C. Ergebnis

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Christiane Schneider schreibt in ihren Hinweisen zur Analyse von Leitfaden-Interviews: „Wichtig ist, das Material beim Lesen […] nicht auf die eigenen theoretischen Vorannahmen zuzuschneiden, indem die Auswertung darauf reduziert wird, nur nach solchen Textstellen zu suchen, die sich als Beleg oder Illustration für die Vorannahmen eignen. Schon beim ersten Lesen sieht man häufig viele ‚schöne und passende Zitate‘, die sich für die Präsentation des Endberichtes anzubieten scheinen, und übersieht dabei Textstellen, die weniger gut zu den eigenen Erwartungen passen.“ (Chr. Schneider 2000, 450).

Gemessen an diesem, von Schneider beschriebenen Problem hatten wir es einfach: Denn in unserem Fall drängten sich von Anfang nicht die „schönen“ Zitate, sondern die Textstellen auf, die unsere Hypothese von der zumindest reformerischen Wirkung geschlechternormen-inkonformer Körperinszenierungen (s. S. 43) widerlegten.

I.  Offen gebliebene Fragen

Bevor wir zu diesen Ergebnissen kommen, seien aber zunächst jene in dieser Arbeit aufgeworfenen – und weiterhin relevanten – Fragen, die sich nicht beantworten ließen (was hier durchaus nicht als Glücksfall empfunden wird; vgl. oben S. 32), benannt:

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In Bezug auf beide Kriterien (Anti-Essentialismus und feministisches Selbstverständnis) ist außerdem die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß es im vorliegenden Sample andere Gründe (als der Essentialismus und der Nicht-Feminismus) sind, die das Ausbleiben subversiver Wirkungen verursachen; so daß in einer anderen Konstellation evtl. trotz essentialistischer Selbstwahrnehmung und ohne feministischer Motivation subversive Wirkungen auftreten können.

II. Ergebnisse der empirischen Untersuchung

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Dennoch ergab die Untersuchung durchaus signifikante Ergebnisse hinsichtlich der Subversivität oder Nicht-Subversivität von geschlechternormen-inkonformen Körperinszenierungen.

Auf mehreren Ebenen kamen wir zu dem Ergebnis: Auch im Kontext von geNOkos bleiben die patriarchalen Verhältnisse, in denen Männlichkeit die stärkere Kraft ist, unangetastet. Damit ergab sich im Forschungsprozeß ein Ergebnis, daß zuvor bei der Operationalisierung der hiesigen Fragestellung in dieser Form nicht erwartet worden. Im einzelnen lauten die Ergebnisse:

a) Nicht-transsexuelle Männer praktizieren ihr cross dressing deutlich diskontinuierlicher als nicht-transsexuelle Frauen.200 Demgemäß verstehen sich erstere – trotz ihrer weiblichen Inszenierung – weiterhin als Männer und bleiben frauen-dominierten Räumen fern, während sich letztere – wegen ihrer männlichen Inszenierung – nicht mehr als Frauen begreifen.

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b) Entsprechend begreift sich der eine befragte Frau-zu-Mann-Transsexuelle als Mann, während sich die Mann-zu-Frau-Transsexuellen nicht in gleicher Eindeutigkeit als Frauen begreifen.

c) In Beziehungen mit deutlicher gender-Differenz sind es tendenziell die Personen mit männlichen Identitätsanteilen, die mehr beruflichen Erfolg und ein höheres Einkommen haben. Egal, ob ursprünglich biologisch weibliche Personen, die keine geNOkos betreiben – also ‚ganz Frau‘ sind –, mit crossdressenden Männern oder crossdressenden Frauen – also ‚halben Männern‘ oder ‚halben Frauen‘ – zusammen sind: In beiden Fällen sind es tendenziell die ‚ganzen Frauen‘, die den schlechteren Status haben.

d) Trotz der o.g., für die Datenerhebung ungünstigen Umstände (alleinwohnend; keine aktuelle Liebesbeziehung etc.) lassen sich weitere Auffälligkeiten feststellen, die darauf hindeuten, daß die geNOko-Praktizierenden (also in jedem Fall: Personen mit männlichem Identitätsanteil – sei es qua ‚Ursprung‘ oder qua ‚Wahl‘/‚Ziel‘) in ihren Liebesbeziehungen die Beziehungsarbeit ihren ‚vollständig weiblichen‘ Geliebten zuschieben:

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So werden Frauen als LiebespartnerInnen bevorzugt: Von den vierzehn geNOko-Praktizierenden, die nach Beginn ihrer geNOkos schon Liebesbeziehungen hatten, ist bzw. war in zwölf Fällen die aktuelle oder letzte Beziehung mit einer Frau, die keine geNOkos praktiziert. Dies deutet darauf hin, daß es den geNOko-Praktizierenden deutlich leichter fällt, den notwendigen emotionalen Rückhalt bei Frauen als bei Männern zu suchen und/oder zu finden. Dies wird von einigen der Befragten auch selbst ausdrücklich so artikuliert.

In die gleiche Richtung deutet, daß mehrere geNOko-praktizierende, ursprünglich biologisch weibliche Personen angegeben haben, sexuelle Kontakte mit anderen boys/Männern gehabt zu haben oder sich zumindest vorstellen zu können, während sie sich Liebesbeziehungen nur mit (weiblich identifizierten) Frauen vorstellen können.

Umgekehrt haben mehrere Befragte angegeben, daß sie in vergangenen Beziehungen nicht in der Lage waren, ihren ‚biologisch‘ weiblichen Geliebten, die keine geNOkos praktizierten, die gewünschte emotionale Aufmerksamkeit zu gewähren. Dazu paßt auch, daß sie angeben, öfters persönliche Geschenke mit Einladungen zum Kino oder Essen gehen (also letztlich Geld) erwidert haben.

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Schließlich kommt es dem hetero/a/‚sex‘uellen Familienernährermodell nahe, daß eineR der geNOko-praktizierenden Befragten ihrerSEINER femme das Bügeln von Herrenoberhemden mit Zahlungen (in die Haushaltskasse der getrennt wohnenden femme) honoriert. Einige der geNOko-Praktizierenden sagen im Zusammenhang mit der Hausarbeitsteilung von sich, schlampig zu sein, was keine der Befragten nicht geNOko-praktizierenden Frauen von sich sagt. Letztere kritisieren dies (die Schlampigkeit) aber teilweise ihrerseits an den geNOko-Praktizierenden.

Insgesamt bleiben die Angaben in den Interviews zur Hausarbeitsverteilung aber schwammig. Charakteristisch sind dafür die beiden folgenden Zitate:

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„In der ganz großen W- WG hatten wir eigentlich auch keinen Putzplan, da hat man sich ein- einfach so irgendwas – ähm – gemacht, daß irgendwie alle mal reihum gekocht haben.“ (I 7, 1673-1676).

„das war nie irgendwie ’n Problem. Lief eher locker. Also – auch ohne Putzplan“ (I 6, Z. 2058 f.). „Ich hab da aber nie, das war, glaube ich, nie ’n Thema, das irgend wie was abgerechnet wurde oder aufgerechnet oder nachgerechnet oder so, nee.“ (I 6, Z. 2175-2177).

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Diese Antworten entsprechend fast wörtlich einer typischen Antwort, die Koppetsch/Burkart (1999, 145) im individualisierten, heter/o/‚sex‘uellen Milieu erhalten haben:

„da läuft es halt darauf hinaus, daß man sich abwechselt, aber da haben wir eigentlich keine Abmachung, es ist halt so ungeschriebenes Gesetz, so könnte man auch sagen, daß abwechselnd, aber das ist nicht reglementiert, daß man sagen würde, es gäbe einen Putzplan oder so, es ist meistens so, und wenn dann einer Zeit hat, dann macht er halt, wie er gerade Lust hat“.

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Koppetsch/Burkart (ebd. und ff.) konnten zeigen, daß trotz solcher Äußerungen (auch) für das „individualisierte Milieu“ von einer „Illusion“ der Gleichberechtigung gesprochen werden muß (ebd., 317). Selbst ein „Hausmann“ im Erziehungsurlaub, der nach seiner Selbstwahrnehmung und gemäß der Abmachung mit seiner Partnerin, eigentlich „das ganze Programm“ an Haus- und Erziehungsarbeit übernommen hat, ist letztlich mit diesen Tätigkeiten nur dann beschäftigt, wenn sowohl die Partnerin als auch die Putzfrau, die aus Anlaß seines Erziehungsurlaubs eingestellt wurde, abwesend sind (ebd., 149-152). Das, was eigentlich als „Rollentausch“ (nach Geburt des zweiten Kindes) geplant war (nachdem die Partnerin den Erziehungsurlaub aus Anlaß des ersten Kindes genommen hatte), erweist sich in der Praxis bestenfalls als Gleichverteilung der Haus- und Erziehungsarbeit (ebd. 151).

Gerade die Individualisierung, die Planphobie, dieses Milieus ist es, die – bspw. über unterschiedliche Sauberkeitsstandards (ebd., 153 sowie hier S. 181) – immer wieder zu einer Mehrbelastung der Frauen führt, die aber – in den individualistischen Begriffen des Diskurses dieses Milieus nicht systematisch (begrifflich) abgebildet werden kann (hier: S. 194 sowie Koppetsch/Burkart 1999, 161 oben), sondern – sogar von den Frauen – schön geredet wird (ebd., 151). Dieser Diskurs – und das Interesse an einer harmonischen PartnerInnenschaft (ebd., 157) – führen dazu, daß nicht „abgerechnet […] oder aufgerechnet oder nachgerechnet“ (I 6, Z. 2176) wird:

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„Um die Liebe zwischen den Partnern nicht aufs Spiel zu setzen, verzichten die meisten Paare über weite Strecken auf eine explizite Aufrechnung, wie sie bei einer genauen Einhaltung der Partnerschaftsnorm [Gleichberechtigung, d. Vf.In] erforderlich wäre. Dadurch entsteht die Situation, daß die Beteiligung des Mannes an der Hausarbeit sich auf gelegentliche Hilfestellung und außerordentliche ‚Sonderleistungen‘ […] beschränkt.“ (Koppetsch/Burkart 1999, 319).

Koppetsch/Burkart konnten diesen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit (und die in den Anspruch bereits eingelassenen Mechanismen, die diesen Widerspruch perpetuieren, s. hier S. 194) aufzeigen, da die Beziehungen der von ihnen Befragten zum Zeitpunkt der Interviews noch bestanden und sie Interviews mit beiden PartnerInnen führen konnten.

Wir konnten anhand der von uns geführten Interviews Anhaltspunkte für den gleichen Sachverhalt feststellen. Die Tatsache, daß wir nicht noch mehr Anhaltspunkte dafür gefunden haben, dürfte sich daraus erklären, daß die meisten Befragten zum Zeitpunkt der Interviews keine Liebesbeziehungen führten. Der ideologische Anspruch, eine gleichberechtigte, (post)moderne PartnerInnenschaft zu führen, dürfte unabhängig davon, ob aktuell eine Liebesbeziehung besteht, präsent sein; die Erinnerung an und die (unbeabsichtigten) Erzählungen über die praktischen Details, die diesem Anspruch widersprechen, dürften mit zunehmendem zeitlichem Abstand von der Beziehung abnehmen. – Allein die Tatsache, daß in unserem Sample viele getrennt wohnende („apart together“) (Ex-)Paare vertreten waren, gibt Anlaß zu der Vermutung, daß die spontanen Prozesse, die den politischen Anspruch unterlaufen, hier etwas schwächer ausgeprägt sind als in dem Sample von Koppetsch/Burkart.

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e) Während die meisten Befunde der hiesigen Studie also eher zu Skepsis gegenüber den von queer-TheoretikerInnen in die subversive Kraft von geNOkos investierten Hoffnungen Anlaß geben, sieht es im sexuellen Bereich etwas anders aus: Karin Klees (1992, 172-174, 178 f.) kam in ihrer 1988 durchgeführten Befragung von 27 Paaren mit ‚partnerschaftlichem Anspruch‘ (damit dürfte ein Anspruch gemeint sein, der auf das zielt, was hier Demokratisierung genannt wird) zu dem Ergebnis, daß sich „[v]ierzehn Frauen […] in unterschiedlicher Intensität gedrängt oder unter Druck gesetzt [fühlten], mit ihrem Partner zu schlafen.“ Auch von den befragten Männern wurde dieser Sachverhalt mehr oder minder bestätigt. In der hiesigen Befragung gaben nun alle geNOko-Praktizierenden an, den Willen ihrer PartnerInnen, wenn diese keinen Sex wollen, selbstverständlich zu akzeptieren (wie auch ihr Wille von diesen akzeptiert werde). Auch die beiden befragten Beziehungen von geNOko-Praktizierenden gaben an, in ihren Beziehungen zu geNOko-Praktizierenden niemals zum Sex genötigt worden zu sein. Während schließlich die Männer in der Untersuchung von Klees ein problematisches Verhältnis zu sexueller Selbstbefriedigung hatten (sie war für diese laut Klees „Ersatz, Ventil oder Notlösung“), hatten in der hiesigen Befragung fast alle Befragten ein unbefangenes Verhältnis zum Thema.

Trotzdem lassen sich auch im sexuellen Bereich im befragten Sample zahlreiche hetero/a/sexistische Stereotypen (Erotisierung von Machtdifferenzen, biologistisches Triebkonzept etc.) feststellen.

So ist in dieser Arbeit zu folgendem ernüchternden Schluß zu kommen: Das, was Marx über die Flexibilität des Kapitalverhältnisses sagt, gilt auch für die Flexibilität des Sexismus:

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„Das Kapital bleibt dasselbe, ob wir an die Stelle von Wolle Baumwolle, an die Stelle von Getreide Reis, an die Stelle von Eisenbahnen Dampfschiffe setzen, vorausgesetzt nur, daß die Baumwolle, der Reis, die Dampfschiffe – der Leib des Kapitals – denselben Tauschwert haben, denselben Preis wie die Wolle, das Getreide, die Eisenbahnen, worin es sich vorher verkörperte. Der Körper des Kapitals kann sich beständig verwandeln, ohne daß das Kapital die geringste Veränderung erlitte.“ (Marx 1849, 408).

Patriarchat bleibt Patriarchat, egal ob wir an die Stelle von Frauen femmes und an die Stelle von Männer butches setzen, vorausgesetzt die Art ihrer sozialen Beziehung (ihre Praxis) ist die gleiche. Die Körper und die Ideologie der sub-jekte des Sexismus kann sich beständig wandeln, ohne daß der Sexismus als solches die geringste Änderung erlitte.

III. Forschungsstrategien für die Evaluierung des hiesigen Ergebnisses

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In Anbetracht der oben dargestellten unsicheren Datenlage ist es allerdings erforderlich, das hiesige Ergebnis einer Evaluierung zu unterziehen. Dafür kommen zwei Forschungsstrategien in Betracht:

IV. Neue Fragen, die sich aus dem hiesigen Material ergeben

Das vorliegende Material erlaubt nicht nur nur sehr unsichere Schlußfolgerungen hinsichtlich der hier untersuchten Fragen (so daß die Anwendung der vorgenannten Evaluierungsstrategien angezeigt ist), sondern wirft auch neue Frage auf, die außerhalb des hiesigen Interesses lagen, aber in einem anderen theoretischen Kontext durchaus untersuchenswert erscheinen:

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Zumindest drei Erklärungen kommen für diese beiden Umstände in Betracht:

  1. 1. Die tendenzielle Vereinzelung ist unfreiwillig und resultiert aus einer Diskriminierung von geNOko-Personen. Dafür gab es aber im Rahmen der hiesigen Analyse der Interviews, außer vielleicht bei zwei der vier Mann-zu-Frau-Transsexuellen, keine Hinweise.
  2. 2. Die tendenzielle Vereinzelung ist freiwillig und geNOko-Personen sind VorreiterInnen dessen, was in bestimmten soziologischen Ansätzen als „Individualisierung“ bezeichnet wird. Dafür könnten sich zumindest in einigen Interviews Anhaltspunkte finden lassen (freiwilliges Alleinwohnen, freiberufliche sowie informelle Erwerbstätigkeiten u.ä.). Hieraus ließe sich evtl. – unter dem Gesichtspunkt des Zusammenhangs von (neo-liberaler) Flexibilisierung und Individualisierung – auch ein neues, hier noch nicht herangezogenes Kriterium für Subversivität bzw. Nicht-Subversivität entwickeln.
  3. 3. Es handelt sich um einen Verzerrungseffekt. Vielleicht melden sich auf Interviewgesuche (soweit nicht ausdrücklich in Beziehungen etc. lebende Personen gesucht werden) eher alleinlebende Personen, um dadurch eine Form des sozialen Anschlusses zu finden. Diese Hypothese müßte anhand der Erfahrungen anderer empirischer Untersuchungen überprüft werden.

V. Schlußfolgerungen für die theoretische Debatte

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Queer theory ist vielfach dafür kritisiert worden, daß sie politisch zahnlos sei, weil sie kulturalistisch oder idealistisch sei:

„Das Spiel mit Rollentausch und Travestie entfacht meines Erachtens keine gesellschaftspolitischen Wirkung, weil mit der Konstruktion von Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten zugleich Machtfragen geregelt werden. Macht neu zu verteilen, setzt aber politische Kämpfe voraus, die mehr sein müssen als Versuche, Macht spielerisch zu überspringen.“ (Pinl 1999, 43).

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„Meines Erachtens ist ihr [Butlers] Vorschlag, die heterosexistische Geschlechterkultur durch subversives cross-dressing in Frage zu stellen, grundsätzlich von idealisierenden und omnipotenten Vorstellungen des Machbaren getragen und stellt außerdem eine Überschätzung der bewussten Handlungsoptionen einzelner Akteure dar. Diese Sichtweise ist […] naiv, da sie davon ausgeht, dass mit symbolischen Irritationen eine strukturverändernde Verunsicherung der Zweigeschlechtlichkeit und des Heterosexismus einherginge“ (Soine 1999, 16).

Im gewissen Sinne war diese Überlegung auch der Ausgangspunkt des hiesigen Projektes: Die theoretische Position Butlers erschien als radikal, die Frage war, ob diese Radikalität auch in der Praxis der sub-jekte, auf die sich Butler bezieht (und die sich ihrerseits – teilweise – auf Butler beziehen), wiederzufinden ist. Unsere Hypothese war dabei bedingt optimistisch, wir rechneten zumindest mit einer reformistischen Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses.

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Das Ergebnis des hiesigen Projektes legt es – bei allen vorgenannten Unsicherheiten über die Validität dieses Ergebnisses – nahe, jene Kritik zu verschärfen:

Queer ist nicht politisch zahnlos, weil es ‚nur kulturell‘ ist; sondern queer (hier: unser Sample von geNOko-Praktizierenden) stabilisiert den status quo im Geschlechterverhältnis, ‚obwohl‘ es ‚nur‘ kulturell ist. Denn auch eine kulturelle Praxis ist nicht unpolitisch oder jedenfalls nicht ohne politische Wirkungen.

Zumindest solange cross dressing mit einem Begehren einhergeht, das auf Differenz bzw. Komplementarität ausgerichtet ist, wird der Geschlechterbinarismus nicht etwa untergraben, sondern immer wieder neu hergestellt. –

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Judith Lorber schrieb 1995: „Der Feminismus hat sehr viel erreicht, aber das Allerschwerste – der Frontalangriff auf gender – steht uns noch bevor“ (Lorber 1995/1999, 35).

Unsere eigene Forschung müssen wir dahingehend resümieren, daß auch die queer Bewegung – oder zumindest deren deutsche Ansätze, soweit sie Gegenstand der hiesigen Untersuchungen waren – dem Feminismus einen solchen Angriff nicht abgenommen haben. Es bleibt bei dem – für viele sicherlich ernüchternden – aber doch voraussehbaren Befund: Eine solche ‚Politik der Dekonstruktion‘ (ebd., 46) von Männer-Herrschaft wird von den Nicht-Männern (d.h. zuvorderst: den Frauen) geleistet werden, oder sie wird nicht stattfinden – und cross dressende Männer und ex-weibliche Jungs kommen für jenes Projekt allenfalls als sehr unsichere Bündnispartner in Betracht.

Diese Einsicht verlangt zugleich einen Bruch mit der im hiesigen Sample in den Interviews 6 und 16 besonders deutlich gewordenen anti-politischen Harmoniesucht (einer Harmoniesucht, die zugleich aber radikal individualistisch ist), und die auch im Hintergrund der Kritik aus vielen anderen Interviews am vermeintlichen Biologismus und Essentialismus der Frauenbewegung / des Feminismus und dem Unwillen (oder der Unfähigkeit), zur Hausarbeitsverteilung konkret Stellung zu nehmen, steht.

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Es fehlt ein Begriff des Antagonismus – und folglich wird am Separatismus der Unterdrückten kritisiert, daß er dem ‚Gros der Gesellschaft‘ nichts bringe; daß er ignoriere, daß die Gesellschaft „noch nicht so weit“ sei, auf die Herabsetzung der Frauen zu verzichten (I 16, Z. 1987, 1992, 2004). Wenn dies der Ausgangspunkt ist – wenn Ausgangspunkt ist, das ‚Gros der bestehenden Gesellschaft (so wie sie ist)‘ zu akzeptieren –, dann ist es allerdings nur konsequent, den Feminismus dafür zu kritisieren,

kurz: daß ihnen folglich – anders als Person 7 und 6 – nicht jede „Festschreibung“ (Z. 3103) und nicht jedes „Frontendenken“ (Z. 560) zu wider ist, sondern daß sie kämpfen für die Unterdrückung der Männer als Mittel für die Erreichung einer Gesellschaft ohne Geschlechter; weil sie wissen, daß Herrschaft nicht verschwinden wird durch Pluralisierung der bestehenden (symbolischen) Ordnung, nicht verwinden wird, ohne daß auch die sozialen Gruppen, die durch diese Herrschaft konstituiert werden, das Feld der Geschichte räumen.


Fußnoten und Endnoten

198  Ob es unter den Transsexuellen eine Präferenz für – gemessen am ‚Ziel-Geschlecht‘ – hetero/a/‚sex‘uelle Beziehungen gibt, ließ sich aufgrund der geringen Anzahl von Fällen nicht klären: Von den transsexuellen Befragten bezeichnete sich der Mann eindeutig als schwul, zwei der Frauen als eindeutig hetero/a/sexuell und eine eindeutig als lesbisch.

199 

In Anbetracht dieser Umstände wurde im Laufe des Forschungsprojektes von der – ursprünglich in Erwägung gezogenen – Möglichkeit Abstand genommen, die Befragten (zusätzlich zum Interview und den ohnehin erhobenen sozial-demographischen Daten) zu bitten, auch noch ein Zeittagebuch zu führen. Denn dies hätten die Befragten noch mehr beansprucht, aber – mangels MitbewohnerInnen und Liebesbeziehungen – insoweit keinen Erkenntniszuwachs gebracht. Hinsichtlich der geNOko-Praktizierenden selbst hätte eine solche Erhebung zwar konkretere, aber keine vergleichbaren Ergebnisse hinsichtlich der Zeit-Verwendung gebracht – so war zum Zeitpunkt der hiesigen Erhebung zu vermuten. Denn – soweit ersichtlich – lagen Zeitbudget-Untersuchungen zu alleinlebenden Personen, die keine geNOkos praktizieren, nicht vor (die entsprechenden Daten aus der Zeitbudget-Studie des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 1991/92 [s. Holz 2000] wurden erst nach Abschluß der Erhebungsphase des hiesigen Projektes veröffentlicht). Für die eigene Erhebung solcher Vergleichsdaten reichten die Ressourcen des hiesigen Forschungsprojektes nicht aus.

200  Gemeint sind hier jeweils nicht §Männer und §Frauen, sondern Personen aus dem Sample (also geNOko-praktizierende!), die nicht transsexuell sind, sondern andere Formen von geNOkos (als Transsexualität) praktizieren.



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18.09.2006