen feministischen theoretischen Ansätze greifen nicht durch.

III. Fragestellung und Operationalisierung: Gibt es eine Infragestellung des Geschlechts?

1.  Das Problem: Die Wirkungen von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen und die Flexibilität der herrschenden Verhältnisse

a)  Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen – Absichten, Wirkungen und Hoffnungen

Weitaus schwieriger ist es, auf die Fragen zu antworten, über die innerhalb des postmodernen Feldes diskutiert wird. Dies liegt u.a. daran, daß sich in dieser Debatte (die Antworten auf) mindestens drei Fragen überschneiden: 1. Die Frage nach den Intentionen: Welche politischen Absichten verfolgen die gender-non-conformists (s.o. S. 35; so sie denn welche verfolgen) und deren politische Bewegung (falls eine solche überhaupt existiert)? 2. Die prognostische Frage: Sind deren Praxen tatsächlich zur Erreichung der einen oder der anderen Ziele geeignet? Und 3. die Theorie-Frage: Welche Analyse des status quo und welches Postmoderne-Verständnis gehen sowohl in die Absichten der AktivistInnen als auch der Prognose der TheortikerInnen ein?

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So kann zwar in der (us-amerikanischen) transgender-Bewegung zwischen Ansätzen unterschieden werden, denen es pluralistisch darauf ankommt, als ‚normal‘ oder ‚gleichberechtigt‘ anerkannt zu werden, und solchen, die dieses Interesse von einer widerständigen oder out law Position aus gerade verwerfen (Genschel 1997a, 4 f.). Und im breiten Spektrum der Postmoderne-Debatte kann zwischen Ansätzen unterschieden werden, die (1.) Pluralismus für einen begrüßenswerten und bereits erreichten Ist-Zustand halten, die ihn (2.) für einen begrüßenswerten, aber längst noch nicht erreichten Soll-Zustand halten und schließlich (3.) denen, die den Ist-Zustand kritisieren, obwohl er pluralistisch ist (s. dazu unten S. 83 ff.).

b) Stabilität und Flexibilität der herrschenden Verhältnisse

Diese Differenzierungen mögen als Antworten auf die Frage 1 (nach den Intentionen) und 3 (nach den theoretischen Implikationen) ausreichen. Aber sie, wie auch die analytischen Mittel, die die drei genannten theoretischen Richtungen bisher eingesetzt haben, reichen nicht aus, um auch die – hier besonders interessierende – zweite, prognostische Frage zu beantworten. Denn die genannten Debatten kranken daran, daß in ihnen weitgehend mit Kausalitätsannahmen, bspw. hinsichtlich des Gleitens des Signifikantens14 und der Instabilität der Sprache als solcher (insbesondere ihrer sog. Iterierbarkeit), operiert wird. Dabei wird sich auf die Herkunft des Begriffs „Iterierbarkeit“ aus dem Sanskrit berufen, wo „iter“ „von neuem“ und „itara“ „anders“ bedeutet, und folglich eine Verbindung der „Wiederholung mit der Andersheit“ (Derrida 1971, 298) behauptet (vgl. Butler 1993/94, 325, FN 9: Die Wiederholung einer Handlung lasse diese nicht „unangetastet und mit sich selbst identisch bleiben“).15 Diese Überlegungen sind freilich für die Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu vage.16 Denn fraglich ist, wieviel ‚Andersheit‘ erforderlich ist, damit von einer Subversion statt Reproduktion bestehender Herrschaftsverhältnisse12 gesprochen werden kann bzw. welches ‚Mischungsverhältnis‘ von subversiven und reproduzierenden Elementen eine bestimmte ‚Andersheit‘ enthält.

Denn sicherlich reproduzieren sich die herrschenden Verhältnisse nicht identisch (s. auch in Endnote 125), wie Pêcheux (1978, 62) am Beispiel der herrschenden Ideologie ausführt: der „herrschaft der herrschenden ideologie entspricht also weniger ein festhalten am identischen in jeder der für sich betrachteten ideologischen ‚regionen‘ als vielmehr die reproduktion der beziehungen von ungleichheit-unterordnung zwischen diesen regionen (mit ihren ‚gegenständen‘ und praxen, in die sie sich einprägen)“. Andersheit kann also durchaus eine Form der Reproduktion der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sein. Statt bei der Annahme einer Subversion durch Iterierung stehen zu bleiben, ist also vielmehr nach den Wirkungen von konkreten Praxen in konkreten Kontexten zu fragen; also bspw. ob Recodierung in Form von Travestie „nur eine weitere symbolische Differenz in das geschlechtlich strukturierte Feld der Repräsentation einführt oder zu einer materiellen Veränderung der hierarchischen Geschlechterbeziehungen beitragen kann“ (Buchmann 1997, S. 5, Sp. I).

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Und die Antwort auf diese Frage ist in der Tat noch offen: Während die einen (abgesehen von denen, die die genannte Instabilität ohnehin bestreiten) dahin tendieren, in derartigen Recodierungen per se etwas Subversives zu sehen 13, tendieren die anderen dahin, diesen Sachverhalt eher/auch im Kontext des dynamischen Charakters der kapitalistischen Produktionsweise im allgemeinen (vgl. Marx/Engels 1848, 464-467) und der „Flexibilisierung der Arbeitskraft im postfordistischen Produktionszusammenhang“ (Annuß 1996, 513) im besonderen zu sehen (vgl. auch Soine 1999, 16 f., 20 oben, 21 unten). Sie warnen daher vor einer pluralistischen Integration in den mainstream, 14 wobei offen ist, ob das ‚Gegengift‘ gegen die neo-liberale Flexibilisierung dann in einer Re-Stabilisierung von Identitäten liegt oder ob bestimmte Destabilisierungen subversiver sind als andere [s. dazu Kap. B.I.3.b)].

Eine mittlere Position nehmen schließlich diejenigen ein, die mit Butler (1993/94, 169 f.) anerkennen, „daß drag so gut im Dienst der Entnaturalisierung wie der Reidealisierung übertriebener heterosexueller Geschlechtsnormen stehen kann“ (Hv. i.O.), die sich aber weigern zu untersuchen, für welche Formen von drag oder in welchen Kontexten von drag das Eine und in welchen das Andere gilt. Sie begründen dies mit der Auffassung, daß gerade in dieser (u.U. als unentscheidbar aufgefaßten) Ambivalenz von drag dessen Subversivität liegt.15 Hiergegen kann aber mit Recht das oben bereits angeführte Argument eingewandt werden, daß die kapitalistische Produktionsweise keinesfalls so starr ist, daß Instabilität als solche bereits subversiv ist. Dagegen kann freilich wiederum eingewandt werden, daß das, was für die kapitalistische Produktionsweise gilt, noch lange nicht für das patriarchale Geschlechterverhältnis gelten muß (Ambivalenz an sich also insoweit durchaus subversiv sein kann), wogegen wiederum eingewandt werden kann, daß dies zwar richtig ist, dies aber keinesfalls ausschließt, daß wir es vielleicht mit einer Entwicklung von einem relativ starren (im Bereich der Klassenverhältnisse eher der feudalistischen Standes- als der kapitalistischen Klassenordnung ähnelnden) Patriarchat zu einem flexiblen ‚Sexismus ohne sex‘ (Grimm 1994a, 95)16 zu tun haben17 – eines Sexismus, der nicht mehr biologistisch, sondern flexibel kulturalistisch ist:

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„Antifeministische und sexistische Argumentationen beziehen sich heute nicht mehr unbedingt auf die ‚biologische Inferiorität der Frau‘ oder ähnlichen Unsinn, auch wenn solche Vorstellungen nicht verschwunden sind. Weitaus häufiger jedoch sind Frauen mit kulturalistischen Zuschreibungen konfrontiert, und oft beziehen sich diese ausdrücklich auf feministische Interpretationen. Sie nehmen also auf, was in der Frauenbewegung an Beschreibungen und Theoretisierungen von ‚Weiblichkeit‘ entwickelt wurde. Die Thesen von der natürlichen Minderwertigkeit wurden so zunehmend durch die nicht weniger wirkungsvollen Thesen von der Andersartigkeit und moralischen Höherwertigkeit der Frau ersetzt.“ (Vgl. dazu des weiteren C. Eichhorn / Grimm 1994a, 7).

In einem anderen theoretischen Rahmen – der jedenfalls deutlich macht, daß es nicht postmoderne, sondern moderne bzw. modernisierungstheoretische Ansätze sind, die die Rede über Macht und Herrschaft tabuisieren – stellen auch Heintz/Nadai (1998, 77, s.a. S. 87, r. Sp., S. 88, li. Sp.) fest:

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„Augenscheinlich hat die Geschlechterdifferenz nicht mehr die gleiche Ordnungsfunktion wie noch im 19. Jahrhundert, gleichzeitig weist sie jedoch in vielen Bereichen eine verblüffende Persistenz auf, die über modernisierungstheoretische Argumente nicht zu erklären ist.“18 , 19

Indiziell für eine gewisse Selbstüberschätzung der entsprechenden (queeren) theoretischen und subkulturellen Zirkel dürfte jedenfalls sein, daß sich in jenen Debatten (fast) nur diejenigen zu Wort melden, die auf eine (sei es pluralistisch-reformistische, sei es antagonistisch-revolutionäre) Veränderung des status quo hoffen (oder deren Ausbleiben befürchten), während die VerteidigerInnen desselben bisher anscheinend nicht besonders alarmiert sind und dem Phänomen mit gelassenem Schweigen begegnen; soweit zu überblicken, haben bisher nicht einmal VerfassungsschützerInnen und JugendforscherInnen warnend ihre Stimme erhoben.

2. Fragestellung, Hypothese, Operationalisierung

a)  Fragestellung: Werden geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen (und wenn ja, welche) den ent-naturalisierenden und de-stabilisierenden politischen Ansprüchen, die mit ihnen verbunden werden, gerecht?

Im Gegensatz zu jenen spekulativen Debatten über die Auswirkungen des Gleitens des Signifikanten auf das Geschlechterverhältnis bietet die vorliegende Arbeit deshalb eine Untersuchung der tatsächlichen Praxis von Personen, die unterschiedliche Formen von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen (im folgenden: geNOkos13) praktizieren, und einen Vergleich ihrer Praxis mit dem gesellschaftlichen Durchschnitt14. Es wird also die Frage gestellt: Werden geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen (und wenn ja, welche) den ent-naturalisierenden und de-stabilisierenden politischen Ansprüchen, die mit ihnen verbunden werden, gerecht, oder bleiben sie wirkungslos, oder tragen sie gar zur Stabilität (Reproduktion) des status quo bei?15

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Das heißt: Es wird die von anderen ausgeblendete Frage nach konkreten Praxen und deren Kontexten gestellt. Denn nur „eine stärker kontextualisierte Deutung spezifischer Darstellungen, die die Frage institutioneller Einschreibungen behandelt, kann die so oft an Butler gerichtete Frage auch nur annähernd beantworten, wann bestimmte Performanzen der Geschlechtsidentität subversiv sind“ (Martin 1992, 54; ebenso: U. Jäger 2001, 80: „hängt von den jeweiligen Praktiken ab“).

b) Hypothese: Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen werden den mit ihnen verbundenen Ansprüchen gerecht – und zwar um so stärker, je mehr sie aus einer feministischen Motivation sowie im Rahmen von homo-gender Beziehungen praktiziert werden

Zur Beantwortung dieser Frage wird im folgenden von der – in der theoretischen Debatte inzwischen16 wohl vorherrschenden – Hypothese ausgegangen, daß geNOkos zumindest reformistisch-begrenzt subversiv (gesellschaftsverändernd) sind.

Des weiteren sollen die folgenden drei Zusatzhypothesen überprüft werden, wodurch geklärt werden soll, ob bestimmte geNOko-Formen subversiver sind als andere:

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  1. 1. Zusatzhypothese: Ob geNOkos subversiv im hiesigen Sinne sind, hängt davon ob, aus welcher ‚Motivation‘, bei welchen Gelegenheiten bzw. mit welcher Intensität die geNOkos betrieben werden. Konkreter: geNOkos die aus einer politisch-feministischen Motivation heraus sowie kontinuierlich praktiziert werden, sind – im hiesigen Sinne (zur hiesigen Operationalisierung des Begriffs „subversiv“ s. sogleich sub c) und unten S. 88 ff.) – subversiver als solche, die nicht-feministisch motiviert sind und nur sporadisch praktiziert werden [s. dazu Kap. B.I.3.c)]. Das Kontinuitäts-Kriterium resultiert dabei aus der Annahme, daß eine kontinuierliche Praxis eine stärkere Prägekraft hat als eine nur sporadische.
  2. 2. Zusatzhypothese: Femme/femme und butch/butch-Beziehungen sind egalitärer strukturiert als butch/femme-Beziehungen. Diese Hypothese resultiert aus der bereits dargestellten Hypothese, daß geNOkos überhaupt eine (subversive) Auswirkung auf die Bziehungsstrukturen haben. Aus dieser Annahme läßt sich nämlich zum einen schlußfolgern, daß butch/femme-Beziehungen evtl. egalitärer sind als hetero/a/‚sex‚uelle Beziehungen von §Männern und §Frauen, da der gender-Unterschied in ersteren – anders als in letzteren – nicht die ganze Macht des gesellschaftlichen status quo auf seiner Seite hat16. Zum anderen läßt sich daraus aber auch schlußfolgern, daß – wenn geNOkos überhaupt eine Wirkung haben – der gender-Unterschied in butch/femme-Beziehungen nicht ohne hierarchische17 Wirkung bleibt, so daß butch/butch- und femme/femme-Beziehungen egalitärer als butch/femme-Beziehungen sein dürften. Darin steckt selbstverständlich eine weitere Hypothese, die im Gegensatz zu den Annahmen des multikulturellen Liberalismus18 steht und die – soweit dies im hiesigen Rahmen möglich ist – hier ebenfalls zu überprüfen sein wird: Nämlich, daß Differenzen, die mehr als das ‚Spiel polymorpher Differenzen‘ zwischen/von Individuen sind, sondern „als Klasse, Geschlecht oder Rasse vereinheitlicht“ 19 und damit „normal“ (im Sinne von: normierend) (Genschel 1996, 529) sind, immer schon Herrschaft reproduzieren und repräsentieren: „Das als das Andere Definierte ist immer das Höhere oder das Mindere, nie das Gleichwertige“ 20 (Strobl 1991, 22).  Anderssein heißt, etwas haben oder nicht haben, was das jeweilige Gegenüber nicht hat oder hat – und diese Eigenschaft oder dieser Besitz (oder diese Belastung) wird zwangsläufig positiv oder negativ bewertet – unterschiedlich ist nicht ob, sondern allenfalls, inwieweit diese Präferenzen individuelle Vorlieben bleiben oder aber die gesellschaftliche Struktur prägen21. „Die Merkmale dieser [der herrschenden] Kategorie bestimmen das Andere als das, dem die wertvollen Eigenschaften fehlen, die die Herrschenden aufweisen.“ (Lorber 1995/99, 79). Folglich ist von einem „Wechselverhältnis von Konstruktion der Unterschiede und Beanspruchung bzw. Ausübung sozialer Macht“ (Sitter-Liver 2001, 2) auszugehen. Denn der „interaktive Nutzen“ (Heintz 2001a, 18) der (Geschlechter)differenzierung liegt gerade in der Hierarchisierung – einer Hierarchisierung, die zumindest in den allermeisten Gesellschaften22, die wir kennen, die Form einer Bevorteilung der Männer annimmt.  Philosophisch wird dieser Zusammenhang von Hierarchie und Differenz von Derrida (1971, 313) folgendermaßen ausgedrückt: „eine Opposition metaphysischer Begriffe“ sei „nie die Gegenüberstellung zweier Termini, sondern eine Hierarchie und die Ordnung einer Subordination“. Eine bloße „Neutralisierung“ der Gegenüberstellung sei deshalb nicht möglich; vielmehr sei eine „allgemeine Verschiebung des Systems“ erforderlich), wenn die Hierarchie 19 beseitigt werden soll.20 Die Konstruktion des Anderen legitimiert zugleich dessen Unterwerfung, so unsere These. Oder wie es Genschel ausdrückt: Bereits die Herstellung des Anderen legitimiert dessen Ausgrenzung.21 „Denn nur was in soziale Gruppen unterschieden wird, kann in ein hierarchisches Verhältnis zueinander gesetzt werden. Sind die Kategorien erstmal etabliert, das bedeutet selbstverständlich und ‚normal‘ geworden, verschwindet der Prozeß der Herstellung in die Unsichtbarkeit, wird aber kontinuierlich in der Lebenspraxis und der Theorie reproduziert.“ (Genschel 1994, 2).22
  3. 3. Zusatzhypothese: Eine lesbische butch/femme-Beziehung wird egalitärer strukturiert sein als eine schwule butch/femme-Beziehung, denn die schwule femme wird u.U. im Haushalt die Männerprivilegien verlieren, die lesbische butch aber nicht die männliche Privilegien auf dem Arbeitsmarkt gewinnen.

c) Operationalisierung: Arbeitsteilung, Selbstverständnis, Absichten

Zur Operationalisierung der Überprüfung der vorgenannten Hypothesen kommen nun sicherlich zahlreiche Praxisfelder in Betracht. Es dürfte aber unmöglich sein, auch nur einen quantitativ erheblichen Teil dieser Felder in einer einzigen Studie zu bearbeiten. Hier fiel deshalb die Wahl [zur Begründung dieser Wahl siehe Abschnitt B.I.3.a)] vor allem auf einen – nach insoweit übereinstimmender Auffassung von Marx und Butler: sicherlich nicht den unwichtigsten – Bereich: den der sexuellen und häuslichen Arbeitsteilung.23 Darüber hinaus wurden Daten zum Selbstverständnis [s. ebd. sub b)] und zur Motivation [s. ebd. sub c)] der geNOko-Praktizierenden erhoben. Das eigentlich entscheidende Kriterium ist dabei die Arbeitsteilung, während festgestellt werden soll, ob diese in Abhängigkeit von den beiden anderen Faktoren unterschiedlich strukturiert ist.

Um diese Daten zu erheben wurden Personen, die geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktizieren, sowie deren (ehemaligen) LiebespartnerInnen und Bekannten befragt. Untersucht wurden die unterschiedlichen Formen (Motivationen, Kontexte, Anlässe etc.) – dies um die Zusatzhypothesen zu überprüfen –, Begleiterscheinungen und Wirkungen (Arbeitsteilung, Sex, Bekanntenkreis etc.) von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen.

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Gefragt wurde: Inwieweit ziehen geNOkos auf anderen Ebene geschlechternormen-inkonforme Verhaltensweisen 20 (bspw. Abbau von Arbeitsteilung) nach sich? Werden (und wenn ja: inwiefern und inwiefern werden nicht) in Beziehungen zwischen butch- und femme-Lesben; zwischen Tunten und butch-Schwulen etc. die sexistischen 21 Normen/Verhaltensmuster von mainstream-Beziehungen reproduziert oder durchbrochen? Impliziert der Wunsch nach operativ zu erlangender Transsexualität nicht eine besonders rigide Vorstellung von der Eindeutigkeit der Geschlechter? Verändert sich (und wenn ja: inwiefern und inwiefern nicht) die ([Selbst]-Wahrnehmung der) sexuelle(n) Orientierung von (vormals) hetero/a/‚sex‘uellen Cross Dresser-Innen durch diese Art der Körperinszenierung? Steht diese Praxis im Zusammenhang mit anderen Veränderungen in den Beziehungsmustern dieser Personen (und wenn ja: welchen)?

Nicht verhehlt werden soll, daß sich aus einer solchen Analyse – so denn gewollt – politische Schlußfolgerungen ableiten lassen – nämlich,

IV. Der Forschungsstand: Es gibt keine praktische Infragestellung der Kategorie ‚Geschlecht‘. Gibt es doch eine?!

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Nachdem dieser Art die Fragestellung und Operationalisierung entwickelt ist, wird in Kap. B.II. der Forschungsstand dargestellt. Dieser ist hinsichtlich der Vergleichsgruppe zum hiesigen Gegenstand – also sexuellen und Beziehungsstrukturen im gesellschaftlichen Durchschnitt – gleichermaßen reichhaltig wie kontroversenlos:

Alle vorliegenden Untersuchungen – sei es die BRIGITTE-Studie „Der Mann“ von Metz-Göckel/Müller (1986), die Familiensurvey des Deutschen Jugend-Institutes von 1988 (Keddi/Seidenspinner 1991), das Sozio-Ökonomische Panel von 1989 (Holst/Schlupp 1990) oder 1995 (Künzler 1999), die Zeitbudget-Untersuchung des statistischen Bundesamtes (Ehling 1995; Holz 2000), ein Forschungsprojekt über „Individualisierung und Partnerschaft im Verhältnis der Geschlechter“ (Koppetsch/Maier/Burkart 1999), eine Studie über das Lebensarrangement von (männlichen) Führungskräften (Behnke/Liebold 2000) und eine Untersuchung im Rahmen des European Network on Policies and Division of Unpaid and Paid Work (Walter/Künzler 2002, 102) sowie der andere neuere Veröffentlichungen (Frerichs/Steinrücke 1994; Künzler 1995; Garhammer 1996) … – sie alle zeigen, daß sich trotz aller sonstigen Veränderungen im Geschlechterverhältnis (steigende Frauenerwerbstätigkeit, sinkende Heirats- und steigende Scheidungszahlen etc.) an der geschlechtshierarchischen Struktur der Verteilung der Hausarbeit so gut wie nichts geändert hat. Frauen leisten weiterhin deutlich mehr Hausarbeit als Männer und die Aufgabenbereiche sind weiterhin in traditioneller Weise verteilt. Der männliche Beitrag zur Hausarbeit steigt weder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, noch beim Vorhandensein von Kindern, noch bei (Vollzeit)erwerbstätigkeit der Frau [s. unten Abschnitt B.II.2.e), S. 121 ff.]. Auch beim Sex wird die große Mehrheit der Frauen weiterhin von ihren Partnern unter Druck gesetzt (Klees 1992, 172-174, 178 f., 12, 91).

Zur hier besonders interessierenden Vergleichsgruppe (den geNOko-Praktizierenden) ist die Literaturlage weit weniger reichhaltig und – was die schon angesprochenen Grundsatzfragen anbelangt – um so kontroversenreicher. Insbesondere empirische Untersuchungen fehlen fast vollständig; soweit solche dennoch vorliegen, stammen sie vor allem aus den Disziplinen (Sexual-)Medizin und Psychologie (Genschel o.J., S. 6) oder bleiben wie die meisten ethnomethodologisch, mikrosoziologisch und poststrukturalistisch inspirierten Untersuchungen auf die „Ebene kultureller Deutungsmuster“ (im Sinne der oben [S. 40] schon angesprochenen Annahmen zum Gleiten des Signifikanten; s. auch Endnote 191) beschränkt (Genschel o.J., S. 2). Untersuchungen zur Arbeitsteilungen in lesbischen und schwulen Haushalten liegen zwar vor (s. Oerton 1997), aber sie klammern die Frage nach geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen ausdrücklich aus (ebd., 426).

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Daher erwies es sich als erforderlich – wie bereits angedeutet –, die hiesige Fragestellung in eine eigene Befragung von Personen, die geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktizieren, sowie von (ehemaligen) LiebespartnerInnen und Bekannten derselben umzusetzen.

V. Zur Forschungsmethode: Wahrheit ist weder das, was den ‚Betroffenen‘ selbst dünkt, noch was sich die TheoretikerInnen wünschen, sondern das, was der Realität entspricht

Die methodischen Prinzipien, nach denen diese Befragung und deren Auswertung durchgeführt wurde, werden in Kap. B.III.1 begründet. Da sich diese Arbeit – wie ausgeführt – auf dem Feld der Geschlechterforschung ansiedelt, aber „nicht zuletzt unter dem Einfluß der Frauen- und Geschlechterforschung eine wachsende Bereitschaft zum Experimentieren mit ethnographischen und hermeneutischen Verfahren zu beobachten ist“ (Hofmann 1997, 5, s.a. 2, 6), stellt sich aber vielleicht schon hier die Frage nach der Berechtigung der eingangs ausgesprochenen vehementen Ablehnung eben dieser em/path[et]ischen23 Verfahren.

Zur Rechtfertigung dieser schroffen Ablehnung sei deshalb bereits jetzt geltend gemacht, daß sich die Verbindung von Geschlechterforschung und hermeneutischen Verfahren durchaus als kontingent erweist. Als Beweis dafür sei zunächst nicht ohne Selbstbewußtsein diese Arbeit selbst angeführt, die sich dieser Verfahren ausdrücklich nicht bedient, aber keinesfalls geschlechtsblind ist – sondern, wenn kritikwürdig, dann wahrscheinlich in den Augen vieler deshalb, weil sie zu viel Gewicht auf die Kategorie „Geschlecht“ und zu wenig auf die Kategorien „queer“ bzw. „Sexualität“ legt.

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Dennoch ist es nicht notwendig, daß diese Arbeit die Last dieser Kontingenz-Behauptung allein auf ihren eigenen Schultern trägt (d.h. sie in praxi beweist). Vielmehr hat diese Behauptung theoretische und historische Argumente auf ihrer Seite, die im folgenden ausgeführt werden:

1.  Zur Kontingenz der Verbindung von Geschlechterforschung und Hermeneutik

Zunächst einmal ist die Verbindung mit hermeneutisch-em/path[et]ischen Verfahren24, die darauf bestehen „Individualitäten“ statt „Gesetzmäßigkeiten“ zu erforschen und die zumeist mit historizistischen Prämissen einhergehen 25, nicht spezifisch für die Geschlechterforschung. Sie ist vielmehr ein gemeinsames Charakteristikum des breiten Spektrums wissenschaftlicher (oder besser: wissenschaftspolitischer) Neuansätze in Folge der vom Hegel-Marxismus (Lukács, Kritische Theorie etc.) geprägten 68er Bewegung26, denen zwar der Grusel vor dem „kalten, abstrahierenden Blick“ der Wissenschaften27 gemeinsam war. Die lange Debatte über die linke Kategorisierung des Geschlechterverhältnisses als ‚Nebenwiderspruch‘ zeigte allerdings, daß keinesfalls alle feministisch waren. Feministinnen und Anti-Feministinnen war ein pejorativer Struktur-Begriff gemeinsam:

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„Von Strukturen […] wurde geltend gemacht, sie seien unpersönlich, von ewiger oder zumindest lang anhaltender Beständigkeit und würden jenseits der Kontrolle menschlicher Bemühungen liegen – allerdings nicht jenseits der Kontrolle von jedermann: Strukturen erschienen manipulierbar durch rationale wissenschaftliche Experten, aber nicht durch einfache Leute“ (Wallerstein et al. 1996, 72).28

Diese Strömung – der Hegel-Marxismus – griff bereits bei der Kritik eines vermeintlichen oder tatsächlichen Positivismus29 der „Traditionellen“ (Horkheimer) Theorie auf ältere hermeneutische Ansätze (Dilthey) zurück30, die auch heute noch Bezugspunkt für die „Sozialwissenschaftliche Hermeneutik“ sind (Hitzler/Honer 1997, 8, 26). Als maßgebliches Beispiel einer solchen ‚Hermeneutik von links‘ ist Georg Lukács (zu dessen Dilthey-Rezeption siehe: Stedman Jones 1971a, 39-41) zu nennen:

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„Lukács’s interpretation of the ideological battle between capitalism and socialism as a conflict between formal analytic rationality and the viewpoint of the totality is to be found again and again in the works of later thinkers, among them, Goldmann, Marcuse, Sartre“ and has „permeated the attitudes and activities of radicals and revolutionaries who may never have read a line of Lukács’s book [i.e.: History and Class Consciousness].“ The „most central leitmotifs […] have now become part of the common intellectual universe of a large part of the left in the advanced capitalist world.“ (Stedman Jones 1971a, 61, 33, 27 = b, 57, 18, 11).

Die Verbindung von hermeneutischen Verfahren und Geschlechterforschung dürfte also weniger aufgrund einer besonderen (inhaltlichen) Affinität der ersteren zum Gegenstand der letzteren zustande gekommen sein, als vielmehr aufgrund der generellen Annahme, daß die ersteren günstig für ein politisches Engagement der / in den Wissenschaften seien. So wurden vielfach bestimmte hegel-marxistische Annahmen, bspw. über das Verhältnis von Theorie und Proletariat, auf die Frauenbewegung, in der der Grusel vor dem ‚das Forschungsobjekt quälenden‘, „coolen, sezierenden Blick“ der Wissenschaften ebenfalls verbreitet war 31, übertragen 32 (Grimm 1994b, 156 f.; Seifert 1992, 258; Benhabib 1998, 54, FN 5). Das lukácsianische Proletariat als ‚identisches Subjekt-Objekt‘ von Revolution und Erkenntnis 33, dem zugleich die historische Mission zur Befreiung der gesamten Menschheit zugeschrieben wurde 34, feierte im mimetischen35 Betroffenheitspostulat von Maria Mies (1978) und vielen anderen Wiederauferstehung.

Nun ist aber – und dies ist ein weiteres Argument für die These von der Zeitbedingtheit der Verbindung von Geschlechterforschung und hermeneutischen Verfahren – der Hegel-Marxismus als Leit-Philosophie der sozialen Bewegungen auch (und gerade) in der Geschlechterforschung inzwischen vielfach durch poststrukturalistisch-dekonstruktivistische Ansätze abgelöst worden, so daß keinesfalls (mehr) eine Zwangsläufigkeit der Anwendung von hermeneutischen Verfahren in der Geschlechterforschung angenommen werden kann, wie auch Regine Gildemeister (2000, 214, 215) schreibt: Weder in der Frauen- noch in der Geschlechterforschung gebe es „einen einheitlichen Theoriezugang, noch eine konsensuelle methodologische Grundlegung“. Die Auflösung des „Methodischen […] in Betroffenheit, Begegnung und sinnliche Erfahrung“ sei auch in diesen beiden Forschungszweigen nie Konsens gewesen.

2. Zur Konvergenz von Hermeneutik und Poststrukturalismus

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Allerdings ist zuzugeben, daß sich die im poststrukturalistisch-dekonstruktivistischen Feld dominierenden (oder als dominierend wahrgenommen) Ansätze – gerade am hier kritisierten Punkt des Relativismus/Subjektivismus 26 und Empirismus von ihren hermeneutischen KonkurrentInnen – nicht (entschieden genug) abgrenzen. Vielmehr wird bei den vorherrschenden diskurstheoretischen Ansätzen eine ähnliche Position laut, „wie sie die Standpunkttheoretikerinnen aufgrund anderer Überlegungen ebenfalls geäußert hatten“ (Seifert 1992, 277 f. – Hv. d. Vf.In). So wird zwar die Terminologie des Poststrukturalismus aufgenommen (Hahn 1990, 28), aber die alte subjektivistisch-relativistische „Parteilichkeits“-Konzeption (s. Hahn 1990, 233, FN 10) im neuen Rahmen fortgeschrieben.27

Beide Positionen – Genealogie/Diskursanalyse und Hermeneutik/Interpretation – „verwerfen die konventionelle Korrespondenztheorie der Wahrheit, nach der diese davon abhängt, wie exakt die Übereinstimmung zwischen Name und Sache ist. Sowohl Interpretation wie Genealogie akzeptieren die aktive Rolle der Sprache beim Verdeutlichen und Vervollständigen des Artikulierten, beide betrachten die Sprache als soziale Praxis, als ein intersubjektives Gewebe gemeinsamen Verstehens, dessen Material sich der vollständigen Artikulation immer partiell entzieht“ (so Ferguson 1991, 879 zustimmend). 28

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Beide – die vorherrschenden Versionen von Diskursanalyse und Hermeneutik – schwanken allerdings auch zwischen

3. Zur Spezifik des (Post)strukturalismus / Die wahren Behauptungen von strukturaler Linguistik und Sprechakt-Theorie

Nicht nur dieses Schwanken irritiert; vielmehr lassen sich gegen den – in dem Bestreiten der angeblich ‚konventionellen Korrespondenztheorie der Wahrheit‘ liegenden – Agnostizismus wie auch gegen den Subjektivismus und Relativismus hermeneutischer und ethnomethodologischer Verfahren durchaus triftige Argumente vorbringen – und zwar durchaus und gerade aus (post)strukturalistischer Perspektive (insbesondere, aber nicht nur, wenn deren epistemologische [Bachelard, Canguilhem] Vorgeschichte nicht negiert und Althusser29 nicht die Worte im Munde umgedreht werden)30 und auch aus Perspektive der Sprechakt-Theorie. 31 Denn aus beiden ergibt sich weder ein Verschwinden der Referenten noch ein Verschwinden der Bedeutung. Wenn aber weder die Referenten (in der Wirklichkeit) noch die Bedeutung (der Sprache) verschwinden, dann ist es möglich, an einem objektiven (‚korrespondenz-theoretischen‘) Begriff von Wahrheit und Irrtum festzuhalten.

a)  Die Grenzen des Performativen und des Wucherns der Bedeutung

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Denn daraus, daß manche Äußerungen performativ sind (Das berühmte ‚Ich erkläre Euch zu [Ehe]Mann und [Ehe]Frau‘, ‚Ich taufe Dich auf den Namen XY‘), folgt nicht, daß alle Äußerungen performativ sind – also bspw.: ‚Es waren A und B, nicht C und D, die ich gestern getraut habe‘, ‚Es wird mein Wellensittich sein, den ich gleich taufen werde, und nicht die Yacht meiner Nachbarin‘, ‚Mein Wellensittich sitzt in seinem Käfig und fliegt nicht im Zimmer umher‘. All diese zuletzt genannten Äußerungen sind entweder wahr oder irrtümlich (wenn nicht gelogen), aber keinesfalls performativ27; sie bewirken – anders als Ferguson zu meinen scheint – keine ‚Vervollständigung‘28 der Sachverhalte, auf die sie referieren: „Theory – or use a less loaded term – explanation, is not the same as the object it purports to explain, even though that object is only accessible to thought in various forms of its representations“ (Stedman Jones 1979, 199). Und nichts anderes hat Austin behauptet; auch er hat die Existenz „konstativer“ Äußerungen anerkannt 29. Dies ist auch in der heutigen Sprachwissenschaft noch unumstritten:

„The performative verb must be in the present (nonpast, nonfuture, nonperfect) tense, […]. Contrast performative (6) with nonperformative (7):

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I promise to take Max to a movie tomorrow. (6)

▼ 44 

I promised to take Max to a movie tomorrow. (7a)

I have promised to take Max to a movie tomorrow. (7b).

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Saying ‚I promise‘ in (6), S makes a promise; but the words ‚I promised‘ and ‚I have promised‘ in (7) do not constitute the making of a promise; instead, they report that a promise was made.“ (Allan 1994, 3001).

Und ebenfalls nichts anderes ergibt sich daraus, daß der Wert eines Zeichens Saussure zufolge nicht durch seinen Referenten konstituiert wird (vgl. S. Weber 1986, 108). Auch daraus läßt sich nicht schlußfolgern, daß die Umkehrung der verneinten Aussagen wahr sei; daß es also wahr sei, daß (der Wert) ein(es) Zeichen(s) seinen Referenten konstituiert oder ein solcher gar nicht existiert. Vielmehr erkennt jedenfalls auch Derrida an, daß es „ein Feld nicht-diskursiver Kräfte“ gibt, eine „nicht-begriffliche Ordnung“, an der sich die begriffliche Ordnung artikuliert“ (Derrida 1971, 313, 314); daß es „reale Gegenstände“ (Referenten)“ (ebd., 302) gibt, die anwesend oder abwesend sein können (ebd.: „eventuelle Anwesenheit“ – „ohne […] anwesend“ zu sein) und auf die sich eine Aussage bezieht (ebd.: „Aussage“ – „ihr Referent“ 30). 31

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Und ebenfalls nichts anderes ergibt sich aus dem von der strukturalen Linguistik postulierten Primat des Signifikanten28 über das Signifikat (des Bedeutenden29 über die Bedeutung30). 31 Denn auch daraus folgt nicht, daß die Zeichen keine oder eine beliebige (frei wählbare) Bedeutung haben,32 sondern daß diese durch des Zeichens „Beziehung zu anderen Zeichen, die es umgeben und von denen es sich abhebt“, definiert wird (s. Weber 1986, 108). Die einzelnen Wörter (und anderen Zeichen) sind nicht nicht definiert, sondern sie „definieren sich wechselseitig“ – dadurch daß sie „in strukturierten Ensembles – ‚Vokabularien‘ –“ stehen (Greimas 1958, 111 f.); in einer Kette oder in einem System, worin jeder Begriff „durch das systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen Begriffe verweist“ (Derrida 1968a/b, 37 bzw. 88). Die begrifflichen und lautlichen Verschiedenheiten ergeben sich aus dem System der Sprache (Saussure 1915, 143; zust.: Derrida 1968a/b, 36 f. bei FN 4 bzw. 88 bei FN 4). – Das heißt, auch Derrida und Saussure bestreiten nicht, daß begriffliche und lautliche Unterschiede existieren! 33

Und weil sie existieren, gibt es auch kein „unendliche[s] Wuchern der Bedeutungen“ (Pêcheux/Fuchs 1975, S. 209 in FN 14). Vielmehr ist die Bedeutung einer jeden Sequenz durch ihren Kontext limitiert34: Der ‚Sinn‘ einer Sequenz wird in dem Maße materiell faßbar, wie man diese Sequenz als notwendig dieser und/oder jener anderen Diskurs-Formation zugehörig begreift (ebd. bei FN 14). Der ‚Weg zurück zum Signifikat‘ (der Bedeutung) ist also möglich und nötig (Schöttler 1988a, 180).

Denn nichts anderes ergibt sich schließlich daraus, daß jedes „schriftliche Zeichen die Kraft eines Bruches mit seinem Kontext“ enthält; daß es aus der Verkettung, in der es gegeben oder eingefaßt ist, immer ‚herausgelöst‘ und in andere Ketten ‚eingeschrieben‘ oder ihnen ‚aufgepfropft‘ werden kann (Derrida 1971, 300). Denn in irgendeinem Kontext, der die Bedeutung des Zeichens im jeweils zu analysierenden Zusammenhang definiert, steht das Zeichen immer.

▼ 47 

Allerdings behauptet Derrida zwar in wiederholten, aber dunkel bleibenden Äußerungen, daß „ein Kontext nie absolut bestimmbar ist“ (293): „Diese Kraft des Bruchs ist kein akzidentielles Prädikat, sondern die Struktur des Geschriebenen selbst“ (300); es handele sich um keinen Zufall und keine Anomalie, sondern um etwas, ohne welches ein Zeichen nicht funktionieren könnte (304), die Iterierbarkeit sei ein „strukturelles Merkmal jedes Zeichens“ (307), das Mißlingen eines Sprechaktes finde nicht an einem diesem „äußeren Ort des Verderbens“ statt, sondern sei dessen „innere und positive Möglichkeitsbedingung“ (309) etc. Diese Aussagen sind – wörtlich genommen – ausschließlich Aussagen (und zwar zutreffende!) über die „Struktur“ der Zeichen und die „Möglichkeitsbedingungen“ von Sprechakten, nicht aber über die konkrete Existenz von Zeichen in bestimmten Sprechakten.

Sie begründen nicht, was sie evtl. begründen sollen; nicht das, als was sie vielfach verstanden werden: Daraus, daß es auch ‚widersinnige‘ (302) und ‚sinnlose‘ (303) Aussagen gibt, bzw. daß ein Zeichen (der Anwesenheit) seines Referenten „entraten kann“ (ebd. – Hv. d. Vf.In), folgt keinesfalls, daß alle Aussagen sinnlos oder widersinnig sind, bzw. daß alle Aussagen ihres Referenten entraten. Vielmehr wäre eine Aussage, die behauptet, daß alle Aussagen widersinnig oder sinnlos sind, selbst widersinnig. Eine solche Aussage könnte also nicht als gültig anerkannt werden. Die fragliche Aussage hätte (genauso wie Derridas Beispiel „Der Kreis ist viereckig“) „genug Sinn, daß ich ihn als falsch oder widersprüchlich beurteilen kann“ (vgl. ebd.).

Das heißt: Derrida muß die Möglichkeit sinnvoller, nicht-widersinniger Aussagen zumindest implizit zugestehen (s. vorstehend), und er gesteht dies (wenn auch unter Vorbehalt: „scheint es“; „vielleicht“) tatsächlich zu: „Sie können nicht leugnen, daß es auch gelungene performatives gibt“ (309 – Hv. i.O.). Wenn Derrida dennoch den Eindruck erweckt (306 f., 308), daß es illegitim oder nicht sinnvoll sei, neben der Struktur bzw. den Möglichkeitsbedingungen, auch – ggf. im Rahmen einer anderen wissenschaftlichen Disziplin mit anderem Objekt – die konkrete Existenz der Zeichen in konkreten Sprechakten (d.h. unter Abstraktion jener ‚allgemeinen Theorie‘ [Austin]) zu untersuchen (und insofern durchaus am Begriff „Kommunikation“ festzuhalten [vgl. aber 313] und die Bedingungen erfolgreicher „Kommunikation“ sowie sinnvoller, nicht-widersinniger Aussagen zu analysieren), so führt Derrida für diese Auffassung jedenfalls kein Argument an, und es ist auch keines ersichtlich.

▼ 48 

Das einzige worauf sich Derridas Nahelegung stützt, ist Derridas bereits zitiertes Wortspiel mit iter/itara, von neuem / anders (298) und dessen Kehrseite (die Behauptung, daß eindeutig nur sein kann, was „einmalig“ ist35): Er macht für seine Nahelegung (nicht mehr als – und auch das nur in Form von rhetorischen Fragen) geltend, daß zumindest eine performative Äußerung allein dadurch möglich ist, daß sie ein Zitat ist:

Ist es nicht so, so fragt Derrida, daß es ohne „das Zitieren […] kein ‚geglücktes‘ performatives gäbe? […] wäre eine performative Äußerung möglich, wenn [sie] kein Zitat“ wäre (309 – Hv. i.O.)? „Könnte eine performative Äußerung gelingen, wenn ihre Formulierung nicht eine ‚codierte‘ oder iterierbare Äußerung wiederholte, mit anderen Worten, wenn die Formel, die ich ausspreche, um eine Sitzung zu eröffnen, ein Schiff oder eine Ehe vom Stapel laufen zu lassen, nicht als einem iterierbaren Muster konform, wenn sie also nicht in gewisser Weise als ‚Zitat‘ identifizierbar wäre.“ (310).

▼ 49 

Dem mag so sein, und das hatte zuvor schon Austin36 mit dem Begriff „konventionelles Verfahren“ anerkannt, den Derrida hier meint kritisieren zu können, weil Austin diesen Aspekt vernachlässige. Aber: Daß tatsächlich bereits jede Wiederholung eines Zeichens dessen Bedeutung verändert31, wird an keiner Stelle auch nur zu begründen versucht.32 Dies wird vielmehr nur in Form der vermeintlichen ‚Schlußfolgerung‘ behauptet, daß der Begriff des Kontextes ‚disqualifiziert‘ sei (299), „jede Sättigung des Kontextes“ verboten sei (310 f.). Aber warum ist sie verboten?

Grenzen wir dagegen Derridas Behauptungen auf den Bereich ein, für den sie begründet sind – nämlich die Ebene der Struktur bzw. der Möglichkeitsbedingungen von Sprechakten schlechthin (wo auch wir anerkennen, daß Sprechakte scheitern können, aber eben nicht müssen) –, dann spricht nichts dagegen, auf einer anderen Ebene zu definieren, unter welchen Bedingungen eine erfolgreiche ‚Kommunikation‘ möglich ist; welche Bedingungen gegeben sein müßten, damit Sprechakte gelingen können, also durchaus im gewissen Sinn ein „Ideal“ (vgl. ebd., 309) zu formulieren. Und insofern spricht dann durchaus auch nichts dagegen – bspw. für den Fall wissenschaftlicher Sprechakte – einen Kontext zu postulieren, „der durch einen Erkenntniswillen, durch eine epistemische Intention, durch einen bewußten Bezug auf den Gegenstand der Erkenntnis in einem Horizont der Wahrheit“ definiert ist (anders aber wohl ebd., 303), und folglich eine Aussage der Art „Das Grün ist oder“ (um Derridas und Husserls Beispiel aufzugreifen) als unverständlich zurückzuweisen (und all dieses ist möglich, ohne den ‚Willen‘ oder das ‚Bewußtsein‘ aus sich selbst oder aus dem ‚Subjekt‘ heraus, das diesen ‚Willen‘ oder dieses ‚Bewußtsein‘ ‚hat‘, zu erklären). Denn, daß das ‚Subjekt‘, der ‚Willen‘ und das ‚Bewußtsein‘ nicht ursprünglich sind und nicht den Charakter haben, den ihnen die „philosophische Tradition“ beilegt [vgl. ebd., 306], bedeutet nicht, daß sie gar nicht existieren und folglich nicht zur Definition von Kontexten herangezogen werden können. Dies wird letztlich auch von Derrida zugestanden, wenn er schreibt, daß auch in seiner „Typologie“ verschiedener Arten von Iterierung „die Kategorie der Intention nicht verschwinden [wird], sie wird ihren Platz haben, aber von diesem Platz aus wird sie nicht mehr den ganzen Schauplatz und das ganze System der Äußerungen beherrschen können“ [310]). Wir können also sagen: Die „epistemische Intention“ ist zwar keine ursprüngliche Wesenheit, aber sie existiert als Resultat einer gesellschaftlichen Konstruktion, und sie ist durch die Jahrhunderte währende Praxis der Wissenschaften wohl definiert.

b) Mit Austin und Saussure – für eine Korrespondenztheorie der Wahrheit!

Wenn wir also zum einem mit Ferdinand de Saussure33, Samuel Weber34 und Jacques Derrida35 die Existenz der Referenten anerkennen und – ebenfalls in Übereinstimmung mit diesen (im Falle von Derrida mit den genannten Einschränkungen) – davon ausgehen, daß die Bedeutung der Zeichen nicht beliebig, sondern durch das System der Sprache bestimmt ist, dann spricht nichts dagegen, mit Austin und auch Saussure36 auch die Existenz konstativer Äußerungen anzuerkennen sowie deren Wahrheitsgehalt daran zu messen, ob deren (durch das System der Sprache definierte) Bedeutung den Sachverhalten, auf die sie referieren, adäquat ist oder nicht. Dies ist eine Möglichkeit, die auch Derrida einzuräumen scheint, wenn er die Relevanz des Referenten in Zusammenhang mit der Bildung konstativer Äußerungen anerkennt (für eine ausführliche Kritik der gegenteiligen Auffassung s. Searle 1995, 159-236, bes. 207 ff.):

▼ 50 

„Sowohl bei Feststellungen (etwa auch Beschreibungen) als auch Warnungen und so weiter kann […] die Frage gestellt werden, ob man zu Recht festgestellt, gewarnt, einen Rat gegeben hat – nicht in dem Sinne ob das gelegen kam oder nützlich war, sondern ob die Äußerung angesichts der Tatsachen, angesichts unseres Wissens von den Tatsachen, angesichts der Absicht“ – also festzustellen oder zu warnen – „hinter der Äußerung und so weiter die richtige Äußerung war.“ (Austin 1955a, 163 f. – kursive Hv. i.O.; fette d. Vf.In). 37

▼ 51 

„[…] wenn man auch sagen kann, daß eine konstative Aussage ebenfalls etwas bewirkt und immer eine Situation verwandelt, so kann man doch nicht sagen, daß dies ihre interne Struktur, ihre manifeste Funktion oder Bestimmung konstituiert, wie im Fall des performative“, weshalb das „Wort [Referent]“ in Bezug auf das performative (anders als in Bezug auf konstative Aussagen) „zweifellos nicht angemessen“ ist (Derrida 1971, 305 – Hv. i.O.).38

In Bezug auf konstative Äußerungen ist die Verwendung des Begriffs „Referent“ also auch nach Ansicht von Derrida angemessen.

Selbst das richterliche Urteil schließlich, das sich (im Gegensatz zur Wissenschaft) im Zweifelsfall auf die Autorität „der amtlichen Stellung“ stützen kann (und sich deshalb vielleicht weniger als eine wissenschaftliche Aussage auf seine Objektivität berufen muß), soll „richtig sein, zutreffen, angesichts der Tatsachen gerechtfertigt werden können“ (Austin 1955a, 171 f.).39 Dieses ‚Rechtfertigen angesichts der Tatsachen‘ mag nicht immer einfach sein 40 und (zumindest dann, wenn es nicht nur um die richterliche Feststellung von Tatsachen, sondern die wissenschaftliche Erklärung komplexer Zusammenhänge geht) der Hilfe der Theorie bedürfen. Es dennoch zu bewältigen, ist Aufgabe und Leistung der Wissenschaft wie auch – mit der genannten Einschränkung – der richterlichen Beweisaufnahme. Soviel zum Agnostizismus.

4. Zur Abgrenzung von Hermeneutik und (Post)strukturalismus

▼ 52 

Des weiteren sei zum Nachweis, warum ein ernst genommener (konsequenter) (Post)strukturalismus die Negation der Hermeneutik ist und keine Variante der Hermeneutik (und auch keine Hegelsche ‚Negation der Negation‘, keine Aufhebung und Aufbewahrung der Hermeneutik) sein kann, ausgeführt:

a)  Zur angeblichen ‚Gewalt des Begriffes‘

▼ 53 

„Experience [… is] not the origin of our explanation, not the authoritative (because seen or felt) evidence that grounds what is known, but rather that which we seek to explain, that about which knowledge is produced. […]. Experience is, in this approach, not the origin of our explanation, but that which we want to explain.“ (Scott 1992, 26, 38; vgl. 2001, 74 f.).48

Es ist also noch euphemistisch, wenn Berking (1981, 107) schreibt: „Die Authentizität von Erfahrung ist leicht versprochen, aber nur schwer zu begründen“ – sie ist zumindest bisher nicht erfolgreich begründet worden! Wird ‚die Erfahrung‘ dennoch als Erklärung (statt als zu Erklärendes) genommen, so ist dies genau ein Beispiel für jene Haltung, von der der (post)strukturalistische theoretische Anti-Humanismus kritisch seinen Ausgang genommen hatte – ein Frageverbot im Namen des Menschen und der menschlichen Erfahrung:

▼ 54 

„[…] gegenwärtig laufen wir Gefahr, von einer Art theologischen Humanismus gefangengenommen zu werden. Überall dort, wo sich in der Vergangenheit Wissenschaft herausgebildet hat, haben die Leute gesagt: Was Sie mit ihrer Wissenschaft vorschlagen, stellt die Existenz Gottes in Frage. Heute sagt man uns: Das stellt die Existenz des Menschen in Frage.“ (Levi-Strauss 1967, 99).

b) Zur Produktion der Wirklichkeit

c) Zur angeblichen ‚Intersubjektivität‘ der Sprache

▼ 55 

„Nicht nur ein Individuum wäre außerstande, wenn es wollte, die vollzogene Wahl [hinsichtlich der Verbindung von Bezeichnetem und Bezeichnenden] nur im geringsten zu ändern, sondern auch die Masse [der Sprachgenossen …] kann keine Herrschaft über nur ein einziges Wort ausüben; sie ist gebunden an die Sprache so wie sie ist. Man kann die Sprache also nicht einfach für einen bloßen Kontrakt halten, [….]. In jeder beliebigen Epoche, soweit wir auch zurückgehen mögen, erscheint die Sprache immer als das Erbe der vorausgehenden Epoche. […]. In Wahrheit hat keine Gemeinschaft die Sprache je anders gekannt denn als ein von den früheren Generationen ererbtes Produkt, das man so wie es war, zu übernehmen hatte.“ (Saussure 1915, 83, 84).

▼ 56 

„Damit ein Geschriebenes ein Geschriebenes sei, muß es weiterhin ‚wirken‘ und lesbar sein, selbst, wenn der sogenannte Autor des Geschriebenen nicht einsteht für das, was er geschrieben hat, was er gezeichnet zu haben scheint, sei es, daß er vorläufig abwesend ist, daß er tot ist, oder, allgemein, daß er, was scheinbar ‚in seinem Namen‘ geschrieben wurde, nicht mit seiner ganzen augenblicklichen und gegenwärtigen Intention oder Aufmerksamkeit, mit der Fülle seines Meinens unterstützt. […]. Die […] Schrift [… ist] von jeder absoluten Verantwortung, von dem Bewußtsein als Autorität in letzter Instanz abgeschnitten.“ (Derrida 1971, 299 – Hv. i.O.).

Die Schrift kann folglich nicht vor dem „Horizont der Kommunikation als Kommunikation von Bewußtsein oder von Anwesenheiten“ analysiert werden (ebd.). Die Zeichen sind unabhängig „von diesem oder jenem, im Grenzfall also von jeglichem empirisch festlegbaren ‚Subjekt‘“ (ebd., 298 – Hv. d. Vf.In), sie existieren also objektiv.

d) Zu den Fakten, die angeblich sprechen können

▼ 57 

Allen Empirismen gemeinsam ist, daß sie annehmen, „daß das Denken (eine Hypothese oder eine provisorische Konzeption des Wirklichen) in eine direkte Beziehung mit dem Wirklichen in Form von ‚Fakten‘ über die Vergangenheit gebracht werden kann. Das Problem ist, daß diese Operation einfach nicht möglich ist. Um einen solchen Vergleich stattfinden lassen zu können, müssen die Gegenstände von gleicher Art sein: Damit dies der Fall ist, müssen ‚Tatsachen‘ bereits in Kategorien transformiert sein. In dasselbe Medium, in dem die Theorie ist.“ (Johnson 1978, 42).38

Das „Handlungsfeld selbst zum Sprechen zu bringen“ (Hofmann 1997, 5) wird also ein erfolgloses Unterfangen bleiben, das nur dazu führt, die eigenen Vorurteile unreflektiert in die Untersuchung einzubringen. Denn die „primäre Erfahrung“ ist durchaus keine reine Erfahrung, frei von Theorie, 39 – sie ist nur frei von wissenschaftlicher Theorie, aber in ihr stecken schon immer „wir selbst […], unsere dumpfen Leidenschaften, unsere unbewußten Wünsche“ (Bachelard 1938, 91). 40 Von diesen können wir die Erfahrung nur durch die „von den Einwänden der Vernunft beratene Abstraktion“ (ebd., 39) reinigen. „Der wissenschaftliche Geist“ kann „angesichts der Natur nur lernen, wenn er die natürlichen Stoffe reinigt und die verworrenen Erscheinungen ordnet.“ (ebd., 59). Nichts anderes gilt in Bezug auf die gesellschaftlichen Erscheinungen!

▼ 58 

Während Diskursanalyse und Hermeneutik (wie oben S. 49 dargelegt) zwischen Idealismus und Empirismus schwanken, sind wir also durchaus nicht gezwungen, die Zurückweisung des Idealismus mit dem Preis des Empirismus zu bezahlen; vielmehr sind wir in der Lage, beide im Namen wahrer Theorie zurückzuweisen.

e) Zum Relativismus und zur Parteilichkeit

▼ 59 

„Das Problem der Kulturwissenschaften, zumindest in ihrer gegenwärtig vorherrschenden Form, besteht nun darin, dass sie eine Art kognitive Aussetzung vollziehen, nämlich eine Verabschiedung der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der jeweils von ihnen betrachteten Theorie – eine Geste des historistischen Relativismus. Wenn ein typischer Kulturtheoretiker es mit einem […] psychoanalytischen Theoriegebäude zu tun hat, wird seine Analyse sich ausschließlich darauf richten, […] den versteckten bias zu entbergen, ohne die naive, aber dennoch notwendige Frage auch nur zu stellen: […] Wie funktioniert die Psyche ‚wirklich‘? Solche Fragen werden in den Kulturwissenschaften in dem Maße nicht mehr ernst genommen, in dem diese dazu tendieren, sie auf die historistische Frage nach den Bedingungen zu reduzieren, unter denen Begriffe und Konzepte als Funktionen bestimmter Machtverhältnisse auftauchten. Darüber hinaus prangern die Kulturwissenschaften jeden Versuch, eine Unterscheidungslinie zwischen, sagen wir, wahrer Wissenschaft und vorwissenschaftlicher Mythologie zu ziehen, als ein eurozentrisches Vorgehen an, das mithilfe einer ausschließenden diskursiven Strategie der Abwertung des Anderen als ‚noch nicht wissenschaftlich‘ die eigene Hegemonie ihm aufzwinge. Auf diesem Wege arrangieren und analysieren wir schließlich ‚ordentliche Wissenschaft‘, ‚vormoderne Weisheit‘ und andere Formen des Wissens nur noch als verschiedene diskursive Formationen, die nicht mit Blick auf ihren inneren Wahrheitsgehalt, sondern auf ihren soziopolitischen Status und Einfluss bewertet werden. Dabei wäre es die erste Aufgabe der Kulturwissenschaften, jene historistische erkenntnistheoretische Indifferenz zu überwinden und die Fähigkeit wiederzuerlangen, den Schock einer Antinomie zu erfahren.“ (Hv. i.O.).

f) Zum Anspruch, zu gesellschaftlichen Veränderungen beizutragen

▼ 60 

„Theory [… is] not simply a metaphysical abstraction or discursive play. […]. Theory, then, is not opposed to experience but is the necessary supplement of experience (to use Derrida’s term in order to deconstruct his deconstruction of theory): theory historicizes experience and displays the social relations that have enabled it to be experienced as ‚experience.‘ Such a knowledge prevents us from essentializing experience and make it possible to produce new experience by transforming the dominant social relations.“ (13 f. – Hv. i.O.; vgl. Ebert 1996, 18, 22).

Wenn dieser Versuch des „transforming the dominant social relations“ erfolgreich sein soll, dann kann er dies nur sein, wenn er „in Kenntnis der Sachlage“ (vgl. Althusser 1967, 117) erfolgt:35 „Without a scientific analysis of the mode of production and social formation, no coherent […] strategy can be developed by which to overthrow it,“ wie Therborn (1970, 79) in seiner strukturalistisch-marxistischen Kritik an der Kritischen Theorie schreibt. Und nämlich dies aus zwei Gründen:

▼ 61 

1. Nur in Kenntnis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen lassen sich geeignete Maßnahmen zur Situationsveränderung bestimmen.

2. In Anbetracht dieser „durchaus erklärbaren Determinationen“ und der Realität ihrer Auswirkungen haben wir jedenfalls Grund zu der Annahme, daß zumindest mittelfristig realistische Positionen eher die Chance haben,36 hegemoniefähig zu werden und damit Realisierungschancen zu erlangen als solche, die von vornherein auf die Analyse der objektiven Lage verzichten (Wolf 1988, 16, 15). Denn realistische Analysen haben aufgrund der in-Rechnung-Stellung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen eine größere Erklärungs- (und damit potentiell: Überzeugungs)kraft als Ansätze, die diese Faktoren außer Acht lassen. Aufgrund der Objektivität der Ursachen und ihrer Wirkungen37 sind wir zu dieser Annahme (Chance auf Hegemoniefähigkeit) berechtigt, ohne daß wir dafür behaupten wollen oder behaupten müssen, daß sich auch das parteiliche Ins-Verhältnis-setzen zur Lage aus der objektiven Analyse ergibt 38.

▼ 62 

Was diese Lageanalyse anbelangt, so haben wir „Grund, von einem wissenschaftlichen, unwiderruflichen Kern im Marxismus zu sprechen, nämlich dem historischen Materialismus, um eine lebenswichtige, klare, unmißverständliche Trennungslinie zu ziehen (auch wenn man ewig daran ‚arbeiten‘ muß – und man muß –, um ein Abgleiten in Positivismus und Spekulation zu verhindern) zwischen: auf der einen Seite den Proletariern, die objektive, verifizierte und verifizierbare, kurz: wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen, um nicht nur in der Phrase, sondern tatsächlich über ihre Klassengegner zu siegen, und auf der anderen Seite nicht nur den Bürgerlichen, die natürlich dem Marxismus jeden wissenschaftlichen Charakter absprechen, sondern auch denjenigen, die sich mit einer persönlichen oder angenommenen, durch ihre Phantasie oder ihren kleinbürgerlichen ‚Wunsch‘ fabrizierte ‚Theorie‘ zufriedengeben oder die jeden Gedanken an eine wissenschaftliche Theorie bis hin zu den Worten ‚Wissenschaft‘ und sogar ‚Theorie‘ ablehnen unter dem Vorwand, daß jede Wissenschaft und sogar jede Theorie ihrem Wesen nach ‚verdinglichend‘, entfremdend und folglich bürgerlich seien.“ (Althusser 1972b, 51 f. – Hv. i.O.). 39 Nichts anderes gilt in Bezug auf den Feminismus und diejenigen, für die „jede Theorie ihrem Wesen nach ‚verdinglichend‘, entfremdend und folglich“ patriarchal ist.

Es bleibt folglich – selbst wenn wir außerhalb der Wissenschaft parteiliche Ziele verfolgen wollen – nichts anderes als „der Versuch, im Streben nach der größeren Objektivität die ‚better science‘ zu betreiben“ (Wohlrab-Saar 1993, 135)40 (sofern wir denn annehmen wollen, daß jene Formationen, die mit dem „wissenschaftlichen Kern“ von Marxismus und Feminismus konkurrieren, überhaupt schon den Status einer – wenn auch schlechten – Wissenschaft erreicht haben 41). Jedenfalls führt „an der Rationalität kein Weg vorbei“ (Seifert 1992, 255). Selbst die Gulbenkian Kommission zur Neustrukturierung der Sozialwissenschaften (Wallerstein et al. 1991), die in ihrem Bericht „Die Sozialwissenschaften öffnen“ sehr kritische Worte für die nomothetischen Sozialwissenschaften (18, 19, 56 f. et passim) und wohlwollende für die neuerliche „hermeneutische Wende“ (71) im Zuge der Etablierung der Cultural Studies findet, endet folgendermaßen:

▼ 63 

„Anstatt wiederholt aufzuzeigen, woran es den Sozialwissenschaften gemangelt hat, indem sie einen großen Bereich der menschlichen Erfahrungen ausklammerten, sollten wir […] weitergehend darlegen, worin der Gewinn für unser Verständnis von sozialen Prozessen liegt, wenn wir erst einmal in zunehmendem Maße größere Segmente welthistorischer Erfahrungen einbeziehen. Wie verengt die Sichtweise früherer Versionen des Universalismus42 auch immer gewesen sein mögen, so erscheint es nichtsdestotrotz wenig zweckmäßig, dieses Terrain der traditionellen Disziplinen schlicht jenen zu überlassen, die in diesen Verengungen verharren. […] Was wir allerdings nicht akzeptieren ist, daß die Sozialwissenschaften […] auf eine bunte Mischung privater Ansichten reduziert wird, die alle gleich gültig sind. […]. Im Gegenteil, wir argumentieren, daß die Neuordnung, der Sozialwissenschaften, von der wir gesprochen haben, die Möglichkeit der Objektivität verstärkt, in dem die vorgetragene Kritik an den Praktiken der Vergangenheit in Rechnung gestellt wird […]“ (Wallerstein et al. 1991, 94, 98, 99).

5. Jenseits von Hermeneutik und Positivismus

Dieses Plädoyer bedeutet hier wie im Falle der Gulbenkian Kommission durchaus keinen Appell für einen Rückfall in Positivismus und systemtheoretische Modelle.43 Denn der Empirismus wird hier – wie ausgeführt (s. in und bei Endnoten 15-20) – sowohl in seiner qualitativen als auch in seiner quantitativen, sowohl in seiner hermeneutischen als auch in seiner positivistischen Version kritisiert 44; und von dem technokratisch-harmonischen System-Begriff der Systemtheorie unterscheidet sich der hier zugrunde gelegte Begriff des gesellschaftlichen Ganzen dadurch, daß er unter dem Primat des Kampfes der inneren Widersprüche 45 und damit in der Perspektive von nicht-identischer Reproduktion (vgl. das Pêcheux-Zitat oben S. 40) und evtl. Bruch der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse 46 gedacht wird. Der hiesige Ansatz steht also in der Tat in doppelter Opposition sowohl zur historizistischen Hermeneutik als auch zur positivistischen Systemtheorie – und er steht damit nicht allein:

▼ 64 

„In neuen Zeitschriften wie der ‚alternative‘ und dem ‚Argument‘ wurden [seit den 60er Jahren] neue Diskussionsansätze rezipiert und vorbereitet, die den traditionellen Geisteswissenschaften eine andere Artikulation von ‚Philosophie und Sozialwissenschaften‘ entgegenzustellen versuchten. Ihre wissenschaftspolitische Umsetzung an Reformfachbereichen und -universitäten […] wird im Zuge der Gegenreformen im Bildungswesen erstickt, nicht ohne schon vorher an eigene epistemologische und wissenschaftspolitische Grenzen gestoßen zu sein. […]. Heute bleibt ein beachtlicher Fundus an eigenständigen Forschungsansätzen, v.a. an den philosophischen, religionswissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Rändern des ursprünglichen Artikulationsprojektes, der immer noch Ausgangspunkte für eine Erneuerung eines derartigen herrschaftskritischen Wissenschaftsprogramms bereit hält. Bewegungsnahe inhaltliche Bereiche wie Faschismusforschung, Erinnerungsforschung, Qualifikationsforschung oder ‚Ideologietheorie‘, sowie ein beachtlicher Bereich von Politikberatung in zivilgesellschaftlichen Zwischenbereichen haben ebenfalls einen höher entwickelten Bestand an Problemstellungen, Theorienbildung und empirisch gehaltvollen Untersuchungen anzubieten, der weder in den ‚Geisteswissenschaften‘, noch in einer ins narrative entglittenen Historie oder einer sozialwissenschaftlichen Systemtheorie einen adäquaten theoretischen Raum finden kann.“ (Wolf 2000a; vgl. stark überarbeitet Wolf 2000e, Sp. 121 f.).

Ein solches Projekt nicht-hermeneutischer und nicht-positivistischer, historisch reflektierter Sozialwissenschaft47 – also eines „nicht dogmatischen […] historischen Materialismus“ (Wolf 2000d, 153, vgl. 136-138) – kann sich dabei auf das (auch durch die post-strukturalistische Wende vieler StrukturalistInnen nach ’68 nicht erledigte) Projekt einer nicht historizistisch-hermeneutischen und nicht omnihistorisch-universalisierenden Geschichtswissenschaft der Annales-Schule 48 (s. Schöttler 1988a, 160-166; Schöttler 1989, 86-94; Wallerstein 1991, bes. 164-180) und das Erbe des strukturalen Marxismus, wie es von Regulationstheorie und materialistischer Diskurstheorie weitergeführt wurde, stützen:49 Es ermöglicht, nicht-klassenreduktionistische (d.h. bspw.: nicht geschlechtsblinde), materialistische Analysen mit Fragen nach ideologischer Subjekt-Konstituierung50 und – so denn gewollt – politischer Handlungsfähigkeit zu verbinden:

▼ 65 

„[…] wir [die RegulationstheoretikerInnen sind] rasch von den engen ökonomischen Problemen zur Geschichte in einem eher allgemeinen Sinne übergegangen, d.h. Geschichte der sozialen Bewegungen, der sozialen Verhältnisse, der Staaten usw. Wir sind zwar Ökonomen, aber dafür offen, als Hintergrund für das Sub-Netz des ökonomischen Lebens den komplementären, anderen Teil dieser Netzwerke von sozialen Verhältnissen, die die Realität konstituieren, ebenfalls in Betracht zu ziehen. Offensichtlich ist dieses Sub-Netzwerk einer Menge von Wirkungen unterworfen, die aus diesem anderen Teil des Netzwerkes stammen; aus der Politik, aus den Rassenbeziehungen, aus den Geschlechterverhältnissen, aus der Diplomatie. […]. Wenn wir nicht in der Lage sind, den Regulationsansatz auf andere Disziplinen auszudehnen, auf die Betrachtung all der anderen sozialen Beziehungen, werden wir unsere Aufgabe als Makroökonomen nicht fortführen können. Wenn ich ‚ausdehnen‘ sage, so meine ich damit gerade nicht, dass die Methoden, die zuerst von den Makroökonomen entwickelt wurden, für andere Bereiche in einer imperialistischen Art und Weise übernommen werden sollen, so wie sich der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften auf die politische Wissenschaft, die Soziologie und andere Disziplinen ausdehnt. Wir müssen aus den anderen Sozialwissenschaften lernen, wie sie mit den gleichen Problemen umgehen, mit denen wir konfrontiert sind, d.h. wie widersprüchliche soziale Verhältnisse gelöst oder transformiert werden.“ (Lipietz 1987, 22 f.)

Dazu ist es allerdings erforderlich, daß sich diese (d.h.: die Regulations)theorie „insofern modifizier[t …], als sie die spezifischen ‚Formen‘ ideologischer Mächte, diskursiver Prozesse und medialer Kommunikation ebenfalls zu ihrem Inhalt mach[t …], anstatt von der historischen Subjektivität, den Mentalitätsformen […] schlicht zu abstrahieren. Mehr Analyse würde hier“ – nicht nur mehr Erkenntnis, sondern – „auch mehr Handlungsfähigkeit schaffen“ (Wolf 1998, 219).51 Um diesem Schwachpunkt der Regulationstheorie abzuhelfen, wäre an einige Vorschläge Jürgen Links anzuknüpfen, die mit der Hypothese verbunden sind, „daß sich die ‚Wechselwirkung‘, das heißt die zyklische Entwicklung von Gesellschafts- und Diskursformation vielleicht am ehesten mit Hilfe des von Gramsci entlehnten Begriffs des ‚sozialhistorischen Blocks‘ denken läßt, der nicht durch substanzhafte Klassen oder sonstige ‚Kollektivsubjekte‘, sondern durch hegemoniale (= blockbildende) Prozesse der Reproduktion und Transformation geprägt ist. Auf diese Weise könnte die ‚vertikale Achse‘ der Ideologie- und Diskursformationen mit der ‚horizontalen Achse‘ der Mentalitäten, Spezialdiskurse und Interdiskurse zusammengedacht werden, […].“ (Schöttler 1989, 117). Dies mag sich zunächst abstrakt anhören, dürfte sich aber doch so weit konkretisieren lassen, daß Positivismus und Hermeneutik nur noch als schwache Alternativen erscheinen. Jedenfalls sind wir nicht genötigt, in dieser Arbeit auf jene theoretischen und methodologischen Ansätze zurückzugreifen, sondern bestrebt zu zeigen, daß es möglich ist, unsere Fragestellung mit den Mitteln eines materialistischen, für empirische Verfahrensweisen offenen (Post)strukturalismus und De-Konstruktivismus zu beantworten.

VI. Hinweise zum Text

1.  Erläuterungen zur Zitierweise

Diese Arbeit folgt im Grundsatz den Regeln der sog. amerikanischen Zitierweise. Das heißt: Jede zitierte Veröffentlichung wird im Text mit einer Abkürzung, bestehend aus Namen, Jahr und etwaigem Buchstaben-Zusatz, zitiert. Die vollständigen Literaturangaben sind unter diesem Sigle im Literaturverzeichnis am Ende dieser Arbeit zu finden.

▼ 66 

Die selbst geführten Interviews werden dagegen mit dem Buchstaben „I“ und der Nummer des jeweiligen Interviews sowie den Zeilenziffern des jeweiligen Transkriptes zitiert.

Um es den LeserInnen zu erleichtern, die in dieser Arbeit angeführten Zitate aus der wissenschaftlich Literatur historisch einzuordnen (sie bspw. unterschiedlichen Phasen der feministischen Theoriedebatten zuzuordnen), wird sämtliche Literatur (soweit bekannt) nach dem Jahr des Verfassens oder (soweit nur kurze Zeit danach erfolgt) nach dem Jahr der Erstveröffentlichung zitiert. Nachträgliche Bearbeitungen werden ggf. durch eine zweite Jahreszahl gekennzeichnet. Soweit die benutzte Ausgabe von der Erstveröffentlichung abweicht, wird die Erstveröffentlichung, insbesondere bei fremdsprachigen Originalveröffentlichungen, in Klammern der Literaturangabe im hiesigen Literaturverzeichnis nachgestellt. Das Jahr des Verfassens wird, soweit bekannt und vom Jahr der Erstveröffentlichung abweichend, dem jeweiligen Titel und ggf. Untertitel in Klammern nachgestellt. Diese Angaben wurden i.d.R. nicht nachgeprüft, sondern der jeweils benutzten Ausgabe entnommen.

Unterschiedliche Intensitäten der Bezugnahme auf die benutzte Literatur werden – in Anlehnung an die Frankfurter Wittgenstein-Ausgabe35 – ebenfalls gekennzeichnet: Wörtliche oder nahezu wörtliche Zitate werden durch bloße Angabe des Sigles zitiert. Bietet die zitierte Literatur demgegenüber bspw. weiterführende Informationen gegenüber den hiesigen Ausführungen, so wird dem Sigle ein „s.“ für „siehe“ vorangestellt. Erfolgt das Zitat dagegen nur sinngemäß, oder wird es gar von einem Kontext in einen anderen übertragen, so wird dies durch ein „vgl.“ für „vergleiche“ gekennzeichnet.

▼ 67 

Entsprechend wird mit Anführungszeichen verfahren: Doppelte Anführungszeichen werden ausschließlich für wörtliche Zitate aus bestimmten oder bestimmbaren Texten verwendet (vorstehend bspw. für Zitate aus der vorliegenden Arbeit selbst). Einfache Anführungszeichen werden demgegenüber hier einerseits – wie üblich – für Zitate in Zitaten; andererseits aber für die Zitate von allgemeine Redewendungen sowie für die Zitate (bestimmter oder bestimmbarer Quellen), deren grammatische Struktur beim Zitieren so stark geändert wurde, daß deren detaillierte Kennzeichnung durch Auslassungszeichen und Einfügungen in eckigen Klammern nur bei erheblicher Beeinträchtigung der Lesbarkeit möglich wäre.

Änderungen in Zitaten werden hier gekennzeichnet durch „[…]“ bei Auslassung ganzer oder mehrerer Wörter. Fallen dagegen nur einzelne Buchstaben von erhalten bleibenden Wörtern (i.d.R. handelt es sich nur um Genitiv-s oder Akkusativ-n) weg, so werden diese nicht gekennzeichnet. Auslassungen am Anfang oder Ende eines Zitates werden nicht gesondert gekennzeichnet. Implizit zeigen allerdings eine Kleinschreibung am Satzanfang36 und das Fehlen eines Punktes vor dem schließenden Anführungszeichen an, daß der Originalsatz länger als der zitierte Ausschnitt ist.

Zusätze werden dagegen immer gekennzeichnet. Zusätze von grammatischen Änderungen sowie von Wörtern, die im Original selbst schon enthalten sind, dort aber an anderer Stelle stehen, werden ausschließlich durch eckige Klammern gekennzeichnet. Erfolgen dagegen Einfügungen, die im Original nur sinngemäß enthalten sind, so wird dies zusätzlich durch die Bemerkung „d. Vf.In“ gekennzeichnet; erfolgt dagegen eine inhaltliche Ergänzung oder besondere Akzentsetzung, so wird dies durch „Erg. d. Vf.In“ gekennzeichnet.

▼ 68 

Zitate in Zitaten werden wie im zitierten Original behandelt; d.h.: „…“ (ohne eckige Klammern) steht immer für Auslassungen, die aus dem Zitat übernommen wurden; „[…]“ steht in der Regel für zusätzliche Auslassungen.

Zwei weitere Marotten werden der Praxis der Rechtswissenschaft (die mit ihrer bisweilen etwas autoritären Verwaltung ihrer Wissensbestände [siehe nur die Institution der ‚herrschenden Meinung‘, die hier nicht übernommen werden soll], aber auch einige Vereinfachungen bereit hält, die auch für subtilere Disziplinen – insoweit – vertretbare Erleichterungen schaffen) entliehen: Der Zusatz „m.w.N.“ kennzeichnet Literaturangaben, die auf Literatur verweist, die ihrerseits auf weitere Literaturangaben für die gleiche Behauptung verweist. Die Bemerkung „insoweit zutr.“ findet ggf. Verwendung bei Zitaten, deren Kontext hier (aus Platzgründen) nicht genauer diskutiert werden kann. Die Bemerkung kennzeichnet, daß andere Behauptungen oder ideologische Tendenzen aus der gleichen Veröffentlichung sich hier nicht zu eigen gemacht werden. Von komplementärer Bedeutung ist die Bemerkung „insoweit unzutr.“ – es wird hoffentlich Gelegenheit sein, an anderer Stelle derart vernichtende Urteile zu begründen.

Schließlich bemüht sich die Arbeit um eine nicht männerzentrierte Sprachverwendung. Dazu gehört die Verwendung die Endung „-Innen“ (z.B. „WissenschaftlerInnen“), um ausdrücken, daß zu der fraglichen Gruppe nicht nur Männer gehören. Entsprechend werden Artikel und Pronomen modifiziert. In dem Halbsatz „sofern dies denn eineR als gegensätzliche Perspektive auffassen sollte“ (s. oben S. 29) ist „eineR“ also als „eine oder einer“ (oder im patriarchalen Sprachgebrauch: „jemand“) zu lesen. – Um die Zuweisung einer eindeutig männlichen oder weiblichen Identität zurückzuweisen, wird auch für die eigene Person das große „-I-“ verwendet, – allerdings im Singular, z.B. „Vf.In“ / „VerfasserIn“.

▼ 69 

Im übrigen folgt die Arbeit – zum Teil widerwillig – den Formatierungsvorgaben der Humboldt-Universität (s. http://edoc.hu-berlin.de/e_autoren/diss.php).

2. Zur Unterscheidung zwischen Fuß- und Endnoten

Im Interesse der leichteren Lesbarkeit des Haupttextes werden wörtliche Zitate und weiterführende Erörterungen (bspw. über Kontroversen hinsichtlich der Auslegung von KlassikerInnen der [feministischen] Wissenschafts- und Philosophiegeschichte) nach Möglichkeit in die Endnoten am Ende des gesamten Textes verbannt. Die Fußnoten am unteren Rand der jeweiligen Seiten enthalten dagegen ausschließlich Begriffserklärungen, die für das Begriffsverständnis einiger, u.U. auch aller LeserInnen, nötig sein mögen. Diese Verfahrensweise führt dazu, daß auch die Endnoten ihrerseits teilweise begriffserläuternde Fußnoten enthalten. Aus technischen Gründen stehen diese aber nicht am unteren Rand der jeweiligen Seite, sondern am Ende der jeweiligen Endnote.

Die begriffserläuternden Fußnoten stehen jeweils bei der ersten Erwähnung des fraglichen Begriffs. Häufig verwendete Begriffe werden – zwecks leichterer Erreichbarkeit – hier im nachfolgenden Glossar noch einmal zusammenfassend erläutert.

▼ 70 

Die vorstehend beschriebene Verfahrensweise kam in dem empirischen Teil der Arbeit – wie sie den GutachterInnen vorlag – mit einer Modifizierung zur Anwendung: Dort waren die Endnoten weitgehend der wörtlichen Wiedergabe von Zitaten aus den geführten Interviews vorbehalten, während im Haupttext – aus Gründen der besseren Lesbarkeit; teilweise auch aus Gründen der Anonymisierung – sprachlich überarbeitete Versionen der Zitate angeführt sind. In der hier vorliegenden, für die Öffentlichkeit bestimmten Fassung sind nur die überarbeiteten, um etwaig die Anonymität gefährdende sprachliche Eigenheiten bereinigten Zitate angeführt. Alle anderen Anmerkungen wurden dagegen in diesem Teil der Arbeit, wann immer von der Länge her vertretbar, in die Fußnoten übernommen.

In den Verweisen auf die zitierte Literatur wird aber der Einfachheit halber nicht danach unterschieden, ob der fragliche Text Fuß- und/oder Endnoten enthält. Statt dessen wird einheitlich die Abkürzung „FN“ verwendet, auch wenn die fragliche Anmerkung am Ende des zitierten Textes steht. Dadurch kann keine Verwirrung entstehen, denn die zitierten Texte enthalten i.d.R. nur eine Sorte von Anmerkungen.

3. Glossar, Definitionen

§Frauen / §Männer

Die Schreibweise „§Männer“ (bzw. „§Frauen“) (zu lesen als: „Norm-Männer“ bzw. „Norm-Frauen“) soll den normativen Charakter der Geschlechterzuordnung deutlich machen (und eine Vielzahl von distanzierenden Anführungszeichen vermeiden). Sie wird ausschließlich für geschlechternormen-konforme Personen verwendet (d.h. für Personen, bei denen Fremd- und Selbstdefinition übereinstimmen).

Frauen® / Männer®

Die Schreibweisen Frauen® bzw. Männer®, Weiblichkeit® bzw. Männlichkeit® wird dagegen verwendet, wenn allein auf die Selbstdefinition der jeweiligen Person(en) abgestellt wird.

Anrufung, anrufen

Ideologischer Prozeß (⇒ Ideologie, ideologisch) durch den Individuen als sub-jekte konstituiert werden: ‚Es gibt Praxis nur durch und unter einer Ideologie. Die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte ihrer Praxis an‘ (Althusser).

butch

I wanna be a butch I wanna be a butch

Just a butch cause butchs are strong

I wanna be a butch I wanna be a butch

cause butches are strong and sensitiv

butchs are sexy and wunderfull, powerfull

brave and queer and straight, nice and hot

I wanna be a butch I wanna be a butch

I wanna be a butch I wanna be a butch

doch ich glaube ich bin eine femme

ach was, hör doch auf

doch ist wahr

so ein scheiss

ist kein scheiss

alle die es zu was gebracht haben sind Butch

sagt Frau Butch

die kann ja gut reden, die ist auch eine

alle Sumokämpferinnen sind Butch

alle Stierkämpferinnen sind Butch

Butler ist Butch

Dreifuss ist Butch

auch Dvorak hat als Metzger begonnen

Shakespeare war Metzger

Sogar Pipilotti hat in der Wurstabteilung angefangen

Ich freue mich wirklich auf mein erstes Schaff

I wanna be a butch I wanna be a butch

I wanna be a butch I wanna be a butch

I wanna be a butch I wanna be a butch

(Les Reines Prochaines 1999, Song 13)

s.a. Hark 1996b, 187, Scheuch 1996, 267 sowie ⇒ femme.

coming out

Bezeichnet den Prozeß der öffentlichen Selbstbenennung einer Person als schwul, lesbisch, transsexuell, …

cross dressing

Das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts (in alltäglichen Situationen; vgl. ⇒ drag). „Crossdressing umfaßt eine große Bandbreite von Ausprägungen, vom historischen Crossdressing aus ökonomischer Notwendigkeit oder um die Liebe zum eigenen Geschlecht ausleben zu können (also Frauen, die ihr ganzes Leben als ‚Männer‘ verbrachten und zum Teil erst nach ihrem Tod ‚enttarnt‘ wurden) bis zum heutigen spielerischen Umgang mit ‚Geschlechtsmerkmalen‘.“ (Scheuch 1996, 267 f.).

Cross DresserInnen

Personen, die cross dressing betreiben.

community

Der Begriff wird hier zur Bezeichnung von kulturell, sozial und/oder politisch definierten ‚Gemeinschaften‘ verwendet, um die spezifische deutsche Konnotation eines Gegensatzes von (traditioneller, homogener etc.) Gemeinschaft und (moderner, pluralistischer etc.) Gesellschaft zu vermeiden.

Definiens

Das, was einen Begriff definiert; das Definierende.

Dekonstruktion

Der Begriff bezeichnet hier ein Analyseverfahren, daß die Geschichtlichkeit dessen, was als schon immer vorhanden und evident betrachtet wird, deutlich macht (Schaper-Rinkel). Sie ist damit die theoretische Voraussetzung ⇒ revolutionärer Politik. s.a. ⇒ Demokratisierung.

Demokratie, Demokratisierung, demokratisch

Demokratie ist eine Staats- und folglich Herrschaftsform. Die Beseitigung von Herrschaft und das damit verbundene Absterben des Staates (sofern denn beides stattfinden wird), wird folglich auch ein Absterben der Demokratie bedeuten. Als Gegenbegriff zu Demokratisierung wird hier der Begriff der ⇒ Revolutionierung und als deren theoretische Voraussetzung der der (konsequenten) Dekonstruktion verwendet.

Deterministisch, Determinismus vs. Determination

Als „deterministisch“ werden hier Vorstellungen bezeichnet, die von einer eindeutigen Bestimmtheit des historischen Prozesses und/oder der ⇒ sub-jekte ausgehen. Eine solche Auffassung übersieht, daß die Determination aufgrund der Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse niemals eindeutig ist. Determination und Determinismus sind also zu unterscheiden.

derDIE (Befragte etc.)

Artikel zur Bezeichnung von ⇒ ursprünglich biologisch männlichen geNOko-Praktizierenden, die nun irgendeine Form von weiblichem Selbstverständnis haben.

dieDER (Befragte etc.)

Artikel zur Bezeichnung von ⇒ ursprünglich biologisch weiblichen geNOko-Praktizierenden, die nun irgendeine Form von männlichem Selbstverständnis haben.

drag (queen / king)

Fummel; Männer in Frauenkleidern bzw. umgekehrt (s. Scheuch 1996, 268), insb. auf der Bühne (s. Butler 1993/94, 174; vgl. ⇒ cross dressing). Butler (ebd., 169 f.) unterscheidet zwischen Formen des drag, die der Entnaturalisierung hetero/a/‚sex‘ueller Geschlechternormen dienen, und solchen, die sie re-idealisieren.

Em/path[et]isch

Die Schreibweise soll anspielen auf das Pathos, mit dem die Empathie von derartigen Ansätzen – egal, ob sie der ArbeiterInnen- oder der Frauenbewegung verpflichtet sind – vorgetragen wird.

Ent-Identifizierung

Der Begriff der Ent-Identifizierung geht auf Michel Pêcheux zurück, der damit an die Bemerkung von Althusser anknüpft, daß „die proletarische Ideologie nicht das unmittelbare Gegenteil, die Umkehrung, die Umstülpung der bürgerlichen Ideologie“ ist. Pêcheux schreibt: „das proletariat gehört keiner anderen welt an, die derjenigen der kapitalistischen bourgeoisie äußerlich ist […]. in wirklichkeit geht es nicht nur um eine äußere herrschaft, die gewissermaßen den bürgerlichen deckel auf dem topf der revolutionären tendenzen darstellt, sondern auch und vor allem um eine innerere herrschaft, […]. denn die bourgeoisie und das proletariat haben sich gemeinsam innerhalb der kapitalistischen produktionsweise unter der herrschaft der bourgeoisie und insbesondere der bürgerlichen ideologie herausgebildet und als solche organisiert.“ Vor diesem Hintergrund erweisen sich Identifizierung (mit der bürgerlichen Ideologie) und Gegen-Identifizierung (Proletkult) als zwei Seiten einer Medaille: „die umkehrung der gegen-identifikation [bleibt] in dem befangen […], gegen das sie sich wendet“ (Pêcheux 1978a, 64; vgl. Marx: „Die Existenz einer Klasse, die nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine notwendige Voraussetzung des Kapitals.“). Demgegenüber ist die Ent-Identifizierung der „bruch, […der] zugleich den effekten der ideologischen identifikation und den umgekehrten effekten der gegen-identifikation entgehen will“ (Pêcheux 1978a, 64 – Hv. d. Vf.In). Diese Überlegungen zur Komplementarität von Herrschenden und Beherrschten lassen sich entsprechend auf andere Herrschaftsverhältnisse übertragen.

femme

Bezeichnet eine lesbische (ggf. auch schwule) Selbststilisierung, die an Bildern von Weiblichkeit orientiert ist (s. Hark 1996b, 188 sowie ⇒ butch).

geNOkos

geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen; hier als Oberbegriff für die Praxis von transsexuellen Personen und Personen, die dauerhaft (im Alltag) oder zeitweilig (bspw. auf der Bühne) ⇒ cross dressing praktizieren. Der Begriff dürfte damit in etwa deckungsgleich mit der Summe der Bedeutungen der englischen Begriffe transsexual und ⇒ transgender sein. Er fokussiert aber auf die (nach außen sichtbare) Praxis dieser Personen, nicht auf eine (innerliche) Identität.

Hermeneutik, hermeneutisch

Die Hermeneutik bestand darauf, die Phänomene als Individualitäten zu erforschen. Ihre Anhänger begegneten „den Versuchen der Exponaten einer neuen ‚Sozialwissenschaft‘, Generalisierungen vorzunehmen bzw. universelle Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft zu ermitteln, mit Mißtrauen und sogar mit Feindseligkeit.“ „Mit analytischen Konzepten und theoriegeleiteten Ansätzen zu arbeiten, war in sich selbst bereits Ausdruck einer Opposition gegenüber dem etablierten ‚historistischen‘ Paradigma, das hermeneutische Zugangsweisen und eine den Quellen möglichst nahe Sprache bevorzugte.“ (Wallerstein). Diese Vorliebe für „Individualitäten“ konvergiert mit dem ⇒ historizistischen Relativismus, „der jede Gegenwart gleichermaßen privilegiert“ (Althusser).

Hetero/a/‚sex‚ismus,

hetero/a/‚sex‚istisch

Diese Begriffe werden hier – abweichend vom wohl üblichen Gebrauch der Begriffe „Heterosexismus“ / „heterosexistisch“ – nicht (mehr oder minder) synonym mit „homophob“ (d.h. zur Bezeichnung eines gegen Schwule und Lesben gerichteten Sexismus) verwendet. Vielmehr wird der Begriff hier verwendet, um zu unterstreichen, daß der Sexismus aus komplementären Vorstellungen von und komplementären Normen für Männlichkeit und Weiblichkeit besteht, also in diesem Sinne immer eine hetero/a/‚sex‚uelle Situation, eine Differenzierung zwischen Frauen und Männern, voraussetzt (beinhaltet); s.a. ⇒ „Patriarchat, patriarchal“.

Hierarchie

Wir übernehmen den Hierarchie-Begriff hier von Derrida im Sinne einer Herrschaftsbeziehung zwischen verschiedenen Elementen, d.h. gerade nicht im Sinne einer konventionellen Stratifikationsthese, die die Beziehung zwischen den ‚Schichten‘ ausblendet und die Hierarchie dieser ‚Schichten‘ als beziehungslos abbildet. Statt dessen wird hier davon ausgegangen, daß gerade das Herrschaftsverhältnis die in dieses einbezogenen Gruppen definiert.

Historizistisch, historistisch

Als „historizistisch“ werden hier Auffassungen bezeichnet, die nicht zwischen Wissenschaften und Ideologien unterscheiden und beide Arten von ‚Weltanschauung‘ auf einen schlichten „Ausdruck“ der (sozial-ökonomischen etc.) Bedingungen ‚ihrer‘ jeweiligen Zeit zu reduzieren. Die Kehrseite davon ist ein Relativismus, der „jede Gegenwart gleichermaßen privilegiert“ (Althusser). s.a. ⇒ Hermeneutik, hermeneutisch.

ihrSEIN, ihreSEINE etc.

Pronomen zur Bezeichnung von ⇒ ursprünglich biologisch weiblichen geNOko-Praktizierenden, die nun irgendeine Form von männlichem Selbstverständnis haben.

Institution, institutionalisiert, institutionell

Wir stellen für diese Begriffe allein auf die Dauerhaftigkeit oder zumindest Regelmäßigkeit der Handlungen, die von der jeweiligen Institution erfaßt sind, ab. Soweit wir von Herrschaftsinstitutionen sprechen, schließen wir teilweise an die sog. „kritisch-emanzipatorische Sicht“ auf Institutionen an, die Institutionen „vor dem Hintergrund faktischer Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse“ diskutiert (Pabst). Anders als wohl diese verwenden wir aber nicht bereits für jede Form von Institutionalisierung den Herrschaftsbegriff. Vielmehr halten wir nicht-herrschaftliche Formen von Institutionalisierung für möglich und sprechen von Herrschaft erst dann, wenn zwischen den in die jeweiligen Institutionen einbezogenen Personen eine ⇒Hierarchie besteht.

Klassistisch, Klassismus

Analoge Bildung zu „sexistisch, Sexismus“, „rassistisch, Rassismus“ in Bezug auf die Kategorie „Klasse“ / in Bezug auf das Phänomen der Klassenherrschaft.

Marxismus

Hier wird verschiedentlich auf den Marxismus und Debatten innerhalb des marxistischen Feldes hingewiesen. Dies bedeutet nicht, daß im Marxismus die zutreffende Analyse des Geschlechterverhältnisses gesehen würde (auch wenn er vereinzelt richtige Hinweise, bspw. zur Bedeutung der Arbeitsteilung gegeben hat). Die hiesigen Bezugnahmen haben vielmehr nur die Funktion, die Erkenntnisse, die hinsichtlich eines Herrschaftsverhältnisses gewonnen wurden (einschließlich der Erkenntnisse über die Erfolgsbedingungen einer Politik, die auf Beseitigung dieses Herrschaftsverhältnisse [der Klassenherrschaft] zielt), für Analysen eines anderen Herrschaftsverhältnis (des Geschlechterverhältnisses) nutzbar zu machen, soweit dies aufgrund des sehr allgemeinen Umstandes, daß es sich in beiden Fällen eben um Herrschaftsverhältnisse handelt, vertretbar erscheint.

Nicht-transsexuelle Frauen / nicht-transsexuelle Männer

Gemeint sind hier jeweils nicht §Männer und §Frauen, sondern Personen aus dem Sample (also geNOko-praktizierende!), die nicht transsexuell sind, sondern andere Formen von geNOkos (als Transsexualität) praktizieren.

Patriarchat, patriarchal / Sexismus, sexistisch

Diese Begriffe werden hier mehr oder minder synonym verwendet, wobei „Sexismus, sexistisch“ mehr die Ursache (die – als solches ungleiche – Spaltung in Geschlechter) akzentuiert, und „Patriarchat, patriarchal“ mehr das Ergebnis (die Übermacht der Männer) bezeichnet. Insofern wird „Patriarchat, patriarchal“ hier entgegen der Etymologie, aber gemäß des modernen feministischen Sprachgebrauchs nicht mehr speziell für die Herrschaft des Vaters, sondern für die der Männer gebraucht.

Der Feminismus verwendet den Begriff „Patriarchat“ bekanntlich nicht (nur) für „the feudal rule of the father as head of the household over ‚his‘ woman, children, labourer and servants“. Vielmehr ist die „general assumption behind the discussion of present-day patriarchy […] that even if women have been oppressed throughout history, patriarchy today is not simple a historical left-over. The subjection of women is not just the last kind of inequality to be removed, as John Stuart Mill thought, but an integrated part of the structure of present-day society." (Dahlerup 1987, 93, 96). Entsprechend schreibt auch Juliet Mitchell (1966-1971, 60, 62), daß der Begriff Patriarchat verwendet wird, „nicht um die Herrschaft des Vaters zu bezeichnen, sondern die Herrschaft der Männer überhaupt. […], so daß wir sagen können, Feminismus ist die Überzeugung, daß die Unterdrückung der Frau zuallererst dagewesen ist und losgelöst werden kann von jedem spezifischen historischen Kontext.“

Um zu unterstreichen, daß Sexismus immer Differenzierung zwischen Frauen und Männern ist, werden verstärkend die Begriffe ⇒ „Hetero/a/‚sex’ismus“ / „hetero/a/‚sex’istisch“ verwendet.

Postmoderne, postmodern

Diese Termini werden hier als Oberbegriffe für Ansätze bezeichnet, die landläufig auch als de-konstruktivistisch oder poststrukturalistisch bezeichnet werden. Zur Differenzierung zwischen den genannten Bezeichnungen sowie zwischen verschiedenen postmodernen Ansätze s. S. 83-84.

Praxis

⇒ Theorie, theoretische Praxis

qua

durch; aufgrund

queer

seltsam, hier: schwul, lesbisch – insbesondere im Kontext von ⇒ drag-Inszenierungen; d.h. der Begriff akzentuiert den performativen Aspekt von (lesbischen und schwulen) Identitäten (Scheuch 1996, 269). Nach Butler (1993/94, 46) dient die Verwendung des ehemals als Schimpfwort verwendeten Begriffs dazu, „die Verwerflichkeit der Homosexualität als Aufsässigkeit und Legitimität zu resignifizieren“. s. außerdem Butler 1993/94, 233 f.; Genschel 1996, 526 f.; Hark 1996b, 188; Scheuch 1996, 269.

Referent

Der Gegenstand, auf den sich ein Signifikant aufgrund seiner Bedeutung (Signifikat) bezieht.

Revisionistisch, Revisionismus

Der eingebürgerte Begriff des „Revisionismus“ wird hier trotz seines Fehlers, auf die Revision (der Marx’schen Theorie; s. ⇒ Marxismus) als solches und nicht auf den spezifischen Inhalt und dessen/deren Grundlosigkeit Bezug zu nehmen, verwendet. Anders als eingebürgert bezeichnet er hier allerdings nicht (nur) die von Bernstein und Chruschtschow vorgenommenen Revisionen, sondern auch die von Althusser so genannte „stalinsche Abweichung“, die von diesem „als eine Form der posthumen Rache der II. [sozialdemokratischen] Internationale“, bezeichnet worden ist, da sie ebenfalls eine (ökonomistische und auch humanistische!) Revision der Marx’schen Theorie darstellt.

Revolution, Revolutionierung, revolutionär

Diese Begriffe (das Ereignis, der Prozeß und das Adjektiv, das diese definiert) bezeichnen hier eine politische Praxis, die auf einer ⇒ de-konstruktivistischen Analyse der bestehenden Verhältnisse beruht. Während eine solche Analyse die Konstruiertheit der gesellschaftlichen Gruppen durchschaut, nimmt eine essentialistische Analyse die Existenz der gesellschaftlichen Gruppen als gegeben hin und kann sich deshalb nur um eine reformistische ⇒ Demokratisierung des Verhältnisses zwischen ihnen bemühen.

seinIHR, seineIHRE etc.

Pronomen zur Bezeichnung von ⇒ ursprünglich biologisch männlichen geNOko-Praktizierenden, die nun irgendeine Form von weiblichem Selbstverständnis haben.

Signifikant

Das Bezeichnende (Lautbild); der Träger der Bedeutung (⇒ Signifikat; vgl. auch ⇒ Referent).

Signifikat

Die Bedeutung, die mit einem Lautbild verknüpft ist (⇒ Signifikat; vgl. auch ⇒ Referent).

straight

Geradeheraus, hier: hetero/a/‚sex‚uell; Gegensatz zu ⇒ queer (s. Butler 1993/94, 233; Scheuch 1996, 270).

sub

unter (der Überschrift … / dem Gliederungspunkt …)

sub-jekte

Die Schreibweise (klein und mit Bindestrich) soll deutlich machen, daß die Individuen von den herrschenden Verhältnissen als Subjekte konstituiert werden; daß diese Subjekte aber nicht das sind, als was sie die bürgerlich-moderne Subjekt-Ideologie darstellt: frei, autonom, Herren ihrer Gedanken und Taten. Und trotzdem sind sie nicht Objekte der herrschenden Verhältnisse, vielmehr wirken sie als Subjekte aktiv und freiwillig an deren Reproduktion mit. ‚Die konkreten Menschen (Plural) sind zwangsläufig Subjekte (Plural) in der Geschichte, denn sie agieren in der Geschichte als Subjekte (Plural). Aber es gibt kein Subjekt (Singular) der Geschichte.‘ (Althusser). Die Schreibweise „sub-jekt“ soll also die Verschiebung kennzeichnen, die der (Post)strukturalismus an der hegelianischen Subjekt/Objekt-Dialektik vornimmt.

SUBJEKT

Diese Schreibweise wird dagegen verwendet, wenn auf den modernen, starken Subjekt-Begriff Bezug genommen wird.

Subjektivismus, subjektivistisch

Bezeichnung für Auffassungen, die SUBJEKTE (s. dagegen ⇒ sub-jekte) als die bestimmende Ursache der gesellschaftliche Verhältnisse und deren Dynamik ansehen. – Eine Ablehnung dieser Auffassung bedeutet freilich keinen ⇒ Determinismus.

Theorie; theoretische Praxis

Im Gegensatz zur geläufigen Entgegensetzung von Theorie und Praxis wird hier auch die theoretische Arbeit als Praxisart angesehen. Sie ist nicht wesenhaft von ‚der Praxis‘ getrennt, sondern unterscheidet sich dadurch, daß sie spezifische Gegenstände (Begriffe, Kategorien statt physischer Gegenstände etc.), Verfahren (Analyse statt ästhetischer Gestaltung, materieller Umgestaltung zum Zwecke des Konsums o.ä.) und Ergebnisse (Erkenntnisse [im Falle der Wissenschaften]; Thesen [im Falle der Philosophie] statt ästhetischer, politischer oder militärischer Effekte) hat. Die in Klammern gesetzten Aufzählungen beanspruchen selbstverständlich keine Vollständigkeit.

transgender, transsexuell

Der Begriff „transgender“ bezeichnet im weiten Sinne die ganze Bandbreite der dauerhaften oder zeitweisen, vollständigen oder teilweisen Identifikation einer Person mit dem Geschlecht, dem es nach herrschenden Kriterien (ursprünglich) gerade nicht angehört[e]. In dieser weiten Definition schließt das Adjektiv „transgender“ die Bedeutung des Adjektivs „transsexuell“ in seine Bedeutung ein. (vgl. Genschel o.J., S. 1, FN 1). Im engeren Sinne bezeichnet transgender die genannten Formen mit Ausnahme der klassischen Transsexualität, die den Wechsel des Geschlechts mit hormonellen und operativen Mitteln bezeichnet. In dieser engeren Bedeutung verhält sich „transgender“ ähnlich zu „transsexuell“ wie „queer“ zu „schwul, lesbisch“. Denn beide, transgender und queer, betonen den performativen, nicht essentiellen Charakter von Identitäten.

Wahrheit

Erkenntnis der objektiven Realität, im Unterschied zu dieser selbst (letztere hier: auch als Wirklichkeit bezeichnet).

Wirklichkeit

Die objektive Realität, im Unterschied zu deren Erkenntnis, die hier auch als Wahrheit bezeichnet wird.

▼ 71 


Fußnoten und Endnoten

3  Vgl. unten genauer Endnote 41. Im folgenden wird so verfahren, daß weiterführende Erörterungen und wörtliche Zitate aus der im Haupttext angeführten Literatur in den Endnoten erscheinen, während die Fußnoten auf den jeweiligen Seiten Begriffserklärungen enthalten, die für das Begriffsverständnis einiger, u.U. auch aller LeserInnen, nötig sein mögen.

4 

S. dazu die krit. Stellungnahme in Kap. B.III.1., wo die einzelnen Ansätze der qualitativen Forschung in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten genauer diskutiert werden.

5 

Die Schreibweise „§Männer“ (bzw. „§Frauen“) (zu lesen als: „Norm-Männer“ bzw. „Norm-Frauen“) soll den normativen Charakter der Geschlechterzuordnung deutlich machen (und eine Vielzahl von distanzierenden Anführungszeichen vermeiden). Distanzierende Anführungszeichen wären anderenfalls erforderlich, weil wir auch bei Übereinstimmung von Fremd- und Selbstdefinition i.d.R. nicht wissen, ob sie auf einer ausreichenden empirischen Grundlage (Übereinstimmung von Genen, Hormonen, Genitalien und Identität, s. dazu unten S. 81) beruht. Diese Schreibweise wird allerdings ausschließlich für geschlechternormen-konforme Personen verwendet (d.h. für Personen, bei denen Fremd- und Selbstdefinition übereinstimmen). Mit dieser Schreibweise wird allerdings nicht in Zitate eingegriffen, da dadurch verdeckt werden würde, daß manche der [kritisch] angeführten Zitate den normativen Charakter der Geschlechterzuordnung gerade nicht reflektieren.

Als zusammenfassender Begriffe für normierte und gewählte Identität werden dagegen die Schreibweisen Frauen® bzw. Männer® verwendet. Die Verwendung des Urheberrechts-Zeichens soll deutlich machen, daß in diesem Fall auf die Selbstdefinition der jeweiligen Person(en) abgestellt wird – unabhängig davon, ob diese mit der jeweiligen Fremddefinition übereinstimmt.

6 

Sabine Hark definiert in ihrer gleichnamigen Dissertation deviante Subjekte als Subjekte, „deren Identität niemals abgeschlossen ist, auch wenn ihre Bedeutung temporär geschlossen wird“ (1996a, 174) – präziser wäre freilich: die sich bewußt sind (und dies artikulieren), daß ihre „Identität niemals abgeschlossen ist, auch wenn ihre Bedeutung temporär geschlossen wird“. Denn „Differenz“ ist “ – wie Sabine Hark selbst darlegt – „der konstitutive Mangel an der Wurzel jeder Identität“ (ebd., 174 f. – Hv. d. Vf.In). Denn „[j]ede Konstruktion eines wir ist nur möglich durch die gleichzeitige Definition eines ihr“ – also durch eine immer umkämpfte „Grenzziehung“ (ebd., 94 – Hv. i.O.); nur daß dies von modernen Subjekt- und Identitätskonzeptionen mit dem Effekt der Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse verkannt wird („postmodern“ ist also nicht die Existenz von „deviante[n] Subjekten“, sondern das Erkennen und Artikulieren dieses Sachverhalts). – Freilich ist jene ungenaue Formulierung nicht nur eine ungenau Formulierung, sondern sie legt auch einen unbegründeten Optimismus hinsichtlich der Überwindung von Herrschaftsverhältnissen nahe. Denn: Wenn jedes Subjekt, dessen „Identität niemals abgeschlossen ist“, ein deviantes Subjekt ist, dann ist jedes Subjekt deviant, d.h. es gäbe keine angepaßten Subjekte …!

7 

Als „historizistisch“ werden hier im Anschluß an Althusser (1965/68, 122) Ansätze bezeichnet, die auf der Hegelschen Vorstellung einer „homogene[n] Kontinuität und Gleichzeitigkeit“ der Zeit beruhen. Dies schließt Totalitätskonzeptionen ein, in denen jedes „Teil […] in der unmittelbaren Form seines Ausdrucks das Wesen der Totalität selbst“ enthüllt (= pars totalis) (124, 126). Eine solche Vorstellung ermöglicht es, Theorien (wobei jene historizistischen Ansätze zwischen wissenschaftlichen und ideologischen Theorien nicht unterscheiden und nicht unterscheiden können) auf einen schlichten „Ausdruck“ der (sozial-ökonomischen etc.) Bedingungen ‚ihrer‘ jeweiligen Zeit zu reduzieren (174, s.a. 185: „Identifizierungsstruktur“). Die ‚relative Autonomie‘ (oder Ungleichzeitigkeit) der verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen und Praxisformen (127, 130 f.) wird negiert. Die Kehrseite davon ist ein Relativismus, der „jede Gegenwart gleichermaßen privilegiert“ (175, s.a. schon 138), der Irrtümer und Erkenntnisse, Ideologien und Wissenschaften gleichermaßen unter den Terminus „Weltanschauung“ subsumiert (174, 176-178 und Poulantzas [1968, 196, FN 5] wie hier in Endnote 65 zitiert; zur „relativistischen Klippe“ des Historizismus s.a. Lara 1984, 499) – und seinen einzigen Halt in subjektivistischer ‚Parteilichkeit‘ findet (s.a. unten S. 56 ff.). S. zum Historizismus außerdem S. 47, FN †.

Von historizistischer Verdachtsproduktion sprechen wir, wenn versucht wird, eine theoretische Position mit Verweis auf die sozio-ökonomischen Bedingungen, deren Ausdruck sie seien, zu diskreditieren, ohne / statt sie theoretisch zu widerlegen.

8  „sozial konstruiert“ = „technologisch“ = ‚entkörpert‘.

9 

Dies bedeutet freilich nur, daß der Abbau / die Beseitigung von Herrschaft nicht mehr unter dem Begriff der „Emanzipation“ zu denken ist; nicht, daß dieses politische Projekt aufgegeben werden muß.

10  Die Schreibweise (klein und mit Bindestrich) soll deutlich machen, daß die Individuen von den herrschenden Verhältnissen als Subjekte konstituiert werden; daß diese Subjekte aber nicht das sind, als was sie die bürgerlich-moderne Subjekt-Ideologie darstellt: frei, autonom, Herren ihrer Gedanken und Taten. Und trotzdem sind sie nicht Objekte der herrschenden Verhältnisse, vielmehr wirken sie als Subjekte aktiv und freiwillig an deren Reproduktion mit. „[D]ie konkreten Menschen (Plural) sind zwangsläufig Subjekte (Plural) in der Geschichte, denn sie agieren in der Geschichte als Subjekte (Plural). Aber es gibt kein Subjekt (Singular) der Geschichte.“ (Althusser 1973a, 90 = b, 260 – Hv. i.O.). Die Schreibweise „sub-jekt“ soll also die Verschiebung kennzeichnen, die der (Post)strukturalismus an der hegelianischen Subjekt/Objekt-Dialektik vornimmt. Vgl. dazu auch unten auf S. 74 die Foucault- und Althusser-Zitate.

11  Vgl. zum Begriff Althusser 1969/70, 140: „Es gibt Praxis nur durch und unter einer Ideologie. […] Die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte [ihrer Praxis] an“ (Hv. i.O.). Zur genaueren Erläuterung des Mechanismus der Anrufung (mit verschiedenen Beispielen) s. ebd., 140-149.

12  Zu den hiesigen Begriffen von Macht und Herrschaft siehe sogleich Abschnitt B.I.1., S. 69 ff.

13  ge = Geschlechternormen, NO = inkonforme, Ko = Koerperinszenierung, s = Plural.

14  In Anbetracht des Zahlenverhältnisses zwischen den geNOko-Praktizierenden und den nicht-geNOko-Praktizierenden dürfte der gesellschaftliche Durchschnitt in etwa mit den letzteren gleichgesetzt werden können.

15  Soweit sich dabei ergibt, daß es keine praktische Infragestellung von ‚Geschlecht‘ gibt, so ist dies freilich keine Widerlegung der gesamten theoretischen Infragestellung der Kategorie ‚Geschlecht‘. Denn es kann, von der Tatsache, daß die Kategorie ‚Geschlecht‘ zur Zeit nicht praktisch in Frage gestellt wird, nicht geschlußfolgert werden, daß sie schon immer Bestand hatte oder nie in Frage gestellt werden wird. Durch ein solches Ergebnis wird allein jener Teil der theoretischen Infragestellung der Kategorie ‚Geschlecht‘ widerlegt, der in der Bewegung oder Szene derjenigen, die geNOkos praktizieren, – in Anlehnung an den jungen Marx (1843/44, 385) formuliert – jene „Massen“ sehen, die von der theoretischen Infragestellung der Kategorie ‚Geschlecht‘ ‚ergriffen‘ werden und jene Theorie „zur materiellen Gewalt“ werden lassen.

16  Würde die Annahme des letzten Halbsatzes nicht geteilt werden, müßte davon ausgegangen werden, daß butch/femme-Beziehungen ähnlich hierarchisch wie hetero/a/‚sex’uelle Beziehungen sind, also folglich von der Hypothese ausgegangen werden, daß geNOkos (zumindest in dieser Konstellation) nicht subversiv sind.

17  S. sogleich FN * auf S. 43.

18 

Hier verstanden im Sinne von Cornelia Klingers Unterscheidung zwischen Multikulturalismus und Dekonstruktion: Dem Multikulturalismus komme es in erster Linie darauf an, „den Anspruch auf Hörbarkeit und Sichtbarkeit, kurzum auf eine adäquate Repräsentation der Marginalisierten bzw. auf die Anerkennung ihrer eigenen Identität einzuklagen“. Demgegenüber formuliere „der Dekonstruktivismus prinzipielle Zweifel an der Einlösbarkeit ebendieser Ansprüche, […]. Mit dem postkolonialen Multikulturalismus verbindet sich die Tendenz zur Toleranz, ja Indulgenz gegenüber allen möglichen, undiskriminiert und undiskriminierbar hinzunehmenden kulturellen und historischen Partikularitäten und zu einer weiteren Festschreibung vorgegebener Identitäten“, während für den Dekonstruktivismus – zumindest in seiner feministischen Variante – „keineswegs alle Kulturen gleichwertig und ihre Gleichrangigkeit gleichanerkennenswert“ sind (Klinger 1995, 804). Vgl. krit. zum liberalen Multikulturalismus auch Zizek (1998, 51, 55 f., 60, 62 f.), der aber Klingers Unterscheidung durch seine Rede von einem „postmodernen“ Multikulturalismus wieder verwischt.

19  Wir übernehmen den Hierarchie-Begriff hier von Derrida im Sinne einer Herrschaftsbeziehung zwischen verschiedenen Elementen, d.h. gerade nicht im Sinne einer konventionellen Stratifikationsthese, die die Beziehung zwischen den ‚Schichten‘ ausblendet und die Hierarchie dieser ‚Schichten‘ als beziehungslos abbildet. Statt dessen wird hier davon ausgegangen, daß gerade das Herrschaftsverhältnis die in dieses einbezogenen Gruppen definiert.

20  Der Terminus „(geschlechternormen-inkonforme) Körperinszenierungen“ wird hier in einem engeren Sinne verwendet als der Terminus „(geschlechternormen-inkonforme) Verhaltensweisen“. So müssen bspw. „geschlechternormen-inkonforme Verhaltensweisen“ im vermeintlich ‚privaten‘ Bereich, bspw. Homosexualität, sowie politische Aktivitäten (Verhaltensweisen), die sich gegen die bestehende Geschlechterordnung richten, nicht notwendigerweise mit „geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen“ verbunden sein. Schließlich müssen geschlechternormen-inkonforme Verhaltensweisen, insbesondere Homosexualität, nicht notwendigerweise mit einer Umkehrung der Geschlechtsidenität einhergehen.

21  Im übrigen wäre es sinnvoll, in Zukunft von „genderistisch“ statt „sexistisch“ zu sprechen. Denn „sexistisch“ unterstellt, daß Personen wegen ihres ‚biologischen‘ Geschlechts (sex) oder in Anknüpfung an ihr ‚biologisches‘ Geschlecht diskriminiert oder bevorzugt werden. Tatsächlich werden sie aber wegen ihres genders (bzw. durch ihr Genderung) diskriminiert oder bevorzugt, und in diesem Rahmen wird ihnen auch noch ein sex unterstellt oder zugewiesen.

22  Diese Gegensätzlichkeit der möglichen Verwendungsweisen der Ergebnisse dieser Studie unterstreicht, daß der eingangs erhobene Anspruch, die Analyse nicht aus der Meinung abzuleiten, keine leeren Worte waren, sondern zurecht erhoben wurde.

23  Die Schreibweise anspielen auf das Pathos soll, mit dem die Empathie von derartigen Ansätzen – egal, ob sie der ArbeiterInnen- oder der Frauenbewegung verpflichtet sind – beschworen wird. S. bspw. Thompson 1968, 13 (wie bei Johnson 1978, 39 zit.) und Modelmog 1991a, 530 (wie bei Wohlrab-Sahr 1993, 130 zit.).

24 

Die Hermeneutik bestand darauf, ‚die Phänomene als Individualitäten‘ zu erforschen (Wallerstein et al. 1996, 37). Ihre Anhänger begegneten „den Versuchen der Exponenten einer neuen ‚Sozialwissenschaft‘, Generalisierungen vorzunehmen bzw. universelle Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft zu ermitteln, mit Mißtrauen und sogar mit Feindseligkeit.“ (ebd., 17; vgl. auch 23). „Mit analytischen Konzepten und theoriegeleiteten Ansätzen zu arbeiten, war in sich selbst bereits Ausdruck einer Opposition gegenüber dem etablierten ‚historistischen‘ Paradigma, das hermeneutische Zugangsweisen und eine den Quellen möglichste nahe Sprache bevorzugte.“ (ebd., 49). Zur „spezifisch deutschen Tradition des Historismus […], in der die ‚Individualität‘ und die ‚Entwicklung‘ eine herausragende Rolle spielen“ s.a. das Ernst Hinrichs-Zitat bei Schöttler 1988a, 175, FN 97; zur Bedeutung des Terminus „Entwicklung“ für die „unsichere Kompromiß[bildung]“ zwischen nomothetischen und ideographischen Sozialwissenschaften s. noch einmal Wallerstein et al. 1996, 46.

25 

„Der Historismus treibt die Konsequenzen der Binsenweisheit bis zum äußersten, derzufolge die ‚Kultur‘ und die menschlichen Institutionen in allen ihren Dimensionen (Sprache, Kunst, Religion, Recht, Staat usw.) einem fortwährenden Wandel unterworfen sind: Angesichts dieses ständigen Fließens müsse der Historiker sich auf das Studium konkreter und einzelner Erscheinungen beschränken und auf die Suche nach irgendwelchen strukturellen Regelmäßigkeiten verzichten.“ (Boudon/Bourricaud 1984, 211). Während Boudon/Bourricaud – wie wir in dem angeführten Zitat sehen – diese Richtung, die wir im Anschluß an Althusser (s. S. 35, FN ‡) als Historizismus bezeichnen, als „Historismus“ bezeichnen, reservieren sie die Bezeichnung „Historizismus“ für die theoretische Tendenz, die Popper als „Historizismus“ bezeichnet und kritisiert, die nach Boudon/Bourricaud (ebd.) gewisser Maßen die Umkehrung dessen ist, was sie als „Historismus“ bezeichnen – nämlich die „Suche nach Gesetzen sozialen Wandels oder – ehrgeiziger – der Geschichte“ (ebd., 205). Therborn (1976, S. 55, FN 131) wirft die Frage auf, inwieweit es dennoch Ähnlichkeiten gibt zwischen dem, was Popper, und dem, was Althusser als Historizismus kritisieren. – Nach Nemitz (1985, 496) unterscheidet sich der Begriff „Historizismus“ dadurch vom Begriff „Historismus“, daß ersterer eine stärker pejorative Konnotation habe.

26  Dieses – vielleicht paradoxe – Wortpaar spielt darauf an, daß die oben genannten „Parteilichkeits“-Konzepte – ähnlich wie dies Lock (1981, 146) in Bezug auf Karl Mannheim feststellt – nur um den Preis eines Sprungs in den Subjektivismus den Konsequenzen ihres eigenen Relativismus entgehen können: „[…] we can sum up Mannheim’s solution in the following way: all (historical) knowledge is relational […] – i.e., its content and character are related to the social position of the subject of belief – but that does not entail a complete epistemological relativism, because it is possible to find a group of such subjects who are capable, at least to a certain degree, of ‚synthesizing’ the various conflicting perspectives of the diverse social strata constituting contemporary society […]: ‚this unanchored, relatively classless stratum is […] the ‚social unattached intelligentsia’ [freischwebende Intelligenz].’“ (Hv., Auslassung innerhalb des Mannheim-Zitates sowie die Worte „freischwebende Intelligenz“ auf Deutsch i.O.). Der Unterschied zwischen dem Mannheimschen Konzept und den im Hauptext angeführten Konzepten der StandpunkttheoretikerInnen ist allein, daß letztere die privilegierte Erkenntnisposition nicht der „freischwebenden Intelligenz“, sondern dem Proletariat, den Frauen, den Schwarzen etc. (s. dazu Endnote 63) – oder eben den ‚Akteuren selbst‘ zuschreiben. – Zum Verhältnis: Lukács – Wissenssoziologie (Mannheim, Berger/Luckmann) s. insofern zutr.: Hauser 1987, 74; Eagleton 1991, 128, Abs. 2; zur Bedeutung der Wissenssoziologie für (feministische und afrozentrische) Standpunkt-Epistemologien: Collins, 1989, 20-23; 46, FN 16; 47 f., FN 22, 28.

27  Auch meine größten (Bezeichnungs)irrtümer können meinen Wellensittich nicht in die Yacht meiner Nachbarin verwandeln.

28 

Der Signifikant (mit n) ist im Saussureschen (1915) Sinne zunächst das „Lautbild“ (14; Saussures Gegenstand ist bekanntlich die Sprache, nicht die Schrift [28 et passim]) bzw. das Bezeichnende (ebenfalls mit n) (oder in diesem Sinne: die Bezeichnung) (79). Das Signifkat (ohne n) ist die mit dem Lautbild verknüpfte (‚bezeichnete‘) Vorstellung (14) (oder in diesem Sinne: das Bezeichnete [79] [ebenfalls ohne n in der letzten Silbe]). Beide zusammen bilden nach Saussure das Zeichen (78; ebenso: Derrida 1968a/b, 36 bzw. 88; Pagel 1989, 42). Die bezeichnete Vorstellung ist allerdings nicht mit dem bezeichneten Gegenstand zu verwechseln oder gleichzusetzen Der bezeichnete Gegenstand, das worauf das Zeichen referiert (sich bezieht), ist der Referent (Suchsland 1992, 20). Das Primat des Signifikanten über das Signifikat ist also kein Primat des Siginifikanten über den Gegenstand (Referenten).

Im weiteren Sinne läßt sich sagen: Das einzelne Zeichen verhält sich zur gesamten Sprache ähnlich wie sich im einzelnen Zeichen das Lautbild zur Vorstellung verhält: Die Bedeutung des einzelnen Zeichens unterliegt dem Primat der Sprache als Ganzes (der Ordnung / der Struktur der Signifikanten) so wie die bezeichnete Vorstellung (das Signifikat) dem Primat des bezeichnenden Lautbildes (des Signifikanten) unterliegt. In diesem Sinne läßt sich sagen: Im Strukturalismus verschiebt sich das Primat nicht nur auf den Signifikanten im einzelnen Zeichen, sondern mehr noch auf die „Ordnung des Signifikanten als einer differentiellen, synchronen, in sich geschlossenen Struktur, der das Subjekt [und die einzelnen Zeichen, d. Vf.In] unterworfen ist“. Die „Sprache [… ist] die differentielle Struktur, die die Bedeutung [der Zeichen] produziert“ (insofern zutr.: Zizek 1986, 148 – Hv. u. Einf. d. Vf.In), und deshalb analytisches Interesses auf sich zieht. – Zur Begriffsdefinition s. auch Schulze 1996e, S. 14 f., FN 17.

29  „des Bedeutenden“ ist hier der Genitiv zu „das Bedeutende“, nicht zu „der Bedeutende“; es handelt sich also nicht um das bedeutende (im Sinne von: das bezeichnende) Subjekt, sondern um das (eine Vorstellung bezeichnende) Lautbild (bzw. – im Sinne der in vorstehender FN gezogenen Analogie – um die Struktur der Sprache).

30  = die – vom Signifikat (Lautbild) (im Sinne vorstehender Analogie: vom Zeichen) bezeichnete – Vorstellung bzw. der mit dem Lautbild verknüpfte „Sinn“ (Pagel 1989, 46).

31  Sicherlich ist das Taufen von B sowohl im gewissen Sinne eine ‚Wiederholung‘ der Taufe von A als auch ‚anders‘ als die Taufe von A. ‚Anders‘ ist die Taufe von B aber nicht wegen der Wiederholung (wie aber Derrida wohl mit seinen allgemeinen Formulierungen nahelegen will), sondern nur insoweit, als auch die performative Äußerung selbst, insofern als der Signifikant selbst, anders ist – indem nämlich auf den Namen B und nicht auf den Namen A getauft wird (und insofern auch der außer-sprachliche Kontext anders ist: nämlich andere Personen anwesend sind). Und sicherlich mag auch die Ehe (nicht zu verwechseln mit der Heirat, für die das Gleiche wie für die Taufe gilt) von Y und Z sowohl anders als auch eine ‚Wiederholung‘ der Ehe von W und X sein. Diese Unterschiede zwischen den beiden – materiellen – Ehepraxen (nicht zu verwechseln mit der Praxis des Eheschlusses, also der Heirat, s. vorstehend) fallen aber nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich der Sprachwissenschaft. Aber auch hier dürfte es den Gesetzen der Logik (zu deren Verteidigung s. noch einmal Wolf 2000c, Abschnitt Z 7, L 4 und insbesondere B 3) entsprechen, die Termini anders und selbig zu unterscheiden, also (vielleicht unangemessen wenig ‚postmodern‘) nicht das als ‚anders‘ zu bezeichnen, das auch (bzw. insoweit es auch) als ‚das Selbe‘ bezeichnet wird (und sei es die Wiederholung des Selben). Das heißt: Soweit die Ehepraxis von W und X anders ist als die von Y und Z, handelt es sich gerade nicht um dieselbe Ehepraxis, also auch nicht um deren Wiederholung. Auch hier ergibt sich also kein Alibi für eine Konfusion von „von neuem“ und „anders“. Die Taufe von B ist eine Wiederholung der Taufe von A, nur soweit sie identisch ist, und auch die Ehepraxis von Y und Z sie eine Wiederholung der von W und X, nur soweit sie identisch ist.

32  Diese Kritik impliziert nicht ethnomethodologische Analysen – bspw. hinsichtlich des „Herstellen[s] von Geschlecht (doing gender)“ (s. oben S. 33) – per se zu verwerfen. Die Frage ist nur, ob der Ausgangspunkt der Analyse ein „strategisch handelnde[s] Subjekt“ oder aber die (widersprüchliche) gesellschaftliche Struktur ist. Die Aussage, daß etwas ‚hergestellt‘ und nicht ‚gegeben‘ ist, kann nur das Ergebnis, nicht aber Prämisse der Analyse sein; und eine solche Analyse kann nur dann überzeugen, wenn sie keine Schöpfung ex nihilo behauptet, sondern auch die ‚Rohstoffe‘ – die gesellschaftliche Ausgangssituation – und die ‚Produktionsmittel‘, mit denen dieser ‚Herstellungsprozeß‘ erfolgt, analysiert. Vgl. dazu Althusser 1972a, 42-44 (42): „Der Rohstoff des Schreiners ist Holz. Aber nie und nimmer käme der Schreiner, der den Tisch ‚macht‘, auf die Idee, er habe das Holz ‚gemacht‘, […].“ Es wird also in jedem Einzelfall zu prüfen sein, ob bzw. inwieweit ethnomethodologische Hergestelltheits-Behauptungen von den Tatsachen gerechtfertigt sind oder aber ausschließlich einer voluntaristischen, humanistischen Philosophie entspringen.

33  Althusser übernimmt die Kategorie der Überdeterminierung aus der Psychoanalyse (vgl. Althusser 1962, 66). Dort bezeichnet er die „Tatsache, daß eine Bildung des Unbewußten – Symptom, Traum etc. – auf eine Vielzahl von determinierenden Faktoren verweist“ (Laplanche/Pontalis 1967, 544). Sowenig wie der Begriff der Überdeterminierung in der Psychoanalyse bedeutet, daß ein Symptom oder Traum einer unbestimmten Zahl von Deutungen zugänglich ist (545), sowenig bedeutet Althussers (1963, 100 f. mit FN 2; 117 f., 147 f., 156) Begriff eine Auflösung des Historischen Materialismus in einen ‚Pluralismus der Faktoren’. Vielmehr ermöglicht gerade eine genaue Analyse der Bedingungsfaktoren eines Phänomens die genauere Bestimmung dieses Objektes.

34  „Opfer“ ist kein Begriff des hiesigen Ansatzes. Vielmehr ist das Verwenden dieses Terminus das Zitieren eines Begriffes der kritisierten Position, die meint, diejenigen, die ohnehin schon ‚Opfer‘ seien, dürften durch Theorie nicht noch mehr ‚verletzt‘ werden.

35  S. o. Verf., Notiz zu den Texten, in: Ludwig Wittgenstein, Werkausgabe. Bd. 1, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 199510, 619-621 [619].

36  Die Großschreibung eines Substantivs am Satzanfang eines Zitates ist allerdings kein sicheres Indiz dafür, daß auch der Originalsatz an dieser Stelle beginnt.

4 

Früher wurde die Kritik an der angeblichen ‚Praxisferne‘ der Theorie und der Abstraktheit der Wissenschaften, am analytischen, d.h. zerlegenden, Denken – zumindest von denjenigen, die diese Kritik damals geführt hatten – als ‚links‘ und ‚emanzipatorisch‘ verstanden (s. unten die Bemerkungen zum Hegel-Marxismus und der Frankfurter Schule sowie Schöttler 1988a, 176 mit FN 101 zur ‚emanzipatorischen Geschichtswissenschaft‘). Wie diese Position mittlerweile von der neo-liberalen ‚Neuen Mitte‘ assimilierte wurde, deren Hauptsorge ist, dem Diktat ‚des Marktes‘ zu folgen, zeigt bspw. eine Rede der seinerzeitigen bayerischen SPD-Landtagsfraktions-Vorsitzenden und jetzigen Bundesfrauenministerin, Renate Schmidt, die sie 1997 im Bayerischen Landtag unter dem Titel „Den ‚Rohstoff Geist‘ veredeln!“ 1997 gehalten hat. In einer Zwischenüberschrift postuliert sie: „An einem ganzheitlichen Bildungswesen arbeiten!“ Dabei gehe es um ‚Interdisziplinarität‘ und die „Verzahnung [des Bildungswesens] mit der Technologie-, Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik, also um jene Felder, auf denen sich das Schicksal des Standorts Deutschland und seiner Menschen entscheiden wird. […]. Dafür ist es notwendig, Barrieren und Berührungsängste zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft abzubauen.“ (Hv. d. Vf.In) Ein Interview mit dem Physiknobelpreisträger Gerd Binnig zitierend treibt sie die Verneinung der theoretischen Praxis weiter: „Die Universität ist darauf ausgerichtet, die Welt zu verstehen. Mich hat es immer fasziniert, die Welt zu gestalten. Darauf wird an der Uni weniger Wert gelegt.“ „Es gibt selbst innerhalb der Universität eine Kluft zwischen Theorie und Praxis. Theoretische Physiker sagen über Experimentalphysiker: Ja, was verstehen die schon von der Physik, die drehen nur am Knöpfchen. Die Experimentalphysiker wiederum glauben zum Teil, sie könnten nichts von der Industrie lernen. Unterschiedliche Disziplinen reden immer noch sehr zögerlich miteinander.“ Daraus schlußfolgert Schmidt um „im globalen Wettbewerb [zu] bestehen“, müssen „wir […] die Kluft zwischen Elfenbeinturm [!] und Fließband überwinden. Nur dann werden wir wieder in der Lage sein, hervorragende Forschung in ebenso hervorragende und marktfähige [!] Produkte umzusetzen.“ Dafür „brauchen [wir …] Durchlässigkeit und Gemeinsamkeit.“ „Auch wenn manche mit diesem Begriff Probleme haben mögen, unsere Hochschulen sind Dienstleistungsunternehmen. Sie müssen ihr Angebot der Nachfrage anpassen […].“ „Deshalb treten wir für ein Höchstmaß an Autonomie und auch Wettbewerb ein. Die Hochschule als Unternehmergemeinschaft [!] wird für die nötige Transparenz sorgen, mangelnde Unterrichtsleistung nicht dulden und als ‚Rendite‘ [!] hervorragend ausgebildete Absolventen haben.“ Deshalb „geht [es] nicht an, daß es mehr Altphilologen […] gibt als Japaneologen, Sinologen und Indologen. Wir brauchen Fachleute, die die ganze Welt begreifen und müssen uns diesen Herausforderungen stellen.“ Denn letztere benötigen „wir“, um im – von Samuel P. Huntington und mit ihm von Renate Schmidt beschworenen – „Kampf der Kulturen“ keine Machtverluste zu erleiden, und damit Länder, die jetzt noch Peripherie sind, nicht zu „Hauptakteur[en] der Weltpolitik“ werden. Renate Schmidt fragt: „In welcher Weise sind wir denn auf eine solche Entwicklung geistig vorbereitet? Wer, wenn nicht an vorderster Stelle die Wissenschaft, kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten? Welche Rolle spielen derartige Überlegungen eigentlich an unseren Hochschulen?“ Wissenschaft soll laut Schmidt nicht analysieren, sondern nützlich sein für die Verteidigung des ‚Modell Deutschlands‘. Deshalb ist ‚Praxisorientierung‘ auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften gefordert, zwar nicht direkt bezogen auf ‚die Wirtschaft‘ (das wäre vielleicht auch dysfunktional), wohl aber auf den Staat bezogen. Denn auch deren Aufgabe hat nicht Analyse (‚die Welt verstehen‘), sondern ‚Praxis‘ (als ob analysieren keine Praxis ist) – ‚Wertevermittlung‘ – zu sein: „Dennoch, bei aller Notwendigkeit von Forschung und der Anwendung neuer Technologien hat die Politik dafür zu sorgen, daß Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften nicht unter den Tisch fallen. Gerade die heutige Zeit würde ohne sie und die von ihnen vermittelten Werte Gefahr laufen, unsere Demokratie, unser Gemeinwesen zu gefährden.“ (Schmidt 1997 – alle Hv. + Anm. d. Vf.In). –

Sollten ‚sie‘ (d.h. jenes „wir“, das Schmidts Rede spricht) tatsächlich auf jede Theorie verzichten oder sich mit den HandwerkerInnen-Theorien der ‚PraktikerInnen‘ bescheiden (was aber vollständig und dauerhaft auch nicht so wahrscheinlich ist) wird ihren Plänen allerdings nicht allzuviel Erfolg beschieden sein. Denn jede HandwerkerInnen-Theorie kommt früher oder später an ihre Grenze – nämlich, wenn sie auf Probleme stößt, die sie aufgrund ihres Verzichts auf Wissenschaftlichkeit nicht lösen kann (s. bspw. den Zusammenbruch der Lyssenkoschen „Proletarischen Wissenschaft“ in der Sowjetunion: „Die Techniker der Landwirtschaft hatten Lyssenko zum Sieg verholfen: gestützt auf die wenigen spektakulären Erfolge, die er in der Agronomie erringen konnte, hatte er sich einen Namen gemacht; […]. Und dies war auch der Ort, wo sich mit der Zeit sein Abstieg abzeichnete: als die haarsträubenden Anwendungen der neuen Vererbungstheorie zu spektakulären Fehlschlägen geführt hatten, die sich nicht länger verbergen ließen.“ [Lecourt 1976, 143]). ‚Die Praxis‘ mag sich dann zwar noch lange durchwurschteln können, ohne Kritik (d.h. ohne „reflektierte[s] Verhältnis“ zu ihrer Theorie, s. Endnote 5) bleibt sie aber „– ob sie es will oder nicht – den Wirkungen ihrer Ursachen ausgeliefert“ (Lecourt 1976, 148), d.h. sie gerät in eine Krise, die zu ihrem Zusammenbruch führen kann, falls es nicht zu einem theoretischen Einschnitt kommt, der den tatsächlichen Ursachen Rechnung trägt.

5  Vgl. ausführlich: Schulze 2002, Anti-These 4, Abschnitt „Warum wir die Kategorie der ‚theoretischen Praxis‘ benötigen“.

6  Eine andere Frage ist, ob – wenn auch die Wissenschaften nicht sich selbst, ihre Praxis und Ergebnisse anhand außer-wissenschaftlicher Kriterien rechtfertigen müssen – sie doch ihre Finanzierung rechtfertigen müssen, wie Renate Schmidt postuliert: „Das heißt konkret, auch der Facharbeiter bei Audi muß der Überzeugung sein, das sind Investitionen in meine eigene Zukunft und in die Zukunft meiner Kinder. Es ist von daher kein unbilliges Verlangen, von den an der Hochschule Tätigen, ob Professoren, Assistenten oder Studenten, Leistung zu erwarten, die der Gesellschaft insgesamt zugute kommen.“ Die Redlichkeit dieses Verlangen wird allerdings durch die Antwort auf die folgenden Überlegungen in Frage gestellt: (1.) Welchen Einfluß hat der „Facharbeiter bei Audi“ auf die Bestimmung dessen, was als im Interesse „der Gesellschaft insgesamt“ liegend begriffen wird? Sicherlich weniger Einfluß als die (praxisnah ökonomisch ausgebildeten) Angehörigen der Audi-Vorstandsetage. (2.): Was hat er konkret davon, wenn die Hochschulen zu ‚Dienstleistungsunternehmen für den globalen Wettbewerb‘ werden? Wahrscheinlich mehr Leistungsdruck bei weniger Lohn auch in seinem Betrieb.

7  S. unten Endnote 14.

8  „In jedem Fall ist die Aufgabe der wissenschaftlichen Philosophie ganz klar: sie muß […] jeden Utilitarismus zunichte machen, so verdeckt er auch sein mag, so gehoben er sich darbieten mag; […].“ (Bachelard 1938, 43). S. gegen einen Utilitarismus der Erkenntnis auch Althusser 1963, 110, FN 7: „Jede technische Praxis wird durch ihre Ziele definiert: bestimmte Wirkungen sind in einem bestimmten Gegenstand in einer bestimmten Situation zu produzieren. […]. In allen Fällen ist das Verhältnis zwischen der Technik und der Erkenntnis ein äußeres, nicht reflektiertes Verhältnis, und radikal verschieden vom inneren, reflektierten Verhältnis, das zwischen einer Wissenschaft und ihren Erkenntnissen existiert. […]. Auf sich allein gestellt, produziert eine spontane (technische) Praxis nur die ‚Theorie‘, die sie als Mittel braucht, um das Ziel zu produzieren, das ihr auferlegt ist“. Zur Entstehung der sog. Sozialwissenschaften aus den „Bedürfnis[sen] des modernen Staates“ s. Wallerstein et al. 1996, 14, 16, 25 f., 28 Mitte, 44 oben, 87 unten (die diesen allerdings dennoch eine „Erfolgsgeschichte“ [38] bescheinigen). – Zum Terminus „wissenschaftliche Philosophie“ vgl. Lepenies 1978, 9: „Der Wissenschaft die Philosophie zu geben, die sie verdient, lautet die Maxime Bachelards.“ Vgl. dazu auch ebd., 13 und Althusser 1967, 99 (Alle „materialistischen Philosophien [… widmen] sich der materialistischen Verteidigung der Wissenschaften gegen ihre idealistische Ausbeutung“), 115 („daß die wissenschaftliche Praxis nicht mehr von der Philosophie ausgebeutet, sondern durch die Philosophie unterstützt wird“ – Hv. i.O.), 117 (Das Bündnis der neuen [dialektischen] materialistischen Philosophie mit den Wissenschaften respektiert „die Wissenschaft innerhalb ihres eigenen Bereiches […]; da es die Philosophie nur zur Hilfe ruft, um innerhalb der Philosophie zu intervenieren“).

9 

S.a. ebd., 67, 69, 83, 95: „Durch die unmittelbare Befriedigung der Neugier fördert man keineswegs die wissenschaftliche Bildung, man hemmt sie. [… man nimmt] dem wissenschaftlichen Denken den Sinn fürs Problem […]. Das vorwissenschaftliche Denken stürzt sich nicht voller Eifer auf die Erforschung eines wohl umschriebenen Problems. Es sucht nicht die Variation, sondern die Vielfalt. […]. Ohne die rationale Gestaltung des Experiments“ – lies im hiesigen Kontext: der Befragung – „, das eine Problemstellung bestimmt, ohne diesen beständigen Rückgriff auf eine sehr explizite rationale Konstruktion wird man es zur Herausbildung einer Art Unbewußten des wissenschaftlichen Geistes kommen lassen, zu dessen Austreibung es dann einer langen und mühsamen Psychoanalyse bedarf. […] selbst der bescheidenste wissenschaftliche Empirismus stellt sich als eingebunden in einen Kontext rationaler Hypothesen dar“ (erste und zweite Hv. i.O., dritte d. Vf.In). S.a. ebd., 88 oben. Insofern kann – anders als Wallerstein et al. annehmen – vielem von dem, was die modernen Sozialwissenschaften als ihr Selbstverständnis postulieren, gefolgt werden: „Die meisten der nomothetischen* Sozialwissenschaften betonten zunächst einmal das, was sie von der Geschichtswissenschaft unterschied: […], die Bereitschaft, die zu erforschenden Phänomene als Fallbeispiele (und nicht als Individualitäten) wahrzunehmen; die Notwendigkeit, die menschliche Gesellschaft zu untergliedern, um sie zu analysieren; die Möglichkeit und das Bestreben, strikt wissenschaftliche Methoden anzuwenden (wie etwa eine theoriegeleitete Formulierung von Hypothesen, die einer strikten – wenn irgendmöglich quantitativen – Beweisführung bedurften); die Präferenz für systematisch ermitteltete Nachweise“ (Wallerstein et al. 1996, 38). Denn anders als Wallerstein et al. nahelegen, ist das Problem an den nomothetischen Sozialwissenschaften nicht, daß sie im Gegenschlag zu den (allzu sehr auf den Einzelfall konzentrierten [37], allzu „belletristischen“ [vgl. 31]) idiographischen Sozialwissenschaften allzu systematisch, allzu analytisch, allzu theoretisch etc. sind; das Problem ist vielmehr, daß auch der Theoriebegriff der nomothetischen Sozialwissenschaften noch zu schwach ist (s. unten Endnote 15-20), daß auch die nomothetischen Sozialwissenschaften empiristisch sind – was ansatzweise auch bei Wallerstein et al. (1996, 19, wo sie Comte [1903, 21] mit den Worten zitieren, „ohne danach zu suchen, was ihre [der realen Tatsachen] erste Ursachen oder letzten Zwecke sind“) und bei Wallerstein (1991, 228: „mit der Beschreibung der empirische Realität beginne[n]“, „Induktion“) deutlich wird.

* nomothetisch von gr. nomoi = Gesetze; nomothetische Sozialwissenschaften = Sozialwissenschaften, die wissenschaftliche Gesetze formulieren, i.Ggs. zu den idiographischen (zu gr. idios = eigen) Sozialwissenschaften, die Einzelfälle beschreiben.

10  In einem weiteren Text verspricht Febvre (1953b, 42), eine „Geschichte anzubieten, die nicht automatisch, sondern problematisch ist“. Zum Begriff einer „Problem“- statt „Erzähl-Geschichte“ vgl. auch Furet 1977, 99 wie bei Wallerstein 1995, 224, FN 1 zitiert sowie Schöttler 1988b, 27: „Indem Febvre die Geschichtswissenschaft als Histoire-Problème definiert („ohne Probleme keine Historie“), formuliert er eine epistemologische These, die sich in diesem präzisen Punkt mit dem anti-positivistischen und anti-empiristischen Wissenschaftsverständnis Althussers deckt.“ (Hv. i.O.). Zur Relevanz dieser Parallele für die hiesige Argumentation s. unten Endnote 71.

11  „Ich versuche, den armen Strumpfwirker, den luddistischen Pächter [… etc.] vor der enormen Herablassung der Nachwelt zu retten. […]. Ihre Bestrebungen waren gültig in den Begriffen ihrer eigenen Erfahrung“ (Thompson 1968, 13). „Das Material muß durch sich selbst sprechen.“ (Thompson 1976, 15; s.a. Thompson 1978, 73: die Quellen „‚ihre eigene Stimme‘ finden […] lassen“). S. krit. dazu Johnson 1978, 39 unten - 43 oben; Schrader 1980, 479 f. Ergänzend zu den genannten Kritiken an Thompson ist anzumerken, daß Thompson eine argumentative Vorgehensweise vermissen (und statt dessen unterschwellige Wertungen einfließen) läßt, wenn er eine analytische (statt identifikatorische) Annäherung an den „armen Strumpfwirker, den luddistischen Pächter“ etc. als „Herablassung“ charakterisiert.

5  Hofmann 1997, 6: „Dies ‚going native,‘ d.h. das sich vorbehaltlos in die Welt der anderen hinzubegeben, gehört in Disziplinen wie der Ethnologie zu den eher selbstverständlichen Übungen, hat jedoch in der Politikwissenschaft keine ausgeprägte Tradition […].“

6 

Hofmann 1997, 5: „Während wir es in der ersten Phase hauptsächlich mit Dokumenten über den Forschungsgegenstand zu tun haben, geht es in der Interviewphase darum, das untersuchte Feld selbst zum Sprechen zu bringen. Beruhen unsere ersten Erkenntnisse über einen Forschungsgegenstand auf den allgemein zugänglichen Quellen und mithin darauf, was alle schon wissen oder wissen können, werden wir in Befragungen erstmals damit konfrontiert, wie die Akteure eines Politikfeldes sich selbst, ihr Handeln, ihre Ziele, Motive und ihre Handlungszwänge beschreiben. Anders ausgedrückt beziehen Forschungsprojekte die Formulierung von Problemstellungen und Hypothesen üblicherweise aus der zugänglichen Literatur und reproduzieren damit, was bereits gesagt worden ist und als ‚gesichert‘ befunden wurde. […] Befragungen bieten die Chance, in ein relatives und reflexives Verhältnis zum eigenen ‚gesicherten‘ Wissen zu treten, indem sie uns, um es postmodern zu formulieren, die ‚Vielstimmigkeit‘ der Wirklichkeit vorführen, sofern wir bereit sind zuzuhören.“

Hierzu ist mehrerlei anzumerken:

1. Wenn auch sicherlich die Frage, „wie die Akteure eines Politikfeldes sich selbst, ihr Handeln, ihre Ziele, Motive und ihre Handlungszwänge beschreiben“, eine relevante Fragestellung ist, also einen Untersuchungsgegenstand definiert, so können derartige Selbstbeschreibungen doch eine wissenschaftliche Analyse nicht ersetzen.

2. Wenn Hofmann in dem angeführten Zitat außerdem andeutet und auf S. 9 in FN 4 im Anschluß an Hitzler (1993, 232) explizit die Auffassung vertritt, die von ihr kritisierte Position, bedeute, sich keine „Rechenschaft darüber zu geben, wie […] sich [sic!] [Forschungsgegenstände] konstituieren“ und damit „den ‚gesunden Menschenverstand‘ des Alltags im sogenannten ‚Fachverstand‘ der Sozialwissenschaften“ zu perpetuieren, so ist dies nur wahr, soweit Hofmanns eigene These, daß die Kenntnisse der WissenschaftlerInnen nicht „qua Ausbildung und Profession denen der Untersuchten überlegen“ sind (6), bzw., daß es keine „kategoriale Sonderstellung [der Wissenschaft] gegenüber Alltagswissen“ gibt (7) zugrundegelegt wird. Wird demgegenüber – wie hier – im Anschluß an Bachelard davon ausgegangen, daß es das „Kennzeichen einer wahrhaft wissenschaftlichen Erfahrung [ist], daß sie in Widerspruch zur Alltagserfahrung geraten muß“ (Lepenies 1978, 13 f., s.a. 18), die theoretische Erarbeitung einer Fragestellung gerade im Bruch mit dem „Alltagswissen“ besteht, also „Erkenntnishindernisse“ (Bachelard 1938, 271 et passim) aus dem Weg räumt, dann geht Hofmanns Vorwurf ins Leere. Dann ist die (Einsicht in die) ‚Konstruiertheit‘ der Forschungsgegenstände, aber auch keine Affirmation der „Interaktivität und Subjektivität“ der Forschungspraxis (so aber Hofmann 1997, 5) und eines beliebigen Nebeneinanders „heterogener Wirklichkeitswahrnehmungen“ (ebd., 6), sondern Teil der wissenschaftlichen Praxis als „Prozeß ohne Subjekt“ (Althusser 1969/70, 141: „jeder wissenschaftliche Diskurs ist per definitionem ein Diskurs ohne Subjekt“; Althusser 1972a, 56: „alle wissenschaftlichen Erkenntnisse […] sind das Resultat eines Prozesses ohne Subjekt und ohne Ende/Ziel“; Searle 1995, 161: „Wissen ist […] per definitionem objektiv im epistemischen Sinn, weil die Erkenntniskriterien […] unpersönlich sind“ – Hv. i.O. Vgl. insofern auch die zutreffende Beobachtung von Foucault [1970, 20]: „Im Mittelalter war die Zuschreibung an einen Autor im Bereich des wissenschaftlichen Diskurses unerläßlich, denn sie war ein Index der Wahrheit. […]. Seit dem 17. Jahrhundert hat sich diese Funktion im wissenschaftlichen Diskurs immer mehr abgeschwächt: die Rolle des Autors besteht nur mehr darin, einem Lehrsatz, einem Effekt, einem Beispiel, einem Syndrom den Namen zu geben.“). Dieser Prozeß der Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse zielt auf objektive Erkenntnis und beinhaltet deshalb nicht beliebige, sondern ausschließlich richtige (gut begründete) Gegenstandskonstruktionen, wobei diese Gegenstandskonstruktionen, nicht die Realität ‚konstruieren‘, sondern die Fragen, mit denen diese für die Untersuchung ‚zugeschnitten‘ wird. S. dazu die Unterscheidung von Stedman Jones (1979, 199) zwischen „original phenomenal form“ und „objects pertinent to a theory“ (die er am unterschiedlichen Stellenwert bspw. der Löhne in marxistischen und nicht-marxistischen Theorien erläutert): „It is quite true that it is the historian who elevates certain types phenomena to the status of historical facts ie objects pertinent to a theory. […]. In their original phenomenal form, they remain objects of alternative possible theorisation.“ Ob diese Auffassung im Widerspruch zu Althussers „strictly internalist method of proof“ (ebd., 198 f.) steht, muß allerdings als offene Frage betrachtet werden, denn auch dieser betont: „[…] die berühmte These vom Primat der Praxis über die Theorie […] ist nur sinnvoll, insoweit sie der These vom Primat des Seins über das Denken untergeordnet ist. Anderenfalls verfällt sie in Subjektivismus, Pragmatismus und Historizismus. Wohl kann man dank der Praxis (deren elaborierteste Form die wissenschaftliche Praxis ist) erkennen, was ist: Primat der Praxis über die Theorie. Aber in der Praxis erkennt man immer nur das, was ist [oder man/frau erkennt nichts, Erg. d. Vf.In]: Primat des Seins über das Denken.“ (Althusser 1972a, 54). Insofern Althusser das „Primat des Seins über das Bewußtsein“ anerkennt, erkennt er in einem gewissen Sinne ein ‚externes‘ Wahrheitskriterium, also die Existenz einer „original phenomenal form“ an, an der die Wahrheitsbehauptungen zu messen sind. Allerdings ist dieses ‚Messen‘ selbst der wissenschaftlichen Praxis ‚internal‘ (und nicht „external“).

3. Sicherlich mag es – im günstigen Fall – eine „Interaktivität“ der Forschungspraxis in dem Sinne geben, daß die Untersuchungsergebnisse das zukünftige Verhalten der AkteurInnen beeinflussen oder daß die im Rahmen einer empirischen Untersuchung gestellten Interviewfragen Selbstreflexionsprozesse bei den Befragten auslösen, diese also zumindest partiell an den Erkenntnismitteln der Wissenschaften partizipieren lassen. Dies ist allerdings nicht im Sinne einer idealistischen (statt im Bachelardschen) Sinne zu verstehenden ‚Konstruktion‘ des gegenwärtigen Forschungsgegenstandes aufzufassen. Vielmehr bedeutet es allenfalls eine dem Forschungsprozeß nachgängige Veränderung, die dann in neuer Forschung wiederum analysiert werden kann. [Im Bachelardschen (und Althusserschen) Sinne bedeutet die ‚Konstruktion‘ des Untersuchungsgegenstandes nicht idealistische Schöpfung der „original phenomenal form“ durch die Forschenden (s. dazu auch Endnote 11), sondern die Entwicklung der Fragestellung, mit der die „original phenomenal form“ systematisiert und analysiert wird.]

7  Denn tatsächlich sind sich beide hier abgelehnten – scheinbar gegensätzlichen – Ansätze einig in der Negation der erkenntnissubjekt-externen objektiven Realität. Wenn sie darüber hinaus auch noch den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Alltagswissen negieren (s. Endnote 8 Mitte), löst sich auch der Widerspruch zwischen dem Primat, das der Subjektivität der Beobachteten oder aber der der Beobachtenden zugebilligt wird, auf. Denn dann sind die ‚Akteure selbst‘ genauso wie die WissenschaftlerInnen Beobachtende wie auch qua ‚Bedeutungsgebung‘ ‚Konstrukteure‘ der Realität (vgl. unten nach Endnote 68 sowie in und bei Endnoten 99 und 100). Der Übergang der Präferenz von der einen zur anderen Subjektivität vollzieht sich im übrigen auch bei Hofmann selbst – und zwar im Formulieren folgender Fragen: „Wenn empirische Forschung nicht länger als verfahrenstechnisch neutralisiertes Beobachten und Auswerten, sondern als subjektiver und kontextabhängiger Akt schöpferischer [sic!] Konstruktion zu verstehen ist, worin unterscheidet sich dann akademisches Wissen von Alltagswissen? Welche methodischen Schlußfolgerungen ergeben sich aus dem Rollen- und Statuswechsel vom ‚Beobachter‘ zum ‚Mitspieler‘ für die Forschungspraxis?“ (Hofmann 1997, 5 – Anm. d. Verf.). Auf S. 6 heißt es dann: „Wer […] nicht länger neutrale, außenstehende Beobachterinstanz [ist …] zählt zum Kreis der Akteure, deren jeweilige Handlungen und Denkweisen [sic!] kollektiv das Untersuchungsfeld konstruieren.“ (Hv. + Anm. d. Vf.In; vgl. auch S. 9, FN 2: „der Boden der Tatsachen auch in den Forschungslabor ein sozial konstruierter ist“). Von postmoderner Seite kann dieser Übergang in die umgekehrte Richtung vollzogen werden, wenn die Wissenschaften als obsolet gewordene Große Erzählungen der Moderne ebenfalls verworfen und die Rolle von Beobachtenden und ‚Mitspielenden‘ gleichfalls nivelliert werden. D.h. aber, daß das, was als „neue Bescheidenheit“ und Infragestellung der Großen Erzählungen der Moderne dargestellt wird, tatsächlich dazu führt, daß die ‚bescheidenen InfragestellerInnen‘ zwei Eisen im Feuer haben: zum einen können sie sich der Rechtfertigung ihrer Interpretationen dadurch entziehen, daß sie sich darauf berufen, daß diese angeblich die Sichtweise ‚der Akteure selbst‘ sind; und zum anderen haben sie immer noch die Möglichkeit, sich selbstbewußt auf ihre eigene KonstrukteurInnenrolle zu berufen und sich die gewünschte ‚Realität‘ zurechtkonstruieren. Wenn das nicht sehr große, moderne, fast göttliche SchöpferInnen-Subjekt sind …!

8  Bronfen (2000) bezieht dies zwar vor allem auf die Betrachtung von Produkten der Malerei, es dürfte ihr allerdings nicht fernliegen, das „Bildrepertoire“ nur als ein Beispiel für beliebige (gesellschaftliche) Gegenstände aufzufassen, wie folgende Äußerung nahelegt: „Wenn Judith Butler den Begriff des gender trouble einführt, um damit auf gesellschaftliche Konstruktionen von Geschlechtlichkeit zu beharren, dann deshalb, weil ein Bruch mit dem tradierten Bildrepertoire weder möglich noch wünschenswert“ ist (Hv. i.O.). Vielmehr sei allein dessen Resignifizierung durch einen „oppositionellen Blick“ denkbar. Die damit unter (sei es gerechtfertigter, sei es nicht gerechtfertigter) Berufung auf Butler aufgestellte Behauptung, daß kein Bruch mit den, sondern nur eine Resignifizierung der gesellschaftlichen Geschlechterkonstruktionen möglich ist, dürfte sicherlich (Allgemein)gültigkeit auch über den Bereich des „Bildrepertpoire[s]“ hinaus beanspruchen. Vgl. dazu unter politischen und gesellschaftsanalytischen Gesichtspunkten krit.: Der „allgemeine Hinweis auf die Möglichkeiten der Bedeutungsverschiebung, […, greift] dort zu kurz […], wo gewissermaßen die bloße Faktizität einer unregulierten, sogenannten ‚freien‘ Öffentlichkeit, in der sich (‚positive‘ wie ‚negative‘) Bedeutungsverschiebungen ‚ereignen‘ können, bereits als irgendwie ‚politisch‘“ – und dies wiederum per se als Herrschaft infragestellend – „affirmiert wird, ohne noch die jeweiligen sozialen und ökonomischen Teilnahmebedingungen und Regeln dieser Öffentlichkeit mitzubedenken. Denn diese bestimmen auch mit darüber, welche ‚Resignifikationsversuche‘ bessere Chancen der Durchsetzung haben als andere oder welche Personengruppen eher dem Risiko gewisser ‚Umdeutungen‘ bzw. Verzerrungen ihrer Rede ausgesetzt sind als andere.“ (insofern zutr. Rebentisch 1999, 27, Sp. II f. – Hv. i.O.). Eine weitere – allerdings auch von Rebentisch nicht explizierte – Grenze, die der „voluntaristisch-dezisionistischen“ (ebd., Sp. I) Bedeutungsproduktion gesetzt ist und die mit noch soviel ökonomischer und soziale Macht wohl nur schwer dauerhaft übergangen werden kann, liegt freilich in den Gegenständen selbst (in der materiellen Realität).

9 

Nach hiesiger Auffassung ist zwar zuzugestehen, daß es auch zu Erkenntnissen führen kann, wenn Befragte die Antwort auf gestellte Fragen schuldig bleiben. (Im vorliegenden Zusammenhang ist bspw. auffällig, daß viele der hier Befragten alleine leben, während ein Schwerpunkt der Befragung auf die häusliche Arbeitsteilung zielte). Aber ein solches Ausbleiben von Antworten stellt als solches (als bloße Tatsache) noch keine wissenschaftliche Erkenntnis (= systematische Erklärung) dar. Damit aus einer Tatsache eine Erkenntnis wird, ist vielmehr eine (neue) theoretische Fragestellung erforderlich, die ihrerseits wahrscheinlich die Erhebung weiterer Tatsachen erfordert, wenn am Ende aus dem Antwort-schuldig-bleiben eine Erkenntnis werden soll. –

Die hiesigen Unterscheidung zwischen Tatsache und Erkenntnis ist an die Wittgensteinsche Unterscheidung zwischen Ding und Sachverhalt angelehnt, auch wenn die Terminologie etwas abweicht: „Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).“ (Wittgenstein 1918/33, Satz 2.01). Eine Erkenntnis ist erst mit der Analyse dieser Verbindungen gegeben.

10  Wobei hier allerdings ohnehin die Auffassung vertreten wird, daß hermeneutische Ansätze, wie der von Hofmann, nicht als post-modern gelten können. Sie bedeuten vielmehr einen Rückfall in einen durchaus seinerseits modernen Empirismus (der auch nicht dadurch überwunden wird, daß er in qualitativem statt quantitativen Gewand auftritt). Folglich ist es – nach hiesiger Auffassung – vielmehr postmodern gerade den epistemologischen und strukturalistischen Anti-Empirismus fortzuführen.

11  Ein Weberianischer Idealtypus wird „mit dem Zweck konstruiert“, „gegenüber der Empirie insofern systematisch Unrecht zu haben, als er das Besondere im Einzelfall nur unzulänglich wiedergibt“. Dieses Vorgehen soll dazu dienen, „dem Einzelfall dadurch zu seinem Recht zu verhelfen“, daß es das „historische Besondere“ gerade im Kontrast zum Idealtypus zeigt (Soeffner 2000, 173) Eine solche Fixierung auf die Besonderheiten des Einzelfalls, die dem Idealtypus zugleich den Status einer Nicht-Erkenntnis, die bloß der Typologisierung der Einzelfälle dient, zuweist, muß zwangsläufig die Erkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhänge verfehlen. Denn die Idealtypen sind ihrerseits nichts anderes als Produkte des „deutende[n] Verstehen[s] sozialen Handelns“, d.h. Vgl. Therborn 1976, 289: „In contrast to Weber’s concern with […] unique events or institutions – and later with typologies, Marx and Engels worked on the construction of a systematic theory, with inter-related concepts, designed to formulate a new pattern of determination.“

12  Vgl. dazu die ironische Anmerkung von Lock (1981, 113): Popper „has a ‚general theory‘ – of ‚falsifiability‘ – which, even if it was not designed expressly in order to exclude Marxism from the field of the sciences (a hypothesis which has however itself not yet been convincingly falsified), at least had that consequence. Popper himself admits that since 1919 he had been grappling with the problems: ‚when should a theory be ranked as scientific?‘ or: ‚is there a criterion for the scientific character or status of a theory?‘. His problem, he adds, ‚perhaps first took the simple form, ‚what is wrong with Marxism [etc.]?‘“ (Die Zitate im Zitat aus: Karl Popper, Conjectures and Refutations, London 1976, 33, 34).

13  Vgl. in dem Zusammenhang zum Problem der Nicht-Meßbarkeit (= Nicht-Falsifizierbarkeit?! des Konzeptes des) Mehrwertes: „Der große Fehler von Smith und Ricardo besteht für Marx gerade darin, daß sie ihre Analyse der Wertform einzig und allein auf die Betrachtung der Quantität des Wertes beschränken […]. Die modernen Ökonomen stehen hierin […] ganz auf Seiten der Klassiker. Sie werfen Marx vor, in seiner Theorie ‚nicht-operationelle‘ Begriffe zu verwenden, die – wie der Mehrwertbegriff – eine Messung ihres Gegenstandes ausschließen. Dieser Vorwurf kehrt sich freilich gegen seine Urheber; denn Marx erkennt die Meßbarkeit durchaus an und arbeitet auch mit ihr (etwa in bezug auf die ‚entwickelten Formen‘ des Mehrwerts: Profit, Zins, Rente). Der Mehrwert selbst ist gerade deshalb nicht meßbar, weil er der Begriff dieser meßbaren Formen ist. Diese einfache Unterscheidung verändert alles: Der homogene und flächenhafte Raum der Phänomene der politischen Ökonomie ist nun keine einfache Gegebenheit mehr, weil er die Setzung eines Begriffes erforderlich macht, d.h. die Bestimmung der Bedingungen und Grenzen, die es ermöglichen, Phänomene für homogen und damit für meßbar zu halten.“ (Althusser 1965/68, 215 – kursive Hv. i.O.).

14  Vgl. Langevin 1938, 126: Die positivistische Einstellung „kann sinnlose Begriffe oder Theorien beseitigen, Scheinprobleme und unsinnige Sätze als solche kenntlich machen, aber sie kann keine Hinweise zum Aufstellen neuer Begrifflichkeiten und Theorien formulieren“.

15  „Die Wissenschaft von der Wirklichkeit begnügt sich nicht mit dem phänomenologischen Wie; sie sucht nach dem mathematischen Warum.“ (Bachelard 1938, 37 – Hv. i.O.). „Irgendein Begriff von Determination (was nicht dasselbe wie Determinismus ist) scheint grundlegend zu sein für jede erklärende Darstellung der sozialen Welt“ (Johnson 1978, 44). „[…], the outstanding landmarks in the development of science are discoveries of patterns of determination“ (Therborn 1976, 69 m.w.N., s.a. 70).

16  Vgl. Saussure 1915, 58 („Die Wissenschaft von den Lauten wird erst wertvoll, wenn zwei oder mehr Elemente in einem Verhältnis innerer Abhängigkeit zusammengeschlossen sind, die Veränderung des einen ist gemäß der Veränderung des anderen begrenzt; schon die Tatsache, daß zwei Elemente vorhanden sind, bringt eine Beziehung und eine Regel mit sich, und das ist dann etwas ganz anderes als eine bloße Tatsachenfeststellung.“) und Vilar 1959/60, 292, 293 („In der Geschichte hat die Suche nach den ‚kleinen realen Fakten‘ die wissenschaftliche Arbeit – die zweifelsohne anerkennenswert und notwendig ist – in ihrer Funktion, Mittel zu sein, in den Zweck als solches umgewandelt. In der Soziologie hat sich Max Weber darum bemüht, aus dem historischen Stoff jene gleichsam apriorischen Formen der Sozialpsychologie zu deduzieren, die er ‚Idealtypen‘ nannte, während Durkheim an ein spezifisches Soziales glaubte, ein nahezu vergöttertes Soziales, das es erlauben würde, neben der ‚reinen‘ Ökonomie eine ‚reine‘ Soziologie zu schaffen, während sich die ‚reine‘ Geschichte mit dem ‚Geschehen‘ und höchstens noch den ‚Institutionen‘ befaßte. […]. Dieser Positivismus von wissenschaftlichem Aussehen machte unter dem Vorwand, das Denken der ‚endlosen Vielfalt der Ereignisse‘ […] unterzuordnen, Geschichte undenkbar (und er unterschob ihr implizit, daß sie das auch sei.“). Zu diesem Unterschied zwischen Tatsachen und Zusammenhängen/Beziehungen/Sachverhalten siehe auch schon Endnote 13 und unten das Ende des Vilar-Zitates in Endnote 127.

17  Zum Verhältnis beider Perspektiven s. unten in Abschnitt A.V.4., sub b) S. 54 und in Abschnitt B.III.1., sub a) (2), Endnote 400.

18  C. Eichhorn 1994, 40, 41: „Waren noch in den 70er Jahren Gleichheitspostulate vorherrschend gewesen, […], standen die 80er Jahre unter dem Banner und im Bann der Differenztheorien […]“, aber erst mit „Butler kann die Kategorie Frau […] als Kategorie [verstanden werden], die keine soziale, kulturelle oder biologische Entität beschreibt, sondern eine ‚imaginäre Formation‘ (Haraway), durch die sich Individuen auf die sozialen Herrschaftsverhältnisse beziehen.“

6  Landweer/Rumpf 1993, 4: Die „langjährigen Debatten um Gleichheit oder Differenz [haben sich] verschoben auf die Kritik der Kategorie ‚Geschlecht‘ selbst“ (Hv. d. Vf.In). Rothfield 1990, 834: „In dem Maße in dem frau davon abrückt, im bewußten (männlichen/weiblichen) Subjekt den Erklärungsgrund der Dinge zu suchen, kann sie sich auf die strukturellen Determinanten des Patriarchats konzentrieren […], die der männlichen und weiblichen Person vorhergehen (oder diese gar allererst konstruieren).“ (Hv. d. Vf.In; Original-Hv. getilgt). – Auch nach Gildemeister/Wetterer 1992, 202 hat „[…] sich inzwischen eine breit gefächerte theoretische Erörterung entwickelt […], die jenseits des Koordinatensystems von Gleichheit und Differenz – die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit selbst ins Zentrum der Analyse stellt.“

7  Vested interests. Cross-dressing and cultural anxiety, New York / London, 1992 zit. n. ???.

8  Vgl. zu dem auf S. 35 in FN ‡ angesprochenen Verhältnis von Relativismus und subjektivistischer Parteilichkeit vgl. die entsprechende Kritik von Johnson (1978, 42 f.) an dem Kulturalismus E.P. Thompsonscher Prägung: Da er „‚subjektive Erfahrung‘ zur obersten Berufungsinstanz in Sachen Sozialwissenschaften macht […], versorgt er uns nicht mit Vorschriften (protocols) darüber, was wir tun müssen, wenn wir mit radikal verschiedenen Erfahrungen oder Meinungen konfrontiert werden, er verdammt uns, wenn systematisch befolgt, zu einem Relativismus. Oder wir können versteckte und deshalb willkürliche Kriteriengruppen im Spiel vermuten, verbunden mit einer Zuschreibung einer moralischen oder kognitiven Überlegenheit der Kultur der Volksmasse oder der Arbeiterklasse über die der Bourgeoisie.“ Gegen die Annahme eines solchen privilegierten Erkenntnissubjektes s. auch unten die Ausführungen auf S. 57.

9  Vgl. C. Eichhorn 1994, 40 („Die Dekonstruktion der Geschlechterkategorie und die Infragestellung des Subjekts des Feminismus, […], ist seit geraumer Zeit [….] Gegenstand der feministischen Diskussion […]. Eine Schwächung des Feminismus, gar das Ende jeder radikalen Opposition befürchten die einen, eine neue Grundlage feministischer Politik, […], frohlocken die anderen.“) und Landweer/Rumpf 1993, 6: ([…], wenn Butlers Dekonstruktion politisch diskutiert wird, […] wird die berechtigte Kritik an fundamentalistischen Politikbegründungen, etwa für eine Kollektividentität ‚Frau‘, oft gleichgesetzt mit einer Verabschiedung des Projektes feministischer Politik insgesamt. Hier werden unterschiedliche analytische Ebenen vermischt. Nach den Ursachen für nivellierende Unterdrückung, Herrschaft, Zwang zu fragen, die Frauen qua Geschlecht treffen, und politische Handlungsmöglichkeiten gegen diese asymmetrische Geschlechterordnung zu formulieren, ist nicht gleichzusetzen mit der Annahme, daß alle Frauen auf gleiche Weise diese Geschlechterordnung erfahren.“).

9  Vgl. am anderen Beispiel Wohlrab-Saar 1993, 135 („Genesis und Geltung sind […] nicht einfach kurzzuschließen.“) sowie für eine Verteidigung der Logik Wolf 2000c, Abschnitt Z 7, L 4 und insbesondere B 3.

10  „[…] das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (Marx 1845, 6). „Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, […], den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (Marx 1867, 16). S. dazu des weiteren die Marx- und Marx/Engels-Zitate auf S. 55.

11 

Auch Maihofer (1995) wirft Butler vor, Geschlecht (zumindest in einem Teil ihres Werkes) „auf eine Fiktion oder ein Bewußtseinsphänomen bzw. ‚falsches‘ Bewußtsein [zu] reduziere[n]“, wogegen sie ihre Kategorie des „hegemonialen Geschlechterdiskurses“ geltend macht (vgl. Bischof 1996, 608 f.). Dagegen wendet wiederum Bischof ein, daß diese Kategorie von Maihofer „weder genauer erläutert noch konkretisiert“ werde, so daß Maihofer „im zweiten Teil ihres Buches auch ganz zielsicher beim [traditionell-essentialistischen] ‚Differenzstandpunkt‘“ lande (609 – Einf. d. Vf.In). „Es scheint als habe die Autorin [= Maihofer] im zweiten Teil [die von ihr selbst im ersten Teil postulierte] Notwendigkeit einer Neudefinition von ‚Geschlecht‘ vergessen. Festgeklopft werden statt dessen unterschiedliche Moral-, Rechts- und Politikverständnisse zwischen den ‚Geschlechtern‘ sowie unterschiedliche Denk-, Gefühls- und Erlebnisweisen, die ‚natürlich‘ nichts mit der Biologie zu tun haben. Ihre Vorstellung einer Politik der ‚Geschlechterdifferenz‘ unter Anerkennung einer nicht hierarchischen Andersartigkeit erscheinen unausgereift und unverständlich. Es fehlt nicht nur eine genauere Erläuterung ihrer Vorstellungen, nein, offen bleibt auch, wie eine praktische Umsetzung gestaltet werden könnte, ohne der Reproduktion der bisherigen patriarchalen heterosexuellen Geschlechterkonstruktionen verhaftet zu bleiben.“ (ebd.). Ähnlich lautet die Kritik von Teubner/Wetterer (1999, 14) an Maihofer: Diese stelle „der Rekonstruktion der Produktion und Reproduktion von gender etwas an die Seite oder entgegen[…], das sich der Konstruiertheit letztlich doch entzieht, sich ihr widersetzt oder ihr vorausliegt“.

Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, daß sich Butler (worauf Schaper-Rinkel [1994b, 5; 1996, 4] aufmerksam gemacht hat) schon in Gender Trouble (1990, 60) – und nicht erst in Bodies That Matter, wie Maihofer meint (vgl. Bischof 1996, 608) – von der Auffassung der Geschlechtlichkeit als ‚Schein‘ oder ‚künstlich‘ distanziert hat. – Zu den Grenzen dieser Distanzierung s. untenstehende Endnote 34.

12 

Der Zweifel, den dieses „vielleicht“ ausdrückt, bezieht sich auf folgendes: Wir haben gesehen, daß es nicht möglich ist, alle Menschen einem von zwei biologischen Geschlechtern zuordnen, wenn diese Geschlechter essentiell (d.h. durch ein bei allen Angehörigen des jeweiligen Geschlechts vorliegendes Merkmal) definiert werden. Denn keines der einschlägigen Kriterien (Chromosomen, Genitalen, Hormone) liegt in der jeweilig einschlägigen (weiblichen oder männlichen) Variante bei allen Personen vor, die von der hegemonialen Praxis als ‚Frauen‘ oder ‚Männer‘ bezeichnet werden (oben S. 34 f. sowie ausführlich unten S. 81). Es dürfte aber möglich (und wohl auch sinnvoll) sein, auf nicht-essentialistischer Grundlage, bspw. auf Grundlage von Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeit*, zwischen verschiedenen biologischen Geschlechtern zu unterscheiden – so wie es auch sinnvoll ist, anzuerkennen, daß es – bei allen Unklarheit und Überlappungen, die das Modell der Familienähnlichkeit impliziert – gesellschaftliche Gruppen gibt, deren soziale Stellungen sich in signifikanter Weise (nämlich von Herrschaft strukturierter Weise, s. Kap. B.I.1.) von einander unterscheiden und die mit den Namen ‚Männer‘ und ‚Frauen‘ belegt werden können. Dies würde in gewisser Weise eine Rückkehr zu einer Unterscheidung zwischen sex und gender (d.h. eine teilweise Rücknahme von Butler Auflösung von sex in gender) implizieren. Weiterhin wäre aber Butlers Kritik an der früheren Variante dieser Unterscheidung richtig, daß es keinesfalls notwendig ist, anzunehmen, daß es genauso viel biologische wie soziale Geschlechter gibt (s. hier S. 37). Denn die Kriterien für die Familienähnlichkeit wären im Falle der biologischen und der sozialen Geschlechter unterschiedliche.

* Nach Wittgensteins (1945-49, Nr. 65-67) Konzept der Familienähnlichkeit bedarf es zur Zugehörigkeit zu einer bestimmten ‚Familie‘ (lies in unserem Zusammenhang: zu einem Geschlecht) nicht des Besitzes eines Merkmals (eines Wesenskerns), das (der) auch allen anderen ‚Familienmitgliedern‘ gemeinsam ist. Für Wittgenstein genügt es vielmehr, wenn ein „Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“, vorliegt. – Daß auch dieser Art – d.h. nicht essentiell – definierte Begriffe brauchbar sind, begründet Wittgenstein mit folgender Metapher: „die Stärke eines Fadens liegt nicht darin, daß irgendeine Faser durch seine ganze Länge verläuft, sondern darin, daß viele Fasern einander übergreifen.“

13  Vgl. Engels (1884, 27 f.) wie unten in Endnote 225 zitiert: „Erzeugung von Lebensmitteln […] und den dazu erforderlichen Werkzeugen“ = Arbeit.

14  Das in der DDR herausgegebene Philosophische Wörterbuch von G. Klaus / Buhr, das sicherlich nicht zu großzügig mit dem Prädikat „materiell“ umgegangen ist, definiert das „(materielle) gesellschaftliche Sein“ i.e.S. als die Produktionsverhältnisse und i.w.S. als „das System der materiellen Produktivkräfte, die Wechselwirkung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, also auch die in den Produktivkräften gegebenen materiellen Beziehung des Menschen zur Natur und mithin auch den gesamten Bereich des Noosphäre“ (W. P. Eichhorn 1976, 478, 479; vgl. Bensussan 1984, 430), wobei die Produktivkräfte auch die menschliche Arbeit umfassen (Heyden 1976, 978; vgl. zur Problematik: Lefebvre 1985).

15  Althusser 1969/70, 137: „Eine Ideologie existiert immer in einem Apparat und dessen Praxis oder dessen Praxen. Diese Existenz ist materiell. Die materielle Existenz in einem Apparat und dessen Praxen besitzt selbstverständlich nicht die gleichen Eigenschaften wie die materielle Existenz eines Pflastersteins oder eines Gewehrs.“ (Hv. d. Vf.In).

16 

Landweer (1993a, 41) führt zum Beleg für ihre Kritik die Stelle an, wo Butler (1990, 193) Foucault kritisiert. Butler wirft Foucault dort vor, einen menschlichen (!) Körper zu unterstellen, „der seinen kulturellen Einschreibungen vorgängig ist“, also „eine der Bedeutung und Form vorgängige Materialität“ vorauszusetzen. Diese Äußerung Butlers ist in der Tat zumindest zweideutig (wenn nicht idealistisch).

Butlers Kritik an Foucault trifft zwar, abgesehen von der ersten Generation von Menschen (scil.: menschlichen Körpern), zu. Allen späteren menschlichen Körpern sind in der Tat die (durchaus variablen) kulturellen – kollektiv weitergegebenen – Bedeutungen ihrerseits vorgängig.

Sofern und soweit Butler diesen Befund allerdings auch auf die nicht-menschlichen Körper zu erstrecken scheint, kann ihr nicht gefolgt werden. Denn die sonstigen materiellen Körper sind – und zwar selbst im Falle ihrer Umformung durch menschliche Arbeit – den einzelnen Menschen und (in ihrer ursprünglichen Form) auch der Menschheit insgesamt vorgängig.

Jedenfalls hat Butler (1990, 60) in Gender Trouble für ihre Auffassung geltend gemacht: „Die These, daß die Geschlechtsidentität eine Konstruktion ist, bedeutet nicht deren Scheinhaftigkeit oder Künstlichkeit, […].“ Sie scheint also die Existenz von materiellen (= nicht-scheinhaften) Objekten anzuerkennen. Allerdings führt sie zur Begründung aus: „[…], denn diese Begriffe sind Bestandteil eines binären Systems, in dem ihnen das ‚Reale‘ und Authentische gegenüberstehen. Als Genealogie der Geschlechter-Ontologie […] versucht unsere Studie vielmehr zu begreifen, wie die Plausibilität dieser binären Beziehung diskursiv hervorgebracht wird.“

Auch dies bleibt zweideutig:

Sicherlich ist richtig, daß jede begriffliche Unterscheidung (auch) diskursiv ‚plausibel‘ gemacht wird; sicherlich ist auch die Kategorie der Authentizität in Zweifel zu ziehen, denn jedes Selbst ist schon immer in ein Netz sozialer Beziehungen eingebunden, die die Suche nach einem authentischen Kern aussichtslos machen.

Soweit Butlers Text allerdings darüber hinaus zumindest suggeriert, daß es mehr Erkenntnissicherheit als Plausibilität nicht geben kann, und/weil auch zwischen Schein und Wirklichkeit, folglich also auch zwischen Wahrheit und Irrtum, nicht unterschieden werden könne, kann ihr wiederum nicht gefolgt werden: Denn es scheint so, als ob sich die Sonne um die Erde dreht, tatsächlich ist es aber andersherum. – Zu weiteren Zweideutigkeit in Butlers Argumentation s. unten Endnote 104 und 223.

11  „[A]ufgrund der differenziellen Struktur“ der gesellschaftlichen Verhältnisse ist „eine eindeutige Festlegung des individuellen Handelns undenkbar, d.h. die Determinierung des Individuums ist in dem Maße widersprüchlich, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind.“ (W. Schmidt 1980, 494 – Hv. d. Vf.In).

12  S. Althusser wie unten in Endnote 92 zitiert: „Verteilung dieser Stellen und Funktionen“.

13 

Vgl. Marx/Engels 1848, 471 f.: „In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und namentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben. […]. Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, […] sind […] nicht revolutionär, sondern konservativ. […]. Sind sie revolutionär, […] so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen.“

Sowenig, wie Marx und Engels im Falle der Klassenzugehörigkeit Konstruiertheit mit starrer Determiniertheit verwechseln, so wenig haben wir Anlaß der These von der Konstruiertheit der Geschlechtszugehörigkeit eine deterministische Lesart zu geben.

14  Vgl. C. Eichhorn 1994, 42 („semiologische[s] Universum der unaufhörlichen Verschiebung von Signifikanten“) sowie Rebentisch 1999, 27 wie in Endnote 12 zitiert.

15  Derrida (1971, 298) selbst schreibt, daß seine ganze „[f]olgende“ Argumentation in „Signatur Ereignis Kontext“ als „Ausbeutung [dies]er Logik“ gelesen werden kann. Diese „Logik“ ist allerdings eine etwas schwache Grundlage für die weitreichenden Schlußfolgerungen, die an die Andersheit (eventuell) geknüpft werden sollen. Ob diese Schlußfolgerungen beabsichtigt sind, bleibt allerdings in Anbetracht kryptischer Formulierungen (s. S. 51) unklar.

16  Vgl. diesbzgl. die – wenn auch vielleicht etwas schroffe – Skepsis von Annuß 1999, 97, 99 FN 20: „die Übersetzung dekonstruktiver Vorstellungen von Iterabilität, von der Wiederholung und notwendigen Verschiebung der Bedeutungszusammenhänge, in queer politics und -theory scheinen mir das verkehrte Handwerkszeug zu sein, um die heterosexuelle Matrix kritisch bestimmen zu können. Hier bedarf es einer sozialwissenschaftlich und historisch fundierten Forschung.“ (Hv. i.O.). „Für mein eigenes Forschungsfeld, die Literaturwissenschaft und die ästhetische Theorie, bietet die Dekonstruktion weitaus mehr Anknüpfungspunkte als Bourdieus soziologistischer Imperialismus […]. Was die Politische Wissenschaft und die Reflexion von Theorie-Politiken anbelangt, scheint mir hingegen der Rekurs auf die Dekonstruktion alles andere als tragfähig zu sein.“

13 

Dahin tendiert – trotz widersprechender Äußerungen von ihr selbst an anderer Stelle (s. dazu unten S. 41) – Butler 1993/94, 254: „Kein Signifikant kann radikal repräsentativ sein, denn jeder Signifikant ist der Ort einer andauernden méconnaissance [Verkennung]. […]. Dies hält den Signifikanten für neue Bedeutungen offen. Diese offenhaltende und performative Funktion des Signifikanten scheint mir ganz wesentlich zu sein für einen radikal demokratischen Begriff der Zukünftigkeit.“ (erste Hv. i.O.; zweite Hv. d. Vf.In). Nun kann aber daraus, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse anders werden müssen, wenn sie radikal demokratischer (ohnehin ein sehr vager – um nicht zu sagen: reformistischer* – Terminus) werden sollen, nicht geschlußfolgert werden, daß sie in jedem Fall demokratischer werden, nur weil sie anders werden (so auch die Kritik von Fraser 1991, 71: Butler scheine „den Wandel um seiner selbst willen zu schätzen“). Genau dies macht aber Butler, wenn sie Offenheit als solche als radikaldemokratisch bezeichnet.

Selbst radikal demokratische (geschweige denn: revolutionäre) Politik, die nicht nur eine auf vage Hoffnung beschränkt bleiben will, kann sich nicht auf das Postulat der Offenheit der Signifikanten beschränken, sondern muß selbst Vorschläge zur inhaltlichen Füllung der Signifikanten unterbreiten. – Eine andere und mit den Mitteln der Wissenschaft nicht zu beantwortende Frage ist freilich, ob eine solche (revolutionäre oder auch nur radikaldemokratische) Politik wünschenswert ist. Hier geht es nur um eine wissenschaftliche Analyse ihrer Erfolgsbedingungen.

* Reformistisch ist auch das Konzept der radikalen Demokratie, da es die Weiterexistenz des Staates voraussetzt (wenn es bei einer endlosen Demokratisierung bleibt).Vgl. Lenin 1918, 409: „Doch keinem der Opportunisten […] kommt es in den Sinn, daß hier [im Zusammenhang mit dem ‚Absterben des Staates‘] bei Engels [1876/94, 262] somit vom ‚Einschlafen‘ und ‚Absterben‘ der Demokratie die Rede ist. Auf den ersten Blick mag das sehr unverständlich erscheinen. Doch ‚unverständlich‘ bleibt das nur dem, der nicht bedacht hat, daß die Demokratie auch ein Staat ist und folglich auch die Demokratie verschwinden wird, sobald der Staat verschwindet.“

14  Vgl. auch C. Eichhorn 1994, 43: „Gegenwärtig, wo viel von einer Pluralisierung der Lebensstile, dem Anwachsen räumlicher, politischer und sozialer Mobilität, der Zunahme biographischer Wahlmöglichkeiten u.ä. die Rede ist, wenn es um die Entwicklungstendenzen in den kapitalistischen Zentren geht, kann eine ‚Vervielfältigung der Bedeutungen‘ und ‚Pluralisierung der Identitäten auch eine Anpassung an die Erfordernisse dieser Entwicklung gleichkommen.“ „Ein Beispiel ist der Zusammenprall von Interessen berufstätiger Frauen der weißen Mittelklasse in der Ersten Welt mit Interessen farbiger Frauen aus der Dritten Welt, die von ihnen als Haushaltshilfen beschäftigt werden. In Anbetracht dieser Art von Konflikt ist die unkritische verherrlichende Rede über die ‚Differenzen‘ der Frauen eine Mystifizierung.“ (Fraser 1991, 75). „Mit dem Übergang vom Singular zum Plural [von Frau/Feminismus zu Frauen/Feminismen, d. Verf.] scheint sich auch unter feministischen Akademikerinnen ein Habitus zu entwickeln, den man von Postmodernen wie Lyotard schon kennt: man behauptet immerzu, alles sei plural, nimmt selbst darin keine Position ein und ist im Zweifelsfall alles andere als pluralistisch.“ (Grimm 1994b, 161). „Seither ist die Erwähnung von mehreren Feminismen, Sexismen und Frauenbewegungen zu einer reinen Formsache geworden, fast schon reflexartig weist man Verallgemeinerungen als unzulässig und ‚reduktionistisch‘ zurück. Mit Pluralisierungen ist aber vor allem dann nichts gewonnen, wenn es bei den alten Zuordnungen bleibt.“ (Graw 1994, 146). Studer (2001, 116; s.a. 118 f.) sagt in Bezug auf die „amerikanische Gesellschaft“, daß diese eher von „Pluralisierung durch Atomisierung statt durch Akzeptanz und Integration“ gekennzeichnet sei.

15  Ich verdanke den Hinweis auf diese Möglichkeit meinen Kolleginnen im PromovendInnen-Kolloquium von Prof. Dr. Christina von Braun / Berlin.

16  „Wenn man Balibars These vom ‚Rassismus ohne Rassen‘ so versteht, wie er sie einsetzt, nämlich als rhetorischen Hinweis auf eine Verschiebung der dominanten rassistischen Artikulationsweise hin zu einem kulturalistischen Neorassismus, ließe sich die Analogie (Sexismus ohne Sex) in verschiedener Hinsicht weitertreiben: […] Ideologisch funktioniert dieser Gegenschlag jedoch nicht einfach nur über antifeministische Argumentationen, vielmehr finden sich darin auch Versatzstücke aus feministischen Diskussionen, vor allem solche, die die ‚Geschlechterdifferenz betonen. Wenn meine These vom Neosexismus, der selbst universalismuskritisch argumentiert, zutrifft, stellt sich u.a. die Frage, inwiefern der Differenz-Feminismus der 80er Jahre an der Verschiebung der Artikulationsweisen beteiligt war, indem er die andere ‚weibliche‘ Moral, Sprache, Sexualität etc. beschwor und dabei gängige Weiblichkeitsstereotypen affirmierte.“

17  So wie Marx (1858, 56 f., 60 f. und resümierend 1875, 20: „Das gleiche Recht ist […] dem Prinzip nach das bürgerliche Recht,“) für die Klassenverhältnisse gezeigt hat, daß rechtliche Gleichheit strukturelle Hierarchie nicht aus-, sondern einschließt, gilt es auch für das Geschlechterverhältnis (s. dazu: Heintz 2001a, 15) den Kurzschluß von einer ‚Semantik der Gleichheit‘ auf eine angeblich nicht-hierarchische Struktur zu vermeiden. In beiden Fällen gilt es freilich auch die Bedeutung der Umstellung von einer (feudalistischen oder biologistischen) Semantik der Differenz zu einer (bürgerlichen oder kulturalistischen) Semantik der Gleichheit (trotz Differenz) nicht zu unterschätzen.

18  Mit subjektivistischer Schlagseite („Übertragung der Entscheidungskompetenz auf das Individuum“), die den schon von Foucault und Althusser analysierten Prozeß der „subjektivierenden Unterwerfung“ (s. dazu S. 39, FN †, s. S. 74 sowie Endnote 241) – der auch und gerade im Kontext des Neo-Liberalismus von Bedeutung ist (s. dazu bspw. Miller/Rose 1990, 95-103 [bes. 101], Lazzarato 1995, bes. 48 f. m.w.N. in FN 9-15 auf S. 52 f. [über „die Produktion von Subjektivität“]; Seibert 1999, S. 26, Sp. III f. m.w.N.[„Selbständig in die Unterwerfung“]) – ignoriert, beschreiben Heintz/Nadai (1998, 78) diese „Verschiebung [d]er Reproduktionsmechanismen“ der Geschlechterdifferenz folgendermaßen: „Die Kontextualität der Geschlechterdifferenz ist dabei ein historisches Produkt. In den letzten Jahren ist es zu einer zunehmenden De-Institutionalisierung des Geschlechterverhältnisses gekommen. Im Anschluß an Brigitta Nedelmann verstehen wir […] unter ‚De-Institutionalisierung‘ eine Umstellung der Reproduktionsmechanismen von routineartigem Vollzug zu bewußtem und gezieltem Handeln. Damit verbunden ist eine wachsende Begründungspflicht für das eigene Handeln, instrumentelle statt intrinsische Handlungsmotivation und die Übertragung der Entscheidungskompetenz auf das Individuum.“ (Heintz/Nadai 1998, 77 f.). Demgegenüber bezweifeln Teubner/Wetterer (1999, 19), daß die stattgefunden habenden und weiterhin stattfindenden Veränderung mit einer solchen Gegenüberstellung von ‚Institutionalisierung‘ und „gezielte[m] sozialen Handeln“ adäquat erfaßt ist. Knapp (2001, S. 65, FN 4 unter Hinweis auf: Karin Gottschall, Soziale Ungleichheit und Geschlecht. Kontinuitäten und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen soziologischen Diskurs, Leske + Budrich: Opladen, 2000) hält die „These der ‚De-Institutionalisierung‘ sowohl theoretisch als auch empirisch [für] differenzierungsbedürftig“. Inzwischen betont auch Heintz (2001a, S. 15, FN 2) selbst, daß „De-Institutionalisierung“ nicht „Ent-Strukturierung“ bedeutet, womit sie anscheinend zum Ausdruck bringen willen, daß auch die „de-institutionalisierte“ Geschlechterdifferenz noch die gesellschaftliche Struktur entscheidend prägt.

19  Aus diesem im Grundsatz zutreffenden Befund, kann aber nicht die – wohl von Studer (2001, 120) intendierte – Schlußfolgerung gezogen werden, daß die Frage nach „Angleichung oder Neutralisierung“ der Geschlechterdifferenz für alle weitere Forschung von vornherein obsolet und nur nach den verschiedenen ‚Manifestationsformen‘ der Geschlechterdifferenz (und allenfalls deren „bis zu einem gewissen Grad“ erfolgende Abschwächung) zu fragen ist. Denn der Befund der Persistenz der Geschlechterdifferenz ist nur dann mit wissenschaftlichen Methoden erlangt (und folglich nur gültig), wenn er nicht bereits vor Durchführung der Untersuchung vorweggenommen ist.

16  Zu erinnern ist aber an feministische Positionen aus den 70er und 80er Jahre, die dies noch vehement bestritten hatten. S. dazu die Nachweise bei Tyler 1991, 41, 66, FN 32-34.

19  Demirovic 1992, 140, FN 11 – Hv. i.O. Das vollständige Zitat lautet: Differenzen sind also „nicht, wie häufig in der marxistischen Diskussion unterstellt, der Mechanismus, um die Einheit einer sozialstrukturell vorhandenen Klasse zu zerstören. Vielmehr werden umgekehrt die Individuen des Spiels ihrer polymorphen Differenzen beraubt und als Klasse, Geschlecht oder Rasse vereinheitlicht.“ Vgl. insoweit M. Jäger 1983, 49: „Bei Hegel […] geht der Spaltung die Einheit voraus; […]. Foucault entwickelt dagegen die Spaltung aus der Dispersion.“ S.a. ebd., 52 oben.

20 

Diese Einsicht war Ingrid Strobl (1991, 22) möglich, obwohl sie auf der Grundlage eines humanistischen Gleichheitsfeminismus argumentierte, der von „biologischer Differenz“ im Singular (verstanden als eindeutigem Unterschied zwischen „dem Manne“ und „der Frau“) sprach/spricht: „Die Gleichsetzung des Begriffes ‚Gleichheit‘ mit dem Manne ‚als Maß aller Dinge‘, also mit der Angleichung der Frau an den Mann und somit ihrer Nivellierung als Geschlecht, erliegt der alten Lüge der Differenz-Ideologie. Sie übernimmt die Definition des Gegners und beugt sich so seiner Macht, die immer eine Definitionsmacht ist. Das tertium comperationis ist nicht der Mann, sondern der Mensch. Ein bislang lediglich behaupteter jedoch noch nicht erreichter Zustand, der sich erst realisieren kann in einer Gesellschaft, die jede Wertung von Geschlechtern, Rassen-Klassen, negiert. […]. Nicht die Feststellung biologischer Differenz und ihrer sozialen Folgen, aber das Beharren auf biologischer Differenz als Wert perpetuiert hierarchisches Denken, perpetuiert Norm. Solange Menschen, Frauen wie Männer, biologische Differenz als Wert an sich anerkennen, liefern sie die TrägerInnen der Differenzen der Bewertung durch Macht, der Bewertung durch die jeweils herrschende Norm aus.“ „Es war immer derselbe Trick. Die Behauptung, Frauen wären ‚anders‘, war immer die Hauptwaffe im Kampf gegen jeden Befreiungsversuch der Frauen.“ (Strobl 1984, 59). Was auf der Grundlage der Stroblschen – im Gleichheitsfeminismus geläufigen – Unterscheidung zwischen der „biologischen Differenz“ und ihren „sozialen Folgen“ richtig war, gilt erst recht (vgl. Genschel 1996, 529 wie oben im Haupttext zitiert), wenn erkannt wird, daß bereits die Vereinheitlichung der vielfältigen (bspw. biologischen) „Differenzen“ zu zwei ‚eindeutigen‘ Geschlechtern ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Bereits die Vereinheitlichung der vielfältigen Differenzen (siehe Demirovic wie in FN 49), ihre Verfestigung (vgl. Genschel 1996, 529: „verschwindet der Prozeß der Herstellung ins Unsichtbare“) zu gesellschaftlichen Strukturen, ist ein (Produkt von) Herrschaftsverhältnis(sen). Deshalb konnte Schaper-Rinkel (1994a, 12) in ihrer Untersuchung der geschlechtlichen Arbeitsteilung im ‚Realsozialismus‘ folgende Position Lenins (1919b, 27) kritisieren: Die Schaffung von „mustergültige[n] Einrichtungen, Speisehäuser[n], Kinderkrippen, die die Frau von der Hauswirtschaft befreien sollen, […] hauptsächlich von den Frauen zu leisten ist. […] die Befreiung der Arbeiterinnen [muß] das Werk der Arbeiterinnen selbst sein“. Dies war bei Lenin bekanntlich kein kämpferischer, offensiver Separatismus (der vielleicht teilweise anders zu bewerten wäre). Deshalb konnte Schaper-Rinkel diese Position folgendermaßen kritisieren: „[…]; was Lenin […] übersah ist, daß allein schon die spezielle Zuständigkeit von Frauen (bzw. Männern) für bestimmte Arbeiten der sogenannten ‚Befreiung der Frau‘ entgegensteht.“ Mag auch die Parole ‚Die Befreiung der Arbeiterinnen [Frauen] muß das Werk der Arbeiterinnen [Frauen] selbst sein‘, im Sinne eines Bruchs mit der Illusion, die §Frauen könnten die Abschaffung des Sexismus als ‚Geschenk‘ der §Männer erwarten, richtig sein, so schlägt sie doch in ihr Gegenteil um, wenn sie als ‚Fesselung‘ von §Frauen an bestimmte gesellschaftliche Bereiche wirkt. Für diese Einsicht bedarf es allerdings nicht der Berufung auf den Stroblschen „Menschen“ als tertium comperationis, sondern nur Demirovics (oben zitierte) Kritik an der Vereinheitlichung „polymorpher Differenzen“ zu gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen.

Diese Abgrenzung von Strobl ändert aber nichts an der Richtigkeit von Strobls Einsicht, daß „Differenz“ immer ‚Herrschaft‘ im Schlepptau hat – auch wenn diese Einsicht bei Strobl von einer humanistischen Philosophie umstellt ist und von dieser befreit werden muß, um zur Geltung zu kommen. Denn nicht vom Standpunkt ‚der Menschheit‘ aus, sondern nur „vom Standpunkt der Unterdrückten und Ausgebeuteten aus […] kämpft man“, wie Brecht (1955/56, 650) gegen den Revisionismus* erinnerte, für das, was auch Brecht in einem halben Zugeständnis an den Revisionismus (immerhin handelt es sich um die Danksagung für die Verleihung des Stalin-Friedenspreises), „die Menschheit“ nennt (bei anderer Gelegenheit äußerte Brecht sich deutlicher „der Mensch ist der Kleinbürger“ [1931, 178]; s.a. Völker 1966, 144]). Denn die Bedingungen dieses Kampfes „erkennen“ und folglich die Mittel dieses Kampfes richtig bestimmen „kann man nur unter der absoluten Bedingung, daß der philosophische (theoretische) Mythos vom Menschen zu Asche reduziert wird“ (Althusser 1963/65, 179). Deshalb begründet Brecht in der zitierten Rede, nicht – wie der Namensgeber jenes Preises (der Erfinder der ‚Volksfront‘-Politik und des ‚Sozialismus in einem Lande‘**) von ihm erwartet haben dürfte -, warum „Der Friede […] das A und O [ist]“ (648 – dieser Ausgangspunkt wird von Brecht im folgenden de-konstruiert), sondern erinnert an die Lehren „der Klassiker des Sozialismus, die durch den großen Oktober neu belebt worden waren“ (649): „Nicht so ist es, daß ein zerstörerisches kriegerisches Element immer wieder die friedliche Produktion unterbricht, sondern die Produktion selbst gründet sich [im Kapitalismus] auf das zerstörerische kriegerische Prinzip.“ (650). Und deshalb darf – anders als Strobl meint – auch der Kampf gegen die „Differenz-Ideologie“ nicht im Namen ‚des Menschen als neutrum tertium comperationis‘ geführt werden, wenn der von ihr angesprochene „Befreiungsversuch der Frauen“ erfolgreich sein soll. Denn auch im Patriarchat ist es nicht so, daß der Krieg die friedliche Produktion unterbricht, sondern das Patriarchat ist Krieg; d.h.: einem friedlich-humanistischen Kompromiß nicht zuträglich.

* Der eingebürgerte Begriff des „Revisionismus“ wird hier (und in Endnote 168 und 226 sowie auf S. 78 in FN *) trotz seines Fehlers, auf die Revision (der Marx’schen Theorie) als solches und nicht auf den spezifischen Inhalt und dessen/deren Grundlosigkeit Bezug zu nehmen, verwendet. Anders als eingebürgert bezeichnet er hier allerdings nicht (nur) die von Bernstein und Chruschtschow vorgenommenen Revisionen, sondern auch die von Althusser (1972c, S. 98, FN 3, S. 105-108) so genannte „stalinsche Abweichung“, die von diesem „als eine Form der posthumen Rache der II. [sozialdemokratischen] Internationale“ (106), bezeichnet worden ist, da sie ebenfalls eine paradoxe Kombination einer sowohl ökonomistisch-deterministischen (‚Die Produktivkräfte sind das beweglichste Moment‘) und auch humanistisch-voluntaristischen („Der Mensch, das wertvollste Kapital“; „Die Kader entscheiden lassen“) Revision der Marx’schen Theorie darstellt (s. einerseits Stalin ‚Fragen des Leninismus‘ Moskau, 1947, 622, 669 zit. n. Buci-Glucksmann 1976, 180 bei FN 17; andererseits Althusser 1972c, 108; Lecourt 1976; zusammenfassend Lock 1976, 183).

** „Stalin [errichtet] seine Theorie vom ‚Aufbau des Sozialismus in einem Lande‘ auf einer Verstümmelung der Leninschen Problematik […], deren ‚nationalen Pol‘ er geltend macht“ (Thiry 1985, 1416).

21 

Erinnert sei bspw. an die feministische Diskussion über Schönheitsideale für Frauen, die gezeigt hat, daß diese (gerade auch in ihrem Wandel) keine bloßen individuellen Vorlieben einzelner Männer (oder auch der Frauen, die sich diesen beugen) sind, sondern nur im Zusammenhang der sexistischen – komplementär-hierarchischen – Gesellschaftsstruktur zu verstehen sind.

Oder ein anderes Beispiel: „Blond und blauäugig“ zu sein hat für den heutigen Rassismus in Deutschland sicherlich nicht die gleiche Bedeutung wie während der Herrschaft des Nationalsozialismus – dennoch prägt es weiterhin den rassifizierenden ‚Blick‘.

22  Sollten wir die Frage (die wir hier nicht diskutieren müssen) nach der historischen Existenz von Matriarchaten bejahen, so würde dies an dem Zusammenhang von Hierarchie und Differenz nichts ändern (womit noch nicht gesagt ist, daß alle Hierarchien der gleichen normativ-politischen Bewertung unterliegen müssen). – Ob die von Lenz/Luig (1990/95a) als geschlechtssymmetrisch beschriebenen Gesellschaften, die sie jedenfalls ausdrücklich nicht als Matriarchate bezeichnen, wirklich durch nicht-hierarchische Differenzen und nicht doch durch ein Machtgefälle zugunsten der dortigen Männer gekennzeichnet sind (s. dazu die folgende FN), bedürfte jedenfalls der eingehenden Prüfung, bevor die hiesige Annahme eines prinzipiellen Zusammenhangs von Hierarchie und Differenz zurückgewiesen werden könnte.

20  In feministischer Perspektive äußert Haug (2001b, Sp. 543) – am konkreten Beispiel von der These von den „geschlechtssymmetrischen Gesellschaften“ (Lenz/Luig 1990/95a) – Zweifel an der Möglichkeit nicht-hierarchischer Differenz. Anknüpfend an Luigs Äußerungen, „Dem aktive, erfolgreichen und fürsorglichen Jäger entspricht die begehrenswerte und selbstbewußte Frau“, schreibt Haug: „Luig interpretiert diesen Befund […] als Komplementarität, nicht als Unterordnung von Frauen, wobei sie freilich übersieht, dass die einen den eigenen Leib einsetzen, während die anderen ganz selbstverständlich Produkte aus vorhergehendem Tun einbringen; unbeachtet bleibt auch die Unterstellung, dass Sexualität nur einem Geschlecht zu eigen sei, vom anderen durch Tausch errungen werde.“ Haug legt nahe, daß jene These nur haltbar ist im Rahmen einer Konzeption, in der „Gleichwertigkeit“ eine „ideelle Größe“, unabhängig von Produktionsweise, ist. – Ebenfalls aus feministischer Perspektive äußern sich kritisch zur systemtheoretischen Unterschätzung des Zusammenhangs von vermeintlich bloß funktionaler Differenzierung und ‚Stratifizierung‘ (Knapp 2001, 68 m.w.N.) bzw. „Ungleichheit“ (Heintz 2001, S. 25 mit FN 10 m.w.N.).

21  Die „Herstellungsverfahren von ‚dem Anderen‘ [dienen] Ausgrenzungsmechanismen als Legitimationspraktiken.“ (Genschel 1996, 529).

22  Die richtige Feststellung aus dem ersten Satz des zuletzt angeführten Genschel-Zitates erlaubt freilich nicht den weitergehenden logischen Umkehrschluß, daß jeder soziale Unterschied immer auch Herrschaft ist. Aber auf der Ebene der sozialhistorischen Analysen spricht doch so viel für die im Haupttext dargelegte Annahme von Demirovic, Strobl und Genschel, daß zumindest Differenzen, die zu sozialen Gruppen vereinheitlicht/verfestigt werden, immer auch different bewertete Differenzen sind. Folglich erscheint es als sinnvoll, diese Hypothese an einem Beispiel (butch/femme-Beziehungen), das von vielen als ein Beispiel für nicht-hierarchische Differenzen aufgefaßt wird, zu überprüfen. Sollten sich in diesem Beispielsfall Herrschaft feststellen lassen, so wäre dies aber nur ein Indiz (kein Beweis) gegen die Hypothese von der Möglichkeit nicht-hierarchischer Differenzen (das umgekehrte Ergebnis wäre freilich eine Verifizierung der [und nicht nur ein Indiz für die] Hypothese, daß nicht-hierarchische Differenzen möglich sind, was aber wiederum nicht den Schluß erlauben würde, daß alle Differenzen nicht hierarchisch sind).

23 

Ursprünglich war geplant, in einem zweiten Schritt die institutionellen Kontexte (Parties, Travestie-Shows, mediale Darstellung von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen in Film und Werbung) und – quasi als ‚Gegenprobe‘ zur Befragung der geNOko-Praktizierenden im vorhergehenden Schritt – deren Wirkung auf die RezipientInnen in die Untersuchung einzubeziehen. Auf dieser Ebene sollte gefragt werden: Welche Auswirkungen haben diese Praxen einer begrenzten Subkultur auf die geschlechternormen-konform lebende Frauen und Männer*? Welches Wissen existiert – aufgrund punktueller persönlicher Kontakte oder aufgrund massenmedial vermittelter Bilder – von diesen non-konformen Verhaltensweisen? Welche Auswirkungen haben die geNOkos auf die konformen Verhaltensweisen? Gelingt es den/einigen (und wenn ja: welchen) non-konformen Verhaltensweisen die Grenze zwischen konform und non-konform, ‚wir‘ und ‚die Anderen‘, durchlässig zu machen (und was bewirkt dies ggf.: Eine Stabilisierung des status quo [durch Flexibilisierung] oder dessen Infragestellung?) oder wird sie durch Abwehrmechanismen verstärkt? Welche Darstellungen von geNOkos in Film und Werbung werden vom mainstream-Publikum als solche überhaupt wahrgenommen und mit welchen Wirkungen werden sie rezipiert? Unterscheiden sich diese Mechanismen (und wenn ja: wie) von Mechanismen, die für traditionelle Travestie-Darstellungen bspw. im Cabaret gelten? Dieser Teil des Forschungsprogramms ließ sich allerdings aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht realisieren. Dennoch dürfte auch mit diesen Fragen die Liste der möglichen Operationalisierungen der Frage nach der Subversivität von geNOkos noch nicht erschöpft sein; weitere Forschungsnotwendigkeiten bleiben also bestehen. –

Inzwischen liegt zu den angesprochenen Aspekten der Rezeption eine Untersuchung von Ute Bechdolf (1999) zur Rezeption von Musik-Videos, die die Zweigeschlechtlichkeit durchbrechen vor. Der für queer TheoretikerInnen ernüchternde Befund lautet: Derartige Videos stoßen bei jugendliche RezipientInnen – selbst als Mittel der Abgrenzung (‚Reibungspunkt in einer Entwicklungsphase‘) – auf deutlich weniger Interesse als konventionelle Geschlechterdarstellungen (vgl. E. Klaus 2001, S. 135, r. Sp., S. 136, li. Sp.).

* Hier wird bewußt in allgemeiner Form von „geschlechternormen-konform lebende[n]“ Personen gesprochen. Es geht also hier nicht nur um Normenkonformität im Bereich der Körperinszenierungen, sondern auch um Geschlechternormen-Konformität in anderen Bereichen. Denn zu fragen wäre ja, nach dem Beitrag von geNOkos zur Veränderung der bestehenden Geschlechterordnung insgesamt. Personen, die sich (immerhin) auf anderen Ebenen als der der Körperinszenierung den bestehenden Geschlechternormen verweigern, kommen daher als Vergleichsgruppe nicht in Frage (denn sie repräsentieren teilweise bereits eine Abweichung von der bestehenden Ordnung). Außerdem bewegen sie sich teilweise in den gleichen (sub)kulturellen Räumen, so daß bei dieser (‚Zwischen‘)gruppe ein größeres Wissen über und ein größeres Verständnis für geNOkos als bei normen-konformen Personen erwartet werden kann.

26  Vgl. insofern – trotz des problematischen Terminus „polare Spannung“ – Wohlrab-Saar 1993, 130: Die „in den ‚Methodischen Postulaten‘ [Mies 1978 …] vorausgesetzte Gemeinsamkeit und Empathie [von Frauen hat] auch Konsequenzen für die Konzeptionalisierung der Forschungsbeziehung. Erkennbar wird dabei auch, daß die polare Spannung von Wissenschaft und Lebenspraxis weit zugunsten der Lebenspraxis verschoben wird. Diese Tendenz ist sicher kein Spezifikum der Frauenforschung, sie findet sich in der Geschichte der qualitativen Sozialforschung auch an anderen Stellen.“ (Hv. d. Vf.In.). S. dazu auch Schöttler 1988a, 172 f., 176: „ Zwei Momente scheinen zusammenzukommen, die eine produktive Rezeption der französischen Anstrengungen auf diesem Gebiet [der Sprach- und Diskursanalyse] bisher behindert haben: (1) Die vergleichsweise späte und stets sehr selektive Rezeption der ‚Annales‘-Historie […]. (2) Die besondere philosophisch-hermeneutische Einfärbung der bundesdeutschen Historie, aus der sich bis heute eine eigentümliche Thematisierung von Sprachproblemen ergeben hat. In der Tat ist auffällig, daß die Frage der Sprache von deutschen Historikern nach wie vor fast ausschließlich in einem erkenntnistheoretischen Zusammenhang diskutiert wird, wie er positiv oder negativ durch die Fragestellung des Historismus abgesteckt ist. […] über den ‚strukturalistischen Angriff auf die Geschichte‘ (Alfred Schmidt), über den ‚Objektivismus‘ und die ‚Subjektfeindlichkeit‘ der strukturalistischen Thesen wußte man immer schon Bescheid – auch dann wenn die einschlägigen Texte nur sehr spät (und oft unleserlich) übersetzt wurden. Dies gilt nicht zuletzt für die ‚Neue Linke‘, die unter dem geschichtsphilosophischen Einfluß der Frankfurter Schule das theoretische Innovationspotential z.B. der Texte von Foucault, Althusser oder Lacan lange Jahre überhaupt nicht wahrnahm. Die Anhänger einer ‚emanzipatorischen Geschichtswissenschaft‘ machten da keine Ausnahme.“ (erste Hv. i.O.; zweite d. Vf.In). Siehe zur anti-historistischen (Übergang von der Diachronie zur Synchronie), anti-hermeneutischen und anti-subjektivistischen Stoßrichtung des Strukturalismus: Schöttler 1988a, 162 bei FN 20, S. 180. Siehe zum Versuch der „strukturalen semiologischen Analyse [… die] traditionelle Hermeneutik“ infragezustellen: Buchmann 1997, 4, Sp. III. Vgl. schließlich (wenn auch anscheinend auf der Grundlage eines sehr weiten Begriffs von Hermeneutik) die Kritik von Derrida (1971, 299, 313).

27  Puls (1979, 7) stellt diesem „kalten, abstrahierenden Blick“ der Wissenschaft als positives Gegenbeispiel das Werk E.P. Thompsons gegenüber, dessen Methode des „listening“ in dieser Szene als „empathische Fähigkeit ( …) zuzuhören“ gelobt wird (s. bspw. Groh 1980, 23; vgl. demggü. krit. dazu: Berking 1981, 108; Schrader 1980, 479 f., 481, 483 [beide gegen die Evidenz der „Erfahrung“, die angeblich nur ‚gehört‘ und protokolliert werden muß]; Johnson 1978, 39 f. m.w.N.; Kittsteiner 1981, 117 f. [beide zur sich aus jener Kritik ergebenen Notwendigkeit von Begriffen]; krit. spez. zum historistischen Erbe des Thompsonschen Nacherlebens/listenings: Breuer 1980, S. 592, r. Sp. Mitte, S. 593, li. Sp. unten; Lindenberger 1988, 175 unten. Zu dennoch bestehenden Differenzen zwischen dem kontinentalen Hegel-Marxismus der Kritischen Theorie und Thompsons britischen Empirismus, der wohl darauf hinausläuft, nicht nur – wie die Kritische Theorie – wissenschaftliche Begriffe, sondern auch (die hegel-marxistischen) philosophische[n] Kategorien der Frankfurter Schule abzulehnen, s.: Lindenberg 1988, 1980 oben, 184 f. Dennoch scheinen auch in der britischen Debatte hegel-marxistische Argumentationsfiguren (hier: Subjekt/Objekt-Dialektik) eine Rolle zu spielen, wie Stedman Jones [1979, 201] Karikatur der vorherrschenden Theoriefeindlichkeit zeigt: „Social production is both objective and subjective. […]. Objective and subjective are not separated moments, they are always passing from one to another. […]. You must get out of that fetishistic way of thinking – it’s a product of capitalism.“).

28  Wallerstein et al. (1996) stellen diese Kritik dort (72) vor allem in den Kontext des Vorwurfs des Euro- und Androzentrismus gegen die Sozialwissenschaften. Auf S. 58 weisen sie aber auch darauf hin, daß dieser Vorwurf „bis zu einem gewissen Grad eine bloße Wiederholung früherer Kritiker“ ist, die diesen Disziplinen vorwarfen ein „bürgerliches Unternehmen“ zu sein, und datieren diese Kritik auf die Zeit ab „Ende der sechziger […] Jahre“ (54).

29  Vgl. Therborn 1970, 75, 82.

30  Zum historizistisch-lebensphilosophischen, wissenschaftsfeindlichen Erbe des Hegel-Marxismus, das seinerseits auch auf Hegels idealistische Vorliebe für die ‚philosophische Vernunft‘ [im Ggs. zum ‚(natur)wissenschaftlichen Verstand‘] zurückverweist (Colletti 1970a, 129 f. = b, 143 f.; Stedman Jones 1973, 119), s.: Colletti 1970 a, 145-147 = b, 148; Stedman Jones 1971a, 39-55; Therborn 1970, 67 f., 75, 82: „[…], when examined from the epistemological point of view, the difference between critical theory and traditional theory turns out to be the difference between classical philosophy and modern science. […]. The revolutionary intellectuals of Western Europe in the 1920’s, stepped in the Hegelian tradition, carried on the earlier fight of German historicism for a conception of social and historical theory different from the natural sciences. […]. The main offender [für Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung] is not the market and the relations of production, but the natural science“.

31  Wohlrab-Sahr 1993, 130 unter krit. Hinweis auf Modelmog 1991.

32  S. dazu die verkitschte Position des jungen Marx, die er schon wenig später (beginnend mit den Feuerbach-Thesen) aufgeben wird: „Wo also [ist] die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation? Antwort: In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besonders Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf einen menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einzigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.“ (Marx 1843/44, 390 – Hv. teils d. Vf.In, teils i.O.; weitere Originalhervorhebungen getilgt). Diese Sichtweise kann allerdings – je nach Weltbild – umstandslos auf andere gesellschaftliche Gruppen, bspw. die Frauen übertragen werden: „Frauen […] befinden sich […] auf dem extremen Gegenpol zu Kapital und Staat: ganz unten. Feministischer Kampf ist Klassenkampf von ganz unten gegen das gesamte System.“ (insofern unzutr.: Schweizer Feministinnen 1990, 67). „der feminismus […] mit dem umfassendsten anspruch: die befreiung der frauen weltweit, muß in theorie und praxis antworten auf die weitreichendsten politischen fragen finden. Der feminismus muß die allgemeinste und somit die konkreteste perspektive zur befreiung aller frauen und damit auch aller männer weltweit beinhalten.“ (insofern ebenfalls unzutr.: Frauen/Lesben aus Gießen 1993, 77).

33  „Die Selbsterkenntnis des Arbeiters als Ware ist […] bereits […] praktisch [… sie] vollbringt eine gegenständliche, struktive Veränderung am Objekt ihrer Erkenntnis.“ (Lukács 1923, 353). Für Lukács, so bringt Stedman Jones (1971a, 52) diesen Idealismus auf den Punkt, „consciousness is itself a practice which alters its object“ (Hv. i.O.). Zur Konzeption des ‚identischen Subjekt-Objektes‘ bei Hegel und Lukács vgl. Kimmerle 1978, 26 f., 29 f.; Nemitz 1979, 56; Stedman Jones 1971a, 30 f., 52. Von der Kritischen Theorie wird Lukács‘ Konzeption als „Self-knowledge of the Object“ reformuliert, wobei das „Objekt“ generell „man and the social reality (created by Man)“ (und nicht mehr spezifisch das Proletariat) ist (Therborn 1970, 76, 77, s. krit. dazu 77-79).

34  Nach dieser Konzeption (s. auch Endnote 63) ‚gehört‘ die Wissenschaft „der ‚aufsteigenden‘ Klasse […], deren Interesse mit der prometheischen Bestimmung des Menschen zusammenfällt.“ (Bras 1985,1984 vgl. auch Lecourt 1976, S. 130 [Humanismus], S. 141, FN 21 [„das Proletariat […] als Träger einer Aufgabe gedacht, die von Anfang an in den rudimentären Assoziationsformen der Menschen enthalten ist“, S. 142, FN 21: [‚Wissenschaft des neuen Menschen‘]; Althusser 1965/68, 188 f.: „Dieser ‚linksradikale‘ Humanismus bezeichnete das Proletariat als den Träger und Verkünder des menschlichen Wesens selbst.‘). Grundlage dafür ist die Auffassung der Ideologie, die nach dieser Konzeption auch „die Wissenschaft umfaßt“, „als Ausdruck des Subjekts“. Diesem subjektiven Ausdruck wird da Objektivität zugeschrieben, „wo die subjektive Weltanschauung einer ‚aufsteigenden Klasse‘ die Totalität der Gesellschaftsformation einschließt. Bekannt ist der Aspekt des Arguments, den Lukács, Korsch u.a. auf das Proletariat und die ‚proletarische Wissenschaft‘ anwandten: Da das Proletariat seinem Wesen nach eine universale Klasse ist, hat sein subjektives Bewußtsein universalen Charakter; aber ein universales subjektives Bewußtsein ist zwangsläufig objektiv, also wissenschaftlich“ – so Lukács, Korsch und andere (Poulantzas 1968, 196, FN 5). – Auch die Wissenssoziologie Karl Mannheims schreibt einer Gruppe, der „freischwebenden Intelligenz“, die Fähigkeit zu, eine allgemein-gültige Perspektive zu synthetisieren (synthesizing), s.o. S. 47, FN *.

35  S. dazu für den Bereich der Frauenforschung noch einmal Wohlrab-Sahr 1993, 130 (wiederum unter krit. Hinweis auf Modelmog 1991). Für den malestream der qualitativen Sozialforschung vgl.: Gebauer/Wulf 1992, 11 (wie unten S. 144 zitiert).

27  „Übersetzt wird mittlerweile nicht mehr bloß von der traditionellen Geistesgeschichte in den Feminismus, sondern von einer poststrukturalistischen Theoriebildung zurück in die Geistesgeschichte. Die entscheidende Kategorie für diese Übersetzung ist nach wie vor das Geschlecht des Autors“, aus dem die Parteilichkeit abgeleitet wird (Hahn 1990, 228 oben, s.a. 228 unten, 229 oben).

28  Zu Beginn des oben angeführten Satzes heißt es bei Ferguson, es gebe „hier“ – d.h. zwischen Genealogie und Hermeneutik – „keinen Streit mit dem [gemeint ist wohl: „über den“, Anm. d. d. Vf.] Positivismus, denn beide Positionen verwerfen die konventionelle Korrespondenztheorie“. Damit reduziert Ferguson die möglichen Positionen zu dieser Frage auf einerseits Genealogie und Hermeneutik und andererseits Positivismus. Dies ignoriert aber den dialektischen Materialismus, die tatsächliche Gegenposition sowohl zu Hermeneutik und idealistischen Versionen von Diskurs-Analyse als auch Positivismus, den der dialektische Materialismus allerdings (anders als die Hermeneutik) nicht kritisiert, weil er ‚zu materialistisch‘ ist, sondern weil er (wie jeder Rationalismus) ein inkonsequenter Materialismus ist (Balibar 1976b, 231 f.; Balibar 1976c, 22: s.a. Stedman Jones 1971a, 41: „Kantianism was attacked, […] for its half-heartedness about science – its doctrine of the think-itself, which Engels had labelled as a species of agnosticism.“ – Nicht weniger verwirrend ist Fergusons Umgang mit dem Begriff Hermeneutik. Sie subsumiert zu recht feministische und proletarische Standpunkt-Epistemologien unter diesen Begriff (s. Ferguson 1991, 876 f., 879). Nicht recht nachvollziehbar ist allerdings, daß sie derartig subjektivistischen Ansätzen (vgl. 877) ein Interesse an der „Aufdeckung der Wahrheit“ (875, vgl. auch 876) bescheinigt. Dies ist allenfalls insoweit erklärlich, als sich deren Wahrheitsanspruch nicht auf objektive Erkenntnis, sondern auf politisch-moralische Richtigkeit bezieht.

29  Siehe dazu unten Endnote 118.

30  Und so ist es denn auch kein Wunder, daß bei Foucault und Laclau die Wende zum Idealismus mit einer Abkehr vom Strukturalismus einhergeht: Die „[…] Aufgabe […] besteht nicht – nicht mehr“ (lies: wie noch im Strukturalismus) „– [darin], die Diskurse als Gesamtheit von Zeichen (von bedeutungstragenden Elementen, die auf Inhalte oder Repräsentationen verweisen), sondern als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“ (Foucault 1981, 74 zit. n. Rippel/Münkler 1982, 122 bei FN 29). „[…] es wäre falsch, die Gesellschaft als eine Überlagerung unterschiedlicher Zeichensysteme zu begreifen, von denen die Sprache nur eines wäre – […]. Dies war, wie man weiß, das ursprüngliche Projekt der Semiologie. Es wurde zunehmend aufgegeben, indem man begriff, daß alle anderen Zeichensysteme in ihrer Konstitution von der Präexistenz der Sprache abhängen.“ (Laclau 1982, 16, vgl. auch ebd., 18 die wohl als Distanzierung gemeinte Aussage: „Eine strukturalistische Frage, die meistens zugleich funktionalistisch ist, erlaubt auch nur strukturalistische Antworten.“ Diesen Bruch Foucaults und Laclaus mit dem Strukturalismus bestätigt auf seine Weise auch Welsch (1987, 141) – auch wenn er die strukturalistische Position mehr karikiert als beschreibt und auch die Gleichsetzung von Poststrukturalismus und Postmoderne fragwürdig ist: „Im Strukturalismus kulminierte die Mathesis-universalis-Tradition der Neuzeit, in Poststrukturalismus und Postmoderne tritt deren Gegentradition ans Licht.“ Demgegenüber distanziert sich Butler, die den Linguistizismus Foucaults kritisiert (s. unten Endnote 223), vom Begriff „Postmoderne“ und bevorzugt die Begriffe „Poststrukturalismus“ und vor allem „Dekonstruktion“ (Butler 1991a, 32-35, 47; 1993/94, 30).

31  Das folgende ist im gewissen Sinne ein Plädoyer für ein ‚Zurück in die 60er Jahre‘ – zurück zum Strukturalismus, zurück zu Bachelard und zurück zu Austin. Dabei spielt vielleicht auch politische Nostalgie eine Rolle („Um Lévi-Strauss, Lacan, Foucault, Althusser, Derrida und Barthes herum – grosso modo – bildete sich eine Interpretation des Strukturalismus heraus, die fortschrittlich war, die einen revolutionären Anspruch hatte, […]; deshalb war das eine politische Frage, die sich um den sogenannten ‚Humanismus‘ und ‚Antihumanismus‘ drehte, […].“ [Pêcheux/Gadet 1982, 390]). Aber auch von der Sache her scheint dieses Plädoyer gerechtfertigt. Denn es sind keine überzeugenden Argumente ersichtlich, die für eine Abkehr von der strukturalistischen „Ablehnung des existentialistischen Historismus und Subjektivismus“ (Schöttler 1988a, 162) sprechen. Das heißt auch: Es sind bspw. keine Argumente für des späten Foucault Wende zurück zum Subjekt (Kammler 1986, 203: „altbekannte[r] Privatismus“) erkennbar. Strobl (1984, 59) weist – unabhängig von Foucault – aus feministischer Perspektive mit Recht auf folgendes hin: „Der Satz [‚Das Private ist politisch‘] besagt/e aber nie, daß es schon politisch sei, zu privatisieren.“). Auch spricht nichts für Foucaults Wendung zunächst gegen den „Willen zur Wahrheit“ (1970, 33) und dann gegen die Objektivität der Wahrheit („[…] das Problem [besteht] nicht darin […], Unterscheidungen herzustellen zwischen dem, was in einem Diskurs von der Wissenschaftlichkeit und von der Wahrheit, und dem, was von etwas anderem abhängt, […].“ (Foucault 1977a, 34 [vgl. b, 79]; s. krit. dazu: Plumpe/Kammler 1980, 217 f.; Kammler 1990, 50: ‚politizistischer Wahrheitsbegriff‘). Diese Foucaultschen Wenden bieten nur ein Alibi dafür, längst kritisierte – hermeneutische und historistische – hegel-marxistische Positionen samt deren relativistischen Wahrheitsbegriffs mit dem Schein ‚postmoderner Neuigkeit‘(Hofmann 1997, 6 [„neue Bescheidenheit“], 5 [„um es postmodern zu formulieren“] zu versehen. – Zur Verdrehung, die auch Althussers Konzepte im Zuge dieser Wende in der Rezeption erfahren haben, s. unten Endnote 118.

28  Der Terminus „Vervollständigung“ ist freilich etwas unklar. Sicherlich stellte die Aussage, die auf einen Referenten referiert, eine ‚Ergänzung‘ des Referenten in dem Sinne dar, daß damit der Gesamtheit der diskursiven und außer-diskursiven Phänomene etwas hinzugefügt wird (nämlich die fragliche Aussage); der Referent, auf den sie referiert, existierte aber zuvor schon vollständig (sofern die fragliche Aussage wahr ist, also nicht auf etwas referierte, das gar nicht existiert).

29  S. Austin (1955a, 27), wo er den Begriff „konstative Äußerung“ einführt und ihn dadurch definiert, daß eine solche Aussage ‚wahr oder falsch‘ sein kann. Auf S. 26 wendet sich Austin vorher allein dagegen, anzunehmen, daß statements [Plural ohne Artikel!] „einzig und allein“ dazu benutzt werden, „eine Tatsache zu behaupten“; er behauptet auch dort nicht, daß Aussagen nie benutzt werden (können), um eine Tatsache zu behaupten. Auf S. 29 führt er den Begriff „performative Äußerung“ ein und sagt, daß es sich um eine bestimmte „Art“ von Äußerung handelt (daß es also auch noch Äußerungen anderer Art gibt). An all dem ändert auch die später eingeführte Unterscheidung zwischen illokutionären und perlokutionären Sprechakten nichts. Denn zu ersteren gehören auch Akte, die „beschreiben“ oder „informieren“ – also konstatieren (aber auch solche, die „warnen“ oder „appellieren) (116). Es handelt sich um den Fall eines „Akt[es], den man vollzieht, indem man etwas sagt“ (117 – Hv. i.O.): Die Beschreibung, Warnung etc. wird im Sprechen vollzogen. Ganz anders gelagert ist der Fall bei der zweiten Gruppe: Zu ihr gehören die Sprechakte, die dabei „auch noch eine weitere Handlung vollziehen“ (118 – Hv. d. Vf.In) (präziser wäre zu sagen: bewirken; im engl. Original [Austin 1955c, S. 101] steht: perform; in der kast. Übersetzung [Austin 1955b, S. 145]: realizar). Auch dieses Kriterium trifft nicht auf alle Äußerungen zu, vielmehr können wir die Gruppe der perlokutionären Sprechakte von anderen Sprechakten „unterscheiden“ (Austin 1955a, 119), nämlich bspw. von den schon genannten illokutionären. Und vor allem ändern auch die perlokutionären Sprechakte nichts an der Unterscheidung zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Praxen. Denn diese weitere Handlung muß extra – und zwar in der Regel außer-diskursiv (es sei denn, es wurde ein weiterer Sprechakt bewirkt) – vollzogen werden (vgl. den Unterschied zwischen der Perlokution „Er hat mich dazu gebracht, sie zu erschießen“ und der Illokution „Er hat mir befohlen, sie zu erschießen“ [199]). Das Befehlen im letzteren Fall wird durch den (diskursiven) Befehl selbst vollzogen; das tatsächliche Erschießen (vorletztes Beispiel) extra vollzogen. Die materielle Veränderung – Tod der Erschossenen – wird nicht (allein) durch eine perluktionäre Äußerung, sondern von einer materiellen Handlung, dem Schießen, bewirkt. Und auch am Ende seiner Vorlesung hält Austin an der Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen fest, auch wenn er sie nicht mehr als dichotomisch kennzeichnet, sondern nach dem Modell der Familienähnlichkeit auffaßt (168). Aber auch, daß bei einigen Äußerungen schwer zu entscheiden ist, ob sie konstativ sind oder performativ sind (weshalb sie nur als ‚ähnlich‘ aufgefaßt werden), heißt nicht, daß alle Äußerungen performativ sind. Und selbst, wenn wir annehmen, daß in bestimmten Situationen die konstative Äußerung „Es ist minus 15 Grad“ einen perlokutionären Aspekt hat (vgl. 164) – „Zieh Dir Handschuhe an“ bspw. –, dann ist sie trotzdem allenfalls – im Erfolgsfalle – performativ in Bezug auf das Handschuheanziehen und nicht in Bezug auf die Temperatur. Auch ein (schieds)richterliches (Fehl)urteil (vgl. 171) ist nur performativ in Bezug auf die Folgehandlungen: Es wird so weiter gehandelt, als ob die Verurteilte die Täterin, der Ball im Tor war etc. Dies ändert aber nichts daran, daß „der Inhalt eines Urteils wahr oder falsch ist“ (ebd.). Der wahre Täter wird durch die Verurteilung eines Unschuldigen nicht zum Nicht-Täter, sondern als Täter verkannt und folglich wie ein Nicht-Täter behandelt. Trotzdem bleibt er – auch wenn der/die Falsche verurteilt wird – der tatsächliche Täter. Dieses Verkennen ändert am tatsächlichen Tatablauf genauso wenig wie ein Späterkennen (der Täter wird erst nach Ablauf der Verjährungsfrist erkannt). Weder das Fehlurteil noch der Ablauf der Verjährungsfrist können die Vergangenheit nachträglich ändern. Ein (Fehl)urteil ist nicht performativ in Bezug auf die Vergangenheit, über die es urteilt, sondern performativ in Bezug auf die Rechtsfolgen.

30  Das vollständige Zitat lautet: „Es ist nicht immer so; aber es gehört zur Möglichkeit d[..]er Aussage, daß sie gebildet werden und als leere oder von ihrem Referenten abgeschnittene Verweisung funktionieren kann.“ (Derrida 1971, 302 – Hv. d. Vf.In). D.h.: Eine Aussage hat einen („ihren“!) Referenten; die Aussage kann selbst dann funktionieren, wenn der Referent abwesend ist (sie von ihm „abgeschnitten“ ist), aber sie kann auch („[e]s ist nicht immer so“) funktionieren, wenn der Referent anwesend ist!

31  Des weiteren erkennt Derrida an, daß die „Abwesenheit des Referenten und selbst des bezeichneten Sinns“ zwei Möglichkeiten sind, die einer „bezeichnenden Form“ – einem Signifikanten – ‚zustoßen‘ können: Es bestehe „nicht allein [die Möglichkeit eine bezeichnende Form] in Abwesenheit ihres ‚Referenten‘ [zu] wiederhol[en …], was sich von selbst versteht, sondern auch in Abwesenheit eines bestimmten Bezeichneten oder der augenblicklichen Bedeutungsintention“ (1971, 301). Auch dies impliziert, daß Derrida zwischen Referenten (‚äußerem‘ Gegenstand) und Bedeutung (der Aussage selbst) (Signifikat) unterscheidet.

31  Etwas anderes gilt allenfalls, wenn – und dann kann sich aber ggf. nicht mehr auf Saussure berufen werden – der Signifikant nicht als bezeichnendes Lautbild, sondern als Zeichen definiert wird. Dann gibt es drei Möglichkeiten: Die (1.) Möglichkeit besteht darin, zumindest konsequent vorzugehen und folglich das Zeichen auch nicht mehr als Einheit von bezeichnendem Lautbild und bezeichneter Vorstellung zu bezeichnen, sondern (nur) Zeichen und Lautbild synonym zu verwenden. Es bestände dann insoweit kein Unterschied zu Saussures Auffassung: Das Primat des Signifikanten über das Signifikat ist das Primat des Lautbildes über die Vorstellung. Die (2.) Möglichkeit besteht darin, Signifikant und Zeichen synonym zu verwenden, aber an Saussures Definition des Zeichens als Einheit von Lautbild und Vorstellung festzuhalten. Daraus würde dann folgen: Das Primat des Zeichens (Lautbild + Vorstellung) über die Vorstellung. Soweit die Annahme eines solchen Primats – die die Saussuresche Unterscheidung zwischen signe, signifiant und signifié zugunsten einer Zweiteilung aufheben würde – überhaupt Sinn haben kann, wäre es wohl eine Art hegelscher expressiver Totalität, wo jedes Teil (pars totalis) bloß Ausdruck des Ganzen ist (also eine nicht gerade besonders strukturalistische Vorstellung). Und die (3.) Möglichkeit besteht darin, nicht nur den Saussureschen Begriff des Signifikanten, sondern auch den Saussureschen Begriff des Signifikats so umzudefinieren, daß der Signifikant das Zeichen und das Signifikat (nicht die bezeichnete Vorstellung, sondern) der bezeichnete Gegenstand ist. Dann ergäbe sich aus dem Primat des Signifikanten über das Signifikat in der Tat die idealistische Auffassung, daß das Zeichen seinen Referenten produziert. Das ist aber eindeutig nicht Saussures Auffassung, der vielmehr schrieb: „Ich nenne die Verbindung der Vorstellung mit dem Lautbild das Zeichen [signe]; […].“ (1915, 78). „[…] die im sprachlichen Zeichen enthaltenen Bestandteile [sind] alle beide psychisch […]. Das sprachliche Zeichen vereinigt in sich nicht einen Namen und eine Sache, sondern eine Vorstellung [signifié] und ein Lautbild [signifiant]“ (1915, 77; die Einfügung der französischen Termini folgt dem Register, S. 284, 290). Und in anderem Zusammenhang: „Es ist zu bemerken, daß wir hier Sachen, nicht Wörter definiert haben. […] es ist die verkehrte Methode, von Wörtern auszugehen, um Sachen zu definieren“ (17). D.h.: Saussure definiert das Zeichen als psychisch und erkennt an, daß es außerhalb des Zeichens die bezeichnete Sache gibt.

32  „[B]eliebig“ ist die ‚Verknüpfung‘ zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem nur in dem Sinne, daß zwischen beiden „keinerlei innere Beziehung“ besteht (Saussure 1915, 79 – Hv. d. Vf.In); diese Formulierung soll aber „nicht die Vorstellung erwecken, als ob die Bezeichnung von der freien Wahl der sprechenden Personen abhinge“ (ebd., 80). Soweit einmal eine Verknüpfung zwischen Bezeichneten und Bezeichnendem festgelegt ist, „ist man gezwungen, sie zu gebrauchen“ (vgl. ebd.) (und sei es in Form einer ‚Übersetzung‘) – oder aber unverstanden zu bleiben.

33  „Das sprachliche System ist ein System von Differenzen, ‚eine Form, keine Substanz‘. Ein Element dieses Systems, ein sprachliches Zeichen, ist nicht durch irgendeinen ‚Inhalt‘, mit dem es unlösbar verknüpft wäre, definiert. Es läßt sich nur durch Merkmale adäquat beschreiben, die es von den anderen Elementen des Systems unterscheidet.“ (Suchsland 1992, 21). „Das einzelne Zeichen hat keinen positiven Charakter. Vielmehr ist es durch seine Beziehung zu anderen Zeichen, durch die negative Abgrenzung zu ihnen, gekennzeichnet.“ (Pagel 1989, 45). „[…] nur unter Verweis auf das Sprachsystem läßt sich der Prozeß der Signifikation, der Bedeutungszuweisung, angemessen erklären.“ (Rothfield 1990, 833 – Hv. d. Vf.In).

34  Stedman Jones 1979, 200 (dort in Bezug auf die Bedeutung des Werkes von Marx): „[…] historical scholarship can reconstitute the context of Marx’s theory, how it came to certain questions, why it ignored others, [… etc.]. Such research will not remove the possibility of variant interpretations. But it can at least establish a firm limit to the range of plausible variation“ (Hv. d. Vf.In.).

35  „[…] wäre eine performative Äußerung möglich, wenn kein Zitat als Double die reine Einmaligkeit des Ereignisses spaltete, von sich selbst trennte? […] Man muß sich hier darüber einigen, was es mit dem ‚Eintreten‘ oder der Ereignishaftigkeit eines Ereignisses auf sich hat, das in seinem angeblich gegenwärtigen und einmaligen Auftreten die Intervention einer Äußerung voraussetzt, die an sich nur eine wiederholende oder zitathafte, oder vielmehr […] eine iterierbare Struktur haben kann.“ (Derrida 1971, 309 f. – Hv. d. Vf.In). Welches Argument hat Derrida dafür, daß nur das Einmalige eindeutig ist? Keines. Wer/welche behauptet denn die „angeblich[e]“ [!] „reine Einmaligkeit“ des Auftretens von Äußerungen/Ereignissen, die Derrida zurückweisen will?! Es handelt sich hier um seine eigene – aber keinesfalls notwendige – Voraussetzung, die er für das Anerkennen der Existenz eindeutiger Aussagen macht, die er hier als nicht gegeben beweisen will! Alles stützt sich also in der Tat allein auf die „Ausbeutung“ jener angeblichen „Logik […], welche die Wiederholung mit der Andersheit“ und – umgekehrt – die Einmaligkeit mit der Eindeutigkeit verbinden sollen (298)! Und weil Derrida performativen Äußerungen noch am ehesten diesen ‚einmaligen‘, „ereignishaften“ Charakter, der s.E. notwendig ist für die Eindeutigkeit einer Äußerung, zuspricht, fühlt er sich „berechtigt […], die allgemeine graphemische [d.h. iterierbare] Struktur einer jeden ‚Kommunikation‘ zu behaupten“ – d.h. die Iterierbarkeit als „strukturelles Merkmal“ (im o.g. Sinne) auch der konstativen Äußerungen, die er als weniger ‚ereignishaft‘ ansieht, zu behaupten.

36  Austin 1955a, 37: „Versuchen wir […] einige von den Dingen schematisch festzuhalten, ohne die keine performative Äußerung glatt und ‚glücklich‘ läuft […]: (A.1) Es muß ein übliches konventionelles Verfahren mit einem bestimmten konventionellen Ergebnis geben; zu dem Verfahren gehört, daß bestimmte Personen unter bestimmten Umständen bestimmte Wörter äußern.“ Was ist dies anderes als eine Umschreibung der Tatsache, daß eine performative Äußerung im gewissen Sinne immer ein ‚Zitat‘ ist – ein Zitat jener „bestimmte[n] Wörter“, die im Rahmen jenes „konventionellen Verfahrens“ festgelegt sind?! Was hat Derrida gegen Austin einzuwenden?!

32  Als weiteres Argument gegen Derrida kommt hinzu, daß sich Derrida (1971, 308 f.) einerseits daran stößt, daß Austin sog. nicht ernstgemeinte Äußerungen (bspw. auf der Bühne) aus seiner Untersuchung ausschließt (wogegen Derrida geltend macht, daß diese Zitathaftigkeit [des auf der Bühne Gesagten] nur eine „Modifikation einer allgemeinen Zitathaftigkeit – einer allgemeinen Iterierbarkeit vielmehr –“ sei), andererseits dann aber doch (S. 310) zugesteht, daß sich verschiedene „Arten von Iteration innerhalb einer allgemeinen Iteration“ unterscheiden lassen.

33  S. die Saussure-Zitate am Ende von Endnote 76.

34  „Die Sprache, als System der Bezeichnung, wird von all dem unterschieden, das bezeichnet wird, von der äußerlichen Sphäre der Referenten wie von der begrifflichen des Gedachten.“ (S. Weber 1986, 108).

35  S. oben in und bei Endnoten 74 und 75.

36  Wie sollen wir es anders als im Sinne einer Korrespondenztheorie der Wahrheit verstehen, wenn Saussure (1915, 5) bspw. bestimmte „irrige Begriffe […], denen gar nichts in der Wirklichkeit entspricht, und die den wirklichen Verhältnissen jeder Sprache fremd sind“, kritisiert? Wenn irrige Begriffe dadurch definiert sind, daß ihnen „nichts in der Wirklichkeit entspricht“, dann sind ja wohl wahre Begriffe dadurch definiert, daß sie der Wirklichkeit entsprechen, oder?!

37  Im unmittelbaren Anschluß an das angeführte Zitate betont Austin (1955a, 164), daß er damit „nicht etwa eine pragmatische Theorie, nach der Wahrheit nur das ist, womit man arbeiten kann und so weiter“, vertritt. Auf die „Absicht hinter der Äußerung“ und deren Realisierung stellt er vielmehr nur insofern ab, als das Zutreffen einer Äußerung „nicht nur davon abhängt, was die Wörter bedeuten, sondern auch davon, welche Handlung man mit der Äußerung unter welchen Umständen vollzogen hat“. Für den – im hiesigen Zusammenhang allein interessanten – Fall, daß mit einer Äußerung nur eine Feststellung vollzogen werden soll, verursacht dies keine besonderen Probleme. Schwieriger zu beantworten ist allein die Frage, welche illokutionären Elemente hinzukommen müssen, damit aus einer konstativen Äußerung eine Warnung wird – was erforderlich ist, damit eine Äußerung nicht nur als Feststellung, sondern auch angesichts der Absicht zu warnen, „richtig“ ist. D.h.: Was notwendig ist, damit die Äußerung nicht nur in Bezug auf die Tatsachen zutreffend, sondern auch richtig in Bezug auf diese Absicht zu warnen ist. Diese Schwierigkeit hinsichtlich der Illokution stellt aber keineswegs die im Haupttext postulierte Möglichkeit in Frage, konstative Äußerungen an den Tatsachen zu ‚messen‘.

38  Daß es möglich ist, den Wahrheitsgehalt einer Aussage an den Sachverhalten, auf die sie referieren, zu messen, scheint Derrida auch dann zuzugestehen, wenn er – wie bereits zitiert – davon spricht, daß sich die begriffliche Ordnung „an der [… nicht-begrifflichen Ordnung] artikuliert“ (Derrida 1971, 314), oder wenn er (in Bezug auf ein bestimmtes Beispiel) sagt, unter bestimmten Prämissen würden bestimmte Begriffe „sich als unkritisch, als ungeschickt gebildet oder vielmehr für den Zweck bestimmt, die Autorität und die Macht eines gewissen historischen Diskurses zu sichern“ (ebd., 297) erweisen. Denn anhand welchen Kriteriums soll sich entscheiden lassen (auch wenn diese Entscheidung nie ‚einfach‘ ist), ob ein Begriff „geschickt gebildet“ ist oder aber nur der Sicherung von „Macht“interessen dient, wenn nicht anhand des Gegenstandes, auf den der Begriff referiert?

39  Folglich plädiert auch Wolf (1988, 16) dafür, „an der gnoseologischen These festzuhalten, daß in wahrer Erkenntnis (in wahren Aussagen, wie sie insbesondere von den Wissenschaften produziert werden) etwas über Reales ausgesagt wird – und daß daher jeder ausgearbeitete Begriff von Wahrheit sich auf dieses Verhältnis der Repräsentation des Realen in Aussagen beziehen muß“. Zur objektiven Realität gesellschaftlicher Strukturen vgl. ebd. sowie Wolf 2000b, 12 et passim.

40  „Erkenntnis ist die Widerspiegelung der Natur durch den Menschen. Aber das ist keine einfache, keine unmittelbare, keine totale Widerspiegelung, sondern der Prozeß einer Reihe von Abstraktionen, der Formierung, der Bildung von Begriffen, Gesetzen etc., […].“ (Lenin 1914, 172 – Hv. d. Vf.In).

41  Butler 1990, 16-18 („die juridischen Machtregime die Subjekte […] produzieren“; „werden [… die Subjekt] in Übereinstimmung mit den Anforderungen dieser Strukturen gebildet, definiert und reproduziert“; „Das feministische Subjekt erweist sich als […] diskursiv konstituiert“; „die Kategorie ‚Frau(en)‘ […] durch jene Machtstrukturen hervorgebracht“; „es gar kein Subjekt gibt, das ‚vor‘ dem Gesetz steht“; „fundamentalistische Legende […] des klassischen Liberalismus“).

42  „Es gibt Subjekte nur durch und für ihre Unterwerfung.“ (Althusser 1969/70, 148). „Die wahren […] Subjekte sind daher weder die Stelleninhaber noch die Funktionäre, also – allem Anschein und jeder ‚Evidenz‘ des ‚Gegebenen‘ im Sinne einer naiven Anthropologie zum Trotz – eben nicht die ‚konkreten Individuen‘ und die ‚wirklichen Menschen‘: die wahren ‚Subjekte‘ sind die Bestimmung und Verteilung dieser Stellen und Funktionen. Die bestimmenden und verteilenden Faktoren, kurz: die Produktionsverhältnisse (und die politischen und ideologischen Verhältnisse einer Gesellschaft) sind die wahren ‚Subjekte‘. Aber da es sich hierbei um ‚Verhältnisse‘ handelt, können sie in der Kategorie des Subjekts nicht gedacht werden.“ (Althusser 1965/68, 223, 242 – Hv. i.O.).

43  Foucault 1975a, 238, 247 („subjektivierende Unterwerfung“); Foucault 1976, 78 („[…]: die Subjektivierung des Menschen, d.h. ihre Konstituierung als Untertanen/Subjekte.“);

44  „Wir müssen uns heute der Illusion von der Autonomie des Subjekts entledigen, wenn wir eine Wissenschaft vom Subjekt konstituieren wollen.“ (Lacan 1966, 125).

45  „[…] der Strukturalismus [ist] von einem neuen Materialismus, einem neuen Atheismus, einem neuen Antihumanismus nicht zu trennen. Denn wenn der Platz den Vorrang hat vor dem, der ihn einnimmt, so genügt es gewiß nicht, den Menschen an den Platz Gottes zu stellen, um die Struktur zu ändern. […] Das wahre Subjekt ist die Struktur selbst: […] die differentiellen Verhältnisse.“ (Deleuze 1967, 277, 280 f.).

46  S. Wallerstein 1985, 166, 167 f., 175-177.

47  „Es trifft in der Tat zu, daß fast alles, was wir tun, determiniert ist, womit wir meinen, daß wir durch unsere sozialen Biografien, sogar bis in die innersten Winkel unseres Verstandes hinein, Beschränkungen unterliegen. Es ist daher für den Analytiker durchaus möglich, wahrscheinliches soziales Verhalten zu erklären und deshalb vorauszusagen, letztendlich bis ins kleinste Detail. Die Determination unseres Handelns ist […] das Ergebnis des effektiven Funktionierens eines laufenden geohistorischen Systems.“ (Wallerstein 1995, 178). Wallerstein sieht freilich diese Determinierung an das Funktionieren des jeweiligen „geohistorischen Systems“ gekoppelt; gerät dieses in die Krise, komme (wieder) der „freie Wille“, die „moralische Entscheidung“ (ebd., 179) zum Zuge. Auch wenn Wallerstein zuzugeben ist, daß der ‚Ausgang einer Krise, der Übergang nicht determiniert‘ (ebd.), ist, ist hier dann doch zu fragen: Wer ist das ‚wählende‘ – nach „moralische[n]“ Kriterien entscheidende – Subjekt? Und welche Entscheidungen stehen überhaupt zur Auswahl – beliebige?! Ist hier dann nicht doch die Auffassung von Lipietz und Schmidt vorzuziehen, daß das Ergebnis einer Krise nicht das Produkt einer „Entscheidung“, sondern das Resultat eines Kampfes ist, dessen Ergebnis in der Tat nicht vorauszusehen ist (s. Endnote 125 [Restrukturierung oder Umwälzung] und 253).

48  Vgl. das analoge Argument von Lenin (1909, 47) in Bezug auf „Empfindungen“: „Eben das ist Materialismus: Die Materie wirkt auf unsere Sinnesorgane ein und erzeugt die Empfindung. Die Empfindung ist abhängig […]. Die Existenz der Materie ist von der Empfindung unabhängig.“ „Die Naturwissenschaft erklärt die verschiedenen Empfindungen dieser oder jener Farbe durch die verschiedene Länge der Lichtwellen, die außerhalb der menschlichen Netzhaut […] existieren“ und von dort auf diese einwirken. D.h.: Auch die „Empfindungen“ sind nicht der Grund unserer Erklärungen, sondern das zu Erklärende (für eine nicht-empiristische Lesart von Lenins Materialismus und Empiriokritizismus s. Lecourt 1973). Zum Beispiel der Farbempfindung vgl. auch Searle 1995, 21: „[…] Licht [streut] unterschiedlich […], wenn es von Oberflächen reflektiert wird, und […] Menschen [… haben] Farbempfindungen […], die unter Aufprall von Licht auf ihr visuelles System verursacht werden.“

49  Wie ihr Witzel (1982, 20) unter Hinweis auf Garfinkel (1967, VII) vorwirft.

33  So behauptet Hofmann (1997, S. 9, FN 2) unter Berufung auf Studien der Wissenssoziologie (Knorr-Cetina u.a.) auch „der Boden der Tatsachen […] ist ein sozial konstruierter“. Ebenfalls unter Berufung auf Knorr-Cetina bestreitet Flick (Flick 1995, 45), daß es eine „Realität [… gibt], die außerhalb subjektiver und sozial geteilter Sichtweisen existiert und an der dann deren ‚Abbildung‘ in Texte (oder andere Forschungsprodukte) überprüft werden kann“ (Hv. d. Vf.In). Dieser Auffassung können schließlich all diejenigen (s. dazu die Nachweise im Methoden-Abschnitt B.III.1) hinzugerechnet werden, die zum einen davon ausgehen, daß die Wirklichkeit durch ‚Wahrnehmung‘, ‚Bedeutung‘, ‚Bewußtsein‘ etc. konstruiert wird und sich gleichzeitig – konsequenterweise, da sie die Existenz der objektiven Realität bestreiten – weigern, über die Angemessenheit unterschiedlicher Sichtweisen (bspw. der ‚Akteure selbst‘ und der ForscherInnen) zu entscheiden. Dies bedeutet in der Konsequenz, den ForscherInnen, die über ein Feld forschen, die gleiche Macht zur ‚Konstruktion‘ dieses Feldes zuzubilligen, wie den AkteurInnen dieses Feldes.

34  In diesem Punkt können wir Luhmann (Intersubjektivität oder Kommunikation: Unterschiedliche Ausgangspunkte soziologischer Theoriebildung, in: Archivio di Filosofia 1986, 42 zit. n. Reese-Schäfer 2000, 122 bei FN 199) zustimmen, der „Intersubjektivität“ als eine „Leerformel“ charakterisiert, die „lediglich dazu dient, in eine Theorie, die bei der Subjektivität ansetzt, etwas einzuführen, was von dieser Theorie aus nicht mehr gedacht werden kann“. Reese-Schäfer verweist in FN 199 außerdem auf die – allerdings affirmative – These von Jean Grondin (Hat Habermas die Subjektphilosophie verabschiedet?, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 1/1987, 25-37), „daß Intersubjektivität nicht als ‚Überwindung‘ der Subjektphilosophie gedacht werden kann, weil diese die Subjektivität immer voraussetzen muß“.

35  S. das Butler-Zitat am Anfang von Endnote 223.

36  S. die ‚nicht-diskursiven Praxen‘ des Foucault der Archäologie des Wissens (vgl. zu den damit verbundenen Problemen: Lecourt 1970, 98, 95; Lau 1975, 115) und die „Dinge“, denen der Diskurs – nach Ansicht des Foucaults der Ordnung des Diskurses – Gewalt antut (Foucault 1970, 34 f.).

37  Butler 1993/94, 33, 34: „Es gibt keine Bezugnahme auf einen reinen Körper. […] Auf ein außer-diskursives Objekt […] ‚zu referieren‘, wird […] immer die vorausgegangene Abgrenzung“ – also eine theoretische Operation (Unterscheidung zwischen Diskurs [Bezugnahme] und Referenten) – „des Außer-Diskursiven erfordern.“ (Hv. d Vf.In). – Unklar an Butlers Argumentation bleibt aber, ob sie hier wörtlich genommen werden kann – d.h., ob sie tatsächlich nur die Vorgängigkeit der begrifflichen Unterscheidung vor dem Vorgang des Referierens (auf einen Gegenstand) behauptet oder ob sie (und dann würde ihr der Idealismus-Vorwurf zurecht gemacht werden) die Vorgängigkeit der begrifflichen Unterscheidung auch vor dem Gegenstand selbst behaupten will (wie zumindest frühere Formulierungen nahelegen, s. dazu Endnote 34 – aber diese Abweichung kann auch nur ein weiteres Beispiel für die Erkenntnis sein, daß die Einheit eines ‚Werkes‘ nicht durch seineN AutorIn garantiert wird).

38  Was Johnson hier für die wissenschaftliche Erkenntnis von Tatsachen betont – nämlich die Notwendigkeit von Theorie – betont Stedman Jones für politische Schlußfolgerungen (häufig rationalistisch „Lernprozesse“ genannt), die aus bestimmten Erfahrungen gezogen werden. Auch sie ergeben sich nicht automatisch, sondern bedürfen theoretischer Konzepte (die allerdings im Gegensatz zu wissenschaftlichen Theorien ein Moment der Parteilichkeit beinhalten, weshalb es falsch ist, sie rationalistisch aufzufassen [s. Endnote 117]): „Bewußtsein kann nicht auf Erfahrung bezogen werden, ohne daß eine besondere Sprache dazwischentritt, die das Verständnis dieser Erfahrungen organisiert. […]. Die Klassensprache war nicht bloß eine Verbalisierung von Wahrnehmungen oder das Bewußtwerden existentieller Tatsachen, […], sondern sie wurde innerhalb einer komplexen Rhetorik metaphorischer Assoziationen, kausaler Folgerungen und phantasievoller Konstruktionen aufgebaut und geprägt.“Stedman Jones 1983, 143 f.; vgl. 1988a, 307). „[…] wenn man in bestimmten elementaren Lebenssituationen etwas lernt, so lernt man eben nicht eigentlich aus der ‚Erfahrung‘, sondern aus der Verarbeitung der Erfahrung, d.h. aufgrund einer Konfrontation mit Begriffen, die dieser Erfahrung überhaupt erst einen ‚Sinn‘ geben. Wo aber diese Begriffe und Gedanken herkommen, die somit die Erfahrung strukturieren, ist natürlich eine wichtige und offene Frage, aber sie kommen ganz sicher nicht aus dem Innern des betreffenden Individuums.“ (Stedman Jones 1988a, 308).

39  „Es wäre übrigens ein schwerer Irrtum anzunehmen, die empirische Erkenntnis könne auf der Ebene der streng assertorischen Erkenntnis verbleiben, indem sie sich auf eine simple Affirmation von Tatsachen beschränkte.“ (Bachelard 1938, 89). „Im übrigen meinte man, daß man einfach nur die Quellen betrachten und versuchen sollte, sie für sich selbst sprechen zu lassen. Die Gefahr eines solchen Ansatzes besteht darin, daß er theoretisch unbewußt bleibt“, aber „unterschwellig“ dennoch „theoretische Ansätze verwendet“ (Stedman Jones 1988a, 292, s.a. 307: ‚Projektionen der Historiker‘). „This means that even such a seemingly natural and nontheoretical practice as common sense (as Gramsci argues in Prison Notebooks) is a frame of intelligibility, a theory, but one that conceals its mode of knowing, representing it as the ‚way things are.‘“ (Ebert 1992/93, 13).

40  Die „Tatsachen [werden] im vulgären Wissen“ nicht nicht, sondern „zu früh“ – vor der theoretischen Reflexion – „in die Begründung eingebracht“; „die Antwort [wird] gegeben, bevor man die Frage geklärt hat“ (Bachelard 1938, 88).

34  Sofern nicht (wie hier) ohnehin bestritten wird, daß es überhaupt ‚spontan‘ – d.h. ohne theoretische (ideologische und wissenschaftliche) Auseinandersetzung – eine gemeinsame Perspektive allein aufgrund der ‚gleichen Erfahrung‘ geben könnte.

35  Wenn diese gemeinsame Perspektive aber nicht einfach gegeben ist, sondern allenfalls in theoretischen und anderen Praxen entwickelt werden kann, dann kann diese Perspektive folglich nicht mehr ihrerseits der Maßstab für die Beurteilung der Theorie sein. Denn dann ist die gemeinsame Perspektive (der gemeinsame ‚Standpunkt‘) der Theorie nicht mehr vorgängig, sondern das Produkt von Theorie (und anderen Einflußfaktoren) – also auch aus diesem Grund nicht (mehr) geeignet, den Maßstab zur Beurteilung der Theorie abzugeben.

36  S. dazu Endnote 63 und 65.

37  Vgl. Johnson 1980, 43: „Was eigentlich ein Ziel ist, wird zu einem Werkzeug der Analyse gemacht.“

38  Erstreckt sich die Identifikation auch auf die Vergangenheit, besteht des weiteren die Gefahr der Vereinnahmbarkeit für einen konservativen Traditionalismus (s. Bommes 1982, 98 f.; Stedman Jones 1988a, 304 f.: „Das Projekt einer ‚History from below‘ hat keineswegs zu einer immer stärkeren Linksentwicklung geführt“.). S. darüber hinaus zur Vereinnahmbarkeit von ‚regionaler/kultureller Identität‘ durch neu-rechten Rassismus: Bommes 1982, S. 85, FN 11, S. 100 f.

39  Vgl. Lindenberger 1988, 174 f.: Ein Vorwurf gegen The Making of the English Working Class bestand in der Kritik, daß Thompson sein Versprechen, „nachzuweisen, daß sich die Arbeiterklasse ebenso selbst machte, wie sie gemacht wurde“ nicht einlöse. „Die Ko-Determination von aktiven und passiven Einflüssen würde von Thompson einseitig zugunsten des ersteren reduziert auf den Horizont von Erfahrung, […]. Die Fragwürdigkeit dieses Vorgehens erweise sich auch in der von Thompson vorgenommenen zeitlichen Eingrenzung: Wenn die Arbeiterklasse gemäß seinem Verständnis 1832 ‚made‘ war, was wurde dann in den folgenden Jahrzehnten des Übergang zu einer integrierten, domestizierten und reformistisch orientierten Bewegung aus dieser ‚Klasse‘ […]?“ Man/frau/lesbe sieht: Die Affirmation ‚der Erfahrung‘ führt zum Verzicht auf notwendige Differenzierungen.

35  „[…] die VertreterInnen der verbreiteten aktivistisch-pragmatischen Einstellung, es sei doch so klar, was zu tun ist, dass eine theoretische Reflexion ganz überflüssig sei (exemplarisch vgl. Jutta Ditfurth, Feuer in die Herzen, Hamburg, 1992), [werden] die Erfahrung machen müssen, dass wer sich ohne eine Analyse der Lage und der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse (also untheoretisch) und ohne eine eigene, begründete Vorstellung darüber, mit welchen Prioritäten und welchen Zeithorizonten er/sie mit welchen Kräften strategisch in die Auseinandersetzung eingreifen kann und will, damit immer schon vorab verloren hat.“ (Wolf 2000d, 149). Vgl. – wenn auch in einem humanistischen Argumentationsrahmen – Wallerstein (1995, 180), der trotz seiner großen Distanz gegenüber den nomothetischen Sozialwissenschaften (ebd., 167 f., 175-177) und trotz seiner Anerkennung des Ausgangspunktes der marxologisch-Mannheimschen „Lehre von den Klasseninteressen“ (ebd., 209, s.a. 210 unten - 212, 219 unten - 221 Mitte) betont (und damit die Grenzen von Wissenschaftskritik aufzeigt): „Wollen wir einige Hoffnung haben […], sie [unsere geohistorischen sozialen Systeme] in einer Art und Weise zu gestalten, neu zu strukturieren oder aufzubauen, die menschlich befriedigend ist, dann müssen wir sie in ihrer Komplexität verstehen.“

36  Vgl. Wolf 1998, 219: Das „Postulat der mittelfristigen Rationalität hinreichend großer Massen“ sei zwar „grundsätzlich plausibel, aber keinesfalls immer tragfähig“ (Hv. d. Vf.In).

37  Vgl. dazu oben in Endnote 1 die Anmerkung zum Ende der Lyssenko-Affaire.

38  Vielmehr wissen wir spätestens seit Lenins Was tun?, „daß sich Politik nie einfach“ – bspw. – „aus der Klassenbestimmung ergibt, sondern daß – umgekehrt – ein und dieselbe Klassenbestimmung mit verschiedenen, ja einander entgegengesetzten Politiken artikuliert sein kann“ (Elfferding 1983, 17), daß also – wie es Stedman Jones ausdrückt – „mehr als eine Sprache imstande ist, denselben Erfahrungsgehalt zu artikulieren“1983, 143 f.). Folglich nehmen wir nicht die „(der Großbourgeoisie und der Sozialdemokratie gemeinsame) Position ein[…,] die ökonomischen und politischen Probleme in Begriffen der ‚Rationalität‘ und der ‚Irrationalität‘, in Begriffen der logischen Wahl zwischen rationalen ‚Modellen‘ der Gesellschaft statt in Begriffen des Klassenkampfs [zu] formulieren“ (Balibar 1976c, 22). Objektive Analyse und (zwar vielleicht: begründete, aber letztlich: parteiliche) politische Wahl sollten also unterschieden werden.

39  Insofern trifft es nicht zu, wenn Katz (2001, 10) sagt, „Althusser never adequately integrated the concepts of class struggle and revolution into his reconstruction of Marxism“. Zutreffend ist aber, wenn Katz von einer Aneignung von Althussers „conceptual innovations for a post-Marxist project which, by privileging overdetermination over structural determination, substituting for Althusser’s scientific realism a full scale conventionalism which denies any knowledge of real, and using what for Althusser was still a critical notion of ideology to support a relativist understanding of ideology as self-representation, post-Althusserian post-Marxist has moved ever further away from a scientific, revolutionary politics.“

40  Vgl. dazu schließlich: Bspw. eine „politische Bewertung des Lyssenkismus impliziert notwendigerweise den Rekurs auf wissenschaftliche Erkenntnisse – in diesem Fall diejenigen der Genetik. Deshalb kann auch die politische Auseinandersetzung mit den Wahrheitswirkungen von Diskursen nicht völlig auf eine philosophische Kategorie der ‚Erkenntnis‘ verzichten, die, ohne eine globale ‚Garantie‘ für den Wahrheitsgehalt von Theorien zu liefern, die Möglichkeit ‚objektiven‘ Wissens prinzipiell einräumt.“ (Plumpe/Kammler 1980, 218).

41 

S. dazu pessimistisch Althusser 1968a, 50 f.: „Noch immer halten die sogenannten Wissenschaften vom Menschen den alten Kontinent [den von Marx ‚entdeckten‘ Kontinent der Geschichte, nachdem zuvor bereits die Kontinente der Mathematik (durch Tales) und der Physik (durch Galilei) ‚entdeckt‘ wurden, Anm. d. Vf.In] besetzt. Sie sind zwar mit den neuesten hypermodernen Techniken und Methoden der Mathematik usw. ausgerüstet; das ändert aber nichts an der Tatsache, daß ihre theoretische Basis immer noch aus den alten abgedroschenen, wenn auch jetzt aufwendig herausgeputzten und retouchierten Ideologien der Vergangenheit besteht. Die außerordentliche Entwicklung der sogenannten Humanwissenschaften ist – von einigen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen – nur eine Aktualisierung der alten ideologischen Techniken gesellschaftlicher Anpassung und Wiedereingliederung. […]. Von Ausnahmen abgesehen arbeiten die Spezialisten in den Humanwissenschaften noch 100 Jahre nach Marx auf der Basis überholter Ideologien, so wie auch die Physiker noch 50 Jahre nach Galilei eine Physik auf aristotelischer Grundlage betrieben.“ S. dazu auch Althusser 1967, 53 (noch einmal zu den Humanwissenschaften); Althusser 1965/68, 217, 218; 223, 242 (zur Ökonomie), Poulantzas 1968, 264, 265 (zur „Politischen Wissenschaft“) Plon 1973, 221 f., 224, 219; Plon 1974, passim und Poitou 1973, 58 f. (zur Sozialpsychologie); Therborn 1975, 436, 428, 429 (zu „Politikwissenschaft“, Soziologie und Ökonomie) – alle wie bei Schulze 1996a, 5-7, 10 m.w.N. zitiert. S. außerdem dazu Stedman Jones 1976, 51: „Tatsächlich ist aber die Soziologie ebensowenig eine Wissenschaft oder etwas ihr Nahekommendes wie die akademische Geschichtsschreibung. Der verschwommene und unstete Charakter ihres Gegenstandes, die Unsicherheit ihrer Definitionen, der nicht-kumulative Charakter eines großen Teils ihres Wissens, ihre Neigung zu vorübergehenden theoretischen Moden und die Abgedroschenheit mancher soziologischer ‚Gesetze‘ deuten daraufhin, daß ihre theoretischen Grundlagen strittig und unsicher sind. […]. Das Problem ist, daß die Soziologie bei der Definition ihrer Untersuchungsgegenstände als ‚Gesellschaft‘, als ‚soziales System‘ oder als irgendeines ähnlichen allgemeinen und unspezifischen Synonyms auf jede strenge historische Periodisierung verzichtet: Daher greift sie ständig auf ungenau definierte Oppositionen zurück: traditionell/modern, vorindustriell/industriell, Gemeinschaft/Gesellschaft, Status/Vertrag usw.“

Vgl. dagegen für eine optimistische (allerdings eher harmonistisch-‚versöhnende‘ [75, s.a. 46: „unsichere[r] Kompromiß“], als begrifflich konkret ausgewiesene) Antwort auf die Frage nach den Fortschritten der Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten den Bericht der Gulbenkian-Kommission: Wallerstein et al. 1996, 73 unten - 75, 82 oben.

42  Diese allgemeine Fokussierung auf ‚den Universalismus‘ ist allerdings zumindest mißverständlich, wie Wallerstein et al. 1996, 60 selbst andeuten: „Die Herausforderung an die Begrenztheit der Sozialwissenschaft seit den späten sechziger Jahren bestand ursprünglich und vielleicht am fundamentalsten in der Anfechtung ihres universalistischen Anspruchs. […]. Bei der Analyse dieser Kritik ist es wichtig, die epistemologische Ebene der Herausforderung von der politischen zu unterscheiden, auch wenn beide an der intellektuellen Debatte beteiligten Parteien sie in einem Zusammenhang stehend sehen.“ Dabei erweist sich die Debatte auf der epistemologischen Ebene als (Schein)debatte, die auf einer falschen Fragestellung beruht: Kennzeichen der Wissenschaften ist nämlich „die Objektivität und nicht der Universalismus: das Denken muß objektiv sein, universell wird es nur sein, wenn […] die Realität es dazu ermächtigt“ (Marcel Boll in: Mercure de France, 01.05.1929 zit. n. Bachelard 1938, 125).

43  „Im Gegensatz zu den Positivisten such[t die Epistemologie Bachelards …] nicht nach formalen, zeitübergreifenden Strukturen, die sich nach logischen Gesetzmäßigkeiten aus Setzungen deduzieren lassen, sondern untersuch[t] die Geschichtlichkeit des Gegenstandes als dessen wesentliches Konstitutionsmerkmal. […] sie argumentiert gegen jede positivistische Theorie, die behauptet, es gäbe eine Identität zwischen Natur- und gesellschaftlichen Gesetzen, […]“ (Lau 1975, 108, 110). Zur Kritik des hiesigen Ansatzes an omnihistorischen Verallgemeinerungen siehe auch (bes. das Wallerstein-Zitat in) Endnote 125.

44  Die Komplementarität von bestimmten quantitativen und qualitativen Ansätzen ist schon von Bachelard (1938, 307, 306) bemerkt worden: „Eine übertriebene Präzision im Reich der Quantität entspricht ganz genau der übertriebenen Bildhaftigkeit im Bereich der Qualität.“ „Eine unmittelbare Objekterkenntnis ist aus der bloßen Tatsache heraus, daß sie qualitativ ist, schon notwendig falsch. Sie enthält einen Irrtum, den es zu korrigieren gilt. Sie belädt das Objekt in fataler Weise mit subjektiven Eindrücken; […]. Übrigens wäre es Täuschung, wollte man annehmen, die quantitative Erkenntnis sei den Gefahren der qualitativen Erkenntnis grundsätzlich nicht ausgesetzt.“ – Zur doppelten Opposition der Epistemologie Bachelards gegen die „vorherrschenden spiritualistischen und positivistischen Tendenzen“ s. auch Lecourt 1971, 14.

45  „Für den Marxismus ist die Erklärung jedes Phänomens in letzter Instanz intern: der innere ‚Widerspruch‘ ist der ‚Motor‘.“ (Althusser 1972c, 97, FN 2). „Die Einheit […] der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist.“ (Lenin 1915, 339). S. dazu auch das W. Schmidt-Zitat in Endnote 35. – Schon seitdem Althusser (1963, 137) die Kategorie des „komplex-strukturierten Ganzen“ eingeführt und der Hegelschen homogenen Totalität entgegengestellt hat, sind die Widersprüche für Althusser also nicht bloß Ausdruck eines einfachen geschichtlichen Prinzips(s. Althusser 1962, 68) (expressiv), sondern tatsächlich entscheidend (dezisiv)(Karsz 1974, 163).

46  Vgl. dazu (auch wenn unklar ist, was die berechtigte Grundlage für die und die Reichweite der Kritik an den „Althusser-Marxisten“ im mittleren Teil des Zitates sein könnte [s. dazu Endnote 124]) Lipietz 1987, 15: „Die erste These [„Wir betrachten Gesellschaft […] als ein Netzwerk von sozialen Verhältnissen. Wir sagen also nicht, dass es Individuen gibt, die hin und wieder in Beziehung treten und tauschen, vielmehr betrachten wir diesen Austausch selbst als ein soziales Verhältnis ganz besonderer Art.“ (ebd., 12)] haben wir unmittelbar von der Althusser-Schule gelernt, Gesellschaft ist ein Netzwerk sozialer Verhältnisse, und von sozialen Verhältnissen wird angenommen, dass sie sich reproduzieren. Doch insistierten die Althusser-Marxisten so stark auf dieser Reproduktion, dass sie dabei vergaßen, dass diese Verhältnisse widersprüchlich sind und dass sie in jedem Moment der Krise unterworfen sind. […]. Wir fragen, wie ungeachtet des widersprüchlichen Charakters der sozialen Verhältnisse und durch ihn hindurch eine Einheit von Verhältnissen reproduziert wird.“ Vgl. dazu auch Wallersteins (1985, 178) – an Braudel 1958 anknüpfende – Unterscheidung zwischen einerseits zyklisch-ideologischen ZeitRäumen (als Beispiel nennt er den Ost-West und den Nord-Süd-Konflikt [ebd., 171 f.]) und andererseits strukturellen ZeitRäume (z.B. die „kapitalistische Weltwirtschaft“ [ebd., 172]): „Wir greifen viel zu schnell zu diesen Begriffen [Krise und Übergang]. Krisen und Übergänge stehen in keiner Beziehung zum zyklisch-ideologischen ZeitRaum, trotz unserer Neigung, jeden Abschwung in einem Zyklus als Krise und jeden Aufschwung in einem Zyklus als einen Übergang zu einer neuen Ordnung zu bezeichnen. Zyklisch-ideologischer ZeitRaum ist von Grund auf wiederholend, wenn auch in Form einer Spirale. Wir neigten bislang dazu, ständig Krisen oder Übergänge zu vermelden, […]. Unsere Worte wurden daher regelmäßig durch nachfolgende Neueinschätzungen Lügen gestraft, die feststellten, wie wenig sich eigentlich geändert hatte. Wirklicher Wandel, grundlegender Wandel, struktureller Wandeln findet natürlich auch statt. Der strukturelle ZeitRaum bezieht sich auf tatsächliche geohistorische soziale Systeme. Insoweit sie Systeme sind, dauern sie länger als zyklische Prozesse, von denen sie beherrscht werden. Solange sie fortbestehen, besitzen sie daher einige unveränderliche Merkmale; sonst könnten wir sie nicht als Systeme bezeichnen. Insoweit sie aber historisch sind, verändern sie sich fortwährend. Von einem Moment auf den nächsten sind sie nie dieselben. Sie verändern sich in jedem Detail, so natürlich auch in ihren zeitlichen Parametern. Diese Spannung zwischen den zyklischen Rhythmen und den säkularen Trends ist das bestimmte Charakteristikum eines geohistorischen Sozialsystems. Das heißt, daß sie alle von Widersprüchen erfüllt sind, was darauf hinausläuft, daß sie alle an einem gewissen Punkt zu einem Ende kommen werden.“ – vorsichtiger sollten wir vielleicht besser sagen: ‚zu einem Ende kommen können‘.

47  wozu sich auch die Arbeit der Gulbenkian Kommission (Wallerstein et al. 1995) – wenn auch mehr in ihren negativen (kritischen) als in ihren positiven (oder konstruktiven) Teilen (vgl. das Ende von Endnote 120) – heranziehen läßt. Auch positiv läßt sich Wallerstein 1991, insb. 164-180 heranziehen.

48  „Der von Lucien Febvre und Marc Bloch ausgefochtene ‚Kampf für die Geschichte‘ hatte zum Inhalt den Kampf gegen die Schranken zwischen den Disziplinen, den Kampf für eine organische Verbindung von Geschichte, Geographie, Ethnologie und Soziologie, d.h. für eine Einheit des historischen Stoffes und der historischen Forschung. […] ein Kampf gegen eine wahllose Forschung inmitten des grenzenlosen Chaos der Fakten, ein Kampf für eine von Hypothesen und Fragenkomplexen geleiteten Forschung“ (Vilar 1959/60, 294).

49  „Mit dem Konzept der ‚histoire totale‘, das dem anti-historistischen Ansatz der ‚histoire-problème‘ [s. dazu oben in und bei Endnote 7, Anm. d. Vf.In] entspricht, ist ein durch alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen gestütztes Projekt anvisiert, das sämtliche historischen Probleme als komplexe Wirkungszusammenhänge erhellen soll. […]. Althussers Plädoyer für einen ‚strukturalen‘ Geschichtsbegriff geht in eine ganze ähnliche Richtung.“ (Schöttler 1988b, 29).

50  Vgl. für das Primat, das auch die Regulationstheorie – in Übereinstimmung mit dem ganzen (Post)strukturalismus – auf die gesellschaftlichen Verhältnisse („ideologische Subjekt-Konstituierung“) statt auf die Individuen legt: Endnote 125.

51  Bei dieser Forderung ist allerdings zu bedenken, daß auch Lipietz (1997, 13) selbst durchaus die Frage nach den Prozessen, die „als Gewohnheit (oder als Habitus, wie Bourdieu sagen würde) in den Köpfen von Individuen mit einer bestimmten Kultur und der Bereitschaft, nach den Spielregeln zu spielen“, anspricht.



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18.09.2006