1 Einleitung und Zielstellung

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Die Erhaltung der pflanzengenetischen Ressourcen ist eine nationale Aufgabe. Sie ist Bestandteil der internationalen Bemühungen zur Erhaltung der Artenvielfalt und zur Verminderung der genetischen Erosion. Aus der weltweit zunehmenden Vernichtung von Lebensräumen zahlreicher Pflanzen- und Tierarten durch Umweltverschmutzung ergibt sich die Verpflichtung zur Erhaltung von unzerstörten Landschafts- und Lebensräumen.

Diese können ihrer Funktion nur gerecht werden, wenn sie als Ökosystem, als Einheit von Biotop und Biozönose, eine ausreichende räumliche und zeitliche Ausdehnung erfahren (HERRMANN und PLAKOLM 1991). Ein Beispiel bilden die Streuobstbestände. Der Reichtum an Pflanzen- und Tierarten, wie er in intakten Streuobstbeständen anzutreffen ist, basiert auf der natürlichen Entwicklung von Obstgehölzen und Beiflora sowie der extensiven Bestandespflege. Eine Bestandesdauer von mehreren Jahrzehnten, in Ausnahmefällen Jahrhunderten, führt zum Aufbau relativ stabiler Lebensgemeinschaften. Durch die Besiedelung unterschiedlicher Biotope bilden sich, zum Teil räumlich stark begrenzte, individuell verschiedene Lebensgemeinschaften heraus (RÜBLINGER 1988, SCHWÄRZEL und SCHWÄRZEL 1999).

Es bestehen unterschiedliche Möglichkeiten der Anlage und Nutzung extensiver Obstbestände. Streuobstwiesen, Obstäcker, Wegbegleitpflanzungen, Solitärgehölze, Bauern- und Liebhabergärten können bei sorgfältigem Schutz mittelfristig dem Verlust an genetischer Vielfalt entgegenwirken. Ein hoher ökologischer und landschaftsästhetischer Wert wird durch die Erhaltung aller Formen von extensiven Obstgehölzpflanzungen erreicht. In den modernen, großflächigen Agrarlandschaften gewinnt die Verbund- und Vernetzungsfunktion von Streuobstelementen eine besondere Bedeutung (BLAICH 1994).

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Aus der Vielzahl positiver Effekte, die mit der Erhaltung von Streuobstbeständen aus ökologischer Sicht bestehen, leitet sich die Verpflichtung zur nachhaltigen Sicherung der Biotope und der Schaffung von Ergänzungspflanzungen ab.

Die Bewertung der Altersstruktur von mehr als 10.000 hochstämmigen Apfelbäumen im Land Brandenburg macht die altersbedingte Gefährdung der Bestände besonders deutlich. Gehölze in der Altersgruppe von 0-25 Jahren waren nicht enthalten, ca. 25 % der Gehölze waren 25- 50 Jahre alt und mit 75 % war der größte Teil älter als 50 Jahre.

Die extensiven Obstbestände wurden sehr stark vernachlässigt. Der Anteil sachgerecht geschnittener Bäume betrug 4 %. Obstbäume der Alleen erhielten nur Schnitteingriffe zur Herstellung des Lichtraumprofils (25 % des Bestandes). Ca. 70 % der Bäume wurden seit mehr als zehn Jahren nicht mehr geschnitten (SCHWÄRZEL und SCHWÄRZEL 1999). Die Baumstreifen wurden nicht gepflegt, so dass sich bei einem Viertel der Bestände verschiedene Baumarten und Sträucher auf natürliche Weise ansiedeln konnten. Legt man die Inventur des Jahres 1900 über den Obstbaumbestand in der Provinz Brandenburg (GOETHE 1908) zu Grunde, ist eine Wiederherstellung dieser vielfältigen Verwendung und Nutzung von Obstbäumen nicht erreichbar. Sie würde für einen Zeitraum von 50 Jahren Neu- und Ergänzungspflanzungen von jährlich 250.000-300.000 Obstbäumen erfordern. Gegenwärtig erscheint eine Größenordnung von 3-5 % bei der Umsetzung realistisch.Die Sanierung und Neuanlage extensiver Obstpflanzungen setzt Kenntnisse über den Standort und die Beeinflussung der Obstbäume durch die Standortfaktoren voraus.

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Die Standortverhältnisse können nicht mit einer Größe beschrieben werden. Die einzelnen Faktoren wirken im Komplex und sind durch Wechselwirkungen gekennzeichnet (Abb. 1)

Abb. 1: Einflussfaktoren und Wechselwirkungen auf die Entwicklung extensiver Obstbäume

Aus der Vielzahl von Einflussgrößen auf die Entwicklung der Gehölze und den Wechselwirkungen leitet sich die Zielstellung der Arbeit ab. Ausgehend von den Klimadaten während der letzten 100 Jahre wurde die Untersuchung der Zusammenhänge von Witterungserscheinungen und der Entwicklung der Gehölze notwendig. Da geeignete Methoden zur Beschreibung von klimatischen Extremwerten für den Obstbau nicht oder nur bedingt vorhanden waren, mussten diese weiterentwickelt werden. Die Nutzbarkeit dieser theoretischen Größen zur Beschreibung der Reaktionen der Obstbäume konnte nur durch dendrochronologische Untersuchungen überprüft werden. Wesentliche Bedingungen für die Bewertung des Einflusses von Witterungserscheinungen auf die Entwicklung der Bäume waren, dass die Bäume aufgrund ihres Alters möglichst viele klimatische Extremwerte überlebt hatten und die Boden-/ und Bodenwasserverhältnisse den Standorten zugeordnet werden konnten. Da für dendrochronologische Untersuchungen nur relativ wenige tote Bäume zur Verfügung standen und lebende Bäume nicht gefällt wurden, musste für die Untersuchung des Einflusses der Boden-/ und Bodenwasserverhältnisse auf die Entwicklung der Bäume wegen des Auftretens von Diluvial- und Alluvialstandorten im Untersuchungsgebiet und der starken Inhomogenität der Diluvialstandorte ein umfangreicher Bestand an extensiven Obstgehölzen bewertet werden.

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Die jährlichen Schwankungen der Zuwachsleistungen bei den dendrochronologisch untersuchten Bäumen konnten nur zum Teil mit Witterungserscheinungen erklärt werden. Um den Einfluss der Sorten und die Variabilität der Einzelbäume zu untersuchen, wurde für 33 alte Apfelsorten, mit je zwei Bäumen auf der Unterlage A2, das Ertragsverhalten während der ersten 12 Standjahre analysiert.


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10.04.2008