2 Stand der Kenntnisse

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In der aktuellen Literatur wird die Optimierung der Standort- und Sortenwahl vorrangig aus der Sicht des Erwerbsobstbaus dargestellt und diskutiert. Die Verwendung schwach- bis mittelstarkwachsender Unterlagen und eine hohe Pflegeintensität gehören zum Standard (FRIEDRICH 1993, FISCHER 1995). Die Verwendung alter Obstsorten für den extensiven Anbau wird nur ungenügend dargestellt. Für zahlreiche alte Sorten wird eine Wertung der Wuchsstärke der Gehölze vorgenommen, ohne die Standortverhältnisse, die zu dieser Wuchsleistung geführt haben, zu charakterisieren (SILBEREISEN 1989). Die Kenntnis alter Sorten ist ungenügend, Verwechslungen und Falschdarstellungen von Sorten häufig (SCHURICHT und SCHWÄRZEL 1998). Die Verallgemeinerung von Einzelbeobachtungen zur Wuchsleistung von Obstgehölzen führt ohne Berücksichtigung der Standortverhältnisse zu Fehleinschätzungen. Formulierungen wie „Der Baum wächst in jungen Jahren schwach und aufrecht, im Alter stark mit breiter Krone“ (FISCHER 1995) können im Einzelfall durch Standortuntersuchungen erklärt, aber nicht allgemein zur Charakterisierung des Wuchsverhaltens einer Sorte herangezogen werden.

Detaillierte Aussagen zu den Standortansprüchen der Obstarten und Sorten- Unterlagen- Kombinationen sowie zum Einfluss einzelner Standortkomponenten auf das Wachstum der Gehölze im extensiven Anbau finden sich in der älteren Literatur.

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Während die wissenschaftlichen Untersuchungen von POENICKE und SCHMIDT (1950) und HILKENBÄUMER (1948) eine Verallgemeinerung gestatten, basieren die Ergebnisse in der Literatur vor 1900 auf Einzelbeobachtungen. Die zum Teil sehr genauen Beschreibungen der Bodenprofile bis zwei Meter Tiefe und die Erläuterung des obstbaulichen Wertes der Standorte sind heute praktisch kaum nutzbar, da sie vor jeder Pflanzung ähnliche Profilgruben und weitere Untersuchungen zur Bewertung der Standortverhältnisse erfordern würden. Die Inhomogenität der Böden an Diluvialstandorten würde außerdem eine Vielzahl von Profilgruben auf relativ kleinem Raum erfordern.

Eine Zuordnung der Gehölzstandorte zu aktuellen bodenkundlichen Karten und die Bewertung der Entwicklung der Gehölze ermöglichen Schlussfolgerungen für künftige Pflanzungen.

Die von POENICKE und SCHMIDT (1950) herausgestellte Beziehung zwischen dem Wachstum der Obstgehölze und den am Standort vorhandenen krautigen und holzigen Zeigerpflanzen ist besonders hervorzuheben. HILKENBÄUMER (1948) konnte im Gegensatz zu GOETHE (1908) und BECHTLE (1908) auf die Ergebnisse der Reichsbodenschätzung zurückgreifen. Er definierte Anbaugrenzen für die einzelnen Obstarten anhand von Bodenzahlen und verknüpfte diese mit der Anbauwürdigkeit landwirtschaftlicher Kulturen. Eine standortspezifische Wertung der Entwicklungschancen von Obstgehölzen und die Festlegung von Anbaugrenzen unter Berücksichtigung der Klima- und Bodenverhältnisse fehlen. Wertvolle Einzelinformationen, welche über die Zusammenfassung des Kenntnisstandes durch HILKENBÄUMER (1948) hinausgehen, finden sich in der älteren Literatur. BÖTTNER (1913) legte Grundforderungen für das „Gedeihen“ hochstämmiger Obstgehölze fest und wies auf den negativen Einfluss zu hoher Schnittintensität hin. GOETHE (1908) hatte erkannt, dass die Bewertung der Standorte für den Obstanbau eine genaue Bodenansprache erfordert. Er übernahm für die obstbauliche Standortbewertung das von HARZARD (1908) entwickelte Schema zur Einteilung des Bodens in zehn „Bodengattungen“ für den Anbau landwirtschaftlicher Kulturen. GOETHE (1908) ordnete diesen unter Berücksichtigung der Wasserversorgung und der Erwärmbarkeit die Obstarten zu. Er analysierte den Schichtaufbau von 18 Bodenprofilen bis zwei Meter Tiefe und sprach Empfehlungen für die zweckmäßig zu verwendenden Obstarten aus. BECHTLE (1908) setzte sich intensiv mit den Bodenarten, der Bodenmächtigkeit, der Nährstoffversorgung sowie den Wechselwirkungen zwischen Boden, Klima und Pflegeintensität auseinander. Er leitete daraus spezielle Obstarten- und Sortenempfehlungen ab. GRESSENT (1894) gab für den Anbau der einzelnen Obstarten spezielle Bodenarten an, ohne näher auf diese einzugehen. Die Ausführungen zur Anzuchtdauer der Gehölze, fünf bis sieben Jahre, zu den verwendeten Gehölzunterlagen und den jeweiligen Sorten können als Orientierung für die Altersbestimmung einzelner Alleen dienen. Zahlreiche Sorten wurden nur während weniger Jahre in Sortimenten und Baumschulkatalogen geführt und gelangten in dieser Zeit zur Anpflanzung (KÖNIGLICHE LANDESBAUMSCHULE POTSDAM 1823/ 24, 1827/ 1828, 1828/ 29, 1842/ 43, 1855/ 56, LAUCHE 1893, BECHTLE 1908, SCHWÄRZEL und SCHWÄRZEL 1999). SAUERACKER (1901) wies ebenso die Verwendung von fünf bis sieben Jahre alten Gehölzen bei den Pflanzungen aus, gab aber auch die teilweise Verwendung sehr starker Pflanzware, Stämme bis Armstärke, an. Er wies auf die Auswahl von Standort angepassten Samenspenderbäumen für Unterlagen hin, neben Holzäpfeln und Holzbirnen wurden gesunde, starkwachsende Wirtschaftssorten als Samenspender verwendet. LUCAS (1887) ging nur auf geeignete Standorte ein, bewertete aber die unterschiedliche Reaktion der Obstarten und zum Teil der Sorten gegenüber stauender Nässe. Bei RUBENS (1846) dienten Zeigerpflanzen (landwirtschaftliche Kulturen) zur Bewertung der obstbaulichen Standorteignung. Für die Einschätzung des möglichen Apfelanbaus bezog er sich auf die Eignung des Bodens für den Roggenanbau, nach HARZARD (1908) jedoch „keine dürftigen Roggenböden“, sondern „mittlere Weizenböden“. SCHILLER (1794) teilte die Böden in drei Gruppen und bewertete ihren obstbaulichen Wert. In dem speziellen Sortenteil, mit welchem er die Beschreibungen von KNOOP (1758) ergänzte, ging er auf Standort bezogene Besonderheiten der Sorten ein. Besondere Beachtung verdient auch hier der Hinweis auf die Verwendung von „Holz- Apfel Stämmlen“ als Unterlagengehölze in dieser Zeit. Die Richtigkeit der Empfehlungen des 19. Jahrhunderts zur Standort- und Gehölzauswahl bei extensiven Obstanpflanzungen wurde bisher nicht überprüft. Der Nachweis des Überlebens zahlreicher alter Sorten in unterschiedlichen Regionen des Landes Brandenburg wurde 1999 durch SCHWÄRZEL und SCHWÄRZEL erbracht. Für die zum Teil 200 jährigen Bestände im Land Brandenburg liegen keine dendrochronologischen Untersuchungen vor. Ebenso konnten in der Literatur keine für extensive Obstgehölze nachgewiesen werden.

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Erste Ergebnisse zu Obstgehölzen stammten von ABBASS (1972). Er wies an 22 jährigen Apfelbäumen mehrerer Sorten-Unterlagen-Kombinationen spezielle, ertragsabhängige Stammzuwachskurven nach. Die Variabilität der einzelnen Gehölze in der Zuwachsleistung und Ertragsbildung war sehr groß. Eine Synchronisation der Ertragsverläufe war auch bei genetisch identischen Sorten-Unterlagen-Kombinationen und einheitlichen Standortverhältnissen nicht oder nur zum Teil gegeben. Wuchsdepressionen als Reaktionen der Gehölze auf hohe Erträge waren sortenspezifisch. Die durchschnittlichen Jahrringbreiten erreichten mit 0,9-8,5 mm zum Teil die zehnfachen Werte der forstlichen Gehölze (ABBASS 1972, PILGER 1951). Da sich die Untersuchungen von ABBASS (1972) auf jährlich stark gedüngte Versuchsanlagen bezogen (Düngermengen je Jahr: 100-120 kg N, 100 kg P2O5 und 145 kg K2O), waren die Ergebnisse nicht auf den extensiven Obstanbau übertragbar.

Die Beeinflussung der Zuwachsleistung von Gehölzen durch klimatische Einflüsse (Temperaturverläufe, Höhe und Verteilung der Niederschläge) wurde in den forstlichen Dendrochronologien bei Tanne, Fichte, Kiefer, Eibe, Lärche, Buche und Eiche nachgewiesen (PILGER 1951, WAZNY 1990, HÜSKEN 1994). Die negative Wirkung der Winterkälte auf die Obstbäume wurde durch RUDORF, SCHMIDT und ROMBACH (1942) Deutschland weit nach dem obstbaulichen Schadwinter 1939/ 40 untersucht. Sie unterschieden mehrere Schadstufen getrennt nach Herkunftsregionen, dem Alter der Bäume, den Obstarten und Sorten, den Gehölzunterlagen, den Erziehungsformen der Bäume, den vorjährigen Ertragsleistungen und der Düngung. Neben Bäumen ohne Holzschäden traten solche mit teilweiser und vollständiger Schädigung auf. Als Schäden an überlebenden Bäumen wurden Kambiumverfärbungen, unterschiedliche Schadstufen am einjährigen Holz, Stammschäden und Verluste ganzer Kronenbereiche unterschieden (HILKENBÄUMER 1940). Für die nachfolgenden Schadwinter, z. B. 1953/ 54 und 1955/ 56 fehlten zentrale Statistiken, die Auswirkungen wurden in erster Linie in obstbaulichen Versuchen erfasst und analysiert (KEMMER und STECKEL 1958, KRAUSE 1960). Aus den Untersuchungen des Schadwinters 1955/ 56 von KEMMER und STECKEL (1958) war bekannt, dass geschädigte Gehölze in Abhängigkeit von den Umwelt- und Pflegebedingungen die Schäden unterschiedlich überwanden. Bei einem Teil der Bäume, die bei der ersten Bewertung als ungeschädigt eingestuft wurden, traten Folgeschäden bis hin zum Absterben auf (Schädigung der Unterlage). Die starken Reaktionen der Obstbäume auf strenge Winter ermöglichten die Nutzung als Negativweiserjahre. Die Eignung der obstbaulichen Schadwinter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 1928/ 29, 1939/ 40, 1941/ 42 und 1955/ 56 für die Zuordnung der Lebenszeiträume der Obstbäume und der Kältesummen wurde überprüft.


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10.04.2008