2 KANADISCHE KALENDERPOLITIK

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Räumliche und zeitliche Gegebenheiten sind die grundlegenden Dimensionen aller Formen kultureller Produktion. Indem Raum und Zeit kulturell belegt werden, entstehen implizite und explizite Phänomene der Kultur, Gegenstand kulturwissenschaftlicher Reflexion. Thomas Macho hat auf Denkmäler und Kalender als Elemente für die Herrschaft über die Zeit und den Raum in der Kultur verwiesen. Ein auffälliges Indiz symbolischer Besitzergreifungen des Raumes wird durch die Ergebnisse toponymischer Politik konstituiert. Das kanadische Verwirrspiel um Bezeichnungen und symbolische Referenzen aller Art begann im 16. Jahrhundert und reicht in verschiedenster Art in die Gegenwart. Unter dem Titel « Canada-Québec: la confusion originelle » liest man in einer Genealogie der Geschichte Québecs:

Les débuts de la Nouvelle-France sont plongés dans la confusion, le chaos, le tohu-bohu originel duquel 450 ans d’histoire n’ont pas suffi à l’arracher [...] Quoi d’étonnant qu’aujourd’hui le Canada et le Québec nagent toujours dans la même confusion toponymique?192

Andere Formen der Inbesitznahme des Raumes verbergen ihre Lesbarkeit besser und können nicht (oder kaum) auf See-, Land- oder Stadtkarten eingesehen werden. Die gebaute Welt in Form urbaner Ensembles sendet in bemerkenswerter Weise kulturelle Zeichen an ihre Bewohner und Besucher. Die Logik der Bebauung des Raumes entspricht einem gewissen Sinn sozialer und politischer Regeln und setzt diesen in mehr oder weniger haltbarer Form in eine zeitliche Dimension.

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Die Stadtentwicklung in Europa folgte den Gegebenheiten und Zwängen der Zeit. Mittelalterliche Stadtkerne wie in Paris, Rom und Barcelona hätten der Industrialisierung und ihrem Platzbedarf nur schwerlich Platz einräumen können. Spuren in London oder Berlin zeugen bis in die Gegenwart von industriellen Strukturen im gesamten Stadtgebiet.

Von großem Interesse scheinen dabei die korrelierenden sozialen Kartographien zu sein, deutlich illustriert am Vergleich der Pariser banlieue und den Londoner suburbs. Das (sozial) abwertende banlieusard steht dem betuchten suburbian nicht ohne Grund entgegen, sprechen die beiden Begriffe für die Stadtrandbewohner doch von unterschiedlichen Bewohnungsprogrammen der Städte, die sie im Namen umschließen. Stadt der Bürgerla cité ) oder Stadt der Arbeiterthe City ) könnte der vereinfachende Titel der (geplanten) Programme lauten, die auch den transatlantischen Transfer bestens überlebten.

In einer archéologie de la fortification québécoise beschreibt H. Weinmann die Stadt Québec als « ...conjonction, le mariage intime d’une mentalité française et d’un site. »193 Québec ist ein touristisches Kuriosum der nordamerikanischen Städtelandschaft, weil es so offensichtlich einer anderen Kultur und einer anderen Welt (der Alten Welt ) entstammt. Ein US-amerikanischer Beobachter empfiehlt die Stadt mit den Worten:

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Québec City is the soul of New France. It was Canada’s first settlement and today is the capital of politically prickly Québec, a province larger than Alaska. With its splendid location above the St. Lawrence River and its virtually unblemished old town – a tumble of slate-roofed granite houses clustered around the august Château Frontenac – the city is a haunting evocation of the motherland, as romantic as any on the continent. Because of its history, beauty, and unique stature as the only walled city north of Mexico, Québec’s historic district was named UNESCO World Heritage site in 1985.194

Dieses idéal de l’habitation française (H. Weinmann), ‘eindringliche Erinnerung an das Mutterland’ Frankreich, steht als Hauptstadt Québecs der Metropole Montréal gegenüber, die im Stadtbild trotz einem fotogenen Vieux Montréal und seinem Quartier Latin eher an eine angloamerikanische Großstadt erinnert. Die Großstadt Montréal hat nicht zuletzt in der jüngeren Geschichte der Referenda zur Unabhängigkeit Québecs eine besondere (pro-föderalistische) Rolle gespielt. Die Rivalität der beiden Städte, Québec und Montréal, beschreibt metaphorisch die heterogenen Formen, die für die Provinz, das Land Québec, bezeichnend sind195.

Der vorrangige politische Raum der Moderne ist der Nationalstaat, und auch die erdachten Räume postmoderner Realitäten gebären sich nationaler als es das Vokabular postmoderner Reflexionen vermuten ließe. Hinter wirtschaftsstrategischen Begriffen wie domestic market, Institutionen wie dem US-amerikanischen Homeland Security Office, transkontinentalen, internationalen Bündnissen ( la francophonie, the Commonwealth, the « Internet community » ) - ganz zu schweigen von internationalen Wettkämpfen im Sport und dem Zirkus um Nationalelfen 196 - und hinter den Kulissen europäischer Kulturkanäle ( wie arte ) und einer selbstbildsuchenden Europäischen Gemeinschaft verbergen sich, wie ein genauerer Blick oft zeigt, nationale Wirklichkeiten.

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Obwohl der Kalender immer auch für einen Raum Geltung anmeldet, ist sein eigentliches Terrain die Zeit. Die Zeitzonen der Erde erlauben zwar nicht die rasterhafte Genauigkeit der Breiten- und Längengrade und noch weniger ihrer auf den Raum abgebildeten Grade und Minuten des gonischen Winkelmaßes. Aber mit der Greenwich Mean Time, französisch temps universel, gibt es immerhin eine gebräuchliche Weltzeit, und das christliche Jahr ist auch dort im Gebrauch, wo es aus gutem Grund neben einer anderen (zumeist größeren) Jahreszahl steht. Der von Julius Cäsar eingeführte Kalender triumphierte über alle Konkurrenten und ist das universelle Maß der Zeit.

Die ehrgeizigste politisch und national-kulturhaft motivierte Kalenderreform der Neuzeit scheiterte kläglich. Der 18. Brumaire des französischen Revolutionskalenders bleibt das « ...einzige Datum, das bis heute an den zwölfjährigen Versuch erinnert, die einzigartige Bedeutung dieser Revolution durch einen reformierten Kalender zu definieren ».197

In einer anderen, weniger auffälligen Art allerdings sind die Kalender originell strukturiert worden: mit den zu feiernden Tagen des Jahres. Feiertage sind, ob im Namen oder nicht, in ihrer medialen Wirklichkeit auch nationale Feiertage. Sie geben der Zeit einen Sinn, indem sie einen zyklischen Plan der Gegenwart und der Zukunft entwerfen – kein Feiertag trägt in sich ein angekündigtes Auslaufdatum. Die überzeugende Kraft des Feiertages allerdings kommt aus der Vergangenheit, die sehr jung und sehr alt sein kann.

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Gerade der Verweis in die Vergangenheit gibt dem im Kalender angelegten Ereignis die legitimierende und mobilisierende Wirkung, die für alle öffentlichen Utensilien nationalstaatlicher Souveränität typisch sind. Der Ablaufplan des politischen Jahres kann, um einen Ausdruck P. Bourdieus zu verwenden, als strukturierte und « strukturierende Struktur » angesehen werden.

Der Kalender als Feld kulturwissenschaftlicher Lektüre belegt auch die Anwendbarkeit von Assmanns Funktionentrias des kulturellen Gedächtnisses. Wie hier zu zeigen ist, sind es nicht zuletzt kalendarisch organisierte Formen von Speicherung, Abrufung und Mitteilung (« ... oder: poetische[r] Form, rituelle[r] Inszenierung und kollektive[r] Partizipation »), die die « einheitsstiftenden und handlungsorientierenden – normativen und formativen – Impulse »198 kultureller Gedächtnisleistungen ermöglichen.

Das politische Gebilde im Norden Nordamerikas, als Raum, den es zu organisieren galt und gilt, erlaubt einen lehrreichen Blick hinter die Kulissen staatlicher Erinnerungsarbeit. Lehrreich unter anderem, weil hier die Anbindungen politischer Kalenderarbeit an entfernte Zeiten und Orte verdeutlicht werden können.

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Diese Verweise scheinen Teil eines größeren innerkanadischen Mechanismus zu sein, durch den kulturelle Spannungen thematisiert, fixiert und vielleicht auch verarbeitet werden. Die Heterogenität der kanadischen Kulturlandschaft findet in der Kalenderpolitik einen klaren Ausdruck. Die öffentlichen Feiertage der einzelnen Provinzen zeigen heterogene Strukturen, die jenseits der englisch-französischen Sprachbarriere liegen, bestätigen und bestärken diese aber auch. Zwei der kanadischen Provinzen, Nova Scotia und Prince Edward Island, feiern am ersten Montag im August einen Natal Day, ein Name, der wie ein eigensinniger Kommentar zum Gebärvermögen der Nation erscheint. Schließlich haben « Nationen [...] ihren Namen freiwillig-unfreiwillig von dem Umstand her, dass sie Ordnungen von Natalitätsverhältnissen darstellen. »199 In Alberta gibt es einen Family Day und in Newfoundland feiert man St. Patrick's und St. George's Day und immerhin auch einen Orangemen's Day 200, den man eher in den Straßen von Belfast vermuten würde - als vorhersehbaren Anlass von Rangeleien zwischen katholischen und protestantischen Jugendlichen.

Das französischsprachige Québec kann, unter anderem, mit einem eigenen Nationalfeiertag aufwarten. Auf den nationalkatholischen Geistlichen Lionel-Adolphe Groulx (1878-1967) und dessen Befürworten eines mit dem Victoria Day konkurrierenden Feiertages bezogen, spricht der Historiker Patrice Groulx von einer rupture mémorielle der beiden Kanadas. Dieser Erinnerungsbruch und sein weiter Schatten, wie auch immer interpretiert, sind wesentlich für ein Verständnis der kanadischen Gegenwart.

Die offiziellen Bemühungen um ein pankanadisches Symbol und den die Botschaft verstärkenden Feiertag fanden im Februar 1965 ein beredtes Zeugnis. In seiner Erklärung zum National Flag of Canada Day findet der Premierminister des Landes gut 30 Jahre später deutliche Worte für den Sinn des im Kalender wohlplatzierten Feiertages. Als bedürfe die nationale Gemeinschaft einer Erinnerung an ihre vorrangige Verbindung zwischen den zurückliegenden quasi-internationalen Weihnachtsfeiertagen und dem eigentlichen Nationalfeiertag im Sommer, scheint der 15. Februar als Memo an die Nation gut geeignet.

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Der Wortlaut der Erklärung Jean Chrétiens entspricht, wenn auch mit einiger Verspätung, dem Programm des modernen Nationalstaates: ein für die Ewigkeit gemachter Vertrag aller Beteiligten, gemeinsame Kultur und ein stolzes Bewusstsein für das Besondere an der eigenen Nation:

At the stroke of noon on February 15, 1965, Canada’s red and white maple leaf flag was raised for the very first time.

The flag belongs to all Canadians; it is an emblem we all share.

Although simple in design, Canada’s flag well reflects the common values we hold so dear: freedom, peace, respect, justice and tolerance. Canada’s flag is a symbol that unites Canadians and expresses throughout the world and always our pride in being Canadian.

The maple leaf flag pays homage to our geography, reflects the grandeur of our history and represents our national identity.

Our flag thus honours Canadians of all origins who through their courage and determination, have helped to build and are continuing to build our great country: a dynamic country that is open to the future.

Therefore, I, Jean Chrétien, Prime Minister of Canada, declare that February 15 will be celebrated henceforth as National Flag of Canada Day.

Let us be proud of our flag! Let us recognize how privileged we are to live in Canada, this magnificent country that encompasses our history, our hopes, our future.

Jean Chrétien

Prime Minister of Canada February 15, 1996201

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Die vergleichsweise späte Entlassung aus der kryptokolonialen Verfassung (1931; eigene Verfassung 1982) und der lange Weg zu einer eigenen nordamerikanischen Identität sind die Zeichen einer konfliktgeladenen Situation, deren Komponenten sowohl außerhalb des Landes - die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich - als auch innerhalb der kanadischen Grenzen zu finden sind. Letztere sind zum einen kulturelle und geographische Tatsachen, die großen Unterschiede, um ein Beispiel zu nennen, zwischen dem atlantisch-maritimen Kanada und den Prairieprovinzen im Westen oder die bisweilen unüberbrückbar erscheinende Sprach- und Kulturbarriere zwischen Anglo- und Frankokanada.

Die Unruhen in den Kolonien hatten die Regierung in London im Jahre 1837 veranlasst, einen High Commissioner and Governor-General of all Her Majesty’s provinces on the continent of North America einzusetzen. John George Lambton, Earl of Durham, so der Name und Titel des Bevollmächtigten der 17-jährigen Königin Victoria, berichtet in seinem Report on the Affairs of British North America wie folgt:

I expected to find a contest between a government and a people: I found two nations warring in the bosom of a single state: I found a struggle, not of principles, but of races; and I perceived that it would be idle to attempt any amelioration of laws or institutions, until we could first succeed in terminating the deadly animosity that now separates the inhabitants of Lower Canada into the hostile divisions of French and English.202

Die Lösung der Probleme lag für Durham in rechtlichen und politischen Reformen, die den Frankokanadiern, in ihrem eigenen Interesse, die Möglichkeit geben sollten, ganz im Sinne des modernen Evolutionsgedankens in der überlegenen englischen ‘Rasse’203 aufzugehen. Die Zusammenlegung der beiden Kanadas ( Upper Canada/Lower Canada bzw. Le Haut-Canada/Le Bas-Canada ) durch den Union Act von 1840 ist in diesem Kontext zu sehen – die französischsprachigen Kanadier waren nunmehr, im gemeinsamen Parlament der Province of Canada, zur Minderheit geworden.

Neben diesen kulturellen Differenzen zwischen englisch- und französischstämmigen Kanadiern (von denen sich im 19. Jahrhundert mehrheitlich nur Letztere so nannten) sind hier vor allem soziale und politische Bewegungen zu nennen, die eine politische Emanzipation von der englischen Krone und ihren undemokratischen Instanzen forderten.

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Der Versuch, in British North America eine Republik auszurufen, scheiterte allerdings kläglich,204 und Kanada blieb vor allem das Land der Amerikaner ohne Revolution, mit den Worten von Northrop Frye, möglicherweise als Kommentar zur famosen Frage eines gewissen Hector St. John205: « Who is a Canadian? Well, the political answer is that he is an American who avoided Revolution ... »206 Kanadas Anbindung an die Englische Krone war für lange Zeit ein nicht in Frage zu stellendes Faktum.

Dieses sind die wesentlichen Gründe für die Verspätung, mit der sich Kanada offiziell als eigenes Land mit einer eigenen Identität und den dazugehörigen symbolischen Tatsachen präsentierte. In Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder » wird die Entwicklung und Funktion einiger relevanter Symbole – Tiere und Pflanzen, Farben und Hymnen – dargestellt.

In seiner Erklärung zum Flag DayJour du drapeau ) im Jahre 1996 macht der Repräsentant des Volkes klar, dass ein gemeinsames Programm für alle Kanadier dazu führe, sich in der Rolle des Souveräns einzufinden. Nicht ohne Grund verweisen seine Worte auf ein Privileg ( how privileged we are ) ― erste Eigenschaft der dynastischen Herrschaft ― das es mit der Nationalflagge symbolisch zu besetzen gelte.

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Freilich ist diese Aussage während der Flaggenzeremonie am 15. Februar 1965 durch die anwesende Menge bzw. den Zeremonienplan relativiert worden. Nachdem der Flaggenhissung die Hymne O Canada gefolgt war, sang man den Gepflogenheiten einer englischen Kolonie gemäß God Save the Queen und stellte damit klar, dass der Anker am britischen Königshof nicht gelichtet werden solle. Nicht zuletzt für die frankokanadischen Beobachter des festlichen Ereignisses müssen die nicht unparteiischen Reminiszenzen an alte Feindschaften dem Fahnentag einen bitteren Beigeschmack gegeben haben. Zur Erinnerung:

God save our gracious Queen
Long live our noble Queen,

God save the Queen:

Send her victorious,

Happy and glorious,

Long to reign over us:

God save the Queen.

O Lord, our God, arise,
Scatter thine enemies,

And make them fall:

Confound their politics,

Frustrate their knavish tricks,

On thee our hopes we fix:

God save us all.

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...

Mit Hilfe Gottes mögen die Feinde und ihre schurkenhafte Politik geschlagen werden und jeder aufmerksame Zuhörer dürfte Verdacht schöpfen, bezieht sich das God save us all doch wahrscheinlich nur auf die Sieger. Ein anscheinend unschuldiges Detail, das öffentliche Singen der königlichen Hymne, kann als operative Struktur einer konfliktgeladenen (psycho-) politischen Situation gelesen werden.

Der Titel eines Films von Pierre Falardeau 15 février 1839 (2001) verweist auf einen alternativen Erinnerungsort für den Februartag. An diesem Tag wurden fünf der zum Tod durch den Strang verurteilten Aufständischen der Rebellionen von 1837-38 in Montréal erhängt. Der Film Falardeaus und die Aufstände werden, wie weiter oben erwähnt, in Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas » näher besprochen. Das Datum markiert einen der schmerzhaftesten Momente in der Geschichte Kanadas, und nicht wenige Historiker stimmen in der Überzeugung überein, dass die Niederschlagung der Aufstände im 19. Jahrhundert die Geschichte Kanadas und vor allem Québecs bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat. Doch muss man dem Regisseur des Filmes nicht unterstellen, sich wissentlich in einen Konkurrenzkampf mit dem offiziellen Flag Day begeben zu haben, weil es beim Publikum seiner Filme dieser Art von Propaganda nicht bedarf. Einen Kommentar zum Flag Day und seinem Anspruch stellt der Film schon nur durch seinen Titel dar.

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In einer Plakataktion mit dem Titel Le 15 février 1839 - Exécutés à Montréal, in großen schwarzen Lettern, erinnerte auch die Société Saint-Jean-Baptiste im Februar 2002 an den Tod von François-Marie-Thomas Chevalier de Lorimier (1803-1839) und seiner Gefährten. Zwischen den Zeilen À la mémoire de ces patriotes du Québec et de ceux d’ailleurs und Ils sont morts, comme beaucoup d’autres, pour la liberté et l’indépendance de leur patrie 207 liest man vier weitere Namen: Nathan Hale, William Orr, Samuel Lount, und Louis Riel, hingerichtet in New York (1776), Irland (1797), Toronto (1838) und Regina (1885). Mit dieser Reihe soll der geographische und zeitliche Kontext des 15. Februar 1839 erweitert werden und wird eine gewisse Generalanklage an das britische Kolonialreich vorgebracht.

Hier geht es, mit den Worten von Th. Macho um die « symbolischen Leistungen von Datierungstechniken und Kalendern ».

Die beiden Ereignisse, die Zeremonie der gemeinsamen Flagge und der gewaltsame Tod der Aufständischen von 1837-38 haben den Punkt im Kalender gemeinsam. Dieser Punkt, das Datum, scheint allerdings erst im diskursiven Ereignis, wenn es wichtig gemacht wird, auch wichtig zu werden. In radikaler Lesart könnte man also sagen « ... daß Datierungen weniger Ereignisse codieren als vielmehr andere Datierungen, und daß die codierten Augenblicke der Gewalt ... auch Auskunft geben über die strukturelle Gewaltsamkeit der Kalendercodierungen selbst, die sich stets gegen konkurrierende Kalendercodes richten. »208

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In der Parlamentssitzung des House of Commons in Ottawa vom 15. Februar 2001 findet die Asynchronität der beiden Daten einen Ausdruck politischer Prägnanz. Unmittelbar nachdem ein Vertreter des Bloc Québécois auf den Film Falardeaus und dessen Protagonisten Chevalier de Lorimier209 als unsterblichen Helden verwiesen hatte, kam der ‘nationale Flaggentag’ zur Sprache. Zunächst äußerte sich Beth Phinney (Hamilton Mountain, Liberal Party) zum Thema, erst französisch (hier übersetzt):

Mr. Speaker, on this, Canada's National Flag Day, perhaps you will permit me to cite the benefits of the citizenship we share as Canadians.

This year's festivities focus on our country's diversity. This is a particularly happy choice, in view of the way our country has developed since we adopted our current flag 36 years ago.210

und dann in englischer Sprache:

We are fortunate that Canada can claim a level of multicultural diversity without parallel in the world. As we continue to work to strengthen the federation, National Flag Day gives us a prime opportunity to reflect on this vital and continuing part of our heritage.

I know all members will join the constituents of Hamilton Mountain and me in reaffirming our commitment to Canada and the values that our country and flag represent.211

Im Anschluss an Phinney sprach Cheryl Gallant (Renfrew – Nipissing – Pembroke, Canadian Alliance ) und stellt dem Parlament ein Lied vor, das eigens zu Ehren der Ahornfahne komponiert wurde, von ganz besonders patriotischen Wählern (« constituents »):

Mr. Speaker, it is with great pleasure that I rise in the House to recognize National Flag of Canada Day and to draw attention to the song Our Great Canadian Flag. This song was written to honour the Canadian flag on this day.

The Canadian flag song was inspired by three very patriotic constituents of mine: Marjorie Ranger who wrote the lyrics and Ron and James Resmer who composed and recorded the music.

National Flag of Canada Day gives all Canadians the opportunity to celebrate the most visible and recognizable symbol of Canada. The Canadian flag song complements that recognition at a time when the burden of national unity and the need for symbols were never more pressing. The song eloquently states what we as Canadians believe:

Up in the Great Canadian Skies
Our Flag soars High and Free
As far to the East as to the West
It flies with Dignity

Portrayed by the Maple Leaf
Red and White combined
It reminds me of our Heritage
In this Noble Country of mine212

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Im Gremium der Legislative trafen sich die beiden Daten, oder besser, die beiden (Identitäts-)Verweise des 15. Februar in der Berührungsnähe eines Segmentes (14.05 Uhr) des parlamentarischen Zeitplanes. Näher werden sich die Daten und ihre Feste nirgends kommen.

Wichtiger und kalendertechnisch zentraler liegt der eigentliche Nationalfeiertag Kanadas. Entstanden nach der Zusammenlegung der nordamerikanischen Gebiete im Besitz der britischen Krone (British North America Act, 1867) wurde der 1. Juli als Geburtstag der Konföderation per Gesetz 1879 zum Feiertag. Später erhielt das als Nationalfeiertag bezeichnete Fest den Titel Dominion Day, im Sinne der biblischen Anspielung, mit der sich Kanada nunmehr offiziell bezeichnete. 1982, im Jahr der Heimholung der Verfassung ( le rapatriment de la Constitution ), wird die Feier zum Canada Day. Th. Macho spricht von typischen Nationalfeiertagen in der Form von « ...Verfassungs- oder Republiktage[n], die einen staatskonstitutiven Akt - wie die Verabschiedung einer Verfassung oder die Ausrufung einer Republik - zum Ursprungsereignis erheben ... »213. Kanada ist kein typischer Fall, es ist keine Republik und hat erst seit 1982 eine eigene Verfassung, die wie bereits erwähnt bis heute kontroverse Debatten provoziert und von Québec als einziger Provinz nicht unterzeichnet wurde. Was alljährlich am Canada Day gefeiert wird, ist, wie der frühe Name besagte, ein Geburtstag. Der Geburtstag eines unmündigen Kindes, könnten böse Zungen hinzufügen.

Fast ganz Kanada feiert seinen nationalen Geburtstag am 1. Juli jedes Jahres, fällt die Feier auf einen Sonntag, dann ist es der 2. Juli. Kanada feiert einen Geburtstag, weil es keinen befreienden Sturm auf ein Staatsgefängnis oder durch trennende Mauern kennt. Einen Independance Day als solchen gibt es nicht, die englische Königin ist nach wie vor, wenn auch nur symbolisch, Staatsoberhaupt. Immerhin gab es Kritiker, die der Meinung waren, nicht die Confederation, sondern das Westminster Statute 214 sei die Feier wert, war doch erst im Dezember 1931 offiziell der Kolonialstatus Kanadas aufgehoben worden. Aber wer wollte einen nationalen Geburtstag im Juli gegen eine etwas beschämende Erinnerung im Dezember eintauschen?

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Das einschränkende « fast ganz Kanada » wird verständlich, wenn ein anderer Nationalfeiertag im Kalender sichtbar gemacht wird: die fête nationale der Frankokanadier, oder genauer gesagt, der Québécois. Am 24. Juni feiert man in Québec in waghalsiger Nähe zum kanadischen Nationalfeiertag ein Fest gleicher Denomination. Die Geschichte dieser Feier allerdings entstammt einer anderen Kultur, in mehrfacher Hinsicht.

In der Umgangssprache der Québécois heißt die Feier la Saint-Jean (Baptiste), die Feier des Heiligen Johannes. Der 24. Juni markierte im vorchristlichen Europa das Fest der Sommersonnenwende und wurde schließlich zum Namenstag dessen, der als « Stimme in der Wüste » mit Wasser tauft und jenen, der mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen wird, ankündigt (Mt 3,3; 3,11; Lk 3; Mk 1).

Mit der Ankunft der ersten Franzosen am Sankt-Lorenz-Strom wurde die Feier des Täufersauch in der Neuen Welt gefeiert, davon berichten schon die Relations des Jésuites aus dem 17. Jahrhundert. Wie anlässlich anderer religiöser Feiern ziehen am 24. Juni Prozessionen durch die Straßen und die Feier wird auch zu einem öffentlichen lokalen Ereignis. In dieser wesentlich von den langen Wintermonaten geprägten Kultur hat der längste Tag des Jahres somit seit langem einen ganz besonderen Stellenwert. Erst im 19. Jahrhundert bekam der gemeinschaftsfördernde Aspekt der bislang religiösen Feier eine neue politische Nuance: Im Jahre 1834 wird am 24. Juni in Montréal ein « patriotisches Bankett » organisiert, das als großer Erfolg gefeiert wurde und als erste Nationalfeier Québecs (bzw. der Canadiens ) in die Geschichtsbücher einging. Unter Ludger Duvernay hatte eine Gruppe von Montréalern im März des selben Jahres eine Gesellschaft gegründet, die sich « Aide-toi et le ciel t’aidera » (Hilf dir und der Himmel wird dir helfen) nannte. Später wurde aus der Gesellschaft die Société Saint-Jean-Baptiste, bekannt und aktiv bis in die Gegenwart. In diesem Umkreis war das Bankett am Namenstag des Heiligen Johannes organisiert worden. « Patriotisch » stand hier für die antikolonialistische und emanzipatorische Haltung der Aktivisten und so ist es wenig verwunderlich, dass die Gäste des Banketts anglophone und frankophone Untertanen der Krone vereinte.

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Dennoch war klar, dass es sich bei einer fête nationale um eine Feier der (französischsprachigen) Kanadier handeln würde. In seiner Ausgabe vom 26 Juni 1834 entwirft das französischsprachige Blatt La Minerve eine überaus optimistische und zutreffende Sicht auf die neue Feier: « Cette fête dont le but est de cimenter l'union des Canadiens ne sera pas sans fruit. Elle sera célébrée annuellement comme fête nationale et ne pourra manquer de produire les plus heureux résultats. » 215Der Autor spricht mit gutem Grund davon, die nationale Gemeinschaft durch eine religiöse Feier zu « zementieren », die man nunmehr als nationale Feier (comme fête nationale) begeht. Denn « Nationale Feiertage sind eben häufig junge Feste mit vergleichsweise geringer kultureller Stabilität; daraus lässt sich vielleicht auch das Bedürfnis ableiten, die ursprungsmythische Aura der Heiligenfeste politisch zu funktionalisieren. »216

Seit jenem Junitag im Jahre 1834 wird, wenn auch mit Unterbrechungen, der Tag des Heiligen Johannes in Québec als fête nationale gefeiert. Am Ende des 19. Jahrhundert hatte sich die anfänglich urbane nationale Feier überall in Québec durchgesetzt, und seit 1925 ist die Feier durch einen Beschluss der Legislative ein offizieller Feiertag. Im Informationsmaterial zur Feier im Jahr 2001, die vom Comité de la Fête nationale de la Saint-Jean inc organisiert wird, macht ein mot du président des Komitees den integrativen Anspruch der nationalen Feier stark und unterstreicht die Bedeutung der vergangenen und der zukünftigen Aktivisten:

Le Québec est fier de ce qu’il est, peuple parmi les peuples, nation parmi les nations de la terre. Les Québécoises, les Québécois d’aujourd’hui sont fiers de ce qu’ont fait, avant eux, tous ceux et celles qui les ont précédés, comme ils sont fiers de ce qu’entreprendront, après eux, tous ceux et celles qui continueront à renforcer le Québec....J’invite également tous ceux qui viendraient à passer par chez nous, d’où qu’ils viennent, à venir partager notre joie.

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Fêter un peuple, fêter avec le peuple, c’est fêter l’humanité!

Guy Bouthillier, président 217

Man denkt an die Canadians of all origins aus der Erklärung Jean Chrétiens zum Flag Day, wenn man auf den Ankündigungen zu Québecs Nationalfeier liest: « Bonne Fête nationale à tous les Québécois de toutes origines. » ― ein Hinweis auf die Bedeutung, die hier wie da einer offenen Integrationspolitik und ihren demokratischen und demographischen Dimensionen beigemessen wird. Im Falle Québecs ist dieser Hinweis auch deshalb nicht ohne Interesse, weil der Begriff Québécois eindeutig als politische Referenz fungiert und sich damit von einer ethnisierenden Bezeichnung distanziert. Die Feier in Québec wird heute von einem speziell gebildeten Komitee vorbereitet, die Städte Québecs sind mit blau-weißen fleurdelisés, der Nationalflagge Québecs, geschmückt und die öffentlichen Feiern bestehen aus Feuerwerken, Konzerten, Theateraufführungen und Prozessionen. Die Fête nationale du Québec für das Jahr 2002 kündigt sich auf einem Plakat der Société Saint-Jean-Baptiste in eben diesem Sinne an: Grand spectacle, Défilé et feu d’artifice - Großes Show-Spektakel, feierlicher Umzug und Feuerwerk. In den geographischen Umrissen Québecs zeigt das Plakat einen Fan der Nation, ein Mädchen mit blauem Lilien-make-up in jener euphorischen Pose, die Rockkonzerten, Fußballspielen und Nationalfeiern gemein ist.

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In exemplarischer Weise illustriert die fête nationale Québecs einen möglichen Entwicklungsweg für eine Struktur der nationalen Moderne: heidnisch - christlich - national. Die Teile dieser Trias scheinen sich weit weniger im Weg zu stehen, als man annehmen könnte.

Die oben beschriebene Nationalfeier Kanadas am 1. Juli überzieht das Land mit dem Rot der Ahornflagge, eine gute Woche nach dem Festtag in Québec.

Der 1. Juli wird in Québec vor allem als Umzugstag begangen – in erstaunlicher Synchronität ziehen am gleichen Tag gewaltige Mengen von Montréalern und Québecern aus ihren alten Wohnungen, deren Mietvertrag abläuft, in gerade leerwerdende Wohnungen.

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In humoristischer Absicht spielt ein Artikel der Zeitung La Presse zum 1. Juli mit der Überschrift Un message au Canada ein betrübtes Kanada, das ohne seine Freunde feiern muss:

Bonjour, c’est moi, le Canada . Au cas où vous ne sauriez pas, c’est ma fête. Aujoud’hui même. Ça n’a pas l’air de vous déranger beaucoup. Vous avez d’autres choses à faire. Vous êtes occupés à déménager [...] C’est quoi, cette idée de déménager le 1er juillet ? Vous faites ça pour rire de moi. Aimeriez-vous que tous vos amis déménagent le jour de votre fête ? [...] Une année, c’est correct. Mais tous les ans, c’est un peu exagéré ! Je le prends personnel.218

Wirklich ärgerlich wird Stéphane Laportes Kanada erst, als ihm einfällt, dass eine Woche vor dem Umzug groß gefeiert wurde, und zwar national:

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Surtout qu’une semaine avant, c’est la fête de mon cousin, le Québec. Le chouchou. Le chanceux. Lui, il a un beau party. Vous êtes tous là. Vous lui faites une parade. Un gros show. Avec les plus grands [...] Plein de beaux souvenirs. Avez-vous un seul souvenir d’une de mes fêtes ? Ben non [...] pour me faire filer encore plus rejet, le 24 juin, vous appelez ça, la fête nationale. Si le 24 juin, c’est votre fête nationale, c’est quoi le 1er juillet ? Noël ?219

Einmal beim Thema, wird ausgeholt und von der Andersartigkeit des Engländers über die confusion originelle der Namen bis zur Nationalhymne das Psychogramm des kanadischen Identitätsdramas skizziert.

Bien sûr que les Anglais me fêtent en grande. Qu’à Toronto, Vancouver, Halifax, j’ai droit à un méchant party [...] moi, c’est ici que je veux me faire fêter. Parce que je viens d’ici. Le Canada, c’était le nom du Québec avant. Si maintenant c’est le nom du whole country, c’est à cause de la fusion. Y’ont donné mon nom à toute la grosse affaire...le vrai Canada , ça demeure le Québec.

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Même que le Ô Canada , mon hymne national, a été composé pour le 24 juin, pour la St-Jean-Baptiste. Au fond, c’est moi, qu’on devrait fêter ce jour là [sic], pas mon cousin...Ma fête au Québec est une cause perdue. Je le sais [...] Bon déménagement tout le monde! Snif. Signé Le Canada .220

Eine journalistische Zusammenfassung zum Nationalfeiertag Version Ahornblatt und seinen Tücken findet sich in der Globe and Mail vom 2. Juli 2002. Von Küste zu Küste wird der 135. Geburtstag der Nation gefeiert, und die Art zu feiern ist « one of our identifying national truths ». Man versammelt sich für Musik und patriotische Nachrichten aus Afghanistan und aus der Welt des Sports:

Thousands of people suffered the heat on Parliament Hill yesterday to hear Prime Minister Jean Chrétien praise our renewed « optimism and pride », to catch the strumming of Buffy Sainte-Marie, and the rapping of Maestro, and to stand in a crowd of Maple-Leaf toting patriots and shout « Oh Canada! » with a six-year-old boy leading the way.

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They cheered when Heritage Minister Sheila Copps celebrated our « multiculturalism. » And clapped with reverence when Mr. Chrétien named the four soldiers who died from a U.S. bomb carelessly dropped in Afghanistan.

But the whoops of national fervour were reserved for any time anyone mentioned hockey and the gold medals our teams brought home this year.221

Die Berichterstatter aus Anglokanada schreiben von der landesweiten euphorischen Begeisterung aller Art: « ... Across the country, Canadians boisterously celebrated their national pride, toting Maple Leafs [...] At Signal Hill in Newfoundland, the locals rose at 5 a.m. to watch the sunrise on the country's 135th birthday. » Auch in Montréal wird gefeiert, obwohl hier eine der Fahnen nicht so recht zur Feier passen will:

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In Montreal, thousands lined the streets in hot, sticky weather to cheer marching bands, antique cars and floats that made up the city's 25th annual Canada parade.

The Maple Leaf was waved beside flags for countries like the United States, Italy and France, and the odd Quebec Fleur-de-lis.

Der Bericht aus Québec fällt aus dem Rahmen der nationalen Feierstimmung:

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One negative twist on the day occurred in Quebec City, where a group of separatist supporters, including children, trampled on a Canadian flag. A line of police officers stood between the participants of an annual flag-raising ceremony at City Hall, and the 75 separatists, including one carrying a Canadian flag defaced with black paint, who chanted « Quebec to Quebeckers ».

Vor 50 000 Feiernden findet die Generalgouverneurin Kanadas in Ottawa aber die richtigen Worte für eine Affirmation des kanadischen Nationalcharakters: « ’We certainly do have a Canadian character’, Governor-General Adrienne Clarkson said in her speech, ‘and it's different than anybody else's in the world.’ »222 Die Nähe der beiden nationalen Feiertage wird im Übrigen auch zum Grund für Komplikationen, wenn aus meteorologischen Gründen die Feierlichkeiten in Québec um eine Woche verschoben werden sollen und die Organisatoren nunmehr in direkter Weise mit der Konkurrenz der Feiern konfrontiert sind. So geschehen im Sommer 2001, als heftige Regenfälle den Umzug in Montréal unmöglich machten. Auf der Titelseite der Montreal Gazette findet man unter der Überschrift Fête-Canada Day combo nixed wichtige Hinweise zu den gegenläufigen Ansprüchen der beiden Nationalfeiern Kanadas. Mit den Worten « We already have a blue-and-white Quebec float. We could have a whole Quebec section » kam von Roopnarine Singh, Organisator der Canada Day Parade seit 1978, die Einladung, die federal birthday party gemeinsam zu feiern.

Die selbstsichere Antwort des Präsidenten des Festkomitees entbehrte nicht einer unfreiwilligen Komik:

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« I thank Mr. Singh for his nice invitation, but it would be impossible, » Bouthillier said. « You can’t transform a night parade into a day parade. » Besides, Bouthiller said, his parade’s grandeur would have overshadowed Singh’s event: « Ours is too huge. We would be destroying his show because ours is much more elaborate. And that would be unjust to him. »

Bouthillier geht im weiteren auf einige technische Probleme mit der Verlängerung der Leihfrist für die Ausrüstung ein und vergisst nicht, mit einer lakonischen Bemerkung und nunmehr freiwilliger Komik auf den politischen (und kulturellen) Kern der Schwierigkeit einer gemeinsamen Feier zu verweisen. Ch. Fidelmann, der Autor des Artikels, schreibt:

When Montreal festivities marking Greek National Day in March were canceled because of snow, the event was rescheduled for the following weekend. But organizers did not have to contend with, for example, a Turkish festival on the rescheduled day, Bouthillier said. « We thought of asking Canada Day organizers to delay their festivities for one week, but I don’t think they would agree, » he said jokingly.223

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In Le Devoir vom gleichen Tag schreibt J. Coriveau, die Organisatoren haben versucht, eine Möglichkeit zu finden, den Umzug um eine Woche zu verschieben, jedoch erlaube der calendrier des événements culturels dies nicht « ... et surtout que l’événement ne pouvait être conciliable avec la Fête du Canada. ‘Il y aurait eu confusion de style et de patriotisme,’indiquait Guy Bouthillier, président du Comité de la Fête nationale. »224 Zu einem Durcheinander der Stile und Patriotismen soll es also besser nicht kommen – immerhin würde damit ein Feld symbolischer Kämpfe aufgegeben. Die Identitätsreferenzen der beiden Nationalfeiern unterscheiden sich aufgrund ihrer Logik und der Stellung im Rahmen einer Differenzökonomie. Kulturkonflikt ist nicht nur eine Realität, sondern auch ein (freilich nicht notwendigerweise problematisches, pathologisches) Programm. Der mit dem beiläufigen for example ein wenig entschärfte Hinweis auf die griechisch-türkischen Gegebenheiten ist in diesem Sinne ein Indiz für den Modus der (Re-)Produktion antagonistischer Positionen in der Kultur. Der feierliche Umzug in Montréal wurde nicht um eine Woche, sondern um ein Jahr verschoben und findet am 23. Juni 2002 unter dem Titel « Des fêtes qui nous rassemblent » (Feiern, die uns zusammenbringen) statt.

Die « Herrschaft über die Zeit » kann als eine der wichtigen Aufgaben in der Kultur angesehen werden, eine der Aufgaben, deren Lösungsvorschläge sich tief in das gemeinschaftliche Gedächtnis legen und fortan als unbewusste ‘Normalität’ bestehen. Die strukturierende Struktur des wichtig gemachten Datums steht, wie oben dargestellt, im Zentrum derartiger Politik. Auf einen solchen Aspekt der Langzeitwirkung kalendarischer Politik verweist Th. Macho, wenn er vom « ... jahrhundertelange[n] konfessionelle[n] Streit zwischen Protestantismus und katholischer Gegenreformation um die Priorität von ‘Geburtstagen’ oder ‘Namenstagen’ »225 spricht.

Werfen wir einen Blick auf das bisher Gesagte: der Canada Day wurde geboren als Geburtstag der Nation ( Birthday of Confederation ) und wird als solcher bis heute begangen. Die Nationalfeier der Québécois zieht seine Inspiration aus dem Namenstag eines Heiligen.

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Der Name eines weiteren Heiligen hat die Geschichte Frankokanadas seit den frühen Tagen der Kolonie bis in die Gegenwart begleitet. Jacques Cartier erreicht am 10. August 1535 eine große Bucht, die ihm, wie er hofft, den Seeweg nach China eröffnet. Dem Namenstag des Heiligen Lorenz (210-258) entsprechend, gibt er der Bucht den Namen la baie Saint-Laurent. Der spanische Diakon war im Jahre 258 den Märtyrertod im Feuer gestorben und gab Jahrhunderte später einem Fluss, Städten und Wäldern ( les Laurentides ) den Namen, weil sein Tag im katholischen Kalender vermerkt war.

J. Assmann hat auf die konstitutive Rolle von Selbstverständlichkeiten in der « symbolischen Sinnwelt » einer Kultur verwiesen226. Hier, im Kalender, werden Selbstverständlichkeiten illustriert und fixiert. Das anglikanisch-protestantisch dominierte Kanada setzt im Selbstverständnis kultureller Produktion eine ‘normale’ Politik fort, wie auch das katholisch dominierte Québec heute den genannten Konflikt um Geburts- und Namenstage in eigener Weise beantwortet. Dieser Tatbestand bietet sich in besonderer Weise an, « die Geschichte nationaler Feiertage als Material mentalitätshistorischer Analysen zu verwenden. »227

Dass es sich hierbei nicht um einen wenig relevanten historischen Unfall handelt, lässt sich gleichwohl einfach aufzeigen. Ein anderer offizieller Feiertag im kanadischen Festkalender, der Victoria Day, spielt, wenn man so will, mit offenen Karten. Gefeiert wird der Victoria Day seit der Regentschaft von Königin Victoria (1837-1901). Der Geburtstag Victorias wurde von der Legislatur der Province of Canada 1845 zum öffentlichen Feiertag gemacht. Zu Beginn der Herrschaft Victorias waren die britischen Kolonien in Nordamerika noch in Upper Canada und Lower Canada geteilt. Diese Teilung entsprach der Trennung in englischsprachiges und französischsprachiges Kanada. Durch den Union Act von 1840 waren die Kolonien zusammengelegt worden - nicht zuletzt als Ergebnis der Aufstände von 1837-38 und der Empfehlungen des Durham Report, in dem die Notwendigkeit der Assimilation der « kulturlosen » frankokanadischen Provinz nahegelegt worden war. Der Feiertag des Victoria Day war nunmehr eine symbolische Besiegelung der Situation. Alle Untertanen der Königin feierten am gleichen Tag, wenn auch für die Frankokanadier unter dem etwas weniger verfänglichen Namen fête de la reine oder fête du souverain. Mit den Kanadiern, zumindest den English Canadians, sangen das « 24th of May is the Queens Birthday ... » Schulklassen im jamaikanischen Kingston, im nordrhodesischen Lusaka und in Wellington, Neuseeland. Bis 1901 wurde alljährlich der 24. Mai in Kanada als Geburtstag der Königin gefeiert, seit der Confederation (1867) wurde per Erlass geregelt, dass die Feier am 25. stattfinde, wenn der 24. Mai auf einen Sonntag fällt. Offengelegt wurde die fiktive Natur des Souveränengeburtstages erst, als nach dem Tod Victorias der Geburtstag des Königs, Edward VII, geboren an einem 9. November, am 24. Mai gefeiert wurde. Das kanadische Parlament entschied 1901, den Geburtstag des Monarchen alljährlich unter dem Namen Victoria Day am 24. (bzw. 25.) Mai zu begehen. Diese flexible Geburtstagspolitik war in Großbritannien schon vorher praktiziert worden. Georg IV. (1820-1830) und Wilhelm der IV. (1830-1837) feierten ihre jeweiligen Geburtstage am 4. Juni, Tag der Geburt von Georg III. (1760-1820). « Wirkliche » Geburtstage waren eher die Ausnahme als die Regel. In Kanada hatte man sich entschieden, keine weiteren Änderungen vorzunehmen, alle Monarchen werden ihre Geburtstage am Victoria Day feiern. Seit 1952 ist der Punkt im Kalender folgendermaßen bestimmt: gefeiert wird alljährlich am Montag vor dem 25. Mai.

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Es fällt schwer zu glauben, dass die Erfolgsgeschichte des Geburtstages von Königin Victoria nicht von der omenhaften Bedeutung ihres Namens geschrieben wurde. Der Tag hätte wahrscheinlich weder als Edward Day noch als Elisabeth Day bestehen können, ganz zu schweigen von einem Mary Day. Die eingebaute Prophezeiung siegreicher Unternehmungen ist von den Omen anderer Namen nicht zu überbieten, am wenigsten hier im Vereinigten Königreich, wo die königliche Hymne seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Worten Send her [him] victorious ... God save the Queen [King] gesungen wird. Die siegreichen Unternehmungen der englischen Flotte mussten eigentlich auch nicht herbeigesungen werden und die Größe des britischen Imperiums sprach für sich. Die Hymne und der Victoria Day sind Teil einer feiernden Traditionspflege, die vom aufgestiegenen Weltreich bis in die kommemorierende Gegenwart reicht. Dies trifft zumindest für Kanada zu, in anderen Überseegebieten der britischen Krone erfährt die Geschichte des Feiertages eine interessante Nuance:

Der « Victoria Day » wurde 1890 bis 1934 als Nationalfeiertag Australiens, und zwar jeweils am ersten Montag nach dem 26. Januar gefeiert: zur Erinnerung an den Landungstag von Captain Arthur Philipp... Der « Victoria Day » wird seit 1935 unter dem unverfänglicheren Titel « Australia Day » - jedoch zum selben Datum! - begangen.228

Der Victoria Day und der, wenn man so will, « Nation Day » sind in Australien letztlich zusammengefallen. Kanadas eher verfänglicher Canada Day steht im Kalender in ausreichendem Abstand zum Victoria Day und konkurriert, wie oben gezeigt, mit einem anderen Datum. Dieser Punkt ist von außerordentlicher Bedeutung, weil er zeigt, in welch regem Verhältnis die beiden Einsamkeiten der kanadischen Föderation stehen. Von einer Autonomie kultureller, und für den hier dargestellten Fall, kalenderpolitischer Gegebenheiten kann nicht die Rede sein. Die Bedingungen kultureller Produktion können in ihrer Komplexität nicht ohne einen (impliziten oder expliziten) Blick jenseits des Rahmens verstanden werden, der im Selbstverständnis eines « kulturellen Raumes » gezogen wird. Ein weiteres Beispiel aus Québec soll zeigen, dass im 19. Jahrhundert nicht nur der Nationalfeiertag formuliert wurde, sondern auch ein Feiertag, der das kalendarische Konkurrenzunternehmen auf den Punkt bringt.

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Wie bereits erwähnt, wird der Titel des Victoria Day im Französischen mit La fête de la Reine wiedergegeben. Ein Jour de victoire (im Sinne einer chosen glory bei V. Volkan) könnte sich eigentlich nur auf die nunmehr weit zurückliegenden großen, siegreichen Unternehmungen der französischen Armee in Nordamerika beziehen, und in der Tat finden sich entsprechende Veröffentlichungen. Eine 1997 erschienene Anthologie und Liedsammlung mit dem Titel Victoires et réjouissances à Québec 229 stellt das Ensemble Nouvelle-France mit Interpretationen alter Lieder vor. Unterstützt wurde die Produktion von der Commission de la capitale nationale du Québec. Herausgegriffen aus dem Fundus von Siegesliedern sei nur ein Beispiel, der Lobgesang vom Rückzug der Engländer:

Cantique sur la rettraite des Anglois (Québec, 1711)
(Par une Dame de Québec)

Ah! Quel bonheur pour la Nouvelle-France,
On y craint plus les armes des Anglois,
Le Ciel s’offense de leur projet
Et pour ne point exposer les François,
Il prend tout seul le soin de leur défense.

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Londres, Boston, Manhatte et Albanie,
Les Mohicans, les Loups, les Iroquois,
Quelle manie ! Ces gens sans loi
S’entendent tous à travers les bois,
Pour s’emparer de cette colonie.230

Die Flotte der die Stadt Québec angreifenden Engländer war von einem Sturm zerstört worden, die Himmel sind gerächt, und so kann der Heiligen Jungfrau Dank für den Sieg gesagt werden:

Vous triomphez, Vierge ! Votre victoire
Doit aujourd’hui surmonter ma tiédeur
Que la mémoire de ce bonheur
Fasse du moins cet effet sur mon cœur,
Qu’il soit brûlant d’amour pour votre gloire.231

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Nun soll hier nicht argumentiert werden, dieser Text sei fester Bestandteil im kulturellen Gedächtnis der Frankokanadier oder der Québécois. Allerdings gibt es keinen anderen Kontext, in dem Victory (oder, um zum Kalendertag zurückzukommen, der Victoria Day ) für diese einen Sinn zu ergeben scheint. Dementsprechend ist der (polemische) politische Diskurs in Québec vom Gegenteil gekennzeichnet: dem Topos des Verlierers, des peuple conquis, der Conquête durch die britische Krone. Der « Sinn der Conquête », verhandelt am Beispiel eines Historikerstreits und in einem Vergleich zweier Romane aus dem 19. Jahrhundert wird im Kapitel « Le sens de la Conquête » diskutiert; hier zeigt sich unter anderem, wie sich historiographische und literarische Produktion gegenseitig inspirierten.

Die gewonnene Schlacht vor Québec im Jahre 1711 liegt chronologisch in weiter Vergangenheit, als sich Historiker und Geistliche, auch in Personalunion, im frühen 20. Jahrhundert in Québec für einen Feiertag stark machen, der datumsgleich mit dem des Victoria Day öffentlich begangen werden soll. Seinen Namen erhält der Feiertag von einem « Helden und Heiligen », der für die junge Kolonie den Märtyrertod starb. Im Kapitel « Aufstieg und Abgang des Adam Dollard des Ormeaux » findet sich eine Betrachtung der bemerkenswerten Karriere des Mythos um Adam Dollard des Ormeaux. Die Fête de Dollard wurde bis 2002 alljährlich im Mai, am Tag der Geburtstagsfeier der britischen Monarchin (bzw. des Monarchen), begangen und ist ein deutlicher Ausdruck konkurrierender Kalender und der Besonderheiten des innerkanadischen Kulturkontakts. Die Konkurrenz ist nicht auf die Trennlinie zwischen Anglokanada und Québec begrenzt.

In Québec wurde seit einiger Zeit neben anderen Vorschlägen ein Feiertag der Patriotes als alternative Bezeichnung für die Fête de Dollard diskutiert.232 Gleichzeitig gab es Stimmen, die die kalendarische Erinnerung an die Aufstände der Patriotes von 1837-38 auf den 15. Februar gelegt sehen wollten. Beiden Tagen wäre das mit dem (anglo-)kanadischen Festtagskalender konkurrierende Element gemein, im Februar der Flag Day, im Mai der Victoria Day. Was die beiden Daten unterscheidet, ist ein nicht zu unterschätzendes Detail: Im Februar würde an die Hinrichtung von fünf Märtyrern der Patriotes, an den Tod und das Ende einer demokratischen Bewegung, im Mai hingegen an die zahlreichen Volksversammlungen, den « Frühling der Demokratie » in Kanada, an einen Anfang also erinnert werden. Das Parlament Québecs unter der Regierung des Parti québécois hat sich für den Feiertag im Mai entschieden. Ab 2003 wird der 24. Mai als Journée nationale des Patriotes begangen.233

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Die Entscheidung ist in mehrerer Hinsicht von Bedeutung. Zunächst wird damit der Name von Dollard des Ormeaux aus dem Kalender verdrängt. Auf die Hintergründe dieser politischen Geste wird im genannten Kapitel ausführlicher eingegangen. In Konkurrenz zum Victoria Day wird außerdem ein Ereignis gestellt, das im Namen einen nationalen Feiertag ― die Designation ist im Kontext konkurrierender kanadischer Nationenkonzepte zu sehen ― mit jenen Helden verbindet, deren politische Ziele und Gegner sich besser eignen, in den Kämpfen der Gegenwart erinnert zu werden. In Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas » wird, wie oben erwähnt, das Thema der Patriotes in Zusammenhang mit dem Film 15 février 1837 von Pierre Falardeau diskutiert.

Die konsultierten Festtagskalender von öffentlichen Einrichtungen Québecs, Schulen, Universitäten, Banken, beinhalten keinen Verweis auf die Parallelität der Fête de Dollard mit dem Geburtstag der 1901 verstorbenen britischen Monarchin und ihrer Nachfolger(innen). Im Calendrier des jours fériés der Université du Québec à Montréal findet man die Fête de Dollard für die Montage 20. Mai 2002, 19. Mai 2003 und 24. Mai 2004 angekündigt234. Ein Blick in den Kalender der Official University Holidays 235 von Montréals McGill University, der größten englischsprachigen Universität Québecs, genügt, um sich ein Bild von den Indizien der beschriebenen rupture mémorielle zu machen. Der 20. Mai 2002 wird hier als Victoria Day gefeiert und der Nationalfeiertag Québecs trägt den Namen Saint Jean Baptiste Day. Die Frage ist nicht, ob der Universität vorgeworfen werden sollte, den Feiertag nicht beim richtigen Namen zu nennen oder die Realitäten des Landes (bzw. der Provinz), in der sie lehrt, zu ignorieren. Hier soll gezeigt werden, in welcher Form kulturelle, und damit Identitätsreferenzen, strukturiert sein können und vielleicht auch zu strukturierenden Schemata werden. Der Kalender der Universität macht mit einem kleinen Hinweis deutlich, dass die Feiergemeinschaft, der man sich zugehörig fühlt, jenseits der Grenzen der Provinz (bzw. des atlantischen Ozeans) liegt. Beiläufig und zutreffenderweise spricht H. B. Livesey von der « ... prestigious McGill University, which retains its Anglophone identity. » 236

Der Konflikt, um den es sich hier handelt, soll nicht als das Gegenteil eines zu wünschenden harmonischen Zusammenlebens verstanden werden, sondern als eine elaborierte Form von Kommunikation in der Kultur. Gilt es doch zu zeigen, dass sich progressive und konservative Elemente im Rahmen kultureller Produktion, im Rahmen symbolischer Kämpfe, aufeinander beziehen und dynamische Strukturen entwickeln können, die zu begrüßen sind. Die Bedeutung von symbolischen Distinktionen und der Kampf um Unterschiede lassen sich in jedem kulturellen Kontext aufzeigen. In Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder » werden Farben und Fahnen in Québec (und Kanada) als Ausdruck dieses Mechanismus gelesen.

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Der Blick in den Kalender als Veräußerung kultureller Realitäten musste gezwungenermaßen einer gewissen Logik etablierter Hegemonien folgen. Nicht jeder hat seinen und noch lange nicht jede Bewegung hat ihren öffentlichen Feiertag. Diese Bemerkung führt uns ein wesentliches Element des Nationalstaates vor Augen: geht es nicht gerade um ein Ausblenden sozialer und politischer Kämpfe, die die sinnhafte Kohäsion der nationalen Gemeinschaft in Frage stellen könnten? Und gerade weil die durch Kanada laufenden nationalen Linien anhand von sprachlichen Realitäten gezogen wurden (daran hat sich in der Praxis einiges, aber nicht viel geändert) ist der Kalender öffentlicher Feiertage Teil einer staatlich organisierten, hegemonialen Erinnerungspflege.237 Die Feiertage stehen jeweils für eine Erinnerungspflege der besonderen Art und haben doch gemeinsam, dass sie für « Alle » gelten, und die einklagende Rede von arm und reich, von Gewinnern und Verlierern anderer Kämpfe, übertönen.

Für Nordamerika kommt die für so manchen offene Frage hinzu, wem das Land eigentlich gehört. Nicht ohne Grund werden die amérindiens/Amerindians, die kanadischen Ureinwohner, nunmehr als The First Nations - les premières nations politisch repräsentiert, womit bekundet wird, dass ihr kollektiver Anspruch auf Anerkennung das Konzept der Two Founding Nations nicht akzeptieren kann. Der Kalender Kanadas hat keinen Columbus Day, auch keinem John Cabot oder Jacques Cartier238 ist ein Feiertag gewidmet239. Verglichen mit dem Nachbarn im Süden und dem hispanischen Amerika, wo die « Entdeckung » im Kalender markiert ist, findet sich hier kein kalendarischer « Akt territorialer Besitzergreifung »240, hingegen zeigt sich hier eine Leerstelle, die Fragen aufwirft.

Warum hat Kanada keinen kalendarisch zu feiernden Entdeckungstag? In seinen Berichten ist Jacques Cartier das Datum und den Ort seiner Ankunft betreffend sehr genau:

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Partimes du havre de Sainct Malo [...] le vigntiesme jour d’Apuril ouidit an, Mil cinq cens trante quatre; et auecques bon temps nauigans et vinmes à Terre Neuffue le dixiesme jour de May, et aterrames à Cap de Bonne viste estans en quarente huyt degrez et demy de latitude...241

Cartier ist sich auch der göttlichen Bestimmung des Ortes gewiss und beschreibt die Bewohner der Neuen Welt in diesem Kontext: « Il y des gens à ladite terre qui sont assez de belle corpulence, mais ilz sont des gens effarables et sauuaiges. Ilz ont leurs cheueulx liez sur leurs testes...Et y lient aulcunes plumes des ouaiseaulx. » 242 Doch deutet der Gebrauch der Ortsnamen ( Cap de Bonne viste; Terre Neuffue ) bereits auf ein Problem hin: baskische und bretonische Fischer kannten die Gegend gut, jedenfalls die Gewässer und Küsten, und die von ihnen benannten Orte fanden sich bereits auf den ersten Karten. Auch den die Insel bewohnenden amerindianischen Beothuk scheinen Europäer bekannt zu sein; sie wissen, womit sie von diesen welche Güter erhandeln können. Wahrscheinlich hatte der junge Cartier die Gegend auch schon auf einer früheren Fahrt gesehen. Cartier kann also schwerlich mit der Unschuld eines Kolumbus die Landschaft vor seinen Augen benennen und derartig Besitz ergreifen.

Der Geste der Besitzergreifung wird Cartier durch einen symbolischen Akt gerecht, dessen Datum eigentlich im Kalender markiert sein könnte. Am 23. Juli, so sein Bericht, lässt Cartier von seinen Männern an einer Landzunge der heutigen Halbinsel Gaspésie ein gewaltiges Kreuz errichten. Gaspé leitet sich von einem Wort der Micmac ab, die Bedeutung entspricht dem bretonischen Pen-Ar-Bed (finis terrae), von dem aus der Seefahrer in See gestochen war.243 Cartier beschreibt den Bau des Kreuzes, betont die religiöse und verschweigt die « rechtliche » Bedeutung seiner Errichtung.

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Le XXIIIe jour dudict moys nous fismes faire une croix de trente piedz de hault, qui fut fete deuant pluseurs d’eulx, sur la poincte de l’entrée dudit hable, soubz le croysillon de laquelle mismes ung escusson en bosse à troyes fleurs de lys, et dessus ung escripteau en boys en grant, en grosse lettre de forme où il y auoit Vive le Roy de France ; Et icelle croix plantasmes sur ladicte poincte deuant eulx, lesquelz la regardèrent faire et planter ; et après qu’elle fut esleuée en l’air, nous mismes tous à genoulx, les mains joinctes, en adorant icelle deuant eulx et leur fismes signe, regardant et leur monstrant le ciel, que par icelle estoit nostre Redemption...244

Cartier berichtet, dass der Häuptling (le cappitaine, vestu d’une veille peau d’ours noire) mit drei Söhnen und einem Bruder zu ihm kam und ihm wütend klarmachte, dass ihm die Angelegenheit nicht gefiel. Der Häuptling « zeigte auf das Land um uns, als ob er sagen wollte, dass ihm das Land gehörte, und dass wir ohne seine Erlaubnis das Kreuz nicht aufstellen dürften. »245

Die Micmac hatten im Laufe der Zeit einiges gelernt und besaßen eine Vorstellung vom Sinn europäischer Rituale. Cartier antwortet mit einer Lüge, die ihm eine Rüge aus Rom hätte einbringen können. Er erklärt dem aufgebrachten Kapitän im Schwarzbärenpelz, das Kreuz sei als Navigierhilfe errichtet worden, um die Einfahrt des Hafens wiederzufinden und um mit Geschenken zurückzukehren.246 Schließlich wird ein wenig gehandelt, und man erhält das Versprechen, das Kreuz werde nicht gefällt. In dieser Art war also auf das Land Anspruch angemeldet worden, welches den Weg nach China bedeutete. Erst auf einer späteren Reise fand Cartier die etwas weiter nördlich gelegene Bucht, der er den Namen Baie de Saint-Laurent gab.

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Der besagte 24. Juli hätte es also zu einem Kalenderereignis machen können. Der 10. Mai, Tag der Ankunft nach der Überquerung des Atlantik, wäre ungeeignet, weil vor Cartier schon Giovanni Caboto Neufundland gefunden hatte. Jedoch sind beide Tage wenig bekannt und finden sich in keinem öffentlichen Feierkalender. Außerhalb Neufundlands ist der Entdeckungstag (der 24. Juni!) ebensowenig bekannt.

Die hier angedeutete Verwirrung bezüglich der Entdeckung Kanadas hängt mit den kulturell vermittelten speziellen Ansprüchen auf Souveränität zusammen: ein Columbus Day - am 12. Oktober - verbietet sich, weil diesem durch die hispanische Komponente jede kanadische Distinktionskraft fehlen würde und weil er im US-amerikanischen Feierkalender seit 1971 für die ganze Nation etabliert ist. (Am 2. Montag im Oktober - vorher war der Tag nur in einigen Bundesstaaten Feiertag.) Für die Einrichtung des Kolumbustages hatten sich seit der Proklamation von Präsident Benjamin Harrison im Jahre 1892 vor allem die Knights of Columbus, eine internationale katholische Vereinigung, stark gemacht. Ein Cartier/Cabot-Tag hätte in Kanada keine guten Chancen, ein gemeinsames Datum zu finden und eine eigene (anglo- oder frankokanadische) Entdeckungsfeier würde die jeweilige andere Seite in einen absurden Wettstreit ziehen.

Ein weiter Punkt für die Abwesenheit eines Entdeckungstages, der im Wortsinn mit der Conquista Amerikas verwandt wäre, liegt in der historischen Konstituierung Kanadas. Eine gemeinsame politische Geschichte der Engländer und Franzosen (bzw. Canadiens) in Nordamerika beginnt erst mit dem militärischen Sieg der englischen Truppen vor Québec im Jahre 1759. Die Schlacht und ihre politischen und vor allem ideologischen Auswirkungen sind von zentraler Bedeutung, um die gegenwärtige Situation in Kanada zu verstehen. Das Ereignis wird im Französischen mit la Conquête, im Englischen mit The Conquest wiedergegeben. Dieses Ereignis wird, ohne Feierstimmung und ohne Datum, als Gründer- bzw. Ursprungsmoment definiert und musste also den konkurrierenden Begriff jener anderen als Entdeckung inszenierten Eroberung verdrängen. Die Gewalttätigkeit der einen Conquête hat den Blick auf jene andere und ihre Gewalt verstellt. Im Kapitel « Le sens de la Conquête » werden einige Aspekte der Conquête und der sie betreffenden Kämpfe um Interpretationen besprochen. Festzuhalten bleibt, dass die Präsenz eines Feier- oder Gedenktages im Kalender auf Elemente kultureller Gedächtniskultur weist. Wie am Beispiel des (fehlenden) kanadischen Entdeckungs- oder Landungstages gezeigt werden kann, mag der implikationelle Wert der Abwesenheit auf verdrängte historische Vorgänge und seine Interpretationen deuten oder auch mit der komplizierten Natur konkurrierender Ereignisse zusammenhängen.

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Abschließend sei auf ein Datum verwiesen, das in der Nationalversammlung Québecs im Juni 2002 erörtert wurde. Hier wird deutlich, in welcher Form ein konkretes historisches Datum 170 Jahre nach dem Ereignis zu einem politischen Verhandlungsgegenstand werden kann. Die Protagonisten der Angelegenheit belegen die gesellschaftliche Relevanz des Vorgangs um ein in neuer Art zu lesendes Datum: die Assemblée nationale Québecs, der Premierminister, die Präsidenten zweier eminenter Vereinigungen und der Bildungsminister.

In Anwesenheit von Joseph Gabay, Präsident des Canadian Jewish Congress für Québec, seinem Vizepräsident Victor Goldbloom und Guy Bouthillier, Präsident der Société Saint-Jean-Baptiste, wurde der von Premierminister Bernard Landry eingebrachte Antrag verabschiedet, den 5. Juni zum Gedenktag zu machen. An diesem Tag hatte die Volksvertretung von Bas-Canada 1832 ein Gesetz verabschiedet, das der (männlichen) jüdischen Bevölkerung alle Bürgerrechte zugestand. Von den amerikanischen und französischen Revolutionen inspiriert, war in Frankokanada damit ein Gesetz verabschiedet worden, das erst 27 Jahre später im britischen Rechtssystem ein Pendant fand.

Mit Bouthillier ist ein prominenter Vertreter der politischen Aktivisten der Unabhängigkeits- bzw. Sezessionsbewegung Québecs geladen und die jüdischen, zumeist anglophonen Organisationen in Québec machen aus ihrer Gegnerschaft zu diesem Projekt kein Hehl. Dieser gespannte Hintergrund gibt dem Ereignis in der Nationalversammlung seine Brisanz. Der Dissens ist sowohl politisch als auch sprachlich, wenig, wenn überhaupt religiös und im weiteren Sinne kulturell verankert. Als die Société Saint-Jean-Baptiste vor zwei Jahren zum gleichen Anlass einen Empfang mit dem Zusatz kosher reception organisierte, war keine der führenden Persönlichkeiten des Canadian Jewish Congress erschienen. So ist es wahrlich bemerkenswert, eine gemeinsame Veranstaltung zu finden, die einem ‘gemeinsamen Datum’ gedenkt. In seiner Rede an das Parlament findet J. Gabay folgende Worte, um die symbolische Bedeutung des Tages zu umschreiben:

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June 5 is therefore an excellent day to celebrate our common history that we can all be proud of. What better way to reaffirm our values of tolerance and human rights than the National Assembly, today the guarantor of those values, for which the foundation was laid by the Assembly 170 years ago.247

Bouthillier ging auf den Geist der Zeit um 1832 ein und versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass Mitglieder des von Papineau geführten Parti patriote zu den Gründern der Société Saint-Jean-Baptiste gehörten. Er sei erfreut, in Zusammenarbeit mit dem Canadian Jewish Congress den Schülern Québecs einen Teil ihrer Geschichte nahezubringen.

Eine großangelegte zweisprachige Posteraktion der Société Saint-Jean-Baptiste und des Canadian Jewish Congress soll in den Schulen an den 5. Juni 1832 als das Datum einer Jewish Magna Carta erinnern. Begleitet wird das Poster, in dem der demokratische Geist des Parti Patriote und ihres Führers genannt wird, von pädagogischem Material und einem Brief des Bildungsministers Sylvain Simard. Neben einem Bild von Papineau liest man die schönen Worte, die Louis Benjamin am 5. Juni 1832 im Jewish Daily Eagle für die Väter des Gesetzes fand: « Seuls des gens qui aimaient eux-mêmes la liberté et la justice pouvaient être assez généreux pour songer à la partager avec d’autres ... » (« Nur diejenigen, die selbst Freiheit und Recht liebten, konnten großzügig genug sein, sie mit anderen zu teilen. ») Das Plakat dürfte schon deshalb Aufmerksamkeit erregen, weil man nicht alle Tage das Lilienzeichen der Société Saint-Jean-Baptiste neben hebräischen Lettern und dem Signum des Congrès Juif Canadien – Région du Québec zu sehen bekommt.

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Der Premierminister Québecs, Bernard Landry, bemerkte seinerseits, dass die progressiven Werte, die so früh in der Geschichte dieses Volk gewirkt haben, ein Grund seien, diesem einen Platz in der Familie der Nationen einzuräumen. Landry bemüht sich seit einiger Zeit um ein besseres Verhältnis der jüdischen Gemeinde Québecs zu seinem Parti québécois, Regierungspartei seit Anfang der 90-er Jahre. Landrys Israelbesuch sorgte 1999 nicht nur in den Medien Québecs für Aufmerksamkeit. Die Kommentare Landrys zu diesem Verhältnis entbehren nicht einer kennerhaften Chuzpe, wie er im Mai 2001 in Montréal auf einem feierlichen Essen zum 53. Jahrestag der Gründung Israels zeigte. Der Witz, den er vor 350 Anwesenden im Gelber Centre zum Besten gab, enthält in wenigen Zeilen die Metapher für ein nicht immer spannungsfreies Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen (frankophonen) Québécois. David Lazarus, berichtete für die Canadian Jewish News:

He also drew one major laugh for a joke in which he described the chief rabbi of Quebec going to heaven and being welcomed into a simple abode.

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The rabbi noticed another dwelling, this one palatial, being reserved for Landry.

The furious rabbi beseeched God as to why, and He answered: « You, rabbi, when you talked about the Torah in the synagogue, everyone slept. But Bernard Landry, when he goes to synagogues to speak about sovereignty, everyone begins to pray. »248

In seiner mazel tov-Rede auf dem Empfang im Mai 2001 ging Landry außerdem auf die Gemeinsamkeiten ein, die Israel und Québec verbinden. Er nannte die Größe der Bevölkerung, die staatliche Sprachpolitik, die gemeinsamen Farben der Nationalflaggen und implizierte einen Unfrieden, der beiden gemein sei: « I hope the soft winds of peace will blow again on both lands. » Außerdem appellierte Landry an die jüdische Gemeinde, die politische Bewegung Québecs zu größerer Unabhängigkeit zu unterstützen. « Why is a socially democratic structure like the Parti Québécois incapable of attracting the 20 percent of the Jewish community who live below the poverty line? » fragte der Premierminister und berührte damit den heiklen Schnittpunkt, an dem sich soziale und sprachliche (bzw. religiöse?) Faktoren überlagern. Landry war, mit den Worten von D. Lazarus, « ...candid about sovereigntist aspirations, recognizing the federalist convictions of Quebec Jews, but asking his audience to reconsider. He said the ‘Quebec question’ will not go away. »

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Wenn Landry im Juni 2002 den eingangs erwähnten Antrag in der Assemblée nationale zum 5. Juni 1832 einbringt und in diesem Zusammenhang an die Souveränitätsansprüche Québecs erinnert, handelt es sich um eben diese Québec question, nur dass diesmal Landry (mit dem Parlament) der Gastgeber ist und die Vertreter der jüdischen Québécois die Gäste.

Gabays indirekter Kommentar zu den Ausführungen Bouthilliers und Landrys war, dass es verschiedene Interpretationen dieses Teils der Geschichte Québecs gebe, womit er Recht behalten dürfte. Denn der 5. Juni 1832 und das Gesetz zur Emanzipation der Juden in Québec sagt mehr aus über die ausgesprochen komplexen politischen und kulturellen Zusammenhänge als es eine Veranstaltung erahnen lässt, die von der vereinfachenden Vereinnahmung dieser Zusammenhänge gekennzeichnet ist. Dennoch sollte nicht übersehen werden, dass die symbolische Wirkung der gemeinsamen Aktivierung eines historischen Datums für alle Beteiligten von enormer Bedeutung ist.249 Jenseits der Barrieren, die kulturelle Welten voneinander trennen, und jenseits der getrennten Feierkalender der (mindestens) zwei Einsamkeiten, liegt das Gespräch in der Gesellschaft als Quelle neuer Ideen und eines neuen Blickes auf sich und den Anderen.

V. Volkan hat die Relevanz psychologischer Barrieren beschrieben, mit denen Großgruppen ihre jeweilige kulturelle Identität instand halten. Die Betonung von Unterschieden und der Verweis auf eigene Symbole dient nicht zuletzt einer ritualisierten Grenzziehung zu einem Nachbarn, der, wie ein gedachtes Prinzip in der Kultur lautet, anders sein muss als man selbst. Gerade in Krisenzeiten (aber wann beginnt und wann endet eine kulturelle Krise?) werden die Selbst- und Fremdreferenzen Differenzen in den Vordergrund stellen.250

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In Versagen der Demokratie schreibt Volkan « Nationen feiern ihren Unabhängigkeitstag »251 und stellt die Feier in den Kontext gewählter Ruhmesblätterchosen glories ). Wie hier gezeigt werden konnte, dürfen wir annehmen, dass Nationen auch ihre Abhängigkeitstage feiern. Der Monarchentag zu Ehren Viktorias ist ein solcher Dependence Day, und in vermittelter Form trifft es auch auf die Feier des Heiligen Johannes, la Saint-Jean Baptiste zu.

Freilich sind Abhängigkeit und Unabhängigkeit relative Begriffe, ein jour de dépendance in einem Kontext (das historische französisch-katholische Mutterland) ist in einem anderen (das englisch-protestantische Land der Gegenwart) ein Ausdruck politischer und kultureller Unabhängigkeit. In diesem Sinne sind die in Kanada bestandenen wars of dependence vor allem gewonnene Unabhängigkeitskriege gegen den Expansionismus der USA.252 Der 1. Juli als Tag der ― wenn auch nur bedingten ― Unabhängigkeit vom britischen Mutterland wird, wie ließe sich die Idee einer natürlichen Bindung besser ausdrücken, als Geburtstag gefeiert.

Der Kalender und seine kulturell institutionalisierte Indizierung des Sinnes der Zeit ist ein Austragungsort eben dieser identitätssichernden Rituale, auf die A. Warburg in der Mnemosyne zu sprechen kommt: « Bewußtes Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt darf man wohl als den Grundakt menschlicher Zivilisation beschreiben. »253

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Hinzuzufügen bleibt, dass der bewusste Charakter des Kampfes um Unterschiede diffuse Formen annehmen kann und seine für den Menschen und die Gesellschaft typische sprachliche bzw. symbolische Umsetzung gerade in der (auch unbewussten) Weitergabefunktion erhält. Institutionalisierte und verinnerlichte Zeichen für Unterschiede bedingen einander und sind Elemente jeder kulturellen Produktion. Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht in einem Versuch des Verstehens und der Deutung dieser Elemente anhand der kulturellen Realitäten der kanadischen Provinz Québec und des nordamerikanischen französischsprachigen Landes mit gleichem Namen.


Fußnoten und Endnoten

192  « Die Anfänge der Nouvelle-France sind von einem ursprünglichen Durcheinander und Chaos gekennzeichnet, von dem sie auch 450 Jahre Geschichte nicht befreien konnten [...] Kein Wunder also, dass Canada und Québec heute noch immer mit der gleichen toponymischen Verwirrung zu tun haben. » H. Weinmann, a.a.O., S. 113.

193  Ebda., S. 143.

194  Herbert Bailey Livesey: « Québec City & the Gaspé Peninsula » in: Frommer’s Canada (11. Ausgabe), IDG Books Worldwide, Inc., Foster City 2000, S. 272; meine Hervorhebung.

195  Zum Konzept der built world as memory bank siehe Donald Preziosi: « The study of the human environment - the built world - may be said to define a conceptual space formed by the intersection of certain key issues in human psychology, anthropology, sociology, and communication theory. » The Semiotics of Culture, Volume 2, Language and other Semiotic Systems of Culture, Frances Pinter, London, Dover N.H. 1984, S. 47.

196  Zur politischen (und nationalen) Dimension des Sportes siehe: Neil Blain, Raymond Boyle, Hugh O'Donnell: Sport and National Identity in the European Media (Sports, Politics and Culture); Leicester Univ. Press, Leicester 1993.

197  Thomas Macho: « Der neunte November. Kalender als Chiffren der Macht »; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken; 611. Heft 2000/3. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, Seite 231-242, S.235.

198  Jan Assmann, 1999, S. 56.

199  Peter Sloterdijk: Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen, Frankfurter Vorlesungen; Suhrkamp Verlag, FaM 1988, S. 154.

200  Feiertag des Orange Order - Auch Orange Day. Der Tag erinnert an den Sieg des Protestanten William III. über den katholischen James II. in der Schlacht am Boyne, 1760. Der Oranierorden wurde 1795 gegründet, mit dem Ziel die Protestant Constitution zu schützen. « Orange Day sees parades of Orangemen throughout Northern Ireland, and elsewhere where there are communities of Irish Protestants. » Leslie Dunkling, a.a.O., S. 85.

201  Declaration - National Flag of Canada Day February 15, Meine Hervorhebungen. Zitiert in: http://www.pch.gc.ca/ceremonial-symb/english/day_flag.html

202  John George Lambton, Earl of Durham: Lord Durham’s Report on the Affairs of British North America. In Three Volumes, Clarendon Press, Oxford 1912. (1839) Bd. 2, S.16.

203  Der Begriff ‘Rasse’ und sein weitverbreiter Gebrauch im 19. Jahrhundert wurde in prägnanter Weise von T. Todorov (mit Bezug auf H. Taines Rassenbegriff) charakterisiert: « ... his races are nations, understood as ‘cultures.’ » Tzvetan Todorov: « Race and Racism »; in: Les Back and John Solomos: Theories of Race and Racism. A Reader; Routledge, London - New York 2000, S. 64-70, S. 69.

204  Robert Nelson, Anführer einer Truppe von Patriotes verliest 1838 eine Proklamation, die Kanada zur Republik und ihn zum Präsidenten erklärt. Kurz darauf wird er in den USA verhaftet, wegen Waffendiebstahls, wenig später aber wieder freigelassen.

205  Pseudonym von Michel-Guillaume-Jean de Crèvecœur (1735-1813). Seine Letters from an American Farmer werden 1782 in London publiziert. Vor allem der dritte Essay What is an American macht ihn in Europa bekannt.

206  Zit. in: Will Ferguson: Canadian History for Dummies - A Reference for the Rest of Us; CDG Books Canada, Toronto 2000, S. 145.

207  « Zur Erinnerung an diese Patrioten Québecs und an diejenigen anderer Länder - Wie viele andere sind sie für die Freiheit und die Unabhängigkeit ihrer Heimat gestorben. »

208  Th. Macho, Der neunte November. Kalenderdaten als Codierungen von Gewalt, S.235.

209  Siehe hierzu Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas ».

210  37th Parliament, 1st Session EDITED HANSARD • NUMBER 014, Thursday, February 15, 2001; http://www.parl.gc.ca/37/1/parlbus/chambus/house/debates/014_2001-02-15/han014_1405-e.htm

211  Ebda.

212  Ebda.

213  Th. Macho: « Die letzten Fremden. Feiertage der Zweiten Republik ». In: Lutz Musner/Gotthart Wunberg/Eva Cescutti (Hg.): Gestörte Identitäten? Eine Zwischenbilanz der Zweiten Republik; StudienVerlag, Innsbruck u.a. 2002, S. 44-59.

214  Am 11. Dezember 1931 unterzeichnet King George V den Statute of Westminster, wodurch eine Handels- und Mitlitärallianz unter dem Namen The British Commonwealth entsteht. Mitgliedsländer sind zunächst neben Großbritannien und Kanada Neufundland, Australien, Neuseeland, Südafrika und Irland ( Irish Free State ), britische Kolonien mit eigener Regierung ( self-government ).

215  « Diese Feier, deren Ziel es ist, die Vereinigung der Kanadier zu festigen, wird Früchte tragen. Sie wird jedes Jahr als Nationalfeiertag gefeiert werden und wird in jedem Fall die besten Ergebnisse zeitigen. »

216  Th. Macho: Die letzten Fremden, Feiertage der zweiten Republik; XXX

217  « Québec ist stolz darauf, ein Volk unter den Völkern, eine Nation unter den Nationen der Erde zu sein. Die Frauen und MännerQuébecs von heute sind stolz auf das, was andere, die vor ihnen kamen, getan haben und sind stolz auf das, was diejenigen, die nach ihnen kommen, tun werden, um Québec zu stärken. Ich lade auch all diejenigen ein, unsere Freude zu teilen, die uns besuchen, woher auch immer sie kommen mögen.
Ein Volk feiern, mit dem Volk feiern bedeutet, die Menschheit zu feiern! »
Die Broschüre ist auch unter der Adresse www.cfn.org zu finden.

218  « Hallo, ich bin’s, Kanada. Für den Fall, dass ihr es nicht wisst, ich habe heute Geburtstag. Das scheint euch nicht weiter zu stören. Ihr habt ja viel zu tun. Schließlich zieht ihr um ... Was soll das, am 1. Juli umzuziehen? Nur um euch über mich lustig zu machen. Würde euch das gefallen, dass eure Freunde an eurem Geburtstag alle umziehen? ... Ein Mal, okay. Aber jedes Jahr, das ist zu viel. Ich bin wirklich beleidigt. » Stéphane Laporte: « Un message au Canada »; La Presse, 01.Juli 2001.

219  « Vor allem, weil eine Woche vorher mein Cousin, Québec, feiert. Der Liebling. Der Glückliche. Der hat eine tolle Feier und ihr seid alle da. Ihr macht ihm einen feierlichen Umzug, eine große Show, mit den Größten ... Lauter schöne Erinnerungen. Erinnert ihr euch an eine einzige meiner Feiern? Natürlich nicht ... um mich noch weiter abzustoßen, nennt ihr den 24. Juni Nationalfeiertag. Wenn der 24. Juni eure Nationalfeier ist, was bitte ist der 1. Juli? Weihnachten? »; ebda.

220  « Natürlich feiern mich die Engländer [Anglokanadier] ordentlich. In T., V. und H. steigen Super-Partys ... aber ich will hier gefeiert werden, weil ich von hier komme. Kanada, das war der Name Québecs, vorher. Wenn das jetzt der Name des ganzen Landes ist, dann wegen der Zusammenlegung. Die haben meinen Namen der ganzen Chose gegeben ... das wahre Kanada ist immer noch Québec. Und das O Canada , meine Nationalhymne, wurde für den 24. Juni, den Tag des Heiligen Johannes komponiert. Eigentlich müsste man mich, nicht meinen Cousin an jenem Tag feiern ... Ich weiß, meine Feier ist in Québec eine verlorene Sache ... Schönen Umzug! » ebda.

221  Zu Maple Leaf, fleur de lis und zur Nationalhymne Ô Canada siehe Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder ».

222  Erin Anderssen: « Canadians sweat, cheer from sunrise to sunset on fiery 135th »; Globe and Mail, 02. Juli 2002.

223  Charlie Fidelmann: « Fête-Canada Day combo nixed, SSJB president declines invitation to make rained-out festivities part of July 1 parade. »; The Gazette, 26. Juni 2001.

224  « ... und vor allem, dass das Ereignis nicht mit der Feier des Kanadatages kompatibel sei. ‘Es wäre zu einer Verwirrung von Stil und von Patriotismus gekommen’ sagte G. Bouthilier, Präsident des Festkommittees der Fête nationale. » Jeanne Coriveau: « Fête nationale. Le défilé est reporté...à l’an prochain ! »; Le Devoir, 26. Juni 2001.

225  Th. Macho: Die letzten Fremden, Feiertage der zweiten Republik XXX

226  J. Assmann (1999), S. 135; Assmann zitiert hier auch P.R. Hofstätter: « Die Summe der Selbstverständlichkeiten in einem Gesellschaftssystem nennen wir dessen Kultur ».

227  Th. Macho: Die letzten Fremden, Feiertage der zweiten Republik. XXX

228  Th. Macho: « Robinsons Tag, Notizen zur Faszinationsgeschichte nationaler Feiertage »; in: Alfred Schäfer, Michael Wimmer (Hg.): Rituale und Ritualisierungen. Reihe « Grenzüberschreitungen » Band 1, Opladen (Leske u. Budrich) 1998, 193-208, S.203, Anm. 4. Der Tag war bis 1935 auch unter den Namen Anniversary Day bzw. Foundation Day bekannt, vgl. L. Dunkling, a.a.O., S. 7.

229  L’Ensemble Nouvelle-France (en résidence au Musée de l’Amérique française): Victoires et réjouissances à Québec (1690-1758); Anthologie vol.2; CD, Transit Productions Sonores, Québec 1998.

230 « Ah! Welch Freude für die Nouvelle-France, Die Waffen der Engländer werden hier nicht mehr gefürchtet, Ihr Vorhaben erzürnt den Himmel, Der Franzosen zum Schutze, Übernimmt er ihre Verteidigung.
London, Boston, Manhattan, Albany, Mohikaner, Loups und Irokesen, Eine Verrücktheit! Diese Gesetzlosen, Sind unterwegs in den Wäldern, Und haben es auf diese Kolonie abgesehen. »; ebda.

231  « Jungfrau Maria, du siegst! Dein Sieg Soll heute meinen Geist beleben. Auf dass die Erinnerung an dieses Glück, Wenigstens mit meinem Herze tue, dass es für deine Pracht vor Liebe brenne. »; ebda.

232  Siehe hierzu u.a. den Vorschlag eines Feiertages für die französ. Sprache (man beachte die Formulierung, der ROC möge ‘seine Königin’ feiern): « Je propose donc que le jour où le ROC (rest of Canada) fête sa reine, nous, au Québec, nous fêtions la langue française et que cette fête soit reconnue comme la fête à Camille ! Ou la fête du français, ou la fête de la langue officielle. » Robert Bastien: « La fête à Camille »; Le Devoir, 31.05.2002. Camille bezieht sich auf C. Laurin, ‘Vater’ der Loi 101 von 1976. Pierre Dubuc spricht von einer Million Unterschriften, die der Club souverain de l'Estrie für das Projekt eines Feiertages zur Erinnerung an die Patriotes gesammelt habe. Vgl. Pierre Dubuc: « À la place de la Fête de la Reine : Un jour férié en mémoire des Patriotes »; L’aut’journal, 21.05. 2002.

233  In einem Artikel des Globe and Mail wird das geänderte ‘Feiertagsduell’ markant zusammengefasst: « English-speaking Canadians had slowly got used to the idea that in May, while they enjoyed a long weekend thanks to a long-dead queen, Quebeckers enjoyed a long weekend thanks to a long-dead and dubious military hero. [...] But now Canada's duelling holidays have new players... » Ingrid Peritz: « Quebec holiday gets new name -- again »; Globe and Mail, 26.11.2002. Man beachte den Verweis auf die Sprache, handelt es sich doch um eine territoriale und politische Angelegenheit.

234  UQAM, Service des ressources humaines; http://www.rhu.uqam.ca/feries.htm

235  http://www.mcgill.ca/courses-conted-2001/holidays

236  H. B. Livesey: « Montréal & the Resorts of the Laurentides & Estrie ». in: Frommer’s Canada, a.a.O., S. 190.

237  Ein Feiertag, auf den hier nicht weiter eingegangen wird, unterstreicht diesen Aspekt: Der 11. November, Remembrance Day in Kanada (und Großbritannien), Veterans Day in den USA, l’Armistice in Frankreich. Zunächst war in Kanada im Oktober bzw. November Thanksgiving Day ( le jour de l'Action de grâces ) gefeiert worden, nach dem Ersten Weltkrieg, ab 1921, wird per Dekret festgelegt, dass Thanksgiving am Armistice Day (Montag in der Woche des 11. November., Tag des Waffenstillstandes v. 1918) stattfinde. 1931 entscheidet das Parlament, der Tag heiße zukünftig Remembrance Day ( Jour du Souvenir ) und finde am 11. November statt. Thanksgiving wird seit 1936 am 2. Montag im Oktober begangen und damit vom Sinn des Remembrance Day gelöst. Der Remembrance Day findet in Québec ein eher mageres Echo. Die kollektive Erinnerung an den Ersten Weltkrieg institutionalisiert eine (weitere) transatlantische rupture mémorielle. In Frankreich ist der 11.11. ‘als nationaler Schicksalstag im Kalender der Republik verewigt und für jeden Gymnasiasten ein Markstein der Geschichte’: « Le 11 Novembre devint bientôt l’une des grandes dates de l’histoire de France, comme il ne s’en écrit qu’une seule par siècle...et encore! Chaque lycéen se souvient du sacre de Charlemagne en l’an 800, de la bataille de Marignan en 1515 ou de la prise de la Bastille en 1789 ; le 11 novembre s’est imposé de la même manière comme un point de repère essentiel de notre destin national, immortalisé dans le calendrier républicain en tant que jour férié et chômé. » Jean-Marie Pelt: Fleurs, fêtes et saisons. Fayard, Paris 1988, S. 299.

238  Giovanni Caboto ( 1450 - 1498), Seefahrer aus Genua bzw. Venedig, « Entdecker » Neufundlands im Namen der englischen Krone (Heinrich VII.). Jacques Cartier (1491-1557), Seefahrer aus St. Malo, segelt im Auftrage von François I. und ist bekannt als der « Entdecker Kanadas ».

239  Auf nicht-nationaler Ebene allerdings, in Newfoundland, am Atlantik, und im Yukon Territory, wird ein Discovery Day gefeiert.

240  Th. Macho, Robinsons Tag, Notizen zur Faszinationsgeschichte nationaler Feiertage, S.195.

241  « Verließen den Hafen von Saint-Malo... am 20. April besagten Jahres, 1534; und segelten mit gutem Wetter. Erreichten Neufundland [Terre-Neuve] am 10. Mai und landeten am Kap der Guten Aussicht, befindlich auf dem 48. Grad [nördlicher] Breite... » ; Joseph-Camille Pouilot: La grande aventure de Jacques Cartier – Relations de 1534 et 1535-36 ― Épave bi-centenaire, Québec, s.e., 1934 ; in: Cartier raconte; Magazine Gaspésie, Vol. 37, No. 3, Hiver 2001. S. 18.

242  « Hier gibt es gutgebaute Leute, doch sind sie erschreckend und wild. Sie binden ihr Haar über dem Kopf ... Und befestigen Vogelfedern daran. »; ebda., S. 19.

243  St. Malo liegt zwar nicht im heutigen nordfranzösischen département Finistère. Die départements sind Teil der territorialen Strukturierung Frankreichs im Zuge der Revolution. Doch der Begriff, den die römischen Truppen hinterlassen hatten, konnte symbolisch auch nach dem Anschluss an Frankreich (1532) für den größeren Teil der Bretagne im 16. Jahrhundert gelten. Strenggenommen war St. Malo im 16. Jahrhundert eine Enklave und keine bretonische Stadt. Cartier wird anachronistisch oft als Bretone, manchmal als Franzose bezeichnet. Treffend wäre malouin, « aus St. Malo ».

244  « Am 23. Tag dieses Monats ließen wir ein Kreuz von 30 Fuß Höhe bauen, welches vor einigen von ihnen [den Indianern] geschah, auf der Landzunge am Beginn des Hafens. Am Kreuz wurde ein Wappen mit drei Lilien eingekerbt und darüber in großen Holzlettern der Schriftzug Es lebe der König von Frankreich; Und dieses Kreuz errichteten wir auf der genannten Landzunge vor ihnen, die den Bau und das Aufstellen beobachteten; und nachdem es errichtet war, begaben wir uns auf die Knie und falteten unsere Hände in Anbetung des Kreuzes vor ihnen und machten ihnen Zeichen, indem wir zum Himmel blickten und auf diesen zeigten, dass durch diesen unsere Erlösung komme... » ebda., S. 24 f.

245  « Il nous monstroit la terre tant à l’entour de nous, comme s’il eust voullu dire que toute la terre estoit à luy, et que nous ne deuyons pas planter ladite croix sans son congé. »; ebda., S. 25.

246  « ... la croix auoit été plantée pour faire merche et ballise, pour entrer dedans le hable et que nous y retourneryons bien tost et leur apporteryons des ferremens et aultres choses...  »; ebda., S. 26.

247  Janice Arnold: « Landry leads celebration of Jewish ‘emancipation’ law »;. Canadian Jewish News, Tammuz 3, 5762 (13. Juni, 2002).

248  David Lazarus: « Consider sovereignty option: Landry »; Canadian Jewish News, Sivan 2, 5761 (24. Mai 2001).

249  Auf einige Hintergründe der betreffenden symbolischen Kämpfe wird in den Kapiteln « Weißbuch-Schwarzbuch » und « Öffentliche Erinnerung » eingegangen.

250  « Two irreducible and interrelated principles exist in the psychology of large groups. First, one group cannot be the same as its neighbor (the other). Second, a psychological border must be maintained between the identities of neighboring large groups. Reliance on these two principles becomes more pronounced when stress and anxiety increase. At such times, rituals to maintain the two principles gain in prominence: exaggerating major differences, elevating minor differences to significant proportions, utilizing shared symbolic inanimate objects, reactivating dormant chosen traumas and glories, and experiencing physical borders as psychological skins. » Vamık Volkan: Bloodlines: From Ethnic Pride to Ethnic Terrorism; Westview Press, Boulder 1997, S. 202.

251  Vamık Volkan: Das Versagen der Diplomatie, Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte. Bibliothek der Psychoanalyse, Psychosozialverlag, Gießen, 1999, S. 70. Volkan formulierte seine Thesen zuvor in: ders. « Psychoanalysis and Diplomacy Part II: Large-Group Rituals »; Journal of Applied Psychoanalytic Studies, vol.1, no.3, 1999, S. 223-247.

252  In der Tat hat es zahlreiche US-amerikanische Vorhaben und Versuche gegeben, das verbliebene britische Nordamerika zu annektieren, oft mit Unterstützung aus Kanada. Der Krieg von 1812 ist lediglich ein Ausdruck dieser Bestrebungen.

253  Zit. in: J. Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, S. 137 (mit Verweis auf A. Gombrichs Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie von 1984).



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31.10.2006