3 ZEICHEN, FARBEN UND LIEDER

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Im Frühjahr 2001 fand in Québec das dritte Gipfeltreffen der Amerikas statt. Der Titel des Treffens ― Sommet des Amériques/Summit of the Americas/Cumbre de la Américas/Cúpula das Américas ― ist gezeichnet von der programmatischen Absicht, einen anti-hegemonialen, pluralistischen Amerika-Begriff und neue Identitätsreferenzen zu kultivieren. Die Vertreter von 34 Ländern der zwei Kontinente und der Karibik versammelten sich vom 20. bis zum 22. April in der Hauptstadt der Provinz Québec. In einer « Sichtbarkeitsaktion » warb Québec vor dem Gipfeltreffen in eigener Sache für die Bedeutung des doppelkontinentalen Rahmens. Um den Status der Vertretung Québecs hatte es im Vorfeld Streit gegeben und die Position Québecs wird bei einer Betrachtung einer Postkarte deutlich, die Teil des erwähnten Werbeaufwands war.

Unter der Überschrift Une nation d’Amérique et d’avenir liest man Québec, neben einem fleurdelisé, der Nationalflagge Québecs. Auf dem weißem Untergrund wirken die fetten, blauen Majuskeln Aus Amerika und mit Blick in die Zukunft wie ein geeigneter Blickfänger. Das kleinere Eine Nation fällt durch die Kontrastfarbe Orange auf und kann unmöglich übersehen werden (s. Anhang, S. 295).

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Blau ist die dominante Farbe der Karte, getragen von der Schrift, dem Rahmen und dem blau-schimmernden Federkleid der Schneeeule im Zentrum der Abbildung.

Seit 1987 ist der harfang des neiges, so der französische Name des arktischen Vogels, symbole ornithologique Québecs. Die Schneeeule ist ein Tier, das den Ambitionen einer borealen Identität entspricht und es allemal mit dem gallischen Hahn aufnehmen könnte. 1963 war die weiße Lilie ( le lis blanc ) zum Emblem Québecs ernannt worden und nicht von ungefähr, trägt doch die Fahne Québecs vier weiße Lilien auf blauem Untergrund. Vor nunmehr fast 3 Jahren wurde in der Assemblée nationale Québecs ein Gesetz diskutiert, nach dem nicht die mediterrane weiße Lilie, sondern die ähnliche Iris Versicolore, eine einheimische Lilienart, das Blumenemblem Québec sei.

Die Loi sur le drapeau et les emblèmes du Québec (Gesetz zur Fahne und zu den Emblemen Québecs) wurde am 5. November 1999 verabschiedet. Was wir der Karte entnehmen können, ist ein System von Indizien einer Identitätspolitik: Die Provinz Québec kämpft mit dem Stichwort nation um politische Souveränität in einem Rahmen der Amerikas. Aus diesem Grund wird von Politikern Québecs immer wieder die Europäische Union als Modell für Kanada zitiert. Der Abschied von einer europäischen Identitätsgrundlage (Frankreich) äußert sich in der expliziten Thematisierung einer amerikanischen Identität. Québec hat als Wappentier nicht den Biber (siehe hierzu die anschließende Diskussion), und beweist mit der Heimholung der (königlichen) Blumenreferenz die Kraft symbolischer Integration.

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Für die Regierung bietet die ‘Sichtbarkeitsaktion’254 anlässlich des Gipfeltreffens amerikanischer Länder zum einen eine Möglichkeit, den Staat Québec der amerikanischen Welt zu präsentieren. Dafür wurden über 200 großformatige Plakate entlang der Straßen angebracht, die den Flughafen Québecs mit dem Kongresszentrum verbinden. Die Identitätsaktion hat aber auch eine wirtschaftliche Dimension, wie die Platzierung der Werbeaktion verrät:

Le gouvernement placera de la publicité dans des quotidiens de Québec, de Montréal, dont The Gazette, et de Toronto avec le message « Une nation, d'Amérique et d'avenir » ainsi que dans l'hebdomadaire Les Affaires sur le thème de l'économie. Des placards publicitaires se retrouveront également dans les abribus.255

Kanada präsentierte sich auf dem Gipfeltreffen in gewohnter Art - mit dem roten Ahornblatt. Im Vorfeld des Gipfeltreffens hatte es von Seiten Québecs den beruhigenden Hinweis gegeben, dass man es nicht auf eine « guerre des drapeaux »256 ankommen lassen wolle. Im zweiten Teil des anschließenden Kapitels werden Fahnen und Farben als Elemente einer Distinktionsökonomie beschrieben, in der ein Streit schnell heftige Formen annimmt.

Castor canadensis

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Wie ihr Kontext und ihr Gebrauch sind auch die Zeichen und Farben nationaler Gemeinschaften später Geburt. Dabei sind sie, wie sich zeigen wird, weder wirklich alt noch wirklich neu, das Besondere an ihnen ist gerade, dass sie, der Natur ihrer Entsprechung gemäß, neue Inhalte mit alten Symbolen verbinden oder umgekehrt.

In den Wintermonaten des Jahres 2001 wurde in der kanadischen Presse der militärische Auftritt in Afghanistan diskutiert. Hier erfuhr man beispielsweise, dass die Führung der kanadischen Armee entschieden hatte, dass man anders als die amerikanischen Truppen in grüner Uniformfarbe im persischen Wüstensand präsent sein würde257. Einer der Artikel, in dem Vorzüge und Nachteile eines (nord-)amerikanischen (Militär-)Imperiums diskutiert werden, fragte in seiner Überschrift « Le castor a-t-il encore des dents? ».

Kanada hat in seiner späten (europäisch-amerikanischen) Frühgeschichte vor allem ein Wappentier, wenn auch ein inoffizielles, gehabt: den Biber. Weniger der Biber an sich als das Fell des Tieres war von außerordentlicher Bedeutung für die frühe Entwicklung der Kolonie. Und das in mehrfacher Hinsicht. Die erhofften Orientgewürze hatte man im Norden der Neuen Welt nicht vorgefunden, und so verhalf die europäische Mode der Zeit dem Handel mit Biberfellen innerhalb kurzer Zeit zu schwindelerregenden Profiten und sicherte den Kolonisten und Mittelsmännern ein verlockendes Einkommen. Ähnliches gilt, in den asymmetrischen Formen kolonialer Tauschregeln, für die eigentlichen Lieferanten der Felle, die Bewohner der nordamerikanischen Wälder. Diese wussten, dass sie bei den Europäern jederzeit Felle gegen Gebrauchsgegenstände tauschen konnten. So entstanden Handelsrouten und Treffpunkte, an denen sich amerindianische Händler und französische coureurs des bois (Waldläufer), später auch Vertreter der Hudson's Bay Company begegneten. Die Felle wurden über Unterhändler in die großen Häfen gebracht, um schließlich nach Europa verschifft zu werden. Das Kanadabild in den europäischen Metropolen ist seinerzeit wesentlich vom Biber und seinem brauchbaren Pelz geprägt worden. In zahlreichen europäischen Städten und auch in New York gehörte ein Hut aus Biberpelz vom 17. bis ins 19. Jahrhundert zum guten Ton der gehobenen Gesellschaft. Getragen wurden auch Mäntel und Taschen, die den Bedarf an Nachschub weiter steigerten.

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Glaubt man der historiographischen Diskussion, war die Pariser Zuckerlobby in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stark genug, die französische Verhandlungsposition bezüglich der Abtretung von Überseegebieten zu beeinflussen. So sei die Karibikinsel Gouadeloupe dem verschneiten Canada gegen die Biberpelzlobby vorgezogen worden.

Die Bedeutung des Biberhandels wird deutlich im Vergleich mit den beiden anderen Dimensionen der kolonialen Unternehmung Frankreichs, besitzergreifende Gesten, die auf den Boden und die Seelen der Neuen Welt abzielen: Landwirtschaft und Missionierung. Zumindest für einen gewissen Zeitraum treten diese hinter den Handel mit dem pelzigen Gold aus Kanada zurück.258 Den großen Nagern kam vor ihrem drohenden Verschwinden per Aussterben schließlich ein Wandel in der Pariser und Londoner Mode zu Hilfe; nachdem London und Paris jährlich ungefähr 100.000 Biberpelze importiert hatten, kamen diese im 19. Jahrhundert aus der Mode, die gelieferten Felle verkauften sich immer schlechter, und der Handel kam schließlich zum Erliegen.

Für die Canadiens und auch für englische Unternehmer in Nordamerika war der Biber ein wichtiges Element ihres Aufenthaltes auf dem Kontinent und so verwundert es nicht, dass die Abbildung des Bibers symbolischen Charakter für die Nouvelle-France und ebenso für die englischen Kolonien gewonnen hatte. Das Gebiet der heutigen kanadischen Provinzen New Brunswick und Nova Scotia entspricht grob gesehen Akadien( l’Acadie ), dem atlantischen Teil der ehemaligen Nouvelle-France. Seit 1621 schmückte ein stilisierter Biber das akadische Wappen und die Hudson’s Bay Company, größte Handelsvertretung der englischen Krone in Kanada, hatte ein rotes Kreuz des Heiligen Georg mit vier Bibern 1678 zu ihrem Wappen erkoren. Louis de Buade de Frontenac, Gouverneur der Nouvelle-France sah im gleichen Jahr im Biber das geeignete Tier für das Stadtwappen von Québec. Zwölf Jahre später wurde in Québec eine Medaille mit der Bezeichnung Kebeka Liberata gegossen, die eine sitzende Frau mit einem Biber zu ihren Füßen abbildet. Die Allegorie von la France und ihrer Kolonie, le Canada, ist offensichtlich, und der Biber hatte allen Grund, der guten France dankbar zu sein, war doch die Stadt von den Truppen Ihrer Majestät gerade erfolgreich gegen die angreifenden Engländer verteidigt worden. Montréal nahm den Biber 1833 in sein Stadtwappen auf, wo er sich neben Distel, Kleeblatt und dem Georgskreuz befand. Die Bilder stehen für die ursprünglichen Siedlergruppen der Stadt ― neben den Kanadiern, Schotten, Iren und Engländer. Die Geschichte der Biberinsignien lässt sich fortsetzen, von der ersten kanadischen Briefmarke, dem Three Penny Beaver von 1851, über die Société Saint-Jean-Baptiste und die Zeitung Le Canadien, die vom Biber als Wappentier Gebrauch machten, bis zur Canadian Pacific Railway Company, die noch heute ihre Wagons mit dem Felltier schmückt. Dass der Biber später für die Nation an repräsentativem Charme verlor, ist sowohl politischen als auch anderen Gründen geschuldet.

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Der 1983 verstorbene Historiker Robert Rumilly widmete den vierten Band seiner 1940 erschienenen Geschichte Québecs einer Gruppe von konservativen Politikern, die unter dem Namen « Castors » im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die politischen Geschäfte der Provinz beeinflussten.259 In ihrem Programm von 1871 beschrieben die Ultramontanen « Biber » ihre Vorstellungen einer Politik, die sich nicht an ihrer Praktikabilität und direktem Wahlerfolg, sondern an intellektueller Kohärenz zu messen habe. Die freie Entfaltung der Religion und die Unterordnung staatlicher unter religiöse Belange sei das Unterpfand für die Bewahrung der frankokanadischen Bräuche und Gesetze und biete auch die Möglichkeit der Koexistenz von Katholiken und Protestanten. Das Programm fand heftige Kritik aus den verschiedensten Richtungen, die Konservativen fürchteten um die Einheit der Partei, die Liberalen störten sich am Grundton der vorgeschlagenen Politik und die englischsprachige Presse warf den Autoren vor, ein theokratisches Regime installieren zu wollen. Einer der bissigsten Kritiker war bemerkenswerterweise Joseph-Adolphe Chapleau,260 der als Konservativer Premierminister eine Koalition mit den moderierten Liberalen erwog, um sich des Einflusses der Kontrahenten in den eigenen Reihen zu erwehren. Chapleau zögerte nicht, die « Castors » als gemeines Getier zu bezeichnen, das alten Schlamm aufwühle, unschöne Baue errichte und nur dazu diene, sich (sein Fell) zu verkaufen. Der ‘Biber’ hatte also einen spezifischen Platz in der politischen Zeichenlandschaft besetzt (und zumindest in den 70-er und 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts vereinnahmt), der den ‘freien’ politischen Gebrauch für Jahrzehnte unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich machte. Er stand für die ‘ultramontane Revolution’ und ihre Aktivisten, die nicht die einheitliche Praxis der Konservativen Partei verkörpern konnten, ganz zu schweigen von derjenigen der (quebekischen oder kanadischen) Nation.

In der Debatte um ein eigenes kanadisches Staatswappen Anfang der 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts war zwar auch der Biber im Gespräch. Staatssekretär Thomas Mulvey fand aber am 30. Oktober 1922 deutliche Worte für das Unbehagen der Wappenkommission bezüglich des Nagetieres. Als identifikatorisches Emblem schien das wenig majestätische Aussehen und der Lebenswandel eines ‘Verwandten der Ratte’ offensichtlich nicht geeignet. In seiner Antwort auf den Brief eines Biberfreundes, in dem gegen den ahornblatthaltenden Löwen protestiert wurde, erklärt Mulvey die Entscheidung der Kommission gegen den Biber:

Sir, I have the honour to acknowledge receipt of your letter. [...] It was decided that as a member of the Rat Family, a Beaver was not appropriate. [...] The Canadian Merchant Marine displayed a Beaver on their House-Flag and they have ever since been colloqially known as ‘The Rat Line.’ [...] It was considered appropriate to have the Lion hold the Maple Leaf.

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I have the honour to be, Sir,
Your obedient servant,
Thomas Mulvey
Under-Secretary of State261

Unter Premierminister Mackenzie King wurde 1945 ein Komitee einberufen, das sich der Frage einer (nach der Rolle Kanadas in den zwei Weltkriegen neu zu definierenden) nationalen Identität bzw. Souveränität stellte. Colonel A. Fortescue Duguid war als Zeuge geladen und erfasste in wenigen Worten den historischen Gehalt der Arbeit des Komitees: « The selection of the maple leaf as the national symbol of Canada reflects the transition from the Land of the Beaver to the Land of the Maple. »262 In die Flaggenkommission von 1964, die den Auftrag hatte, ein nationales Emblem zu definieren, wurden unter anderem Historiker als Zeugen geladen. Dr. Arthur Reginald Lower gab in seinem testimony before the Flag Committee auf die Frage nach einem Symbol, das Kanada repräsentieren könnte (« a symbol or an image that would represent the land and which could perhaps go on a flag ») folgendes zu Protokoll:

Like everyone else, I am puzzled on that point...Personally I do not see why the traditional symbol could not be the maple leaf; it is one that was carried in the first world war. When I was a child I was brought up to sing ‘The Maple Leaf, our emblem dear’ and we sang it with gusto. I think it comes as close to a national symbol as we can get [...] What others can I think of? The beaver? I do not like the beaver very much. He is very representative of English Canada rather than French; that is to say he is a pretty intelligent animal on a rather low level who is very fond of work and has not much idea beyond that [...] I do not like to be represented too much by the beaver, I must say. I would like an animal that gets his nose off the ground a little farther.263

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Eine Erklärung für die verbreitete Distanz und den Prestigeverlust des Bibers in Québec ist auch an anderer Stelle, weiter in der Vergangenheit liegend zu vermuten. Hier erinnert das Signum des Bibers zunächst an den Trapper, an die Wildnis der Wälder und ihre amerindianischen Bewohner. Die Figur des coureur des bois wurde längst nicht von allen Teilen der Kolonisten, der Geistlichen und den politischen Eliten als wünschenswert empfunden. Die Gründe hierfür sind nicht zuletzt in der allegorischen Rolle des wilden Tieres zu suchen, steht es doch für die aus europäischer Sicht falsche Richtung der Assimilation, für die ‘unzivilisierte’ Wildnis. Schon sehr früh machte man sich Sorgen um diejenigen Teile der (vor allem, aber nicht nur) französischsprachigen Bevölkerung, die nicht in befestigten Orten lebten und landwirtschaftlicher Arbeit nachgingen. In einem Brief an Colbert berichtet Jean Talon, seit 1665 erster Intendant der Nouvelle-France, von den harten Maßnahmen, die er ergriffen habe, die Männer der Kolonie in die Heirat zu zwingen. Zwischen 1663 und 1673 war auf Betreiben Talons von Ludwig dem XIV. ungefähr 800 unverheirateten Frauen die Überfahrt nach Kanada ermöglicht worden. Die meisten der sogenannten Filles du roi waren innerhalb kurzer Zeit verheiratet. Die Krone übernahm neben den Reisekosten auch die der Ansiedlung. In seinem Brief an Colbert schreibt Talon, er habe befohlen, dass Junggesellen, die zwei Wochen nach Ankunft eines solchen Schiffes aus Frankreich nicht verheiratet sind, das Jagd- und Verkaufsrecht, nebst Kirchenprivilegien abzuerkennen sei.264

Anscheinend verstand man sehr gut, dass die Waldläufer der ersten Emigration aus Frankreich nun die zweite folgen ließen, die nicht mehr nur geographisch, sondern auch kulturell konsequent war. Der coureur des bois stand in der herrschenden Selbstbildproduktion (neben dem verdrängten Industrieunternehmer) dem traditionellen kanadischen Untertan, in der Form des habitant (später cultivateur ), gegenüber. Dabei war der Waldläufer durchaus auch ein Vorbild, ein Signal der Freiheit, das als solches wahrgenommen wurde: « On sait à quel point le coureur des bois, pendant très longtemps la figure honnie du clergé, figure rapprochée de celle de l’Indien, acteur insaisissable, incontrôlable et fuyant, constituait pour nombre de Blancs un modèle envié. »265

So war es nicht verwunderlich, vor allem seitens der klerikalen Obrigkeit wachsendes Misstrauen gegenüber dem unzivilisierten Lebensstil der in den Wäldern lebenden ersten wirklichen europäischen Kanadier zu sehen. Diese lernten von den Ureinwohnern Techniken, die harschen Lebensbedingungen zu meistern, lernten ihre Sprachen, und nicht selten wurden aus den Beziehungen Kinder geboren. Diese sollten Jahre später auch als Métis für einige Jahre in das Interesse der Politik geraten, während der Vorgänge, die zum kontroversen öffentlichen Erhängen ihres Anführers Louis Riel führten266. Von der 1980 seliggesprochenen Marie Guyart (1599-1672), besser bekannt unter dem Ordensnamen Mère Marie-de-l’Incarnation, ist der Ausspruch überliefert, es sei einfacher, aus Franzosen Wilde zu machen als umgekehrt. Die Gründerin des Ursulinenordens in Québec ist die prominenteste Missionarin des 17. Jahrhunderts in der Nouvelle-France, und man darf annehmen, dass sie wusste, wovon sie redet. Im Unterschied zu den franziskanischen, jesuitischen und sulpizianischen Missionaren267, die, mit Ausnahme der speziellen Verbindung zu Indianerfrauen, in ähnlicher Weise und oft unter ausgesprochen schweren Bedingungen dem Auftrag des Evangeliums nachgingen, wusste man von den coureurs des bois, dass sie nicht mehr wirklich Untertanen du Roy très chrétien und, noch beunruhigender, des Heiligen Papstes waren. Aus der Sicht des katholischen Klerus ging die Vermischung von Iroquois, Algonquins und Hurons auf der einen und Franzosen auf der anderen Seite im Übrigen schon früh viel zu weit: 1676 gründen die Sulpiciens eine Mission auf dem Mont Royal in Ville-Marie (Montréal) mit dem Ziel der Isolation der Ersteren.

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Ein Grund anzunehmen, dass der Biber sich nicht als politisches Zeichen eignete, ist (neben einer Erklärung, die jedes brauchbare Slang-Wörterbuch des Englischen geben kann und auf die hier nicht eingegangen werden soll) die unklare kollektive Zuordnung seiner Symbolik. Schließlich hatten sich Engländer und Franzosen gleichermaßen im Fellhandel engagiert, und überhaupt sprach der unparteiische Biber eher für historische Gemeinsamkeiten als für Unterschiede zwischen den großen Akteuren. Dieser Punkt wird auch von der Geschichte des Beaver Club unterstrichen.

Pierre Falardeau erinnerte 1985 mit dem Kurzfilm Le temps des bouffons (Zeit der Clowns) an eine Vereinigung von « wahren Kanadiern », im folkloristischsten Sinne des Wortes ― Männer des Nordens. Sein eigentliches Thema ist allerdings das Québec der Gegenwart, gespeist und bestimmt von den Schatten der Vergangenheit.

1785 war in Montréal von neunzehn voyageurs 268 der Beaver Club gegründet worden. Bedingung für die Mitgliedschaft waren Erfahrungen mit dem pays d’en Haut, dem ehemals unwegsamen Gebiet der Großen Seen, wo man überwintert haben musste. Später bestand der Klub aus 55 Mitgliedern, die Klubregeln allerdings änderten sich wenig. Ritualisierte Trinksprüche auf die Mutter aller Heiligen, auf den König, auf die Familien der voyageurs und auf abwesende Mitglieder gehörten ebenso dazu wie das gemeinsame Rauchen des Calumet, der indianischen Friedenspfeife. Teilnahme an den Abenden des Beaver Club war für Mitglieder obligatorisch, und bisweilen wurden Gäste zu den teuren und lauten Abenden geladen. William Henry Atherton beschreibt die Mitglieder des Beaver Club folgendermaßen:

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The members of the famous Beaver Club, constituted perhaps the most picturesque and magnificent aristocracy that has ever dominated the life of any young community on this continent, with the possible exception of the tobacco lords of Virginia. The majority of them were adventurous Scotsmen, but they included French-Canadians, Englishmen and a few Irishmen, and were thoroughly cosmopolitan by taste and associations.269

Der Biber steht hier für die romantisierte Erschließung neuer Handelsformen in Verbindung mit dem oben erwähnten Pelzhandel. Gleichzeitig symbolisiert der Biber den sozialen Rahmen der Aktivisten und Profiteure des Handels. Die politischen und kulturellen Dimensionen der von Atherton beschriebenen « großartigen Aristokraten » und ihres Klubs sind verschiedener Art und können hier nicht im Einzelnen beschrieben werden. Auf einen Aspekt, der die koloniale Unternehmung des Beaver Club zum Thema hat, soll dennoch kurz eingegangen werden.

Für Falardeau, enfant terrible des Anti-Establishment und der ‘linken’ Filmszene Québecs,270 war der Beaver Club, und was daraus gegen Ende des 20. Jahrhunderts geworden war, Grund genug, sich diesem mit einer polemischen Kritik zu widmen. Sein eigener Kommentar zum Film Le temps des bouffons beginnt nicht in Kanada, sondern an der Westküste Afrikas:

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On est au Ghana en 1957, avant l’indépendance. Jean Rouch tourne un documentaire, Les Maîtres fous, sur la religion des Haoukas. Chaque année, les membres de la secte se réunissent pour fêter. Ils sont possédés. Possédés par des dieux qui s’appellent le gouverneur, le secrétaire général, la femme du gouverneur, le général, la femme du docteur. En 1957, le Ghana, c’est une colonie britanique... quelques rois nègres pour faire semblant, mais les vrais maîtres sont anglais. Une colonie avec tout le kit: Union Jack, God Save the Queen, perruques, cornemuse, pis la face de la reine en prime. Ici, on connaît.271

Der letzte Satz verweist mit seinem « hier » nach Nordamerika, wo sich in Montréals Queen Elizabeth Hotel 1985 die ‘Kolonialbourgeoisie’ zum Bankett des Beaver Club trifft. Das Spektakel ähnelt dem in Westafrika, mit einem Unterschied:

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On est au Québec en 1985. Chaque année, la bourgeoisie coloniale se rassemble au Queen Elizabeth Hotel pour le banquet du Beaver Club. Ici, pas de possédés, juste des possédants. À la table d'honneur, avec leur fausse barbe et leur chapeau en carton, les des 10 provinces, des hommes d’affaires, des juges, des Indiens de centre d’achats, des rois nègres à peau blanche qui parlent bilingue. Comme au Ghana, on célèbre le vieux système d’exploitation britannique. Mais ici, c’est à l’endroit. Ici, les maîtres jouent le rôle des maîtres, les esclaves restent des esclaves. Chacun à sa place!272

Der antikapitalistische und antikoloniale Ton Falardeaus verortet den Beaver Club in einem ideologischen Rahmen, der die Geschichte Québecs seit 1760 bis in die Gegenwart als Kolonialgeschichte versteht. Die Mitglieder des Beaver Club vor 200 Jahren sind die Vorfahren der politischen Eliten der Gegenwart, die sich nunmehr treffen und in Kostümen der verlorenen Zeit gedenken. Falardeau skizziert eine Montrealer Welt der Reichen und ihrer lokalen ‘Kollaborateure’, die sich nur in den Regeln des Spektakels vom alljährlichen Narrenfest in Ghana unterscheiden:

Au Ghana, une fois par année, les pauvres imitent les riches. Ici, ce soir, les riches imitent les riches. Chacun à sa place. [...] Les bourgeois anglais se déguisent en bourgeois anglais, les collabos bilingues s'habillent en collabos bilingues, souriant et satisfaits, les Écossais sortent leur jupe écossaise, les Indiens se mettent des plumes dans le cul pour faire autochtones. On déguise les Québécois en musiciens pis en waiters. Les immigrés? Comme les Québécois, en waiters!

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[...] C'est toute l'histoire du Québec en raccourci. Toute la réalité du Québec en résumé : claire, nette pour une fois, comme grossie à la loupe. Ce soir, les maîtres fêtent le bon vieux temps. Ils fêtent l'âge d'or et le paradis perdu.273

Außer der kolonialen Faschingsfeier, die Falardeau wütend beschreibt, hat der Beaver Club einen eher unspektakulären Nachfolger in Form eines Restaurants (der Ort ist der gleiche, das Queen Elisabeth Hotel in Montréal). Im Vordergrund der Anzeige, mit dem das Restaurant offenbar außerhalb Québecs wirbt, steht, wie könnte es anders sein, gutes Essen: « Not that there's anything wrong with France, but Montreal is not Paris and so much the better. If you want to get away for a weekend, or even a night, Quebec is closer than France and offers intriguing dining opportunities. Especially at the Beaver Club. » 274 Den Gästen wird vorsorglich die Sorge genommen, die Aufnahmebedingungen des Beaver Club könnten auch hier gelten: « Fortunately for today's guests, wintering in Eskimo Point or Fort Reliance is no longer required and, since 1958, the Beaver Club has been a restaurant inside the Queen Elizabeth Hotel. » 275 Der Biber des Beaver Club, als soziales Ereignis und als Restaurant, verkörpert hier den folkloristischen Rest einer kanadischen Vergangenheit, die in den gegenwärtigen Alltagsgeschäften der ‘Zwei Einsamkeiten’ gut verborgen bleibt.

Ganz verschwunden ist der Biber also nicht, auch wenn ihm das Ahornblatt die Show stahl und zum kanadischen Nationalsymbol wurde. Immerhin wurde dem Felltier am 24. März 1975 die Ehre zuteil, den offiziellen Status eines Emblems der kanadischen Souveränität zu tragen. Die königliche Seite hatte ihre Zustimmung zu einem « act to provide for the recognition of the beaver (castor canadensis) as a symbol of the sovereignty of Canada » gegeben. Auch findet sich der Biber im Namen einer Hockeymannschaft und im Wappen der Société Saint-Jean-Baptiste der Stadt Québec, zwischen Girlanden aus grünen Ahornblättern und der Devise « Nos instutitions, notre langue et nos lois », ein bemerkenswert beständiges Relikt des frühen 19. Jahrhunderts. (Das Motto gehörte ursprünglich zu einer Zeitung mit bewegter Geschichte, dem Canadien, lange bevor die Ahornblätter rot wurden.)

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Geht es heute darum, Kanada (international) zu repräsentieren und das Dilemma der hochpolitischen Wahl zwischen dem roten Ahornblatt und der blauen Königslilie entpolitisiert werden soll, gibt es einen Biber der (militärischen) Erinnerungspflege. Hier ist er ein Symbol für Tradition, im besten Sinne englischer Erinnerungskultur. Wenn beispielsweise, wie in der Einleitung berichtet, die Rolle der kanadischen Armee im Afghanistankonflikt diskutiert wird, stellt man (mit dem impliziten Bezug auf den amerikanischen Adler) die Frage, ob der Biber noch seine Zähne zeigen kann: « Intervention de l'Armée de terre canadienne en Afghanistan: Le castor a-t-il encore des dents? » 276 Als Wappentier des 22. Regiment aus Valcartier, erfährt man, hat sich der Biber, « Emblème canadien par excellence », entschieden, an den militärischen Operationen teilzunehmen. Der Armee scheint es besser als der Nation zu gelingen, sich als homogene Unternehmung zu präsentieren.

Blau Und Rot – Le fleurdelisé et l’unifolié277

Keines der Symbolgebilde für die Dualität der kanadischen Wirklichkeit ist visuell deutlicher als das der Farbgebung. « Bleu/Blue » gleich frankokanadisch bzw. Québec, « Rouge/Red » gleich Kanada (das ganze Land), Ottawa ( the Federalist Government ) oder, wie man in Québec gern sagt, le ROCthe Rest of Canada ), also die kanadischen Provinzen mit Ausnahme von Québec.278

Die Farben können anscheinend jede Form der Repräsentation übernehmen bzw. unterstützen. Das gilt für den sprachlichen Dualismus Kanadas ebenso wie für den politischen, religiösen und juristischen – in jedem der aufgeführten Bereiche lässt sich zeigen, welche Art von deiktischer und assoziativer Kraft dem Farbpaar rot-blau im kulturellen Kontext zukommt. Vor einem Blick auf die historische Landschaft, der die Farbbezeichnungen entstammen bzw. auf die sie sich beziehen, soll ein Exkurs in die Gegenwart die psychopolitische Wirksamkeit der verschiedenen Fahnen und der Farballegorie beleuchten. Zwei Beispiele können zeigen, in welcher Form das Bewusstsein um die Rolle der Fahnen und Farben sichtbar wird und somit politisch zum Tragen kommt.

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Kanadischer Fahnenkampf

Im August 2001 erscheint in The Gazette, meistgelesene englischsprachige Zeitung in Montréal, ein Artikel mit dem Titel A symbol of France. If Quebec is serious about inclusiveness, it should adopt a new flag. Der Autor, Don Macpherson, fordert Québec auf, sich eine neue Fahne zuzulegen, die seinem Anspruch an Offenheit und Inklusivität entspreche – die gegenwärtige Fahne sei ein zu französisches Symbol. Vor allem solle Québec dem kanadischen Vorbild folgen: « If Quebec is serious about its own inclusiveness, then it should follow the example set by Parliament in 1965 and adopt a new flag. »279 In einem späteren Artikel greift Macpherson das Thema wieder auf: « The Quebec flag suggests a nostalgia for the good old days when Quebec was all French »280 und beschreibt die Fahnen von Montréal und von Québec als überkommene Symbole einer anderen Zeit, die weder Haitianer, Chinesen und Latinos, noch zugewanderte Amerikaner repräsentiere. Der Artikel endet mit dem zusammenfassenden Satz: « If Canada and other countries can successfully change their flags, Quebec and Montreal can do it, too. » Eine der Reaktionen auf Macphersons Einwände stammte aus der Redaktion des Journals der Société Saint-Jean-Baptiste de Montréal. Unter dem Titel « Wer eine Nation schwächen will, greift ihre Symbole an » schreibt Robin Philpot:

La bataille des symboles n’est pas nouvelle pour le Québec, d’autant plus que le Canada est passé maître dans ce domaine : s’il aime nos symboles, il nous les vole – la feuille d’érable, le castor, le O Canada –, s’il ne les aime pas, il les discrédite. C’est sous cet angle qu’il faut lire les chroniques récentes de Don Macpherson sur le drapeau du Québec.281

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Die Worte lassen ahnen, dass es sich in diesem kleinen, journalistischen Fahnenkampf um das Austragen anderer, nicht explizit thematisierter Konflikte handelt. Was hier als sichtbare (bzw. lesbare) Geschichte ausgetragen wird, deutet auf jene weniger sichtbaren Orte und Zeiten hin, die Geschichte ausmachen. Warum spricht Macpherson von einer Fahne Québecs, die zu französisch sei und warum wird Kanada in der Antwort des Symboldiebstahls bezichtigt?

Auf den Biber als ein solches Symbol wurde bereits eingegangen, Ahornblatt und die Hymne O Canada werden im zweiten und dritten Teil des Kapitels diskutiert. Ohne an dieser Stelle auf alle ungenannten Hintergründe detailliert verweisen zu können282, sollten dem kanadischen Fahnenkampf doch einige erklärende Worte beigefügt werden.

In der Zeit nach dem knappen Ergebnis des Referendums zur Unabhängigkeit Québecs im Jahre 1995 hat sich der polemische Charakter journalistischer und politischer Äußerungen um einiges verschärft. Während das französischsprachige Québec von der bekannten Diskussion (gemäßigter oder radikaler) pro-separatistischer und pro-föderalistischer Stimmen bestimmt wird, zielt eine Reihe von Äußerungen aus dem englischsprachigen Kanada und Québec in der einen oder anderen Form auf die Delegitimierung der Politik Québecs. Der Vorwurf eines ethnischen Radikalismus, der im Anschluss an die protektionistischen Sprachregelungen der 70-er Jahre immer wieder an die Adresse Québecs gerichtet wurde, nahm nunmehr neue, dramatische Formen an. In dieser Atmosphäre fallen schnell Begriffe wie « ethnischer Nationalismus », « Antisemitismus » und « Fremdenhass ». Unabhängig davon, dass die Bezeichnungen eher stereotype Fremdbilder und bewusste oder unbewusste Projektionen beschreiben als die Realität, liegt in der rhetorischen Zuspitzung ein bedenkliches Potential zukünftiger Antagonismen innerhalb der kanadischen Gesellschaft als zweisprachiger Gesellschaft. Was im Folgenden anhand von kanadischen Symbolen und Liedern gezeigt werden soll, ist der verwobene Charakter aller Elemente, die unzähligen Bezüge und Verwandtschaften, die das Land und seine Kultur(en) ausmachen. In diesem Sinne widerspricht die Logik Macphersons den Realitäten – beide Flaggen Kanadas sind modern bezüglich ihrer Entstehung, und beide sind alt in ihren farblichen und inhaltlichen Verweisen, nicht zuletzt nach Europa. 283

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Die Affaire der « roten Fetzen »

Im Januar 2001 löste ein Kommentar von Vize-Premier Bernard Landry eine landesweite Debatte aus. Viele reagierten wütend und beleidigt, Andere verteidigten ihn, er selbst versuchte, seine Aussage so gut es ging zu relativieren. Der Entrüstungssturm war auf den ersten Blick in ähnlicher Weise polarisiert, wie es fast jede Form öffentlicher Erregung in Kanada ist ― diesseits und jenseits der Sprachbarriere.

Kern des Kommentars war, dass « Québec nicht vorhabe, sich für ein paar rote Fetzen oder wofür auch sonst zu prostituieren » ( « le Québec n’a pas l’intention de faire le trottoir, pour des bouts de chiffons rouges ou pour d’autres raisons » 284 ). Hauptanlass für den Ausrutscher (im diplomatischen, nicht im inhaltlichen Sinne des Wortes) war ein öffentliches Finanzierungsprojekt für den Zoo der Stadt Québec; nach einer sogenannten « Sichtbarkeitsregel » ( Loi de visibilité/Visibility Law ) verlangte der föderalistische Geldgeber (« der Bund ») unter anderem, dass die Schrifttafeln im neuen Aquarium zweisprachig ausgeführt würden und dass die offizielle Fahne Kanadas, the Maple Leaf, rot-weiß mit dem großen Ahornblatt, groß und sichtbar das Gebäude zu schmücken habe. Der zweite Punkt ist mehr oder weniger gängige Praxis bei derartigen Projekten; in den englischsprachigen Provinzen hatte es einen vergleichbaren Fall nie gegeben, weil es dort als selbstverständlich betrachtet wird, neben der Provinzflagge das rote Ahornblatt zu hissen.

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Manon Cornellier schreibt dazu unter der Überschrift « Ottawa n’exige la présence de l’unifolié qu’au Québec » (« Ottawa verlangt das Hissen der Ahornflagge nur in Québec »)in Le Devoir :

Contrairement à ce qui se passe au Québec, il n'y a aucune obligation de faire flotter le drapeau canadien au-dessus des infrastructures subventionnées par le gouvernement fédéral dans l'Ouest ou dans les Maritimes. Il semble que ce ne soit qu'au Québec qu'Ottawa ressente le besoin de dire aux contribuables comment on dépense leur argent.285

Landry wurde zum einen fehlender Respekt für die kanadische Flagge vorgeworfen und zum anderen der hohe Preis, den er bereit war, für die Abwesenheit einer Fahne zu zahlen. Seine Antwort: « Pour les drapeaux, vous êtes témoins qu’il y en a trop. C’est vraiment de la propagande, et de la propagande à la limite du ridicule. » 286 Landry kam schließlich zur Sache, als er das Ziel der Fahnenpolitik als den Versuch beschreibt, den « nationalen Status » Québecs zu relativieren. (« C’est une tentative de relativiser notre statut national »287)

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Alfonso Gagliano, der zuständige Minister in Québec, antwortete auf die Frage, warum die Regeln der « Sichtbarkeitspolitik » in Québec strenger durchgesetzt werden als in den anderen Provinzen des Landes mit dem Hinweis, dass diese nicht aufgefordert werden müssten. Le Devoir zitiert seine aufschlussreichen Worte:

Les autres provinces mettent toujours le drapeau du Canada et le drapeau des provinces, c’est automatique [...] Ici, le Québec refuse systématiquement dans sa politique de drapeau. [...] On était donc obligé, avec le Québec, de l’exiger par écrit parce qu’ils ne veulent pas.288

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An gleicher Stelle wird Martin Cauchon zitiert, zuständiger Leiter im Ressort Développement économique Canada, von wo die Forderung nach der Beflaggung ausging. Seiner Meinung nach habe Québec « ... une politique de visibilité ‘abusive et honteuse’ parce que la province exige toujours que son drapeau soit hissé si l’unifolié l’est aussi. »289

Was die Forderung nach Zweisprachigkeit in der Beschilderung betrifft, so scheint diese in den englischsprachigen Provinzen von den Geldgebern der Föderation für weniger wichtig gehalten zu werden als in Québec. Bernard Landry weigerte sich, die entsprechende Vorgabe zu erfüllen. Den eigentlichen Streitpunkt allerdings schien nicht diese Episode aus der alten bataille linguistique abzugeben290, sondern der Kommentar des zukünftigen Premiers zum roten Ahornblatt, bzw. der Anspruch auf nationale Anerkennung, den er verkörpert. Landry zog es vor, auf die 18 Millionen Dollar291 Subvention zu verzichten, mit dem Hinweis, Québec verkaufe sich nicht ( « le Québec n’est pas à vendre »). Zwar entschuldigte sich Landry später mit dem Hinweis, er habe mit den roten Fetzen nicht die kanadische Flagge gemeint, sondern eher an eine Stierkampfarena gedacht. Ernst genommen wurde die Rücknahme allerdings nicht, wie ein nicht namentlich genannter Kommentator der Montreal Gazette bestätigt:

The Nice Try Award of the month goes to Deputy Premier Bernard Landry, who would have us all believe that his remark about ‘bits of red rags’ was really just a reference to the red flag waved by matadors. Talk about a lot of bull ...Mr. Landry shouldn't expect those who believe in Canada to forget the disparaging attitude that he let slip. It's an old refrain that one hears all too often from Parti Quebecois cabinet ministers - call it the Maple Leaf Rag...292

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Landrys Bemerkung wird von denen, « die an Kanada glauben » also nicht so schnell vergessen werden. Damit dürfte die Gazette recht behalten haben. Nicht vergessen werden auch die Québécois nicht, dass sie für 18 Millionen kanadische Dollar die Abwesenheit der Ahornflagge teuer bezahlt haben (und sei es nur zum Schein293):

And if anyone should be seeing red, it's Quebecers when they realize that Mr. Landry’s misplaced sense of virtue is going to cost them $18 million more, at a time when there are lots of hospitals and schools in this province that could desperately use that kind of money.

The result is that the Quebec flag will fly alone at the Quebec City zoo, but it will be the most expensive flag in the province.294

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Den Beobachtern in der kanadischen Medienöffentlichkeit war nicht entgangen, dass derartige Bemerkungen von einem Mann wie Landry, erklärter souverainiste und an der Spitze des Parti québécois, ernst zu nehmen sind, weil sie deutlicher als lange politische Reden eins klar stellen: es geht um einen Angriff auf die symbolische Kohäsion der Föderation. Auch wusste man zum Zeitpunkt der Rote-Fetzen-Affaire schon, dass sich Bernard Landry auf seinen Posten als Premierminister Québecs vorbereitete.

Dass man die große Anzahl roter Fahnen in Québec satt habe, hatte man vorher schon gehört. Die symbolische Präsenz Kanadas in Québec war vor allem in Zeiten der Krise (zuletzt um das Referendum zur Unabhängigkeit Québecs) mit einem beträchtlichen Budget abgesichert worden. Neben dem roten Fahnenmeer gehörten diverse Aktionen zu dieser symbolischen Sichtbarkeitsaktion, wie beispielsweise T-Shirts mit dem Aufdruck I AM CANADIAN in großen roten und blauen Lettern.

1995, Jahr des (bislang) letzten Referendums, sah man in Schaukästen Montréals eine Nationalflagge mit der Aufschrift Notre Drapeau. 30 ans de fierté. Our flag. 30 years of pride 295 (Unsere Flagge. 30 Jahre Grund, stolz zu sein). In den Tagen darauf war eine Reihe der Schaukästen im frankophonen Teil Montréals ( Centre-ville est ) mit Schriftzügen wie FAILLITE (Misserfolg) oder MON ŒIL (Wer’s glaubt, wird selig ...) überschrieben. Noch am selben Tag wurden diese Graffiti wieder entfernt. Die Distanz erklärter souverainistes zu den Symbolen der kanadischen Föderation ist kein Geheimnis. In einem Artikel zur fête du Canada am 1. Juli erfährt der Leser « ... il y a autant de chances que Daniel Boucher [...] chante le Ô Canada , qu’il y a de chances que Bernard Landry se peinture, aujourd’hui, une feuille d’érable rouge sur le visage. » 296 Diese Erkenntnis gehört zum allgemeinen Verständnis der Öffentlichkeit. Kommentare dieser Art sind nichts neues. Als im März 2001 eine musikalische Kompilation mit dem ein wenig angestaubten Titel Québec-Libre! erscheint, dient der Verweis auf den (quebeckischen, nicht balinesischen) Fahnenkampf einer Positionierung des Kunstwerks. Die Hülle ist von einer durchgestrichenen Ahornfahne verziert und das Motiv der 13 vereinten Musiker lautet, nicht ohne Einfallsreichtum, « désunifoliez-vous », ungefähr « entahornblättert euch! ». Der Ausdruck entstammt dem Refrain eines Beitrags von Arseniq33, einer Funkband, und insgesamt fällt auf, dass es sich um gute Musik, nicht (schlechte) nationale Propaganda zu handeln scheint. Vertreten sind neben den einschlägig bekannten Loco Locass und Mononc'Serge unter anderem Accros furieux, Pharand, La Vesse de loup und Guérilla. In einem Interview erklärt der Texter und Bassist von Arseniq33, dass man sich nach der Ahornflagge selbstverständlich die Lilienflagge vornehmen würde, und überhaupt scheint das nationale Engagement hier eher ‘aufgeklärte’ Formen zu haben:

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J'ai écrit quatre tounes sur l'indépendance [...] à un moment où j'essayais de placer le fait que j'étais indépendantiste dans tout. J'ai réglé ça en quatre tounes. J'ai toujours été pour l'indépendance, mais j'ai toujours évité d'être paranoïaque, de mettre la faute sur les Canadiens, sur les Américains.297

Soweit der ‘normale’, alltägliche Konflikt um die Ordnung der identitätsstiftenden Fahnen. Dass jedoch ein Politiker von Prostitution spricht, wenn es darum geht, die Nationalflagge an einem öffentlichen Ort zu hissen, zeugt von einem Dissens, der jenseits politischer Dimensionen liegt.298 Wenn hier die Rede von ‘Roten Stofffetzen’ ist, dann entspricht das letztlich vielleicht der Wirkung des konfigurierten Schattens der Conquête von 1760 und damit der inneren Verfassung einer Bevölkerung, die sich von rotberockten Soldaten unterdrückt fühlt. Nicht zufällig waren gerade die Kommentare aus dem englischsprachigen Kanada von Entrüstung gekennzeichnet.

Der Streit allerdings ist nicht auf eine englischsprachige und eine französischsprachige Seite zu reduzieren. Es handelt sich, zumindest im Vordergrund, vor allem um einen politischen Konflikt. Einer der Auslöser für Landrys Kommentare waren Bemerkungen von Stéphane Dion, dem kanadischen ‘Minister für interne Regierungsbeziehungen’ ( Ministre des Affaires intergouvernementales ) gewesen, der behauptete, es sei absurd, innerhalb Kanadas von zwei Ländern zu sprechen. In seiner Antwort auf Landrys Bemerkung zur kanadischen Flagge äußerte sich Dion später im optimistischen Ton eines guten ‘intergouvernementalen’ Ministers mit der Überzeugung, die Québécois « aiment leurs deux drapeaux » (« lieben ihre beiden Fahnen »).299

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Ein Blick auf die europäische Geschichte des Mittelalters zeigt, dass der Rot-Blau-Antagonismus zwar früh aufgeladen wurde, aber über längere Zeiten hinweg keinem konsequenten Muster folgte, mit Ausnahme dessen, welches besagte, dass die Königsflagge nur in Gegenwart König benutzt werde. Die rote Farbe symbolisierte das Geschlecht der englischen Plantagenets (Heinrich II. bis Richard II.) und war nie ein Emblem Frankreichs.300 Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich in Frankreich das azur royal vom Rot der umliegenden Länder und vor allem dem der englischen Krone vorerst in der Kleidung des Königs abgesetzt. Das Blau war zunächst die ‘Familienfarbe’ der Kapetinger gewesen und wurde mit der Zeit zum Symbol der dynastischen Macht und der französischen Krone. Beide Farben, rot und blau, sollten den kontinuierlichen Weg der Wege gehen, den man mit den Stichpunkten Familie, Dynastie, Monarchie, Staat, Nation zusammenfassen könnte. Wie die übereinandergelegten Heiligenkreuze des britischen Union Jack zeugen jedoch auch das Blau und das Weiß der französischen Fahne von einer anderen Dimension.

Das Blau wird neben der fleur de lis im 12. Jahrhundert, mit der wachsenden Popularität des Marienkultes, das ikonographische Abzeichen Mariä, Christmutter und Schutzpatronin (der Kapetinger und) Frankreichs.301 Erst im 18. Jahrhundert wird das Blau als Farbe marianischer Verehrung vom Weiß der Reinheit und der Unschuld verdrängt. Nunmehr waren die ikonographische und liturgische Farbe der Maria gleich; die Heilige Jungfrau war seit dem 5. Jahrhundert für einige Bereiche der Kirche und seit dem Pontifikat von Innozenz III (1198-1216) für die ganze Christenheit in ihren Feiern mit der Farbe Weiß assoziiert worden.

Bis zur Französischen Revolution war die weiße Fahne ein Emblem königlicher und militärischer Designation und hat in dieser Konnotation den Weg nach Nordamerika geschafft. Erst in der Zeit von 1789 bis 1792 wird die weiße Fahne Symbol der monarchistischen und katholischen Konterrevolution in Frankreich.302 Die blaue Flagge mit weißem Kreuz beginnt gegen 1510 Anwendung zu finden, in Konkurrenz zur roten Flagge. Blau ist die Fahne ( le pavillon marchand ), unter der die Handelsflotte segelt bzw., wie Père Fournier in seiner Hydrographie von 1643 schreibt: « Les vaisseaux qui ne sont du Roi doivent porter un pavillon bleu à la croix blanche » (« Schiffe, die nicht dem König gehören, haben unter blauer Flagge mit weißem Kreuz zu fahren. ») Die Schiffe des Königs betreffend ist die Beschreibung schon der Anzahl der verschiedenen Flaggen wegen etwas komplizierter; neben der weißen Seidenflagge mit goldenen Lilien ( le grand pavillon de France ) finden sich auch eine blau-weiße, eine blaue und eine rote Flagge.

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Auf dem 10 Meter hohen Kreuz, das Jacques Cartier im Namen des französischen Königs im Jahre 1534 an einer Landzunge der Halbinsel Gaspé von seinen Männern aufstellen lässt, ist ein Schild in den Farben Frankreichs befestigt: drei goldene Lilien auf azurblauem Grund. Zwar bedient sich Cartier, wie weiter oben beschrieben, einer List, um die drohenden Worte und Gesten der einheimischen Mic‘maq abzuwenden, indem er ihnen weismacht, bei dem Kreuz handele es sich um eine Navigationshilfe für die Schiffe der Franzosen. Doch wussten die Bewohner sehr genau, dass es um die symbolische Inbesitznahme ihres Territoriums ging303.

Als Samuel de Champlain, père de la Nouvelle-France, 1608 zum wiederholten Mal nach Nordamerika aufbricht, segelt sein Schiff unter der Flagge der nation française, weißes Kreuz auf dunkelblauem Grund.304

Durch eine Anordnung Ludwig des XIV. wird nur der königlichen Flotte der Gebrauch der weißen Flagge erlaubt, die Handelsflotte verwendet die alte Flagge der französischen Nation, ein weißes Kreuz auf blauem Grund. Die Kriegsflotte fährt also mit dem königlichen Privileg der weißen Flagge. Die von Colbert 1664 gegründete Gesellschaft der Compagnies des Indes fährt unter weißer Flagge mit blauem Wappen und drei goldenen Lilien; das Wappen verziert mit einer von zwei « Wilden » gehaltenen Krone. Schließlich wird die blaue Flagge mit weißem Kreuz durch eine Anordnung Colberts aus dem Jahre 1689 für die Handelsflotte zur Pflicht gemacht. Ein Zusatz erklärt, dass dem Hecksegel derartige Zusätze zu machen sind, dass es nicht ganz und gar weiß erscheine. Eine häufige Lösung bestand in einer weißen Flagge mit einem blauen Kreuz im oberen Bereich.

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In Frankreich hatte sich also die blaue Farbe als Zeichen der nation française vor der Geburt der französischen Nation mit der neuen, die Gesellschaft umfassenden Bedeutung des Begriffs etabliert. Diese begriffliche Vorarbeit der mittelalterlichen natio 305 machte den kontinuierlichen Gang durch die Geschichte anscheinend zu einem unkomplizierten Unterfangen. Das ehemals königliche Blau, das Blau auch der nation française, vertrug sich mit der Französischen Revolution und wurde die Farbe der revolutionären Garden.

Ein Schwenk in die Gegenwart zeigt uns, dass es heute symbolisch für den konservativen Teil der französischen Republik steht, ohne jedoch politisch lexikalisiert zu sein ― man spricht nicht von voter bleu. Diese Bewegung des Begriffs in das konservative Lager wirft im Übrigen interessante Fragen auf.306 Auch dem Frankreich der Gegenwart sind Veranstaltungen nicht fremd, die durch das Blau-Weiß ihrer Akteure auffallen, zuletzt im November 2002, während einer großangelegten Episode im öffentlichen Erinnerungsbetrieb. Die Überführung der sterblichen Reste Alexandre Dumas’ von Villers-Cotterêts nach Paris wurde von einer Gruppe Mousquetaires in historischen, blau-weißen Kostümen begleitet, die der Reise ins Pantheon einen eigenartig theatralischen Ton gaben. Die Geschichte der revolutionären Trikolore, mit dem Blau des Königs, dem Weiß der (katholischen) Unschuld – der Marienkult als unbefleckte Farbe – und dem nunmehr hinzugetretenen Rot beginnt allerdings nach dem Abtreten der Überseegebiete an die Englische Krone. Eins ist klar: zu Zeiten der Nouvelle-France gab es weder eine französische Nationalflagge im modernen Sinne, noch gab es eine Flagge, die für die Gebiete der Nouvelle-France gestanden hätte. Die Uniformen der französischen Truppen307, die in Canada gegen die rotröckigen Truppen der englischen Krone kämpften, hatten verschiedene Farben, die der bekanntesten Truppe, der Compagnies Franches de la Marine waren blau-weiß gefärbt.

Sehen wir uns die moderne Flagge Québecs an ― weißes Kreuz auf blauem Untergrund mit vier weißen Lilien, eine in jedem Viertel ― so fällt vor allem eins auf: sie könnte einem historischen Kontext des vorrevolutionären Frankreich entstammen. In der Tat wird der fleurdelisé, so der Name der Flagge, auf das Banner von Carillon zurückgeführt; einem heraldisch Unkundigen würde die Ähnlichkeit unter Umständen aber entgehen. Unter dem Drapeau de Carillon kam es 1758 zu einer der letzten für die Franzosen siegreichen militärischen Auseinandersetzungen mit den Engländern. Die Armee stand unter der Führung des Marquis de Montcalm, auf den in Kapitel « Le sens de la Conquête » eingegangen wird.

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Die Lilien vervollständigen die Dreiheit der Attribute und fassen diese zusammen. Mit den Kapetingerkönigen Ludwig VI. und vor allem Ludwig VII. wurde die fleur de lis in immer deutlicheren Formen zum Symbol der französischen Monarchie. Gleichzeitig wurde das christologische Element deutlicher, vor allem mit Bezugnahme auf das Hohelied Salomos im Alten Testament – « Ich bin eine Blume in Scharon und eine Lilie im Tal » – in der französischen Form, im Cantique des cantiques: « Je suis la fleur des champs et le lis des vallées. » (Hld. 2,1). Bis ins 13. Jahrhundert finden sich zahlreiche Christus-Darstellungen, auf denen dieser von Lilien umgeben ist. Doch schon zu dieser Zeit gewinnt der sich anschließende Vers, Hoheslied 2,2 an Bedeutung: « Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. » (« Comme un lis au milieu des épines, telle est ma dame au milieu des lis » Hld. 2,2).

Die fleur de lis ist nunmehr « pleinement mariale et royale. » 308 Mit der Verwendung der Lilien wird entweder durch großzügige Anzahl ein himmlisches (bzw. kosmisches) Argument evoziert oder aber, seit dem 14. Jahrhundert, durch drei fleur de lis eine trinitarische Anspielung gemacht. Die Anzahl vier, wie in der Fahne Québecs, war zwar ungewöhnlich, existierte aber dennoch.309

In Frankreich selbst überlebt die Lilie den 1792 einsetzenden « heraldischen Terror » (M. Pastoureau) nur arg geschunden und « ... pendant la Révoltion même, la fleur de lis devint un emblème martyr et militant pour les royalistes et le resta tout au long du XIXe et du premier XXe siècle. » 310 Die heutige Staatsflagge Québecs ist ein eher junges Relikt der Zeiten des Ancien régime, jünger noch als das Staatsmotto Je me souviens und als die Nationalhymne. Offiziell wurde die Flagge im Jahre 1948; von einer kleinen Schönheitskorrektur im Winkel der vier Lilien abgesehen ist sie bis heute unverändert - königsblau und marienweiß (oder umgekehrt).

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Deutlich wird die historische Bedeutung des Farbenkontexts, wenn man beachtet, dass die Kapitulation der französischen Kolonie zunächst mit dem nunmehr präsenten Union Jack symbolisch vollzogen wird. Die rot-weiß-blaue Fahne setzt sich, wie bereits erwähnt, aus den drei Heiligenkreuzen von St George, St Andrew und St Patrick zusammen. 1867 übernimmt der Red Ensign die Rolle einer kanadischen Nationalflagge ― rote Flagge mit einer Miniatur des Union Jack in der oberen Ecke, bis dato Flagge der britischen Handelsmarine.

Es wäre aber aus mehreren Gründen falsch, von einer klaren repräsentativen Trennung der frühen kanadischen Bevölkerungen anhand der Flaggen zu sprechen. Der Union Jack über Québec und Montréal ist das Zeichen für den Sieg der britischen Truppen über die Armee des französischen Königs. Den Kanadiern wird keine Flagge genommen, weil es keine Flagge gab, die sie als distinkte Gemeinschaft repräsentiert hätte. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stellt die britische Fahne auch eine Grundlage für die politische Identität der frankokanadischen Untertanen/Bürger dar.311 Louis Fréchette, Nationalpoet des späten 19. Jahrhunderts, Gegner des Föderationsprojekts, Liberaler Parlamentarier und später Präsident der Société royale du Canada, verleiht 1887 dem mehrdeutigen Verhältnis der Frankokanadier zur Fahne Englands in poetischer Form Ausdruck.312 Fréchettes Légende d’un peuple spricht wie Octave Crémazie vor ihm von der weißen Fahne einer heroischen Vergangenheit. Es spricht aber auch von der englischen Fahne, Garant von Freiheit und Wohlstand.313 Antagonistisch aufgeladen und politisch umgesetzt wird der Farben- und Fahnenkampf möglicherweise erst mit den Konflikten um das imperiale Engagement im Burenkrieg und verstärkt im Ersten Weltkrieg.

Ein halbes Jahrhundert vor der militärischen Unterwerfung der südafrikanischen « habitants » hatte sich in Kanadas literarischen und militärischen Vereinigungen ein anderes Zeichen als inoffizielles nationales Symbol etabliert: das Ahornblatt.314 Dieses, allerdings in braun, der rot-blauen Mischfarbe, hatte die Société St.-Jean-Baptiste schon 1834 zu ihrem Emblem gemacht. Die Geschichte der Vereinigung des Heiligen Johannes, dem Schutzpatron der Nouvelle-France, ist bis in die Gegenwart eng mit der Geschichte der nationalen Bewegung Frankokanadas bzw. Québecs verbunden. Der alttestamentarisch verhießene Prediger (Jes 40,3) und Täufer Christi (Mt 3,13-17) steht als Nationalheiliger der Frankokanadier symbolisch für eine Identitätspolitik, deren soziales Integrationspotential in der Gegenwart kritisch hinterfragt wird.315 Die Vereinigung gehört heute zu den Aktivisten der Unabhängigkeitsbestrebungen Québecs. In den aktuellen Veröffentlichungen der Gesellschaft wird man vergeblich nach dem Ahornblatt suchen; der große Bruder in Ottawa war stärker gewesen. In tief königsblauem Dekor findet man im Informationsmaterial der Société St.-Jean-Baptiste eine Unabhängigkeitserklärung des Volkes von Québec316, das seine Würde erst mit der Befreiung aus der Annektierung durch das britische Reich wiedererlangen kann.

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Ironie der Geschichte oder Versatzstück politischer Familiengeschäfte, als im Januar 1965 die kanadische Regierung per königlichem Erlass das rote Ahornblatt auf weißem Untergrund zur Staatsflagge macht, wird einem traditionsreichen kanadischen Symbol höchste Ehre zuteil. Es folgt ein Auszug aus der Erklärung der englischen Monarchin, « Verteidigerin des Glaubens »:

The Royal Proclamation,
28 January 1965
ELIZABETH THE SECOND,
BY THE GRACE OF GOD OF THE UNITED KINGDOM, CANADA AND HER OTHER
REALMS AND TERRITORIES QUEEN, HEAD OF THE COMMONWEALTH,
DEFENDER OF THE FAITH.
TO ALL TO WHOM THESE PRESENTS SHALL COME OR WHOM THE SAME
MAY IN ANYWISE CONCERN.
GREETING:
A PROCLAMATION

...

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NOW KNOW YE that by and with the advice of Our Privy Council for Canada, We do by this Our Royal Proclamation appoint and declare as the National Flag of Canada, upon, from and after the fifteenth day of February, in the year of Our Lord one thousand nine hundred and sixtyfive, a red flag of the proportions two by length and one by width, containing in its centre a white square the width of the flag, bearing a single red maple leaf, or, in heraldic terms, described as gules on a Canadian pale argent a maple leaf of the first. 317

Das WISSET NUNMEHR des königlichen To Whom it May Concern besiegelt einen wichtigen Schritt in der politischen Emanzipation Kanadas. Dieser außenpolitische Aspekt hat allerdings nicht den Ausschlag gegeben, Kanada hatte spätestens mit seiner Rolle im Ersten Weltkrieg und der Unterschrift im Vertrag von Versailles (1919) sein Verhältnis zu Großbritannien neu definiert. Vielmehr handelte es sich um einen Vorgang innenpolitischer Relevanz. Ein politischer Machtkampf um den Sinn nationaler Identität und den symbolischen Wert einer eigenen Nationalflagge tobte innerhalb Kanadas; die Protagonisten hießen Diefenbaker und Pearson318. « The Diefenbaker-Pearson era in Parliament produced more stories, books, film features than any other period in Canadian history and its liveliest issue was the flag debate. »319 Matheson beschreibt die Situation, in der sich das Land befand, im Vorwort seines Buches unter der Überschrift « Prime Minister Pearson's one paramount and desperate objective, the saving of Confederation » wie folgt:

The Canadian flag was one aspect of this objective, and the flag can be understood only in relationship to this purpose and to the troubles of those times.

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No military or economic threat held the nation together [...] With thorough commitment on the part of a resolute minority and a disinclination on the part of many Canadians to take French Canada seriously, the country was on the road to a political convulsion. The startling thing was that so few people seemed to realize it. Just a century had passed since the beginning of the troubles that racked and almost destroyed the American Republic. Was Canada to follow the same road?320

Die flag debate sollte sich aber zugunsten des Liberalen Premierministers entscheiden. Die politische und kulturelle Kohäsion des Landes war in hitzigen Parlamentsdebatten und Medienberichten anhand der Fahnendebatte thematisiert worden. (Matheson: « The flag and national unity are not two questions but one and the same. »321) Das Maple Leaf symbolisierte das Ende des Red Ensign 322 und des Union Jack als nationaler Identitätsreferenz Anglokanadas. Matheson kann als Kenner der Situation beschrieben werden, und sein Verweis auf den US-amerikanischen Bürgerkrieg ist weniger übertrieben, als er erscheinen mag.

Matheson war eines der 15 Mitglieder des Flaggenkomitees (Flag Committee), das am 10. September 1964 eingesetzt wurde. Pearson gab seinem Auftrag an das Komitee deutlichen Nachdruck: « ... with a gun at our heads we were asked to produce a flag for Canada and in six weeks! »323 Vertreten waren sieben Liberals, fünf Conservatives, ein New Democrat, ein Social Crediter und ein Crédiste, anglophone und frankophone Kanadier.

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Mathesons Studie von 1975324, im Jahr 10 der Fahne, zeigt, in welcher Art die Elaboration der kanadischen Flagge eine Antwort auf die Frage der Zeit war. Ein Jahrhundert nach der Zerreißprobe der amerikanischen Union schien sich Kanada in einer ähnlichen Situation zu befinden. Frankokanada war nicht in der Vision eines britischen Nordamerika aufgegangen, sondern existierte, und seine Stimmen wurden nicht leiser, wie ein assimilatorisches Evolutionsdenken in der Politik vermutet hätte, sondern lauter. Pearson hatte sich nunmehr der ewigen französischen Tatsache gestellt, der kein kanadischer Premierminister entgehen konnte:

His critics say that he wobbled and waffled over the problem of Quebec. Of course he did, quite deliberately. Those who are puzzled by his tactics have failed to perceive his strategy to buy time while the nation slowly recognized its danger and came to grips with the eternal French fact.325

Matheson war nicht der einzige, der auf den 10. Jahrestag der Fahne reagierte, wie ein Zeitungsinserat im Ottawa Journal vom 15. Februar 1975 zeigt. Ein gewisser Bernard G. F. D'Eon sendet den Lesern eine Geburtstagslaudatio auf das gottgefällige Kanada und seine Fahne und findet harte Worte für die ‘inneren Feinde’ der Nation:

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On Feb. l5th 1965 our MAPLE LEAF FLAG was born. This flag which graces the Canadian landscape waves proudly over a most Beautiful and Fabulous Country on which GOD HAS NEVER CEASED TO SMILE! Canada, whose problems are so small and so few that her enemies within are compelled to manufacture some and magnify others, is truly « Land of the Free » and the envy of the whole world!326

Die « enemies within » waren vermutlich diejenigen Kanadier, für die das Konzept der Roten Ahornfahne für ein « most Beautiful and Fabulous Country »327 stand, in dem sie ihre Sprache und Kultur bedroht fühlten. Die rote Ahornfahne und der symbolische Wert des Tausches bedeutete nicht das Gleiche für jedermann. Was für Québec auf dem Spiel stand, war der Anspruch auf den Status einer Gründernation, der eigentlich symbolisch im Wappen des Landes festgehalten war. Kanada war 1921 aus London das Recht auf ein eigenes Staatswappen zuerkannt worden, allerdings ohne das Recht, dieses Wappen frei zu bestimmen, wie ein Telegramm des damaligen Secretary of the State for the Colonies, Winston Churchill, an den Generalgouverneur von Kanada belegt:

London, May 10, 1921
Your telegram April 29
Arms for Canada

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His Majesty has approved proposed design but Warrant will not be issued until Order-in-Council with design received by mail. In the circumstances it will not be possible to add Arms to Scroll on Speaker’s chair.

(Sgd) Churchill328

Im Staatswappen, das Kanada von King George V. verliehen wurde, fanden sich grüne kanadische Ahornblätter; seit 1957 sind sie offiziell rot.329 Das bis heute gültige Staatswappen, sichtbar auf jeder kanadischen Banknote, ist ein elaboriertes System mit zahlreichen Verweisen auf die Herkunft der (europäischen) Bewohner Kanadas. Zu beiden Seiten eines Schildes stehen die Träger, der britische Löwe und das schottische Einhorn. Von ihnen werden Turnierstangen mit dem Union Jack und der Lilienfahne gehalten. Unter ihnen liest man auf einem Spruchband A MARI USQUE AD MARE, die Devise Kanadas. In den Feldern des Schildes befinden sich englische Leoparden, schottische Lilien, irische Harfen, französische Lilien und die besagten Ahornblätter. Das Spruchband steht auf einem Gebinde aus englischen Rosen, französischen Lilien, schottischen Disteln und irischem Klee. Im Oberwappen winkt ein gekrönter britischer Löwe, unter der Krone des britischen Königshauses stehend, mit einem Ahornblatt.

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Das beschriebene Wappen entstand als Symbol für die Würde des kanadischen Staates. Das Ahornblatt in der Pfote des winkenden Löwen steht zunächst für eine Besonderheit der Kolonie, mit dem Farbwechsel symbolisiert es nationale Identität. Diese Referenz steht im Zentrum der kanadischen Nationalflagge, mit dem Ahornblatt, das nicht grün oder braun bleiben konnte, sondern eine « einfache Identitätsbotschaft » sendet:

Technically speaking, a good national flag is based on the national colors and the national emblem, that is to say on the heraldic achievement of a country [...] The function of a flag is to send the simple message of identity. The function of arms is to dignify an individual, or institution, or country by special identifying symbolism and by appropriate reference to ancestry.330

Das rote Ahornblatt als heraldische Leistung betont keine founding nations und entwickelt damit ein eigenes Integrationspotential. Die komplizierten Referenzen des Staatswappens wurden durch ein Symbol ersetzt, dessen Herkunft (im Sinne von ancestry ) vor einem Versprechen der (gemeinsamen) Zukunft verblasst. Obwohl die Fahne der gesamtkanadischen Gemeinschaft ein Identitätssymbol verschafft hatte, waren die Arsenale von Differenzen nicht aus der Welt, wie Matheson treffend konstatiert:

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Then here we were, with a new flag, divided racially and with no common denominator in those profundities which normally unite, language, religion, history and culture. In 1966 Canada was in a state of shambles just a few months before her one hundredth birthday. British Canadians looking at their Red Ensign on the ground might have sympathized with the Chinese gentleman who, after a period of reform observed, ‘We have lost our pigtails for nothing!’331

Die Katastrophenstimmung einer Kulturrevolution und die Betonung der Unterschiede mögen übertrieben sein, aber Matheson verweist mit Recht auf die Wahrnehmung eines fruchtlosen Kompromisses – die alte Fahne im Staub und die neue, das Ahornblatt, von Québec nicht wirklich euphorisch begrüßt. Er skizziert das Psychogramm des anglokanadischen What does Québec want? Immerhin hatte es zahlreiche Proteste gegen die Fahne gegeben, von Anglokanadiern, die die Fahne als Kotau vor Frankokanada verstanden, weiter den Red Ensign und den Union Jack benutzen würden und Premierminister Pearson als Verräter beschimpften.332 (Die weiter oben beschriebene Affaire um die roten Fetzen hätte sich wahrscheinlich nicht eines der Mitglieder des Flaggenkomitees, ebensowenig Premierminister Pearson, zu träumen gewagt. Die erwähnten Reaktionen aus Anglokanada werden im Lichte der Geburt der Fahne verständlich.)

Kanada hat sich mit der Entscheidung von 1965 nicht nur symbolisch (innenpolitisch) vereint und (außenpolitisch) emanzipiert, sondern auch als Einwanderungsland für mehr als die vier Herkunftsländer des Staatswappens zu erkennen gegeben. Kanada hatte nunmehr in der Außenpolitik eine Nationalflagge. In der Innenpolitik sind es, wie wir gesehen haben, zwei Flaggen. Die eingangs beschriebene Karte mit dem programmatischen Une nation d’Amérique et d’avenir - Québec ist nur ein Element der seit Jahren stärker werdenden außenpolitischen Ambitionen der Regierung Québecs. Im Jahre 2002 wurde entschieden, die diplomatische und kulturelle Präsenz Québecs im Ausland zu verstärken. Während der Debatten um das Schwergewicht dieser Expansion standen sich die Befürworter der amerikanischen Kontinente und diejenigen gegenüber, die Europa, und besonders Paris favorisierten.

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Vom Rot des Maple Leaf 333 zurück zur blau-weißen Lilienfarbe Québecs. Nicht nur das rote Ahornblatt hatte gegen blaue Zusätze zu kämpfen – hierfür gab es mehrere Vorschläge, unter anderem von Premierminister Pearson, der die Balken in blauer Farbe wünschte, sich aber belehren lassen musste, dass sich das Meer auf Flaggen nicht als Balken, sondern nur als Wellenlinie darstellen lässt – ; auch für die Fahne Québecs hatte es ‘rote Momente’ gegeben. Ohne an dieser Stelle die vielfältige und massive Auswirkung der Französischen Revolution auf das Selbstverständnis und die politischen und kulturellen Strukturen in Québec (bzw. Bas Canada ) diskutieren zu können, soll dennoch ein wichtiger Punkt nicht unerwähnt bleiben. Gerade wenn man die symbolischen Landschaften der Farbgebung ernst nehmen will, gewinnt ein verborgenes Detail große Bedeutung. Schaut man sich die geographische und historische Fahnenlandschaft in und um Québec an, fällt das allgegenwärtige Rot auf.

Drei Beispiele seien genannt: Akadien, l’Acadie 334, das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Europäer an der Atlantikküste des heutigen Kanada, wird offiziell von einer rot-weiß-blauen Fahne mit goldenem Stern repräsentiert. Der kulturelle und politische Bruch, der Frankokanada in das nationale Québec und eine Reihe von frankophonen Gemeinschaften außerhalb Québecs teilte ― Territorium ersetzt ethnische Zugehörigkeit ― , findet seinen symbolischen Ausdruck in einer eigenen akadischen Fahne, mit einer eigenen Geschichte und einer eigenen frankokanadischen Identität.

Die Flagge der Aufständischen von 1837-38, als Rébellion des Patriotes von zentraler Bedeutung für das 19. Jahrhundert Kanadas, war grün-weiß-rot. Der Aufstand ist von Politikern und Historikern in verschiedenster Weise interpretiert und vereinnahmt worden, klar ist jedoch, dass der Begriff « patriotisch » hier vor allem auf eine Emanzipation von der Regierung in London und ihrer Kolonialverwaltung, auf ein eigenes responsible government abzielte. Die (relative, temporäre) Amalgamierung der innerkanadischen Unterschiede, die durch die Rebellion der Patrioten symbolisiert wurde, ist in erstaunlicher Weise verdrängt worden.

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In den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts steht ein roter Stern auf einer weiß-blauen Fahne für eine politische Bewegung, die den kanadischen Staat zwingen wird, seine Zähne zu zeigen. Im Oktober 1970 ruft die Regierung den Ausnahmezustand aus, Panzer der Armee rollen durch Montréal, Tausende von Wohnungen werden durchsucht, Hunderte von Personen verhaftet. Auslöser waren zwei Entführungen hochrangiger Repräsentanten der ‘britischen Macht’, eine davon mit tödlichem Ende. Die Fahne gehörte dem FLQ, Front de la libération du Québec. Der rote Stern auf der Fahne macht deutlich, dass der politische Kampf nicht nur der Regierung in Ottawa galt.

Könnte es sein, dass das omnipräsente Rot der kanadischen Föderation bzw. der englischen Krone auch an das Rot der Trikolore erinnert und somit ein verdrängtes Trauma (der Tod des Königs, die Trennung vom antiklerikalen und laizistischen Frankreich) an der politischen Oberfläche als antikanadische Abwehrreaktion wirksam ist? Eine Antwort ist nicht leicht, psychopolitische Bestandsaufnahmen dieser Art wären dennoch eine Möglichkeit, alte Befunde neu zu befragen. Hiermit soll keineswegs eine Interpretation riskiert werden, die irrsinnigerweise von gemeinschaftlichen Psychopathologien ausgeht. Es ließe sich aber mit V. Volkan ein Versuch des Verstehens unternehmen, der darauf abzielt, psychische Befindlichkeiten in large-group situations zu analysieren. Eine Möglichkeit, mit Volkan die genannte Frage genauer, mit einer Hypothese verbunden, zu formulieren, sähe so aus: Sollte es sich im Falle Québecs um eines der von ihm beschriebenen « gewählten Traumata » einer Gemeinschaft handeln, das unter dem Titel « Québec sieht rot » zu behandeln wäre?

Was für eine Deutung des Ereignisses der Conquête zutrifft335, scheint hier jedoch nicht, oder in weniger relevanter Form der Fall zu sein: chosen trauma beschreibt die Befindlichkeit im Verhältnis zum revolutionären Frankreich, dem ehemaligen Mutterland, und diejenige zur englischen Krone und deren moderne Repräsentation möglicherweise als historisches Potential, nicht in der Wirksamkeit der ‘erinnerten Kalamität’ in der Gegenwart. Volkan formuliert und verteidigt den Begriff des gewählten Traumas folgendermaßen:

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I use the term chosen trauma to describe the collective memory of a calamity that once befell a group’s ancestors. It is, of course, more than a simple recollection; it is a shared mental representation of the event, which includes realistic information, fantasizied [sic] expectations, intense feelings, and defenses against unacceptable thoughts. Since a group does not choose to be victimized, some of my colleagues have taken exception to the term chosen trauma. But I maintain that the word chosen fittingly reflects a large group’s unconsciously defining its identity by the transgenerational transmission of injured selves infused with the memory of the ancestors’ trauma.336

Die psychopolitische Realität des roten Ahornblattes als Symbol für die kanadische Föderation und als das unschwer erkennbare Rot des Union Jack und des Red Ensign ist nicht mit einer « calamity that once befell a group’s ancestors » beschrieben, fehlt dem Rot doch das Ereignis, der Moment, dessen Verarbeitung traumatisierende Folgen hätte. Die Geschichte Québecs zeigt, dass das Rot der Trikolore Frankreichs immer wieder sichtbar wurde und im Ergebnis politischer Entscheidungen verschwand.337

Die Frage, wer wählt, oder besser, wer gewählt hat, lässt sich im Falle der Fahne möglicherweise am besten beantworten, indem die bewusst distingierenden Eigenschaften der Politik ernst genommen werden. Zweifelsohne gibt es mit der französischen Revolution und dem Tod des Königs ein Ereignis, das die Geburt der Trikolore symbolisiert. Jedoch scheint es zu keinem Zeitpunkt einen großen Konsens zur Interpretation der Revolution und ihrer Farben gegeben zu haben. Für den katholischen Klerus und einen Teil der Bevölkerung in Kanada handelte es sich um eine Katastrophe, für die emanzipatorischen, pro-nationalen Bewegungen ( le Parti canadien/patriote, les Patriotes, le Parti rouge ) waren die Revolutionen in Frankreich und in den USA das Modell demokratischer Reform.

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Die Heterogenität der Positionen lässt den Begriff des Großgruppentraumas methodisch nicht sinnvoll erscheinen, obwohl, wie gesagt, traumatisierende Elemente den Gebrauch und die kulturelle Farbwahrnehmung mitbestimmt zu haben scheinen und das bis in die Gegenwart tun. Es soll also nicht bestritten werden, dass die Träger symbolischer Referenzen (in unserem Fall das Rot und das Blau) ohne Hinzunahme psychologischer Elemente gelesen werden können; ganz im Gegenteil, nur so lassen sie sich lesen.

Mit der Beschreibung als nicht (kulturell) Gewähltes soll im Übrigen auch nicht der mögliche repressive Charakter der historischen Vorgänge ins Spiel gebracht, sondern ein methodischer Blick ermöglicht werden, der im Unterschied zum hier Besprochenen das Ereignis der Conquête in seiner Dimension als gewähltes Trauma betrachtet.

Wie ein Blick auf die modernen Insignien der kanadischen Nationalstandarten und ihrer Farben zeigt, liegen die distingierenden Kämpfe um kulturelle und politische Identität offen und sichtbar vor den Augen, wenn nicht der Welt, so doch der Nation. Aus zwei ehemaligen Flaggen der jeweiligen Handelsflotten wurden Banner der Nationen. Beiden Flaggen, dem roten Maple Leaf wie dem fleurdelisé ist eins gemeinsam: der Unterschied zum Stars and Stripes, der US-amerikanischen Trikolore. Das Blau aus dem Union Jack bzw. dem Red Ensign verschwand und die bikolore Fahne Québecs wusste ihr Blau gegen jedes Rot zu verteidigen. Die Fahnenlandschaft kommt einem Arrangement gleich, in dem auf Distinktion gesetzt wird, um das Geheimnis der Verwandtschaft gegen den mächtigen Nachbarn im Süden zu verteidigen.338

Ô Canada! - die polyphone Hymne

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Nationale Hymnen gehören zu modernen Staatsgebilden. Als wollte man dem Auge, für das Wappen, Farben und Verfassungen geschrieben wurden, etwas entgegen setzen oder zur Seite stellen wollen, kam das Lied in den Reigen nationaler Selbstbestätigungen. Hier wird dem Ohr etwas geboten, das dem Auge entgehen muss. Hier geht es nicht mehr um die Gemeinschaft der Sehenden , genauer gesagt, der Lesenden, sondern um die Gemeinschaft der Hörenden. Der visuellen Botschaft der Nation musste eine akustische Botschaft folgen. Lieder und gemeinsames Singen stärken die Gemeinschaft und immerhin lässt sich auch der Geist des Sprichwortes anrufen, das besagt: « Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. » Die Nationalhymne freilich gehört allen. Die sich stellende Frage nach den Besitzansprüchen, um die es hier geht, ist von der Geschichte lange beantwortet. Jeder Bürger gehört der Nation, ob er sie hören will oder nicht. Auch lassen sich die Ohren nicht schließen und wenn gesungen wird, oder laut gelesen, dann wird gehört.

Dass die Bilder der Nation nicht ausreichten, in Konkurrenz mit dem jahrtausendalten Gemeinschaftsmotor der Religion zu treten, scheint auch darin Ausdruck zu finden, dass unser Wort für das nationale Lied aus einer Kultur religiösen Lebens kommt. Hymnen und die damit verbundenen Praktiken (L hymnus v. Gk humnos) sind kein Produkt der Moderne.

Das Französische l’hymne steht heute neben deutsch Hymne, spanisch himno (in einigen Ländern Südamerikas auch canción nacional ) und unzähligen anderen Begriffen, die sich in ihrem gegenwärtigen Gebrauch vergleichen lassen.339

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Der Begriff, den das Englische verwendet, anthem, ist in seiner modernen Form etwas konsequenter. Anthem (eccl. L antiphona) beschreibt eine Praxis in der anglikanischen Kirche (basierend auf einer Chorkomposition) und möglicherweise ist hier ein Indiz für die These von L. Colley zu sehen, nach der der Protestantismus die symbolische Hauptstütze der entstehenden britischen Nation darstellt.340 In Kanada stehen sich die beiden Begriffe L’hymne national und National Anthem gegenüber. Es ist kein Zufall, dass sich hier zwei verschiedene Begriffe gegenüberstehen; die linguistische Heterogenität steht für verschiedene historische Wege der nationalen Hymnen.

Kanada allerdings brauchte über lange Zeit keine Nationalhymne, weil es keine Nation war. Die Stellvertreter der englischen Krone, die fehlende Verfassung, die transatlantische oberste Justizgewalt, diese und andere Faktoren belegten, dass von einer Nation im modernen Sinne nicht die Rede sein konnte.

Wenn man in English Canada der Gemeinsamkeit halber sang, dann God Save the King 341, Auld Lang Syne oder aus dem Repertoire des englischen Liedgutes. Im französischen Kanada sang man kanadische Lieder, Vive la canadienne, Le canadien errant, oder französische, die nicht immer älter waren als die Marseillaise; die Trikolore und auch die Hymne der Französischen Revolution gehörten in den Straßen Montréals zur Symbolsprache der sozialen und kulturellen Kämpfe des 19. Jahrhunderts.

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Am 1. Juli 1980, vor gut 20 Jahren, wurde von der kanadischen Regierung das Lied O Canada als Nationalhymne proklamiert. Mehr als ein Jahrhundert war seit der Zeit der Nationalhymnen der westlichen Welt vergangen. Fast genau ein Jahrhundert war seit dem 24. Juni 1880 vergangen, an dem anlässlich eines Banketts in der Stadt Québec erstmals ein Lied mit der gleichen Melodie gesungen worden war. Kanada, in der Welt vor allem als das englischsprachige Land mit dem roten Ahornblatt bekannt, hat zwei Nationalhymnen, intoniert zur gleichen Melodie.

Der Geschichte des Originals sei die der Kopie vorangestellt, weil hiermit der Blick der Geschichte und ihrer Repräsentation nachvollzogen wird. Die Verwandtschaft der Hymnen steht als Metapher für die Überlagerungen und Ausblendungen, mit denen wechselseitige Bezüge in die Vergangenheit arbeiten. Deutlich wird am Beispiel der Hymnen vor allem ein Prozess der Inbesitznahme von Zeichen, die nicht ohne Ergebnis bleiben kann.

Der nunmehr offizielle englische Text der Nationalhymne Kanadas ― die erste Strophe ― liest sich wie eine Ode an die patriotische Liebe der Söhne des Landes.342 Der wahre Norden, der stark und frei und die Heimat so vieler geworden ist, verdient es, mit heißen Herzen verteidigt zu werden.

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O Canada!
Our home and native land!

true patriot love

in all thy sons command.

With glowing hearts

we see thee rise

The true north

strong and free!

From far and wide,

O Canada,

We stand on guard

for thee.

Gott möge einem zur Seite stehen, das Land in seiner wunderbaren Freiheit zu erhalten. Schließlich verspricht man, im Reim von « free » und « thee », Wache zu stehen für die Heimat. Das Versprechen wird im Refrain der Hymne zweimal gegeben:

God keep our land
glorious and free!

O Canada,

We stand on guard for thee.

O Canada,

We stand on guard for thee.

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Dieser Text stellt die offizielle Form der kanadischen Nationalhymne dar. Patriotische Vereinigungen und parlamentarische Kommissionen haben Jahrzehnte daran gearbeitet. Der vorliegende Text kann als elaborierte Form einer Nationalhymne bezeichnet werden, vom Wandel der Zeit umgeschrieben und schließlich zum offiziellen Dokument erklärt. Der Wortlaut, für den sich ein Special Joint Committee des Senats und des House of Commons im Jahre 1968 entschied, geht auf einen Text von Robert Stanley Weir zurück, der 1908 geschrieben wurde.

Weir hatte sich von einem in Frankokanada gesungenen Lied inspirieren lassen, das dort immerhin ungefähr dreißig Jahre vorher als hymne national kursierte. Von zwei Änderungen im Text abgesehen, entspricht die heutige Form der National Anthem dem Text, den er 1908 veröffentlichte. Einer der beiden Zusätze, From Far and Wide [O Canada, we stand on guard for thee], betont das seit 1970 offizielle Credo der kanadischen Politik, den Multikulturalismus. Die propagierte patriotische Liebe bevorzugt, wie man hier erfährt, ein inklusives Konzept von Zugehörigkeit. Der zweite Zusatz allerdings macht klar, wo die Grenzen derartiger Offenheit liegen können: God keep our land glorious and free.

Die Erben des Autors weigerten sich gegen diese dem Geiste Weirs aus ihrer Sicht widersprechenden Zusätze. Letztere entstammen den Empfehlungen des oben genannten speziellen Komitees von Senat und House of Commons in Ottawa aus dem Jahre 1968, und hier mag ein Grund für die Verspätung liegen, mit der O Canada schließlich zur Nationalhymne werden konnte. Erst 1976, 50 Jahre nach Weirs Tod, verloren dessen Erben das Urheberrecht auf den Text.

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Vor und nach Weirs Text hatte es zahlreiche Versionen gegeben, die öffentlich gesungen wurden, Preise gewannen oder in gedruckter Form vorlagen.343 Anscheinend waren die Versionen aber entweder zu deutlich im Ausschluss der Frankokanadier, (Richardson, Buchan) oder zu romantisch, wie der Text von Mercy E. Powell McCulloch344 von 1908.Richardsons Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebener Text besang das rot-goldene Kreuz der nationalen Glaubensgewissheit:

O Canada! Our fathers' land of old
Thy brow is crown'd with leaves of red and gold.

Beneath the shade of the Holy Cross

... Almighty God! On thee we call

Defend our rights, forfend this nation's thrall ...
345

Mit Buchans kontinentalpolitischer Version, die in British Columbia viel Erfolg hatte, waren die Fronten geklärt, gekämpft wird an der Seite Englands und seines Reiches mit Gottes Hilfe für das Land vom Nordpol bis zur US-amerikanischen Grenze und vom Pazifik bis zum Atlantik:

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O Canada, our heritage, our love
... From Pole to borderland,

At Britain's side, whate'er betide

Unflinchingly we'll stand

With hearts we sing, « God save the King »,

Guide then one Empire wide, do we implore,

And prosper Canada from shore to shore.

Mit dem Ersten Weltkrieg war O Canada zum bekanntesten patriotischen Lied der Konföderation geworden. Die andere (Quasi-) Hymne « The Maple leaf Forever » (Muir, 1867) hatte das Rennen verloren. 1924 wurde Weirs Version von der Association of Canadian Clubs einstimmig für Clubtreffen empfohlen. Später gaben auch die Canadian Authors Association und die Native Sons of Canada ihr Jawort zur Hymne. Spätestens seit 1927346 hatte sich das O Canada von Weir zwar gegen die anderen Versionen durchgesetzt; so wurde es im selben Jahr für den Schulgebrauch zugelassen.

Aber noch gab es einen anderen Mitstreiter für den Titel der (anglo-)kanadischen Hymne. Im Jahre 1964 beauftragte die Regierung ein Komitee, den Status von O Canada und von God Save the Queen zu überprüfen. Schon während des Zweiten Weltkrieges hatte es Versuche gegeben, O Canada zur Nationalhymne zu machen, diese waren jedoch vom damaligen Premierminister William Lyon Mackenzie King mit dem Hinweis abgewiesen worden, dass es wichtigere Dinge gäbe und beide Lieder dem gängigen Gebrauch gemäß als offizielle Nationalhymnen betrachtet werden können.

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Erst 1966 findet Premierminister Lester B. Pearson die Lösung für das Problem: Kanada wird mit O Canada seine eigene Nationalhymne haben, und die alten Verbindungen nach Europa werden nicht gestört, denn God Save the Queen wird Königshymne, « Royal Anthem ». (« That the government be authorized to take such steps as may be necessary to provide that ‘O Canada’ shall be the National Anthem of Canada while ‘God Save The Queen’ shall be the Royal Anthem of Canada. »)

Nachdem das Komitee feststellte, dass God Save the Queen urheberrechtlich nicht geschützt werden kann, hielt man es dennoch für notwendig, die Besitzansprüche und das copyright für O Canada festzulegen, denn es sei erforderlich, die nötigen Schritte zu unternehmen, die Rechte an der Musik für alle Zeiten im Namen Ihrer Majestät für Kanada zu sichern.

Schließlich wurden die oben genannten Änderungen im Text von Weir vorgeschlagen. Nachdem Status und Wortlaut geklärt waren, fehlte nur noch ein Kommentar zur Musik. 1967 stimmt das spezielle Regierungskomitee für die Intonierung Calixa Lavallées, versehen mit der NotationWith dignity, not too slowly. Mehr kann man von einer Nationalhymne nicht verlangen: Mit Würde, aber nicht zu langsam.

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Seit 1972 hatte es vier erfolglose Gesetzesvorlagen zur Nationalhymne gegeben. Die fünfte musste durch das automatische Jubiläum ihrer Datierung bestechen.

Als am 01. Juli 1980 vor Tausenden von Zuhörern auf dem Parliament Hill in Ottawa O Canada zur offiziellen Nationalhymne gemacht wurde, war man sich des Jahrestages gewiss, um den es hier ging. Schließlich waren weniger als 14 Tage seit der Gesetzesvorlage vergangen, die mit einem asap [as soon as possible] auf den 100. Geburtstages der Hymne und die politischen und historischen Implikationen abzielte.

Jenes Lied aber, das am 24. Juni 1880 in Québec zur Musik von Calixa Lavallée angestimmt wurde, zeichnet vor allem eines aus: Der Text hat keine vergleichbare poetische und parlamentarische Evolution hinter sich, der Wortlaut ist unverändert. In einem Informationsblatt der kanadischen Regierungsbehörde Canadian Heritage zur Nationalhymne findet sich der lakonische Nachtrag The French lyrics remain unchanged.

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Der Text von Adolphe Basile-Routhier347, Poet, Richter und Professor, liest sich wie folgt:

Ô Canada!

Terre de nos aieux,

Ton front est ceint

de fleurons glorieux!

Car ton bras

sait porter l’épée,

il sait porter

la croix!

Ton histoire

est une épopée

Des plus

brillants exploits.

Et ta valeur,

de foi trempée,

protégera nos foyers

et nos droits.

protégera nos foyers

et nos droits.

O Kanada

Erde unserer Vorfahren,

Dein Haupt ist umrahmt

mit glorreichem Schmuck.

Denn deine Hände wissen

das Schwert

und das Kreuz

zu tragen.

Deine Geschichte

ist ein Heldengedicht

der strahlendsten

Ruhmestaten.

Dein Heldenmut,

vom Glauben gestählt,

schütze unser Heim

und unsere Rechte.

schütze unser Heim

und unsere Rechte.

Calixa Lavallée war von Théodore Robitaille, Vizegouverneur der Provinz, beauftragt worden, das Gedicht von Adolphe-Basile Routhier zu vertonen. Lavallée hatte sich in Schulden geworfen und das Land in Richtung Süden verlassen. In den Vereinigten Staaten genoss er Ansehen als Präsident der Music Teachers‘ Organisation und als Chormeister der Kathedrale in Boston.

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Dem Musiklehrer Lavallée war klar, dass Eile geboten war, schließlich sollte die Hymne am 24. Juni, zur Fête St. Jean-Baptiste, veröffentlicht werden. Aus diesem Grund hatte man auf den geplanten Wettbewerb verzichtet. Zeitgleich mit dem Tag des Heiligen Johannes des Täufers fand in Québec Ende Juni 1880 der Frankokanadische Nationalkongress, der Congrès national des Canadiens-Français statt. Aus diesem Anlass wurde im Pavillon des patineurs ein Bankett gegeben, wo als krönender Abschluss Ô Canada erstmals aufgeführt wurde.

Trotz des anfänglichen Erfolgs schien die Nationalhymne später an Bedeutung zu verlieren, noch bevor sie im englischen Kanada reüssierte. Der Nachruf auf den 1891 verstorbenen Lavallée erwähnt sie nicht als eines seiner wichtigen Werke. Ähnlich abwesend ist die Hymne in einer 1898 veröffentlichten Biographie Routhiers.

Zwei Jahrzehnte vor dem Erfolg in Anglokanada findet die Hymne keine Erwähnung in einem von der University of Toronto 1887 publizierten Liederbuch. Frankokanada ist dort mit den Liedern Vive la canadienne, À la claire fontaine und Un canadien errant vertreten. Lavallée stirbt 1891 und wird in Boston beerdigt. Montréals allgegenwärtige Société St. Jean-Baptiste lässt seinen Leichnam gute vierzig Jahre später nach Kanada überführen, wo Calixa Lavallée 1933 ein Denkmal errichtet wird.

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Zurück zu seinem Werk und dessen Offspring: Vergleicht man die beiden Hymnen, fallen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Beide verbindet die emanzipatorische Absage an die jeweilige europäische Allianz. So stehen O Canada! Our home and native land und

Ô Canada! Terre de nos aïeux (Erde unserer Vorfahren) am Anfang brav beieinander. Die englische Zeile scheint eine direkte Übertragung des Originals zu sein, die einzige im Text. Hier ist auch die wesentliche Gemeinsamkeit in der Funktion der beiden Hymnen zu suchen ― der symbolische Ausdruck einer neuen Gemeinschaft in der Neuen Welt. Mit der imperialen Hymne des Commonwealth, dem God save the Queen bezeugte man die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, in der Kanada ein Spieler von Vielen ist.

Für Frankokanadier war die Situation und damit die Auswahl begrenzter: eine Frankophonie gab es noch nicht und erst recht keine Hymne. Die Marseillaise, Lied der Französischen Revolution, konnte es, wie bereits gesagt, unmöglich sein.

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Von Elias Canetti wissen wir um die Bedeutung von nationalen Massensymbolen und vom Problem einer Definition dieser oder jener Nation. Geht man mit Canetti davon aus, dass die Französische Revolution und das alljährliche ihr gewidmete Fest die Grundlage des nationalen Massengefühls der Franzosen ist, wird deutlich, dass man es in Frankokanada mit einem anderen Weg zu tun hat.

Die Frage nach einem kanadischen Massensymbol lässt sich möglicherweise mit einem Blick auf eine andere, inoffizielle Hymne beantworten: dem Mein Land ist der Winter Mon pays c’est l’hiver 348, von Gilles Vigneault. Der oft zitierte Satz taucht nicht nur als Titel von Gemälden349 und Gesprächsrunden auf, sowohl im Französischen als auch im Englischen, sondern ist auch zu einem gemeinschaftlichen geflügelten Wort geworden.

Hier im Norden Amerikas wusste und weiß man, was es bedeutet, dass die Suche nach dem Orient für die Franzosen im Sankt-Lorenz-Strom und für die Engländer in der Hudson Bay stecken geblieben war. Die kalten Winter haben sich tief in das Gedächtnis der Kolonie eingeschrieben. Wer es nicht rechtzeitig schaffte, Segel zu setzen und den Atlantik zu überqueren, musste den Winter im eisigen Norden verbringen350. Wenige Europäer überlebten die ersten Winter; neben der Kälte trugen Krankheiten und die Bewohner des Landes das Ihrige dazu bei. Florida und die Karibik schienen am Ende der Welt zu liegen – am besseren zumal.351

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1759 veröffentlicht Jean-Jacques Voltaire seinen Candide mit der famosen Bemerkung im 23. Kapitel, Canada sei den Krieg nicht wert, es ginge um nicht mehr als einige verschneite Morgen Land – « Quelques arpents de neige ».352 In Frankokanada hat man dem anglophilen Voltaire seine bissigen Kommentare nie verziehen. So verwundert es nicht, in einer historischen Fernsehproduktion zu hören, dass Voltaire ein Denker sei, der nur an sich selbst denke und die Nouvelle-France verspotte.353 In einem grandiosen Film von R. Lepage354, der mit seinem Titel auf die kabukihafte Politikfarce um das Unabhängigkeitsreferendum von 1980 und die Krise von 1970 abzielte, trägt der tumbe und geile Kulturattaché Québecs den Namen Walter, ausgesprochen in frankokanadischer Weise wie Voltaire. Die Kolonie aber hat sich gegen die Abwertung mit ihrer Verkehrung gewehrt: dem Winter, das heißt dem Norden, gelte es, etwas Identitätsstiftendes abzugewinnen. Das gilt gleichermaßen für die beiden Kanadas.

Hier findet man ein wesentliches Element für den Erfolg der englischen Version der Nationalhymne. Mit Canetti gedacht, musste sich für die Anglokanadier das Meer und seine Assoziationen als Symbol anbieten, illustriert durch das from shore to shore in Buchans O England Version des O Canada. Gerade hier zeigt sich der symbolische Kern des Textes von Weir, spricht er doch vom Wahren Norden, The True North strong and free. Die emanzipatorische Assoziation liegt auf der Hand.

Als Symbol für eine neue Gemeinschaft im Norden Amerikas lag nunmehr eine Idee vor, die von Stärke und Freiheit erzählt. Im französischen Originaltext wird nicht vom wahren Norden gesprochen, auch nicht vom Winter. Spekulativ könnte demnach der Erfolg von Vigneaults Mon pays c’est l’hiver mit dem der englischen Version der Nationalhymne verglichen werden. Interessant ist diese Parallelität vor allem, weil sich hier zeigen könnte, wie in unbewussten Strukturen eine kanadische Gemeinsamkeit vorliegt, die im politischen und kulturellen Diskurs überlagert wird und als solche nicht auffällt.

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Bemerkenswerterweise fehlte in der Version Weirs von 1908 jeder Hinweis auf göttliche Gewalt. Weir machte deutlich, dass es ihm um patriotische Liebe zum Norden ging und nicht um ein Glaubensepos, das mit dem Kreuz in der einen und dem Schwert in der anderen seine Rechte verteidigt. Die Allegorie des französischen Textes greift in die Wunderkammer des Ancien régime, ein typischer Reflex für die romantische Historisierung des 19. Jahrhunderts. Dass Gott in der Version von 1968 wieder im Rennen ist, könnte zweierlei bedeuten: Indem der atheistische Gestus Weirs gedämpft wird, nähert sich der Text dem französischen Original an. Gemeinsamkeit hieße die Devise. Die für Kanada bezeichnende theologische Dichotomie von Katholizismus und Protestantismus allerdings lässt eine Lesart zu, bei der es hier um den papstlosen Gott der Protestanten geht und damit wären die alten Unterschiede unterstrichen. Eine Antwort auf diese Frage kann hier nicht gegeben werden.

Festzuhalten bleibt, dass sich eine gemeinsame Identifikation mit dem Winter und dem Norden in beiden Kanadas ausmachen lässt. Möglicherweise ließe sich der Bekanntheitsgrad der englischen Version der Nationalhymne mit der inoffiziellen Hymne Mon pays c’est l’hiver auch deshalb vergleichen, weil sich die Hymne Gilles Vigneaults keiner Usurpationsgeschichte verdächtig gemacht hat.

Abschließend sei auf einen Aspekt verwiesen, der die Geschichte der Nationalhymne zu einer Metapher für die politische Repräsentation Kanadas macht. Hört man die Stimme des gegenwärtigen Premierministers Jean-Chrétien, so fällt der starke Akzent auf, mit dem er seine Reden auf Englisch vom Thron der Nation hält. Chrétien, der als liberaler Politiker seit 1993 nicht ohne Erfolg die föderalistische Politik Kanadas vertritt, verrät mit seinem französischen Akzent ein Geheimnis der Nation. Sowohl innenpolitisch als auch das Verhältnis zum großen Nachbarn im Süden betreffend ist dieser Akzent kein Makel , sondern ein Zeichen höchster identifikatorischer Bedeutung. Wie Pierre Eliott Trudeau355 vor ihm, schafft es der Politiker Chrétien gleichzeitig, ein Zeichen für den inneren Frieden und die nötige Distinktionsgewalt nach außen zu verkörpern.

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Wie die französische Musik zur Nationalhymne ist der französische Akzent des Premierministers, der im Übrigen vor einer möglichen weiteren Amtszeit steht, ein symbolisches Unterpfand für eine erfolgreiche nationale Identitätsstrategie. Ohne Québec wäre es für Kanada nahezu unmöglich, dem US-amerikanischen Kultur-Magnetismus zu entgehen. Ohne den sprachlichen (und ethnischen?) Akzent des Premierministers würden die politischen Stimmen in Québec, die für die eine oder andere Form der Sezession von Kanada werben, leichteres Spiel haben. Immerhin wird das Argument der angelsächsischen Besatzung entkräftet, wenn nicht ad absurdum geführt.

Anhand der Polyphonie der kanadischen Nationalhymne ließ sich aufzeigen, dass hinter den Antagonismen einer kulturellen Landschaft, die auf Unterschiede setzt, eigentlich eine Reihe von Versatzstücken liegt, die von gegenseitiger Inspiration gekennzeichnet sind, und die ihre Gemeinsamkeiten gut zu verbergen wissen.

Gebrauch der Farben

Die Zeichen, mit denen sich dieses Kapitel beschäftigte, wurden im Sinne der Zielstellung der vorliegenden Arbeit als Elemente kultureller Produktion in einem politischen Kontext beschrieben. Diese Zeichen haben räumliche und zeitliche Dimensionen und sind damit wandelbar. Diese Zeichen – Ahornblatt und Lilie, Biber und Schneeeule, Rot, Blau und Weiß, A mari usque ad mare und Je me souviens und die Hymnen nationaler Bestimmung – belegen in ihrer jeweils eigenen Geschichte den Gehalt von Emblem und Repräsentation: Sie sind flexibel aber nicht arbiträr in ihrer kulturellen Anwendung und sie zielen auf Distinktion. Der verwandten Etymologie von Symbol und Emblem entsprechend (zusammenlegen/hineinlegen), beschreiben sie eine Handlung, keine unveränderliche Substanz. Die für eine katholisch-nationale hymne komponierte Musik trägt heute die Worte eines nationalen protestantisch inspirierten anthem. Die mediterrane Lilie Frankreichs – Zeichen Mariä, Jesu und der Monarchie – wurde per Gesetz heimgeholt und von einer indigenen Pflanze ersetzt, das Ahornblatt, einst braun oder grün, trägt das englische Königsrot, bzw. eine kanadische Variante davon, die Schneeeule ist das Wappentier Québecs geworden und der Biber führt eine seltsam ungeklärte Existenz in der Landschaft nationaler Symbole.

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Am Beispiel der Farben konnte gezeigt werden, dass sich die Symbolik von farblichen Identitätsreferenzen nicht an einem wie auch immer gearteten inneren Gehalt der Farben orientiert, sondern den Regeln kultureller Sinnproduktion folgt. Damit soll nicht bestritten werden, dass den Farben im Verständnis der Kultur(en) nicht gleichsam universelle und substantielle Werte zugeschrieben werden – Leben, Tod, Gott, Neid, Liebe –, doch wird ein genauerer Blick stets die relative Austauschbarkeit der Attribute belegen können. Eine politische Formation innerhalb Québecs, die dem pankanadischen nationalen Farbspektakel widersprach – die Trennung in rote Liberale und blaue Konservative ( les « rouges » et les « bleus » ) – war ohne Bestand und blieb eine Episode.356 Das Blau im Union Jack ist ein anderes Blau als das Blau des fleudelisé und das Rot der revolutionären Trikoloren der Patriotes von 1837-38 und des Front de la Libération du Québec ist nicht das Rot der kanadischen Ahornflagge. Die beiden Nationalflaggen Kanadas357 sind das Ergebnis einer Übereinkunft dreifach distinktiver Akzidens: sie unterstreichen die Bindung und den Abschied vom europäischen Mutterland, die jeweils eigene dominante Identität und die gemeinsamen Unterschiede zum US-amerikanischen Stars and Stripes.

Wir sprechen also vom Gebrauch der Farben, nicht von ihrem Gehalt. Der institutionelle Gebrauch farblicher Zuweisungen spricht eine eigene Sprache der Identitätspolitik. Ein Blick in die Schulbücher zur Geschichte Québecs und Kanadas belegt die Annahme: Farben funktionieren. Stellt man die vier für den Geschichtsunterricht der Sekundarstufe zugelassenen Bücher nebeneinander, so fällt zunächst auf, dass die drei französischsprachigen Bücher mit reicher Farbausstattung versehen sind und Diverse Pasts, das englischsprachige Geschichtsbuch, spartanisch mit zwei Farben arbeitet, Schwarz und Blau. Dieser Befund ist für sich genommen nicht ohne Interesse, entspricht doch das kärgere Erscheinungsbild einer anderen Lesekultur und einem anderen Verhältnis zum gedruckten Wort, an das die Schüler der englischsprachigen Einrichtungen früh gewöhnt werden. Die dominierende Farbe des Textes – ausgerechnet Blau – kann vielleicht mit typographischen Erwägungen erklärt werden, und bestätigt nebenbei eine Annahme zum symbolischen Spielraum unterschiedlicher Akteure. Dieser Spielraum wird deutlich, wenn man versucht, sich ein französischsprachiges Geschichtsschulbuch Québecs vorzustellen, das in schwarz-rotem Zweifarbdruck erschiene.

Die drei Texte Nouvelle Histoire du Québec et du Canada (NH), Québec: héritages et projets (QHP) und Je me souviens (JMS) machen verschiedenartig von farblichen Markierungen Gebrauch. In der Nouvelle Histoire (1990) werden einige konkrete Ereignisse und Auseinandersetzungen zwischen England und Frankreich mit der jeweiligen Sinnfarbe unterstrichen. In einer Tabelle zu den militärischen Auswirkungen in Nordamerika von Konflikten in Europa – Augsburger Allianz 1689-1697, Spanischer Erbfolgekrieg 1701-1713, Österreichischer Erbfolgekrieg 1740-1748 – sind französische Siege (und englische Niederlagen) blau und französische Niederlagen (und englische Siege) rot unterlegt (NH: 115). Die Belagerung Québecs und die Schlacht auf den Abrahamshöhen wird auf einer Karte dargestellt, wobei die Stützpunkte der Armeen und ihre Aufmarschpositionen vor der Schlacht jeweils mit rot und blau gekennzeichnet sind (NH: 119). Diese Farbgebung wird in der Nouvelle Histoire nur für militärgeschichtliche Darstellungen benutzt und findet ansonsten bei graphischen Darstellungen keine Anwendung.

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Die farbliche Gestaltung von Je me souviens. Histoire du Québec et du Canada strukturiert den gesamten inhaltlichen und chronologischen Ablauf der dargestellten Geschichte. Im Inhaltsverzeichnis sind die Abschnitte zum Régime français blau, zum Régime anglais rot und La période contemporaine (die Gegenwart, seit 1867) grün akzentuiert. In den Kapiteln werden Hervorhebungen, Zeitleisten und andere graphische Elemente farblich unterstrichen, wodurch der Text blau, rot oder grün dominiert wird. Die jeweilige Farbe steht im Beschnitt der Seiten, das heißt, man sieht auch dem geschlossenen Buch die historischen Blau- und Rotphasen an. Diese Symbolik entspricht auch dem programmatischen Titel des Lehrbuches, der Leser kann sich in den Seiten schlecht verirren. Le Québec: héritages et projets geht mit der Farbgebung sehr sparsam um, die französische Monarchie wird blau und die britische wird rot symbolisiert (QHP: 109, 154, 188), ansonsten fällt eine zufällig erscheinende Zuweisung der Farben auf: Eine Karte der Handelsposten in Nordamerika im 17. Jahrhundert hat grüne Punkte für englische und violette für französische Niederlassungen (QHP: 64), eine Karte der militärischen Auseinandersetzungen bei Québec 1759-60 zeigt die Stellungen der französischen Armee grün und der englischen violett. Doch dürfte es sich hier weniger um Zufall als um eine bewusste Entscheidung der Autoren handeln.

Die Schulbücher des Geschichtsunterrichts in Québec lassen nicht die Annahme zu, dass Identitätsreferenzen im Rahmen institutionalisierter Erinnerungspflege notwendigerweise mit farblicher Symbolik operieren müssen. Farben finden in unterschiedlichem Maße Verwendung und sie können dabei auch eine strukturierende Funktion übernehmen. Dass dies offenbar nicht der Fall sein muss, illustriert die Heterogenität einer Gesellschaft, in der verschiedene Modelle zur Darstellung der Vergangenheit koexistieren und zeigt möglicherweise einen Vorgang der Bewusstwerdung farblicher Zeichen seitens der Autoren und Gestalter an. Während der Text Je me souviens zeigt, wie Farben traditionelle Referenzen aufgreifen können, Diverse Pasts ohne differenzierte Farbgebung auskommt, wird von Québec: héritages et projets in überspitzter Form die Austauschbarkeit der Farbzuschreibungen illustriert. Die Selbstverständlichkeiten der öffentlichen Farbgebung werden in den Schulbuchtexten kaum oder nur indirekt widergespiegelt. Das rote oder blaue Farbenmeer, das ein Beobachter anlässlich öffentlicher Feiertage in Québec und Kanada erleben wird, speist sich zumindest nicht aus den farblichen Referenzen der gegenwärtigen Geschichtsbücher.

Ein Beispiel für den Gebrauch der Farben und ihrer historischen ‘Accessoires’ liefert die jüngste Vergangenheit: das 1990 erschienene und zu einem Bestseller avancierte Buch The Battle for Canada von Laurier LaPierre trägt einen roten Einband und eine Darstellung des sterbenden James Wolfe, General der englischen Truppen in der Schlacht auf den Abrahamshöhen vor Québec. La bataille du Canada, die 1992 erschienene Übersetzung ins Französische, zeigt den Marquis de Montcalm in den letzten Augenblicken seines Lebens, auf blauem Einband.358 Es handelt sich hier, davon können wir im Licht der bisherigen Ausführungen ausgehen, weder um einen Zufall noch um eine farbenästhetische Korrektur.

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Zusammenfassend bleibt zu bemerken, dass es sich bei Kultur nicht um ein Erbe handeln kann. « Kulturerbe » ist eine Bezeichnung, die von der selektiven Arbeit kultureller Produktion ablenken will. Kulturkontakt führt nicht notwendigerweise zu Formen der Konvergenz, zu einer symbolischen Annäherung der Akteure. Die für Kultur und damit für identifikatorische Prozesse typischen Distinktionsmechanismen betonen eher Parallelitäten in ihrer Statik oder setzen auf die identitätsstiftende Kraft von Divergenzen. Die historische Wirkung dieser Eigenschaft von kultureller Produktion konnte am Beispiel von Farben, Zeichen und Hymnen nationaler Prägung illustriert werden.


Fußnoten und Endnoten

254  Robert Dutrisac: « Deux millions pour donner une ‘visibilité’ au Québec »; Le Devoir, 11.04. 2001.

255  « Die Regierung wird mit der Botschaft ‘Eine Nation Amerikas und der Zukunft’ zum Thema der Ökonomie in den Tageszeitungen von Québec und Montréal, wie The Gazette, in Toronto und auch in der Wochenzeitung Les Affaires werben. Werbetafeln werden auch in Bushaltestellen zu finden sein. »; ebda.

256  « Fahnenkrieg », ebda.

257  « Canadian soldiers will be wearing forest green, instead of the desert pattern chosen by the American military. Stogran, [Offizier der kan. Armee] proudly sporting the uniform in question Monday, said there's been talk about the issue on the base, ‘but talk is cheap,’ he said. He said there will actually be advantages to wearing the green, because it won't stand out at night like the desert pattern would. » Nahlah Ayed: « Canada’s Afghan commander is ecstatic that his troops are finally coming »; The Gazette; 28.01. 2002.

258  Siehe hierzu Fernand Dumont: « Agriculture, commerce des fourrures, mission: en plus d'engendrer des conflits de pouvoirs, ces divergences déchirent la petite population des colons eux-mêmes. Elles seront surmontées au détriment de la mission, peut-être de l'agriculture. La traite des fourrures l'emportera, un temps du moins. » F. Dumont, a.a.O., S. 53. Vgl auch Jean Blain: « Les structures de l'Église et la conjoncture coloniale en Nouvelle-France, 1632-1674 », Revue d'histoire de l'Amérique française, XXI, 4 mars 1968, S. 752, zit. in: F. Dumont, ebda.

259  Vgl. Robert Rumilly: Histoire de la province de Québec; Bd. 4 Les « Castors »; Fides, Montréal 1971 [1940].

260  Joseph-Adolphe Chapleau (1840-1898), Parteichef des Parti conservateur Québecs von 1876-1878, Premierminister von 1879-1882 und Lieutenant-gouverneur der Krone von 1892-1898.

261  John Ross Matheson: Canada's flag, a search for a country; G. K. Hall, Boston, Mass. 1980, S. 23.

262  Ebda., S. 51.

263  Ebda., S. 116.

264  Will Ferguson, a.a.O., S. 82 f.

265  « Man weiß, in welchem Maße der über einen langen Zeitraum vom Klerus verfluchte coureur des bois, als dem Indianer ähnlich, als schwer zu fassende, flüchtige und unkontrollierbare Person, für viele Weiße ein beneidetes Vorbild war. » Jocelyn Létourneau: « La production historienne courante portant sur le Québec et ses rapports avec la construction des figures identitaires d’une communauté communicationelle »; Recherches sociographiques, XXXVI, 1, 1995, S. 9-45, Fußnote 55, S. 26.

266  Louis Riel, geb. 1844 in Saint-Boniface (Manitoba), wird zum Anführer einer Gruppe von Métis, die sich gegen die englische Besiedlung und später auch gegen die pro-irischen Fenians im bewaffneten Kampf gegen England wenden. 1874 in das Abgeordnetenhaus (Manitoba) gewählt, wird er im Jahr darauf aus diesem verwiesen und für vogelfrei erklärt. Die von ihm angeführte Rebellion wird niedergeschlagen, er wird verurteilt und am 16. November 1885 in Regina gehängt. Bis heute sorgt das Vorgehen der öffentlichen Gewalt im Falle Riel für kontroverse Interpretationen.

267  Die Franziskanermönche der Récollets waren 1615 die ersten Missionare in Amerika. Vertreter der Compagnie de Jésus etablierten sich zehn Jahre später in Québec. 1657 erreichte eine Gruppe von Sulpiciens das heutige Montréal. Schon 1639 erreichten Ordensschestern der Ursulines und der Hospitalières die Nouvelle-France. Vgl. Erstes Kapitel in Marc Durand: Sous le regard de la France. Histoire du Québec; Imago (PUF) Paris, 1999. Neben der hier beschriebenen, quasi-nomadischen Missionsarbeit der ‘Schwarzen Roben’ ( « robes noires/black robes » für die zu missionierenden Amerindianer) wurde die Gute Botschaft in sogenannten réductions, Missionsschulen, gelehrt.

268  Voyageur: der Archetyp des reisenden Händlers im Norden der Neuen Welt. Kundig in den geographischen Besonderheiten und – mehr oder weniger – im Umgang mit Formen amerindianischer Kultur, Sprache und Technologie (Transport).

269  William Henry Atherton: Montreal 1535-1914; S.J.Clarke Publishing Co., Montreal 1914.
Zur Rolle des Beaver Club, unter anderem im Konflikt zwischen der Hudson’s Bay Company und der North West Company siehe: Douglas Mackay: The Honorable Company, A History of the Hudson's Bay Company; Bobbs-Merrill Co., N.Y., 1936. Agnes Christina Laut verschaffte dem Beaver Club eine literarische Widmung in Lords of the North; W. Briggs, Toronto 1900.

270  Pierre Falardeaus Film 15 février 1839 wird in Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas » dargestellt und diskutiert.

271  « Ghana, 1957, vor der Unabhängigkeit. Jean Rouch dreht einen Dokumentarfilm, Die verrückten Herren, über die Religion der Haouka. Jedes Jahr versammeln sich die Mitglieder der Sekte zu einer Feier. Sie sind besessen. Besessen von Göttern, die sich Gouverneur, Generalsekretär, Frau des Gouverneurs, General und Frau des Doktors nennen. 1957 ist Ghana eine britische Kolonie ... einige Negerkönige, zum Schein, die wirklichen Herren sind englisch. Eine Kolonie mit allem drum und dran: Union Jack, God Save the Queen, Perrücken, Dudelsack und obendrauf, das Gesicht der Königin. Hier [in Québec] kennt man das. » Der gesamte Text des Kommentars von Falardeau findet sich unter folgender Adresse im Internet: http://www.total.net/~carmax/bouffons.html (Sept. 2002)

272  « Québec, im Jahre 1985. Jedes Jahr versammelt sich die Kolonialbourgeoisie im Queen Elisabeth Hotel zum Banquett des Beaver Club. Hier gibt es jedoch keine Besessenen, nur Besitzer. An der Ehrentafel sitzen die lieutenants gouverneurs [Vertreter der Krone] der 10 Provinzen mit ihren angeklebten Bärten und Papphüten, Geschäftsleute, Richter, Indianer aus Einkaufszentren, Negerkönige mit weißer Haut, die ‘Bilingual’ sprechen. Wie in Ghana feiert man auch hier das alte britische Ausbeutungssystem. Aber hier stimmt alles. Hier spielen die Herren die Rolle der Herren und die Sklaven bleiben Sklaven. Jedem das Seine! »; ebda.

273  « In Ghana machen die Armen einmal im Jahr die Reichen nach. Hier, heute Abend, machen die Reichen die Reichen nach. Jedem das Seine... Die englischen Bourgeois verkleiden sich als englische Bourgeois, die zweisprachigen Kollaborateure kleiden sich als zweisprachige Kollaborateure, zufrieden lächelnd, die Schotten packen ihren Schottenrock aus, die Indianer tragen Federn im Hintern, um wie Ureinwohner auszusehen. Die Québécois werden als Musiker oder Kellner verkleidet. Die Immigranten? Wie die Québécois, als Kellner!...Das ist abgekürzt die Geschichte Québecs. Die ganze Wirklichkeit Québecs zusammengefasst: ausnahmsweise einmal klar und deutlich, wie mit einer Lupe vergrößert. Heute Abend feiern die Herren die alten Zeiten. Sie feiern ein goldenes Zeitalter und ein verlorenes Paradis. »; ebda.

274  Vgl. http://www.montrealfood.com/restos/beaverclub.html bzw. http://www.cigaraficionado.com/Cigar/Aficionado/Archives/199810/ra1098.html

275  Ebda.

276  Albert Legault: « Intervention de l'Armée de terre canadienne en Afghanistan: Le castor a-t-il encore des dents? »; Le Devoir, 23.01.2002.

277  L’unifolié, das Einblättrigre, ist eine Bezeichnung für das Maple Leaf (frz. feuille d’érable ), die kanadische Nationalfahne mit dem roten Ahornblatt. Fleurdelisé, Liliengeblümtes, wird die Fahne Québecs mit den vier fleur-de-lys genannt. Die Orthographie lys (für lis ) « ...jugée plus ancienne et plus noble » begann sich in Frankreich nach 1792 systematisch durchzusetzen Vgl. Michel Pastoureau: Les emblèmes de la France. Éd. Bonneton, Paris 2001, S. 134.

278  Das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert war das Paar Rot-Blau innerhalb Québecs deutlich politisch belegt. Diese ‘interne’ Trennung sollte später einer anderen weichen, gemäß den Regeln einer (pankanadischen) Distinktionsökonomie. Von einer eingehenden Beschreibung der Rolle, die les Rouges und les Bleus in der politischen Parteienlandschaft Québecs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielten, wird hier aus Platzgründen abgesehen. In Canada-Est standen sich die Reformer des radikalen Parti rouge von Antoine-Aimé Dorion und die ‘liberal-konservativen’ Bleus von George-Étienne Cartier, einem ehemaligen Patriote, gegenüber. Dorions ‘rote’ Reformer kritisierten die etablierten Machtstrukturen der britischen Monarchie und der katholischen Kirche in Québec ( Eastern Canada ), was den ‘blauen’ Konservativen Cartiers zu einem pro-britischen, pro-klerikalen und anti-US-amerikanischen Programm verhalf. Das Rot der Partei Dorions ist das der französischen Trikolore und des US-am. Star-Spangled Banner, die Partei vertrat von einigen Punkten abgesehen ähnliche Positionen wie die radikalen (aber frankophoben) Clear Grits unter George Brown in Western Canada (dem ehemaligen Upper Canada ). Ein prominenter Rouge ist Charles Laberge, der als Journalist und Gründungsmitglied des Institut canadien in der Zeitung L’Avenir 1849 eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die sich für den Anschluss Kanadas an die USA aussprechen. Die Partei errang nie eine Mehrheit in der Bevölkerung, markierte die Ideengeschichte Québecs aber nachhaltig. Es liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass Jean Charest, der Liberale und pro-kanadische ( « federalist » ) Premier Québecs, als ehemaliger Progressiste-conservateur in der politischen Traditionslinie der Bleus zu sehen ist. Die Progressive Conservatives gehen auf die Liberal Conservatives zurück. Zur Geschichte der « Blauen und Roten » siehe: Claude Corbo, Yvan Lamonde: Le rouge et le bleu. Une anthologie de la pensée politique au Québec de la Conquête à la Révolution tranquille; Presses de l’Université de Montréal, Montréal 1999.

279  Don Macpherson: « A symbol of France. If Quebec is serious about inclusiveness, it should adopt a new flag »; The Gazette, 07.08. 2001.

280  Don Macpherson: « Raising a flap. Montreal and Quebec flags are outdated symbols of the people they are supposed to represent »; The Gazette, 22.01. 2002.

281  « Der Kampf um Symbole ist nichts Neues für Québec, umso weniger als Kanada der Meister in diesem Bereich ist: wenn es unsere Symbole mag, werden sie gestohlen – das Ahornblatt, der Biber, das O Canada –, wenn nicht, werden sie diskreditiert. Aus diesem Blickwinkel müssen die neuerlichen Artikel von Don Macpherson über die Flagge Québecs gelesen werden. » Robin Philpot: « Qui veut affaiblir une nation s’attaque à ses symboles »; Journal SSJB-M, April 2002.

282  Wie die Konflikte um die Fusion der Gemeinden auf der Insel Montréal, die das Jahr 2001 überschatteten.

283  Unabhängig davon ist die Behauptung, eine Fahne könne nur dann für eine offene Gesellschaft sprechen, wenn alle Neuankömmlinge explizit repäsentiert werden, falsch (und könnte dazu dienen, jede Fahne zu diskreditieren).

284  Stéphane Baillargeon: « Pour quelques arpents de chiffons rouges »; Le Devoir; 29.01. 2001. Der Titel verweist auf Voltaires berüchtigtes « Pour quelques arpents de neige ».

285  « Anders als in Québec gibt es im Westen oder in den Atlantikprovinzen keinerlei Verpflichtung, auf Förderprojekten die kanadische Flagge zu hissen. Es scheint, dass Ottawa nur in Québec den Drang verspürt, den Steuerzahlern zu zeigen, wie ihr Geld verwendet wird. » Manon Cornellier: « Ottawa n'exige la présence de l'unifolié qu'au Québec »; Le Devoir, 26.01.2001.

286  « Was die Fahnen betrifft, so können Sie bezeugen, dass es davon einfach zu viele gibt. Das ist wirklich Propaganda, und zwar Propaganda an der Grenze des Lächerlichen. »; ebda.

287  Robert Dutrisac: « Le ton change face au fédéral. Bernard Landry critique vertement Stéphane Dion et écorche le drapeau canadien »; Le Devoir, 24.01.2001.

288  « Die anderen Provinzen hissen immer die kanadische Flagge und die der Provinz, das ist automatisch [...] Hier weigert sich Québec systematisch in seiner Flaggenpolitik [...] Wir waren also gezwungen, es von Québec in schriftlicher Form zu verlangen, weil sie es nicht wollen. » [Telefoninterview] Hélène Buzzetti: « Les autres provinces hissent volontiers l’unifolié »; Le Devoir, 27.01.2001.

289  « ... eine ‘übertriebene und skandalöse’ Sichtbarkeitspolitik, weil die Provinz verlangt, dass wenn immer das Ahornblatt gehisst wird, auch ihre Flagge gehisst werden muss. »; ebda.

290  B. Landry: « On ne laissera pas le gouvernement fédéral bilinguiser notre capitale nationale pour des questions d'argent » in: Robert Dutrisac: « Le ton change face au fédéral. Bernard Landry critique vertement Stéphane Dion et écorche le drapeau canadien »; Le Devoir, 24.01.2001.

291  CDN (kanadische Dollar)

292  Artikel o.N.: « Singing the Maple Leaf Rag; » The Gazette, 25.01. 2001.

293  Ein Artikel vom 8. Februar legt nahe, dass es sich eher um ein symbolisches Gefecht, ohne finanzielle Auswirkungen handelte: « Le budget de Développement économique Canada, d'où devait provenir la subvention, est une enveloppe fermée, et l'argent devra être dépensé coûte que coûte dans la province. » Hélène Buzzetti: « Chiffon rouge ou pas, Québec ne perd pas un sou »; Le Devoir, 08.02. 2001.

294  Ebda.

295 Die Sponsoren der Plakataktion waren La Baie, Via Rail Canada und Patrimoine canadien.

296  « Es ist ebenso wahrscheinlich, dass Daniel Boucher die Hymne O Canada singt, wie es wahrscheinlich ist, dass sich Bernard Landry zur Feier des Tages ein rotes Ahornblatt ins Gesicht malt. » Stéphane Laporte: « Un message au Canada »; La Presse, 01.07.2001. D. Boucher ist Sänger und aktiver Befürworter der Unabhängigkeit Québecs.

297  « Ich habe vier Lieder zur Unabhängigkeit geschrieben, als ich versuchte, die Tatsache, dass ich indépendantiste war, überall unterzubringen. Ich hab das mit vier Stücken für mich geregelt. Ich bin immer für die Unabhängigkeit [Québecs] gewesen, aber ich war nie paranoid genug, den Kanadiern und Amerikanern die Schuld zu geben. » Bernard Lamarche: « Critique à tout crin »; Le Devoir, 06.04.2001.

298  Hier wird davon abgesehen, dem Politiker Landry für seinen Kommentar zur Ahornflagge ein strategisches Kalkül der Wählermanipulation zu unterstellen.

299  Robert Dutrisac: Le ton change face au fédéral. Bernard Landry critique vertement Stéphane Dion et écorche le drapeau canadien; Le Devoir, 24.01.2001.

300  Michel Pastoureau erinnert daran, dass die rote Fahne zweimal kurz davor war, Frankreich zu symbolisieren, 1848 und 1871. Vgl. Michel Pastoureau: Les emblèmes de la France. Éd. Bonneton, Paris 2001, S. 105.

301  Ebda., S. 39 f.

302  Die weiße Fahne steht hier für Monarchie und droit divin, die Trikolore für souveraineté populaire. « Dans la France de l’Ouest, les armées ‘catholiques et royales’ combattent avec cocardes et drapeaux blancs. Sur ces derniers sont parfois ajoutées des fleurs de lis d’or ou bien l’image du sacré-cœur de Jésus, pour lequel Louis XVI, prisonnier au Temple, avait eu une dévotion particulière. »; ebda., S. 102.

303  J.-C. Pouilot, a.a.O., S. 18. ff.

304  Jean Cournoyer, a.a.O., S. 222.

305  Bezugnehmend auf die Beschreibung von Y. Santamaria: « ...la natio médiévale renvoie [...] à une perception ethnico-linguistique. » Yves Santamaria: « L’État-Nation, Histoire d’un modèle »; in: Serge Cordellier (Hg.): Nations et Nationalismes; La Découverte, Les Dossiers de l’état du monde, Paris 1995, S.27-38, S.27.

306  Für eine ausführliche Diskussion zum Thema « Blau » siehe Michel Pastoureau: Bleu. Histoire d'une couleur; Éd. du Seuil, Paris 2000.

307  In Nordamerika kämpften für die französische Krone größtenteils Regimenter, die als Kolonialtruppen unter eigener Fahne kämpften. Darunter waren auch (hessische und andere) Söldnerregimenter. Die wenigsten dieser Regimenter waren in ihrer vollen Stärke in der Nouvelle-France eingesetzt, verblieben also eigentlich in Europa.

308  « voll und ganz marianisch und königlich » M. Pastoureau: Les emblèmes de la France, S. 127.

309  Ebda., S. 130.

310  «  ...schon während der Revolution wurde die Lilie zum märtyrerhaften Symbol des royalistischen Kampfes und bleibt es im 19. und bis ins 20. Jahrhundert. » Ebda., S. 139.

311  Für die Patriotes von 1837-38 repräsentiert der Union Jack die Kolonialoligarchie und ihre undemokratische Politik, womit nicht gesagt ist, dass sie nicht von den liberalen, englischen Traditionen inspiriert waren. Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas ».

312  Louis Fréchette: La légende d’un peuple; Einfg. v. Claude Beausoleil, Écrits des forges, Trois-Rivières (Qc) 1989 (1887).

313  Ebda., Le dernier drapeau blanc, S. 136ff., bzw. Le drapeau anglais, S. 242f.

314  1848 wird in Toronto die literarische Publikation The Maple Leaf herausgegeben. Hier wird das Ahornblatt als nationales Symbol vorgestellt. Anlässlich des Besuchs des Prince of Wales in Kanada wird 1860 das Wappen des 100sten Regiments der Royal Canadians bekanntgegeben: das Ahornblatt.

315  Siehe hierzu zwei bereits zitierte Beiträge von G. Bouchard, der bezülich der Nation Québec von einem « déficit utopique » spricht und als eine der dringenden Aufgaben die fortgesetzte Neuformung der Nationalfeier am 24. Juni betrachtet: « ...achever la transformation des célébrations du 24 juin en une fête véritablement nationale (un immense travail a été fait dans cette direction récemment)... ». In seiner Kritik des älteren Begriffs von der Nation Québec nennt Bouchard den Hlg. Joh. als zentrale nationale Symbolfigur: « Ainsi, la nation [...] se définissait par référence [...] aux symboles nationaux (parmi lesquels figurai[t] en bonne place Saint-Jean-Baptiste...) » Vgl. G. Bouchard: « Construire la nation québécoise. Manifeste pour une coalition nationale »; Le Devoir, 04.09.1999 bzw. ders. « Ouvrir le cercle de la nation. Activer la cohésion sociale »; L'Action nationale, 87, no 4, avril 1997, S. 107-137, S.115.

316  Déclaration d'indépendance; Adoptée à la 161e Assemblée générale annuelle de la Société Saint-Jean-Baptiste de Montréal, 09.03. 1995. http://www.ssjb.com/doc/decl_independance.html

317  Appendix B in Matheson: a.a.O., S. 240. Gules und argent sind heraldische Entsprechungen für Rot und silbriges Weiß.

318  John Diefenbaker (Conservative, Premierminister Kanadas 1957-63); Lester Pearson (Liberal, Premierminister 1963-68)

319  John Ross Matheson, a.a.O., S.227.

320  Ebda., Preface, S. xi.

321  Ebda., S. 229.

322  In Ontario war 1965 eine Version des Red Ensign zur Provinzfahne gemacht worden.

323  J.R. Matheson, a.a.O., S.101.

324  Nachdem die britisch-kanadische Orthographie (US-)amerikanisiert worden war, erschien Mathesons vorher nicht in Buchform publizierte Arbeit 1980, 5 Jahre später, in Boston, USA.

325  « Bruce Hutchison Looks at a Little-Understood Man »; Toronto Globe and Mail vom 16. 12.1967; zit. in: J.R. Matheson, a.a.O., S. 228.

326  Ebda., S. 233. Der Hinweis des « Land of the Free » ist unschwer als Anspielung auf den Nachbarn im Süden zu verstehen.

327  Le plus meilleur pays au monde [sic] ist ein geläufiger spottischer Kommentar zu Premierminister Chrétien.

328  Matheson, a.a.O., S. 20.

329  In der königlichen Erklärung vom 21. November 1921 mit dem Titel By the King. A Proclamation. Declaring His Majesty’s Pleasure concerning the Ensigns Armorial of the Dominion of Canada findet sich die Beschreibung des Wappens (hier das dritte Feld), sowie Herkunft und Datum der Autorisation: « ...and the third division Argent three maple leaves conjoined on one stem proper [...]On a wreath of the colours argent and gules a lion passant guardant or imperially crowned proper and holding in the dexter paw a maple leaf gules [...] Given at Our Court at Buckingham Palace, this twenty-first day of November in the year of Our Lord One thousand nine hundred and twenty-one, and in the Twelfth year of Our Reign. »; ebda., S.20 f. Ein Detail soll hier nicht unerwähnt bleiben: Obwohl die kanadische Regierung ausdrücklich vert (heraldisch: grün) als Farbe für die Ahornblätter vorgeschlagen hatte, liest man in der Erklärung proper -‚ in der natürlichen Farbe’. Mathesons Kommentar: « Just as in nature the green leaves turn to red, so in the fullness of time, Canada’s heraldic sprig of maple leaves vert, or proper, became a sprig of maple leaves gules. »; ebda. S. 21.

330  Ebda., Chapter 2 - Canada Obtains Arms, S. 7.

331  Ebda., S. 232.

332  Matheson widmet den Letters to the Prime Minister ein Kapitel. Einige Auszüge: « Personally I think you are a traitor to the Commonwealth and should be hauled up for treason. You’re no better than a Communist...Why on earth were you given the Nobel Peace Prize, I’ll never know... »; « This letter is to express my deepest disapproval over the suggestion that Canada discard the Union Jack as the Dominion standard and adopt a new flag for no other reason than to appease the citizens of Quebec. »; « Dear Sir: I am disgusted with Canada’s refutation of Great Britain and Her Majesty with the removal of the former Canadian Flag. England has given everything to Canada – laws, language, culture and its whole way of life. Canada owes its existence to Great Britain. The least you could is show more honor to a great nation. I did not know a few rabble rousing French-Canadians ruled the entire Dominion. May the Britannic flag once again fly for Canada. »; « ...The glory of the Union Jack is the union of three Christian Crosses. How unworthy, how unfeeling to replace so inspiring a symbol with one reminescent of a hockey team or an indian tribe. How can the Canadian Government expect priests and clergy to bless a national flag which utterly ignores our holy heritage?... »; « ...We, the assembled members of the Loyal Orange Lodges...wish to once again resolve and reaffirm our stand that the canadian red ensign is the distinctive flag of our dominion »; ebda., S. 188-218. Die Briefe sind aus dem Jahr 1964, gerichtet an Premierminister Pearson. Die hier gewählte Darstellung ist nicht repräsentativ; es gab auch euphorische Zustimmung.

333  Rot ist nicht gleich rot. Die mehrfache Distinktionswirkung des roten Ahornblattes wird deutlich, wenn man sieht, dass im Flag Committee auch der Farbton debatiert wurde. Vorgeschlagen wurde zunächst « ...to set or fix the colors as constituting the Red (Scarlet) of British Admiralty Color Code No. T1144 ...[this] being the red patterns used in the Red Ensign and in the Union Jack. The white was set by British Admiralty Color Code No. T1145 [...] It was natural for the flag committee to assume that British Admiralty was eminently qualified to say what red was red and what white was white. How could Canada's expertise in flag color begin to compare with that of England?... » Gegen diese Überlegungen zur überlegenen Expertise Englands wurde aber erwogen, dass « ... [a] country that manufactured nuclear energy could surely manufacture a flag... » und im Sinne eigener, kanadischer Standards entschieden: « ...to assure that the color of the colors as well as every last detail of manufacture of the flag would conform to new highly exacting Canadian standards [...] by precise colors of red and white – with dye colors researched and determined in Canada. » Man entschied sich für einen Farbton, der sich sowohl vom Union Jack als auch vom US-amerikanischen Stars and Stripes unterscheidet: « Canada sought her own unique red, something in between the Union Jack and Old Glory – a scarlet red that presented the most brilliant contrast to the white. »; ebda. Chapter 10 Technical and Heraldic Considerations, S. 219 f.

334  Das historische Akadien entspricht nicht dem Gebiet, das heute als Acadie (nordique) bezeichnet wird. Ein Teil der Bevölkerung entging der Deportation durch die brit. Armee 1755, indem sie das heutige Nova Scotia verließen und sich u.a. weiter im Norden ansiedelten. Dort finden sich die respektiven Erinnerungsorte ― Museen, Denkmäler etc. Verwiesen sei auf das village acadien und das Musée acadien in Caraquet (« Capitale de l’Acadie »).

335  Siehe die Diskussion in Kapitel « Le sens de la Conquête ».

336  Vamık D. Volkan, Blood Lines, S. 48.

337  Auch die französische Trikolore selbst war im Rahmen politischer Bekundungen immer wieder auf den Straßen Montréals zu sehen.

338  Einer gemeinsamen kanadischen Fahne, die sich konsequent einer nordamerikanischen Identität widmete, wäre möglicherweise das Schicksal der zypriotischen Flagge zuteil geworden. Eine Fahne, die kein « Echo in der Psyche » der Bevölkerung(en) findet, ist keine geeignete Fahne. Volkan beschreibt eine Parallele, die nicht nur in den Farben mit der hier dargestellten Situation vergleichbar ist. Freilich trüge die hypothetische kanadische Flagge einen Biber oder ein braunes Ahornblatt, kein Weiß-Gelb-Grün: « When my artist brother-in-law was asked to design a flag for the newly-constituted Republic of Cyprus, he was told that he could use white, which appears in both the Greek and Turkish flags, but that he had to avoid using red, which appears on the Turkish flag, and blue, which is used on the Greek flag. Accordingly, he used yellow with some green, these relating to no country in question. This yellow-green-and-white banner is still the official flag of Cyprus. When the Republic was established, however, Cypriot Turks raised the red-and-white flag of Turkey, and the Greeks flaunted the blue-and-white one of Greece. The official yellow-green-white one appeared only at certain locations, such as Makarios' presidential palace – as an ornament. The story of a Cypriot flag, designed for an imaginary Cypriot nation, and the population’s response to it, indicates that Realpolitik found no echo in the psyche of either Cypriot Turk or Cypriot Greek. » Vamık D. Volkan: « Cyprus: Ethnic Conflicts and Tensions », International Journal of Group Tensions, vol.19, no.4, 1989, S. 297-316, S. 308.

339  So verwundert es nicht, dass man in der Türkei von milli marş, dem Nationalmarsch spricht, hier hat scheinbar das Visuelle überwogen. Der Bruch mit der osmanischen Geschichte wird auch hier deutlich, im historischen Sinn der Hymne spricht man von övgü.

340  Linda Colley: Britons; Forging the Nation, 1707-1837; University Press, New Haven, Yale 1992.

341  Bzw. God Save the Queen, von 1837-1901 (Queen Victoria).

342  Eine Gruppe von Frauenrechtlern mit dem Namen Famous Five Foundation fordert derzeit eine Änderung der Zeile « in all thy sons command » zu « in all of us command » oder « in all our lives command », Projekt, in dem sie auch parlamentarisch unterstützt werden. Der Name der Gruppe geht auf die Famous Five aus Alberta zurück (Emily Murphy, Henrietta Edwards, Nellie McClung, Louise McKinney, Irene Parlby), die 1928 dem Obersten Gericht Kanadas die Frage « Does the word ‘person’ include women? » stellten. Die Antwort war negativ. Im Jahr darauf entschied der British Privy Council für die Sache der Famous Five und gegen Kanadas Supreme Court. Der Sieg für die Rechte von Frauen war in der kolonialen Metropole bestimmt worden, gegen Kanadas höchstes Gericht.

343  Außer den hier Genannten schrieben auch Wilfred Campbell und Augustus Bridle O Canada Versionen.

344  « O Canada! in praise of thee we sing; / From echoing hills our anthems proudly ring. / With fertile plains and mountains grand / With lakes and rivers clear, /Eternal beauty, thos dost stand / Throughout the changing year. / Lord God of Hosts! We now implore / Bless our dear land this day and evermore, / Bless our dear land this day and evermore. »

345  « O Canada! Our fathers' land of old / Thy brow is crown'd with leaves of red and gold. / Beneath the shade of the Holy Cross / Thy children own their birth / No stains thy glorious annals gloss / Since valour shield thy hearth. / Almighty God! On thee we call / Defend our rights, forfend this nation's thrall, / Defend our rights, forfend this nation's thrall. »

346  Offizieller Druck für das Thronjubiläum Diamond Jubilee of Confederation im Jahre 1927.

347  Routhier schreibt unter anderem Québec et Lévis à l’aurore du XXe siècle (1900) und das historische Drama Montcalm et Lévis (1908). Seit 1897 war er Präsident der Société Saint-Jean-Baptiste, später wird er zu einem der Gründer der Société royale du Canada, der er als Präsident von 1914 bis 1918 vorsteht.

348  Mon pays ce n’est pas un pays, c’est l’hiver von Gilles Vigneault. Verwiesen sei auch auf Vigneaults inspirierende Zeilen von 1961: « J’ai un pays à creuser, à construire ...».

349  Suzanne Pinsonnault, Mon Pays c’est l’hiver; 1985 gestohlen. Die Etablierung einer nationalen Kunst from coast to coast anhand der Motive des für die Natur schlechthin stehenden nördlichen Winters zeigt sich besonders deutlich in den Werken Tom Thomsons (1877-1917) und seiner mythologisierenden Rezeption. Vgl. auch die Lithographien von Cornelius Krieghoff (1815-1872), dessen 1848 veröffentlichte « Scenes in Canada » halfen, (gutgemeint herablassende) stereotype Bilder vom « Life in Lower Canada » in Anglokanada und Europa zu verbreiten.

350  Auf einer Landkarte Kanadas von 1664, angefertigt vom Hofgeographen P. Du Val (1618-1683), findet sich in großer Schrift der für wichtig erachtete Vermerk: Baye où ont hiverné les Anglois. Bucht, in der die Engländer überwinterten. (Le Canada faict par le Sr de Champlain . où sont La Nouvelle France, La Nouvelle Angleterre, La Nouvelle Holande , La Nouvelle Suede, La Virginie &c. Avec les Nations voisines et autres Terres nouvellement découvertes Suivant les Mémoires de P. Du Val Géographe du Roy À Paris. En l’Isle du Palais. Avec Privilege 1664) [Bibliothèque nationale du Québec; cote: G 3400 1664 D8]

351  Siehe Kapitel « Öffentliche Erinnerung » zur Frage der Nordizität Kanadas.

352  Voltaire: Contes en vers et en prose. I, [éd. par Sylvain Menant]; Bordas, Paris 1992. Der erste Absatz im 23. Kapitel (« Candide et Martin vont sur les côtes d'Angleterre; ce qu'ils y voient ») enthält den folgenden Dialog: « Pangloss! [...] vous connaissez l’Angleterre; y est-on aussi fou qu’en France? ― C’est une autre espèce de folie, dit Martin. Vous savez, que ces deux nations sont en guerre pour quelques arpents de neige vers le Canada et qu’elles dépensent pour cette belle guerre beaucoup plus que tout le Canada ne vaut. » Voltaire, 1746 zum historiographe de France ernannt, hatte sich schon in seinem Précis du siècle de Louis XV zu den Auseinandersetzungen in Nordamerika und Europa geäußert: « Une légère querelle entre la France et l’Angleterre, pour quelques terrains sauvages vers l’Acadie, inspira une nouvelle politique à tous les souverains d’Europe. Il est utile d’observer que cette querelle était le fruit de négligence de tous les ministres qui travaillèrent en 1712 et 1713 au traité d’Utrecht. » Œuvres complètes de Voltaire; Tome treizième, Hachette et Cie., Paris 1900, S. 133 (Chap. XXXI. « [...] Guerres funestes pour quelques territoires vers le Canada [...] » ). 1762 schreibt Voltaire an Choiseul: « La France peut être heureuse sans Québec. »

353  In der Fernsehserie Marguerite Volant von Charles Binamé (Kanada, 1996): « Nous sommes maintenant une colonie anglaise. »; ― « Voltaire écrit n’importe-quoi. Il se moque de la Nouvelle-France. » ― « Voltaire est un grand penseur. » ― Il ne pense qu’à soi-même. »

354  Nô (Kanada, 1998)

355  Premierminister 1968-1979; 1980-1984.

356  Genau genommen ist der Parti rouge eine Partei radikaler Reformer. « Les bleus » war die Bezeichnung der Liberal-Konservativen (Liberal-Conservative Party/Parti libéral-conservateur) in Québec.

357  Wie bereits gesagt, handelt es sich staatsrechtlich bei der Fahne Québecs um eine Provinzfahne, die im Selbstverständnis Québecs (und, wenn auch bedingt, Kanadas) die Nation Québec repräsentiert.

358  Laurier Lucien LaPierre: 1759, the Battle for Canada; McClelland & Stewart, Toronto 1990; bzw. ders.: 1759, la bataille du Canada, Le Jour, Montréal 1992. Für eine Darstellung der Vorgänge von 1759 und ihrer Geschichte siehe Kapitel « Le sens de la Conquête ».



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31.10.2006