1 EINLEITUNG, PROBLEM UND VARIABLEN

Kultur, Identität, Nation, Geschichte

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Kultur ist eine Handlung. Das Wort « Kultur » kam in den deutschen Sprachgebrauch im 18. Jahrhundert aus dem Französischen.20 Hier hatte sich die ursprüngliche Bedeutung von Lateinisch cultura, der landwirtschaftlichen Tätigkeit, bereits gewandelt. Gemeint war nunmehr ein Zustand, ein ‘Haben von Kultur’. Die Autoren der Encyclopédie widmeten dem Wort « culture » im übertragenen Sinne zwar noch keinen eigenen Eintrag, verwenden es aber in den Artikeln zu Éducation, Esprit, Philosophie und Sciences. Der Eintrag zu « culture des terres » deutet auf jenen vormaligen Sinn, der heute noch in agriculture zu finden ist, und im Deutschen mit « Wirtschaft » ausgedrückt wird. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Versuche unternommen, der dynamischen Dimension von Kultur auch im Wortgebrauch zu entsprechen. Dieses Umdenken fand Ausdruck in Begriffen wie « Akkulturation » und « Enkulturation » und reicht bis in die Gegenwart und den Vorschlag, den Begriff « culturation » an Stelle von « culture » zu etablieren.21

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Nie wurde mehr von Kultur und Identität gesprochen als heute. Dabei haben kulturelle und identitäre Formen menschliches Leben zu jeder Zeit bestimmt. Die Begriffe « Kultur » und « Identität » beschreiben zwei verschiedene Perspektiven auf die Form menschlicher Existenz. Identität kann als kulturelles Bewusstsein verstanden werden und unterscheidet sich somit von dem, was im Sinne der Gesamtheit menschlicher Lebensäußerungen und ihrer Bedingungen22 als Kultur bezeichnet wird, durch die Tatsache der Reflexivität. Dieses Bewusstsein hat kollektive und individuelle Formen.23 Die Gründe für die gegenwärtige Aufmerksamkeit mögen verschiedenster Art sein, ein wesentlicher Aspekt aber scheinen die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Umgestaltungen zu sein, die Rolle und Funktion des Nationalstaates in einem wandelnden Kontext neu definieren. Wir beobachten einen Wandel, der die gedachte Ordnung und die praktizierte Organisation der Kultur betrifft.24

Auf die umfangreiche Literatur zu den Themen Nation und Nationalismus kann hier im Einzelnen nicht eingegangen werden.25 Der Umgang mit den beiden Konzepten in der vorliegenden Arbeit wurde unter anderem von den richtungsweisenden Arbeiten Ernest Gellners und Benedict Andersons motiviert. Die Autoren vertreten in ihrer Analyse unterschiedliche Ansichten, die sich aber nicht notwendigerweise ausschließen. Beiden Annäherungen an das Thema ist der Blick auf die besonderen kulturellen und sprachlichen Dimensionen nationalisierter Gebilde gemein, und sowohl Gellner als auch Anderson beschreiben ausführlich die Strukturen, innerhalb derer Nationen organisiert bzw. gedacht werden können.26 Demzufolge soll sich das Konzept « Nation » hier im Wesentlichen auf eine als limitiert und souverän gedachte und praktizierte Ordnung gemeinsamer und geteilter Kultur beziehen. In diesem Sinne findet das Wort « Nationalkultur » Verwendung.27 Sie entspricht dem zweifachen Sinn des Wortes « Ordnung », weil sie einen Vorgang und sein Ergebnis beschreibt. Nationen sind ständig dabei, neu zu entstehen28, und so haben die gegenwärtigen Vorgänge denationalisierender Neuordnung, in Richtung einer (Re-)Privatisierung bzw. der Unterordnung staatlicher Domänen unter transnationale Autoritäten, zumeist auch nationalisierende Dimensionen, nicht zuletzt, weil sie von den national organisierten demokratischen Institutionen ‘westlicher’ Prägung bestimmt werden. Die Frage vom Ende der Nation lässt sich heute nicht beantworten. Die entsprechende Antwort muss im Kontext der Zukunft gegenwärtiger demokratischer Institutionen und sowohl der gedachten als auch der praktizierten Dimensionen binnenegalitärer Sozialpolitik gesehen werden.

Ohne die Darstellung der Französischen Revolution als markierender Einschnitt in die moderne Geschichte in Frage stellen zu wollen, sei hier auch auf jene Studien verwiesen, die sich mit frühen Formen nationaler Bekundungen beschäftigten, unter anderem im Zusammenhang mit dem europäischen Humanismus.29 Die verschiedenen Formen kultureller Veränderungen, die unter dem Begriff der Renaissance zusammengefasst werden, sind auch in ihren nationalen Dimensionen zu sehen, nicht zuletzt bezüglich der mit den Bibelübersetzungen eingeleiteten Heimholung der Guten Nachricht. Andererseits ist Kritikern wie Patrick J. Geary zuzustimmen, die in ihren Arbeiten die propagierten Ideen primordialer Geschichte und kontinuierlicher Völkerschaften als retrospektive Konstruktionen und Legitimationsstrategien überführen.30

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Die europäischen Nationalstaaten entstanden als Folge tiefgreifender Veränderungen in der Organisation von symbolisch abgegrenzter Kultur. Die Elemente der Differenzierung waren immer Territorium und Bevölkerung, oft Sprache und Religion, bzw. eine Vielzahl von Zeichen (Wappen, Hymnen, Fahnen, Parolen), die diese vertreten. Die Infragestellung der alten dynastischen Ordnung und der universalen Legitimität der Kirche machte mit dem 18. Jahrhundert einen neuartig abstrakten, ehedem undenkbaren Akteur möglich: die gesamte Bevölkerung eines begrenzten Raumes.

Die wichtigen Vektoren des Fortschritts in Europa fanden unterschiedlichen Ausdruck in kulturell und politisch verschiedenen Kontexten. Die spezifischen Bedingungen und Prioritäten gestalteten die säkularisierenden Vorgänge von Industrialisierung und Alphabetisierung in unterschiedlicher Weise. Auch das europäische demokratische Modell – Achtung der Rechte des Individuums, allgemeines Wahlrecht und soziale Sicherheit – fand seine jeweilige Inspiration in historisch und geographisch differenzierten Quellen. Neben den unterschiedlichen Bedingungen, unter denen das religiös bestimmte Verhältnis zur Schrift und mittelbar zur Welt hervorzuheben ist, gab es im europäischen Vergleich in der politischen Umsetzung aber auch bemerkenswert ähnliche Entwicklungen.

Zwei miteinander in Verbindung stehende Erscheinungen des 19. Jahrhunderts illustrieren die erstaunliche Parallelität der Entwicklung in einer Reihe europäischer Länder: Schule und Presse. Die moderne Industriegesellschaft erforderte und ermöglichte die staatlich organisierte Alphabetisierung der Bevölkerung, die durch eine normalisierte Allgemeinbildung der ‘hektischen Mobilität’ der Zeit entsprach. In Frankreich, Deutschland, Großbritannien und in anderen Nationalstaaten entstanden trotz der großen kulturellen und politischen Unterschiede innerhalb eines bemerkenswert kurzen Zeitraumes die allgemeinen, obligatorischen und kostenlosen Schulsysteme, für die Jahrzehnte von diversen nationalisierenden und egalitären Bewegungen gekämpft worden war, ehe das Vorhaben Staatsangelegenheit wurde. Bevor die Gesamtheit der Bevölkerung zu (Staats-)Bürgern wurde, hatten verschiedene Formen vor allem bürgerlicher Emanzipationsbewegungen den Zugang zu standesgemäß verwehrten Gebieten der ‘Hochkultur’ eingeklagt. Gleichzeitig war die wirtschaftliche Entwicklung der Ausdehnung innerhalb mehr oder weniger territorial bestimmter Grenzen gefolgt. Die neu zu verhandelnde Kultur, mit nunmehr territorial nachgezeichneten Außengrenzen, sollte allen gehören und im 19. Jahrhundert entstanden mit Hilfe von Telegraphenämtern, Schnelldruckpressen und effizienten nationalen Transportsystemen große Öffentlichkeiten, die sich zeitgleich informieren und der gemeinsamen Sache gewiss sein konnten. Den Beweis für die neue Zeit lieferten Instrumente der Erfassung von Gegenwart und Vergangenheit: Kartographie, Volkszählung und Museum.31

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Zusammengehörigkeit bedingt, zumindest in der Logik der Nationalisierung, gemeinsame Geschichte. Gemäß der Bedingtheit von Ausschluss und Einschluss, die jede Identitätskonstruktion kennzeichnet, musste es um eine eigene Geschichte gehen, die nicht gleichzeitig die Geschichte der Anderen sein konnte. Unterschiede aber werden gemacht, und obwohl auf einen Fundus von gelebter Gemeinsamkeit zurückgegriffen werden konnte und musste, bringen die Regeln der Distinktion doch erstaunliche Spielräume mit sich. Die Betonung von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten unterliegt einem Zusammenspiel von Konstruktion und Struktur; die entsprechenden Zeichen sind wenn nicht arbiträrer, so doch artifizieller Natur. Eine der großen Aufgaben für die Parlamentarier, Schulmeister, Museumsdirektoren und Heimatjournalisten bestand in der Erarbeitung großer Narrative, die eine gemeinsame Herkunft sinnvoll und glaubhaft machten. So entstanden im nationalen Selbstverständnis naturhafte Gebilde, Bevölkerungen, die sich schon lange kannten und die eine Erinnerung an gemeinsam Errungenes und Geerbtes verband. Später gaben Regierungsentscheidungen ‘Fremden’ aller Art die Möglichkeit, ‘eingebürgert’, oder, um einen andernorts üblichen Begriff zu verwenden, ‘naturalisiert’ zu werden.32

Bilder jeder Art gehörten und gehören zum Haushalt nationaler Vergewisserung; sie erfüllen die Aufgabe der Repräsentation im Gegensatz zu mittelalterlichen Königsflaggen vor allem in Abwesenheit des Bezeichneten. Die Abstraktion der Kopräsenz von Millionen gleicher Bürger trägt ein Element ‘virtueller’ Beziehung, das von starken Bildern gleichsam kompensiert wird.

Hinter dem Begriff des Bildes freilich steht Verschiedenes: eine physische Form und eine Idee, bzw. etwas, das den Sinnen zugänglich an einer Wand hängt und etwas, das der Betrachter in Gedanken mit sich nimmt. Im Englischen entsprechen die Begriffe image und picture diesen verschiedenen Bedeutungen. Einer der prominenten Orte nationaler Bilderverwaltung wurde die schulische Institution; der deutsche Begriff der Bildung versinnbildlicht diesen Zusammenhang.33 Die wegweisende Logik bildungstechnischer Unterweisung, die sich im Wortstamm educare findet, nimmt hier die Idee des Vorbilds auf, von dem ausgehend gebildet und bebildert werde. Bildung trägt in sich einen ähnlich zweigestaltigen Ausdruck verschiedener Dinge wie das « Bild »: die Bildungseinrichtung Schule als Rahmen und das ideelle Produkt, normierter kultureller Besitz. (Die semantischen Felder von « Bildung » und frz. « culture » überschneiden sich.) Es handelt sich um eine Form des kulturellen Gedächtnisses, die in ihrem modernen, nationalen Kontext zu sehen ist und am « Wandlungscharakter des Gedächtnisses » teil hat.34

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Kultur wird organisiert, aber gemeinsame Kultur ( shared culture ) wird nicht gleichmäßig mit egalitärer Teilhabe gemeinsam organisiert, auch wenn die Rhetorik proklamierter Gleichheit es nahelegt. Abhängig von der Position der jeweiligen Instanz haben Verweise auf die gemeinsame Kultur – Identitätsreferenzen – unterschiedliche Möglichkeiten und Bedeutungen. Identitätsreferenzen und Geschichtsbilder, in Schullehrplänen, in journalistischen und literarischen Texten, in politischen Reden, bei Denkmalseinweihungen und in Kunstwerken unterliegen dieser Logik öffentlicher ‘Potenz’.35

Die Nationalisierung der Kultur – eine ‘Hochkultur’ zugänglich und verbindlich für alle Bürger des Landes – erforderte und bewirkte die Verdichtung der Kommunikationsnetze in einem räumlich vorgegebenen Rahmen. Ein wesentlicher Faktor in diesem Vorgang war die Etablierung einer verbindlichen ‘Hochsprache’ für alle Belange der nationalisierten Bevölkerung. Die Voraussetzungen für die sprachliche Homogenisierung der nationalen Territorien waren zwar unterschiedlich, die Mittel ihrer Durchsetzung hingegen ähnelten sich. Ein Vergleich der europäischen Sprachatlanten für das 18. und das ausgehende 20. Jahrhundert zeigt unmissverständlich die Ergebnisse dieser einheitsdeklarierenden politiques linguistiques.

Im Sinne der bisherigen Ausführungen versteht sich der Titel der Arbeit als Umriss ihrer Problembeschreibung. Identitätsreferenzen und Geschichtsbilder sind immer auch in einem sprachlichen und einem kulturellen Kontext zu lesen. Dieser Kontext ist spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch und vornehmlich nationaler Art. Im Folgenden wird mit Québec auf ein politisches Gebilde eingegangen, das in bemerkenswerter Weise von sprachlicher und kultureller Heterogenität gekennzeichnet ist und damit eine grundlegende Eigenschaft menschlicher Lebensformen verdeutlicht: Kulturen sind Mestizen, und das unabhängig von der Frage, ob sie in diesem Bewusstsein leben und sich als solche wahrnehmen.

Europa, Kanada und Québec

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The history of Canada and Québec is in reality many histories. [...] It is the history of nations – of the Aboriginal nations, who inhabited this continent before the coming of the Europeans, of the British and the French, the Americans, and, eventually, the Canadians, in their English- and French-speaking varieties. It is the history learned in schools, or passed down from generation to generation.

Mit diesen Worten beginnt Robert Bothwell den Text einer « Oral history of Canada and Quebec », die mehr als 100 Gespräche mit Wissenschaftlern, Politikern und Angestellten vereinigt.36 Der Autor benennt einige der erzählbaren Geschichten und Orte ihrer Weitergabe. Mit der eigenartigen Formulierung von « englisch- und französischsprachigen Varietäten » der kanadischen Nation wird ein denominatorisches Dilemma illustriert, das wie kein anderes die politischen Geschäfte Kanadas bestimmt hat. Dem Titel des Buches gelingt es, die problematische Frage nach der Nation zu umgehen; hier ist von den zwei Geschichten des einen Landes37 die Rede: Canada and Quebec: One Country, Two Histories.

Der spezifische Gegenstand, dem die vorliegende Arbeit nachgeht, ist die kanadische Provinz Québec. Im Vordergrund steht hier die kulturelle Konstitution eines Raumes, mit Blick auf die Gegenwart der politischen Einheit Québec.38 Die kolonialen Anfänge Québecs, oder, weniger anachronistisch, Kanadas, liegen ungefähr 250 Jahre vor der Zäsur moderner Geschichte, die durch das Ereignis der Französischen Revolution eintrat und ungefähr ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn moderner Geschichte, die mit der « Entdeckung » der Neuen Welt durch den Genuesen mit dem bemerkenswert passenden Namen einsetzte.39 Der Schritt aus dem Jahrhundert der Nationalisierung zu den Anfängen der Moderne entspricht der Geschichte der Geschichtsschreibung, ihrem Blick in die Vergangenheit und den verschiedensten Berichten zur Zeit und ihrem Sinn.40 Der folgende Überblick erhebt nicht den Anspruch, eine vollständige Darstellung der historischen Tatsachen zu sein, die das heutige Québec formierten und beeinflussten. Vielmehr sollen vor allem jene Elemente beschrieben werden, die im Kontext der vorliegenden Arbeit von Bedeutung sind.

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Nach der Annexion der Bretagne durch die militärisch expandierende Zentralgewalt im Jahr 1532 und nachdem durch eine päpstliche Bulle Reisen in die neue Welt nicht mehr den spanischen und portugiesischen Seefahrern vorbehalten waren, erhält der aus St. Malo stammende Jacques Cartier von François I. den Auftrag, den Atlantik für die französische Krone zu überqueren. Baskischen, bretonischen und anderen Seefahrern waren die Gewässer vor der heutigen kanadischen Küste im frühen 16. Jahrhundert bereits gut bekannt; Ernährungsvorschriften und Navigationstechnologie hatten einen Anstieg des europäischen Fischfangs nötig und möglich gemacht. Die « Entdecker » Amerikas können auf ein gutes Wissen des Weges und der Küsten zurückgreifen, nur die Karten des Landes waren weiß geblieben und von den Bewohnern hatte man nur spärliche Kenntnisse.

Auf der Suche nach dem sagenumwobenen (chinesischen) Cathay folgen Seefahrer wie Giovanni Caboto 1497 und Giovanni Verrazano 1524 der atlantischen Küste der Neuen Welt nach Norden. Cartier glaubt sich auf dem richtigen Weg in der Bucht, die am Namenstag des Heiligen Lorenz nach dem Märtyrer aus dem 3. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung benannt wird. Mit dem gleichen Ziel, der Suche nach der North West Passage, und im Auftrag von Elisabeth I. segelt Martin Frobisher 1567 in Richtung Amerika.41

Zwischen den jeweils ersten Atlantiküberquerungen von Cristóbal Diego Colón und Jacques Cartier liegen 42 Jahre und eine Epochengrenze. War Christum Ferrens Kolumbus noch auf der Suche nach einem alttestamentarisch verhießenen Land und Reichtümern, um dem Abendland die symbolischen Pfeiler zurückzugeben – Konstantinopel war 1453 der christlichen Verfügung entglitten und der Kreuzfahrtsweg nach Jerusalem versperrt – so entspricht Cartiers Vorhaben zunächst der Neugier und Bereicherung seiner irdischen Auftraggeber.42 Cartiers Männer müssen nicht, wie die Besatzung der Schiffe Kolumbus’, unter Strafandrohung schwören, dass sie Neues entdecken werden43 und vor allem wissen sie, wie Hernán Cortés weiter im Süden, ihre Sprache strategisch einzusetzen und Zeichen zu manipulieren: Ein Häuptling der Micmac ahnt den eigentlichen Sinn eines 1534 errichteten meterhohen Kreuzes, mit dem das Gebiet der heutigen Gaspésie im Namen des Königs von Frankreichs beansprucht wird und gibt seinem Unmut Ausdruck – er erhält zur Antwort, es diene der besseren Navigation.

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Freilich handelt es sich hier sowohl um Hoheitsansprüche auf den Raum als auch auf die Seelen und das Heil seiner Bewohner, der neutestamentliche Missionsbefehl « Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker » (Mt. 28,19) ist hier als parallele Politik bereits vorgezeichnet. 1537 erklärte die Enzyklika Sublimus Dei aus den Händen von Papst Paul III., die Bewohner der Neuen Welt seien in jeder Hinsicht Menschen und können demzufolge Katholiken sein.44 Zumindest die dritte Reise Cartiers steht bereits im Zeichen des Wortes aus dem Vatikan.

Cartiers Reiseberichte aus dem Norden der Neuen Welt, dem « Land, das Gott Kain zuwies »45, hinterlassen eine bleibende Spur in der Vorstellung der Leser seiner Zeit. Zwar bemüht sich Cartier, die ‘Qualität und Schönheit der Länder’ im Norden Amerikas zu preisen, doch aus den Berichten wird deutlich, dass das versprochene Paradies in den langen Wintermonaten zu einer apokalyptischen Strafe wird. Eine namensgebende Hinterlassenschaft Cartiers verweist unmissverständlich auf die verwobene Geschichte des Landes, von der die symbolpolitischen Claims der Gegenwart überschattet werden. Nach kanata, Huronisch-Irokesisch für ‘Dorf/Siedlung’, tauft Cartier zunächst die Gegend um die Siedlung von Häuptling Donnacona und später das Territorium nördlich des Sankt-Lorenz-Stroms Canada. Genau genommen entdeckt er also nicht – der bereits gebräuchliche Name Nouvelle-France(bzw. Nova Gallia ) steht am Anfang der ersten Reise Cartiers ungenau für « Terre-Neuve », am Ende der zweiten Reise ‘für die Länder und das Königreich von Hochelaga und Canada’ – er fragt nach der Bezeichnung und schreibt diese später längs des Sankt-Lorenz-Flusses auf die ‘gesüdete’ Karte der Neuen Welt, mit dem Norden am unteren Bildrand. François Rabelais, dessen Gargantua im Jahr der « Entdeckung » Kanadas erschienen war, benutzt 1548 im Quart Livre das Wort Canada, um auf die gigantischen Dimensionen einer Unternehmung zu verweisen, und nennt später den tapferen Benenner beim Namen.46 Aber es findet sich bei Cartier kein Wort von jenem Québec, das in den Relations des Jésuites Erwähnung finden wird, die zwischen 1632 und 1672 geschrieben werden.

Die Besiedlung der Gegend beginnt im 17. Jahrhundert und gestaltet sich ausgesprochen schwierig. Skorbut, Kälte und Konflikte mit den Bewohnern des Landes dezimieren die Überwinternden. Dennoch entwickeln sich die Ansiedlungen, nicht zuletzt wegen der medizinischen Hilfe, die den Franzosen von den Einheimischen zur Verfügung gestellt wird.47 1608 gründet Samuel de Champlain in der Nähe der Siedlung Stadaconé nach einem amerindianischen Wort für Flussengung die « Abitation de Québecq ». Mehr als 200 km flussaufwärts wird 1642 auf einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom von P. Chomedey de Maisonneuve die Siedlung Ville-Marie, das spätere Montréal, gegründet. Cartier hatte die Gegend, die ihre Bewohner « Hochelaga » nannten, schon 1535 besucht. Von der « Mont Royal » getauften höchsten Erhebung der Insel aus ließ sich erkennen, dass der Fluss schmaler wird und in unschiffbaren Stromschnellen endet, die heute nicht ohne Ironie wie die Ortschaft im Süden der Insel den Namen Lachine tragen. Von hier aus war kein schiffbarer Weg zu den Reichtümern zu finden, von denen die Berichte Marco Polos sprachen.

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Das Land zu beiden Seiten des Flusses, der die Logik der Besiedlung und Entwicklung Kanadas bestimmen sollte, wird im 17. Jahrhundert für die habitants 48 zu einer gleichzeitig feststehenden und porösen frontier. Einige verlassen das verpflanzte Frankreich und organisieren als coureurs des bois mit den Ureinwohnern des Landes den Pelzhandel und Formen des Kulturaustauschs, den die puritanischen Siedler weiter im Süden nicht praktizieren wollen und können. Erst später wird dem habitant vor allem von der klerikal-nationalisierenden Geschichtsschreibung seine Bestimmung als exemplarischer Landwirt zugeschrieben, der die Versuchung der Städte meidet. Dem Gebot des Evangeliums folgend etablieren sich die franziskanischen Récollets sowie Jesuiten und Sulpizianer in den Städten und Siedlungen.49 1663 erwirbt die Société de Saint-Sulpice die Lehensherrschaft über Ville-Marie, das 1705 zu Montréal wird. Auf der Insel leben zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3 000 Personen, die gesamte Nouvelle-France zählt etwas mehr als 16 000 Personen europäischer Herkunft. Québec entsteht als Souvenir einer geschlossenen Stadt mit Blick nach innen und nach Frankreich, Montréal wird der Schmelztiegel diverser Interessen, Sprachen und Kulturen, mit dem Blick in die Tiefen des unbekannten Kontinents gerichtet. Die Rivalität der beiden Städte trägt profunde Spannungen aus und symbolisiert zwei Formen der frühen kanadischen Realität, die bis in die Gegenwart und ihre politischen Auseinandersetzungen spürbar sind.50

Mit der einheitsstiftenden französisch-katholischen Kulturpolitik von Kardinal Richelieu51, der Beauftragung einer Handelsgesellschaft ( Compagnie des Cent Associés, 1627) und der Einführung des Systems der Seigneuries (1628) wird das Überseefrankreich in die Geschäfte des Ancien Régime eingebunden. Nachdem die Nouvelle-France 1663 von Ludwig XIV. zur colonie royale deklariert wurde, entwickelt sich die politische Planung der neuen Territorien unter staatlicher Kontrolle: Einsetzung des Conseil souverain 52 und der Coutume de Paris im Jahre 1665, bevölkerungspolitische Maßnahmen – wie die aus der Staatskasse finanzierte Entsendung von jungen Frauen in die Kolonie zwischen 1663 und 1673 –, und die Fortsetzung restriktiver Bestimmungen für Protestanten. Diesen wurde bereits 1627 per Erlass der Zutritt zur Nouvelle-France verwehrt, in bezeichnender Weise in einem Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert wiedergegeben, auf dem der eminente Kardinal und Minister dabei gezeigt wird, als Retter Frankreichs Dornen und Ungeziefer vom Lilienbanner, dem Symbol der französischen Herrschaft, zu pflücken.53 Diese politische Geste, eine Vorankündigung der Widerrufung des Edikts von Nantes, hat unter anderem einen einheitlichen Raum staatlicher Ordnung zum Ziel, der nicht von den Zerwürfnissen der Religionskriege in Frankreich gezeichnet sei. So entsteht der französischsprachige, katholische Rahmen der Nouvelle-France, der in der einen oder anderen Form auch die kulturellen und politischen Bedingungen der Gegenwart beeinflusst. Die repressive, antiprotestantische Politik nach der St. Barthélemy von 1572 und ihre Fortsetzung mit der Révocation de l’édit de Nantes von 1685 entspricht einem inneren Ordnungsprinzip, das die historische Positionierung Frankreichs fixiert, widerspricht jedoch nicht zuletzt den rationalen Grundlagen der früheren und wahrscheinlich auch der späteren Entwicklung der Kolonie. Immerhin waren die Geschicke der Kolonie am Sankt-Lorenz-Strom zunächst wesentlich von Protestanten mitbestimmt worden. Cartier und Champlain hatten die Neue Französische Welt bereist, bevor diese zu einer ausschließlich katholischen Unternehmung wurde.

Seine dritte Reise nach Kanada hatte Jacques Cartier 1541 an der Seite eines Protestanten unternommen, Jean-François de La Roque de Roberval, dem mit königlichem Auftrag die Führung der Expedition übertragen worden war. Samuel de Champlain, dessen Vorname und lange Dienste in der Armee Heinrich IV. darauf schließen lassen, dass er Protestant war, bereiste 1604 mit seinem hugenottischen Freund Pierre du Gua de Monts die Küstenregionen Akadiens. Sie gründeten eine neue Kolonie, der sie den Namen Port-Royal gaben. Auch ein nicht unbeträchtlicher Anteil der im Fellhandel mit den amerindianischen Händlern beschäftigten Coureurs des bois waren französische Protestanten gewesen.

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Die religiösen Auseinandersetzungen in Europa sollen auch später direkte Auswirkungen auf die Kolonie haben. Das von Champlain gegründete Québec wird 1629, zwei Jahre nach dem Beginn der Belagerung von La Rochelle, unter der Führung der Brüder Kertk für England militärisch eingenommen und für Jahre besetzt. Die Akteure sind fünf aus Frankreich geflohene Protestanten, die mit Hilfe und im Auftrag der englischen Krone und unter dem anglisierten Namen Kirke in der Neuen Welt europäische Politik fortsetzen. Diese vorläufige Conquête der Nouvelle-France wird schließlich mit dem Vertrag von St. Germain-en-Laye annulliert, weil die Eroberung drei Monate nach Friedensschluss in Europa vonstatten gegangen war. Die Rückübertragung geschieht unter der Bedingung, dass Ludwig XIII. seine Schulden gegenüber Charles I. begleicht.

Kanada wird bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auch ein Begriff für die englischen Unternehmungen im Norden des Kontinents: Seit der Gründung der Hudson’s Bay Company im Jahre 1670 wächst das Interesse an den riesigen Gebieten und den wirtschaftlichen Aussichten, womit sich konkurrierende englische und französische Interessen gegenüberstehen. Die in sieben Kriegen über 100 Jahre andauernden militärischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und England werfen ihre Schatten auf die Kolonien im Norden Amerikas. Der 7-jährige Krieg wird für die Historiker der Nouvelle-France zur Guerre de la Conquête. Die englischsprachige nordamerikanische Geschichtsschreibung nennt das letzte Kapitel der Auseinandersetzungen The French and Indian War, popularisiert in den Lederstrumpferzählungen James Fenimore Coopers mit ihren guten englischen Christenmenschen, den tapferen indianischen Freunden vom Stamme der Delawaren und den gemeinen Franzosen (« dogs of France ») und dümmlichen, hinterlistigen Huronen.54

Frankreich kann in der Tat mit seinen amerindianischen Alliierten rechnen und die Karten des Kontinents verweisen auf französische Niederlassungen zwischen Port Royal am Atlantik über Détroit und St. Louis bis nach Nouvelle-Orléans am Golf von Mexiko. Der französischen Seite gelingt es vorerst, durch die Qualität der militärischen Führung und vor allem durch die aus dem Kontakt mit amerindianischen Kulturen entstandene Überlegenheit in der Kenntnis der natürlichen Gegebenheiten den militärischen Untergang der Nouvelle-France hinauszuzögern. Einer der großen Kenner der Geschichte Kanadas fasst diesen Umstand mit einer lakonischen Note folgendermaßen zusammen:

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[T]he major factor contributing to the long-delayed decision [der Übernahme der französischen Gebiete in Nordamerika durch Großbritannien] was the disposition of almost all the Indian tribes except the Iroquois Confederacy to side with the French, who from both religious and commercial motives had always cultivated the friendship of the Indians, whereas the English had sought chiefly to exterminate them. 55

Aber die strategische Unterlegenheit im Kampf um die Meere, die militärischen Niederlagen in Europa, die gigantischen Dimensionen der territorialen Ansprüche in Amerika und vor allem die demographischen Tatsachen ― die fehlende Bereitschaft zur Emigration aus Frankreich in die Neue Welt56 ― lassen die französischen Pläne in Nordamerika scheitern.

Mit der Niederlage der französischen Truppen auf den Abrahamshöhen vor Québec im Jahre 1759, der Kapitulation Montréals im Jahr darauf und mit dem Vertrag von Versailles tritt Frankreich alle Ansprüche auf das nordamerikanische Festland an die englische Krone ab. Einer der immer wieder zitierten Gründe für die verlorene Schlacht von 1759 liegt in der Tatsache, dass sich der französische Aristokrat Montcalm gegen den Kanadier Vaudreuil, Gouverneur der Kolonie, durchsetzen konnte. Die kanadischen und amerindianischen Truppen auf französischer Seite kämpfen einen Krieg nach europäischem Muster und verlassen die Abrahamshöhen neben den französischen Truppen als Verlierer.

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Das Gebiet am Sankt-Lorenz-Strom wird nach einigem Hin und Her Teil der britischen Kolonien in Nordamerika. Die britische Administration erlässt vor dem Hintergrund der Spannungen auf dem Kontinent den Quebec Act, der die neuen Untertanen des Königs, eine Bevölkerung von ungefähr 60 000, in der Province of Quebec integriert. Trotz der restriktiven antikatholischen Bedingungen für den administrativen Bereich ( Test Act 57  ) wird den Canadiens das Recht auf Bewahrung ihrer Sprache und ihrer Religion gewährt, ein Zeichen, das in den südlichen Kolonien als Provokation aufgefasst wird. Die auf Unabhängigkeit drängenden mehr oder weniger puritanischen, vor allem aber antipapistischen Siedler im Süden verstehen die auf Distinktion und Loyalität abzielende Geste der britischen Kolonialadministration, den Canadiens das Recht auf Beibehaltung ihrer Eigenheiten zuzustehen. Die nördlichen Kolonien würden den antimonarchistischen Rufen zur Bürgerbefreiung auch dann nicht folgen, wenn sie aus dem Süden mit Flugblättern und Reden aufgefordert werden. Ein König ist schließlich ein König, hieran ändern die Parolen der amerikanischen Revolution nichts. Vor allem dann nicht, wenn er der Garant eigener Geschichte wird.

Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg bestätigt einerseits die Befürchtungen der britischen Krone und bestimmt andererseits nicht unwesentlich die Entwicklung des späteren Kanada: Zehntausende englische Loyalisten verlassen die zukünftige Republik nach Norden, etwa 6000 von ihnen siedeln sich in der Province of Quebec an. So entsteht English Canada, wenn auch noch nicht unter diesem Namen.

Die Spielregeln der parlamentarischen Vertretung der Bevölkerung führen zu Spannungen zwischen den alten englischsprachigen und neuen französischsprachigen Untertanen des Königs; nicht zuletzt im Kontakt mit den Institutionen der britischen Macht begreift sich der Canadien zunehmend als politisches Wesen und als Teil einer distinkten Gemeinschaft. 1791 schließlich wird, auch auf Drängen der englischsprachigen Bevölkerung, die Provinz in Upper Canada und Lower CanadaBas-Canada ) getrennt, womit den kulturellen, sprachlichen und religiösen Differenzen politische Strukturen gegeben werden.

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Die Revolution im französischen Mutterland wird in Teilen der Bevölkerung und vor allem in den zweisprachigen Zeitungen von Montréal und Québec anfangs noch mit begeisterter Zustimmung aufgenommen, die mit den Ereignissen von 1793, der Hinrichtung des Monarchen und der Kriegserklärung gegen England, aber ein jähes Ende findet. Die Distanz wird nicht zuletzt durch die aus Frankreich geflohenen Geistlichen und ihre Berichte von den Taten der jakobinischen Kulturrevolutionäre gestärkt. In diesem Kontext entsteht später der Glaube an eine providentielle Fügung, eine « blessing in disguise », die das katholische Kanada in die Arme einer Monarchie gegeben habe.58 Die überseeischen Franzosen, die in mehrerer Hinsicht Nordamerikaner geworden waren, agieren nunmehr auch im psychopolitischen Sinne zuvörderst in einem britischen Kontext, der entstehende Patriotismus war kanadisch, die Nation, um die es ging, war amerikanisch, nicht europäisch.59

Im frühen 19. Jahrhundert sind in Kanada die Akteure der Neuverhandlung von Kultur angetreten: die Vertreter der freien Berufe beziehen mehr oder weniger antikoloniale und antiklerikale, weniger häufig auch antimonarchistische Positionen, in den Städten treffen sich literarische Clubs und politische Vereinigungen, öffentliche Diskussionen werden in Zeitungen wie Le Canadien ausgetragen. Dieses Sprachrohr des Bildungsbürgertums liefert sich zunächst verbale Auseinandersetzungen mit dem englischsprachigen Quebec Mercury und schließlich mit den Behörden der Kolonie.

Die Kritik richtet sich gegen die etablierten Gruppen, von denen die Geschäfte der Provinzen kontrolliert werden: die sogenannte Château Clique in Lower Canada/Bas-Canada und The Family Compact in Upper Canada. Der Kampf um die freie Nation gleicher Bürger findet dabei zunächst noch Formen, die jenseits der Sprachbarrieren liegen – die Teilnehmer am großen ersten Banquet nationaliste von 1834 sprechen französisch und englisch, Zeichen der vielfältigen Beziehungen einer kulturellen Landschaft, der es später immer wieder gelingt, ihre Verwandtschaft zu verbergen. In Bas-Canada wird der Parti canadien 60 gegründet, nationale Emanzipation, Freiheit und Gleichheit gefordert und gegen die Privilegien der englischsprachigen Handelseliten von Québec und Montréal argumentiert. Die Überlagerung sozialer und kultureller Konflikte lässt den Kampf als Aufeinandertreffen zweier ‘Rassen’ erscheinen, um einen Begriff der Zeit zu verwenden.61 Die festen Bindungen großer Teile der anglokanadischen Bevölkerung an das britische Imperium führte zu einer vergleichsweise späten Identifizierung mit einer distinkten kanadischen Nation. Der anglokanadische und pankanadische Nationalismus sind Phänomene des 20. Jahrhunderts.

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1837-38 kommt es in beiden Kanadas zur offenen Konfrontation mit der britischen Kolonialregierung. Die Rebellionen werden niedergeschlagen, Hunderte von Aufständischen inhaftiert, einige Dutzend werden nach Australien und Bermudas deportiert und ein Teil der Anführer wird öffentlich hingerichtet. Im Sinne der Vorschläge eines Sonderbeauftragten der britischen Krone, der nach Kanada entsandt wurde, wird unter anderem mit dem Ziel der Assimilation der frankokanadischen Bevölkerung 1840 die Zusammenlegung der Provinzen beschlossen (Act of Union, 1840). Upper und Lower Canada werden unter einer Regierung vereinigt und fortan als Western und Eastern Canada bezeichnet. Die gesetzlichen Regelungen sind in mehrerer Hinsicht gegen die frankokanadischen Interessen gerichtet: Die 670 000 Köpfe zählende Bevölkerung von Lower Canada erhält die gleiche Anzahl von Vertretern im Parlament wie die 480 000 in Upper Canada, die öffentliche Verschuldung wird zusammengelegt (95 000 und 1,2 Millionen Pfund) und Englisch wird die alleinige offizielle Sprache der Regierung. 1848 erhält die Province of Canada faktisch das Recht der Selbstregierung. In Québec wird im Ergebnis der niedergeschlagenen Rebellionen die Position des katholischen Klerus gestärkt, der sich demonstrativ auf die Seite der britischen Kolonialmacht gestellt und den Aufständischen mit Exkommunikation gedroht hatte. Nicht nur wird der (vormals emanzipatorische, antikolonial-republikanische, laizistische) nationale Diskurs in Folge von der konservativen katholischen Elite geprägt, sondern ein Teil der staatlichen Domäne gerät für das kommende Jahrhundert faktisch unter die Kontrolle eines zunehmend ultramontan gesinnten Klerus. Das öffentliche Schulsystem wird zum Ort der Begegnung theokratischer Ideen und moderner Mittel.

Mit dem Responsible Governement von 1848 und dem politischen Bündnis von Louis-Hippolyte LaFontaine und Robert Baldwin beginnt aber gleichzeitig eine Reihe moderater demokratischer Reformen, von denen die weitere Entwicklung Kanadas wesentlich geprägt wird. Die gegen den Gebrauch des Französischen gerichteten Regelungen werden zurückgenommen und der weitsichtige und zweisprachige Gouverneur James Bruce, Earl of Elgin hält die Eröffnungsrede des Parlaments im Januar 1849 in englischer und danach in französischer Sprache. Bemerkenswert ist auch jene Politik, die das Land im Norden zum gelobten Land für entflohene Sklaven aus den Vereinigten Staaten werden lässt. Der Staaten- und Bürgerkrieg zwischen dem industriellen, republikanischen Norden und dem agrarischen, konföderativen Süden der Vereinigten Staaten wird zu einem wesentlichen Faktor in der Entstehung des politischen Gebildes Kanada. Die britische Politik unterstützt aus ökonomischen Gründen zunächst die Südstaaten, wodurch die Spannungen zwischen Kanada und den USA drastisch zunehmen. Die ‘Gründungsväter’ Kanadas begreifen die Lektion der gewaltigen Auseinandersetzungen: starke politische Strukturen, die sich nötigenfalls mit Gewalt durchsetzen lassen sind für den Zusammenhalt und den Schutz der Nation unentbehrlich. Als der große Nachbar im Süden mit dem Ausgang des Sezessionskrieges die nationale Union erzwingt, wird im Norden zunächst erwogen, ein Königreich Kanada zu gründen. Man entscheidet sich schließlich, nicht zuletzt aufgrund der abzusehenden Konfrontationen, der republikanischen City Upon a Hill einen gleichsam biblisch gestützten Bund entgegenzustellen. Mit der Gründung der kanadischen Föderation als Dominion of Canada 62 im Jahre 1867 entsteht auch die Provinz Québec, als Gründungsmitglied neben Ontario, Nova Scotia und New Brunswick. Von einigen späteren Grenzverschiebungen abgesehen ist damit der Rahmen der heutigen Provinz Québec vorgegeben.

Anders als der Krieg gegen die auf Erweiterung drängenden Vereinigten Staaten von 1812 führen alle späteren militärischen Unternehmungen Kanadas nach außen zu erheblichen inneren Dissonanzen: der Burenkrieg und die beiden Weltkriege werden zu symbolischen Kämpfen um geteilte Solidaritäten und Staatsdoktrin, in denen die englischsprachigen und französischsprachigen Öffentlichkeiten mehrheitlich nicht einer Meinung sind.63 Es wäre jedoch falsch, von einem grundsätzlichen Pazifismus seitens der französischsprachigen Kanadier zu sprechen, wie die erfolgreiche Mobilisierung der zouaves pontificaux zeigt, die ab 1868 zum Schutz der päpstlichen Autorität vor Garibaldis nationalem Italien entsandt wurden. Für die größtenteils fehlende Zustimmung zu den imperialen Kriegen Großbritanniens lag neben einer gewissen distanzierten Haltung zur staatlichen Autorität ― nach dem Motto « l’État sans moi », wie H. Weinmann schreibt ― eine Reihe von spezifischen Gründen vor. So kam es um die Jahrhundertwende zur Ablehnung des Krieges in Südafrika, weil sich große Teile der Québécois mit den Buren identifizierten und dieses Bild von der Presse aufgenommen wurde. Der Beginn des Ersten Weltkrieges lag in einer Zeit, die von den lautstarken Reaktionen in Québec auf die seit 1912 gegen die katholischen, französischsprachigen Schulen der Provinz gerichtete Sprachpolitik in Ontario gezeichnet war. Mit der Regulation 17, 1916 von der obersten Justizinstanz für Kanada, dem Privy Council in London, für rechtskräftig erklärt, wurde die Politik der Anglisierung offiziell. Die Wirkung in Québec blieb nicht aus, weil öffentlich gefragt wurde, ob der wichtigere Kampf nicht in Kanada selbst stattfinde. Die gesellschaftliche Entwicklung in Québec wird bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts maßgeblich von der katholischen Kirche bestimmt, der es gelingt, dem Modernisierungsdruck entgegenzuwirken und eine Verlangsamung der Geschichte herbeizuführen.64 Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formulierten Postulate der frankokanadischen Nation, ihrer Schutzpatrone und Helden, wie Saint-Jean Baptiste und Dollard des Ormeaux, sind nunmehr in einer allgemeinen Nationalformel aufgegangen. Die Nation beschreibt sich als französischsprachig und katholisch, legt Wert auf Herkunftsbeschreibung, Erinnerung an Ungerechtigkeiten und Traumata der Vergangenheit, unterstreicht den Wert der schulischen und anderer Institutionen, sowie von Bräuchen und Traditionen.65

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Kanada wird 1931 in die Unabhängigkeit entlassen66, die Verfassung wird jedoch erst 1982, ein halbes Jahrhundert später, heimgeholt ( rapatrié/repatriated ). Dieser fehlt, trotz mehrmaliger Versuche, einen landesweiten Kompromiss zu erarbeiten, bis heute die Unterschrift aus Québec, vor allem wegen der ablehnenden Haltung Anglokanadas zu den Forderungen Québecs, neben den anderen Provinzen einen besonderen Status (als société distincte ) einzunehmen. Die Heimholung der Verfassung ist wie schon die Ersetzung von Union Jack und Red Ensign durch das Maple Leaf Mitte der 60-er Jahre auch als Ergebnis konfligierender Ansprüche auf nationale Souveränität innerhalb Kanadas zu sehen. Gleichzeitig liegt in der Einsetzung nationaler Symbole wie dem Ahornblatt und der zweisprachigen Nationalhymne das deutlicher werdende Bekenntnis zu einer kanadischen Identität, die den Besonderheiten Kanadas entspricht. Die Identitätsreformen der 1960-er Jahre greifen zurück auf frühere Resultate einer kanadischen Zeichenpolitik, wie die erste zweisprachige Briefmarke von 1927, 60 Jahre nach der Gründung der Föderation, und die erste zweisprachige Banknote von 1934. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt in Québec ein Prozess diverser Veränderungen, der schließlich zur sogenannten Stillen Revolution ( Révolution tranquille ) der 1960-er Jahre führt, in Folge derer die politischen und kulturellen Dimensionen Québecs nachhaltig umstrukturiert werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Oktoberkrise von 1970 zu sehen, die den kanadischen Staat unter Pierre Elliott Trudeau gegen die radikalen Forderungen und Aktivitäten des Front de Libération du Québec zur Ausrufung des Ausnahmezustands ( War Measures Act ) bringt.

Während des Kanadaaufenthalts von Charles de Gaulle im Jahre 1967 kommt es zu seinem vielzitierten Ausruf « Vive le Québec libre! », der in Québec größtenteils Begeisterung, in Ottawa Bestürzung und ernste diplomatische Reaktionen hervorruft.67

Die Zeit sieht die Institutionalisierung der beiden großen symbolischen Stützen kanadischer Innenpolitik: offizieller Bilingualismus und Multikulturalismus. Die beiden wesentlichen Bestandteile der aktuellen kanadischen Politik und Selbstdefinition entstehen in der Amtszeit von Premierminister Pierre Elliott Trudeau (1968-79 und 1980-84). Nach den Vorschlägen der Royal Commission on Bilingualism and Biculturalism von 1963 wird Kanada 1968 mit dem Official Languages Act offiziell ein zweisprachiges Land. 1971 wird mit dem Multicultural Act eine Politik definiert, die sich kritisch von der Konzeption eines nordamerikanischen « melting pot » absetzt.68 Gleichzeitig wird aber eine politisch relevante Trennung von Kultur und Sprache vollzogen und die Idee von zwei kanadischen Gründernationen in Frage gestellt, von der die Designation der Kommission von 1963 motiviert war. In Québec ist das Jahrzehnt ab Mitte der 70-er Jahre von der Politik des ‘linksnationalen’ Parti québécois unter René Lévesque (1976-1985) bestimmt, vor allem im Bereich der Sprachgesetzgebung. In Québec entsteht ein moderner und starker Staatsapparat, in seinen Formen und in seiner Rhetorik nicht zuletzt am französischen Modell inspiriert. Seit den 70-er Jahren wird die Politik Québecs von sozialdemokratischen und liberalen Strömungen bestimmt, die sich mehr oder weniger deutlich für eine Neuverhandlung des Verhältnisses zur kanadischen Föderation oder aber für ein unabhängiges Québec aussprechen. In den 80-er Jahren, nachdem sich in einem Referendum von 1980 die Mehrheit der Bevölkerung Québecs gegen Verhandlungen zu einem Autonomiestatus ( Souveraineté-Association ) entschieden hatte, lässt die politische Kraft des Parti québécois und der Unabhängigkeitsbewegung merklich nach, steigt aber später wieder an und führt zur Wiederwahl der Partei Anfang der 90-er Jahre. In der Amtszeit des Parti québécois unter Jacques Parizeau kommt es zunächst 1995 zu einem zweiten Referendum, das zum zentralen Thema der politischen Diskussion in Kanada wird. Nach dem durchaus knappen Ausgang dieser Volksabstimmung zur Frage « Acceptez-vous que le Québec devienne souverain...? » ― es handelt sich um 1,12 % der gültigen Stimmen ― reagiert Ottawa unter anderem mit einem Gesetz ( Clarity Bill ), welches die Form zukünftiger Versuche einer Sezession reglementiert. Die Politik der Regierung Québecs unter Bernard Landry wird seitdem neben gelegentlichen Wortgefechten mit der Regierung in Ottawa von Themen wie Gesundheit, Bildungs- und Familienpolitik, Verträgen mit Ureinwohnern und der Zusammenlegung von Gemeinden bestimmt. Durch die vorsichtige Politik in der ausgesprochen delikaten Frage der Unabhängigkeit näherten sich in den letzten Jahren die Positionen des Parti québécois und des Parti libéral du Québec immer weiter an. Das deutliche Wahlergebnis vom 14. April dieses Jahres, mit dem Liberalen Jean Charest als zukünftigem Premierminister Québecs, illustriert den Wandel der öffentlichen Meinung in einer interessanten politischen Geographie und ist ein Ausdruck des Wunsches nach Veränderung seitens der 5,5 Millionen Wahlberechtigten in Québec. Der perfekt zweisprachige Charest ist ein Kenner Kanadas, der sich gleichermaßen als Québécois und als Canadien sieht, für ein stärkeres Kanada ausspricht und als ehemaliger Progressive Conservative gegen die zentralisierenden Bestrebungen der Regierung in Ottawa eintritt.

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Die bisherigen Ausführungen zur Geschichte Kanadas und Québecs haben einige innerkanadische Unterschiede deutlich werden lassen. Der Vergleich lässt aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten und Parallelen hervortreten, die das verwandtschaftliche Verhältnis der « neuen Gemeinschaften » Kanadas illustrieren können: die ungeklärten Gründungsakte, die Distanz der Eliten zur US-amerikanischen Kultur, die Betonung kollektiver Differenzen, die Bindungen an die europäischen Metropolen, der komplizierte Weg zu einer eigenen Literatur und die Bedeutung des kulturellen Wandels der 60-er Jahre.69

Ein Ende des politischen Kampfes zum Status von Québec ist nicht abzusehen: Verfolgt man die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, dann zeigt sich ein Ansteigen der Zustimmung zur Unabhängigkeit Québecs in der Bevölkerung, wenn die Aussichten auf Umsetzung am geringsten sind, wenn sich der Parti québécois in der Opposition befindet. Ein Fall für den Analysten von doppelten Zwängen und den dissoziativen Folgen, ist man geneigt zu sagen.70 Wie auch könnte Québec jemals unabhängig werden von Kanada?

Schule der Nation

Auf die zentrale Bedeutung der schulischen Institutionen im Rahmen der Formung nationaler Gebilde und ihrer großen Öffentlichkeiten wurde bereits verwiesen. An dieser Stelle soll die Frage nach der Entwicklung von Schule und Nation in einem kurzen Abschnitt aufgegriffen werden, weil eine Darstellung der konkreten Vorgänge die Besonderheiten in der Entwicklung Québecs verdeutlichen kann.

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Abram Kardiner schrieb 1939 von der Bedeutung der « primären Institutionen » Familie und Bildungswesen für die Stellung des Menschen in einer spezifischen Gesellschaft.71 Die Orte, an denen kulturelle Weitergabe praktiziert wird, an denen Individuen vom Sinn ihrer Herkunft und der Gegenwart erfahren, hatten auch Margaret Mead in ihren ethnologischen Arbeiten beschäftigt.72 Das ‘Einschreiben’ einer Kultur, oder, um einen Begriff der Anthropologie aufzugreifen, der Prozess der Enkulturation, findet nach Meads Überzeugung vor allem auch in der Schule statt. Persönlichkeitsbildende Weitergabe ist auch Teil gemeinschaftsbildender Vorgänge. Diese Aussage trifft zunächst auf alle Formen schulischer Integration auch in Europa zu, ob nun nichtschriftlicher oder schriftlicher Art: in der Ritterbildung, in den Kloster- und Stiftsschulen des Mittelalters, in den Lateinschulen und später in den städtischen und ländlichen « Volksschulen ». Sie trifft in ganz eigener Weise auf die puritanischen Gemeinschaften der Neuen Welt zu, wurden doch hier bereits im 17. Jahrhundert Bemühungen unternommen, Lese- und Lernpflicht mit der Kraft des Gesetzes durchzusetzen. Schon 1642 verpflichtete eine Regelung des General Court of Massachussetts die städtischen Behörden, Sorge zu tragen, ‘dass Kinder lesen lernen sowie die religiösen Prinzipien und die Gesetze des Landes verstehen’. Fünf Jahre später verabschiedete der General Court ein Gesetz unter dem beeindruckenden Namen Old Deluder Satan Act, der Ortschaften bestimmter Größe unter Strafandrohung die Einrichtung von Schulen vorschrieb. Im weitverbreiteten New England Primer, dem ca. 1683 entstandenen Lesebuch, das ‘Millionen das Lesen und keinem das Sündigen beigebracht’73 habe, finden sich Gedichte und Gebete, die literarische und protestantische Ambitionen vereinen.74 Mit dem illustrierten Reimalphabet des Primer lernten die Kinder der amerikanischen Kolonien Grundlagen von Dogma und Ordnung wie « In Adam’s Fall We Sinned all », « Job feels the Rod Yet blesses GOD » « My Book and Heart shall never part » und « Samuel anoints Whom God appoints ». Der New England Primer wird seinem Namen gerecht, entsprechen die Verse doch den weiterzugebenden Vorstellungen und Praktiken einer religiösen Kultur, in der die weltliche Gleichheit ― jeder ist sein eigener Priester mit seinem eigenen Buch ― von den Aussichten einer deklarierten metaphysischen Ungleichheit begleitet wird. In all seiner theologischen Rhetorik kündigt der Protestantismus doch vom Niedergang der religiösen Metaphysik, nicht zuletzt durch den demokratischen Impetus der Verallgemeinerung von Lesen und Schreiben, die eingeleitete Beschleunigung der Geschichte und das Aufkommen der modernen Ideologien. (Auf die Entwicklung früher schulischer Strukturen in den französischsprachigen Kolonien Nordamerikas wird im nächsten Kapitel eingegangen.)

Auch vor der französischen Revolution hatte es zahlreiche Bemühungen gegeben, größere Populationen zu unterrichten, in programmatischer Absicht in staatliche Projekte einzubinden und zu mehr oder weniger mündigen Bürgern zu erklären.75 In den USA, in England, Frankreich und Deutschland waren, wie auch in zahlreichen anderen Ländern, prominente Stimmen des 18. Jahrhunderts der Meinung, ein gebildetes Volk sei ein besseres Volk. Adam Smith sprach wie später Thomas Paine vom Wert maßvoller Bildung für die Gemeinschaft, teilte aber mit diesem die Ablehnung staatlicher Kontrolle. Thomas Sheridan und John Brown werden zu den lautstarken Befürwortern einer englischen nationalen Schulbildung und Jean-Jacques Rousseau rückt die Frage der Bildung ins Zentrum seiner Gesellschaftskritik. Preußen hatte mit K.A. von Zedlitz, Bildungsminister bei Friedrich dem Großen, Reformen eingeführt, die 1763 zu einer idealistischen und für die Zeit illusorischen Regelung führten, die den Schulbesuch an sich zu einer Pflicht für alle machen sollten. Im übrigen Teil Deutschlands wurden die reformatorischen und säkularisierenden Bestrebungen Preußens wahrgenommen und teilweise übernommen. Durch die Ereignisse in Frankreich rückte dieser Prozess vor allem im katholischen Deutschland in ein anderes Licht und sollte erst später wieder aufgenommen werden. Die Reaktionen in England hatten schon früher eingesetzt: Mary Wollstonecraft stand mit ihrer Zustimmung zu den Ideen der Französischen Revolution ( A Vindication of the Rights of Woman, 1792) abgeschieden von der Stimmung der Zeit.

Die Energie, mit der die Umwälzungen der französischen Gesellschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Masse der Bevölkerung zum politisch handelnden Subjekt werden lassen, ist ein entscheidender Faktor für die folgenden Entwicklungen. Der soziale Sprengstoff, der ganz offensichtlich im Geiste der Nation lag, wurde von den Eliten in ganz Europa wahrgenommen und warf seine Schatten auf die öffentlichen Bekundungen zur nationalen Schulpflicht. In Frankreich selbst trat das neugeschaffene republikanische Schulwesen mit einem exemplarischen Laizismus an die Stelle eines gleichsam zentral organisierten Schulsystems aus dem absolutistischen Frankreich des Ancien régime.76

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Dennoch werden fast 100 Jahre vergehen, bis in den großen europäischen Ländern einheitliche und vom Staat kontrollierte Systeme der Schulpflicht entstehen. Der moderne Staat hat große Pläne mit einer bildungs- und wehrpflichtigen Bevölkerung, deutlich illustriert in den Projekten von Kaiser Wilhelm II.77 Dieser Vorgang weist erstaunliche Parallelen zwischen Ländern wie England, Frankreich und Deutschland auf. Auch jenseits des Atlantik finden mit dem Ausgang des Bürgerkrieges gesellschaftliche Veränderungen statt, die ein Projekt der nationalen Vereinigung, auch des Schulwesens, beinhalten. Der nationale Gestus hatte bereits den Erfolg von Noah Webster’s American Spelling Book in den 40-er Jahren des Jahrhunderts bestimmt.

Innerhalb weniger Jahrzehnte wird in der ‘westlichen Welt’ das Projekt der allgemeinen obligatorischen Schule verwirklicht, obwohl die Modi dieser Entwicklung den kulturellen Rahmen entsprechend verschieden sind. Vorangegangen waren der juristischen und politischen Fixierung des allgemeinen Schulprojekts jahrzehntelange Stellungsgefechte, in denen Fragen der Gewissensfreiheit, der Trennung von Kirche und Staat und der staatlichen Kontrollmöglichkeiten debattiert wurden. Auch war in den einzelnen Ländern die Einrichtung derjenigen Instanzen in die Wege geleitet worden, die mit dem « Ministerium für öffentlichen Unterricht » in Österreich 1848 einen treffenden Namen erhalten hatten.

In Anlehnung an Max Webers Diktum zur legitimen Gewalt des Staates beschreibt E. Gellner den modernen Staat nunmehr zuvörderst als den Inhaber des legitimen Monopols auf Bildung.78 Die Entwicklung der modernen Schulsysteme ist im Kontext der Neuverhandlung der Bedingungen und Formen von Kultur zu sehen, deren Ergebnisse sich in dramatischer Weise seit dem 19. Jahrhundert materialisiert haben.79

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Québec stellt hier keine Ausnahme dar. Die Etablierung einer nationalen Ordnung bediente sich in Amerika wie in Europa an einem verwandten institutionellen Instrumentarium. Auf einige Besonderheiten der Entwicklung Québecs bezüglich des Schulsystems wurde bereits verwiesen. Im Folgenden soll diese Entwicklung in Form eines Abrisses dargestellt werden, weil sich das verwendete empirische Material somit einordnen lässt und auch weil dieser Ausschnitt einen Blick auf die singuläre Entwicklung der Gesellschaft Québecs erlaubt.

Schule in Québec (Nouvelle-France, Canada, Bas-Canada, Eastern Canada, Québec)

Bildung wurde von den Kolonialadministrationen in der Neuen Welt ebenso wenig als Angelegenheit des Staates betrachtet wie in den europäischen Ländern der Zeit. Doch wäre es falsch, anzunehmen, dass die Frage der Bildung von staatlicher Seite für nebensächlich gehalten wurde, wie die zwar unregelmäßigen aber großzügigen Aufwendungen der französischen Krone belegen. In den 150 Jahren der Geschichte der Nouvelle-France obliegen sämtliche Bildungsangelegenheiten dem Klerus, ‘natürliche’ Autorität in Sachen Bildung.

In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts gründen die Jesuiten erste Schulen für die Kinder der französischsprachigen Siedler; die ersten Schulen für Mädchen werden von den 1639 aus Europa eingetroffenen Schwestern des Ursulinenordens organisiert. Von Anfang an widmen sich die Schulen der Missionare den amerindianischen Einwohnern der Neuen Welt. Bildung, nicht Geist unterscheide « die Wilden » von Franzosen, wie der Jesuit Père Le Jeune in den Relations von 1640 schreibt.80 Die bekannteste Ursulinin, die 1980 seliggesprochene Marie Guyart (1599-1672), besser bekannt unter dem Ordensnamen Mère Marie-de- l’Incarnation, widmet sich vor allem der missionarischen Schularbeit für amerindianische Mädchen, « jeunes sauvagesses » in der Sprache der Zeit. 1668 gründet Marguerite Bourgeoys eine Schule für die aus Frankreich gesandten « Filles du Roy », im Jahr darauf entsteht in Saint-Joachim eine Berufsschule unter Leitung von Bischof Mgr François de Laval. Die Sulpizianer gründen 1682 das erste Séminaire in Montréal (Ville-Marie). Das Unterrichtsmaterial kommt aus Frankreich (in der Nouvelle-France gibt es keine Druckmaschinen) und dient der christlichen Erziehung. Die Qualität der Bildung, vor allem, aber nicht nur, für zukünftige Priester, ist derjenigen in Europa durchaus vergleichbar. Der vollständige klassische Kurs der humanités wird nur im Collège der Jesuiten gelehrt.

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Nach den Ereignissen der Conquête von 1760 und der Verkündung der Royal Proclamation von 1763 verlassen nicht wenige katholische Geistliche die Kolonie nach Frankreich, das Collège der sulpiciens in Montréal wird wie das Collège der Jesuiten in Québec von der britischen Administration beschlagnahmt. Damit wird die einzige französischsprachige Einrichtung der Sekundarstufe geschlossen. Andere Schulen arbeiten weiter, wenig gestört von den Veränderungen der Machtverhältnisse. Obwohl den Jesuiten und den Récollets die Anwerbung neuer Mitglieder verboten wird, setzen die Ursulinen, die Congrégation Notre-Dame, die Nonnen des Hôpital général, andere Geistliche und einige Laien81 ihre Tätigkeit in den frankokanadischen Schulen fort. Die Lehreinrichtung des Collège des Jésuites wird von einer später maßgeblichen Institution, dem Séminaire de Québec übernommen.

Die Situation verschlechtert sich allerdings mit den Jahren und vor Ende des 18. Jahrhunderts verfügt die auf 150 000 Personen angewachsene französischsprachige Bevölkerung über etwas mehr als 40 Schulen. Die Situation der englischsprachigen Schulen in Québec ist weniger drastisch. Nach der Unabhängigkeitserklärung der USA waren Tausende Empire-Loyalists in den Norden gekommen und die englischsprachige Bevölkerung von ungefähr 10 000 verfügt zum gleichen Zeitpunkt über 17 Schulen. Der besonderen Situation der Kolonie wird bereits 1787 im Auftrag von Lord Dorchester mit der Kommission unter Chief Justice William SmithRechnung getragen, deren Auftrag es ist, Möglichkeiten zu finden, ‘die Bildung des Volkes zu verbessern’. Der 1789 erscheinende Bericht der Kommission schlägt die Schaffung einer einheitlichen und zentralen Instanz vor, die beide Religionen und beide Sprachen vertrete. Das Ziel sei auch die Schaffung kostenloser Schulen in den Gemeinden, sekundärer Schulen in den Kreisen und einer Universität. Das Projekt scheitert am Widerstand der katholischen und anglikanischen Bischöfe und aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen zur Rolle des Staates in Fragen der Bildung.

1801 beschließt das Parlament ein Projekt, das unter dem Namen Royal Institution for the Advancement of LearningLa loi de l’Institution royale ) ein Schulsystem Québecs erstmals offiziell begründet. Die Institution royale wird zur maßgebenden Autorität bezüglich der zu bauenden Schulen, der Lehrerlaubnis und der Gehälter für den Bereich der öffentlichen Bildung. Gleichzeitig regeln von den frankokanadischen Abgeordneten eingebrachte Zusätze zum Gesetz das unabhängige Weiterbestehen der konfessionellen Einrichtungen.

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Der katholische Klerus steht den zu gründenden écoles royales, die nicht seiner Kontrolle unterliegen, kritisch gegenüber und warnt vor ihrer Einrichtung in den Gemeinden. Erst 1818 wird von der Regierung das Bureau der « Königlichen Einrichtung » eingesetzt, Vorsitzender ist der anglikanische Bischof und mit einer Ausnahme handelt es sich bei allen Mitgliedern um Protestanten. Zwar wird den Schulen mit katholischer Belegung erlaubt, ihr Lehrmaterial von einem eigenen Komitee wählen zu lassen, doch sind die weiteren Spannungen in der Schulfrage vorgezeichnet.

Die Ankunft von Priestern, die Frankreich nach 1789 fluchtartig verließen, hinterlässt deutliche Spuren, sind die Neuankömmlinge in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts doch vor allem in der Entwicklung des Schulsystems in Québec aktiv. Der Zuspruch der offiziellen ‘königlichen Schulen’ bei der französischsprachigen Bevölkerung ist gering und der Druck für die Schaffung eines eigenen französischsprachigen Schulsystems wird stärker. Gouverneur Dalhousie reagiert 1821, indem er eine zweigeteilte Organisation vorschlägt, eine Institution royale für Protestanten und eine für Katholiken. Das Projekt scheitert an den unterschiedlichen Auffassungen der Beteiligten. 1824 wird ein neues Gesetz, die Loi des écoles de fabrique 82 beschlossen, und dem katholischen Klerus somit erlaubt, lokale Institutionen in Schulgründungen einzubinden. Nunmehr koexistieren in Québec zwei getrennte Systeme der Schulaufsicht: ein zentralisierter Bereich unter Kontrolle des Gouverneurs, fast ausschließlich zuständig für die protestantische Bevölkerung und der dezentralisierte Bereich der écoles de fabriques für die katholische Bevölkerung.

Gleichzeitig werden im frühen 19. Jahrhundert in Québec jene liberalen Stimmen lauter, die für ein nationales frankokanadisches Bildungssystem und die Trennung von Staat und Kirche eintreten. Vor allem in den bürgerlichen Schichten und den freien Berufen, wo der Einfluss des Klerus bereits an Gewicht verloren hat, werden Vereine und Gesellschaften ( sociétés d’éducation ) gegründet, deren Ziel es ist, vor allem sozial benachteiligten Kindern Bildungsmöglichkeiten einzuräumen. So nehmen 1822 beispielsweise die École nationale et gratuite de Québec und die Société d’école britannique et canadienne de Montréal ihre Arbeit auf. Aufgrund der lautstarken Forderungen nach Veränderungen vor allem für den vernachlässigten Bereich der Grundschulen wird mit einem Gesetz von 1829 ( Loi des écoles de syndic ) ein dritter Bereich der Schulverwaltung gegründet, der dem Parlament direkt unterstellt ist und von einem ständigen Komitee vertreten wird. Mit diesem Gesetz wird die Idee gewählter Schulkommissionen, die den Volksvertretern rechenschaftspflichtig sind, erstmalig umgesetzt. Weder in England noch in Frankreich gab es zu dieser Zeit vergleichbare demokratische Strukturen. Das Gesetz erwähnt auch erstmals die im Schulunterricht Verwendung findenden Lehrmaterialien. Gegen den Widerstand des Klerus setzen sich ausstehende Reformen durch, und innerhalb weniger Jahre nehmen die etwa 1000 neuen und schwer überlasteten Schulen 40 000 Schulanfänger auf. Die Qualität der Ausbildung aber lässt viel zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen fehlender Lehrerbildungseinrichtungen. Mitte der 30-er Jahre beginnt sich in Québec der Begriff « instituteur » offiziell durchzusetzen, mit dem in Frankreich seit der Revolution Schullehrer bezeichnet wurden. Von Seiten der katholischen Behörden wird der Versuch unternommen, Lehrer unter Druck zu setzen, die den Gepflogenheiten widersprechen und Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichten.

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In den kommenden Jahren verschärfen sich auch die Konflikte zwischen den frankokanadischen Vertretern im Parlament und der aus London eingesetzten Exekutive, wodurch die Entwicklung der Schulinstitutionen nachhaltig behindert wird. In Folge dieser Spannungen kommt es zur Weigerung des Executive Council, das Gesetz von 1829 zu verlängern, was zur Einstellung der finanziellen Unterstützung kleinerer Schulen führt. Die Lehrer werden schlecht bezahlt und genießen ein geringes Ansehen in der Bevölkerung. Auch treten die Unterschiede zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung deutlich zutage. Reformen, mit denen die Entwicklung von Einrichtungen zur Ausbildung von Lehrkräften gefördert werden soll, geraten durch die politischen Unruhen um die Aufstände der Patriotes von 1837-38 ins Hintertreffen. 1837 treffen aus Frankreich die Frères des Écoles chrétiennes ein, die « Kanada erobern » und bis ins 20. Jahrhundert im Bereich der Publikation von Unterrichtsmaterial in Québec maßgeblich sein werden.83

Seit der Gründung des weltoffenen und für die Trennung von Staat und Kirche eintretenden Institut Canadien im Jahre 1844 mehren sich öffentliche Konflikte zwischen institutionalisierten liberalen und ultramontanen Positionen. Letztere, zu deren Gunsten sich das Kräfteverhältnis wandelt, waren vor allem durch das Wirken von Bischof Ignace Bourget gestärkt worden, der versuchte, Montréal die Aura eines amerikanischen Roms zu verleihen. In der ultramontanen Vorstellung eines offiziell katholischen Staates ist wenig Platz für die kritischen Stimmen des Institut Canadien und seine große internationale Bibliothek. Der Blick nach Europa gilt verschiedenen französischen Mutterländern: ist für die einen das katholische Frankreich maßgeblich, so ist es für die anderen die französische Republik.84 Die Schule steht im Zentrum des ultramontanen Gesellschaftsprojekts, wichtiger als Presse, Literatur und kulturelle Einrichtungen der katholischen Kirche.85 Gegen Ende der 1830-er Jahre waren die Möglichkeiten des Klerus, den Bildungsbereich personell zu besetzen, noch deutlich begrenzt. Mgr. Bourgets Bemühungen zur Erweiterung dieser Kapazitäten bleiben aber nicht ohne Ergebnis: die Gemeinschaften der Oblats de Marie-Immaculée und der Sœurs du Bon-Pasteur folgen der Einladung, die einst verwiesenen Jesuiten kehren nach Kanada zurück und später etablieren sich die Sœurs de Sainte-Croix, die Clercs de Saint-Viateur, und die Sœurs de Jésus-Marie in jener Neuen Welt, die dem Alten Frankreich so ähnlich erschien. Hinzu kommt die große Zahl in Québec gegründeter religiöser Gemeinschaften, die sich in der einen oder anderen Form der Bildungsaufgabe verschreiben.

Mit den 1850-er Jahren beginnt die fortschreitende Klerikalisierung des französischsprachigen Schulsystems. Die nicht sonderlich populären Gesetze zur Taxierung für die Finanzierung der Schulen führen zu Unruhen in der Bevölkerung ( la guerre des éteignoirs ), bei denen der Klerus in der Mehrheit die Position der Regierung unterstützt. Der Kirche gelingt es, unter Ausnutzung der desolaten Lage im Bildungssystem und der Folgen der niedergeschlagenen Aufstände von 1837-38, wie oben erwähnt, ihre Position zunehmend zu stärken. Gehörte sie doch zumindest indirekt zu den Siegern der Konflikte, in denen sie eindeutig Stellung für die öffentliche Ordnung und gegen die Ideen der Aufständischen bezogen hatte. Der eingetretene Prestigeverlust der laizistischen Lehrerschaft und der demokratischen Reformkräfte der 30-er und 40-er Jahre kommt nun unmittelbar der gestandenen und Sicherheit verkörpernden geistlichen Elite Québecs zugute. Bis Mitte der 50-er Jahre war die Schule Gegenstand von Kämpfen um staatliche und kirchliche Ansprüche gewesen. In der Folgezeit gelingt es der geistlichen Macht, ihre verlorene Autorität in der staatlichen Domäne wiederzuerlangen, nicht nur im Bereich der Bildung. Im protestantischen Schulbereich gewinnen in eben dieser Zeit liberale Tendenzen an Boden. Die kommenden Jahrzehnte verstärken und unterstreichen Unterschiede innerhalb Québecs, weil sie von teilweise konträren Vektoren der sozialen Entwicklung gekennzeichnet sind.

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Nachdem 1856 die Vorhaben des Superintendenten Pierre-Joseph-Olivier Chauveau zur Lehrerausbildung gesetzlich formuliert wurden, werden im Jahr darauf die ersten der in den dreißiger Jahren geplanten écoles normales gegründet. Im Unterschied zu den Einrichtungen von 1836, zweisprachig und neutral orientiert, und den Unterricht für Jungen vorsehend, sind die Einrichtungen von 1857 nunmehr konfessionsgebunden und getrennt, aber geöffnet für Schüler beider Geschlechter. Weitere Neuerungen bestehen in der Gründung des Conseil de l’instruction publique und der ersten pädagogischen Zeitschrift, dem Journal de l’instruction publique 86.Der Conseil gründet auf der zwei Jahrzehnte alten Idee, die Institution Royale in zwei getrennten Komitees zu organisieren. Hier beginnt die offizielle Konfessionalisierung der öffentlichen Geschäfte Québecs, wenn auch der überwiegende Teil der Lehrer zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus Geistlichen, sondern aus diplomierten Laien ( laïcs ) besteht.

1859 kommt es zur Einsetzung des drei Jahre zuvor gegründeten Conseil de l’instruction publique 87. Obwohl das Problem der verschiedenen Sprachen und Religionen in der Praxis zu getrennten Schulbereichen führt, und in den Städten Québec und Montréal seit Mitte der 40-er Jahre getrennte Kommissionen agierten, ist die institutionalisierte Trennung der Schulbereiche zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig vollzogen. 1860 hat das entsprechende Komitee zwar « katholische » und « protestantische » Mitglieder, stellt aber noch ein organisatorisches Gebilde dar.

Das von Charles Mondelet in den Lettres sur l’éducation élémentaire et pratique 1841 gewünschte einheitliche Textbuch für die moralische und religiöse Erziehung von Protestanten und Katholiken in Québec – es handelt sich um die beiden Bücher der Bibel – scheitert an der Wirklichkeit. Der Bericht von Schulrat Chauveau von 1860 ( Rapport du Surintentant 88  ) deutet bereits deutlich auf das Einvernehmen der Kommissionsmitglieder hin, eine Trennung der Schulmaterialien und ihrer Zulassung vorzunehmen. J. George Hodgins beschreibt 1864 die praktizierte « administration bicéphale » (Paul Aubin) der Schulorganisation mit Hinblick auf die generalisierte Anwendung der religiösen Trennlinie:

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In order to meet the difficulty which always occurs in the selection of school books from the fact that even books of purely secular instruction are often more or less tainted with the religious views of their authors, the Council have agreed that the recommendations from the Committee on books will be of three different natures: books are recommended either by the whole Committee, or by the Protestant members, or by the Catholic members only.89

Die Schaffung eines eigenen und weitgehend autonomen Schulsystems wird im gleichen Jahr von den Vertretern der englischsprachigen und protestantischen Bevölkerung in Eastern Canada auch deshalb vorangetrieben, weil sich die politische Zukunft mit Québec als einer Provinz in der kanadischen Föderation abzeichnet. Mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmen also zwei Vorgänge zunehmend die weitere Entwicklung der Schulorganisation in Québec: die Trennung in zwei sprachlich und konfessionell bestimmte Bereiche und die Klerikalisierung vor allem des französischsprachigen Schulwesens.

Die Konföderation von 1867 entsteht vor allem im Ergebnis der politischen Arbeit der Konservativen Partei, in Québec wie im übrigen Kanada. Die Frage der englischsprachigen Minderheit in Québec und der französischsprachigen Minderheiten außerhalb von Québec war Gegenstand heftiger Debatten und führte in Québec dementsprechend zu Regelungen, die durch ihre Betonung der Unterschiede den ‘konservativen’ Interessen der protestantischen Minderheit und der katholischen Kirche entsprachen.

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Ab 1865 erscheint erstmals explizit pädagogisches Material aus den Händen von Geistlichen und ein Hirtenbrief von Québecs Bischofskonferenz warnt vor Lehrern und Lehrerinnen, deren Gefühle nicht wirklich katholisch seien. Fanden sich im Gesetz von 1856, das den Conseil schuf, keine Ausführungen zur Konfession der Mitglieder, so deklariert das Gesetz von 1869 ( Loi scolaire de 1869 ), das Komitee bestehe aus « 21 Personen, von denen vierzehn römisch-katholisch und sieben protestantisch sind. » 90

Die seit 1860 in der Praxis vorgenommene Trennung in zwei konfessionell bestimmte Komitees erhält nach der Gründung der Föderation offiziellen Charakter. Die ‘zweiköpfige’ Schuladministration, auch bezüglich der Zulassungsverfahren, ist nunmehr in einem rechtlichen Rahmen festgelegt. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellen Geschichtsbuchtexte dar, die zumindest bis 1875 gemeinsam ausgewählt werden. Die nationale Geschichte scheint hier noch nicht Gegenstand strittiger Diskussionen geworden zu sein.91

Die Auseinandersetzungen zu den Schulbuchtexten finden dabei nicht nur zwischen den beiden Konfessionen statt. Die für Katholiken zugelassenen Texte werden später auch vom betont ultramontanen Klerus kritisiert, und das weniger aus inhaltlichen Gründen, als vielmehr weil der bürokratische Zugriff auf die Schulorganisation der ultramontanen Vorstellung widersprach, nach der die Eltern und letztlich die Kirche in Bildungsfragen die Entscheidung zu tragen haben.92

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Charles-Eugène Boucher de Boucherville, Konservativer Premierminister Québecs zuerst von 1874 bis 1878, demonstriert seine ultramontane Gesinnung, indem er nach seinem Amtsantritt das 1867 von Chauveau gegründete Ministère de l’Instruction publique außer Kraft setzt (1875) und den Posten des Surintendant wiederbelebt. Die entstandenen Strukturen bleiben bis zur Schaffung des Ministère de l‘Éducation im Jahre 1964 in ihrer undemokratischen Form erhalten.

Die Trennung in katholische und protestantische Schulkomitees führt trotz der Versuche einiger Kritiker, ‘Fehler und Gefahren’ der Argumentation in den Büchern des jeweils Anderen aufzudecken, nie zu einer Einmischung oder auch nur einer katholisch-protestantischen Konsultation bezüglich der Zulassung von Schulbüchern.93 Die Kontakte zwischen den Schulbereichen und den sie vertretenden Komitees sind über Jahrzehnte in der Tat mehr als spärlich. Somit entstehen auch hinsichtlich der Schulmaterialien voneinander zunehmend unabhängige Schulbereiche, die kaum in konfliktuellen Beziehungen stehen und im Großen und Ganzen ihren eigenen Geschäften nachgehen. Andere Abhängigkeiten, beispielsweise bezüglich der europäischen Mutterländer, bleiben bestehen, im Falle des englischsprachigen Schulbereichs weitaus deutlicher als für das französischsprachige Schulsystem.94 Letzteres hat nicht nur ein distanzierteres Verhältnis zur ehemaligen Metropole in Europa95, sondern unterliegt auch in weitaus geringerem Maße den Folgen der Nähe des US-amerikanischen Marktes, als es der Fall für das englischsprachige Québec und sein Schulsystem ist.96

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts steht das französischsprachige Bildungssystem im Schatten der Priesterschaft, das Personal wird klerikaler und weiblicher.97 Mit der erwähnten Wiedereinsetzung des Conseil de l’instruction publique von 1875 tritt der Staat, wenn nicht vollständig, so doch in beachtlichem Maße, seine Verantwortung in Schulfragen an die katholischen und protestantischen Kirchen ab.98

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Parallel zu den geschilderten Entwicklungen gibt es zwei Punkte, die die Vorschläge zu den Inhalten der Lehrtexte im späten 19. Jahrhundert kennzeichnen: Uniformisierung und Kanadianisierung. Beide Vorgänge werden als Ziele formuliert, aber praktisch nur teilweise umgesetzt und zwar sowohl in Québec als auch im gesamtkanadischen Rahmen.99 Auf einer 1890 einberufenen Konferenz in Montréal äußert sich Elson I. Rexford, Präsident der Provincial Association of Protestant Teachers, zur Situation des Bildungswesens in Québec. Eines der größten Probleme der Gegenwart sei:

... that the children of each locality or district are trained under two different influences― in different buildings, in different text-books, and, in the main, in different languages; and by this means those who are to live together as one community in after life have their natural differences and prejudices intensified, rendering it all but impossible for them to act as a homogenous people in after life. 100

Zur Lösung des die Frage der kanadischen Nation berührenden Problems, schlägt Rexford die Etablierung eines konsequent zweisprachigen Schulsystems vor: « There is one way in which this defect can be partially overcome, and that is by insisting that the two languages of the Province shall be taught in all our schools, so that there may be a medium for free interchange of thoughts and opinions among different classes of the community. »101 Diese Worte müssen vor dem Hintergrund der ein halbes Jahrhundert alten Vorschläge gesehen werden, mittels derer die Nation zusammenwachsen sollte. A. Buller, königlicher Gesandter, der als Assistent Lord Durhams Ende der 1830-er Jahre zur Situation der Bildungseinrichtungen in Lower Canada Bericht erstattete, beschrieb das Problem und seine Lösung wie folgt: « The great parent evil of Lower Canada is the hostile division of races. [...] But until these divisions are healed and the people united, until Canada is nationalized and Anglified, it is ideal for England to be divising schemes for her improvement. In this great work of nationalization, education is at once the most convenient and powerful instrument. »102

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Die radikalen Reformvorschläge der britischen Gesandten hatten sich nicht verwirklicht. Reverend Rexfords Vision zeigt, dass die Idee einer kanadischen Gemeinschaft nunmehr anders gedacht wird, mit der Schule als Möglichkeit, Unterschiede zu respektieren.

1892 kommt es zur Ausrufung eines Wettbewerbs für ein pankanadisches Schulgeschichtsbuch, nicht zuletzt im Wissen, dass in Québec allein bis 1883 zwanzigtausend Exemplare von F.-X. Garneaus Abrégé de l’histoire du Canada verkauft worden waren.103

Debattiert werden auch andere Probleme, wie der öffentliche Schriftverkehr der Bildungsbeauftragten zeigt: eine Grammatik wird für atheistisch und damit unmöglich gehalten, weil in dieser argumentiert wird, die Menschen haben ihre Sprache in Selbstregie geschaffen, ein aus Frankreich stammendes Buch zur Schreibkunst wird nur unter der Bedingung zugelassen, dass die verwendeten Namen durch christliche Namen der Personen ersetzt werden und für « Anglo-Katholiken » seien in den USA publizierte, notgedrungen protestantische Grammatiken der Englischen Sprache nicht zu empfehlen.104 Die religiösen Argumente beschränken sich also keineswegs auf den Religionsunterricht. Doch wäre es falsch, von der vollständigen Abwesenheit kritischer Stimmen und der uneingeschränkten Macht des ultramontanen Klerus auszugehen, wie es der geläufige Begriff der « Grande Noirceur » nahelegt.105 Die Liberale Regierung unter Félix-Gabriel Marchand (1897-1900) will gegen Ende des Jahrhunderts Reformen des Schulwesens voranbringen und ein Bildungsministerium schaffen. Marchand informiert in weiser Voraussicht die Kurie von seinem Vorhaben. Mgr Bruchési106 reist nach Rom und teilt der Regierung Marchand per Kabel mit, der Papst fordere den Aufschub des Gesetzes zur Bildungsreform.107 Die päpstliche Autorität, nicht zum ersten Mal in Schulangelegenheiten bemüht108, stellt Bruchésis Telegramm als Übertreibung dar und distanziert sich; die Kurie hatte bereits mit der Enzyklika Affari vos zur Schulfrage in Manitoba klar gemacht, dass man in Rom nicht vorhabe, sich in die religionspolitischen Konflikte in Kanada mehr als nötig einzumischen.

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Die Debatten um die Einrichtung eines Bildungsministeriums zeugen vom Vorhandensein wirklicher Kontrahenten. Erst nachdem das Gesetz verabschiedet wurde, gelingt es dem aus Rom zurückgekehrten Bruchési mit Unterstützung seiner politischen Freunde im Conseil exécutif, die Entscheidung mit einer Mehrheit von vier Stimmen rückgängig zu machen. Für weniger als zwei Tage war der eingesetzte Liberale Joseph-Émery Robidoux Bildungsminister Québecs. Ein Gesetz von 1897 regelt erstmalig die kostenlose Verteilung von Schulbüchern, gegen den Widerstand eines Teils der Kirche. Die Regelungen finden aber in der Praxis zunächst keine Verwirklichung. In der Öffentlichkeit wird über Kruzifixe in Klassenzimmern und über die von führenden Theologen auf härteste Weise kritisierte Kostenfreiheit der Schule debattiert. Auch die Liberale Regierung Kanadas unter Premierminister Wilfrid Laurier (1896-1911) sieht sich gezwungen, in Fragen der Schulreform vorsichtig zu taktieren, nicht nur um der traditionellen Kritik des Klerus an der liberalen Politik zu begegnen ( « Le ciel est bleu, l’enfer est rouge » ), sondern vor allem auch aus wahltechnischen Gründen. Immerhin zeigt sich in der gemäßigten und kompromissbereiten Politik der Liberalen der lange Schatten der 1837-38 niedergeschlagenen Forderungen radikal liberaler Reformen.

Die geschilderten Entwicklungen finden ihre Fortsetzung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der prozentuale Anteil von Mitgliedern in religiösen Orden nimmt in diesem Zeitraum weiter zu. So nimmt es nicht wunder, dass einem Projekt zur Schulpflicht von 1901 erst 1909 von der Kommission katholischer Schulen zugestimmt wird. Aber auch von Seiten der lokalen Schulkommissionen und des gemäßigten Klerus werden nun Reformforderungen eingebracht, um die immer offensichtlicheren Missstände zu beheben. Lomer Gouin, Liberaler Premierminister Québecs von 1905 bis 1920, setzt die Einrichtung der Écoles techniques von Québec und Montréal durch, die ausschließlich der staatlichen Autorität unterliegen. Der Staat reagiert damit auf die reservierte Haltung der Kirche in Fragen der Ökonomie und auf die wachsende Präsenz US-amerikanischer und anglokanadischer Unternehmen in Québec.

Zwar erklärt in den 20-er Jahren die Regierung unter Louis-Alexandre Taschereau, sie werde weder die Uniformisierung der Schulbücher, noch die Schulpflicht akzeptieren und Generalinspekteur Magnan warnt in seinem Buch Éclairons la route, die obligatorische Schule sei eine perfide Waffe der freimaurerischen Feinde des katholischen Frankreich gewesen und sie bedrohe nun auch Québec. In den 1930-er Jahren, geprägt von der Wirtschaftskrise, erscheinen in Montréal die einflussreichen monatlichen Ausgaben der École sociale populaire, deren Titel für sich sprechen: « La place des enfants n’est pas au cinéma », « Petit catéchisme anticommuniste », « La Malfaisance du capitalisme actuel » oder « Manuel antibolchévique ». Aber die Zeiten haben sich geändert. Papst Paul XI. dekretiert 1931, dass die Schule im Sinne des Gemeinwohls eine Angelegenheit des Staates sei und führt im Vatikan die Schulpflicht ein. Anfang der 40-er Jahre, 30 Jahre nach seinem protestantischen Pendant, entscheidet sich die katholische Schulbehörde zur Einführung des obligatorischen Schulbesuchs. Mit dem Gesetz von 1943 wird der Schulbesuch für jedes Kind bis zum Alter von 14 Jahren verbindlich.

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Die seit den 1860-er Jahren immer wieder vorgebrachten Argumente einer « ländlichen Bestimmung » der Frankokanadier, die auf dem kulturrevolutionären Kurzschluss von Landarbeit und gutem Glauben beruht, sind in der einen oder anderen Form bis in die 1940-er Jahre zu hören. Mit der zunehmenden Industrialisierung und den sozialen Folgen des Zweiten Weltkrieges verlieren sie aber zunehmend an Plausibilität, immerhin ist nur noch ein Viertel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig und die große Mehrheit der Québécois lebt in Städten. Der radikale Bruch mit der religiösen und politischen Vergangenheit Frankokanadas wird in den Kreisen von Künstlern und Schriftstellern deutlich formuliert.109

In den 1950-er Jahren wird deutlich, dass sich die Qualität der Bildung in Québec seit der Jahrhundertwende nicht wesentlich verbessert hat. Die Probleme werden deutlicher, weil der Staat gezwungen ist, auf die enormen Veränderungen der Zeit zu reagieren. Québec steht vor dem nicht lösbaren Problem einer mehrheitlich grundschulgebildeten Bevölkerung und einer modernisierten Industriegesellschaft mit dem Bedarf an einer Bevölkerung, die über eine standardisierte erweiterte Allgemeinbildung verfügt. Die Reformierung des Schulsystems ist die einzige praktikable Lösung für die wissenschaftlichen, technologischen und ideellen Herausforderungen einer hereinbrechenden ‘beschleunigten’ Zeit. Das Beispiel Québec zeigt eine Gesellschaft, deren Potentaten aus den genannten Gründen dem Modernisierungsdruck auf verschiedenen Ebenen erstaunlich lange zu widerstehen wussten. Die Dynamik der Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber mit Beginn der 60-er Jahre, ist dafür umso heftiger. Mit dem « C’est le temps que ça change » überschriebenen Amtsantritt der Liberalen Regierung unter Jean Lesage (1960) beginnt die Zeit der « Révolution tranquille ». In den kommenden Jahren sieht das Bildungssystem eine Reihe von wichtigen Reformen, nicht ohne anhaltende Kritik aus den Reihen der in ihrer Macht geschwächten Kirche. Nach der Veröffentlichung des Berichts der Commission royale sur l’enseignement dans la Province de Québec im Jahre 1964 kommt es zur Verabschiedung eines Gesetzes ( Loi 60 ), aufgrund dessen im gleichen Jahr das Bildungsministerium entsteht. Der moderne Staat in Québec setzt sich gegen den Klerus in verschiedenen Bereichen, besonders nachdrücklich aber in der Schuldomäne durch.

Die Zahlen sprechen für sich: 1962 besuchten 1 350 000 Jungen und Mädchen die Schulen Québecs, 1945 waren es 640 000 gewesen, bei einer höheren Gesamtzahl der Bevölkerung. In den kommenden Jahren wird mit der Université de Québec die erste staatliche Universität gegründet, werden mit Frankreich Austauschverträge für das Bildungswesen geschlossen und Kontakte zu anderen frankophonen Ländern aufgenommen. Die Entwicklung Québecs seit den 60-er Jahren entspricht der Suche nach einer neuen Kohärenz in der Ordnung der Dinge.

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Bevor im Anschluss die gegenwärtige Situation kurz dargestellt wird, gilt es an dieser Stelle festzuhalten, dass die Entwicklung des Schulsystems in Québec keineswegs von einer klaren und einfachen Konfrontation zwischen den Interessen der katholischen, französischsprachigen und protestantischen, englischsprachigen Bevölkerungen gekennzeichnet ist. Vielmehr handelt es sich um eine Trennlinie, die im Ergebnis politischer und sozialer Kämpfe an Bedeutung gewann und als solche institutionell fixiert wurde. Die konfessionsinternen Spannungen zwischen jesuitischen und jansenistischen Strömungen hatten sich im Bereich der Schulfrage ebenso gezeigt wie Konfrontationen zwischen gallikanischen und ultramontanen Positionen.110

Im 19. Jahrhundert wurde den großen Unterschieden zwischen Befürwortern der Trennung von Kirche und Staat und dem katholischen Klerus auch institutionell Ausdruck gegeben. Die dominierende Stellung des Klerus und die verstärkte Grenzziehung zwischen einer englischsprachig-protestantischen und einer französischsprachig-katholischen Schulwelt ist nicht zuletzt auch als Resultat der niedergeschlagenen Aufstände von 1837-38 zu sehen. Die Verlierer der Aufstände waren die weitestgehend kooperierenden, auf radikale demokratische Reformen drängenden Kräfte im mehrheitlich englischsprachigen Upper Canada und im mehrheitlich französischsprachigen Lower Canada/Bas-Canada. Ihre kanadisch-nationalen, anti-kolonialen und republikanischen Forderungen waren für die kommenden Jahre weder in Toronto noch in Montréal und Québec salonfähig.

Die Ergebnisse divergierender bildungspolitischer Anstrengungen schienen sich teilweise mit den bisweilen zitierten Ursachen dieser Unterschiede oder ‘natürlichen’ Eigenschaften zu überlagern: wurde in den protestantischen Schulen auf eine breit angelegte (« liberale ») Bildung gesetzt, war der dominierende katholische Klerus den Früchten einer nicht primär christlich orientierten Bildung feindlich gesinnt. Die Volkszählung von 1891 belegte die Umsetzung der Politik: Québec besaß den landesweit größten Anteil an Leseunkundigen. Hier handelt es sich zwar um eine Tatsache, die auch mit den weiter oben skizzierten historischen Entwicklungen zu tun hat. Dennoch ist nicht zu übersehen, in welchem Maße die sogenannte « vocation rurale » der Frankokanadier auch ein herbeigeredetes und -praktiziertes Idealbild war, in dem sich der katholische, landarbeitende Kanadier vom liberalen, glaubensvergessenen Stadtbewohner unterscheidet. In vergleichbarer Weise sind die enormen Unterschiede in den Bildungsmöglichkeiten von Jungen und Mädchen auch als Ergebnis politischer Strategien zu sehen.

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Der katholischen Kirche gelang es, ihren Anspruch als Garant des Überlebens der frankokanadischen Nation und des katholischen Glaubens in Nordamerika glaubhaft zu machen und politisch zu legitimieren. Diese Schutzhoheit ließ sich gegen Laizismus, Liberalismus, Materialismus, Freimaurertum und andere in Europa und Amerika Verbreitung findende Strömungen der Moderne mobilisieren. Sie sorgte nicht zuletzt mit einem vergangenheitsorientierten Nationalismus und retrograden, rassischen Identitätsreferenzen für den inneren Frieden, von dem die politischen Projekte der kanadischen Eliten zu profitieren wussten. Nur in diesem größeren Rahmen, unter Betrachtung der gesamtkanadischen und nordamerikanischen Konfiguration ist die Entwicklung Québecs im 19. und 20. Jahrhundert zu verstehen.

Les commissions scolaires

Das öffentliche Schulsystem, die Erwachsenenbildung und die Berufsausbildung in Québec unterliegen einer administrativen Einteilung in Schulkommissionen. Diese Kommissionen existieren, wie weiter oben beschrieben, seit den 40-er Jahren des 19. Jahrhunderts. Mit dem Inkrafttreten des British North America Act von 1867 wurde Bildung Angelegenheit der einzelnen Provinzen. In Québec wurden wie in den anderen Provinzen konfessionell definierte Schulkommissionen ( commissions scolaires à statut religieux ) mit den entsprechenden Kompetenzen versehen, territorial begrenzte Schulbereiche zu verwalten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, entsprach « katholisch » dabei « in französischer Sprache » und « protestantisch » « in englischer Sprache ».

Seit Juli 1998 sind die Schulkommissionen Québecs nach sprachlichen, nicht mehr nach konfessionellen Kriterien organisiert. Der Regierungsentscheidung war eine jahrelange öffentliche Diskussion zur Konfessionalität der Kommissionen und zur Frage der Trennung von Staat und Kirche vorangegangen. 1996 hatten sich Québecs « Generalstände der Bildung » deutlich gegen eine Trennung anhand religiöser Kriterien ausgesprochen.111 Diese Entscheidung drückte einen wesentlichen Teil der öffentlichen Meinung Québecs aus, traf aber auf harte Kritik seitens verschiedenster Organisationen wie Schulleiterverbänden, Gewerkschaften und der Société Saint-Jean-Baptiste.

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Die Mitglieder der Schulkommissionen Québecs ( le conseil des commissaires ) werden in der Regel für einen Zeitraum von vier Jahren öffentlich gewählt. Mit Ausnahme von Gebieten, in denen die amerindianische Bevölkerung die Mehrheit stellt, gehören alle Schulkommissionen Québecs entweder dem französischsprachigen oder dem englischsprachigen Bereich an. Für die Metropole Québecs ist der sogenannte Conseil scolaire de l’île de Montréal zuständig. Von den 72 existierenden Schulkommissionen in Québec sind 60 für den französischsprachigen und 9 für den englischsprachigen Bereich zuständig. Drei weitere Kommissionen haben den Sonderstatus für Gebiete mit amerindianischer Bevölkerung. Im Jahre 1998-99 besuchten 1 027 685 Schüler das öffentliche Schulsystem Québecs, davon 386 290 die Sekundarstufe. In 2378 öffentlichen Schulen ist Französisch die Unterrichtssprache, in 347 Englisch und 56 weitere Schulen sind mehrsprachig. Hinzu kommen 273 private Schulen.112

Im Geschichtsunterricht

Im Anschluss an die Bildungsreformen der 60-er Jahre hat es in Québec öffentliche Auseinandersetzungen zum Wert des Geschichtsunterrichts gegeben. Nach einer anfänglichen Abwertung, auch im Lehrprogramm, wurde diesem Fach von ministerieller Seite später wieder größere Bedeutung beigemessen.113 Der aktuelle Geschichtsunterricht in allen öffentlichen Schulen Québecs umfasst Fächer zur Weltgeschichte und zur Geschichte Kanadas und Québecs.

Nach den sechs Jahren der Primärstufe ( le primaire ) schließt sich die Sekundarstufe ( le secondaire ) an, mit einem Zeitraum von mindestens fünf Jahren. Im vierten Jahr des secondaire, die Schüler haben ein Alter von ungefähr 15 Jahren, liegt ein obligatorischer Kurs zur Geschichte Québecs und Kanadas. Im gleichen Jahr belegen die Schüler Pflichtkurse in Fächern wie Französisch, Englisch, Mathematik, Sport und Moral, letzteres entweder katholisch, protestantisch oder konfessionsfrei.114

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Dass es sich auch in der Organisation des gegenwärtigen Geschichtsunterrichts um eine bemerkenswerte Einrichtung handelt, zeigt ein Blick in die Unterlagen der für die Zulassung der Lehrmaterialien zuständigen Stelle des Bildungsministeriums. In der Liste der für den Unterricht zugelassenen Materialien ( Instructional materials approved for Secondary Level General Education ) liest man bezüglich des englischsprachigen Geschichtsbuches Diverse Pasts. A History of Québec and Canada von Dickinson und Young den aufschlussreichen Hinweis: « Note: In some respects, this book gives rise to different interpretations of Anglophone/Francophone history. »115 Die Vorgaben des Ministeriums formulieren die Ziele des Geschichtsunterrichts mit Hinweis auf die verschiedenen Kontexte und Zugehörigkeiten: « The History of Québec and Canada course focuses on an understanding of the evolution of Québec society within the Canadian, North American, and Western contexts. It attempts to answer in a special way the questions which the pupil is asking himself about the society to which he belongs. » Unter der Überschrift Guiding Principles wird auf die Unterschiede eingegangen, von denen Québec gekennzeichnet ist, und explizit auf das Vorhandensein von Differenzen und ihrer Veräußerung verwiesen:

The history of Québec concerns all Quebecers, whatever their ethnic, linguistic, social, or religious origin. Consequently, it should reflect their diversity, acknowledging and respecting their differences, but also showing their similarities and their common ground. The nature of democracy presupposes that different values may be expressed within the same society. 116

In ähnlicher Weise wird unter dem Punkt Attitudes. History of Québec and Canada das Lernziel der Schüler definiert: « The students are encouraged: To be aware of the diversity of social ties and of the reality of those that bind and those that cause conflict. » 117 Das offizielle Material für Geschichtslehrer zeugt auch von den unumgänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit den Bezeichnungen der Gegenstände des Unterrichts. Auch in der Zeit vor der Entscheidung, die Schuladministration anhand sprachlicher und nicht religiöser Kriterien zu organisieren (bzw. zu benennen), war in Dokumenten des Ministeriums von French Sector und English sector die Rede.118 Der Begriff « Gesellschaft » dient der Beschreibung des Gegenstands, wie in « ..the evolution of Québec and Canadian societies » 119, weil er im Vergleich zu « Nation » oder « Volk » weniger verfänglich ist und in seiner Mehrdeutigkeit der Sache entspricht.

Zwei Ein-Samkeiten

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Hugh MacLennan, Preisträger des Governor General’s Award und später Companion of the Order of Canada, veröffentlicht 1945 den Roman Two Solitudes, in dem er sich dem Verhältnis zwischen Frankokanadiern und Anglokanadiern in der Zeit des Ersten Weltkrieges widmet. Das komplizierte Nebeneinander ist hier kein Problem, sondern der Puls von Austausch und Bewegung des nordamerikanischen ‘Doppeltakters’: « Two old races and religions meet here and live their separate legends, side by side. If this sprawling half-continent has a heart, here it is. Its pulse throbs out along the rivers and railroads; slow, reluctant and rarely simple, a double beat, a self-moved reciprocation. » 120

Als MacLennan 1990 stirbt, hat er der kanadischen Literatur mit seinen Romanen, Essays und Reiseberichten und seiner langjährigen Lehrtätigkeit in Montréal wesentliche Impulse verliehen. Der Titel des Werkes ist ein Zitat aus einem Brief Rainer Maria Rilkes, der Anfang des 20. Jahrhunderts nicht von Kanada, sondern von der Liebe sprach, « der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen. »121

Rilkes Bild von der Einsamkeit ist von einem Für-sich-Eins-Sein, einem An-sich-Dasein geprägt. Er spricht von Mann und Frau und beschreibt eine zukünftige Zeit, in der das Andere nicht als Gegenstück, als Nicht-Sein von etwas Anderem, sein kann.122 Rilkes Worte zur Differenz sprechen von der Gleichheit sich unterscheidender Partner und von einer Identität, die auf die definierten Grenzen einer konfigurierten Normalität verzichten kann.123 Mit Blick auf die politische Gegenwart des von Rilke inspirierten Ausdrucks könnte man glauben, der poetische Kontext sei verschwunden und der Sinn der Worte habe sich gewissermaßen ins Gegenteil verschoben.

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Die Begriffsgeschichte des hier wie da häufig gebrauchten Ausdrucks der deux solitudes/two solitudes, mit dem das Zusammenleben von English Canada und Le Canada français beschrieben wird, gibt Auskunft über das verwobene und dabei doch selten offenbare Miteinander der kanadischen Partner. Die zwei Wörter sprechen nicht mehr feinsinnig vom double beat des kanadischen Herzens und einer self-moved reciprocation der Kulturen. Sie scheinen geradezu selbstverständlich auf ein bedauerliches Verhältnis zu verweisen, auf ein antagonistisches Nebeneinander, auf Missverständnisse und Konflikte. Das Bild der ‘zwei Einsamkeiten’ in den Texten der Gegenwart fällt durch einen mehr oder weniger pathologisierenden Ton auf, der sich als Kommentar zu einer therapiebedürftigen Beziehung mit problembelasteter Kommunikation versteht. Diese Beobachtung trifft gleichermaßen auf englischsprachige und französischsprachige Quellen zu, in der Presse wie in akademischen Publikationen. Dabei ist auffällig, dass es sich vor allem um Autoren handelt, denen schwerlich polemische Absichten unterstellt werden können und die für ihre mediatorischen Bemühungen bekannt sind: Lysiane Gagnon, Pierre Bergeron, Charles Taylor und Donald Smith, um nur einige zu nennen.124

In Übertragung funktioniert das Bild von den zwei Einsamkeiten auch in scheinbar beliebigen anderen Kontexten, wie der Befindlichkeit von Immigranten, der Kommunikation zwischen Amerindianern und Québécois und dem Verhältnis von Mädchen und Jungen in den Schulleistungen, ohne jede Referenz auf Rilkes Postulat.125

Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Ausdruck der zwei Einsamkeiten heute bewusst und vordergründig auf ein Liebesverhältnis zwischen dem englischsprachigen und dem französischsprachigen Kanada anspielt, immerhin ist er Teil des kanadischen Tauziehens in der Politik und der entsprechenden Rhetorik geworden.

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Aber es geht doch um eine Verwandtschaft, um die Suche nach dem Anderen, wenn auch gut verborgen hinter dem etwas fatalistischen Klang des geflügelten Wortes. Im Sinne Rilkes kann von einer ‘unumgänglichen Koexistenz’ ausgegangen werden, die allen Beteiligten sagt, dass sie kein Problem darstellen, weil sie sind, wer sie sind, dass der Andere auch ein Gleicher ist. Im politischen Gerangel um die kanadische Verfassung tauchen immer wieder die Floskeln des gespielten Unverständnisses auf – im Sinne der politisch relevanten Frage « What does Québec want? ». Im Moment der mit dem Referendum von 1995 hereinbrechenden Krise war dann aber plötzlich ein lautes « Quebec, Canada loves you! » zu vernehmen, wenn auch als Teil einer großangelegten Kampagne, aber doch getragen von unzähligen Stimmen aus dem englischsprachigen Kanada. Die Kritik aus Québec steht der Kritik aus dem ROC (The Rest of Canada) in nichts nach; die Liebesbeweise allerdings sind subtiler und äußern sich, wenn Québécois Kanadier sind, außerhalb des Landes oder auch in tarierten Wahlergebnissen und halbherzigen Souveränitätsbekundungen, die auf Anerkennung, nicht Unabhängigkeit abzielen. Der ‘unumgänglichen Koexistenz’ hinzuzufügen ist, dass der Andere konstitutiv für das eigene Sein bleibt, im Geschlechterverhältnis wie in jeder anderen sozialen Konstellation. Québec ohne Kanada, die Idee ist fast so schwer auszudenken wie Kanada ohne Québec. Daran muss MacLennan gedacht haben, als er von zwei kanadischen Ein-samkeiten sprach, für die Folgendes zutrifft, um Rilkes Worte in ihrem übersetzten Kontext zu lesen: « ... love that consists in this, that two solitudes protect and touch and greet each other. »

Die Begegnung

Wer sind die beiden Partner, deren « Ein-samkeiten » sich in Kanada begegnen? Auf diese Frage wurde in den vorangehenden Ausführungen bereits eingegangen. Zusammenfassend sei hier das Singuläre dieser Begegnung von « Franzosen » und « Engländern » in Amerika dargestellt und ein Umriss der Unterschiede gezeichnet, auf denen das Konzept eines fait français (en Amérique) und seines Pendants The English Fact (in Québec) beruht.126

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Hier in Nordamerika treffen, im Rahmen eines gemeinsamen Body Politic seit 1760, zwei europäische Gemeinschaften aufeinander, deren verknüpfte Geschichte weit zurückreicht, eine Geschichte, die auch eine Trennungsgeschichte ist, in familiärer, politischer, religiöser, sprachlicher und juristischer Hinsicht.

Ging es im ersten Hundertjährigen Krieg darum, die komplizierten familiären Verbindungen der Königshäuser und diverser Machtansprüche diesseits und jenseits des Ärmelkanals voneinander zu trennen, so handelte es sich in den vom Ende des 17. Jahrhunderts bis ins frühe 19. Jahrhundert über hundert Jahre dauernden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen England und Frankreich um die Aufteilung weitaus größerer territorialer Besitztümer. Die zu beherrschenden Gebiete lagen nicht mehr nur auf dem europäischen Kontinent, sondern in Afrika, Asien und Amerika. Das heutige Kanada kennt zwei verschiedene Kalenderpunkte bezüglich seiner « Entdeckung ». Giovanni Caboto, der venezianische Seefahrer im Dienst der englischen Krone, gilt unter dem Namen John Cabot als der Entdecker Kanadas, zumindest im englischsprachigen Kanada. Für die Nouvelle-France und das heutige Québec sind es die Reisen Jacques Cartiers ab 1534, die den Beginn der Zeitrechnung markieren.127

Der Kampf um Ansprüche, Macht und militärischen Einfluss zwischen den englischen und französischen Königshäusern kannte seit dem 16. Jahrhundert eine weitere Dimension. Die Reformation teilte die europäische Karte mit sichtbaren und verborgenen Linien in katholische und protestantische Gebiete. Sowohl in England als auch in Frankreich entsprachen diese Gebiete zunächst keineswegs den Staatsterritorien, entstanden als solche im Wesentlichen aber im Ergebnis größerer, zumeist gewalttätiger Ereignisse. Frankreich entkoppelt sich ostentativ religiös und im weiteren Sinne auch kulturell spätestens mit den blutigen Realitäten der Nacht des Heiligen Bartholomæus von den Vorgängen in Mittel- und Nordeuropa. In England wird der Kampf gegen die päpstliche Autorität zu zwei vom Körper getrennten königlichen Häuptern und zu zwei Bürgerkriegen führen und seit der Gründung der anglikanischen Staatskirche 1534 zum organisatorischen Schlüssel der Nationwerdung. Doch stehen sich an den religiösen Fronten in Kanada nicht nur französischsprachige Katholiken und englischsprachige Anglikaner gegenüber. Die Konflikte in Europa haben beispielsweise in den Auseinandersetzungen zwischen militanten pro-irischen Fenians und protestantischen Orangemen die kanadische Geschichte mitgeprägt.

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Die Einwanderung irischstämmiger Kanadier stellt im 19. Jahrhundert insofern eine interessante Störgröße dar, als sie die Selbstverständlichkeiten der Organisation des Schulsystems und der entsprechenden Schulkommissionen hinterfragt, die nach religiösen und damit sprachlichen Kriterien getrennt waren. In ähnlicher Weise wird im 20. Jahrhundert die jüdische Bevölkerung erst nach einer Zeit unsicherer Zuordnung schließlich in den englischsprachigen Schulbereich integriert.

In diesem Zusammenhang sollte daran erinnert werden, dass die Geschichten Frankreichs und Englands eine Gemeinsamkeit kennen, die sich logisch ausschließen sollte: der Mythos vom auserwählten Volk. Frankreich habe als fille aînée de l’Église eine immer wieder herbeigeredete und praktizierte Mission zu erfüllen und das puritanische England, Nation Elect, geht mit der Sicherheit eines geradezu « alttestamentarischen Nationalismus » (H. Grabes) an den Aufbau seines Weltreiches.128 Im Québec des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wird die Besonderheit eines von der Vorsehung gelenkten ‘offenbaren Schicksals’ im Zentrum nicht nur der offiziellen Kirchenpropaganda stehen. Die Mission des katholischen und französischsprachigen Kanada – in dieser Reihenfolge – sei es, dieser « destinée manifeste » gerecht zu werden.129 Der transatlantische Ultramontanismus bestimmt, wie weiter oben erläutert, für einen erstaunlich langen Zeitraum die öffentlichen Geschäfte Québecs.

Nicht übersehen werden sollte, dass es sich bei der Begegnung von puritanischem Selbstverständnis und den Idealen des spätantiken Mönchtums um entgegengesetzte Pole christlicher Spiritualität handelt, und dass hier keineswegs nur antiquierte abendländische Ideologien auf den nordamerikanischen Kontinent getragen wurden, sondern « Verhaltenstechniken und Handlungssysteme, die zur Geschichte der Subjektivität gehören. »130 Nun soll hier nicht argumentiert werden , dass in Nordamerika zwei Heere von Zeloten und Geistlichen aufeinandertrafen. Festzuhalten bleibt aber, dass sich Postulate zum Weltlichen und zum Selbst in konkreten Praktiken wie der Beichte (bzw. Sündentagebüchern) niederschlugen und nicht zuletzt verschiedene Kolonisationsstrategien der Neuen Welt und ihrer neuen und alten Bewohner, nach innen und nach außen also, beeinflussten.

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Die jeweiligen Sprachen bilden in Nordamerika vor und vor allem nach 1760 eine Markierungslinie, von der die Zugehörigkeiten zu einer der Gemeinschaften wesentlich mitbestimmt werden. Es handelt sich um die englische und die französische131 Sprache, zwei indoeuropäische Sprachen, die zwar sprachwissenschaftlich in zwei verschiedenen Familien kategorisiert werden: als germanische bzw. romanische Sprachen, die aber, um mit B. Whorf zu sprechen, ohne weiteres ‘kalibrierbar’ sind.

Nicht erst seit dem 11. Jahrhundert und der Zeit der normannischen Könige wird in England nicht mehr nur Englisch gesprochen, weil diese Romanisierung auf eine jahrhundertealte Praxis der Verwendung des Latein aufbauen kann. In den Königshäusern der Anjou, Lancaster, York, Tudor und Stuart (bis zu Charles I.) wird zumindest auch Französisch gesprochen und das heutige Englisch zeigt die deutlichen Spuren der lexikalischen Romanisierung. Die Bezeichnung der Grammatik des modernen Englisch als « germanisch » ist fragwürdig und in mehrerer Hinsicht stellt die englische Sprache für die Sprachwissenschaft einen außergewöhnlichen Fall dar.132 Für die Begegnung in Nordamerika im ausgehenden 18. Jahrhundert sind zwei Tatsachen hervorzuheben. Zum einen besteht kein Zweifel daran, dass aufgrund der sehr verschiedenen Regeln in Phonetik und Grammatik bei aller Verwandtschaft zwischen der englischen und der französischen Sprache eine Verständigung fast unmöglich ist. Zum anderen ist die französische Sprache für einen beträchtlichen Teil der politischen und militärischen Eliten Großbritanniens ein Element ihres aristokratischen Habitus. Die englischsprachige Administration der Kolonien in Nordamerika ist im 18. und im frühen 19. Jahrhundert sehr oft auch französischsprachig und, damit verbunden oder nicht, der französischsprachigen Bevölkerung gegenüber durchaus positiv eingestellt, oft gegen die Interessen der englischsprachigen Händler und Siedler in den nördlichen und vor allem in den südlichen Kolonien, die 1776 zu einer Republik werden. Diese Tatsache ist von Bedeutung, wenn es um ein Verständnis für die politischen und legislativen Vorgänge der Zeit geht.

Die sprachliche und religiöse Zweigestalt führt mittelbar zu getrennten Gesundheits- und unmittelbar zur Entstehung getrennter Schulsysteme. Hier wiederum werden Unterschiede produziert und reproduziert, die teilweise mit erstaunlicher Langzeitwirkung in die Vergangenheit und die Zukunft reichen. So beinhalten beispielsweise kalligraphische Unterschiede in der Schulausgangsschrift potentiell in handgeschriebenen Dokumenten Zugehörigkeitsverweise. Die in Fächern wie Geographie und Geschichte und im Fremdsprachenunterricht gelernten Inhalte stellen eine nachhaltig prägende Form der Sozialisierung dar.

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Sprachlich gesehen haben sich Anglokanadier und Frankokanadier auch von ihren jeweiligen europäischen Metropolen getrennt. Das kanadische ist dem US-amerikanischen Englisch ähnlich, unterscheidet sich allerdings in der am britischen Englisch angelehnten Orthographie und in einigen phonetischen und lexikalischen Besonderheiten.133 Bestimmte regionale und soziolektale Formen sind dem britischen Englisch näher geblieben als andere. Schon aus diesem Grund ist es fraglich, ob von einem General Canadian English ausgegangen werden kann. Eine phonetische Besonderheit in der Aussprache des Diphthongs « ou » in Wörtern wie out, about und house kann als typisch kanadisch gelten; in der Fachliteratur spricht man vom sogenannten « Canadian Raising ». 134Das in Québec gesprochene Englisch entspricht in großen Teilen dem Englisch des südlichen Ontario (mit der Hauptstadt Ottawa und der Metropole Toronto) weist aber eine Reihe von Gallizismen auf, die im Englischen sonst nicht zu finden sind.

Die Unterschiede zwischen dem Französisch der « belle province » und der im « vieux pays » 135 etablierten ‘Hochsprache’ betreffen das Vokabular und die Aussprache und in einigen wenigen Fällen auch die Grammatik.136 Die Unterschiede werden sowohl von Franzosen als auch von Kanadiern häufig maßlos übertrieben; fest steht, dass ein Québécois problemlos französisches Französisch versteht und ein Franzose die ungewohnte Sprache schnell versteht, gesetzt den Fall, er ist willens. In diesem Zusammenhang ist die bemerkenswerte Tatsache zu sehen, dass eine Reihe von Anglo-Québécois nach dem Motto Distinction oblige ihre Kinder an Schulen schicken, die « richtiges » französisches Französisch lehren. (Eine Reihe von Vertretern der französischsprachigen Eliten bevorzugen ihrerseits aus sicherlich vergleichbaren Gründen the Queen’s English.) Die sprachliche Trennung von Frankreich wird in der Umgangssprache Québecs am deutlichsten im Schimpfwortvokabular, wo anders als in Frankreich mit Tabernakeln, Hostien, dem Abendmahlskelch und mit dem Namen Christi geflucht wird.137

Die Rechtssysteme des englischen Common Law und des französischen droit civil stellen nicht immer einfach zu vereinbarende Praktiken dar, die sich in Québec zwar überlagern, aber in getrennten Bereichen Anwendung finden (Zivilgesetz, Strafgesetz).138 Justiz und Grundlagen der Rechtsprechung sind nicht gelöst von anderen kulturellen Gegebenheiten, wie die auch im Kanada der Gegenwart immer wieder kollidierenden Positionen zu individuellen und kollektiven Rechten zeigen.139 Die personelle Besetzung des Obersten Gerichts institutionalisiert gemäß dem Supreme Court Act die kanadische Spezifizität: neben dem Oberrichter ( Chief Justice ) werden acht weitere Richter von der Bundesregierung ernannt, von denen mindestens drei aus Québec kommen; von den sechs weiteren Richtern vertreten in der Regel drei Ontario, zwei das westliche Kanada und eine(r) die Atlantischen Provinzen.

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Die französischsprachige Bevölkerung der Nouvelle-France um 1760, die englischsprachigen Siedler, die britische Kolonialadministration und ihre nachkommenden Generationen sind im Spiegel dieser Verschiedenheiten und konkurrierenden Gemeinsamkeiten zu sehen. Das für demokratische Öffentlichkeiten wesentliche Verhältnis von Mehrheiten und Minderheiten wird in Kanada schon seit Ende des 18. Jahrhunderts von den genannten Differenzen bzw. von ihrer wahrgenommenen Relevanz und ihrer Instrumentalisierung geprägt. Dieser Zusatz ist wichtig, geht es hier doch nicht um die Essentialisierung der Unterschiede und also um ein Apriori der Differenz, nachdem diese sich gewissermaßen von selbst realisieren könnte, sondern um die Virtuosität und Wirksamkeit ihrer spezifischen Interpretation im Kontext von Vorgängen kultureller Produktion. Ein beredtes Zeugnis dieser Vorgänge sind die durchaus gebräuchlichen Kategorien anglo-saxon culture und culture latine und zwar in verschiedensten Fremd- und Selbstbeschreibungen.140 Die Trennlinie zwischen « angelsächsischer » und « lateinischer » Kultur läuft gewissermaßen durch die Gesellschaft Québecs, auch wenn diese Grenzziehung in konkreten Situationen kollabiert, wie 1969 in den Auseinandersetzungen zwischen französischsprachigen Aktivisten und italienischen Einwanderern aus Rosemont, die ihre Kinder auf englischsprachige Schulen schicken wollen.

Dem französischsprachigen Québec der Gegenwart und seiner englischsprachigen Minderheit bzw. dem englischsprachigen Kanada sind die aufgeführten Unterschiede eine alltägliche Realität: die englisch- und französischsprachigen Kommunikationsnetze sind verflochten und doch getrennt, die Medien und die Unterhaltungsindustrie haben mit verschiedenen Märkten zu tun, mehrheitlich entsprechen die konfessionellen Bindungen denen der Vergangenheit und bis heute ist die kanadische Nationenfrage eine offene Frage und das keineswegs nur wegen der amerindianischen Bevölkerung, den Premières nations /First Nations.

An dieser Stelle sei nochmals darauf verwiesen, dass sich jenseits der hier betrachteten distinkten Konstellationen, die mit den Bezeichnungen « anglokanadisch » und « frankokanadisch » verbunden werden, diverse « interne » oder querliegende, pankanadische Differenzen mit eigenen Grenzziehungen beobachten lassen. Dazu gehören neben politischen, sozialen und ethnischen Kategorien, wie zum Beispiel Fragen nach konservativer und liberaler Politik, nach der Rolle von Eliten in Wirtschaft und Politik, nach dem Geschlechterverhältnis141 und nach den Kriterien der Zugehörigkeit zu den Ureinwohnern des Landes u.a. die Spannungen zwischen dem französischsprachigen Québec mit den Forderungen nach nationaler Anerkennung und anderen frankokanadischen Bevölkerungen ( Acadiens, Franco-Ontariens etc.), deren politische Vertretungen den Status einer Minderheit stark machen. Diese Spannungen haben auch Auswirkungen auf der Ebene kollektiver und persönlicher Beziehungen. Bei einem zweiten Blick fällt der Schleier auch von anderen als homogen dargestellten und wahrgenommenen Gebilden wie beispielsweise der « katholischen » Kirche in Québec: in der Tat sind hier in diachroner Sichtweise diverse konfligierende Strömungen auszumachen, wie zwischen jesuitischen und jansenistischen Auffassungen und zwischen Vertretern gallikanischer und ultramontaner Gesinnung. Hingewiesen sei auch auf die bisweilen divergierenden Positionen der englischsprachigen und französischsprachigen katholischen Gemeinden Québecs. Die politischen Realitäten Kanadas zeugen darüber hinaus von Unterschieden zwischen den drei maritimen, am Atlantik gelegenen Provinzen und den drei sogenannten Prärieprovinzen.

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In den ‘normalen’, alltäglichen politischen und ideologischen Auseinandersetzungen stehen sich in Kanada aber zwei Blöcke gegenüber, die ihre internen Formen von Dissens hinter sprachlichen und kulturellen Solidaritäten vergessen lassen. Dies gilt besonders für Zeiten der Krise, wie die Spannungen während der Mobilisierungen zum Burenkrieg und den beiden Weltkriegen oder die Ereignisse um das Referendum zur Unabhängigkeit Québecs von 1995 zeigten.

Die zwei folgenden Zitate entsprechen verschiedenen Perspektiven auf Realitäten, die heute der Vergangenheit angehören und die in der einen oder anderen Form bis in die Gegenwart wirken. Beiden Autoren gelingt es, das für Québec typische Zusammentreffen von Differenzen und die gelebte Relevanz der Trennlinien zu beschreiben.

D’une certaine façon, l’usine faisait partie de ma paroisse au même titre que l’église. Mes parents, mes oncles y travaillaient [...] Pourtant, pas plus que la liturgie du dimanche, l’usine n’était la réplique de la paroisse. Du gérant au chefs de services, les patrons étaient anglophones; ils habitaient un plateau qui dominait le village, dans des maisons d’un style différent des nôtres; ils fréquentaient une petite église protestante dont nous n’approchions jamais. Pas plus que nous n’aurions osé adresser la parole à leurs grandes filles blondes, aperçues de loin, interdites aux adolescents indigènes.142

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Fernand Dumont, Genèse de la société québécoise

The dancers were Catholics, French-Canadian, anti-Semitic, anti-Anglais, belligerent. They told the Priest everything, they were scared by the Church, they knelt in wax-smelling musty shrines hung with abandoned dirty crutches and braces. Everyone of them worked for a Jewish manufacturer whom he haited and waited for revenge. They had bad teeth because they lived on Pepsi-Cola and Mae West chocolate cakes. The girls were either maids or factory help. Their dresses were too bright and you could see bra straps through the flimsy material. Frizzy hair and cheap perfume. They screwed like jack rabbits and at confession the priest forgave them. They were the mob. Give them a chance and they’d burn down a synagoge. Pepsies. Frogs. Fransoyzen.143

Leonard Cohen, The Favourite Game

Begegnung 1999

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Fernand Dumont und Leonard Cohen erzählen von der Zeit ihrer Kindheit und Formen der Trennung, die sie erlebten oder hätten erleben können. Hinter den drastischen Bildern der Vergangenheit steht die hier zentrale Tatsache der prägenden Anwesenheit einer anderen Kultur.

Im Kanada der Gegenwart gibt es zahlreiche Formen der Begegnung zwischen den ‘englischen und französischen Fakten’, die sich von den Bildern der « Anglos » und « Pea Soups » und europäischer Vorbilder wie « la perfide Albion » und « French Frogs » verabschiedet haben. Eine Form der Überschreitung vorgeschriebener Muster verkörpern jene anglokanadischen Autoren, die ihre Arbeiten auf Französisch fertigen: Jim Corcoran, Nanette Workman, Larry Hodgson, Nancy Huston oder Donald Smith.

Auf eine solche ‘Begegnung der anderen Art’ – anders, weil sie sich gegen die etablierten Schemata der « Canadian Divide » stellt – sei hier verwiesen. Sie verhandelt in exemplarischer Weise Zukunft, ohne die Vergangenheit vergessen zu machen. Im Oktober 1999 fand im Zentrum für Québec-Studien der Montréaler McGill University ( Programme d'étude sur le Québec ) in einem gemeinsamen Projekt mit der Tageszeitung Le Devoir ein Kolloquium statt, das eine Reihe prominenter Intellektueller Québecs zusammenbrachte. Der programmatische Titel « Penser la nation québécoise » verweist auf ein Projekt und stellt eine Frage zu dessen Wirklichkeit.

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Im Vorfeld des Kolloquiums wurden in Le Devoir Gedanken der ‘Mitredenden’ zur Nation Québec veröffentlicht, die im Verlag Québec-Amérique 2000 in Buchform erschienen.144 Vier der Beiträge herausgreifend sollen einige dieser Gedanken in ihrer Vielstimmigkeit und in ihren Übereinstimmungen wiedergegeben werden. Die vier Autoren, Jane Jenson, Politikwissenschaftlerin an der Université de Montréal, Charles Taylor, Philosoph an der McGill University, Gérard Bouchard, Historiker und Soziologe an der Université du Québec à Chicoutimi und Jocelyn Létourneau, Historiker an der Université Laval, lassen in ihren Beiträgen keinen Zweifel an ihrer Identität als Québécois, unabhängig von ihrer Haltung zur politischen Zukunft Kanadas.

Jane Jenson beschreibt Québec als Beispiel und Vorreiter einer modernen, pluralistischen Gesellschaft, in der sich Gemeinschaften verschiedener Herkunft in einem politischen Rahmen begegnen. Die ständige Bewegung über die Grenzen politischer Identität hinweg bedeute hier eine Bewegung über die Grenzen politischer Mehrheiten und Minderheiten. Jenson sieht Québec in der Tat als « société distincte », weil hier in bemerkenswerter Art kollektive Rechte, Bürgen der Bewahrung von Differenzen, geschützt werden: « Tandis que dans de nombreux pays l’apprentissage du pluralisme en est à ses balbutiements, nous, Québécois, avons depuis toujours vécu dans une société de ce type, fait qui nous donne une longueur d’avance. » 145

Der im deutschsprachigen Raum für seine Arbeiten zu Hegel und Fragen der modernen Identität bekannte Charles Taylor beginnt seine Ausführungen mit dem Hinweis, dass Demokratie keine abstrakte Einladung darstellt, sondern im Rahmen konkreter Bedingungen praktiziert wird. Für Québec heißt das, den hybriden Charakter seiner Gegenwart anzuerkennen: eine französischsprachige Gesellschaft mit britischen Institutionen, die sich von Frankreich aufgrund ihrer ultramontanen Geschichte und der amerikanischen Situation getrennt habe. Politische Identität sei wie ihr individuelles Pendant in ständiger Neuformulierung und nicht als unveränderliche Wesenheit zu sehen, womit nicht gesagt ist, dass es nicht Themen mit trennender Wirkung gebe, wie die Geschichte. Taylor schließt mit einer Warnung gegen jene essentialistischen Mythen, die mit historischen oder ökonomischen Argumenten die Zukunft versperren: « Il faut donc être impitoyable pour tous nos mythes essentialistes, qu’ils nous offrent une destination préétablie de notre histoire ou un modèle socioéconomique que nous ne saurions mettre en cause. Y parviendrons-nous? » 146

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Gérard Bouchard, auf den im Zusammenhang mit einer Diskussion zur Conquête von 1760 weiter unten eingegangen wird, stellt die Nation Québec als Tatsache und als zu realisierendes Projekt dar.147 Die Rolle der Sprache sei der zentrale Faktor der Kontinuität und damit des Gedächtnisses. In seinem Plädoyer für eine offene Nation fordert Bouchard die Dekonfessionalisierung der Schule und eine konzeptionelle Erweiterung der fête nationale. Er nennt eine Reihe von Gründen, nicht zum Konzept einer frankokanadischen Nation zurückzukehren: Québec würde sich der Herausforderung der Diversität verweigern, seine « Überlebensideologie » wiederbeleben, den offiziellen kanadischen Multikulturalismus kopieren und ein ethnozentrisches Projekt der Souveränität angehen.

Wie Jenson und Taylor verweist Jocelyn Létourneau in seinem Beitrag auf den dynamischen Aspekt der identitären Formen innerhalb Québecs, wo sich verschiedene Kulturen begegnen, tolerieren und respektieren.148 Er rät, das Thema zu entdramatisieren; das « kanadische Erlebnis » sei von unausgeglichenen Kräfteverhältnissen und Verletzungen gezeichnet, habe aber nie aufgehört, ein Feld des Dialogs zu sein. Auseinandersetzungen seien nicht Ausdruck der oft zitierten Sackgasse ( l’impasse ), sondern das Alpha und Omega der Demokratie, deren Übereinkünfte in einer Situation gegenseitiger Abhängigkeit immer neu auszuhandeln sind. Diese Spannung lasse Lösungen entstehen, die weder die Interaktion behindern noch Identitätskrisen fördern, sondern für die Gesellschaft Québecs, Personen und Gruppen in ihrer demographischen Asymmetrie, akzeptabel seien. Kanada und Québec können nur in ihrer gegenseitigen Verschränktheit gelesen werden; Québec von seiner « Kanadianität » zu abstrahieren, sei ebenso falsch, wie die zentrale Rolle des « fait français » für Kanada zu übersehen. Auf beiden Seiten weigere man sich, die gegenseitige Verflechtung zu akzeptieren: « Ce refus est symptomatique de ce qui caractérise, au delà de leur discorde apparente, les théoriciens et partisans de la nation québécoise et ceux de la nation canadienne: une incapacité d'assumer la complexité et l'entremêlement salutaires des situations empiriques... » 149

Einige Zahlen und Fakten

Die ungefähr 1,5 Millionen km2 des Territoriums von Québec, der größten kanadischen Provinz, stellen ungefähr 15% der Oberfläche Kanadas dar. Es grenzt im Süden an die USA, im Westen an Ontario, im Osten an Labrador, einem Teil von Newfoundland, und an New Brunswick. Die Geographie wird von drei großen Regionen bestimmt, dem kanadischen Schild, dem Tiefland des Sankt-Lorenz und den Appalachen. Im Norden und im Westen wird Québec von den Wassermassen der Hudson Strait bzw. von der Hudson Bay und der James Bay umgeben (s. Anhang, S. 294).

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Das Territorium Québecs ist zumindest im südlichen, vom Sankt-Lorenz geprägten und stärker besiedelten Teil, auch eine distinkte Kulturlandschaft: Luftaufnahmen lassen die langgestreckten Parzellen und damit die Landvergabepraktiken des Ancien Régime erkennen.

Québec ist hoch industrialisiert, hat eine leistungsfähige Landwirtschaft und einen ausgebauten Dienstleistungssektor. Zu den Exportgütern gehören Güter der holzverarbeitenden Industrie, aus dem Transportwesen und dem Bergbau sowie Elektrizität und Telekommunikationsanlagen.

Von den 28,5 Millionen Kanadiern leben ungefähr 7 Millionen in Québec. 71 415 davon sind Vertreter der nordamerikanischen Ureinwohner. Laut Zensus sind von diesen 47 600 North American Indians, 1 075 Métis 150 und 8 300 Inuit. Die größten Sprachgruppen sind Cree (10 720), Inuktitut (7 665) und Montagnais-Naskapi (7 525).

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Von den 7 Millionen Einwohnern Québecs sind 5,7 Mio. französischer Sprache, 50 000 Personen sind laut Zensus muttersprachlich bilingual (Englisch u. Französisch). Auch außerhalb Québecs gibt es französischsprachige Bevölkerungen wie beispielsweise in New Brunswick, der einzigen offiziell zweisprachigen Provinz Kanadas (240 000), in Nova Scotia (35 000) und in Manitoba (4 000).

Die englischsprachige Bevölkerung Québecs (586 000) lebt vor allem in der Dreimillionenstadt Montréal (426 000) und in den Cantons de l’est/Eastern Townships im Süden der Provinz. In der Literatur wird die sprachliche Herkunft der kanadischen Bevölkerung entweder mit frankophon, anglophon oder, für alle anderen Fälle, mit allophon bezeichnet. In Québec leben heute über 650 000 Immigranten, die vor allem aus Europa und Asien stammen. Der Großteil der Bevölkerung Québecs ist laut Zensus katholischen Glaubens (5,8 Mio.), weitere Teile der Bevölkerung sind anglikanischen (ca. 100 000), anderweitig protestantischen oder jüdischen Glaubens (ca. 100 000). 262 000 Personen gelten als konfessionslos.151

Die Bezeichnung « Québécois » beschreibt heute je nach Kontext und Intention des Autors die französischsprachigen Einwohner Québecs oder die gesamte Bevölkerung der Provinz, Ureinwohner, Immigranten, englischsprachige und französischsprachige Muttersprachler. Das im Englischen gebräuchliche « Quebecker » (bzw. « Québecer ») bezieht sich zumeist auf die englischsprachige Bevölkerung. Die Konstruktion Québécois français bzw. Franco-Québécois oder Québécois francophone ist eine gegenwärtige Reaktion auf die territorial orientierte Definition Québecs. Sie modifiziert die Bezeichnung Québécois, die im großen Umfang in den 1960-er Jahren an die Stelle von Canadien français trat.152 Canadien français stellte bereits eine Erweiterung der Bezeichnung Canadien dar, die bis ins späte 19. Jahrhundert die französischsprachige Bevölkerung der ehemaligen Nouvelle-France beschrieb.153 In der englischsprachigen und in der französischsprachigen Literatur und Presse Kanadas wird heute oft mit dem jeweils alternativen, fremdsprachigen Begriff, also « canadian » im Französischen und « canadien » im Englischen gearbeitet, um auf das jeweils Andere zu verweisen. Die Begriffsgeschichte und ihr psychosozialer und politischer Ursprung illustrieren die beachtlichen Besonderheiten der kanadischen Geschichte und die mehr oder weniger offenen Kämpfe um die Namen der Dinge, unabgeschlossen bis in die Gegenwart. Sie belegen darüber hinaus den wesentlich distinktiven Charakter identitärer Zeichen an einem konkreten Verlauf.

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Das Staatsoberhaupt Kanadas, Her Majesty Queen Elizabeth II Queen of Canada, wird landesweit durch Governor General Adrienne Clarkson vertreten, in Québec durch Lise Thibault, Lieutenant-gouverneur seit 1997. Die derzeitige kanadische Regierung unter Premier Chrétien ( Liberal Party ) ging siegreich aus den Wahlen von 1993 hervor und ist seitdem im Amt. Der 1934 in Shawinigan, Québec geborene Jean Joseph Jacques Chrétien war zuvor unter anderem Minister of Indian Affairs and Northern Development und Minister responsible for La Francophonie.

Das gegenwärtige Québec wird auf Provinzebene, wie weiter oben ausgeführt, nach einer 9-jährigen Amtszeit des Parti québécois unter J. Parizeau, L. Bouchard154 und B. Landry seit April 2003 von der Liberalen Partei unter J. Charest regiert. Das parlamentarische System Kanadas schließt neben den Gouverneuren der Krone die ernannten Mitglieder des Oberhauses ( Senate/Sénat ), das vom Premierminister geführte Kabinett und die gewählten Mitglieder des Unterhauses ( House of Commons/Chambres des communes ) ein. Auf Provinzebene wurden die ehemaligen Oberhäuser ( Legislative Council/Conseil législatif ) abgeschafft.

Kanada ist seit Ende der 1960-er Jahre offiziell ein zweisprachiges Land, wobei es sich hier zunächst um eine Vorgabe für die politische Administration auf nationaler Ebene handelt. Die einzelnen Provinzen haben mit einer Ausnahme nicht Englisch und Französisch als offizielle Sprachen, was bedeutet, dass es eine beträchtliche Kluft zwischen der Repräsentation Kanadas nach außen und den tatsächlichen sprachlichen Realitäten im Lande gibt.155 Die Regelung des Official Languages Act besagt, dass es zweisprachige öffentliche Dienstleistungen an all jenen Orten gebe, wo die Anzahl der Sprecher der jeweils anderen offiziellen Sprache groß genug ist. Die Sprachpolitik der kanadischen Regierung ist also demographisch und individuell, nicht territorial motiviert. Damit hat diese Politik auch eine dynamische Dimension und zwar, wie die Zahlen der Sprachentwicklung unmissverständlich belegen, in Richtung einer deutlicher werdenden Bipolarität der Zweisprachigkeit Kanadas: Anglokanada wird zunehmend englischsprachiger und Québec, mit weniger drastischer Tendenz, französischsprachiger.156

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Die seit der Amtszeit von P.E. Trudeau definierten Grundlagen der kanadischen Rechtsprechung und Sprachpolitik, gehen von Rechten aus, auf die ein Individuum unabhängig von seinem Aufenthaltsort Anspruch hat. Die Sprachgesetzgebung Québecs hingegen orientiert sich mit der Charte de Langue française (Loi 101) von 1976 am Territorialitätsprinzip und operiert mit der Idee kollektiver Rechte. Wie in der Schweiz, wo die Aufrechterhaltung des Territorialitätsprinzips im Interesse der Beibehaltung der Viersprachigkeit als tragendes Element der Sprachenpolitik anerkannt wird, verweisen die Argumente für eine protektionistische Sprachgesetzgebung in Québec auf die Assimilationsraten und die Notwendigkeit legislativer Maßnahmen zur Bewahrung der französischen Sprache. In Folge der sprachpolitischen Regelungen in Québec kam es zu heftigen Reaktionen seitens der nicht-französischsprachigen, vor allem der englischsprachigen Bevölkerung in Québec und in Anglokanada. Diese Konflikte halten in weniger lautstarker Form auch in der Gegenwart an.

Kanada kennt nicht nur wahrlich kolossale Dimensionen in den Übersetzungsdiensten für die zwei offiziellen Landessprachen, sondern auch für die statistische Erfassung der Bevölkerungen und ihrer Attribute. Im Gegensatz zu anderen mehrsprachigen Ländern, wie der Schweiz oder Belgien, wo sich Fragen nach der Sprache in Volkszählungen erübrigen oder nicht gestellt werden, hat sich in Kanada eine regelrechte ‘demolinguistische Industrie’ gebildet. In den neueren Zählungen des Zensus werden sieben sprachrelevante Fragen gestellt, deren Resultate in den Medien des Landes umfangreich kommentiert werden.

Symbolisiert wird der institutionalisierte Bilingualismus des Landes durch zahlreiche Referenzen, denen es gelingt, gleichzeitig « canadien » und « canadian » zu meinen. Ein Beispiel liefert die ‘Regierungsagentur des kanadischen Erbes’, die sich mit dem Kürzel PCH präsentiert und damit Patrimoine canadien und Canadian Heritage gelesen werden kann.157

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Diese Mehrdeutigkeit der Zeichen prägt in besonderer Weise Québec, auch wenn, oder gerade weil die andere Sprache hier nicht offiziell vorgesehen, dafür aber lebendig ist. Jane Jenson sieht in ihren Ausführungen zum Kolloquium Penser la nation québécoise im täglich praktizierten Schritt von einer Sprache zur anderen ein identitäres und politisches Phänomen, das Québec zu einer distinkten Gesellschaft mit einem praktizierten Pluralismus macht. In einem Essai zur Frage von Erinnerung und Vergessen definiert Gilles Bibeau die zentralen Markierungen der kollektiven Identität Québecs, eines « hypothetischen Landes », anhand der Begriffe « frontière », « dualité/duplicité » und « ambiguïté ».158 Indem er von Québec als « nation-peuple-tribu-collectivité » 159spricht, gibt er der Sache einen, wenn auch umständlichen und langen Namen. Dieser Wahl der Begriffe gelingt es, den Mehrdeutigkeiten entgegenzukommen, eine Definition (der Bedeutung/der Grenzen), ihrer Geschichten ( histories ) und ihrer Kontingenzen zu leisten.

Literaturrecherchen und Forschungsstand

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Formen kultureller Produktion in der Gegenwart des politischen Gebildes Québec. Von dieser Vorgabe ausgehend ergaben sich mehrere Dimensionen möglicher und zu konsultierender Quellen. Identitätsreferenzen und Geschichtsbilder sind immer auch vor dem Hintergrund ihrer offenen und verborgenen Verweise zu lesen, in räumlicher und in zeitlicher Hinsicht. Eine Beschreibung, die sich den besonderen Bedingungen der Gesellschaft Québec mit dem Ziel des Verstehens widmet, kommt nicht umhin, den wie auch immer gearteten nationalen Rahmen zu verlassen und die Kontexte mehr oder weniger stark einzubeziehen. Neben den späteren anglokanadischen Provinzen und Ottawa, dem heutigen politischen Zentrum Kanadas, sind hier die « vier Metropolen » zu nennen, die in unterschiedlichem Maße im Laufe der Zeit die Entwicklung Québecs beeinflusst haben: Paris, London, Washington und Rom.160 Mit den diversen transnationalen Flüssen und Verbindungen ist auch eine Relativierung der nationalen Komponente vorgegeben.

Die Raum und Zeit verbindende Form der Quellen, stellt die Sprache dar, oder deutlicher ausgedrückt, die jeweilige Einzelsprache. Ein großer Teil der herangezogenen Quellen liegt in englischer bzw. französischer Sprache vor und entspricht somit einerseits der Fragestellung und dem Thema der vorliegenden Arbeit. Andererseits wird so auch den bilingualen Realitäten Québecs und Kanadas entsprochen; Bilingualismus stellt hier wie da eine politische, institutionelle und, wo es um Mehrheiten geht, auch demographische Tatsache dar. Kanadier englischer und französischer Herkunft und Sprache blicken auf eine lange gemeinsame Geschichte zurück, die von ihren Unterschieden lebt. Die diversen Äußerungen in der Öffentlichkeit Québecs, seien sie journalistischer, politischer, literarischer, historiographischer oder anderweitig akademischer Art sind in diesem Spannungsverhältnis zu sehen.

Zum Material

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Die Auswahl der Quellen erweist sich als ernstzunehmendes Problem der Annäherung und Beschreibung des vorliegenden Themas: ein beachtlicher Teil der kanadischen und internationalen wissenschaftlichen Forschung zu Kanada und zu Québec hat sich auf Studien bezogen, die nicht nur größtenteils aus dem englischsprachigen Kanada, sondern aus dessen akademischem Zentrum, Ontarios Universitäten, stammen.161 Die Überlagerung von politischen, ökonomischen, sprachlichen und regionalen Strukturen verbergen das Gefälle von Zentrum und Peripherie und die damit verbundenen hegemonialen Strukturen der Sinndeutung und Erzählung.

In diesem Sinne versteht sich die vorliegende Arbeit auch als Kritik an einem beträchtlichen Teil der Forschung zu den Themen Kanada und Québec, der sich diversen, mehr oder weniger hegemonial vorinterpretierten Blickrichtungen unterordnet – im Quellenfundus, in der Sprache und in politisch-ideologischen Parteinahmen im Zusammenhang mit dem sogenannten ‘Problem Québec’. Diese Bemerkung trifft auch auf jene französischsprachigen Studien zu, deren romantische oder neokoloniale Perspektive auf Québec Pariser Ursprungs ist.

In Deutschland hat sich der akademische Blick nach Québec vor allem im Rahmen der neueren romanistischen und der interdisziplinären Forschung von den genannten Strukturen gelöst. Zu nennen sind an dieser Stelle das CIFRAQS (Centrum für interdisziplinäre franko-kanadische und franko-amerikanische Forschungen /Québec -Sachsen) am Institut für Romanistik der TU Dresden, das Studienzentrum der Universität des Saarlandes (Centre d’études interculturelles sur le Québec et la Francophonie nord-américaine), sowie das Institut für Kanada-Studien der Universität Augsburg und das Institut für Romanische Philologie an der FU Berlin, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Kanada-Studien in deutschsprachigen Ländern.

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Die Arbeit versucht, der großen Menge an historiographischer Literatur zum Thema Québec und Kanada sowohl im englischsprachigen als auch im französischsprachigen Raum gerecht zu werden. Verarbeitet wurden u.a. die heute klassischen Texte der nordamerikanischen Geschichtsschreibung – F. Parkman, M. Wade, F.-X. Garneau, H.-R. Casgrain, L. Groulx, um nur einige zu nennen – sowie ältere Reiseberichte und Darstellungen wie die von Hakluyt, J. Cartier, M. Lescarbot162 und den Relations des jésuites, um den Rahmen und die historische Entwicklung von Kanada zu beschreiben.

Eingang fanden auch die neueren und neuesten Arbeiten zur Geschichte und Gegenwart Kanadas und Québecs (D. Creighton, H. Innis, R. Cook, D. Morton, J.L. Granatstein, W. Ferguson, G. Frégault, F. Ouellet, G. Bouchard, J. Létourneau, P. Groulx, F. Dumont) und Arbeiten der deutschsprachigen Kanada- bzw. Québecforschung, zu Geschichte, Sprache und Literatur (L. Baier, U. Kempf, I. Kolboom, H.-J. Niederehe, U. Sautter, L. Wolf, u.a.).

Neben den genannten Quellen sei hier auf zwei Arbeiten verwiesen, die zu unentbehrlichen Referenzen einer ‘verhalten positivistischen’ Rekonstruktion des historischen Materials vor allem zur Entwicklung des 19. Jahrhunderts in Québec wurden: Y. Lamondes Histoire sociale des idées au Québec und die Histoire du Québec contemporain von Linteau, Durocher und Robert.163 Das Ergebnis dieser Suche eines valid subtext, eines bindend zugrundeliegenden Vorgangs und ursprünglichen geschichtlichen Ereignisses, von dem ausgehend die sich anschließende Interpretations- und Erinnerungsarbeit beschrieben werden kann, bleibt freilich bestenfalls approximativ.164

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Hinsichtlich der Entwicklung des Bildungssystems in Québec konnte sich die Arbeit auf eine Reihe von Studien, u.a. der folgenden Autoren stützen: Louis-Philippe Audet, Nive Voisine, Claude Marcil und André Lemelin.165 Paul Aubins umfangreiche Inventarisierung der in Québec verwendeten Schulbücher – der Catalogue des manuels scolaires québécois – und seine Arbeiten zum Zusammenhang von staatlicher Autorität und Schulbuchzulassung im Québec des 19. Jahrhunderts ermöglichten einen Überblick, der für die weiteren Recherchen von maßgeblicher Hilfe war.166 An dieser Stelle sei Paul Aubin für seine hilfreichen Hinweise gedankt. Wichtige Anregungen zu einer kritischen Lektüre der Schulhistoriographie in Québec, insbesondere bezüglich der Darstellung konfliktueller Kontakte, wurden von Brian Young167 gegeben, Koautor eines der gegenwärtig zugelassenen Geschichtsbücher.

Die konsultierten Quellen der hiesigen vergleichenden Schulbuchforschung, insbesondere zur Geschichtsdidaktik, erwiesen sich für die Arbeit nicht immer als ergiebig, weil hier entweder quantitative Aspekte im Vordergrund standen oder durch die Betonung ideologiekritischer Elemente politische Entscheidungen von ihrem kulturellen Kontext gelöst schienen. Das eigentliche Problem jedoch war die Tatsache, dass Québec als Thema der deutschsprachigen Forschung nicht eben einen Spitzenplatz einnimmt. In der bis zum Jahr 2002 108 Ausgaben umfassenden Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts zur internationalen Schulbuchforschung findet sich ein einzelner Text zu Geographiebüchern und Atlanten in Kanada und kein Artikel zu Québec. In der vierteljährlich publizierten Zeitschrift des Instituts sind einige Artikel zu kanadischen Geographiebüchern und zum Kanada-Bild in deutschen Schulbüchern erschienen. Ein Artikel zu Québec wurde 1996 unter dem Titel « Nous autres, les Québécois ». La voix des manuels d’histoire in einer Ausgabe mit dem Thema « Nationale Identitäten/National Identities » veröffentlicht.168

Es gibt eine Reihe von spezialisierten Studien zu Schulbuchtexten, die sich verschiedenen Aspekten ihres Inhaltes und Gebrauchs widmen. Während der vorbereitenden Literaturrecherchen konnte allerdings keine Studie und keine Monographie gefunden werden, die sich dem gestellten Thema in vergleichbarer Weise genähert hätte, weder in den Fragestellungen noch im Vorgehen.

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Dennoch fanden die Ergebnisse von Untersuchungen mit schulhistoriographischen Themen in der einen oder anderen Form Eingang in die Untersuchungen. Genannt seien hier nur Christian Amalvi, der ikonographische Aspekte der Darstellung von Personen in katholischen und laizistischen Schulbüchern Frankreichs im Zeitraum von 1870 bis 1940 untersuchte, Jacqueline Freyssinet-Dominjon, die in einer Studie von 1969 französische Geschichtsschulbücher des 20. Jahrhunderts untersucht hatte und Lucia Ferretti, die sich mit Lehrvorgaben (National Standards, National Curriculum, Programmes du cours d’histoire etc.) für den Geschichtsunterricht in den USA, in Großbritannien, Frankreich, Belgien und Québec beschäftigte.169

Die Dissertation konnte auf einer Reihe von Arbeiten zu den aufgeführten Themenbereichen aufbauen und erhielt wichtige Anregungen aus den jeweiligen Fragestellungen und Antworten. Hervorzuheben ist an dieser Stelle das Studium am Centre de recherches interculturelles sur les domaines anglophones et francophones der Université Paris 13, insbesondere bei Hubert Perrier und Fulvio Caccia.

Indem hier eine Reihe von Vorgehensweisen verarbeitet wurden und an einem konkreten Beispiel Anwendung finden, wird der Versuch unternommen, inhaltlich und formell eigenen Fragestellungen nachzugehen. Durch die Einbindung verschiedener Aspekte öffentlicher Bekundungen in die Recherchearbeit soll die vorliegende Arbeit neue Fragen beantworten, verborgene Dimensionen in ihrem Sinn erklären und fragwürdige Besonderheiten verstehen helfen.

Bibliotheken und Archive

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In der Vorbereitungszeit der Dissertation wurden die Möglichkeiten der Berliner Bibliotheken, für die weiterführende Lektüre die Bibliothèque nationale de France und, vor allem für Periodika, die Bibliothek der Délégation générale du Québec in Paris genutzt. Während eines mehrmonatigen Studienaufenthalts in Québec konnten die Recherchen an in Europa nicht zugänglichem Material in der Bibliothèque nationale du Québec und der Bibliothek der McGill University in Montréal fortgesetzt werden. Die Untersuchungen zu in den Schulen Québecs im 19. Jahrhundert verwendeten Texten wurden an der Bibliothek der Université de Laval in Québec (Sainte-Foy) durchgeführt. Neuere Geschichtsbücher, Lehrempfehlungen und -vorschriften wurden in der umfangreichen didaktischen Lehrbuchsammlung der Université de Laval studiert. Für weitere Recherchen wurden die Archives nationales du Québec sowie die Cinématèque und die Médiathèque in Montréal genutzt.

Hypothesenbildung

Konflikte sind nicht das Gegenteil von Frieden. Sie benötigen Mitstreiter, Partner, die sich in ihren eingenommenen Positionen widersprechen und diesem Unterschied Ausdruck verleihen oder derart wahrgenommen werden. Dabei sind es nicht die Unterschiede, die sich gegenüberstehen, sondern ihr Gebrauch. Der Versuch, Konflikte zu essentialisieren und zu unvermeidlichen Konfrontationen zu erklären, wird letztlich im Angesicht zahlloser Akzidenzien auf der ergebnislosen Suche nach der Substanz scheitern, weil die Essentialisierung dieser oder jener kollektiven Identität und der einen oder der anderen Kultur auf einem Fehler beruht.

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Kanada und Québec leben mit besonderen Formen der Koexistenz von Unterschieden. Die Situation Kanadas mit einer Mehrheit und verschiedenen Minderheiten wird in Québec mit teilweise invertierten Verhältnissen gespiegelt. Hier ist die französischsprachige Bevölkerung in der Mehrheit gegenüber englischsprachigen Kanadiern, Amerindianern und allophonen « Néo-Québécois ». Den Spielregeln ‘westlicher’ Demokratien entsprechend sind demographische Realitäten nicht nur von kultureller sondern auch von direkter politischer Relevanz.

Die hier zugrundeliegenden Thesen können folgendermaßen formuliert werden:

1. Die Opposition von Kräften und Ideen ist Teil einer funktionierenden Gesellschaft. Die konsensualistische Konzeption eines normativ konfliktfreien Body Politic trägt in sich eine hegemoniale Strategie der Unterdrückung von Differenzen.

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Kanada und Québec sind in bemerkenswerter Weise einer umfassenden Totalisierung und Homogenisierung ihrer Bestandteile im Zuge der Nationalisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entgangen. Auf die konkreten Gründe wurde bereits eingegangen und wird im Text weiter verwiesen. Hier soll gezeigt werden, dass Québec, wie im Übrigen auch Kanada, als die Summe jener internen und externen Konflikte zu lesen ist, die seine Entwicklung bis auf den heutigen Tag bestimmt haben. Die Arbeit widerspricht der Idee, derzufolge Québec das große, zu lösende Problem Kanadas sei. Es handelt sich um eine Idee, die ihr Korrelat in der Auffassung findet, Québecs zu überwindendes Problem sei die englischsprachige Bevölkerung, die Immigranten etc. Zu oft wird vergessen, dass jede der Parteien intern von Konflikten gezeichnet ist und dass die gegenwärtigen Konstellationen organisiert wurden, im Ergebnis politischer Entscheidungen und kultureller Produktion. Hier soll der Versuch unternommen werden zu zeigen, dass Québec von der Stärke seiner Teile nicht geschwächt wird, sondern gerade von den diversen Facetten dieser Heterogenität und dem Streit von Ideen geformt wurde und identitär abhängt. Diese Aussage trifft in Erweiterung auch auf das kanadische Ensemble zu.

Nichts gibt Grund zur Annahme, diese Entwicklung stünde davor, in einem großen Konsens utopieloser Harmonie aufzugehen, frei von politisch und kulturell wirksamen Antagonismen. Von einem Ende der Geschichte kann nicht die Rede sein.

2. Symbolische Trennlinien sind in ihrem Repertoire und in ihrer Politisierbarkeit einerseits von Ereignissen und beachtlichen Spielräumen, andererseits von strukturierenden Limitationen gekennzeichnet.170 In der Einleitung wurde auf die internen Unterschiede eingegangen, die die Singularität der Entwicklung Québecs ausmachen. Dazu gehören neben Sprache und Religion auch Rechtsgrundlagen und diverse andere kulturelle Eigenheiten, vertreten von Symbolen, Liedern, Wappen, Fahnen und Farben, vorwiegend, aber nicht nur, nationaler Provenienz.

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In einer Situation langanhaltenden und direkten Kontakts zwischen distinkten Kulturen, wie er für Québec und auch für Kanada bezeichnend ist, kann von verschiedenen Folgeerscheinungen ausgegangen werden, die sich sowohl mit den Begriffen Assimilation und Akkulturation als auch mit Formen von Überlagerung und Interpenetration verbinden.171

Es wird der Versuch unternommen, zu zeigen, in welchem Maße in der historischen und gegenwärtigen Entwicklung Québecs Distinktions- und Selektionsvorgänge einander bedingt haben. Die sinnstiftenden und handlungsleitenden Referenzen zu Kollektiv und Identität, Vergangenheit und Zukunft werden hier anhand ihrer Einschreibungen, ihrer organisierten Aktivierung und mit Blick auf teilnehmende Öffentlichkeiten diskutiert. In diesem Zusammenhang werden institutionelle Tatsachen als Bestandteil kulturwissenschaftlicher Arbeit betrachtet, weil sich hier die praktizierten Formen von Weitergabe und Teilnahme begegnen.

Andererseits kann nicht von einer totalen Verfügbarkeit über die Wirkungen politischen Handelns ausgegangen werden. Gesellschaften unterliegen auch Faktoren unbewusster Formen von kultureller Produktion und Kultur lässt sich nicht wie ein einfaches Werkzeug manipulativ gebrauchen. Politische Mythen, identitätspolitische Referenzen und öffentliche Sinnstiftung durch Zeichen der Gemeinsamkeit müssen geglaubt werden, um ihre Wirkung entfalten zu können.

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3. Die Dissertation versteht sich im Anschluss an die genannten Punkte auch als Versuch, Erklärungen zu finden für die Frage nach den auffälligen Besonderheiten, die Québec und Kanada auf dem nordamerikanischen Kontinent ausmachen: eine mehrheitlich französischsprachige und katholische Bevölkerung im Rahmen der einzigen großen amerikanischen Monarchie.172 Diese Erklärungen, so die dritte These der Arbeit, stehen miteinander in Verbindung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die vorliegende Arbeit sich als Frage nach dem Wie kultureller Produktion an einem konkreten Fall sieht, der als in Arbeit befindlich verstanden wird. Dabei kann es sich weder um das Vorhaben einer großen denunzierenden Aufdeckung der ‘Hintermänner’ (in der Politik, in den Ministerien, Schulen, Klöstern und Redaktionen) noch um die Beschreibung Québecs als eines quasi vollendeten Werkes im « Essenzen-Kosmos »173 handeln. « The explanatory world of substance can invoke no differences and no ideas but only forces and impacts. And, per contra, the world of form and communication invokes no things, forces, or impacts but only differences and ideas. (A difference which makes a difference is an idea.) » 174

Im Zusammenhang mit den hier thematisierten Fragen soll an dieser Stelle auch das zum außenpolitischen Motto gewordene Diktum vom Kampf der Kulturen kommentiert werden. Wenn die Rede von einem Zusammenstoß der Zivilisationen ist, der sich aus intrinsischen (religiösen, kulturellen) Eigenschaften von Blöcken erklärt, dann wird in einem Zug verwischt und hervorgehoben.175 Die Bruchlinien, « Fault Lines », von denen Samuel P. Huntington spricht, scheinen nicht historischer, sondern quasi natürlicher Herkunft zu sein. Dieser Auffassung wird hier widersprochen.

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Plan und Aufbau der Arbeit

Ausgehend vom bisher Gesagten wurde ein Untersuchungsplan entwickelt, dessen Umfang und Fokus verschiedene Aspekte der Öffentlichkeit bzw. der Öffentlichkeiten der kanadischen Provinz Québec hinsichtlich der geäußerten Hypothesen illustrieren soll. Dabei wurde eine kulturwissenschaftliche Perspektive gewählt. Mit dem Blick auf gegenwärtige Formen kultureller Produktion und auf ihre jeweilige diachrone Entwicklung wird der im Titel angelegten Vorgabe entsprochen. Identitätsreferenzen und Geschichtsbilder sind Teil öffentlicher Bekundungen, ob nun journalistischer, künstlerischer, schulpolitischer oder anderer Art. Sie verbinden zeitliche und räumliche Dimensionen, weil sie im Kontext von gemeinsamer Sprache, Geschichte, Kultur und Politik zu lesen sind. Der lange Schatten des 19. Jahrhunderts liegt auf der Gegenwart des beginnenden 21. Jahrhunderts, in dem große Öffentlichkeiten nach wie vor national geprägt sind, in Kanada, in Québec und anderswo.

Inspiriert und geleitet wurden die Fragestellungen, Recherchen und der Umgang mit dem Material zunächst von den Arbeiten der frühen Kulturwissenschaft und zwei ihrer Initiatoren: Aby Warburg und Maurice Halbwachs. Warburgs Vorgaben176 können dabei in wichtigen Punkten als richtungsweisend gelten, weil die von ihm angeregte Erweiterung des kulturwissenschaftlichen Blicks, sowohl hinsichtlich der entprivilegisierten Quellen als auch ihres dynamischen kulturgeographischen Ausdrucks, von maßgeblicher Bedeutung ist. Mit Warburg versteht sich die Dissertation als interdisziplinär motivierte und im Kulturvergleich angesiedelte Arbeit, mit einer am Material orientierten Methode. Sprache und Bild müssen dabei nicht als Konkurrenten verstanden werden.

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Jüngere Arbeiten wie die von Clifford Geertz177 und Jan Assmann178 waren hilfreich, die weitergeführten Gedanken zur « dichten Beschreibung » der kreierten Bedeutungsdimension von Kultur bzw. zu kollektiven Erinnerungsvorgängen und ihrer Dramaturgie – Poesie, Inszenierung und Partizipation – zu verarbeiten. Hier wird deutlich, in welchem Maße die gegenwärtigen Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis und zum verstehenden Lesen von Kultur an die Studien zu kulturellem Bildgedächtnis, mémoire collective und sozialen Bedeutungsnetzen anknüpfen konnten. Von Bedeutung für den eingenommenen Blick waren darüber hinaus Anregungen von Vamık Volkan zu den psychopolitischen Realitäten moderner ‘Kollektivitäten’ und von Thomas Macho, insbesondere zu den Möglichkeiten der Beschreibung von Formen kultureller Produktion. Eine Reihe von Studien aus Québec beeinflussten den Umgang mit dem empirischen Material und seine Einordnung, zu nennen sind hier vor allem Yvan Lamonde, Heinz Weinmann, Brian Young und Gérard Bouchard.

« Kulturelle Produktion » bezieht sich hier auf die Gesamtheit der Veräußerungen menschlicher Existenz; eine Trennung in « Hochkultur » und « niedere Kultur » wird nicht vorgenommen. Aus diesem Grund entstammt das verwendete Material aus Literatur und Film, Malerei, Historiographie, Schuldidaktik, politischen Reden, sowie Äußerungen aus der Presse, Leserbriefen und Internetforen. Hinzu kommen Beobachtungen zur Erinnerungskultur in Form gebauter Ausdrücke: Denkmäler, Kirchen, Parlamentsgebäude, Parkanlagen und, wo vorhanden, den jeweiligen Begleit- und Informationstexten. Einbezogen wurden auch Beobachtungen zu toponymischen Markierungen. Aus praktischen Gründen wurde auf das detaillierte Studium von einigen Quellentypen verzichtet, die im Rahmen weiterführender Arbeiten von großem Interesse sein könnten: die mediatisierte Welt des Sports – wenige öffentliche Angelegenheiten finden ein gleichartig massives Interesse in Kanada wie der Nationalsport Eishockey179 – und die elektronischen Medien Fernsehen und Radio, die sowohl von den Realitäten einer einheitlichen bikulturellen Politik zeugen (Öffentlicher Rundfunk mit übersetztem Pendant) als auch von den großen Unterschieden in Form und Inhalt zwischen sprachlich getrennten Medienbereichen. Nicht zuletzt liegen hier auch verschiedene Anbindungen an die Metropolen Paris und London (TV5 und BBC) und unterschiedliche Ausrichtungen auf den US-amerikanischen Markt vor.

Geleitet von den Thesen der Arbeit wurde in Bibliotheken und Archiven nach Material gesucht, über einen längeren Zeitraum (zwischen 1999 und 2003) wurden Printmedien wie Tageszeitungen und Fachzeitschriften sowohl in englischer als auch in französischer Sprache studiert und das Internet in das Quellenstudium einbezogen.

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An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es sich nicht um eine umfassende Darstellung der Printmedien Québecs handelt. Aufgrund der Erfahrung früherer Studien zur Presselandschaft Québecs wurde für die Auswahl der Artikel kein quantitatives Schema genutzt. Es ging um eine hypothesengeleitete Suche nach im Sinne der vorliegenden Arbeit relevanten öffentlichen Äußerungen, und nicht darum, die Untersuchungen an Auflagenhöhe und prozentualer Haushaltsabdeckung einzelner Tageszeitungen zu orientieren.180 Ein medienwissenschaftlicher Zugang, der die implikationelle Bedeutung von Nicht-Gesagtem oder die auf eine der weniger prominenten Seiten der Zeitung verschobenen Informationen in allen Tageszeitungen systematisch untersucht, bot sich für die Arbeit nicht an und wäre auch aus praktischen Gründen unmöglich gewesen. Nichtsdestoweniger wurden Anstrengungen unternommen, öffentliche Diskussionen so wiederzugeben, das ein möglichst breites Spektrum der einzelnen Instanzen wiedergegeben wird. Tageszeitungen können als ein herausragendes Medium der Teilnahme an den ‘öffentlichen Dingen’ (auch in einer Monarchie) betrachtet werden. Die Angaben des kanadischen Amtes für Statistik belegen in der Rubrik Participation Rate in Cultural Activities, dass über 90% der Kanadier täglich oder wöchentlich Zeitungen und Zeitschriften lesen.181

Sprachkonflikte in Form von Schulkrisen sind als Bestandteil des modernen politischen Arrangements zu lesen.182 Auf die Relevanz der Einbeziehung von didaktischem Material aus dem Geschichtsunterricht wurde bereits verwiesen. Die durch den ministeriellen Schulbuchzulassungsprozess gegangenen Texte verkörpern in ganz besonderer Weise die Anwesenheit des Staates in den « primären Institutionen » der Gesellschaft. Weil es sich um Pflichtlektüre handelt, stellen diese Texte eine besondere Form der Verwaltung von Erinnerung und Geschichte dar.

Gleichzeitig illustrieren sie in ihren Autorenkollektiven und den inhaltlichen Unterschieden die heterogenen Formen kultureller Produktion. Interessanterweise fällt das Interesse akademischer und politischer Beobachter vor allem dann auf das Studium von Schulbuchtexten, wenn diese an der Nahtstelle verschiedener Kulturen und Sprachen oder politischer Formen ‘agieren’.183

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Die studierten und analysierten Schulbücher stellen die vier vom Bildungsministerium Québecs zugelassenen Texte für den obligatorischen Geschichtsunterricht zum Thema Québec und Kanada im vierten Jahr der Sekundarstufe dar. Es handelt sich dabei um drei Bücher in französischer Sprache und ein Buch in englischer Sprache, die im französischsprachigen bzw. englischsprachigen Schulsystem der Provinz Québec Verwendung finden (s. Anhang, S. 290-293 für die Titelseiten der vier Schulbücher). Im Text stehen folgende Abkürzungen für die einzelnen Titel:

Die Analyse und Auswertung des Materials wurde in sieben Abschnitten vorgenommen, die sich folgendermaßen aufteilen lassen:

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1. Kalenderpolitik

Ziel war es hier, anhand der Einträge in den Fest- und Feiertagskalendern konkrete Formen der Organisation von Kultur zu beleuchten. Das Kapitel zur kalendarischen Sinnstiftung in Québec wurde der Arbeit vorangestellt, weil sich von hier aus Verbindungen in alle anderen Abschnitte ergaben und sich gewissermaßen ein bereits vorhandener Index anbot. Die Markierungen im Kalender, Identitätsreferenzen und historische Verweise, stehen für die Arbeit am kollektiven Gedächtnis der Gegenwart.

Es folgen sechs Kapitel, die sich jeweils in vier Unterkapitel, mit einer Ausnahme im Kapitel « Erinnerung », unterteilen.

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2. Die ersten drei Abschnitte nehmen ein in der Öffentlichkeit Québecs wahrgenommenes und heftig diskutiertes Thema zum Anlass, Hintergründe der jeweiligen ‘Affaire’ zu befragen, Erklärungen für die Erregung und Emotionalisierung zu finden und schließlich anhand von relevanten Schulbuchtexten mögliche Korrelationen aufzuzeigen.

3. In den sich anschließenden drei Abschnitten wurde ein in der Reihenfolge invertiertes methodisches Vorgehen gewählt: Die Abschnitte beginnen mit einem Blick in Schulgeschichtsbücher und versuchen von hier aus, den Kontext zu klären und, wo möglich, Erklärungen für Leerstellen, Nichtgesagtes oder ausgebliebene Skandale zu finden.

In den einzelnen Kapiteln wird in dem Maße auf historische Tatsachen darstellend eingegangen, wie es ein Verständnis der jeweiligen Diskussion sinnvoll erscheinen ließ. Dabei wurde versucht, Wiederholungen von bereits Ausgeführtem zu vermeiden; dennoch kommt es an einigen Stellen zu Überschneidungen, die ihrerseits die jeweiligen Bezüge historischer Tatsachen und ihrer Ereignisgeschichte illustrieren können. Die gewählten Fälle repräsentieren die vier Jahrhunderte seit der Besiedlung der Nouvelle-France im 17. Jahrhundert und verweisen in der aufgezeigten Geschichte des jeweiligen Ereignisses, seiner Interpretation und Rekonstruktion, mit Nachdruck auf die lange Gegenwart, die im 19. Jahrhundert begann.

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Terminologische Bemerkungen

Die Begriffe « frankophon » und « anglophon » werden im Rahmen der vorliegenden Arbeit dem in Kanada und Québec üblichen Gebrauch entsprechend verwendet. Sie bezeichnen je nach Kontext die Muttersprache einer Person, die in der Presse und in anderen Medien verwendete Sprache bzw. die Sprache eines Textes oder eines Textkorpus (« frankophone Literatur », « anglophone Geschichtsschreibung »). Der in Kanada übliche Begriff « allophon » für muttersprachliche Sprecher anderer Sprachen als Englisch und Französisch wurde wo es sinnvoll erschien übernommen.

Entgegen dem schwer eingrenzbaren Gebrauch der Begriffe anglais/English und français/French in Kanada beziehen sich « französisch » und « englisch » hier entweder auf die jeweilige Sprache oder auf das historische bzw. gegenwärtige Frankreich und England184. Ansonsten finden die Bezeichnungen « anglokanadisch » und « frankokanadisch » Verwendung, wobei sich die Begriffe an kulturellen, vor allem sprachlichen Gegebenheiten und nicht an ethnischen Zuweisungen orientieren.185

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Die außergewöhnlichen Schwierigkeiten, die die Bedeutungsgeschichte der Bezeichnungen « Kanada » und « Québec » mit sich bringen, werfen ihre Schatten auf jede Monographie, die diesbezügliche historische und gegenwärtige Betrachtungen nebeneinanderstellt. Widerspricht der Gebrauch einer der beiden Begriffe streng genommen der historischen Bezeichnung, ist er im Text kursiv markiert. In den diversen konsultierten Quellen ist Canada a) die ungenaue Bezeichnung für die Gegend der nördlichen, später beider Seiten des Sankt-Lorenz-Stromes, b) für den nördlichen Teil der Nouvelle-France, c) für einen Teil der britischen Kolonien in Nordamerika (ab 1791 als offizieller Begriff in Upper und Lower Canada/Haut-Canada, Bas-Canada und als Province of Canada, ab 1840), d) für den Zusammenschluss von vier Provinzen zum Dominion of Canada und e) für das Kanada der Gegenwart, vom Atlantik bis zum Pazifik und im Norden zur Baffin Bay und Beaufort Sea, mit nunmehr zehn Provinzen und drei Territories/territoires.

« Québec » war zunächst der Name einer Stadt, später eines größeren Gebietes, eines politisch definierten Territoriums unter britischer Administration und schließlich einer der Gründungsprovinzen der kanadischen Föderation. Der gegenwärtige Gebrauch des Begriffs « Québec », bezieht sich, sowohl in Québec selbst als auch im englischsprachigen Kanada entweder auf die französischsprachige Bevölkerungsmehrheit und deren politische Relevanz, oder auf das Territorium und seine gesamte Bevölkerung. In einigen Fällen wurde der im Englischen gebräuchliche Begriff « Quebecker » (bzw. « Quebecer ») übernommen. Zwar kann dieser Begriff theoretisch entweder alle oder nur die englischsprachigen Bewohner Québecs bezeichnen. Der Begriff ist aber auch Ausdruck der Identität englischsprachiger Québécois, er wird in diesem Sinne beispielsweise in der englischsprachigen Presse Montréals verwandt, und setzt sich so vom Begriff « Québécois » ab.186 Die Selbstbezeichnung « Quebeckers » ist hier Fremdzuschreibungen wie « les Anglais » oder « Anglos » vorzuziehen. Nur mit einer aufwendigen terminologischen Konstruktion wäre es möglich gewesen, in der vorliegenden Arbeit klare Grenzen zwischen den signifiés zu ziehen. Eine derartige Lösung würde dem Gebrauch der Bezeichnungen und den porösen Grenzen politischer Identität in Québec nicht entsprechen.

Für den Gebrauch toponymischer Bezeichnung diente grundsätzlich der in der betreffenden Zeit offizielle Name als Grundlage. Neuschottland heißt also Nova Scotia und Montréal trägt den accent aigu wie Québec. Streng genommen müsste Neubraunschweig als einzige offiziell zweisprachige Provinz Kanadas New Brunswick/Nouveau Brunswik heißen. Aus praktischen Gründen wurde auf die Doppelbezeichnung verzichtet. Die offizielle Orthographie in Texten und Dokumenten wurde auch dort beibehalten, wo sie dem gegenwärtigen, bisweilen anachronistischen Gebrauch nicht entspricht. In diesem Sinne wird hier von den Zeitungen The Quebec Mercury, The Montreal Gazette und dem Quebec Act von 1774 gesprochen. Bei Zitaten in Dokumenten und anderen Texten wurde die jeweilige Orthographie übernommen. Dieser Punkt ist insofern von Interesse, als beispielsweise ein mit Akzent geschriebenes « Québec » in einem englischsprachigen Text eine deutliche Referenz auf den ‘intentionalen Akzent’ des Textes darstellt.

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In wenigen Fällen wurde von dieser Regel Abstand genommen. Für « Kanada » wurde die deutsche Orthographie gewählt, weil der Begriff im Deutschen fest etabliert ist und das gegenwärtige politische Gebilde ebenso wie seine historischen Vorgänger bezeichnen kann. Die im Englischen und Französischen phonetisch unterschiedlichen Formen von Canada sind schriftlich nicht gekennzeichnet und machen eine Unterscheidung wie für Terre Neuve/Newfoundland nicht möglich. Eine weitere Ausnahme stellt eine natürliche Gegebenheit dar, die die Entstehung und Entwicklung Kanadas wesentlich beeinflusst hat: der Sankt-Lorenz-Strom. Der in seiner Entdeckungs- und Besiedlungsrichtung von einer gewaltigen Bucht am Atlantik bis in die Region der Großen Seen führende Fluss ( Le fleuve Saint-Laurent bzw. The Saint Lawrence River ) wird hier als ‘Naturform’ auch in seiner deutschen Bezeichnung aufgeführt.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es im Deutschen bezeichnenderweise keine verbindliche, lexikalisch erfasste Variante gibt, sich auf Québec appositiv oder adjektivisch zu beziehen, wie es im Englischen bzw. Französischen üblich ist ( the Quebec schools/les écoles québécoises ).187 Mit Blick auf die Ausspracheregeln des Deutschen wurde der Begriff « quebekisch » verwendet, womit die Frage nach einer geeigneten Bezeichnung allerdings nicht zufriedenstellend beantwortet werden konnte.188

Im Unterschied zum Französischen gibt es im Deutschen keine Möglichkeit, klar zwischen der Provinz Québec und der gleichnamigen Stadt zu unterscheiden. Wo französisch « à Québec » oder « le Québec » steht, wurde im Deutschen nötigenfalls eine Umschreibung wie « in der/in die Stadt Québec » bzw. « die Provinz/das Land Québec » gewählt. Dem Gebrauch für toponymische Bezeichnungen im Deutschen entsprechend, verwenden die pronominalen, ana- und kataforischen Bezüge auf Québec den sächlichen Artikel; grammatisch gesehen ist Québec im Französischen männlichen, im stilistisch gehobenen Englisch weiblichen Geschlechts. Durch die gleichlautende Form des Namens der Provinz und der Stadt Québec verbietet sich darüber hinaus der metaphorische Gebrauch der Hauptstadt für die Regierung und das politische Zentrum, wie er für « Ottawa » üblich ist.189

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Die Ureinwohner des heutigen Kanada betreffend wurde mit « amerindianisch » eine Bezeichnung übernommen, die sich in den betreffenden kanadischen Quellen in den letzten Jahren als amérindien/Amerindian durchgesetzt hat. Der Begriff setzt sich zum einen von indien/Indian und zum anderen von dem in den USA etablierten Native American ab. Wie in den USA wird auch in Kanada von First Nations/Premières Nations gesprochen. Darüber hinaus findet im Französischen autochtone, im Englischen Aboriginal Verwendung.190 Bei einigen Namen der indigenen Bevölkerungen und Sprachen fiel die Entscheidung für eine der möglichen Bezeichnungen, die dann Verwendung fand ( Micmac/Mi’kmaq; Cris/Cree; Algonquin/Algonkin ).

Der Begriff « amerikanisch » steht entgegen dem Gebrauch in unzähligen Quellen dies- und jenseits des Atlantik für weitaus mehr als die Vereinigten Staaten von Amerika. In diesem Sinne wird hier eine Trennung zwischen « US-amerikanisch » und « amerikanisch » vorgenommen. Hierbei geht es vordergründig nicht um die Kritik an einem in der Tat hegemonial angelegten, kulturimperialistisch gebrauchten Begriff sondern um begriffliche Klarheit, insbesondere hinsichtlich der ‘Amerikanität’, der kontinentalen Identitäten der Amerikaner ohne US-amerikanische Nationalität.191

Mit den verwendeten Bezeichnungen « Neue Welt » und « Entdeckung » wird in kritischer Weise die Erlebnisperspektive der Europäer charakterisiert, die den amerikanischen Doppelkontinent seit Ende des 15. Jahrhunderts besucht, beschrieben und bevölkert haben. Diese Begriffe sollen weder eine Kulturlosigkeit der Amerikas vor ihrer « Entdeckung » noch die Abwesenheit von gewalttätigen Eroberungen seit nunmehr über 500 Jahren implizieren. Genausowenig sollen sie den Möglichkeiten und Realitäten älterer Kontakte zwischen europäischen, afrikanischen und asiatischen auf der einen und amerikanischen Kulturen auf der anderen Seite widersprechen.

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Andererseits liegt auf der Hand, dass die Begriffe « Neue Welt » und « Alte Welt » Teil selbstverwirklichender und in der Gegenwart wirksamer Klischees geworden sind. Die Begriffe können nur sehr begrenzt Wirklichkeiten abbilden, wie ein Blick über den Atlantik zeigt. Die Republik in Nordamerika verweist in alltäglicher Form auf ihr gestandenes Alter: mit ihren heute alt anmutenden Wahlsystemen, mit den Besonderheiten in der Rechtsprechung, mit Temperaturangaben in Fahrenheit, Entfernungen in miles und yards, Gewichten in ‘Queen Anne’ Gallons von 1706 und US dry bushel aus der Zeit von William III. Ende des 17. Jahrhunderts und mit in England sehr selten gewordenen sprachlichen Besonderheiten, die einen Teil der Schönheit des US-amerikanischen Englisch ausmachen.

Eine Bemerkung zur Verwendung des Quellenmaterials im Text: Dem Gegenstand der Arbeit entsprechend lagen das empirische Textmaterial und Material aus Archiven in englischer oder französischer Sprache vor und es wurde im originalen Wortlaut zitiert. Aus nachvollziehbaren Gründen schien eine Übersetzung der Zitate da sinnvoll, wo nicht mit einfachem Verständnis seitens deutschsprachiger Leser gerechnet werden konnte. Dies betraf zunächst einige Quellen in älterem Französisch und fand schließlich für alle im Text zitierten Quellen in französischer Sprache Anwendung, nicht für Fußnoten und im Falle von kurzen Zitaten, die sich dem Leser einfach erschließen. Aus praktischen Gründen wurde auf eine Übersetzung der Zitate in englischer Sprache verzichtet. Damit wurde eine Entscheidung getroffen, die der Idee und der Argumentation der Arbeit streng genommen widerspricht. Ohne Zweifel stellt die überwältigende Gegenwärtigkeit der englischen Sprache in der nicht-englischsprachigen Welt eine begrüßenswerte Möglichkeit der Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg dar. Sie ist aber auch der Ausdruck hegemonialer Strukturen in der Verbreitung von Wissen und dem Zugang zu Informationen, und das vor allem in den Fällen, wo es ganz eindeutig Gewinner und Verlierer gibt. Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, dass es sich hierbei um ein Problem handelt, das nur höchst umständlich – Übersetzung auch aller englischsprachigen Zitate, oder ohne Blick auf die Vermittlung der vorliegenden Arbeit – gelöst worden wäre. Werden im Text englische und französische Entsprechungen für einen Begriff oder Titel und Eigennamen angegeben, so ohne dass die Reihenfolge einen Stellenwert besitzt. In der Regel wurde hier vom jeweiligen Kontext ausgegangen. Die Übersetzung von kurzen Passagen erfolgte im Text, von längeren in Fußnoten.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die Orthographie des Textes einige wesentliche Elemente der letzten Rechtschreibreform der deutschen Sprache übernommen hat, in einer Reihe von fragwürdigen Regelungen allerdings von einer strikten Anwendung absah. Formen wie KanadierInnen oder BürgerInnen wurden vermieden; der verwendete Plural bezieht sich auf beide Geschlechter. Die typographischen Anführungszeichen (« ... »; ‘...’) entsprechen dem üblichen Gebrauch einerseits in der französischsprachigen, andererseits in der englischsprachigen Welt. Sie zeugen in Québec von den Realitäten symbolischer Wanderung.


Fußnoten und Endnoten

20  Auf die von N. Elias 1939 analysierte Antithese von « Kultur » und « Zivilisation » wird hier nicht eingegangen. « Kultur » unterscheidet sich von « Zivilisation » nicht in einer angeblichen Tiefe und Ernsthaftigkeit, sondern am ehesten in der Abbildungsgröße, weil sich mit der Bezeichnung « Kultur » der kommunikative, interagierende und damit auch der individuelle Aspekt kultureller Formen beschreiben lässt.

21  Denys Cuche: La notion de culture dans les sciences sociales; Éd. la Découverte, Paris 1996, S. 64.

22  Kultur ist damit auch eine « besondere Lebensform », gelesen, rituell angenommen und praktiziert; sie funktioniert als « a highly selective screen between man and the outside world » (Th. Macho: «‘Kultur ist eine Ordenssregel’. Zur Frage nach der Lesbarkeit von Kulturen als Texten.»; in: Lutz Musner, Gotthart Wunberg (Hg.): Kulturwissenschaften. Forschung - Praxis - Positionen; WUV-Univ.-Verl., Edition Parabasen, Wien 2002, S. 269-291, S. 288 bzw. Edward T. Hall: Beyond Culture; Doubleday & Co., Garden City, NY, 1976, S.85).

23  Es handelt sich um « politische Imagination »: «Identität ist ein soziales Phänomen bzw. ‘soziogen’. [...] Kollektive oder Wir-Identität existiert nicht außerhalb der Individuen, die dieses ‘Wir’ konstituieren und tragen. Sie ist eine Sache individuellen Wissens und Bewußtseins. » Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis; 1999, S.16, S. 130 f.

24  Von Kobena Mercer prägnant zusammengefasst: « Just now everybody wants to talk about identity [...] One thing at least is clear—identity only becomes an issue when it is in crisis, when something assumed to be fixed, coherent and stable is displaced by the experience of doubt and uncertainty. » K. Mercer: « Identity and Diversity in Postmodern Politics »; in: Les Back and John Solomos: Theories of Race and Racism. A Reader; Routledge, London, New York 2000, S. 503-520, S. 503.

25  Zum Begriff « Nation » siehe u.a. Reinhart Koselleck u.a.: « Volk, Nation, Nationalismus, Masse »; in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 141-432. Ein guter Überblick zur Literatur zum Thema Nationalismus findet sich bei Hans-Ulrich Wehler in einem Band mit einem ansonsten erstaunlich polemischen und teilweise arg verallgemeinernden Ton: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen; C.H. Beck, München 2001. Kommentierte Bibliographie, S. 116-120.

26  Die Positionen von Gellner und Anderson ergänzen sich, wenn ihnen nicht fälschlicherweise deterministische bzw. konstruktivistische Formalität unterstellt wird.

27  An dieser Stelle sei vorab angemerkt, dass es kein Ziel der vorliegenden Arbeit ist zu klären, ob und in welchem Maße Québec nach juristischen, politischen oder anderen Kriterien eine Nation darstellt. Der hier maßgebliche Blick auf Formen kultureller Produktion fragt nach der Funktion und Rolle des Konzepts der Nation als politische und diskursive Praktik. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Idee der Nation zu den wichtigsten Elementen der modernen Entwicklung Québecs gehört. Eine Unterscheidung in « guten » (« patriotischen ») und « schlechten » Nationalismus wird ebenso wenig wie eine Typologisierung nach « Volks- », « Staats-» oder « Kulturnation » vorgenommen. Der Begriff « Nationalkultur » eignet sich weniger für dämonisierende Personifizierungen als es für « Nationalismus » der Fall zu sein scheint.

28  Zur kommunikativen und autoevokativen Praxis der Nation siehe auch Peter Sloterdijk: « Tatsächlich haben die formativen Kommunikationen der modernen Nationalgesellschaften von ihnen selber her den Charakter von sich selbst wahrmachenden Appellen [...] und wo die Nation sich selbst nicht hervorruft, tritt sie auch nicht ins Dasein heraus. » Mit Bezug auf J. G. Fichtes Reden an die deutsche Nation von 1807/1808 schreibt Sloterdijk « ...daß es Nationen erst geben kann, wenn sie in einer bestimmten Weise und Hinsicht herbeigeredet werden », dies sei « das Betriebsgeheimnis klassischer moderner Nationalgesellschaften ». Peter Sloterdijk: Der starke Grund, zusammen zu sein – Erinnerungen an die Erfindung des Volkes; Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 [1997], S. 31, S.39. Das hier Gesagte muss dem historischen Begründungspathos der Nationalhistoriographen noch nicht widersprechen.

29  Siehe hierzu beispielsweise Philippe Joutard zur frühen nationalen Mythologie in Frankreich « Mémoire. Une passion française: l’histoire » in: André Burguière, Jacques Revel: Histoire de la France. Choix culturels et mémoire; Seuil, Paris 1993, S. 308-394, Herfried Münkler: « Die Vorstellung von Italien und der Begriff ‘Nation’ »; in: Münkler et al. (Hg.): Nationenbildung. Die Nationalisierung Europas im Diskurs humanistischer Intellektueller. Italien und Deutschland; Akademie Verlag, Berlin 1998, (S. 75-79) bzw. Wolfgang Hardtwig: Vom Elitenbewußtsein zur Massenbewegung: Frühformen des Nationalismus in Deutschland 1500-1840; 1992. Verwiesen sei an dieser Stelle auch auf die eurozentristische Ignorierung der Ereignisse auf dem amerikanischen Kontinent vor 1789.

30  In besonders freimütiger Weise beschreibt Massimo D’Azeglios oft zitierter Leitspruch der italienischen Nationalisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Kern des Vorhabens: « Adesso che abbiamo fatto l’Italia facciamo gli Italiani ». Das Motto widerspricht eigentümlicherweise der Idee eines « Risorgimento »; es lässt sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen, Einzelaspekte betreffend auf jeden Vorgang der Nationalisierung.

31  Vgl. B. Anderson (1983); Kapitel Census, Map, Museum, S.163-185.

32  « Es liegt eine anregende Freimütigkeit in der Tatsache, dass man in den westlichen Sprachen den Erwerb einer Staatsangehörigkeit in einer Gastnation als Naturalisierung bezeichnet. » Peter Sloterdijk: Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen; Frankfurter Vorlesungen; Suhrkamp Verlag, FaM 1988, S. 155. Der Umstand gilt im Übrigen keineswegs nur für ‘westliche’ Sprachen; im Türkischen beispielsweise heißt Staatsangehörigkeit tabiiyet (tabii, dt. natürlich). Hier sei mit R. Barthes an den grundsätzlichen Vorgang des Mythos erinnert, mit dem Geschichte der Schleier vermeintlicher Natürlichkeit gegeben wird. Es handelt sich um eben jene Kontingenzreduktion, mittels derer Konfigurationen als Wesenheiten dargestellt werden. Vgl. Roland Barthes: Mythen des Alltags; Suhrkamp Verlag, FaM 1996 (1957), S.113.

33  Der KLUGE gibt für « Bild », mhd. bilde, ahd. bilidi, ‘Vorbild, Muster’ als älteste Bedeutung an, der *bil zugrundeliege, mit der möglichen Bedeutung ‘Form’, besonders ‘richtige Form’. « Bilden », von dem im 18. Jahrhundert zentrale Begriffe der bürgerlich-humanistischen Pädagogik, wie « Bildung » und « gebildet » ausgehen, ist abgeleitet von bilidi; Kluge nennt als ursprüngliche Bedeutung ‘gestalten, Form geben’. Vgl. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache; Bearb. v. Elmar Seebold, 23., erw. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin – New York 1995, S. 109 f. Pfeifer gibt als Ausgangsbedeutung von « Bild » ‘Zeichen, Sinnbild, Vorzeichen’ an und verweist auf eine semantische Vorstufe mit der Bedeutung von ‘trennen, unterscheiden, beurteilen, deuten’. Vgl. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, A-L; 2. Aufl., durchgesehen und ergänzt v. Wolfgang Pfeifer, Akademie Verlag, Berlin 1993, S. 136f.

34  Aleida Assmann: « Gedächtnis als Leitbegriff der Kulturwissenschaften »; in: L. Musner, G. Wunberg (Hg.): Kulturwissenschaften. Forschung - Praxis - Positionen; S. 27-45, S.31. Siehe hier auch für eine kritische Betrachtung des Gedächtnisparadigmas. An anderer Stelle verweist die Autorin auf das Verhältnis v. Bildung und Gedächtnis: « Meine Thematisierung des Ganzen der Bildung ist bestimmt durch die Frage nach der Arbeit am nationalen Gedächtnis. Bildung verstehe ich als eine spezifische Form, die das kulturelle Gedächtnis in der sich modernisierenden Gesellschaft annimmt. » Dies.: Arbeit am nationalen Gedächtnis: eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee; Campus-Verlag, FaM, 1993, S. 8.

35  Alan Gordon verweist in seiner Studie zur Produktion von Vergangenheit und Gemeinschaft im Montréal des frühen 19. Jahrhunderts auf die zentrale Rolle von Eliten ( « Heritage Agencies » ) in der Verwaltung des kulturelles Gedächtnisses (Gordon spricht von « Public Memory » im Plural, für anglophone und frankophone « Öffentliche Gedächtnisse »). Alan Gordon: Making Public Pasts: The Contested Terrain of Montreal’s Public Memories, 1891-1930; McGill-Queen’s University Press, Montréal 2001.

36  Robert Bothwell: Canada and Quebec: One Country, Two Histories; UBC Press, Vancouver 1995, S. 3.

37  Die Rede vom Land Québec ( pays/country ) ist von politischer Brisanz, wie die Mottos « Notre pays, nous l'aurons » ( Action nationale ), « Vers un pays certain » ( Vigile ) zeigen und wie J. Parizeau in seinem 1997 erschienenen Plädoyer « für ein souveränes Québec » deutlich macht: « Tôt ou tard le Québec sera un pays », Jacques Parizeau: Pour un Québec souverain; VLB Éditeur, collection «Parti pris actuels», Louiseville 1997, S.161.

38  Damit ist im Sinne der Histoire du Québec contemporain von Linteau et al. zum einen gesagt, dass es sich nicht um eine Geschichte Frankokanadas handeln kann und zum anderen, dass neben der historischen Entwicklung der geographische und politische Rahmen Québecs im Vordergrund der Betrachtung steht. Für eine Kritik an der akademischen Präferenz für zeitliche Dimensionen siehe Emmanuel Todd: « L’histoire des hommes se développe dans le temps et dans l’espace. Pourtant, l’historie des savants préfère le temps à l’espace. Elle situe les événements par leur date avant d’en déterminer le lieu. » E. Todd: L’invention de l’Europe; Seuil, Paris 1996 (1990), S. 19.

39  Gemeint ist Christoph Kolumbus und sein spanischer Name Colón, fast gleichlautend mit colono (frz. colon ), der Bezeichnung für Kolonist.

40  Der Schritt entspricht auch der Zeit moderner literarischer Bekundungen zum manifesten Erfolg der Visionen Kolumbus’, wie in den « Souvenirs of Democracy » des Barden der US-amerikanischen Nation: « Ah Genoese thy dream! thy dream!/Centuries after thou art laid in thy grave,/The shore thou foundest verifies thy dream. » Walt Whitman: Passage to India; (1871, 1881) in: George McMichael (Hg.), a.a.O., S. 990. Der Ausdruck « Souvenirs of Democracy » stammt aus dem gleichnamigen Gedicht (247) in Leaves of Grass, mit dem Whitman 1855 seine Arbeit als Poet beschreibt.

41  Das Unterfangen im Norden scheitert zunächst und Frobisher plündert an der Seite des Freibeuters Francis Drake mit königlichem Segen die spanischen Kolonien weiter im Süden.

42  Zur Suche eines mythischen und praktischen Weges nach Jerusalem und dem Kreuzfahrergeist bei Columbus siehe Alphonse Dupront: « Croisades et eschatologie »,; in: Umanesimo e Esoterismo, Actes du cinquième congrès international d'études humanistes, Antonio Milano, Padua 1960, S. 179f.

43  « Der Schwur von Kuba », Juni 1494, vgl. Tzvetan Todorov: La conquête de l’Amérique; S. 33 f.

44  Damit ist die Frage der Politik noch nicht geklärt, wie die Kontroverse von Valladolid 13 Jahre später illustriert, bei der sich die Positionen des Aristotelikers Juan Ginés de Sepúlvida und des Dominikaners Bartolomé de Las Casas gegenüberstehen. Es geht um die Frage nach dem natürlichen Verhältnis der Menschen, der Philosoph argumentiert für Hierarchie, der Priester für Gleichheit. Beiden Positionen ist die Unfähigkeit gemein, Egalität und anerkannte Differenz als parallele Politik zu denken.

45  Cartiers bemerkenswerter erster Eindruck bei der Ankunft in Terre-Neuve im Mai 1534: « ...fin, j’estime mieulx que aultrement que c’est la terre que Dieu donna à Cayn. » in: « Extraits de la relation originale du premier voyage de Jacques Cartier en 1534 »; Gaspésie, Vol. 37, No 3, Hiver 2001, S. 19.

46  In Le Quart Livre, Kapitel 2, Zeile 7 ist von einem circuit die Rede, « qui n’estoit moins grand que de Canada ». Im 1564 veröffentlichten, teilweise apokryphen Cinquiesme Livre, Kapitel 31, Zeile 74 findet man « le vaillaint homme [...] Jacques Cartier ».

47  Es handelt sich um die vitaminhaltige Rinde eines nordamerikanischen Baumes, annedda, dem Pierre Montmorency einen Essai widmete («Das Leben des Lebensbaums»; in: Lothar Baier u. Pierre Filion: Anders schreibendes Amerika. Literatur aus Québec, 1945-2000; Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2000, S.304-313.) Schon Cartiers Mannschaft verdankte der indigenen Medizin ihr Überleben; der Dank aber galt der Gnade ihres Gottes, wie der Titel von Kap. XVII des Berichts der zweiten Reise Cartiers erklärt: « Comment par la grâce de Dieu nous eumes connoissance d'un certain arbre, par la vertu duquel nous recouvrîmes notre santé; et de la manière d'en user. » Jacques Cartier: Voyages de découverte au Canada, entre les années 1534 et 1542, par Jacques Quartier, le sieur [Jean-François de La Roque] de Roberval, Jean Alphonse de Xanctoigne, etc.. Suivis de La description de Québec et de ses environs en 1608 [par le sieur Samuel de Champlain]; W. Cowan et fils, Québec 1843.

48  Habitant bzw. in älteren Quellen habitan/habitans (zu habiter, bewohnen) bezeichnet bis ins frühe 19. Jahrhundert den typischen frankokanadischen landbesitzenden Bauern, ins Englische annähernd mit Yeoman farmer zu übersetzen. Der Begriff wird später von « cultivateur » verdrängt, bzw. mit Bezeichnungen wie « pure-laine » oder « de souche » ‘verlängert’, wobei nicht alle ökonomischen, kulturellen und psychologischen Dimensionen des Begriffes übernommen werden. Cartier beschreibt übrigens im Bericht seiner ersten Reise die Einwohner der Neuen Welt als « habitants ». Kapitel VIII, Titel: « [...]du Fleuve appelé St. Jacques; des Coutumes et Vestements des habitants, et de l'Isle de Blanc Sablon », ebda.

49  Die ersten Récollets erreichen Québec 1615, die Jésuites folgen 1625 und die Sulpiciens 1657. Letztere gingen aus der 1641 in Paris gegründeten Compagnie des prêtres du Saint-Sacrement hervor.

50  Weinmann spricht von den « entgegengesetzten Ideologien » der Städte Québec und Montréal: « L’Habitation de Québec [...] Site idéal; cité idéale en Canada, en Amérique [...] parce qu’elle crée et maintient intra muros un îlot de francité domestique, familiale et institutionnelle. [...] Québec, c’est la conjonction, le mariage intime d’une mentalité française et d’un site. » bzw. « Montréal : lieu de rencontre du pays et de la ville, lieu des promiscuités et des contagions où le Sauvage côtoie le Civilisé... » ; Heinz Weinmann: Du Canada au Québec - Généalogie d’une histoire; Éd. de l’Hexagone, Montréal 1987, S.142 f., S. 162. Dieser Gegensatz entspreche dabei einem anderen: « La ‘cité’ de Québec et la ‘ville’ de Montréal s’opposent comme Athènes et Rome. » ebda. Fußnote S. 156. Zur Frage einer kulturanthropologischen Unterscheidung von Rom und Athen siehe auch Michel Serres: Rome, le livre des fondations; Grasset, Paris 1983, S. 157 und Emmanuel Todd: Le destin des immigrés. Assimilation et ségrégation dans les démocracies occidentales; Seuil, Paris 1994. Todd vermutet hinter gegenwärtigen Unterschieden ‘westlicher’ Gesellschaften im Umgang mit Immigranten die Veräußerung tiefer Strukturen der sozialen Organisation. Er spricht in diesem Zusammenhang von symmetrischen und asymmetrischen Beziehungen, die als « universalisme romain » und « différentialisme athénien » Ausdruck finden. Ebda. S. 20, 26, 31.

51  Seit 1626 hatte Jean Armand du Plessis, Duc de Richelieu die Stellung des Grand maître et Surintendant de la navigation et du Commerce inne, was ihm künstlerische Darstellungen als Neptun, Herrscher der Meere einbrachte. Seine Politik der absolutistischen und zentralistischen Kulturmacht richtete sich wohlgemerkt gegen die Protestanten im Inland und gegen das Haus Habsburg im Ausland. Seine Politik der nationalen Einheit scheute weder vor Bündnissen mit deutschen Protestanten und Türken noch vor der Repression katholischer Kritik zurück.

52  Louis XIV. setzt 1663 den Conseil souverain de la Nouvelle-France ein, um das Triumvirat von Gouverneur, Bischof und Intendant zu verstärken (ab 1703 Conseil supérieur de la Nouvelle-France). Der Conseil übernimmt legislative und administrative Aufgaben und wird unter Intendant Jean Talon zum obersten Gericht der Nouvelle-France.

53  Jean Ganière, Richelieu entfernt die Raupen von einer Lilie, um 1637-1638. Der Kupferstich trägt die Überschrift Emblème sur l’extirpation de l’hérésie, et de la rébellion par les soins du Cardinal Richelieu und zeigt neben dem mit der Pinzette arbeitenden Principal Ministre, den Orden des Heiligen Geistes tragend, die in Ketten gelegten Symbole der Habsburger, Adler und Löwe. Der Kommentar des Künstlers unter der Abbildung verbindet die « übelriechenden Insekten » auf den Lilien mit den äußeren Feinden Frankreichs: « Peut on assez loüer cet excellent Ministre,/Qui soubs l’Authorité du plus Iuste des Rois;/Chassant bien loin de nous tout Présage sinistre,/Par ses illustres soins donne vigueur aux Loix.//O qu’à nostre Repos ses Travaux sont utiles!/Par eux de toutes parts on voit ensevelis/Ces Insectes puans, et ces vilains reptiles/Qui tachent de ternir la beauté de nos lis. [...] Mais tous nos Ennemis trop foibles pour nous nuire,/Sont en vain contre nous de rage forcenez:/Car le lion d’Espagne, et l’Aigle de l’Empire,/Tremblent sous Richelieu, qui les tient encheinez. »

54  Eine lesenswerte Kritik zu Cooper (der im Übrigen die frontier zeitlebens ebenso wenig mit eigenen Augen sah wie der Radebeuler Karl May) und seinem romantischen Indianerbild findet sich in Mark Twains Fenimore Cooper’s Literary Offenses von 1895. M. Twain, hg. v. Anne Ficklen: The hidden Mark Twain. A collection of little-known Mark Twain; Greenwich House, New York 1984.

55  Mason Wade: The French-Canadian Outlook. A Brief Account of the Unknown North Americans; Carleton Library, McClelland and Stewart Ltd., Toronto 1964 [1946], S.9. Auf die zahlreichen Aspekte der Beziehungen zwischen den französischen Siedlern, Geistlichen und Militärs auf der einen und den verschiedenen amerindianischen Kulturen auf der anderen Seite kann hier nicht ausführlich eingegangen werden. Die offensichtlichen Unterschiede zur englischen bzw. englischsprachigen Besiedlung (Mestizenkultur, Missionstätigkeit, militärische Interaktion) illustrieren reale Formen sich unterscheidender Kolonialisierungsstrategien, die ihrerseits Aufschluss über den jeweiligen Umgang mit Differenzen geben können. Diese Positionen schließen diverse Vorurteile bezüglich der Amerindianer ebenso wenig aus wie daraus resultierende Gewalt.

56  Marc Augé spricht von der Unfassbarkeit der Emigration in den Augen der Franzosen: « Qu’on puisse partir de chez soi et se refaire un lieu ailleurs, c’est au moins aux yeux des Français un scandale intellectuel dont témoigne déjà leur incapacité, jadis, à créer de véritables colonies de peuplement. C’est l’émigré qui fait peur dans le personnage de l’immigré. » Marc Augé: Le sens des autres - Actualité de l’anthropologie; Librairie Arthème Fayard, Paris 1994, S. 171. Neben der Bereitschaft steht hier freilich eine (agrarpolitisch hervorgerufene) Notwendigkeit.

57  Britische Funktionäre und Offiziere mussten mit dem Test Oath ( serment du test ) dem Glauben an die Doktrin der Transsubstantiation, sowie dem Opfer der Heiligen Messe und der Anrufung der Heiligen Jungfrau bzw. aller Heiligen abschwören. Was in Europa religiös motiviert gewesen sein mag, wird in Kanada zu einer sozialen und sprachlichen Segregationspolitik gegen die fast ausschließlich katholische frankokanadische Bevölkerung. 1828 tritt das Gesetz außer Kraft.

58  Für einige katholische Stimmen hatte die frankokanadische Nation den britischen ‘Eroberern’ noch weit mehr als die Rückübertragung der Pfründe und die gesicherte Stellung zu verdanken: durch eine Tat der Vorsehung war man der gottlosen und königsmordenden Revolution der Franzosen entgangen. Andere bemerkten, dass man in Québec allen Grund habe, sich an der Fügung des Schicksals von 1760 zu erbauen, sei es doch wahrscheinlich, dass Napoléon Bonaparte mit den Gebieten jenseits der Appalachen auch den nördlichen Teil der Nouvelle-France an die USA verkauft hätte. Für eine Darstellung des Bildes der Frz. Rev. in Québec siehe: Michel Grenon (Hg.): L’image de la Révolution française au Québec 1789-1989; Hurtubise – Cahiers du Québec, Québec 1989.

59  Mason Wade erinnert 1946: « It must never be forgotten that the French Canadians are North Americans, and that they have been exposed to North American influences longer than have either Americans or English Canadians. » M. Wade, a.a.O., S. 29.

60  1830 wird der Parti canadien zum Parti patriote, der Namenswechsel illustriert die veränderten kulturellen und ideologischen Bedingungen.

61  Dies gilt nicht nur im 19. Jahrhundert. Rumilly benutzt den Begriff in seiner Geschichte Québecs Mitte des vergangenen Jahrhunderts, wenn er von den Grundkonflikten Kanadas spricht, bei denen sich nicht Ideen, sondern ‘zwei stolze Rassen’ (Kulturen?) gegenüberstehen: « Les plus grands conflits qui s’étaient produits – et qui se produisent encore ― au pays canadien n’étaient pas ― comme les révolutions et contre-révolutions de France, des conflits d’idées, opposant deux conceptions philosophiques. C’étaient, au fond, des conflits de race. Et cela par la force des choses, parce que les deux races en présence au Canada sont les plus vivaces et les plus fières à juste titre des temps modernes. Aucune d’elles ne veut ni peut céder. » Robert Rumilly: Histoire de la Province de Québec; Fides, Montréal 1972 [1940], S.9.

62  Gegen den Vorschlag eines Kingdom of Canada hatte man sich 1867 für ein Dominion of Canada entschieden. Leonard Tilley, Premierminister von New Brunswick, begründete seine Wortwahl mit einem Zitat aus dem Alten Testament: « He shall have dominion from sea to sea », bzw. « His dominion shall be from sea to sea » (« et dominabitur a mari usque ad mare » Biblia Sacra Iuxta Vulgatam Versionem, Ps. 71, 8; dt.: « Er soll herrschen von einem Meer bis ans andere », Psalm 72, 8.) Der zweite Teil des Satzes wird später zum Staatsmotto Kanadas A Mari usque ad Mare. Ein Grund für die Entscheidung gegen ein ‘Königreich Kanada’ dürfte der Nachbar im Süden gewesen sein: « The original suggestion had been for it to be called Kingdom of Canada. Lord Derby, the Colonial Secretary at the time, suggested the change to Dominion, ‘for fear the name would wound the sensibilities of the Yankees’. » Leslie Dunkling: A Dictionary of Days; Routledge, London 1988, S. 32. Die Zuschreibung zur Autorschaft des « Dominion » ist wahrscheinlich inkorrekt, Derby brachte allerdings den genannten Einwand ein. Vgl. W. Ferguson (2000, S. 239) und D. Morton (2001, S. 98).

63  Wobei nicht übersehen werden sollte, dass die Versuche, in Québec im Ersten Weltkrieg französischsprachige Einheiten aufzustellen, von der kanadischen Regierung zunächst blockiert wurden und dass die ersten anglokanadischen Kontingente zu großen Teilen aus britischen Einwanderern bestanden, die vergleichbar einfach für den Krieg in Europa mobilisiert wurden. Vgl. M. Wade, a.a.O., S. 51 f. Den Burenkrieg betreffend ist anzumerken, dass dessen Interpretation auch Teil einer Presseschlacht zwischen Frankreich und England um den Vorwurf moralischer Verwerflichkeit wird, nicht zuletzt in Folge der Reaktionen auf die Dreyfus-Affaire.

64  Siehe hierzu und zum Begriff der sog. « Grande Noirceur » auch die Ausführungen im Kapitel zur Entwicklung des Schulsystems in Québec.

65  « Ainsi, la nation, étanche, se définissait par référence à la langue française, à la religion catholique, à la filiation généalogique, à la mémoire lancinante des injustices et des traumatismes, aux institutions juridiques et scolaires, aux symboles nationaux (parmi lesquels figuraient en bonne place Saint-Jean-Baptiste et Dollard des Ormeaux), aux coutumes et aux rituels de la vie quotidienne. » Gérard Bouchard: « Ouvrir le cercle de la nation. Activer la cohésion sociale »; L'Action nationale, 87, no 4, avril 1997, S. 107-137, S.115.

66  Die Unterschrift von König George V. unter das Statute of Westminster vom 11. Dez. 1931 erklärt Kanada unabhängig in Fragen der Außenpolitik. In einigen wichtigen Punkten war Kanada bereits effektiv unabhängig, in der Justiz bleibt der Privy Council in London die letzte Instanz, nicht gegen den Willen Kanadas.

67  In den Diskussionen zu « de Gaulle’s mischievous visit in 1967 » (John Francis Bosher: The Gaullist Attacks on Canada, 1967-1997; McGill-Queen’s University Press, Montréal&Kingston 1999, S. 242) wird oft vergessen, dass de Gaulle in ähnlicher Weise Anfang der 60-er Jahre bei einem Besuch in München für ein starkes Bayern eintrat. Für weniger Aufsehen sorgend, beruhte de Gaulles Kommentar doch auf der Annahme eines besonderen Verhältnisses, das die Grande Nation mit den « Freistaaten » Bayern und Québec verbinde. Bayern unterhält einen Partnerschaftsvertrag und vielseitige Kontakte mit Québec, dessen politischer Status und religiöse Traditionen in gewisser Weise vergleichbar sind und dessen Vexillumsfarben den bajuwarischen gleichen.

68  N. Bissoondath hebt diesen Aspekt in seiner kritischen Betrachtung hervor: « Multiculturalism [...] as an official government policy and, more particularly, as a government-sanctioned mentality: as a way of looking at life and at the world... » bzw. « Canada as a multicultural land. Ofiicially. Legally. Here, they insisted, you did not have to change. Here you could–indeed, it was your duty to–remain what you were. Non of this American melting-pot nonsense... » Neil Bissoondath: Selling Illusions. The Cult of Multiculturalism in Canada; Penguin Books, Toronto 1994, S. 7, S. 23.

69  Die genannten Punkte sind einer Analyse von Gérard Bouchard entnommen, der in seinen aktuellen Arbeiten versucht, strukturelle Gemeinsamkeiten der « collectivités neuves » zu beschreiben: « En ce qui concerne le Québec et le Canada, ce qui frappe d'abord, c'est la somme des parallélismes: l'absence (ou la multiplicité?) d'actes fondateurs, la crainte qu'inspirait aux élites la civilisation étatsunienne, le besoin de cultiver sa différence collective [...] l'influence prédominante de la culture métropolitaine jusqu'à l'époque de la Deuxième Guerre, la difficile institution d'une littérature originale, la décennie 1960 comme période charnière du changement culturel [...], et le reste. »; Gérard Bouchard: « Le Québec et le Canada comme collectivités neuves. Esquise d’étude comparée »; Recherches sociographiques, XXXIX, 2-3, 1998, S. 219-248, S. 245. Siehe auch G. Bouchard, Genèse des nations et cultures de Nouveau Monde, bes. S. 323-329, Les identités canadiennes bzw. Québec/Canada: parallélismes, divergences, paradoxes.

70  Im Zusammenhang mit der Frage eines weiteren Referendums zur Unabhängigkeit Québecs tauchte in jüngerer Zeit von offizieller Seite immer wieder das Argument auf, man werde warten, bis sich sogenannte « conditions gangnantes » ergäben. Verwiesen sei auf G. Batesons Analyse komplizierter « winning conditions » und der möglichen Folgen: « ...a situation called the ‘double bind’ ― a situation in which no matter what a person does, he ‘can’t win.’ It is hypothesized that a person caught in the double bind may develop schizophrenic symptoms. » Gregory Bateson: Steps to an Ecology of the Mind; The University of Chicago Press, Chicago and London 2000, (1972), S. 201. (Aus dem Aufsatz « Toward a Theory of Schizophrenia » von 1956.) Die Übertragung der Ausführungen Batesons auf kollektive Formen (vgl. H. Weinmann, a.a.O., S. 112) bleibt allerdings fraglich.

71  Abram Kardiner: The individual and his society: the psychodynamics of primitive social organization; Columbia University Press, New York 1939.

72  Margaret Mead: Sex and temperament in three primitive societies; Routledge, London 1935.

73  Dictionary of American History, Rev. Edition; Scribner’s, New York 1976, Bd. II, S. 393 f.

74  Vgl. John Alfred Nietz: Old textbooks: spelling, grammar, reading, arithmetic, geography, American history, civil government, physiology, penmanship, art, music, as taught in the common schools from colonial days to 1900; University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 1961, bzw. Paul Leicester Ford (Hg.): The New-England primer: a history of its origin and development: with a reprint of the unique copy of the earliest known edition and many fac-simile illustrations and reproductions; Teachers College, Columbia University, New York 1962. (Nachdruck der Faksimileausgabe von 1897 unter dem Titel New-England primer: enlarged for the more easy attaining the true reading of English; to which is added the Assembly of Divines catechism; S.Kneeland & T. Green, Boston 1727.)

75  Zur Dimension bürgerlicher Bildungsentwürfe siehe Ulrich Herrmann (Hg.): « Die Bildung des Bürgers » : die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft und die Gebildeten im 18. Jahrhundert; Beltz, Weinheim u.a. 1982.

76  Eine Papstbulle von 1773 hatte die Arbeit der Jesuitenschulen suspendiert, womit ein Schulsystem sein (vorläufiges) Ende fand, das über 200 Jahre ‘international’ von entscheidender Bedeutung gewesen war.

77  Vgl. die Ansprache an das Kunstpersonal der Königlichen Schauspiele, 16.6.1888. Siehe: Axel Mathes (Hg.): Schwarzseher dulde ich nicht, und wer sich zur Arbeit nicht eignet, der scheide aus, und wenn er will, suche er sich ein besseres. Reden Kaiser Wilhelms II., Rogner & Bernhard, München 1976, S.64f. Auf die Beziehungen zwischen der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und der Wehrpflicht für die männliche Bevölkerung im kontinentalen Europa wird hier nicht eingegangen.

78  « At the base of the modern social order stands not the executioner but the professor. Not the guillotine, but the (aptly named) doctorat d’état is the main tool and symbol of state power. The monopoly of legitimate education is now more important, more central than is the monopoly of legitimate violence. When this is understood, then the imperative of nationalism, its roots, not in human nature as such, but in a certain kind of now pervasive social order, can also be understood ». Ernest Gellner: « Nationalism as a Product of Industrial Society » in: Montserrat Guibernau, John Rex (Hg.): Ethnicity Reader - Nationalism, Multiculturalism and Migration; Polity Press, Cambridge 1997, S. 52-68, S. 65f. Siehe auch E. Gellner: Nations and Nationalism; Cornell University Press, Ithaca, N.Y. 1983.

79  Für eine detaillierte Darstellung siehe: Ulrich Herrmann (Hg.): Schule und Gesellschaft im 19. Jahrhundert : Sozialgeschichte der Schule im Übergang zur Industriegesellschaft; Beltz, Weinheim u.a. 1977.

80  « ...la seule éducation, et non l’esprit manque à ces peuples. » zitiert in: Fernand Dumont: Genèse de la société québécoise; Boréal, Montréal 1996, S. 38.

81  Gemeint sind laïcs. Der Begriff ist in seiner historischen Anwendung nicht genau einzugrenzen. In Frankreich implizierte laïc eher « neutral » in Religionsfragen, in Québec eher « nicht ordiniert ». Laïc schließt also catholique nicht aus.

82  Der in Frankreich veraltete Begriff fabrique bezeichnet die Güter und Einnahmen einer Gemeinde; fabrique: « Ensemble de biens (meubles et immeubles) et des revenus d’une paroisse administrés par les marguilliers. » Dictionnaire québécois d’aujourd’hui, Eintrag fabrique II. Im weiteren Sinne ist auch die lokale Verwaltung einer Kirche gemeint: Conseil de fabrique bzw. fabrique: « Groupe de clercs ou de laïcs qui veillent à l’administration d’une église. » Larousse illustré, 1977.

83  Paul Aubin belegt die Zusammenarbeit mit dem Zweig der Frères in Frankreich: « La pénétration des manuels scolaires de France au Québec. Un cas-type: Les frères des Écoles chrétiennes, XIXe-XXe siècles »; Histoire de l’éducation, no 85, Janvier 2000, S. 3-24. Siehe auch: Nive Voisine: Les frères des Écoles chrétiennes au Canada; Anne Sigier, Québec 1987. Der erste Band ( La conquête de l’Amérique ) widmet sich der Zeit von 1837 bis 1880.

84  Die Auseinandersetzungen zwischen dem Institut Canadien und dem Erzbischof von Québec, führen 1869 schließlich zu einer gerichtlichen Verfügung, mit der Monseigneur Bourget gegen seine Weigerung gezwungen wird, dem verstorbenen Joseph Guibord, Mitarbeiter am Institut Canadien, die Bestattung auf ‘katholischer Erde’ zu gewähren. Guibord wird unter Schutz der Armee auf dem Friedhof des Mont Royal beerdigt, Bourget zieht die letzte Karte und entweiht das Stück Land, auf dem das Grab liegt. Zur Problematik der Auseinandersetzungen zwischen liberalen und ultramontanen Positionen siehe Philippe Sylvain: « Quelques aspects de l’antagonisme libéral-ultramontain au Canada français. »; Recherches sociographiques, VIII, 3, septembre-décembre 1967, S. 275-297.

85  « Si importantes que soient la presse, la littérature et les institutions culturelles catholiques, aux yeux de Mgr Bourget leur influence ne peut être comparé à celle de l’école, pierre d’angle de tout le système ultramontain. » Nive Voisine: « L’ultramontanisme canadien-français au XIXe siècle »; in: Jean Hamelin, Nive Voisine: Les ultramontains canadien-français; Boréal, Montréal 1985, S. 69.

86  Das Signet über dem Titel der Zeitschrift illustriert die Konstellation im Québec der Zeit. Es zeigt ein Kreuz über einem aufgeschlagenen Buch, in dem man Religion, Science, Liberté und Progrès liest. Unter dem Buch befindet sich ein Band mit der Aufschrift « Rendre le Peuple Meilleur ». Umfasst wird das Signet von einer Ranke aus Ahornblättern. Die Anordnung verbindet den Fortschrittsglauben des Jahrhunderts mit dem Leitsatz der modernen Schule, dem Attribut nationaler Zugehörigkeit und dem Zeichen des Glaubens. Der weltoffenen und anspruchsvollen Zeitschrift folgen andere wie der konservative und frankreichkritische Journal d’éducation, Teil des Courrier du Canada, journal des intérêts canadiens (1857), La Semaine, revue religieuse, pédagogique, littéraire et scientifique (1864) und die praxisbezogene pädagogische Zeitschrift L’École primaire (1880).

87  Auf die unterschiedlichen Konzepte von éducation und instruction wird hier nicht eingegangen.

88  Rapport du Surintentant de l’éducation du Bas-Canada; später Rapport du Surintentant de l’instruction publique de la province de Québec.

89  J. George Hodgins: Education – Brief Sketch of the State and Progress of Public Instruction in Upper and Lower Canada; 1864, S. 14, zitiert in: Paul Aubin: L’État québécois et les manules scolaires au XIXe siècle; Cahiers du Groupe de recherche sur l’édition littéraire au Québec, numéro 2, Éditions Ex Libris, Sherbrooke (Qc) 1995, S. 12 f.

90  Im Original: « vingt-et-une personnes, dont quatorze catholiques romaines et sept protestantes » P. Aubin, ebda., S. 21.

91  Vgl. hierzu Geneviève Laloux-Jain: « ... l’histoire nationale n’est donc pas encore [für die Periode von 1855 bis 1875] devenue une question contestée. » Geneviève Laloux-Jain: Les manuels d’histoire du Canada au Québec et en Ontario (de 1867 à 1914); Les presses de l’Université Laval, Québec 1974, S. 103.

92  Die Zulassungsverfahren stellen für die Ultramontanen ein Problem dar « parce qu’ils symbolisent la tentative d’un organisme bureaucratique de contrôler l’usage des manuels scolaires, alors que l’éducation, dans leur conception de la société, ne devait relever que des parents, et, en dernier ressort, de l’Église. » P. Aubin (1995), S. 23.

93  Ebda. S. 27.

94  « S’agissant de la production des manuels scolaires, il apparaît donc évident que le secteur francophone est devenu beaucoup plus autosuffisant que le secteur anglophone. » ebda. S. 44. Zum Import von (christlichen) Schulbüchern aus Frankreich durch die Frères des Écoles chrétiennes siehe P. Aubin, (2000). Der Autor beschreibt die ökonomischen und ideologischen Hintergründe des transatlantischen Imports von Schulmaterial und die notwenigen Änderungen wie z.B. Konvertierung aus dem metrischen System.

95  Die antiklerikalen Schulgesetze von Jules Ferry in Frankreich bleiben auch jenseits des Atlantik nicht ohne Wirkung, verstärkt sich doch in ihrer Folge der Druck auf die Lehrer von Seiten der Priester.

96  Verlagshäuser aus Ontario, aus den USA und aus Großbritannien bemühten sich im 19. Jahrhundert erfolgreich um den Schulbuchmarkt in Québec. Vgl. Paul Aubin, Michel Simard: Les manuels scolaires dans la correspondance du Département de l’instruction publique, 1842-1899; Cahiers du Groupe de recherche sur l’édition littéraire au Québec numéro 4, Éditions Ex Libris, Sherbrooke (Qc) 1997, S. 9ff.

97  « Le dernier quart du XIXe siècle voit la cléricalisation et la féminisation d’une profession qui s’excerce de plus en plus à l’ombre du presbytère. » Marcel Lajeunesse: L’éducation au Québec, (XIXe - XXe siècles); Boréal, Montréal 1971, S. 17.

98  « Ainsi, en 1875, l’État abdique ses responsabilités au profit de l’Église catholique et de la minorité protestante. » Linteau et al., 1989, S. 270.

99  Surintendant Gédéon Ouimet, « Officier de l’instruction publique » und Nachfolger Chauveaus, unternimmt 1880 den Versuch, die Uniformisierung der Schulbücher (nach den Vorbildern in Frankreich, Preußen und den USA) voranzutreiben. Das Projekt scheitert am Widerstand protestantischer und katholischer Vertreter.

100  Elson I. Rexford: Our Educational Past and Present (President’s address before the Provincial Association of Protestant Teachers at Montreal, October 16th, 1890); CIHM Microfiche Series, [S.I. 1890?] Canadian Institute for Historical Microreproductions, Ottawa 1987, S.9.

101  Ebda.

102  Arthur Buller: Report of the Commissioner of Inquiry into the state of Education in Lower Canada, &c.; datiert: Quebec, November 15, 1838; [Durham Report], Vol. 3: Appendixes, App. D, S. 273. Der Autor bezieht sich an anderer Stelle auf die Vorlagen nationaler Bildungspolitik: « Such, then, my Lord, are the principles on which, in my opinion, a national system of education for Lower Canada should be based, and such the rough outline of the machinery by which it should be worked. I have made no attempt at originality, but have constantly kept in view, as models, the systems in force in Prussia and the United States, particularly the latter, as being more adapted to the circumstances of the colony. » ebda. S. 287 f.

103  Pierre-Joseph-Olivier Chauveau: Francois-Xavier Garneau: sa vie et ses oeuvres; Beauchemin et Valois, Montreal 1883, S. cxxxiii.

104  P. Aubin, 1997, S.6, S.9.

105  «Die Große Dunkelheit» ist ein verbreitetes Bild für die Jahrzehnte bis zur «Stillen Revolution», das in seiner Totalität genausowenig den Tatsachen entspricht wie jenes von der restlosen Säkularisierung seit den 60-er Jahren: «Pour réfléchir adéquatement aux modalités contemporaines de la religiosité des Québécois, il faut dépasser certains mythes, tant celui de la grande noirceur qui aurait autrefois étouffé l’épanouissment d’une société en manque d’autonomie, que celui d’autre part, d’une sécularisation si puissante qu’elle rendrait maintenant insignifiantes les quêtes spirituelles.» Jean Hamelin (Hg.): Les catholiques d’expression française en Amérique du Nord; Brépols, Paris 1995, S. 124.

106  Louis-Joseph-Napoléon-Paul Bruchési (1855-1939) ist eine der herausragenden Persönlichkeiten des geistigen Lebens im Québec seiner Zeit. Der Sulpizianerpriester ist zunächst Professeur de dogme an der Universität Laval, später Professeur d’apologétique in Montréal und von 1897 bis 1939 Bischof bzw. Erzbischof von Montréal.

107  Der Text des Telegramms: « pape vous demande de surseoir pour bill de l’instruction publique. » Linteau et al. (89), S. 612.

108  Erzbischof Pellegrino Stagni, Vatikanischer Gesandter in Kanada, sandte 1915 mehrere Berichte zur Schulsituation nach Rom, Papst Benedict XV. wandte sich 1916 diesbezüglich mit der « Commisso divinitus », einer Botschaft christlicher Einheit und Nächstenliebe, an die kanadischen Bischöfe. Kern der Konflikte um die Ontario School Question waren eher sprachliche und kulturelle als religiöse Differenzen. Vgl. John Zucci (Hg.): Pellegrino Stagni. The View from Rome: Archbishop Stagni's 1915 Reports on the Ontario Bilingual Schools Question; Studies in the History of Religion Series. McGill-Queens University Press, Montreal and Kingston 2002.

109  Man lese den Text des 1948 von Paul-Émile Borduas verfassten Manifests « Refus global », auf den die politischen Autoritäten und der Klerus gleichermaßen heftig reagierten, um sich ein Bild von der Qualität der Kritik zu machen. (In dt. Übersetzung in: Lothar Baier, a.a.O., S.292-297.)

110  Es handelt sich um Auseinandersetzungen, von denen auch Frankreich gezeichnet wurde, dort allerdings mit anderen Kräfteverhältnissen und anderen Ergebnissen. Ganz kurz zu den Akteuren und Ideen: Der Jesuitenorden ( la Compañía de Jesús ), 1540 von Ignacio de Loyola (1491-1556) gegründet und von Papst Paul III. bestätigt, wird zum größten ‘Bildungsträger’ Europas und ist wesentlich an der Missionsarbeit außerhalb Europas beteiligt (ab 1625 in der Nouvelle-France tätig). Eine Papstbulle von 1773 illegalisiert die Arbeit der Jesuiten (1814 rückgängig gemacht). Der Jansenismus geht auf Cornelius Jansen, genannt Jansenius (1585-1638) zurück, dessen Lehre sich in Anlehnung an Augustinus zu Gnade, Willensfreiheit und Prädestination äußert. Die Nonnenabtei Port-Royal, in der seit 1635 jansenistische Ideen Verbreitung fanden, gerät ab 1656 unter jesuitische und staatliche Verfolgung. Die Nonnen werden 1709 vertrieben, das Kloster im Jahr darauf geschleift. Dieses Schicksal ereilt nicht die französischen Kolonien in Amerika, der Jansenismus bewahrt lange seinen Einfluss. Der Gallikanismus beruht auf einer Doktrin, die seit dem 16./17. Jahrhundert eine größere Unabhängigkeit der französischen Bischöfe und des Königs von der päpstlichen Macht forderte. Im Gegensatz hierzu vertrat der ultramontane Klerus die päpstliche Autorität jenseits der Alpen (und der Meere) und forderte in Anlehnung an die Thomistische Doktrin das Primat der Kirche über den Staat.

111  « À propos de la confessionnalité [...] Le critère de différenciation à l’intérieur du système éducatif doit être linguistique. » Québec. Ministère de l’Éducation: Les États généraux sur l’éducation, 1995-1996. Exposé de la situation; 1996, S. 111. Der Bericht stieß aus einer Reihe von Gründen auf Kritik: «En octobre 1995, le gouvernement du Québec créait un goupe de travail chargé d’étudier l’enseignement de l’histoire au Québec. Le 10 mai, le groupe remettait son rapport final. Macéré dans le multiculturalisme et une bonne dose de rectitude politique, celui-ci recèle une idéologie et des recommendations inquiétantes.» Josée Légault: Les nouveaux démons: chroniques et analyses politiques; VLB, Montréal 1996, S. 54.

112  Die Angaben wurden den aktuellen Veröffentlichungen des Ministère de l’Éducation du Québec entnommen. Sie sind auch auf der Internetseite des Bildungsministeriums zu konsultieren: http://www.meq.gouv.qc.ca/rens/brochu/cs.htm

113  Hier liegen erstaunliche Parallelen zur Abwertung des Geschichtsunterrichts (und der gesamten Vorgeschichte) in den frühen Tagen der Französischen Revolution. Erst eine umgeschriebene Geschichte konnte ihren späteren Aufgaben in der Schule der Nation gerecht werden.

114  Québec. Ministère de l’Éducation:Un nouveau milieu de vie: l’École québécoise; 1991, S.10.

115  Vgl. Québec. Ministère de l’Éducation: Le matériel didactique approuvé pour l’enseignement secondaire (formation générale)/Instructional materials approved for secondary level general education, 1995-1996; Direction des ressources didactiques, Bureau d’approbation du matériel didactique, 1995. Der Hinweis findet sich in der Internetversion des Dokuments: http://www.meq.gouv.qc.ca/Bamd/Pedagogi/Bamd_f.htm ( File 95-0633 History of Québec and Canada, aktueller Stand, Dezember 2002). Die konsultierten Dokumente des Ministère de l’Éducation lagen sowohl in französischer als auch in englischer Sprache vor. Bisweilen handelt es sich bei der englischen Fassung um eine Übersetzung des französischen Originals, oft entstanden die Handbücher und Richtlinien in Zusammenarbeit mehrsprachiger Mitarbeiterkollektive und wurden von der ministeriellen Administration und den protestantischen und katholischen Komitees bestätigt. Sie sind bindend für den Unterricht in allen öffentlichen Schulen Québecs. Aus praktischen Gründen wird hier aus dem entsprechenden Text in englischer Sprache zitiert.

116  Québec, Ministère de l’Éducation: Secondary School Curriculum, History of Quebec and Canada, Secondary IV; Direction générale du développement pédagogique, 1983. 2.2. Goals bzw. 2.3.3. Guiding Principles, S. 16.

117  Québec. Ministère de l’Éducation: Professional Development Workshop in History. General History, History of Québec and Canada, Activity Notebook; Direction générale des programmes. 1990, App. 10, S. 51.

118  Ebda., S.3.

119  Québec. Ministère de l’Éducation: Item Writing. History of Québec and Canada, Secondary IV; Direction de la formation générale des jeunes, 1993, S. 3.

120  Hugh MacLennan: Two Solitudes; General Paperbacks, Toronto 1995 (1945), S.2.

121  Rainer Maria Rilkes Brief an Franz Xaver Kappus; Rom, am 14. Mai 1904 in: R. M. Rilke: Briefe an einen jungen Dichter; Insel-Verlag, FaM, 2000. Rilkes Letters to a Young Poet fanden in der englischsprachigen Welt reges Interesse.

122  « Eines Tages [...] wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein -: der weibliche Mensch. »; ebda.

123  Es handelt sich um die Bloßlegung der von George Spencer-Brown beschriebenen Trias von Beobachten, Unterscheiden und Benennen. Konsequent in Richtung konstruierter Identitäten ohne originale Vorlagen und lineare Eindeutigkeiten weitergedacht findet sich die Idee in Judith Butlers subversiver Kritik eines essentialistischen Geschlechterkonzepts: « There is no gender identity behind the expressions of gender; [...] identity is performatively constituted by the very ‘expressions’ that are said to be its results. », Judith Butler: Gender Trouble: feminism and the subversion of identity; Routledge, London 1990, S. 25. Es verwundert nicht, dass Rilke in der neueren kritischen feministischen Literatur explizit rezipiert wird, siehe hierzu beispielsweise Christel Dormagen: « Zur neuesten Geschlechterdiskussion »; in: Ilse Bindseil, Monika Noll (Hg.): Frauen 4. Mit Foucault und Fantasie; ça ira-Verlag, Freiburg 1995.

124  Gagnons Artikel bezieht sich auf die Arbeit an Le Canada: Une Histoire populaire; Lysiane Gagnon: «Keeping up the two solitudes»; The Globe and Mail, 26. 02. 2001. Bergeron spricht von den sprachlich vermittelten, verschiedenen Helden Anglo- und Frankokanadas: « Et quand on se cherche des héros, on refait l’étalage de nos solitudes linguistiques et de nos ignorances réciproques [...] nos héros sont sans doute fatigués; d’autant plus qu’ils se reposent, peut-être dans l’ignorance mutuelle, dans des panthéons séparés. » Pierre Bergeron: « Héros de solitudes »; Le Droit, 02.07. 1999. Siehe auch Charles Taylor: Reconciling the solitudes : essays on Canadian federalism and nationalism; (Hg. Guy Laforest) McGill-Queen's University Press, Montreal London 1993, Donald Smith: D’une nation a l’autre: des deux solitudes à la cohabitation; Stanké, Montréal 1997, (Beyond two solitudes; Fernwood, Halifax 1998) und Anne Pélouas: Les deux solitudes; Le Monde, Paris 1999.

125  Vgl. Linda Hutcheon, Marion Richmond (Hg.): Other Solitudes: Canadian Multicultural Fictions; Oxford UP, Toronto 1990, und Paul Lungen: « Russian Jews in Toronto: a separate solitude? »; CJN, 6 Shevat, 5763 (09.Jan. 2003). Der Abschlusskommentar eines Kolloquiums in Montréal unterstreicht den kommunikativen Kern der Angelegenheit: « Les tensions sont actuellement importantes aux plans politique et juridique entre la population autochtone et la population québécoise et il est devenu impérieux, en plus d’améliorer la communication sur ces deux aspects, de l’établir sur d’autres plans, particulièrement social et économique [...] la rencontre historique qui a eu lieu en 1534 a été compromise parce qu’établie sur un rapport de force; [...] nos solitudes sont devenus intolérables... » Pierre Trudel (Hg.): Autochtones et Québécois, la rencontre des nationalismes [...]; Recherches Amerindiennes au Québec, Montréal 1995, S. 186. (Meine Hervorhebung) Ein Artikel von 1994 betont einen gemeinsamen kanadischen Unterschied: « En lecture et en écriture, les québécois du secondaire ne sont pas très différents des élèves canadiens. Mais « les deux solitudes » existent véritablement...entre les filles et les garçons. Car les filles, tant canadiennes que québécoises, dépassent largement les garçons de leur groupe linguistique respectif, en lecture comme en écriture. » Paul Cauchon: « Les filles finissent bonnes premières devant les garçons ». Le Devoir 17./18. Dez. 1994.

126  Auf die Schwierigkeiten einer Eingrenzung des Konzepts fait français (en Amérique) sei hier verwiesen. Der Begriff enthält demographische, kulturelle, religiöse und sprachliche Konnotationen und findet sich in literarischen, akademischen, journalistischen, parlamentarischen und anderen Quellen. (Der Begriff fait umfasst im Französischen ein semantisches Feld, das sich mit exploit, action und réalité umreißen lässt.) Interessant ist die in Reaktion entstandene Bildung des Konzepts English Fact. Vgl. Dominique Clift, Sheila McLeod Arnopoulos: Le fait anglais au Québec; Libre expression, Montréal 1979. (Englischspr. Ausgabe: The English Fact in Québec. McGill-Queen’s University Press, Montréal 1980.) In ähnlicher Weise wurde der Begriff anglophonie von frz. francophonie inspiriert, womit nicht gesagt ist, dass die repräsentierte Idee nicht viel älter ist, wie u.a. W. Churchills History of the English-speaking Peoples belegt. Hingewiesen sei auch auf die politisierte Version des fait français als « fait national québécois ». Vgl. Françoise Épinette: La question nationale au Québec; Que sais-je?, PUF, Paris 1998, S.7.

127  In neueren Geschichtsbüchern findet sich am Anfang der Zeitleisten die Besiedelung durch die späteren Ureinwohner, dann die Unternehmungen Leif Ericsons um das Jahr 1000 und schließlich J.C. 1 (Cabot) und/oder J.C. 2 (Cartier). Freilich ist es weder verwunderlich noch falsch, wenn Arbeiten wie die Jean Provenchers zur Geschichte Québecs eine klare Datierung der Anfänge und ihrer Protagonisten vornehmen, auch wenn die Formulierungen im Einzelnen möglicherweise fraglich bleiben: « L’explorateur Jacques Cartier prend possession du Canada au nom du Roi de France. » Jean Provencher: Chronologie du Québec, 1534-1995; Bibliothèque Québécoise, Saint-Laurent 1997, S.21, meine Hervorhebung.

128  Herbert Grabes: « Elect Nation: Der Fundierungsmythos englischer Identität in der frühen Neuzeit. » in: Helmut Berding (Hg.): Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 3; Suhrkamp, FaM 1996. S. 84-103, S. 95. Vgl. auch die Ausführungen zu « peuple élu » und « élection divine » der Franzosen bei Philippe Joutard bzw. zum « chosen people » bei Clifford Longley. Ph. Joutard: « Mémoire. Une passion française: l’histoire » in: André Burguière, Jacques Revel: Histoire de la France. Choix culturels et mémoire; Seuil, Paris 1993, S. 308-394. Cl. Longley: Chosen People: The Big Idea That Shaped England and America; Hodder and Stoughton, London 2002. Verwiesen sei auf Longleys Argumentation zu den Unterschieden im ’Exzeptionalismus’ Englands und der USA, die sich an den Begriffen « memory » und « possibility » festmachen lassen.

129  Yvan Lamonde: Histoire sociale des idées au Québec, 1760-1896; 2000. Bes. Kapitel XII: « Une destinée manifeste du Canada français en Amérique (1854-1877) », S. 383-400.

130  William E. Padden: « Schauplätze der Demut und des Mißtrauens: Wüstenheilige und New-England-Puritaner »; in: Luther M. Martin, Huck Gutman, Patrick H. Hutton (Hg.): Technologien des Selbst; Fischer Verlag, FaM, 1993. (Technologies of the Self; U. of Mass. Press, Amherst, 1988) S. 78-96, S. 78 f.

131  Zur Frage, welches Französisch bzw. welche Dialekte/Sprachen die Bevölkerung der Nouvelle-France sprach, siehe u.a. die Beiträge von Hull, Asselin, McLaughlin und Morin in: Raymond Mougeon, Édouard Beniak (Hg.): Les origines du français québécois; Les Presses de L’Université Laval, Sainte-Foy, 1994. Alexander Hull: « Des origines du français dans le Nouveau Monde »; S. 183-198. Claire Asselin, Anne McLaughlin: « Les immigrants en Nouvelle-France au XVIIe siècle parlaient-ils français? »; S. 101-130. Yves-Charles Morin: « Les sources historiques de la pronociation du français du Québec »; S. 199-236. Morin geht u.a. auf die Thesen von Hull und Niederehe zur eher homogenen Struktur der frühen Sprachlandschaft ein, für die auch Lothar Wolf plädiert.

132  Quirk et al. sprechen von « English [and] its patently mixed nature: a basic Germanic wordstock, stress pattern, word formation, inflection, and syntax overlaid with a classical and Romance wordstock, stress pattern, word formation ― and even inflection and syntax. » Randolph Quirk et al.: A Comprehensive Grammar of the English Language; Longman, London and New York 1985, S. 32.

133  Englischsprachigen Nordamerikanern fällt es leicht, Kanadier von US-Amerikanern am Akzent zu unterscheiden, für Briten hingegen ist die Unterscheidung eher schwierig. Die Orthographie des kanadischen Englisch variiert beträchtlich; akademische und öffentliche Publikationen verwenden zumeist britische, populäre und journalistische oft US-amerikanische Formen. Dieser sozial geprägte Bezug auf die USA trifft in kultureller Hinsicht auch für Frankokanada zu: « [Il] se crée, au début du 20e siècle, un vértable clivage entre la culture de masse et celle de l'élite. Le peuple est résolument tourné vers les États-Unis, la bourgeoisie vers la France et, à un moindre degré, l'Europe en général. » Gil Courtemanche: «Un peuple entre deux chaises»; L’Actualité, 1er avril 1997, S. 56-58, S. 57. (Mit Bezug auf die Arbeiten von. Y. Lamonde, v.a. Ni avec eux ni sans eux. Le Québec et les États-Unis, von 1996.)

134  Vgl. J. Edwards (Hg.): Language in Canada; Cambridge 1998 bzw. R.W. Bailey: « Dialects of Canadian English »; in: English Today 27, 1991, S.20-25.

135  Der Begriff « la belle Province » meint Québec oder Frankokanada und beschreibt noch heute ein bestimmtes diesbezügliches Verhältnis der Franzosen. « Le vieux pays » (das alte Land) ist ein in Québec geläufiger, wenn auch nicht sehr häufig gebrauchter Begriff für Frankreich.

136  Zu verschiedenen Dimensionen des français québécois siehe u.a. die Beiträge von Donald Smith, Jean-Denis Gendron, Roch Carrier, Marcel Rioux, Gilles Bibeau, Jacques Benoît, und Laurent Santerre sowie Claire Asselin et al. in: Noël Corbett (Hg.): Langue et identité. Le français et les francophones d’Amérique du Nord; Les presses de l’Université Laval, Québec 1990.

137  Das betreffende Vokabular ist wahrlich reichhaltig und geht von hostie, ausgesprochen s’tie, über câlice oder câlisse und die Verbform (se) câlicer (von calice ), und se crisser bis zu tabernacle , dessen Aussprache und häufiger Gebrauch den Québécois in Lateinamerika die Bezeichnung Los Tabarnacos eingebracht haben.

138  Die Kodifizierung der Gesetze in Eastern Canada von 1866 ist wesentlich vom französ. Code civil inspiriert.

139  Zu den in diesem Zusammenhang relevanten Fragen unterschiedlicher Traditionen ( Liberal Tradition bzw. Civic Republican Tradition ) s. Derek Heater: What is citizenship?; Polity Press, Cambridge 1999, S. 4-79, bes. S.33-43.

140  Hier soll nicht bestritten werden, dass es eine Reihe von Befunden gibt, die auf die Realitäten der entsprechenden ‘Verwandtschaften’ verweisen. Siehe hierzu u.a. Geert Hofstede: Cultures and Organisations. Software of the Mind, 1991. Werden die Ergebnisse seiner großangelegten Untersuchungen zur kulturell bedingten « mentalen Programmierung » (Hierarchie, Maskulinität, Unsicherheitskontrolle, Individualismus etc.) in Koordinatensystemen abgebildet, so entstehen Haufen ( « clusters » ) von Nationen, die in erstaunlicher Weise den Kategorien « anglo-saxon » und « latin » entsprechen. Damit ist freilich noch nicht gesagt, in welchem Maße die Unterschiede politische, kulturelle, sprachliche oder andere Dimensionen abbilden. Hofstedes Kategorie « Kanada » bleibt hier im Übrigen methodisch zu hinterfragen. Emmanuel Todd erklärt kulturelle Unterschiede zwischen England und Frankreich mit tiefen familiären Strukturen wie dem Erbrecht, die sich in den Vorstellungen zur Gleichheit Anderer, zu Freiheit und Autorität (« Universalismus » und « Differentialismus ») und damit beispielsweise in Vorgängen wie der Reformation, Alphabetisierung, Kontrazeption und dem Antisemitismus verwirklichen. Todd verweist explizit auf die transatlantische Beziehung zwischen englischer und US-amerikanischer Kultur: « La réussite de la Constitution américaine dans la définition d’un champ limité de l’égalité civique et juridique (blanche) n’est un mystère que si l’on se refuse à voir que le système anthropologique américain, projection outre-Atlantique du fond primitif anglais, ne contient pas l’idée d’égalité. » E. Todd (1994), S.50, meine Hervorhebung. Die Argumentation zur langanhaltenden Wirkung anthropologischer Strukturen könnte eine vergleichbare Übertragung auf Frankokanada nahelegen. Der deterministische Unterton des Arguments widerspricht freilich der Annahme, dass es sich um Akteure kultureller Produktion handelt.

141  Auf die Frage nach der Rolle von Geschlecht und gender im Kontext der Entwicklung Kanadas bzw. Québecs wird hier nicht detailliert eingegangen. Ein Blick in die Geschichte französischsprachiger und englischsprachiger Aktivistinnen zeigt, dass sprachliche und ‘nationale’ Aspekte geschlechterspezifische Solidaritäten überlagerten, europäische Anbindungen beeinflussten und oft wirksame Trennlinien ergaben. Marie Lacoste Gérin-Lajoie (1867-1945), Universitätslektorin und « Pioneer Quebec Feminist », gründete 1907 die Fédération nationale Saint-Jean-Baptiste, eine Vereinigung ausschließlich frankophoner Frauenorganisationen, die sich der Förderung von politischen Rechten für Frauen widmete. Die genannten Tatsachen sind von Belang, wenn wir versuchen, soziale Realitäten und ihre Bedeutung im Kontext kultureller (und politischer) Produktion zu beschreiben. Andererseits gibt es auch in der gegenwärtigen Forschung Anhaltspunkte für eine möglicherweise überdeutliche Trennung nach sprachlichen Kriterien, die Instanzen der Begegnung ausblendet. Vgl. hierzu u.a. Beverly Boutilier u. Alison Prentice (Hg.): Creating Historical Memory: English-Canadian Women and the Work of History; UBC Press, Vancouver 1997. Für eine Darstellung des Verhältnisses von nationaler Geschichtsschreibung und feministischer Perspektive in Québec, am Rande auch zur Frage der Trennung der Feministinnen Québecs und ihrer « collègues ‘canadian’ » (S. 24), siehe: Micheline Dumont: « L’histoire nationale peut-elle intégrer la réflexion féministe sur l’histoire? »; in: Robert Comeau, Bernard Dionne: À propos de l’histoire nationale; Septentrion, Sillery (Québec), 1998, S. 19-36. Für einen Überblick zur Geschichte der Frauen in Québec siehe: M. Dumont: L'histoire des femmes au Québec depuis quatre siècles; Les Quinze, Montréal 1982.

142  « In gewisser Weise war die Fabrik ein Teil der Gemeinde wie die Kirche. Dort arbeiteten meine Eltern und Onkel ... Genausowenig wie die Sonntagsliturgie entsprach die Fabrik der Gemeinde. Vom Direktor bis zu den Abteilungsleitern waren alle englischsprachig; sie bewohnten den höhergelegenen Teil des Dorfes, in Häusern, die nicht wie unsere aussahen. Sie besuchten eine kleine protestantische Kirche, der wir uns nie näherten, genausowenig wie wir uns gewagt hätten, ihre großen blonden Töchter anzusprechen, die wir von weitem sahen und deren Umgang den eingeborenen Jugendlichen untersagt war. » Fernand Dumont, a.a.O., S. 11.

143  L. Cohens 1963 erschienener Roman The Favourite Game enthält die zitierte Episode von Breavman und seinem Freund Krantz beim Besuch einer Tanzveranstaltung im Palais d’Or in Montréal. Leonard Cohen: The Favourite Game; McClelland &Stewart, Toronto 2000 (1963), S. 45.

144  Michel Venne (Hg.): Penser la nation québécoise; Éditions Québec-Amérique, Montréal 2000.

145  «In vielen Ländern beginnt man gerade, Pluralismus zu erlernen. Wir Québécois hingegen leben schon immer in einer solchen Gesellschaft, was uns einigen Vorsprung verschafft.» Jane Jenson: «La modernité pluraliste du Québec. De la nation à la citoyenneté »; Le Devoir, 31.07.1999.

146  « Wir müssen unsere essentialistischen Mythen also schonungslos kritisieren, ob sie uns nun einen vorbestimmten Zielort unserer Geschichte oder ein sozioökonomisches Modell anbieten, das wir nicht in der Lage wären, in Frage zu stellen. Wird es uns gelingen? » Charles Taylor: « À l’heure des identités personnelles multiples. De la nation culturelle à la nation politique »; Le Devoir, 19.06.1999.

147  Gérard Bouchard: «Construire la nation québécoise. Manifeste pour une coalition nationale»; Le Devoir, 04.09.1999.

148  Jocelyn Létourneau: « Ni nation québécoise, ni nation canadienne. Assumons l'identité québécoise dans sa complexité »; Le Devoir, 07.08.1999.

149  « Jenseits ihres offensichtlichen Dissens’ ist diese Weigerung symptomatisch für die Theoretiker und Anhänger der Nation Québec und diejenigen der Nation Kanada: die Unfähigkeit, die vorteilhafte Komplexität und die begrüßenswerte Verflechtung der empirischen Situation zu erkennen... »; ebda.

150  Métis (Mestize) ist in Kanada die Bezeichnung für Nachkommen gemischter amerindianischer und europäischer Eltern. Historisch bezieht sich der Begriff zumeist auf französischsprachige Mestizen und wird unter anderem mit der frühen Besiedlung Manitobas assoziiert. Für einen eher pessimistischen Ausblick siehe. D. Bruce Sealey, Antoine S. Lussier: The Métis : Canada's forgotten people; Manitoba Métis Federation Press, Winnipeg 1975. Seit 1982 werden die Métis in der kanadischen Verfassung ( Section 35 ) neben Amerindianern ( « Indians » ) und Inuit offiziell als Canada’s Aboriginal Peoples anerkannt.

151  Die Angaben wurden den jüngsten Veröffentlichungen des kanadischen Amts für Statistik entnommen. Quelle: Internetseiten von Statistique Canada/Statistics Canada; http://www.statcan.ca (November 2002).

152  Der Philosoph Serge Cantin kommentiert die Verwendung von « Québécois » für « Canadien français » als Abschied von einem Kanada, dessen Name eine Falle und den Verlust der französischen Sprache und Kultur symbolisiere: « Canadien français: dans les années cinquante, des intellectuels, notamment des poètes, commencent à soupçonner que ce nom-là n’est, et depuis toujours, qu’un miroir aux alouettes (...je te plumerai). L’agonie des communautés françaises hors Québec ne leur prouve-t-elle pas assez que le Ô Canada, qu’il soit chanté en français ou en anglais, sonne le glas de la langue et de la culture françaises en Amérique? » Serge Cantin: « Pour sortir de la survivance. Notre identité est à refaire »; Le Devoir, 14. 08.1999. Andere sehen hier eine Befreiung aus dem Zustand der Kolonialisierung: « Québécois, pour décoloniser le colon et lui faire retrouver sa fierté. » Louis Corneiller: « Portrait du colon en colonisé »; L’Action nationale, vol. 87, no 6, juin 1997, S. 23-29, S.28.

153  Eine Studie von 1992 belegt, dass sich die französischsprachige Bevölkerung Québecs 1990 zu 59% mit dem Begriff « Québécois » identifizierte, 1970 waren es 21%. Im gleichen Zeitraum sank die entsprechende Identifizierung mit dem Begriff « Canadien » von 34 auf 9%, mit « Canadien français » von 44 auf 28%. Es handelt sich um eine Studie des Soziologen Maurice Pinard (McGill University): « The Quebec Independence Movement: A Dramatic pre-emergence », Journal of International Affairs, Winter 1992. Vgl. auch: Earl Fry: « The Future Political Status of Quebec: Implications for U.S. - Quebec Economic Relations »; Quebec Studies, no. 16, S. 49-67, S. 66. Die Studie der GRAM (Groupe de recherche sur l’américanité) von 1997 ergab für die Bevölkerung Québecs folgende Angaben: Auf die Frage nach der wichtigsten Identifikation gaben 54% « Québécois », 23% « Canadien français/French Canadian », 19% « Canadien/Canadian » und 2% « English Canadian » an. Vgl. James Csipak u. Lise Héroux: « Nationalism, Liberalism and the Américanité of Quebecers: From Fear to Embrace? » in: Donald Cuccioletta (Hg.): L’Américanité et les Amériques; Les Éditions de l’IQRS, Presses de l’Université Laval, Québec 2001, S.103-136, S. 107 f.

154  Lucien Bouchard trat im Januar 2001 unerwartet von seinem Amt zurück Auf die « Affaire Bouchard » wird hier nicht eingegangen..

155  In verschiedensten Darstellungen wird Kanada pauschal vom Atlantik bis zum Pazifik und im Norden bis zum Polarkreis als zweisprachig geführt, wobei es sich um eine Inversion der Darstellung Kanadas als englischsprachig handelt. Wird im dtv Atlas Englische Sprache unter dem Punkt « Weltsprache Englisch » noch auf den Status verwiesen (« Englisch als ko-offizielle Sprache », wie Irland, Karte, S. 238) so verwendet Karl Siegbert Rehberg in seinen Ausführungen zum Thema « Kultur » in einem unlängst erschienenen Lehrbuch eine Weltkarte, auf der Kanada als Region gekennzeichnet ist, in der flächendeckend Englisch und Französisch gesprochen wird. (Schaubild 3.2.:GeographischeVerteilung einiger Weltsprachen, in: Lehrbuch der Soziologie; Campus, FaM 2001, S. 63-92, S. 78-79. Es handelt sich um eine Karte, die dem Atlas of the World’s Languages von Moseley und Asher entnommen wurde.)

156  In Québec sprechen heute ca. 90% der Bev. Französisch, im übrigen Kanada ca. 95% Englisch, Tendenz steigend. Réjean Pelletier spricht in diesem Zusammenhang von einer « concentration linguistique », die seiner Meinung nach den Effekt der « Deux solitudes » verstärke. R. Pelletier (Laval/Qc) in seinem Vortrag « La francophonie canadienne: un déclin irréversible? » am 9. Dez. 2002 im Frankreich-Zentrum der TU Berlin.

157  Vgl. http://www.pch.gc.ca

158  Gilles Bibeau: « Tropismes québécois: je me souviens dans l’oubli »; Anthropologie et sociétés, 19, no 3, 1995, S. 151-198, S. 181f.

159  « Nation, Volk, Stamm, Gemeinschaft »; ebda., S. 182.

160  Vgl. Yvan Lamonde: Histoire sociale des idées au Québec; S.10, S. 453-462.

161  Vgl. die kritische Argumentation von Stan McMullin: « A Matter of Attitude: The Subversive Margin in Canada »; Culture and Policy, Volume 6, Number 1, 1994.

162  Richard Hakluyt: Principal Navigations, Voyages and Discoveries of the English Nation (1589). Jacques Cartier: Brief Récit. Marc Lescarbot: Histoire de la Nouvelle-France (1609).

163  Paul -André Linteau, René Durocher, Jean-Claude Robert: Histoire du Québec contemporain, vol. 1: 1867-1929; Boréal, Montréal 1979. Paul -André Linteau, René Durocher, Jean-Claude Robert, François Ricard: Histoire du Québec contemporain, vol. II: des années 1930 à nos jours; Boréal, Montréal 1986. Yvan Lamonde: Histoire sociale des idées au Québec; 2000. Vgl. auch: Jean Cournoyer: La mémoire du Québec, de 1534 à nos jours. Stanké, Montréal 2001.

164  «L'entreprise de restitution du sens [de l'histoire] est certes toujours ‘hasardeuse’, provisoire et jamais achevée.» Gilles Bibeau, a.a.O., S.153. Den Ausdruck « valid subtext » entnehme ich einem Dialog in Irvin D. Yaloms Momma and the Meaning of Life. Der Dialog umreißt das Problem der Arbeit mit dem historischen Ereignis in prägnanter Form: « [T]he past is undoubtedly elusive [...] but I still believe that underneath it all there is a valid subtext, a true answer to the question, ‘Did my brother hit me when I was three?’ » // « A valid subtext is an antiquated illusion, [...] There is no valid answer to that question. Its context [...] is lost forever. [...] There is no valid subtext, [...] It’s all interpretation. As Nietzsche knew a century ago. » Irvin D. Yalom: Momma and the Meaning of Life, Tales of Psychotherapy; Perennial, New York 2000 (1999), S. 174 f. Es handelt sich hier um ein grundsätzliches Problem, das die Redaktion der vorliegenden Arbeit fortwährend beeinflusste.

165  Louis Philippe Audet: Histoire de l'éducation au Québec; Centre de psychologie et de pédagogie, Montréal 1966. André Lemelin, Claude Marcil: Le purgatoire de l'ignorance: l'éducation au Québec jusqu'à la Grande réforme; Publications MNH, Beauport 1999.

166  Catalogue des manuels scolaires québécois; 2e éd.; Bibliothèque de l’Université Laval, Québec 1988.

167  Brian Young: « L’éducation à la citoyenneté et l’historien professionnel: quelques hypothèses »; in: R. Comeau u. B. Dionne (Hg.), a.a.O., S. 57-64.

168  Jocelyn Létourneau: « ‘Nous autres, les Québécois’. La voix des manuels d’histoire »; in: Internationale Schulbuchforschung/International Text-book Research, Zeitschrift des Geog-Eckert-Instituts; Heft 3, 18. Jahrgang 1996.

169  Christian Amalvi: « L’iconographie des manuels scolaires et la mémoire collective: de la mémoire scolaire à la mémoire buissonière », in: H. Moniot (Hg.): Enseigner l’histoire, des manuels à la mémoire; Peter Lang, Bern 1984, S. 205-215. Jacqueline Freyssinet-Dominjon: Les manuels d’histoire de l’enseignement libre (1900-1967); Paris 1969. Lucia Ferretti: « Les enseignements des National Standards for United States History » in: R. Comeau u. B. Dionne (Hg.), a.a.O., S. 65-76. Für verschiedene Aspekte der Schulbuchforschung, -zulassung, -politik und -wirtschaft siehe die folgenden Arbeiten: E. Horst Schallenberger (Hg.): Das Schulbuch - Produkt und Faktor gesellschaftlicher Prozesse; A. Henn Verlag, Ratingen, Kastellaun 1973. Arbeitsgruppe Geschichtsbuchanalyse (Marburg): Geschichte und Ideologie; Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1974. Walter Mueller: Schulbuchzulassung. Zur Geschichte und Problematik staatlicher Bevormundung von Unterricht und Erziehung; A. Henn Verlag, Kastellaun 1977. Gerd Stein (Hg.): Schulbuchschelte als Politikum und Herausforderung wissenschaftlicher Schulbucharbeit - Analysen und Ansichten zur Auseinandersetzung mit Schulbüchern in Wissenschaft, pädagogischer Praxis und politischem Alltag; Klett-Cotta, Stuttgart 1979. Saïd Aït Slimani: Les specificites d'une industrie culturelle : l'edition scolaire francaise; Diss., Grenoble 1988.

170  Die Wortwahl beruht auf R. Bastides Kritik an dem als statisch betrachteten Begriff der Struktur bei Cl. Lévi-Strauss. Bastide betont die dynamische Dimension der Kultur und spricht von « structuration ». R. Bastide: « La causalité externe et la causalité interne dans l’explication sociologique »; Cahiers internationaux de sociologie, no. 21, 1956, S. 77-99. Vgl auch den Habitusbegriff P. Bourdieus, definiert als « structures structurées prédisposées à fonctionner comme des structures structurantes ». P. Bourdieu: Le sens pratique; Minuit, Paris 1980, S. 88.

171  Verwiesen sei hier auf die frühen, von M.J. Herskovits unternommenen Anstrengungen, Kulturkontakt mit dem Begriff « Akkulturation » neu zu beschreiben und zu typologisieren. Vgl. Melville J. Herskovits: « The Significance of the Study of Acculturation for Anthropology », American Anthropologist, 39, 1937. bzw. ders. Acculturation, the Study of Culture Contact; J.F. Augustin, New York 1938. Für den Blickwinkel und die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit waren die von R. Bastide eingebrachten Ideen und Begriffe wie « entrecroisement » und « interpénétration » von besonderem Interesse, weil hier soziale und kulturelle Tatsachen in ihrem gegenseitigen Bezug gesehen werden. Vgl. Roger Bastide: « Problèmes de l’entrecroisement des civilisations et de leurs œuvres » in: Georges Gurvitch (Hg.): Traité de sociologie; PUF, Paris 1960, vol. II, S. 315-330. Siehe auch R. Bastide « Acculturation », in: Encyclopædia Universalis, Paris 1968, vol. 1, S. 102-107.

172  Auf dem amerikanischen Doppelkontinent gibt es außer Kanada eine Reihe kleinerer, parlamentarischer Monarchien, alle im Rahmen des Commonwealth: Antigua/Barbuda, Bahamas, Barbados, Belize, Grenada, Jamaica, St. Kitts et Nevis, St. Lucia und St. Vincent.

173  Den Begriff verwendet P. Sloterdijk in einem Artikel, der eine historische Verortung des Fragens nach dem Wie vornimmt: « Die Mitspieler der Hochkulturen haben sich während der letzten 2500 Jahre im Wesentlichen als Essentialisten oder Substantialisten dargestellt. Sie haben daher, wenn sie etwas genau wissen wollten, nicht anders gekonnt, als scharfe Was-Fragen (oder allenfalls Wer-Fragen) zu stellen. [...] Wenn das 20. Jahrhundert aus der Sicht der Traditionalisten einen häretischen Grundzug aufweist, dann nicht zuletzt deswegen, weil es begonnen hat, auf breiter Front Wie-Fragen zu stellen. Wer ‘wie funktioniert das?’ fragt, hat das traditionelle Interesse am Wesen schon fallen gelassen. » Sloterdijk schließt den Gedanken mit einer optimistischen Note, denn man frage nach dem Wie auch, um « ...in Erfahrung zu bringen, wie man es anders als bisher machen könnte. » Peter Sloterdijk: « Von Terror und von Genen. Ein Plädoyer für die Enthysterisierung zweier Selbsterregungskampagnen »; Frankfurter Rundschau, 17.11.2001.

174  Gregory Bateson: « Double Bind » in: ders., a.a.O., S. 271 f.

175  Zunächst wird der komplexe, intern konfliktuelle und vielstimmige Charakter der Objekte – « the Free World » (Karte, S.24), « der Islam » – nicht erwähnt, für unwesentlich erklärt oder bestritten. Nur so ist es möglich, Versatzstücke, Interpenetration und Überkreuzungen auszublenden und mit Bruchlinien zu arbeiten, die an den Außengrenzen der « Zivilisationen » (oder « Kulturen ») von quasi unvermeidlichem Konflikt gezeichnet sind. Huntingtons Text argumentiert für die Bedeutung der Kultur ( « The central theme of this book is that culture and cultural identities, which at the broadest level are civilization identities, are shaping the patterns of cohesion, disintegration, and conflict in the post-Cold War world. » Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order; S. 20), beschreibt diese aber nicht als Produkt, sondern als quasistatische Agentur. Nicht übersehen werden sollte, dass Huntingtons Text auch ein « shaper » der « Neuen Weltordnung » ist. Huntingtons kurzer Kommentar zu Kanada (S. 137) zeigt, dass sich der Autor des Problems ‘interner Trennlinien’ bewusst ist, diese aber für irrelevant hält, weil sie nicht « civilisational » seien.

176  Vgl. Aby Moritz Warburg: Ausgewählte Schriften und Würdigungen; hg. von Dieter Wuttke, [Übers. aus dem Engl. von Elfriede R. Knauer] 3. Aufl., Koerner, Baden-Baden 1992 (1979), bzw. ders.: Der Bilderatlas Mnemosyne; hg. von Martin Warnke, Akad. Verlag, Berlin 2000 (1924-29).

177  Geertz formuliert sein Konzept von Kultur und ihrer Interpretation mit Bezug auf M. Weber: « The concept of culture I espouse [...] is essentially a semiotic one. Believing with Max Weber, that man is an animal suspended in webs of significance he himself has spun, I take culture to be those webs, and the analysis of it to be therefore not an experimental science in search of law but an interpretative one in search of meaning. It is explication I am after, construing social expressions on their surface enigmatical. » Clifford Geertz: « Thick description: Toward an Interpretive Theory of Culture »; in: ders.: The Interpretation of Cultures: Selected Essays; Basic Books, New York 1973, S. 5. Zur Öffentlichkeit von Kultur schreibt Geertz: « Culture is public because meaning is. », ebda., S. 12. Der von Gilbert Ryle geprägte Ausdruck « Thick description » steht hier für « ...[a] language which [...] articulates the significance and point that the actions or feelings have within a certain culture. » Charles Taylor: Sources of the Self. The Making of the Modern Identity; HUP, Cambridge 1996 (1989), S. 80.

178  J. Assmann beschreibt die kulturelle Praxis identitärer Politik mit Bezug auf Halbwachs: « Vergangenheit entsteht nicht von selbst, sondern ist das Ergebnis einer kulturellen Konstruktion und Repräsentation; sie wird immer von spezifischen Motiven, Erwartungen, Hoffnungen, Zielen geleitet und von den Bezugsrahmen einer Gegenwart geformt. An diesen Einsichten von M. Halbwachs gilt es festzuhalten. Er hat gezeigt, daß die sozialen Rekonstruktionen der Vergangenheit gruppenbezogene Kontinuitätsfiktionen darstellen. [...] Da sich das kulturelle Gedächtnis nicht biologisch vererbt, muß es kulturell über die Generationenfolge hinweg in Gang gehalten werden. Das ist eine Frage kultureller Mnemotechnik, d.h. der Speicherung, Reaktivierung und Vermittlung von Sinn. Die Funktion solcher kulturellen Mnemotechnik liegt in der Gewährleistung von Kontinuität bzw. Identität. Identität ist, wie leicht einzusehen, eine Sache von Gedächtnis und Erinnerung. » Jan Assmann: (1999), S. 88f. Eine Unterscheidung von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis als zwei « Modi memorandi » (ebda. S.48-56) wird hier nicht vorgenommen.

179  Die Namen von großen Eishockeymannschaften wie Toronto Maple Leafs und Montréal Canadiens deuten auf die kulturellen Verankerungen hin. Eishockey ist die kanadische Sportart.

180  Für genaue Angaben zu Total Average Circulation, household coverage etc. der einzelnen Tageszeitungen siehe Canada. Audit Bureau of Circulations: Canadian Newspaper Audit Report, For 12 months ended March 31; Toronto, Montréal 2000.

181  Statistics Canada. Education, Culture and Tourism Division: Canada’s Culture, Heritage and Identity: A Statistical Perspective, Ottawa 1997, S. 14.

182  « Linguistic conflicts, in particular, tend to emerge in the form of school crises [...] the school crisis is perhaps becoming the classical political―or parapolitical―expression of the clash of primordial loyalties. » Clifford Geertz, a.a.O., S. 274f. Auf den Textbegriff und das Problem der « primordial issues » bei Geertz wird hier nicht eingegangen.

183  Neben den ideologisch motivierten Studien zu Schulbüchern der DDR und der BRD fällt auf, dass der Schulbuchvergleich in Deutschland polnische und französische Schulbücher bevorzugt, österreichische oder schweizerische aber weitgehend ignoriert. In der jüngeren Vergangenheit gerieten Auseinandersetzungen um Schulbuchtexte in zwei Fällen in das Interesse internationaler Beobachter. Im Frühjahr 2001 kam es zu heftigen diplomatischen Konflikten zwischen Japan und Südkorea (später auch China), weil neuere japanische Schulbücher kaum oder gar nicht auf die Rolle des japanischen Militärs während der Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg eingehen. Besonders deutlich werden die schwer zu vereinbarenden Ansprüche auf eine eigene Darstellung der Dinge im Nahen Osten. Der Konflikt um Schulbücher der palästinensischen Autoritäten, die anti-jüdische, diffamierende Texte und Landkarten enthalten, auf denen der Staat Israel fehlt, wird in der Presse Kanadas sehr aufmerksam verfolgt. Morton Weinfeld vergleicht israelische mit palästinensischen Schulbüchern: « New textbooks in Israeli schools for the first time now include materials designed to get Israeli Jews to see the conflict from the perspective of Palestinians. A column in the Jerusalem Post of Sept. 5 feared these books would ‘undermine the moral case for Zionism.’ Actually, if used properly they may strengthen it. [...] Historic truths are rarely static. One awaits, sadly, revisionist reappraisals on the part of Arab scholars and textbook writers of their own particular view of Israeli-Arab history. » Morton Weinfeld: « What is absolute truth anyway? »; Canadian Jewish News, Kislev 16, 5760 (25. Nov. 1999).

184  Streng genommen ist bis 1707, dem Act of Union der Englischen und der Schottischen Kronen, von « England », danach von « Britain » zu sprechen.

185  Beispiele aus anderen mehrsprachigen Ländern zeigen, dass das Problem der respektiven Bezeichnungen nicht typisch kanadisch ist. In den öffentlichen Foren der Schweiz beispielsweise können die Begriffe « deutsch[e Mehrheit] », « alemannisiert » und « germanisiert » nebeneinander stehen, ohne dass ein semantischer Unterschied im signifié erkennbar wäre. Siehe beispielsweise C.Bi.: « Der Kanton Freiburg germanisiert? Allons donc... » und « Romanisierung »; Neue Zürcher Zeitung, Intern. Ausg., 04.02.2003.

186  Auf die Bezeichnung « Québécois » wurde weiter oben verwiesen.

187  Der Larousse von Grappin (français-allemand/Deutsch-Französisch) und vergleichbare Wörterbücher haben keinen Eintrag für Québec, Québécois oder québécois.

188  Für « quebekisch » vgl. Hanspeter Plochers Nachwort in: Peter Klaus (Hg.): Conteurs franco-canadiens, oder Clemens Pornschlegel in der Süddeutschen Zeitung vom 29.12.2001. Klaus-Dieter Ertler beschreibt die komplizierte Frage nach den Namen für Québec und nennt gute Gründe für eine alternative Benennung: « Problematisch bleibt [...] die orthographische Kennzeichnung des nach wie vor politisch besetzten Begriffs ‘Québec’ und des entsprechenden Adjektivs ‘québécois’ in der deutschen Sprache. Will man auf die Akzente verzichten, verfällt man automatisch in die englische Version von ‘Quebec’ und ‘Quebecker’. In Anbetracht der vorherrschenden Spannungen würde eine solche Bezeichnung das inhärent-politische Potential der französischen Version preisgeben, so daß wir uns für die weniger attraktive, aber bedeutungsnähere Lösung von ‘Québec’ - ‘Québecer’ – ‘québécisch’ entschieden haben. » Klaus-Dieter Ertler: Kleine Geschichte des frankokanadischen Romans; Gunter Naar Verlag, Tübingen 2000, S.8. Vgl. hierzu auch die Form « der québecer Roman », Lothar Baier u. Pierre Filion, a.a.O., S.17.

189  Möglicherweise liegt hier einer der Gründe für verbreitete Gleichbilder von Staat und Regierung sowie von Politik und Gesellschaft Québecs.

190  Frz. amérindien ist gegenwärtig der geläufigste Begriff und gibt im Englischen die Form Amerindian. Native American ist US-amerikanisch besetzt, man findet aber Bezeichnungen wie Canadian Native Art, Native Language Centres, Native Affairs Secretariat, Native Law, Aboriginal treaty rights.

191  Siehe hierzu: Donald Cuccioletta: « L’Américanité, the dual nature of the Québécois identity »; Quebec Studies, 29, 2000 und Yvan Lamonde: « L’ambivalence historique du Québec à l’égard de sa continentalité : circonstances, raisons et significations », in: Gérard Bouchard, Yvan Lamonde (Hg.): Québécois et Américains. La culture québécoise aux XIX et XX siècles; Fides, Montréal 1995, S. 61-84.
Für jüngste Beispiele der Diskussion zum Thema der ‘Amerikanität’ Québecs, vor allem in Folge der Ergebnisse von Umfragen der 1996 gegründeten Groupe de recherche sur l’américanité siehe auch die folgenden drei Beiträge: J. Csipak u. L. Héroux: a.a.O., Jean-François Côté: « L’identification américaine au Québec : de processus en résultats. » S. 6-27. Léon Bernier: « L’américanité ou la rencontre de l’altérité et de l’identité. »; in: D. Cuccioletta (Hg.), 2001, S. 176- 192.



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31.10.2006