B. Hauptteil

I.  Von der Theorie zur Fragestellung37

1.  Vorab: Eine begriffliche Klärung – Macht und Herrschaft nicht nur im Geschlechterverhältnis

Diese Untersuchung handelt von Macht und Herrschaft im Geschlechterverhältnis (vgl. schon oben A.III.1., S. 40 sowie unten B.I.3. und B.II.2., S. 89 und 113 ff.). Dies erfordert zu allererst zu erläutern, was hier unter gesellschaftlichen Macht- bzw. Herrschaftsverhältnissen verstanden wird und – in Anbetracht einer schon zum Allgemeinplatz gewordenen Begriffsverwirrung38 – zu explizieren, in welchem Verhältnis beide Begriffe zueinander stehen.

a)  Macht und Herrschaft bei Weber

(1)  Webers Definitionen

Weit verbreitet – so weit verbreitet, daß Kamp (1993, 36) von einem „common-sense-Standpunkt“ sprechen kann – sind die Definitionen, die Max Weber vorgeschlagen hat:

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„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht; Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl […] Gehorsam zu finden; […]“ (M. Weber 1922, Erster Teil, Kap. I, § 16 [1972 ff., S. 28] – Hv. d. Vf.In).

Und präziser noch:

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„Wir wollen im folgenden den Begriff der Herrschaft im engeren Sinne gebrauchen, welcher der durch Interessenkonstellationen, insbesondere marktmäßig, bedingten Macht, die überall formell auf dem freien Spiel der Interessen beruht, gerade entgegengesetzt ist, also identisch ist mit autoritärer Befehlsgewalt.“ (ebd., Zweiter Teil, Kap. IX, § 1 [1972 ff., S. 544]).

Schließlich soll es, damit nach Weber von Herrschaft gesprochen werden kann, nicht genügen, daß der Befehl faktisch befolgt wird („bloße äußere Resultante“) (ebd.), sondern dem Befehl soll – so die Paraphrase von Lukes (1982a, 139 / b, 110) – „willentlich Gefolgschaft“ geleistet werden: Auch „in jedem autoritären Pflichtverhältnis [bleibt] faktisch ein gewisses Minimum von eigenem Interesse des Gehorchens daran, daß er gehorcht, normalerweise eine unentbehrliche Triebfeder des Gehorsams.“ (M. Weber 1922, Zweiter Teil, Kap. I, § 16 [1972 ff., S. 543]).

(2) Steven Lukes’ Verdacht: Haben Webers Definitionen eine apologetische Funktion?

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Diese Unterscheidungen (zwischen Macht und Herrschaft sowie zwischen willentlicher und bloß äußerlicher Gefolgschaft) – nebst der Tatsache, daß der Begriff der Macht als zu „amorph“ (M. Weber 1922, Erster Teil, Kap. I, § 16 / 1972 ff., S. 28]) aus dem expliziten Bereich soziologischer Untersuchung ausgeschlossen wird 39 – legen selbstverständlich einen Verdacht nahe:

Nämlich den, daß damit ‚Macht‘, soweit sie nicht zugleich Herrschaft ist, aus dem – bei Weber in Kap. III des Ersten Teils von Wirtschaft und Gesellschaft erörterten – politisch problematischen Bereich (Gibt es legitime Herrschaft? Worin kann die Legitimation bestehen?) herausgehalten werden soll. 38

So hat denn auch Steven Lukes auf dem 21. Deutschen Soziologentag ausdrücklich bemängelt:

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„Diese Einschränkungen führen dazu, daß Webers Herrschaftssoziologie nicht nur alle Machtstrukturen ausschließt, die durch Märkte und ähnliche ‚Interessenkonstellationen‘ gebildet wurden […]; ausgeschlossen blieben auch Machtstrukturen, die vornehmlich auf Zwang beruhen, und die sind historisch sicherlich nicht gerade die Ausnahme.“ (Lukes 1982a, 139 / b, 110).

Dieser Verdacht erscheint aber dennoch hergeholt, denn Weber benötigt seine enge Definition nicht, um das, was andere noch als Herrschaft bezeichnen, aus der Schußlinie zu nehmen. Weber hält Herrschaft selbst auf der Grundlage seiner engen Definition für unvermeidlich.

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Wohl vor dem (unausgesprochenen) Hintergrund eines allgemeinplätzigen Begriffs von „An-archie“, der Nicht-Herrschaft als Desorganisation auffaßt, ist für Weber Herrschaft zwar nicht omnipresent, aber omnihistorisch – sie ist das was, gesellschaftliche Rationalität (zumindest in einer abgeschwächten Version des ‚Formens‘/Strukturierens und ‚Zieledefinierens‘) (also die Möglichkeit von Zusammenleben) sicherstellt:

„‚Herrschaft‘ in ihrem allgemeinsten, auf keinen konkreten Inhalt bezogenen Begriff ist eines der wichtigsten Elemente des Gemeinschaftshandelns. Zwar zeigt nicht alles Gemeinschaftshandeln herrschaftliche Struktur. Wohl aber spielt Herrschaft bei den meisten seiner Arten eine sehr erhebliche Rolle, […]. Ausnahmslos alle Gebiete des Gemeinschaftshandelns zeigen die tiefste Beeinflussung durch Herrschaftsgebilde. In außerordentlichen vielen Fällen ist es die Herrschaft und die Art ihrer Ausübung, welche aus einem amorphen Gemeinschaftshandeln erst eine rationale Vergesellschaftung erstehen läßt, und in anderen Fällen, wo dem nicht so ist, ist es dennoch die Struktur der Herrschaft und deren Entfaltung, welche das Gemeinschaftshandeln formt und namentlich seine Ausgerichtetheit auf ein ‚Ziel‘ überhaupt erst eindeutig determiniert.“ (M. Weber 1922, Zweiter Teil, Kap. I, § 16 [1972 ff., S. 541]).

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Folglich setzt Weber – anders als seine kurzen (oben S. 69 zitierten) Definitionen vielleicht nahelegen – die Macht der Herrschaft nicht in einer Weise entgegen, wie Hannah Arendt39 die Macht der Gewalt entgegensetzt. Vielmehr sagt Weber ausdrücklich:

„Herrschaft ist […] ein Sonderfall von Macht.“ (M. Weber 1922, Zweiter Teil, Kap. I, § 1 [1972 ff., S. 541]; s. zur „Mannigfaltigkeit der Machtformen“ und der Spezifik von „Herrschaft“ auch S. 544). 40 41

Weder unter dem Gesichtspunkt der „Herrschaft“, die Weber als notwendig ansieht, noch unter dem Gesichtspunkt der „Macht“, die für Weber nicht Gegenteil von Herrschaft, sondern Oberbegriff von Herrschaft und anderen Machtphänomenen ist, dient bei Weber die (teilweise) Unterscheidung von Macht und Herrschaft dazu, „Macht“ als unproblematisch aus dem Begriff „Herrschaft“ auszugrenzen.42

(3) Die wahren Probleme der Weberschen Definitionen: Die juridisch-etatistische Verengung des Herrschaftsbegriffs …

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Trotzdem erscheint uns der Weberianische Herrschaftsbegriff unter zwei Gesichtspunkten zu eng zu sein. Der (1.) Gesichtspunkt bezieht sich auf die „autoritäre Befehlsgewalt“ als ein Definiens von Herrschaft. Diese wird quasi-juridisch39 40 als (Beanspruchung eines) „Recht[s] auf ‚Gehorsam‘“41 definiert (M. Weber 1922, Zweiter Teil, Kap. I, § 1 [1972 ff., S. 542] – Hv. d. Vf.In; komplementär S. 544: „Pflicht des Gehorchens“). 42 Der (2.) Gesichtspunkt betrifft die Heranziehung des „willentlichen Gehorchens“ (Hv. d. Vf.In) als zweites Definiens von Herrschaft.

zu (1.): Daran scheint uns –

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– zwar eines richtig zu sein: nämlich Webers Abstellen für den Herrschaftsbegriff auf die Herausbildung „besonderer Instanzen und Instanzenzüge“ (M. Weber 1922, Zweiter Teil, Kap. I, § 1 [1972 ff., S. 543]), auf die „Geregeltheit“ und einen  „ Z w a n g s a p p a r a t “  (ebd., S. 544 – gesperrt i.O.).46 Ebenfalls in Übereinstimmung mit dem marxistischen Diskurs erscheint es uns allerdings als künstliche Einengung, hier nur auf staatliche Apparate (i.e.S.) und rechtliche Geregeltheit abzustellen. Denn der Staat ist gerade entstanden, weil Herrschaft in der Gesellschaft besteht und zu ihrer Reproduktion auch dieses Apparates bedarf.47 Wir beziehen folglich zum einen in unseren Begriff von Herrschaft jene geregelten und institutionalistierten40 Strukturen ein, die gemeinhin als ‚(zivil)gesellschaftlich‘41, von Althusser (1969/70, 119 f.) aber, wie die „Familie“, als Ideologische Staatsapparate (siehe die Aufzählung in Endnote 242) bezeichnet werden (vgl. dazu ausführlich: Schulze 2002, Anti-These 4). Zum anderen beziehen wir, soweit ebenfalls eine entsprechende strukturelle oder institutionelle Verfestigung eingetreten ist, jene ökonomischen Arrangements in den Herrschaftsbegriff ein, die Weber gerade ausgrenzen möchte („Interessenkonstellationen, insbesondere marktmäßig, bedingte Macht“, s.o.). Eine solche weitere Definition des Herrschaftsbegriffs – die sich nicht essentiell beweisen (‚Herrschaft ist …‘), sondern nur begründen läßt42 – erweist sich als analytisch produktiv, weil sie in der Lage ist, den Unterschied, der zwischen „Macht“ und „Vormacht“, der trotz der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, ArbeiterInnen und KapitalistInnen etc. besteht, abzubilden in der Lage ist, während der „staatliche“ Charakter eines solchen Verhältnisses (wie dargelegt [Nachgängigkeit des Staates gegenüber gesellschaftlicher Herrschaft]) nur von begrenzter Aussagekraft ist. Während damit diese definitorische Frage, für die hiesige Arbeit von unmittelbarer Relevanz ist (denn, wenn hier „Herrschaft“ diagnostiziert wird, dann ist damit in aller Regel kein Rechtsanspruch auf Gehorsam gemeint), soll die zweite problematische Eingrenzung des Weberianischen Herrschaftsbegriffs nur der Vollständigkeit halber angesprochen werden.

(4)  … und das Postulat des Legitimitätsglaubens

Daher nur kurz zu (2.): Wenn wir nach dem Vorbild Webers nicht nur den Anspruch der Herrschenden auf die Legitimität ihrer Herrschaft, sondern auch den Legitimitätsglauben der Beherrschten zu einem Definiens von Herrschaft machen, dann wird es schwierig, Übergangsperioden zu denken, in denen Herrschende ihren Herrschaftsanspruch zwar (noch) durchsetzen können, dieser aber von den Beherrschten nicht (mehr) als legitim angesehen wird.43 Eine Kombination von Legitimitätsanspruch und Legitimitätsglauben bedeutet zwar in der Tat eine optimale Stabilität der Herrschaftsbeziehung (Winckelmann 1974, Sp. 1087)44, dichtet aber (instabile) Herrschaftsverhältnisse nicht nur faktisch, sondern auch gegen eine wissenschaftliche Analyse ab, wenn dieses ‚glückliche Zusammentreffen‘ nicht nur als ein Fall, der bei der Ausübung von Herrschaft eintreten kann, aufgefaßt, sondern zum Definiens von Herrschaft schlechthin gemacht wird. Dies kann hier aber dahinstehen. Denn die hier Befragten erleben ihre Beziehungen nicht als Herrschaftsverhältnisse (sondern sind von queer ideology perfekt als freie Unterworfene [s. unten S. 74] eines postmodernen Sexismus konstituiert; soviel Vorgriff auf den III. Teil dieser Arbeit sei hier erlaubt), so daß sie in der Tat Herrschaftsverhältnisse freiwillig akzeptieren, auch wenn sie es nicht so nennen.

b) Macht und Herrschaft bei Foucault

(1)  Herrschaft ist erstarrte Macht

Neben Weber, für den – wie wir gesehen haben (S. 71) – Herrschaft geregelte, institutionalisierte Macht ist, kann sich der hiesige Macht-Begriff, der Macht und Herrschaft nicht strikt trennt, auch auf Foucault berufen. Denn auch dieser unterscheidet – wie schon oben (S. 71) erwähnt – (ebenso wie Marx und Weber) (nur) schwach zwischen Macht und Herrschaft, ohne sie [allerdings] strikt zu trennen.45 Vielmehr ist auch für ihn Herrschaft die strukturelle Verfestigung von Macht: „Wenn es einem Individuum oder einer gesellschaftlichen Gruppe gelingt, ein Feld von Machtbeziehungen zu blockieren, sie unbeweglich und starr zu machen und mit Mitteln, die sowohl ökonomisch, als auch politisch als auch militärisch sein können – jede Umkehrbarkeit der Bewegung zu verhindern, dann steht man vor dem, was man einen Herrschaftszustand nennen kann.“ (Foucault 1984a, 11).

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In diesem Kontext ist des weiteren auch Foucault (wie Marx und anders als Arendt – und insoweit auch anders als Weber) macht- (und herrschafts)-kritisch41, nämlich sehr bewußt hinsichtlich des Herrschaftspotentials von Macht: Foucaults Ansatz war – trotz mancher Unklarheiten42 und ungeachtet seines in der Einleitung kritisierten diskursanalytischen Idealismus – nicht, zwischen Macht und Herrschaft strikt zu trennen und erstere für unproblematisch zu erklären43, sondern die These, daß es „zu viel Macht“ gibt44. Sein praktisch-kritisches Augenmerk war auf Situationen gerichtet, in denen sich Macht als Herrschaft verfestigt, in denen Macht „Herrschaftseffekte“ (Foucault 1983a, 707; 1984, 26) hervorbringt.45 Die Funktion Foucaults Unterscheidung zwischen Macht und Herrschaft ist nicht die, einige Herrschaftsverhältnisse durch Umbenennung in Machtverhältnisse aus der Schußlinie von Herrschaftskritik zu nehmen. Dies zeigt sich bspw. daran, daß es Foucaults Kritik an Kant war, daß dieser mit seinem Projekt der „Aufklärung“ auf halben Weg stehengeblieben ist und Herrschaftskritik in Erkenntniskritik verwandelt hat, also mit seiner Herrschaftskritik nicht radikal genug war46: „Mein Ausgangspunkt ist nicht, dass alles böse ist, sondern dass alles gefährlich ist, was nicht dasselbe ist wie böse. Wenn alles gefährlich ist, dann haben wir immer etwas zu tun. Deshalb führt meine Position nicht zur Apathie, sondern zu einem Hyper- und pessimistischen Aktivismus.“ (Foucault 1982, 268 – Hv. d. Vf.In).

(2) Foucault als Marxist: Die Analyse der Produktivität der Macht

Damit wird etwas unterstrichen, was hinsichtlich eines zweiten Aspektes der Foucaultschen Machttheorie von unmittelbarer Bedeutung für diese Arbeit ist: Foucaults Analyse der Macht als produktiv verhindert es nicht, Macht im Zusammenhang mit Herrschaft zu thematisieren. Vielmehr bezieht sich Foucault selbst für seine Analyse der Produktivität der Macht ausdrücklich auf Marx:

„Was hat Marx getan, als er [bei] seiner Analyse des Kapitals auf das Problem des Arbeiterelends stieß? Er hat die übliche Erklärung abgelehnt, die aus diesem Elend die Wirkung einer natürlichen Knappheit oder eines abgekarteten Diebstahls macht. […]. Marx hat die Anklage des Diebstahls durch die Analyse der Produktion ersetzt. Mutatis mutandis ist das ungefähr das, was ich machen wollte. Es geht nicht darum, das sexuelle Elend zu leugnen, aber es geht auch nicht darum, es negativ mit Repression zu erklären.“ Es gehe vielmehr um die „positiven Mechanismen“, die es hervorbringen (Foucault 1977c, 180).

(3) Foucault als Kritiker der Freiheit

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Genau in diesem Kontext erhält Foucaults Kritik der sog. Repressionshypothese ihren präzisen Sinn. Gegen die Repressionshypothese richtet er seine Produktivitätsthese: die Macht sei „dazu bestimmt Kräfte hervorzubringen, wachsen [zu] lassen oder zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten.“ (Foucault 1976a, 163; vgl. auch schon: Foucault 1975a, 34, 212 oben, 220 und später Foucault 1977c, 188). Paradebeispiel dafür ist das, was Foucault „subjektivierende Unterwerfung“ (Foucault 1975a, 238, 247) nennt: Gerade die „Subjektivierung der Menschen“ bedeute deren „Konstituierung als Untertan/Subjekt“ (Foucault 1976a, 78). Entsprechend hatte Althusser gezeigt: „das Individuum wird als (freies) Subjekt angerufen, damit es […] (freiwillig) seine Unterwerfung akzeptiert […]. Es gibt Subjekte nur durch und für ihre Unterwerfung.“ (1969/70, 148, s.a. 140 ff. – Hv. getilgt).

Weder Foucault noch Althusser haben diese Analyse vorgenommen, um Unterwerfung als Freiheit zu feiern, sondern um aufzuzeigen, daß die Freiwilligkeit selbst Bestandteil der herrschenden Verhältnisse ist. „Der Modus der Gewalt zeichnet sich durch ein direktes Einwirken auf Körper aus, während Macht indirekt auf Subjekte wirkt.“ (Lemke 1997, 304) Macht und Freiheit sind „keine Gegensätze, die einander ausschließen“, sondern sie schließen „einander ein, so dass Freiheit zu einem charakteristischen Element einer Machtbeziehung wird: ‚Macht wird nur auf ›freie Subjekte‹ ausgeübt und nur sofern diese ›frei‹ sind‘“ (Lemke 1997, 305, der hier: Foucault 1983b, 255 zitiert). „Freiheit ist die Bedingung der Möglichkeit von Macht“ (Hark 1996a, 45).

(4) Foucault als Kritiker des Linksradikalismus

Dennoch werden Foucaults Überlegungen landläufig als Verschiebung von Herrschaftsanalyse und -kritik hin zu Machtaffirmation47 und – in dem Kontext – als Absage an den Marxismus verstanden: „Foucaults politische Überlegungen stehen ganz im Zeichen der Krise des Sozialismus,“ meint bspw. Fink-Eitel (1989, 116) in seiner Foucault-Einführung.48 Warum konnten derartige Mißverständnisse (wenn wir nicht absichtliche Fehlinterpretationen unterstellen wollen) zustande kommen?

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Nun, dies ist einfach zu erklären:

Foucault verwendet in der Tat ungenaue Formulierungen, die den o.g. eindeutigen Formulierungen widersprechen oder zu widersprechen scheinen. 49 Eine selektive Lektüre hat es bei jenen ungenauen Formulierungen jedenfalls einfach, in den Schriften Foucaults die Lehren des Gemeinschaftskunde-Unterrichts wiederzuerkennen. Die „politische Bildung“ hat uns schließlich schon immer den „– insgesamt unbefriedigenden – Bescheid [erteilt], wonach in einer Demokratie das Machtproblem qua Institutionalisierung sich wechselseitig kontrollierender und balancierender Gewalten keines mehr sei“ (Gebhardt/Münkler 1993a, 7).50

Aber auch der späte Foucault hatte sicherlich nicht die Absicht, Gemeinschaftskundelehrer in der deutschen Provinz zu werden; der Gegenstand seiner Kritik läßt sich vielmehr genau lokalisieren: es ist kein historisch-materialistischer (politisch gesprochen: kommunistischer), es ist ein hegelianischer (politisch gesprochen: linksradikalen) Machtbegriff.51

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Nehmen wir als durchaus repräsentatives Beispiel jene Formulierungen, an denen sich Steven Lukes (1982, 142 f., 146 f.), der selbst zuvor schon in monographischer Form einen Radical View auf Macht vorgelegt hat52, stößt – und die andere affirmieren:

Foucault spottet bspw., „Aus dem allgemeinen Phänomen der Herrschaft der Bourgeoisie kann alles abgeleitet werden“, und er wendet sich dagegen, alles „von vornherein unter der Formel einer verallgemeinerten Bourgeoisie zusammenzuwürfeln“.53 Ist das eine Kritik am Marxismus? Oder ist das eine Paraphrase auf Lenins Kritik am Linksradikalismus, dem jener vorwirft, das Wichtigste am Marxismus zu vernachlässigen – „die konkrete Analyse der konkreten Situation.“ (Lenin 1920, 154)54?

Und wenn Foucault bestreitet, daß sich die Macht „aus dem Entschluß eines Individuums“ oder „einer regierenden Kaste“ oder einer „Staatselite“ ableitet55 – ist das dann eine Kritik des Marxismus oder eine Kritik der 68er Ideologie, sei es in ihrer französisch-existentialistischen oder frankfurterisch-kritisch-theoretischen Variante?! Diese 68er-Ideologie ist zu Recht Gegenstand der Foucaultschen Kritik. Sie rechtfertigt aber keinen Abschied von den marxistischen Begriffen von Macht und Herrschaft.

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Wie sehr auch immer Foucaults philosophischer, idealistischer Relativismus das, was seine Begrifflichkeit zu einer wissenschaftlichen Analyse beitragen kann und beigetragen hat, untergräbt56 und wie sehr auch immer Foucault in den letzten Jahren seines Lebens hinsichtlich der politischen Möglichkeit eines Kampfes gegen Herrschaft resignierte oder sich sogar für das Lager der Herrschaft entschied; sich jedenfalls politisch gegen den Marxismus stellte57 – seine Begriffe von Macht und Herrschaft machen es möglich, diese Entscheidung zu analysieren wie sie es auch möglich machen, das Geschlechterverhältnis mit diesen Begriffen zu analysieren. Es gibt bei Foucault kein Herrschafts-Tabu, wie uns aber seine AdeptInnen glauben machen wollen!58

c) Macht und Herrschaft im Geschlechterverhältnis

Der Feminismus (von nicht-feministischer Forschung über das Geschlechterverhältnis kann wohl ohnehin nichts anderes erwartet werden) hat keinen eigenen Machtbegriff hervorgebracht, sondern die je verschiedenen Begriffe von Macht und Herrschaft auf das Geschlechterverhältnis angewandt:

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„Die feministische Theorie besitzt allerdings keinen eindeutigen Begriff von Macht und Herrschaft.“ (Maltry 1998, 299).

„Feminists have engaged with just about every theoretical framework available, from the sociology and political science to semiotics and linguistic theory. Many have been attracted by Michel Foucault’s work and ideas.“ (Pringle 2000, 1657).

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Ungeachtet dieser unterschiedlichen Machtbegriffe, war es allerdings lange Zeit ein feministischer Konsens, daß das bestehende Geschlechterverhältnis nicht nur irgendein Machtverhältnis ist, sondern etwas ist, was nach hiesiger Begrifflichkeit Herrschaftsverhältnis zu nennen ist (vgl. Holland-Cunz 1998, 87 f.). 59 Knapp (2001, S. 54, FN 2) spricht von der „Zentralität des herrschaftskritischen Fokus in der Geschichte feministischer Theorie“, und Andresen/Woll (1988, 44) sprachen vom „Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern“ und der „Frauenunterdrückung als Herrschaftsverhältnis“ – und sie standen damit nicht alleine:

„Gegenstand feministischer Theorie ist das Geschlechterverhältnis als Herrschaftsbeziehung, feministische Gesellschaftskritik ist insofern immer zugleich Macht- und Herrschaftskritik.“ (Maltry 1998, 299).

▼ 87 

„A distinctive part of contemporary feminist theory is its analysis of the basis of the male dominance and all feminist theory is designed to show how a male domination of women can be ended.“ (Humm 1989, 55). „Women’s oppression is the experience of sexism as a system of domination. […]. Contemporary feminists are united in opposition to women’s oppression, […].“ (Humm 1989, 153).

▼ 88 

„Das interdisziplinäre Feld feministischer Theoriebildung wird […] durch ein gemeinsames Band zusammengehalten: […] die Kritik an allen Formen von Macht und Herrschaft, die Frauen diskriminieren und deklassieren.“ (Becker-Schmidt/Knapp 2001, 166).

Auch Chris Weedon (1987/90, 11 [auch zit. bei Maltry 1998, 299]) postuliert, daß Feminismus Politik ist; „eine Politik, die auf Veränderung der realen gesellschaftlichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen abzielt.“ Daß Weedon einen solchen Veränderungsbedarf sieht, dürfte dabei daraus resultieren, daß das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern eben nicht nur irgendein Machtverhältnis ist, sondern ein Machtverhältnis, das die Form eines Herrschaftsverhältnisses (eines „system of domination“, wie Humm sagt) angenommen hat; daß die „patriarchalischen Verhältnisse strukturell sind“, wie Weedon (1987/90, 13 – Hv. i.O.) selbst sagt. Eine Verstärkung des Machtbegriffs dürfte auch intendiert sein, wenn davon gesprochen wird, daß in der „feministischen Diskussion […] Haushalt und Familie als ‚Ort‘ der Ausbeutung der Frau durch den Mann“ (J. Berger 1991, 56 m.w.N.) angesehen werden, sowie von der „Unterdrückung von Frauen“, die nicht „allein durch Reformen […], sondern [… durch] eine Änderung der Sozialordnung“ (Müller 1991, 163) abgeschafft werden könne, gesprochen wird. Das Gleiche dürfte schließlich auch für die Rede von einem „Unterdrückungs- und Emanzipationsgefälle“ zwischen den Geschlechtern (Jaeggi 1991, 345) und für die Rede von der „oppression of women in its endless variety and monotonous similarity“ (Rubin 197, 160) gelten.60

Später setzten allerdings auch im Feminismus, im Kontext der oben schon angesprochenen Foucault-Lesarten (aber auch einer akademischen ‚Normalisierung‘ des Feminismus, s. dazu: Holland-Cunz 1998, 90 f.), theoretische Überlegungen ein, die sich als Leugnung des Herrschaftscharakters des Geschlechterverhältnis verstehen lassen:61

▼ 89 

„For feminists disillusioned with theories of the state and of ideology, Foucault’s alternative account of power was promising. Like them, he was concerned less with the state than with the local and intimate operations of power […]. For Foucault, power comes from below and is at its most suble when it operates through pleasure. […]. For Foucault, there is no binary opposition between ruler and ruled, whether that be understood in class or in gender terms, for it circulates through all of us.“ (Pringle 2000, 1659 f.).

▼ 90 

„Kennzeichnend für die poststrukturalistische feministische Diskussion ist, daß, ähnlich wie bei Foucault, die Macht im Mittelpunkt steht, der Herrschaftsbegriff dagegen kaum noch eine Rolle spielt […]. Insofern unterscheidet sie sich von sozialstrukturellen Ansätzen, in denen die Analyse objektiver Herrschaftsstrukturen dominiert. Der fehlende gesamtgesellschaftliche Bezug der poststrukturalistischen Machtanalyse impliziert die Vernachlässigung der strukturellen Herrschaftsbeziehungen und damit des Herrschaftsbegriffes, was möglicherweise Folge des starken Einflusses der Macht- und Diskurstheorie Foucaults auf den feministischen Poststrukturalismus ist.“ (Maltry 1998, 310).

Ebenfalls oben hatten wir allerdings schon dargelegt, daß derartige Foucault-Lesarten nicht zutreffend sind, also insoweit keine theoretische Rechtfertigung der Leugnung des Herrschaftscharakters des Geschlechterverhältnisse darstellen können. Auch Holland-Cunz (1997, 89) merkt in diesem (Foucault als Macht- und Herrschaftskritiker lesenden)62 Sinne kritisch an, daß selbst der (eine Foucault-Rezeption einschließende) Butler-Boom an der ihres Erachtens – seit Mitte der 80er Jahre – bestehenden Dominanz eines herrschaftsfernen, an Hanna Arendt orientierten Macht-Begriffs in der deutschen feministischen Debatte nichts habe ändern können:

▼ 91 

„Doch das aufregende Foucaultsche […] Bild des ‚bebenden Sockel(s) der Kräfteverhältnisse, die durch ihre Ungleichheit unablässig Machtzustände erzeugen‘, hat gegen das friedliche Arendtsche Bild des einvernehmlichen Handelns zumindest hierzulande kaum eine Chance. […]. Selbst die Prominenz des dekonstruktivistischen Ansatzes von Judith Butler […], die sich ausführlich auf Foucault bezieht, hat an dieser Orientierung des akademischen feministischen Mainstreams wenig ändern können. Auch im Kontext professioneller institutionalisierter Gleichstellungspolitiken ist es geradezu verpönt, Macht im Weberschen [und Foucaultschen und Marx‚schen, Einf. d. Vf.In] Sinne in enger Verbindung zum Herrschaftsbegriff zu sehen.“

Dies ist freilich, – laut Holland-Cunz (1997, 86 f., 91) – gerade in Anbetracht der aktuellen, globalen Umstruktierungen (auch) des Geschlechterverhältnisses und – auch gemessen an der hiesigen Operationalisierung des Herrschaftsbegriffs (s. B.I.3.) – aus weiteren empirischen Gründen (s. B.II.) dringend erforderlich.63 Im gleichen Sinne plädiert Castro Varela (1999, 30, 38) für ein Verständnis von queer theory als Herrschaftskritik und C. Eichhorn / Grimm legen dar, daß auch nach Butlers Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht „sexistische Gewaltverhältnisse“ nicht auflöst sind64 und folglich die sub-jekt-Position in der Gesellschaft, die mit dem Wort „Frau“ bezeichnet wird, erst verschwinden wird, wenn „die Frauen den alltäglichen Sexismus zurückgedrängt haben.“ (1994a, 8).65 Nach alledem ist – wie auch Judith Lorber betont – eine Lesart des gender-Begriffs erforderlich, die den Patriarchats-Begriff nicht als vermeintlich überholt ersetzt, sondern zu einem besseren analytischen Verständnis der Funktionsmechanismen des Patriarchats (oder, falls dies vorgezogen wird: der Patriarchate) beiträgt:

▼ 92 

„Obwohl ich das Patriarchat, oder die Unterdrückung und Ausbeutung der Frauen durch die Männer, als das Hauptmerkmal von gender als einer sozialen Institution in vielen Gesellschaften einschließlich der postindustriellen Länder des späten zwanzigsten Jahrhunderts ansehe, ist gender kein Synonym für Patriarchat oder für die Herrschaft von Männern über Frauen. Gender ist ein allgemeinerer Begriff, der alle sozialen Beziehungen umfaßt, durch die Menschen sortiert und einem bestimmten gender-Status zugewiesen werden.“ (Lorber 1995/99, 44, vgl. s.a. S. 81: „Meine These ist daher, daß es nach wie vor der Zweck von gender als moderner gesellschaftlicher Institution ist, Frauen als Gruppe so zu konstruieren, daß sie Männern als Gruppe untergeordnet sind.“).

2. Feministische und queer Theorien über die Performiertheit von Körper und Geschlecht

Hiernach sind also Diskussionen über die Analyse des Herrschaftsverhältnisses zwischen den Geschlechtern und über Strategien zu dessen Veränderung, falls eine solche denn politisch gewollt ist oder als Bedrohung empfunden wird, weiterhin zeitgemäß. In diesen Debatten (aber nicht gegen die Behauptung der Relevanz dieser Fragestellung66) haben die Interventionen Judith Butlers seit Ende der 80er Jahre grundlegende Verschiebungen bewirkt. Sie sollen im folgenden teils zur Grundlage der eigenen Argumentation, teils zum Gegenstand einer Überprüfung gemacht werden. Zur Grundlage werden sie gemacht, soweit sie die Analyse des Geschlechterverhältnisses vorantreiben. Überprüft werden sie, soweit aus ihnen gleich auch noch strategische Schlußfolgerungen abgeleitet werden, die wohl möglich von der wissenschaftliche Analyse nicht mehr gedeckt sind, sondern einem Wunschdenken entspringen.

a)  Die Bedeutung der Performiertheit von Körper und Geschlecht für feministische Analysen des Geschlechterverhältnisses

Bis Ende de 80er Jahre bestimmten zwei Konzepte die feministischen Debatte: einerseits die Unterscheidung zwischen sex und gender; andererseits die Kategorien „Bewußtsein“ und „Identität“.

(1)  sex, gender und Identität im 70er- und 80er Feminismus

Die prekäre Unterscheidung zwischen sex und gender

▼ 93 

Mit der Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht (sex und gender) 42 versuchte die Gleichheitsströmung der Frauenbewegung gegen biologische Determinismen die kulturell-soziale Gestaltbarkeit von Geschlecht (i.S.v. gender) zu betonen.43 Diese Unterscheidung (zwischen sex und gender) richtete sich sowohl gegen vorherrschende patriarchale Ideologien als auch gegen die Differenzposition in der Frauenbewegung 44.

Die Frage, die sich aus dieser Unterscheidung ergab, war dann allerdings: Wo hört gender auf, und wo fängt sex an?45

Die Problematik dieser Frage liegt in einer begrifflichen Unklarheit in Gayle Rubins „höchst einflußreiche[r]“ (Haraway 1987, 29; vgl. 2001, 472) Verwendung des Begriffs „sex/gender system“. Sie schrieb:

▼ 94 

„As a preliminary definition, a ‚sex/gender system‘ is a set of arrangements by which a society transforms biological sexuality into products of human activity, and in which these transformed sexual needs are satisfied.“ (Rubin 1975, 159).

Diese Definition ermöglichte zwei Lesarten – und beide sind in dem Text von Rubin präsent. Die erste Lesart beruht auf einem schwachen Begriff von „biological sexuality“. Sie ist konform mit der Lesart, die hier hinsichtlich Butler vertreten wird: Die materielle Realität einer ausschließlichen Zweigeschlechtlichkeit zu bestreiten, bedeutet nicht jegliche materielle Realität menschlicher Körper zu bestreiten [s. oben Unterabschnitt A.II.2.b), S. 38]. Diese Lesart wird von Rubin auf S. 185 präsentiert:

▼ 95 

„Most importantly, psychoanalysis provides a description of the mechanisms […] of how bisexual, androgynous infants are transformed into boys and girls.“ 46

Auf S. 158 wird dagegen „Frau“ noch als „female of the species“ paraphrasiert und dann gesagt: „She only becomes a domestic, a wife, a chattel, a playboy bunny, a prostitute, or a human dictaphone in certain relations.“ 47 Danach spricht sie über einen „social apparatus which takes up females as raw materials and fashions domesticated women as products“. In die gleiche Richtung scheint eine weitere Formulierung auf S. 165 zu tendieren (auch wenn diese vielleicht auch – mit einigen Schwierigkeiten – im Sinne der ersten Lesart interpretiert werden kann):

▼ 96 

„Sex is sex, but what counts as sex is equally culturally determined and obtained. Every society also has a sex/gender system – a set of arrangements by which the biological raw material of human sex and procreation is shaped by human, social intervention and satisfied in a conventional manner, no matter how bizarre some of the convention may be.“

Vielleicht zweifeln wir, ob die Behauptung, „Every society also has a sex/gender system“, bedeutet, daß jede Gesellschaft zwischen (zwei) verschiedenen „sexes“ (185; vgl. hier Endnote 179) unterscheidet. Vielleicht ziehen wir in Erwägung, daß es Gesellschaften geben kann, in denen das „biological raw material of human sex“ nicht in Form von verschiedenen „sexes“ kategorisiert wird. Aber der Eindruck, der hier entsteht (und der im Jahre 1975 die spontane Evidenz auf seiner Seite gehabt haben dürfte 48) ist der folgende:

▼ 97 

Es gibt (mindestens) zwei „sexes“ (women and men 49),50 und dies ist noch kein Problem. Ein Problem entsteht erst dann, wenn die „social intervention“ in einer Weise erfolgt, die aus Frauen menschliche Diktaphone macht.51 Menschen sollen keine Diktaphone sein!

Die schlichte (nominalistische = materialistische 43) Einsicht, die später Monique Wittig [siehe das Zitat am Ende von Endnote 180; vgl. außerdem Endnote 182 sowie ausführlich zu Wittigs Position Abschnitt B.II.3. sub b)(3) und c)(2)] formuliert, der aber erst Butler zur Popularität verholfen hat – Frauen sind (per definitionem) menschliche Diktaphone; mehr noch: der Mensch, wenn er weiblich ist, ist ein Diktaphon! – war Rubin noch nicht möglich.

Statt dessen läuft auch ihre Vorstellung (und damit verschwimmt der Unterschied zwischen Gleichheits- und Differenzströmung in der Frauenbewegung) auf die Utopie einer nicht-hierarchischen Differenz, auf das von Wittig (1981, 15) als „illogical“ charakterisierte „principle of ‚equality in difference‘“, hinaus:

▼ 98 

„The dream I find most compelling is one of an androgynous and genderless (though not sexless) society, in which one’s sexual gender anatomy is irrelevant to who one is, what on does, and with one makes love.“ (Rubin 1975, 204 – Hv. d. Vf.In).

Identität und Handlungsfähigkeit: Das Primat des Bewußtseins über das Sein

Während zwischen den genannten Strömung dennoch der Slogan, ‚To be a dictaphone is beautiful‘44, umstritten war (die Differenzströmung bejahte dies; die Gleichheitsströmung verneinte dies), waren sich beide Strömungen in einem weiteren Punkt einig: nämlich in der Betonung der Kategorien „Identität“ und „Bewußtsein“. Es wurde angenommen, daß das (feministische oder konformistische) Bewußtsein darüber entscheidet, ob Frauen widerständig oder angepaßt handeln (Brandenburg 1997, 7).

▼ 99 

Auch diese Position warf allerdings ein Problem auf: Wo kommt das konformistische Bewußtsein her, und wie kann es geändert werden? Dies wurde in der Täter/Opfer-Debatte diskutiert.45 Die Fragen waren: Sind alle Frauen ausschließlich Opfer der herrschenden Verhältnisse? Oder haben sie auch Teil an ihrer eigenen Unterdrückung (und an der Unterdrückung anderer gesellschaftlicher Gruppen) (sog. ‚[Mit]täterschaft‘])? Wie soll eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorstellbar sein, wenn Frauen ausschließlich als Opfer und nicht auch als Handelnde begriffen werden?

Aber auch diese Debatte ändert nichts am zentralen Stellenwert der Identitäts-Kategorie für feministische Politikkonzepte. 46 Denn auch die Schlußfolgerung aus der Täter/Opfer-Debatte war: „Wenn Frauen in bestimmten Bereichen unfähig gehalten werden, können sie nur handlungsfähig werden, indem sie Teile ihrer eigenen Persönlichkeit zur Disposition und in Frage stellen.“ (F. Haug / Hauser 1992, 123). Die richtige oder falsche Identität („Persönlichkeit“) wurde damit weiterhin als entscheidend für Handlungsfähigkeit angesehen.

(2) Butlers Verschiebungen des 70er- und 80er Feminismus und die Grenzen ihrer Interventionen

Butler nahm nun mit ihren Interventionen zwei Verschiebungen dieser Sichtweisen auf das Geschlechterverhältnis vor:

▼ 100 

Zum einen umgeht sie das Problem der Grenzbestimmung zwischen sex und gender, indem sie sex in gender auflöst.47 Sie sieht auch das bisher sogenannte biologische Geschlecht als sozial konstruiert an: 48

„[…] was bedeutet der Begriff ‚Geschlecht‘ (sex) überhaupt? […]. Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, […]? Wenn man den unveränderlichen Charakter des Geschlechts bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens ‚Geschlecht‘ vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität. Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender)44 gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist.“ (Butler 1990, 23, 24)

▼ 101 

Zum zweiten dreht Butler (im Rahmen einer Wende vom Hegel-Marxismus zum [Post]-Strukturalismus) das Verhältnis von Handlungen und Identität um; nicht mehr die Identität ruft die Handlungen hervor, sondern die Handlungen konstituieren die Identität:

„Wenn die Attribute der Geschlechtsidentität nicht expressiv [= ausdrückend, d. Vf.In], sondern performativ [= hervorbringend, d. Vf.In] sind, wird die Identität, die sie angeblich nur ausdrücken oder offenbaren sollen, in Wirklichkeit durch diese Attribute konstituiert. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performanz ist zentral: Wenn die Attribute und Akte der Geschlechtsidentität, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturellen Bezeichnungen zum Vorschein bringt oder produziert, performativ sind, gibt es keine vorgängig existierende Identität, […]. Daß die Geschlechter-Realität (gender reality) durch aufrechterhaltene gesellschaftliche Performanzen geschaffen wird, bedeutet gerade, daß die Begriffe des wesenhaften Geschlechts und der wahren oder unvergänglichen Männlichkeit und Weiblichkeit ebenfalls konstituiert sind.“ (Butler 1990, 207 f. – Hv. d. Vf.In).45

▼ 102 

Das heißt: nicht mehr die geschlechtliche Identität begründet das vergeschlechtlichte Handeln, sondern das vergeschlechtlichte Handeln begründet die geschlechtliche Identität.

Das Problem an Butlers Ausführungen ist, daß sie – (wie zitiert) in Form von rhetorischen Fragen und Konditionalsätzen – auf einer bloß behauptenden Ebene verbleiben. Außerdem arbeitet sich Butler vor allem an diskursivem (philosophischem und literarischen) Material ab, 46 das für eine Beweisführung in Bezug auf die genannten Behauptungen (‚Es gibt keine biologischen Geschlechter.‘) nur bedingt geeignet ist.47 Butler zeigt zwar, wie Geschlecht in verschiedenen Diskursen funktioniert. Damit zeigt sie aber noch nicht, daß sex keine Naturgegebenheit ist. Unklar bleibt im übrigen auch, wie weit Butler sex tatsächlich in gender auflösen will. Bestreitet sie tatsächlich – wie ihr Landweer (1993a, 41, 42) vorwirft (s. Einleitung, S.  38) – jede (insbesondere biologische) außer-diskursive Realität? Oder bestreitet sie nur, daß die (eindeutige) Zweigeschlechtlichkeit eine biologische Realität ist?

Wir müssen und können hier nicht für eine dieser beiden Lesarten Partei ergreifen:

▼ 103 

Wir können nicht Partei ergreifen, denn die Äußerung Butlers sind in der Tat zweideutig: Ihr Anti-Empirismus tendiert dahin, zu einem Idealismus radikalisiert zu werden (die theoretischen Begriffe [’die Diskurse‘] sind nicht nur zur Erkenntnis der objektiven Realität erforderlich, sondern jene produzieren diese sogar; siehe bereits Endnote 34 und 104), und ihr Materialismus tendiert dahin, als Agnostizismus entschärft zu werden (die objektive Realität [‚das Reale‘] existiert zwar, aber sie/es ist gerade das Nicht-Erkennbare; siehe unten Endnote 223).

Aber dieses Nicht-Parteiergreifen-können ist auch kein Problem. Denn wir müssen auch nicht Partei für eine dieser Lesarten ergreifen. Denn diese Arbeit ist keine Butler-Exegese, sondern eine empirische Untersuchung, die dort, wo die Begriffe und Kategorie Butlers für die wissenschaftliche Analyse nicht ausreichend, sondern wohl möglich sogar schädlich sind, auf andere Begriffe und Kategorien zurückgreifen kann. Mag auch Butler unfähig oder unwillig sein, zwischen Materialismus und Idealismus zu wählen, so sind wir doch nicht gehindert zu wählen und dieser Arbeit ein materialistisches Verständnis von doing gender (s. S. 33 und 91 ff.) zugrundezulegen.

(3) Gildemeister/Wetterer: sex als Projektion sexistischer Ideologie auf die Biologie

Den Weg dazu haben Regine Gildemeister und Angelika Wetterer geebnet – auch wenn sie in ethnomethodologischem Relativismus für ihre Argumentation nicht den Status eines „Gegenbeweis[es] (1992, 210, FN 5) gegen biologistische Konzeptionen des Geschlechterverhältnisses beanspruchen, sondern sich darauf beschränken wollen, „auf die Brüchigkeit der Grundlage hin[zu]weisen, die die Logik der Zweigeschlechtlichkeit für sich beansprucht“ (Hv. i.O.).

▼ 104 

Wie dem auch sei – tatsächlich haben sie gezeigt, daß die Annahme einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit eine Projektion sexistischer Ideologie auf die Biologie ist.48 Die Infragestellung der Behauptung der biologischen Zweigeschlechtlichkeit erfordert keinen Idealismus, sondern kann sehr wohl und gerade auf der Grundlage der Anerkennung der materiellen Realität erfolgen.

Denn

▼ 105 

Biologie und Physiologie […] treffen eine weitaus weniger trennscharfe und weniger weitreichende Klassifizierung als manche Sozialwissenschaft (und das Alltagsbewußtsein) und entwerfen ein sehr viel differenzierteres Bild des scheinbar so wohlumrissenen binären biologischen Geschlechts. ‚Weibliches und männliches Geschlecht (sex) […] werden nicht mehr als zwei entgegengesetzte, einander ausschließende Kategorien verstanden, sondern vielmehr als Kontinuum, bestehend aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormongeschlecht‘ […], wobei die verschiedenen Faktoren, die zur Bestimmung des biologischen Geschlechts herangezogen werden können, weder notwendigerweise miteinander übereinstimmen müssen, noch in ihrer Wirkungsweise unabhängig von der jeweiligen Umwelt sind […].“ (Gildemeister/Wetterer 1992, 209 – Hv. d. Vf.In).

„Es gibt keine zufriedenstellende humanbiologische Definition der Geschlechtszugehörigkeit, die die Postulate der Alltagstheorien einlösen würde.“ (Hagemann-White 1988, 228).

▼ 106 

„Klassifikationskriterien können […] die Genitalien zum Zeitpunkt der Geburt oder die Chromosomen sein, die im Zuge vorgeburtlicher Analyseverfahren festgestellt werden; beide müssen nicht notwendigerweise übereinstimmen. […]. Im Alltag jedoch erfolgt die Zuordnung – und wird aufrechterhalten – aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. In diesem Sinne kann man sagen, daß die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht das entsprechende biologische Geschlecht unterstellt und in vielen Situationen ersetzt.“ (West/Zimmermann 1991, 14 f.).

Nicholson (1994, 190) vertritt die gleiche Behauptung unter Berufung auf andere Disziplinen: Die Annahme, daß „die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen als notwendig binär zu verstehen“ seien, sei „durch Material aus Geschichte und Anthropologie widerlegt worden“.

▼ 107 

Dieser Hinweis auf andere Zeiten und andere Kulturen (wie ihn auch Thomas Lacquer in seiner Studie Auf den Leib geschrieben vorbringt) kann allerdings nur ‚propädeutische‘ Funktion für das Geltendmachen der oben schon angesprochenen Erkenntnisse von Physiologie und Endokrinologie (Wissenschaft vom Hormonsystem) haben. Denn es liegt außerhalb des Kompetenzbereichs der Geschichtswissenschaft und der Anthropologie zu entscheiden, ob jene nicht-binären Vorstellungen von Geschlecht ein (d.h.: zutreffendes) Verstehen oder ein Mißverstehen sind.

Da aufgrund der hier genannten Erkenntnisse aber klar ist, daß die Zweigeschlechtlichkeit keine biologische Realität ist und deren Infragestellung deshalb keinen diskursanalytischen Idealismus erfordert, ist damit – ceteris partibus – der Weg frei zu der Erkenntnis, daß zu den performativen Akten, die Geschlecht (durchaus materiell, aber nicht biologisch, wenn auch – u.U. – medizinisch 49) hervorbringen, nicht (nur) diskursive Praxen, sondern auch materielle Praxen wie Arbeitsteilung gehören (s. dazu unten S. 91 ff.). Die Zurückweisung des diskursanalytischen Idealismus ermöglicht zugleich die Kritik des biologistischen Determinismus und eine Analyse der materiellen Praxen des doing gender.

b) Fragen, die sich daraus ergeben: Theoretische Hoffnungen und die Praxis geschlechternormen-inkonformer Körperinszenierungen

(1)  Die Hoffnungen der TheoretikerInnen …

Wie dem auch sei – mit der Erkenntnis der (sei es idealistisch, sei es materialistisch verstandenen) Performiertheit von Körper und Geschlecht haben sich auch die Konfliktlinien in feministischen Strategie-Debatten verschoben: Wurde in den 70er und 80er Jahre noch über die anzustrebende oder zu verteidigende gesellschaftliche Gleichheit oder Differenz (s.u. S. 95) der als biologisch unterschiedlich vorausgesetzten Geschlechter gestritten, so wird heute – wie ausgeführt – die Existenz biologisch unterschiedlicher Geschlechter gerade nicht mehr vorausgesetzt. Vielmehr geht es Feministinnen (und mit ihnen sympathisierenden §Männern) heute darum, wie bereits/sogar in den Konstitutionsprozeß der Geschlechter subversiv/ent-identifizierend/störend eingegriffen werden kann (s. in der Einleitung S. 35); wie also die Evidenz der Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt werden kann.

▼ 108 

Damit verschiebt sich auch das politische und analytische Interesse: Weg von einem vermeintlich feststehenden Kollektivsubjekt „Frauen“, hin zu ‚devianten Subjektpositionen‘ (Hark 1996a) wie denen von verschiedenen Arten von gender-non-conformists (s. oben bereits S. 35). Es wird angenommen, daß diese mit ihren Körperinszenierungen die Produziert- (statt: Gegeben)heit von Geschlecht deutlich machen und damit auch die Stabilität von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in Frage stellen.

Dieses Interesse an geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen steht allerdings im Kontext ausgesprochen unterschiedlicher politischer Konzeptionen: Während es den einen toleranz-pluralistisch um Anerkennung des Anderen geht, verwerfen andere dieses Interesse gerade von einer widerständigen oder out law Position aus (Genschel 1997a, 4 f.).

Dieser Widerspruch hat in der vorliegenden Literatur zu vielfältigen Systematisierungsversuchen geführt. 45

Unterschiedliche Tendenzen in der Postmoderne …

▼ 109 

So unterscheidet Teresa L. Ebert innerhalb des postmodernen Feminismus zwischen einer ludic46 Tendenz, die sich auf bloße Mikropolitik beschränke und die gesellschaftlichen Machtstrukturen unhinterfragt lasse, und einer resistance Tendenz, die sowohl auf der Ebene von Mikro- als auch Makropolitik agiere (Ebert 1992/93, 22).

Die Vf.In selbst hat in einer vorhergehenden Arbeit zwischen drei Tendenzen in der Postmoderne (auch über den Bereich des Feminismus hinaus) unterschieden (Schulze 1996e)47:

Die resistance Tendenz von Ebert wird dort als analytisch-kritische Tendenz gefaßt und die ludic Tendenz wird noch weiter in eine analytisch-affirmative und eine normativ-kritische Richtung differenziert: 48

▼ 110 

Die analytisch-affirmative Tendenz diagnostiziert eine Pluralisierung des/r Subjekte 49, und parallel dazu sieht sie die – als bereits existierend aufgefaßte – postmoderne Gesellschaft als pluralistisch und allenfalls noch lokal (also nicht mehr strukturell) vermachtet an50. Zur Verteidigung dieser Auffassung stützt diese Tendenz sich neben analytischen Erwägungen51 vor allem auf einen philosophischen Idealismus, der die Existenz oder zumindest die Erkennbarkeit der außer-diskursiven Realität bzw. materieller Machtstrukturen leugnet 52.

Die normativ-kritische Tendenz sieht die gesellschaftlichen Verhältnisse (weiterhin oder neuerdings) als ‚totalitär‘ an53, behauptet einen ‚Verlust‘ des Subjektes54 und setzt den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen das Plurale, Lokale und Differente als politische Kritik entgegen55. Dies läuft letztlich – zusammen mit einer lebensphilosophischen Wissenschaftsfeindlichkeit56 – auf eine Rehabilitierung der in hegel-marxistischer Tradition stehenden Kritischen Theorie hinaus: Die Totalitäts-Kategorie wird nicht als analytisch ungeeignet verworfen, sondern zur Kritik der vermeintlichen Realität verwendet57. In diesem Rahmen wird dem Einen, dem Identischen, das Andere, das Differente, entgegensetzt und damit – entgegen dem eigenen Anspruch – zwangsläufig das komplementär-hierarchische Verhältnis des Einen zu dem Anderen reproduziert58.

Während die beiden erstgenannten Tendenzen mit ihren pluralistischen Lesarten moderne Positionen wieder in die Postmoderne einschreiben59, erweist sich dagegen die dritte, anti-pluralistische Lesart – die analytisch-kritische Tendenz – mit ihrer Betonung der gesellschaftlichen Antagonismen 60 als konsequent postmodern.61 Nach deren Auffassung sind die gesellschaftlichen Verhältnisse gleichzeitig plural und vermachtet (oder – wie nach der hier vorgenommenen Begriffsdefinition gesagt werden müßte: durch zu Herrschaft verdichteter Macht strukturiert)62. Sie diagnostiziert keinen ‚Subjekt-Verlust‘, auch keine Pluralisierung des/r Subjekte, sondern kritisiert den emphatischen Subjekt-Begriff der Moderne als illusorisch63. Dieser Lesart geht es weder um eine Identifizierung mit den herrschenden Verhältnissen noch um eine ‚Aufwertung‘ bzw. ‚positive‘ Umwertung der beherrschten Seite(n), dem Anderen, dieser Verhältnisse. Vielmehr geht es dieser Tendenz um eine grundlegende Umwälzung der bestehenden Verhältnisse und damit auch der beiden Seiten dieser Verhältnisse, also um eine Politik der konsequenten Ent-Identifizierung.47 , 48 , 49

▼ 111 

In soziologischen Termini des sozialen Wandels läßt sich diese Unterscheidung folgendermaßen reformulieren: Tendenz 1 überschätzt den Wandel, der zwischen der Moderne und dem, was sie Postmoderne nennt, eingetreten ist. Tendenz 2 unterschätzt demgegenüber den der Moderne immanenten Impuls zum sozialen Wandel, während Tendenz 3 gerade den der Moderne immanenten sozialen Wandel untersucht, der (noch) nicht zu herrschaftsfreien, postmodernen Verhältnissen geführt hat.

… und deren Bedeutung für unterschiedliche Erwartungen an und unterschiedliche
Interpretationen von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen …

Bezugnehmend auf die Praxis geschlechternormen-inkonformer Körperinszenierungen heißt dies:

Sind diese Praxen ein Zeichen einer schon existierenden, herrschaftsfreien, neuen, postmodernen Realität (Tendenz 1)?50 Oder handelt es sich um Praxen, die auf eine Veränderung der nach wie vor herrschaftsförmig organisierten gesellschaftlichen Realität zielen? Und falls letzteres: Welche dieser Praxen artikulieren ausschließlich den Wunsch nach Demokratisierung, nach ‚Anerkennung‘ (der Anderen durch die Einen) und sind damit mit einem herrschaftsseitig lizensierten Pluralismus vereinbar (Tendenz 2)? Und welche dieser Praxen zielen vielmehr auf eine Ent-Identifizierung von den existierenden Subjekt-Positionen und streben deshalb auch nicht nach ‚Anerkennung‘ (der Anderen durch Einen), sondern nach einer grundlegenden Umwälzungen (De-Konstruktion) des Verhältnisses (zwischen dem Einen und dem Anderen) und damit auch nach der Abschaffung seiner beiden Seiten (Tendenz 3)?48

▼ 112 

Diese letztgenannte Unterscheidung (zwischen Tendenz 2 und 3, zwischen Demokratisierung/Anerkennung und De-Konstruktion/Revolution) läßt sich auch reformulieren im Sinne der von Cornelia Klinger getroffenen Unterscheidung zwischen Multikulturalismus und Dekonstruktion:

Dem Multikulturalismus gehe es in erster Linie um, „den Anspruch auf Hörbarkeit und Sichtbarkeit“, also darum, „eine adäquate Repräsentation der Marginalisierten bzw. auf die Anerkennung ihrer eigenen Identität einzuklagen“. Demgegenüber formuliere „der Dekonstruktivismus prinzipielle Zweifel an der Einlösbarkeit ebendieser Ansprüche, […]. Mit dem postkolonialen Multikulturalismus verbindet sich die Tendenz zur Toleranz, ja Indulgenz gegenüber allen möglichen, undiskriminiert und undiskriminierbar hinzunehmenden kulturellen und historischen Partikularitäten und zu einer weiteren Festschreibung vorgegebener Identitäten. Trotz des Übergangs von der Einzahl zur Mehrzahl beschwört das doch wieder den dekonstruktivistischen Verdacht gegen jede Art von Essentialismus bzw. Essentialisierung. Aus einer feministischen Perspektive wird nicht nur beargwöhnt, daß Identitäten festgeschrieben werden, sondern darüber hinaus, welche Identitäten damit zu Ehren kommen. Denn aus einer feministischen Perspektive sind keineswegs alle Kulturen gleichwertig und ihre Gleichrangigkeit gleichanerkennenswert.“ (Klinger 1995, 804 – Hv. i.O.).

▼ 113 

Schließlich weist Klinger noch darauf hin, daß es dem Dekonstruktivismus – anders als dem Multikulturalismus – „nicht um eine Erweiterung des Subjektprinzips bzw. um die Verwirklichung von Repräsentationsansprüchen zu tun ist, sondern vielmehr um die Kritik der Konzepte von Identität und Repräsentation selbst, denen der postkoloniale Multikulturalismus letztlich noch zu eng verhaftet bleibt.“ (Klinger 1995, 805).

… sowie für unterschiedliche Subjekt-Vorstellungen und die Strategie
der Ent-Identifizierung

Dies verweist auf eine letzte Unterscheidung, die für die hiesige Fragestellung zu treffen ist: die Frage nach den unterschiedlichen Lesarten der These bzw. der Parole vom ‚Tod des Subjektes‘. Während sich für die einen der Tod des Subjektes als dessen Vervielfältigung darstellt, bedauern die Zweiten, daß der Tod des Subjektes angeblich schon eingetreten ist, während es schließlich gerade das Ziel der Dritten ist, ihn herbeizuführen.

Der Unterschied zwischen der zweiten und dritten Lesart wird dabei häufig als Unterschied zwischen Postmoderne und Poststrukturalismus aufgefaßt:

▼ 114 

„Übrigens besteht ein Unterschied zwischen den Positionen der Poststrukturalisten, die behaupten, daß das Subjekt niemals existiert hat, und den postmodernen Positionen, die besagen, daß das Subjekt einst eine Integrität besaß, die es heute verloren hat.“ (Butler 1991a, 47 – Hv. i.O.).49

Die erste Lesart schließlich wird von Isabelle Graw mit dem Kunstbetrieb in Verbindung gebracht (wenngleich sie selbstverständlich auch in der politischen und ‚sozialwissenschaftlichen‘ Diskussion vertreten wird50):

▼ 115 

„Die Idee von Kunst setzt die des handlungsfähigen Individuums voraus. Künstlerische Arbeiten werden immer als individuelle Anliegen, als Leistung von Einzelkünstlern gedacht. Auch eine Kritik am Subjekt ändert an dieser Subjektorientiertheit nichts. Theorien wie die von Judith Butler oder die Psychoanalyse, denen eigentlich an einer Aufhebung des Subjekts gelegen ist, tragen im Kunstbetrieb zu seiner Stärkung bei. Das neue Subjekt tritt dann gespalten, zerrissen oder uneinheitlich auf.“ (Graw 1994, 146).

Die zuletzt angeführte, von Graw dargestellte Auffassung (= erste Lesart) gehört zum Feld der analytisch-affirmativen Postmoderne, die die angeblich schon bestehende postmoderne, herrschaftsfreie Realität durch eine Vielzahl von neuen Subjekten charakterisiert sieht. Die von Butler und anderen als postmodern (im engeren Sinne bezeichnete) zweite Lesart, gehört zur kritisch-normativen Tendenz: Sie fordert die (Wieder)herstellung des Subjektstatus – diesmal insbesondere für die Anderen, die auch in der Vergangenheit (noch) nicht als Subjekte anerkannt waren (Multikulturalismus im Sinne von Klinger). Die von Butler und anderen als poststrukturalistisch bezeichnete, dritte Lesart entspricht schließlich der analytisch-kritischen Tendenz: Sie vertritt die Auffassung, daß es Subjekte (im emphatischen Sinne der Aufklärung) nie gegeben hat, wohl aber sub-jekte (mit kleinem „s“)49.

▼ 116 

Die Konstituierung der Individuen als unterschiedliche sub-jekte (bspw. Männer und Frauen; vgl. Butler 1990, 17, 206: „gendered subjects“ – Plural!50) wird dabei als Prozeß der (Re)produktion von Herrschaftsverhältnissen zwischen diesen sub-jekten aufgefaßt. 51 Dies war gemeint, wenn in Endnote 23 zitiert wurde, in den neueren postmodern-feministischen Diskussionen rückten „die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit selbst“ (Gildemeister/Wetterer 1992, 202) bzw. die „strukturellen Determinanten des Patriarchats“, die der „männlichen und weiblichen Person vorhergehen (oder diese gar allererst konstruieren)“ (Rothfield 1990, 834) ins Zentrum der Analyse. Diese strukturellen Determinanten bestehen in eben jenen Mechanismen, die männliche und weiblich sub-jekte konstituieren.

Ziel der dritten Richtung ist folglich nicht die Subjekt-Werdung (erneut: der Männer; erstmals: der Frauen), sondern die Ent-Identifizierung von den existierenden sub-jekt-Positionen (Männlichkeit und Weiblichkeit):

▼ 117 

„Obwohl die politischen Diskurse, die die Identitätskategorie mobilisieren, dazu neigen, Identifikationen zugunsten eines politischen Ziels zu kultivieren, könnte es sein, […] daß gerade mit Hilfe von Praktiken, die die Desidentifizierung mit jenen regulierenden Normen hervorheben, durch die die sexuelle Differenz materialisiert wird, sowohl feministische als auch queer-Politik mobilisiert wird.“ (Butler 1993/94, 24 – Hv. i.O.).

Butler (1993/94, 288) wirft deshalb die Frage auf: „Welche Möglichkeiten gibt es, Desidentifizierung zu politisieren?“ (Hv. i.O.).

(2)  … und die Praxis geschlechternormen-inkonformer Körperinszenierungen

Diese Frage wird auch uns im folgenden beschäftigen. Denn auf der Ebene der theoretischen Konzepte ist es zwar relativ einfach, Butlers Frage (nach den Möglichkeiten zur ‚Politisierung‘ der Ent-Identifizierung) zu beantworten. Es kann dann in vorstehender Weise zwischen Ansätzen unterschieden werden,

▼ 118 

Eine in der bisherigen Forschung offen gebliebene Frage ist allerdings: Was unterscheidet diese Ansätze auf der Ebene der Körperinszenierungen selbst? Welche Art von Körperinszenierung wirkt tatsächlich ent-identifizierend? Und welche Körperpraxen sind bloß Teil der pluralistischen Reproduktion des status quo? Und: Welche Absichten haben die Akteure selbst? Verfolgen sie selbst überhaupt politische Ziele mit ihren Körperinszenierungen?

Hier bleiben die Auskünfte in der Literatur sehr vage51:

▼ 119 

„Die Parodie an sich ist nicht subversiv. Also muß es Möglichkeiten geben zu verstehen, wodurch bestimmte Formen parodistischer Wiederholung wirklich störend bzw. wahrhaftig verstörend wirken und welche Wiederholungen dagegen gezähmt sind und erneut als Instrumente der kulturellen Hegemonie wieder in Umlauf gebracht werden.“ (Butler 1990, 204).

Dies war Butlers Frage in Gender Trouble. In Bodies That Matter wird sie leider immer noch nicht konkreter:

▼ 120 

„[…] im Grunde kommt die Frage auf, ob die Entnaturalisierung des sozialen Geschlechts nicht möglicherweise gerade das Vehikel für eine erneute Festigung hegemonialer Normen sein kann. […] ich [möchte] unterstreichen, daß es keine zwangsläufige Verbindung zwischen drag und Subversion gibt und daß drag so gut im Dienst der Entnaturalisierung wie der Reidealisierung übertriebener heterosexueller Geschlechtsnormen stehen kann.“ (Butler 1993/94, 169 f.).

Ja, aber unter welchen Bedingungen trägt drag bzw. welche Formen von drag tragen zur Subversion und welche zur Reidealisierung bei?

▼ 121 

Diese Frage soll hier nicht nur rhetorisch gestellt werden. Denn es wäre wohl doch zuviel der schon in der Einleitung kritisch erörterten „Bescheidenheit“, diese Frage offen zu lassen, und die Subversivität von drag gerade in der Ambivalenz von „Entnaturalisierung“ und „Reidealisierung“ zu sehen. Denn Instabilität oder Ambivalenz ist – wie ebenfalls dort (S. 41) schon dargelegt – keinesfalls als solche subversiv. Deshalb richtet sich der wissenschaftliche Ehrgeiz hier darauf, die Bedingungen (Voraussetzungen) einer etwaigen Subversivität von drag festzustellen.

Gemessen an diesem Ehrgeiz ist auch das folgende Butler-Statement zu vage; allenfalls eine Frage, die hier im folgenden ernsthaft untersucht werden soll, aber keine Antwort:

▼ 122 

„[…] eine butch kann sich als fähig, kraftvoll und treusorgend präsentieren, […]. Und doch kann sich diese ‚treusorgende‘ butch, die zunächst eine gewisse Ehemann-ähnliche Rolle zu wiederholen scheint, am Ende in einer Inversionslogik wiederfinden, durch die sich diese ‚Fürsorglichkeit‘ in eine Selbstaufopferung verwandelt, die die butch in die älteste Falle weiblicher Selbstverleugnung gehen läßt. […]. Andererseits kann auch die femme, die den sexuellen Austausch ‚orchestriert‘, eine gewisse Abhängigkeit in die Erotik einbeziehen, um dann festzustellen, daß gerade ihre Macht, diese Abhängigkeit zu orchestrieren, ihre eigene Macht unbestreitbar enthüllt – […].“ (Butler 1991b, 32 – kursive Hv. i.O.; fett-kursive Hv. d. Vf.In).

Es „kann“ passieren, aber passiert es auch? Und was unterscheidet diese Argumentationsstrategie eigentlich von der von Männern im Patriarchat, die behaupten, eigentlich würden sie ja von den Frauen dirigiert, orchestriert … beherrscht?!

Jedenfalls bleiben die von Butler selbst aufgeworfenen Fragen,

▼ 123 

bei ihr unbeantwortet. 52

3. Kriterien für die Subversivität von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen

Um diese Fragen hier beantworten zu können, werden im folgenden drei Kriterien für die Subversivität von geNOkos entwickelt: zunächst sub a) das Kriterium der Arbeitsteilung; sodann wird begründet, warum auch das (identifikatorische oder ent-identifizierende, vgl. schon S. 86) Selbstverständnis [sub b)] und die Motivation [vgl. schon S. 87 und sogleich sub c)] beachtliche Gesichtspunkte sind51. Das entscheidende Kriterium ist dabei die Arbeitsteilung, während festgestellt werden soll, ob diese in Abhängigkeit von den beiden anderen Faktoren unterschiedlich strukturiert ist.

a)  Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung als Indikator von Herrschaft / Die Abwesenheit von Herrschaft als Subversivitäts-Indikator

▼ 124 

Mit dem Kriterium der Arbeitsteilung beziehen wir uns auf Marx [sub (1)] und – nota bene! – Butler [sub (2)]52; und wir zeigen, warum Butlers – für viele sicherlich überraschender – Bezug auf Marx keinen Bruch mit einer wohlverstandenen Theorie des Performativen darstellt, sondern sich konsistent in eine solche einbauen läßt [sub (3)] – auch wenn Butler selbst es insoweit versäumt hat, ihr Argument auszuführen.

(1)  Marx/Engels: Die Produktion des Lebens als erste geschichtliche Tat

Marx’ und Engels’ Argumentation, daß die „Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung,“ die „erste geschichtliche Tat“ ist (1845/46, 29, 28), dürfte noch erinnerlich sein:

▼ 125 

„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. […]. Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen.“ (ebd., 20). „Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, […], und zwar ist dies […] eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten.“ (ebd., 28). „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren.“ (ebd.). „Das […] Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die geschichtliche Entwicklung eintritt, ist das, daß die Menschen, die ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen, andre Menschen zu machen, sich fortzupflanzen – das Verhältnis zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, die Familie.“ (ebd., 29). „Mit der Teilung der Arbeit […] ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist.“ (Marx/Engels 1845/46, 32).53 (Alle Hv. i.O.).

(2) Butler: Regulierung von Sexualität und gender als Elemente der Produktionsweise

Weniger bekannt (oder – weil nicht ins vor-herrschende post-marxistische Weltbild passend –: ignoriert, obwohl gleich dreifach veröffentlicht52) dürfte sein, daß sich Butler gegen den Vorwurf, ihre Beschäftigung mit Geschlecht und Sexualität sei ‚bloß kulturell‘ 53, jüngst zustimmend54 auf diese und ähnliche 55 Äußerungen von Marx und Engels, in denen diese die ‚tägliche (Re)produktion des unmittelbaren Lebens‘ (ebd., 29, 21, 27) in ihren Begriff der materieller Determinante einschließen, sowie deren Rezeption durch die sozialistischen Feministinnen 56 der 70er und 80er Jahre bezogen hat:

▼ 126 

„Indeed, many of the feminist arguments during that time sought not only to identify the family as part of the mode of production, but to show how the very production of gender had to be understood as part of the ‚production of human beings themselves‘, according to norms that reproduced the heterosexually normative family. […]. Essential to the socialist-feminist position of the time was precisely the view that the family is not a natural given, and that as specific social arrangement of kin functions, it remained historically contingent and, in principle transformable. The scholarship in the 1970s and 1980s sought to establish the sphere of sexual reproduction as part of the material conditions of life, a proper and constitutive feature of political economy.“ (Butler 1996/98, 39 f.).57

Butler betont in diesem Kontext den Zusammenhang zwischen der „sexual division of labour“ und der „reproduction of gendered persons“ (ebd., 40) und schließt dann folgendermaßen: „Thus, the regulation of sexuality was systematically tied to the mode of production proper to the functioning of political economy.“ (ebd., 40 – Hv. i.O.).

Aufgrund der zuvor genannten Umstände kann die Arbeitsteilung in der Tat als Indikator für Herrschaft betrachtet werden (dies bspw. gegen Gather [1996, 237], die meint es fehlten Kriterien, die „gut begründete Aussagen“ über Machtpositionen in Ehen ermöglichten):

▼ 127 

„Teile und herrsche gilt auch in der Produktion des materiellen Lebens: die Teilung (Spezialisierung und Aufteilung) der Arbeit ist der entscheidende Ansatzpunkt für alle komplexeren Formen von Herrschaft“ (Haug 1994, Sp. 565 – Hv. i.O.).58

▼ 128 

„Als Produkt sozialer Stoffwechselprozesse fungiert H[errschaft] gleichzeitig als deren Katalysator. Je nachdem, wie der Produktionsprozeß sowie die ihm vorgeschalteten Stadien der Rohstoff- und Subsistenzmittelbeschaffung, aber auch die Veräußerungsbedingungen der Arbeitsresultate organisiert sind, werden auch die Strukturen und Artikulationsformen des sozialen Lebens insgesamt von diesem ‚Schema‘ [d.h.: von Herrschaft, d. Vf.In] bestimmt.“ (insofern zutr. Massing 1991, 225).

„alle gesellschaftliche Macht und alle politische Gewalt [haben] ihren Ursprung […] in der geschichtlich gegebnen Produktions- und Austauschweise der jedesmaligen Gesellschaft.“ (Engels 1876/94, 201).

▼ 129 

Insofern wir Arbeitsteilung als Indikator für (Macht und) Herrschaft betrachten,59 grenzen wir uns von sog. ressourcentheoretischen Ansätzen der wissenschaftlichen, nicht-feministischen60 Debatte über die Verteilung von Hausarbeit ab. Diese Ansätze betrachten bspw. Einkommen oder Bildung als Machtressource (s. Freudenthaler 2000, 62, Künzler 1999, 238; Gather 1996, 13 – jew. m.w.N.). Sie untersuchen dann, ob das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandsein dieser Machtressourcen einen Einfluß auf die Hausarbeitsverteilung haben. Kommen diese Ansätze nun zu dem empirisch zutreffenden Ergebnis (s. dazu ebd., 64, bei FN 2 sowie hier unten sub B.II.2.e)(2), S. 122 ff.), daß die Ungleichverteilung unabhängig vom Vorhandensein dieser Machtressourcen (bspw. auch dann, wenn eine Frau ebenfalls über ein eigenes Einkommen aus Erwerbsarbeit verfügt, und sogar dann, wenn sie einen höheren beruflichen Status als ihr Partner oder Ehemann hat) besteht, so bekommen wir die – uns reichlich paradox erscheinende – Schlußfolgerung nahegelegt, daß die Hausarbeitsverteilung nicht von Macht (geschweige denn: Herrschaft) strukturiert ist (so wohl Gather 1996 [S. 15: „Da die zentrale Ressource für Macht, die Erwerbsarbeit, entfällt“, S. 236: „reichen nicht aus, um Machtverhältnisse zu begründen“ und S. 238 f. die Abgrenzung von „makrosoziologischen“ feministischen Machtbegriffen61).53

Wir möchten – zwar nicht die gegenteilige 54, aber doch – eine andere Sichtweise vorschlagen: Daß eine Gruppe von Personen (vorliegend: Frauen) unbezahlte (Haus)arbeit leistet und eine andere nicht; daß eine Gruppe von Personen systematisch den besseren beruflichen Status und (selbst bei formell gleichen beruflichen Status) ein höheres Einkommen erzielt, ist sicherlich das Resultat von ungleichen Machtverhältnissen, ein Indikator von Herrschaft. Auch lassen sich diese Resultate von Macht wiederum als Machtressourcen einsetzen – soweit d’accord.

Betrachten wir nun aber ein einzelnes Paar, so stellt sich die Situation etwas anders dar: Die gegebene geschlechtshierarchische Struktur der Erwerbsarbeit vorausgesetzt, bedarf es nicht unbedingt der Macht(ausübung) dafür, daß es eine Frau als auch in ihrem Interesse (nämlich im Gesamtinteresse des Paares) liegend ansieht, die männliche Arbeitskraft, für die auf dem Arbeitsmarkt ein höherer Preis erzielt werden kann, auf die Erwerbsarbeit zu konzentrieren und ihre eigene auf die Hausarbeit54 – und in der Tat kommen viele Frauen ganz aus eigenem Entschluß zu dieser Ansicht. Insofern stimmen wir dem sog. Nutzenmaximierungsansatz (s. Freudenthaler 2000, 64 f.) bzw. den New Home Economics (Künzler 1999, 236 f.) in der nicht-feministischen Hausarbeitsdebatte zu. Dies heißt freilich nicht, daß die Verhältnisse, die einen solchen Entschluß nahelegen und die ihrerseits Resultat von Machtverhältnissen55, außerhalb (feministischer) politischer Kritik stehen müssen – trotzdem haben wir bedenken dagegen, ein solcher Situation davon zu sprechen, mittels der Machtressourcen Einkommen und beruflicher Status sei die ungleiche Hausarbeitsverteilung erzwungen worden.

▼ 130 

Viel bemerkenswerter und viel eher ein Indikator für Macht(ausübung) ist unseres Erachtens der umgekehrte Fall: der Fall, daß eine Frau trotz gleichen oder sogar besseren beruflichen Status die Hausarbeit fast allein erledigen muß. Dies setzt freilich voraus, einen ökonomistischen Machtbegriff, der allein Einkommen, beruflichen Status etc. als Machtressourcen ansieht, zu überwinden,56 so schreibt Künzler (1999, 238) bspw.: Vieles spreche dafür, „daß Liebe (bzw. Liebesentzug) in intimen Beziehungen wesentlich wirkungsvoller argumentieren läßt“ als mit Einkommen, Bildung oder Berufsprestige.

Wir können uns hier auch noch einmal auf Foucaults Machtbegriff beziehen, der für ein „strategisches“ Verständnis von Macht plädiert:57 „Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation gibt“ (Foucault 1976a, 144). Aus anderer theoretischer Perspektive betrachtet auch Flechtheim (1991, 219) „Organisation“ als „Reservoir latenter Macht“; und Boudon/Bourricaud (1984, 305) legen nahe, „eine Analyse der Ressourcen mit einer Analyse der Strategien zu verknüpfen. Man kann nämlich die Hypothese aufstellen, daß die Kapazitäten – Macht im weiten Sinne – eines individuellen oder kollektiven Akteurs nicht nur von der Art und dem Umfang seiner Ressourcen und von der Übereinstimmung zwischen seinen Ressourcen und seinen Strategien abhängen. Man kann sich einen Akteur vorstellen, der Ressourcen im Übermaß, aber keine einzige Strategie zur Verfügung hat.“58 Auch Bahrdt (1992, 165 f.) weist darauf hin, daß zum Machtausüben nicht nur die Mittel gehören, sondern „auch gelernt [zu haben], sie zu gebrauchen“; und Lenz/Luig (1990, 10) sprechen von „Machtstrategien, also Methoden, um in […] unterschiedlichen sozialen, ökonomischen und kulturellen Beziehungen Macht zu erlangen“.

Hiernach können wir also die Existenz von geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung als Indikator von Herrschaft ansehen; eine weiterführende Analyse hätte allerdings danach zu fragen, mit welchen Machtmitteln und -strategien diese Herrschaft aufgebaut, reproduziert oder gebrochen wird.

(3) Grimm und Schaper-Rinkel: geschlechtshierarchische Arbeitsteilung als doing gender

▼ 131 

Der jetzige Rekurs Butlers auf die Begriffe „Arbeitsteilung“ und „Produktionsweise“ ist durchaus keinen Bruch in ihrer poststrukturalistischen Argumentationsweise, sondern kompatibel mit früheren Stellungnahmen.59 So hat sie schon in Gender Trouble betont, daß ‚Konstruiertheit von Geschlecht‘ nicht „Scheinhaftigkeit oder Künstlichkeit“ bedeutet.60 Vielmehr erfolgt die Konstruktion von Geschlecht (entsprechend von Rasse) in materiellen Praxen:

„‚Rasse‘ und ‚Geschlecht‘ sind in diesem Sinne real, gerade weil sie ideologisch konstruiert sind. Ich verstehe Ideologie hier als ‚imaginäres Verhältnis der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen‘ (Althusser). Dieses ‚imaginäre Verhältnis‘ ist nicht einfach eine innerliche Vorstellung, vielmehr ist sie eingelassen in institutionell regulierte Praktiken, die die diskursiven Konstruktionen von ‚Geschlecht‘ und ‚Rasse‘ materialisieren – wobei Materialität nicht als Essenz, sondern als soziale Praxis und als Herrschaftsverhältnis […] zu verstehen ist. Ideologie und Praxis sind dabei nicht zu trennen, sie bilden einen unlösbaren Zusammenhang.“ (Grimm 1994a, 101).

▼ 132 

„Mit Butler kann die Kategorie Frau als ideologische Konstruktion verstanden werden, als […] eine ‚imaginäre Formation‘ (Haraway), durch die sich Individuen auf soziale Herrschaftsverhältnisse beziehen.“ (C. Eichhorn 1994, 41).

Die sexistischen und rassistischen Diskurse stehen dabei im Kontext einer sexistischen und rassistischen Arbeitsteilung:

▼ 133 

„Gender and sexuality are not simply the result of discursive or signifying practices performed on the body, but also, and more importantly, they are the effect of labor performed by, on, and through bodies as historically determined by the division of labor and the unequal access to economic and social resources.“ (Ebert 1992/93, 40, vgl. auch: ebd., 9, 17, 21, 25, 36 f. und bes. 40-42 sowie Ebert 1996 passim).

▼ 134 

Die „These, daß die Geschlechtsidentität eine Konstruktion ist, behauptet [… also] keinesfalls, daß die Geschlechtsidentität scheinhaft oder künstlich ist“; sie existiert nicht unabhängig „von den sozioökonomischen Bedingungen, von der konkreten sich verändernden Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen“. „[D]ie Geschlechterideologie [hat] wie andere Ideologien [… e]ine Materialität, die nicht nur in kulturelle Praxen im engeren Sinne eingeschrieben ist, sondern die ebenso eingeschrieben ist in die bestehende Praxis der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung.“ (Schaper-Rinkel 1994b, 5, 6, 8 – Erg. d. Vf.In; vgl. Schaper-Rinkel 1996, 5, 6, 8 f.). „Die gelebte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, die gelebte Differenz in allen Bereichen des Lebens verstärkt immer wieder die Evidenz dieser ‚Zweigeschlechtlichkeit‘, läßt Vorstellungen von dem unterschiedlichen Wesen, der unterschiedlichen Natur von Frauen und Männern und davon abgeleiteten unterschiedlichen Aufgaben plausibel erscheinen.“ (Schaper-Rinkel 1994a, 110).61

Dies gilt nicht nur für die Erwerbsarbeit, sondern auch für die Hausarbeit: „Simultaneously, household members ‚do‘ gender, as they ‚do‘ household work and child care“ (Fenstermaker 1985, 201).

Aufgrund dieser Relevanz der Arbeitsteilung für Geschlechterherrschaft werden hier Arbeitsteilungsstrukturen als Subversivitäts- oder Nicht-Subversivitäts-Indikator herangezogen.

▼ 135 

Dabei werden Subversivität und Nicht-Subversivität folgendermaßen definiert. GeNOkos sind dann subversiv,

Umgekehrt spräche es gegen die Hypothese von der Subversivität geschlechternormen-inkonformer Körperinszenierungen,

▼ 136 

Denn in beiden Fällen wäre zwar die von der herrschenden Ordnung geforderte „Selbst-Naturalisierung“ (Butler 1990, 60) der lesbischen butch (bzw. des hetero’SEX‚uellen transgender Mannes) als Frau, der schwulen femme (bzw. der hetera’SEX‚uellen transgender Frau) als Mann durch die geNOkos infragegestellt, die „Hegemonie“ (ebd.) eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses bliebe aber trotzdem erhalten.

Indikator für den hierarchischen Charakter der Arbeitsteilungsstrukturen ist dabei

▼ 137 

Insofern unterscheidet sich das doing gender durchaus nicht vom doing class: Klassen wie auch Geschlechter (wie auch Rassen im übrigen) sind „große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden durch ihren Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, […], nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen.“ (so Lenin [1919a, 410] über den Klassenbegriff).

Weitere Indikatoren für Nicht-Subversivität sind gegeben,

▼ 138 

(4) Butler und Althusser: Die ‚Rituale‘ des Ideologischen Staatsapparates Familie als performing gender

Wird das doing gender in dieser Weise als materielle Tätigkeit aufgefaßt, wird es möglich Butlers Thesen von der Konstruiertheit der Geschlechter mit Bezug auf Althussers Thesen zur Subjekt-Konstituierung zu reformulieren (Schaper-Rinkel 1994b, 1996). So zeichnet sich eine materialistische Theorie des Performativen ab, in Bezug auf welche Butlers späterer Rekurs auf Marx keinen Bruch, sondern deren Konkretisierung darstellt.

Nach Althusser sind die Subjekte – entgegen der gängigen Vorstellung – nicht frei, autonom, Herren ihres eigenen Willens und ihrer Handlungen, sondern durch ideologische Anrufungen produziert (Althusser 1969/70, 140, 148: „Die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte an.“ „Es gibt Subjekte nur durch und für ihre Unterwerfung.“). 61 Die Ideologien sind ihrerseits nicht reines Bewußtsein, sondern sie materialisieren sich wiederum in den Ideologischen Staatsapparaten 62 und deren Praxen (Althusser 1969/70, 137). Diese Praxen sind

▼ 139 

„durch Rituale, in die sie sich einschreiben, innerhalb der materiellen Existenz eines ideologischen Apparates geregelt […] Auch wenn es sich nur um einen ganz kleinen Teil dieses Apparates handelt: ein kleiner Gottesdienst in einer kleinen Kirche, ein Tag in einer Schulklasse oder eine Versammlung oder Kundgebung einer politischen Partei usw.“ (Althusser 1969/70, 138 – Hv. i.O.)

Althusser kann sich deshalb

▼ 140 

„[g]egen den Idealismus des Bewußtseins bzw. des Willens […] auf Pascal beziehen: Nicht der Glaube produziert das Niederknien und Beten, sondern – so Pascal: ‚Knie nieder, bewege die Lippen zum Gebet, und Du wirst glauben.‘“63

In diesem Sinne sagt auch Butler, daß

▼ 141 

„die Geschlechtsidentität ein Tun [ist], wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vorangeht. […] ‚Täter‘ [… ist] also bloß eine Fiktion, die Tat dagegen alles […]. Akte, Gesten, artikulierte und inszenierte Begehren schaffen die Illusion eines inneren Organisationskerns der Geschlechteridentität (organizing gender core), […]. Da der Effekt der Geschlechtsidentität durch die Stilisierung des Körpers erzeugt wird, muß er als der mundane Weg verstanden werden, auf dem Körpergesten, die Bewegungen und die Stile unterschiedlicher Art die Illusion eines unvergänglichen, geschlechtlich bestimmten Selbst (gendered self) herstellen.“ (Butler 1990, 49, 200, 206 f. – Hv. i.O.).

Die Rituale der Ideologischen Staatsapparate bei Althusser entsprechen also den performative acts bei Butler, die Geschlechter in Szene setzen und dadurch erst konstituieren.

▼ 142 

„Butlers Charakterisierung der Konstituierung von Identität als Inszenierung, der performative acts als ständiges Re-zitieren von gesellschaftlichen Konventionen zur Hervorbringung der Identität verweist auf die Ebene der Form, in der die ‚Anrufung‘ von den Subjekten in Handlungen umgesetzt werden. […]. Butlers Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht, als eine Theorie der performativen Hervorbringung von Geschlechtern zeigt die Geschichtlichkeit dessen, was als schon immer vorhanden und evident betrachtet wird. Der Begriff der performative acts zeigt die Notwendigkeit der ständigen Aktualisierung und Inszenierung von Identität und betont damit, die Prozeßhaftigkeit und potentielle Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Was vom Alltagsverständnis für eine Reflexion der Gegebenheiten gehalten wird, wird von Butler als eine performative Konstruktion entschlüsselt.“ (Schaper-Rinkel 1996, 7, 10 – Hv. i.O.).

b) Ent-Identifizierung als Kriterium für die Subversivität von geNOkos

Sind die Subjekte in dieser Weise nicht konstitutiv für die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern von diesen konstituiert, und sind ‚Männer‘ und ‚Frauen‘ [wie in Kap. B.I.2.a) dargelegt] keine biologischen Gegebenheiten, sondern Produkte eines solchen sozialen Prozesses der sub-jekt-Konstituierung, dann ergibt sich ein weiteres Kriterium für Subversivität: das der schon angesprochenen Ent-Identifizierung, die Butlers theoretische De-Konstruktion der Kategorie ‚Geschlecht‘, zur De-Konstruktion von Geschlecht selbst in der alltäglichen Praxis der einzelnen Subjekte werden läßt.

(1)  C. Eichhorn: Ent-Identifizierung von den Geschlechterrollen / Jenseits von Gleichheit und Differenz

▼ 143 

Damit folgt aus Butlers Interventionen eine weitere Verschiebung gegenüber den Debatten im 70er- und 80er-Jahre-Feminismus: In dieser Zeit wurde diskutiert, ob eher eine Strategie der Gleichheit oder eine Strategie der Differenz geeignet sei, das bestehende patriarchale Geschlechterverhältnis in Frage zu stellen. Beide Strategien wiesen aber offensichtliche Schwächen auf, die ihren Subversivitätsansprüchen entgegenstanden. Denn die Gleichheitspostulate blieben „implizit auf die herrschenden männlichen und eurozentristischen Normen fixiert“, während die Differenztheorien, „die biologistischen und kulturalistischen Zuschreibungen perpetuieren, die erst die Unterdrückung von Frauen absichern“ (C. Eichhorn 1994, 40).64

Mit Judith Butlers Dekonstruktion der Kategorie (biologisches) Geschlecht ist ein Ausweg aus diesem „Dilemma, sich immer entweder auf eine essentielle Ursprünglichkeit der Differenz oder auf eine die Evidenz der Differenz leugnende Gleichheit im Menschsein berufen zu müssen“ (ebd.), sichtbar geworden. Denn Butlers De-Konstruktion macht deutlich, daß die Geschlechterdifferenz weder letztlich irrelevant (wie der Gleichheitsansatz unterstellt) noch unhintergehbar (wie der Differenzansatz unterstellt) ist, sondern eine in der Realität wirksame „ideologische Konstruktion“ (ebd., 41).

Die Realitätsmächtigkeit dieser ideologischen Konstruktion, kann weder durch das Gleichheitspostulat einfach übersprungen werden, noch kann deren Affirmation durch den Differenzansatz deren herrschaftlichen Wirkungen in Frage stellen. Vielmehr ist eine antisexistische Politik gezwungen, „die Identität Frau zugleich zu beanspruchen und in Frage zu stellen“ (ebd., 40).

▼ 144 

Dies ist, was oben als Politik der Ent-Identifizierung bezeichnet worden ist: Wenn (Männer und) Frauen Produkte der herrschaftlich organisierten, sexistischen Verhältnisse sind, dann ist es weder subversiv die Identität der Frauen zu affirmieren, noch deren Gleichheit mit der der Männer anzustreben. Das Ziel für diejenigen, die diese Verhältnisse subvertieren wollen, besteht folglich „weniger darin, zu entdecken, als abzuweisen, was wir sind“ (Foucault 1982, 250). Subversiv ist nicht, sich mit dem zu identifizieren, als was man/frau/arbeiterIn/kapitalistIn etc. von den herrschenden Verhältnissen konstituiert wird, sondern sich von diesen sub-jekt-Positionen – wie Pêcheux sagt (s.o. S. 84, FN ) – zu ent-identifizieren65.

(2) Butler: Ent-Identifizierung ist nicht Pluralisierung

Dies heißt aber gerade nicht, daß es subversiv ist, einfach neue Identitäten, neue sub-jekt-Positionen, die in gleicher Weise wie die alten (d.h.: im Wege der SUBJEKT-Illusion) konstruiert werden, zu ‚erfinden‘. Denn dies würde nur die ‚Erfindung‘ neuer (oder die Reproduktion alter) Herrschaftsstrukturen bedeuten:

▼ 145 

„Die Aufgabe besteht infolgedessen [daß jede Konstituierung eines Subjekts mit einer Ab- und Ausgrenzung einhergeht, d. Vf.In] nicht darin, Subjektpositionen im existierenden Symbolischen, im derzeitigen Bereich der Kulturfähigkeit, zahlenmäßig zu vervielfachen, […]. Die Vervielfachung von Subjektpositionen auf einer pluralistischen Achse hätte die Vervielfachung ausschließender und erniedrigender Schritte zur Folge, […].“ (Butler 1993/94, 156 – Hv. i.O.).66

Ein Bruch mit der alten (bürgerlich-patriarchalen, modernen) Weise des Selbstverständnisses ist folglich ein wichtiges Subversivitäts-Kriterium:

Denn zum einen macht die Anrufung als Subjekt – wie wir oben (S. 74 f. und Endnote 241) gesehen haben – gerade die Unterwerfung leicht – ohne daß freilich der Umkehrschluß erlaubt wäre, daß ein Bruch mit der Subjekt-Illusion automatisch eine Ende von Unterwerfung bedeuten würde.

▼ 146 

Wenn aber – wie ebenfalls oben (S. 94) gezeigt – das Tun (und d.h. vorliegend, d.h.: im Falle des bestehenden Geschlechterverhältnisses: Herrschaftspraxen) die sub-jekt-Positionen definiert und die Identität der Subjekte hervorbringt, dann ist die Vervielfachung der in dieser Weise konstituierten sub-jekt-Positionen jedenfalls nicht subversiv, sondern eine Vervielfachung von Herrschaftspraxen.

Schließlich werden diese Herrschaftspraxen auch noch potentieller Kritik entzogen, wenn derartige Identitäten als essentiell gegeben statt kontingent produziert angesehen werden. Auch insofern ist Ent-Identifizierung also ein Subversivitäts-Indikator. Denn Ent-Identifizierung zeigt die Kontingenz, die Hintergehbarkeit, der hegemonial als gegeben wahrgenommen Identitäten, sub-jekt-Positionen und Herrschaftspraxen.

(3) Wittig mit/gegen Butler: We fight for a genderless society, that acknowledges that there is also no sex

Wenn aber eine bloße Pluralisierung des bestehenden Symbolischen für eine Subversion der bestehenden Verhältnisse nicht ausreicht, dann ist zu fragen, ob Butler (1990, 182) nicht zu optimistisch ist hinsichtlich der subversiven Kraft der Möglichkeit, daß „heterosexuelle oder bisexuelle Frauen [es] durchaus vorziehen, daß ihre Mädchen“ – d.h. ihre Geliebten – „Jungen sind“, daß also „die Wahrnehmung der ‚weiblichen‘ Identität neben und auf den ‚männlichen Körper‘ gestellt“ wird.

▼ 147 

Bevor es möglich ist, diese Frage zu beantworten, dürfte es notwendig sein, diese kryptischen Worte zu verstehen. Diese Worte lassen sich vielleicht verstehen, wenn wir berücksichtigen, daß Butler (ebd.) den angesprochenen Fall analogisiert mit dem umgekehrten Fall, daß die femme es mag, „wenn ihre Jungen Mädchen“, d.h. butches, sind.

Daraus können wir schlußfolgern: Mit jenen kryptischen Worten meint Butler den Fall, daß eine §Frau einen biologischen Mann begehrt, der weibliche Körperinszenzierungen praktiziert (oder – wie Butler sagt –: eine „‚weibliche‘ Identität“ hat).

Dies ist nun zwar alles sehr verwirrend und auch pluralistisch, und die Vf.In dieser Arbeit könnte sich sehr geschmeichelt fühlen, denn sie lebt in einer Liebesbeziehung, die sich in dieser Weise abbilden ließe – es fragt sich allerdings, ob das subversive Potential einer solchen Konstellation (sofern denn ein solches überhaupt besteht!) voll ausgeschöpft wird, wenn sich die Beteiligten weiterhin als Jungen und Mädchen verstehen.

▼ 148 

Müßte nach dem, was Butler in Körper von Gewicht über die Vervielfachung der Subjekt-Positionen im existierenden Symbolischen gesagt hat, die subversivere Kraft nicht vielmehr in einer Konzeption gesehen werden, die Butler in Gender Trouble noch ausdrücklich kritisiert hatte – nämlich in der Konzeption von Monique Wittig?!

Indem Wittig (1981, 15: „[…] the category ‚woman‘ as well as the category ‚man‘ are political and economic categories not eternal ones.“) nämlich – ähnlich wie Butler! – eine biologische Realität der (exklusiven) Zweigeschlechtlichkeit bestreitet, geht sie einen entscheidenden Schritt über die oben (S. 78) dargestellte ‚soziale Gleichheit trotz biologischer Differenz‘-Position von Rubin hinaus. Sie bricht konsequent mit jedem Pluralismus, indem sie (ebd.) postuliert: „Our fight aims to suppress men as class, not through genocidal, but a political struggle. Once the class ‚men‘ disappears, ‚women‘ as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“67

Was war aber nun in Gender Trouble das Argument von Butler gegen Wittigs Konzeption? Jene wirft dieser eine „radikale Disjunktion zwischen Heterosexualität und Homosexualität“ (180) und eine politische Strategie, die nichts anderes als „entweder erstens radikale Konformität oder zweitens radikale Revolution“ kennt (179 f.), vor.

▼ 149 

Tatsächlich ist es aber Butler, die – und zwar im Rahmen eines Rückfalls in den Biologismus! – eine „radikale Disjunktion zwischen Heterosexualität und Homosexualität“ vornimmt, wenn sie (bei dem oben angesprochenen Beispiel) – trotz distanzierender Anführungszeichen – den „männlichen Körper“ (auch wenn dieser von einer „weiblichen“ Identität begleitet wird) des Liebesobjektes einer „Frau“ zum Kriterium für deren Hetero/a/sexualität (oder für deren Bisexualität, falls diese „Frau“ außerdem Personen mit ‚weiblichem‘ Körper begehrt) macht. Butler unterscheidet hier sauber zwischen weiblicher Homo- und weiblicher Hetero/a/sexualität – und das Unterscheidungskriterium ist der „Körper“, das biologische Geschlecht, sex (genau das, was zuvor in einer radikalen diskurstheoretischen Geste verworfen wurde): weiblicher Körper + weiblicher Körper = Homosexualität; weiblicher Körper + männlicher Körper = Hetero/a/sexualität; weiblicher Körper + weibliche und männliche Körper = Bisexualität.

Wittig verwendet dagegen den Begriff „Homosexualität“ nicht und definiert „lesbisch“ ganz anders als Butler weibliche Homosexualität. Wittig (1980, 32) sagt, „it would be incorrect so say lesbians associate, make love, live with women, […]. Lesbians are not women.“

Und Wittigs Begründung lautet: „For what makes a woman is a specific social relation to a man, a relation that we have previously called servitude, a relation which implies personal and physical as well as economic obligations […], a relation which lesbians escape by refusing to become or stay heterosexual.“ (Wittig 1981, 20).

▼ 150 

Hier bietet sich folglich eine Schlußfolgerung an, von der wir nicht wissen, ob sie Wittig teilen würde68, die aber jedenfalls konträr zu Butlers Wittig-Lesart ist – nämlich die Schlußfolgerung, daß Wittigs Konzeption eine viel stärkere „Destabilisierung“ (wie von Butler 1990, 182 gefordert) der „Disjunktion zwischen Heterosexualität und Homosexualität“ (180) bedeutet, indem sie nämlich nicht das sex der Beteiligten, dessen Existenz Wittig konsequenter als Butler bestreitet, sondern vielmehr die Struktur der sozialen Beziehung zwischen den Beteiligten zum Kriterium der Unterscheidung zwischen Lesbianismus und Hetero/a/sexualität macht. Wittigs Argumente konsequent zu Ende gedacht ermöglichen nämlich, auch das, was von Butler als das Zusammentreffen eines männlichen und eines weiblichen Körper wahrgenommen wird61, als „lesbisch“ zu bezeichnen – wenn es nur nicht mit „servitude“ der einen oder anderen Person einhergeht.

Soweit Butler (1990, 179 f.) Wittig außerdem vorwirft, nur die Alternative „entweder erstens radikale Konformität oder zweitens radikale Revolution“ zuzulassen, so geht auch dieser Vorwurf ins Leere. Denn Wittig (1981, 14) formuliert gerade die Dialektik von „fights for women as class and for the disappearance of this class“. Das heißt, Wittig erkennt durchaus an, daß es auch die Notwendigkeit von Kämpfen vor und unterhalb der „disappearance“ der Geschlechter gibt – nämlich Kämpfe für die Linderung der Situation von Frauen im Patriarchat („fights for women as class“).

(4) Bilanz der Ent-Identifizierung als Subversivitäts-Kriterium

Zusammenfassend läßt sich also sagen: Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen mögen in jedem Fall i.S. einer Pluralisierung zu einer Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses beitragen; eine radikale De-Konstruktion des Geschlechterverhältnisses bedeuten sie nur, wenn sie mit einer Ent-Identifizierungen einhergehen. Denn die Identitäten als Männer und Frauen sind gerade ein Produkt der herrschenden Verhältnisse. Aber auch eine bloße Schaffung neuer Identitäten kann dem Subversivitäts-Kriterium noch nicht genügen, sondern – wie ausgeführt – nur eine Vervielfachung von Herrschaftspraxen bedeuten. Eine konsequente De-Konstruktion liegt vielmehr erst dann vor, wenn die zugleich identitätsstiftenden Differenzierungspraxen, die uno actu herrschaftskonstituierend sind (s. Einleitung, S. 44), zurückgewiesen werden – und zwar nicht im Namen eines abstrakten Universalismus ‚des Menschen‘, sondern im Namen eines parteilichen und expansiven Universalismus, der quer zu den sich gegenseitig bedingenden herrschenden und beherrschten sub-jekt-Positionen steht – der, wie bspw. Wittigs Konzeption der Lesbe, den Antagonismus von Männern und Frauen revolutioniert.

c) Zur Relevanz von Akteurs-Absichten für die Durchsetzung (subversiver) gesellschaftlicher Veränderungen

▼ 151 

Als letztes Subversivitäts-Kriterium soll im folgenden die Relevanz, die Absichten der AkteurInnen (trotz des prinzipiell anti-subjektivistischen Ansatzes dieser Arbeit) haben, begründet werden. Diese Bedeutung wird auf zwei Ebenen aufgezeigt:

(1)  Althusser/Butler: Ent-Identifizierung ist nicht sub-jekt-losigkeit

Wie vorstehend (S. 83-86) ausgeführt, wird die postmoderne Kritik an der bürgerlichen Subjekt-Ideologie häufig als These vom Verschwinden des Subjektes aufgefaßt (sei es analytisch-affirmativ als Verschwinden der Kollektivsubjekte [Klassen etc.] und der gesellschaftlichen Widersprüche der Moderne; sei es normativ-kritisch [pessimistisch] als Verschwinden einer Kraft, die den herrschenden Verhältnissen etwas entgegensetzen kann).

▼ 152 

Hier wird sich allerdings die dritte (analytisch-kritische) Lesart der postmodernen Thesen vom „Tod des Subjekts“ als Subversivitäts-Kriterium zu eigen gemacht:

Es gab nie die – von der Moderne postulierten – Großen Subjekte, die Herr ihres eigenen Willens und ihrer eigenen Taten sind; sehr wohl gibt es aber gesellschaftlich konstituierte kleine sub-jekte. 62

Denn damit es Praxis geben kann, ist es erforderlich, daß Individuen als sub-jekte konstituiert werden:

▼ 153 

„Es gibt Praxis nur durch und unter einer Ideologie. […]. Die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte an.“ (Althusser 1969/70, 140 – Hv. i.O.).

▼ 154 

Auf diese Weise werden die Individuen „bspw. als gläubige, lernende oder lehrende, rechtssetzende und rechtsunterworfene Subjekt[e] etc.“ – also als Subjekte von Praxen (Lernen, Lehren, Wählen etc.) – konstituiert (Schaper-Rinkel 1994b, 3).

Die Individuen sind nur handlungsfähig, soweit sie sich als Subjekte einer – ihrer! – Praxis begreifen. Diesen Zusammenhang von Ideologie und Verhaltensweise hat Althusser – unter Bezugnahme auf Brecht – auch folgendermaßen dargestellt:

▼ 155 

„Zunächst werde ich eine einfache Frage stellen, auf welche Brecht selber geantwortet hat: Was ist die Materie der Theatervorstellung […]. Brecht sagt das sehr gut: es ist das Meinen und Verhalten der Menschen. In unserer marxistischen theoretischen Sprache sagen wir: Die Materie des Theaters ist das Ideologische. Das Ideologische, das sind nicht nur Ideen oder Ideensysteme,- wie Gramsci sehr gut gesehen hat, sind es Ideen und Verhaltensweisen zugleich, Ideen im Verhalten, welche ein Ganzes bilden.“ (Althusser 1968c, frz. 554 – Hv. d. Vf.In).

Die Tatsache, daß es Praxis nur als Praxis von sub-jekten gibt, gilt sowohl für herrschaftskonforme als auch für oppositionelle Praxis:

Es gibt sexistische Praxis nur, soweit Individuen als vergeschlechtlichte sub-jekte (als Männer und Frauen) konstituiert (‚angerufen‘) werden; und es gibt feministische Praxis nur, soweit Individuen als feministische sub-jekte konstituiert werden. 63 So bedeutet denn auch Butlers Kritik der Subjekt-Ideologie keinen Abschied von jeglichem Subjekt-Begriff, sondern die Verschiebung der/s Bedeutung / Status (vom konstituierenden zum konstituierten Subjekt62).

▼ 156 

„Die Kritik des Subjekts beinhaltete keine Verneinung oder Nicht-Anerkennung des Subjekts, sondern eher [s]eine Infragestellung […] als vorgegebene […] Grundlage […]. […] der konstituierte Charakter des Subjekts [stellt] gerade die Voraussetzung für seine Handlungsfähigkeit dar.“ (Butler 1991a, 41, 44 – Hv. d. Vf.In).

▼ 157 

„Die Konstruktion des Subjekts als politisches Problem zu begreifen ist nicht dasselbe, wie das Subjekt einfach abzutun. Das Subjekt dekonstruieren heißt nicht, es zu verneinen oder zu verwerfen.“ (Butler 1991a, 48).

„Es geht […] nicht darum, den Täter, sondern die Position des Täters […] ‚hinter‘ der Tat zu verabschieden.“ (Butler 1993, 125).

▼ 158 

Insofern spielen die sub-jekte, auch wenn sie nicht ihr eigener Ursprung sind, eine wichtige Rolle für die Frage der politischen Wirksamkeit:

Und wahrscheinlich werden sich nicht nur die Wirkungen unterscheiden, sondern es wird sich vielmehr – je nach dominanter Ideologie – auch um andere Formen von geNOkos handeln.

▼ 159 

Freilich werden diese (und weitere ‚Typen‘) nicht in Reinform auftreten: Denn in dem Maße, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse widersprüchlich sind (das heißt: den Individuen je unterschiedliche und in sich widersprüchliche sub-jekt-Positionen zugewiesen werden) und damit auch der ideologische Kampf im Gange (in Bewegung) ist,64 werden auch die Anrufungen der Individuen widersprüchlich sein – wobei die politische Konjunktur, in der sich die unterschiedlichen Individuen befinden, darüber entscheidet, welche Anrufung dominant wird. 65

(2) Althusser/Wittig: Über die Formierung von sub-jekten gesellschaftlicher Veränderungen

Auch wenn sie in Reinform nicht auftreten, verlangt obige Unterscheidung dennoch eine Definition des Kriteriums „feministisches sub-jekt“.

Gegen die mainstream-postmoderne Vereinheitlichungsphobie, die mit der schon oben kritisch erörterten Feier der Offenheit des Signifikanten als solches verbunden ist, ist hier zunächst mit Althusser (1976, 164) festzuhalten:

▼ 160 

„[…] auch die kommunistische Partei [konstituiert] sich – wie alle Parteien – auf der Basis einer Ideologie […], die sie im übrigen selbst als proletarische Ideologie bezeichnet. Gewiß. Auch bei ihr spielt die Ideologie die Rolle des ‚Zements‘ (Gramsci) einer bestimmten sozialen Gruppe, die sie in ihrem Denken und ihren Praxen vereinheitlicht. Auch bei ihr ‚ruft‘ diese Ideologie ‚die Individuen als Subjekte an‘, genau genommen als Kämpfer-Subjekte: […].“ (Hv. i.O.).

Was Althusser für die kommunistische KämpferInnen-Subjekte sagt, gilt entsprechend für die feministischen: „without class and class consciousness there are no real subjects“ – sagt Wittig (1981, 19)66, die auch die Geschlechter unter den Klassenbegriff subsumiert (15: „women are a class“), was wir hier nicht diskutieren müssen.

▼ 161 

So wie Althusser sagt, „Es gibt Praxis nur durch und unter einer Ideologie“ (s.o. S. 99), weiß Wittig (1981, 16): „There is no possible fight for someone deprived of an identity“.67 , 63

Die Identität, die die KämpferInnen gegen Hetero/a/sexismus und Patriarchat vereinigt, ist für Wittig (1981, 20) die lesbische Identität: „Lesbian is the only concept I know of which is beyond the categories of sex“ (zur Begründung s. die bereits auf S. 97 zitierte Fortsetzung des Zitats).

(3) Lenin/Tyler: Interpretatorischer Voluntarismus und Veränderung des status quo

In Anbetracht dieser Argumente für die Relevanz der sub-jekte und deren Identität soll hier auch das Augenmerk der Analyse auch auf die Absichten der sub-jekte gerichtet werden. Damit wird aber keinesfalls unterstellt, daß die Absichten ihre eigene Realisierung bestimmen können. Allerdings stellt sich erst für ein sub-jekt mit politisch (subversiven) Absichten die Frage nach der ‚Verstehbarkeit‘ seiner geNOkos für andere sub-jekte, nach der Wirkung auf andere sub-jekte und die gesellschaftlichen Verhältnisse sowie die Frage danach, wie Integrations- und Kanalisationsabsichten herrschenderseits begegnet werden kann.64

▼ 162 

Zweifelsohne können sowohl Subversions- als auch Integrationsstrategien fehlschlagen – diese Erkenntnis ist

Dies heißt aber gerade nicht, daß die Wahl der politischen Mittel egal ist. Denn es kommt ja gerade auf die Praxis – die Taten – an! Daß Feministinnen (und alle anderen politischen AktivistInnen) die Wirkungen ihrer politischen Handlungen nicht vollständig kontrollieren können, heißt nicht – um dies hat auch Judith Butler am 11. Juni 1997 im Seminar des Einstein-Forums in Potsdam betont –, daß Feministinnen gar nicht erst versuchen sollten, die Wirkungen ihrer Handlungen zumindest teilweise zu kontrollieren.

▼ 163 

Mag diese Position auch die Gefahr einer voluntaristischen Überschätzung der Bedeutung der Absichten von Individuen, die geNOkos praktizieren, beinhalten, so scheint diese Position doch in jedem Fall einem anderen Voluntarismus, der cultural und queer studies nur allzu oft kennzeichnet, vorzuziehen zu sein: nämlich einem Voluntarismus, der sich um die Absichten der Inszenierenden (bzw. der ProduzentInnen von kulturellen Texten) und die tatsächlichen Interpretationen dieser Texte und Inszenierungen durch das Massenpublikum nicht kümmert65, sondern die eigenen – unter Umständen durchaus plausiblen – Interpretationen vorschnell als Ausdruck einer gay sensibility66 oder von female spectatorship verallgemeinert (vgl. dazu in der Einleitung, S. 33 bereits das Zitat von Robertson 1996, 6).

Damit soll nicht postuliert werden, TheoretikerInnen sollten keine von den Masseninterpretationen abweichenden Lesarten kultureller Texte vorlegen. Allerdings sollten sie diese Lesarten auf ihre eigene Kappe nehmen, und nicht vorschnell von der für TheoretikerInnen möglichen subversiven Umdeutung kultureller Texte auf die subversive Wirkung dieser Texte auf den gesellschaftlichen status quo im allgemeinen schließen. 67

II. Forschungsstand

1.  Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierung in der bisherigen Forschung

Eine Analyse der gesellschaftlichen Wirkungen von geNOkos, die der sub B.I.2. entwickelten Fragestellung und den sub B.I.3. dargelegten Kriterien gerecht würde, ist bisher kaum geleistet worden. Allerdings gibt es einige Untersuchungen bzw. in Arbeit befindliche Projekte, die sich teilweise mit dem hiesigen Gegenstand überschneiden. So arbeitet Corinna Genschel an einer Dissertation zu „‚Transgender‘ als politisches Phänomen“64 (für erste Ergebnisse s. Genschel 1997c); von Carole-Anne Tyler liegt ein Überblick über Forschungen zu schwulem drag und von Sarah Oerton über Forschungen zu(r Arbeitsteilung in) schwulen und lesbischen Haushalten vor.

▼ 164 

Der Untersuchungsgegenstand von Genschel ist einerseits umfassender als der hiesige, insofern sie sich nicht auf den Bereich der Körper-Praktiken65 beschränkt. Andererseits ist ihr Untersuchungsbereich ein begrenzterer, da nicht die Wirkungen, sondern die Praxen selbst im Vordergrund der Untersuchung stehen. Die Frage nach den Wirkungen steht auch nicht im Mittelpunkt der Arbeit von Tyler. Denn bei ihr handelt es sich vor allem um eine Re-Analyse der von TheoretikerInnen vorgelegten Interpretationen von (schwulem) drag; geNOkos von Frauen bleiben damit von vornherein weitgehend außen vor. Der Gegenstand von Oerton sind schließlich schwule und lesbische Haushalte unabhängig davon, ob ein oder mehrere Haushaltsmitglied(er) geNOkos praktizieren. Vielmehr scheint sie die Relevanz dieses Gesichtspunktes sogar ausdrücklich zu verneinen. Denn sie schreibt, sie wolle „not […] suggest that lesbian and gay households can or should be conceptualised in terms of ‚gentleman‘/boyfriend or butch/fem[me] arrangements“66 (Oerton 1997, 426).

a)  Transgender als politische Bewegung

(1)  Die Begrenztheit des Forschungsstandes zu transgender Phänomenen

Die Begrenztheit des Forschungsstandes wird von dem unterstrichen, was Corinna Genschel im Exposé zu ihrer Dissertation „Die Konstruktion von ‚Transgender‘ als politisches Phänomen“ schreibt: Die „Popularisierung und Politisierung von dem, was als transgender in den USA bezeichnet wird, [… ist] in der BRD nahezu unbekannt“. Auch in den USA blieben Untersuchungen, die Transgender an gesellschaftliche Realitäten anbinden, die Ausnahme und historisch orientiert (Genschel o.J., 2, 8). So ist die gegenwartsbezogene Untersuchung des Phänomens bisher vor allem das Terrain von (Sexual-)Medizin und Psychologie (Genschel o.J., S. 6) einerseits sowie Ethnomethodologie, Mikrosoziologie und poststrukturalistisch inspirierter Queer Theory (Genschel o.J., 7-9) andererseits. Während sich letztgenannte Analysen zumeist auf die „Ebene kultureller Deutungsmuster“ beschränken (Genschel o.J., S. 2), sind ethnomethodologische und mikrosoziologische Untersuchungen nicht in der Lage, das „phasenweise Auftreten von Geschlechterübertretungen in spezifischen Situationen und Kontexten sowie die Bedingungen von Un/Sichtbarkeit und öffentlichem Interesse“ zu erklären (Genschel o.J., S. 7 f.).

(2) Die Erweiterung des Forschungsstandes durch Corinna Genschel

Genschel beabsichtigt nun, diese Forschungslücke für den Bereich der USA zu schließen, in dem sie

▼ 165 

Diese Fragen bedeuten einerseits eine erhebliche Erweiterung des Blickwinkels der Forschung zu Transgender-Phänomenen: Jenseits von Medikalisierung und Psychiatrisierung wird die Aufmerksamkeit auf die Eigen-Interpretationen von Transgender-Personen- und Bewegung(en) in den USA und deren Praxis sowie auf den politisch-gesellschaftlichen Kontext des öffentlich-Sichtbarwerdens dieser Praxis gerichtet. Andererseits verbleibt diese Fragestellung aber im Rahmen dessen, was oben (S. 40) zu den Debatten über die Bedeutung der Performiertheit von Körper und Geschlecht für feministische Strategien dargestellt worden ist: nämlich im Rahmen der Frage nach integrativen oder widerständigen politischen (Bewegungs-)Absichten und (Theoretiker-)Konzepten – ergänzt um die Frage nach den sozio-ökonomischen Entstehungsbedingungen dieser Absichten. Die Frage nach der politisch-gesellschaftlichen Wirksamkeit – zumal in Abhängigkeit von unterschiedlichen Formen – der Transgender-Praxis steht aber zumindest nicht im Mittelpunkt der Untersuchung.

b) Boys will Be Girls: The Politics of Gay Drag

(1)  Die Abhängigkeit der Forschungsergebnisse zu Gay Drag von den zugrunde gelegten Prämissen über die hegemonialen gesellschaftlichen Verhältnisse

Es war allerdings auch in dem hiesigen Projekt nicht möglich, diese Frage unmittelbar empirisch anzugehen (s. dazu schon die Teile A. und B.I). Denn Carole-Anne Tyler hat in ihrem Text „Boys will Be Girls: The Politics of Gay Drag“ gezeigt, daß die Antworten auf die Frage nach der Subversivität von drag-Inszenierungen davon abhängen, was

▼ 166 

erstens für die Realität bzw. die hegemoniale Interpretation der Realität gehalten wird und was

Im einzelnen wirft Tyler die folgenden empirischen und theoretischen Fragen, die verschiedene Überkreuz-Positionen in der Debatte deutlich machen (im folgenden [untechnisch] Chiasmen67 genannt), auf:

▼ 167 

Die folgende Zusammenfassung von Tylers Text beschränkt sich auf die Darstellung dieser Chiasmen (ohne selbst Partei zu ergreifen), da Tylers Ausführungen zwar wichtige theoretische Gesichtspunkte für die Analyse zur Verfügung stellen. Auflösen lassen sich diese Chiasmen aber nicht auf dieser abstrakten Ebene, sondern nur in Bezug auf konkrete – hinsichtlich Form und Kontext zu analysierende – drag-Inszenierungen. – Hier also das theoretische Material:

(2) Chiasmus 1: Ist Homosexualität – nach hegemonialer Ansicht – eine Form/Folge abweichender Geschlechtsidentität oder eine Abweichung hinsichtlich der gender of sexual object choice? – Wird der Blickwinkel der theoretisch-analytischen Aufmerksamkeit auf die Subversion der hegemonialen Geschlechtsidentität oder auf die Subversion des Hetero/a/sexismus gerichtet?

In den mainstream-Interpretationen von Homosexualität habe lange Zeit die sog. Inversionstheorie vorgeherrscht, so Tyler. D.h.: Homosexualität wurde mit der (vom ‚biologischen‘ Geschlecht) abweichenden Geschlechtsidentität erklärt. Damit wurde gleichzeitig behauptet, daß Frauen Frauen nicht als Frauen (sondern nur als Männer) und Männer nicht Männer als Männer (sondern nur als Frauen) lieben können. D.h. ‚Hetero‚sexualität wurde selbst für ‚homo‚sexuelle Beziehungen normativ gemacht. (Tyler 1991, 34 f.). Insofern läßt sich mit Rubin (1975, 180) sagen, daß der hegemoniale Geschlechterbegriff „not only an identification with one sex“ ist; „it also entails that sexual desire be directed towards the other sex.“

▼ 168 

In Bezug auf diese hetero/a/sexistische Unsichtbarmachung von Homosexualität sind geNOkos alles andere als subversiv, sondern affirmativ (Tyler 1991, 35 f.). Dies ist zumindest die Auffassung eines von Tyler zitierten schwulen Theoretikers, der schwulen Männern empfiehlt, sich besonders maskulin zu inszenieren:

„By creating amongst ourselves [gay men] apparently masculine men who desire other men we are refuting the idea that we are really feminine souls in male bodies.“68

▼ 169 

Das Verteidigen einer devianten sexual object choice ist hier allerdings gleichzeitig die Verteidigung einer straighten Geschlechtsidentität (Tyler 1991, 36) und insofern dann doch nicht subversiv69:

„I have suggested elsewhere that such anxiety about being ‚normal‘ with respect to gender can be consistent with patriarchal gynephobia when it takes the form of the repudiation of femininity, as when the apparently woman-identified drag queens interviewed on television talk shows and in books like Men in Frocks insist they really are men and have no wish to be (mis)taken for women.“ (Tyler 1991, 36 – Hv. i.O.; vgl. dazu in etwas anderem theoretischen Kontext auch die Beispiele bei Tyler 1991, 42-45).70

▼ 170 

Abbildung 1: Chiasmus 1

Dieser je unterschiedliche Blickwinkel habe auch Konsequenzen für die Möglichkeit von Bündnispolitik: Lesben, die ihre Homosexualität als deviante Geschlechtsidentität definierten, kooperierten vielleicht eher mit heterosexuellen oder schwulen Männern, während Lesben, die ihre Homosexualität als deviante sexual object choice auffassen, eher mit heterasexuellen Frauen oder schwulen Männern kooperierten.71

Hält man/frau/lesbe ‚Homo‚sexualität also

▼ 171 

dann ist schwuler drag also nicht subversiv.68 Denn die geNOkos von schwulen Männern scheinen die Sichtweise der Inversionstheorie zu bestätigen, daß Homosexualität ein Ausdruck abweichender Geschlechtsidentität ist.

Entkoppelt man/frau/lesbe dagegen die Frage der Homosexualität von der der abweichenden Geschlechtsidentität, dann erscheint (auch) schwuler drag als subversiv:

▼ 172 

Das, was im ersten Fall (Koppelung)

in oppositioneller Sicht gerade zur Befürwortung von schwulem drag: nämlich der abweichenden Geschlechtsidentität.

▼ 173 

Sie wird von den VertreterInnen der Inversionstheorie als deviant und von dem zitierten schwulen Theoretiker als Zugeständnis an den Hetero/a/sexismus verurteilt; von den VertreterInnen der Entkoppelungs-These wird abweichende Geschlechtsidentität aber gerade als anti-sexistisch begrüßt.

Dieser Chiasmus der Positionen wiederholt sich noch einmal, wenn jetzt nicht von der Frage „Was ist Homosexualität?“ (abweichende Geschlechtsidentität oder abweichende sexual object choice?), sondern von der Frage, „Was ist die Botschaft/Aussage von drag-Inszenierungen?“, ausgegangen wird.

(3) Chiasmus 2: Sind drag-Inszenierungen affirmative oder parodistische Imitationen von glamorisierter Weiblichkeit? – Ist (glamorisierte) Weiblichkeit verteidigenswert oder kritisierenswert?

Schwule drag-Inszenierungen wurden lange Zeit nicht nur von Feministinnen für frauenfeindlich (Tyler 1991, 33: woman-hating) gehalten und deshalb abgelehnt. Der Grund dafür lag in der „theatrical exaggeration“, von der gesagt wurde, daß sie „display[s] no love or identification with women“.69 Vielmehr handele es sich um eine „hostile parody“.70

▼ 174 

Diese Kritik enthält implizit die Annahme, daß es eine Form von Weiblichkeit gibt, die es verdient, gegen die (vermeintliche) parodistische Kritik durch drag-Darstellungen in Schutz genommen zu werden.

Einigen schwulen Theoretikern erscheint nun allerdings gerade das, was Feministinnen als affirmativ (gegenüber Sexismus und Patriarchat) erscheint, als subversiv: nämlich jene exaggeration. Bestimmter schwule drag spreche die Wahrheit aus, daß Weiblichkeit „mindless, asexual, and hysterically bitchy“ ist.71

Tyler ist zuzugeben, daß diese Passage – zusammen mit anderen aus diesem Text von ihr zitierten Stellen – als sexistisch zu qualifizieren ist.72 Andererseits ist aber daran zu erinnern, daß sich Feministinnen mit guten Gründen dagegen gewehrt haben und weiterhin dagegen wehren, dem bspw. von weiblichen Filmstars dargestellten Weiblichkeits-Ideal entsprechen zu müssen. Insofern muß Kritik am „type of femininity glamorized by movie stars“ nicht notwendigerweise (frauenfeindlich =?) anti-feministisch sein.

▼ 175 

Dies wirft aber nur eine neue Frage auf und führt zu einem weiteren Chiasmus der Positionen: Sind drag-Inszenierungen überhaupt eine Kritik am „type of femininity glamorized by movie stars“? Oder beteiligen sie sich nicht vielmehr an dieser Glamorisierung?

Sind sie also nicht subversiv, weil ihre Parodie dieses „type of femininity“ sexistisch ist? 73 Oder sind sie nicht subversiv, weil sie diesen „type of femininity“ affirmativ statt parodistisch imitieren? 74

Oder sind drag-Inszenierungen vielmehr subversiv, weil sie sexistische Weiblichkeitsklischees parodieren? Oder sind sie subversiv, weil sie gerade nicht parodistisch sind, sondern ein Zeichen von Frauenidentifiziertheit?

▼ 176 

Abbildung 2: Chiasmus 2

(4) Chiasmus 3: Bedeutet drag die Aufgabe oder Einnahme/Verteidigung ‚phallischer‘ Machtpositionen? Ist eine Politik der Veränderung möglich, die hier und heute auf alle ‚phallischen‘ Machtpositionen verzichtet?

Aber noch einmal: Ist drag ein Zeichen von Frauenidentifiziertheit? Bedeutet Frausein bzw. in drag (in Fummel) sein, zwangsweise75 oder freiwillig keine ‚phallischen‘ Machtpositionen inne zu haben76? Oder hat female impersonation „exactly a phallicizing function, swelling the ego of the […] impersonator“ (vgl. Tyler 1991, 40), da sie die Macht eines ‚Mannes‘ ausdrückt, sogar eine Frau darzustellen?77

Daraus ergibt sich ein weiterer Chiasmus der analytisch-theoretischen Bewertungen von drag – je nachdem, ob hier und jetzt ein Übergang in eine nicht-phallische Gesellschaft für möglich gehalten wird 78 oder ob ein solcher Übergang für eine voluntaristische Illusion gehalten wird79.

▼ 177 

Abbildung 3: Chiasmus 3.A.

Das entsprechende Problem stellt sich für lesbische butch-Inszenierungen80: Sind sie affirmativ, da Zeichen von Männeridentifiziertheit?81 Oder subversiv, da Verweigerung von Frauen, die ihnen im Patriarchat zugeschriebene Rolle einzunehmen?82

Abbildung 4: Chiasmus 3.B.

(5) Chiasmus 4: Hält drag Identitäten auf Distanz oder nicht? – Ist das eine oder das andere subversiv?

▼ 178 

Eine weitere Überkreuzung der Positionen macht Tyler (1991, 42) aus, wenn sie schreibt: „Paradoxically, feminists praise in female female impersonation or mimicry what they condemn in female impersonation or drag: its distancing effects.“

Auch hier ist wieder eine mehrfache Gegenposition möglich: Sind distanzierende Effekte subversiv oder nicht? Beinhaltet das, was Luce Irigaray als Mimikry bezeichnet,83 solche distanzierende Effekte? Beinhaltet drag solche distanzierende Effekte?

Tyler (1991, 53) schreibt: In der Regel werde drag von schwulen Theoretikern

▼ 179 

„as a parodic or ironic or exaggeration or hyperbolization of gender“ diskutiert. „These are the very terms and phrases which feminist theorists use when they write about mimicry. To be mimic, according to Irigaray, is to ‚assume the feminine role deliberately … so as to make ›visible,‹ by an effect of playful repetition, what was supposed to remain invisible …‘“84

Nun ist allerdings in der Literatur vielfach und mit guten Gründen die Subversivität von Irigarays Vorschlag (an Frauen), die weibliche Rolle freiwillig zu übernehmen, in Frage gestellt worden.85 Und hier wurde oben schon (in Endnote 270 zu Seite 106) in Frage gestellt, ob ausgerechnet in der „exaggeration“ von drag-Inszenierungen deren Subversivität liegt.

(6) Schlußfolgerung: Für eine Überwindung des ‚essentialism of exaggeration‘

▼ 180 

Konkrete Ergebnisse für die hier interessierende Frage liefert Tyler also nicht. Sie erlaubt aber immer folgende Schlußfolgerung: Gay Sensibility ist keine ausreichende Grundlage, um eine drag-Inszenierung als subversiv klassifizieren zu können:

„It is this insistence on irony and parody as the difference between the camp 69 or mimic and the man or woman who plays gender straight […] the anti-essentialist strength of both theories70 [von camp und mimic, d. Vf.In] […] pointing to an essentialism which inheres in their anti-essentialism, […] if all identities are alienate and fictional71, then the distinction between parody, mimicry, or camp, and imitation, masquerade, or playing it straight is no longer self-evident. What makes the one credible and the other incredible when both are fictions? The answer, it seems, are the author‚s72 intentions: parody is legible in the drama of gender performance if someone meant to script it, intending it to be there. Any potential in-difference or confusion of the two is eliminated by a focus in the theories on production rather than reception or perception. […]. In camp theory, butch-fem drag is visible as such because of ‚gay sensibility,‘ which is invoked to keep straight the difference between gay and heterosexual gender impersonation. On the one hand, it ensures camp is not inversion; on the other hand, it ensures heterosexual masquerade and parade or not camp. This sensibility is an essence which ‚determines‘ gay productions […]. What makes the fem different from r.g. [= real girls, hier gleich: Heteras, Erl. d. Vf.In] for both theorists [Judith Butler und Sue-Ellen Case, d. Vf.In] is that she plays her role for another woman, which is supposed to make it excessive by ‚recontextualizing‘ or ‚reinterpretation‘ it (an argument which also provides an additional safeguard against butch role as mere inversion). […]. But such a notion is based on an essentialist tautology: butch-fem or drag is gender play because it is gay; it is gay and drag because it is gender play. In short, a ‚gay sensibility‘ is implicitly invoked to determine in advance what counts as gender play, keeping straight the difference between enlightened drag and unenlightened masquerade or parade.“ (Tyler 1991, 53 f., 56).

▼ 181 

Gegen die Fokussierung auf die „exaggeration“ der Geschlechterrollen vertritt Tyler (1991, 57) deshalb folgende Auffassung:

„For when roles are already alienated and unreal, the problem may not be how one holds them at a distance but how one responds to that distance. In transvestic drag, it is fetishized: […]. It is also fetishized in mimicry, […]. I have argued elsewhere that theories of mimicry reinscribe white, middle-class femininity as the real thing, the (quint)essence of femininity. Indeed, this is implicit in the feminist critique of drag cited above, which contrast its style as sign of a hostile burlesque with that of a ‚natural‘ femininity, whose good taste is a sign of genuine article. If boys will be girls they had better be ladies. A real woman is a real lady; otherwise she is a female impersonator, a camp or mimic whose ‚unnatural‘ bad taste […] marks the impersonation as such. The mimic flaunts or camps up lack by fetishistically projecting it on class, ethnic, or racial other, from whom she distance herself through a dis-identification that takes the form of an apparent identification, as with the impersonator.“

▼ 182 

Unklar bleibt hier allerdings folgendes: Wenn es nach Tyler rassistisch und klassistisch ist, ein natural style einzufordern, was ist dann ihre Kritik an drag-Inszenierungen, die diesem Stil gerade nicht gerecht werden?!

Tyler (1991, 62) endet jedenfalls mit folgendem Resümee, das weiteren Forschungsbedarf in Bezug auf konkrete Situationen („not always“) anzeigt:

▼ 183 

„Camp (like mimicry) functions complex by dragging in many differences at once that are all too easily articulated with phallic narcissism in a symbolic which is really a white, bourgeois, and masculine fetishistic imaginary. […]. For that to happen, gay theorists (like feminist theorists) must recognize their positioning in a number of discourses besides those of gender and sexuality and accept difference, including self-difference and lack. While camp may not always facilitate such recognition and acceptance, it is not essentialist at odds with it.“ (Hv. d. Vf.In).

Es ist also zum einem zu erforschen, unter welchen konkreten Umständen drag-Inszenierungen den von Tyler genannten Gefahren erliegen. Dabei ist – wie oben zitiert – stärker als bisher auch die Rezeption und nicht nur die Produktion von drag-Darstellungen zu untersuchen. Zum anderen ist aber Tylers einseitige Schwerpunktsetzung auf schwule drag-Inszenierungen zu korrigieren. Und zum dritten ist es – gemessen an der hiesigen Fragestellung – unbefriedigend, daß aus Tylers Literaturbericht nicht hervorgeht, welche Formen von drag-Inszenierungen die von ihr diskutierten Arbeiten zum Gegenstand haben, und daß sich ihre eigenen Beispiele auf den Bereich von Film, Fernsehen, Literatur und (pornographischen) Fotobänden konzentrieren – also die Frage nach der Subversivität von real life-geNOkos weitgehend ausgespart bleibt.

c) Queer Housewives? – Domestic Labour in Lesbian And Gay Households

Die Mangelhaftigkeit des bisherigen Forschungsstandes („theoretically and empirically underdeveloped“) wird auch in dem Literaturbericht von Sarah Oerton deutlich, wenn sie (1997, 421, 428) schreibt, daß ungeachtet des zunehmenden Interesses sowohl für Fragen der Hausarbeit als auch für schwul-lesbische Themen, diese beiden Gebiete bisher kaum integriert behandelt worden sind (auch von Glatzer [1997, 62] genannte Studien zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften scheinen sich alle nicht mit Fragen der Hausarbeit zu beschäftigen).

▼ 184 

Oerton unterscheidet zwei Phasen der bisherigen Beschäftigung mit dem Gegenstand:

In der ersten Phase (s. Oerton 1997, 422 f.), Mitte der 70er Jahre, seien lesbische und schwule Haushalte, wenn überhaupt, dann nur als exotischer Kontrast zur heterosexuellen Kleinfamilie von der Forschung beachtet worden. Dies wurde u.a. mit der Annahme begründet, lesbischen und schwulen Beziehungen fehle – bspw. mangels institutioneller Unterstützung – die Stabilität von heterosexuellen Beziehungen (so daß der Gegenstand also eigentlich nicht so recht vorhanden sei).

Des weiteren kritisiert Oerton insbesondere an den Untersuchungen von Plummer und Tanner73, daß sie „lesbians and gay men in terms of their replication of roles thought to typify heterosexual relationships“ klassifizierten und pathologisierten.

▼ 185 

Beide Untersuchungen arbeiteten mit einer dreifachen Unterscheidung:

Plummer für schwule Beziehungen zwischen

▼ 186 

und Tanner für lesbische Beziehungen zwischen

Tanner „views each of theses types as being inadequate as permanent living arrangements. Tanner concludes that all lesbian dyads are fragile […].“

▼ 187 

Abgesehen von dieser Kritik von Oerton an Tanner wird allerdings anhand von Oertons Ausführungen nicht deutlich, worin sie das Pathologisierende dieser Klassifizierungen sieht. Denn aus Oertons Ausführungen geht weder hervor, daß Plummer und Tanner bspw. das erste Modell wegen seiner Nähe zum heterosexuellen Modell befürworten oder auch schwule und lesbische Beziehungen auf dieses quasi-hetero/a/sexuelle Beziehungsmuster reduzieren und damit Homosexualität unsichtbar machen. Vielmehr nehmen beide Untersuchungen auch andere Modelle als empirisch vorhanden zur Kenntnis; und das dritte Modell wird sogar (zumindest in den Worten von Oertons Zusammenfassung) mit Begriffen beschrieben, die in einem Teil des politischen Spektrums positiv besetzt sind: „independence“, „explicit rejection of stereotyped sex/gender roles“, „equal occupational status“, „role-switching“, „reciprocity“, „autonomy“. Selbst falls diese Begriffe bei Plummer und Tanner negativ besetzt sein sollten, so spricht dies nicht zwangsläufig gegen die empirische Validität dieser drei Modelle.

Trotzdem stellt Oerton (1997, 423) fest, daß „such typologies are absent from more recent research on lesbian and gay households“. Im einzelnen kommen die Untersuchungen aus der zweiten Phase (s. Oerton 1997, 423 f.) zu folgenden Ergebnissen:

Coleman und Walters74 kamen in einer Untersuchung von 24 schwulen und 36 lesbischen Paaren zu dem Ergebnis:

▼ 188 

„For gay men, the greater the total income that was brought into the household, the closer to parity the personal incomes of the partners and the shorter the time of cohabitation relationship has been in existence, the more likely the couple were to equally divide their overall household work.“

Dieser Befund trägt nun allerdings – so ist Oerton zu ergänzen – keinesfalls die Behauptung von Coleman/Walters, daß sich die Arbeitsteilung in schwulen Haushalten „Beyond sex role explanation“ (Titel) befinde. Denn auch in heterosexuellen Haushalten wird die Arbeitsteilung durch diese Faktoren abgeschwächt. 75

▼ 189 

Für die von Coleman und Walters untersuchten lesbischen Paare haben jene Faktoren allerdings eine geringere Signifikanz, ohne daß deren Arbeitsteilung deshalb egalitärer ist.76

Letzterem muß auch das Ergebnis der Untersuchung von Desaulniers77 – anders als eine Formulierung Oertons („On the other hand“) anzudeuten scheint – nicht widersprechen. Denn Desaulniers kommt – laut Oerton 1997, 424 – in ihrer Untersuchung von neun lesbischen Paaren aus Kanada zu dem Ergebnis: „even tough certain tasks may be primarily or even exclusively undertaken by one woman, work around the house is perceived as being shared by both“ (Hv. bei Oerton).

Desaulniers (und auch Helen F. Peace78 in ihrer Untersuchung) verwenden Formulierungen, die sich nach Legitimationsfloskeln für eine – entgegen der Wahrnehmung („perceived“) – hierarchische Arbeitsteilung anhören: „[…] most domestic chores are shared according to ‚exchanges and calculations‘ along the lines of preference, ability, fairness and so on, and/or the ‚practicalities‘“. Denn im Kontext einer – entlang der Linien nicht nur von Geschlecht, sondern auch Klasse und Rasse – unterschiedlichen Wertschätzung von verschiedenen Arbeiten und eines unterschiedlichen Zugangs zu Qualifikationen ist eine Arbeitsteilung nach Vorlieben, Fähigkeiten und praktischer Durchführbarkeit keine Garantie für ‚Fairness‘ (es sei denn man/frau faßt die Reproduktion der unterschiedlichen Ausgangspositionen als ‚fair‘ auf):

▼ 190 

„Furthermore, ‚gender-empty‘ analyses present lesbian and gay households as consensually operating units, where everyone has (in theory) equitable access to and use of resources, including labour market entry, promotion prospects, and earning. However, this tends to gloss over not only gendered but also other power imbalances, […].“ (Oerton 1997, 426).

Allerdings kommen sowohl Desaulniers als auch Peace zu dem Ergebnis, daß die Arbeitsteilung in lesbischen Haushalten nicht (vollständig) dem Muster hetero/a/‚sex‘ueller Haushalte folgt:

▼ 191 

„Finally, Desaulniers found evidence that whilst there was specialism in, for example, cooking or laundry, nowhere did the same woman specialise in both, suggesting the absence of a unitary ‚housewife‘ role amongst the lesbian couples she interviewed. […] Peace also found very little role specification, so if, for example, one partner regularly repaired household equipment, she would not necessarily do other ‚masculine‘ activities, such as gardening or car maintenance.“ Außerdem „Peace claims that ‚the presence of children does [not] lead to the biological mother assuming all the responsibility for housework‘ (Peace 1993, p. 33) […]“ (Oerton 1997, 424).

Gegen diese Schlußfolgerung wendet Oerton allerdings Peace’ eigene Beobachtung ein, „that non biological mothers are less likely to take children to the doctors or attend parents‘ evening at school for fear that the children would be ‚embarrassed‘ by the ambivalence of having an additional/second mother“ (Oerton 1997, 424).

▼ 192 

Und auch hinsichtlich anderer Tätigkeiten als Kindererziehung wendet Oerton die Beobachtungen (in dem Fall von Deslauniers) gegen die Schlußfolgerungen von Deslauniers (und Peace):

„For example, one lesbian couple in Deslauniers’ study refers to having to establish guidelines for the management of households to ‚get round the organized versus slob problems in the house‘ (Desaulnier70, 1991, p. 13) because, as one of the women explains, ‚I’m the slob around here‘ (Deslaunier, 1991, p. 13, emphasis added). Clearly, she is imputing a gendered identity to her own lack of interest in keeping her/there living space clean. However this is not viewed by Deslauniers as anything other than an effect of such couples‘ failure to establish rational, egalitarian guidelines for dividing household work. Furthermore, another lesbian in this same study who was constituted as the one who took more responsibility for ‚seeing dirt‘ was told by her partner that she was ‚creating a problem for herself‘ (Deslauniers, 1991, p. 15, emphasis added). Again, I argue that this is an example of gendering processes at work in the couples‘ organization of domestic labour, since it is assumed that it is women who have the problem, should they be positioned as too fastidious/fussy. Theses ‚problems‘ were, significantly, sources of conflict in both these couples‘ where one partner had been positioned as too fastidious/fussy, domestic labour was a source of major conflict in their relationship.“ (Oerton 197, 426 – Hv. bei Oerton).

▼ 193 

Unklar bleibt allerdings wieso Oerton, die hier selbst ausdrücklich von „gendering processes“ spricht, darauf beharrt, „[t]his is not to suggest that lesbians and gay households can or should be conceptualised in terms of ‚gentleman‘/boyfriend or butch/fem[me] arrangements of the kind employed by Plummer (1978) or Tanner (1978)“. Jedenfalls schlägt Oerton drei Themen/Bereiche vor, in denen gendering processes in lesbischen und schwulen Haushalten untersucht werden sollen, „without falling into the traps of stereotyping sex/gender roles or of negating any at all for gender“ (Oerton 1997, 426):

▼ 194 

„How feminist and anti-sexist values get constituted in lesbian and gay households and whether same-sex(uality) households have advantages over mixed-sex, heterosexual households in this respect, needs further exploration. It is also important to specify how lesbian households, composed of woman who may or may not identify as feminists, differ from gay households, which are or are not consciously identified as anti-sexist.“ (Oerton 1997, 428).

Darüber hinaus scheint es uns wichtig zu sein, folgende Aspekte zu berücksichtigen:

2. Der Vergleichsmaßstab: Häusliche Arbeitsteilung und sexuelle Machtverteilung in Haushalten, deren Mitglieder keine geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen praktizieren

▼ 195 

Weitaus zahlreicher, aber auch eintöniger, sind die Untersuchungen zum status quo der häuslichen Arbeitsteilung in Haushalten, in denen (ausschließlich) geschlechternormen-konforme Personen leben. Diese – im folgenden darzustellenden – Ergebnisse sollen hier (wie in der Einleitung dargelegt) als Vergleichsmaßstab für eine etwaige Subversivität (hier: = Abweichung) der Haushalte von geNOko-Praktizierenden dienen.

Alle diese Untersuchungen zeigen, daß sich trotz aller sonstigen Veränderungen im Geschlechterverhältnis (steigende Frauenerwerbstätigkeit, sinkende Heirats- und steigende Scheidungszahlen etc.) an der geschlechtshierarchischen Struktur der Verteilung der Hausarbeit so gut wie nichts geändert hat71 (zur Geschichte der feministischen Hausarbeitsdebatte vgl. Fußnote 71).

Sei es die BRIGITTE-Studie „Der Mann“ von Metz-Göckel/Müller (1986), sei es die Familiensurvey des Deutschen Jugend-Institutes von 1988 (Keddi/Seidenspinner 1991), sei es das Sozio-Ökonomische Panel von 1989 (Holst/Schlupp 1990) oder 1995 (Künzler 1999), sei es die Zeitbudget-Untersuchung des statistischen Bundesamtes (Ehling 1995; Holz 2000), eine Studie über das Lebensarrangement von (männlichen) Führungskräften (Behnke/Liebold 2000) oder andere neuere Veröffentlichungen (Frerichs/Steinrücke 1994; Künzler 1995; Garhammer 1996; Koppetsch/Maier/Burkart 1999; Walter/Künzler 2002)72 – sie alle kommen zum gleichen Ergebnis: Frauen leisten weiterhin deutlich mehr Hausarbeit als Männer und die Aufgabenbereiche sind weiterhin in traditioneller Weise verteilt.

▼ 196 

Dies gilt selbst im sog. „individualisierten Milieu“:

„Selbst dort, […], wo der Diskurs der Individualisierung am stärksten geführt wird und der Intimcode ‚Partnerschaft‘ die Gleichberechtigung der Geschlechter vorsieht, also in den urbanen Zentren und in der gebildeten Mittelschicht (individualisiertes Milieu) wird die Praxis der Paarbeziehungen weiterhin durch asymmetrische Geschlechtsnormen […] reguliert, […] während er in den beiden anderen untersuchten Milieus [dem familistischen und dem traditionalen, d. Vf.In] gar nicht erst gestellt wird.“ (Koppetsch/Maier/Burkart 1999, 610 – Hv. i.O.) „Die Ordnung der Geschlechter ist hier [in den beiden zuletzt genannten Milieus, d. Vf.In] so selbstverständlich, daß Fragen nach der Aufteilung der häuslichen Pflichten und der konkreten Praxis der Hausarbeit von beiden Geschlechtern mit Befremden aufgenommen wurde. Mancher Mann vermutete in der Frage nach seiner Mithilfe den Verdacht der Interviewerin, daß er sich unbefugterweise in Haushaltsdinge einmische und damit bevormunde. Die Frauen wiederum beeilten sich, den in der Frage vermuteten Vorwurf, sie kämen mit der Hausarbeit allein nicht zurecht, durch die Hervorhebung ihrer Sauberkeit und ihrer haushälterischen Kompetenzen zu entkräften.“

▼ 197 

Der männliche Beitrag zur Hausarbeit steigt weder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, noch beim Vorhandensein von Kindern noch bei (Vollzeit)erwerbstätigkeit der Frau.

„Im Hinblick auf die Hausarbeit sind die geschlechtsspezifischen Zuständigkeiten nach wie vor völlig ungebrochen, wenn einmal eine Familie etabliert ist […]. Erstaunlicherweise verrichten die Väter noch weniger Hausarbeit als kinderlose Männer, und zwar unabhängig davon, ob sie mit einer berufstätigen oder nicht-berufstätigen Frau zusammenleben. Obwohl die Geburt eines Kindes das Ausmaß der zu verrichtenden Arbeit im Haushalt spürbar erhöht, wird ausgerechnet dann der Hausarbeitseinsatz der Männer reduziert“ (Rerrich 1988, 158 m.z.w.N.).

▼ 198 

Auch beim Sex wird die große Mehrheit der Frauen weiterhin von ihren Partnern unter Druck gesetzt (Klees 1992, 172-179).

Im einzelnen sind neuere Untersuchungen zur Verteilung der häuslichen Arbeit zwischen den Geschlechtern zu folgenden Ergebnissen gekommen:

a)  Aufgabengebiete

Die „Zuständigkeit von Männern und Frauen für je unterschiedliche Arbeitsbereiche“ stellt eine scheinbar „unveränderliche Größe dar“ 73: Jedenfalls ist die Verteilung der Aufgabengebiete weiterhin in traditioneller Weise strukturiert: Die Ehefrauen sind vor allem für die Bereiche Beköstigung, Wäschepflege, Putzen, Einkaufen, Kinder- und Krankenbetreuung zuständig; die Ehemänner sind handwerklich tätig (Reparaturen und Verschönerungen) sowie für den Bereich der Pflanzen- und Tierpflege zuständig.

▼ 199 

Knapp 80 % bis knapp 100 % der Ehefrauen mit 2 oder mehr Kindern in der alt-BRD + Westberlin waren in den Jahren 1991/92 in den Bereichen Beköstigung, Wäsche, Putzen, Einkäufe engagiert; für die Ehemänner mit 2 oder mehr Kindern galt dies nur zu knapp 20 % (Putzen) bis knapp 80 % (Beköstigung)72.73 Handwerklich tätig waren dagegen rund 30 % der Ehefrauen und knapp 60 % der Ehemänner. (Fiebinger 1995, 775, Schaubild 3). Auch in der Erhebung für das Sozio-ökonomische Panel 1995 gaben 42,9 % der verheirateten Männer an sich weder am Wäsche waschen, noch am Kochen, noch am Putzen zu beteiligen (Künzler 1999, 252).

▼ 200 

Soweit Männer zu diesem Zeitpunkt Hausarbeit leisteten, leisteten sie sie vor allem im Bereich der Pflanzen- und Tierpflege 74; Frauen dagegen im Bereich der Beköstigung (Ehling 1995, 272 f., Abb. 3 f.). Männer leisten darüber hinaus – wie schon erwähnt – häusliche Arbeit im handwerklichen Bereich (der in der Untersuchung von Ehling nicht zur Hausarbeit zählt) – und zwar in der Alt-BRD im Umfang von 33 Minuten (Frauen: 8 Minuten) (Ehling 1995, 270, Abb. 2).75

Soweit Männer Hausarbeit im engeren Sinne leisten, machen sie „das Außeralltägliche, Besondere, Einmalige“, während die Frauen „für das Alltägliche, Kontinuierliche, Sich-Wiederholende zuständig sind“ (Frerichs/Steinrücke 1994, 213).

Genauer ist die Untersuchung von Keddi/Seidenspinner. Sie fragen nicht nur, ob eine Tätigkeit (manchmal) ausgeübt wird, sondern auch in welcher Form sie ausgeübt wird (Alleinzuständigkeit des Einen oder der anderen; gemeinsam, abwechselnd, jedeR für sich).

▼ 201 

Danach waren 1988 so gut wie keine der in PartnerInnenschaft lebenden Männer zwischen 18 und 55 Jahren alleinzuständig für die Bereiche Einkaufen, Putzen, Kochen, Kinderbetreuung, mit Kindern spielen, Krankenbetreuung, mit LehrerInnen sprechen und Kontakte pflegen.76 Sehr wohl aber war die große Mehrheit der in PartnerInnenschaft lebenden Frauen diesen Alters – nach Angaben der Männer in über 60 % der Fälle; nach Angaben der Frauen selbst in rund 80 % der Fälle – alleinzuständig für Putzen und Kochen.77 Zu über 40 % der Fälle lag die Alleinzuständigkeit in den Bereichen Einkaufen, Kinderbetreuung, Krankenbetreuung und mit LehrerInnen sprechen bei den Frauen. Einen hohen Anteil der Antwort ‚Alleinzuständigkeit Mann‘ gab es allein im Bereich Reparaturen und – deutlich weniger ausgeprägt – im Bereich Verschönerungen. (Keddi/Seidenspinner 1991, 167, Schaubild 1).

Danach unterscheiden Keddi/Seidenspinner (1991, 168, Tabelle 1) sechs Arbeitsteilungstypen: Rund 20 % der Befragten leben in PartnerInnenschaften mit traditioneller und rund 40 % mit überwiegend traditioneller Arbeitsteilung. Bei rund 18 % der Befragten ist die Hausarbeit eher gleichverteilt und bei rund 2 % „gleichverteilt“.78 In den restlichen rund 20 % ist die Alleinzuständigkeit in mindestens einem Bereich umgekehrt geregelt als traditionell üblich.

▼ 202 

Diese Kategorienverteilung, die die Tendenz zur Gleichverteilung der Hausarbeit ohnehin schon deutlich überzeichnet,73 erweist sich gegen nahezu jeden Einflußfaktor als resistent (das folgende nach: Keddi/Seidenspinner 1991, 191 f., Tabelle 11 + 12).

Insgesamt wurden 10.000 Personen befragt.

▼ 203 

„Sozialisationserfahrungen mit ‚starken Müttern‘ und/oder abwesenden Vätern spielen fast immer eine wichtige Rolle beim ‚neuen Mann‘ und ‚neuen Vater‘ […]. Trotzdem sind diese bekanntlich noch sehr selten, jedenfalls seltener, als es ‚starke‘ Frauen gibt.“76

Alle anderen Faktoren haben – wie unten genauer ausgeführt – auf die Hausarbeitsverteilung keinen oder so gut wie keinen Einfluß zugunsten der Frauen.

b) Arbeitsumfang

▼ 204 

Frauen, die mit ihren (Ehe)partnern zusammenleben, wenden nach wie vor ca. dreimal so viel Zeit wie ihre (Ehe)männer für Hausarbeit auf. 77

Im Mittel von drei bundesdeutschen Zeitbudget-Studien aus den 80er Jahren, in denen erwerbstätige Frauen leicht überrepräsentiert und alleinlebende Frauen und Männer nicht vertreten waren,78 leisteten Frauen damals durchschnittlich 34,2 Std./Woche Hausarbeit (ohne Kinderbetreuung); Männer dagegen 10,3 Std./Woche. 79 Dies ergibt incl. der Erwerbsarbeitszeit folgende Gesamtbelastungen: Frauen 57,5 Std./Woche; Männer 52,2 Std./Woche (Künzler 1995, 119, Tabelle 2); d.h. eine Mehrbelastung der Frauen (schon ohne Kinderbetreuung) um ca. 5 Std./Woche (Rodenstein 1998, 52).

▼ 205 

Ebenfalls für Ehepaare, aber für Werktage und incl. Kinderbetreuung wies das Sozio-ökonomische Panel (zit. n. Holst/Schupp 1990, 407, Tabelle 5) für 1989 noch deutlichere Unterschiede aus: Männer wandten 1,7 Std./Werktag und Frauen 7,0 Std./Werktag Zeit für Hausarbeit und Kinderbetreuung auf. Dies liegt daran, daß die (mehrheitlich nicht- oder nur teilzeiterwerbstätigen) Frauen in der alt-BRD ihre Hausarbeit vor allem an den Werktagen leisten (vgl. Tabelle 5 im Anhang), während sich bei den (zumeist vollzeiterwerbstätigen) Männern – ähnlich wie bei den zumeist vollzeiterwerbstätigen Frauen in der Ex-DDR (vgl. ebd.) – der (allerdings sehr geringe) Hausarbeitsbeitrag auf das Wochenende konzentrieren dürfte.

▼ 206 

Hauswirtschaftliche Tätigkeiten leisten Männer auch 1991/92 – nach der Zeitbudget-Studie des Statistischen Bundesamtes – durchschnittlich (incl. Alleinstehende) in der alt-BRD nur im Umfang von 1:44 Std./Tag; Frauen dagegen im mehr als doppelt so großen Umfang (4:09 Std./Tag). Ein ähnliches Verhältnis wurde für Pflege und Betreuung von anderen Menschen ermittelt (0:15-0:37 Std./Tag) (Ehling 1995).80 Dieses Verhältnis von 1:2 wird auch von der – nicht repräsentativen – Untersuchung von Frerichs/Steinrücke (1994, 210) im Durchschnitt bestätigt (45,5 : 92 Std./Woche Hausarbeit incl. Kinderbetreuung).

Schwanken auch die Angaben bzgl. der Frauen von Untersuchung zu Untersuchung, sind doch die Angaben zu den Männern recht stabil: 1,5 Std./Tag (Künzler ohne Kinderbetreuung81), 1,7 Std./Werktag (SOEP mit Kinderbetreuung),82 2,0 Std./Tag (Ehling mit Kinderbetreuung, mit Alleinstehenden) 83.

Aber auch die unterschiedlichen Angaben bzgl. der Frauen (Künzler: 4,9; SOEP: 7,0; Ehling: 4,75; Frerichs/Steinrücke: 6,5) lassen sich erklären:

▼ 207 

Erwerbstätige Frauen, die in der Berechnung von Künzler überrepräsentiert sind, sowie alleinstehende Frauen, die nur in der Untersuchung von Ehling vertreten sind, wenden deutlich weniger Zeit für Hausarbeit auf als nicht-erwerbstätige und/oder in Beziehungen mit Männern lebende Frauen. 84

▼ 208 

Dies (sowie die Nicht-Berücksichtigung der Erziehungsarbeit in dem Künzler-Wert) erklären also die niedrigen Werte bei Ehling (allerdings nur teilweise) sowie bei Künzler.

Dabei scheint die leichte Überrepräsentanz der erwerbstätigen Frauen bei Künzler weniger entscheidend als die vollständige Berücksichtigung der alleinlebenden Frauen (die in den anderen Untersuchungen vollständig fehlen) bei Ehling: Der Verzerrungseffekt aufgrund des Fehlens der Kinderbetreuung bei Künzler läßt sich ausschalten, indem wir auch bei Ehling nur die Hausarbeit im engeren Sinne betrachten. Dann liegt der Ehling-Wert mit 4,2 Std./Tag/Frau deutlich unter dem Künzler-Wert von 4,9 Std./Tag/Frau. Da der Künzler-Wert (wegen der Überrepräsentanz der erwerbstätigen Frauen) eh schon leicht zu niedrig ist, kann geschlußfolgert werden, daß der besonders niedrige Wert von Ehling u.a. ein Effekt der Einbeziehung der Alleinstehenden ist.85

▼ 209 

Ein weiterer Grund für den geringen Ehling-Wert könnte auch darin liegen, daß die Zeitbudget-Studie auch „begleitende“ Tätigkeiten (s. bspw. Holz 2000, 116) erfaßt: Dies könnte dazu geführt haben, daß als Hauptaktivität nur ein Teil der gesamten Frauen-Hausarbeit erfaßt wurde. Der bei Ehling (1995, 267) abgedruckte Zeit-Tagebuch-Auszug deutet direkt darauf hin (Hauptaktivität: „Kaffee getrunken“, Gleichzeitige Aktivität: „Einkaufsliste aufgestellt“). Bei den ohnehin geringeren Männer-Werten dürfte dieser Effekt kaum auffallen. Dies zeigt sich jedenfalls bei der Kinderbetreuung: Unter 30-jährige Mütter (egal, ob verheiratet, in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft lebend oder alleinerziehend) wenden 1 ¼ Std./Tag für die begleitende Kindererziehung auf; unter 30jährige Väter dagegen nur 20 Minuten (Holz 2000, 116); hier ergibt sich also ein Verhältnis 3,75 : 1. Weitere Daten sind anscheinend nicht veröffentlicht.

▼ 210 

Der Durchschnittswert von Frerichs/Steinrücke schließlich überschätzt sowohl den Umfang der Haus- und Erziehungsarbeit als auch die Tendenz zur Gleichverteilung. Denn eines von den vier befragten Paaren hatte gleich drei Kinder; und bei diesem Paar hatte der Mann zugleich eine ungewöhnlich niedrigere Erwerbsarbeitszeit und eine daher ungewöhnlich hohe Hausarbeitszeit.

Hinsichtlich des Durchschnittes/Tag aller zusammenlebenden hetero/a/‚sex‘uellen Paare (unabhängig von der Erwerbsbeteiligung der Frauen und incl. Kinderbetreuung) kann also von folgendem ausgegangen werden:

▼ 211 

Die Berechnungen von Künzler (4,9 Std./Tag Hausarbeit ohne Kinderbetreuung) und Ehling (4,2 Std./Tag Hausarbeit + 0,6 Std./Tag Kinderbetreuung) unterschätzen aus unterschiedlichen Gründen (Überrepräsentanz von Erwerbstätigen Frauen; Einbeziehung von Alleinlebenden) den Haus- und Erziehungsarbeitsaufwand von Frauen, während ihn das SOEP (7 Std./Werktag) (aufgrund des Unterschiedes zwischen Werk- und Wochenendtagen, s.o. S. 117) und Frerichs/Steinrücke (13,1 Std./Tag) (aufgrund der großen Kinderzahl) überschätzen.

Realistischerweise ist davon auszugehen, daß Frauen, die mit ihren (Ehe)männern zusammenleben, mehr als 4,9 Std./Tag für Hausarbeit (Künzler) und deutlich mehr86 als 0,6 Std./Tag für Kinderbetreuung (Ehling), aber weniger als 7 Std./Tag (SOEP) für Haus- und Erziehungsarbeit zusammen aufwenden. 75 Dies entspricht auch der von Walter/Künzler zitierten Erhebung: Danach betrug der Hausarbeitsaufwand von Frauen im Jahr 2000 ca. 40 Std./Woche (= 5,7 Std./Tag).76

▼ 212 

Dies wird der Tendenz nach bestätigt, wenn wir die relativen Anteile von Frauen und Männer betrachten.

Ehling (aufgrund der Einbeziehung der Alleinstehenden) und Frerichs/Steinrücke (aufgrund der sehr hohen Hausarbeitszeit des Mannes der kinderreichen Familie) überschätzen mit 2 : 1 die Tendenz zur Gleichverteilung.77 Auch Künzler dürfte aufgrund der Überrepräsentanz der erwerbstätigen Frauen mit 3,3 : 1 die Tendenz zur Gleichverteilung noch leicht überschätzen. Das SOEP dagegen unterschätzt (aufgrund der Konzentration auf die Werktage) mit 4,1 : 1 die Tendenz zur Gleichverteilung.

▼ 213 

Ausgehend von der Annahme, daß Männer, die mit ihrer (Ehe)partnerin zusammenleben, ca. 1,8 Std./Tag für Haus- und Erziehungsarbeit aufwenden, wenden deren Partnerinnen ca. 3,6mal so viel oder 6,5 Std./Tag für diese Arbeit auf. Bezogen auf die reine Hausarbeit (ohne Einkaufen und Kindererziehungen) müssen Frauen – nach den insoweit übereinstimmenden Ergebnissen des SOEP und des Statistischen Bundesamtes – sogar fünfmal soviel Zeit wie Männer aufwenden (Künzler 1999, 248 – eigene Berechnung; vgl. FN * auf S. 119).

Der Befund von Keddi/Seidenspinner hinsichtlich der geringeren Variabilität der Verteilung der Aufgabengebiete (s. S. 115), findet für den zeitlichen Arbeitsumfang eine – noch eingeschränktere78 – Bestätigung in der Untersuchung von Garhammer:

„Im Unterschied zu vorwissenschaftlichen Vermutungen beteiligt sich der Mann nicht stärker an der Haushaltsproduktion,

▼ 214 

Dies bestätigen weitgehend auch die von Holz (2001, 114) genannten Zahlen: Danach ist der Hausarbeitsbeitrag der Männer, die in kinderlosen Ehen leben, mit 2:25 Std./Tag noch relativ hoch, während er bei Ehen mit Kindern (1:39 Std./Tag) und im Falle von nicht ehelichen Lebensgemeinschaften (1:47 Std./Tag mit Kindern; 1:36 Std./Tag ohne Kinder) fällt. Auffällig ist allerdings, daß das Vorhandensein von Kindern im Falle von Ehen ein deutliches Sinken, bei nicht ehelichen Lebensgemeinschaften aber einen geringfügigen Anstieg des männlichen Hausarbeitsbeitrages bewirkt (allerdings steigt der weibliche Hausarbeitsbeitrag gleichfalls). So ist denn nach Holz (anders als nach Garhammer [wie in Endnote 350 zitiert]) der männliche Hausarbeitsbeitrag in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern (1:47 Std./Tag) geringfügig höher als im Falle von Ehen mit Kindern (1:39 Std./Tag).

Begünstigt wird die Gleichverteilung der Hausarbeit wiederum von ähnlichen Faktoren, wie wir es oben anhand der Untersuchung von Keddi/Seidenspinner gesehen haben:

▼ 215 

c) Arbeitsinhalte

Soweit die zeitliche Gesamtbelastung durch Erwerbs- plus Hausarbeit bei Frauen und Männern gleich ist (was in der BRD aber nur bei Ehepaaren mit Kindern der Fall ist; in allen anderen Paarkonstellationen ist auch die Gesamtbelastung der Frauen höher als die der Männer, Holz 2000, 110)77, ist auch dies noch kein Indiz für ein egalitäres Geschlechterverhältnis. Denn Hausarbeit ist in stärkerem Maße als Erwerbsarbeit durch „Monotonie, Einsamkeit und geringes gesellschaftliches Ansehen“ gekennzeichnet (Rerrich 1988, 59, 57, 131 f., 138 f. jew. m.w.N.): Hausfrauen mit geringer Qualifikation vermissen „in erster Linie, Kontakt, Abwechselung und ein eigenes Einkommen“, während Hausfrauen mit höherer Qualifikation auch „Freude am Berufsinhalt, an der eigenen Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit“ vermissen (Rerrich 1988, 132 m.w.N.).

d) Lage der Arbeitszeiten

Selbst die Lage der Arbeitszeiten von Frauen wird denen von Männern angepaßt: So werden Erwerbsarbeitsbeginn und -ende vorzugsweise in die Erwerbsarbeitszeit des Mannes gelegt, während die „Arbeitszeiten der Männer bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht zur Disposition“ stehen.78

e) Einflußfaktoren auf die Hausarbeitsverteilung

▼ 216 

Die große Invariabilität der Hausarbeitsverteilung läßt sich im einzelnen anhand folgender Kriterien zeigen:

(1)  Kein Einfluß der Lebensformen auf das Hausarbeitsverhalten der Männer

So bestehen hinsichtlich des zeitlichen Umfangs der Hausarbeit von Frauen und Männern keine erkennbaren Unterschiede zwischen nichtehelichen Lebensgemeinschaften, die einen gemeinsamen Haushalt führen, und verheiratet zusammenlebenden Paaren. 79 Nach Holz (2000, 114) gilt dies allerdings nur hinsichtlich des Hausarbeitsbeitrages der Männer (der um 2 Std./Tag schwankt, s. hier S. 119 sowie Endnote 312), während der Hausarbeitsaufwand von Frauen im Falle von Ehen deutlich ansteigt (bei Vorhandensein von Kindern von 3:36 Std./Tag auf 5:00; ohne Kinder von 3:09 auf 4:53 Std./Tag). 80 78 Dafür sind Frauen, die in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften leben, mit anderen sozialen Basisverpflichtungen (insbesondere wohl Erwerbsarbeit) deutlich stärker belastet, so daß die Gesamt-Zeitbilanz für Frauen, die in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften leben, sogar negativ ist: Letztere haben bei 52 Minuten (bei Vorhandensein von Kindern) bzw. 55 Minuten (wenn keine Kinder vorhanden sind) weniger Freizeit als Männer, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben; dagegen beträgt diese Differenz in Ehen ohne Kinder nur 43 und mit Kindern sogar nur 17 Minuten (Holz 2000, 110 + eigene Berechnung).

Selbst in Single-Haushalten besteht die geschlechtliche Arbeitsteilung fort, da hier die im jeweiligen Haushalt selbst „nicht vorhandene Geschlechterkomplementarität durch ‚Netzwerkhilfe‘ (und damit wiederum Frauen?) und bei weiblichen Singles zusätzlich durch marktvermittelte Dienstleistungen“ ausgeglichen wird.79

▼ 217 

Männer, die in getrennt wohnenden, nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben, lassen sich einen Großteil ihrer Hausarbeit von ihren Partnerinnen erledigen, beteiligen sich aber so gut wie nicht an der Hausarbeit im Haushalt der Freundin.

Weniger als die Hälfte dieser Männer geben an, daß sie in ihrem eigenen Haushalt für andere Tätigkeiten als Reparaturen und Verschönerungen alleinzuständig sind. Bspw. geben nur 43,5 % dieser Männer an, daß sie für das Putzen in ihrem eigenen Haushalt alleinzuständig sind (vgl. Tabelle 4 im Anhang).

Demgegenüber geben 28,1 % dieser Männer an, daß ihre Partnerin alleinzuständig dafür ist, mit den LehrerInnen der Kinder des Mannes zu sprechen (diese Kinder müssen nicht notwendigerweise zugleich Kinder der Frau sein!). Immerhin noch 15,2 % bzw. 11,2 % dieser Männer geben an, daß ihre Partnerin allein dafür zuständig ist, im Haushalt des getrennt lebenden Mannes zu kochen und zu putzen.

▼ 218 

Umgekehrt geben mehr als die Hälfte der Frauen, die in getrennt wohnenden, nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben, an, daß sie in ihrem eigenen Haushalt für Einkaufen und Kochen alleinzuständig sind – obwohl davon auch der Partner einen Vorteil hat, wenn er zu Besuch kommt.

Daß Männer im Haushalt der getrennt lebenden Frau für einen anderen Aufgabenbereich als Reparaturen und Verschönerungen alleinzuständig sind, kommt praktisch nicht vor: der höchste Anteil wird mit 4 % beim Kochen erreicht; man/frau/lesbe vergleiche dies mit den oben schon erwähnten 28,1 % Frauen, die allein dafür zuständig sind, den Kontakt zur Schule der Kinder des Mannes zu halten …!79

So erklärt sich dann, daß alleinlebende Frauen in der BRD durchschnittlich (ohne Rücksicht darauf, ob sie einen getrennt lebendeN LebenspartnerIn haben oder nicht) 4:09 Std./Tag für Hausarbeit aufwenden, alleinlebende Männer (ebenfalls ohne Rücksicht darauf, ob sie einen getrennt lebendeN LebenspartnerIn haben oder nicht) nur 2:19 Std./Tag für hauswirtschaftliche Tätigkeiten aufwenden (Holz 2000, 114).80 Unter Schweizer Singles ist der Unterschied sogar noch größer: Weibliche Single wenden in der Schweiz – altersabhängig – zwischen 7 und 15 Std./Woche für Hausarbeit auf; männliche Singles aber nur 5-7 Std./Woche (Bauer 2000, 123).

(2) Kein Einfluß der Erwerbstätigkeit der Frauen auf den Hausarbeitsbeitrag der Männer

▼ 219 

„[A]n der Tatsache, daß alle Frauen Hausfrauen sind, ändert auch ihre Erwerbsbeteiligung prinzipiell erst einmal nichts; […]“ (Frerichs/Steinrücke 1993a, 199). Frauenerwerbstätigkeit führt zwar dazu, daß Frauen den zeitlichen Umfang ihrer Hausarbeit deutlich reduzieren (ob dies mit einer Intensivierung der Hausarbeit einhergeht, geht aus den vorliegenden Untersuchungen nicht hervor); der zeitliche Umfang der Hausarbeit der Männer bleibt aber fast gleich (vgl. Tabelle 5-8 und 11 im Anhang sowie die in Endnote 81 genannten Nachweise; vgl. auch Künzler 1999, 257).

Zu diesem Ergebnis kommen auch 22 Zeitbudget-Untersuchungen aus den USA aus den Jahren 1966-1989 (Künzler 1995, 121-124) und eine österreichische Untersuchung aus dem Jahr 1987:

▼ 220 

„[…] berufstätige Frauen [wenden] wesentlich weniger Zeit pro Tag für unbezahlte Arbeit (im wesentlichen für Haushalt und Familie; […]) auf[…] als nicht-berufstätige Frauen (durchschnittlich 233 vs. 418 Minuten). Wenn die Frau berufstätig ist, übernimmt der Mann 87 Minuten pro Tag Familienarbeit; Ehemänner von Hausfrauen beschränken sich auf 68 Minuten. Davon sind 65 bzw. 51 Minuten Hausarbeiten im engeren Sinne.“ (Wagner/Brandstätter 1994, 82, 84).

Diese bestätigen auch andere Untersuchungen:

▼ 221 

„Die beobachtbare geschlechtsspezifische Umverteilung von Berufs- und Hausarbeit, die in den letzten Jahren stattgefunden hat, läßt sich also bis dato als einseitige Umschichtung von beruflicher Arbeit zuungunsten der Mütter bezeichnen. Immer häufiger nehmen Frauen teil an der Berufswelt und tragen auch als Mütter finanziell zum Lebensunterhalt der Familie bei. Eine komplementäre Zunahme von Hausarbeit seitens der Väter läßt sich aber nicht beobachten, auch nicht in Ansätzen.“82

Die Reduktion der Hausarbeit (von 7,0 Std./Werktag im Durchschnitt auf 6,7 Std./Werktag bei Teilzeit- und 3,4 Std./Werktag bei Vollzeiterwerbsarbeit) erreicht dabei aber nicht das Ausmaß der Erwerbsarbeit, so daß vollerwerbstätige Frauen mit Partner insgesamt (d.h. Erwerbs- und Hausarbeit zusammen) deutlich länger arbeiten als ihre Partner, insbesondere wenn Kinder unter 16 Jahren zu betreuen sind (14,4 : 11,6 Std./Werktag) (Sozio-ökonomisches Panel zit. n. Holst/Schupp 1990, 407, Tab. 5; gleiche Tendenz: Künzler 1997, 119, Tab. 2; Rodenstein 1998, 52).83 Das Gleiche gilt im Vergleich von erwerbstätigen (10 ¼ Std./Tag) und nicht-erwerbstätigen Müttern (8:40 Std./Tag) (Holz 2000, 120 f.).

In Partnerschaften, in denen der Mann und die Frau die erwerbstätig sind, leisten die Frauen weiterhin ca. 70 % der Hausarbeit i.e.S., ca. 65 % der Erziehungsarbeit und fast 60 % der Einkäufe (H. Berger / Hinrichs 1999, 62, Tabelle 5 84).

▼ 222 

Dies gilt selbst für kinderlose, junge Paare (unter 30 Jahre): In dieser Altersgruppe wenden sowohl Männer wie auch Frauen (unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft leben) ca. 5 ½ Std./Tag85 für Erwerbsarbeit auf (Holz 2000, 115). Die Frauen leisten aber ca. 1 Stunde mehr Hausarbeit pro Tag als die Männer (2 ½ ggü. 1 ½ Std./Tag) (Holz 2000, 114) – haben also deutlich mehr soziale Basisverpflichtungen.

Genauso wie die außerhäusliche Berufstätigkeit der Frau führt auch männliche Teleheimarbeit nicht zu stärkerer männlicher Beteiligung an der Hausarbeit:

▼ 223 

„Überraschenderweise [?!] erledigten auch in dieser Gruppe Frauen doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Männer. Auch die Aufteilung der Arbeitszeit mit ihrem Partner folgt dem üblichen Schema: Von den 12 Männern gab nur jeder vierte an, daß seine Frau beruflich arbeitet, dann in allen Fällen Teilzeit; […].“ (Garhammer 1996, 333; Anm. d. Vf.In).

So heißt es in einer österreichischen Untersuchung: „Arbeit von zu Hause nutzen Männer zunächst einmal zur Steigerung ihrer Produktivität. Sie verwenden die durch Telearbeit gewonnenen Zeit [kein Zeitbedarf für den Weg zum Arbeitsplatz, d. Vf.In], um beruflich mehr zu arbeiten.“ (Reidl 2001, 350). Für die meisten Frauen ist dagegen „die Vereinbarkeit von Beruf und Familie das herausragende Motiv, sie wollen (oder müssen?) sich trotz Erwerbsarbeit in erster Linie um Kinder und Haushalt kümmern“ (ebd., 348 m.w.N.). Das Resultat kann nicht überraschen: Obwohl telearbeitende Frauen im Durchschnitt einen höheren Bildungsabschluß als Männer haben, arbeiten sie häufiger als Männer auf mittleren oder angelernten Positionen; Männer dagegen häufiger auf höheren Positionen (ebd., 347).

Selbst wenn die Frau erwerbstätig, der Mann aber nicht erwerbstätig ist, leistet sie in der BRD mehr als die Hälfte der Hausarbeit i.e.S., fast die Hälfte der Einkäufe und einen erheblichen Anteil der Kindererziehung (H. Berger / Hinrichs 1999, 62, Tabelle 586).

(3) Kein Einfluß der Kinderzahl

▼ 224 

Auch die Existenz von Kindern führt nicht dazu, daß Männer mehr Zeit für Hausarbeit aufwenden. Bei steigender Kinderzahl steigt zwar die Hausarbeitsbelastung der Frauen an, aber die der Männer bleibt in etwa gleich (vgl. Tabelle 8 und 9 im Anhang sowie oben S. 119); teilweise sinkt sie sogar87.88 Dies gilt insbesondere für die Ehen. Hier sinkt der männliche Hausarbeitsbeitrag bei Vorhandensein von Kindern von 2:25 auf 1:47 Std., d.h. um mehr als ein Viertel (Holz 2000, 114).89

An der Kinderbetreuung selbst beteiligen sich Ehemänner sowenig wie an der Hausarbeit – nämlich zu ca. 1/3, bei 3 oder mehr Kindern sogar zu einem noch geringeren Anteil:

▼ 225 

„Ist [in einer Ehe] nur ein Kind unter 20 Jahren zu versorgen, so kümmert sich die Mutter im Durchschnitt 1 Stunde und 10 Minuten täglich um ihren Sohn oder ihre Tochter, der Vater gerade einmal 25 Minuten. Bei 2 Kindern steigt die primäre Betreuungszeit der Mutter auf 1 ¾ Stunden, die des Vaters auf 38 Minuten. Sind es drei oder mehr Kinder, so verlängern sich die Zeiten für die Mutter auf täglich 2 Stunden und 20 Minuten, für den Vater auf eine Dreiviertelstunde. […] Die an die Erwerbstätigkeit gebundenen Zeiten entwickeln sich zwischen beiden Partnern gegenläufig.“ (Holz 2000, 118).

So muß denn resümiert werden, daß für die Kindererziehung die Dominanz der traditionellen Familienform ungebrochen ist80:

▼ 226 

„Für die Phase der Erziehung kleiner Kinder ist nach wie vor die traditionelle Familienform die gängigste aller Lösungen. Von den verheirateten Frauen unter 40 mit (einem) Kleinkind (-dern) unter 6 Jahren leben in der Bundesrepublik fast 80 % in derart strukturierten Familien“81. Mit „traditionelle[r] Familienform“ ist die „Zweigenerationen-Familie, in der typischerweise ein berufstätiger Vater mit seiner Ehefrau zusammenlebt, die als Hausfrau für die Hausarbeit und die Betreuung der gemeinsamen Kinder zuständig ist“, gemeint (Rerrich 1988, 21 f.).

Das heißt: die Geburt des ersten Kindes führt zum (vorläufigen) Ausscheiden der Frau aus der Erwerbsarbeit (Rerrich 1981, 124):

▼ 227 

„Mutterschaft bedeutet […] zumindest den zeitweiligen Verzicht auf Berufstätigkeit, das zweite Kind ist für Frauen in der Regel Gegenstand der Entscheidung zwischen [den] Alternativen: Kinder oder Beruf?“ (Strohmeier 1993, 13 – Einf. d. Verf.).

Demgegenüber verkürzen nur 3 % der Väter von Kindern im Vorschulalter ihre Erwerbsarbeitszeit82; weniger als 2 % der Personen, die Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen, sind Männer (N. Schneider / Rost 1998, 219; vgl. Garhammer 1996, 326; vgl. zu diesem Komplex speziell für den Berliner Medienbereich: Schulz/Amend 1993, 34 f.).83

Daß die Männer ihre Hausarbeitszeit bei Geburt des ersten Kindes senken und ihre Erwerbsarbeitszeit ausdehnen, folgt dabei zumeist der Logik des status quo, in dem Männer mehr verdienen als Frauen:

▼ 228 

„Familien müssen durch das erste Kind eine Schmälerung des verfügbaren Pro-Kopf-Einkommens um mehr als ein Drittel und durch das zweite Kind eine Halbierung hinnehmen […]. Solange Elternschaft mit solchen Einbußen verbunden ist, hält der Druck vor allem auf die Väter an, durch Überstunden oder zumindest durch Konstanthalten des beruflichen Engagements die Deprivation aufzufangen.“ (Garhammer 1996, 327; vgl. Holst/Schupp 1990, 404: Pro-Kopf-Einkommen von Paar-Haushalten ohne Kindern 1989: 1.700 DM; Paar-Haushalte mit schulpflichtigen Kinder 940 DM/Kopf).

▼ 229 

„Hat sie keine Kinder, leistet die berufstätige Frau fast doppelt soviel unbezahlte Arbeit wie der Mann (4,9 im Vergleich zu 2,5 Stunden). Ist ein Kind zu betreuen, bleibt das Verhältnis 2:1 im Gegensatz zur Vorstellung von den ‚neuen Vätern‘ erhalten, selbst bei voll berufstätigen Frauen.“ (Garhammer 1996, 327 – ohne klare Quellenangabe81). Das heißt: Bei Vorhandensein von Kindern steigt die Hausarbeitsbelastung der Frauen und die Erwerbsarbeitsbelastung der Männer an.

Allerdings verdienten in ca. 1/7 der Familien einer (für die alten Bundesländer repräsentativen) Studie die Männer weniger als die Frauen; dennoch nahmen diese Familien „lieber finanzielle Nachteile in Kauf […], als über den Erziehungsurlaub eine nichtkonventionelle Aufgabenteilung zu praktizieren“ (N. Schneider/Rost 1998, 224).

Soweit sich Väter an der Kinderbetreuung beteiligen, sind „Spielen und Spazierengehen […] die favorisierten Tätigkeiten […], während Verrichtungen wie nachts Aufstehen und Wickeln eher selten übernommen werden“ (Rerrich 1988, 162).

▼ 230 

Die Zunahme der Beteiligung der Väter an bestimmten Arbeiten der Kinderbetreuung bestätigt einen Befund von Rabe-Kleberg (1992) und Gildemeister/Wetterer82 hinsichtlich der Teilung der Erwerbsarbeit: Es ist nicht eine spezifische inhaltliche Substanz (auf die die unterschiedliche gesellschaftliche Wertschätzung bloß aufgelagert wäre), die Arbeit zu Männer- oder Frauenarbeit macht. Vielmehr ist es gerade die unterschiedliche gesellschaftliche Wertschätzung selbst, die Frauen- und Männerarbeit definiert:

„Erst die gesellschaftliche Aufwertung der frühen Kindheit hat die Beschäftigung mit ihren Babys und kleinen Kindern zu einer Tätigkeit werden lassen, die auch für Männer einen gewissen Reiz besitzt. Da diese Aufwertung das Waschen der Babywäsche und das Putzen des Kinderzimmers bislang nicht miteinbezogen hat, verbleiben diese Verrichtungen weiterhin […] den Frauen.“ (Rerrich 1988, 164).

▼ 231 

Letztgenannter Befund wird auch von Holz (2000, 115) bestätigt: „Selbst hier findet die traditionelle Rollenaufteilung zwischen den Eltern statt. Unter den jugendlichen Vätern sind Spiel und Sport beliebter als eher betreuende Routineaufgaben.“

Während Mütter sich über längere Zeiträume hinweg um die Kinder sorgen, beschränkt diese Tätigkeit bei Vätern auf „vereinzelte Episoden“; während Mütter „emotionale Unterstützung für Kinder aller Altersgruppen“ geben; fällt die Betreuungsleistung der Väter altersspezifisch aus: „leistungsorientierte und beratende Interaktion mit den älteren, spielerischer Kontakt mit den jüngeren Kindern“ (Walter/Künzler 2002, 97 m.w.N.).

(4) Hausarbeitsbelastung von Frauen im historischen Vergleich: Das Beispiel Technisierung/Verwissenschaftlichung

Die Arbeitsentlastung durch Haushaltstechnologie findet darin ihre Grenze, daß die Einführung neuer Technologien einerseits mit einer Steigerung des Anspruchsniveaus und andererseits einer Einstellung der ‚Mithilfe‘ der Männer in den technisierten Bereichen, einherging83.

▼ 232 

Ein steigender Anspruch an die Haus- und Erziehungsarbeit (bzw. an die Vorbereitung darauf) zeigt sich auch in anderem Zusammenhang:

„Galt es in den fünfziger Jahren noch als hinreichend, ein Baby gesund auf die Welt zu bringen und es in den ersten Lebensmonaten adäquat zu versorgen, so beginnt die Arbeit mit Kindern in den 1980er Jahren bereits vor der Geburt. Zum Säuglingspflegekurs und zur Schwangerschaftsgymnastik kommt heute, zumindest in der Mittelschicht, eine umfassende und zeitintensive Informationssuche über die ‚richtige‘ Entbindungsmethode, die ‚beste‘ Geburtsklinik, die relativen Vor- und Nachteile von Ultraschalluntersuchung, Dammschnitt und Periduralanästhesie.“ (Rerrich 1988, 150).

▼ 233 

Im Vergleich der Jahre 1985 und 1989 stieg der Zeitaufwand von Paaren mit Kindern unter 16 Jahren für Hausarbeit um 0,5 Stunde/Werktag/Mann und 0,7 Stunden/Werktag/Frau; bei den anderen Paaren blieb der Zeitaufwand in etwa gleich (Holst/Schupp 1990, 407, Tabelle 5).84

Ein ähnlich zweischneidiges Schwert ist die zunehmende Motorisierung der Haushalte:

▼ 234 

„Dort, wo die Verstädterung voranschreitet und Straßen und Plätze von Autos beherrscht sind, dort entstehen Kinderspielplätze […]. Dort intensiviert sich aber auch die Arbeit der Mütter, die nunmehr ihre Kinder zum Spielplatz begleiten müssen und mehr oder weniger interessiert zusehen dürfen, wie ihre Kinder im Sandkasten sitzen: Spielplätze sind nicht nur ‚Kinder-‘, sondern auch ‚Elternreservate‘.“ (Rerrich 1988, 153).

Die Auswirkungen der Technisierung der Haushalte lassen sich also folgendermaßen zusammenfassen:

▼ 235 

„Die Arbeit [im Haushalt] ist trotz höherer Einkommen, luxuriöserer Wohnbedingungen, Technisierung der Hausarbeit und kleineren Familien nicht weniger, sondern in manchen Punkten eher mehr, insgesamt vor allen Dingen anders geworden“ (Rerrich 1988, 170).

– und trotzdem im Zuständigkeitsbereich der Frauen geblieben!

(5) Begrenzte Reichweite der Ausnahme ‚kinderlose Paare‘

Wie oben im Haupttext (S. 116) angedeutet und in Endnote 300 ausgeführt, weicht vor allem bei einem Teil der kinderlosen Paare die Arbeitsteilung erkennbar von der üblichen Arbeitsteilung ab. Kinderlose Paare sind aber zugleich durchschnittlich besonders junge Paare. Dies wirft die Frage auf, ob es sich dabei

▼ 236 

Gegen die modernisierungstheoretische Lesart spricht bereits, daß auch bei jungen Paaren mit Kindern die Hausarbeitsverteilung stark ungleich ist (s. S. 119). Auch alle anderen Indizien deuten darauf hin, daß die etwas egalitärere Arbeitsteilung bei kinderlosen Paaren ein altersmäßig begrenztes Phänomen ist, das im Längsschnitt zu keinen wesentlichen Veränderungen in der häuslichen Arbeitsteilung führt85; allein die Kinderzeugung wird um einige Jahre aufgeschoben.

So ist „die Reduktion der weiblichen Hausarbeitszeit von den 50er zu den 80er Jahren hauptsächlich auf neue Hausarbeitstechnologien zurückzuführen […] und weniger auf die verstärkte Mitarbeit von Männern“86; vielmehr fühlten sich Männer (wie wir auf der vorhergehenden Seite gesehen haben) aufgrund des Einsatzes von Haushaltstechnik sogar zum weiteren Rückzug aus der Hausarbeit berechtigt. Auch im Vergleich der Jahre 1985 und 1989 stieg der Aufwand von Männern für Hausarbeit und Kinderbetreuung nur um 0,3 Std./Werktag an; gleichzeitig stieg auch der Aufwand der Frauen um 0,1 Std./Werktag (Holst/Schupp 1990, 407, Tabelle 5).82

▼ 237 

Der Anteil der Kinderlosen und Unverheirateten sinkt (bei ein- und denselben Personen) mit zunehmendem Alter: Von den 1984 25- bis 29-jährigen waren 62,3 % verheiratet und 67,0 % kinderlos; 1989 waren von den 30- bis 34-jährigen 78,2 % verheiratet; kinderlos waren nur noch 38,0 %. Der Trend gilt – bei niedrigeren bzw. höheren Ausgangswerten – auch für Personen mit Fachhochschulreife oder Abitur. (Strohmeier 1993, 20, Tabelle 5). 1996 wurde von 25 % der zwischen 1955 und 1960 geborenen Frauen, also der Frauen derselben Alterskohorte wie in der Studie von Strohmeier, erwartet, daß sie dauerhaft kinderlos bleiben (N. Schneider / Rost 1998, 217 m.w.N.). 83 (Darunter dürften – trotz schwul-lesbischem Trend zum Kind – viele Lesben sein. D.h.: Selbst für dieses kinderlose Viertel der Frauen sind nur sehr bedingt Schlußfolgerungen auf die Veränderung der Arbeitsteilung in hetero/a/‚sex’ellen Paarbeziehungen möglich.)

Sind die hetero/a/‚sex‘uellen Paare erst einmal verheiratet und/oder haben Kinder, stellt sich sofort wieder die traditionelle Arbeitsteilung ein:

▼ 238 

„Männer, die mit ihrer Partnerin nicht ehelich ohne Kinder zusammenwohnen, investieren zwar mehr Zeit in Hausarbeit i.e.S. als Verheiratete ohne Kinder. Da die Ehe aber oft mit Eigentumsbildung und Verhäuslichung einhergeht, investieren Ehemänner exakt die gleiche Zeit länger in Reparaturen und Gartenarbeit.“ (Sozio-ökonomisches Panel zit. n. Garhammer 1996, 329, FN 12).

D.h.: Bei Heirat sinkt die Beteiligung der Ehemänner an Hausarbeit i.e.S., während sie sich nunmehr ihren traditionellen handwerklichen Aufgaben zuwenden.

Der gleiche Befund (sinkende männliche Hausarbeitsbeteiligung) ergibt sich, wenn auf die Geburt des ersten Kindes, die häufig Anlaß für die Heirat ist, abgestellt wird: „[…] auch bei ursprünglich partnerschaftlicher Arbeitsteilung von Männern und Frauen [findet] nach der Geburt eines Kindes in der Regel die Regelung der Zuständigkeiten in traditioneller Weise statt.“84 Einher damit geht – jedenfalls bei (männlichen) Führungskräften, selbst der jüngeren Generation – auch heute noch der Berufsausstieg der Ehefrau.85

▼ 239 

Diese Re-Traditionalisierung „stabilisiert sich […] auch nach Ablauf des Erziehungsurlaubs unabhängig vom Berufsverlauf der Mutter“86. Dies gilt unabhängig davon, ob die Paare verheiratet sind oder nicht: „Die Retraditionalisierung ist auch in nichtehelichen Familien zu beobachten: Väter tragen zur Hausarbeit i.e.S. täglich 10 Minuten weniger bei als Kinderlose, gerade dann, wenn mehr Hausarbeit anfällt“ 87.

Das heißt: Kinderlosigkeit ist häufig noch ausschließlich eine zeitlich begrenzte Phase im Leben von Paaren. „Nur eine Minderheit“ der jungen Frauen „schließt für die eigene Lebensplanung die Gründung einer Familie aus“ (Oechsle/Geissler 1991, 199). Aufschlußreich ist in dem Zusammenhang, daß nur 8 % der Personen, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben, keinen Kinderwunsch und folglich auch nur 10 % keine Absicht zur Heirat haben (Glatzer 1997, 49, 36; vgl. Lauterbach 1999, 99). Ist die Phase der Kinderlosigkeit zu Ende, hat es auch mit der egalitäreren Arbeitsteilung ein unwiderrufliches Ende. „[D]ie Entscheidung für ein Kind bedeutet“ – auch im Bereich der Arbeitsteilung – „(lebens)lange Festlegungen“ (Strohmeier 1993, 12).

Aus alle dem resultiert die Schlußfolgerung:

▼ 240 

„Anzeichen für eine sozial relevante Ausbreitung des egalitären Pioniertypus waren auch in den neunziger Jahren nicht festzustellen, auch unter den ‚modernen Lebensformen‘ der nichtehelichen Lebensgemeinschaften, bei denen häufig Anspruch und Praxis auseinanderfallen.“ (Garhammer 1996, 334).

(6) Einflußlosigkeit von ‚progressivem Rollenverständnis‘

Der Befund, daß sich die traditionelle geschlechtshierarchische Arbeitsteilung als weitgehend veränderungsresistent erweist, gilt – wie schon im vorstehenden Zitat angedeutet – selbst für Paare, bei denen die Männer einen ‚partnerschaftlichen Anspruch‘ vertreten. So besteht unter den 27 von Klees (1992, 141) untersuchten „Partnerschaftlichen Familien“ bei 16 (= 60 %) dennoch eine Ungleichverteilung der Hausarbeit zu Lasten der Frauen. „Der Anspruch auf Teilung der Hausarbeit wurde in der Realität durch Mithilfe der Männer eingelöst.“ (Klees 1992, 148 – Hv. i.O.). Entsprechend unzufrieden waren die Frauen:

▼ 241 

„Zwölf Frauen waren mit der Mitarbeit ihrer Männer im Haushalt unzufrieden, zwei kämpften gegen den großen Widerstand ihrer Männer und erreichten nur so eine annähernde gleiche Arbeitsteilung. Zehn Frauen waren mit der Aufgabenzuordnung zufrieden und drei Hausfrauen hatten keine großen Erwartungen in bezug auf die Mitarbeit ihrer Männer im Haushalt.“ (Klees 1992, 140).

Die Männer in derartigen Beziehungen haben vielleicht ein „schlechtes Gewissen“, arbeiten aber in der Regel so wenig im Haushalt wie ihre ‚konservativeren‘ Geschlechtsgenossen (Frerichs/Steinrücke 1994, 211). Es „kommt […] trotz egalitärer Konzepte immer wieder zu Ungleichgewichten zuungunsten der Frauen“ (Frerichs/Steinrücke 1994, 215 m.w.N.).

▼ 242 

Auch Metz-Göckel/Müller88 sprechen – nach der Darstellung von Rerrich (1988, 140) – zwar von einem „schlechten Gewissen seitens der meisten Männer“, aber als Resümee kann nur „von einem gestiegenen Problembewußtsein der Männer, nicht aber von einem Problemdruck gesprochen werden, der Verhaltensänderung bewirkt.“89 Die bundesdeutsche Forschung ist sich also „im wesentlichen einig, daß der Wandel der Geschlechterrollen bislang vor allem die Einstellungs- und nur marginal die Verhaltensebene erfaßt hat, […].“ (Garhammer 1996, 328 – Hv. getilgt).

Auch eine österreichische Untersuchung (vgl. Tabelle 10 im Anhang) zeigt: Bei progressivem Rollenverständnis ist der Beitrag von Männern zur Hausarbeit zwar geringfügig höher, wenn die Frau nicht berufstätig ist. Dafür bewirkt aber die Berufstätigkeit der Frau keinen weiteren Anstieg des männlichen Beitrages, so daß in diesem Fall die Hausarbeitsbeteiligung der ‚progressiven‘ Männer sogar geringer ist als die der ‚konservativen‘! (Wagner/Brandstätter 1994, 87, Tabelle 4 ).

Auch bei sog. EinstellungspionierInnen führt spätestens die Geburt des ersten Kindes zur (Re-)Traditionalisierung: In einer Untersuchung von 28 Würzburger StudentInnenpaaren blieb die Hausarbeit nach Geburt des ersten Kindes zwar „gleich verteilt, doch übernahmen die Studentinnen 9 Stunden [pro Woche?] länger die Betreuung der Kinder“90.

f) Sexualität

▼ 243 

Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit besteht auch im Bereich der sexuellen Praxis: In ihrer Untersuchung von 27 Paaren mit ‚partnerInnenschaftlichem Anspruch‘ kam Karin Klees (1992, 172 – Befragung 1988) zu dem Ergebnis, daß sich

„[v]ierzehn Frauen […] in unterschiedlicher Intensität gedrängt oder unter Druck gesetzt [fühlten] mit ihrem Partner zu schlafen. […] Sie fühlten sich benutzt und zur Befriedigung des Mannes mißbraucht. Diesen Frauen war der Geschlechtsverkehr zu grob, zu kurz, zu zielgerichtet.“ Diese vierzehn und fünf weitere Frauen „sehnten sich nach einer Atmosphäre gegenseitigen Verstehens und Einfühlens, vermißten innigere Berührungen, das Einbeziehen des ganzen Körpers und Zärtlichkeit, die nicht nur auf die sexuelle Vereinigung abzielt.“91

▼ 244 

Auch viele Männer selbst bestätigten in der Befragung diese wenig intime Atmosphäre und erklärten, vor allem als Mittel zur Kompensation von „Problemen“ und „Streßsituationen“ (172 f.) mit ihren Partnerinnen schlafen zu wollen; auch, daß sie sich damit über den Willen ihrer Partnerinnen hinwegsetzen, war ihnen durchaus bewußt.92

Ein Mann sagte:

▼ 245 

„Irgendwie war das halt praktisch sehr mechanisch für mich gewesen. Es ging immer in Windeseile, und ich habe überhaupt nicht gemerkt, ob sie eigentlich Lust hatte oder weil es für sie der einfachste Weg war, meinen Bedrängnissen … Wahrscheinlich wollte sie gar nicht mit mir schlafen.“ (173 f.).

Ein weiterer äußerte:

▼ 246 

„Ich habe versucht, in ihr Schuldgefühle auszulösen und die für mich auszunutzen, wenn ich wollte, daß sie mit mir schläft. Aber sie wollte nicht.“ (177).

Auch andere Männer wissen, daß es ihre Partnerinnen stört, daß bei ihnen „alles nur darauf abzielt, daß ich letztlich mit ihr im Bett lande“ (174) bzw. „daß sie es nicht so gerne hat, wenn ich zu schnell zum Beischlaf komme“ (174; vgl. auch Mann 10 auf S. 178) – nur eine Praxisänderung scheint dieses Wissen nicht zur Folge zu haben.

g) Resümee und Perspektiven – begrenzte Reichweite des sozialen Wandels

Diese Befunde bestätigen die These von Ebert, daß „patriarchy is a differentiated, contradictory structure that historically produces identical effects differently. […]. All these various patriarchal arrangements, in short, produce the same effects: the oppression and exclusion of woman as other, the division of labor according to gender – specifically, the exploitation of women’s labor (whether in the public or private sphere) – and the denial of women’s full access to social resources. Woman thus occupy the ‚same‘ position within patriarchy differently, divided by the conjunctions of race, class, nationality, (post)colonialism, and so on“ (Ebert 1992/93, 21, 22 – Hv. i. O.):

▼ 247 

„Trotz der veränderten Erwerbsbiographien von Frauen, der veränderten Ausbildungssituation, dem veränderten Aspirationsniveau, hatte sich an den strukturellen Vorgaben für Elternschaft nur punktuell etwas verändert. Die Geburt der Kinder bedeutet nach wie vor in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle den Übergang in die traditionelle Familie mit traditioneller Arbeitsteilung: Männerwelt Beruf, Frauenwelt Familie.“ (Rerrich 1988, 167 – Hv. i.O.).

▼ 248 

„Auflösungserscheinungen traditioneller Familienstrukturen kommen zum Ausdruck in einem über Bildung und Erwerbstätigkeit vermittelten Machtzuwachs der Mütter und einer ausgeprägten Zentrierung der Partner auf ihre Kinder. Allerdings wird eine Verantwortlichkeit gegenüber ihren Kindern von Müttern nach wie vor viel ausgeprägter wahrgenommen als von Vätern.“ (Metz-Göckel 1993, 90).

„Zwar – so läßt sich resümieren – sind die Geschlechterbeziehungen mit dem Wandel der Lebensformen in Bewegung gekommen, die gesellschaftliche Grundstruktur geschlechtshierarchischer Arbeit scheint bislang jedoch kaum angetastet zu sein.“ (Aulenbacher/Siegel 1993, 83).

▼ 249 

Dieser Wandel wird dabei vor allem von den Frauen selbst getragen; der findet „aber kein Pendant bei den Männern. Alle jüngeren Frauen wollen auch erwerbstätig sein, während die Bereitschaft der Männer, Hausarbeit und Kindererziehung anteilig zu übernehmen, in Deutschland noch kaum vorhanden ist.“ (Rodenstein 1998, 52). 93

Dies gilt auch für das Lebensarrangement von – jüngeren und älteren – (männlichen) Führungskräften:

▼ 250 

„Die älteren wie auch die jüngeren Führungskräfte zeigen sich bemerkenswert immun gegenüber geschlechterpolitischen Veränderungen und halten beharrlich am komplementär organisierten Geschlechtermodell fest. Nur innerhalb des klassischen Modells scheint gewährleistet zu sein, daß die Familie das leistet, was sie in der Perspektive der sich beruflich stark verausgabenden Männer dringend leisten muß: Sinnstiftung, emotionale Absicherung, Bereitstellung sozialer Ressourcen und adäquate Rahmung. Modernisierungstheoretische Annahmen müssen“ – nicht nur – „für diese Personengruppe entschieden modifiziert werden: Die Familie ist keinesfalls zu einem Ort des Aushandelns geworden; typisch für die Führungskräfte beider Generationen ist gerade die Nichtverhandelbarkeit des partnerschaftlichen Arrangements.“ (Behnke/Liebold 2000, 75).

Bis in die 70er Jahre hinein geriet das Geschlechterverhältnis vom sozio-ökonomischen Umfeld (abnehmende Kinderzahl, steigender Arbeitskräftebedarf, Bildungsexpansion etc.) und seit Ende der 60er Jahre durch die Neue Frauenbewegung unter Veränderungsdruck.

▼ 251 

„Eindeutig hat nicht die extreme Verelendung den Widerstand der Frauen hervorgebracht; vielmehr machte ihre relative Privilegierung sie unbescheiden. Sucht man nach spezifischen Diskrepanzen und nach den Trägerinnen dieser [der Frauen-, d. Verf.] Bewegung, so ist für die 70er Jahre sowohl die steigende weibliche Bildungs- als auch Erwerbsbeteiligung zu beachten.“ (Metz-Göckel 1987, 40).

Heute ist die Frauenbewegung zwar vielfach institutionalisiert (Frauenbeauftragte, Anti-Diskriminierungsgesetze, Frauenforschung etc.), aber als politische Bewegung – ähnlich wie andere neue soziale Bewegungen – weniger sichtbar als in den 70er und 80er Jahren, und auch die heutigen sozio-ökonomischen Bedingungen lassen weiteren Veränderungsdruck auf das Geschlechterverhältnis eher fraglich erscheinen:

▼ 252 

„In den letzten Jahren sind Frauen in zunehmendem Maß teilzeitbeschäftigt. […]. Immer größer wird der Anteil der ‚geringfügig Beschäftigten‘, mittlerweile sind es 4,5 Mio., die meisten davon Frauen. Alle diese Formen sind prekär, weil die soziale Sicherung und betriebliche Karriere im Gegensatz zur tatsächlichen Entwicklung weiterhin die Normalität der vollen und kontinuierlichen Arbeitszeit unterstellen. Damit bleiben Frauen von der Sicherung durch Ehe und Vollzeitarbeit des Mannes abhängig – die traditionelle Arbeitsteilung in der Familie stabilisiert. […] Was einer Neugestaltung der Arbeitsteilung in der Familie“ – bei der gegebenen Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern – „ebenfalls entgegensteht, ist die hohe und anhaltende Arbeitslosigkeit. Sie begrenzt den Spielraum für Experimentieren und verschärft den Druck für berufstätige Männer, der familienfeindlichen Norm von Überstunden und Sonderschichten zu genügen. Da Frauen stärker noch als Männer von Arbeitslosigkeit betroffen werden, ist die Frauen auf den Haushalt bzw. Teilzeit festlegende Arbeitsteilung, mit Durkheims Begrifflichkeit, ‚erzwungen‘.“ (Garhammer 1996, 325, 326 – Hv. i.O.).

▼ 253 

Auch Erwerbsarbeitszeitverkürzung (für Männer) ohne (vollem) Lohnausgleich, wie zuerst 1994 bei VW eingeführt und seitdem auch für andere Unternehmen in der Diskussion oder beschlossen, führt nicht (notwendigerweise) zu einer vermehrten Hausarbeitsbeteiligung der Männer: „Lohneinbußen von einem Achtel [… haben] in vielen Fällen zu Schwarzarbeit geführt und so den Effekt für die Familien unterlaufen.“ (Garhammer 1996, 333).

Auch von dieser Seite ist also kein Druck in Richtung eines weiteren Wandels des Geschlechterverhältnisses zu erwarten (vgl. auch Knapp [2001, 70], die von einer „Beharrlichkeit dieser Ungleichgewichte und Herrschaftsverhältnisse“ spricht).

Gleiches gilt – nach der Darstellung von Pfau-Effinger/Geissler (1992, 368 f.), die das von ihnen behauptete Phänomen zu begrüßen scheinen94 – auch hinsichtlich der Einstellung der Mehrheit der Frauen:

▼ 254 

„[…] ein Teil der jüngeren – vor allem der gut qualifizierten – Frauen [verzichtet (sic!)] auf die Familiengründung (nicht immer auf die feste Partnerbeziehung oder Ehe), um den mit der Verantwortung für Kinder verbundenen Einschränkungen der Verfügbarkeit im Beruf aus dem Weg zu gehen. Für den größeren Teil der Frauen gilt diese Aussage jedoch nicht; sie beziehen sich in den Aushandlungsprozessen in der Partnerbeziehung auf eine immanente Modernisierung der Ehe, die (vor allem was den Aspekt des Zuverdienstes angeht) von der ganz überwiegenden Zahl der jüngeren Männer mitgetragen wird. In der innerfamilialen Arbeitsteilung bringt diese Entwicklung nur eine partielle Umverteilung der Aufgaben mit sich. Es ist davon auszugehen, daß sich die modernisierte Versorgerehe mit einer kurzen Erwerbsunterbrechung (Erziehungsurlaub) und einer (kurzen oder längeren) Phase von Teilzeitarbeit bei den Frauen weiterverbreiten und als gesellschaftliche Normalitätsvorstellung durchgesetzt wird. […] Auch gibt es bei Betrachtung der neueren politischen Auseinandersetzungen über die staatlichen Reformprojekte (v.a. Rentenreform und Pflegeversicherung) und über die Steuerpolitik keinen Anlaß anzunehmen, daß die Begünstigung der Hausfrauenehe aufgehoben wird. […]; der Übergang zu einem Partnerschafts- und Familienmodell, in dem jedes (erwachsene) Mitglied unabhängig seinen Lebensunterhalt verdienen muß [sic!], ist in Deutschland nicht zu erwarten.“ (Anm. d. Vf.In).

Aus dieser Starre der geschlechtshierarchischen häuslichen Arbeitsteilung ergab sich die Frage der hiesigen Untersuchung: Was passiert, wenn es nicht bei einem ‚partnerschaftlichen‘ Anspruch bleibt, sondern zumindest im Bereich der Körperinszenierungen eine geschlechternormen-inkonforme Praxis hinzukommt? Zieht das eine normen-inkonforme doing gender, auch in anderen Bereichen ein normen-inkonformes doing gender nach sich? 84 Wie unterscheidet sich der Effekt je nachdem, ob es sich um – nach hegemonialen Kriterien – homosexuelle Paaren (bspw. butch/femme-Beziehungen) oder um heterosexuelle Paare (bspw. ‚biologische Frau‘ + ‚biologischer Mann‘ mit weiblicher Körperinszenierung) handelt? Welchen Einfluß hat das Eingebundensein in queer und/oder feministische Netzwerke, Infrastrukturen und (Sub)kulturen auf die häusliche Arbeitsteilung?

▼ 255 

Damit folgt die hiesige Untersuchung einem konkreten Vorschlag von Garhammer für zukünftige Forschungsdesigns und einem generellen methodischem Postulat von Bachelard: „Das Abgehen von großen, heterogenen Bevölkerungsstichproben und die Zuwendung zu Populationen, in denen innovative Muster der Arbeitsteilung vermutet werden, scheint […] eine sinnvolle Strategie für die weitere Forschung zu sein.“ (Garhammer 1996, 332).

„[…] der wissenschaftliche Geist [ist] niemals verlegen, die Bedingungen zu variieren, die Betrachtung des Gleichen zu verlassen und das Andere zu suchen, die Erfahrung zu dialektisieren.“ (Bachelard 1938, 50).

III. Empirische Untersuchung: Formen und Wirkungen geschlechternormen-inkonformer Körperinszenierungen

1.  Die methodische Vorgehensweise bei Durchführung und Auswertung der empirischen Untersuchung

▼ 256 

Nachdem bisher aus dem Stand der Theoriediskussion die hiesige Fragestellung entwickelt (Kap. B.I.) und die bisherigen (spärlichen) Forschungsergebnisse zu dieser Frage dargestellt wurden (Kap. B.II.), ist es nun (Abschnitt B.III.1.) an der Zeit zu erläutern, welche Methoden hier zur Beantwortung unserer Fragestellung angewandt wurden. –

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurden zur Datengewinnung sozialwissenschaftliche Interviews geführt. Das heißt: Es ist im folgenden sowohl die Methode der Interviewführung [sub a)] als auch die Methode der Interviewauswertung [sub b)], die zur Anwendung kam, zu begründen. Diese Begründung kann selbstverständlich nicht solipistisch, sondern nur im Rahmen der – ebenfalls in der Einleitung bereits angekündigten – Abgrenzung von anderen Ansätzen der empirischen Sozialforschung erfolgen.

a)  Zur Methode der Interviewführung

Zunächst also zur Methode der Interviewführung: Die Interviews wurden nach der Methodik des von Andreas Witzel (1982; 1985) entwickelten Problemzentrierten Interviews geführt.85 Damit sollte zunächst einmal die Vergleichbarkeit der Ergebnisse dieser Arbeit mit den Ergebnissen der Studien von Karin Klees (1992: Partnerschaftliche Familien. Arbeitsteilung, Macht und Sexualität in Paarbeziehungen, s. S. 76-78) sowie Dorine Bourger (1998: Geschlecht und Begehren – Subjektive Theorien Transsexueller zu ihrer geschlechtlichen Identität und ihrer sexuellen Orientierung im Verlauf des Geschlechtswechsel, s. S. 5) sichergestellt werden.

▼ 257 

Auch Claudia Gather (1996: Konstruktionen von Geschlechterverhältnissen. Machtstrukturen und Arbeitsteilung im Übergang in den Ruhestand, s. S. 87: Kombination verschiedener bewährter Verfahren der qualitativen Sozialforschung) hat die Interviews für ihre Untersuchung u.a. nach der Methode von Witzel geführt.86 Die von Gather (1996, 17, 83-86) mit überzeugenden Gründen getroffene Entscheidung für die Form des Paarinterviews kann hier aus forschungspraktischen Gründen nicht übernommen werden.

Wenn „die Beziehung, die die Partner gemeinsam in der Interaktion herstellen“, und „nicht die Einzelperson“ im Vordergrund steht, ist „das Paarinterview dem Einzelinterview überlegen. Das Paarinterview bietet die Chance Informationen darüber zu erhalten, wie das Paar kooperiert, wie die Partner sich unterstützen und beeinflussen, wie Aushandlungsprozesse ablaufen und wie Macht verhandelt wird“. Nicht nur die Berichte im Interview über zurückliegende Interaktionen, sondern die Interaktion während des Interviews selbst kann dann untersucht werden. (Gather 1996, 83 f.).

▼ 258 

Denn die Form des Paarinterviews würde beim hiesigen Sample, das nicht nur aktuell bestehende Liebesbeziehungen umfaßt, dazu zwingen, Personen, die geNOkos praktizieren, zu veranlassen, in verschiedenen Konstellationen (zusammen mit ihren – z.T. auch ehemaligen – LiebespartnerInnen, MitbewohnerInnen, FreundInnen, KollegInnen etc.)85 Interviews zu geben. Eine dermaßen starke zeitliche Beanspruchung erschien als nicht vertretbar.

Ebenfalls nicht übertragbar ist Gathers (1996, 88) Entscheidung, die Interviews jeweils von einem Mann und einer Frau gemeinsam zu führen. Zur Begründung führte sie aus, daß „das Geschlecht des Interviewers einen Einfluß auf das Antwortverhalten“ hat. Der Vorschlag von Gather war hier schon, zum einen wegen der uneindeutigen geschlechtlichen Identität der VerfasserIn selbst; zum anderen aus Gründen der Projektausstattung nicht zu realisieren (nur an Interview 2 hat großzügiger Sandra Ciesielski [Berlin] teilgenommen, um ein kritisches feedback über die Praxis der Interviewführung abzugeben). Dieser Mangel mag allerdings insofern nicht so erheblichen sein, als in der Literatur die Ansicht vertreten wird, daß die geringsten Verzerrungseffekte in einer „homogenen Interviewsituation“ verursacht werden, d.h. „Männer Männer und Frauen Frauen befragen“. Eine solche „homogene Interviewsituation“ war hier zumindest in den 18 Interviews mit den geNOko-Praktizierenden insofern gegeben, als die Verfasserin selbst geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktiziert.

Die hier getroffene Methoden-Wahl kann allerdings nicht mit der damit erreichten Vergleichbarkeit allein gerechtfertigt werden. Denn auch der Vergleich zwischen mehreren methodisch zweifelhaften Studien würde uns der Wahrheit nur mäßig näher bringen. Die hier getroffene Methodenwahl bedarf also nicht nur der pragmatischen, sondern auch der theoretischen Rechtfertigung.

(1)  Die bedingte Entscheidung für eine qualitative Forschungsmethode

▼ 259 

In der Entscheidung für die Methode des Problemzentrierten Interviews nach Witzel ist zugleich eine Entscheidung für einen qualitativen Forschungsansatz impliziert, was in Anbetracht der schon angesprochenen Methoden-Kontroversen einer näheren Bestimmung bedarf:

Die Entscheidung für einen qualitativen Forschungsansatz ist zwar eine prinzipielle Entscheidung gegen sog. normativ-empiristische Ansätze86, aber keine prinzipielle Entscheidung gegen Quantifizierung. Denn weder eine qualitative, noch eine quantitative Herangehensweise ist eine Garantie – und zwar weder für noch gegen87 Empirismus.88

Zwar trifft der Vorwurf der „Sinnarmut“89 eine empiristische Vorgehensweise, die Atteslander (1986, 99, 100) wie folgt beschreibt:

▼ 260 

„Wer lediglich einzelne Techniken der e[mpirischen] S[ozialforschung], etwa einen Fragebogen verwendet, wird zwar Antworten erhalten, die er auch auszählen kann. Liegen der Befragung aber keine theoretischen Konzepte zugrunde, sind die so gewonnenen Ergebnisse im Grunde willkürlich, […]. Empirismus ist in diesem Sinne entweder Unverständnis der Kriterien der e[mpirischen] S[ozialforschung] oder mehr oder minder bewußter Mißbrauch. Er liegt immer da vor, wo ein Theoriebezug nicht nachvollziehbar ist, wo knappe Mittel entscheidende Erhebungen verhindern, wo empiristisch zusammengestellte Daten unter dem Etikett Wissenschaftlichkeit (politisch) verwertet werden. […]. Forschung ohne Theorie ist Empirismus.“ (Hv. d. Vf.In).

Dieser Vorwurf des Empirismus trifft auch eine Verfahrensweise zurecht, die von Adorno insofern zutreffend kritisiert worden ist, als er schreibt:

▼ 261 

„Das in der empirischen Technik allgemein gebräuchliche Verfahren der operationellen oder instrumentellen Definition, das etwa eine Kategorie wie ‚Konservatismus‘ definiert durch bestimmte Zahlenwerte der Antworten auf Fragen innerhalb der Erhebung selbst, sanktioniert den Primat der Methode über die Sache, schließlich die Willkür der wissenschaftlichen Veranstaltung. Prätendiert wird, eine Sache durch ein Forschungsinstrument zu untersuchen, das durch die eigene Formulierung darüber entscheidet, was die Sache ist: ein schlichter Zirkel. Der Gestus wissenschaftlicher Redlichkeit, der sich weigert, mit anderen Begriffen zu arbeiten als mit klaren und deutlichen, wird zum Vorwand, den selbstgenügsamen Forschungsbetrieb vors Erforschte zu schieben.“ (Adorno 1972, 512 f. zit. n. Witzel 1982, 15).

Die Kritik90 an dieser Art von ‚Einstellungsmessung‘ (Witzel) muß aber – anders als wohl Flick91 und selbst Witzel [s. dazu unten sub (3)] meinen, nicht zu einem generellen Verwerfen von Quantifizierung führen. Denn jede Art von Untersuchung, die bestrebt ist, mehr zu leisten als Einzelfall-Beschreibungen,92 sondern die – wie hier – mindestens zu einem Vergleich von Fallgruppen (nämlich geschlechternormen-konformen und geschlechternormen-inkonformen Personen) gelangen will, kommt um ein Mindestmaß an Quantifizierung nicht herum.

▼ 262 

Die Vermeidung des Empirismus liegt also nicht in der Entscheidung zwischen qualitativen und quantitativen Methoden, sondern – wie Bachelard (1938, 111) sagt – in der Verbindung von „Erfahrung und Vernunft“: Nur „der Umweg über die Theorie [zwingt …] den wissenschaftlichen Geist zu einer Kritik der Wahrnehmung“ (164).

Insofern hier die Fahne der „Vernunft“ – oder (in Anbetracht der geläufigen, aber problematischen93 Entgegensetzung von Vernunft und Verstand) vielleicht weniger mißverständlich: die Fahne der Theorie – hochgehalten wird, wird hier auch das traditionelle „lineare Modell der Forschung (Theorie – Hypothesen – Operationalisierung – Stichprobenziehung – Datenerhebung – Datenanalyse – Überprüfung)“ (Flick 1995, 59, ähnlich schon 10) beibehalten: Wir haben begonnen mit der Theorie, haben daraus unsere Fragen und Antwort-Hypothesen entwickelt, die Fragestellung operationalisiert und kommen nun (im Anschluß an diesen Methoden-Abschnitt) zur Auswertung der zwischenzeitlich erhobenen Daten. Insofern folgen wir also der Tradition der quantitativen Forschung. Von dieser wird hier aber insofern abgewichen als

▼ 263 

In diesem Kontext wird die hiesige Entscheidung für einen qualitativen Forschungsansatz – anders als Witzel (wie in S. 146 zitiert) nahegelegt – durchaus nicht als das non plus ultra betrachtet, sondern – in eher traditioneller Weise – als notwendige erste, explorative Phase, die durch weitere – auch quantitative – Untersuchungen zu ergänzen sein wird:

„Zu unterscheiden sind grundsätzlich qualitative und quantitative Zielsetzungen: Soll durch die Forschung vermehrte Erkenntnis über Problemzusammenhänge erreicht werden, oder ist bei genügender theoretischer Absicherung Repräsentativität der Aussage wesentlich? […]. Während im ersten Falle vor allem wenig strukturierte Befragungsformen gebraucht werden, finden wir bei schriftlichen Befragungen stark strukturierte, das Fragegebiet bis in die Einzelheiten erfassende Frageformen. […]. Im Forschungsprozeß selbst sind oft explorative Phasen den repräsentativen Erhebungen vorangestellt.“ (Atteslander 1986, 101 f. – Hv. d. Vf.In).

▼ 264 

Insofern kann denn hier auch der Argumentation von Flick für qualitative Forschungsmethoden zugestimmt werden:

„Qualitative Forschung gewinnt besondere Aktualität für die Untersuchung sozialer Zusammenhänge, da die Pluralisierung der Lebenswelten in modernen Gesellschaften […] eine neue Sensibilität für empirisch untersuchte Gegenstände erforderlich macht. […]. Angesichts der Pluralisierung der Lebenslagen und Deutungsmuster in der modernen [..] Gesellschaft bekommt die Feststellung Herbert Blumers (1969/1973, S. 118) neue Aktualität: ‚Die Ausgangsposition des Sozialwissenschaftlers und des Psychologen ist praktisch immer durch das Fehlen des Vertrautseins mit dem, was tatsächlich in dem für die Studie ausgesuchten Bereich des Lebens geschieht, gekennzeichnet.‘ Der rasche soziale Wandel und die resultierende Diversifikation von Lebenswelten konfrontieren Sozialforscher zunehmend mit sozialen Kontexten und Perspektiven, die für sie so neu sind, daß ihre klassischen […] Methodologien […] an der Differenziertheit der Gegenstände vorbeizielen. […] Dabei [im Rahmen qualitativer Forschung] werden häufig gerade ungewöhnliche Situationen und Personen untersucht.“ (Flick 1995, 9, 10 – Hv. + Einf. d. Vf.In).

▼ 265 

Damit erweist sich die hiesige – auch qualitative – Herangehensweise dem gegenwärtigen – noch unentwickelten – Forschungsstand (s. Kap. B.II.) zu geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen als angemessen. Dies hindert uns freilich nicht, von dem – mit der Form des Problemzentrierten Interviews verbunden – sozial-demographischen Fragebogens (s. unten S. 149) fundamentalen Gebrauch zu machen und das Interviewmaterial tendenziell nur zur näheren Erläuterung und Illustration heranzuziehen94 – nur kann für den Fragebogen genauso wenig wie für die Interviews Repräsentativität beansprucht werden (s. oben S. 134).

(2) Das Problemzentrierte Interview: Ein materialistischer Ansatz objektiver empirischer Sozialforschung

Mit vorstehender Rechtfertigung eines (auch) qualitativen Ansatzes ist aber nur wenig, wenn auch Grundlegendes gesagt. Denn auch die Entscheidung für einen (auch) qualitativen Ansatz läßt noch viele Wege offen. Die Wahl eines dieser Wege kann freilich nicht beliebig erfolgen, sondern muß sich anhand der in der Einleitung und Kap. B.I. begründeten theoretischen Grundlagen rechtfertigen lassen.

Die Spezifität des Problemzentrierten Interviews

Der dort dargelegten materialistischen und anti-subjektivistischen Ausrichtung des hiesigen Projektes trägt der Ansatz von Witzel – trotz der vorstehend S. 133 f. und sub (3) gemachten Einschränkungen – in besonderer Weise Rechnung. Denn Witzel (1982, 13) hält daran fest, daß es eine „objektive Gesellschaftsstruktur“ gibt,95 die nicht reduzierbar ist auf eine Vielzahl von ‚individuellen Interaktionen‘.

▼ 266 

Im Gegensatz dazu beschränken sich andere96 qualitative Forschungsansätze zumindest selbst86 darauf, nur die „subjektive Sichtweise des einzelnen Interviewten“ (Flick 1995, 99 et passim) zu erforschen, oder sie bestreiten mehr noch sogar die Existenz oder zumindest Erkennbarkeit der von den Subjekten unabhängigen, objektiven Realität (ebd., 45 et passim).

Diese Spezifität von Witzel muß allerdings erst gegen gewisse nivellierende Darstellungen dieses Ansatzes durch die Sekundärliteratur herausgearbeitet werden. So wird die Spezifität des Witzelschen Ansatzes bei Flick nur angedeutet:

▼ 267 

Diese Besonderheit des Problemzentrierten Interviews wird von Flick allerdings in mehrfacher Weise verwischt:88

Die letzten beiden Charakterisierungen treffen zwar für den mainstream der qualitativen Forschung zu, sind aber von Witzel (1982) gerade einer eingehenden Kritik unterzogen worden.

Der Subjektivismus und Idealismus des mainstreams Qualitativer Forschung
und die Kritik (nicht nur von Witzel) daran

▼ 268 

Anknüpfend an Witzel sollen daher im folgenden – nachdem in der Einleitung v.a. der idealistische mainstream von Postmoderne und Diskurstheorie kritisiert wurde – hier nun der Idealismus und Subjektivismus des mainstreams der qualitativen Forschung dargestellt und kritisiert werden.

Der Vorwurf des Subjektivismus trifft bspw. den von Herbert Blumer vertretenen Symbolischen Interaktionismus (SI), wenn dieser schreibt:

▼ 269 

„Die sich aufbauende Handlungssituation (muß) durch die Augen des Handelnden gesehen werden, – müssen die Objekte dieser Situation wahrgenommen werden, wie der Handelnde sie wahrnimmt, – müssen die Leitlinien des Handelnden nachvollzogen werden, wie der Handelnde sie entwickelt. Kurz: man muß die Rolle des Handelnden übernehmen und die Welt von seinem Standpunkt aus sehen.“ (Blumer 1966 zit. n. Witzel 1982, 15 – Hv. d. Vf.In).

„Der Forscher muß die Welt aus dem Gesichtswinkel der Subjekte sehen, die er untersucht.“ (Stryker 1976, 259 zit. n. Witzel 1995, 30).

▼ 270 

Damit scheint der Symbolische Interaktionismus immerhin noch anzuerkennen, daß „die Welt“ bzw. „die Objekte“ existiert bzw. existieren – aber er zieht es vor, diese nicht objektiv, sondern aus dem Blickwinkel der je Betroffenen zu untersuchen (und damit die Irrtümer und ‚blinden Flecken‘ der Sichtweisen der Betroffenen nicht in Frage zu stellen, sondern zu reproduzieren). Andere Ansätze, insbesondere die Ethnomethodologie87, bestreiten – zumindest implizit – sogar die Existenz einer objektiven gesellschaftlichen (und biologischen) Realität:88

Flick kennzeichnet die – wie zu zeigen ist: subjektivistische, implizit: idealistische – undifferenzierte88 These von der „Konstruktion von Wirklichkeit“ sogar als gemeinsame (1995, 40) „Grundlage“ der verschiedenen qualitativen Ansätze (also einschließlich des SI): „Subjekte konstruieren […] Wirklichkeit“ (ebd. 41, s.a. 45: „aktiv hergestellt“). Die „Wirklichkeit, die in qualitativer Forschung untersucht wird, ist nicht vorgegeben, sondern […] konstruiert“ (ebd., 41).

Die im jeweiligen Moment gegebene objektive Realität wird jedenfalls von der Ethnomethodologie ausgeblendet zu Gunsten des „ongoing, contingent“89 Prozesses ihrer Hervorbringung90. Soziale Tatsachen werden ausschließlich „als eine fortwährende Hervorbringung und Leistung der gemeinsamen Tätigkeiten des Alltagslebens“ in Betracht gezogen89.90

▼ 271 

„Ethnomethodologie bezeichnet die von den Mitgliedern einer Gesellschaft im Handlungsvollzug praktizierte Methodologie, die für die Handelnden die […] gesellschaftliche Wirklichkeit und soziale Ordnung erst schafft. Soziale Wirklichkeit wird von Garfinkel verstanden als eine Vollzugswirklichkeit, d.h. als eine Wirklichkeit, die lokal (also an Ort und Stelle, im Ablauf des Handelns), endogen (also aus dem Innern der Situation heraus), audiovisuell (also durch Hören und Sprechen, Wahrnehmen und Agieren) in der Interaktion der Beteiligten erzeugt wird. Ziel des Ethnomethodologie ist es, das ‚Wie‘, d.h. die Methode dieser Produktion von sozialer Wirklichkeit im Detail zu erfassen.“ (Bergmann 1980, 39 zit. n. Flick 1995, 32, FN 3 – Hv. d. Vf.In).

▼ 272 

„Grundlegender Anspruch ethnomethodologischen […] Vorgehens ist es, jegliches Geschehen als durch die Herstellungsleistungen der Beteiligten vor Ort konstituiert zu betrachten. Dies gilt nicht nur für unmittelbare Interaktionssachverhalte, sondern ebenso für die Realisierung sogenannter Makrotatbestände, etwa des institutionellen Kontextes eines Gesprächs.“ (Wolff et al. 1988, 10 zit. n. Flick 1995, 34).

Der „zentrale Einsatz ethnomethodologischer Analysen liegt [somit] in der Annahme, daß soziale Strukturen von den Beteiligten hervorgebracht werden“ (Lindemann 1994, 122 –Hv. d. Vf.In).

Das historische Geworden-, statt omnihistorische Gegebensein der gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuzeigen, ist nun freilich kein Gesichtspunkt, dessen Relevanz zu erkennen, es erst der Ethnomethodologie bedurft hätte. Die pauschale Rede von der ‚Konstruiertheit‘ der gesellschaftlichen Verhältnisse verdeckt vielmehr gerade die entscheidende erkenntnistheoretische Differenz zwischen verschiedenen Verständnissen von ‚Konstruktion‘: „die Ausdifferenzierung vielfältiger ‚Spielarten des Konstruktivismus‘“ hat eine „durchaus unterschiedliche Positionierung bezüglich der Kernfrage, welcher Status der ‚Realität‘ in der Erkenntnis zukommt, zur Voraussetzung und zur Folge“ (Gildemeister 2000, 219).

▼ 273 

Denn unter dem Schlagwort des Aufzeigens des Gewordenseins der gesellschaftlichen Verhältnisse läßt sich bspw. schon das wissenschaftliche Programm des Marxismus (vgl. auch schon das Marx-Zitat in Endnote 180: ‚Das Kapitalverhältnis ist kein natürliches Verhältnis, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis‘) zusammenfassen:

„Die Metaphysiker vertreten die Auffassung, daß die verschiedenen Dinge in der Welt sowie ihre Eigenschaften vom Beginn ihres Seins an unveränderlich blieben, ihre späteren Veränderungen bloße quantitative Vergrößerungen oder Verkleinerungen seien. Die Metaphysiker sind der Ansicht, daß ein Ding nur ewig sich selbst reproduzieren, sich aber nie in ein anderes, von ihm unterschiedliches Ding verwandeln könne. Die Metaphysiker glauben, daß die kapitalistische Ausbeutung, die kapitalistische Konkurrenz, die individualistische Ideologie der kapitalistischen Gesellschaft usw. – daß das alles auch in der antiken Sklavenhaltergesellschaft, ja sogar in der Urgesellschaft anzutreffen sei, daß es ewig und unverändert existieren werde. Was die Ursachen der gesellschaftlichen Entwicklung betrifft, so erklären die Metaphysiker sie aus Bedingungen, die außerhalb der Gesellschaft liegen – aus dem geographischen Milieu, dem Klima usw. Die Metaphysiker versuchen einfach, außerhalb der Dinge die Ursache ihrer Entwicklung zu finden, und bestreiten die These der materialistischen Dialektik, wonach die Entwicklung der Dinge durch die ihnen innewohnenden Widersprüche hervorgerufen wird.“ Für die materialistische Dialektik hängen die gesellschaftlichen Veränderungen dagegen „in der Hauptsache von der Entwicklung der Widersprüche innerhalb der Gesellschaft, also der Widersprüche zwischen Produktionskräften und Produktionsverhältnissen, zwischen den Klassen, zwischen dem Neuen und dem Alten; die Entwicklung dieser Widersprüche treibt die Gesellschaft und gibt den Impuls für die Ablösung der alten Gesellschaft durch eine neue.“ (Mao 1937, 367, 369).

▼ 274 

Der spezifische (von diesem Programm verschiedene) Einsatz der Ethnomethodologie, der diese in den Subjektivismus abrutschen läßt, besteht nun darin, daß sie – darin ihrem philosophischen Stichwortgeber Sartre91 folgend – die (sozialen) Tatsachen als (im jeweiligen Augenblick) zunächst einmal Gegebenes vollständig ausblendet; daß sie also ausblendet, mit welchen materiellen ‚Rohstoffen‘ und welchen Handlungsinstrumenten (Produktionsmitteln) (s. dazu unten S. 142) die „Beteiligten“ die (soziale) Realität produzieren.92 Diese Ignoranz gegenüber der materiellen Existenz der jeweiligen Ausgangssituation, in der die Wirklichkeit nicht nur erkannt, sondern tatsächlich verändert wird, macht es notwendig, in Bezug auf die Ethnomethodologie von einer „idealistischen Verkürzung“ (Witzel 1982, 20) zu sprechen.

Noch deutlicher wird, daß es sich um eine „idealistische Konzeption“ (Heinz 1982, 7) handelt, wenn wir in Betracht ziehen, daß im Kontext des mainstream-Konstruktivismus nicht nur verschiedene Arten von Konstruktion vermengt werden, sondern auch Wahrheit und Wirklichkeit vermengt werden.93 So wird behauptet: „Subjekte konstruieren über ihre Sicht auf ein bestimmtes Phänomen einen Ausschnitt ihrer Wirklichkeit; in Gesprächen und Diskurse werden Phänomene interaktiv hergestellt, und Wirklichkeit wird darüber konstruiert“ (Flick 1995, 41 – Hv. d. Vf.In). „Konstruktion“ ist für diese KonstruktionsforscherInnen der Name für „Erkennen“, „Wahrnehmung“ und „Wissen“ der Welt (Flick 2000, 151), die angeblich durch derartige ‚Sichtweisen‘ (Flick 1995, 41 et passim) produziert wird.

Es ist zwar richtig, daß die Wahrheit eine (zutreffende) Sichtweise auf die Wirklichkeit ist. Dies bedeutet aber nicht, sondern schließt gerade aus, daß die Wirklichkeit durch diese Sichtweise erst konstruiert wird. „Man erkennt nur, was ist.“ (Althusser 1972a, 54).90 „Sehen“ produziert zwar ein (geistiges) Bild, aber nicht das Gesehene!

▼ 275 

Die Wahrheit ist eine zutreffende, geistige Konstruktion; die Wirklichkeit (soweit sie verändert wurde) eine Konstruktion, die nicht zutreffend oder nicht-zutreffend sein kann, sondern schlicht existiert.91

Genau diese polemisch als bloße „Annahme“ bezeichnete Einsicht bestreitet der mainstream-Konstruktivismus:

▼ 276 

„Entscheidend bleibt in diesen Diskussionen [über die Krise der Repräsentation, d. Vf.In], inwieweit – insbesondere in der sozialwissenschaftlichen Forschung – von einer Realität ausgegangen werden kann, die außerhalb subjektiver und sozial geteilter Sichtweisen existiert und an der dann deren ‚Abbildung‘ in Texte (oder andere Forschungsprodukte) überprüft werden kann. Von den verschiedenen Spielarten des sozialen Konstruktivismus (als knappen Überblick vgl. Knorr-Cetina 1989) wird diese Annahme abgelehnt.“ (Flick 1995, 45 – Hv. d. Vf.In).

Genau dies rechtfertigt den Idealismus-Vorwurf; und genau deshalb, weil die geistigen Konstruktionen des mainstream-Konstruktivismus jenen Unterschied zwischen geistigen und materiellen Konstruktionen, zwischen Wahrheit/Irrtum und Realität/Irrealität, nicht etwa de-konstruieren92, sondern leugnen (indem sie die Wirklichkeit zu einer „Sichtweise“ erklären), beschränkt der mainstream-Konstruktivismus sich konsequenter Weise darauf, die ‚Sicht der Subjekte‘, die ‚Bedeutungsgebung‘, (Flick)93 zu erforschen.

Die „Wahrnehmung“ durch die „Konstrukteure“ der Wirklichkeit wird zum Angelpunkt; das ‚Erleben‘ (die Wahrnehmung) wird zum Kriterium für die Wirklichkeit (Lindemann)94.93

▼ 277 

So schreibt Flick einerseits über die (vermeintlichen) gemeinsamen (1995, 40) Grundlagen der qualitativen Sozialforschung (und läßt damit die abweichende Position von Witzel außer Acht):

„In den rekonstruierten Fällen (bzw. Typologien) sind jeweils unterschiedliche Konstruktionen der Wirklichkeit enthalten: Subjekte konstruieren über ihre Sicht auf ein bestimmtes Phänomen einen Ausschnitt ihrer Wirklichkeit; […].“ (Flick 1995, 40).

▼ 278 

Es „wird davon ausgegangen, daß Wirklichkeit von den Beteiligten über die Bedeutungen aktiv hergestellt wird, die bestimmten Ereignissen und Gegenständen beigemessen werden, und daß Sozialforschung an diesen Bedeutungen nicht ‚vorbeikommt‘, […]. Demnach sind Ansatzpunkte der Forschung die Vorstellungen von sozialen Ereignissen, von Gegenständen oder von Tatsachen, die in einem untersuchten Feld anzutreffen sind und die Art und Weise, wie diese miteinander kommunizieren […] und für wahr gehalten werden.“ (ebd., 45 – Hv. d. Vf.In).

Andererseits legt Flick (1995, 16, 28, 38 f.) nahe, daß diese Verschiebung des Erkenntnisinteresses von den Tatsachen auf den ‚Sinn‘ der Tatsache, d.h.: auf die Suche ‚Bedeutung‘94, von Ethnomethodologie und die Objektive Hermeneutik nicht geteilt werde. Diese Ansicht ist aber irrig:95

▼ 279 

Denn Schütz, einer der Vordenker der Ethnomethodologie96, den Flick durchaus zur Kenntnis nimmt, schreibt ausdrücklich:

„Diese ihre [der menschlichen Wesen, d. Vf.In] gedachten Objekte sind es, die ihr [der menschlichen Wesen, d. Vf.In] Verhalten determinieren, indem sie es motivieren.“ (Schütz 1954, 266 f. zit. n. Witzel97 1982, 12 – Hv. d. Vf.In).

▼ 280 

„Daß Tatsachen erst über ihre Bedeutung und deren Interpretation relevant werden, hat schon Alfred Schütz festgehalten: ‚Genau genommen gibt es nirgends so etwas wie reine und einfache Tatsachen. Alle Tatsachen sind immer schon aus einem universellen Zusammenhang durch unsere Bewußtseinsabläufe ausgewählte Tatsachen. […].‘ (Schütz 1971, S. 5).“ (Flick 1995, 45 f.).

Und Lindemann (1994, 140) schreibt: „Es gibt keinen bevorrechtigten Bereich des Wirklichen. […]. [Die transsexuelle Frau] Karin [eine Befragte aus Lindemanns Untersuchung] erlebt sich wirklich als gefährdeter und die Welt als gefährlicher [als sie sie früher als Mann wahrnahm].“ (alle Einf. d. Vf.In). 98

▼ 281 

Entscheidend ist aber nicht, daß „Karin“ es so erlebt. Entscheidend ist vielmehr, daß die Welt tatsächlich für Frauen gefährlicher ist, weil nämlich und insofern Männer-Gewalt gegen Frauen objektiv und aus sozial-strukturellen Gründen weitaus verbreiterter ist als Frauen-Gewalt gegen Männer.

Dieser Hinweis ist durchaus nicht nur aus ‚objektivistischen‘ oder ‚szientistischen‘ Gründen, sondern auch im Rahmen eines handlungsorientierten Konzeptes von Bedeutung: Würde es sich tatsächlich nur um eine Frage des Erlebens handeln, wäre die adäquate Handlungsstrategie vielleicht eine Psychotherapie, die „Karin“ mehr Selbstbewußtsein vermittelt. Diese Strategie könnte aber geradezu mörderisch (weil zu Leichtsinn führend) sein, wenn die Welt tatsächlich so gefährlich ist, wie „Karin“ sie wahrnimmt. Dann sind nämlich eher ein Selbstverteidigungskurs und politische Organisierung die adäquaten Handlungsstrategien.

Vom mainstream der qualitativen Forschung wird dennoch (trotz des potentiellen Unterschieds zwischen Wahrnehmung und Wahrgenommenem) der Begriff der „Referenz“ – d.h. der Bezug einer Aussage auf eine Tatsache – aufgegeben (Ricœur 1981, 31 zit. Flick 1995, 51 in FN 4 / Flick 2000, 161), die sog. „enge Auffassung von Wirklichkeit und Wahrheit“ verworfen (Flick 1995, 51 bei FN 4). Die Existenz von „brute facts“ und „nackten Tatsachen“ im Feld der Sozialwissenschaften wird geleugnet und in alt-bekannter hermeneutischer Manier (naturwissenschaftliches) Erkennen sowie geistes- und sozialwissenschaftliches Verstehen entgegengesetzt (Soeffner 2000, 171, 169). Sinnsuche (ebd. 171) statt Wahrheitssuche wird betrieben – und folgende grandiose Definition von ‚Nicht-Beliebigkeit‘ beigesteuert:

▼ 282 

„Die Überprüfungen richten sich auf den – intersubjektiv plausibilisierbaren – Zusammenhang zwischen der Deutung und ihren spezifischen Randbedingungen. Dadurch, dass hier die prinzipielle Relativität und das konkret Relative bewusst in Rechnung gestellt werden, wird der Anspruch auf Intersubjektivität des Verfahrens und der Ergebnisse aufrechterhalten und durchgesetzt: Beliebigkeit wird ausgeschlossen, indem Relativität und Intersubjektivität kontrolliert aufeinander bezogen werden.“ (Reichertz 2000, 171).

‚Nicht-Beliebigkeit‘ soll bedeuten, die Dominanz des Interesses (der ‚Randbedingungen‘) über die Erkenntnis und die Partialität angeblich aller Deutung hinzunehmen, statt zum Stein des wissenschaftlichen Anstoßes zu machen:

▼ 283 

„wegen der Abhängigkeit des Deutenden, der Deutung und der Deutungsobjekte von ihrer jeweiligen Einbettung in Milieus, Geschichte, Geschichten und Deutungsgemeinschaften sind die jeweiligen ‚Resultate‘ hermeneutischer Auslegung jedoch relativ. Sie stehen in Relation zu einem je gegebenen soziohistorischen Sinnzusammenhang und erlangen in Bezug auf diesen ihre Geltung.“ (Reichertz 2000, 171 – Hv. i.O.).

Konsequenterweise wird der wissenschaftliche Erkenntnisanspruch auf die Rekonstruktion von Sichtweisen der Subjekte zurückgenommen:

▼ 284 

„Die Konzentration auf die Sicht des Subjekts und den Sinn, den es mit Erfahrungen und Ereignissen verbindet, sowie die Orientierung an der Bedeutung von Gegenständen, Handlungen und Ereignissen steht hinter einem großen Teil der qualitativen Forschung.“ (Flick 1995, 31 f., s.a. 38 f. – Hv. d. Vf.In).

An dieser Sinnsuche, die sich dort als Fixierung auf die „Bedeutung“ darstellt, beteiligt sich maßgeblich der Symbolische Interaktionismus. 99 So hat Blumer die Ausgangspunkte seines Ansatzes in folgenden „drei einfachen Prämissen“ zusammengefaßt:

▼ 285 

„Die erste Prämisse besagt, daß Menschen ‚Dingen‘ gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen handeln, die diese Dinge für sie besitzen. (…). Die zweite Prämisse besagt, daß die Bedeutung solcher Dinge aus der sozialen Interaktion, die man mit seinen Mitmenschen eingeht, abgeleitet ist oder aus ihr entsteht. Die dritte Prämisse besagt, daß diese Bedeutungen in einem interpretativen Prozeß, den die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert werden.“ (Blumer 1973, 81 zit. n. Witzel 1995, 31; vgl. Denzin 2000, 138 f. – Hv. d. Vf.In; Auslassung bei Witzel).

Alle diese Varianten des Subjektivismus und Idealismus – der Ethnomethodologie, der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik und des symbolischen Interaktionismus – können mit Witzel (1982, 13) wie folgt kritisiert werden:

▼ 286 

„Die methodologische Zentrierung auf ‚the actor’s point of view‘ entspricht der theoretischen Vorstellung der Sozialwissenschaft, daß die Individuen die Alltagswelt über ein durch Interpretationsleistungen geordnetes Handeln konstituieren. Stabilität der Gesellschaft erklärt sich im interpretativen Paradigma aus überdauernden Interpretationsmustern (Typisierungen), die als aktiv vollzogene Leistungen der Individuen und nicht als von strukturellen Bedingungen determiniert analysiert werden. Die Untersuchung der objektiven Gesellschaftsstruktur ist aufgelöst in die mikro-soziologische Betrachtung einer Summe von Interaktionssituationen, in denen Individuen handeln.“ (Witzel 1982, 13 – kursive Hv. i.O.; fette Hv. d. Vf.In).100

Witzel erläutert diesen Gedanken, daß es nicht nur auf die Interaktionen der Individuen ankomme, am Beispiel der – von Wilson (1973, 55) für ‚bedeutungslos‘ erklärten – objektiven Höhe der Diebstahlsrate. Diese sei zwar in der Tat nur von begrenzter Bedeutung für das Bedrohungsgefühl der Individuen. Um so weniger könne aber auf einen fundierten Begriff der „objektiven gesellschaftlichen Gegebenheiten“ verzichtet werden, so Witzel (1982, 13):

▼ 287 

„Als ‚komplexe soziale Struktur‘ (ebenda) sind unserer Meinung nach in diesem Falle (nicht bereits die Diebstahlsrate, sondern, d. Vf.In) gesellschaftliche Verhältnisse (Eigentumsverteilung etc.) anzusehen, die in unterschiedlicher Weise Bedeutung für das Individuum bekommen und den Umgang mit dem Problem eines möglichen Diebstahls prägen. Letzteres geschieht nicht ohne willentlichen Bezug der Individuen zu den Diebstahlshandlungen, liegt aber begründet in objektiven gesellschaftlichen Gegebenheiten, die zwar letztlich Produkt der Individuen sind, aber als historisch herausgebildete Strukturen Ausgangspunkt ihrer Handlungen darstellen.“

Diese Relevanz „historisch herausgebildete[r] Strukturen“ besteht nach zutreffender Ansicht von Witzel nicht nur hinsichtlich des Diebstahls-Phänomens: So charakterisiert Witzel (1982, 33) an anderer Stelle den Arbeitsmarkt als „strukturelle Voraussetzung“, die „objektiv gegeben und als historisch herausgebildet für sich analysierbar“ ist und auf die die Individuen gezwungen sind, „Bezug [zu] nehmen“.

▼ 288 

Dies, nicht bloße ‚Bedeutungen‘ und ‚Gedachtes‘, sind also einige der oben (S. 138) angesprochenen, aber von der Ethnomethodologie ignorierten Rohstoffe, mit denen die ‚Beteiligten‘ die gesellschaftliche Realität produzieren! – Aus hiesiger Perspektive bleibt nur noch übrig, Witzel dahingehend zu präzisieren (oder zu korrigieren?), daß die Individuen nur in dem Sinne die „letztlich[en]“ Produzenten der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, als die Individuen das letzte – also von der tatsächlichen ‚Ursache‘ am weitesten entfernte – Glied einer langen ‚Ursachen‚kette sind. Und diese „lange ‚Ursachen‚kette“ ist wiederum nichts anderes als die widersprüchliche Struktur der „gesellschaftlichen Gegebenheiten“ (vgl. dazu unten S. 154 das Schmidt-Zitat): Wenn man/frau schon unbedingt mit Marx sagen will, daß „die Menschen […] ihre eigene Geschichte [machen]“, dann muß man/frau/lesbe zumindest – ebenfalls mit Marx – hinzusetzen: Sie machen sie aber „nicht aus freien Stücken, nicht aus selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (1882, 115 – Hv. d. Vf.In; vgl. Marx 1869, 559 f.), wobei „jene ‚Umstände‘ den ausschlaggebenden Faktor“ darstellen (Schmidt 1980, 172). Denn die „Summe von Produktivkräften, Kapitalien und sozialen Verkehrsformen“, die jeder neuen Generation ihren „speziellen Charakter gibt“, wird von jedem Individuum und jeder Generation zunächst einmal „als etwas Gegebenes vorgefunden“ (Marx/Engels 1845, 38 – Hv. d. Vf.In).

Es ist genau diese Wahrheit die bspw. von der „Sichtweise“ des Symbolischen Interaktionismus in subjektivistischer Hybris ignoriert wird.101

Der Relativismus des mainstreams Qualitativer Forschung
und die Kritik von Witzel daran

Der letzte Gesichtspunkt unter dem die Spezifität des Witzelschen Ansatzes im Feld der qualitativen Sozialforschung und gleichzeitig dessen Kompatibilität mit den theoretischen Grundlagen des hiesigen Projektes darzulegen ist, ist Witzels Abgrenzung vom – in der qualitativen Sozialforschung vorherrschenden – Relativismus.

▼ 289 

Dieser Relativismus hat aber immerhin den logischen Vorteil der Folgerichtigkeit auf seiner Seite. Denn, wenn die Existenz der objektiven Realität geleugnet wird, entfällt der Maßstab, anhand dessen über Wahrheit und Irrtum entschieden werden könnte102.

So geht im Falle der Ethnomethodologie die „mikro-soziologische Betrachtung [der] Summe“ von „Interpretationsleistungen“ mit einem explizierten Bekenntnis zur „ethnomethodologischen Indifferenz“ einher:

▼ 290 

„Die Ethnomethodologen sind […] der Ansicht, daß die Ergebnisse von Interpretationen grundsätzlich unabgeschlossen und vage bleiben müssen, da es prinzipiell unbegrenzte Interpretationen oder Lesarten von Interaktionstexten geben kann. Dieser erkenntnistheoretische Pessimismus entspringt […] der gesellschaftstheoretischen Abstinenz oder Indifferenz der Ethnomethodologie, die zugleich als idealistische Konzeption einer allein durch Regeln angeleiteten Konstruktion von gesellschaftlicher Wirklichkeit charakterisiert wird.“ (Heinz 1982, 7 – Hv. d. Vf.In).

R. Koeck (1976, 270 zit. n. Witzel 1982, 21) kommentiert dies polemisch so: „Alle Wirklichkeitsentwürfe sind gleichberechtigt – der Wirklichkeitsentwurf des Schizophrenen steht neben dem des Wissenschaftlers.“

▼ 291 

Weniger polemisch formuliert, läßt sich sagen, daß der Unterschied zwischen Wissenschaft und Ideologie (vgl. dazu FN 394) auf einen formellen und graduellen – den Unterschied zwischen den alltäglich Konstruktionen „erster Ordnung“ und den hermeneutischen Konstruktionen „zweiter Ordnung“ (s. Reichertz 2000, 166 f.; Flick 2000, 153) – reduziert wird:

„Hier (bei Schütz, d. Vf.In) ergeben sich Parallelen zu Goodman (1984), für den die Welt über die verschiedenen Formen des Wissens – vom Alltagswissen über die Wissenschaften bis hin zur Kunst als verschiedene ‚Weisen der Welterzeugung‘ – sozial konstruiert wird. […]. Ein zentraler Gedanke ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung, die Schütz (1971, S. 68) zwischen Konstruktionen ersten und zweiten Grades trifft: Nach Schütz ‚ … sind Konstruktionen der Sozialwissenschaften Konstruktionen zweiten Grades, das heißt Konstruktionen von Konstruktionen jener Handelnden im Sozialfeld‘. In diesem Sinn formuliert Schütz (1971, S. 68) als ‚erste Aufgabe der Methodologie der Sozialwissenschaften, die allgemeinen [sic!] Prinzipien zu erforschen, nach denen der Mensch im Alltag seine Erfahrungen und insbesondere die der Sozialwelt ordnet‘. Demnach werden Alltagserkenntnis und -wissen zur Basis, von der aus Sozialwissenschaftler eine in stärkerem Maße formalisierte und verallgemeinerte ‚Version der Welt‘ (Goodman 1984) entwickeln.“ (Flick 1995, 46 – Auslassung bei Flick; Hv. und Einf. d. Vf.In).

▼ 292 

Demgegenüber beinhalten nach hiesiger Ansicht die unterschiedlichen Funktionen von Ideologien und Wissenschaften 106 – und in diesem Zusammenhang gerade die formale Strenge der Wissenschaften (im Unterschied zur ‚unmerklichen Anpassungsfähigkeit‘ der Ideologie [s. Endnote 395]) – einen qualitativen Bruch zwischen ideologischen Vorstellungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen (auch, wenn es Ideologien – wegen der ihnen fehlenden formalen Strenge, d.h. wegen der ihnen fehlenden Widerspruchsfreiheit – immer wieder gelingt, wissenschaftliche Erkenntnis in ihr Weltbild zu integrieren). 107 Dies ist freilich kein Grund für eine Kapitulation der Wissenschaften vor dem Alltagsverstand:

„[…] wir wissen, daß es keine reine theoretische Praxis gibt, keine ganz nackte Wissenschaft, die in ihrer Geschichte für immer durch irgendeine Gnade vor den Bedrohungen und Beeinträchtigungen des Idealismus bewahrt wäre, d.h. vor den Ideologien, die sie belagern: Wir wissen, daß es eine ‚reine‘ Wissenschaft nur unter der Bedingung gibt, daß man sie ständig reinigt“ (Althusser 1963, 109 – Hv. i.O.).

▼ 293 

„Für Bachelard sind nicht nur alltägliche und wissenschaftliche, sondern ebenso die Stadien der Wissenschaftsentwicklung radikal voneinander getrennt. Ebenso wie es Wissenschaft prinzipiell nur da geben kann, wo diese sich von der Alltagserfahrung absetzt, kann historisch gesprochen erst von der Bildung des wissenschaftlichen Geistes die Rede sein, wenn dieser seine Bezüge zu lebensweltlichen Fragestellungen und Problemen aufgibt.“ (Lepenies 1978, 18; vgl. Bachelard 1938, 60 f.).

▼ 294 

„Die primäre Erfahrung, oder genauer gesagt, die erste Beobachtung ist immer ein erstes Hindernis für die wissenschaftliche Bildung. […]. Das Denken muß den unmittelbaren Empirismus überwinden. […] das erste System ist falsch. […]. Wir werden dann zu zeigen haben, daß der Realismus für den Physiker, ohne ein Urteil über seinen Wert für einen Philosophen vorwegzunehmen, eine fruchtlose Metaphysik ist, denn sie bringt die Forschung nicht voran, sondern zum Stillstand.“ (Bachelard 1938, 54, 55, 56, s.a. 59, 67, 84).95

Dies dagegen, die Erfahrungen des Alltagsverstandes, die sog. Konstruktionen erster Ordnung, zur Grundlage wissenschaftlicher Konstruktionen, der sog. Konstruktionen zweiter Ordnung, zu machen.

Aber nicht nur die Ethnomethodologie, auch andere qualitative Forschungsansätze – darunter auch solche, die sich als postmodern verstehen – geben den wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität zugunsten eines (tatsächlich wissenssoziologisch96 [damit letztlich modernen, hegel-‚marxistisch‘] inspirierten96] Relativismus der Perspektiven auf:

▼ 295 

„Texte sind demnach weder die Welt an sich noch ein unverfälschtes Abbild von Ausschnitten dieser Welt, sondern das Resultat von Interessen desjenigen, der sie erstellt hat wie auch desjenigen, der sie liest. Verschiedene Leser lösen die Vagheit und Vieldeutigkeit, die jeder Text enthält unterschiedlich auf – je nach den Perspektiven, die sie an den jeweiligen Text herantragen (Agger 1991, S. 112).“ (Flick 1995, 37).

Diese quasi-lukàcsiansche Negation der Erkenntnismöglichkeiten der Wissenschaften97 geht konsequenterweise mit einer Rhetorik des ‚Einfühlens‘ bzw. der „Memesis“/„Nachahmung“ (Flick 1995, 47) einher:

▼ 296 

„Qualitative Forschung zielt darauf ab, das untersuchte Phänomen bzw. Geschehen von innen heraus zu verstehen“ (Flick 1995, 40 unter Hinweis auf: Hopf 1985 – Hv. d. Vf.In).

▼ 297 

„Memesis ermöglicht es dem Menschen, aus sich herauszutreten, die Außenwelt in die Innenwelt hineinzuholen und die Innenwelt auszudrücken. Sie stellt eine sonst nicht erreichbare Nähe zu den Objekten her und ist daher auch eine notwendige Bedingung von Verstehen“ (Gebauer/Wulf 1992, 11 zit. n. Flick 1995, 48).

Derartigen Positionen hält Witzel zweierlei entgegen:

1. „[…] objektive Grundlage des Interpretationsprozesses gesellschaftlicher Vorgänge sind […] durchgesetzte Strukturen, die verkörpert sind in einer definierten gesellschaftlichen Ordnung mit institutionell geregelten und sanktionierten Erwartungen an die einzelnen Individuen. […]; das Individuum ist […] gezwungen, sich in seinem Denken und Handeln auf bereits Vorhandenes zu beziehen.“ (Witzel 1982, 20 – Hv. d. Vf.In). 98

▼ 298 

2. Es kommt nicht darauf an, „alle vom Text gedeckten ‚Lesarten‘“ herauszufinden (so aber Oevermann et al. 1976, 391 zit. n. Witzel 1982, 57 – Hv. bei Witzel), sondern bspw. durch Untersuchung des Kontextes der Rede deren Vagheit zumindest tendenziell aufzuheben (Witzel 1982, 58).

Damit eröffnet Witzel die Möglichkeit, eine materialistische, analytisch-kritische Version von Postmoderne und (Post)strukturalismus (vgl. Schulze 1996e sowie hier auf S. 357 die Endnote 208-213) an die empirische Sozialforschung anzuschließen: Ein Bündnis jenes theoretischen Ansatzes mit dem methodologischen Ansatz von Witzel 99 erlaubt die von Lindemann zurecht kritisierte weitgehende Beschränkung des Poststrukturalismus auf die Analyse von Texten 100 zugunsten einer Untersuchung von „Alltag“ zu überwinden, ohne dabei (wie im Falle eines Bündnisses mit der Ethnomethodologie) den Anti-Subjektivismus und Materialismus der kritisch-analytischen Postmoderne aufzugeben. 101 Es erlaubt darüber hinaus, die strukturalistische102 und epistemologische103 Kritik am Historizismus sowie die – von Saussure bzw. Austin kritisch gegen moderne Auffassungen eingeführten – Unterscheidungen zwischen Referenten, Signifikat und Signifikantem bzw. zwischen konstativen und performativen Äußerungen aufrechtzuerhalten, während die wohl vorherrschende (analytisch-affirmative) Postmoderne-Version dahin tendiert, diese wichtigen Unterscheidungen aufzugeben und die modernen Auffassungen nur noch umzukehren statt umzuwälzen – also die Existenz der Referenten sowie konstativer Äußerungen zu bestreiten, also in einen ‚lingustizistischen Monismus‘, wie Butler (1993/94, 30; vgl. hier Endnote 223) kritisiert, zu verfallen und damit die Möglichkeit objektiver Sozialwissenschaft (wie sie bspw. von Witzel angezielt ist) zu bestreiten. Die Möglichkeit eines Bündnisses zwischen kritisch-analytischer Postmoderne und dem methodologischen Ansatz von Witzel besteht damit – aufgrund des materialistischen Ansatzes der ersteren – auch hinsichtlich des oben angesprochenen Punktes: der Witzelschen Ablehnung des beliebigen Nebeneinanderstellens aller möglichen Lesarten. Denn auch AutorInnen (wie Michel Pêcheux), die für den Ansatz einer kritisch-analytische Postmoderne herangezogen werden können, vertreten nicht das Konzept einer „‚pluralen Lektüre‘ […], die den Gedanken eines unendlichen Wucherns der Bedeutungen unterstellt, […]. Dies hieße unserer Meinung nach, die Materialität des Diskurshaften aus den Augen zu verlieren.“ (Pêcheux/Fuchs 1975, S. 209 in FN 14).104 Vielmehr gehen diese AutorInnen davon aus, daß die Bedeutung einer jeden Sequenz durch ihren Kontext limitiert ist:

▼ 299 

„Tatsächlich behaupten wir, daß der ‚Sinn‘ einer Sequenz nur in dem Maße materiell faßbar wird, wie man diese Sequenz als notwendig dieser und/oder jener anderen Diskurs-Formation zugehörig begreift (was übrigens erklärt, daß sie mehrere Bedeutungen haben kann).“ (ebd. bei FN 14).

Aus dieser (kritisch-analytisch-postmodernen) Perspektive ist es schließlich möglich, Witzel ergänzend, auch die oben dargestellte Ideologie der ‚Einfühlung‘ einer grundlegenden Kritik zu unterziehen und darauf hinzuweisen, welche sprachlichen (s. Stedman Jones 1988a, 307 f.; 1983, 143 f.) und institutionellen (s. Bommes 1982, 89 f., 98-101: ‚historische Apparate‘) Probleme zwischen der ‚reinen‘, angeblich ‚theorie-freien‘ Erfahrung und deren Erkenntnis liegen. Diese Probleme können mit einer Ideologie der ‚Einfühlung‘ vielleicht ignoriert, aber nicht gelöst, sondern nur reproduziert werden – da mit einer solchen Ideologie die jeweilige Gegenstände – wenn auch, oder vielleicht: um so schlimmer unreflektiert – allen möglichen und unmöglichen Vorurteile ausgeliefert werden (s. dazu schon oben ausführlich: Endnote 106 und 112).

Nur die explizierte Theorie stellt sich der Kritik, während freilich auch die nicht-explizite Theorie der Kritik (hier!) nicht entgeht.

(3) Eine notwendige Korrektur der Methode des Problemzentrierten Interviews: Das Problem des Empirismus

▼ 300 

Ein Problem bleibt allerdings noch bestehen. Denn: Wenn auch qualitative Ansätze mit einer gewissen Berechtigung den Empirismus von quantitativen Ansätzen kritisieren (s. oben S. 133), so scheinen sie selbst nicht weniger einem anders gearteten Empirismus zu verfallen: 105

Denn sie lehnen es ab, „vorab formulierte Theorien“ (Flick 1995, 14) „an der Empirie [zu] überprüfen“ (ebd., 10 – Hv. d. Vf.In), sondern beanspruchen statt dessen „empirisch begründete Theorien zu entwickeln“ (ebd., 14 – Hv. d. Vf.In). Dabei soll „am Einzelfall angesetzt w[e]rd[en], bevor zu vergleichenden bzw. allgemeinen Aussagen übergegangen wird“ (ebd., 40).

Diese empiristische Tendenz findet sich selbst bei Witzel (1982, 10, 38), wenn dieser schreibt:

▼ 301 

„Cicourel (1970), Berger (1974) und Kreppner (1975) verdanken wir eine detaillierte Kritik standardisierter Meßverfahren und die Erkenntnis, daß der komplexe und prozessuale Kontextcharakter der sozialwissenschaftlichen Forschungsgegenstände kaum durch normierte Datenermittlung zu erfassen ist, vielmehr situationsadäquate, flexible und die Konkretisierung fördernde Methoden notwendig sind.. […]. Andererseits werden in der Sozialforschung schon immer qualitative Methoden angewendet, allerdings nur als heuristische Instrumente zur Vorbereitung von Untersuchungen, gleichsam als Materiallieferanten für die Erstellung standardisierter Verfahren. […]. Aus der bisherigen Darstellung dürfte hervorgegangen sein, daß qualitative Methoden als Konsequenzen dieser methodologischen Diskussion für uns nicht heuristische Hilfsmittel zur Erstellung standardisierter Instrumente, sondern legitime Möglichkeiten eines objektiveren Zugangs zur Empirie darstellen.“

Dagegen ist mit Marx und Althusser daran festzuhalten, daß dieses Beginnen mit ‚dem Konkreten‘, aus dem dann ‚das Abstrakte‘, ‚die Theorie‘ zu entwickeln wäre, eine Illusion ist:

▼ 302 

„Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung [als] falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn, z.B. Lohnarbeit, Kapital etc. Diese unterstellen Austausch, Teilung der Arbeit, Preise etc. Kapital z.B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre.“ (Marx 1859, 631 f.).

Das Umgekehrte ist dagegen die „wissenschaftlich richtige Methode“. Denn das „Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen.“ Auch wenn die Ansicht des Idealismus, daß das Denken die Real-Konkreta produziere, falsch ist106, ist „die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen“, die richtige Art für das wissenschaftliche Denken, „sich das Konkrete anzueignen“ – d.h.: „es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren.“ (ebd. 632).

▼ 303 

Im gleichen Sinne hat Althusser erklärt, daß „ein Objekt nicht durch seine unmittelbar sichtbare oder wahrnehmbare Erscheinung bestimmt werden kann, daß zu seinem Erfassen der Umweg über seinen Begriff notwendig ist […] die Erkenntnis eines Realobjekts [vollzieht] sich nicht durch den unmittelbaren Kontakt mit dem ‚Konkreten‘, sondern durch die Produktion des Begriffs dieses Objekts“ (Althusser 1965/68, 248).

Grund dafür ist folgendes: Damit wir einen Vergleich zwischen dem Denken und Fakten „stattfinden lassen […] können, müssen die Gegenstände von gleicher Art sein: Damit dies der Fall ist, müssen ‚Tatsachen‘ bereits in Kategorien transformiert sein. In dasselbe Medium, in dem die Theorie ist.“ (Johnson 1978, 42).

Daß ein direkter Vergleich zwischen Denken und Fakten nicht möglich ist, ist im Prinzip auch von der Qualitativen Forschung, sofern sie nicht gerade ihren mimetischen Traum träumt, anerkannt:

▼ 304 

Wie wir bereits wissen, bestreiten verschiedenen Spielarten des sozialen Konstruktivismus, daß von einer „Realität ausgegangen werden kann, die außerhalb subjektiver und sozial geteilter Sichtweisen existiert und an der dann deren ‚Abbildung‘ in Texte (oder andere Forschungsprodukte) überprüft werden kann“ (Flick 1995, 45; auf der gleichen Linie liegen auch die auf Seite 140 angeführten Schütz-Zitate).

Während aber ethnomethodologische, hermeunetische u.ä. Ansätze noch weiter gehen und nicht nur die direkte, unmittelbare etc. Erkennbarkeit der objektiven Realität bestreiten und daraus die Konsequenz ziehen, die bloßen, unterschiedlichen „Sichtweisen“ der „Akteure selbst“ nebeneinander stehen zu lassen, rechtfertigt sich daraus für die kritisch-analytische Postmoderne in Tradition von Epistemologie 107 und strukturalem Marxismus das Eingreifen der Theorie in den Forschungsprozeß.

▼ 305 

„Das Denken muß den unmittelbaren Empirismus überwinden. Dadurch nimmt das empirische Denken ein System an. Aber das erste System ist falsch. […]. Wir werden dann zu zeigen haben, daß der Realismus für den Physiker, ohne ein Urteil über seinen Wert für einen Philosophen vorwegzunehmen, eine fruchtlose Metaphysik ist, denn sie bringt die Forschung nicht voran, sondern zum Stillstand.“ (Bachelard 1938, 55, 56, s.a. 59, 67, 84).

„Anzunehmen, […], nur die sinnliche Erkenntnis sei zuverlässig, die rationale Erkenntnis aber unzuverlässig – das hieße, den aus der Geschichte bekannten Fehler des ‚Empirismus‘ zu wiederholen. […]. Im Gegenteil, alles, was im Erkenntnisprozeß auf der Grundlage der Praxis wissenschaftlich verarbeitet worden ist, spiegelt die objektiven Dinge […] richtiger und vollständiger wieder. Gerade das verstehen die vulgären Praktizisten nicht: Sie schätzen die Erfahrung hoch, achten aber die Theorie gering, infolgedessen können sie keine Übersicht über den objektiven Prozeß in seiner Gesamtheit gewinnen, fehlt ihnen die klare Orientierung, haben sie keine weitreichende Perspektive, berauschen sie sich an zufälligen Erfolgen und an einem Schimmer von Wahrheit.“ (Mao 1937, 357).

(4) Die Vorteile des Problemzentrierten Interviews gegenüber dem Narrativen Interview

▼ 306 

Trotz der auf S. 146 angesprochenen Nachgiebigkeit Witzels gegenüber einem Empirismus erweist sich Witzels Ansatz allerdings aufgrund der zuvor dargelegten Erwägung zum Anti-Idealismus und Anti-Relativismus den anderen qualitativen Forschungsansatz überlegen und nach Maßgabe einer – wie vorstehend dargelegt: gebotenen – Korrektur hinsichtlich des Empirismus mit dem theoretischen Ansatz des hiesigen Projektes vereinbar.

Diese Vereinbarkeit ermöglicht es, die Vorteile, die das Problemzentrierte Interview mit anderen Formen des Leitfaden-Interviews (zumindest für die hiesige Fragestellung) gegenüber der gängigen Interviewform des Narrativen Interviews (nach Schütze), teilt, zu nutzen:

▼ 307 

„[…] vor Entscheidung für diese Methode [des narrativen Interviews, d. Vf.In] [sollte] geklärt werden, ob wirklich der Verlauf (des Lebens, der Patientenkarriere, der beruflichen Biographie) im Vordergrund der Fragestellung steht und ob nicht die gezielte thematische Steuerung, die ein Leitfaden-Interview bietet, der effektivere Weg zu den gewünschten Daten und Ergebnissen ist. Durch die kritische Diskussion, die diese Methode [gemeint ist jene Methode des narrativen Interviews, d. Vf.In] provozierte (Bude 1985, Gerhardt 1985), hat sich gleichzeitig die Grenze des Erzählens als Datenquelle verdeutlichen lassen, die sich auch aus dem jeweiligen Gegenstand des Interviews begründen lassen: ‚Erzählbar ist immer nur ›die Geschichte von‹, nicht aber ein Zustand oder eine immer wiederkehrende Routine‘“108.

„Der Vorteile dieser Methode [des Leitfaden-Interviews] liegt darin, daß der konsequente Einsatz des Leitfadens die Vergleichbarkeit der Daten [aus den einzelnen Interviews, Einf. d. Vf.In] erhöht und daß sie durch die Fragen Struktur gewinnen. Wenn konkrete Aussagen über einen Gegenstand Ziel der Datenerhebung sind, ist ein Leitfaden-Interview der ökonomischere Weg.“ (Flick 1995, 114).

▼ 308 

Diese Kriterien sind hier gegeben: Es interessiert nicht vorrangig, wie es (biographisch) dazu gekommen ist, daß Personen geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktizieren, sondern der aktuelle ‚Zustand‘ der Beziehungsstrukturen dieser Personen insbesondere in den Bereichen Hausarbeit (wiederkehrende Routine!), Sexualität und Kommunikationsverhalten gegenüber FreundInnen und am Erwerbsarbeitsplatz [obwohl wir trotzdem feststellen mußten, daß die Befragten von sich aus unbedingte über ‚Ursprünge‘ berichten wollten, s. dazu unten sub B.III.3.a) – e) und g) – jew. sub (1)].

(5) Die Elemente des Problemzentrierten Interviews

Nachdem wir vorstehend die theoretischen Gründe für die Entscheidung für die Form des Problemzentrierten Interviews dargelegt haben, ist nun offenzulegen, welche Konsequenz diese Entscheidung für die Praxis des Interviewführens hatte.

Die Regeln

Aus den vorstehend sub (2) und (4) gemachten Ausführungen ergibt sich, daß im Rahmen des Problemzentrierten Interviews mit der für das Narrative Interview typischen Vorgabe des „freien Erzählens“ teilweise gebrochen wird (Witzel 1982, 50). Bestimmend für die Interviewführung ist nicht mehr eine „einseitige Material-“ oder Masse„orientierung“ (die interviewte Person soll soviel wie möglich erzählen) (Witzel 1982, 65), sondern die Problemzentriertheit des zu erlangenden Materials (Witzel 1982, 67 f.).

▼ 309 

Dies ist die Konsequenz Witzels (1982, 44) Einsicht, daß die – von anderen qualitativen Forschungsansätzen zum Alibi für ihren erkenntnistheoretischen Pessimismus genommenen – Schwierigkeit bei der Interpretation vorliegender Interviews vielfach nicht der vorgeblich „unaufhebbaren Vagheit der Sprache“, sondern vielmehr ‚Mängeln der Untersuchung selbst‘ geschuldet sind. Das Fehlen einer hinreichenden „problem- und themenorientierten Auseinandersetzung zwischen Interviewer und Interviewten“ (ebd.) hat vielfach Spekulationen“ und „gewagtes Hineininterpretieren“ bei der Auswertung zur Folge (Witzel 1982, 65). Witzel legt plausibel dar (s. die von ihm angeführten Beispiele [Witzel 1982, 29, 53 f., 55, 63, 65]), daß – im (zumindest tendenziellen) Gegensatz zu Schützes Anweisungen für das Narrative Interview – „gerade Verständnisfragen, Zurückspiegeln von Diskrepanzen und Widersprüchen […] neben der Bitte um weitere Explizierung“ geeignete Mittel sind, ungeklärte Sachverhalte und Interpretationsschwierigkeiten bereits „im Interview selbst [und nicht erst bei der Auswertung, d. Vf.In] durch eine entsprechend interessierte Fragehaltung des Interviews“ zu klären bzw. beseitigen (Witzel 1982, 50, 55 – Hv. i.O.).

Dies beinhaltet, daß im Gegensatz zur Methodik des Narrativen Interviews durchaus auch Warum- sowie Einstellungs- und Meinungsfragen gestellt werden dürfen. Damit entspricht das Problemzentrierte Interview im übrigen auch der von Gather (1996, 88) angewandten Methode des Semi-strukturellen Interviews nach Aufenanger, das explizite Fragen „nach Begründungen für Entscheidungen und nach Arbeits- und Aufgabenverteilung“ dort erlaubt, „wo diese durch die Interviewpartner nicht bereits selbst vorgetragen wurden“.

Witzels Auffassung impliziert zum zweiten (neben der Möglichkeit, nötigenfalls bereits während der Eingangserzählung mit Verständnisfragen zu intervenieren [Witzel 1982, 50]109) vor allem eine stärkere Bedeutung der exmanenten Nachfragen und damit des vorbereiteten Leitfadens als beim Narrativen Interview. Damit ergeben sich des weiteren Überschneidungen zur von Flick (1995, 124 f.) entwickelten Form des Episodischen Interviews. Auch dort gilt: „Durch die Orientierung an einer Reihe von Leitfragen in bezug auf die Situationen, die erzählt werden sollen, und die Begriffe, die definiert werden sollen, hat der Interviewer mehr Möglichkeiten [als beim Narrativen Interview, d. Vf.In], in das Interview steuernd einzugreifen“ (ebd., 128).

▼ 310 

Der Leitfaden ermöglicht den InterviewerInnen „sich aus den thematischen Feldern [des Leitfaden, d. Vf.In], etwa bei stockendem Gespräch bzw. bei unergiebiger Thematik, inhaltliche Anregungen [zu] holen, die dann ad hoc entsprechend der Situation formuliert werden. Damit lassen sich Themenfelder in Ergänzung zu der Logik des Erzählstranges seitens des Interviewten abtasten, in der Hoffnung, für die weitere Erzählung fruchtbare Themen zu finden bzw. deren Relevanz aus der Sicht der Untersuchten festzustellen und durch Nachfragen zu prüfen“ (Witzel 1982, 90; vgl. Flick 1995, 106).

Des weiteren ist das Problemzentrierte Interview u.a. dadurch gekennzeichnet, daß das Gespräch auf Tonband aufgezeichnet wird (Witzel 1982, 91), es durch einen sozial-demographischen Kurzfragebogen (ebd., 89 f.) ergänzt wird und nach jedem Interview ein Kurzprotokoll (Postscriptum) geschrieben werden soll, das „Eindrücke über die Kommunikation, über die Person des Interviewpartners, über sich und sein [des Interviewers] Verhalten in der Situation, äußere Einflüsse, den Raum, in dem das Interview stattgefunden hat etc.“ (Flick 1995, 106, 107 f.), über die Art der Kontaktaufnahme und evtl. Nachfragen des Interviewten zum Forschungszweck (Witzel 982, 92) enthält. Ein solches Protokoll kam auch in der Untersuchung von Gather (1996: 88) zur Anwendung. Vorliegend hat sich dies aber nicht als besonders ergiebig erwiesen, so daß die Protokollführung abgebrochen und bei der Auswertung nicht berücksichtigt wurde (auch in der Untersuchung von Koppetsch/Burkart [1999, 322 f.] erwies sich das Protokoll i.d.R. „lediglich [als] zusätzliche Datenquelle“ als brauchbar).

Eine zweite Abweichung besteht darin, daß – im Unterschied zu Witzel (1982, 90) und im Anschluß an die Argumentation von Flick (1995, 107) – der sozial-demographische Fragebogen allerdings nicht vor, sondern nach dem Interview eingesetzt wird, „damit sich seine Frage-Antwort-Struktur nicht auf den Dialog im Interview selbst auswirkt“.

Umsetzung im konkreten Fall

▼ 311 

Demgemäß wurden je ein Interview-Leitfaden und ein sozial-demographischer Fragebogen für Personen, die geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktizieren, sowie deren Bekannte entwickelt (s. Abschnitte E.II.1. – 4.). Der Interview-Leitfaden lehnt sich im Interesse der Vergleichbarkeit stark an den Leitfaden von Karin Klees (1992, 303 f.) an. Die Reihenfolge der Fragen wurde teilweise umgestellt; insbesondere die Fragen zur Herkunftsfamilie wurden (aufgrund des insofern unterschiedlichen Untersuchungsinteresses) weggelassen. Ergänzt wurde der Leitfaden mit Fragen zu den Bereichen Hausarbeit und Freizeit aus der Untersuchung von Claudia Gather (1996, 254, 255). Aus deren Leitfaden wurden (ebenfalls aufgrund des insofern unterschiedlichen Untersuchungsinteresses) insbesondere die Fragen zum Thema „Ruhestand“ nicht übernommen.

Ein erstes Interview wurde mit einer Person geführt, zu der sich der Kontakt über einen Teilnehmer eines Seminars von Claudia Gather ergab. Das Interview war so ergiebig und veranlaßte nur so geringe Modifikationen am Leitfaden-Entwurf, daß auch dieses (Probe-)Interview in die Auswertung mit einbezogen werden konnte.

Die anderen InterviewpartnerInnen wurden vor allem durch die Verteilung von Flyern (Handzetteln) bei Veranstaltungen (Parties etc.), von denen erwartet werden konnte, daß sich dort Personen, die geNOkos praktizieren aufhalten, gewonnen.

▼ 312 

Im Gegensatz zum Leitfaden erwies sich hinsichtlich des Flyers eine Umformulierung als notwendig. Die ursprüngliche Fassung des Flyers97, die bei dem Transgender-Event T’Oscar verteilt wurde, war wohl u.a. zu akademisch formuliert und hat dadurch einen Teil der Zielgruppe verschreckt. Mehrfach wurde der Begriff „ge-schlech-ter-nor-men-in-kon-for-me Kör-per-in-sze-nie-run-gen“ von Personen, die den Flyer entgegennahmen, nach Silben getrennt betont vorgelesen. Eine weitere Person kommentierte: „Jetzt kommt die Geschlechterkampf-Fraktion.“

Die Neuformulierung des Flyers lautete dann:

▼ 313 

„InterviewpartnerInnen gesucht:

Trägst Du manchmal oder immer Kleidungsstücke oder Namen oder ähnliches, die für Dein Geschlecht ‚nicht gedacht‘ sind? Machst Du manchmal Gesten, die sich für Dein Geschlecht ‚nicht gehören‘? Bist Du Dir nicht sicher, was Dein Geschlecht ist und zeigst dies nach außen? Bist Du Dir sicher, daß das Geschlecht, das Dir zugewiesen wurde, nicht Deins ist und zeigst dies nach außen?

▼ 314 

Verstehst Du Dich als Butch, Drag King oder Queen, transsexuell, als TransvestitIn, Tunte, Kesser Vater, gender outlaw oder gender non-konformist oder (a-, bi-, hetero- oder homosexuelleR) Cross DresserIn ähnliches?

▼ 315 

Oder bist Du mit derartigen Personen als LiebespartnerIn, MitbewohnerIn, Arbeitskollege/in … bekannt?

Dann melde Dich bitte bei: … [Name, Adresse, Telefonnr.]“

▼ 316 

In ähnlicher, aber aus Kostengründen kürzerer Form98 kam dieser Text auch in je einer Anzeige in den Stadtmagazinen Zitty (18/1999) und Tip (19/1999) und der schwul-lesbischen Zeitung queer (ebenfalls im Sommer 1999) zum Einsatz. Mit der Entscheidung für Zitty und Tip sollte eine breitere Streuung – auch außerhalb der ‚Szene‘ – erreicht werden. Den gleichen Zweck erfüllte die Erwähnung des Forschungsprojektes in einem redaktionellen Artikel des Tagesspiegels.99

b) Zur Auswertungsmethode der Interviews

Hinsichtlich der Festlegung einer geeigneten Auswertungsmethode ergaben sich ähnliche Probleme wie hinsichtlich der Wahl einer adäquaten Methode der Interviewführung. Denn auch diesbzgl. ist das grundlegende Problem der aller meisten Ansätze, daß sie einem ausgesprochenen Relativismus – um nicht zu sagen: Agnostizismus – huldigen. So schreibt Flick (1995, 12, 19 f., 23; vgl. auch das in Endnote 401 angeführte Zitat [„Dysfunktionalität der modernen Wissenschaft“]):

▼ 317 

„Die von Bonß und Hartmann diskutierte Entzauberung [der Wissenschaften, d. Vf.In] bleibt schließlich nicht ohne Konsequenzen für die in Psychologie und Sozialwissenschaften anzustrebende und vor allem noch realisierbare Form der Erkenntnis: ‚Unter den Bedingungen der Entzauberung der objektivistischen Ideale kann nicht mehr umstandslos von objektiv wahren Sätzen ausgegangen werden. Was bleibt, ist die Möglichkeit, subjekt- und situationsbezogener Aussagen, die zu begründen Aufgabe einer soziologisch akzentuierten Konzeption von Erkenntnis wäre‘ (Bonß und Hartmann 1985a, S. 21). […]. Qualitative Forschung wird zu einem kontinuierlichen Prozeß der Konstruktion von Versionen der Wirklichkeit – die Version, die jemand in einem Interview erzählt, muß nicht der Version entsprechen, die er zum Zeitpunkt des Geschehens formuliert hätte. Sie muß auch nicht der Version entsprechen, die er einem anderen Forscher mit anderer Fragestellung präsentiert hätte. Auch der Forscher, der dieses Interview auswertet und als Teil seiner Ergebnisse darstellt produziert eine neue Version des Ganzen. Der Leser, die Leser, die seinen Bericht […] lesen, interpretieren dies jeweils unterschiedlich, wodurch weitere Versionen des Geschehens entstehen. […]. Die aktuelle Situation charakterisieren Denzin und Lincoln als fünften Moment [der qualitativen Forschung], in dem Erzählungen an die Stelle von Theorien getreten sind bzw. Theorien als Erzählungen gelesen werden. Jedoch ist auch hier die Rede vom Ende der großen Erzählungen – wie in der Postmoderne insgesamt. Die Akzente verschieben sich zu Theorien und Erzählungen, die auf bestimmte umgrenzte, lokale, historische Situationen und Problemstellungen passen. […]. Die Dokumentation [der erhobenen Daten] ist nicht nur neutrale Aufzeichnung, sondern ein wesentlicher Schritt zur Konstruktion von Wirklichkeit im qualitativen Forschungsprozeß […].“ (erste und dritte Hv. i.O.; alle anderen d. Vf.In).

Wenn diese Auffassung als relativistisch kritisiert wird, dann soll damit nicht die Existenz dieser ‚Übersetzungsprobleme‘ (Flick 1995, 43, 47) bestritten werden. Die wesentlichen, oben schon diskutierten Fragen sind aber:

Sollen die Wissenschaften vor diesen ‚Übersetzungsproblemen‘ kapitulieren – d.h.: sich auf das vermeintlich allein Realisierbare (siehe den Anfang des vorstehenden Zitates) beschränken? Oder sollen nicht vielmehr wissenschaftliche Qualitätsansprüche formuliert und dann daran gearbeitet werden, ihnen auch gerecht zu werden, d.h. bspw. bestrebt sein, die angesproche Vagheit „weitestgehend [zu] beseitigen“ und „zu einer objektiven Erfassung sozialer Realität zu gelangen“ (Witzel 1982, 19)?

▼ 318 

Und bewirkt nicht bspw. die den Befragten garantierte Anwendung der Technik des Anonymisierens sozialwissenschaftlicher Interviews und die Tatsache, daß der/die ForscherIn i.d.R. nicht Teil der Lebenswelt der Befragten ist, zumindest eine Minderung von (aus Gründen der Selbstdarstellung und -rechtfertigung erfolgenden) Falschangaben?100

Zwar ist gerade aus Untersuchungen zur Hausarbeit bekannt, daß Männer ihren Hausarbeitsanteil deutlich höher darstellen (s. hier bspw. Tabelle 3, S. 307), als er von Frauen dargestellt wird. Doch beeinträchtigt dies nicht grundsätzlich den Anspruch auf Objektivität der (auf Grundlage derartiger Interviews erstellter) Untersuchungen:

▼ 319 

Aufgrund dieser Argumente sind wir berechtigt, davon auszugehen, daß in den Interviews die Hausarbeitsverteilung zumindest der Tendenz nach richtig dargestellt wird.102 Auch die hier angestrebte Vergleichbarkeit (zwischen geNOko-Praktizierenden und Personen, die keine geNOkos praktizieren) wird durch die angesprochenen partiellen Verzerrungen zumindest solange nicht in Frage gestellt, solange nicht konkrete Anhaltspunkt zu der Annahme führen, daß in dem einen Sample deutlich häufiger Falschangaben als in dem anderen gemacht werden.

Da wir einen solchen Wahrheitsanspruch erheben, haben wir im folgenden zunächst wiederum zuerst die gängigen Methoden (hier: der Interviewauswertung), die sich auf die Wiedergabe der ‚Sichtweise der Betroffenen‘ beschränken, einer Kritik zu unterziehen [(1) – (4)], um schließlich unsere Entscheidung für die Methoden der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring zu begründen [ee)].

(1)  Objektive Hermeneutik nach Oevermann et al.

Im Gegensatz zur Auffassung von Witzel (1982, 56) erschien die Auswertungsmethode der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann et al. zumindest insofern für den hiesigen anti-subjektivistischen Ansatz besonders geeignet zu sein, als Oevermann et al. erstreben, die „latente Sinnstruktur“ der Interviews herauszufinden, die „relativ unabhängig von den Motiven, Dispositionen und Intentionen der beteiligten Personen“ sind.103

▼ 320 

Witzel (1982, 56) wendet dagegen ein:

„Das bedeutet, daß der oben [vgl. hier Endnote 398; Anm. d. Vf.In] aufgezeigte Zusammenhang zwischen Subjekt und Objekt (Gesellschaft) aufgelöst wird durch die Annahme objektiver Strukturen, die von den Personen in ihrer Auswirkung auf sie selbst nicht oder kaum realisiert werden. Oevermann et al. kritisieren sich gleichsam selbst, wenn sie schreiben, daß das ‚Subjekt auf die Vorstellung von einem dynamischen Medium der Aktualisierung objektiver sozialer Sinnstrukturen reduziert (wird)‘ […]. Diese Vorstellung unterstellt Individuen, die statt mit Willen und Bewußtsein begabt, grundlos und ohne bestimmte Intention handeln.“ (kursive Hv. d. Witzel; fette d. Vf.In; das Zitat im Zitat aus: Oevermann et al. 1976, 387).

▼ 321 

Witzel (1982, 64) sieht darin einen Rückfall in „empiristische und normative Kriterien für Erhebungs- und Auswertungsphase“. Diese Wertung schließt daran an, daß Witzel (1982, 20) das normative Paradigma der Soziologie für den ‚Determinismus‘ des „Reiz-Reaktions-Schemas“ kritisiert, das ignoriere, „daß die Individuen ein mit Willen und Bewußtsein behaftetes Handeln vollziehen“. In ähnlicher Weise wirft auch Flick (1995, 37 im Anschluß an Lüders/Reichertz 1986, 95) der Objektiven Hermeneutik eine „Metaphysik der Strukturen“ vor.

Hier soll nun nicht bestritten werden, daß die Individuen „mit Willen und Bewußtsein“ handeln; hier soll nur bestritten werden, daß Willen und Bewußtsein ihre eigene und der Handlungen Ursache sind. Diese ‚Ursache‘ sind vielmehr in der Tat die ‚sozialen Strukturen‘, die allerdings durchaus nicht – und insofern anders als Oevermann et al. meinen – nur „Sinnstrukturen“ sind.

Der Reduktionismus des Reiz-Reaktions-Schemas (und insofern evtl. auch Oevermanns et al.) liegt nicht darin, daß sie die Individuen als von den gesellschaftlichen Verhältnissen determiniert ansehen, sondern darin, daß sie die gesellschaftlichen Verhältnisse als homogene, quasi-hegelianische Totalität ansehen. Die Überwindung dieses Reduktionismus liegt nun nicht darin, den Subjektivismus zu rehabilitieren, sondern die marxistische Kategorie des Widerspruchs einzuführen, die erkennen läßt, daß die Determination der Individuen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse deshalb immer uneindeutig ist, (nicht aufgrund des Willens der Individuen, sondern) weil die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst widersprüchlich sind:

▼ 322 

„[…] in jedem historischen Moment [bestehen] unterschiedliche Tendenzen […], wobei es von dem gesellschaftlichen Kräfteverhältnis […] abhängt, welche dieser Tendenzen sich schließlich durchsetzt. Was daher die gesellschaftlichen Träger betrifft, die Althusser zufolge nur unter der Determination durch ihre Existenzbedingungen funktionieren, so ist aufgrund der differentiellen Struktur dieser Bedingungen eine eindeutige Festlegung des individuellen Handelns undenkbar, d.h. die Determinierung des Individuum ist in dem Maße widersprüchlich“ – eben: dynamisch102 – „, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind; […].“ (Schmidt 1980, 494 f.).

Ausgeschlossen ist die Anwendung der Auslegungsmethode der Objektiven Hermeneutik aber aus einem anderen als dem von Witzel angenommenen Grund.103 Dieser Ausschluß besteht deshalb, weil die Objektive Hermeneutik, ihrem Namen alle Ehre machend, das Verhältnis zwischen den Strukturen und den Subjekten als Verhältnis von Tiefe und Oberfläche, von Latentem und Manifesten denkt:

▼ 323 

„Dabei [im Rahmen der Objektiven Hermeneutik u.ä. Ansätze, d. Vf.In] wird zwischen der Oberfläche des Erlebens und Handelns – die den Subjekten zugänglich ist – und den Tiefenstrukturen des Handelns […] unterschieden. Die Oberfläche wird an Intentionen und dem mit dem Handeln verbundenen subjektiven Sinn festgemacht, während Tiefenstrukturen als handlungsgenerierend verstanden werden. Solche Tiefenstrukturen sind einerseits in kulturellen Modellen (D’Andrade 1987), andererseits in Deutungsmustern bzw. latenten Sinnstrukturen (Oevermann et al. 1979) und schließlich in unbewußt bleibenden latenten Strukturen im Sinne der Psychoanalyse enthalten.“ (Flick 1995, 36).

Ein solcher essentialistischer, prä-strukturalistischen Strukturbegriff ist aber mit dem hier zugrundgelegten theoretischen Rahmen, der gerade auf einer Kritik des Essentialismus beruht, unvereinbar.

▼ 324 

Das Gleiche gilt für den – auch von der „philosophischen Tradition des amerikanischen Pragmatismus“ (Flick 1995, 29) beeinflußten104 – erkenntnistheoretischen Relativismus der Objektiven Hermeneutik à la Popper 105, der alle möglichen Lesarten eines Interviews ausfindig machen will, sich aber scheut, anschließend einen begründet als zutreffend darzustellen, sondern allenfalls einige als falsifiziert ausschließt. Witzel kritisiert dies wie folgt:

„Eigentlich ist es schon erstaunlich, daß man im Positivismus mit wissenschaftlicher Akribie feststellt, daß man nichts endgültig weiß und wissen kann. Die Aussage ‚ich weiß, daß ich nichts weiß‘ ist jedoch positives Wissen, das im deutlichen Widerspruch zur, in der Wissenschaft üblichen, Interpretation der Intention dieses Satzes steht.“ (Witzel 1982, 124, FN 11). 106

▼ 325 

Das Nicht-Wissen ist nicht etwa Antrieb der Forschung, die das Ziel hat, diesen Zustand zu überwinden, sondern wird fatalistisch auch als das Ergebnis der Forschung gesetzt. Daß dieser Fatalismus hier nicht geteilt wird, sollte bereits deutlich geworden sein, so daß nur noch hinzuzusetzen bleibt, daß die Objektive Hermeneutik auch aus forschungspragmatischen Gründen als Auswertungsmethode nicht in Betracht kam.

Denn nach der Methode der Objektiven Hermeneutik soll die Interviewauswertung immer von „Gruppen von Interpreten“ vorgenommen werden (Flick 1995, 227). Eine solche – prinzipiell sicherlich wünschenswerte Kontrolle – konnte im vorliegenden Fall aufgrund der Projektstruktur (nur eine ProjektbearbeiterIn) nicht sichergestellt werden. Aber auch wenn sie (bereits in der Projektdurchführung und nicht nur nachträglich in Form öffentlicher Kontrolle durch die scientific community) hätte sichergestellt werden können, hätte sie eine spezifischere – als die von der Objektiven Hermeneutik vorgesehene – Funktion gehabt, eine unendliche „Variationsbreite der Lesarten und Perspektiven auf den Text“ (Flick 1995, 230) zu produzieren.

In Anbetracht der oben bereits sub a) (4), S. 148 dargestellten Ausrichtung des Projektes, das sich eher für Struktur-Zustände (der Hausarbeitsverteilung etc.) als für biographische Abläufe interessiert, erscheint es hier schließlich auch ein unnötiger Aufwand zu sein, „die berichteten Ereignisse“ – wie von der Objektiven Hermeneutik gefordert (Flick 1995, 230) – „zunächst in ihre zeitliche Ordnung“ zu bringen107.

▼ 326 

Ein letzter Einwand gegen die Objektive Hermeneutik ergibt sich im vorliegenden Zusammenhang daraus, daß hier doch zumindest eine so große Zahl von Interviews geführt werden sollte, daß verschiedene geNOko-Formen, Geschlechter sowie sexuelle Orientierungen erfaßt und zumindest ein Minimum an Vergleichbarkeit mit den vorliegenden Untersuchungen zu hegemonialen Beziehungsformen (s. dazu bereits oben S. 42 und 133) erreicht wird. Damit erweist sich die Objektive Hermeneutik auch unter diesem Gesichtspunkt für die hiesigen Zwecke als ungeeignet, denn sie ist nur bei Einzelfallanalysen praktikabel:

„Problematisch ist bei diesem Ansatz, daß er – schon wegen des großen Aufwandes, der mit der Methode verbunden ist – in der Regel auf Einzelfallanalysen beschränkt bleibt und der Sprung von der Fallanalyse zu allgemeinen Aussagen häufig ohne Zwischenschritte erfolgt.“ (Flick 1995, 231).

(2) Theoretisches Kodieren nach Glaser/Strauss und Strauss/Corbin108

▼ 327 

Genauso wenig geeignet ist die Auswertungsmethode des sog. „theoretischen Codierens“. Dieser Name bezeichnet nämlich nicht eine zu verwendende Methode, sondern das, was nach dieser Methode gerade verboten ist: „Theoretische Codes im Sinne von Begriffen aus wissenschaftlichen Theorien“ sollen nämlich nicht nur „anfangs gemieden werden“ (Böhm 2000, 478), sondern finden auch später – neben dem Offenen, dem Axialen und Selektiven Codieren (ebd., 477-483; Flick 1995, 198-204) – keine Erwähnung mehr.

„Codieren“ bezeichnet bei diesem Ansatz – anders als hier – das sukzessive Entwickeln von Konzepten vom (Interview-)Text aus (Böhm 2000, 477 sowie Flick 1995, 197). Ausgangspunkt sind also nicht „theoretische Vorannahmen, die es zu überprüfen gilt“ (Hildenbrand 2000, 33). Diese Vorgehensweise soll dann das ergeben, was in Englisch Grounded Theory und auf Deutsch „gegenstandbegründete oder -verankerte Theorie“ genannt wird (Böhm 2000, 476) – ein Anspruch der anderen Theorien, die nicht dermaßen empiristisch vorgehen damit anscheinend abgesprochen werden soll. Was wir aber schon oben zur Interviewführung dargelegt haben, gilt um so mehr für die Auswertung: Ohne theoretische fundierte Fragestellung gibt es auch keine fundierten Ergebnisse [siehe oben sub a) (3) sowie bereits S. 31 und 133]. Daß daher auch ein solcher Ansatz wie der von Strauss, der Forschung ohne Reflexion für das „angemessene Rüstzeug“ hält109, für das hiesige Projekt nicht geeignet ist, bedarf nach dem Vorstehenden keiner weiteren Erläuterung mehr.

(3) Thematisches Kodieren nach Flick

Nicht anders fällt das Ergebnis hinsichtlich der von Flick entwickelten Methode des thematischen Kodierens aus. Diese stellt zwar eine Abwandlung (und insofern Verbesserung) des zuvor besprochenen Ansatzes dar, als hier bestimmte (aber weiterhin sehr begrenzte), aus der Fragestellung resultierende Vorabfestlegungen erforderlich sind (Flick 1995, 206). Der – schon kritisierte – Grundsatz des sog. „offenen“, d.h.: nicht theoriegeleiteten, Kodierens, bleibt aber erhalten (207 unten). Darüber hinaus kommt der Ansatz des thematischen Kodieren auch deshalb hier nicht in Frage, da er speziell für die vergleichende Analyse von Sichtweisen unterschiedlicher sozialer Gruppen auf bestimmte Phänomene (bspw.: Welches unterschiedliche Technikverständnis haben Informatiker, Sozialwissenschaftler und Lehrer?) entwickelt wurde (ebd. und 210). Hier sollen aber zum einen nicht Sichtweisen auf Phänomene, sondern die Phänomene selbst untersucht werden (zur Realisierbarkeit dieses Anspruchs s. hier oben S. 152). Zum anderen konnte (aus Gründen der begrenzten finanziellen Ressourcen) und mußte (aus Gründen des insoweit kontroversenlosen Forschungsstandes) der hiesige Vergleich zwischen Personen, die geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen praktizieren, und denen, die dies nicht tun, nicht im Wege einer Datenerhebung in beiden Gruppen erfolgen.

(4) Diskursanalyse nach Potter/Wetherell

▼ 328 

Die Erwähnung der Diskursanalyse nach Potter/Wetherell in verschiedenen Büchern zur qualitativen Forschung (Flick 1995, 35, 221 f., 235; Parker 2000) erweckt Hoffnung auf eine Verbindung von Offenheit für – im hiesigen Projekt begründet zugrundegelegte – postmoderne Theorien und empirischer Sozialforschung. Aber auch dieser Ansatz erweist sich für uns als ungeeignet. Denn es geht wieder einmal (wie allerdings der Name der Methode auch schon andeutet) um „interpretative Repertoires“, „unterscheidbare Cluster von Begriffen, Beschreibungen und Redewendungen, die oft von Metaphern oder lebhaften Vorstellungsbildern zusammengehalten werden“ (Flick 1995, 35), nicht aber um körperliche Praktiken (vgl. Parker 2000, 550 f., 553). Es geht also wieder einmal um Sichtweisen auf Phänomene, nicht um die interessierenden Phänomene selbst. Mit diesem Hinweis (und den vorhergehenden Ausführungen zu diesem Problem soll im übrigen nicht gesagt werden, daß die [mit geeigneten Methoden erfolgende] Erforschung in Sichtweisen generell illegitim ist. Das hiesige Projekt wendet sich ausschließlich – sowohl argumentativ als auch im eigenen Vorgehen – gegen eine Reduktion der empirischen Sozialforschung auf die Erforschung von Sichtweisen.

(5) Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

So fiel hinsichtlich der Auswertungsmethode letztlich die Wahl auf die qualitative, genauer: strukturierende, Inhaltsanalyse nach Mayring:110 „Die Strukturierende Inhaltsanalyse will bestimmte Aspekte aus dem Material herausfiltern, will unter vorher festgelegten Ordnungskriterien einen bestimmten Querschnitt durch das Material legen oder das Material unter bestimmten Kriterien einschätzen.“ (Mayring 2000, 473). Es handelt sich also um ein theoriegeleitetes Verfahren (471, 473), das zugleich die Dichotomisierung von quantitativen und qualitativen Verfahren überwindet, da das Material unter beiden Gesichtspunkten ausgewertet werden kann (474).

Auch hier findet ein sog. Codieren statt. Hier werden aber – anders als nach der Straussschen Methode – die ‚Codes‘ nicht (vermeintlich) aus dem Text entwickelt, vielmehr erfolgt das Codieren hypothesengeleitet (470), d.h. die verschiedenen Textpassagen der Interviews werden den sich aus der Fragestellung ergebenden „Kategorien“ (Schmidt 2000, 451) 111 oder Kriterien zugeordnet.

▼ 329 

Diese Zuordnungen können dann genutzt werden, um sog. „Fallübersichten“ zusammenzustellen – das heißt, alles Material, das zu einer jeden Kategorie angefallen ist, wird zusammengefaßt. Wurden die Kategorien in verschiedenen Ausprägungen vergeben – d.h. wurden bereits bei der Codierung unterschiedliche Antwortgruppen zu ein und dem selben Kriterium unterschieden und erfaßt –, so bietet es sich an, die Fallübersichten in Tabellenform zu erstellen (bspw. Kriterium A in Ausprägung 1 erschien in x Interviews. Kriterium A in Ausprägung 2 erschien in y Interviews. etc.). Eine solche skalierende (Schmidt 2000, 454) Codierung und Auswertung ist im Rahmen des Qualitativen Inhaltsanalyse zwar möglich, aber nicht zwingend112; hier wurde sich für eine rein inhaltliche (thematische) Codierung entschieden.

Auch wurde auf die Erstellung von Fallübersichten verzichten, da für eine quantitative Auswertung die sozial-demographischen Fragebögen zur Verfügung standen. Dazu wurden zunächst die Fragebögen in untenstehender Tabelle (s. S. 160 ff.) zusammengefaßt, die Interviews transkribiert (und dabei in Anbetracht der auf S. 148 dargelegten Erwägung auf den übermäßigen Einsatz außergewöhnlicher Transkriptionszeichen verzichtet103). Im Rahmen eines ersten – von Schmidt (2000, 448 f.) vorgeschlagenen – Durchgangs durch die Interview-Texte (der bei Schmidt aber eine andere Funktion hat104) wurde festgestellt, daß diese nur geringe Variationen aufweisen und weitgehend die (quantitativen) Fragebogen-Ergebnisse bestätigen. Deshalb wurde die endgültige Auswertung auf fünf vollständige Interviews und die Stellungnahmen zum Feminismus in allen Interviews beschränkt (s. dazu unten S. 176 ff.).

Die Komplettauswertung von fünf Interviews wurde aber – anders als von Schmidt vorgeschlagen – aus oben genanntem Grund (Vorhandensein des statistischen Materials aus den Fragebögen) nicht zu Fallübersichten, sondern zu Einzelfallstudien (die Schmitt [2000, 455] erst für einen späteren Analyseschritt ins Auge faßt) zusammengefaßt.

2. Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen – Eine Bestandsaufnahme anhand der Fragebögen

▼ 330 

Es dürfte an dieser Stelle, bevor wir zur Auswertung der Fragebögen und der Interviews kommen, nützlich sein, noch einmal unsere Kriterien für Subversivität und Nicht-Subversivität in Erinnerung zu rufen:

Wie wir in Unterabschnitt B.I.3.a) dargelegt hatten, wollen wir geNOkos dann als subversiv bezeichnen,

(1.) wenn die Verteilung von Hausarbeit, der Zugang zu Einkommen und Bildung sowie die sexuellen Strukturen in Haushalten bzw. in Liebesbeziehungen, an denen geNOko-Personen beteiligt sind, egalitärer sind als dies im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung der Fall ist.

▼ 331 

(2.) wenn geNOko-Personen ihre Liebesbeziehungen nicht nach den Regeln der hetero/a/‚sex‘uellen Matrix – d.h. der Komplementarität von eigenem und begehrten Geschlecht – wählen (denn die herrschende sexuelle ‚Arbeitsteilung‘ ist eine hetero/a/‚sex‘uelle ‚Arbeitsteilung‘) und die geNOkos mit einer Nähe zu / einem Interesse an lesbischen und schwulen (Veranstaltungs)orten einhergehen.

(3.) wenn female impersonation mit der Distanzierung von männerbündischen Strukturen und patriarchalen Verhaltensweisen, male impersonation aber dennoch mit Frauensolidarität einhergeht.

Umgekehrt wollen wir von Nicht-Subversivität von geNOkos sprechen,

▼ 332 

(1.a) wenn in (lesbischen und schwulen) butch/femme-, d.h.: hetero/a-gender Beziehungen die sexuellen und Arbeitsteilungsstrukturen genauso hierarchisch wie (oder noch hierarchischer als) in mainstream-Beziehungen sind

(1.b) wenn in homo-gender Beziehungen (bspw. ‚biologischer‘ Mann + transgender Mann; ‚biologische‘ Frau + transgender Frau) das übliche Herrschaftsverhältnis zwischen den ‚biologischen‘ Geschlechtern bloß umgedreht würde.

(2.a) wenn transsexuelle geNOko-Praktizierende – gemessen an ihrem ‚Ziel-Geschlecht‘– (aus Gründen der Homophobie) vorrangig hetero/a/‚sex‚uelle Liebesbeziehungen wählen

▼ 333 

(2.b) wenn (transsexuelle und nicht-transsexuelle) geNOko-Praktizierende lesbische und schwule Orte (aus Gründen der Homophobie) meiden.

(3.) wenn male impersonation mit der Übernahme in/von männerbündischen Strukturen und männlichen Verhaltensweisen, female impersonation aber dennoch mit der Aufgabe von Frauensolidarität einhergeht.

Wie wir dort in Unterabschnitt b) dargelegt hatten, besteht ein weiteres Kriterium für Subversivität in einem ent-identifizierenden Selbstverständnis, d.h. einem anti-essentialistischen Selbstverständnis, dem es nicht um eine Pluralisierung essentialistischer, geschlechtlicher und sexueller Identitäten, sondern um die Zerstörung von sex und gender als – die gesellschaftliche Realität prägende – Klassifizierungsinstrumente geht.

▼ 334 

Schließlich hatten wir dort sub c) dargelegt, daß das Kriterium der Ent-Identifizierung keinen Verzicht auf jeden Subjekt-Begriff beinhaltet, sondern einen anderen (als den essentialistischen) sub-jekt-Begriff verlangt, und daß eine Praxis der Subversion des Patriarchats nur in dem Maße möglich ist, indem feministische KämpferInnen-sub-jekte konstituiert werden und sich entsprechende ‚vereinheitlichte‘, organisatorische Strukturen schaffen; d.h. also an der Notwendigkeit eines ‚taktischen Separatismus‘ (Fraser) festhalten (s. dazu auch unten FN * auf S. 236). Wir hatten dort des weiteren dargelegt, daß insofern auch die Absichten, die die geNOko-Praktiziernden mit ihrer Praxis verbinden, ein weiteres Subversivitäts-Kriterium sind.

Von diesen Kriterien werden im folgenden der Zugang zu Einkommen und Bildung sowie die Kriterien für die Wahl der Liebesbeziehungen anhand der sozial-demographischen Fragebögen analysiert. Hinsichtlich der Wahl der Liebesbeziehungen sowie hinsichtlich aller weiteren Kriterien (sexuelle und Arbeitsteilungs-Strukturen, männer-bündisches Verhalten vs. Frauensolidarität, Homophobie, essentialistisches oder anti-essentialistisches Selbstverständnis, Verhältnis zum Feminismus) werden außerdem die Interviews herangezogen.

a)  Die sozial-demographische Zusammensetzung des Samples

Eine Tendenz zur Vereinzelung

Aufgrund der oben S. 150-151 dargestellten Ansprachemethoden kamen Interviews mit 22 Befragten zustande. Die Interviews wurden zwischen Februar und Dezember 1999 geführt.

▼ 335 

Von den genannten Personen waren 18 geNOko-Praktizierende und nur zwei (Ex-)Beziehungen von geNOko-Personen und zwei weitere Mitbewohnerinnen einer geNOko-Person. Je die Hälfte der geNOko-Praktizierenden waren ursprünglich biologisch weiblichen bzw. männlichen Geschlechts 104; alle vier Bekannten waren §Frauen.

Eine Mehrheit der Befragten lebt ohne erwachsene MitbewohnerInnen und ohne
Liebesbeziehungen

Von den 18 Praktizierenden lebten sechs Personen sowohl ohne erwachsene MitbewohnerInnen als auch ohne Liebesbeziehung (I 2, 3, 5, 6, 7 und 8). NiemandE hatte sowohl MitbewohnerInnen als auch Liebesbeziehungen. Von den 18 Praktizierenden wohnen 13 ständig allein (die schon genannten sowie I 4, 9, 11, 13, 17, 18 und 20); das gleiche gilt für die beiden (Ex-)Beziehungen. Von den anderen fünf geNOko-Praktizierenden haben jeweils 2 eineN und 2 zwei ständige MitbewohnerInnen; eine Person wohnt zeitweise mit ihrem Kind zusammen.105 Zumindest zwei Wohngemeinschaften (von denen sich eine schon wieder in Auflösung befand) bestanden zum Zeitpunkt der Interviews erst seit einem Jahr; ein Wohnverhältnis resultiert aus einer de facto beendeten Ehe. – Von den 18 erstgenannten leben zehn gerade nicht in einer Liebesbeziehung (die zuerst genannte Sechsergruppe sowie I 1, 12, 16 und 19). Von diesen hatten wiederum zwei noch gar keine Beziehung (I 2 und 19) und zwei noch keine Beziehung, seit sie geNOko praktizieren (I 5 und 12); bei einer Befragten endete die Beziehung gerade zwischen dem ersten und dem zweiten Interviewtermin (I 3).

Von denen, die zur Zeit der Interviews (1999) in Beziehungen lebten, bestand die Beziehung nur in zwei Fällen seit mehr als sechs Monaten (in beiden: seit März 1998). Von den verbleibenden sechs bestand die langwährendste seit Februar 1999, die zum Zeitpunkt der Interviewführung kürzesten seit 10 Tagen, seit 1 Monat und seit 2 Monaten.

▼ 336 

Tabelle 1: Übersicht über die Interviews

Nr.

Besonderes

Rekrutierung

Bio-urge-schl.

Geschlecht lt. Fragebogen

sex. O.

TS?

Wohnverh.

Beziehung (seit)

Eigenes Einkommen in DM

Eink. Bez. in DM

Verh.

Eig. Ab-schluß

Ab-schluß

Bez.

Tätig.

Tätig. Bez.

Alter

Ehe?

Wohnsitz vor 1989

01

Pers. Vermittlung

Mann

Mann

HO

1 Mitbew.

z.Z. keine

1.100

1.000

=

Abi

Abi

Stud.

Stud. abgeb.

22

BRD

02

Freundin/
Bekannte von 22

TS-Veranst. im Sonntagsclub

Mann

k. R.

[HE]

[prä]

[alleine]

[Noch nie eine]

k. R.

-

Real (lt. 22)

-

arb.los (lt. 22)

21 (lt. 22)

(BRD/WB)

03

MegaLe s ben-Party

Frau

k. R.

k. R.

[alleine]

[z.Z. keine]

k. R.

k. R.

k. R.

k. R.

[Um-sch.]

Ausb.

k. R.

[engl.spr. Ausland]

04

Bez. von 15

Diven Attacks

Frau

k. R. [Junge]

k. R.

[alleine]

3/98 (lt. 15)

3.000 (lt. 15)

2.000 (lt. 15)

++

Abi (lt. 15)

Abi (lt. 15)

div. Stud. abges. (lt. 15)

Ang./ Sek. (lt. 15)

29 (lt. 15)

[engl.spr. Ausland]

05

Carolas Transen-Treff

Mann

k.A.

bi

alleine

noch keine seit geNOko

1.300

„ohne“

++

Real

Haupt

„ohne“

„ohne“

49

GS

Berlin / DDR

06

Buchvorst. „Sexperimente“ im SO 36

Mann

k. R.

[bi]

[alleine]

[z.Z. keine]

k. R.

k. R.

[Abi]

[Abi]

[Stud. abges.]

[Stud.]

[ca. 30]

[BRD/WB]

07

Ex-Bez. von 15

div. Lesbenparties

Frau

Sonst.: Transgender Boy

HE/

HO

alleine

z.Z. keine

1.800

1.400

++

Abi

Abi

Stud./

Tutor

Stud.

28

BRD

08

TSP-Artikel

Frau

Frau

HE/

HO/

bi

alleine

z.Z. keine

1.600

k.A. (Stud.)

Abi

Fach-abi

Stud.

Stud.

35

WB

09

Bez. von 10

Diven Attacks

Frau

Sonstiges

HO

[TS]106

alleine

2/99

2.000

k. A. (1.600; S. 10)

++

Abi

Abi

Stud. abges.

Stud.

25

BRD

10

Bez. von 09

Diven Attacks

Frau

Eher wei b lich

Sonst: eher lesb.

alleine

2/99

1.600

2.000

{ }

Abi

Abi

Stud.

Stud. abges.

29

BRD

11

Aushang im ZIF

Frau

Frau

HO

alleine

3/98

1.200

1.150

=

Abi

Abi

Ohne

Stud.

37

T

WB

12

Vermittlung durch 11 + Zitty-Anzeige

Frau

Frau (manchmal)

HO

1 Mitbew.

noch keine seit geNOko

1.000

9.000

Real

Abi

Schü-lerin

Jour.

33

T

WB

13

div. Lesbenparties

Frau

Sonst.: Transgender Boy

Sonst.: HO/

HE

alleine

5/99

1.500

k. A. (BWirt)

Abi

Abi

Stud. abges.

BWirt

29

BRD

14

TSP-Artikel

Mann

Mann

HE

zeitweise mit Kind

8/99

2.900

k. A. [Journalistin]

Abi

Abi

Stud. abges.

[Jour?]

49

WB

15

Bez. von 04; Ex-Bez. von 07

div. Lesben parties + Verm durch 13

Frau

Frau

Sonst. HE Les.

alleine

3/98

2.000

3.000

{ }

Abi

Abi

Ang./

Sek.

Stud abges.

28

Berlin/

DDR

16

Zitty-Anzeige

Frau

Mann

HO

TS

2 Mitbew.

z.Z. keine

1.000

1.000

=

Abi

Abi

Stud.

Stud.

30

BRD

17

Transgender-Tagung im Sonntagsclub

Mann

Sonst.: TS

Sonst.: S. Int.

TS

alleine

s. Interview

5.000

k. A. (Beamtin)

Fach-Abi

k. A.

div.

Beamt.

37

GS

WB

18

Zitty-Anzeige

Mann

Mann

HE

alleine

seit 10 Tagen

4.500

4.500 (geschätzt)

=

Abi

Abi

Stud. abges.

Säng.

42

GS

BRD

19

Mitbewohnerin von 21 und 22

Transgender-Tagung im Sonntagsclub

Mann

Frau

HE

TS

2 Mitbew.

Noch nie eine

900

-

Abi

-

Stud.

-

26

BRD

20

Transgender-Tagung im Sonntagsclub

Mann

Sonst.: Transsexuelle Frau

HO (lesb.)

TS

alleine

9/99

k. A. (Fußpfleg.)

k. A. (Schneiderin)

Fach-Abi

Abi

Fuß-pfleg.

Schnei.

47

T

WB

21

Mitbewohnerin von 19

Beim Inter view mit 19

Frau

Frau

bi

3 Mitbew.

8/99

1.500

entf.

Abi

entf.

Sek.

entf.

30

VH

BRD

22

Mitbewohnerin von 19; B e kannte/ Freundin von 2

Beim Inter view mit 19

Frau

Frau

HE

2 Mitbew.

4 Monate (beendet)

1.000

entf.

Abi

entf.

Fahr radkur

entf.

23

BRD

Nur vier von 22 Befragten sind Bekannte von geNOko-Praktizierenden

Aus der relativen Vereinzelung der geNOko-Praktizierenden erklärt sich zumindest teilweise auch der geringe Anteil von Personen, die mit geNOko-Praktizierenden bekannt sind, unter den Befragten. Wenn geNOko-Praktizierende keine Liebesbeziehungen führen und alleine leben, kommen LiebespartnerInnen und MitbewohnerInnen als Bekannte von geNOko-Praktizierende nicht in Betracht.

Als weiterer Grund für die geringe Anzahl von geNOko-Bekannten im Sample dürfte hinzukommen, daß die Betroffenheit (und deshalb die Bereitschaft, Zeit in ein Interview zu investieren) bei den Bekannten geringer ist als bei den Praktizierenden.

Hoher AbiturientInnen-Anteil: 17 von 20 Befragten haben (Fach)abitur

▼ 337 

Zum Bildungsabschluß von 17 der 18 geNOko-Praktizierenden liegen Angaben vor. Von den 17 erstgenannten haben zwölf Abitur, zwei Fachabitur (I 17 und 20) und drei einen Realschulabschluß (I 2, 5, 12).

Von vierzehn dieser 17 Personen ist auch der höchste Schulabschluß der aktuellen oder letzten Beziehung bekannt. In einem Fall ist der Schulabschluß der (Ex-)Beziehung unbekannt (I 17), in zwei Fällen bestand noch keine Beziehung (I 2 und 19). Die vier befragten geNOko-Bekannten haben ebenfalls Abitur.

Die Unterschiede, die sich bei diesem Vergleich zwischen den geNOko-Praktizierenden und ihren (Ex-)Beziehungen ergeben, sind gering. In den drei der vier Fälle, in denen sie dennoch bestehen, gehen sie aber mit einer gender-Differenz in der Beziehung einher. Von diesen bestanden aber wiederum zwei Beziehungen nur in der Zeit vor Beginn der geNOko.

▼ 338 

Im einzelnen hat eine ursprünglich biologisch männliche Person, die geNOko praktiziert, einen höheren Schlußabschluß als deren Ex-Ehefrau (Realschulabschluß : kein Schulabschluß), und eine ursprünglich biologisch weibliche Person, die geNOkos praktiziert, hat einen geringeren Schulabschluß als ihr Ex-Ehemann (Realschulabschluß : Abitur).

Des weiteren hat eine ursprünglich biologisch weibliche Person, die geNOkos praktiziert, Abitur; ihre keine geNOko praktizierende Geliebte aber nur Fachabitur.

Auffälliger als diese Unterschiede ist aber wohl eher die Tatsache, daß auch in (aktuellen!) Beziehungen mit starker gender-Differenz kein Gefälle zwischen dem Schulabschluß der PartnerInnen besteht und daß fast alle einen der beiden höchstmöglichen Schulabschlüsse (Abitur oder Fachabitur) besitzen.108 Dies läßt anhand des gesellschaftlichen Durchschnitts eine leichte Tendenz in Richtung egalitärer Verteilung der Hausarbeit vermuten (s. oben S. 116 und unten Tabelle 3 auf S. 307) – zumindest in Form der Reduzierung des weiblichen Hausarbeitsbeitrages (s. S. 120).

b) Form und Inhalt der geNOkos: Männer bleiben Männer; Frauen werden Männer

▼ 339 

Bereits die Zusammensetzung des Sample gibt eine Antwort auf die im Vorwort angesprochene Fragen: Is there only a man in all of us? Or is the also a woman in all of us?

Die Antwort lautet: There is never really a woman in all of us, but there is in all of us a man.

Denn an verschiedenen Punkten zeigt sich: Männliche Identität (im folgenden verkürzt „Männlichkeit“ genannt) ist ‚stärker‘ als weibliche Identität (im folgenden verkürzt: „Weiblichkeit“ genannte), wobei der Ausdruck „Männlichkeit ist stärker“ im folgenden mit zwei unterschiedlichen Konnotationen verwendet wird: Er bezeichnet sowohl die stärkere Durchsetzungsfähigkeit der männlichen Identitätsanteile in den jeweiligen Personen als auch den größeren beruflichen Erfolg der Personen mit ausgeprägten männlichen Identitätsanteilen (d.h.: die größeren Durchsetzungschancen dieser Personen in der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt).

▼ 340 

Die Punkte, an denen sich dies zeigt sind u.a.: Die Hinwendung von ursprünglich biologisch männlichen Personen zur Weiblichkeit erfolgt weniger intensiv als die Hinwendung von ursprünglich biologisch weiblichen Personen zur Männlichkeit. Entsprechend fällt die Abwendung von Männlichkeit weniger intensiv aus als die Abwendung von Weiblichkeit.

(1)  Biologismus oder Maskulinismus – was gibt den Ausschlag für die geschlechtliche Identität der Befragten?

Männlichkeit ist stärker! (1): Crossdressende Männer sind nicht in frauen-dominierten Räumen zu finden

Erster Anhaltspunkt dafür ist folgendes:

Von den 22 interviewten Personen sind neun geNOko-Praktizierende ursprünglich biologisch männlichen Geschlechts. Von diesen wurde keine Person aufgrund der Flyer-Verteilung bei FrauenLesben-Parties, die für Drags oder Männer in Begleitung von Frauen offen sind, oder an ähnlichen Orten gefunden. Dies (und die auch – nach Augenschein – in der Tat, im Vergleich zu üblichen gemischten Veranstaltungen, sehr, sehr geringe Anzahl von ursprünglich biologisch männlichen Personen bei diesen Parties) ist ein Indiz dafür, daß die partiell weibliche (?) Identifikation dieser Personen (zumindest vielfach) nicht so weit geht, daß sie frauen-dominierte den üblichen männlich dominierten Räumen vorziehen.

▼ 341 

Gegen diese Schlußfolgerung ließe sich einwenden, daß auf diesem Weg vielleicht nur deshalb keine Personen aus der fraglichen Gruppe gefunden wurden, weil die Grundgesamtheit so gering ist, daß diese Personen generell schlecht zu finden sind. Gegen diesen Einwand spricht allerdings, daß mit anderen Rekrutierungsmethoden durchaus crossdressende Männer und Mann-zu-Frau-Transsexuelle für die Interviewführung gewonnen werden konnten. (Auch der einzige Frau-zu-Mann-Transsexuelle, der interviewt werden konnte, wurde nicht bei einer der genannten Parties gewonnen. Unabhängig von der Richtung der Transition scheint also bei Transsexuellen das ‚männliche‘ [Party-Besuchs]-Verhalten ausschlagend zu sein.).

Oder: Ist doch der Biologismus stärker? (1): Crossdressende Frauen verbleiben überwiegend in Frauenräumen

Von den 13 ursprünglich biologisch weiblichen Personen meldeten sich neun als geNOko-Praktizierende und vier als Liebespartnerinnen oder Mitbewohnerin von geNOko-Personen. Von den neun erstgenannten Personen haben sechs an frauen-dominierten Orten von der Suche nach InterviewpartnerInnen erfahren (I 3, 4, 7, 9, 11 und 13). Eine weitere hat in etwa zeitgleich von einer der vorgenannten Personen (also über ein Frauen-Netzwerk) und durch die Zitty-Anzeige von der Interviewsuche erfahren (I 12); die achte meldete sich aufgrund eines Artikels im Tagesspiegel (I 8); die neunte durch die Zitty-Anzeige (I 16).

Die Tatsache, daß sechs der neuen geNOko-praktizierenden, biologisch ursprünglich weiblichen Personen trotz ihrer geNOko an frauen-dominierten Orten gefunden wurden, könnte bedeuten, daß in diesen Fällen – entgegen o.g. Interpretation – doch Weiblichkeit (bspw. aus Gründen feministischer politischer Identifikation) ‚stärker‘ ist. Dann müßte eher davon gesprochen werden, daß die geNOko die biologistischen Kriterien der Zuordnung zu frauen- und männerdominierten Räumen nicht außer Kraft setzen (ein Ergebnis, daß die Hoffnungen nicht weniger queer-TheoretikerInnen gleichfalls enttäuschen dürfte).

▼ 342 

Weil es aber einerseits im befragten Sample keinesfalls eine ausgeprägte feministische Identifizierung festzustellen ist [s. dazu unten sub B.III.3.f), S. 236 ff.), und andererseits weitere Anhaltspunkte auf die größere Stärke der männlichen Identifizierungen hindeuten, bietet sich eine andere Erklärung für das Verbleiben von ursprünglich biologisch weiblichen Personen in frauen-dominierten Räumen an: Wenn sie überhaupt die Chance haben wollen, in den Besitz des ‚Mehrwerts‘ ihrer männlichen Identifizierung zu gelangen, so haben sie dazu nur die Chance in (bislang) frauen®-dominierten Räumen, während sie in §männlich dominierten Räumen nicht als ‚vollwertig‘ gelten, also um den ‚Erfolg‘ ihrer Inszenierung gebracht werden.

Noch einmal: Ist doch der Biologismus stärker? (2): Mann-zu-Frau-Transsexuelle wurden nur an Transsexuellen-Orten gefunden

Der befragte Frau-zu-Mann-Transsexuelle wurde über eine Anzeige in der Zitty gewonnen, vier Mann-zu-Frau-Transsexuellen bei Transsexuellen-Veranstaltungen im Sonntagsclub.

Dies könnte als weiteres Indiz für die These von der Hartnäckigkeit des Biologismus gewertet werden: An den von Angehörigen ihres Ausgangsgeschlechts dominierten Orten wollen sich Transsexuelle nicht aufhalten, an den Orten ihres Wunschgeschlechts werden sie nicht akzeptiert (so könnte die Hypothese lauten).

▼ 343 

Wahrscheinlicher erscheint aber folgende Erklärung:

Keine Rekrutierung bei schwul-dominierten Parties; keine Rekrutierung von Personen, die ihre geNOko (nur) auf der Bühne praktizieren; Scheu bei Männern vor den Interviews

Auffällig ist des weiteren, daß sich keine Personen zum Interview gemeldet haben, die ihre geNOko nur auf der Bühne praktizieren – obwohl bspw. eine hohe Anzahl von Flyern verteilt wurde, als die DarstellerInnen bei dem Transgender-Event „Wigstöckel ‘99“ nach der Show die Bühne verlassen hatten. (Möglich ist, daß sich hier ein Kulturalismus der wissenschaftlichen Evaluierung entziehen will. Eine andere mögliche Erklärung liegt darin, daß diese [zumindest Szene]-prominenten Personen nicht auf die Teilnahme an sozialwissenschaftlichen Interviews als Mittel der Selbstdarstellung und Selbsterklärung angewiesen sind).

▼ 344 

Ebenso auffällig ist, daß auch mit Personen aus dem Publikum dieser Veranstaltung wie schon der „T’Oscar“-Veranstaltung (s. dazu oben S. 150) und der schwullesbischen Party „Subterra“ keine Interviews zustande kamen. Dies paßt aber dazu, daß fast alle befragten geNOko-Praktizierenden vorzugsweise biologisch weibliche Personen begehren, so daß der Aufenthalt von geNOko-Praktizierenden an schwul-dominierten Räumen (mangels Zielgruppe für die Partnerinnensuche) nicht so wahrscheinlich ist (und schwule drag queens eventuell den den BühnendarstellerInnen unterstellten kulturalistischen Affekt gegen die Wissenschaft teilen).

Als letzte ‚negative‘ Auffälligkeit (= Rekrutierungslücke) ist noch zu bemerken, daß sich mehrere ursprünglich biologisch männliche Wesen zunächst telefonisch oder schriftlich gemeldet hatten, dann aber doch keine Interviews zustande kamen. Dies könnte darauf hindeuten, daß diese Personen, wie auch die meisten interviewten, ursprünglich biologisch männlichen Wesen ihre geNOko eher versteckt praktizieren (und deshalb – insofern anders als die Interviewten – nicht zu einem persönlichen, aufzuzeichnenden Gespräch bereit waren). Im Gegensatz dazu kamen mit allen ursprünglich biologisch weiblichen Personen, die sich gemeldet hatten (mit Ausnahme einer Frau, die in einer westdeutschen Stadt lebt) schließlich auch Interviews zustande. Dies könnte sowohl damit zu tun haben, daß Frauen weniger Hemmungen haben, ihre – gesellschaftlich eher anerkannte – Aufstiegsorientierung zu zeigen, als Männer ihre – gesellschaftlich eher mißbilligte – Abstiegsorientierung111, als auch damit, daß sich die AutorIn selbst eher in feministischen, frauen-dominierten Räumen bewegt, dort bekannt ist und ihr deshalb eventuell dort mehr Vertrauen entgegengebracht wird.

(2) Männlichkeit ist stärker! (2): Gibst Du ihr den kleinen Finger, bekommst Du gleich die ganze Hand

Ursprünglich weibliche geNOko-Personen praktizieren (überwiegend)
kontinuierliches cross dressing

Von den neun ursprünglich biologisch weiblichen geNOko-Praktizierenden sind nur ein, allenfalls zwei Person transsexuell (I 16 und ggf. I 9) 112; eine Person betreibt ihre geNOkos vor allem in einem Lebensbereich (nämlich beim Sex [mit Frauen]), insoweit aber ständig (I 8), zwei weitere inszenieren sich nur sehr sporadisch männlich (I 11 und 12).113 Die anderen vier bzw. fünf Personen praktizieren ihre geNOkos ständig (I 4, 7 und 13 sowie ggf. I 9114) oder häufig auch im Alltag (I 3).

▼ 345 

Dies ist ein weiteres Indiz dafür, daß sich die ursprünglich biologisch weiblichen Personen so verhalten, daß sie gerade noch (deshalb: keine Transsexualität) in Frauenräumen ein Maximum (deshalb kontinuierliches cross dressing) an männlichen Privilegien erlangen können.

Tabelle 2: Im hiesigen Sample vertretene geNOko-Formen

ursprünglich bio-männlich

ursprünglich bio-weiblich

Gelegenheits-cross dressing
(„bei besonderen Anlässen“)

drei Interviews

(I 5 + 14 + 18)

zwei Interviews

(I  8 + 12)

cross dressing manchmal auch im Alltag

ein Interview

(I 1)

ein Interview

(I 11).

Alltags-cross dressing
(fast immer)

homosex. Begehren*

---

drei – fünf Interviews

(I  4 + 7 ; ggf. auch I 13*** und I 9; schließlich ggf. auch I 3)

Alltags-cross dressing
(fast immer)

hetero/a/‚sex‘. Begehren*

---

---

Alltags-cross dressing
(fast immer)

bisex. Begehren

ein Interview

(I  6 )

maximal ein Interview

(I 13)***

Transsexuell

homosex. Begehren**

ein Interview (I 20)

ein Interview

(I 17)

ein Interview

(I 16)

Transsexuell

hetero/a/‚sex‘. Begehren**

zwei Interviews (I 2 + 19)

maximal ein Interview

(ggf. I 9)

Transsexuell bisex. Begehren

---

---

Ursprünglich männliche geNOko-Personen sind überwiegend transsexuell oder
praktizieren ihr cross dressing nur sehr sporadisch

Von den neun ursprünglich männlichen Befragten sind dagegen vier transsexuell (I 2, 17, 19 und 20), während von den fünf anderen vier ihr cross dressing eher sporadisch als kontinuierlich betreiben (I 1, 5, 14 und 18)115. Allenfalls ein ursprünglich biologisch männliches Wesen (I 6) betreibt sein cross dressing zumindest annähernd so intensiv wie die vier ursprünglich biologisch weiblichen Wesen, die ihr cross dressing sehr kontinuierlich betreiben.

(3) Zwischenresümee: Männlichkeit hat eine größere Anziehungskraft als Weiblichkeit

▼ 346 

Der Befund, daß ursprünglich biologisch weibliche Personen ihr cross dressing kontinuierlicher betreiben, ist ein weiteres Indiz für die größere Anziehungskraft von Männlichkeit: Wenn Frauen ihre Weiblichkeit infragestellen, dann machen sie einen ungleich größeren (kontinuierlicheren) Schritt auf Männlichkeit zu, als ihn Männer im umgekehrten Fall auf Weiblichkeit hin machen. Frauen verhalten sich kontinuierlicher (auch im Alltag) den – für sie nicht vorgesehenen – männlichen Normen gemäß; Männer praktizieren ihr cross dressing nur im vertrauten Kreis und halten sich dagegen im Alltag an die – für sie vorgesehenen – männlichen Normen. Ein Grund dafür dürfte sein, daß die weibliche Aufstiegsaspiration in einer aufstiegsorientierten, kapitalistischen Gesellschaft eher akzeptiert ist, als die männliche Abstiegsmobilität.

Gegen die These, ‚Frauen verlassen ihr Geschlecht intensiver‘, scheint auf den ersten Blick zu sprechen, daß Männer andererseits zu einem relativ größeren Anteil ‚noch weitergehen‘, nämlich transsexuell werden, also insofern stärker von Weiblichkeit angezogen werden, als Frauen insofern von Männlichkeit.

Auch dafür ist es aber möglich, eine konsistente hypothetische Erklärung zu geben: Männer, die ihre männliche Identität letztlich nicht in Frage stellen, beschränken sich auf gelegentliches cross dressing. Männer, die ihre männliche Kategorisierung überwinden wollen, müssen – um die männliche Anziehungskraft (zumindest teilweise) zu überwinden – transsexuell werden. Demgegenüber können Frauen anscheinend die schwächere Anziehungskraft von Weiblichkeit schon durch bloßes cross dressing zumindest stark einschränken und bedürfen daher der Hilfe von medizinischem und juristischem Apparat im geringeren Maße. Bestätigung findet diese Interpretation durch den unten dargestellten Befund, daß selbst Männer, die transsexuell sind, (in ihrem Selbstverständnis) nur „transsexuelle Frauen“ werden (ihnen also ein Rest Männlichkeit anhaftet), während Frauen, die transsexuell sind, (in ihrem Selbstverständnis) schlicht „Männer“ werden (also ihre Weiblichkeit rela tiv einfach abstreifen können).

(4) Männlichkeit ist stärker! (3): Männer bleiben immer (ein bißchen) Männer; Frauen werden ziemlich schnell (‚richtige‘) Männer

geNOko-praktizierende Männer, die nicht transsexuell sind, 116 bleiben Männer

▼ 347 

Von den fünf ursprünglich biologisch männlichen geNOko-Praktizierenden, die nicht transsexuell sind, bezeichnen sich drei (also die Mehrheit) trotz ihrer geNOko als Männer (I 1, 14 und 18). Die vierte Person dieser Gruppe hat im Fragebogen (wohl versehentlich) keine Angaben zum Geschlecht gemacht. Nach dem Interviewverlauf zu urteilen, steht zu vermuten, daß sie ebenfalls nicht an ihrer männlichen Identität zweifelt (I 5).117 Von der fünften Person dieser Gruppe liegt der Fragebogen nicht vor (I 6; zur Selbstdefinition dieser Person s. unten S. 222).

Dieser Befund dürfte damit zusammenhängen, daß die Männer, die sich auf cross dressing beschränken (also nicht transsexuell sind) ihr cross dressing eher sporadisch betreiben. Es scheint sich nicht um eine einschneidende Erfahrung für das geschlechtliche Selbstverständnis dieser Befragten zu handeln.

geNOko-praktizierende Frauen, die nicht transsexuell sind, 118 werden aber boys

Demgegenüber bezeichnet sich die deutliche Mehrheit der (sieben bzw.) acht119 ursprünglich biologisch weiblichen geNOko-Praktizierenden, die nicht transsexuell sind, nicht mehr eindeutig als Frauen. Drei benennen sich im Interview bzw. im Fragebogen als boys oder Junge (I 4120, 7, 13). Eine Person versieht die Angabe „Frau“ mit dem Zusatz „manchmal“ (I 12). Von einer weiteren Person, die den Fragebogen nicht zurückgesandt hat, kann aufgrund des Interviewverlaufs gesagt werden, daß sie sich ebenfalls nicht eindeutig Frau versteht (I 3)121. Die achte Person, deren Kategorisierung als „transsexuell“ in Zweifel steht, hat die Rubrik „Sonstiges“ gewählt (I 9). Diesen sechs boys bzw. uneindeutigen Frauen stehen nur zwei ursprünglich biologisch weibliche Personen gegenüber, die sich – trotz ihrer geNOko – ohne Einschränkung als Frauen bezeichnen (I 8 und 11).

▼ 348 

Dieser Befund dürfte damit zusammenhängen, daß Frauen, die crossdressen, ihr cross dressing kontinuierlicher betreiben als Männer, die crossdressen. Die Erfahrung scheint so einschneidend zu sein, daß sie sich auf das geschlechtliche Selbstverständnis dieser Befragten auswirkt.

Frauen, die transsexuell sind,122 werden „Männer“

Die eine befragte, ursprünglich biologisch weibliche Person, deren Kategorisierung als transsexuell nicht in Zweifel steht, bezeichnet sich selbst ohne Einschränkungen als Mann (I 16).

Männer, die transsexuell sind,123 werden „transsexuelle Frauen“

Dagegen wählen von den vier ursprünglich biologisch männlichen Personen, die transsexuell sind, zwei die Kategorie „Sonstiges“ (I 17 und 20), während nur eine sich ohne Einschränkungen als Frau bezeichnet (I 19) und bei einer Person noch der Fragebogen-Rücklauf ausblieb (I 2).

(5) Zwischenresümee (2): Männliche Identitätsformen haben nicht nur eine größere Attraktivität, sondern auch eine größere Realisierungschance: Männer bleiben Männer; Frauen werden Männer

▼ 349 

Diese Befunde sind ein weiteres Indiz für die stärkere Kraft von Männlichkeit: Wenn Männer crossdressen, bleiben sie trotzdem Männer. Wenn Frauen dagegen crossdressen, dann ziehen sie ihre weibliche Identität damit sogleich in Zweifel. Wenn ursprünglich biologisch weibliche Personen transsexuell sind, dann begreifen sie sich umstandslos als Männer, während ursprünglich biologisch männliche Personen sich in diesem Fall als nur als „ts“ oder „transsexuelle Frau“ bezeichnen.

Was hier nur auf der Ebene der Selbstwahrnehmung ausgesagt werden kann, trifft im übrigen auf der Ebene der Fremdwahrnehmung auf die Bestätigung durch die Untersuchung von Gesa Lindemann: Frau-zu-Mann-Transsexuelle haben es leichter, als Männer zu passieren, als es Mann-zu-Frau-Transsexuelle haben, als Frauen zu passieren (Lindemann 1992, S. 263 f., 271 f., 285 f., 288 f.).

c) Homo, Hetero oder que(e)r dazu? Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen und gender of sexual object choice: Weiblich identifizierte Frauen sind als gute Beziehungsarbeiterinnen begehrt

(1)  Eine Mehrheit (insbesondere der transsexuellen) Befragten gibt eine eindeutige Ausrichtung ihres Begehrens an

Eine Mehrheit (10 von 18) der befragten geNOko-Praktizierenden gibt eine eindeutig Ausrichtung ihres sexuellen Begehrens (Homo- oder Hetero/a/sexualität) an.

Transsexuelle Personen sind eindeutig hetero- oder homosexuell

▼ 350 

Von den transsexuellen Befragten bezeichnete sich der Mann eindeutig als schwul (I 16), zwei der Frauen als eindeutig heterosexuell (I 2 + 19) und eine eindeutig als lesbisch (I 20). Diesen vier eindeutigen Fällen (= 67 bzw. 80 %) stehen ein (bzw. zwei) (I 17 und ggf. I 9)124 weniger eindeutige Fälle gegenüber. 125

Nicht-transsexuelle geNOko-Personen sind in ihrem Begehren uneindeutiger festgelegt

Unter den nicht-transsexuellen ist der Anteil der ‚eindeutigen Fälle‘ dagegen nur gut halb so groß: Von den dreizehn (bzw. – ohne Person 9 – zwölf)126 nicht-transsexuellen geNOko-Praktizierenden geben dagegen nur zwei ein eindeutig heterosexuelles (I 14, I 18) und drei ein eindeutig homosexuelles (I 1, 11, 12) Begehren an (zus. = 38 [bzw. 42] %). Demgegenüber haben fünf Personen die Kategorien „bisexuell“ oder „Sonstiges“ gewählt oder mehrere Begehrensrichtungen gleichzeitig angekreuzt (I 5, 6, 7, 8, 13). Von den zwei Personen, von denen keine Fragebogen-Antwort vorliegt (I 3127 und 4128), steht aus den Interviews bekannt, daß sie ebenfalls eine eher uneindeutige sexuelle Orientierung haben. Auch die Angabe „homosexuell“ durch Person 9 wird – im Kontext der uneindeutigen Geschlechtsidentität („Sonstiges“) dieser Person – als eher uneindeutig aufgefaßt.

(Im Vergleich zu den geNOko-Praktizierenden erscheinen sogar die geNOko-Bekannten, die selbst keine geNOkos praktizieren, in ihrem sexuellen Begehren weniger eindeutig festgelegt zu sein. Eine von diesen bezeichnet sich als bisexuell, eine als nur „eher lesbisch“ (I 10), eine als bisexuell (I 21), eine zwar eindeutig, aber unkonventionell als „heterosexuelle Lesbe“ (I 15); nur eine bezeichnet sich eindeutig als hetero/a/sexuell (I 22). Dies dürfte ein Zeichen für die Bereitschaft dieser Personen sein, sich – sei es als Beziehung, sei es als Mitbewohnerin – auf geschlechtlich eher uneindeutige Personen einzulassen.).

(2) Auch wenn die Befragten teilweise eine uneindeutige sexuelle Orientierung haben, so sind doch Frauen als Liebesbeziehungen eindeutig bevorzugt

▼ 351 

Beides (der relative Erfolg129 der frauenbegehrenden als auch der relative Mißerfolg130 der männerbegehrenden geNOko-Personen) deutet darauf, daß es den geNOko-Praktizierenden deutlich leichter fällt, den notwendigen emotionalen Rückhalt bei Frauen als bei Männern zu suchen und/oder zu finden. In die gleiche Richtung (emotionaler Rückhalt wird bei Frauen gesucht) deutet, daß mehrere geNOko-praktizierende, ursprünglich biologisch weibliche Personen angegeben haben, sexuelle Beziehungen mit anderen boys/Männern gehabt zu haben oder sich zumindest vorstellen zu können, während sie sich Liebesbeziehungen nur mit (weiblich identifizierten) Frauen vorstellen können (s. unten S. 182 f., 208; vgl. auch die FN *** zu Tabelle 2 auf S. 168); entsprechend hat auch die Befragte femme (Interview 15) zwar Sex mit anderen femmes, kann sich aber keine Liebesbeziehungen mit diesen vorstellen (S. 219).

Umgekehrt haben mehrere Befragte angegeben, daß sie in vergangenen Beziehungen nicht in der Lage waren, ihren ‚vollständig weiblichen‘ Geliebten, die keine geNOko praktizierten, die gewünschte emotionale Aufmerksamkeit zu gewähren. Dies konkretisiert sich bspw. darin, daß geNOko-Praktizierende (d.h. Personen mit männlichen Identitätsanteilen) angegeben haben, öfters persönliche Geschenke ihrer ‚vollständig weiblichen‘ Geliebten mit Einladungen zum Kino oder Essen gehen (also letztlich Geld) erwidert haben. [s. zu diesen Aspekten unten S. 227, 203 ff.]. Solche Angaben finden sich in den Interviews nicht über das Verhalten von §Frauen.

(3) Zwischenergebnis

▼ 352 

Die sexuelle Orientierungen der Befragten (insbesondere derjenigen, die nicht transsexuell sind) ist zwar weniger starr festgelegt als das geschlechtliche Selbstverständnis der Befragten (zum essentialistischen Charakter des geschlechtlichen Selbstverständnisses der Befragten s. unten die Interviewauswertungen). Jene Flexibilität ist aber weitgehend auf reine Sex-Kontakte beschränkt, während crossdressende – sowohl ursprünglich biologisch weibliche als auch ursprüngliche biologisch männliche – Personen, eindeutig Frauen als Beziehungen [und – wie wir unten sub 2. sehen werden: – als Beziehungsarbeiterinnen] bevorzugen.

d) Nur Pose oder mehr? Geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen und (geschlechts-)hierarchische Arbeitsteilung (1): Von der Hartnäckigkeit hetero/a/‚sex‘ueller Rollenmuster in der Erwerbsarbeit

Wir hatten oben schon erwähnt, daß fast alle Befragten Abitur oder zumindest Fachabitur haben. Wenn wir nun aber betrachten, was die Befragten aus ihrer Hochschulzugangsberechtigung gemacht haben, so werden die Unterschiede schon deutlicher und sie gehen mit einer ebenfalls deutlichen gender-Differenz in den Beziehungen einher:

(1)  Beziehungen mit Statusgefälle sind Beziehungen mit starker gender-Differenz

Von den 13 geNOko-Praktizierenden mit (Fach)abitur und (Ex-)Beziehung131, deren Abschluß bekannt ist, haben sieben anschließend studiert und ihr Studium beendet (I 4, 6, 9, 13, 14, 18, 20; davon arbeitet eine [I 20] jetzt als Fußpflegerin). Eine Person ist neben ihrem Studium noch Tutor an der Universität (I 7). Sieben dieser acht Personen (d.h. alle mit Ausnahme der Fußpflegerin) werden im folgenden als die ‚erfolgreichen‘ bezeichnet.132 Vier studieren noch, ohne eine solche zusätzliche Aufstiegs-/Qualifizierungsmöglichkeit (die mit einer Tutorstelle verbunden ist) zu haben (I 1, 8, 16, 19); eine ist ohne Ausbildungsberuf und z.Z. arbeitslos (I 11). Diese fünf Personen werden im folgenden als die ‚weniger erfolgreichen‘ bezeichnet. 133

▼ 353 

Von den erfolgreichen sieben – darunter sind die vier ursprünglich biologisch weiblichen Personen, die sich am meisten männlich inszenieren! – haben alle (Ex-)Beziehungen, die biologisch weiblich sind und keine geNOkos praktizieren – d.h. in diesen Beziehungen besteht eine mehr oder minder starke gender-Differenz.

Von diesen sieben (Ex-)Beziehungen, die alle keine geNOko praktizieren, haben allenfalls zwei (evtl. drei) 134 ein Studium abgeschlossen (oder ähnliche Möglichkeiten, wie sie mit einer Tutorstelle verbunden sind). Eine hat ihr Studium de facto abgebrochen und arbeitet als Verwaltungsangestellte und Sekretärin, die anderen drei studieren noch. Die geNOko-Praktizierenden mit ihren männlichen Identitätsanteilen sind also erkennbar (Studienabschluß) status-höher als ihre eindeutig(er) weiblichen Geliebten ([noch] kein Studienabschluß).

Dies scheint auch kein Nebeneffekt eines Altersunterschiedes zu sein: 135 Die noch studierende Geliebte von Person 9 ist vier Jahre älter als Person 9, Person 7 und deren noch studierende Geliebte sind gleich alt; von Person 6 gibt es keinen Fragebogen Rücklauf (nach dem zufällig möglich gewordenen Augenschein der Ex-Beziehung von Person 6 ist jene jedenfalls nicht deutlich jünger als diese).136

(2) Beziehungen mit geringer gender-Differenz sind Beziehungen mit geringer Statusdifferenz

▼ 354 

Für die (Ex-)Beziehungen der fünf relativ weniger erfolgreichen geNOko-Praktizierenden mit (Fach)abitur (d.h.: noch studierend oder arbeitslos) gilt: 1 x Studium abgebrochen / Arbeit im Supermarkt (I 1), und 3 x noch studierend (I 8, 11, 13); die vierte Person (I 19) hatte noch keine Beziehung. D.h.: Die Beziehungen der weniger erfolgreichen geNOko-Praktizierenden können also, am gleichen Maßstab gemessen, als ebenfalls weniger erfolgreich gelten. D.h. wiederum: die Beziehungen dieser Gruppe sind deutlich egalitärer als die der erfolgreichen geNOko-Praktizierenden.137

Und siehe da: Die gender-Differenz in diesen Beziehungen ist ebenfalls deutlich geringer.

Ein Ex-Paar, in dem beide noch studieren, bestand aus zwei transsexuellen Männern, d.h.: es gab weder eine Status noch eine gender-Differenz.

▼ 355 

In den beiden anderen Fällen praktizieren die Nonkonformen ihre geNOko nur sporadisch, während sie PartnerInnen des gleichen biologischen Geschlechts gewählt haben/hatten, die keine geNOko praktizieren. Auch in diesen Beziehungen ist die gender-Differenz gering.

Betrachten wir als letztes noch die beiden Personen mit Realschulabschluß. Auch hier zeigt sich: Geschlechterdifferenz geht mit Statusgefälle zu Lasten der weiblichen Seite einher. Die letzte Beziehung der beiden stammt jeweils noch aus der Zeit, bevor sie ihre geNOko aufgenommen haben. Die Ex-Ehefrau des jetzt geNOko-Praktizierenden Mannes mit Realschulabschluß hatte keinen Schulabschluß; der Ehemann der jetzt geNOko-praktizierenden Frau hatte Abitur.

(3) Männlichkeit ist stärker! (5): (Auch nur teilweise) männlich identifizierte Befragte haben ein höheres Einkommen als (zumindest teilweise) weiblich identifizierte Personen

Die These, Männlichkeit ist stärker, bestätigt sich des weiteren (wenn auch bei unsicherer Datenlage) hinsichtlich des Einkommens: Personen mit zumindest männlichen Identitätsanteilen/-rest (d.h.: sowohl geNOko praktizierende, ursprünglich biologisch weibliche als auch geNOko praktizierende, ursprünglich biologisch männliche Befragte) haben ein höheres Einkommen als ursprünglich biologisch weibliche Personen, die keine geNOkos praktizieren.

▼ 356 

Dieser Befund wird durch die Angaben der (anderen) geNOko-Praktizierenden über ihr eigenes Einkommen und das ihrer aktuellen bzw. letzten Beziehung tendenziell bestätigt.

(4) Gender-Differenz = Einkommens- und Status-Differenz / Gender-Egalität = Einkommens- und Status-Egalität

▼ 357 

Hiernach läßt sich die diesbzgl. Auswertung der sozialdemographischen Fragebögen wie folgt zusammenfassen: In Beziehungen, die durch eine gender-Differenz zwischen den Beteiligten gekennzeichnet sind, verfügt die Person mit den größeren männlichen Identitätsanteilen über den höheren beruflichen Status. Dies bedeutet in der Folge auch ein höheres Einkommen für den stärker männlich identifizierten Teil.

e) Zwischenergebnis und Schlußfolgerungen für die Interviewauswertung

Der Befund „Männlichkeit ist stärker!“, – festgemacht an den Ergebnissen der Auswertung der Fragebögen:

▼ 358 

bestätigt eindeutig den gesellschaftlichen status quo (die höhere Wertschätzung und Durchsetzungsfähigkeit von Männlichkeit)139 – spricht also gegen die Subversivität von geNOkos.

  1. 1. Diese Befunde, die gegen die Subversivität von geNOkos sprechen,
  2. 2. eine erste Durchsicht aller Interview, die zeigte, daß keine großen Variationen zwischen den einzelnen Interviews bestehen, sowie
  3. 3. der oben angeführte Umstand einer relativen Vereinzelung, der dazu führte, daß die meisten Interviews unter dem hier besonders interessierenden Gesichtspunkt der Hausarbeit nicht sehr ergiebig sind,140

führten zu der Entscheidung, daß eine Detailanalyse aller Interviews überflüssig ist.

▼ 359 

Statt dessen wurde beschlossen,

Sodann wurde beschlossen, folgende Interviews detailliert auszuwerten:

▼ 360 

Für die anderen Interviews wurde auf eine Detailauswertung verzichtet, da sich eine Erfahrung, die bereits andere Untersuchungen gemacht haben, bestätigt hat:

▼ 361 

„Es zeigte sich, daß elementare Strukturen schnell erkennbar werden: Es kommt zu einem sinkenden zusätzlichen analytischen Gewinn (Grenznutzen) eines jeden zusätzlichen Falles.“ (Koppetsch/Burkart 1999, 326).

Die Auswertung ergab nur „Varianten des Invarianten“ (der Existenz hetero/a/sexistischer Beziehungsstrukturen).

Da sich zugleich der – ursprünglich ins Auge gefaßte – quantitative Vergleich des Ausmaßes dieser Strukturen (insbesondere hinsichtlich der Hausarbeit) mit den Beziehungsstrukturen von Personen, die keine geNOkos praktizieren, als nicht möglich erwies (s. FN * auf S. 259), konnte und mußte diese Arbeit mit dem Befund von hetero/a/sexistischen Beziehungsstrukturen auch in dem hiesigen Sample beendet werden – und es bleibt nichts anderes übrig, als in den Schlußfolgerungen ein anderes Untersuchungsdesign für zukünftige Forschungen vorzuschlagen, um zu konkreteren Ergebnissen zu gelangen. 141

3. Kontexte und Wirkungen: geschlechternormen-inkonforme Körperinszenierungen und andere Praxisarten – Exemplarische Komplettauswertung von fünf Interviews sowie Querschnittsauswertung aller Interview-Äußerungen zum Feminismus

▼ 362 

Wie vorstehend ausgeführt, zeigt bereits die Auswertung der sozial-demographischen Fragebögen, daß geNOkos nicht den gesellschaftlichen status quo (die höhere Wertschätzung und Durchsetzungsfähigkeit von Männlichkeit) in Frage stellen. Dieses vorläufige Ergebnis findet eine Bestätigung durch die Detailauswertung der – nach vorgenannten und -begründeten Kriterien ausgesuchten Interviews. –

a)  Interview 4

InterviewpartnerIn141 4 ist eine ursprünglich biologisch weibliche Person, die sich nun als Junge versteht. sieER war zum Zeitpunkt des Interviews 29 Jahre alt und lebte allein. Seit 3/1998 bestand eine Liebesbeziehung mit Interviewpartnerin 15, einer Frau mit weiblichem Selbstverständnis. Person 4 verfügt über ein Hochschulabschluß und hatte zum genannten Zeitpunkt ein Einkommen von ca. 3.000 DM/Monat.

(1)  Anti-Essentialismus in der theoretischen Praxis – Essentialismus in der alltäglichen Praxis

dieDER Befragte Nr. 4 ist die einzige interviewte Person, die sich von anderen distanziert, die ihre heutigen geNOkos darauf zurückführen, daß sie schon als Mädchen lieber auf Bäume kletterten als mit Puppen zu spielen.142

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„So, und wie kommt das? […]. Ich bin nicht eine, die das macht (die Hosen trägt), weil ich schon immer so war, oder weil ich schon mit drei auf Bäume kletterte und so, […]. Ich glaube nicht an diese Art von genetischer Festlegung. Ich finde das ziemlich faschistisch. Vielleicht war das nicht das richtige Wort in diesem Zusammenhang, aber ich finde diese Art von Denken hilft uns nicht so viel politisch. Ich kann auch in meine Vergangenheit gucken und denken, „oh, das war ein {ein Wort unverständlich: Schuld?}“, aber ich könnte die Geschichte auch total anders interpretieren – […].“ (I 4).

▼ 364 

„Man muß aufpassen. Denn die Identität [als boy] fängt viel zu schnell an, viel zu fix zu werden. Dann denken die Leute, daß ist das einzige, was man tun kann. Oder: Weil man einen Dildo trägt, möchte man nur so ficken und nicht mehr die Hände benutzen oder andere Dingen tun. Aber es gibt sehr viele andere Dingen [als Dildos benutzen], die man beim Sex tun kann. […]. Wir sollten uns nicht unsere eigenen Gefängnisse bauen.“ (I 4).

„Man kann viele Seiten einer männlichen Identität entwickeln. Man hat nicht nur eine gentleman-Seite, man kann auch eine Böser-Junge-Seite oder eine Motorrad-Junge-Seite […] haben und mit allen diesen Arten von Männlichkeit kann man spielen.“ (I 4).

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„[Ich finde es auch falsch,] wenn die Leute mit dieser Geschichte anfangen, „Oh, schon als ich drei war, habe ich gewußt“. Okay, [vielleicht haben sie es gewußt] – aber irgendwie haben sie es auch gewollt, weißt Du?“ (I 4).

Auch die eigenen geNOkos von Person 4 werden nicht im Rahmen einer Ursprungserzählung, sondern aus einer Zufallsbekanntschaft auf der Straße erklärt:

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„das war – ich habe dieses Frau gesehen auf der Straße, das war unglaublich heiß und sie ar- sie arbeitet in ein – in ein {ein Wort unverständlich } – ähm – Kostum- Laden und so sie könnte tragen, was sie will und sie tragt immer ganz enge Ledercatsuits und – ähm – sie – sie tragt Leder, auch wenn es Juli, 25 Grad, war, und ich habe gedacht, das ist ziemlich heiß und mutig und gut und sie sieht nur total toll aus, und ich hat – ich – ich war bei der Arbeit und ich hat ein – ein – eine Jahr aus von der Uni gemacht zu arbeiten und ich habe dieses Frau gesehen einmal und habe gedacht, „wow“, und dann die nächste, ich habe geguckt, wie spät es war und denn ich war die nächste Tag da und gleiche Uhr und geht sie wieder {undeutlich: work?}. Und ich habe sie gehaltet, gesagt – ähm – möchtest Du vielleicht ein Abendessen mit mir haben. Und sie guckt mir an, wie – was soll das denn? Weil – ich war in {Rest des Satzes unverständlich}. Und so sie hat mir gebracht zu dieses Restaurant, das heißt „The Last Temptation“, […]. Na ja, so ich habe gedacht, daß dieses Namen dieses Restaurant war ganz passend und ich sitz da und ich war in ein Beziehung und so – and in diesen Zeiten, wenn ich monoga- – ich war monogam und so – ich könnte nichts mit diese Frau tun, aber ich war so total attraktiert und so. Denn sie hat mir gefragt – you know – was mein Fetisches, Fetischen war – ja – und ich habe sie nur anguckt wie – oh, mein Gott – aber ich möchte cool sein zu ihr, ich habe gesagt, {unverständlich: wow?} ich trage ab und an Männeranzug. Und sie hat gesagt, ‚oh, das find ich toll‘ – ja. Und so dann plötzlich, das war die einiges, das ist, was ich für jedes Tag {ein Wort undeutlich {lacht leicht}} und so, dann ich habe fangen damit und sie war {ein Wort unverständlich: vement? vehement?} stolz darauf und hat dann bestimmte Blicke über wie Jungs so da aussehen und so bei ihrer Kenntnis von mir wieder kennen von mir oder was, daß sie sagt, sie sieht mir und denkt, ‚okay, das ist schön so, was Du tust‘, denn das hat mir ermutigt, mehr das zu tun und denn je mehr das man tut, je mehr Vergnügen man hat und es läßt es mir nur ein, eine andere Welt offen […].“ (I 4, Z. 144-158, 166-182).142

Eine genauere Analyse zeigt aber, daß selbst dieses Interview weit davon entfernt ist, die Annahmen von queer theory, geNOkos seien ein Zeichen von Anti-Essentialismus und ein Mittel, das zu nicht-hierarchische(re)n gender Verhältnissen führen könnte, zu bestätigen. Selbst der Essentialismus kehrt in verschiedenen Äußerungen, die keine programmatischen Ansprüche der interviewten Person an sich selbst und andere sind, sondern spontane Formulierungen des eigenen Selbstverständnisses darstellen, wieder; – von einer ausgesprochen hetero/a/sexistischen (also: unfeministischen) Beziehungspraxis gar nicht erst zu reden. 143 Und das Ganze wird gerechtfertigt mit einer Argumentationsfigur, deren Tod schon vielfach beschworen wurde: dem freien Willen des Subjekts (s. unten S. 186 ff.).

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Dieser Befund wiegt um so schwerer als der interviewten Person die feministische Kritik an butch/femme-Inszenierungen bekannt ist:

„Andere Lesben halten die femmes irgendwie für heterosexuell und irgendwie finden sie, daß femmes ein heterosexuelles Privileg behalten möchten. Sie denken, wenn eine solche Frau in eine Bar kommt und einen kleinen Minirock trägt und sich schminkt und alles […] – sie denken, wenn sie so gut aussiehst oder aussieht wie eine normale Frau, daß sie dann prinzipienlos ist und dieses {ein Wort unverständlich} Spiel mitspielt. Und es gibt auch viel Leute, die denken, das butch-femme-Spiel oder das Junge-Mädchen-Spiel […] überhaupt nicht feministisch ist.“ (I 4).

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Es kann also unterstellt werden, daß die interviewte Person versuchen wird, ihre eigene Praxis als butch in einer Weise darzustellen, die die Haltlosigkeit jener (von ihr nicht geteilten) Kritik deutlich macht. Der Bereitschaft, das Interview mit der AutorIn zu führen, dürfte eine ähnliche Motivation zugrunde liegen, wie sie für einen Fernsehbeitrag der interviewten Person angegeben wird:

„Ich war in ‚F‘ {Titel der Fernsehsendung} und habe dort über butch-femme-Beziehungen geredet. Das war auch ziemlich interessant. Es ist auch die Frage: Wo ist die Grenze? Wieviel Öffentlichkeitsarbeit muß man wirklich tun? Ich nehme meine Verantwortlichkeit als Dozent, oder irgendwann: Professor, ziemlich ernst und denke, daß, wenn ich die Privilegien habe, nur Forschung zu tun und schreiben zu lassen, dann muß ich auch mich selbst [im Fernsehen] vorstellen lassen und damit hoffentlich eine andere Art von Aufklärungsarbeit machen.“ (I 4).

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Die feministische Kritik an butch/femme dürfte folglich um so schwerwiegender sein, wenn das vorliegende Interview, dem – wie der genannten Fernsehsendung – der Anspruch zugrundeliegen dürfte, positive Öffentlichkeitsarbeit für butch/femme zu machen, die Berechtigung jener feministischen Kritik bestätigt.

Zunächst zum Essentialismus. An einer Stelle des Interviews bleibt die Frage des Essentialismus/Anti-Essentialismus zunächst offen und wird dann einige Zeilen später i.S.d. Essentialismus beantwortet.

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„bevor ich gewußt habe oder mich entschieden habe oder – frag mich nicht –, lesbisch zu leben“ (I 4, Z. 298).

In vorstehender Sequenz bleibt noch unklar, ob sieER bloß erkannt hat, was sieER ohnehin ist, oder ob sieER sich für eine bestimmte sexuelle Orientierung entschieden hat. Einige Zeilen später wird ihreSEINE Sexualität zu einem Sein („wie meine Sexualität wirklich ist“; entsprechend wahrscheinlich auch die „große Welle“, die über sieIHN gekommen ist) – statt einer Entscheidung – vereindeutigt:

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„Ich hatte mich wirklich gefragt: Was ist los mit meiner Sexualität? Erst später war es, daß ich es wirklich als eine große Welle gefühlt habe, nach dem ich gesehen hatte, wie meine Sexualität wirklich ist […].“ (I 4).

Im Gegensatz zu ihrem programmatischen Anspruch scheint Person 4 ihre sexuelle Orientierung hier nicht als Gegenstand einer Wahl oder von kontingenten, wechselnden Einflüssen, sondern als etwas „Was ist …“ zu betrachten. Auf Essentialismus (hier: Authentizitäts-Ideologie) deutet es auch hin, wenn davon gesprochen wird, „Ideen […] von mir selbst auszudrücken“, und es außerdem heißt:

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„Aber für mich es war irgendwie ein – ein Art von Reinigungsprozeß oder so.“ (I 4, 456 f.).

Hier soll anscheinend ein essentielles Selbst, das ‚Sein‘(„wie meine Sexualität wirklich ist“) der Sexualität dieser Person, von (äußeren) Verunreinigungen befreit werden; die weitere Analyse wird allerdings zeigen, daß dieses innere Selbst nichts anderes ist als die perfekte Verinnerlichung der ‚äußeren‘ gesellschaftlichen Verhältnisse – von Patriarchat und Hetero/a/sexismus.

(2) Hausarbeit: Was zur Inszenierung ‚biologischer‘ Männlichkeit gehört, gehört auch zur Inszenierung von ‚transgender‘ Männlichkeit

Das, was im Bereich der Hausarbeit zur Inszenierung ‚biologischer‘ Männlichkeit gehört144, gehört in diesem Bereich auch zur Inszenierung von ‚transgender‘ Männlichkeit – Ordnung ist wichtig, Schmutz kein Problem:

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„Ich hatte immer eine hohe Toleranzgrenze gegenüber Schmutz; nicht gegenüber Unordnung; es [Sauberkeit] war nicht so wichtig für mich“ (I 4, Z. 2569-2572).

Auch hier hebt sich Interview 4 allerdings von den anderen Interviews ab: Der theoretische Anspruch der interviewten Person ermöglicht es ihr, zumindest die Problematik des Feldes Hausarbeit zu erkennen (während es in den anderen Interviews pragmatisch entpolitisiert wurde145):

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„Und denn mit XXXX {Vorname der jetzigen Freundin der interviewten Person}, es war ein bißschen anders, weil sie steht – ich denke, sie steht auf passen auf mich und das ist ein Teil – das ist auch ein Teil unsrer Verhaltnis, in daß sie – sie übernimmt diese – V- Verhal- ich möchte nicht – {sehr betont} hausfraulich-fetisch für Dings – wie ich – and ich auch übernehme andre Art von diese Arbeit, diese {sehr betont} männlich Fetischisierung. Ähm – like – ich bezahle für viel mehr als ich würde normalerweise würde tun mit ein normale Partnerschaft, aber sie auch denn kocht für mich, bügelt mein Kleidung, wascht – nicht wascht mein Kleidung, wenn ich hier bin, aber all mein Kleidung, das #I: Hm# da ist, sie wascht. Sie sagt jetzt nicht, okay, hier ist Dein Kleidung, geh und waschen es. Aber auch wenn sie hat Kleidung hier, ich würde es waschen, aber ich würde es immer merken, daß ich wasche es, aber sie nicht. Ähm – und – ja – sie würde – sie hat auch – you know – ich rede mit der Reinigungleute, kriege mein Anzug zurück. Das war ziemlich – ziemlich ein ganz {lacht} – you know – unfeministische Blick auf was, wenn ich hat – ich war am Anfang ganz unzufrieden damit.“ (I 4, Z. 2621-2637).

Anfangs war InterviewpartnerIn 4 „ganz unzufrieden“ mit dieser – feministischen politischen Ansprüchen widersprechenden – Form der Arbeitsteilung, die daraus resultiert, daß für ihreSEINE Geliebte Hausarbeit ein Weiblichkeits-Attribut („Fetisch“) ist und daß dieDER Interviewte selbst mit ihrerSEINER Toleranz gegenüber Schmutz traditionelle Männlichkeit inszeniert. Inzwischen scheint sich diese Unzufriedenheit gelegt zu haben: Das Sein bestimmt das Bewußtsein (Marx). „Kniee nieder und bewege die Lippen wie zum Gebet und Du wirst glauben“ (Pascal/Althusser). Besetze Hausarbeit mit Lust und Du bist eine femme; sei tolerant gegenüber Schmutz und Du bist ein Junge.

(3) Sozialverhalten und Beziehungsarbeit

Beziehungen mit femmes – Sex auch mit Jungs

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Auch in Bezug auf Beziehungsarbeit ist es wiederum der politische Anspruch der interviewten Person, der sie unter einen gewissen Rechtfertigungs- oder Erläuterungsdruck setzt: Das, was sie empirisch berichtet, wird von ihr, wenn sie theoretisch darüber nachdenkt, bestritten. Sie sagt zwar ausdrücklich nicht, Liebesbeziehungen zu anderen Jungs, seien unmöglich – aber … mit diesen ist es manchmal nur ein Scheißspiel (d.h.: mit diesen ist es keine tiefe Liebesbeziehung, wie sie mit femmes geführt wird).146 In dieser Weise verschafft uns der politische Anspruch von Person 4 interessante Informationen über den unterschiedlichen Status von Affairen, die die interviewte Person mit anderen Jungs hat, und der Beziehung zu ihrer femme-Geliebten:

„And oft mit der Jungs, dis war nur ein großes Spiel – ein großes Sexy-Spiel und nicht so viele andere Art von Intimität – reden über unsre Familie oder was – es war mehr – ähm – Sexspiel. Und das is, was wir beide möchten voneinander und so. Wir möchten nicht wirklich über all diese andre Dings reden. Es ist nicht, daß ich denke, es würde unmöglich. Es ist nur, daß ich denke, daß vielleicht ich bin – ich kenne es besser von Frauen es zu nehmen und auch von Frauen – Frauen normalerweise sind besser damit und auch, weil viel Jungs – von meiner Erfahrung mindestens – sind – ähm – sind Jungs, weil sie möchten nicht diese Art von Arbeit tun. Weil sie fuhlt, daß sie nicht gut damit bist oder daß sie kann nicht genug Zeit dafür haben oder, frag mich nicht. Aber daß die Frauen oder Femmes besonders haben ein ganz bessere – ähm – Fähigkeit, Jungs zu unterstützen. And – und wie ich habe früher gesagt, manchmal mit Jungs untereinander, is es – fang an nur hier Schießspiel zu spielen. Und das, wenn ich würde sagen, oh, ich bin unglücklich mit mein Arbeit oder jemand hat mir etwas doof gesagt und ich fuhl mir, daß ich seh doof aus in diese Kleidung und so, you know, daß ich habe Ängst denn – weil ich denke, die Frau is auch mit – mit der Jungs is, daß man fang an – an manchmal ein Konkurrenzspiel zu haben. Ich würde nicht fühlen, daß ich konkurrier mich gegen ein Femme, you know, auch wenn ich nehme sie total ernst und nehme ihre Arbeit ernst und alles anders. Ich würde – ich würde sie als Konkurrenz sehen in ein andre {ein Wort unverständlich: Sphäre?} in ein andre like {Arbeitssphäre?}, daß auch vielleicht sie würde dieses, you know, – ähm – wissenschaftliche Mitarbeiterposition kriegen und nicht ich. Ähm – aber ich würde nicht als ein Sexkonkurrenz sehen. Aber mit andre Jungs, wenn ich fuhl mir schlecht und denn, und sexy, und denn ich rede mit ein andre Jung darüber, denn ich würde mir doof fuhlen – aber mit mein Femme, ich würde nicht so doof fuhlen. So ich denke das, weil ich habe diese Problem manchmal, daß das meint, daß ich habe irgendwie ein – ein Wand da zwischen ich und diese Art von total enge Beziehung zu Jungs zu haben. Ähm – ich war viel glücklicher, nur der – der – der Vater zu sein oder der – irgendwie – der Person, daß kennt, was los ist, zu sein – als jemand, daß hat wirklich ein gleichrechtige pair. Aber alles – all das die andre möchte auch dis – habe ich verstanden. Es war, you know, die Leute sucht nach ein sexuell Abenteuer, nicht ein total enge Freundschaft oder ein Beziehung. So das ist, was ich habe geliefert.“ (I 4, Z. 1737-1774).

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Sexuelle Beziehungen hat Person 4 also auch mit anderen Jungs, während die „andere Art von Intimität“, das Reden über „all diese anderen Dinge“, den Liebesbeziehungen mit femmes vorbehalten ist.

Zwei Szenen in zwei Geschäften: Jungs als autonome Subjekte;
Femmes als hilfebedürftige Wesen

Ein paternalistischer Heterosexismus der interviewten Person läßt sich sehr deutlich aufzeigen an zwei Szenen in Geschäften, von denen die interviewte Person berichtet.

Bei dem ersten Ereignis ist die interviewte Person zusammen mit einem anderen transgender Jungen in einem Geschäft, um zu fragen, ob es dort möglich ist, eine Videosequenz aufzunehmen (I 4, Z. 751-754). Obwohl die interviewte Person von der sie begleitenden Person als „er“ spricht, wird sie von dem Verkäufer korrigiert: „Du meinst ‚sie‘“ (I 4, Z. 762).

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Dazu führt die interviewte Person aus:

„Dann habe ich gedacht, okay, sag ich etwas oder laß ich meinen Freund etwas sagen. Denn ich möchte nicht, daß er denkt, daß ich bin da, um ihn zu schützen, weißt Du? Das wäre ein bißchen doof. Ich möchte, daß er selbst die Möglichkeit hat, etwas für sich selbst zu sagen. Dann sagt er, „Nein, ‚ihn‘ ist richtig“ oder „‚er‘ ist richtig“ oder ich weiß nicht was – oder „‚er‘ ist schon gut“ – oder etwas so. […]. Ich war […] stolz auf ihn, daß er so etwas gesagt hat, daß er sich nicht weggeduckt hat.“ (I 4, Z. 763-777).

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Hier fragt sich die interviewte Person, „sag ich etwas oder laß ich meinen Freund etwas sagen“ und schließlich freut sie sich, daß der Freund selbst das Wort ergriffen hat: „ich war […] stolz auf ihn, daß er so etwas gesagt hat“. Das heißt: Auch wenn sie ihren Freund hinsichtlich der Freiheit seines gender Ausdrucks verteidigen möchte, stellt sie sich die Frage, ob es richtig und notwendig ist, statt ihm das Wort zu greifen, und am Ende freut sie sich, daß das nicht notwendig war. Der Freund wird also als autonomes Subjekt147 behandelt, das zunächst einmal in der Lage ist, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Ein Eingreifen der – ebenfalls männlich codierten – interviewten Person (die in diesem Fall über zusätzliche Autorität als Videomacher verfügte) wird ausschließlich unterstützend oder im Notfall als erforderlich angesehen.

Ganz anders in einer Situation in einem anderen Geschäft, das die interviewte Person in Begleitung ihrer Beziehung, einer femme, aufsucht. Der Verkäufer versucht dort die interviewte Person (aus wahrscheinlich antisemitischen Gründen) zu provozieren. In Bezug auf diese Situation schildert die interviewte Person ihre Gedanken folgendermaßen:

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„Und wo ist XXXX {Name der Freundin der interviewten Person}? […] – und ich habe denn gedacht, okay, was ist wichtig – ist, daß er faßt sie nicht an. Wenn er faßt mich an, ich kann ihn auf der Boden bringen, aber sie würde nur problematisch, ja. #I: Hm# Und – und so denn, ich habe nur mein Hände aus mein Taschen gemacht, so daß ich könnte ihn schlagen, wenn möglich. E- es war wirklich, daß ich habe gedacht, das war notwendig – and ich hat kein großes Panik, überhaupt nicht. Aber ich war ein bißschen and ich habe – ich habe nur ihn angeguckt and denn er hat gesagt, „okay“, und „Guten Abend“ – ja. Und so – denn ich habe nur XXXX {Name der Freundin der interviewten Person} vor mir gedrückt, weil er paßt hinter #I: Hm# uns […]“. (I 4, Z. 913 f., 918-927).

Hier tauchte die Frage, ob sich die – weiblich codierte – Freundin (‚dennoch‘, d.h., obwohl sie weiblich ist) selbst verteidigen könnte, gar nicht erst auf. Auch wird es nicht als erläuterungsbedürftig angesehen, warum diese Frage nicht auftauchte (weil bspw. ganz konkrete körperliche Gründe in der Person der Freundin vorliegen, die dies ausschließen). Es erscheint vielmehr im Rahmen eines allgemeinen Vorurteils die Unterstellung vorzuliegen, femmes seien nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen. Dieser bevormundende Paternalismus geh sogar so weit, daß die interviewte Person ihre Freundin schließlich aus dem Laden drückt …

Könnte es schönere Beispiele für das Funktionieren des heterosexistischen Patriarchats geben als diese Selbstdarstellung aus der ach so avancierten queer community?!

Der gleiche Paternalismus: Männer® und Frauen® im Restaurant

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Der gleiche Paternalismus, der eine Reziprozität (mal zahlt der/die eine; mal der/die andere) ausschließt, zeigt sich beim Kaffee trinken gehen. Von diesem Paternalismus würde allenfalls aufgrund des ausdrücklichen Widerstands der betroffenen Frau® abgegangen:

„wenn ich würde ein Frau treffen für ein Kaffee, auch wenn es nicht ein Date ist, ich würde es bezahlen, und denn nur, wenn es ein Punkt für sie ist, würde ich sie lassen mir die Geld geben {zwei Worte unverständlich} so ist – irgendwie – oder auch for you geben“ (I 4, Z. 247-250).

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Der einzige Unterschied, der gegenüber dem biologistischen hetero/a/‚sex‚istischen Paternalismus besteht, liegt darin, daß dieser hier auch auf die interviewende Person, also eine wahrscheinlich ursprünglich biologisch männliche Person, erstreckt wird („oder auch for you“).

In Bezug auf eine weitere Situation in einem Restaurant wird dieser Paternalismus ausdrücklich zum Programm erhoben („daß man weiß, wassie braucht, bevor sie weiß, was sie braucht“):

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„Ähm – aber ich denke, das ist eine der schönstes Ding mit Femmes ist, daß Femmes läßt Dich zeigen, Deine – Deine J- J- Jungenseite oder so. Weil – wenn ich würde bei ein Tisch von nur andr- andre Frauen, das sind nur, you know, nicht Butch oder Femme, nehmen, würde warten, daß ich mach die Zigarett an – niemand würd warten, daß ich würde der Kellner kriegen oder etwas anderes. Aber wenn ich würde mit ein Tisch von Femmes, auch wenn niemand intressiert sich für mich, das würde sagen, okay, come on, you know, bring der {ein Wort unverständlich}. Das meint nicht, daß ich bin da als der, you know, Arbeitsjunge, es meint nur, daß es is erwartet, daß ich würde das tun – and auch, wenn dis bis der Punkt, daß sie muß fragen mich, daß ich es tue, denn das meint, ich habe etwas falsch getan, aber ich würde nur sehen, das – daß zum Beispiel die Frauen würde pas- spielen ein bißchen mit die Zigaretten, das ist nicht, daß sie macht die Zigarett aus – ping – aber daß sie bringt es aus und denn sie halt es in your hand, you know, 10 Sekunden oder so, nur so, daß ich merke es, auch wenn ich auf die andre End #I: Hm# der Tisch sitzt – ja – und so, daß ich merke es und so, daß ich habe mein Feuerzeug aus und – ähm – und so das – oder ein Streichholz – oder sie kann es h- bereit haben, so daß ich bin nicht, so is nicht peinlich für mich. Weil – wenn sie tut es zu schnell, wenn ich vielleicht rede mit #I: Hm# Dich grade und denn ich – {Bandwechsel} – weil – man muß wirklich so aufmerksam sein, daß man weiß, was sie braucht, bevor sie weiß, was sie braucht.“ (I 4, Z. 1879-1902).

Nicht einmal Paternalismus: Jungs und Heteras

Ist das Verhältnis der interviewten Person zu femmes – immerhin – von einer (wenn auch paternalistischen) Fürsorglichkeit gekennzeichnet, so kehrt sich die Parteilichkeit im Falle von Heteras um. Wieder ermöglicht der politische Anspruch der interviewten Person dieser eine präzise Analyse des Problems. Sie erfolgt aber nicht unter der (feministisch-parteilichen) Überschrift „Hey Jungs, baut keine Scheiße!“, auch nicht unter der (paternalistischen) Überschrift „Achtung, Heteras, Achtung!“, sondern unter der (männer®bündischen) Überschrift, „Achtung, Jungs, Achtung!“

▼ 383 

„Ähm – ich war auch mit Heteras – ähm – aber es is nur Probleme. {lacht} Achtung, Jungs, Achtung! #I: {lacht}# Geh’n zurück von der Feuer, geh’n zurück von der Feuer. Ähm – ja – nein – es is – für mich es war nur problematisch. Ich weiß, daß da gibt viel Jungs, viel Butches besonders, das steht total drauf, heterosexuelle Frauen zu verf- verf- verführen. Es ist Sport, es ist nicht mehr als das in mein Blick – weil – es is nur – es – es – es macht – ähm – Probleme – weil – da gibt normalerweise andere Erwartungen und da gibt auch die Leute, daß sind nur auf ein Pokaljagd, die Problem des {ein Wort unverständlich}, sie haben in Bett mit diese arme Frau gegangen, daß die arme Frau denkt, daß sie würde ein Ring bekommen und Du denkst, daß Du bist noch frei jetzt – und – ja – und nur problematisch. Aber ich hat zwei Beziehungen, das war so – und – ähm – wo ich hatte gedacht, daß war nicht sexuelle Beziehung, daß ich war nur, daß wir gehen irgendwie auf Dates, aber es war nur klar, weil ich habe gedacht, Du bist heterosexuell – ich nicht. Ähm – gut, you know. {lacht} Ähm – und so es war nur sexy – weil – man hat mit Heteras – bevor ich habe, you know, Femmes wirklich kennenlernt, daß man hat, you know, all die Schminke und all die wunderschöne weibliche Charmes und alles in voll Effekt – ja – viel mehr mit andere Lesben oft. Und so ich habe dann – sie war total attraktiert und sie {macht? magt?} auch, daß ich war so aufmerksam und „wowowowhop“ – und männlich aus – ohne alle Problemen, nicht zu sein, you know, und wirklich Mann zu sein – ähm – aber denn – ähm – denn irgenwann es fang an, für sie sexuell zu sein und für mich es war immer ein bißschen sexuell, aber ich habe gedacht, ich denke nicht daran, you know – {ein Wort unverständlich} ich muß nicht achten auf jedes Ding, daß ich denke. Aber denn, wenn es fang an ein sexuell, es wird kein Problem, nur Spaß, ja. Und denn man hört, was man hören möchte und denn fangt an mit etwas und denn – und denn sie denkt, daß Du bist ‚nen – daß Du bist zusammen in ein Beziehung und Du denkst nur, aber das war lustig. /I: Hmhm/ Und ich denke, das – das is bißschen der Problem – is das – für der Heteras is manchmal die, you know – äh – ganz wichtige Moment über Sexualität oder so – ähm – und – oder – okay – vielleicht wie muß – sollten auch kein Unterschied machen. Ich denke, daß die Heteras, der Frauen, daß denkt, daß sie Heteras sind, aber sie sind nicht vielleicht glücklich so, aber es hat nicht das wirklich gewußt, bis daß sie mit – mit – mit ein Junge. Und so, sie sind wirklich Frauen, daß noch nicht bisexuell oder lesbisch sind. Und ich hasse alle diese Namen für alles – aber das vielleicht, was ich sollte vielleicht besser sagen, daß is, sie sind Frauen, daß bisher nicht mit Frauen war, aber nach Dich #I: Hm# würde mehr mit Frauen – okay. Und so – die Problem is denn, es is wie jemand coming out. Du denkst, es ist nur ein Abend mit Sex, aber is es nicht. Es is ihre coming out, in wenn sie denn ein ganz starkes psychologische Bedürfnis auf Dir hast und brauchst Dich für alles und Du möchtest nicht dieses Roll spielen, Du möchtest nur jemand Schönes zu Partys zu gehen und wenn es ist nicht klar, wenn Du bist nicht bereit, diese Arbeit auch zu tun, auch wenn sie sagt am Anfang, daß Du nicht, daß Du mußt nicht, denn Du bist der Falsch – weil – es is immer so, daß am Ende, das is, was sie braucht. Auch wenn sie sagt, daß sie würde es nicht brauchen. Es is immer, was sie braucht und wenn Du nicht bereit bist, für alles, dann Du kannst nicht nehmen, was Du möchtest und denn lassen die andre Dingen weg. Es geht nicht. So, daß is ein Gruppe von – von – von Hetera-Frauen.“ (I 4, Z. 1197-1248).

Auch wenn die Sequenz mit einer Kritik an der Pokaljagd der anderen Jungs beginnt, so ist die Perspektive doch nicht die einer Solidarität mit den Frauen, die vielleicht gerade beginnen sich von der Hetero/a/sexualität zu lösen und in ihren Gefühlen verletzt werden, sondern die Perspektive ist die einer (wenn auch partiell kritischen) Solidarität mit den anderen Jungs, die vor den Problemen gewarnt werden, die entstehen können, wenn sie Erwartungen auszulösen, die sie gar nicht erfüllen wollen.

Und vor allem eine Frage wird völlig ausgeblendet: Wie weit muß ex-frau selbst schon auf das normal-männliche Maß148 gesunken sein, um Freude an „nur ein Abend mit Sex“ ohne „starkes psychologische Bedürfnis“ zu haben?!149

Zur Bewertung der Reproduktion

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Ein Einwand gegen diese Analyse von Parallelen von straightem und queerem Hetero/a/‚sex‚ismus, sofern sie denn zugleich als Kritik verstanden wird (was durchaus der politischen Intention der AutorIn spricht), ist freilich vorauszusehen: ‚biologisches‘ Original und ‚transgender‘ Parodie seien nicht das Selbe.

Steht dieses Argument allerdings schon ohnehin auf schwachen Füßen (siehe dazu sogleich), so fehlen ihm solche völlig, wenn mit Butler 150 behauptet wird, auf der Höhe dekonstruktivistischer Theorie sei der Unterschied zwischen Original und Kopie hinfällig. Diese These einmal akzeptiert, bleiben nur zwei mögliche Schlußfolgerungen: Sowohl die biologistischen als auch die transgender-istischen Herrschaftspraktiken zu affirmieren oder beide zu kritisieren.

Zum ‚Freiwilligkeits‘-Argument: Auch die – von der befragten Person im Falle von butch/femme-Beziehungen angeführte ‚Freiwilligkeit‘ – kann an diesem Befund nichts ändern. Denn Herrschaft bleibt auch dann Herrschaft, wenn sie von den Beherrschten selbst als legitim angesehen wird (s. dazu oben S. 72).

▼ 385 

Auf die Frage, „Was unterscheidet denn die Femme im Verhältnis zur Butch von der Hetera im Verhältnis zum Mann?“ (I 4, Z. 1975-1976), antwortet die interviewte Person mit sehr langen Ausführungen, deren Kernaussage wie folgt lautet:

„Die heterosexuelle Frau hat nicht so viele Möglichkeiten, anders zu sein. […]. Ich denke nicht, daß alle die Frauen lesbisch sind, und da sind nur ein paar Frauen, die das nicht wissen […]. Aber – ich denke, daß es gibt auch heterosexuelle Frauen, die sind mit Männern zusammen, ohne es zu möchten – oder sie möchte etwas anderes [in ihren Beziehungen mit Männern], aber sie wissen nicht, wie das zu artikulieren oder denken ist. Sie haben keine wirkliche andere Möglichkeiten, weil – you know – ökonomisch [sind sie abhängig] und – aus vielen anderen Gründen. Aber bei Femmes und bei Butches, die Femmes haben sich entschieden, Femmes zu sein – es ist nicht nur, daß sie so sind – und bei Butches: wir haben uns auch entschieden. […]. Das sind beides selbstgewollte, selbstgebaut Positionen. […]. Die Butch weißt hoffentlich – und ich weiß zumindest – das ist ein Geschenk, das sie gibt, nicht nur das ist was, daß sie geben sollte, weil sie ein Frau ist. Weißt Du? Wenn XXXX {Vorname der Freundin der interviewten Person} kocht für mich oder läßt mich sie anfassen oder tragt etwas sexy für mich oder so, ich denke, das ist ein Geschenk. […]. Es kann immer noch diese gute Energie da drin haben. Dann ist es etwas, das wirklich frei und kreativ ist – viel freier und kreativer als ich das von der heterosexuelle Welt kenne. […]. Ich habe wirklich gedacht, mit jeder Femme, mit der ich zusammen war, daß wir könnten wirklich die Regel für einander – für uns einander selber entwickeln – weil – wir waren beide frei. Sie war nicht gezwungen. Sie hat nicht eine paternalistische Ausbildung zu denken, daß sie nur existiert, um zu dienen, wie vielleicht eine heterosexuelle Frau. So kann sie meine Männlichkeit als etwas schönes nehmen – nicht als etwas, das sie beherrschen soll. […]. Mit Femmes {ein, zwei Worte unverständlich} ich meine, ist das ein Witz, es ist ein schöner geteilter Witz – hoffentlich. Wenn man denkt, daß die andere Person dort total freiwillig ist und total gehen kann, wenn sie möchte, denn man kann wirklich alle die Dingen, bis an die Grenze {ein Wort unverständlich} und wirklich viel Abenteuer und schöne Dings tun, weil man muß nicht immer denken, oh, bist du wirklich okay? […]. Ich fühle, daß die heterosexuellen Frauen viel mehr nur in einem festen Platz sind und nicht so viele Möglichkeiten haben.“

▼ 386 

Der Ausgangspunkt dieses Arguments, daß femmes und butches ihre Wahl gegen die hegemoniale Ordnung und Heteras in Übereinstimmung mit dieser treffen, ist sicherlich richtig. Diese leichte Umformulierung des Arguments (‚in Übereinstimmung mit der hegemonialen Ordnung‘ statt ‚nicht freiwillig‘) zeigt aber schon, daß dieses Argument allein nicht in der Lage ist, die gewollte Schlußfolgerung zu tragen.

Denn, wenn wie die interviewte Person selbst sagt, daß Hetero/a/sexualität nicht weniger sozial konstruiert ist als butch/femme, dann kann es auf die Freiheit der Wahl, also auf die Frage der Genese, schon mal nicht ankommen. Denn die Aussage, daß Hetero/a/sexualität hegemonial ist, ist gleichbedeutend mit der Aussage, daß sie nicht mit dem Maschinengewehr erzwungen, sondern daß sie von den Individuen freiwillig vollzogen wird:

Das, was die interviewte Person als spezifisch für butch/femme beschreibt („Wenn XXXX kocht für mich oder läßt mich sie anfassen oder tragt etwas sexy für mich oder so, ich denke, das ist ein Geschenk.“), ist doch genau das, was von Feministinnen für hetero/a/sexelle Beziehungen analysiert wurde: (Haus- und Beziehungs)arbeit aus Liebe. So kommt die Hausarbeitsfoschung, trotz der krassen Ungleichverteilung der Hausarbeit in hetero/a/‚sex‘uellen Paaren, zu dem Ergebnis: „Im Durchschnitt sind Frauen wie Männer mit der familialen Arbeitsteilung (noch) zufrieden, Konflikte kommen (noch) eher selten vor“ (Künzler 1999, 241 m.w.N.; vgl. auch Rohmann/Schmohr/Bierhoff 2002, 135 m.w.N.). So sagen 62 % der westdeutschen Hausfrauen, daß sie „aus Überzeugung“ Hausfrauen sind (H. Berger / Hinrichs 1999, 62, Tabelle 6) und 60 %-70 % der ‚Erziehungsurlauberinnen‘ geben Antworten wie „Ich wollte ganz für das Kind da sein“ (Hv. d. Vf.In) auf die Frage, warum sie (und nicht der Vater des Kindes) den Erziehungsurlaub genommen haben; nur 33 % führen an, daß sie weniger verdienen als der Vater (der Einkommensverlust also anderenfalls größer wäre). Die „Frauen entscheiden sich hier aktiv“ für die traditionelle Rollenverteilung (N. Schneider / Rost 1998, 221, 222).

▼ 387 

Und es ist dies (die Akzeptanz ausbeuterischer Verhältnisse auch durch die darin benachteiligten), was Althusser und Foucault als „subjektivierende Unterwerfung“ analysiert haben. Insofern schließt die Tatsache, daß sich Heteras in Übereinstimmung mit der hegemonialen Ordnung befinden nicht aus, sondern ein, daß diese Übereinstimmung auf Freiwilligkeit beruht. Die interviewte Person sagt selbst, wenn auch konsequenzlos: „Ich denke nicht, daß alle die Frauen lesbisch sind, und da sind nur ein paar Frauen, die das nicht wissen […].“

Statt der Heranziehung der (freiwilligen) Genese als Rechtfertigungsgrund ist also vielmehr eine inhaltliche Auseinandersetzung über die Beziehungsstrukturen erforderlich, um die Herrschaftskonformität oder Subversivität derartiger Strukturen beurteilen zu können.

Wenn es nun also auf die Freiwilligkeit des Vollzugs bestimmter Beziehungsstrukturen nicht ankommt, dann drängt sich eine andere Schlußfolgerung auf: butch/femme ist zwar ein Nein zum (biologistischen) Hetero/a/sexismus, es ist aber die schwächste Form des Neins, weil es ihn in kulturalistischer Weise reproduziert.

▼ 388 

Und es ist zugleich ein Nein zu einer konsequenten Absage an Hetero/a/sexismus, wie eine weiteres Zitat zum Bereich der Sexualität zeigt:

„Und – und auch beim Sex, like klar, daß jeder Junge würde ein andre Antwort haben, aber – ähm – äh – you know – die Ideen, daß – daß da gibt Frauen, daß so bereit bin, ihre ganzen Körper zu – zu schenken so – und – und lassen sie Dich – sie Dich anfassen und – und – und Liebe machen zu sie und alles – ähm – und denn erwartet nicht, daß sie die gleiche Recht hat – ja. Und – ähm – oder nicht sofort – oder nicht als nur klar – you know – wie – ich denke, in der Lesbenwelt normalerweise der – die Ideen ist, das – das – das – daß da gibt A und B und – und A hat die gleiche Recht auf B’s Körper als B in A. Und wenn nicht, denn es meint, daß jemand spielt ein sexuell {Anfang des Wortes unverständlich}-Spiel. Ähm – aber bei Butch-Femmes-Beziehungen, die Jungen-Mädel-Beziehungs und so, die gibt andre Regeln und das Femmes sind bereit, diese Regeln zu folgen oder zu respektieren, macht die Femmes auch. Weil – es ist dieses Respekt von die Selbstblick des Jungs – Junge.“ (I 4, Z. 1946-1960).

▼ 389 

Abschließend zu diesem Punkt ist anzumerken, daß die interviewte Person selbst eine gewisse Unstimmigkeit ihres (Freiwilligkeits-)Arguments zu ahnen scheint. Denn sie schlägt mehrfach vor, Heteras zu befragen, worin sie denn den Unterschied zwischen butch/femme und Hetero/a/sexualität sehen: „Aber – wie ich habe gesagt, daß {ein, zwei Worte unverständlich} für Fragen heterosexuelle Frauen, well. Sie wissen besser als ich, wie ihre Leben geht. {leicht lachend}.“ (I 4, Z. 2108-2111).

Zum ‚Parodie-Argument‘: Genauso wenig bietet schließlich das Argument der „Parodie“ eine Rettung für queere Herrschaftspraxen: Denn zum einen läßt sich dem Interview nicht eindeutig entnehmen, ob und inwieweit die interviewte Person ihre Praxen als ‚bloße‘ Parodie versteht (die Angaben dazu sind widersprüchlich; siehe dazu sogleich); zum anderen ist nach Butler (s. oben S. 186 mit Endnote 427) unklar, was der Unterschied zwischen Original und Parodie ist. Um so mehr muß also die ebenfalls schon angesprochene Möglichkeit in Rechnung gestellt werden, daß no one gets the joke (s. S. 101), der mit den geNOkos intendiert ist.

In Zeile 496 ff. sagt die interviewte Person im Hinblick auf ihre Bekleidungspraxis:

▼ 390 

„So, men, das ist die Dinge, es is, ich probier nicht immer zu passen, ich probier erst immer ein bißschen zu viel zu geben, so daß die Leute sieht, daß da gibt etwas, das stimmt nicht genau, also das die gibt dieses Zweideutigkeit oder vielleicht [Ambideutlichkeit?] und das ist für mich, was – was der Reiz und auch was der politische Stück da drin ist – ähm.“ (I 4, Z. 496-501).

Der Umfang und Stellenwert dieser ‚Übertreibung‘ bleibt allerdings begrenzt. Schon einige Zeilen zuvor heißt es:

▼ 391 

„Früher waren es immer Anzüge und auch ein bißchen Seide. Dann habe ich aber gemerkt, daß auch Männer nicht immer Anzüge tragen und daß das Anzug-Tragen nicht immer wirklich paßt. Ein Anzug ist manchmal ein bißchen zuviel ist; und so ich habe es ein bißchen gelockert und trage Anzüge nur noch, wenn ich denke, daß es paßt […].“ (I 4, Z. 483-488).

Etwas später bekräftigt sie noch einmal:

▼ 392 

„Ich nehme mein Männlichkeit im Moment vielleicht ein bißchen ernster und ich muß nicht ein Performance daraus machen – es ist nur, daß es so ist. Und so daß würde ich nicht so einen Kragen tragen in einer Situation, wo andere Männer so etwas nicht tragen würden. Und ich würde nicht ohne Grund einen Smoking tragen – nur weil ich könnte. Ich warten auf den richtigen Moment. Und so ist es auch mit diesen Kragen: Ich habe sie immer noch, aber ich ich trage sie nicht so oft. Denn ich möchte auch nicht, daß ich wie ein Clown aussehen. Also brauche ich eine Gelegenheit um so etwas zu tragen; und wenn ich dann eine Gelegenheit habe, denn ich trage es gerne.“ (I 4, Z. 1143-1156).

Wir sehen also erneut: Das Sein, die Praxis, ist stärker als das Bewußtsein. Aus Spaß wird Ernst: Während Person 4 anfangs noch versucht, „nicht immer zu passen“, ist sie nun darauf bedacht, der Avantgarde der §Männlichkeit zu folgen, also bspw. zu beachten, daß heutzutage auch männliche Angestellte, nicht mehr immer Anzug tragen: „Dann habe ich aber gemerkt, daß auch Männer nicht immer Anzüge tragen“.

(4) Sex: Erotisierung von Macht-Differenzen

▼ 393 

Wir hatten bereits oben (S. 182) erwähnt, daß Person 4 sexuelle Kontakte sowohl zu anderen Jungs als auch zu femmes, Liebesbeziehungen aber nur mit femmes hat.

Trotz dieses Unterschiedes (hinsichtlich Liebesbeziehungen) läßt sich eine Gemeinsamkeit zwischen den homo-gender Affairen und den hetero/a-gender Beziehungen feststellen – in beiden Fällen gilt: Differenz ist/macht geil:

▼ 394 

Ich achte darauf, „daß ich die Machtposition habe. Denn es ist manchmal schwierig für mich, daß es sexy bleibt, wenn wir eine Freundschaft haben, in der wir sind gleich [d.h.: beide Jungs sind]. Und gegenüber Frauen auch: Wenn wir spielen [d.h.: SM-Spiele machen], wechseln wir zwar auch die Rollen. Aber normalerweise bin ich der Top. Das ist die Erwartung, die auf der Frau lastet. Aber es war immer klar, daß das Spiel ist. Und dann haben wir unser [alltägliches] Leben [in dem es diese Rollenerwartung nicht gibt].“ (I 4, Z. 1730-1737).

Gegenüber diesem Postulat von den zwei getrennten Bereichen, kann vielleicht ein Zitat aus einem anderen Interview angeführt werden, das zeigt, daß diese beiden Bereiche durchaus nicht so getrennt sind und daß auch ein gelegentlicher Rollentausch die zugrundeliegende (im Medium der Erotik erfolgende) Affirmation von Macht-Differenzen (= Herrschaft150) nicht beseitigt:

▼ 395 

„Ehrlich gesagt, fällt mir dieses Wort ‚Spiegel‘ irgendwie so ein: Ob das vielleicht damit zusammenhängt, daß ich halt, je nachdem, mit welchem Partner ich gerade zu Gange bin, irgendwie halt dann das Pendant dazu bilde oder so. Das heißt, daß ich vielleicht kein Modell im Kopf hab oder auch im Unterbewußtsein nicht vorhanden ist, daß es auch zwei Gleiche sein können. Es ist eben ganz normal ist, – durch die Gesellschaft, in der ich seit 35 Jahren lebe – daß ich kein Gleichheits-Modell kenne. Deswegen bilde ich mir vielleicht unterbewußt ein: Na ja, wenn die andere meine Frau ist, dann bin ich natürlich der Mann. Anstatt zu denken, ich bin auch ’ne Frau, und sie ist eben auch ’ne Frau.“ (I 8, Z. 18-33).

Ist es wirklich überraschend, daß in einer Gesellschaft, die von herrschaftlichen Geschlechter-, Rassen- und Klassengegensätzen durchzogen ist, auch der Bereich der Sexualität in dieser Weise strukturiert ist? Ist es wirklich plausibel zu behaupten, daß das Macht-Spiel beim Sex nichts mit Herrschaft in „unser[em] Leben“ zu tun hat?! Ist dies gerade im Falle von Interview 4 plausibel, wo die Analyse der Selbstdarstellung, die die interviewte Person von ihren Beziehungsstrukturen (Hausarbeit und Beziehungsarbeit) gegeben hat, zeigte, daß diese sehr wohl von Herrschaft, dem (ausbeuterischen) Tausch von Arbeitskräften und Geld, strukturiert ist?!

(5) Resümee zu Interview 4

Wie gleich anhand der folgenden Interviews deutlich werden wird, ist Interview 4 das Interview, das dem de-konstruktivistischen Anti-Essentialismus am ehesten gerecht wird.

▼ 396 

Zugleich macht dieses Interview bereits ein grundlegendes Problem deutlich, das entsteht, wenn butch Identitäten inszeniert werden – insbesondere dann, wenn dies im Rahmen von butch/femme-Beziehungen geschieht –, und das sich daraus ergibt, daß (straighte wie queere) Geschlechtsidentitäten – wie Butler (1990, 60) sagt – nicht scheinhaft oder künstlich, sondern materielle Praxen sind (s. oben S. 91 f.): Ein Unterschied zwischen Original und Kopie ist – wie Butler (1991b, 27) ebenfalls sagt – nicht zu erkennen. Desgleichen ein Unterschied zwischen Ernst und Parodie; zwischen Herrschaftspraxis und vermeintlicher Subversion: ‚biologische‘ und ‚transgender‘ Männlichkeit gleichen sich fast wie ein Ei dem anderen.

Auch transgender Männlichkeit bedarf der komplementären Ergänzung durch Weiblichkeit, hier: der einer femme, mit der jene emotionale Tiefe möglich ist, die mit anderen Jungs nicht möglich ist; einer femme, die ihr Studium abgebrochen hat, als Verwaltungsangestellte und Sekretärin arbeitet (s. Tabelle 1) sowie die Hemden des Jungen, der sein Studium beendet hat und kompensatorische Zahlungen in die Haushaltskasse der getrennt wohnenden femme leistet, bügelt; einer femme, die paternalistisch beschützt werden kann und die akzeptiert, daß für den Jungen der Sex nur sexy ist, wenn er die Machtposition inne hat.

b) Interview 7

InterviewpartnerIn 7 ist ebenfalls eine ursprünglich weibliche Person, die sich nun als transgender boy versteht. Person 7 war zum Zeitpunkt des Interviews 28 Jahre alt. sieER studierte und hatte an der Uni außerdem eine Stelle als studentische Hilfskraft (Tutor). sieER hatte ein Einkommen von 1.800 DM und lebte allein.

(1)  Essentialismus in der theoretischen Praxis – konsequenzloser Anti-Essentialismus in der alltäglichen Praxis

▼ 397 

Während Person 4 einen anti-essentialistischen Anspruch hat, aber an einigen Stellen in essentialistische Vorstellungen zurückfällt, verhält es sich bei Person 7 eher umgekehrt. – Überspitzt ließe sich sagen: Während Person 4 Existenz und Notwendigkeit eines Wesenskerns theoretisch verneint, ihn aber spontan doch unterstellt, postuliert Person 7 theoretisch die Notwendigkeit eines Wesenskerns (evtl. strategisch eingesetzt, um die Realität der eigenen Jungen-Identität zu unterstreichen), erfährt aber praktisch, daß die Brüche und Widersprüche mindestens genauso stark sind – ohne allerdings deshalb die theoretische Position in Frage zu stellen. Ein anti-essentialistisches (oder de-konstruktivistisches) Selbstverständnis scheint letztlich – trotz der erfahrenen Brüche und Widersprüche – nicht attraktiv zu sein.

So erklärte Person 4 im Rahmen der Antwort auf die Eingangsfrage zunächst:

▼ 398 

„Also, ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich Dinge gibt, die männlich oder weiblich sind. Also, ich würde schon allein daran zweifeln, daß es männliche oder weibliche Eigenschaften gibt. Es gibt Inszenierungen von bestimmten Eigenschaften, die Männlichkeit oder Weiblichkeit zugeschrieben werden, aber ich glaube nicht, daß irgendwie, was weiß ich Mut oder was ist denn noch irgendwie eindeutig {ein Wort unverständlich} – was weiß ich – Aktivität oder Passivität oder sich sorgen um jemanden – also – daß das wirklich von sich aus weiblich oder männlich ist. Also, das denk ich, ist einfach so und es gibt verschiedenen Inszenierungen, die dann eben Weiblichkeit oder Männlichkeit zugeschrieben wird.“ (I 7, Z. 77-88.).

Dann schränkt sieER allerdings – bezogen auf die eigene Person und unter Berufung auf den phänomenologischen Begriff des „Leibes“151 – ein:

▼ 399 

„Also, ich glaube, letztendlich (also, oder das ist mein Problem bei der ganzen Sache, mich als transgender zu definieren), daß ich schon an einem gewissen Punkt, trotz Butler und trotz aller Dekonstruktionen irgendwie immer noch auf ‚nen Wesenskern zurückfalle. Also, ich merke, wenn ich mich ehrlich frage, warum definiere ich mich so und nicht anders – also, warum definiere ich mich als Junge und als transgender und nicht als Frau (wie meine Eltern das ja nun gedacht haben und mich auch so sozialisiert haben), dann kann ich sagen, ich empfinde Männlichkeit eher zu mir gehörend als Weiblichkeit oder das Mischverhältnist (in mir von Männlichkeit und Weiblichkeit) ist halt eins, das mich eher dazu bringt, zu sagen, ich bin Junge und ich bin eher männlich als weiblich. Aber letztendlich ist es schon so was, was mit Gefühlen zusammenhängt oder – ja – irgendwie mit so ’nem Wesenskern, trotz aller Dekonstruktion. Also, was ich ganz schön in diesem Zusammenhang finde, ist dieser Begriff der Leiblichkeit von Lindemann, also, diese Verschränkung von Gefühl und Geschlecht und also diese gefühlte Geschlechtszugehörigkeit. Also, weil ich denke, ohne kommen wir nicht aus. Ja. Also – so – und da mach ich das dann fest, daß ich sage, ich fühle mich irgendwie anders als es von mir von Geburt an erwartet wurde und das ist dann natürlich schon transgender.“ (I 7, Z. 95-117).

Soweit die Theorie – die dann kurz darauf für das eigene Leben unter dem Schlagwort „Anlagen“ folgendermaßen konkretisiert wird:

▼ 400 

„Und dann hab ich das sozusagen kultiviert, also das, was eh an Anlagen da war, weil ich immer eh mehr so der sportliche Typ war und da ich vom Dorf komme, auch eigentlich schon als Tomboy auch großgeworden bin. Also, […], meine Sozialisation […] war es eher, der Tomboy, der – der mich sehr lange begleitet hat, also, daß ich – so das Typische auf Bäume klettern und irgendwie mit den Jungs Fußball gespielt habe und – ähm – mich für all diese Dinge interessiert hab, also, viel so Raumfahrt und so, fand ich ganz aufregend und all das, womit sich eigentlich mehr die Jungen in meinem Umfeld beschäftigt haben, das hab ich halt auch gemacht“ (I 7, Z. 160-270). 152

Im weiteren Verlauf des Interviews gibt es dann aber Äußerungen, die den theoretisch postulierten Wesenskern wiederum in Frage stellen:

▼ 401 

„für mich Prozesse wichtig sind. Also, das merk ich in vielen Dingen – ähm – daß ich so immer so das Gefühl hab, wenn ich dann mal ’ne Weile auf mein bisheriges Leben zurückgucke, gefällt mir grade das, eben zu sehen, daß ich mich verändert hab und – ähm – daß Sachen anders geworden sind. Und – ähm – nicht von Anfang an so waren und auch veränderbar sind. Und das find ich eben ganz schön.“ (I 7, Z. 514-520).

Aber es gibt auch weiterhin Stellen, die sich auf das Passende bzw. das essentiell ‚Richtige‘ beziehen – allerdings nur in Form eines Glaubens der sich später (als die butch-Identität von der Jungen-Identität abgelöst wird) als Irrtum („ich dachte“ – Vergangenheit!) herausstellt:

▼ 402 

„Und in diesem Bild – ähm – der Butch und auch in dem Begriff der Butch – ähm – hab ich das gefunden und war Erleichterung, glaube ich auch, und endlich was zu haben, wo ich dachte, ja – ach so – und ich bin endlich was richtig – so – weil ich nicht richtig Frau war und dies nicht richtig und jenes nicht richtig.“ (I 7, Z. 597-601).

Aber auch in Bezug auf die jetzige transgender-/Jungen-Identität bleibt ein Schwanken hinsichtlich des Essentialismus erhalten:

▼ 403 

„Also, es ist – das verbuch ich einfach, wie vieles in mir, unter Brüche – Brüche und Widersprüche und – die auch manchmal schwer sind auszuhalten, aber dafür habe ich mich ja auch entschieden, sie auszuhalten. Also, ich hätte ja auch bei anderen Inszenierungen möglicherweise bleiben können. Wobei ich das noch nicht ganz beantwortet habe, dieses „ich hätte auch anders bleiben können“ – also, das ist – führt mich wieder auf den Eingang zurück, wo ich gesagt habe, daß transgender für mich auch viel mit Gefühl zu tun hat und in Anführungsstrichen – ähm – um sich nicht zu verbiegen – ähm. Aber ich hätte mich natürlich verbiegen können, so gesehen. Also, es ist schwierig, dieses so und nicht anders sein können,so und nicht anders sein können und wollen, weil transgender auch ’ne willentliche Entscheidung ist. Oder vielleicht ist es nur ’ne willentliche Entscheidung, das auch wirklich kenntlich zu machen, das kann auch sein.“ (I 7, Z. 970-983).

Auch dieDER Befragte 7 wird also dem Subversivitäts-Kriterium ‚anti-essentialistisches Selbstverständnis‘ nicht voll gerecht.

(2) Hausarbeit

Auch hinsichtlich der Hausarbeit ist der Befund im Fall von Interview 7 weniger eindeutig als bei Interview 4: Zwar übernimmt Person 7 einige Tätigkeiten, die normalerweise nicht zu einer männlichen Identität passen (Bad putzen, Bügeln). Neben diesen konkreten Angaben stehen aber viele allgemeinen Äußerungen, die einen konfliktlosen Pragmatismus suggerieren, die aber konkrete Erkenntnisse nicht ermöglichen.

Bad Putzen, Bügeln

▼ 404 

So heißt es über eine Zweck-WG, in der Person 7 gewohnt hat:

„Ich hatte mich dazu – weil – weil – ähm – ich bin ’n bißchen pingelig und – ähm – besonders das Bad muß eigentlich immer sauber sein und weil die andern beiden immer sehr schlampig waren, hab ich dann gesagt, okay, ich mache das Bad und ihr könnt Euch den Rest teilen. Und das hab ich dann eben eigenverantwortlich gemacht. Und das war auch immer sauber, im Gegensatz zum andern.“ (I 7, Z. 1666-1671).

▼ 405 

Vor allem über die Zeit des Zusammenwohnens mit der dritten Beziehung sagt Person 7:

Hm – und sonst – ja – mit N4 {Vorname der dritten Freundin} war alles – ähm – also, wir haben immer zusammen einkauft. Na ja, und so {pfff} ich weiß nicht – also, ich hab mehr geputzt und sie hat auch mehr gekocht, so. Also, damit sich das wieder ’n bißchen ausgleichen kann. Abgewaschen haben wir beide. Na ja, und ich hab gebügelt, so – weil ich halt ganz gerne bügle oder die meisten meiner Sachen gebügelt werden müssen – also, so Hemden und so. Dann hab ich für die meisten immer mitgebügelt. Aber das war in den kleineren WG’s häufig so, daß ich dann mal gesagt hab, hat – hat noch jemand irgendwie was zu bügeln oder so. So. Also, es ist mitnichten so, obwohl das immer alle von mir annehmen, daß ich voll der Macho bin und mich nur versorgen lasse. Also, das ist nicht so. Also, vor allem mit dem Auto bin ich dann meist einkaufen gefahren oder wenn ich mehr Zeit hatte, wenn die andern arbeiten waren, daß ich dann irgendwie als studierender Mensch dann ja mehr Zeit hab und mir das besser einteilen konnte.“ (I 7, Z. 1702-1717).

Pragmatismus

▼ 406 

Über eine große WG, mit über zehn BewohnerInnen, wird dagegen recht unpräzise („einfach so irgendwas“; „irgendwie“; „haben wir uns alle so geteilt“) gesagt:153

„In der ganz großen W- WG hatten wir eigentlich auch keinen Putzplan, da hat man sich ein- einfach so irgendwas – ähm – gemacht, daß irgendwie alle mal reihum gekocht haben. Wir haben immer zusammen gekocht, hatten auch meist irgendwie immer Besuch. Also, es waren immer so zwischen 15 und 20 Leuten da {lacht} und – ähm – alle haben ihr Zimmer gemacht, klar – und dann gab’s halt noch so Gemeinschaftsraum sauberzumachen und zu kochen und so und das haben wir uns alle so geteilt.“ (I 7, Z. 1673-1680).

▼ 407 

Ähnlich vage („halt alle was gemacht“; „schon sich abgewechselt“; „versucht“; „so was eben“) sind die Angaben über eine (andere) WG, in der auch die zweite Beziehung von Person 7 gewohnt hatte:

„Und – ähm – in der WG mit N2 {Vorname der zweiten Freundin} da war es so, daß wir auch keinen und dann halt alle was gemacht haben, was wir so wollten und auch immer so geguckt haben, daß es schon sich abwechselt. Also, ich hab dann versucht, ’n bißchen mehr zu putzen, weil ich nicht so gut kochen kann und auch nicht wollte und die anderen beiden einfach, also vor allem N3 {Vorname einer Freundin aus der WG}, ’ne begnadete Köchin ist und auch N2 {Vorname der zweiten Freundin} sehr gut kochen kann und einfach, die beiden haben auch mehr Spaß daran als ich. Also, ich hab dann nur die Küchenschabenhausarbeiten gemacht, wie Kartoffeln schälen oder so. Also, bei denen hab ich auch ’n bißchen Kochen gelernt. Und – ähm – na ja, ich hab dann halt eingekauft, so was eben. Also, weil ich halt ’n Auto habe und dann bin ich meistens gefahren oder wir sind zu zweit oder manchmal auch zu dritt gefahren.“ (I 7, Z. 1680-1693).154

▼ 408 

Und über die anderen WG („immer so“; „man sich verständigt“; „irgendwie“) heißt es:

„ Ja, und bei den andern WG’s – also, da – also, ich hatte fast eigentlich nie ’n Putzplan, glaub ich. Doch, einmal, genau. Da hatten wir ’n Putzplan {Räuspern} so ’ne Putzuhr – ähm – da waren wir auch zu dritt, aber sonst hatte ich eigentlich nie Putzpläne, sondern da ga- ging’s immer so, daß jeder oder jede – äh – das macht dann und daß man sich verständigt und daß es schon irgendwie sauber ist – war auch immer und – also, es ist – die WG’s waren natürlich alle unterschiedlich sauber oder auch nicht, ne.“ (I 7, Z. 1694-1700).

▼ 409 

Diese vagen Statements erlauben zwar keine Aussage darüber, wer/welche am Ende wieviel und welche Art von Hausarbeit leistete. Aber in einem bestätigen diese Ausführungen den Befund von Koppetsch/Maier/Burkart (1999) zur Hausarbeitsteilung im sog. „individualisierten“, hetero/a/sexuellen Milieu: Die Arbeitsteilung nach „Spaß“ und individueller Neigung, bringt diejenigen, die an Hausarbeit keinen Spaß haben, von vornherein in eine günstige, diejenigen, die Hausarbeit leisten, in eine ungünstige Position: Letztere leisten diese Arbeit nicht etwa, weil es entsprechende gesellschaftliche Zwänge gibt, – und weil, wenn die einen nicht putzen, es die anderen tun müssen, soll die Wohnung nicht verdrecken –, sondern weil sie Spaß daran haben. Selbst ein Anspruch auf Anerkennung oder Gegenleistung ist ausgeschlossen, denn es wird ja denjenigen, die ihren Neigungen nachgehen, ein Gefallen damit getan, daß ihnen die Arbeit / der Spaß nicht weggenommen, sondern überlassen wird:

„Jeder hat ein Recht auf seine Unordnung bzw. seine Sauberkeit. Niemand darf den anderen zur Sauberkeit zwingen. Wenn die Frau zum Beispiel den Abwasch macht, weil ihre Schmutztoleranz geringer ist als die des Mannes, obwohl der Mann ‚dran‘ wäre, dann ist das ihr persönliches Problem, kein Problem der Geschlechterrollen. […]. Weil der offizielle Diskurs keine Geschlechterrollen mehr zuläßt, kann die Mehrarbeit […] nicht […] honoriert werden, sie wird als Pingeligkeit, als Verhaftetsein in uralten Rollenklischees, als irrationale Handlungsweise oder als unnötiges Hilfeangebot zurückgewiesen. […]. Man tut so, als gäbe es keine Geschlechterrollen, um sie, gleichsam tiefer, auf der Ebene der Persönlichkeit erneut zu konstruieren. […]. Was zuvor Bestandteil eines festgelegten Rollenrepertoires war, […], wird nun zum individuellen Persönlichkeit stilisiert und ausserhalb der Gesellschaft plaziert.“ (Koppetsch/Maier/Burkart 1999, 618, 619, 620).

▼ 410 

In einem solchen Kontext ist schon die Frage, wer/welche wieviel und welch Hausarbeit leistet unpassend, jedenfalls nicht richtig verständlich und deshalb (von den Interviewten) auch nicht konkret zu beantworten. Dies bestätigt zugleich einen Befund aus der Studie von Klees (1992, 149 m.w.N.), die ergab, daß sich selbst Männer mit ‚partnerschaftlichem Anspruch‘ schlicht weigern, „zum Thema Hausarbeit Stellung zu beziehen“.

Konflikte über Hausarbeit, die den pragmatischen Frieden in etwas anderem Licht
erscheinen lassen, …

Auf Nachfrage nach Konflikten über die Hausarbeit wird dann doch noch berichtet:

▼ 411 

„Also, in dieser ersten WG, in dieser Zweck-WG, war ich oft unzufrieden, weil das Bad war immer sauber und alles andere war oftmals pekig und das fand ich echt ’n bißchen eklig. Ähm – ich hab dann immer mal wieder interveniert und gefragt – ähm – wie’s denn jetzt wäre {leicht lachend} mit Putzen – äh – das war nicht durchzusetzen und – ähm – ach, bei den andern ging’s eigentlich. Also, in dieser {großen; Anonymisierung der Mitgliederzahl} WG, da war ich dann schon ’n bißchen nicht mehr ganz so pingelig (--) und – ähm – das fand ich okay. Also, das fand ich auch erstaunlich, daß es mit {dieser WG; dito} eigentlich so gut klappt.“ (I 7, Z. 1888-1896).

„Na ja, da ich mich jetzt ja irgendwie – also, ich erinnere mich an keinen {Räuspern} na, doch einmal hab ich in dieser {großen; Anonymisierung der Mitgliederzahl} WG ’n Rüffel gekriegt. Da hab ich mich mal – ähm – ’n paar Wochen irgendwie zurückgehalten, nehm’ ich an, oder es war nicht so offensichtlich, und dann ging das aber schon, die haben sich dann schon einmal beschwert – ähm – aber sonst hab ich eigentlich nie ’n Rüffel bekommen. (----) Ja. (--) Na ja, doch, in der einen noch mal – da gab’s aber generell Unstimmigkeiten – also, bei ganz vielen Dingen und da hab ich auch nur drei Monate gewohnt, da bin ich dann eher ausgezogen. Also, da gab’s dann aber – das waren einfach Lebenseinstellungen und solche Geschichten. Und – ähm – so, denen war N2 {Vorname der zweiten Freundin} auch zu bourgeois und irgendwie, ich war ihnen zu komisch und, weiß ich auch nicht. Alles mögliche – und da, genau, da gab’s ’ne Putzuhr. Aber ich fand schon, daß ich eigentlich immer geputzt hab, aber – ähm – ich glaube, da paßte generell was nicht. Aber sonst gab’s, außer in – also, diesen einen Rüffel in der {großen WG; ; Anonymisierung der Mitgliederzahl} und diesen – diese Putzuhr dann, die da eingeführt wurde, gab’s eigentlich nicht so richtig – ähm – Gespräch darüber.“ (I 7, Z. 1900-1917).

▼ 412 

Auf weitere Nachfrage mit der Bitte um Konkretisierung wird nur hinsichtlich der großen WG noch einmal auf Hausarbeit eingegangen:

„Hm (--) also, in der {großen WG; Anonymisierung der Mitgliederzahl} – ja, ich weiß nicht, da – ähm – {Räuspern} ich glaube, den hab ich gekriegt, weil ich nicht so häufig gekocht hab. Und dann hab ich halt vorgeschlagen, na ja, ich könnte ja vielleicht dann – ähm – weniger kochen und dann irgendwie ’n bißchen mehr abspülen oder ich hatte dann abgespült auch nicht so häufig, weil ich auch immer gerne zwischen hier und da war – also, auch nicht so häufig da war, aber – ähm – ja, das hab ich dann auch eingesehen, daß ich mich schon ’n bißchen mehr hätte einbringen können. Also, die hatten so das Gefühl, daß ich {Räuspern} da nur schlafe und sie wollten schon auch gern, daß ich ’n bißchen mehr so für die Gemeinschaft tue, und das hab ich auch schnell eingesehen und war dann auch klar, daß ich das dann mache.

▼ 413 

Hinsichtlich der anderen WG wird der Rüffel wegen der Hausarbeit („aber sonst hab ich eigentlich nie ’n Rüffel bekommen. […] Na ja, doch, in der einen noch mal“) erneut auf die allgemeine Lebenseinstellung verschoben:

„Und – ähm – bei dieser – das war ’ne 3er WG – ähm (--) na ja, da, weiß ich nicht, da stimmte einfach die Lebenseinstellung nicht so richtig. Also, die waren (--) wie ich fand, sehr separatistisch. Ich hab mich halt drauf eingelassen, aber dann hab dann halt schon auch das Gefühl gehabt, irgendwie paßt das nicht so richtig für mich – weil, es ging um Männerpräsenz in der WG. Und – ähm – ja, ich weiß nicht, die (--) es paßte irgendwie nicht so. Also, irgendwie hat man das ja, daß man so eigentlich nicht zusammenleben kann. Also, sie fanden N2 {Vorname der zweiten Freundin}, glaub ich, komisch und irgendwie unsre Beziehung – also, und – also, bei N2 {Vorname der zweiten Freundin} zeichnete sich das ja schon noch deutlicher als bei – bei N1 {Vorname der ersten Freundin} schon ab, daß wir – ähm – schon irgendwie ’ne Butch-Femme-Beziehung haben und damit kamen sie nicht so richtig klar, glaub ich. Und – ähm – ich glaube, sie fanden N2 {Vorname der zweiten Freundin} auch ganz weibchenhaft, oder so. Ich weiß noch, eines Sonntags, ich weiß nicht, kam N2 {Vorname der zweiten Freundin} irgendwie aus meinem Zimmer und wir dachten, wir frühstücken jetzt mal miteinander und die haben N2 {Vorname der zweiten Freundin} angeguckt, als ob sie vom andern Stern war. Also, N2 {Vorname der zweiten Freundin} hatte halt rasierte Beine und lackierte Fußnägel und man sah richtig so, wie – wie so der {Räuspern} dieser Scanner von oben bis unten durchging, erst an den Beinen stoppte und dann diese Nägel sah und da war alles verloren. Also, es waren mehr so die (--) mehr so – na, irgendwie auch ’n bißchen Öko-Lesben, aber eben mehr so diese – Wir-haben-damit-nix-am-Hut-Lesben – autonom irgendwie so ’n bißchen. Und das – lief dann natürlich voll konträr irgendwie. Ja – und so – gab’s da ’n bißchen Komplikationen.“ (I 7, Z. 1921-1958).

… und der Umgang mit diese Konflikten

▼ 414 

Eine weitere Frage über die Lösung dieses Konflikts ergab, daß Person 7 diesen zunächst mit einer stereotypisierenden Bemerkungen (über das „L1a-Sein“ [s. das folgende Interview-Zitat] der MitbewohnerInnen) eskalierte, die Mitbewohnerinnen es ihr aber nicht gleichtaten, sondern ihr eine Brücke für das (zunächst) weitere Zusammenwohnen bauten („sie da auch gesagt haben, gut, dann gucken wir, daß wir Dich mehr reinholen oder so“):

„Na, ich bin dann ausgezogen. Also, es gab schon mal – ähm – weil die beiden aus ’nem ähnlichen Heimatort kamen – ähm – oder aus ’ner ähnlichen Gegend und sich schon länger kannten, hab ich mich so ’n bißchen komisch gefühlt – ähm – so zwischen den. Es war, als ich da einzog, nicht so abzusehen und – ähm – na ja, ich hab dann meinen Unmut über – ähm – also, die beiden waren L1 {Region, aus der die beiden Frauen kamen}, wobei dieses L1a-Sein {Substantivierung des zum Namen der Region gehörenden Adverbs} sozusagen, so kundgetan und das hat die natürlich sehr angegriffen und dann irgendwann mal platzte einer der Kragen und dann hab ich dann angefangen, darüber nachzudenken und hab dann gesagt, ja – klar – irgendwie – tut mir leid, aber es – ich glaube, es geht darum, daß ich mich halt immer so komisch fühle, daß ihr so beide aus B1 {Angabe eines Teils eines Bundeslandes} kommt und beide ’n ähnlichen Beruf habt und so – und ich so ganz anders bin und ich mir dann komisch vorkomme und so. Und haben wir – also, das war eigentlich ’n ganz gutes Gespräch – also, da war ich ganz froh darüber, daß wir das so gelöst hatten. Also, da lag die Lösung so im Gespräch, daß sie da auch gesagt haben, gut, dann gucken wir, daß wir Dich mehr reinholen oder so. Aber es war irgendwie – es waren zwei unvereinbare Welten oder (--) so – und dann, na ja, dann war die Lösung, einfach auszuziehen.“ (I 7, Z. 1962-1983). –

▼ 415 

Zusätzlich ist in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, daß Person 7 eine Zeitlang einen Putzjob ausgeübt hat (I 7, Z. 1804) – auch eine eher männlichkeits-unspezifische Tätigkeit.

(3) Grenzen des Paternalismus im speziellen und Reproduktionen des Hetero/a/sexismus im allgemeinen (1): Interview 7

Auch anhand der Interviews 7 und 15 läßt sich allerdings eine Reproduktion des Hetero/a/sexismus in den Bereichen Haus- und Beziehungsarbeit sowie Sexualität nachweisen – wobei dieser im Falle von Person 7 erkennbar schwächer ausgeprägt ist als in den anderen Interviews155.

Beziehung 1 (9 Monate, ca. 1990/91)

Eine hetero/a/sexistische Rollenverteilung hinsichtlich der Beziehungsarbeit läßt sich bei Person 7 noch am ehesten im Falle deren erster Beziehung feststellen: dieDER Befragte befindet sich in einer emotional „schwierigen Phase“ und erfahrt Rückhalt bei der Geliebten:

▼ 416 

„als ich meine aller erste Freundin kennenlernte, da war ich grad in ’ner sehr schwierigen Phase irgendwie – mit mir ging’s – ähm – überhaupt nicht so gut und – ähm – ja, ich hatte so das Gefühl, sie ist so die Macherin und sie kann mir viel Halt geben und dis hat sie auch getan und sie hat sich auch viel um mich gekümmert. Und – ähm – ja, ich hatte das Gefühl, sie hat sehr viel Rückhalt und hat für sich schon vieles geklärt und so. Das hat mich sicherlich auch gereizt. Ich hab sie dann leider ’n bißchen sehr überfordert und – ähm – also, emotional und das ist dann ganz bitter ausnandergegangen. Worunter ich auch sehr lange gelitten hab. Aber mittlerweile sind wir wieder sehr gut befreundet und das ist ganz schön so.“ (I 7, 1084-1095).

▼ 417 

„Und bei meiner ersten Beziehung – also, ich glaube, da war ich am – da war’s aller meisten so, daß ich sehr klein war und sehr hilfsbedürftig und das sehr, sehr ausgekostet hab und das war, glaub ich, die ungleichste Beziehung.“ (I 7, 1274-1277).

Gegen eine solche Interpretation dieser Sequenz spricht aber, daß die männliche Identität von Person 7 zu diesem Zeitpunkt156 noch relativ schwach entwickelt war 157; und auch die damalige Beziehung von Person 7 im geringeren Maße eine femme-Identität hatte als die späteren Beziehungen von Person 7 158. Auch war die Geliebte (s.o.: „die Macherin“; s.u.: „praktisch und packend“, „selbständig“) durchaus nicht auf den fürsorgenden Part beschränkt.

Die Arbeitsteilung hinsichtlich der emotionalen Reproduktion in der ersten Beziehung von Person 7 läßt sich also tatsächlich in plausibler Weise – wie es von Person 7 nahegelegt wird – (statt mit einer gender-Differenz) eher mit einer ‚Erfahrungs‘-Differenz erklären (Person 7 hat gerade ihr coming out 159; das der Beziehung scheint schon einige Zeit zurückzuliegen; sie hatte jedenfalls „für sich schon vieles geklärt“):

▼ 418 

„Also, wir waren zwar nicht so lange zusammen, neun Monate, damals, für meine aller erste Beziehung und so fest und so, war das natürlich Wahnsinn irgendwie, so. Und ich glaube, daß sie so praktisch und packend war und schon so viele Sachen gemacht hatte, das hat mich so begeistert, so – und auch – auch vieles gut konnte und so – und irgendwie so – vor allem sehr selbständig war. Also, das war was, was mich sehr beeindruckt hat, dieses so selbständig sein und so. Weil ich das damals, fand ich noch gar nicht, weil – also, da war ich grad ausgezogen und irgendwie da fing alles an zu schwimmen und da dacht ich so, Gott, ich werd irgendwie mit meinem Leben nicht fertig und all das, und sie hatte das so offensichtlich – ging das so gut. Ich meine, natürlich habe ich das alles ’n bißchen sehr rosa gesehen, aber – ähm – so das war sicherlich das, was mich auch sehr beeindruckt hat an ihr.“ (I 7, Z. 1097-1111)

Person 7 bewertet ihr damaliges Verhalten inzwischen selbstkritisch und bemüht sich um ‚Wiedergutmachung‘:

▼ 419 

„Aber da hab ich mich sehr auf – also, sehr – hab ich mich sehr von ihr auffangen lassen und sie einfach sehr überfordert, auch emotional. Das war nicht so schön, das tut mir auch sehr leid heute. Aber andererseits haben wir das auch – na ja, soweit man so was klären kann, halt geklärt und mittlerweile ist die Freundschaft halt einfach schön und da denk ich so, versuch ich halt, was gutzumachen im Endeffekt oder einfach jetzt für sie dazusein, weil ich auch ’n andrer geworden bin.“ (I 7, Z. 1279-1286).

Auch jetzt erhält Person 7 aber weiterhin emotionale Unterstützung durch die Ex-Beziehung:

▼ 420 

„Also, und das find ich auch ganz schön an der Freundschaft, eben zu sehen, daß ich doch ’n bißchen gewachsen bin. Oder auch von ihr dann die Rückmeldung zu bekommen. Das fand ich ganz schön.“ (I 7, 1288-1291).

In den beiden anderen Beziehung scheinen – nach der Darstellung von Person 7 – eher die jeweiligen Geliebten die nutznießenden160 oder dominierenden gewesen zu sein 161, während sich die interviewte Person den verschiedenen Charakteren162 der Geliebten komplementär angepaßt hat. So ist in der zweiten Beziehung die Geliebte der „häusliche Typ“ und in der dritten die interviewte Person selbst der „ruhende Pol“ bzw. ‚bodenständige Charakter‘:

▼ 421 

„Und – ähm – ja – da war’s, glaub ich so, daß ich – ähm – in der zweiten Beziehung, die ich hatte – ähm – den Schwung so reingebracht hab. Und – ähm (--) ja – immer mal so vorgeschlagen hab, was wir so tun könnten oder neue Dinge so reingebracht hab. Also, hat sie auch – also, dis ist nun nicht so, daß sie irgendwie die volle Langeweilerin war, überhaupt nicht, gar nicht, aber sie ist mehr so der häusliche Typ.“ (I 7, Z. 1263-1269).

▼ 422 

„Also, ich glaube, in der letzten – ähm (--) Beziehung war’s so, daß ich so der ruhende Pol war, ganz im Gegensatz zu meiner aller ersten Beziehung. Und das fand ich ganz gut – also, daß ich so das Gefühl hatte – ähm – ich bring da so ’n bißchen – ähm – ja, Ruhe rein oder so ’n bißchen (--) na ja, Halt, den hat sie mir auch gegeben. Das würd ich so nicht sagen, aber – ähm (--) na ja, so was Bodenständiges eben – ne – so rein – und – bin dann halt für – für solche Dinge eben verantwortlich.“ (I 7, Z. 1212-1218).

Beziehung 2 (ca. 1995)

Zur zweiten Beziehung bleiben die Angaben (wie schon in FN † auf S. 198 angedeutet) sehr unklar (selbst über die Beziehungsdauer erfahren wir nichts):

▼ 423 

„Ähm – und bei N2 {Vorname der zweiten Freundin} war es so, daß wir uns irgendwie nicht so richtig streiten konnten. Also, es war zu harmonisch und – ähm (--) ja – es ist – ähm – ich hätte, glaub ich, aktiver sein müssen. Also, auch sie konnte sich nicht so richtig fallenlassen. Also, vielleicht emotional, aber – ähm (--) ja – also, so im Bereich Sex nicht so richtig. Also, da war’n die (--) gab’s – also, wir hatten schon – wie ich fand, schönen und guten Sex, aber sie konnte sich beim Sex nicht so fallenlassen und das wurd dann irgendwie mehr und mehr zum Problem. Aber, ich glaube, letztendlich lag’s daran, daß wir zu – das irgendwie zu harmonisch war und zu wenig Grenzen und zu wenig Reibung da war, die man ja eigentlich auch braucht.“ (I 7, Z. 1447-1458).

Vielleicht kann aus der Kritik am ‚Nicht-Fallenlassen-können‘ (beim Sex) eine Kritik an einer Nicht-Erfüllung der Rollenerwartung an eine femme (nicht einfühlend-emotional genug; zu cool; daß sie „abgeblockt“ hat [I 7, Z. 2893]) herausgelesen werden.

Dieses Problem wird später noch einmal angesprochen:

▼ 424 

„Ähm (-----) na ja – also, bei – bei einer Beziehung war’s schon so – also, bei N2 {Vorname der zweiten Freundin} und mir war’s schon so, daß – daß wir dann irgendwann zu festgefahren waren. Also, ich denke, das war auch ’n Punkt, warum – warum es dann zu dieser Trennung kam – also, daß sie – daß wir aus dieser Dynamik nicht rauskamen, daß – ähm – sie eigentlich schon gerne gefickt werden wollte, aber wir irgendwie den Dreh nicht gekriegt haben, denn wenn – immer in dem Moment, wo ich dann auch das gerne gemacht hätte, hat sie abgeblockt. Und das war – also, wir kamen nicht so weit, daß wir wirklich das ausgleichen konnten, weil sie sich immer davongestohlen hat und sozusagen immer gesagt hat: Nee. Oder dann eben genau wußte, was sie tun muß, damit ich sozusagen mich einfach nur noch auf den Rücken lege, {leicht belustigt} irgendwie. Und – ähm – ja. Also, das hätten wir schon ändern wollen. Es ging aber irgendwie in dem Punkt nicht oder zu der Zeit nicht. Ja. Es war auch ein Grund, denk ich, für die Trennung.“ (I 7, Z. 2886-2900).

In die gleiche Richtung könne der Sexappeal-Vergleich hinsichtlich Beziehung 2 und 3 gehen:

▼ 425 

„Also, noch – noch mehr als meine zweite Freundin und noch mehr dieses – ähm – ja – daraus auch ’n bißchen Kapital zu schlagen. (--) Und ich glaube, meine dritte Freundin hatte am offensten so ’n Sexappeal. Also, sehr deutlich – also, fand ich dis immer sehr angenehm. Also, dis – wenn – wenn ich dis so ausdrücke, hört sich das möglicherweise ’n bißchen plump an, aber das ist es gar nicht. Also, sie – ähm – also, sie hat so ’ne sehr erotische Aura, find ich, und – ähm – ja, das ist so ’n – ist so was wie ’n sexuelles Versprechen und das hat mich natürlich auch unglaublich gereizt, so. Also, auch ganz klar – ähm – zum Begehren zu stehen und auch Begehren eindeutig zu inszenieren. Und das hat mich auch sehr gereizt an ihr.“ (I 7, Z. 1261-1272).

Dies wäre dann – im Gegensatz zum vorstehend zu Beziehung 2 und 3 Gesagten – doch ein gewisses Hetero/a/sexismus-Indiz; ein definitives Urteil ist aber nicht möglich. –

▼ 426 

Bemerkenswert ist außerdem, daß Person 7 im weiteren Verlauf des Interviews einen anderen Trennungsgrund anführt, der nichts mit dem ‚zu wenig streiten‘ zu tun hat (bzw. wo ein solcher Zusammenhang weder offensichtlich ist noch expliziert wird). Vielmehr wird als Trennungsgrund nun eine Affaire der Geliebten und im dem Zusammenhang deren mangelnde Ehrlichkeit angesprochen:

„Ich glaube, ich hab mich sehr über die Trennung von N1 {Vorname der ersten Freundin} geärgert. Also, so, wie das so gelaufen ist und weil das sehr unschön war und – ähm – weil ich mich da sehr vorgeführt gefühlt hab.“ (I 7, 1497-1500).

▼ 427 

Im einzelnen führt Person 7 dazu aus:

„ Na ja, sie – sie war mit ’ner Dame befreundet, mit der sie dann auch zusammenkam und ich hab immer so nachgefragt, ob sie denn mehr mitnander hätten und wußte dann auch, daß sie irgendwie, weiß ich nicht, mal mitnander rumgeküßt hatten oder so, aber -. Dann gab’s so Situationen wie – ähm – wir wollten uns irgendwie morgens treffen und ich sollte sie von zu Hause abholen und sie war nicht da und natürlich wußte ich wo sie war. Ich meine, es gehört ja {leicht lachend} auch nicht so viel Phantasie dazu, vor allen S2 {Ortsangabe}, wo die Szene klein ist und eigentlich alle irgendwie fast Nachbarn sind – hm – und ich dann vorher extra bei ihr in der WG angerufen hatte, weil ich mir das schon dachte, wenn ich da jetzt auflaufe und die andere da ist, kriege ich nur ’n Haß und werde da irgendwie zum Mörder und – ähm – na ja, statt dessen war irgendwie, war sie eben bei der andern und – ähm – dann hab ich mich halt ins Auto gesetzt, das Auto vor’s Haus geparkt und – ähm – hab dann auf sie gewartet. Und dann kam sie um die Ecke und wollte mir dann weismachen, daß sie nur kurz weg war oder so, {Husten} zum Brötchenholen oder so – weil, sie kam nämlich, glaub ich, auch mit ’ner Tüte Brötchen oder irgendwie so. Auf jeden Fall, das war so offensichtlich, daß sie mich angelogen hatte und – äh – also, da hatte ich mich geärgert. Aber andrerseits, ich meine, es ist natürlich, man will ja auch nie der Arsch sein und man will ja auch versuchen, die Situation zu retten. Also, ich kann das auch verstehen, daß sie so gehandelt hat. Ähm – aber ich glaube, ich bin da sehr – sehr, sehr ungehalten, wenn ich das Gefühl hab, jemand lügt mich an oder jemand hält – hält Informationen zurück. Also, da – daß war, glaub ich, bei allen dreien so, weil mich – weil’s alle sehr schnell – also, ent- – also, meist hatten sie schon die Affäre mit der anderen, wegen der oder wegen dem sie sich dann getrennt haben, während unsrer Beziehung oder es zeichnete sich zumindest ab – ähm – daß zumindest irgendwie schon Knutschereien oder irgendwie mitnander ins Bett gegangen wurde, oder so. Und – ähm – ja, irgendwie war’s immer so, daß ich nicht so ganz im Bilde war und immer das Gefühl hatte – ähm – ich spür mehr als sie mir sagen und – na ja. Klar kann man verstehen, daß sie dann erst mal irgendwie gucken wollen, was – wie’s denn jetzt so ist, aber da hab ich mich halt jedes Mal so geärgert. Ich weiß nicht, wie ich’s selbst handhaben würg – würde, deswegen –.“ (I 7, Z. 1504-1539).163

Beziehung 3 (2 Jahre, 1996-1998)

▼ 428 

Über die dritte Beziehung heißt es:

„ Und – ähm – meine Schwäche war da sicherlich, daß ich – ähm – eigentlich zu viel getan hab oder zu viel – ähm (-----) um das mal fies auszudrücken, ich hab ihr zu viel durchgehen lassen. Ich glaube, ich hätte mehr – ähm – in vielen Dingen mehr widersprechen müssen. Aber das passiert mir häufig, wenn ich jemanden sehr liebe, daß ich dann mehr oder minder alles für sie tue und – ähm – das ist nicht gut, zumindest denk ich das mittlerweile. Daß man – also, ich hätte einfach mehr bei mir bleiben müssen, da ’n bißchen mehr sein müssen – ach, nee, hab ich heute keine Lust zu – oder – ähm – heute machen wir das mal anders. Aber ich hab mich sehr nach ihr gerichtet und das war vielleicht nicht so gut. Obwohl ich das in dem Moment nicht so empfunden hab. Ich hab – empfinde das erst jetzt so im nachhinein, wenn ich darüber nachdenke, daß ich so denke, ja, ich hätte mehr – ähm – deutlicher Grenzen ziehen müssen in manchen Dingen.“ (I 7, Z. 1219-1232).

▼ 429 

Person 7 kritisiert im Nachhinein, daß sie sich die Maßstäbe der Geliebten zu sehr zu eigen gemacht hat:

„und sie sich wahnsinnig aufgeregt hat, wenn ich mal irgendwie zu spät kam – also, und ich schon immer – also, mir das ’n – ’n sehr großen Druck gemacht hat – ähm – wenn ich wußte, ich komme zu spät und daß sie mir jetzt wieder irgendwie sagen, ja, Du bist aber zu spät und gleich wieder schlecht gelaunt ist und – ähm – mich dann wieder anpault und ich dann nicht irgendwann mal gesagt hab, weißt Du was, also, so geht’s nicht, irgendwie. Ich – ich fahre hier durch den – um Dich abzuholen, fahr ich – fahr ich irgendwie durch Ber- – also, ich mein, gut – das war nun nicht so weit, aber – ich meine, fahr ich im Feierabendverkehr und wenn ich zwei Minuten geschlagen, noch nicht mal, es war eigentlich eine Minute, zu spät komme, daß sie dann ’n Hermann davon macht, das kann so nicht sein. Aber, natürlich, hab ich – oder was hab ich ge- – ich hab dann halt gesagt, na ja, es ist ja nur eine Minute und ich hab mich gleich wieder so in diese Verteidigungsrolle reingebracht, daß ich gedacht hab, ja, ich hab ja auch ’n Fehler gemacht. Das – also – ich hab, glaub ich, ihre Maßstäbe zu sehr übernommen. Also, vor allem in vielen kleinen Dingen, und daß ich da nicht mal gesagt hab, nö, ich finde, wir sollten das aber anders machen.“ (I 7, 1237-1254).

▼ 430 

Bemerkenswert ist, daß Person 7 hier für ein Verhalten ihrer Geliebten, einer femme, einen Begriff („Hermann“) verwendet, den sie an anderer Stelle des Interviews164 zur Kennzeichnung männlicher Verhaltensweisen benutzt (und der wohl auch im allgemeinen Sprachgebrauch in letzter Weise verwendet wird). Wir gewinnen hier und an anderen Stellen des Interviews den Eindruck (s. S. 200, 203), daß sich Person 7 in diesen Beziehungen als unterdrückt ansieht.

Das Problem der unterschiedlichen Pünktlichkeitsvorstellungen 165 wird auch in einer weiteren Sequenz angesprochen:

▼ 431 

„ Na ja – ähm – ich glaube, bei N4 {Vorname der dritten Freundin} habe ich mich immer geärgert – ähm – wenn sie mich mit irgendwelchen Zeitvorstellungen unter Druck gesetzt hat. Und – oder irgendwie – hm – weiß ich nicht, wenn ich so das Gefühl hatte, irgendwie – ähm – sie hat so das Gefühl, alles – alle Welt muß sich um sie drehn und gar nicht sieht, daß es auch mal – ich meine gut, natürlich dreht sich die Welt um Femmes. Da müssen wir ja irgendwie uns nichts vormachen, {leicht belustigt} aber andrerseits – ähm – ich glaube, ich hab mich geärgert, wenn sie manchmal nicht gesehen hat, daß es auch manchmal Gründe gab, warum sich die Welt jetzt grade nicht um sie dreht – vielleicht wieder ’n paar Stunden später, aber jetzt grade nicht. Und das fand ich manchmal sehr belastend oder ärgerlich, glaub ich. Sehr belastend ist jetzt einfach zu viel gesagt, aber – äh – aber ich hab es vielleicht auch zu wenig verbalisiert. Also, so, ich glaube – ähm – das war auch ’ne Manko unsrer Beziehung, daß ich – oder ’n Fehlverhalten meinerseits, daß ich nicht oft genug gesagt hab, so, so geht’s nicht. Und je weniger ich das gesagt hab, um so mehr hat sie natürlich probiert, wie weit sie gehen kann und dann – deswegen bin ich sozusagen auch ’n bißchen selbst schuld, daß es – daß es diesen Druck gab, den hab ich auch mit aufgebaut. Wenn ich gesagt hätte, N4 {Vorname der dritten Freundin} ist jetzt gut und so, dann wär’s vielleicht nicht so weit gekommen, aber ich hab’s dann halt auch schleifen lassen, weil ich nicht genau wußte, wie – wie ich das machen soll und weil ich natürlich Angst hatte, daß sie mich dann nicht mehr mag und solche Geschichten – und – ähm (--) ja. (--)“ (I 7, 1467-1491).

Ein anderer Konflikt war auch im Falle der dritten Beziehung die mangelnde Ehrlichkeit der Geliebten im Rahmen einer Affaire, die dann wiederum in die Trennungsphase mündete:

▼ 432 

„ Und – ähm – ja, mit N4 {Vorname der dritten Freundin} hab ich ja keine monogame Beziehung geführt – hm – also, die ersten fünfzehn oder sechzehn Monate de facto schon, danach gab’s dann halt von beiden Seiten irgendwelche Geschichten, die aber nicht zur Trennung führten und so. Aber dann kam halt für N4 {Vorname der dritten Freundin} – ähm – jemand Neues und – ja – war dann auch irgendwie – na ja – mehr oder minder, ’n halbes Jahr, ne? Ich glaube von März bis August, ja, im August hat sie sich getrennt. Also, ist das ’n halbes Jahr? Nein, ne? Irgendwie schon so. Also, das war dann schon so das Heftigste und das hab ich auch so irgendwann dann gemerkt, daß es andere Wendungen nimmt und sehr viel bedeutender ist als andere Dinge und kam dann natürlich sehr ins Schwimmen. Also, es gab auch Sachen, die irgendwie – also, vor allem von meiner Seite, wo ich das Gefühl hatte, N4 {Vorname der dritten Freundin} ist nicht im mindestens angetastet, überhaupt nicht. Also, da gab’s irgendwelche andern Interessen, die mich dann dazu veranlaßt haben, aber es war immer klar. Also, und ich hätte auch, wenn N4 {Vorname der dritten Freundin} gesagt hätte, ich will das nicht, hätte ich damit aufgehört, gar kein Thema. Das war für mich auch immer klar. Wir haben auch viel darüber geredet. Also, es war viel – wir haben sehr viel kommuniziert mitnander, nur diese eine entscheidende Sache, da hat N4 {Vorname der dritten Freundin} dann ’n bißchen aufgehört zu reden oder wir haben aneinander vorbeigeredet, das kann auch sein. So, oder ich vielleicht auch nicht mehr richtig zugehört. Also, ich – weil ich dann schon so eifersüchtig und – und – ähm – so v- verängstigt war und so schon den Verlust – Verlust vor Augen hatte, daß ich so – ähm – vielleicht auch nicht mehr richtig zugehört habe oder nicht so wirklich offen mehr war. ’n bißchen schade, ja. Aber na ja, ich glaube, selbst wenn ich offener gewesen wäre, wär’s glaub ich nicht zu was andrem gekommen, aber. Na ja, weiß man ja alles nicht.“ (I 7, 1553-1582).

Allerdings profitierte Person 7 – gerade hinsichtlich ihrer transgender-Identität – auch in der dritten Beziehung von der emotionalen Unterstützung der Geliebten:

▼ 433 

„Also, das fand ich auch ganz hinreißend irgendwie. Ich hab vieles mit ihr ausprobiert. Sie hat mich sehr unterstützt in dem Junge zu sein.“ (I 7, Z. 1182-1184)

Der Austausch zwischen Frauen® und Männern®: Persönliches oder Schönes gegen
Nützliches

Auch dieses Beziehungsmuster läßt sich im Falle von Person 7 nicht eindeutig nachweisen. Allenfalls läßt sich eine Sequenz, die wir oben bereits zitiert haben, in diese Richtung interpretieren:

▼ 434 

„Ich – ich fahre hier durch den – um Dich abzuholen, fahr ich – fahr ich irgendwie durch Ber- – also, ich mein, gut – das war nun nicht so weit, aber – ich meine, fahr ich im Feierabendverkehr und wenn ich zwei Minuten geschlagen, noch nicht mal, es war eigentlich eine Minute, zu spät komme, daß sie dann ’n Hermann davon macht, das kann so nicht sein.“ (I 7, Z. 1243-1248).

Für die praktisch-gegenständliche Leistung des Abholens wird als Gegenleistung Großzügigkeit hinsichtlich der – von der Geliebten als achtlos, weil unpünktlich, empfundenen – Durchführung der Leistung erwartet.

Selbst wenn wir annehmen, daß die Erinnerung von Person 7 richtig ist, daß es sich nur um ein, zwei Minuten gehandelt hat166, wäre die Struktur nicht weniger hetero/a/sexistisch: Dann mögen zwar statt der vermeintlichen Nachlässigkeit von Person 7 vielmehr die divenhaften Allüren der Geliebten kritikabel erscheinen. Von einem Miteinanderumgehen ohne Geschlechterstereotypen sind aber beide möglichen Varianten des Ereignisses weit entfernt.

Resümee: Widersprüchliches zur Kommunikationsfähigkeit

▼ 435 

Auch wenn hetero/a/sexistische Beziehungsstrukturen im Falle der Beziehungen von Person 7 nicht so offensichtlich sind wie im Falle der anderen Interviews, so läßt sich allerdings auch das Gegenteil nicht nachweisen. Zu widersprüchlich und unklar sind letztlich die Angaben. So heißt es einerseits in Bezug auf alle Beziehungen:

„Oder ich glau- – also, ich weiß nicht, vielleicht ist das in – in allen Beziehungen so ’ne Stärke, oder was heißt Stärke – also, was ich, glaub ich, also, seit neuestem so ganz positiv sehe, daß ich, glaub ich, immer wieder den Versuch mache, auf die andere zuzugehen. Also, soweit es mir halt möglich ist. Also, es ist mir vorher immer gar nicht aufgefallen, aber – ähm – ’ne Freundin sagte mir das letztens, daß sie das ganz – also, das ist – daß so aufgefallen sei und daß sie das ganz schön findet. Und dann hab ich angefangen, darüber nachzudenken und dachte, ja, stimmt irgendwie. Irgendwie hab ich immer versucht – ähm – so Kommunikationen herzustellen, daß man über Sachen nicht nur redet, sondern auch so – ähm – daß es ’ne Verbindung gibt. Also es – ich weiß nicht, das ist aber, das ist einfach so. Also, wenn ich jemanden erst mal mag, dann mag ich jemanden {lacht} und wenn ich jemanden liebe, was – was nicht so schnell passiert, aber wenn es denn passiert, dann auch so richtig und dann mag ich sie auch nicht so wirklich gehen lassen. Kann natürlich auch ’ne Schwäche sein, klar, aber – ähm – es hat auch den Vorteil, daß ich eben dann auch wieder befreundet sein kann nach ’ner gewissen Zeit mit dem. (--) Ja, das fällt mir so jetzt erst mal ein.“ (I 7, Z. 1291-1309).

▼ 436 

Dann wird aber wiederum speziell über Beziehung 3 gesagt:

„N4 {Vorname der dritten Freundin} und ich haben verschiedene Formen gehabt. Also, wir haben uns – ähm – entweder versucht, konstruktiv damit ausnanderzusetzen oder ich hab sie mit fiesen Sprüchen gepiesakt oder – ähm – wir haben uns auch gegenseitig angeschrien. Ähm – also, da war sozusagen die ganze Palette dann so dabei. Ähm – oder auch beleidigt sein und nicht mitnander reden – also, alles so. Und mit N1 {Vorname der ersten Freundin} – ähm – die hab ich mit fiesen Sprüchen traktiert. Also, weil ich nicht so ’ne ausgeprägte wirklich ernsthafte Streitkultur hab. Also, ich kenn das nur, man schreit sich gegenseitig an und eigentlich wollt ich das nicht und dann wußt ich nicht, wie man’s anders macht und dann – bei N1 {Vorname der ersten Freundin} hab ich dann halt immer so fiese Sprüche gemacht. Also, immer so diese typischen Stichelein. So. (-----) Ja.“ (I 7, 1591-1603).

▼ 437 

Auch hinsichtlich der anderen Beziehungen schien es um einen konstruktiven Umgang mit Konflikten nicht allzu gut bestellt gewesen zu sein167:

„Also, ich glaube, daß ich das [= die Person die Konflikte zum Thema macht] meist war, in allen dreien, drei Beziehungen. (--) Hm – würd ich sagen. Ich mein, natürlich, sie hat auch {ein Wort unverständlich} mit einen der anderen dreien, andern drei, was gesagt, aber ich glaube, so in Gänze, war ich das eher. {Räuspern}

▼ 438 

I: Wie wurden die denn gelöst?

▼ 439 

F: Ja, unterschiedlich. Also, wie gesagt, bei N2 {Vorname der zweiten Freundin} und mir gab’s ja nicht so viel. Die Lösung war letztendlich die {lacht} Trennung. Ähm – ja, N1 {Vorname der ersten Freundin} hat – hat sich dann ja irgendwann zurückgezogen. Ich glaube, das war ihre Lösung. (--) Na ja, und mit N4 {Vorname der dritten Freundin} – ähm (--) also, da hab ich mich dann oft angepaßt. Äh – also, da – das ist dann auch manchmal so, auch bei N1 {Vorname der ersten Freundin} gewesen, daß ich erst ’ne Frage aufgemacht hab und mich dann doch irgendwie wieder – daß ich dann doch wieder irgendwie ganz brav wurde. Aber mit N1 {Vorname der ersten Freundin} hab ich das nicht mehr so richtig im Kopf. Also, mit N4 {Vorname der dritten Freundin} ist das natürlich eindrücklicher, ist ja klar, und da hab ich mich dann schon oft auch – ähm – wieder irgendwie versucht dann best Freund zu sein, klar. Und manchmal ist der Konflikt nicht gelöst worden, also, vor allem in der – im letzten halben Jahr, das hat mich einfach sehr belastet mit dieser – ähm – Affäre oder dann eben auch Beziehung – ähm – daß ich dann – also, die nebenbei lief, mein ich jetzt. Also, da gab’s dann zum Teil auch keine Lösungen mehr, daß sie, weiß ich nicht, daß – daß wir uns dann nur noch angeschrien haben oder eine Partei gegangen ist oder so. Das war leider auch ’n bißchen unschön an vielen Stellen. (I 7, Z. 1606-1631).

(4) Sexualität

Hetero/a/sexuelle Stereotypen …

Auch Interview 7 – kann ebenso wie Interview 8 – gegen die These aus Interview 4, daß Sexualität (insbesondere SM) und (sonstiges) Leben getrennte Bereiche seien, angeführt werden. Vielmehr war für Person 7 das SM-Spiel gerade ein wichtiger Katalysator für eine generelle Vermännlichung (was von dieser Person aber nicht [selbst]-kritisch gesehen, sondern affirmiert wird):

▼ 440 

„Ansonsten ist vielleicht noch ’n wichtiger Punkt, wo transgender für mich so zum ersten Mal so ganz explizit wurde ist, so – ähm – die S/M-Szene, also so im – im S/M-Spiel hab ich zum ersten Mal so ganz deutlich meine Männlichkeit – ähm ausprobiert. Also, ganz deutlich eben auch meine Sexualität als männliche benannt. Also, für mich – also, ich – ich kann auch ’n Weg einfach zurückschauen. Ich bin nicht irgendwie so vom Himmel gefallen oder ich hab nicht irgendwann heute beschlossen, daß ich ab heute so bin und nicht anders und hab dann irgendwie ’n Bild aufgebaut, sondern das ist ’ne lange Entwicklung, bist- bist zum heutigen Zeitpunkt und – hm – da kam halt ein Männlichkeitsattribut zum andern“ (I 7, Z. 132-142).

Beziehungsloser Sex wird von Person 7 (wie auch von den anderen Interviewten, s. S. 186, 228) gerechtfertigt:

▼ 441 

„Und – ähm – (--) ’ne Affäre ist einfach – ähm – man versteht sich gut, vielleicht nur in gewissen Punkten, vielleicht nur im Sex oder – vielleicht auch – ähm (--) was weiß ich, daß man noch ’n paar andre Sachen zusammen macht, aber es ist nicht so ’n tiefes Gefühl und nicht so dieses Bedürfnis, alles – oder vieles, alles nicht – aber vieles miteinander zu teilen oder viel mehr voneinander zu wissen oder so – oder jemanden sehr nahe an sich ranzulassen.“ (I 7, Z. 2026-2032).

Ja, mehr noch – nicht einmal verliebtzusein wird also Voraussetzung einer Affaire angesehen:

▼ 442 

„Hmhm {verneinend}, muß nicht sein. #I: {leicht lachend}# Also, was zu Affären gehört, ist ’n – ist ’n Interesse, vor allem ’n sexuelles Interesse natürlich, das aber nicht unbedingt mit verliebt sein zu tun hat. Ja.“ (I 7, Z. 2083-2085).

Die Menge macht’s. Auf die Frage, „Gibt’s was, was Du an Deinen sexuellen Erfahrungen ändern willst?“ (I 7, Z. 2873), wird geantwortet:

▼ 443 

„Hm (---------) Na, klar, {leicht lachend} noch mehr Erfahrung. #I: {leicht lachend}# Nein, noch mehr schöne Frauen oder sexy Jungen oder so. Ähm – hm (--) Na ja, viellei- klar, würde ich noch mal gerne das eine oder andre ausprobieren, aber – ähm (--) also, ich glaube, es gibt nichts, was jetzt so ganz dringend wäre – also, so irgendwie – ähm (--) also, ich glaub, ich hab schon so einiges ausprobiert, was mir auch gut gefällt und – ähm – was wichtig ist, ist regelmäßigen Sex zu haben – also, immer mal wieder. {lacht} Also, ich glaube das – ähm – wäre nicht so schön für mich, wenn ich wirklich über längere Zeit keinen Sex hätte.“ (I 7, Z. 2873-2881).

Das alte hetero/a/sexuelle Stereotyp, daß (‚biologische‘) Männer und Frauen nicht befreundet sein können168, wird – wenn auch mit Bedenken – in einer ‚queeren‘ Version wieder aufgewärmt:

▼ 444 

„Ähm – {Räuspern} – na ja – also, grade im Zusammenhang oder im Gegenüber mit – mit Femmes ist es natürlich ’n ziemlich hoher Anteil, der da gespiegelt wird, weil es natürlich schon {Räuspern} in gewisser Weise ’n beidseitiges sexuelles Versprechen ist oder auch nicht. Also, zumindest ist es immer irgendwie ’n flirten. Egal, ob man – ähm – wirklich dem nachgeht oder nicht. Also, ich hab mich letztens ja ernsthaft gefragt, ob Jungs und Femmes überhaupt befreundet sein können, ohne daß sie irgendwie Sex mitnander haben {leicht belustigt} und hab dann auch so meine Freundinnen so gefragt und – äh – da gab’s ja unterschiedlichste Meinungen. Eine sagte, nö, nö, das geht nicht – also, da muß diese sexuelle Energie, wie es nannte, muß irgendwie ausgelebt werden – also, egal ob nun im Flirt oder eben wirklich im Sex, aber es geht – geht nicht wirklich – also, so ganz ohne. Und einige sagten, ja, natürlich, klar geht dis, wär ja auch schlimm wenn’s nicht so wäre {lacht} #I: {lacht}# und so. Na ja, ich bin noch zu keinem Urteil gekommen, aber ich denke – ähm – also, es ist – also, außer wenn ich wirklich schon lange mit denen befreundet bin – ähm – ist es schon so – also, da spielt dann – ähm – so ’n flirten vielleicht keine Rolle mehr.“ (I 7, Z. 2700-2718).

In diesem ‚hetero/a/sexuellen‘ setting, wird dann auch transgender Männlichkeit ganz konventionell mit ‚Potenz‘ und mit ‚ficken‘ (= nicht gefickt werden) identifiziert):

▼ 445 

„Und – also, Teil meiner Männlichkeit ist auch so – bestimmte Vorstellungen über – über Sexualität zu kommunizieren. Also – und – ähm – natürlich ist das Bild, das ich erwecken möchte, daß ich – ähm – kompetent bin, potent natürlich, klar.“ (I 7, Z. 2720-2723).

„Also, ich bin auch jemand – ähm – der eigentlich – ähm – eher aktiver ist. Also, ich laß mich nicht so häufig ficken“ (I 7, Z. 2836-2838).

▼ 446 

„Es trägt dazu bei in meiner Art Sex zu haben, unterstreicht natürlich meine Männlichkeit, klar.“ (I 7, Z. 2853 f.).

So verwundert es einerseits nicht, daß von Person 7 die Äußerung, „mit Dir ist es wie mit ’nem Mann ins Bett zu gehen“, nicht mehr als Kritik begriffen und nicht einmal mehr ernst genommen (sondern als Vorwand [„daß es nicht wirklich um den Sex geht“] angesehen) wird:

▼ 447 

„Also, ich hab mich schon noch als Butch – also, hab mich schon als Butch definiert, aber hätte noch gesagt, irgendwie, ich bin noch Lesbe, und dann hat sie mir vorgeworfen – ähm – mit mir ins Bett zu gehen sei wie mit ‚m Typen. {lacht} Und im nachhinein denk ich – ja. Was soll man da machen – aber? Also, damals war das irgendwie – weil das so klar war, es war ’ne Abwertung, es war so was: Du bist unsensibel und Du bist nur auf Dein eigenes – ähm – Vergnügen aus und so – ähm – was ich – was ich fand, eigentlich nicht war, aber – gut. Also, deswegen war das so bitter für mich, so ’n Vorwurf zu bekommen, aber heute würd ich sagen, ja, Baby, {leicht belustigt} hätt’s wissen können – aber.“ ( I 7, Z. 2963-2972).

▼ 448 

„was so ’ne Gelassenheit ausmacht ist, daß es mich nicht mehr so im Kern trifft, daß ich weiß – ähm – ich kann guten Sex haben und – ähm – ja – und abgesehen davon, ja, ich bin ein Junge und Du hättest es vorher wissen können bei der Inszenierung und so. Und – ähm – und mittlerweile würd ich genau diesen Vorwurf – also, das, was ich eben formuliert hab, daß um ‚nen – um ’ne Beleidigung eigentlich ging – ähm – hören und damals hab ich mir echte Vorwürfe gemacht und dachte, hab ich jetzt wirklich irgendwas falsch gemacht und so. Und heute müßten sie mir was andres sagen, um mich noch mal so treffen zu können als – ähm – mit Dir ist es wie mit ’nem Mann ins Bett zu gehen oder mit ’nem Typen. Also, weil – #I: {kurze Einwurf unverständlich} – aber, weil – weil es mir einfach klarer wäre, daß es nicht wirklich um den Sex geht, sondern darum, um mich irgendwie zu verletzen und dann eben ‚nen sensiblen Bereich zu nehmen.“ (I 7, Z. 2983-2996).

Selbst das ‚Angebot‘ der AutorIn (in Form einer weiteren Nachfrage: „Würdest Du trotzdem sagen, daß es was andres ist mit Dir ins Bett zu gehen als mit ’m Mann?“ [I 7, Z. 30004 f.]) das vorhergehende Statement durch eine allgemeine Äußerung, die vom konkreten Anlaß abgelöst ist, etwas zu relativieren, wird nur bedingt aufgegriffen169. Vielmehr folgt als Antwort – wie wir es schon aus Interview 4 kennen – noch einmal eine ausdrückliche Distanzierung von egalitären (dies darf wohl als Konnotation mitgelesen werden), lesbischen Konzepten170:

▼ 449 

„Keine Ahnung! Also, das Witzige ist, daß ich schon auch so (--) auf ‚m – also, daß auch mal ’ne Dame zu mir gesagt hat, daß sie sich noch nie so heterosexuelle wie mit mir gefühlt hat, obwohl sie schon mit {Räuspern} genug sozialisierten Männern ins Bett gegangen ist und da war ich dann auch überrascht und dachte: „Och, hm, hm.“ {leicht belustigt} #I: {lacht}# Fand das auch lustig, aber – ähm – ich – ich denke schon, das es was andres ist, aber – ähm (--) ich weiß nicht, woran es genau liegt – ähm (--) vielleicht daran, daß ich halt jahrelang ja nun lesbischen Sex irgendwie hatte und – ähm – möglicherweise nicht ganz so schwanzfixiert bin, obwohl ich andererseits – ich meine abgesehen davon, ich bin schon irgendwie schwanzfixiert, ’n bißchen, und dis ist also, mein Schwanz ist mir schon wichtig. Ich meine, ich muß ihn nicht immer gebrauchen. Aber – ähm – und ich weiß um die vielen anderen Möglichkeiten – ähm – Sex zu haben, was schon mal ’n Vorteil ist gegenüber, glaub ich, gegenüber sozialisierten – ähm – Männern. Also, von einigen Heterafreundinnen hab ich schon gehört – also, daß sie doch manchmal sehr schmalspurig sind, was ihren Sex angeht. Und – ähm – ja, aber andererseits hab ich auch schon wiederum gehört, daß es auch einige Männer gibt, die eben nicht so schmalspurig sind und da ist vielleicht kein großer Unterschied. Also, dis hab ich auch schon von ’ner – ähm – Freundin gehört, daß sie gesagt hat – na ja – ähm – weil ich sie auch gefragt hab, na ja, wie – wie issen dis so? Und dann sagte sie, nee, also, mit dem letzten Mann, mit dem ich im Bett war – ähm – das war so ähnlich. Und da hab ich gesagt: „Hmhm, na gut.“ #I: {lacht}# {leicht belustigt} Also, keine Ahnung. Ich bin da auch noch – ich mein, da gibt’s, glaub ich, auch kein einheitliches Urteil. Das ist, glaub ich so, was man – also, was diejenige auch oder derjenige von mir erwartet, so. Also, was spannend wäre, wäre, glaub ich mal – ähm – schwulen Sex mit ’nem sozialisierten Schwulen zu haben. Also, ich denke, das ist schon noch mal was anderes – aber, weil auch seine Erwartungen na- an- andere sind, aber – ähm – ich weiß nicht. Oder, na ja, gut, für Lesben wär’s vielleicht auch was anderes – also, aber – ich glaube nicht, daß wirklich jemand mit mir ins Bett gehen würde – also, ’ne – ’ne gestandene Lesbe, die wirklich nur – also, die wirklich auf andere Lesben abfährt beziehungsweise auf Weiblichkeit. Also, die würde mich nicht begehren – also, würde sie nicht mit mir ins Bett gehen. Also, wer mit mir ins Bett geht, denk ich – ähm – die oder der begehrt auch im – zumindest in dem Moment, vielleicht nicht immer und vielleicht unter Drogen oder sonst was {leicht lachend} – ähm – diese Art von Männlichkeit, die ich präsentiere, aber zumindest für den Moment, so, glaub ich – hoff ich, daß sie tun, was – also, {leicht lachend} wissen, was sie tun. So.“ (I 7, Z. 3006-3046).

…und antipatriarchale Postulate

Andererseits wird versucht, auf postulativer Ebene zumindest, dem ‚Ficken‘ eine nicht patriarchale Bedeutung zu geben:

▼ 450 

„eben zu ficken und das heißt, daß ich mich eben sehr auf meine Partnerin einlasse und einstelle“ (I 7, Z. 2839 f.).

Zu diesem Anspruch passen auch andere Äußerungen. So wird auf die Nachfrage „Was macht denn schlechten Sex aus?“ (I 7, Z. 2815) geantwortet:

▼ 451 

„Hmhm – also, ’ne Fixierung auf – auf ’n bestimmtes Ziel. Also, sei ’s irgendwie – entweder ’n Orgasmus zu haben oder Orgasmus zu produzieren oder – ähm – frag mich jetzt – zwei Stunden lang Sex haben zu müssen, oder – also, bestimmte Rekorde aufzustellen oder so – also, jeglicher Art von Zwang, irgendwas tun zu müssen oder irgend ’n – irgendwas zu entsprechen. Und auch so was wie – ähm – ’n Autopiloten einzuschalten und dann Standardprogramm abzuspulen und zu denken, damit kommt man durch. Also, das find ich für beide Parteien irgendwie – ähm – nicht so prickelnd. Also, wenn jemand auch sehr – sehr nur auf sich und sein eigenes oder ihr eigenes – ähm – Vergnügen – ähm (--) wie sagt man? geworfen ist oder so oder daran interessiert ist. Also, weil ich denke, Sex hat man miteinander und wenn – wenn’s nicht so ist, dann soll sie oder er sich einen runterholen oder was ich – was auch immer tun, aber irgendwie so, find ich – wenn’s kein – keine gemeinsame Basis gibt.“ (I 7, Z. 2815-2830).

Und auf die Frage, „Redest Du in Deinen Beziehungen und Affären über Sex?“ (I 7, Z. 2785), wird geantwortet:

▼ 452 

„Ja. Auf jeden Fall. Also, ziemlich viel, weil – weil ich – ähm – also, erstens, weil ich Sex sehr mag und – ähm – Sex auch wichtig für mich ist {Räuspern} aber vor allem, weil ich denke, daß dieser Mythos, daß wir einander an den Augen absehen, was wir wollen und was wir mögen und was wir nicht wollen – ähm – abgrundtief falsch ist. Und – ähm – weil ich eben lange genug zum Thema sexuelle Gewalt gearbeitet hab und denke, es ist unerläßlich, sich darüber zu unterhalten.“ (I 7, Z. 2786-2792).

Schließlich schließt Person 7 – anders als Person 4 – ‚biologische‘ Männer nicht kategorisch als Liebes-, oder zumindest Sexpartner aus:

▼ 453 

„Also, oftmals de- – also – also – ich begehre auch durchaus andere transgenderboys oder so die neueste Entwicklung ist, daß ich auch mal nach Männern irgendwie schiele und denke: „Hmhm, wie wär das irgendwie mit dem Sex zu haben?“ oder „Könnt ich mich verlieben?“ oder so, aber ich glaube, da geht’s erst mal um Sex und nicht ums Verlieben. Das ist was ganz Neues noch, wo ich immer so nachdenke, ja, wie – wie weit würde ich gehen? Und – ähm – was müßt ich haben, damit ich das auch als wirklich schwulen Sex empfinden würde?“ (I 7, Z. 561-568).

„Also, was spannend wäre, wäre, glaub ich mal – ähm – schwulen Sex mit ’nem sozialisierten Schwulen zu haben.“ (I 7, Z. 3032 f.)

(5) Für Person 7 ist Männlichkeit nicht nur ein Mittel des Aufstiegs im patriarchalen Geschlechterverhältnis, sondern auch ein Mittel des Aufstieg in der kapitalistischen Klassengesellschaft

▼ 454 

Wir hatten oben schon erwähnt, daß die geNOkos von Person 7 auch ein Produkt der Erkenntnis sind, „Mädchen sein heißt, irgendwie – man hat erst Mal die Arschkarte“. Die geNOkos sind für Person 7 aber nicht der Versuch, die Schattenseite des Geschlechterverhältnisses zu verlassen, sondern auch ein Mittel die Aufstiegsaspiration, die sie hinsichtlich ihrer Klassenlage hat, zu verarbeiten:

„Ja, das sind so, glaub ich, die drei großen Leitbilder für mich, die natürlich auch gegeneinander arbeiten, weil der Gentleman kann nämlich eigentlich nicht so gut mit dem Arbeiter, aber – oder umgekehrt – aber das muß man da einfach aushalten. {lacht} Also, es ist – das verbuch ich einfach, wie vieles in mir, unter Brüche – Brüche und Widersprüche und – die auch manchmal schwer sind auszuhalten, aber dafür habe ich mich ja auch entschieden, sie auszuhalten.“ (I 7, 966-973).

▼ 455 

„Leitbilder. Also, so – ähm (--) und das ist – ähm – das Leitbild des Gentleman, also daher auch diese Anzüge und – ähm – das Leitbild des Matrosen oder Seemanns. (--) Ja, das sind also so die Wichtigsten. Also, so vielleicht auch noch ’n bißchen das Leitbild so des Arbeiters, aber sehr – also das ist – das fällt, glaub ich, am Anfang nicht so auf. Also, das ist eher so ’n inwendiges – ähm – Leitbild. Also, weil ich eben auch aus ’ner Arbeiterfamilie komme und da natürlich den Mythos Arbeiterbewegung oder Mythos – ähm – Arbeiter dann schon verinnerlicht hab. Und der ist auch schon ’n Leitbild. Aber eher so im – im Verhalten oder, glaub ich auch, wie ich meine Wel- Welt so wahrnehme oder – so, der ist nicht so klar zu sehen, wie der Gentleman. Also, der ist natürlich nicht zu übersehen im Antel- – im Antelzug, ja – genau – #I: {lacht}# {betont} Anzug – so. Und der Seemann – ähm – ich trag halt viel – äh – Marineuniform, ist natürlich auch oft nicht zu übersehen. So, das sind so die Leitbilder. Und mit Gentleman verbind ich halt viel – ähm – ja – so galant sein und charmant sein und – ähm – sich aber auch im Griff haben, sich und vielleicht auch andere, aber auf ’ne sehr subtile Art und Weise. (--) Ähm (--) irgendwie auch gebildet sein, glaub ich, so kultiviert – kultiviert ist, glaub ich, ’n ganz gutes Wort und – ähm – ja, mit dem Seemann verbind ich so sehr – ähm – die weite Welt erkunden und so Abenteuer und – ja, so was alles – Abenteuerlust, immer wieder auf Reisen zu gehen, immer wieder Veränderungen sich anzugucken, viele verschiedene Sachen zu sehen und auszuprobieren und vielleicht mit nach Hause zu bringen. {Räuspern} Das ist so die Intention den – den Seemann zu wählen.“ (I 7, Z. 942-966).

Nicht besonders klar ist in diesem Kontext, was der Begriff „aushalten“ (I 7, Z. 970) bedeuten soll? Soll er bedeuten, daß eine Solidarität mit der Ausgangsklasse beizubehalten ist? Darauf deuten auch einige der im folgenden angeführten Zitate hin („deswegen bin ich mir da auch nicht so sicher, wie gut ich das finde“). Aber: Warum wird dies nicht deutlich gesagt? Und: Warum wird diese Solidarität im Falle „Klasse“ (versteckt) beibehalten? Im Fall „Geschlecht“ aber aufgegeben (s. dazu sogleich)?

▼ 456 

„Nicht in ’ner Hand, war nicht so das richtige – ähm (--) na, diesen andern Begriff eben, da mein ich – ähm (--) in sie – sozusagen – eher vielleicht so ’n bißchen – ähm (--) hm (--) also, nicht wirklich zu – zu beherrschen im Sinne – e – im – im Sinne von „ich bin der Boß und ihr macht alle, was ich meine – ähm – auch gegen Euern Willen“, sondern eher so, dadurch daß ich charmant bin, eher sozusagen zu überzeugen, daß es okay ist. Ich meine, es ist nicht weniger eine Machtstrategie – ähm – deswegen bin ich mir da auch nicht so sicher, wie gut ich das finde – also, da bin ich noch selbst mit mir im Clinch, aber es ist schon auch so ’n bißchen – ähm – glaub ich, diese Komponente im Gentleman, der ja sehr erfolgreich ist. Es ist ja ’ne sehr erfolgreiche Männlichkeit, die dargestellt wird, und das heißt, andere – ähm – ermöglichen einem – einem auch diesen Erfolg. Und das ist natürlich schon auch was – ich glaub, ich möchte gern erfolgreich sein. Ich glaube, ich bin schon ehrgeizig irgendwie und das trifft sich dann gut in dem (--) ja.“ (I 7, Z. 1009-1024).

Was beim Boss kritisch (oder zumindest: skeptisch) betrachtet wird, ist gegenüber femmes aber „schön“:

▼ 457 

„Ähm – und da ist es natürlich auch schon so, daß ich ihnen sehr als Gentleman begegne und – ähm – wenn ich in Diskussionen mit – ähm – mit Femmes bin, daß ich da wahrscheinlich diese Taktik auch anwende. Außer, sie sind mir sehr vertraut, da bin ich manchmal auch sehr un- ungeschmeidig. Aber das ist – weiß ich eigentlich auch, daß das nicht so {leicht lachend} schön ist.“ (I 7, Z. 1046-1052).

Schließlich finden wir auch in Interview 7 eine These angedeutet, die wir schon aus Interview 6 kennen: Nur die proletarische Männlichkeit ist unangenehm; der bürgerliche Mann ist dagegen – sexuelle – „kompetent“ – und (wie wir schon wissen): „gebildet“ und „kultiviert“.

▼ 458 

„Also, beim Gentleman wie – also, das hat dann natürlich unterschiedliche Abstufungen. Beim Gentleman ist es natürlich sehr viel – ähm – subtiler oder charmanter oder auf ’ner ganz andern Ebene als – ähm – also, ’ne bestimmte Kompetenz zum Beispiel – ähm – zu signalisieren als jetzt – also, ich mein gut, als – als Proll würd ich – würd ich nicht in der Öffentlichkeit agieren in dem Sinne, sondern – also, der würde das natürlich ganz klarmachen, daß er sexuell kompetent ist, ja?“ (I 7, Z. 2728-2735).

Als PolitikerIn sind wir weit davon entfernt, individuelles Aufstiegsstreben zurückzuweisen.171 Denn wir wissen, daß die Unzufriedenheit mit der Lage der Ausgebeuteten und Unterdrückten, die sich in diesem Aufstiegsstreben ausdrückt, auch notwendig ist für eine kollektive Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Und diese Umgestaltung soll – ist es erforderlich, dies zu betonen?! – einen ‚Aufstieg‘ der ausgebeuteten und unterdrückten Massen bewirken.

▼ 459 

Was wir aber (als Wissenschaftlerin) mit einem Urteil – nämlich dem Urteil: „nicht subversiv“ – versehen, ist: wenn individuelles Aufstiegsstreben ein kollektives Aufstiegsstreben ersetzt (oder gar nicht erst zur Existenz kommen läßt) – man/frau kann dies (je nach politischem Standpunkt) gut finden oder auch nicht, subversiv ist eine solche Ersetzung jedenfalls nicht.171

Genau dies passierte aber im Falle von Person 7:

Der Übergang von der lesbischen zur butch Position 172 und mehr noch der Übergang zur Position des Jungen markiert den Übergang von einer oppositionellen und kollektiven zu einer individualistischen und konformistischen (oder: herrschaftlichen) Strategie: Das Konzept der Lesbe (und vielleicht auch noch das der butch) beinhaltet die Aussage ‚Frauen können anders sein als das von ihnen im hetero/a/sexistischen Patriarchat erwartet wird‘:

▼ 460 

„dieses: Ja, Du bist doch ’n Mädchen und die haben dann so und so zu sein, […]. Und – na ja, deswegen, als ich dann mein coming out hatte, hab ich auf all diese Verhaltensweisen natürlich zurückgegriffen, also, die ich nie irgendwie abgelegt hab, also – ja. Ich hatte auch immer das Gefühl, ich – ich bin halt so und möchte auch so lieber sein. Also – und hab dann auch in der Schule immer so – na ja – nicht unbedingt so viel Kontakt mit Jungen gehabt, auch, also, ich hab – war schon auch mit – ähm – Jungen befreundet – ähm – aber ich war immer eher so ’n Außenseiter. Also, irgendwie nicht so ganz dazugehörend, irgendwie. Und wurd so von beiden Gruppen, also von Jungs und von Mädchen, so in Anspruch genommen und war eben mehr so der sportliche Typ. Gibt’s ja immer irgendwie in der Schule, mehr so die Mädchen, die so schick sind und von den Jungen begehrt werden, und dann eher so die kumpelhaften Mädels, mit denen die Jungs dann eben sich über Sport unterhalten und so. Und so war ich eben auch. Und als ich dann das coming out hatte, dachte ich: „Deswegen, hmhm, ich bin also lesbisch und deswegen bin ich eben so.“ Weil das Bild der Lesbe ja auch so geprägt ist.“ (I 7, Z. 196-213).

Spätestens mit der transgender Identität als Junge fällt dann dieser Bezug aufs unterdrückte Kollektiv weg (I 7, Z. 403: „ich bin keine Frau mehr“): 173

▼ 461 

„ich begreife Butch als – ähm – den noch am weitesten zur Weiblichkeit hingerichtete – hingerichteten Begriff einer männlichen Inszenierung“ (I 7, Z. 382-384).

▼ 462 

„Hm – bei – ähm – Jungen, also Transgenderboys, glaube ich, ist es distnicht mehr. Also, die sind schon ’n bißchen weiter von diesem – ähm – Konzept Frau entfernt. Also, ich glaube die kommen dann eher ins Grübeln und sagen möglicherweise, sie gehören weder zum einen noch zum andern – ähm – oder sie sagen halt – ähm – ja, ich bin Junge und das heißt, es ist ’ne ra- recht, recht reine, in Anführungsstrichen, männliche Inszenierung, die natürlich noch genügend Brüche aufweist, aber – ähm – es gibt nicht mehr so ’n – äh – Rückgriff auf weibliche Pronomen zum Beispiel oder am weib- auf weibliche Substantive, wie es bei Butch noch möglich ist – ähm – deshalb denke ich, es ist weiter vom – vom Konzept Frau entfernt. Und so handel ich disteben auch für mich oder behandel ich dis, daß ich denke – ähm – also, ich bin keine Frau mehr.“ (I 7, Z. 392-403).

Wir haben es hier also mit einer wirklichen Transition zu tun. Vielleicht haben wir es nicht ausschließlich mit einer individuellen Aufstiegsorientierung (aus der Erfahrung: „Mädchen sein heißt, irgendwie – man hat erst Mal die Arschkarte“, s. hier FN † auf S. 191) zu tun; aber soweit noch eine kollektive Position (also etwas anderes als individuelle Aufstiegsorientierung) möglich ist, kann diese nicht mehr oppositionell („anders“) sein, sondern nur noch darin bestehen, Konformität zu behaupten: ‚Auch Jungs sind Männer‘.

Diese Konsequenz wird allerdings ausdrücklich nicht gezogen. Aber über die Motive dieser Inkonsequenz können wir – nachdem die Identifizierung mit dem (Kampf des) unterdrückten Kollektiv(s) aufgekündigt wurde; nachdem eine solche Identifizierung als Grund also ausscheidet – nur spekulieren.

▼ 463 

Liegt es an einem neoliberalen Individualismus, dem jede kollektive Verortung – selbst die männliche – mißhagt?

„natürlich müßte ich noch Frau ankreuzen, aber das ist mir ja irgendwie zuwider, und Mann will ich auch nicht wirklich ankreuzen“ (I 7, Z. 257-259).

▼ 464 

Liegt es an der Erfahrung (von Person 7), als Mann von Männern nicht akzeptiert zu werden?

„die haben dann meist so die diese süffisante Tour drauf wie, bei uns Männern ist das alles ganz anders“ (I 7, Z. 2169-2171).

▼ 465 

„an einigen der Männlichkeitsinszenierungen, die mir dann über den Weg laufen – also, wo ich dann denke: Oh, nee! Also, die mich dann auch nicht ernstnehmen oder auch von den Frauen, die mich einfach als Frau einstufen und damit hat sich die ganze Sache und denen man das auch irgendwie nicht nahe bringen kann. Und – ähm – ja, ich weiß nicht. Das läuft irgendwie, da laufen die Uhren irgendwie anders. Also, es ist so – oftmals so diese, was mich so stört oder so verzweifelt macht, ist diese – oftmals diese Sicherheit, die – die – ähm – heterosexuelle Männer wie Frauen ausstrahlen. Ich meine, klar, natürlich ist es jetzt schwierig, grade in dem Zusammenhang mit – wie ich das auch schon vorher gemacht hab – von Männern und Frauen zu sprechen, aber – na ja, ohne die Kategorien läßt es sich ja nicht reden irgendwie, ne? Also, ich mein jetzt so, die Sozialisierung halt so. Also, manchmal scheinen die sehr ungebrochene Identitäten zu haben und so sich so ganz sicher zu sein, daß das, was sie tun, so richtig ist und so das – das einzig Wahre und daß es nur so geht. Und das alle, die irgendwie dis nicht tun, einfach nur pervers, krank oder sonst was sind.“ (I 7, Z. 2557-2573).

Was auch immer der Grund dafür sein mag, daß die Konsequenz einer Männer-Solidarität nicht ausdrücklich gezogen wird – der Bruch mit Frauen-Solidarität wurde jedenfalls vollzogen, wie wir oben (S. 210) gesehen haben, als „Emanze und Männerhasserin“ (I 7, 2215 f.) will Person 7 jedenfalls nicht gelten.

(6) Resümee zu Interview 7

▼ 466 

Interview 7 fällt in verschiedenerlei Hinsicht weniger eindeutig als Interview 4 aus: Einerseits waren für Person 7 gerade SM-Praktiken ein Katalysator für die Herausbildung einer allgemeinen männlichen Identität, was gegen die Annahme von Person 4 spricht, sexuelle und andere Praxen ließen sich ohne weiteres trennen. Anderseits enthält Interview 7 weniger Belege als Interview 4 für hetero/a/sexistisches Verhalten in den Bereichen Haus- und Beziehungsarbeit. Anworten zu Nachfragen über Konflikte über Hausarbeit und theoretische Überlegungen legen aber nahe, von diesem weitgehenden Schweigen von Person 7 zum Bereich Hausarbeit nicht auf eine egalitäre Verteilung derselben zu schließen. Dagegen fallen die Angaben zum Bereich Beziehungsarbeit ausführlicher und konkreter aus, was ihnen eine größere Glaubwürdigkeit verleiht. Als wenig subversiv ist schließlich aber die Art und Weise zu bezeichnen, in der sich Person 7 von ihremSEINEM Ausgangsgeschlecht verabschiedet – nämlich bei Aufgabe nicht nur der persönlichen Zugehörigkeit, sondern auch eines politischen, solidarischen Bezugs auf das benachteiligte Kollektiv, dem Person 7 ehedem angehörte.

c) Interview 15

Die Befragte Nr. 15 versteht sich als „heterosexuelle Lesbe“, d.h. als Lesbe, die butches und Jungs begehrt. Sie ist 28 Jahre alt und lebt allein. Zum Zeitpunkt des Interviews hatte sie eine Beziehung mit derDEM Befragten 4, davor eine Beziehung mit Person 7.

(1)  Selbst geNOko-Bekannte präsentieren Ursprungserzählungen

Auch Interview 15 ist ein Beleg dafür, daß es nur schwer möglich zu sein scheint, über das hiesige Thema zu sprechen, ohne irgendeine Art von Ursprungserzählung zu präsentieren. Da dieser Interviewpartnerin als Bekannte (hier: Geliebte) von geNOko-Praktizierenden befragt wurde, war es ihr nicht möglich eine Ursprungserzählung über eigene geNOkos zu erzählen; aber sie erzählt uns ungefragt und implizit eine Geschichte über den Ursprung ihrer Affinität zu geNOko-Praktizierenden: ‚Schon in der Schule kannte ich jemanden, von dem würde ich heute [„rückblickend“] sagen, daß er transsexuell war. Mit meinem Willen hatte das nichts zu tun [es war „zwangsläufig“]).‘

▼ 467 

„jetzt so rückblickend – also, ich würde – ich würde es sagen, die erste Person, die ich kennengelernt habe, ist schon in meiner Kindheit – dis war in – ein Junge, der – denke ich rückblickend – transsexuell war, in der Schule. So, den hab ich kennengelernt – oder der war in meiner Klasse und insofern zwangsläufig kennengelernt – äh – da hat – äh – ähm – da war aber irgendwie klar, nichts von, daß ich dessen – dessen Ausstrahlung irgendwie als irritierend empfunden hab, das schon, aber ich hab damals nicht weiter darüber nachgedacht und – ähm – aber es war ganz klar, der war außerhalb dessen, was alle anderen, einschließlich meiner Person, als normal empfunden haben. Weil, der war – äh – und trug fast immer Mädchensachen – äh – hatte langes Haar und – äh – war ganz, ganz heiß auf – ähm – wie hieß denn diese Sängerin damals? Kannste Dich bestimmt erinnern, so achtziger Jahre, die war transsexuell – ähm – aber ich – ’ne Engländerin mit so ’ner ganz tiefen Stimme – Amanda Lear – Amanda-Lear-Fan war der ganz hef- und der hatte ganz viele Bilder von der und wollte sein wie sie. Deshalb hab ich – äh – interpretier ich dis jetzt rückblickend so, daß er wahrscheinlich transsexuell war und – ähm – ja, das war sozusagen meine erste Begegnung – äh – und irgendwie, wenn ich jetzt feststelle, ja auch offensichtlich, den einzige, in – in dieser Richtung – irgendwie.“ (I 15, Z. 56-75).

Es scheint völlig unmöglich zu sein, zu sagen: ‚Ich war 55 als ich das erste Mal mit dem Thema konfrontiert wurde [oder mehr noch: mich das erste Mal für das Thema interessiert habe], und das war für mich zu dem Zeitpunkt eine völlig neue Sache, in die ich mich erst mühsam einarbeiten mußte.‘

▼ 468 

Zu dem vorstehend diskutierten Essentialismus paßt, daß Interviewpartner 15 einer ihrer Ex-Geliebten nachträglich – gegen deren erklärte Selbstdefinition („sich auch nie anders – äh – genannt hat“) – eine Nicht-Frau-Identität aufdrängt – Motto ‚Eigentlich war sie schon keine Frau mehr‘: Auch in Interview 15 gilt die butch Identität damit (wie schon in Interview 7; siehe hier S. 210 f.) als Grenzfall einer Frauenidentität:

„Also – also, chronologisch hat ich dann ’ne Beziehung mit – mit ’ner Frau, die würd ich denken, butchidentifiziert war, sich auch nie anders – äh – genannt hat, wo ich aber denke daß auch schon Ansätze dazu da waren, daß sie eigentlich sich nicht wirklich als Frau gefühlt hat. Also, nicht als Frau im Anzug, wie ich Butch identifiziere oder definieren würde, sich gefühlt hat, sondern sie hat das zwar gesagt, aber ich denke, da waren auch schon – äh – also, sie hat sich nicht wirklich als Frau gefühlt.“ (I 15, Z. 77-83).

▼ 469 

Auch in Bezug auf ihre eigene Person, bzw. in Bezug darauf, daß sie mehr transgender Jungen als transgender Frauen kennt, hat Interviewpartnerin 15 eine essentialistische Erklärung („liegt vermutlich in der Natur der Sache“) parat:

„Also, ich kenne im wesentlichen, das liegt vermutlich in der Natur der Sache, eher Transgenderjungs oder -boys, ich mein – also, Frauen, die sich nicht genau als Frauen identifizieren und auch nicht – weder so verhalten, noch so sind. Also, Frauen, die nicht wirklich Frauen sind.“ (I 15, Z. 26-30).

▼ 470 

Warum liegt das in der Natur der Sache? Weil sie nur Personen kennenlernt, die auch als Objekte des sexuellen Begehrens in Betracht kommen? Weil sie als ‚biologische‘ Frau nur mit anderen ‚biologischen‘ Frauen redet?

Wir wissen es nicht. Aber wie wir aus anderen Interviews wissen: ‚Essentialistisch [lies: Biologistisch] sind immer die anderen‘ [zur Vagheit des politischen Essentialismus-Vorwurfs vgl. unten sub B.III.3.f)(1), S. 237]. So auch im Falle von Interview 15:

▼ 471 

„Ich kann das nicht haben, diese Frauen, die da auf ihrem Chromosomen hocken und jeden wegschubsen, der da nicht reinpassen soll, will – ihrer Meinung nach. Ich weiß nicht, ob Du das mitbekommen hast, da gab es diese Veranstaltung in der ‚Begine‘. Da sollte Johnny auftreten und dann haben die von der ‚Begine‘ gesagt, nee, die wollen den nicht, weil der is ja ’n Mann.“ (I 15, Z. 1307-1314)., 174

Hier bezieht sich der Biologismus-Vorwurf („Frauen, die […] auf ihrem Chromosomen hocken“) auf den Ausschluß einer – so steht nach allem, was wir wissen, zu vermuten – ursprünglich biologisch weiblichen Person, die Männlichkeit performiert. Wir wissen nicht, woran die Frauen, die an dieser Performanz Anstoß genommen haben, sich gestoßen haben (Interviewpartner 15 teilt es uns nicht mit) – die (vermeintlich: männlichen) Chromosomen von „Johnny“ können es jedenfalls nicht gewesen sein! In Interview 15 wird also der Biologismus-Vorwurf in ähnlich unpräziser Weise vorgebracht, wie in Interview 13 der Essentialismus-Vorwurf. Beide Vorwürfe dienen der Denunziation all derjenigen, die Frauenräume – aus welchen Gründen auch immer und gegen wen auch immer – verteidigen!175 That’s high end philosophy of queerness!

Aber ihr eigenes Begehren scheut sich Interviewpartnerin 15, die Biologismus-Kritikerin, nicht in folgender Weise zu charakterisieren:

▼ 472 

„– ja – d- der ganz doofe, aber treffendere Spruch is – eh – ich steh auf Jungs, aber nicht auf Schwänze, ja – so. Das is es vielleicht. Ja. Also, ich stehe auf Maskulinität, maskuline Ausstrahlung oder so – ja – auf ’ne maskuline Identifizierung, Identität. Aber nicht auf – {zwei, drei Worte unverständlich} sind’s Penis oder Brusthaar, so. Dis nicht, ja.“ (I 15, Z. 1015 -1019).

Diese Charakterisierung wurde allerdings – auf ausdrückliche Nachfrage der AutorIn – im weiteren Verlauf des Interviews etwas relativiert (siehe dazu unten S. 220), aber es bleibt dabei: die spontane Erklärung des Begehrens durch Interviewpartnerin 15 ist biologistisch.

(2) Hausarbeit

In der Beziehung zu Person 7

▼ 473 

Hinsichtlich der Hausarbeitsverteilung in ihrer Beziehung zu Person 7 bestätigt Interviewpartner 15 im großen und ganzen die Angaben, die auch Person 7 gemacht hat.176

„Ach, eigentlich is – ähm – N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} ja fürchterlich häuslich – fürchterlich jetzt in Anführungsstrichen – eigentlich ga- – ich fand dis ganz, ganz schön eigentlich und wir haben – ja, wir haben es wirklich eigentlich mehr danach gemacht, was der andere irgendwie lieber mochte. Also, N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} hat mehr so gebügelt und so wirklich die Putzarbeit gemacht, ja – also, wischen, fegen, staubsaugen, staubwischen und ich hab mehr gekocht oder mehr die Wäsche an sich so gemacht – ja – und ja – gekocht, weil ich dis lieber mache und – ähm – weil ‚s eben diese Regel gibt, wer kocht, muß nicht abwaschen und weil ich abwaschen hasse und N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} – und ich N2’s {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} Kochkünste nicht so sehr geschätzt hab {leicht lachend} #I: {lacht}# – er aber meine – hm – haben wir dis dann halt so gemacht – ja, er hat dann immer abgewaschen und ich hab gekocht. Ja, und eingekauft haben wir zusammen, im wesentlichen – ja – so. Also, ich hab dann vielleicht ’n bißchen mehr eingekauft, aber – äh – weil dann eben ich auch wußte, was ich kochen wollte und dann is ja auch klar, daß ich dann eher was einkaufe, was ich dann grad kochen will, ja – so, weil ich dann mehr den Überblick hab, aber so den Großeinkauf haben wir schon immer zusammen gemacht, ja – so.“ (I 15, Z. 536-557).

▼ 474 

Allein hinsichtlich des Einkaufens deutet sich hier eine leichte Differenz an: Während Person 7 sagte, „wir haben immer zusammen einkauft“ (I 7, Z. 1703 f.) (und in Bezug auf eine andere WG zusätzlich erwähnte, „Also, vor allem mit dem Auto bin ich dann meist einkaufen gefahren“ [I 7, Z. 1713 f.]), findet folgendes (aus I 15) bei Person 7 keine Erwähnung:

„Also, ich hab dann vielleicht ’n bißchen mehr eingekauft, aber – äh – weil dann eben ich auch wußte, was ich kochen wollte und dann is ja auch klar, daß ich dann eher was einkaufe, was ich dann grad kochen will, ja – so, weil ich dann mehr den Überblick hab“ (I 15, Z. 552-555).

▼ 475 

Auch das Bügeln von Person 4 wird bestätigt – allerdings mit einer interessanten zusätzlichen ‚psychologischen‘ Erklärung177:

„Also, bügeln – weil er der Meinung war, daß ich dis mit dem Hemden bügeln nicht hinkrieg, was #I: {lacht}# natürlich schwachsinnig is, aber – äh – ja, da hatte er so ’ne ganz eigene Art, seine Hemden zu bügeln und dann wurden die immer – ohh – dann hab ich dis nicht richtig gemacht und denn hat dis – also, bügeln war sein – und dis – dis – ich denke, dis war – für ihn is es auch so ’ne – wirklich – dies beruhigt ihn auch, ja. Der hat dann fernseh geguckt und dabei gebügelt und ein – ein Hemd nach dem andern gebügelt und der hat wirklich viele Hemden und dis hat dann auch gedauert, aber – dis is auch so ’ne – dis is ’ne {leicht lachend} Selbsttherapie für ihn, glaub ich. Also, bügeln war eindeutig auch N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person}, N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} Ding, ja – so.“ (I 15, Z. 737-749).

▼ 476 

Zu weiteren Arbeitsbereichen wird ausgeführt:

„Staubsaugen, ja, hat N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} auch immer gemacht, aber nur, weil ich mit dem doofen Staubsauger nicht klar gekommen bin. Staubwischen eigentlich nicht – nee. Müll auch nicht – nö, so was gab’s nicht. […].Und Wäsche waschen, da bin ich immer so ’n bißchen pingelig, weil ich – weil ich gern die – die Wäsche eben sortiere, wie ich dis gerne haben möchte und aufhänge auch, weil – weil ich dis hasse, wenn irgendwie Knicker in dem T-Shirt sind und – und weil es nur falsch aufgehängt worden is. Das hab ich dann zum Beispiel immer gemacht. Ja, aber wir haben dis relativ – also, wie gesagt, wir haben da relativ – dis war auch – passte auch gut, ja. Also, wie gesagt – also, er – er kochte nicht so gerne und kochte dis aber auch nicht besonders gut, und ich mach dis gern und dann – ja, dann muß er eben abwaschen, auch wenn er dis gar nicht – auch nicht gern mochte, aber dis passte dann eben, ja – und er hat eben gebügelt und ich hab die Wäsche so gemacht, ja – also, dis – in die – sortiert und wieder reingemacht in die Waschmaschine und – und aufgehängt und wegräumt und so – ja. Also, dis hat sich relativ gut dann anein- eingespielt, so irgendwie. Nee, ansonsten – wie gesagt, haben wir ja och viel zusammen gemacht – also, eingekauft und so. Und klar, halt so ’ne Sache wie – irgendwie – Dinge anbohren, oder so was, hab ich auch nicht gemacht, hat auch er gemacht, so. Aber, weil er eben auch die Bohrmaschine hatte. Ich hab gar nicht so was – hmhm – so – ja.“ (I 15, Z. 734-737; 750-767).

In der Beziehung zu Person 4

▼ 477 

Auch hinsichtlich Person 4 bestätigt Interviewpartner 15 das meiste:

So wird bestätigt, daß Person 4 manchmal Getränke in die Wohnung von Interviewpartner 15 mitbringt:

▼ 478 

„Also, N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} geht auch mal hier einkaufen, irgendwas Schweres oder so, halt Getränke oder so, was ich nicht möchte oder – äh – nur so was – ja. Aber im wesentlichen mach ich dis hier schon allein – ja.“ (I 15, 568-572).

Auch die Schlampigkeit von Person 4 wird bestätigt. So wird von Interviewpartnerin 15 zur Frage des Aufräumens178 ausgeführt:

▼ 479 

„Hmhmhm – is schwierig, schwierig, schwierig – also – weil wir auch ’n unterschiedliches Empfinden davon haben, was aufgeräumt is und was nicht. Also, ich hab – ähm – für ihn einen Teil meines Schrankes ausgeräumt und ich guck da einfach nicht hin – ja. Es is – is – es lohnt nicht, ja, sich darüber aufzuregen, wie’s da aussieht, dis is – egal. Also – ja – nicht aufräumen – räumt nicht auf.

I: Und wie kommen die Sachen in den Schrank?

▼ 480 

F: Ich räume die da hin #I: {lacht}# oder er wirft sie rein. Passiert auch. Aber, manchmal räum ich sie – wenn sie frisch gewaschen sind, lege ich sie zusammen und räum sie rein, aber dis hat nicht wirklich Wirkung. Also, nur bis zum nächsten Mal, ja – das hat nicht wirklich – ja – nee – macht er nicht so viel. Gar nicht. Praktisch. {lacht} Kaum. Aber es is auch nicht so – also, es sie- – wie gesagt, er hat jetzt auch nicht Massen an Sachen hier oder so – aber, ich mach zum Beispiel die Wäsche – es macht einfach Sinn – äh – wenn – wenn ich meine Wäsche – sozusagen – alleine sammeln würde – würde ich viel länger quasi brauchen, bis ’ne Waschmaschine voll is […] und – warum sollen wir die Sachen – sozusagen – an zwei verschiedenen Orten #I: Hmhm# waschen – wenn – ja – das – mach ich ganz selbstverständlich mit – ja, dis macht auch nicht so viel Unterschied – also, für mich jetzt nicht so viel Arbeit mehr – ja – is halt nur öfter – so. Sonst macht’s keinen großen Unterschied – weil, er räumt natürlich seine schmutzige Wäsche dahin, wo sie hingehört und – ja – sonst – das muß ich jetzt nicht machen – also, es is nicht so, daß ich jetzt die dreckige Wäsche einsammle und dann dis dann irgendwie putzen muß hier alles alleine oder so – so is es nun auch nicht.“ (I 15, Z. 905-931).

Diese Schilderung erfährt bei Interviewpartnerin 15 eine besondere Zuspitzung in Richtung auf Unaufmerksamkeit bzw. Nicht-Mitdenken, wobei als Kontrastmittel noch einmal auf das Ordnungs- und Sauberkeitsbedürfnis von Person 7 hingewiesen wird:

▼ 481 

„Ja, also, dis war – oder daß er halt sich auch, wenn die Katze – äh – gekümmert hat – wo – worauf N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} wahrscheinlich nie kommen würde, ja, wenn ich nicht deutlich sagen würde, hier is ’ne Katze und da muß man auch mal dis Katzenklo saubermachen, würde er nie auf die Idee kommen, ja. Für N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} war dis selbstverständlich, aber dis is eben nur ’ne Frage von – äh – ja, unterschiedliche #I: Hmhm Wahrnehmung – was is sauber oder was muß man eben machen, ja – also, eben ungefragt Dinge zu tun, kommt N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} nicht drauf. #I: Hmhm# Ja, also, wenn man es ihm sagt, tut er dis auch, aber man muß es ihm sagen. Und N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} hätte man dis nie sagen müssen. N2 {Vorname der früheren Beziehung der interviewten Person} hat dis selbstverständlich ganz von sich aus gemacht, ja – so – da braucht es keine – keine Vereinbarung oder so – ja.“ (714-730)

Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Diskrepanz. Denn Person 4 hatte ihrerseits (mit deutlich paternalistischem Einschlag) als besonderes Charakteristikum eines Jungen hervorgehoben, die Wünsche einer femme zu antizipieren (s. oben S. 184). Diese Antizipationsfähigkeit scheint aber in der Praxis von Person 4 schon lange vor Erreichen der Paternalismus-Schwelle auszusetzen.

▼ 482 

Zusätzlich wird erwähnt:

„meine Wohnung hier is und – und er sein – sein Zimmer auch selber macht, ganz klar, oder ich dann nur ganz selten, wenn ich dann halt wirklich mal da bin, was nur selten passiert, dis ich dann halt da auch mal irgendwie mal mit staubsauge oder so, aber das is – passiert eigentlich nicht“ (I 15, Z. 561-565).

▼ 483 

„Fensterputzen? Nee, machen wir auch, macht er. Mach ich nicht. So. Das zum Beispiel macht N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person}. Fensterputzen, auch in meiner Wohnung. Ja – und ich dis nicht – nicht so gut kann, weil dis sind so riesige Fenster und denn muß ich mich hier raushängen müssen und so, dis – da weigere ich mich. {leicht lachend} Dis mach ich nicht.“ (I 15, Z. 780-786).

Interviewpartnerin 15 kocht, wenn sie von Person 4 besucht wird; wenn Interviewpartnerin 15 Person 4 besucht, wird meistens essen gegangen:

▼ 484 

„– äh – ja, ich koche auch, ja – ja – also, N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} kocht auch nicht so. Wenn wir bei ihm sind, kocht er manchmal, aber nicht wirklich – also, selten. #I: Hmhm# {lacht} Wir gehen dann meistens essen. So.“ (I 15, Z. 892-895).

(3) Grenzen des Paternalismus im speziellen und Reproduktionen des Hetero/a/sexismus im allgemeinen (2): Interview 15

Wie schon anhand von Interview 7 (s. oben) läßt sich auch anhand von Interview 15 kein eklatanter Paternalismus gegenüber Frauen® nachweisen. Vielmehr ergibt sich in Interview 15 gegenüber Interview 4 sogar eine interessante Umkehrung. Während Person 4 sehr stark eine Beschützer-Rolle, die sie für Interviewpartnerin 15 habe, betont hat (s. S. 183 f.), sieht es Interviewpartnerin 15 eher umgekehrt (aber mit dem Versuch der Wahrung der Subjekt-Autonomie von Person 4)179:

▼ 485 

„Aber ich – o- – ich meine, die Leute reagieren ja auch auf N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} – also, dis is meine Reaktion, is dann eher, daß ich gar nichts sage – ja. Ich mein, es ärgert mich fürchterlich und es nervt mich auch – aber – äh – ich sage auch oft gar nichts dann – ja, weil dis dann – auch nicht, weil ich auch nicht – äh – dann die Entscheidung für ihn treffen möchte – ja. Dis is auch gar nicht meine Aufgabe, das muß er dann schon selber entscheiden. Ich meine, wenn die Situation fürchterlich schrecklich is, wenn ganz viele Leute dann sind, dann übernehm ich auch dis Kommando, aber eher dann in der Hoffnung, daß die Leute auf mich als – eindeutig Frau – dann anders reagieren. Weil, dis sind ja meistens Männer und die sind dann ja nicht so aggressiv mir gegenüber – wollen se das – sondern irgendwie so ’ne auch merkwürdig e Ehrenhaltung, ja, daß man Frauen halt nicht schlägt, wogegen man eben Leute, die so aussehen, als wären sie nicht wirklich Frau und denn ja doch gerne auch mal irgendwie körperlich attackiert – ja – so. Was bei mir ja nicht der Fall wäre – einfach – ja – so – oder nicht – nicht wirklich. So und dann würde ich den – so quasi – dis Kommando übernehmen, wenn ich diese – wenn ich dis Gefühl hätte, dis läuft wirklich darauf hinaus, daß die Leute – äh – N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} dann körperlich dann attackieren würden – ja, weil ich dann sozusagen Schutzfunktion übernehmen kann – ja, weil ich eben als Frau wahrgenommen werde und auch so behandelt werde. Ja – genau. Und ansonsten überlaß – überlaß ich dies meistens dann ihm – oder hab ich dis auch immer so gemacht.“ (I 15, Z. 395-420).

Während Person 4 Männlichkeit (und sei es eine nachträglich ‚angelernte‘) für die durchsetzungsfähigere Position hält, hält Person 15 die Übereinstimmung mit den biologistischen Normen für ausschlaggebend. –

▼ 486 

Gefragt werden kann, ob es sich hier um eine ‚List der Ohnmacht‘ handelt: Anstatt das paternalistische Verhalten von Person 4 direkt anzusprechen, wird versucht, diese Struktur unterschwellig umzukehren – eine Praxis, die aus hetero/a/sexuellen, nicht-transgender Beziehungen bekannt ist:

„Die interaktiven Beeinflussungsstrategien von Ehefrauen und Ehemännern unterscheiden sich geschlechtsspezifisch. Männer benutzen eher direkt, bilaterale verbale Stile wie Fragen, Bitten, Anordnen, Überreden, Verhandeln […] oder machen einfach, was sie wollen […]. Frauen scheuen eher die direkte verbale Auseinandersetzung, sie wählen häufiger unilaterale, indirekte, nonverbale Beeinflussungsstile […]. Die Benutzung indirekter Strategien ist […] ein Zeichen von Unterordnung und führt schließlich nicht zu mehr Macht. Möglich ist, daß Frauen auf die direkten und machtvolleren Interaktionsstile wie Bitten, Anordnen und Verhandeln verzichten, da sie ihre Position für zu schwach halten oder sie zu schwach ist, um auf diesen Weg ihre Interessen durchzusetzen. Das hieße, die Wahl der Interaktionsstile reflektiert bestehende Machtverhältnisse.“ (Gather 1996, 66).

Interviewpartnerin 15 – eine gute femme

▼ 487 

Interviewpartnerin 15 charakterisiert sich, wie es von einer femme (oder sollen wir schreiben einer Frau®) erwartet wird: Beziehungsorientiert und gefühlvoll (im Positiven wie im Negativen: „nachtragend“ und „großzügig“).

„Also, meine Stärken – aber derzeitig is dis auch wieder ’ne Schwäche – ist, daß ich, wenn ich was anfange, dann dis auch ziemlich hundertprozentig mache – also, daß ich nicht wirklich gut bin als Affäre {leicht lachend} – ich bin eher der – ich bin wirklich ’n Beziehungsmensch, ganz eindeutig. Das kann man als Stärke sehen, kann aber auch ganz klar ’ne – is aber auch ganz klar ’ne Schwäche, denk ich – oder könnte man so interpretieren. Hmhm – ich bin relativ großzügig, glaub ich, relativ geduldig. (--) Ja – ich bin nachtragend, fürchterlich nachtragend – also, das ist ganz {leicht lachend} klar ’ne Schwäche. Ich bin sehr – streitlustig. Das kann man auch als Stärke oder Schwäche interpretieren, weiß ich nicht. Und – so waren dann auch jeweils {leicht lachend} meine Beziehungen – also – hmhm – konfrontativ oft – emotionsvoll – leidenschaftlich irgendwie – und – ähm – ja, aber eben auch – äh – relativ großzügig, was – was so Kleinigkeiten angeht oder Schwächen anderer so – und – wenn ich selbst mich als relativ fehlerbeladen oder schwächevoll betrachte, bin ich auch relativ großzügig, was die Fehler anderer angeht – dann – so – oder Schwächen anderer. (---------) Hm – ja.“ (I 15, Z. 285-302).

Über die Pünktlichkeitskonflikte mit Person 4

▼ 488 

Wie schon erwähnt (FN † auf S. 201), spricht Interviewpartner 15 die von Person 7 angesprochenen Pünktlichkeitskonflikte nicht an. Um so ausführlicher geht Person 15 auf die Pünktlichkeitskonflikte ein, die sie jetzt mit Person 4 hat:

„ Also, N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} und ich haben auch ’n sehr unterschiedliches Zeitempfinden oder Zeit- – also, ich bin fürchter- – er – er meint natürlich fürchterlich deutsch – ich bin fürchterlich pünktlich und erwarte dis auch und er is fürchterlich unpünktlich und erwartet aber auch keine Pünktlichkeit von anderen. Ja, und das ist natürlich auch dann ’n Problem, ja, wenn – wenn ich halt – also, ich erwarte dis nicht nur, weil ich überhaupt Pünktlichkeit erwarte, sondern ich erwarte dis auch, weil ich eben finde, daß ‚s unhöflich is, jemanden warten zu lassen. Ja, ich empfinde es wirklich als – als – nicht Be- Beleidigung jetzt – aber ich empfinde es als Kränkung, wenn jemand ’ne Verabredung mit mir absagt ’ne Stunde vorher oder – oder – äh – zu ’ner Zeit, in der er eigentlich schon da sein müßte, dann anruft und sagt, ich – ich komm dann aber eben jetzt mal ’ne Stunde später oder so. Das empfind ich als wirklich belastend für mich, ja, weil ich dis niemals tun würde, jemand anderem niemals zumuten würde und auch so erzogen worden bin, daß dis einfach nicht geht. Und – und N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} hat dis eben nicht, ja – also, hat ’n relativ großzügiges Verständnis davon und der würde eben auch nicht beleidigt sein, wenn ich ’ne Stunde vorher anrufe bei ihm und sage, ich komm jetzt nicht, hab jetzt was anderes zu tun oder so oder komm ’ne Stunde später oder können wir uns nicht woanders treffen, ja. Weil, das eben der Punkt. Ich empfinde dis als Kränkung, er nicht, aber ich würde es eben auch deshalb, weil ich es als selbst als Kränkung empfinden würde, niemals tun, ja – also, denn hilft mir diese Großzügigkeit, die er zweifellos hat im Umgang auch mit anderen, was Verabredungen angeht, hilft mir gar nicht, #I: Hmhm# weil, ich würde dis nie in Anspruch nehmen, diese Großzügigkeit. Und das – ja, das is eben auch – aber dis is ’ne Erziehungsfrage, ja, einfach. Vielleicht is es auch wirklich ’ne Kulturfrage, ich – keine Ahnung. Man sagt ja wohl so, daß es – äh – daß es – L1a {Nationalität, weiblich} und L1aa {dieselbe Nationalität, männlich} relativ großzügig mit sei- Zeit sind eben – und vielleicht is es wirklich ’ne deutsche Frage, #I: {lacht}# daß Deutsche das nicht sind {leicht belustigt} – keine Ahnung. Also, ich jedenfalls bin es nicht, ja – und das is auch noch – äh – bißchen – ja, es birgt auch viel Konfliktstoff in sich, ja, daß wir beide da sehr unterschiedliche Auffassung darüber haben, was is noch okay und was is noch im Limit mit Zuspätkommen oder Verabredungen absagen und was is nicht im Limit, ja. Aber wir passen uns da jetzt schon {leicht lachend} ’n bißchen an – also, wir haben da jetzt schon ’n Modi gefunden – also, daß halt ganz klar is, daß – daß Verabredungen nicht – ähm – ’ne Stunde vorher abgesagt werden, weil ‚s mich völlig fertig macht – ja – sozusagen, daß man dis – daß er jetzt auch schon weiß, daß dis nicht geht – einfach nicht funktioniert so, weil ich dann wirklich knietschig bin für die nächsten zwei Wochen {lacht} – ja – so. Also, wir haben da uns jetzt schon ’n bißchen angepaßt.“ (I 15, 649-649).

(4) Sexualität im Falle von Interview 15

▼ 489 

Ebenso wie das Begehren von Person 4 und Person 7 bleibt auch das Begehren von Person 15 in hetero/a/sexuellen Bahnen:

Person 4 schließt – wie wir bereits wissen – (selbst ‚bloßen‘) Sex mit §Männern aus und beschränkt Affairen mit anderen transgender boys auf die sexuelle Ebene (s. oben S. 179, FN †, und S. 182).

Person 7 schließt sexuelle Kontakte mit ‚biologischen‘ Männern zwar nicht aus; bisher scheint dies jedoch nur eine theoretische Möglichkeit zu sein. Die Möglichkeit einer Liebesbeziehung (selbst mit schwulen) Männern wird jedoch sehr skeptisch beurteilt (siehe hier S. 208).

▼ 490 

Entsprechend hatte Interviewpartner 15 zwar schon Sex mit anderen femmes, aber Liebesbeziehungen mit solchen werden eindeutig ausgeschlossen.

„Nee {lacht} #I: {lacht}# – nie – ich hab mit Femmes geschlafen, aber hatte nie Beziehungen #I: Hmhm# mit denen – ja – is auch nicht mein – die Richtung, in der sich mein Begehren {lacht} bewegt, ganz eindeutig nicht.“ (I 15, Z. 319-321).

▼ 491 

Auffällig ist allerdings, daß die Männlichkeit beim Sex und auch die Frage ‚Wer fickt wen?‘ für Person 4180 und 7 (siehe hier S.  205 [‚unterstreicht Männlichkeit‘] und 207 [„schwanzfixiert“]) durchaus identitätsstiftend ist, während Interviewpartner 15 eher unschlüssig ist bzw. dies für nebensächlich hält:

„I: Dann würd mich als letztes noch interessieren, was die Geschlechternormen-Inkonformität – äh – beim Sex für ’ne Rolle spielt?

▼ 492 

F: Hmhm – ich weiß nicht, ob es – weil’s – ‚s (--) – also – hm – ich denke schon irgendwie – klar – einfließt, aber – ich – ich wüßte jetzt nicht, wie ich dis genau festmachen soll – also – ähm – vielleicht mehr diese Phantasie, ja – daß es – daß es auch ganz klar irgendwie – sozusagen – das Bild in meinem Kopf – äh – von N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} zum Beispiel – ganz klar männlich is – ja – so. {lacht} Ich meine – ja – dis is – Sexpraktiken – finde i- kann ich jetzt nicht sagen, ob dis jetzt heterosexuell is oder nicht, ja – also, find ich blöde, das so zu sehen. Aber ich denk, es spielt schon ’ne Rolle, ganz klar. Ja. Dis ’n – es fließt einfach ein. Ich denke, er – äh – äh – (--) würde nie irgendwie dis – dis – sieht sich ja auch beim Sex ja nicht als Frau – oder is auch keine Frau beim Sex, ja. Und ich seh dis auch nicht. Also, ich seh ihn auch nicht beim Sex als Frau – oder ich nehm ihn auch nicht wahr als Frau, auch wenn da – sozusagen – ja ’n weiblicher da is, aber trotzdem – spielt keine Rolle, das is nicht wirklich -“ (I 15, Z. 1535-1551).

▼ 493 

„daß es nicht auch durch Sexpraktik oder wer was mit wem macht, kommt es gar nicht an“ (I 15, Z. 1563 f.)

Interessant sind auch noch die Ausführungen zum Unterschied zwischen ‚biologischen‘ Männern und transgender Jungs.

Zunächst äußerte Interviewpartner 15 (wie bereits eingangs zitiert) abstrakt:

▼ 494 

„ich steh auf Jungs, aber nicht auf Schwänze“ (I 15, Z. 1015 f.).

Dann folgt die ebenfalls bereits zitierte Äußerung über Sex mit transgender Jungs des Inhaltes, daß es nicht darauf ankommt, „wer was mit wem macht“. Im Anschluß daran heißt es:

▼ 495 

„es kommt nur – also, nur die Wahrnehmung is es, ja“ (I 15, Z. 1564 f.)

Dann berichtet Interviewpartner 15 über konkrete sexuelle Erfahrungen mit ‚biologischen‘ Männern. Dort heißt es u.a.:

▼ 496 

„Ich meine, ich – den Penis an sich fand ich nicht attraktiv oder überhaupt nicht irgendwie – hat mich nicht angemacht – der Anblick – ja – an sich – so, das war vielleicht auch noch der Punkt, ja. Daß, ich meine, wenn man das irgendwie komisch findet, dann macht Dir der Rest auch keinen großen Spaß {lacht} mehr, dann is man irgendwie in ’ner – in ’ner La- irgendwie in ’ner Situation, wo man halt irgendwie den Blick immer am Bauchnabel #I: {lacht}# hängen bleiben läßt, ja, denn is es irgendwie auch nicht so der Hit, ja, denn kann es auch nichts werden, das is schon klar.“ (I 15, Z. 1623-1631).

Dazu wurde dann – unter Bezugnahme auf die vorhergehende Antwort – nachgefragt:

▼ 497 

„Wo fing denn an, die Wahrnehmung entscheidend zu werden, und wo ist is die Wahrgenommene dis nicht Hintergehbare?“ (I 15, Z. 1640 f.).

Gemeint war mit dieser Frage in etwa:

▼ 498 

‚Warum kann das von-einem-transgender-Jungen-mit-Dildo-Gefickt-werden antipatriarchal(?) resignifiziert werden? Und warum ist im Gegensatz dazu der biologische Schwanz [= das Wahrgenomme = das Realobejkt] nicht resignifizierbar, also unhintergehbar? Warum versagt hier die Wunder-Kraft der Wahrnehmung [= der Rezeption] zur unterschiedlichen Signifizierung der ‚gleichen Praxis‘?‘

Dieses Versagen der Wunderkraft der Resignifizierung hatte sich zuvor in folgender Äußerung gezeigt:

▼ 499 

„Wir – also, ich hatte – hmhm – Sex in diesem Sinne, aber wenn man die Schüler, bei denen ich so – äh – unterrichte, fragen würde, hätte ich wahrscheinlich keinen Sex gehabt – also, keinen „Steckkontakt“ #I: {lacht}# – keinen „Steckkontaktsex“, weil dis is ja dis, was die als Sex bezeichnen – alles andere schon – aber keinen Steckkontakt – insofern, das hat nie funktioniert. Und ich denke, das war auch eindeutig – ähm – psychologisch – ähm – bedingt. Es hat – es hat nicht funktioniert. Es – es ging einfach nicht. Und alle Herren, waren fünf an der Zahl, waren auch – äh – klug oder sensibel genug, dis so hinzunehmen. Es hat einfach nicht funktioniert – es ging einfach nicht, ja – rein körperlich ging’s nicht. Es war irgendwie ’ne Sperre da und – ähm – und der – und der Witz dabei is, daß ja fa- praktisch – faktisch, dis hat sich ja nicht von dem unterschieden, was N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} und ich jetzt tun, ja. Aber jetzt geht es, ja – und das – das is – äh – eben der Unterschied – ja.“ (I 15, Z. 1598-1613, Hv. d. Vf.In).

Vor diesem Hintergrund ergab sich die Frage: Warum kommt es beim Dildo nicht darauf an, wer was mit wem macht, sondern nur auf die Wahrnehmung (= ‚kein Steckkontakt‘)? Und warum kann Sex mit einem Penis aber nur als „Steckkontakt“ wahrgenommen werden?

▼ 500 

Dieser Gedankengang wurde im Interview aber anscheinend nicht hinreichend deutlich. Person 15 hatte auf die oben erwähnte Frage, „Wo fing denn an, die Wahrnehmung entscheidend zu werden, und wo ist is die Wahrgenommene dis nicht Hintergehbare?“, wie folgt zurückgefragt:

„Manche – was wahrgenommen und so?“ (I 15, Z. 1642).

▼ 501 

Darauf hin wurde die Frage wie folgt erläutert:

„Na, vorhin hattest Du bei meiner Frage nach dem Unterschied zwischen den (--) Jungs oder den nicht biologischen Jungs und – äh – den weiblich Identifizierten gesagt, daß – äh – auf der Praxis macht dis eigentlich nicht so den Unterschied, sondern es kommt auf die Wahrnehmung an. Und jetzt – äh – würde ich gerne noch mal umgekehrt wissen – ähm – der Vergleich zwischen biologischen und nicht biologischen Jungs – äh – wo -“ (I 15,1644-1649).

▼ 502 

Die darauf gegebene Antwort lautet:

„Na ja, vielleicht is – is es gan- ’n ganz entscheidender Unterschied is, denk ich, einfach – ähm – der, daß ich selbstverständlich nicht darüber nachdenke, in dem Moment, oder auch so, im normalen Alltagsleben, nicht darüber nachdenke, irgendwie unbewußt quasi spüre, daß – daß da ’ne andere Art von Sozialisation da is – ja, daß ich – daß ich Dinge – daß Dinge nicht erklärt werden müssen – bestimmte Dinge. Und dis is – hat – hatt’ ich bei biologischen Jungs nie. Also, die hab ich auch – bei denen bin ich auch vom Verständnis her nie über ‚nen bestimmten Punkt hinausgekommen, ja – dann war das einfach irgendwie an diesem berühmten Loriot’schen – Ja, Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen-Punkt – blieb es einfach stehen. Und ich hab dann auch nie die Energie aufgebracht – äh – ähm – dis irgendwie noch zu verändern oder dis irgendwie in’s Rollen zu bringen, das hat auch nie funktioniert, ja. Und – und ich denke, das ist ’n ganz entscheidender Unterschied, ja – daß es irgendwie offensichtlich – äh – unbewußt zu sagen, ja – egal is, daß ich – daß ich die – die Gewißheit, daß da – äh – Dinge verstanden werden – so – einfach, ohne daß man sie erklärt. Ja. Auch wenn – auch wenn wir – wenn wir – äh – sozusagen vom – vom Verbalen her oder auch manchmal von ihrer Weltsicht – N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} der maskulinste Mensch is, den ich kenne, ja – aber, trotzdem, gibt’s da Punkte, die – von denen ich mir sicher bin, daß er sie eben anders versteht – als – als ’n Mann dis verstehen würde, ’n biologischer Mann dis verstehen würde, so.“ (I 15, 1651-1674).

▼ 503 

Auf die weitere Nachfrage nach Beispielen für diesen Sozialisations-Unterschied gibt Interviewpartner 15 aber kein Positiv-Beispiel (sondern nur eine weitere abstrakte Erwägung [Diskriminierungserfahrung]), aber sehr wohl ein konkretes Gegen-Beispiel:

„ich denke eben zum Beispiel, ’n – ’n gewisses Verständnis davon is da, wie man sich fühlt, wenn man – ähm (--) diskriminiert wird – ja – also, dieses unbedingt und ganz klare und über auch nicht benennen, muß gar nicht benannt werden, aber – oder nicht benannte Verständnis von, was meint dis – äh – ja, diskriminiert zu werden? Ungleich behandelt zu werden, ja – so. Das is – ähm – das is auf jeden Fall da – ja. Wie auch immer – äh – auch wenn – wenn unsre – auch wenn unsere Erfahrungen so unterschiedlich sind, wie sie nur sein können, ja – für zwei Frauen – ja. Ich meine, es is ja unglaublich – also, ich meine, dis – äh – klar – also, N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} – dis – dis – daß dieses Grundsatzübel Verständnis is da und andrerseits is es eben auch wieder nicht da, ja – daß wenn – wenn – wenn N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} irgendwo sitzt – äh – und – ähm – wir sind verab- – oder andersrum, sie ist zu Hause, wir sind verabredet in ’ner Bar und sie kommt ’ne Stunde zu spät und ich krieg – krieg den Anfall, weil es eben keine Schwulenbar is, wo wir uns normalerweise verabreden würden, sondern halt ’ne normale Straight-Bar – ja – dann – dann is dis – ich – ich kann nicht ab – ab zehn allein in ’ner Bar sein. Dis – dis geht einfach nicht. Und das is für mich – das is bei mir internalisiert. Ich – ich denk darüber nicht nach, dis is völlig klar für mich. Für ihn is es nicht klar. Und die Tatsache, mich da ’ne Stunde warten zu lassen, bedeutet für ihn nur, na ja, halt blöd gelaufen, irgendwie ’ne Stunde halt – aber er denkt nicht darüber nach, was dis – was dis bedeutet für mich – ja, allein – als – als Frau allein dort zu sein, ja. Denkt der nicht nach – weil, dis kommt ihm überhaupt nicht in den Sinn, ja. Und – oder dann eben nur dann, wenn ich es sage. Das mein ich – also, wir haben ja wirklich total unterschiedliche Wahrnehmungen auch, weil ihm – würde so was natürlich nie passieren, was mir passiert, ja. Oder auch, wenn wir uns am – am Hermannplatz verabreden, ja, da kann ich auch doch nicht ’ne Viertelstunde alleine stehen da, ja. Dis is auch sehr unangenehm al- da so allein zu sein, ab ’ner bestimmten Zeit, ja. Und – und trotzdem denk ich, daß da ’n gewisses Grundverständnis trotzdem da is, ja. Nur, daß er eben oft nicht daran denkt oder weil es einfach nicht in seinem Horizont is, ja – so. Denkt eben, ja – klar, er sitzt ja auch alleine in ’ner Bar, na und? Ja – er hat auch ’ne Zeitung – kann ich ja auch ’ne Zeitung nehmen – hab ich gesagt, ja – sicher #I: {lacht}# – ganz bestimmt – ich kann gut mit ’nem Buch – is ’ne toll – also – is ’n – ja – dieses Bild. Ich mein, Du lachst und Du weißt auch genau, was ich meine. Dis is doch völlig absurd, ja. Ich sitze in ’ner Bar mit ’nem Buch, 22.30 Uhr, ja. Is doch völlig absurd die Vorstellung, ja. Daß ich da irgendwie unbehelligt bleibe. Und für ihn – keine Frage – #I: {lacht}# er sitzt da – liest halt ’n Buch, ja. So. Das war – das war wirklich auch einer der erhellensten Momente unsrer Beziehung, ja – es wär dann klargeworden – is klar. Er – er weiß es ja nicht – ja – weil, er lernt es nie – er hat es nie kennengelernt – ja, diese Art von – von Situation, in der man sich dann befindet plötzlich und wiederfindet, ja – irgendwie. Na ja. Ja. Insofern – mein – das mein ich – also, N1 {weiblicher als auch männlicher Vorname der jetzigen Beziehung der interviewten Person} is – ähm – gar nicht vom Äußeren her, aber vom – manchmal von der Sicht auf Dinge, der maskulinste Mensch, {lacht} den ich je kennengelernt hab, ja – irgendwie – so. Hmhm.“ (I 15, 1686-1737).

▼ 504 

D.h.: Die zunächst plausible Sozialisationstheorie (transgender Jungs sind anders als §Männer, weil erstere ihre Sozialisationserfahrung als Frauen nicht vollständig vergessen werden) erweist sich als ziemlich brüchig – die Erfahrung, wie es war, als Frau zu leben, scheint ziemlich leicht vergessen zu werden.

(5) Resümee zu Interview 15

Auch anhand von Interview 15 lassen sich essentialistische Auffassungen in der transgender Szene nachweisen. Hinsichtlich der Hausarbeit bestätigt Interviewpartnerin 15 weitgehend die Angaben von Person 4 und 7, ihrem jetzigen und ihrem früheren Geliebten, was ein Indiz für die Validität der erhobenen Daten ist. Während sich Person 15 kritisch zu den (männlichen) Aufräum-Maßstäben und –Praktiken und zur Unpünktlichkeit von Person 4 äußert, fällt ihre Selbstbeschreibung so aus, wie es von einer femme erwartet wird: Beziehungsorientiert und gefühlvoll – im Positiven wie im Negativen: „nachtragend“ und „großzügig“.

d) Interview 6

Auch derDIE Befragte Nr. 6, eine männliche Person, die nicht ganz als männlich verstanden werden möchte, lebte zum Zeitpunkt der Interviews alleine und hatte gerade sein Studium abgeschlossen. erSIE versteht sich als „männlicher Körper, zum Teil sehr männlicher Geist, zum Teil ’n bißchen weiblich und ’ne sehr weibliche Seele.“ (I 6, Z. 505-507).

(1)  Ein Regelbeispiel: Essentialism rules the queer world too

▼ 505 

Die interviewte Person 4 fällt zwar – wie wir oben gesehen haben – an einigen Stellen in essentialistische Vorstellungen zurück. Sie hält den Anti-Essentialismus aber auch in Bezug auf die eigene Person durch (s. S. 179), soweit dies (nicht ihr – auf ‚biologische‘ Frauen gerichtetes – Begehren, sondern) ihre eigene Geschlechternormen-Inkonformität betrifft. Dagegen erklären die interviewten Personen 6 und 8 gerade ihre Geschlechternormen-Inkonformität in essentialistischer Weise. So heißt es in Interview 6:

eine ganz bedeutende pränatale Erfahrung kam da hoch, die ich aber als solche nicht erkannt hab. Als ich zurückkam, habe ich mit meiner Mutter gesprochen, und die hat mir die ganze Geschichte erzählt, die ich vorher nicht wußte. Die Geschichte läuft so: Daß mein Vater – ähm – meine Mutter abgöttisch geliebt hat und sehr patriarchalisch geliebt hat und ’ne zweite, X {weiblicher Vorname der Mutter} – so hieß sie, haben wollte. Und als sie mit mir schwanger war, jeden Tag meinen Bauch gestrei- ihren Bauch gestreichelt hat – also mich – und meinen Namen X1 {weiblicher Vorname} ausgesprochen hat. Und irgendwann, Mitte der Schwangerschaft, hat er wohl – das ist die Geschichte, wie sie meine Mutter erzählt – in ihren Augen gesehen, daß ich ’n Junge werde. Von da an hat er ihren Körper nicht mehr berührt – den Körper meiner Mutter, also den Bauch, und meinen Namen nicht mehr ausgesprochen und die ganze Kindheit war, die war einfach – ich war unerwünscht, das sollte nicht sein. Und immer, wenn ich dann versucht hab, Frauenkleider anzuziehen, um ihm zu gefallen – ähm – lief das nicht. Also, das war dann immer noch mehr Verachtung. Und wie sich das jetzt – gut, das ist dann die Geschichte, die kam raus und seitdem ich das weiß, lebe ich das halt bewußt aus, weil – äh – ich jetzt weiß, daß das – ja – daß es ’ne kreative Form des Umgangs mit dem Problem ist oder mit dem Trauma oder wie auch immer, man das nennen will.“ (I 6, Z. 42-63).

▼ 506 

Die zitierte Sequenz beginnt zwar mit dem unbestimmten Artikel „eine“. Diese Offenheit bezieht sich aber ausschließlich darauf, das in der angesprochenen Situation anscheinend auch andere „pränatale Erfahrung[en …] hoch“ kamen; diesen anderen (wie auch postnatalen) Erfahrungen werden von der interviewten Person aber keine Bedeutung im Hinblick auf ihre jetzige Geschlechternormen-Inkonformität zugemessen (jedenfalls werden sie im Interview nicht erwähnt). Für die geNOkos hat allein die eine in der vorstehend zitierten Sequenz erwähnte „pränatale Erfahrung“ Bedeutung.

(2) Hausarbeit – wie gut, daß jeder weiß, daß mein Körper männlich heißt

Über die Zeit, als die interviewte Person 6 eine Mitbewohnerin (die nicht die Beziehung von Person 6 war) hatte, sagt erSIE:

▼ 507 

„Ich bin eine furchtbare Schlampe. Ähm (--) das war so, daß wir das damals aufgeteilt hatten mit – äh – was weiß ich, weil ich – äh – X7 [weiblicher Vorname] hat den Kühlschrank nur zum Sektkühlen und für irgend welche Gelees und so benutzt, für Brotaufstrich, und ich hab halt immer gekocht. Und deswegen hab ich die ganze Küche saubergehalten und X7 {weiblicher Vorname} war halt ständig – äh – mit was weiß ich – hm – mit Bäder und so was, und viel im Bad, und – ähm – hat dann halt das Bad immer saubergemacht. So, da war das, und die anderen Sachen hatten wir zusammen gemacht. Und, wobei ich dann mehr gekocht hab und sie so mehr Bad sauber und [undeutlich: ich] die Küche sauberhalten hab. Wobei ich sagen muß, daß {ein Wort undeutlich}, ja, wie gesagt, ich bin eine Schlampe – [drei, vier Worte undeutlich] – ja auch in der Wohnung. Na ja.“ (I 6, Z. 1975-1987).

Nachdem wir schon von Person 4 erfahren hatten, daß Sauberkeit für sie nicht so wichtig war, wundert es uns nicht, daß sich auch Person 6 als Schlampe bezeichnet. In beiden Fällen schlägt die Männlichkeit® durch – im Falle von Person 4 die ‚transgender‘ Männlichkeit; im Fall von Person 6 die ‚biologische‘ Männlichkeit.

Nur gut, daß es noch einige ‚biologische‘ Frauen gibt, die – wie die Geliebte von Person 4 und die MitbewohnerIn von Person 6 – nicht Männlichkeit®, sondern Weiblichkeit® performieren: Person 6 putzt die Küche, die sie aber weitgehend auch nur alleine nutzt181; die Mitbewohnerin das Bad, das wohl beide genutzt haben dürften. Na, wenn das kein guter Austausch ist.

▼ 508 

Aber wir erfahren noch mehr: Wenn Person 6 im „Hausarbeitstreß“ war – gemeint ist hier nicht die Arbeit im Haushalt, sondern der Umstand, daß unser männlicher Geist mit dem Schreiben von Hausarbeiten für die Uni beschäftigt war – dann kommt selbst das Abwaschen mal zu kurz:

„Also, das war so, das war hin und wieder mal so ’n Ding – ähm – ja, was weiß ich, wenn ich völlig in irgend welchem Hausarbeitsstreß war oder so was, sie war Sekretärin, damals, wenn ich so völlig in ’nem Hausarbeitsstreß war und es einfach nicht auf die Reihe gekriegt hab, rechtzeitig abzuspülen, dann gab’s irgendwie mal Streß und so.“ (I 4, Z. 1992-1997).

▼ 509 

Was soll uns in diesem Zusammenhang der Hinweis sagen, daß die Mitbewohnerin Sekretärin war. Wußte sie die geistigen Höhenflüge von Person 6 nicht hinreichend zu würdigen („gab’s […] Streß“)?

Interessant ist allerdings, daß auch die Mitbewohnerin in irgendeiner Weise an der Fähigkeit von Person 6 zur Transzendierung der Probleme des materiellen Lebens partizipiert haben muß – zumindest, wenn wir den Ausführungen von Person 6 Glauben schenken. Wie wir schon wissen, hat die Mitbewohnerin die Küche kaum benutzt. Außerdem sagt Person 6 über sich selbst:

▼ 510 

„ich geh gern essen und sehr viel, aber, das war nicht so unbedingt, daß das immer bei uns gemeinsam war.“ (I 4, Z. 2026-2028).

Auf die Frage, ob die Mitbewohnerin dann in derartigen Situationen, wo Person 6 alleine Essen war, für sich gekocht hat, erfahren wir, daß dies auch dann nicht der Fall war.

▼ 511 

I: „Und, wenn der eine oder die andere essen war, denn – hat der/die andere für sich alleine gekocht, oder war dann auch essen, oder?“

B: „Also, wie gesagt [leicht gereizt], X7 [weiblicher Vorname] hat so gut wie nie gekocht.“ (I 6, Z. 2048-2051).

▼ 512 

Schließlich erfahren wir:

„Weil, wenn Du halt nicht jobbst oder nur kurz jobbst – äh – und in den Semesterferien wegfahren willst, und hast nicht so viel Geld, und bei X7 {weiblicher Vorname} war’s halt so, daß sie ihr ganzes Geld immer gespart hat, damit sie ’n halbes Jahr wegfahren konnte. Das andere halbe Jahr hat sie gearbeitet. Von daher blieb da auch nicht so viel – ähm – Geld übrig zum viel ausgeben.“ (I 4, 2074-2079).

▼ 513 

Fragt sich nur weiterhin: Was hat die Mitbewohnerin gemacht, wenn Person 6 essen war? Hat sie von Luft und Liebe gelebt, sich quasi an der weiblichen Seele von Person 6 genährt? Oder hat sie von trocken Brot gelebt, während Person 6 in Restaurants schlemmen war?

Nun gut, vielleicht kommt die Weiblichkeit von Person 6 mehr in ihren Beziehungen zum tragen. Fangen wir mit der letzten Beziehung an:

▼ 514 

„Also, hier bei X4 [weiblicher Vorname}, die gerade angerufen hat, war’s so, die kann kein Geschirr stehen sehen, und da muß immer alles sofort abgespült werden. Und die hat mir oftmals Paschaverhalten vor – geworfen, weil – äh – ich danach gerne gemütlich da sitze und einfach das Essen jetzt, was wir gerade gemeinsam gegessen haben, genieße. Also, ich hab mich dann irgend wann dran gewöhnt, bei ihr sofort danach abzuspülen beziehungsweise mit ihr abzuspülen oder abzutrocknen oder so.“ (I 4, Z. 2103-2110).

„oder so“ – was mag das wohl heißen?! Lassen wir dies dahinstehen. Denn vielleicht fallen ja die Angaben zu den anderen Beziehungen etwa genauer aus. Zu Beziehung Nr. 2 heißt es:

▼ 515 

„und X5[Namensangabe] war genau das Gegenteil von mir. Die ist super-hyper penibel und hat zum Teil, also -ch sag das jetzt ganz böse, schon Anzeichen von einem Putzwahn, und da sind wir natürlich oft aneinander geraten. Da gab’s dann immer sehr große Probleme. Aber, das war dann auch für mich ’n bißchen, so – ich hab mir da diese Arroganz auch geleistet, ’ne Schlampe zu sein, weil – das war schließlich meine Wohnung und – äh – ja – ich räum meine Wohnung nicht, […]. Also – und ich hasse es – Arbeit – was zu machen, was nach drei Tagen, daß man’s nicht mehr sieht. Also, das ist völlig eklig. Stört mich auch an diesem Teppich, furchtbar, vor drei Tagen gestaubsaugt und er sieht schon wieder so aus, als würd ich nie staubsaugen. #I: lacht# Das nervt mich einfach. Kann ich nicht haben. Und, dann habe ich’s halt eben mal gelassen. Eben nur halt mal, was weiß ich, alle paar Monate geputzt, oder so. Und – ja – mußte sie sich einfach dran gewöhnen. Ging ihr auch nicht besonders gut damit, aber -sie war ja Gast in meiner Wohnung #I: Hm#, also, sie hat’s nicht auf die Reihe gekriegt, ’ne eigene Wohnung zu finden, war überhaupt nicht zufrieden, mit mir zusammen zu wohnen, ich war sehr zufrieden damit, aber – äh.“ (I 6, Z. 2122-2146).

Auch in diesem Fall scheint sich die weibliche Seele also eher von ihrer hartherzigen Seite gezeigt zu haben.

(3) Beziehungsarbeit

Die weibliche Seele von Person 6 macht Pause

Wie wir schon wissen, definiert sich die befragte Person 6 folgendermaßen:

▼ 516 

„Also, ich sehe mich eher so – äh: männlicher Körper, zum Teil sehr männlicher Geist, zum Teil ’n bißchen weiblich und ’ne sehr weibliche Seele.“ (I 6, Z. 505-507).

Dies ist sicherlich sehr praktisch und auch attraktiver als – umgekehrt – ein weiblicher Geist und eine männliche Seele. Denn wir ‚wissen‘ ja, daß Frauen zum intellektuellen Denken nicht in der Lage sind182; und eine kalte, männliche Seele ist auch nicht so chic. Vor allem hat die Seele den Vorteil, nur sehr schwer zugänglich zu sein, so daß über deren Inhalt alle möglichen, aber kaum widerlegbaren Behauptungen aufgestellt werden können. – Wenn wir uns allerdings erlauben, so profan zu sein, Beziehungsarbeit (s. dazu sogleich) als Symptom von „Seele“ aufzufassen, so müssen wir allerdings feststellen: ‚Weiblichkeit – Fehlanzeige‘. Nicht anders sieht es hinsichtlich der Hausarbeit (s. dazu schon oben S. 223 f.) und beim Sex (s. dazu später unten S. 228 ff.) aus.

▼ 517 

Das einzige bedeutende, von der interviewten Person angeführte ‚Weiblichkeits‘-Symptom ist: Sie ist im Frauen anbaggern nicht so erfolgreich:

„Und, ja, wie das aussieht im Umgang: Das sieht zunächst so aus, daß vor allen Dingen – in der Jugend war – gibt ja so gewisse geschlechtsspezifische Codes, wie man seinen Geschlechtspartner sucht, wobei ich mir – ähm – ich bin bisexuell, aber mehr zum Heterosexuellen – mehr zu Frauen tendiere. Äh – das Problem bei – dabei war immer, daß ich (--) weiblich reagiere, insofern als – ähm – ich scheue Blicke mit scheuen Blicke beantworte bzw. selbst diesen scheuen Blick erst mal hab oder dieses, diesen verführerischen Augenaufschlag oder irgendwelche – hm – ja, subliminalen Signale, die eigentlich dem Mann – in dem Falle eben der Frau, bedeuten sollen: Du kannst jetzt. Und das lief aber nicht, weil die Frau halt eben genauso reagiert hat und das erst mal ’ne Zeitlang sehr schwierig war und ich meistens auch von Frauen nie als sexueller Partner gesehen wurde, sondern eher als gute Freundin. Ich war meistens die beste Freundin oder hab die beste Freundin ersetzt, obwohl ich ’n Mann war.“ (I 6, Z. 63-78).

▼ 518 

Auch bedauert Person 6, öfters nur die ‚beste Freundin‘ von Frauen gewesen zu sein, obwohl erSIE lieber eine Liebesbeziehung gehabt hätte:

„ich scheue Blicke mit scheuen Blicke beantworte bzw. selbst diesen scheuen Blick erst mal hab oder dieses, diesen verführerischen Augenaufschlag oder irgendwelche – hm – ja, subliminalen Signale, die eigentlich dem Mann – in dem Falle eben der Frau, bedeuten sollen: Du kannst jetzt. Und das lief aber nicht, weil die Frau halt eben genauso reagiert hat und das erst mal ’ne Zeitlang sehr schwierig war und ich meistens auch von Frauen nie als sexueller Partner gesehen wurde, sondern eher als gute Freundin. Ich war meistens die beste Freundin oder hab die beste Freundin ersetzt, obwohl ich ’n Mann war.“ (I 6, 69-79).

▼ 519 

Unter anderen Gesichtspunkten sieht es eher „mau“ mit Weiblichkeit aus, so daß sich die Frage stellt, worin denn die ‚gute Freundinnen‘-Rolle bestand.

So berichtet Person 6 über insgesamt vier Beziehungen. Im Zusammenhang mit ersten Beziehung heißt es:

▼ 520 

„Die kam plötzlich mit Vorwürfen, die ich nicht nachvollziehen konnte – äh – wo ich aber damals wirklich in so ’nem absoluten, in so ’ner unbewussten Blase leben- gelebt hab und – äh – glaube ich auch nicht so besonders auf Leute oder auf die Hintergründe nicht eingehen konnte, weil ich die einfach nicht gesehen hab. Also, sie hatte mir vorgeworfen, ich würd sie – äh – wie ’ne Trophäe benutzen und – das war völliger Quatsch, weil – das paßt überhaupt nicht mit meiner Wahrnehmung zusammen, aber ich hab damals überhaupt nicht gesehen, daß das ’n grundlegendes Ding von ihr, so würde ich es heut sehen, ich weiß nicht, hab keinen Kontakt mehr zu ihr, daß das auch ’n Problem von ihr sein – gewesen sein könnte, und daß wir einfach hätten darüber reden können, aber ich war einfach so angepißt, hab das so persönlich genommen, hab mich so falsch verstanden gefühlt, daß ich sagte, nee, will ich nicht, mit jemand, der mich so sieht. Nur halt, ja, auch ’n bißchen unsensibel.“ (I 6, Z. 1170-1184).

Okay, einmal ist keinmal. Und zweimal?!

▼ 521 

„bei der mit der zweiten – ähm – die Frau redet nicht mehr mit mir. Die meint, ihr wird schlecht, wenn sie mich – äh – wenn sie an mich denkt.“ (I 6, Z. 1251-1253).

Auch hier dürfte (weitere Informationen dazu ließen sich leider nicht erfragen) die weibliche Seele der befragten Person besonders subtil zu Tage getreten sein.

Neuer Versuch, neues Glück?! Wie war es mit der dritten Beziehung?

▼ 522 

„Und sie hatte gleichzeitig auch Probleme, weil sie hat ja auch diese Erfahrungen gemacht und in ihrer Kindheit lief auch einiges – äh – quer und sie brauchte auch irgendwo ’n Halt und den konnte ich ihr auch so nicht geben, halt – ich war ja selbst in den Strudeln und – na ja.“ (I 6, Z. 1736-1740).

Drei Beziehungen sind nicht aller Tage Abend? Richtig! Nehmen wir also die vierte und zum Zeitpunkt der Führung des Interviews letzte Beziehung von Person 6:

▼ 523 

„– wenn – wenn Du im Streß – oder wenn ich im Streß bin, bin ich dann erstens nicht so offen und zweitens nicht so sensibel, was die Lage – äh – Gefühlslage – äh – Interessenlage und sonst irgendwas bei ’nem andern Menschen betrifft – ist klar – also – leidet alles drunter.“ (I 6, Z. 3046-3049).

▼ 524 

„Wie ’n Konflikt sich hochschaukelt? (--) Also jetzt hier, bei X4 {weiblicher Vorname}, die Du grad kennengelernt hast, bei mir – da war das meistens so, daß (--) daß sie das über – ja – jetzt muß ich schon sagen, völlig typische – äh – Rollenverhalten so macht. Also – sie sagt irgend ’ne Bemerkung zum meinem Thema – ich fand die Bemerkung naiv oder doof oder es hat mich gestört, daß sie Droge sagt zu der – äh – zu dem Sakrament, obwohl ich das selbst manchmal gesagt hab – und so, und darüber entstand dann so ’n – also – aus eigentlich so ’ne Banalität – äh – und dann – wobei aber so ’n – auch noch so ’ne Rollenverhältnisse Mann-Frau, dann – aber – wo ich dann eindeutig der Mann war – äh – der sie belehrt oder so oder der genervt war von dem, daß sein Thema nicht richtig akzeptiert wird und sie das nicht versteht, oder so. Ja – so – wie sie sich dann ’n bißchen hochgespielt haben – und – und da war halt tragischerweise nicht der Raum dazu – äh – um das – ja – um das jetzt – was heißt, nicht der Raum – äh – nicht die Sensibilität und nicht die Öffnung dazu da, um das jetzt auszudiskutieren bzw. da selbstkritisch dann ranzugehen und das so zu reflektieren und – äh – ja – und da (--) ja – und das aufzuarbeiten oder aufzuklären. Das blieb dann meistens so stecken.“ (I 6, Z. 3064-3082).

Noch ein Detail gefällig?!

▼ 525 

„Und das war halt immer auch so ’n, dann geht sie sehr viel tanzen, aber – äh – klassisch – äh – traditionell und klassischer Tanz, Tango, Salsa und so was – äh – viermal die Woche, damit kann ich überhaupt nix anfangen.“ (I 6, Z. 1849-1852).

Nun gut – es ließe sich immerhin vermuten, daß wir es hier vielleicht mit einer eher praktisch veranlagten Seele zu tun – daß dem aber nicht so ist, haben wir aber bereits bei der Analyse der Hausarbeitsverteilung (siehe oben sub (2), S. 223ff.) gesehen.

Der Austausch zwischen Frauen® und Männern® – Persönliches oder Schönes
gegen Nützliches

Wir hatten schon im Falle von Interview 4 gesehen, wie persönliche Dienste der femme durch gegenständliche Gegenleistungen der butch kompensiert werden:

▼ 526 

„ich bezahle für viel mehr als ich würde normalerweise würde tun mit ein normale Partnerschaft, aber sie auch denn kocht für mich, bügelt mein Kleidung, wascht“ (I 4, Z. 2627-2629).

Ein ganz ähnliches Arrangement findet auch unsere nicht ‚transgender‘, sondern ‚biologisch‘ männliche Person 6 in ihren Beziehungen. Hier geht es allerdings nicht um die Reproduktion materieller Haus-, sondern psychischer Beziehungsarbeit:

▼ 527 

„– also – ich – ich lade gern ein und, also bei X5 [weiblicher Vorname] war’s so, daß sie mir immer wahnsinnig viel Geschenke gemacht hat, sehr schöne Sachen auch, die schönsten Klamotten hab ich auch von X5 [weiblicher Vorname] geschenkt bekommen, und ich halt oft sie einfach, weil sie nie Knete hatte, zum Kino oder zum Essen eingeladen hab, als sie bei mir wohnte – ähm – hat sie halt auch nie was draufgelegt – äh – weil ich anfangs nix wollte und ich hab auch immer gekauft, eingekauft und so, weil ich – hatte auch Geld in der Zeit, ich hab regelmäßig Geld bekommen von meinen, von meiner Mutter und – äh – ich wußte, wie sehr sie mit Bafög knappst und ihren ganzen Schulden und so, ich hatte damit kein Problem. Und mit X4 [weiblicher Vorname] war’s so, hm, ja, (--) weiß ich nicht, sie hat mich sehr oft zum Essen eingeladen, wenn sie gekocht hat, ich hab sie später, als ich dann hier gewohnt hab, habe ich sie auch öfters mal eingeladen, wobei weniger, weil, erstens koche ich nicht so gut und zweitens – äh – nicht so gern und X4 [weiblicher Vorname] macht das täglich, und von daher hab ich halt öfters bei ihr gegessen und so. Und hab sie aber dafür öfters eingeladen. Also – so – oder auch mal ins Kino eingeladen, oder. Ich hab da aber nie, das war, glaube ich, nie ’n Thema, das irgend wie was abgerechnet wurde oder aufgerechnet oder nachgerechnet oder so, nee. Würd ich so ’ne Pauschalregel sagen, daß – daß ich oftmals schöne, so was, schön gebastelte Geschenke bekomme und so, in den Beziehungen, oder Kleidungsstücke oder schöne Sachen oder solche Aufmerksamkeiten, wenn ich dafür meine Freundin, oder Freunde häufiger einlade und so, und in’s Kino einlade und so. Weil, aber das hat auch so ne Ding ist von mir: ich geh gern essen. Ich finde das total schön, ja, ich geh auch gern ins Kino und sehr oft, und, ja. (--) Natürlich ist es schön, wenn man zusammen- und lädt man auch gerne ein, klar.“ (I 6, Z. 2157-2184).

(4) Sex: Der Trieb regiert

Wie schon in den Interviews 4 (s. S. 186) und 8 (s. S. 205) finden wir auch hier wieder eine Rechtfertigung von beziehungslosem Sex. Dessen Defizite werden von Person 6 allerdings durchaus erkannt, woraus aber keine praktischen Konsequenzen gezogen werden. Folglich muß die – der eigenen Einsicht widersprechende Praxis – mit einem biologistischen Konzept des ‚Triebes‘183 ‚erklärt‘ werden:

▼ 528 

„Affären brech ich ab, weil mir der Sex nicht – keinen Spaß macht – irgendwann. Also – Sex ohne Liebe ist für mich total – ach, ist nix. Ist nicht Fisch, nicht – nicht Fleisch, oder? Wird irgendwann doof – hör ich auf. Und ich mach’s halt, weil ich halt auch ’n – ’n Trieb hab, aber eigentlich bin ich nicht besonders glücklich damit und laß es dann auch. Deswegen bin ich meistens über die Zeit, wo ich keine feste Freundin hab – äh – dann – ja – dann schlafe ich entweder mit guten Freundinnen, wenn sich das ergibt, oder – ähm – bin enthaltsam.“ (I 6, Z. 2843-2850).

Solche Aussetzer des Geistes gehen dann ganz schnell mal auf Kosten der Frauen®:

▼ 529 

„Und – ansonsten (--) na ja – Streß gab’s dann, um was sexuell ist, ist klar, weil – der Sex dann nicht so schön ist, meistens sehr schnell geht und – äh – ihre Bedürfnisse oft nicht erfüllt wurden – äh – weil ich dann auch zu kaputt war und so.“ (I 6, Z. 3082-3085).

Nicht verschwiegen werden sollen allerdings jene Interviewpassagen, die den gegenteiligen Eindruck vermitteln – unklar, bleibt allerdings, wie die unterschiedlichen Erfahrungen im Zusammenhang stehen:

▼ 530 

„ja, hab ich den Eindruck, daß (-----) hmhm, meine weibliche Sexualität – ähm – oft – hmhm (--) ja – entweder ’ne Herausforderung war oder ’n Problem. Also, dieses – ähm – (-----) eher, eher passive Verhalten im Bett und gleichzeitig dieses eher so – ähm – nicht so linear männlich – ähm – auf den jetzt Höhepunkt zugehen oder so auf den Orgasmus zu, sondern erst das Spielerische. Das wurde zwar sehr genossen – ähm – aber – ähm – gleichzeitig fehlte da auch irgendwas – äh – ja, was eben spezifisch männlich ist in der Sexualität, also dieses ’n bißchen härtere, ich sag’s jetzt mal böse, genommen werden oder so. Weil, das kann ich nicht, will ich nicht, geht nicht.“ (I 6, Z. 1223-1232).

▼ 531 

„das ist eher schon so – dieser weibliche Part auch – äh – im Sexuellen. Und ansonsten, was meine Freundinnen sagten – ähm – ja – das ist ganz unterschiedlich. Also, da bin ich einerseits oft sehr männlich und manchmal aber auch sehr verweib-, weiblich verspielt. Und meine Freundin hat auch manchmal gesagt – äh: „Heut Nacht habe ich eine Frau gefickt“, wobei sie dann auch eher so mmmehr männliche Eigenschaften dabei hatte“ (I 6, Z. 114-120).

(5) geNOkos und sozialer Aufstieg

Nach alle dem stellt sich die Frage: Warum versteht sich diese Person teilweise als weiblich? Auch darauf gibt das Interview eine Antwort: Das, was derDIE Befragte 6 als Männlichkeit® versteht und ablehnt, ist vor allem eine proletarische Männlichkeit® – die Männlichkeit® seinesIHRES Vaters und die Männlichkeit® seinerIHRER eigenen Kollegen, mit denen erSIE im Rahmen von Fabrikjobs zusammenarbeiten mußte:184

▼ 532 

„Also, mein Vater ist auch – damals hat er beim Eisenwerk gearbeitet; mittlerweile ist er Hausmeister – ähm – aber für so was überhaupt nicht zu haben. Und – ähm – er hat so auch patriarchalische Vorstellungen von Ehe und allem.“ (I 6, Z. 134-137).

„[…] – war’n das auch wirklich die übelsten Männerberufe – so in der Druckerei oder so. […]. Da mit den Männern, das war alles so – eher – eher abtörnend – so die Erfahrungen mit – mit Männern in ’ner Fabrik – äh – nee – um Gottes Willen.“ (I 6, Z. 2273-2279).

▼ 533 

„ weil sie – es waren wirkliche Männer, es waren so richtig schöne Prachtexemplare von – von so ’ner Simplizität“ (I 6, Z. 2355-2357).

Aber nicht nur die proletarische Männlichkeit, auch die proletarische Weiblichkeit wird abgelehnt:

▼ 534 

„Hm – also in der gleichen Fabrik hab ich öfters Sachen bei den Frauen gemacht – äh – mit so Auslegen, da – ähm – war’n das halt eher so ältere Frauen – ähm – die das gleiche Niveau hatten. Also da – die kamen dann zu spät und – mit schwarzen Rändern untern Augen, dann hieß es: – Äh – Wo warst Du denn heut nacht? – und so. Die ganze Nacht gefickt. Und war halt wirklich das – so.“ (I 6, Z. 2298-2302).

▼ 535 

„Ja, wie gesagt – äh – die haben zum Teil auch so – so’n Ton gehabt – äh – habe ich ja eben erzählt, mit dem – „die ganze Nacht durchgefickt“ – und – nee, das war eher so ’ne – so ’ne ganz seltsame die – die ich, auch wenn ich aus dem kleinen Dorf – äh – war mir alles fremd, war alles ganz neu für mich. Ähm – ja – da war wohl so ’ne – so ’n gemeinsames Level, irgendwie so, wenn der Hausmeister anfing, wie potent er ist – äh – hat die eine Frau nur geantwortet, wie toll die Hengste #I: {leicht lachend} sind und wie oft die hinternander können und so, und wie groß so ’n Hengstschwanz ist und so und – ähm – das ganze war dann aber auch – man hätte es ja jetzt auch als ironisches – äh – Umgehen damit ansehen können, gleichzeitig war sie insgesamt so ordinär und so daneben, daß man das schon, da wußt ich nicht, ist das jetzt – äh – bewußt, daß sie ihn anführt, um – ähm – ähm – um ihm was zu zeigen, oder – äh – also – um ihn an der Schwachstelle – dicker Schwanz – zu treffen oder – ähm – ist es tatsächlich – äh – einfach so, daß sie das {undeutlich: wirklich?} denkt – äh – und – äh – begeistert ist von so’m Her- – äh – Hengstschwanz und große Schwänze toll findet. Ich weiß es nicht. Aber es war es – ja. Ich habe ja auch immer mit ’m Walkman – meistens – gearbeitet – weil – mich das nicht so interessiert hat.“ (I 6, Z. 2409-2427).

Zugleich lehnt Person 6 eine bestimmte Form bürgerlicher Männlichkeit ab, was demDER Befragten zugleich eine Kritik an bestimmten maskulinistischen Tendenzen in der Schwulen-Szene ermöglicht:

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„aber in der Schwulenszene eher nicht, weil die ’n Ästhetikideal hat, dem ich nicht entspreche – und nicht entsprechen will, also auch als Mann nicht. Äh – mit – äh – kurzgeschnittnen Haaren und diesen ganzen Designer-Klamotten und das merkt ich auch immer in allen möglichen Kneipen also so U1 [Name des Lokals], weil – da war es ganz schrecklich.“ (I 6, Z. 102-107).

„Ich weiß halt, wenn in so gewisse Clubs gehe und so und schon überall die gleiche Frisur und den gleichen Dress sehe, dann – na ja.“ (I 6, Z. 811 f.)

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Das, was Person 6 als ihre Weiblichkeit ansieht, läßt sich hiernach vielleicht besser als alternative185, Hippie-, – oder (wie Person 6 selbst sagt:) „progressive“ Männlichkeit bezeichnen:

„Deswegen sind – also weibliche Männer bedeutet eher – äh – sanfte Männer, die man in den Arm nehmen kann, die weinen – äh – die man auch ganz normal küssen kann – ähm – die (--) also – jetzt auch im heterosexuellen Bereich so, mit denen man auch Hand in Hand gehen kann – einfach so – und – gleichzeitig – oder in den oder in Arm – in Arm nehmen und so – und gleichzeitig halt auch schon ’n bißchen – ähm – progressiveres Rollenverständnis haben und eher so – so sanft sind und nicht so dieses komische Harte etwa, ja, wo es um Flachlegen geht und so weiter – typische Männerscheiße- oder, also so dieses Stammtischniveau halt, klar.“ (I 6, Z. 665-675).

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„Also, ich mein gut, ich bin auch viel in Hippie-Kreisen und so, ist auch schön in ’ner 13-Leute-WG zu wohnen und da Kinder gemeinsam aufzuziehen, aber so, ich komm mit dem Kleinfamilienkonzept völlig klar, also, hab ich keine Probleme mit.“ (I 6, Z. 1693-1696).

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„Aber ich muß jetzt nicht jeden Tag unbedingt mindestens einmal dieses Kleidungsstück am Körper haben oder so. Nee – dafür sind die mei- – die meisten Kleidungsstücke, die ich als Mann trage, auch eher schon – ähm – entweder ambivalent androgyn oder so oder auch sind Frauenjeans, oder #I: Hm# so was, oder. Es gibt ganz wenige Hosen, die ich hab, die sind eher so in die Hippie-Richtung gehend, mit Schlag, weil die explizit Männerhosen sind – aber – gut. Ja, das ist dann eher – is eher so – so was Allgemeines.“ (I 6, Z. 3198-3205).186

(6) Resümee zu Interview 6

Auch in Interview 6 mußten wir ein essentialistisches Selbstverständnis feststellen: Die heutigen geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen dieses/R InterviewpartnerIN werden auf pränatale Erfahrungen zurückgeführt. Auch wird die Geschlechternormen-Inkonformität fein-säuberlich verortet: Die Seele ist weiblich, Körper und Geist sind männlich. Während der männliche Körper in der Verweigerung von Hausarbeit wunderbar funktioniert, streikt die weibliche Seele öfters, wenn es darum ginge, Beziehungsarbeit zu leisten. Auch im Sexuellen regiert der männliche „Trieb“. Nach alle dem verwundert es nicht, daß die Interviewanalyse noch einen ganz anderen Grund (als die genannten pränatalen Erfahrungen) für das teilweise weibliche Selbstverständnis dieser Person ergibt: Dieser Grund hat weniger etwas mit dem Geschlechterverhältnis zu tun, als mit dem Bedürfnis der Distanzierungen von (bei Männern wie Frauen) als derb empfundenen Umgangsformen im proletarischen Herkunftsmilieu dieser Person.

e) Interview 8

dieDER Interviewte 8 ist eine ursprünglich biologisch weibliche Person, die nach Selbsteinschätzung geschlechternormen-inkonforme (d.h. in diesem Fall: männliche) Körperinszenierungen vor allem beim Sex mit Frauen betreibt. Person 8 war zum Zeitpunkt des Interviews 35 Jahre alt, studierte und wohnte allein.

(1)  Noch einmal: Essentialism rules the queer world too

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Interviewte Person 8, weiß zwar nicht, „wo gehör ich eigentlich hin“ (I 8, Z. 50), aber warum sie dies nicht weiß, dafür hat sie eine Erklärung:

„Na, also, ich schließe da einen gewissen Mutterkomplex nicht aus, {lacht} den ich habe, den auch – also, den ich – ich hab da schon auch ’ne gewisse Beziehung zu meiner Mutter, so, die da auch – äh – nicht ganz astrein ist. Also – und das könnte wiederum damit zu tun haben jetzt, mit dem Thema, denn meine Mutter, das – hm – das ist mir schon klar – hat mich früher – meine Mut- – ich bin ohne Vater aufgewachsen und meine Mutter – äh – wir war’n nun drei Mädels, ein Bruder, der war aber sehr viel älter und deswegen hab ich den kaum mitbekommen und wir – wir sind in erster Linie, halt wir drei, mit meiner Mutter aufgewachsen, wir drei Mädels und ich war die jüngste und – ähm – ja, dis – ich weiß nicht, ob Du damit was anfangen kannst, aber meine Mutter hat mich oder hat es geschafft, sozusagen, mich zu ihre – zu ihre Art Partner zu machen, wenn man so will.“ (I 8, Z. 336-348).

(2) Hausarbeit im Falle von Interview 8: Geliebte und Schwester als Dienstleisterinnen

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Aus der Zeit ihrer Beziehungen begegnet uns auch bei Person 8 ein Muster, das wir schon aus den Interviews 4 und 6 kennen: Sie nimmt die Hausarbeitsleistungen ihrer Geliebten in Anspruch:

„ Ja – also – ich – da – wobei man – muß ich ja halt sagen, das stimmt, ich bin meistens in den Haushalten der andern gewesen. […] und da hab ich auch im Haushalt natürlich mitgeholfen, soweit ich konnte. […]. Allerdings nur abgewaschen. #I: Hmhm [leicht lachend]# Ich hab jetzt nichts anderes gemacht – also, ich hab nicht den Boden gewischt oder so was. Das haß ich so wie sonst was. [lacht] Mach ich ja bei mir noch nicht mal, da werd ich’s doch nicht bei andern machen. Gut, bei andern, hab ich ja schon gesagt, mach ich’s ja dann eher. Aber das hab ich – soweit ging das dann nicht, soweit ging die Liebe nicht. [lacht] Hier, es wird nur abgewaschen und – und – und abgetrocknet oder was, wenn es anstand und damit hat sich die Sache dann gehabt.“ (I 8, Z. 1550 f.; 1557 f.; 1581-1588).

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Hier bestätigt sich also etwas, was wir in unseren methodischen Überlegungen vermutet hatten: Eine Ungleichverteilung der Hausarbeit wird – auch von dem/r Begünstigten nicht bestritten – sondern wortreich gerechtfertigt:

„Mit der vorletzten, mit der vorletzten gab’s da Diskussionen. Die meinte dann, ich könne doch auch mal was – ich solle – erst mal – ich solle doch auch mal Frühstück machen und so, weil das eigentlich – äh – [pff]. Sie war einf – na, gut – sie hat mir das vorgeworfen – das war diese unzufriedene Frau [leicht lachend] – wie – wo ich dis sagen würde. Ich meine, ich war sicherlich auch unzufrieden, [sehr betont] aber nicht so wie sie. [wieder im normalen Tonfall] Und sie – äh – hmhm – stand sowieso immer früher auf – na ja, und dann war ich wach und dann hat sie’s Frühstück gemacht und dann hat sie mir aber vorgeworfen, daß ich’s – warum ich’s nicht mal machen würde. Hm – na ja. Aber es war auch wiederum so, daß war die, die eben an allem rumnörgelte, wenn – wenn ich’s dann – dann mal gemacht hab, hab ich alles falsch gemacht. Es war ja ihr nichts recht. Das stell- – das soll ich doch nicht dahin stellen und das – äh – ob es – sei’s als ich’s weggestellt habe oder auch als ich’s auf ’n Tisch gestellt habe, es war alles falsch. Und da hab ich natürlich auch keinen Bock gehabt, auch nur irgendwas zu machen. Das war halt auch der Punkt. Und die – die, wie gesagt, die monierte meine – meine Hilfe, wenn Du so willst. Hmhm – und die meinte dann auch mal irgendwas mit Abwasch, ob ich nicht auch mal abwaschen könnte oder so, obwohl ich (--) das kann schon sein, daß ich das dann vielleicht auch vernachlässigt habe und dann, daß ich’s dann auch erst machte, als sie mich dann aufforderte, oder so. Das kann da – das räum ich dann ein, daß ich’s vielleicht ursprünglich dann zu wenig gemacht hab oder so. Aber eigentlich, wenn ich mich halt auch – erst recht, wenn ich wohlfühle – -fühle, in ’ner Beziehung und wenn alles – wenn alles schön ist und dann helf ich – ich bin ja – ich helf immer gern. Dis ist einfach – dis – dis würd ich wo- schon – schon so sagen. Ich bin nicht jemand, der sich fett zurücklehnt – und andre machen läßt – obwohl ich natürlich gestehen muß, daß ich schon auch – äh – ähm – in gewisser, jetzt muß ich – wenn ich dis jetzt sa- sage, dann muß ich’s sicherlich auch belegen, ein konsumorientiertes Verhalten schon auch an den Tag lege, weil ich auch sehr bequem bin. Ich bin auch sehr faul und sehr bequem. So. In erster Linie natürlich für mich und natürlich – äh – wirkt sich das auch in ’ner Beziehung aus. Ist ganz klar. Hmhm. [tiefes Ausatmen] Und – ähm – (--) ja – ja – das stimmt – das stimmt natürlich und dis ist halt auch was, was ich auch – äh – was ich auch dann ausgel- teilweise auch ausgelebt habe, so. Weil ich auch gar kein, erst recht kein Bock hatte -äh – mich da zu ändern, wenn die so Scheiße waren, die Frauen. [lacht] Also – so was – dann werden die mich ja nicht verstanden haben, wenn das immer nur Hickhack und Ärger und Streits gab, da hab ich natürlich auch keinen Bock zu helfen. So ist es dann auch logischerweise so gewesen.“ (I 8, Z. 1591-1631)

▼ 543 

Auch jetzt, wo Person 8 ohne Beziehung lebt, macht sie nicht mehr Hausarbeit. Vielmehr versucht sie, sie zu vermeiden oder zu professionalisieren/auszulagern (letzteres ist bekanntermaßen keine Lösung des Arbeitsteilungsproblems, denn der Erwerbsarbeitsmarkt ist sexistisch und rassistisch stark seggregiert; Tätigkeiten wie Putzen, Kochen, [Ab]waschen sind in der Regel schlecht bezahlt, und werden von Personen mit prekärem Status ausgeführt187):

„Ich geh viel essen – also, kochen tu ich kaum, obwohl man da jetzt ’ne Pfanne sieht – also, Kaffee mach ich mir immer lecker am Morgen – ähm – und dann frühstücke [leicht lachend] ich natürlich auch – aber kochen tu ich höchst selten. Also wenn Du das kochen nennst, wenn ich mir Nudeln mit Margarine mache oder auch Reis mit Margarine oder Butter, je nachdem – und dann nichts dazu – und wenn Du das kochen nennst, gut, dann koch ich.“ (I 8, Z. 1434-1441).

▼ 544 

„ich hab sogar neulich mal wieder die Küche gefegt, aber […] ich hasse die Hausarbeit – ich hasse die Hausarbeit wie nichts Gutes und würd es gern abgeben. […]. Die Fenster hab ich schon seit – gut, die sind jetzt neu eingesetzt [lacht] aber dis – die bei- – die beiden Fenster – aber dis Zimmer hinten, da ist das Fenster, wie’s noch vor sieben Jahren oder vor neun Jahren – [lacht] vor neun Jahren war. Das ist nicht ganz richtig. Aber meine Schwester hat mir die Fenster, als ich vor einigen Jahren verreist war, hat sie sie mir netterweise geputzt. Ich kam zurück und die Fenster waren geputzt, das fand ich ganz toll. [lacht]“ (I 8, Z. 1453-1456, 1461-1468).

Interessant ist aber, daß dieDER Befragte Nr. 8 dies nicht wie die interviewte Person 4 damit rechtfertigt, daß ihr ‚Ordnung nicht so wichtig‘ sei (auch bei Person 6 ist ein ungesagter Zusatz herauszuhören: ‚Ich bin eine Schlampe [– und das ist auch gut so].‘; s. die auf S. 224 zitierte Abgrenzung vom „Putzwahn“), vielmehr weiß sie das Fenster putzen durch ihre Schwester durchaus zu schätzen.