4 REBELS, PATRIOTES UND LORD DURHAMS BERICHT AUS DEN KANADAS

Pierre Falardeaus 15 Février 1839

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À MES COMPATRIOTES
APRÈS LA DÉFAITE DE 1760 ET L’OCCUPATION DE NOTRE PAYS PAR L’ARMÉE ANGLAISE, LES COLONIALISTES BRITANNIQUES INSTALLENT UN SYSTÈME D’EXPLOITATION FÉROCE, COMME EN AFRIQUE, EN ASIE, EN AMÉRIQUE LATINE.
EN 1837, POUSSÉS À LA RÉVOLTE, PAR UN POUVOIR ÉTRANGER ET CORROMPU, NOS ANCÊTRES PRENNENT LES ARMES POUR SE LIBÉRER. MAL ENTRAÎNÉS, MAL ARMÉS, LES PATRIOTES AFFRONTENT LA PREMIÈRE ARMÉE DU MONDE.
LE GÉNÉRAL COLBORNE, À LA TÊTE DE 8000 SOLDATS, ÉCRASE LA RÉBELLION DANS LE SANG. DES CENTAINES D’HOMMES MEURENT LES ARMES À LA MAIN, LES VILLAGES BRÛLENT, LES PRISONS DÉBORDENT.
POUR SERVICES RENDUS À LA COURONNE D’ANGLETERRE, LA REINE VICTORIA ÉLÈVE COLBORNE AU RANG DE LORD SEATON.
POUR LES PATRIOTES, IL DEVIENT LORD « SATAN ».359

Mit diesen Worten beginnt der Film 15 février 1839 des frankokanadischen Regisseurs Pierre Falardeau. Der Film kam im Januar 2001 in die Kinos Québecs und wurde zum Gegenstand zahlreicher Kommentare, sowohl in den französischsprachigen als auch in den englischsprachigen Medien. Nur wenige Äußerungen fanden sich nicht in einer der beiden entfernten Positionen von beeindruckter Wertschätzung und ablehnender Kritik.

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Der Titel des Films und der Text des Epilogs machen den historischen Charakter des Stoffes deutlich; es sind ungefähr 160 Jahre seit dem Ereignis vergangen, das hier in filmischer Form aufgegriffen wird. Es stellt sich die Frage, welche Art von Bezug in die Gegenwart und ihre Diskussionen durch Falardeaus Film (und durch die Kritik) hergestellt wurde, um eine Debatte um den Film und seinen Autor zu ermöglichen.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird zunächst der historische Gegenstand und der Inhalt des Films 15 février 1839 dargestellt, diskutiert und in seinem Kontext verortet. Danach sollen die wesentlichen Punkte der aktuellen Rezeption anhand einer Beschreibung der Kritik in der Presse erfasst werden.

Im dritten Teil wird Lord Durham’s Report on the Affairs of British North America thematisiert, ein Dokument, das die Assimilation der frankokanadischen Bevölkerung durch die Vereinigung der beiden Kanadas fordert und im Union Act (1840) von der Kolonialregierung umgesetzt wird. Die Verbindungen zu Falardeaus Film sind vielfältig, direkt, und, wie gezeigt werden soll, vor allem indirekt.

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Schließlich wird der « Schulbuchtest » zeigen, in welcher Art der didaktische Impuls ministerieller Erinnerungsverwaltung mit dem Gesagten korrespondiert. Dem synchronen Blick auf ein Element gegenwärtig verwendeter Schulbücher wird eine diachrone Skizze von französischsprachigen Geschichtsunterweisungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorangestellt.

Es folgt ein Abriss der Ereignisse, die zu den Aufständen von 1837-38 führten. Mit der Übernahme der Nouvelle-France durch die britische Krone waren ungefähr 70.000 Personen Untertanen eines anderen Königs geworden. Nach der verlorenen Schlacht auf den Abrahamshöhen (1759) und im Ergebnis des Siebenjährigen Krieges trat Frankreich mit dem Traité de Paris (1763) das Recht auf alle territorialen Ansprüche in Nordamerika an die Englische Krone ab – mit Ausnahme von St. Pierre und Miquelon, Inseln vor der atlantischen Küste.360

Für Canada (« Province of Quebec ») werden mit der Royal Proclamation von 1763 Grenzen, Regierungsform und Gesetze festgelegt. Die Nouvelle-France gibt es nicht mehr. Der Act of Quebec (1774) korrigiert die Grenzen, bestimmt die Rechtskräftigkeit des droit civil français (neben der englischen Strafgesetzgebung), der feudaladligen Lehensherrschaft ( le système seigneurial ) und der Erhebung des Zehnten durch die katholische Kirche für die Kolonie und etabliert einen Conseil législatif. In den Kolonien im Süden wird der Quebec Act als Provokation verstanden, George Washington, reicher Sklavenhalter, « champion of liberty » und zukünftiger Präsident der USA und der « amerikanische » Continental Congress entscheiden, die Zeit sei gekommen, Canada von der britischen Kolonialmacht zu « befreien ». 1775 werden Montréal und Québec angegriffen. Nach monatelanger Belagerung und einem harten Winter verlassen die letzten « Rebellen » Canada Anfang Juli 1776, wenige Tage vor der Verlesung der Declaration of Independance.

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Der Zustrom von Loyalisten aus dem Süden verändert die Bevölkerungsstruktur in den nördlichen Kolonien erheblich. Mit dem Constitutional Act von 1791 werden zwei Provinzen geschaffen, das englischsprachige Upper Canada und das französischsprachige Lower Canada (le Haut-Canada bzw. le Bas-Canada). Gleichzeitig entsteht eine gesetzgebende Versammlung ( Assemblée législative ) in Québec.

Damit ist die Situation vorgezeichnet, die bis zum Union Act (1840) das politische Leben zweier Bevölkerungen bestimmt. Die Canadiens, wie auch die englischsprachigen Siedler der Kolonien im Norden, sind nunmehr British Subjects und damit eigentlich Inhaber der Rechte britischer Untertanen in Europa, habeas corpus (seit 1689) und Anrecht auf Schwurgerichte. Erst mit dem responsible government (1848) wird die Regierung der Kolonie in die Lage versetzt, in diesem Bereich zu agieren.

Ende des 18. Jahrhunderts finden die ersten Wahlen in Canada statt und die ehemals französischen Untertanen nutzen die Bedingungen einer konstitutionellen Monarchie. Von Anfang an wird den neuen Untertanen aber der Zugang zu den Chefetagen der Kolonie verwehrt: in der Wirtschaft wie in der Politik sind sämtliche führende Positionen mit Engländern besetzt, und die diskriminierende Bezahlung von Posten benachteiligt die Canadiens. Die Revolution in Frankreich, von den liberalen Eliten zunächst gefeiert, vom Klerus verflucht, verliert mit dem Tod Ludwig XVI. an Attraktivität. Frankokanada hatte nicht mehr nur das politische, sondern auch das gedachte europäische Mutterland verloren.

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Ermutigt von den Möglichkeiten einer (wenn auch relativen) Demokratie formieren sich französischsprachige Eliten, die ihrer kanadischen Identität Ausdruck geben. So entsteht die Zeitung Le Canadien, die sich mit dem Quebec Mercury journalistische Gefechte liefert, und die politische Vertretung der französischsprachigen Bevölkerung, le Parti canadien. Da die Legislative gewählt, die Exekutive aber von den Vertretern der Krone bestimmt wird, entstehen durch die Interessenkonflikte immer wieder Situationen totaler Blockierung der Politik.

In dieser Zeit, in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, entsteht, was man später « öffentliche Meinung » nennen wird: Politik wird proklamiert, kritisiert, gedruckt und gelesen. Mit den Worten von Yvan Lamonde: « L’opinion publique naît au Québec avec l’aspiration démocratique, avec le parlementarisme, avec l’éloquence religieuse et civile et avec l’imprimé. »361

Lord Durham wird später schreiben, die Canadiens haben die demokratischen Mittel, die ihnen von der britischen Kolonialmacht zur Verfügung gestellt wurden, falsch benutzt Was er meinte war, dass sie in ihrem Interesse von den vormals unerhörten Möglichkeiten Gebrauch machten. Die besondere (pro-demokratische, pro-liberale und pro-republikanische) Rolle des frankokanadischen Kleinbürgertums und ihre Auseinandersetzungen mit dem englischsprachigen Handelsbürgertum, dem Klerus und der Kolonialoligarchie beruhen nicht zuletzt auf der demographischen Situation in der Kolonie, die das englische Bürgertum – im Gegensatz zur Situation in Europa – dazu bringt, sich mit der britischen bürokratischen Aristokratie zu verbünden.362

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Die Episode der kriegerischen Auseinandersetzung mit den USA (1812) – nicht zuletzt Ergebnis der Kriege Napoleons in Europa – stellt einen bemerkenswerten Konsens kanadischer Interessen dar. Die Politiker der ehemaligen britischen Kolonien im Süden, Thomas Jefferson und später Benjamin Franklin, neben diversen ‘Befreiungskomitees’ und Expansionsökonomen, geben sich große Mühe, die Kolonien im Norden für die ‘Sache der Freiheit’ zu gewinnen, nicht zuletzt mit Promotionsreisen und französischsprachigen Flugblättern. Der erwartete Erfolg blieb ihnen versagt; die beiden Nationen der britischen Kolonien kämpften gegen den Eindringling und freuten sich gemeinsam über den 1814 ausgebrannten Regierungssitz in Washington, der nach dem Krieg seine weiße Farbe bekam.363 Die wirklichen Verlierer des Krieges waren die Indians, deren Land entgegen ihrer Abkommen mit der britischen Macht in US-amerikanische Hände kam, womit ihr tristes Schicksal besiegelt wird.

In der Folgezeit nehmen die politischen Spannungen zwischen englischsprachigen Siedlern und Canadiens zu, Projekte zur Zusammenlegung der beiden Provinzen werden immer wieder gefordert, vor allem von den englischen Händlern in Montréal und Québec. Der Parti canadien wird in dieser Zeit unter Louis-Joseph Papineau zum Parti patriote. 1834 veröffentlicht die ‘patriotische Partei’ ein Programm mit 92 Forderungen (les 92 Résolutions), in denen unter anderem eine Reform des Bodenrechts und die gerechtere Besetzung öffentlicher Stellen gefordert wird.

Gleichzeitig gibt es wieder Stimmen, die, vom texanischen Beispiel ermutigt, mit einem Anschluss an die Vereinigten Staaten liebäugeln, aber nie zu einer wirklichen Mehrheit werden. Pro-republikanische und pro-US-amerikanische Strömungen sind dennoch von Bedeutung, um die Vorgänge während der Aufstände zu verstehen (vor allem der 1938 in den USA organisierten Aufstände und der Ausrufung einer unabhängigen Republik durch R. Nelson). Das anschlussfreudige Befreiungspathos der radikalen Stimmen mag von den mäßigenden Worten Étienne Parents364, der davor warnt, die Herrschaft des Löwen mit der des Adlers zu ersetzen und seinen Landsleuten empfahl, weniger die Geschichte Polens als die von Louisiana zu studieren oder auch durch Relativierungen wie die einer Zeitung von 1837 eingedämmt werden: « Je ne puis entendre appeler LIBRE un pays où règne l’esclavage »365 – die britischen Kolonien im Norden waren zum Zufluchtsort für Sklaven geworden, seitdem Großbritannien während des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges allen entlaufenen Sklaven Zuflucht und Schutz angeboten hatte.366

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Die Rufe nach Veränderungen sind dabei keineswegs auf das französischsprachige Bas-Canada begrenzt. In den nordamerikanischen Kolonien sind es in den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts wie andernorts Zeitungsredakteure, die den politischen Kampf um Reformen kanalisieren, William Lyon Mackenzie in York (ab 1834 Toronto), Joseph Howe in Halifax ( Nova Scotia ) und Ludger Duvernay in Québec.

Die 92 Entschließungen des Parti patriotique werden von 80.000 Personen in Bas-Canada unterschrieben und die Partei feiert mit dem Programm einen überragenden Wahlerfolg. Die britische Regierung lehnt die Forderungen nach langer Bedenkzeit aufgrund des Widerstandes von Seiten der Kolonialbeamten im Wesentlichen ab. Daraufhin spitzen sich die Spannungen weiter zu, es kommt zu Boykottaufrufen britischer Produkte und zu bemerkenswerten Darstellungen der eigenen Identität: als Protest kleiden sich (gutgestellte) Abgeordnete der Canadiens in der étoffe du pays, der Kleidung einfacher Bauern der Provinz. Gleichzeitig kommt es zu Volksversammlungen ( assemblées populaires ), auf denen in immer hitzigeren Worten Reformvorschläge diskutiert werden, die schließlich in Aufforderungen zum Aufstand übergehen. Die Patriotes 367 stehen zum einen der britischen Macht und zum anderen den Loyaux (oder Loyalists ) gegenüber, größtenteils britische Freiwillige, die sich gegen die Patriotes bewaffnen. Doch auch die konservativen Eliten der CanadiensSeigneurs und katholischer Klerus – sehen sich vom Projekt der Patriotes angegriffen. Y. Lamonde beschreibt die Aufstände von 1837-38 als entscheidende Etappe der Entwicklung « d’un certain nombre d’idées ». Seine Analyse ergibt vier Dimensionen (und, indirekt, Ursachen) der Aufstände: gegen die Politik der Metropole (London und Lord Russells Ablehnung der 92 Resolutions ), gegen die Politik der örtlichen Regierung (der « Kolonialoligarchie »), gegen die Stellung des Klerus und gegen das Prinzip der Ungleichheit, verkörpert durch das System der Seigneuries 368.

Im November 1837 gewinnen die Patriotes überraschend eine militärische Auseinandersetzung bei Saint-Denis, später werden sie bei St.-Charles und schließlich bei St-Eustache überwältigend geschlagen. Zwischenzeitlich gibt es den Auftritt und Abtritt des Gesandten John George Lambton, Earl of Durham, auf den im dritten Teil des Kapitels eingegangen wird, und den Auftritt von John Colborne, den Falardeau in seinem Epilog nennt. Colborne, frommer Christ und exzellenter Militär, hatte mit den imperialen Truppen in Ägypten und Spanien gekämpft und in der Schlacht gegen die Truppen Napoleons brilliert: « In 1815 Colborne and the 52 nd at Waterloo played a brilliant part in the repulse of the Old Guard at the close of the day. »369 Bevor er High Commissioner der Ionischen Inseln und später Commander-in-chief für Irland wird, setzt ihn das Schicksal nach Nordamerika, wo ausgerechnet im Moment seiner Beförderung und anstehenden Abreise vor dem kanadischen Winter die Aufstände ausbrechen. « In 1838 at the moment of his vacating the post on promotion to lieutenant-general, the rebellion broke out, and he was ordered to assume the function of governor-general and commander-in-chief. He quickly repressed the revolt, and in 1839, returning home, he was raised to the peerage as Baron Seaton of Seaton in Devonshire. »370 Vor seiner Abreise hatten die ihm unterstellten Truppen (oder genauer: Teile dieser Truppen), nicht nur den militärischen (und bewaffneten) Feind geschlagen, sondern auch Dörfer niedergebrannt und die Zivilbevölkerung die Bedeutung eines verlorenen Krieges spüren lassen. (Was Königin Victoria nicht davon abhalten sollte, ihn bei seiner Rückkehr in den Adelsstand zu erheben.)

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Das ist die historische Situation, auf die sich das Vorwort von Falardeaus Film bezieht. Die Eingangsszene beschreibt den Ausgang der Aufstände. Der Zuschauer liest den Epilog des Films in Majuskeln, weiß auf schwarz, und hört dazu das hektische Läuten von Kirchenglocken, wildes Hundegebell und das entfernte Dröhnen großer Trommeln. Die Szene zeigt eine nächtliche Winterlandschaft, in der englische Soldaten tun, was Soldaten in Kriegen tun: Töten, Brandschatzen, Vergewaltigen. Die Szene erspart dem Zuschauer zwar übermäßig deutliche Darstellungen, und getötet werden Haustiere, nicht Menschen, aber für die Stimmung ist gesorgt.

Der Krieg, bzw. der Aufstand ist vorbei, und der weitere Film ist sehr sparsam mit Außenaufnahmen und erzählt im Wesentlichen die letzten 24 Stunden von Marie-Thomas Chevalier de Lorimier und Charles Hindelang, zwei der zum Tode verurteilten Aufständischen.

Falardeau zitiert mit der heute eigentümlichen Anrede À mes compatiotes einen Abschiedsbrief Lorimiers, den dieser in der Nacht vor seinem Tod verfasste. Diese Identifikationspose des Regisseurs mit dem Protagonisten seines Films ist ein Verweis auf die ähnliche Natur des Kampfes von Lorimier und Falardeau, zumindest aus der Sicht des Zweiten. Dass es Falardeau dabei nicht nur um sich geht, wird durch eine Identitätsreferenz mit besonderer Note klargestellt, die auch den Zuschauerkreis zu einer genealogisch verschworenen Gemeinschaft macht. Es geht um den Kampf der Vorfahren (« nos ancêtres »), die als Gruppe, gleich einem David, der überlegenen Macht gegenübersteht und (militärisch) geschlagen wird. Moralisch gesehen haben die Patriotes nicht verloren, wie der teuflische Name impliziert, den sich « le vieux brûlot », General Colborne, für seine von Königin Victoria belohnten Gräueltaten bei den Patriotes zuzieht.371

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In seinem beeindruckenden ‘politischen Testament’ verabschiedet sich Lorimier von seinen Kompatrioten und von seiner Familie.

Prison de Montréal, 14 février 1839, à 11 heures du soir.

Le public et mes amis en particulier, attendent peut-être une déclaration sincère de mes sentiments. À l’heure fatale qui doit nous séparer de la terre, les opinions sont toujours regardées et reçues avec plus d’impartialité.[...]

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Je meurs sans remords, je ne désirais que le bien de mon pays dans l’insurrection et l’ indépendance, mes vues et mes actions étaient sincères et n’ont été entachées d’aucun des crimes qui déshonorent l’humanité et qui ne sont que trop communs dans l’effervescence de passions déchaînées. Depuis 17 a 18 ans, j’ai pris une part active dans presque tous les mouvements populaires, et toujours avec conviction et sincérité. Mes efforts ont été pour l’ indépendance de mes compatriotes; nous avons été malheureux jusqu’à ce jour. [...]

Les plaies de mon pays se cicatriseront après les malheurs de l’anarchie et d’une révolution sanglante. Le paisible canadien verra renaître le bonheur et la liberté sur le Saint-Laurent ; tout concourt à ce but, les exécutions mêmes, le sang et les larmes versés sur l’autel de la liberté arrosent aujourd’hui les racines de l’arbre qui fera flotter le drapeau marqué de deux étoiles des Canadiens....372

An seine Kinder, « [p]auvres orphelins » (« arme Waisen »), gerichtet, schreibt Lorimier:

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Le crime de votre père est dans l’irréussite. Si le succès eut accompagné ses tentatives, on eut honoré ses actions d’une mention honorable. « Le crime et non pas l’échafaud fait la honte. » Des hommes, d’un mérite supérieur au mien ont battu la triste voie qui me reste à parcourir de la prison obscure au gibet. Pauvres enfants ! vous n’aurez plus qu’une mère tendre et désolée pour soutien. Si ma mort et mes sacrifices vous réduisent à l’indigence, demandez quelque fois en mon nom, je ne fus jamais insensible aux malheurs de mes semblables.373

Lorimier beendet sein Testament mit der politischen Botschaft an seine ‘Kompatrioten’, die Falardeau in seinem Film als Stimme aus dem Off zitiert, Lorimier schreibend, bei Kerzenschein:

Quant à vous, mes compatriotes, mon exécution et celle de mes compatriotes d’échafaud vous seront utiles. Puissent-elles vous démontrer ce que vous devez attendre du gouvernement anglais ! ... Je n’ai plus que quelques heures a vivre, et j’ai voulu partager ce temps précieux entre mes devoirs religieux et ceux dus à mes compatriotes. Pour eux je meurs sur le gibet de la mort infâme du meurtrier, pour eux je me sépare de mes jeunes enfants et de mon épouse sans autre appui, et pour eux je meurs en m’écriant :

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Der Text enthält eine Reihe von historischen Bezügen – die heute kaum bekannte kanadische Flagge mit den Sternen für die beiden nations fondatrices, die Ablehnung von Anarchie und Revolution und eine Verurteilung der englischen Regierung, nicht der « Engländer » – Bezüge, die in dieser Form nicht mit dem Sinn des Filmes von Falardeau korrespondieren. Es ist schwer zu sagen, welche Gründe die Auswahl bestimmt haben, doch nur der letzte Teil Lorimiers Testament (« Quant à vous, mes compatriotes ... ») wird im Film zitiert.

Falardeau holt weit aus in der zeitlichen Kontextualisierung dieses 15. Februar 1832: 70 Jahre zurück (die Conquête von 1760 - « Niederlage und Besetzung unseres Landes ») und 160 Jahre in die Zukunft, den Moment der Erzählung, wie der Epilog mit den Worten des Regisseurs andeutet.375

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Der historisch inkorrekte oder zumindest unwahrscheinliche Verweis auf die Conquête ist von wesentlicher Bedeutung für Falardeaus Interpretation des Kampfes der Patriotes und der Niederschlagung der Aufstände. Das Szenario des Films inspiriert sich an den Arbeiten des Historikers Maurice Séguin376 und übernimmt seine Lesart der katastrophalen Folgen der Niederlagen von 1759-60 und 1837-38.

In einer zentralen Szene de Films spricht einer der Patriotes mit einem Blick, der sich an den Zuschauer im Kinosaal zu wenden scheint, folgende Worte: « Je pense que cette défaite-là, c’est plus grave que celle de 1760, et le plus dangereux, ce n’est pas l’occupation militaire, c’est l’occupation de nos cervaux. »377

Falardeau gehört zu den prominenten Lesern des in Québec selbst nicht unumstrittenen Séguin, und es darf angenommen werden, dass er vor allem mit der Interpretation der Niederlage als gesamtgesellschaftlichem Ereignis einverstanden ist, bietet diese, im Vergleich mit der Conquête doch die Möglichkeit, den Aspekt eines kulturellen Kampfes in den Vordergrund zu stellen.

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Der geographische Kontext ist global; das Britische Kolonialreich und sein « Ausbeutersystem » in der Welt, in Afrika, Asien und Amerika, stellt den Rahmen dar. Der Kampf der Patriotes kann nur ein gerechter Kampf gewesen sein, zumindest wird dies durch den internationalen antikolonialistischen Kontext nahegelegt. Dabei ist der Epilog in seiner Anklage ein wenig ‘voreilig’; die hier beschriebene Realität beschreibt nicht die Gegenwart der Patriotes, sondern die Zukunft. 1839 kann von einem britischen Weltreich noch nicht die Rede sein. Der Opiumkrieg in China (1839-42) hat noch nicht begonnen, Indien wird erst nach dem Krieg von Sipahï eine britische Kronkolonie (ab 1858), in Afrika ist die britische Krone zu diesem Zeitpunkt lediglich mit Handelsniederlassungen (vor allem im Süden des Kontinents) vertreten und in Lateinamerika wird erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein System entstehen, das im Kontext kolonialer Expansion zu sehen ist.378

Im Film wird mehrmals auf die Parallelen zwischen den niedergeschlagenen Aufständen in Irland (1798) und in Bas-Canada und Upper Canada (1837-38) angespielt. Unter anderem bezieht sich De Lorimier in einer Szene auf die vergleichbaren Strategien der britischen Kolonialmacht.

Die historischen Fakten bestätigen die hier geäußerten Ängste: Mit dem Act of Union von 1801 wurde eine Politik der Anglisierung Irlands faktisch vollendet, die im 14. Jahrhundert mit dem Statute of Kilkenny (1366/67) begonnen und mit der aggressiven anti-irischen Besiedlungspolitik der Plantations im 16. und 17. Jahrhundert unter Mary Tudor, Elisabeth I. und James I. fortgesetzt worden war. Die Veränderungen der Besitzverhältnisse von Protestanten und Katholiken im 17. und 18. Jahrhundert beschreiben den ‘Erfolg’ einer sozialen, religiösen und im Ergebnis auch linguistischen Umstrukturierung des Landes.379 Es ist also kein Zufall, dass in 15 février 1839 von Irland gesprochen wird, nicht zuletzt, weil nach den Aufständen ein Gesetz zur Vereinigung der Kanadas vorherzusehen war. Immerhin war das Projekt einer Zusammenlegung der beiden kanadischen Provinzen (bzw. aller nordamerikanischen britischen Kolonien) seit den frühen 1810-er Jahren diskutiert worden.

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Der Act of Union von 1840 formuliert in deutlichen Worten das politische Vorhaben der Anglisierung Frankokanadas. Im dritten Teil des vorliegenden Kapitels wird auf diesen Aspekt näher eingegangen.

Wenn man den Epilog des Films ernst nimmt, entsteht eine gewisse Blickrichtung, eine Leseempfehlung für das Geschehen, die durch ein eingeblendetes Zitat in mehrfacher Hinsicht noch unterstrichen wird. Mit der zitierten Formel « Dans la douleur de nos dépossessions » (« Im Schmerz unserer Enteignungen ») wird neben der Ankündigung für die leidgezeichnete Stimmung der filmischen Erzählung ein zeitlicher Bogen zu einer politischen Krise des 20. Jahrhunderts gezogen. Autor des Zitats ist der 1996 verstorbene Gaston Miron, Poet, Herausgeber und einer der Sympathisanten von Québecs BefeiungsfrontFront de la libération du Québec ), deren Aktivitäten 1970 zum Ausnahmezustand in Kanada führten. Hierzu später mehr.

Die Handlung des Filmes ist als karzerales Huis-clos konzipiert. Nach einer Szene, die das verschneite Gefängnis und die Ankunft der Pferdekutsche eines Sargtischlers zeigt, spielt die weitere Handlung bis zur Schlussszene innerhalb der Zellen von einem Dutzend inhaftierter Patriotes. Die Nachricht von fünf eingetroffenen Särgen verbreitet sich schnell, und schließlich verkündet ein Offizier Ihrer Majestät der Englischen Königin das Todesurteil durch Erhängen für zwei der Häftlinge:

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By order of the Court, His Excellency, Sir John Colborne, Lieutenant General Commander of the forces in the Provinces of Lower and Upper Canada and the administrator of the Government of the said Provinces has decided that Charles Hindelang and Marie-Thomas Chevalier de Lorimier shall be hanged by the neck, tomorrow, February 15th 1839, until they be dead.

Der Ort ist das Montréaler Gefängnis prison du Pied-du-Courant (gedreht wurden die Außenaufnahmen allerdings in der Zitadelle von Québec) und man erkennt am kondensierenden Atem der Häftlinge, dass es Winter ist und die Zellen eiskalt sind.

Die Männer frieren und müssen die Eisschicht in einem Wassereimer zerschlagen, um sich zu waschen. Die Räume liegen im Halbdunkel und die gedrückte Stimmung wird durch ein dunkles Rot der Zellenwände noch verstärkt. Wie in Blut getaucht, werden sämtliche Einstellungen innerhalb der Zellen von mehr oder weniger dunklen Rottönen dominiert. Die Kleidung der Gefangenen ist unauffällig und farblos. Der Schnee und das Rot der britischen Uniformen fallen als Kontrast auf. Die Farbwahl der Wände und die Kleidung der Häftlinge sind, davon kann man ausgehen und Falardeau bestätigt die Annahme in seinem Kommentar zum Film, kein Zufall.

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Doch ist es nicht das erste Mal in einer frankokanadischen Produktion, dass ein Film mit auffällig roten Wänden aufwartet. Robert Lepages Film Le confessionnal (1995) handelt vom schwierigen Umgang mit der Vergangenheit. Der Film arbeitet mit zwei Zeitebenen, Anfang der 50-er Jahre und Ende der 80-er. Als Kommentar zu Alfred Hitchcocks I Confess von 1953 gedacht, entwickelt der Film eine feinfühlige Analyse von Erinnerungslandschaften und ihren Fehlleistungen. Hitchcock drehte seinen Film in Québec, weil er interessiert war an dem speziellen Flair für eine Geschichte über einen katholischen Geistlichen, der eines Verbrechens angeklagt wird.

Der Protagonist in Lepages Le confessional (Der Beichtstuhl) versucht in seiner Wohnung, die Spuren alter Bilderrahmen mit roter Farbe zu übermalen. Die helleren Stellen jedoch wollen nicht verschwinden. Die rote Farbe gibt dem Raum einen neuen Eindruck und der Wand ein völlig neues Bild, aber die Spuren der Vergangenheit bleiben sichtbar.

Nach mehreren Versuchen hilft dem jungen Helden des Films « une bonne couche de bleu » (eine dicke Schicht blauer Farbe), einen neuen Anfang zu versuchen. Die letzte Szene des Films zeigt Vater und Sohn bei der riskanten Überquerung einer Brücke, vorbei an Warnschildern mit der Aufschrift « Danger! ». Dazu hört man die Erzählerstimme aus dem Off: « ... dans la ville où je suis né, le passé porte le présent comme un enfant sur ses épaules ». (« In der Stadt, wo ich geboren wurde, trägt die Vergangenheit die Gegenwart wie ein Kind auf den Schultern ».)

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Wie in Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder » dargestellt, sind symbolische Farbmarkierungen als Teil kultureller (Differenz-)Produktion in Québec und Kanada an der rot-blauen Trennlinie « im Einsatz ». Vergangenheit und Gegenwart sind in diesem Farbenspiel stets präsent.

Das Rot der Gefängniswände aus Falardeaus in camera ist in diesem Sinne kein anderes Rot als das der Uniformen der Soldaten und Offiziere, von denen die Patriotes bewacht werden. Der Farbton ist ein anderer, aber mit einem etwas abgewandelten Kinderreim gilt hier: Rot bleibt rot und Blau bleibt blau.

Die Hauptpersonen in 15 février 1839 sind jedoch die Patriotes, nur an einer Stelle des Films spricht einer der Soldaten, ein aus Irland stammender Bauer, von seinen Gefühlen und seiner Zerrissenheit. Doch er spricht kein Französisch und kann mit den Gefangenen nicht kommunizieren. Die Gefangenen nutzen diesen Umstand aus und machen sich mit derben Worten über ihre Bewacher lustig. Die Sprache ist schwer wiederzugeben, und leicht vorzustellen; Grund genug, sich bei einer der anwesenden Ordensschwestern (von denen die Verpflegung der Gefangenen übernommen wurde) zu entschuldigen, die sich solidarisch erklärt und nichts gehört habe.

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Für Falardeau zeigt sich in dieser Situation weniger der triste Zustand unmöglicher Kommunikation als vielmehr ein antikolonialistisches Element, welches sich im Spott über den Unterdrücker äußert.380 Er mag Recht haben, wenn er sich vorstellt, dass ehemals kolonialisierte Afrikaner diesen Humor verstünden und mit den Frankokanadiern über das Spiel mit der Un-Kommunikation lachen können. Seine polemische Argumentation und die Art der Opfersolidarisierung allerdings wirft Fragen auf, die die Ernsthaftigkeit seines politischen Programms in Frage zu stellen scheinen. Vor allem der sakrale Aspekt und das Insistieren auf die Opferrolle der Protagonisten in 15 février 1839 (hierzu später) ist schwerlich mit einer antikolonialen Rhetorik zu vereinen, weil die Figuren von Märtyrer und Sklave nicht viel gemein haben. Falardeaus Hinweis ergibt sich allerdings aus der Logik der speziellen historischen und geographischen Kontextualisierung des zitierten Epilogs.

Die Darsteller in Falardeaus Film entsprechen einer Reihe von Elementen und Positionen, die den historischen Zusammenhängen der Aufstände von 1837-38 entstammen. Der 35 Jahre alte Lorimier, Vater von 3 Kindern, gutgestellter Notar aus einer adligen Familie, verkörpert einen Teil des revolutionären (und intellektuellen) Kerns der Aufständischen in Bas-Canada. Charles Hindelang, französischer Militär, geboren 1810 in Paris, erreicht Kanada aus den USA 1838 und ist Protestant. Ein besonders expressiver Mitgefangener ist irischer Herkunft. In einer Szene des Filmes spricht er von seinem Hass auf die Engländer und erklärt den Canadiens, ihr Problem sei, dass sie nicht genug hassen können.

Dann gibt es die etwas fragwürdige Figur eines Priesters, der auf der Seite der Patriotes steht und « nicht wie die anderen [mit der englischen Macht kollaborierenden Priester] ist. » Offensichtlich geht es um eine Ehrenrettung der religiösen Kader und um die Möglichkeit, einen der Zeit angemessenen religiösen Rahmen im Film zu schaffen.

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Eine Szene des Films zeigt einen frankokanadischen Gefängnisbeamten, der offiziellen englischen Besuch durch das Gefängnis führt. Er stellt den typischen Kollaborateur mit der englischen Macht dar, lässt sich in der Wortwahl korrigieren und entschuldigt sich, statt Rebels versehentlich von Patriots gesprochen zu haben.

Hinzu kommen die Rotröcke des englischen Militärs, einige Statisten, und, in einer zentralen Rolle, auf die noch zu sprechen kommen wird, Henriette, die Frau Lorimiers.

In einer Szene des Films liest jemand zwei Mitgefangenen aus dem Discours de la servitude volontaire (dt. u.a. Über die freiwillige Knechtschaft) von Étienne de La Boétie vor und erklärt in diesem Zusammenhang den Sinn des Wortes franchise.381 Falardeau bringt den Vordenker der anarchistischen Kritik an der Macht nicht ohne Grund ins Spiel. Die Modernität dessen Ideen erlaubt es Falardeau, die im 16. Jahrhundert von La Boétie gestellte Frage aufzugreifen, und somit für die Patriotes des 19. Jahrhunderts und gleichzeitig für die Zuschauer von 2001 zu thematisieren. Warum stimmen Menschen ihrer eigenen Unterdrückung zu? Diese Frage wird, vom Szenario vorgegeben, von den Patriotes gestellt und scheinbar beantwortet, mit La Boétie: Menschen, die in die Sklaverei geboren werden, halten diesen Zustand für natürlich und normal.

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Doch verbirgt sich hinter der Thematisierung der servitude volontaire ein Trauma, das nicht wirklich angesprochen werden soll. Den Patriotes fehlte die nötige Unterstützung in der Bevölkerung, weder der französischsprachige Adel noch die Landbevölkerung der habitants hatten sich mehrheitlich auf ihre Seite gestellt. Die um ihre Privilegien fürchtende katholische Kirche hatte den politischen Aktivisten mit Exkommunikation gedroht und die Wirkung war nicht ausgeblieben. Die Unterstützung für die Vorbereitung vor allem der Aufstände von 1838 war eher aus dem US-amerikanischem Norden gekommen als aus der Bevölkerung, die es zu « befreien » galt. Mit La Boétie versucht Falardeau, eine von Wut nicht freie Frage an die fehlende Unterstützung der Patriotes, und, warum nicht, der Kämpfe der Gegenwart zu formulieren. Immerhin ist der Tyrann, der mangepeuple 382, von dem der Discours de la servitude volontaire spricht, nicht unbedingt ein dynastischer oder mit Waffengewalt herrschender Machthaber. La Boétie beschreibt auch den vom Volk gewählten Tyrann, was mit dem Bild der Gesellschaftskritik Falardeaus unschwer zu vereinen ist.

Über L.N. Tolstoi, einen großen Leser von La Boétie, waren die Ideen des Discours de la servitude volontaire nach Indien gelangt und von M. Ghandi zu einem Werkzeug des zivilen Ungehorsams gegen die britischen Kolonialherren gemacht worden. Der Bezug zu den Worten des Epilogs liegt auf der Hand. Vor Tolstoi hatte R. W. Emmerson seine poetische Widmung Ettiene De La Boèce (ca. 1833) verfasst und auch Gustav Landauers Die Revolution (1907) wurde von La Boétie, Freund des großen Montaigne, inspiriert.

Pierre Falardeau wird später, am Ende des Filmes, die politische Agenda seiner Arbeit mit einem abschließenden Zitat deutlich machen. Che Guevara, Ikone linker Befreiungsideologie, kommt zu Wort und bildet mit dem weiter oben erwähnten Zitat Gaston Mirons den Rahmen einer ideologischen Positionierung des Filmes. Dabei ist das Zitat (wie der Film) von einer seltsamen Stimmung gezeichnet, einer Mischung aus religiösen und befreiungspolitischen Formen: « Je suis un peu du sang qui fertilise la terre... Je meurs parce que je dois mourir pour que vive le peuple ... ».383

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Die Figur des für sein Volk sterbenden Märtyrers verbindet den Protagonisten des Films, De Lorimier, mit Ernesto Guevara, dessen Biographie einen freiwilligen Opfertod zumindest wahrscheinlich macht. Der deutliche religiöse Ton, von dem der zweite Teil des Films bestimmt wird, korrespondiert mit der (historisch zutreffenden) Beschreibung des Feindbildes, mit dem der Epilog endet. Der Glanz des Heiligen erscheint bekanntermaßen erst durch die Anwesenheit des Satanischen.

Dabei ist der 1946 geborene Pierre Falardeau einer der herausragenden Vertreter ‘linker’ (und antiklerikaler) Politik im öffentlichen Leben Québecs. Mit seinen Dokumentarfilmen (Pea Soup 79; Le Steak 92), der Elvis Gratton Serie, dem Gefängnisfilm Le Party (90) und vor allem mit der gelungenen, expressiven Verfilmung des Gedichtes Speak White 384 (80) und dem Spielfilm Octobre (94) hat sich Falardeau den Ruf eines engagierten und gesellschaftskritischen Künstlers verdient. Seine Bücher385 sind Thema studentischer Diskussionen und stehen auf den Literaturlisten von Universitätskursen. In Michèle Lalondes386 Speak White, regelrechtes Mantra der studentischen Bewegung im Québec der 70er Jahre, ist es ein soziales Engagement, das von Falardeau mit Photocollagen und schnellen Schnitten wirkungsvoll in einem Kurzfilm umgesetzt wurde. M. Lalonde verarbeitet das Trauma einer Bevölkerung, die kolonisiert wurde und die mit den sozialen Folgen einer ‘hereingebrochenen’ (und fremdsprachigen) Moderne lebt. Der Andere spricht hier Englisch, die Argumentation beruht allerdings auf einer sozialen Logik, dem Sinn von arm und reich. Der Text des Gedichtes, in gekürzter Form:

Speak white

il est si beau de vous entendre

parler de Paradise Lost

...

nous sommes un peuple inculte et bègue

mais ne sommes pas sourds au génie d’une langue

parlez avec l’accent de Milton et Byron et

Shelley et Keats

speak white

et pardonnez-nous de n’avoir pour réponse

que les chants rauques de nos ancêtres

et le chagrin de Nelligan

...

parlez-nous de vos traditions

nous sommes un peuple peu brillant

mais fort capable d’apprécier

toute l’importance des crumpets

ou du Boston Tea Party

mais quand vous really speak white

quand vous get down to brass tacks

pour parler du gracious living

et parler du standard de vie

et de la Grande Société

un peu plus fort alors speak white

haussez vos voix de contremaîtres

nous sommes un peu durs d’oreille

nous vivons trop près des machines

et n’entendons que notre souffle au-dessus des outils

speak white and loud

qu’on vous entende

de Saint-Henri à Saint-Domingue

oui quelle admirable langue

pour embaucher

donner des ordres

fixer l’heure de la mort à l’ouvrage

et de la pause qui rafraîchit

et ravigote le dollar

speak white

tell us that God is a great big shot

and that we’re paid to trust him

speak white

parlez-nous production profits et pourcentages

speak white

c’est une langue riche

pour acheter

mais pour se vendre

mais pour se vendre à perte d’âme

mais pour se vendre

Speak white

so schön zu hören,

wie Ihr vom Paradise Lost sprecht

...

wir sind ein Volk ohne Bildung, wir stottern

doch nicht taub dem Geist einer Sprache

sprecht mit dem Akzent von Milton und Byron

und Shelley und Keats

speak white

und verzeiht uns, nichts zur Antwort zu haben

als die rauchigen Lieder unserer Vorfahren

und das Leid und den Gram Nelligans387

...

sprecht von euren Traditionen

wir sind kein strahlendes Volk

aber wir verstehen sehr gut

den Sinn der crumpets oder

der Boston Tea Party

aber wenn ihr really speak white

wenn ihr get down to brass tacks

um von gracious living zu reden

und von Lebensstandard

und von der Großen Gesellschaft

ein bisschen lauter also speak white

hebt eure Werkmeisterstimmen

wir hören nicht so gut

wir leben zu nah an den Maschinen

und hören nur unser Keuchen bei der Arbeit

speak white and loud

damit man euch versteht

von St. Henri bis St. Domingue

eine bewundernswerte Sprache

Arbeiter einzustellen

Befehle zu geben

die Stunde des Todes festzulegen

und der Pause die den Dollar

erfrischt und belebt

speak white

tell us that God is a great big shot

and that we’re paid to trust him

speak white

erzählt uns von Produktion Profiten und Prozenten

speak white

eine reiche Sprache

zum Kaufen

aber um sich zu verkaufen

aber um seine Seele zu verkaufen

aber um sich zu verkaufen

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Der Text beschreibt eine Situation, in der mehrheitlich französischsprachige Arbeiter sich bei fast ausnahmslos englischsprachigen Arbeitgebern verdingten – bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts der Zustand in Montréal und, weniger deutlich, in Québec. Speak White war hier die Aufforderung, Englisch zu reden.

Mason Wade beschreibt in seiner 1946 erschienen Geschichte Frankokanadas die Situation französischsprachiger, kanadischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg: « ... a system which permitted French-Canadian soldiers to be ordered to ‘speak white’ when they used their mother tongue. » 388 Falardeaus verfilmte Version von Lalondes Gedicht ist in Québec bekannt und man kann davon ausgehen, das für einen beträchtlichen Teil des Publikums von 15 février 1839 die Allegorie der antikolonialen Befreiung verständlich war.

Die antikolonialistische Metapher von weiß und schwarz war in Québec nicht zuletzt durch ein 1968 erschienenes Buch mit dem Titel Nègres blancs d’Amériques 389 aufgegriffen und reproduziert worden. Die letzten Zeilen des Gedichtes beschreiben auch den Reflex einer Kultur der survivance - das Motiv des sich ankündigenden Untergangs der frankokanadischen Kultur in Nordamerika, nicht grundlos thematisiert, wie ein Exkurs in das 19. Jahrhundert und Lord Durham’s Report zeigen wird.

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Legt man den Text des Speak White als Folie über den Film 15 février 1839, so wird nicht nur verständlich, warum Falardeau in der beschriebenen Un-Kommunikation zwischen den Gefangenen und ihren Bewachern einen antikolonialistischen Kommentar sieht. Man versteht auch den Generalvorwurf an eine angelsächsische Hegemonie, die in symbiotischer Form mit dem Wesen des Kapitalismus gelesen wird. Die Logik von Falardeaus 15 février 1839 drängt den Eindruck auf, dass ein zunächst antikapitalistischer Impuls zu einer kulturellen Argumentation führte. Das undifferenzierte Außen (der fremde Engländer) verhilft einem homogenisierenden Blick auf das Eigene (ein Innen).

Dieser Blick, obgleich in einem anderen historischen Kontext, ist auch in Octobre, Falardeaus Film aus dem Jahre 1994 auszumachen. Octobre erzählt, nicht ohne Sympathie, die Geschichte einer Gruppe von felquistes (Mitglieder des FLQ, Front de la libération du Québec ), die 1970 mit der Entführung von Regierungsbeamten das Land in den Ausnahmezustand brachten. Der rote Stern auf der blau-weißen Flagge des FLQ entspricht dem politischen Programm, mit dem Falardeau assoziiert wird.

Um so erstaunlicher mutet die zweifache Homogenisierungsleistung des Filmes 15 février 1839 an, dessen einzige effektive Betonung von Unterschieden an einer Grenze zwischen einem « nous » der Patriotes und einem « eux » der englischen Kolonialmacht bzw. der « Goddams » liegt.390

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Die Heterogenität der Akteure in ihrer Herkunft, ein wesentliches Merkmal der Aufstände, wird von einer Ent-Differenzierung des Textes zumindest teilweise verwischt. Zwar gibt es Unterschiede, die auf die Herkunft deuten, einige können lesen, andere nicht, doch gehen diese Momente in einem wahrhaft kommunitären Beisammensein unter.

In der Gemeinschaftszelle, in der die Gefangenen die Stunden des Tages verbringen, sind die Grenzen zwischen arm und reich verschwunden. Nur noch die Namen könnten an diese erinnern, doch aus dem Chevalier de Lorimier ist « Thomas » geworden. Die gemeinsame Sprache der Inhaftierten ist das gesprochene Französisch des Québec von heute, und die Kleidung ist eine gemeinsame farb- und zeitlose Hülle. Nicht nur wird dadurch eine enthistorisierende Beziehung zur Gegenwart geschaffen, sondern die verschiedenen Sprachen der Akteure, Indiz ihrer sozialen Position, werden in einer gemeinsamen, volkstümlichen Umgangssprache aufgehoben. Wenn es Falardeau in seinem Film Octobre gelang, mit der Sprache ein emanzipatorisches Unterfangen sprachlich zu formulieren – die 60-er Jahre waren in der Tat von einer Politisierung der Umgangssprache Montréals bzw. Québecs gekennzeichnet391 – so wird das Mittel im Falle von 15 février 1839 doch fraglich.

Neben diesem bewussten Eingriff Falardeaus gibt es weitere Beispiele für die Inanspruchnahme gewisser künstlerischer Freiheiten bei der Darstellung historischer Tatsachen. Ein solches Element findet sich in einer leichten Verschiebung der Zeitebenen: Einer der Häftlinge liest mit lauter Stimme in einer Zeitung aus Lord Durhams Bericht über die Zustände im Britischen Nordamerika. Der Report war im Februar 1839 unbekannt, wurde erst später und in London veröffentlicht und fand von dort seinen Weg zurück in die Kolonie. Durhams Bericht ist in der Tat im Kontext der Aufstände und der Zeit von großer Bedeutung, und Falardeau macht kein Hehl aus seinen Auffassungen zur derart chronologisch nicht ganz exakt umgeschriebenen Geschichte: « Aujourd’hui, je crois plus que jamais qu’il nous faut réécrire l’histoire. La réécrire chaque jour pour rétablir la vérité. Notre vérité. Pour un peuple conquis, annexé, et soumis par la force, c’est une question de vie ou de mort. » 392

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Durham’s Report wird im Anschluss an die Darstellung der Kritik zu 15 février 1839 in diesem Kapitel eingehend diskutiert. In einem Gespräch in der Zelle Hindelangs wird eine der großen Fragen der Gegenwart exemplarisch erwähnt - la place de l’immigration, wie Falardeau sagt.393 Man streitet sich, ob dem Immigranten vorgeworfen werden kann, sich nach ‘vernünftigen’ (wirtschaftlichen) Kriterien für die Sprache und Kultur der Mehrheit zu entscheiden. Hindelang, der Fremde, Franzose und Protestant, steht auf ‘der richtigen Seite’ und wird akzeptiert, als einer von ihnen. Andere, für die Französisch als eine Sprache Amerikas keine Alternative zum Englischen ist, sind der Grund für die Besorgnis und Angst für die Zukunft der eigenen Bevölkerung.

Der demographische Aspekt ist für die sprachpolitischen Realitäten Québecs seit den 70er Jahren von zentraler Bedeutung. Weil die Immigrationspolitik Kanadas zumindest implizit eine englischsprachige Logik verfolgt – Englisch, die Sprache geographischer und sozialer Mobilität in Nordamerika –, war schon früh klar, dass unkontrollierte Zuwanderung die französische Sprache auch in Québec früher oder später zu einer Minderheitensprache ‘degradieren’ würde. So entstand ein anscheinend endloser Streit um die Souveränität in Sachen Einwanderungs- und Sprachpolitik zwischen Ottawa und Québec. Dieser Streit hat auch eine juristische Dimension, in der sich individualistische und kollektive Rechtsvorstellungen gegenüberstehen. Wenn Québec von Einwanderern verlangt, ihre Kinder auf französischsprachige Schulen zu schicken und den Zugang zum englischsprachigen Schulsystem der Provinz rechtlich kontrollieren will, dann geht es um demographische Politik, um die Struktur einer Bevölkerung. Die kontroverse Sprachpolitik Québecs seit 1976 hat unbestreitbar eine Verlangsamung der Assimilation zum Englischen verursacht und einige Bereiche offensichtlicher sozialer Ungerechtigkeiten strukturell verändert.

Es verwundert also nicht, dass Falardeau seine Patriotes die Frage nach der Rolle und Bedeutung des Immigranten stellen lässt. Und obwohl das Gespräch über Zuwanderer dem Skript der Gegenwart entstammt, ist es weniger anachronistisch als es erscheint. Nach der Hungerkatastrophe in Irland (1822) kamen irische Immigranten in beträchtlicher Größenordnung nach Kanada und vor allem Québec. Die Neuankömmlinge standen vor einem identitätstechnischem Dilemma, in einem Land, das mehrheitlich entweder englisch und protestantisch oder französisch und katholisch organisiert war. Für den Großteil der Iren schien die sprachliche Dimension wichtiger zu sein als die religiöse, und so entstanden englischsprachige katholische Gemeinden. Während der Aufstände von 1837-38 hatten sich die Iren weniger als erwartet mit den Patriotes verbündet.394

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Durch die kleine Bevölkerung war die demographische Situation leicht zu verändern395, in diesem Fall zuungunsten der französischen Sprache. Bis in die Gegenwart, und vor allem in der Gegenwart, spielt der sprachpolitische Aspekt der Einwanderungspolitik eine herausragende Rolle in Québec. Falardeau schafft mit dem Verweis einen Sinn von Kontinuität, der, wie die genannten Beispiele, der Idee großer Aktualität des Kampfes der Patriotes entspricht.

Vor der Darstellung der Kritik in der Presse zu 15 février 1839 soll abschließend auf einen wesentlichen Aspekt des Filmes eingegangen werden. Der ursprünglich geplante Titel des Filmes La corde 396 war deutlicher als das Datum des 15. Februar in der Beschreibung des Schattens, der über der Erzählung liegt. Das Filmplakat, mit der Abbildung einer Galgenschlinge auf schwarzem Hintergrund (s. Anhang, S. 297), übernimmt jedoch die Botschaft, und so konnte sich der Filmtitel dem Datum widmen. Mit der Schlinge wird das Hintergrundthema der Erzählung symbolisiert: ein angekündigter Tod. In der Umgebung des Todes (oder besser, seiner Ankündigung) fällt eine andere Figur auf: die Frau bzw. das Weibliche. Die Aufstände von 1837-38 waren, zumindest an der Oberfläche, eine Angelegenheit der Männer. Die Gefängnisse waren mit Männern gefüllt und noch unwahrscheinlicher wäre es gewesen, unter den Exilanten oder Todeskandidaten Frauen zu finden.397 Mit Ausnahme von einigen Hintergrundfiguren gibt es aber zwei weibliche Charaktere im Film 15 février 1839, die, wie hier zu zeigen ist, den Tod als allegorisches Motiv tragen.

Die Rahmenhandlung des Films, der Morgen vor der Hinrichtung und der darauffolgende Morgen, findet im Freien statt. Die Außenaufnahmen sind vom gleißenden Licht der verschneiten Gegend bestimmt. In beiden Szenen wird eine wichtige Rolle von einem ungefähr 10-jährigen Mädchen gespielt. Sie ist die Tochter des Sargtischlers, der die fünf hölzernen Totenscheine in das Gefängnis bringt. Die junge Schauspielerin ist Hélène, die Tochter Pierre Falardeaus. Das namenlose Mädchen, auf der Kutschbank vor den Särgen, stellt in kindlicher Unschuld Fragen zum Geschehen. Ihr Vater (der Sargtischler, nicht der Regisseur) sagt, er habe nicht die Worte, ihr zu erklären, was passiert. Eine Einstellung am Ende des Filmes, im Angesicht der Gehängten Patrioten, zeigt sie als die Protagonistin einer derben Initiation und als Garant der Erinnerung. Ihr Blick lässt ahnen, dass sie den Moment der Hinrichtung der fünf Patriotes nicht vergessen wird. Ihr Auftreten ist allerdings, wie der Regisseur in einem Interview beschreibt, eher dem Zufall, oder besser, den Finanzierungsproblemen für den Film geschuldet, hatte er doch vor, seinen Sohn in der Rolle spielen zu lassen. Dieser war mit Beginn der lange verzögerten Drehaufnahmen dem für die allegorische Wirkung wichtigen kindlichen Alter entwachsen.

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Der gesamte zweite Teil des Filmes wird vom Auftritt einer anderen weiblichen Darstellerin bestimmt. Henriette de Lorimier verbringt mehrere Stunden mit ihrem Mann am letzten Abend seines Lebens. Kein historisches Dokument gibt Anhaltspunkte für den Inhalt ihrer Abschiedsgespräche, und so musste der Regisseur improvisieren. Sie reden von ihren Kindern und deren Wunsch, ihr Vater möge befreit werden. Henriette erzählt Thomas, eine der Töchter habe sie gefragt: « Maman, c’est quoi la liberté? » - « Mama, was bedeutet Freiheit? ».

Für seine Frau ist die selbstgewählte Opferrolle ihres Mannes unverständlich, er weigerte sich, ein Gnadengesuch zu stellen oder Beziehungen zu höheren Beamten im Sinne seiner Rettung zu nutzen. In bewegenden Szenen versucht die weinende Frau, ihren Mann umzustimmen und ihn daran zu erinnern, dass sie nicht wisse, was mit den gemeinsamen Kindern werde. Lorimier aber, voller Liebe für seine Frau und seine Kinder, hat sich für den Tod entschieden, wie sein « politisches Testament » zeigt.

Als Henriette von den Soldaten der Wachmannschaft aufgefordert wird, die Zelle zu verlassen, nimmt ihr Weinen ‘hysterische’ Züge an. Schließlich wird sie von Soldaten aus den Armen ihres Mannes gerissen und bricht ohnmächtig zusammen. Lorimier trägt sie in seinen Armen und überreicht den Leib dem anwesenden Priester. Totenbleich liegt sie in den Armen des Priesters, der sie davonträgt.

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Die Szene verbindet den symbolischen Tod der Frau – später erfährt man, dass sie nicht wirklich gestorben ist – mit der bevorstehenden Exekution des Mannes und dem angekündigten Ende der politischen Bewegung. Die Bilder des Filmes erlauben es dem Zuschauer, den todesgleichen Abtritt Henriettes zu erleben und ihren Ehemann nach den abschließenden Worten des Priesters auf dem Weg zum Schafott zu begleiten. Der Tod Lorimiers ist in die lange Reihe nationaler Helden eingeschrieben, deren Opfer in den Filmen zum Thema eine bevorzugte Rolle spielt:

Alle Helden der Nationen [...] verstehen sich gut aufs Sterben und wohl weniger gut aufs Leben. Die leeren Seiten der Geschichte, das sind die glücklichen Zeiten. Sie finden auch im Film keine Bebilderung. Die letzte Schlacht, das Termopylen-Muster, das individuelle Opfer fürs große Ganze, die mit dem Tod bezahlte Erfindung, das klaglos-einsichtige Akzeptieren von Verlust und Leid sind die Schemata der filmischen Nationalmythen. Sie glorifizieren manchmal den Sieg, immer das Opfer.398

Die Thematisierung des Todes und der Schwierigkeit eines abschließenden Wortes wird bei Falardeau nunmehr doppelt, in einer nicht zufälligen Allegorie, gespiegelt. Als müsste der Opfertod des Mannes im Geschlechterspiel aufgenommen und unterstrichen werden, darf Henriette den Raum nicht lebend (auf ihren Füßen stehend) verlassen. Es ist ein Priester, zuständig für das Hinüberbegleiten, der sie aus dem Gefängnis trägt. E. Bronfen formulierte dieses (nicht nur) der psychoanalytischen Arbeit bekannte Verhältnis in 1992 in präziser Weise: « The conjunction of femininity and death is not just to be located on the thematic but also on the structural, rhetorical level of a text. An elimination of the feminine figure is a way of putting closure on aspects of mortality allegorically embodied through her. » 399 Lorimiers Frau hat diesen herzzerreißenden Abtritt in Falardeaus Film nicht ohne Grund.

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« Denn Frauen können [in Männerbildern] vor allem eins besonders gut: sterben. » – Bronfen beginnt ihr Buch mit einem vorangestellten Zitat von Thomas de Quincey, das den hier vermuteten Motor der gefühlsintensivsten Szene des Films 15 février 1839 (siehe die anschließende Darstellung zur Rezeption des Films) beschreibt:

Yet, sister woman, though I cannot consent to find a Mozart or a Michael Angelo in your sex, and with the love that burns in depths of admiration, I acknowledge that you can do one thing as well as the best of us men – a greater thing than even Milton is known to have done, or Michael Angelo: you can die grandly, and as goddesses would die, were goddesses mortal.

Wie bereits erwähnt, widersprach Henriette der Notwendigkeit des Opfers und sagte, sie würde alles tun, um sein Leben zu retten und die Kinder nicht ohne Vater zu lassen. Sie ‘stirbt’ in den Armen ihres Mannes, als ihr die Unausweichlichkeit seines Todes bewusst wird. Diese Reaktion hat an sich nichts schockierendes – eine Frau liebt ihren Mann und versteht, dass sie ihn verlieren wird. Ein Aspekt, der unsere Aufmerksamkeit verdient, ist die Unvorstellbarkeit der umgekehrten Reaktion: eine Frau wird sterben und ihr Mann bricht bewusstlos zusammen und wird von seiner Frau in die Arme einer Ordensschwester gelegt. Bronfen beschreibt einen möglichen Zusammenhang zwischen einer Thematisierung des heldenhaften Todes und der Rolle der Frau:

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Femininity is culturally constructed as a figure of contradiction, and positioned as the symptom at which culture’s repression of death re-emerges. Woman functions as a sign not only of the essence of femininity but also of the Other in whose mirror or image masculine identity and creativity finds its definition. Femininity is also installed in representations as the material through which (and as the barrier against and over which), the hero, society, culture and their representations are constituted.400

Die Figur der Henriette de Lorimier hat auch Spuren in der literarischen Produktion hinterlassen. Ihr Name inspirierte beispielsweise Robert de Roquebrune401 für ‘Henriette de Thavenet’, Heldin des Romans « Les habits rouges » – Rotröcke. Man darf annehmen, dass der große Rahmen und die besondere Form des Auftrittes der Henriette de Lorimier in 15 février 1839 nicht so sehr einem Selbstzweck zu dienen scheint, sondern vor allem den Wert der Aufopferung von Marie-Thomas Chevalier de Lorimier unterstreicht. Der finale und schmerzhafte Abschied zweier Menschen und der bevorstehende Tod des Helden wird durch das Bild des Todes der Frau symbolisiert.

Diese Bemerkungen erhalten ihre ganze Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Aufstände von 1837-38 als psychologisch relevantes Ereignis in wenigstens zwei verschiedenen Traditionslinien gelesen werden können: Als große Niederlage, neben der Conquête von 1760, und damit als ein Scheitern, ein Untergang, ein Tod, dessen Thematisierung mit einem chosen trauma 402 assoziiert werden kann.

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Andererseits könnten die Aufstände als sinnvoller Kampf, als Ereignis von Akteuren, die den Prozess demokratischer Reformen vorantrieben, gelesen werden. In diesem Sinne stünde der Kampf der Patriotes nicht neben der Niederlage von 1760 (zuvörderst eine Niederlage Frankreichs), sondern eher neben dem Sieg der Révolution tranquille, in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts. Falardeau wählte für seinen Film nicht eine solche Projektion der chosen glory, soviel steht fest ( – es sei denn, man ginge von einer chosen glory des Opfertodes aus). Sicher wäre es nicht einfach gewesen, den angekündigten Tod und die letzten 24 Stunden des Lebens von De Lorimier und Hindelang (bzw. der Patriotes) als hoffnungsvolles Siegerdrama zu inszenieren. Falardeau hätte dann einen anderen Film drehen müssen, vielleicht über Papineau oder Mackenzie (oder beide). Dieser Film wäre aber nicht 15 février 1839 geworden und die Identitätsreferenzen entsprächen nicht dem Kampf eines Pierre Falardeau der Gegenwart.

Reaktionen auf 15 Février 1839

Wie Lucien Febvre vor nunmehr 60 Jahren zeigte, ist der Versuch illusorisch, einen Akteur zu konstruieren, der von seinem mentalitätshistorischen Kontext getrennt werden könnte. Wie er am Beispiel eines « atheistischen Rabelais » darstellen konnte, ist es ein zeitlich distanzierter, mythenbildender Blick, der einen Anachronismus (« der Unglauben in der Renaissance ») zu entdecken glaubt und dabei doch anachronistisch vorgeht.403

François Rabelais’ vielschichtiges Werk erlaubt dem Leser zugleich, einen manifesten und einmaligen Ausdruck der abendländischen Kultur der Originalität wahrzunehmen und einen Blick in die Psyche der Renaissance zu wagen, mit anderen Worten, Autor und Kontext zu respektieren. Doch bedeutet das Gesagte nicht die Unmöglichkeit eines Ereignisses, das sich dem Fluss der Zeit und seinen (rationalen) Erklärungen oder besser, einer Struktur der Vorhersehbarkeit entzöge. Ein solcher Knoten der Geschichte, das Ereignis, sollte mit und neben der Struktur gedacht werden.

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Auf das vorliegende Thema angewendet, bedeutet dies zweierlei: Der Film 15 février 1839 ist ein persönliches Werk, die Arbeit eines Filmemachers, eines Künstlers und eines politischen Aktivisten, ein Ereignis; der Film 15 février 1839 ist aber auch ein Zeitdokument, eine cineastische Aussage der Gegenwart zu einem historischen Thema, Teil einer Struktur.

Im ersten Teil des Kapitels wurde gezeigt, dass der Regisseur Pierre Falardeau eine Reihe von szenarischen und regietechnischen Mitteln eingesetzt hat, um die Aktualität des Stoffes und seiner Lektionen zu unterstreichen. Dem physikalischen Gesetz folgend, nach dem actio und reactio einander entsprechen, soll im Folgenden anhand der Reaktionen in der Presse ein gesellschaftlicher Blick thematisiert werden, der die Relevanz und den Kontext von 15 février 1839 illustriert404. Nach der ersten Betrachtung von 15 février 1839 war eine Analyse konzipiert wurden, die sich umfangreich mit der Rezeption des Filmes in Québec und Kanada beschäftigt. Die These, nach der sich in diesem Kontext ein Konflikt diverser widerstreitender Elemente nachweisen lassen müsste, wurde bestätigt. Die Rezeption des Filmes betreffend wurde versucht, die Bilder der « ...configuration du grand récit collectif des Québécois tel qu’il est élaboré par la classe intellectuelle, et notamment par les historiens »405 zu ergänzen, indem Formen öffentlicher Diskussion, Zeugnisse der « mémoire historique des Québécois »406, soweit es möglich war, beachtet wurden.

Vorangestellt sei der Hinweis auf eine Präsenz des vorliegenden Themas in einer der zentralen Instanzen der politischen Macht Kanadas: Am Donnerstag, dem 15. Februar 2001 kam im Unterhaus des Parlaments in Ottawa407 Stéphane Bergeron, Vertreter des Bloc Québécois aus Verchères – Les-Patriotes auf den Film und sein Thema zu sprechen. In dieser ersten Sitzung des 37. Parlaments, am Flag Day,408 auf den im Anschluss an Bergeron von Beth Phinney eingegangen wird, werden die anwesenden Parlamentarier des ganzen Landes an einen konkurrierenden Moment in der Geschichte des Landes erinnert.

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Im Hansard Verzeichnis der kanadischen Parlamentssitzungen findet sich für 14.05 Uhr die kurze Rede Bergerons, in Übersetzung, da sie in französischer Sprache gehalten wurde. Der Wortlaut wird hier in ungekürzter Form wiedergegeben, um den Sinn der Worte zu erhalten und die politische Relevanz des Filmes 15 février 1839 und der Reaktionen zu unterstreichen.

15 février 1839

Mr. Stéphane Bergeron (Verchères – Les-Patriotes, BQ): Mr. Speaker, after a tug-of-war with Telefilm Canada that lasted several years, the long-awaited film by Pierre Falardeau, 15 février 1839, has finally made it to the silver screen.

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This film chronicles the last 24 hours in the lives of two condemned men, Thomas Chevalier de Lorimier and Charles Hindelang. More than that, the film pays homage to the 12 men of Lower Canada who met their deaths on the scaffold at the hands of the vengeful British conquerors, and to all the other men and women who were victims of shame and ostracism, those who fought and were wounded or killed on the battlefield, those who languished in English jails or in cruel exile for daring to hold high the torch of freedom, justice and democracy.

Three days before de Lorimier was hanged, he wrote to a friend expressing the hope that the unfortunate who died on the scaffold to win back his oppressed country would sometimes be recalled to mind.

He did not, perhaps, fully realize that, at the very instant the trap door of the scaffold dropped to plunge him to his death, his name and the names of his unfortunate companions in death would go down in indelible letters in the glorious pantheon of immortal heroes.409

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Monsieur Bergeron ist sich der Tragweite bewusst, den sein Gedächtnisakt ausmachen würde. Nicht viele der Parlamentarier im Saal dürften seiner Beschreibung der « rachsüchtigen britischen Eroberer » zugestimmt haben, und der « ruhmreiche Pantheon unsterblicher Helden », den Lorimier und die Patriotes vom Galgen aus betraten, beherbergt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die illustren Helden Anglokanadas. Die Erinnerung an De Lorimier (und and Falardeaus Arbeit) stellt eine Grenzziehung dar, die im Rahmen identitätspolitischer Erwägungen einen Sinn ergibt. Unterstrichen wird diese Politik nicht nur durch den Inhalt, sondern auch die Form: unabhängig vom Stand der Französischkenntnisse seiner Kollegen und dem Kommunikationserfolg der Rede Bergerons, ist die Sprache hier ein wesentliches Element einer politischen Kultur, die sich einem anti-assimilatorischen Programm verschrieben hat.

Bergerons Nachricht wird wenige Minuten später von Suzanne Tremblay (aus Rimouski-Neigette-et-la Mitis), ebenfalls Abgeordnete des Bloc Québécois, vervollständigt. Sie zitiert im Parlament aus Lorimiers letztem Willen, der im ersten Teil des vorliegenden Kapitels Erwähnung fand. Ihre abschließenden Worte sind die letzten Worte Lorimiers und könnten dem politischen Programm des Bloc Québécois entstammen: « Vive la liberté, vive l’indépendance. »410 Soweit zu dem parlamentarischen ‘Vorkommnis’ mit dem Titel 15 février 1839, das zeitlich nicht vor, sondern nach der hier zu diskutierenden ‘Presseaffaire’ lag.

Obwohl mit dem vorliegenden Material (Presseartikel bzw. Reaktionen in Internetforen) hinsichtlich der öffentlichen Diskussion zu Falardeaus Film versucht wird, einen repräsentativen Eindruck zu vermitteln, konnte aus praktischen Gründen nicht auf ein systematisch erstelltes Korpus aller relevanten Presseartikel zurückgegriffen werden. Die erfassten und hier aufgeführten Artikel spiegeln jedoch zum einen die Presselandschaft Québecs und zum anderen die teilweise sehr unterschiedlichen Tendenzen der Kritik wider. Dabei wurden alle Artikel, die im ‘Epizentrum’ der öffentlichen (journalistischen) Auseinandersetzung lagen, aufgenommen. Verwendung fanden Artikel aus den Tageszeitungen La Presse, The Gazette, Le Devoir und Le Soleil und aus der Wochenzeitschrift Voir bzw. Hour (französischsprachige und englischsprachige Ausgabe). Desweiteren wurden diverse Filmkritiken zu 15 février 1839 im Internet konsultiert, die andernorts nicht erschienen.

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Der Film wurde verschiedenartig aufgenommen und die Artikel vermitteln bisweilen den Eindruck, nicht vom gleichen Film zu sprechen. Bezüglich der ästhetischen Qualität des Filmes und der handwerklichen Qualifizierung des Regisseurs sind sich die Stimmen der Kritik im Wesentlichen einig: Falardeau beherrscht sein Metier.

Der Streit hat eine politische Dimension, die in ihrer Radikalität oft erstaunt. Die Sprachbarriere zwischen dem englischsprachigen und dem französischsprachigen Québec liegt in dieser Kritik nicht zwischen von Lob und Tadel. Auffällig ist allerdings die « Einsamkeit » von nur einer der beiden Sprachen in den jeweiligen Extremen – begeisterte Euphorie und kategorische Ablehnung.

Im Folgenden werden zunächst zwölf Stimmen zu Wort kommen, zwölf Kritiker, die sich kurz nach Erscheinen des Films in der Presse zu dessen Qualitäten äußerten. Die Reihenfolge ist nicht konsequent chronologisch, sondern entspricht den gegenseitigen Bezügen. Es wird auch deutlich, wie neue Artikel sich auf die ersten Reaktionen beziehen und somit die ‘Lautstärke’ der öffentlichen Diskussion schlagartig zunimmt: in der Presse, in Foren, in offenen Briefen und einer Anzeige werden getroffene Befindlichkeiten ausgetauscht. Innerhalb kurzer Zeit beginnt ein Streit zu toben, der nichts anderes zum Thema hat, als die Ordnung der kollektiven Erinnerungen.

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Am 31. Januar 2001, wenige Tage nach dem Filmstart, erscheint in La Presse eine Kritik mit dem Titel Les gros sabots de Falardeau.411 Der Artikel beginnt mit den Worten: « Pierre Falardeau n’a jamais fait dans la dentelle. Les nuances et les zones grises, très peu pour lui. Son dernier film, 15 février 1839, n’échappe pas à la règle. »412 Die künstlerischen Qualitäten und die dramatische Kraft des Films werden betont, besonders die im ersten Teil dieses Kapitels erwähnte Abschiedsszene von Lorimier und seiner Frau:

15 février 1839 est un pamphlet intense et violent où Luc Picard, qui endosse le rôle de De Lorimier, joue de façon remarquable, tout en retenue. Les images sont magnifiques et certaines scènes sont saisissantes. Celle où la femme de De Lorimier, interprétée par Sylvie Drapeau, s’écroule dans les bras de son mari, dévastée par la perspective de le perdre, insuffle une grande force dramatique au film.413

Vorgeworfen wird dem Film ein Schwarzweißblick, eine « vision manichéenne » der Geschichte. Die Engländer in seinem Film seien zu gemein, und die Patriotes seien verklärt worden. Der Hass auf die Engländer sei zwar verständlich, aber die Form mache den Film ungenießbar:

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Cette haine, cette colère des patriotes s’expliquent: leur révolte a été écrasée sauvagement, des villages ont été saccagés, ils ont été jugés par des tribunaux militaires expéditifs, ils croupissent en prison, plusieurs ont été déportés et 12 seront pendus. Comment ne pas haïr l’ennemi? Mais garrochés comme ça sur grand écran, de tels propos dérangent et donnent un frisson dans le dos.414

Besonders problematisch sei der selektive Blick Falardeaus, immerhin hätte er den Unruhen in Upper Canada und ihren englischen Protagonisten Aufmerksamkeit schenken sollen: « ...Pourquoi ce silence de Falardeau sur la lutte des Anglais du Haut-Canada? Ne glisser ne serait-ce qu’une phrase aurait dilué sa thèse des gros méchants. Alors, hop! Il ne choisit qu’un pan de l’histoire, celui qui fait son affaire et sert son propos. »415

Abschließend kritisiert M. Ouimet in ihrem Artikel den Gegenwartsbezug von 15 février 1839 wie folgt:

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Le pauvre Canadien français exploité jusqu’au trognon par le conquérant anglais n’existe plus depuis belle lurette. Les francophones ont fait énormément de chemin depuis l’époque des patriotes. Dans les années 1960, ils ont créé un État qui est devenu un puissant levier de pouvoir. Ils ne sont plus des scieurs de bois et des porteurs d’eau...416

Einige Tage vorher war in der gleichen Tageszeitung ein Artikel erschienen, der von einem wohlwollenden Ton gekennzeichnet ist. « 15 février 1839, le film très attendu de Pierre Falardeau » (der lang erwartete Film von P.F.) wird hier unter dem Titel Un électrochoc signé Falardeau besprochen.417

Luc Perreault stellt Falardeau vor als den Filmemacher « qui interpelle tout le Québec depuis vingt ans par son franc-parler, le porte-étendard inconditionnel de la cause indépendantiste... » (« ... der seit 20 Jahren seine freimütige Rede an ganz Québec richtet, der bedingungslose Fahnenträger der Sache der Unabhängigkeit ... »), beschreibt die Schwierigkeiten, die Falardeau mit der Finanzierung des Filmes hatte, lobt die Qualitäten des Films (und die ‘bewegende’ Abschiedsszene) und beendet den Artikel mit einem Bild aus der Welt des Sports, nachdem Falardeau ein gelungener Film und eine ‘solide Vision’ bescheinigt wurde:

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Quant à Falardeau, il a tenu son pari: réussir à la fois son film sur les Patriotes, transmettre une vision solide de cette période trouble de notre histoire sans jamais renoncer à son engagement politique. Son film, si on peut me permettre cette comparaison, ressemble à un but compté par Maurice Richard à la dernière seconde de la troisième période. Nul doute que, dans mon esprit, il va réussir à soulever la foule.418

Schon am 20. Januar waren in Le Devoir zwei Artikel erschienen, die sich mit 15 février 1839 auseinandersetzten. Die Überschrift eines Artikels von Caroline Montpetit enthält bereits die Stimmung der Kritik – « Un portrait juste des Patriotes ». Montpetit gibt die Einschätzung von zwei Historikern und einem Politologen wieder, die in ihrer Arbeit auf die Zeit der Patriotes spezialisiert sind. In einer Sondervorführung, die die Zeitung Le Devoir organisiert hatte und zu der die Kritiker geladen wurden, fand eine Ausstrahlung des Film vor dem eigentlichen Kinostart statt. « Pierre Falardeau offre un portrait globalement juste du mouvement des Patriotes dans son dernier film... »419 ist das Fazit der Kritik von Jean-Paul Bernard, Gilles Laporte und Philippe Bernard. Montpetit räumt mit den Worten Bernards den Vorwurf aus, Lorimier sei das Wort ‘Unabhängigkeit’ von Falardeau in den Mund gelegt worden :

Si De Lorimier fait régulièrement référence à l’indépendance du Québec dans le film, précise l’historien, c’est que cette idée venait tout juste de faire son chemin dans l’esprit des Patriotes. Autour de 1838, l’idée avait d’ailleurs plutôt la forme de la création d’une république. L’idée de l’indépendance était une réaction « de dépit » par rapport à la répression britannique des dernières années, a souligné Jean-Paul Bernard.420

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Ein kritischer Einwand Gilles Laportes beziehe sich auf die Art, in der in Falardeaus Film von der Conquête de 1760 als Beginn der Unterdrückung durch die Engländer gesprochen wird, denn « Pour les Patriotes, la Nouvelle-France n’est pas le paradis perdu. » 421 Außerdem seien die Patriotes im Film zu alt, die historischen Originale seien um einiges jünger gewesen.

Montpetit beschreibt schließlich die Finanzierungsprobleme, vor allem mit Téléfilm Canada, der Gesellschaft, die sich jahrelang weigerte, den Film zu unterstützen, und erwähnt das Hilfskomitee und seine Benefizveranstaltungen, die die Produktion des Films ermöglichten. Am Ende des Artikels wird Bernard nochmals zitiert, der sich zu den möglichen Gründen für diese Probleme äußert: « ... l’heure est à la « théorie du consensus », en histoire comme ailleurs, c’est-à-dire que l’on tente partout de faire l’unanimité, atténuant parfois les passages historiques qui compromettent la stabilité politique, économique et sociale. » 422

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In der gleichen Ausgabe des Devoir erschien ein langer Artikel von Odile Tremblay unter der Überschrift 15 février 1839, entre le film et la saga. Der Artikel beginnt folgendermaßen: « À ceux qui se demandent si 15 février 1839, le film de Pierre Falardeau relatant l’ultime journée de vie en prison de Patriotes condamnés au gibet, s’inscrit dans nos crises d’identité, Pierre Falardeau répond évidemment oui. À ses yeux, l’histoire est toujours contemporaine. » 423 Odile Tremblay beschreibt die Schwierigkeiten, Falardeau zu einem ‘normalen’ Interview zu bewegen und kommt dann auf die unerwartete Stimmung des Religiösen im Film zu sprechen : « Ce huis clos de condamnés à mort, avec son côté chemin de croix » (Diese Situation verschlossener Türen zum Tode Verurteilter mit ihrer Kreuzwegstimmung).

C’est ce qui a frappé Falardeau et son équipe: à quel point un caractère sacré émergeait de l’action de 15 février 1839 par-delà le scénario. Le cinéaste, d’abord titillé par son anticléricalisme, avoue avoir eu l’intention de ne pas trop verser dans les bondieuseries. « Puis, je me suis dit: ces gens-là étaient croyants. Laissons-leur la prière, l’extrême-onction, leur foi. Les mains du curé [...], les pieds de Luc Picard sur sa planche ont quelque chose de christique. C’est le réel qui a choisi son esprit et son ton dans mon film. Jamais je n’avais pensé devoir faire une oeuvre aussi lente, mais l’approche de la mort commandait cette patience-là. »424

Man erfährt, dass sich Luc Picard, der Darsteller Lorimiers, an mehreren Stellen des Films selbst einbrachte, beispielsweise die Szene, in der ein britischer Soldat versucht zu erklären, dass er keine Wahl hatte, weil die ökonomische Situation in Irland ihn dort nicht hätte überleben lassen. Was den baldigen Filmstart von 15 février 1839 betrifft, sei Picard ein wenig aufgeregt, « Plus nerveux d’ailleurs pour ce film-là que pour un autre. ‘On s’est demandé quel effet le climat politique actuel aurait sur la réception du film. Mon grand espoir, c’est qu’il ne touche pas que les souverainistes. Il s’adresse à tout le monde. C’est une histoire universelle.’ »425

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Das « Universelle der Geschichte » findet sich auch in den kleinen Details des Films. Falardeau, berichtet Tremblay, hat sich für einzelne Szenen des Films international (und von den dunkelsten Stellen des vergangenen Jahrhunderts) inspirieren lassen:

Il a tiré l’anecdote de la leçon de natation en prison des souvenirs de prisonniers politiques argentins. « La tirade sur la haine, je l’ai piquée à un rescapé de l’insurrection du ghetto de Varsovie. Les résistants sont les mêmes partout. Je suis un nationaliste mais aussi un internationaliste. »426

Einer der Gründe für die verweigerte Finanzierung des Films lag in der ‘zu heldenhaften’ Figur von Lorimier im Skript. Falardeau kommentiert in der für ihn typischen Art:

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Parmi les arguments invoqués par l’équipe de Téléfilm pour refuser le scénario du film, celui selon lequel le héros était trop héroïque fait encore bouillir Falardeau et frémir Picard. Tous deux considèrent qu’il en manque pas mal, de figures de héros, dans les oeuvres québécoises... « À cause de notre culture, on a de la misère avec les gens qui se tiennent debout », précise Falardeau.427

Sieben Tage nach diesem Artikel veröffentlicht Le Devoir einen weiteren Text von Odile Tremblay, unter dem Titel 15 février 1839: la route vers le sacrifice. Die Autorin lobt den Film gleich im ersten Absatz: « Falardeau signe ici son meilleur film, une oeuvre d’intensité portée à la fois par le jeu sensible des comédiens et par un climat quasi mystique qui lui apporte sa grâce. »428

Für Tremblay liegen die Schlüsselszenen des Films in den Dialogen zwischen Lorimier und dem (sich entschuldigenden) britischen Soldaten, in der Abschiedsszene von Henriette de Lorimier und ihrem Mann, in der Szene der Letzten Ölung und in der Schafottszene am Ende des Films. Die Schönheit der Bilder liege vor allem in den clair-obscurs der Beleuchtung, die an Gemälde von Georges de La Tour erinnerten. Einschränkend, aber voller Verständnis für den Regisseur, der nicht über seinen Schatten springen könne, schreibt sie: « Oui, il y a bien quelques sorties ‘falardiennes’, échos des préoccupations politiques contemporaines du cinéaste. »429

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Gilles Laporte, Historiker aus Montréal (einer der drei erwähnten, zu einer Voraufführung geladenen Wissenschaftler) schreibt unter der Überschrift 15 février 1839: un film réussi malgré quelques erreurs historiques einen Artikel, der am 27. Januar in Le Devoir veröffentlicht wird. Er beginnt seine Kritik mit einer positiven Note (« Le film 15 février 1839 de Pierre Falardeau nous a semblé excellent, autant sur le plan historique qu’artistique. » ... schien uns sehr gelungen, sowohl in historischer als auch in künstlerischer Hinsicht) und korrigiert eine Reihe von Fehlern, die Falardeau wissentlich oder nicht unterlaufen sind. Dabei geht er unter anderem auf die Interpretation der Conquête von 1760 ein, auf die Figur des Charles Hindelang (und den Boykott britischer Produkte), auf den Gebrauch des Wortes « Patriotes » und auf das Sprachniveau der Gefangenen, um hier nur einige Punkte zu nennen. Einen Dialog des Films aufgreifend, in dem Guillaume Lévesque wütend beschreibt, wie die Engländer sich des Bodens (« 800.000 acres ») in Bas-Canada bemächtigten, schreibt Laporte: « Il est très peu probable qu’un Patriote ait utilisé cette mesure anglaise pour en parler à un compagnon. Les cadastres dans la zone seigneuriale étaient tous établis en arpents, mesure française, la seule à laquelle la Coutume de Paris fasse référence. »430 Laporte erklärt, aus welchen Gründen die soziale Hierarchie unter den Gefangenen im Film nicht der historischen Situation entspricht und warum auch die Szene mit Lorimier und seiner Frau nicht eben glaubhaft ist. Nur in diesem Artikel kommt das anachronistische Zitat aus dem Durham Report zur Sprache. Nicht zuletzt aus geographischen und klimatischen Gründen, ist es schlicht unmöglich, dass die Patriotes, insbesondere Lorimier, aus dem Bericht hätten lesen können. Falardeaus dramaturgischer Eingriff in den historischen Lauf der Dinge scheint außer Laporte keinem der Kritiker aufgefallen, oder interessant genug gewesen zu sein.

Non seulement il est peu probable que les prisonniers aient eu accès au journal Le Canadien qu’on voit dans le film, mais surtout il est impossible qu’ils aient eu si tôt copie du célèbre rapport. Le rapport Durham est présenté devant la Chambre des communes en janvier 1839 et, comme en hiver le fleuve est gelé, les premières versions ne pouvaient arriver de New York avant au moins deux mois. Dans les faits, Étienne Parent n’en fait paraître des extraits dans son journal qu’à compter de mars 1839, soit trop tard pour que de Lorimier ait pu en prendre connaissance.431

Am gleichen Tag erscheint in der Zeitung Le Soleil ein Artikel unter der bemerkenswerten Überschrift 15 février 1839, Écorchés vifs.432 Der Autor beschreibt den Sieg Falardeaus über die « Bonzen von Téléfilm Canada » und stellt den Regisseur vor: « ...l’un de nos rares cinéastes de gauche sait y faire lorsqu’il s’agit de dénoncer les injustices et promouvoir ses idées politiques. » (« ...einer unserer wenigen linken Filmemacher weiß, wie er vorgehen muss beim Aufdecken von Ungerechtigkeiten und wenn er seine politischen Ideen vertritt. ») Die Szene mit De Lorimier und seiner Frau « ...le coeur du film de Falardeau », hat die Wirkung eines « coup au plexus solaire. » Zitiert werden die Worte, mit denen sich Henriette an ihren Mann wendet: « Moi, je veux pas te perdre, c’est toi que j’aime, pas ta révolution. Moi, mon pays, c’est toi. » (« Aber ich will dich nicht verlieren. Ich liebe dich, nicht deine Revolution. Für mich bist du mein Land. »)

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Falardeaus Kino sei notwendiger denn je und die Wirkung des Films bestätige seine Richtigkeit: « 15 février 1839 démontre qu’il y a plus que jamais une place chez nous pour le cinéma militant, le cinéma à la Ken Loach capable à la fois de dénoncer et de faire réfléchir. Et lorsqu’un film historique a des échos contemporains, force est d’admettre que son réalisateur a visé juste. »433

Diese Artikel beschreiben im Wesentlichen die Stimmung der Kritik zu 15 février 1839 im Großteil der französischsprachigen Zeitungen in Montréal. Die Zeitung La Presse wird eher mit pro-föderalistischer, Le Devoir eher mit pro-separatistischer Politik assoziiert. Falardeau und sein Blick auf die Patriotes ist hier gelobt worden oder kritisiert, von Beleidigung kann kaum gesprochen werden. Dafür muss der Leser ein englischsprachiges Blatt konsultieren.

Dabei ist es eigentlich nicht dieser oder jener Autor bzw. Artikel, der hier debattiert werden sollte, sondern die Situation, für die sie gewissermaßen symptomatisch stehen. ‘Teil eines kulturellen Kontexts, in dem sie Sinn machen’ – damit sind alle hier aufgeführten Artikel mehr oder weniger gut beschrieben. Journalisten schreiben für Leser, und die Redaktionen von Zeitungen haben immer auch den Verkauf ihres Produktes vor Augen.

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Zwei Beispiele sollen eine Sicht illustrieren, die nicht nur für den frankophonen Québécois bisweilen outlandish, seltsam fremd wirkt.

Am 28. Januar erscheint in der Montréaler Wochenzeitung Hour ein Artikel unter der Überschrift Rebel Without A Cause. A response to the politics of Pierre Falardeau’s 15 Fevrier, 1839. M-J Milloy , der Autor, erklärt sich bereits im ersten Satz: « As clear as the last shot of five hanged men against a Montreal winter sky, this film is an act of provocation. » Er wirft Falardeau zunächst (vielleicht nicht zu unrecht) vor, mit dem Film über einige gegenwärtige Schwierigkeiten des Projektes der Unabhängigkeitsbewegung hinwegkommen und mit den einfachen Fronten von Gut und Böse die heutigen Zuschauer mobilisieren zu wollen.

Falardeau - who told us that he wanted this film to ‘target the hearts and minds’ of Quebecers - sets De Lorimier and Hildelang as examples for today. They are free of the vacillations and indecisions that plagues today’s separatist movement, with the clear and present brutality of the English occupation in front of them. They have no fear that their lives and their deaths are in service to the rightful liberation of their people.

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To do this, though, Falardeau has to evacuate almost all historical context from the film and use only black and white to paint the portrait of the noble French and oppressive English. Though many of the Patriote leaders were Irish and English liberals, they’re true blue and white in the film, except for Hindelang, a Protestant Swiss. In 1837, the French clergy were the strongest opponents of the Patriotes, but the French priest in the film strongly supports les Patriotes, even though he’s once said to be ‘not like those bastard bishops.’ The English guards are uniformly dumb clods, while the Patriotes are earnest philosophers.434

Schließlich beschreibt er Louis-Joseph Papineau, den führenden Kopf der Patriotes, bzw. des Parti canadien (später Parti patriote) als vergangenheitsbesessenen Politiker, der mit seiner anitkolonialistischen Bewegung die katholische Kirche und den Feudalismus zurückbringen wollte. Auf das weiter oben im Text erwähnte Zitat Che Guevaras bezogen, wird nunmehr scharf geschossen:

In that sense, Papineau is less Che Guevara - a quote from the icon of rebellious undergrads ends the flick - and more Pol Pot, the nationalist Khmer Rouge leader who, as justification for the killing fields, set the clocks to ‘year zero’ to purge Cambodia of foreign influences and return to the mythical glory of the Angkor empire.435

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Was hierbei von überragendem Interesse ist, sind weniger verschiedene Ideen und Ansichten zur Politik und Geschichte (bzw. zu einem Film, der diese thematisiert), sondern die Funktion, die diese Äußerungen im kulturellen Kontext Québecs haben. Man muss sich vor Augen führen, dass in den hier beschriebenen Instanzen Identitätsreferenzen reproduziert und verstärkt werden, die an der Trennlinie zweier Kulturen agieren und gleichzeitig diese Trennlinie erneuern.

Milloys harte Worte werden verständlich, wenn man sieht, dass es ihm weniger um den historischen Tatbestand der Rebellionen von 1837-38 und ihrer Protagonisten geht, als um die Verbindung zur Gegenwart, die der Film herstellt. Die Argumente der souverainistes entbehrten schlichtweg jeder Logik:

Falardeau insists the repression of the Patriotes forms one of the building blocks of Canada, and the colonization of Quebec. He’s right, as surely as theft of native land paved the way for Confederation. But Falardeau, when asked directly, could offer no evidence of that occupation in the here and now, could point out no specific reasons for anyone to follow the footsteps of his heroes De Lorimier and Hildebrand. This is because there are none...His film is not an explanation of the wrongs of today as much as a blind affirmation in the dream of how things should be tomorrow. To do that, he has replaced history with propaganda, and truth with martyrology. And so it goes..436

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Einige Tage später erscheint in Montréals Gazette, der größten englischsprachigen Zeitung Québecs, ein Artikel mit persönlicher Note. Der Autor, Don Macpherson, ist für seine bissigen Äußerungen zu Premierminister Landry und zum französischsprachigen Québec im Allgemeinen bekannt. Der Artikel beginnt mit der witzigen Bemerkung « Can it be long before some Quebec couturier presents a collection inspired by the Patriotes? The rebels of 1837 and 1838 in colonial Lower Canada are much in vogue these days...And the current must-see film in Quebec is about the Patriotes... »437 Bevor Macpherson auf den Film zu sprechen kommt, nimmt er sich Falardeau vor, sein Aussehen betreffend und seine Moral:

[W]hile the studiously unkempt Falardeau (the middle-class son of a Chateauguay caisse-populaire manager, he cultivates the same unshaven but not quite fully bearded look as Yasser Arafat, as though he is too busy fighting the revolution and hiding out in the underground to bother with such bourgeois concerns as personal grooming) is a vociferous critic of Quebec’s oppressors, he has no qualms about taking their money - just to prove he can’t be bought, of course. [...] In short, Falardeau is a hustler and a hypocrite. He would do very well in Hollywood, and make films with much bigger budgets.438

Schließlich wird der Film als propagandistisches Machwerk beschrieben, in dem es eindeutig um « Clear Loathing » auf die Engländer gehe. Falardeau, der « separatist propagandist » könne eigentlich auch keine Filme machen, weil er ein « unimaginative hack » sei. Diese Worte, in denen es weniger um Geschmack als um ideologische Positionierung geht, erscheinen um so seltsamer, wenn man beachtet, dass wenige Tage vorher, bezüglich der Verleihung der Jutra-Filmpreise, 15 février 1839 in der Kategorie « Bester Film » genannt worden war. Marc-André Lussier, in La Presse vom 24. Januar:

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Les choix des professionnels du cinéma n’alimenteront aucune controverse cette année. Les quatre oeuvres retenues dans la catégorie du meilleur film, prix ultime de la quatrième Soirée des Jutra, sont en effet d’excellente qualité, laissant même sur la touche quelques titres qui auraient certainement pu concourir honorablement. D’une année particulièrement riche sur le plan artistique ressortent, en fin de compte, Un crabe dans la tête, 15 février 1839, L’Ange de goudron et La Femme qui boit.439

Weiter erfährt man, dass von den ungefähr 1200 ‘Kinoprofessionellen’, neben dem Hauptpreis für den Film auch Darstellerpreise an Luc Picard (De Lorimier) und Sylvie Drapeau (Henriette) gingen. Lussier beendet seinen Artikel mit einem lächelnden Falardeau, der sich über die zahlreiche positive Kritik zu seinem Film 15 février 1839 sichtbar freut, nicht zuletzt, weil seine « Elvis Gratton » Serie von den Kritikern verrissen wurde: « Quand on lui demande s’il a plus tendance à croire toutes les critiques positives écrites à la sortie de 15 février 1839, le cinéaste sort de son répertoire son sourire le plus espiègle. »440

Auch ein Artikel in Hour vom 28. Januar verdeutlicht die Kontroversen um Falardeaus Film als Austragungsort gegenwärtiger Kämpfe, bzw. als Anlass für deren Thematisierung. Abgedruckt ist ein Gespräch, das Dimitri Katadotis mit Falardeau führte. Nach einer kritischen Einführung (die bereits vom Film in die Politik lenkt) beginnt ein Interview, in dem es weniger um den Film, als um ‘heiße Kartoffeln’ der heutigen Politik geht.

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As a piece of filmmaking, firebrand director Pierre Falardeau’s 15 Février, 1839 could be easily swept aside as a rather stolid example of agitprop. An unabashed work of martyrology, the movie essentially sanctifies a group of Quebec Patriotes, including Marie-Thomas Chevalier De Lormier (played by Luc Picard), sentenced to hang by the British, with the gallows standing in for the cross. But hot on the heels of Bouchard’s resignation, 15 février speaks loudly to the political conflicts both at the heart of the PQ party and in Quebec society at large. Dramatizing the fight between moderates and extremists, recalling the roots of the independence movement, it goes off like a bomb.441

Katadotis beginnt sein Interview mit der Frage der Fragen und Falardeau antwortet in der eklektischen Logik seiner Idee von Befreiung:

Hour - Do you think your film is more about history or more about the present?

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Falardeau - For me history is always present. You learn from history. If I read on the history of Spartacus, it tells me about today. But it is true that we always look to history from our own point of view.442

Später wird die Frage in variierter Form wiederholt und Falardeau wird etwas genauer:

Hour - Do you think that the situation presented in the film speaks to today’s situation? More pointedly, how is the repression the Patriotes suffered still felt today?

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Falardeau - How do I see that today? For me, if you don’t look at history you don’t understand anything. If you don’t know where McGill University comes from, you don’t understand anything. Peter McGill was a bastard. He organized the British volunteers who burned our houses, raped our women. The same thing for Mr John Molson. What is Canada? In my country we suffered British colonialism and Canadian neo-colonialism. For me Canada is just an extension of that.. »443

Das Gespräch mäandert im Folgenden zwischen Simbabwe, der Shoah, der Affaire Michaud und den Blauwalen der « linken Anglos » in Montréal.

Sometimes in Montreal I see anglo-Canadians from the left. They are for all liberation movements in the world, but here it stops. They’re for the liberation of Tibet, of East Timor, everywhere. The blue whales. Everything, but here, oop! They block. They say it’s ethnic.444

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Schließlich kommen die Gesprächspartner auf die politischen Diskussionen in Québec zu sprechen. Falardeau zieht eine Parallele zwischen den Argumenten gegen die Anerkennung der Regel der einfachen Mehrheit im Falle eines Referendums zur Unabhängigkeit Québecs und dem Kampf der Patriotes gegen die « Scheindemokratie » des British North America Act von 1791:

There are certain words - like « racist, » « fascist » - that you don’t just toss around.

Hour - But both sides are guilty of that kind of name calling.

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Falardeau - Yes, but I don’t call my enemies fascists or extreme rightist.

Hour - But you have said that Chrétien was anti-democratic.

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Falardeau - That’s true. When a country decides that a vote of 50 per cent plus 1 is not the rule anymore, what is it? It’s like that everywhere in the world. So what is it? It’s anti-democratic? Since the FLQ crisis in ‘70, the nationalist movement played the democratic game. And now you refuse democracy.

The story of the Patriotes is exactly the same. People played the game of the pseudo-democracy that the British installed in 1791. They played that game, and finally they were tired of the game, and they said, « Now it’s finished. » Boom.445

In Voir, dem französischsprachigen Pendant von Hour, meldet sich am 1. Februar Luc Boulanger zu Wort. Für ihn verdeckt das einstimmige Lob in der französischsprachigen Presse die wahre Natur des Films: Propaganda. Er bemerkt, dass Québecs Intellektuelle angesichts von 15 février 1839 anästhesiert zu sein scheinen:

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Élevée au rang d’art, la propagande est d’autant plus fallacieuse qu’elle endort tout discours critique. Depuis une semaine, l’intelligentsia québécoise semble anesthésiée par le dernier long métrage de Pierre Falardeau, 15 février 1839. À un point tel que, dans le concert d’éloges unanime que ce film suscite dans les médias francophones, personne n’ose discuter de la vraie nature de l’oeuvre.

15 février 1839 est un film de propagande. Il a été conçu pour faire vibrer la fibre nationaliste du peuple québécois.446

Boulanger ist von der leidenschaftlichen und gläubigen Ideologie des Films nicht überzeugt und unterzieht den Nationalismus des Bürgers Falardeau einer harten Kritik:

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Loin de me toucher, 15 février 1839 a même produit l’effet inverse. Quand un projet de société se transforme en une foi aveugle, je prends mes distances. Et le nationalisme que véhicule Falardeau à travers son film fait partie de ce type de croyance fondée sur la passion plutôt que sur la raison. Il implique que l’on doit choisir son ‘bord’, sous peine de trahison à la nation; et qu’il est louable de mourir sur l’autel des idéologies.

Ce nationalisme est archaïque, manichéen, belliqueux et dangereusement revanchard. Si c’est sur de telles prémisses que le citoyen Falardeau veut construire un pays, je comprends la peur de certains Québécois face à l’indépendance.447

In seinem Artikel geht er auf die ‘mystischen’ Kunstgriffe Falardeaus ein, der die historisch belegte Komplizenschaft des frankokanadischen Klerus und der britischen Macht (« ...connivence entre le clergé canadien-français et le pouvoir britannique ... » ) mit der Figur des Absolution erteilenden Priesters zu verwischen sucht und fasst in einem Satz zusammen: « Puisque la foi nationaliste est le moteur du film, 15 février 1839 exhale un parfum de sacré. » (« Weil der nationalistische Glauben der Motor des Filmes ist, verbreitet 15 février 1839 ein Parfüm des Sakralen. ») Boulanger analysiert die Formen der weiter oben besprochenen sozialen Homogenisierung der Patriotes (« raccourci sociohistorique ») und beschreibt die ‘menschliche Dummheit’, die die Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen den Gefangenen und den englischen Soldaten zu einem Witz macht: « Pourtant, le public rit abondamment. C’est connu, la propagande flatte les masses dans le sens du poil, qu’importe si elle reflète la bêtise humaine. » 448

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Boulanger resümiert, Falardeau habe keine Lektion aus der Geschichte gezogen, denn « ...au-delà du devoir de mémoire, l’Histoire nous enseigne que le sang de trop d’hommes et de femmes a été versé pour glorifier des héros ou des tyrans. »449

Soweit zwölf Zeugnisse des regen Interesses, das 15 février 1839 in der Presse Québecs in der Zeit kurz nach dem Filmstart fand. Wie bereits erwähnt, blieben einige dieser Reaktionen nicht ohne Antwort. Auf zwei ausgewählte Beispiele sei hier verwiesen, weil sie zwei wichtige Aspekte illustrieren.

In einem offenen Brief wendet sich ein Leser an Michèle Ouimet und die Redaktion von La Presse. M. Ouimet hatte in ihrem weiter oben zitierten Artikel Falardeau vorgeworfen, kein Wort zu den Aufständen in Upper Canada verloren zu haben und damit nur einen Ausschnitt der Geschichte zu porträtieren, der seinem politischen Programm entspricht. In diesem Zusammenhang erwähnte sie, dass der Aufstand in Upper Canada mit mehr brutaler Gewalt niedergeschlagen worden sei als in Bas-Canada. Nach Zitaten aus einschlägigen Geschichtswerken sendet der Absender eine erregte Botschaft an M. Ouimet:

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Vous OSEZ dire qu’au Haut-Canada ce fut pire?! Mensonge! [...] Mais qui vous a dit une telle fausseté? Ne vérifiez-vous pas vos sources avant de publier? Où aviez-vous la tête pendant vos cours d’histoire [...] Qui vous a mis ça dans la tête?450

und erwartet schließlich eine Entschuldigung von der Journalistin und ein Erratum von der Zeitung:

J’espère que vous allez vous excuser formellement dans les prochains jours. Et que votre employeur, La Presse en l’occurrence, un quotidien centenaire qui se respecte, qui a à coeur de bien informer ses lecteurs, va saisir toute l’importance d’accorder davantage de place à ces excuses qu’un simple erratum discret, dissimulé dans le fond des annonces classées, pour remettre les pendules à l’heure.

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Il est temps qu’on cesse de fausser l’histoire de la sorte.451

Etwas heftiger fallen die Reaktionen auf den erwähnten Artikel aus, in dem Papineau mit Pol Pot verglichen worden war. Herausgenommen sei eine Beschwerde beim Presserat Québecs ( Le Conseil de presse du Québec ), eingereicht von Gilles Rhéaume, Präsident des Mouvement souverainiste du Québec und Directeur de l’Institut d’études des politiques linguistiques in Montréal.

In seiner Beschwerde ( Objet : plainte contre le Hour du 28-01-01 ) fordert Rhéaume den Presserat auf, sich mit diesem Verstoß gegen die journalistischen Regeln zu beschäftigen. Papineau, « ...un des plus grands héros de l’histoire de l’Amérique française... » dürfe nicht derart falsch dargestellt und angegriffen werden.

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Cela fait des années qu’une certaine presse se complaît dans ce type de dénigrement parmi les plus condamnables qu’il soit possible de concevoir. Il y a de plus en plus d’écarts de conduite dans la presse canadienne anglaise lorsqu’il est question du Québec, du Canada-Français, des souverainistes québécois et des Francophones. Cela ne saurait durer encore plus longtemps. Les Québécois aussi forment un groupe social. Il est inadmissible de traiter ainsi la mémoire d’un des monuments de notre culture nationale.452

Diese Beispiele wurden ausgewählt, um zu zeigen, in welcher Form und anhand welcher Inhalte Kämpfe um das kollektive Gedächtnis in der Presse Québecs ausgetragen werden. Der Film 15 février 1839 agierte hier mehr als Katalysator denn als Generator; die Differenzen in der Interpretation eines Ereignisses (der Film, die historische Vorlage, die Bedeutungen) sind weniger Ergebnis als aktiver Teil der Lektüre des Films.

Es konnte auch gezeigt werden, dass die Kämpfe um den Index kollektiver Erinnerungen keineswegs der Schablone des Anlasses (Falardeaus Film) folgen – in den hier dargestellten Kontroversen stehen sich nicht einfach die Nachfolger von französischsprachigen ‘Patrioten’ und englischsprachigen ‘Kolonialherren’ gegenüber, wenn auch eine deutliche Asymmetrie in der sprachlichen Geographie der vorwiegenden Stimmung deutlich wurde.

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Der Grund hierfür ist, dass sich auf dem ‘medialen Territorium’ Québecs (der Presselandschaft eines geographischen Raumes) mehrere Ebenen kultureller und politischer Diskussionen überlagern. Hierbei ist die sprachliche Dimension, so legen die empirischen Daten nahe, von großer Bedeutung.

Es wäre auch falsch, von einem Konflikt zwischen englischsprachigen und französischsprachigen Kanadiern zu sprechen. Zum einen finden die Auseinandersetzungen (jenseits von absurden Beleidigungen) nicht an der Sprachbarriere statt. Gerade in der französischsprachigen Presse Québecs wurde die Bedeutung nationalen Heldentums und des Bildes vom Anderen (hier: dem ‘Engländer’) kritisch hinterfragt. Diese Befragung der eigenen Geschichte ist kennzeichnend für die konfliktuelle Situation des Kulturkontakts in Kanada. An die unmittelbare, permanente Anwesenheit einer jeweils anderen Kultur erinnert hier nicht zuletzt die (auch offizielle) sprachliche Dichotomie des Landes. Im Unterschied zu den meisten europäischen Nationen und auch im Unterschied zu den Vereinigten Staaten453 ist dem kulturellen Homogenisierungspotential des Staates in Kanada ein (sprachlicher) Riegel vorgeschoben.

Auch außerhalb Québecs und der speziellen Situation einer englischsprachigen Minderheit wurde auf Falardeaus Film reagiert. Im Rahmen des Vancouver Filmfestival wurde 15 février 1839 groß angekündigt und auch gelobt. Vancouver hat eine vergleichbare geographische Entfernung von Montréal wie Paris, und so finden auch Konflikte in weniger hitziger Form statt. (Highlights from the 20th Vancouver International Film Festival: « It is an unnerving, unflinching and provocative look at war, politics and human cruelty that will give non-Canadians a better understanding of the partition between Quebec and English Canada still present today. »454)

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Eine Reihe von interessanten Reaktionen auf den Film Falardeaus sind aus praktischen und methodischen Gründen nicht detailliert aufgenommen worden, insbesondere die große Menge von Wortmeldungen in den Foren des Internet.455 Die Anzahl und der Ton der Äußerungen verdienen Aufmerksamkeit und könnten in einem eigenen methodischen Rahmen, der die spezielle Form von Internetforen berücksichtigt, analysiert werden. Hier sollte lediglich auf den Erregungszustand der öffentlichen Diskussion verwiesen werden, ohne die problematische Natur des elektronischen Mediums E-Mail zu ignorieren.

Sprache als Differenzmedium birgt ein weiteres methodisches Problem, das sich schnell als Falle erweisen kann, nicht nur wegen dem für ein ‘westliches’ Land beträchtlichen Anteil an zweisprachigen Sprechern. Man ist geneigt, die Sprache einer Wortmeldung bzw. die Namen einer Person als ‘Zugehörigkeitskriterium’ zu verwenden und merkt schnell, dass diese Kriterien in die Irre führen können. Dieses Problem betrifft keineswegs nur die relative Anonymität von E-Mail-Namen, sondern auch die Welt journalistischer Kommentare.

Nomen ist hier oft gerade nicht Omen, sondern eben nur der Name einer Person. Ähnlich ist die Sprache, in der sich eine Person öffentlich zu Wort meldet, ein Kommunikationsmedium, mit dem keineswegs eine direkte und einfache Identitätsreferenz umgesetzt wird.

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Die heterogenen Formen einer persönlichen Identität erlauben komplizierte und relativ flexible Konstruktionen, die sich einem vereinfachenden Rasterblick entziehen. « Identitäten wandeln sich laufend und treten in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen auf. Schließlich haben alle Menschen als Rollenträger schon immer religiöse, kulturelle, berufliche, politisch-weltanschauliche Differenzen verarbeiten müssen. »456 Zwei Beispiele sollen zeigen, dass eine vergleichende Sicht, die sich vornähme, English Canada und Le Canada français nebeneinander zu stellen und getrennt zu befragen, mit dem Ziel, relevante Unterschiede herauszuarbeiten, schnell an ihre Grenzen kommt.

Auf den Seiten des Forum avant-garde Québec (bzw. Tribune libre ) gibt es Akteure, die durch ihre zahlreichen Artikel und Kommentare auffallen. Dazu gehört John Hogan, dessen Wortmeldungen zur Politik von einem radikalen Ton bestimmt werden. Unter dem Titel Falardeau et la presse éthique meldet er sich am 5. Februar zu Wort.

Tout un choc pour la nomenklatura de la Presse! Selon les critiques francophones, le film 15 février 1839 de Falardeau se compare avantageusement à d’autres grandes productions internationale de l’heure [...] C’est une mauvaise nouvelle, la presse éthique a des comptes à régler avec le réalisateur du Temps des Bouffons...457

↓252

Hogan greift La Presse an und nennt die Querläufer beim Namen, Yves Boisvert und M. Ouimet, die Falardeau Stimmungsmache gegen die ‘Engländer’ vorgeworfen hatten:

Encore une fois, les journalistes se sont fait l’écho de la presse anglophone pour meubler leurs arguments, ils en ont conclu à mots couverts que l’œuvre de Falardeau est une ode à la haine des Anglais. Des condamnés à mort qui seront exécutés par les conquérants éprouvent de la haine envers leurs bourreaux, cette vérité est universelle, comme le film d’ailleurs.458

↓253

In den Geschäften der Politik bezieht sich eine ‘Affaire’ öffentlicher Erregung gern auf eine andere. Hogan zieht eine Parallele zwischen der Kritik an Falardeau und der ‘Affaire der roten Fetzen’ (siehe Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder »); in beiden Fällen lenke die Kritik vom eigentlichen (anglokanadischen) Problem ab. Hogan beendet seinen Artikel zur « ethischen Presse » mit einem interessanten Hinweis auf das Ziel der von ihm kritisierten Presse:

Dans l’affaire des chiffons [...] puisque c’est du Québec qu’émane la nouvelle, on ne fait que dénoncer Québec, sans mentionner l’origine du problème qui est l’utilisation outrancière du drapeau canadien.

En fait, il s’agit ni plus ni moins de l’expression d’une volonté d’interdire de relater une partie de notre Histoire aux ignorants que nous sommes ; nous ne savons pas faire la différence entre le passé et le présent, c’est le message que nous livre la presse éthique.

↓254

Et tout cela n’est qu’un épisode du travail de sape qu’effectue la Presse pour faire du Canada notre première appartenance.459

In British Columbia, der weit entfernten Provinz an der Pazifikküste befindet sich die Simon Fraser University (in Burnaby, B.C., bzw. Vancouver). PEAK, die Studentenzeitung der Universität, veröffentlicht im Oktober 2001 einen Artikel von Charlie Demers unter dem vielsagenden Titel Je me souviens: 1837-1838. Es handelt sich um eine Besprechung von Falardeaus Film, die eindeutig die eigene (frankophone) Identität neben die anderer ‘Verlierer’ in Nordamerika stellt und gegen das herrschende (anglophone) Narrativ der Geschichte setzt.

Many of us in this country - Québecois [sic], Natives, Métis, Inuits, Acadians - are citizens by conquest and not by choice. Socially alienated from the Canadian state and this country’s dominant historical narratives, our histories and victories are largely ignored by Anglophone society. That’s fine - if you won’t tell our stories, we will.

↓255

This is precisely what Québecois director Pierre Falardeau decides to do in his brilliant 15 Février, 1839. Falardeau’s film examines the emotional and political implications of the British decision to hang the leaders of 1837’s Patriot Rebellion - a footnote in Canadian history, the seminal event of ours.460

Erstaunlich ist die Vorstellung, dass sich Demers als Redaktionsmitglied von PEAK an eine Leserschaft wendet, die mehrheitlich englischsprachig (im Sinne von Anglophone Society, nicht nur von English-speaking) sein dürfte. Die abschließenden Sätze des Artikels fassen das Gesagte zusammen – Geschichte sei wichtiger als Sprache und eine nicht beglichene Rechnung historischer Ungerechtigkeit:

If Anglophones in this country are ever hoping to understand the desire for an independent Québecois republic, they’ll have to understand that it is based in history and not in language. 15 Février, 1839 helps explain Britain/Canada’s shameful history of conquest on this continent. Next time those frogs are talking about separation, remember that the animals who hung our Patriots are still in charge.461

↓256

Abschließend sei bemerkt, dass Falardeaus Film auch im akademischen Kontext diskutiert wird. Gregory J. Reid (Université de Sherbrooke) stellt Falardeaus Film in den Kontext eines mythologisierten Konfliktes, der das Projekt ‘linker Politik’ durch ein ‘Melodrama konfligierender Einsamkeiten’ und damit das Bestehen auf nicht sozial determinierten Unterschieden unterminiere.462

Ein Geschichtskurs an der Concordia University thematisiert die Parallelen zwischen den niedergeschlagenen Aufständen in Irland und in Québec (bzw. Bas-Canada) und verwendet Falardeaus Szenario als Lehrmittel.463

Wie anhand der « Affaire 15 février 1839 » gezeigt werden konnte, finden in Québec bzw. in Kanada öffentliche Diskussionen statt, die in ganz verschiedener Weise die komplizierten Beziehungen der Gegenwart mit der Vergangenheit beschreiben. Das umfangreiche empirische Material zeigt, dass sich in der Presselandschaft andernorts nachgewiesene heterogene Strukturen und homogenisierende Elemente der Gesellschaft(en) widerspiegeln.

Lord Durhams Bericht aus den Kanadas

↓257

Pierre Falardeau hat für die ‘Richtigstellung der historischen Wahrheit’ in seinem Film 15 février 1839 einige ‘Korrekturen’ vorgenommen, auf die bereits eingegangen wurde. Dazu gehörte ein Zitat aus dem Rapport de Lord Durham in der Gemeinschaftszelle der Patriotes am 14. Februar 1839.

Gilles Laporte ging in seiner Kritik auf diesen Umstand ein und beschrieb, warum De Lorimier unmöglich den Wortlaut des Berichts gekannt haben kann.

Die Titelseite im vorliegenden Text des Report on the Affairs of Britsh North America from the Earl of Durham, Her Majesty’s High Commissioner beantwortet die möglichen Fragen: Neben dem Hinweis « Presented by Her Majesty’s Command » liest man « Ordered, by the House of Commons, to be printed, 11 February 1839 ».464 Drei Tage (abzüglich der Druckzeit) waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine unmögliche Zeit für die Reise von London nach Montréal, und ginge es nur um ein Wort. Falardeau wollte der Gleichzeitigkeit der Ereignisse – die letzten Stunden einer Gruppe von Patriotes und der Präsentierung des Report on the Affairs of Britsh North America – Ausdruck geben, indem er sie zur einer historisch nicht exakten Gleichörtlichkeit machte.

↓258

Kein Unterrichtskurs zur kanadischen Geschichte, kein historiographischer Überblick, seien sie noch so kurz gefasst, könnten den hier zu besprechenden Durham-Bericht, Durham’s Report, wie er in der Regel abkürzend genannt wird, unerwähnt lassen, ohne sich der Kritik stellen zu müssen, ein wesentliches Element der Geschichte des Landes ausgelassen zu haben. Der Bekanntheitsgrad des Berichts, sowohl im französischsprachigen als auch im englischsprachigen Kanada entspricht letztlich dem Gewicht, das dem Bericht seit seiner Präsentierung im britischen Unterhaus 1839 beigemessen wurde.

Falardeaus Eingriff in die Chronologie der Ereignisse ist weniger originell, als es erscheinen mag. Die Ordnung der Ereignisse in historischen und historiographischen Darstellungen entspricht einer gewissen Indizierung des Sinnes dieser Ereignisse. Im Anschluss an die Darstellung und Diskussion des Durham-Berichts soll anhand von historiographischem Material gezeigt werden, dass sich gerade in der Struktur der zeitlichen Kontextualisierung des Berichts Formen eines eingeschriebenen kollektiven Gedächtnisses aufzeigen lassen.

Wer war dieser Lord Durham, britischer Botschafter in Russland und später Gesandter nach Nordamerika, Autor des Berichts, der seinen herrschaftlichen Namen bis in die Gegenwart bekannt macht? John George Lambton wurde 1792 geboren, ein Jahr, nachdem das Imperial Parliament in London ein Gesetz verabschiedet hatte, mit dem die Province of Quebec in Upper Canada und Lower Canada (frz. Bas-Canada) geteilt worden war.465 Beiden somit entstandenen Provinzen waren Institutionen politischer Vertretung zugestanden worden, ohne souveräne Regierung ( responsible government ) aber mit legislativen Befugnissen.

↓259

Im Jahr des Todes von John George Lambton, Earl of Durham, wird ein weiterer Imperial Act verabschiedet, mit dem die beiden Provinzen vereint und nunmehr von einer einzigen politischen Vertretung regiert werden. Der Act of Union von 1840 (erlassen am 10. Februar 1841) geht in einigen wesentlichen Punkten auf die Vorschläge in Durhams Bericht ein. Der Zeitraum der Lebensdaten Lambtons wird im Einführungsband zu Lord Durham’s Report on the Affairs of British North America von C.P. Lucas prägnant formuliert: « On the whole it may fairly be said that the history of Canada from 1791 to the time of Lord Durham’s mission is, with the exception of one interlude, the war of 1812, a record of friction [...] coloured by race feeling and by the special conditions of the respective provinces. » 466

Die hier verwendete Ausgabe von Durham’s Report aus dem Jahre 1912 ist wegen ihrer umfangreichen Einführung und den zahlreichen Kommentaren auch als Zeitzeuge von besonderem Interesse. Der Editor, Sir C.P. Lucas, ist nicht nur Knight Commander of the Order of the Bath und Knight Commander of the Order of St Michael and St George, wie die seinem Namen folgenden Abkürzungen in britischer Tradition verraten, sondern auch ein Kenner der britischen und kanadischen Geschichte; davon zeugen neben der Einführung auch seine kritischen Kommentare und Korrekturen in den Fußnoten des zweiten Bandes, dem eigentlichen Text von Durham’s Report. Im dritten Band der Ausgabe finden sich die Anhänge des Berichts, die hier vor allem wegen der weiterführenden Bemerkungen bezüglich des Bildungssystems von Belang sind.

Die Diskussion von Durham’s Report kann neben der Deutung eines Schlüsselmoments in der kanadischen Geschichte auch etwas anderes leisten. Wie sich zeigen wird, sind die ideologischen Strukturen, die hier zum Tragen kommen, symptomatisch für ein virulentes naturalistisches Denken in der Politik, welches sich in den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts beginnt durchzusetzen. Das Vokabular und die gesellschaftlichen Entwürfe im Bericht Durhams beschreiben eine ‘revolutionäre’ Form des Denkens, die Macht, Geschichte und Gemeinschaft neu konzipiert.

↓260

Die britische Regierung nahm die Unruhen von 1837 zum Anlass, die Volksvertretungen in beiden Kanadas aufzulösen und die Rechte der Bevölkerung drastisch einzuengen. Um die Gründe für die Unruhen zu erfahren und Möglichkeiten zu finden, diese zu beseitigen, wurde ein Vertreter des Parlaments mit dem Auftrag in die Neue Welt gesandt, einen diesbezüglichen Bericht anzufertigen. Der Sonderbeauftragte hatte Rechte inne, die vor und nach ihm nie in einer Person zusammengelegt waren. Lambton beginnt seinen Bericht an die Königin mit der Aufzählung seiner Kompetenzen:

To the Queen’s Most Excellent Majesty.

May it please Your Majesty,

↓261

Your Majesty, in entrusting me with the Government of the province of Lower Canada, during the critical period of the suspension of the constitution, was pleased, at the same time, to impose on me a task of equal difficulty, and of far more permanent importance, by appointing me « High Commissioner for the adjustment of certain important questions depending on the provinces of Lower and Upper Canada, respecting the form and future government of the said provinces ». To enable me to discharge this duty with the greater efficiency, I was invested, not only with the title, but with the actual functions of Governor General of all Your Majesty’s North American Provinces.467

Vor allem der letzte Satz verweist auf die Totalität seiner Befugnisse; ihm gehörte, politisch gesehen, nunmehr ganz British North America. Warum ausgerechnet Lambton die Aufgabe übertragen wurde, ist nicht eindeutig zu klären. Charles Buller, einer der Begleiter Durhams auf dessen Mission, schreibt 1840 in seinem Sketch of Lord Durham’s Mission to Canada in 1838:

[I]t would have been very difficult to get the assent of all parties to the establishment of such a power in the hands of any other individual than Lord Durham. So high did he stand in the estimation of all parties that the Tories were obliged to be as unanimous in their acquiescence as the Liberals of every shade were in their approval.468

↓262

Die Qualifikationen für die Sondervollmachten hatte, wenn man Buller glaubt, nur Lord Durham und damit wäre auch die Frage beantwortet, warum diesem der königliche und parlamentarische Auftrag erteilt wurde. W. Ferguson bietet in seiner Geschichte Kanadas eine andere Erklärung an:

They called him « Radical Jack. » John George Lambton, Earl of Durham: the brilliant and outspoken champion of Britain’s own Reform Bill of 1832. Durham was a bit of a troublemaker, always asking embarrassing questions in the House and pushing for ever greater parliamentary reforms. So, why not kill two birds with one stone? Why not send Radical Jack over to the colonies to check things out and, you know, get rid of him for a while?469

C.P. Lucas schrieb 1912 (die Relevanz von Durham’s Report für die Situation in Irland betreffend): « ...it will be remembered that Lord Durham was one of the leaders, if not the leader, of the Radical wing of the Liberal party of his day... ».470 Damit ist die paradox anmutende Situation der hier vorgenommenen Lesung vorgezeichnet – der ‘Totenschein für Frankokanada’, ausgeschrieben von einem britischen Lord, der für seine demokratischen und liberalen Überzeugungen als Politiker der Whigs bekannt war? Bevor gezeigt wird, dass sich die Elemente sinnvoll zusammenfügen lassen, soll der Autor des Berichts zu Wort kommen.

↓263

Die Argumentation von Lambton erschließt sich, wenn der Bericht nicht, wie häufig der Fall, auf seine Schlüsselsätze reduziert wird. Die Lektüre des ganzen Textes erlaubt einen Blick, der von der Person John George Lambtons zu den reformierenden Strukturen des politischen Denkens im 19. Jahrhundert führt, die hier an einem Beispiel (dem Konflikt in Kanada) von einem politischen Akteur umgesetzt werden.

Lambton beginnt seinen Bericht mit der Beschreibung seiner Erwartungen (und die seiner Landsleute) zur « Quelle des Bösen », für die er glaubt, das politische Heilmittel zu kennen:

I had still, in common with most of my countrymen, imagined that the original and constant source of the evil was to be found in the defects of the political institutions of the Provinces ; that a reform of the constitution, or perhaps merely the introduction of a sounder practice into the administration of the government, would remove all causes of contest and complaint.471

↓264

Er beschreibt sein Erstaunen, als er, in Kanada angekommen, den Konflikt nicht als politischen Streit erlebt, sondern als einen « Kampf der Rassen ». Hervorgehoben der berüchtigte und vielzitierte Satz, der sich nachhaltig auf die Narrative kanadischer Selbst- und Fremdbilder auswirken sollte.

The same observation [zu den Spannungen zwischen englischsprachigen und französischsprachigen ‘Kanadiern’] had also impressed on me the conviction, that, for the peculiar and disastrous dissensions of this province, there existed a far deeper and far more efficient cause– a cause which penetrated beneath its political institutions into its social state, – a cause which no reform of constitution or laws, that should leave the elements of society unaltered, could remove: but which must be removed, ere any success could be expected in any attempt to remedy the many evils of this unhappy province. I expected to find a contest between a government and a people: I found two nations warring in the bosom of a single state: I found a struggle, not of principles, but of races; and I perceived that it would be idle to attempt any amelioration of laws or institutions, until we could first succeed in terminating the deadly animosity that now separates the inhabitants of Lower Canada into the hostile divisions of French and English.472

Ein Dissens jenseits der Politik kennzeichnet die « unglückliche Provinz, » und keine Reform könne die Situation verbessern, ohne vorher die Wurzel des Problems beseitigt zu haben. Worum kann es sich handeln, wenn Lambton von der « Rasse » als « ...a far deeper and far more efficient cause [...] which must be removed » spricht? Der moderne ‘Staatsmann’ Lambton hat kein anderes Rezept für den Umgang mit der Differenz als der Lösung durch Auswischung der Unterschiede. Wie sich später zeigen wird, entwickelt er einen konkreten Plan, wie vorzugehen sei. Er gibt sich Mühe, dem Leser die Ausweglosigkeit der Situation in einer entsprechenden Sprache zu beschreiben.

↓265

It would be vain for me to expect that any description I can give will impress on Your Majesty such a view of the animosity of these races as my personal experience in Lower Canada has forced on me. Our happy immunity from any feelings of national hostility, renders it difficult for us to comprehend the intensity of the hatred which the difference of language, of laws, and of manners, creates between those who inhabit the same village, and are citizens of the same state. We are ready to believe that the real motive of the quarrel is something else ; and that the difference of race has slightly and occasionaly aggravated dissensions, which we attribute to some more usual cause. Experience of a state of society, so unhappily divided as that of Lower Canada, leads to an exactly contrary opinion. The national feud forces itself on the very senses, irresistably and palpably, as the origin and the essence of every dispute which divides the community ; we discover that dissensions, which appear to have another origin, are but forms of this constant and all-pervading quarrel ; and that every contest is one of French and English in the outset, or becomes so ere it has run its course.473

Das Problem, dem der sonderbeauftragte Autor diese Worte widmet, hat mit « Rasse » (was immer Durham damit gemeint haben kann) vorerst dem Anschein nach nicht viel zu tun. (An anderer Stelle wurde bereits auf Todorovs Ausdruck verwiesen, bezüglich von « Rassen, die Nationen meinen, verstanden als Kulturen ».) Vielmehr geht es um das Problem im Umgang mit Differenz an sich. Durham, und die Politik der Zeit, sehen sich der großen Schwierigkeit des Nationalisierungsprojektes im 19. Jahrhundert gegenüber: Wie ist die Idee der Gleichheit aller « citizens of the state » mit den « spürbaren » Unterschieden zu vereinen, die die Gemeinschaft kennzeichnen? Dabei stellt Religion als Unterschied für Durham in weitaus geringerem Maße einen Dissens dar, als Sprache, Gesetze und ‘Mentalitäten’ (bzw. « manners »). Anders hätte er nicht von der ‘glücklichen Immunität’ Großbritanniens « from any feelings of national hostility » ausgehen können. In der Tat ist Durhams Bericht eher lau in der Forderung nach der Ausradierung religiöser Unterschiede. Die Katholiken im englischsprachigen Upper Canada verdienten Unterstützung, nicht zuletzt, weil sie sich während der Aufstände nicht auf die Seite der Rebellen gestellt hatten. Lambton zeigt sich den Klagen der irischen Katholiken gegenüber verständig:

↓266

The Catholics constitute at least a fifth of the whole population of Upper Canada. Their loyalty was most generally and unequivocally exhibited at the late outbreak. Nevertheless, it is said that they are wholly excluded from all share in the government of the country and the patronage at its disposal [...] The Irish Catholics complain very loudly and justly of the existence of Orangeism in this colony.474

Religiöse Differenzen stehen dem politischen Projekt der Nationalisierung aus der Sicht Lambtons nicht im Wege, und überhaupt sei der Grund für seine Anwesenheit in Kanada, der Aufstand von 1837, ein Problem anderer Art:

[T]he number of French Canadians, on whom the government could rely, has been narrowed [...] The insurrection of 1837 completed the division. Since the resort to arms the two races have been distinctly and completely arrayed against each other. No portion of the English population was backward in taking arms in defence of the Government ; with a single exception, no portion of the Canadian population was allowed to do so.475

↓267

Lambton überspitzt zweifelsohne den Konflikt und übertreibt die ‘Einsamkeiten’ der Fronten. Die Gründe für diese Verschärfung der Trennungen und das Interesse an einer Übertreibung sind nicht ganz klar.

Allerdings zeichnet sich eine Parallele zur Darstellung des Konfliktes in Falardeaus Film 15 février 1839 ab. Die Dichotomie der Bilder bezüglich der Aufstände, die 15 février 1839 so auffällig kennzeichnete, scheint sich hier, bei Lord Durham inspiriert zu haben. Für die Patriotes, weder für Papineau noch für De Lorimier, lagen die Dinge diesseits und jenseits der Sprachbarriere. Ihre Forderungen hatten vor allem politische Emanzipation zum Ziel und wenn es ein ‘englisches’ Feindbild gab, dann war die britische Kolonialmacht gemeint.

Die kanadische Historiographie hat sich heute teilweise von diesem Blick distanziert. Alan Greer beispielsweise sieht in seiner Analyse der Aufstände neben den heterogenen Formen der Aufständischen vor allem das Gemeinsame und beschreibt die Aufstände nicht wie Durham als einen Vorgang der Trennung:

↓268

The people involved in the two Canadas and in the United States spoke different languages, partook of different political cultures and cherished a variety of aspirations. Yet, for all this internal diversity, this was a single historical phenomenon, and no phase of it can be fully understood in isolation from the whole.476

Dabei kann die Wirkung einer Trennung nicht bestritten werden, und man ist geneigt anzunehmen, dass Lambton mit seinem Bericht an einem Bild gearbeitet hat, das bis heute vorherrscht. Wie eine sich selbst verwirklichende Prophezeiung mag der Bericht von John George Lambton, Earl of Durham eine Lesart produziert haben, die sich in die Geschichtsschreibung und in die literarische Produktion eingeschrieben hat. Falardeaus Film beschreibt somit, zumindest was den manichäischen Blick auf die Parteien betrifft, vielleicht weniger die Welt aus der Sicht der Patriotes als den Blick des Gutachters der Kolonialmacht – mit geänderten Vorzeichen, versteht sich.

Die Wirkung der Trennung entstand nicht zuletzt durch die politischen Folgen der niedergeschlagenen Aufstände. Die Verlierer waren die Bewohner von Bas-Canada (das in der vereinten Provinz Canada-Est genannt wurde). Lambton äußert sich in seinem Bericht voller Bewunderung über die assimilatorischen Fähigkeiten des großen Nachbars im Süden. Das Beispiel Louisiana habe gezeigt, dass die überlegene ‘angelsächsische Rasse’ in der Lage ist, das Problem einer andersartigen Bevölkerung zu lösen. Die politischen Rechte, die der Province of Canada im Ergebnis von Durham’s Report zugestanden wurden, galten auch der Anglisierung des Landes (bzw. des Kontinents). Die sehr verschiedenen Interpretationen der Bedeutung der Aufstände und ihrer Niederschlagung haben weniger mit dem Ereignis an sich, als mit den Folgen zu tun. Falardeau ist in seinem Film in diesem Punkt konsequent: er verweist (die Chronologie ‘korrigierend’) auf Durham’s Report (und auf den Act of Union von 1801 in Irland) und stellt damit die Dinge nebeneinander, die in der Interpretation nicht getrennt werden können. Der Vorwurf der politischen Propaganda an Falardeau erklärt sich möglicherweise mit den unterschiedlichen Lesarten eben dieser Zusammenhänge.

↓269

Durham’s Report ist gerade in Frankokanada zwar oft mit kritischen Tönen aber dennoch auch mit Sympathie aufgenommen worden (siehe im Anschluss die Diskussion der Schulgeschichtsbücher). Wesentlich hierfür ist die Tatsache, dass sich der Großteil der Besitzer von Pfründen und die Verwalter der katholischen Institutionen in ihren Stellungen nicht angegriffen fühlen mussten. Ein weiterer Grund ist in der offiziellen Form einer bestätigten kulturellen Unvereinbarkeit zu sehen, dem ‘Beweis’ dessen, was Durham « national incompatibility » nennt. Deutlicher hätte er im Betonen der Unterschiede nicht werden können:

I was brought to a conviction that the contest, which had been represented as a contest of classes, was, in fact, a contest of races [...] It is scarcely possible to conceive descendants of any of the great European nations more unlike each other in character and temperament, more totally separated from each other by language, laws, and modes of life, or placed in circumstances more calculated to produce mutual misunderstandung, jealousy and hatred.477

Die von Lambton beschriebene (und vorgenommene) Trennung verlässt allerdings bald das Terrain von zwei gleichberechtigten « Rassen ». Mehr noch als die Definierung eines ‘Rassenkonfliktes’ zwischen englischsprachigen und französischsprachigen Staatsbürgern (« citizens of the state ») dürfte sich eine zweite Form der Trennung ausgewirkt haben.

↓270

Im Kern seiner weiteren Argumentation steht die ‘natürliche Überlegenheit der englischen Rasse’ als Ausgangspunkt für eine rechtfertigende Politik der Assimilation. Nicht nur seien die ‘Rassen’ grundverschieden, sondern man müsse von einer selbstverständlichen Hierarchie ausgehen, die Lambton umfangreich zu illustrieren sucht. Für die Degradierung der Frankokanadier478 werden zum einen der zivilisatorische Zustand im Allgemeinen und zum anderen fehlende Aufklärung, Literatur und Geschichte bemüht:

There can hardly be conceived a nationality more destitute of all that can invigorate and elevate a people, than that which is exhibited by the descendants of the French in Lower Canada, owing to their retaining their peculiar language and manners. They are a people with no history, and no literature.479

Die Anzeichen von Ordnung und Zivilisation waren bei ‘Erhalt’ der Kolonie spärlich gesät: « Lower Canada had, when we received it at the conquest, two institutions, which alone preserved the semblance of order and civilization in the community, -the Catholic Church and the militia... »480. Die Situation habe sich nicht geändert, von ‘angelsächsischer Freiheit und Zivilisation’ keine Spur, denn « Lower Canada remains without municipal institutions of self-government, which are the foundations of Anglo-Saxon freedom and civilization... »481 Es gebe überhaupt keinen Zweifel an der politischen Überlegenheit der Engländer (« The superior political and practical intelligence of the English cannot be, for a moment, disputed. »482) und letztendlich helfe man dem Volk der Frankokanadier (« for the good [...] of that people ») aus ihrem Elend, wenn man sie zu Engländern mache, ihnen, mit Durhams Worten, den ‘englischen Charakter’ verliehe. Die ‘Rasse’ sei, hier gibt Durham einen Hinweis auf den Sinn des Wortes, letztlich eine Angelegenheit der Sprache (!):

↓271

And is this French Canadian nationality one which, for the good merely of that people, we ought to strive to perpetuate, even if it were possible ? I know of no national distinctions marking and continuing a more hopeless inferiority. The language, the laws, the character of the North American Continent are English ; and every race but the English (I apply this to all who speak the English language) appears there in a condition of inferiority. It is to elevate them from that inferiority that I desire to give to the Canadians our English character.483

Indem man das (französischsprachige) Volk aus seiner Unterlegenheit erhebe (« to elevate ») würde man es zum Teilhaber der fortschrittlichen und siegreichen englischen ‘Rasse’ machen. Was sich hier abzeichnet, ist ein gigantisches Projekt moderner Bevölkerungspolitik, deren rechtfertigende Kriterien Wissen‚ ‘Energie’, Unternehmungsgeist und Reichtum sind:

It will be acknowledged by every one who has observed the progress of Anglo-Saxon colonization in America, that sooner or later the English race was sure to predominate even numerically in Lower Canada, as they predominate already by their superior knowledge, energy, enterprise, and wealth. The error, therefore, to which the present contest must be attributed, is the vain endeavour to preserve a French Canadian nationality in the midst of Anglo-American colonies and states.484

↓272

Der Vorwurf im zweiten Teil des letzten Zitates richtet sich nicht zuletzt an diejenigen seiner Vorgänger, die die Existenz einer französischsprachigen Bevölkerung in Nordamerika nicht nur nicht als « evil » ansahen, sondern diese begrüßten. Durham ist auch hier ‘modern’: Ein beträchtlicher Teil der britischen Administratoren vor ihm war in aristokratischer Tradition dem ‘französischen Element’ zugetan und stand der kapitalistischen Geschäftigkeit der nach Montréal und Québec drängenden Händler kritisch gegenüber. Der Gouverneur James Murray (1719-1794) und sein Nachfolger Guy Carleton (1724-1808) sind kennzeichnend für diese Politik. Murrays Laufbahn entspricht dem klassischen Profil eines britischen Militärs seiner Zeit: « Having entered the British army, he served with the 15 th Foot in the West Indies, the Netherlands and Brittany, and he became lieutenant-colonel of this regiment by purchase in 1751. In 1757 he led his men to North America to take part in the war against France. »485 Murray wurde Militärgouverneur nach der Kapitulation von 1760, nachdem er an der Seite von Wolfe gegen die französischen und kanadischen Truppen auf den Abrahamshöhen vor Québec gekämpft hatte. Nach dem Sieg im September 1759 war er zum Stadtkommandanten von Québec ernannt worden, wo er die Bekanntschaft mit dem kanadischen Winter machen sollte. Nach der förmlichen Abtretung der französischen Überseegebiete an Großbritannien (1763) wurde Murray Governor of Canada. Bekannt als strenger Militär, war er doch der französischsprachigen und katholischen Bevölkerung gegenüber ausgesprochen nachsichtig. Für ihn war diese « perhaps the bravest and best race » 486 auf Erden und seine Politik galt deren Schutz gegen die nach dem Sieg der britischen Macht einströmenden englischen Händler, in Murrays Worten « the most cruel, ignorant, rapacious fanatics who ever existed. » 487

Man käme nicht auf die Idee, Murrays Charakterisierung der « grausamsten, dümmsten und habgierigsten Fanatikern » könnte die englischsprachigen Siedler meinen, die sich für Durham durch « superior knowledge, energy, enterprise, and wealth » auszeichnen. Im Jahre 1766 wird Murray von Guy Carleton, dem späteren Baron von Dorchester, abgelöst. In verschiedenen Positionen , als Lieutenant-governor von Québec und als Governor general of Canada wird er mit Unterbrechungen bis 1796 im Amt sein. Die Hoffnungen der englischen Geschäftemacher in Montréal und Québec werden enttäuscht; Carleton zeigt sich den frankokanadischen Eliten gegenüber verständig und macht sich die Händler ‘seiner Rasse’, wie Durham argumentieren wird, zum Feind. Am 25. November 1767, gut siebzig Jahre vor Durhams Bericht, schreibt Carleton in einem Brief an Lord Shelburne:

↓273

Having arrayed the strength of His Majesty’s old and new subjects, and shown the great superiority of the latter, it may not be amiss to observe, that there is not the least probability, this present superiority should ever diminish ; on the contrary ‘tis more than probable it will increase and strengthen daily. [...] Barring a catastrophe shocking to think of, this country must, to the end of time, be peopled by the Canadian race, who already have taken such firm root, and got to so great a height, that any new stock transplanted will be totally hid and impercebtible amongst them, except in the towns of Quebec and Montreal.488

Für Carleton gibt es noch keine citizens, er spricht von alten und neuen Untertanen. Die Überlegenheit der « kanadischen Rasse » liegt in der Anzahl, und nur eine unglaubliche Katastrophe könnte sie davon abhalten, das Land bis an « das Ende der Zeiten » zu bewohnen. Carletons Vision erscheint zum einen, gemessen an der Gegenwart, realistischer. Sie ist aber auch nicht vom größenwahnsinnigen Ton eines an der Effizienz von Politik gemessenen Gesellschaftsprojektes gezeichnet. Für Carleton ist die Nation noch kein Problem der Homogenisierung, seine ‘natürlichen’ Solidaritäten sind eklektisch, von Vorzügen und Abneigungen bestimmt, im Gegensatz zu den normalisierten Solidaritäten kommender Zeiten.489 Wichtiger noch, Carletons Politik ist von einem anderen Umgang mit Differenz bestimmt. Sir Guy Carleton freilich, der bei George II. für seine abfälligen Bemerkungen zu deutschen Söldnern in Ungnade gefallen war, ist vor allem eins: ein Aristokrat, dem die feudalstaatliche Ordnung der Dinge am Herzen liegt. So verwundert es wenig, dass Carleton 1774 für die Unterrichtung seiner Kinder einen katholischen Theologen und späteren Bischof, Charles-François Bailly de Messein, einstellt. Bailly, einer der Direktoren des Séminaire de Québec, wird in die Auseinandersetzungen mit den « Amerikanern » verwickelt (die am Sankt-Lorenz-Strom « Bostonnais » genannt werden) und begleitet Carleton 1778 für mehrere Jahre nach England. Carleton, nunmehr Lord Dorchester, wird 1786 Gouverneur von Québec.

Um Durhams Bericht lesen zu können, sollte also nicht vergessen werden, dass das Problem weniger die Anwesenheit französischsprachiger Untertanen in den nordamerikanischen Provinzen ist, sondern im Grunde als Bevölkerungsproblem mit andersartigen Bürgern zu tun hat. Denn die demokratischen Reformen, für die sich Lambton in Großbritannien und in den Canadas einsetzte, gaben diesen citizens de facto die gleichen Rechte und damit das Recht auf politische Vertretung. Weil die Techniken homogenisierender Nationalisierung vor dem Problem sprachlicher Differenz (darum scheint es zu gehen) versagten, zieht Durham die Karte der Entrechtung: Sie (die Frankokanadier) haben keine Zivilisation, sie seien nicht aufgeklärt und als Gleiche werden sie erst behandelt, wenn sie auch Gleiche (d.h. vor allem sprachlich gleich) sind. Schließlich haben sie gezeigt, dass sie mit den demokratischen Mitteln, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden, nicht richtig, also liberal und aufgeklärt, umgehen konnten:

↓274

The French appear to have used their democratic arms for conservative purposes, rather than those of liberal and enlightened movement ; and the sympathies of the friends of reform are naturally enlisted on the side of sound amelioration which the English minority in vain attempted to introduce into the antiquated laws of the Province.490

Wie die Logik der Argumentation gehört auch das Vokabular in den Raum der Moderne. Wenn von der englischen Minderheit gesprochen wird, kann es sich numerisch nicht mehr um den Kontinent oder die britischen Kolonien in Nordamerika handeln, sondern um die politisch vertretene Bevölkerung in Lower Canada, mit der andersartigen Mehrheit. Modern ist auch Lambtons Argumentation zu einer besonderen Form der Bevölkerungspolitik. Die « Siedlungskolonisation », im 19. Jahrhundert die typische Form der Migration,491 sollte nach seinen Vorstellungen mehr zu einer Ansiedlungskolonisation führen, der administrative Zugriff auf die Zuwanderung müsse organisiert werden. Gegen die Vergrößerung der (englischsprachigen) Bevölkerung sei nichts einzuwenden und Lambton erklärt sich einverstanden mit den Befürwortern einer « systematischen Zuwanderung ». (Lambton spricht von « emigration », da der übliche Begriff der Zeit den Aspekt der Abwanderung aus Europa betont. Gerade die für sein Projekt sinnvolle Abwanderung von Protestanten wurde dort nicht unkritisch gesehen – die Schatten einer katholischen Gegenreform lauerten im Vereinigten Königreich noch immer.)

Was fehlt, seien die richtigen Methoden und ein System: « I object, along with them, [advocates of systematic emigration] only to such emigration as now takes place-without forethought, preparation, method or system of any kind. » 492Von Seiten der Regierung müsse alles getan werden, um Lower Canada englisch zu machen. Den Siedlern sei klar, dass sie als Minderheit von einer demokratischen Regelung nichts zu erwarten haben, da diese die « boshaften Ansprüche auf französische Nationalität » nur unterstützen würde. Möglicherweise bedient sich Lambton eines Kunsttricks, wenn er die Regierung des « Mutterlandes » in London aufklärt, die englischen Siedler haben es satt, « being made the sport of parties at home » und schließlich indirekt vor der Möglichkeit einer Sezession warnt.

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They [the English in Lower Canada] complain loudly and bitterly of the whole course pursued by the Imperial government, with respect to the quarrel of the two races, as having been founded on an utter ignorance or disregard of the real question at issue, as having fostered the mischievous pretensions of French nationality, and as having by the vacillation and inconsistency which marked it, discouraged loyalty and fomented rebellion. Every measure of clemency or even justice towards their opponents they regard with jealousy, as indicating a disposition towards that conciliatory policy which is the subject of their angry recollection ; for they feel that being a minority, any return to the due course of constitutional government would again subject them to a French majority; and to this I am persuaded they would never peaceably submit. They do not hesitate to say that they will not tolerate much longer the being made the sport of parties at home; and that if the mother country forgets what is due to the loyal and enterprising men of her own race, they must protect themselves. In the significant language of one of their ablest advocates, they assert that « Lower Canada must be English, at the expense, if necessary, of not being British. » 493

Der Autor spielt auf den ewig drohenden Anschluss an den Nachbarn im Süden an. Er zeigt sich im Gegensatz zu seinen aristokratischen Zeitgenossen wenig kritisch zu den Zuständen in den Vereinigten Staaten. Von den USA lernen, heißt siegen lernen – dieses Motto kennzeichnet Durhams Vorschlag, wie mit dem frankokanadischen Problem zu verfahren sei. Um richtig zu funktionieren, sollte die Demokratie in Kanada nach US-amerikanischem Vorbild organisiert werden, zumindest was die Effizienz betrifft: « The system of the United States appears to combine all the chief requisites of the greatest efficiency. » 494 In den britischen Kolonien fehle etwas Unentbehrliches, ein ‘System’. « In the North American Colonies there never has been any system. » 495Und schließlich, als Beweis und Ergebnis eines effizienteren Systems, sei auch der Marktwert des US-amerikanischen Bodens höher: « Throughout the frontier, from Amherstburg to the ocean, the market value of land is much greater on the American than on the British side. » 496 Die Stimmung im (englischsprachigen) Volk sei alarmierend. Obwohl die loyalistischen Gefühle der britischen Nordamerikaner von der Unterstützung der US-Amerikaner für die « französischen Aufständischen »497 zutiefst verletzt seien und dem auch Ausdruck gegeben würde, könne man doch ein untergründiges Gefühl der tiefen Solidarität seitens der englischsprachigen Nachbarn ausmachen. Eine ‘Inkorporation’ in die USA werde von den englischen Siedlern erwogen:

I have [...] called the attention of the home government to the growth of this alarming state of feeling among the English population. The course of the late troubles, and the assistance which the French insurgents derived from some citizens of the United States, have caused a most intense exasperation among Canadian loyalists against the American government and people. Their papers have teemed with the most unmeasured denunciations of the good faith of the authorities, of the character and morality of the people, and of the political institutions of the United States. Yet, under this surface of hostility, it is easy to detect a strong under current of an exactly contrary feeling. As the general opinion of the American people became more apparent during the course of the last year, the English of Lower Canada were surprized to find how strong, in spite of the first burst of sympathy with a people supposed to be struggling for independence, was the real sympathy of their republican neighbours with the great objects of the minority. Without abandoning their attachment to their mother country, they have begun, as men in a state of uncertainty are apt to do, to calculate the probable consequences of a separation, if it should unfortunately occur, and be followed by an incorporation with the United States.498

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Es ist gut möglich, dass Lambton die dramatische Art der Darstellung wählte, um seinem Lösungsvorschlag Nachdruck zu verleihen und die Regierung in London in Zugzwang zu setzen. Auch hat man den Eindruck, dass er den englischen Siedlern das eine oder andere Wort in den Mund legt, um seine Idee von Fortschritt (« that amazing progress ») zu unterstreichen. Zwar verstünden diese nicht wirklich die Vorgänge in Louisiana, doch wissen sie vom Sieg der englischen Vorherrschaft in den Vereinigten Staaten:

In spite of the shock which it would occasion their feelings, they undoubtedly think that they should find some compensation in the promotion of their interests ; they believe that the influx of American emigration would speedily place the English race in a majority; they talk frequently and loudly of what has occurred in Louisiana, where, by means which they utterly misrepresent, the end nevertheless of securing an English predominance over a French population, has undoubtedly been attained ; they assert very confidently that the Americans would make a very speedy and decisive settlement of the pretensions of the French ; and they believe, that after the first shock of an entirely new political state had been got over, they and their posterity would share in that amazing progress, and that great material prosperity, which every day’s experience shows them is the lot of the people of the United States.499

Die englischen Siedler jedenfalls würden sich mit allen Mitteln gegen eine « French dominion » zu wehren wissen, und sei es mittels einer Union der « Angelsachsen »: « I feel perfectly confident that they would attempt to avert the result, by courting, on any terms, an union with an Anglo-Saxon people. » 500

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Auf zwei weitere Aspekte in Durhams Bericht sei abschließend verwiesen. Bisher konnte gezeigt werden, dass die komplizierte politische Situation in den kanadischen Kolonien den Beauftragten der britischen Krone (und des Parlaments) in eine, zumindest von außen gesehen, paradoxe Situation brachten. Durham befürwortete politische Reformen, die zum Ziel hatten, einer Bevölkerung mehr demokratische Rechte und Selbstverantwortung zu übertragen. Gleichzeitig unternahm er diverse rhetorische Anstrengungen um zu erklären, warum diese Reformen nur für einen Teil der Bevölkerung gelten können. Der Ausschluss dieser (französischsprachigen) Bevölkerung sollte allerdings ihrer gegenwärtigen (kulturellen) Form gelten, nicht der physischen Anwesenheit. Damit setzte sich Durham von der vorher praktizierten Politik der Deportation ab – in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren Tausende von Acadiens vor allem aus ihren Siedlungen ‘entfernt’ worden, nach Europa oder in die britischen Kolonien im Süden. Einige von ihnen begaben sich später nach Louisiana. Ihre Nachkommen werden heute als Cajuns bezeichnet, eine Abwandlung der Bezeichnung ihrer Vorfahren.501 Hier zeigt sich Durham als Vertreter einer neuen, ‘sanfteren’ und doch entschiedenen Form repressiver Staatspolitik. Der Zwang soll nicht als solcher erkannt werden, dadurch werde er um so wirksamer. Gefühle sollen in seinem Plan nicht verletzt werden und das Wohl der Menschen bleibe unangetastet:

A plan by which it is proposed to ensure the tranquil government of Lower Canada, must include in itself the means of putting an end to the agitation of national disputes in the legislature, by settling, at once and for ever, the national character of the province. I entertain no doubts as to the national character which must be given to Lower Canada; it must be that of the British Empire; that of the majority of the population of British America; that of the great race which must, in the lapse of no long period of time, be predominant over the whole North American continent. Without effecting the change so rapidly or so roughly as to shock the feelings and trample on the welfare of the existing generation, it must henceforth be the first and steady purpose of the British government to establish an English population, with English laws and language, in this Province, and to trust its government to none but a decidedly English legislature.502

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Die Stabilität der Politik (und des Staates) wird durch « agitation of national disputes in the legislature » gestört und müsse durch ein Ausschalten der Störfaktoren (« obliterating the nationality of the French Canadians ») beseitigt werden. Dabei legt Durham in seinen Vorschlägen besonderen Wert darauf, die Ausradierung von Unterschieden durch « perfectly equal and popular institutions » bei Bewahrung der Ordnung und ohne Unterdrückung zu fordern, « memorably exemplified » am Beispiel Louisianas:

The only power that can be effectual at once in coercing the present disaffection, and hereafter obliterating the nationality of the French Canadians, is that of a numerical majority of a loyal and English population ; and the only stable government will be one more popular than any that has hitherto existed in the North American Colonies. The influence of perfectly equal and popular institutions in effacing distinctions of race without disorder or oppression, and with little more than the ordinary animosities of party in a free country, is memorably exemplified in the history of the state of Louisiana, the laws and population of which were French at the time of its cession to the American Union. And the eminent success of the policy adopted with regard to that State, points out to us the means by which a similar result can be effected in Lower Canada.503

Wie in einem Bilderbuch zum Denken des 19. Jahrhunderts werden hier von Durham für das englische Parlament die wesentlichen Innovationen der Zeit durchexerziert. Er ist sich der Konsequenzen seines Planes durchaus bewusst. Das von ihm praktizierte Rechtsbewusstsein unterliegt aber einer Logik, die den ‘natürlichen’ Gang der Dinge, die Evolution als Garant der Wahrheit, in die Gesellschaft treibt. ‘Zivilisiert, energiegeladen-schwungvoll und money-making,’ mit diesen Eigenschaften der überlegenen Engländer können die ‘Franzosen’ nicht mithalten:

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It may be said that this is a hard measure to a conquered people ; that the French were originally the whole, and still are the bulk of the population of Lower Canada ; that the English are new comers, who have no right to demand the extinction of the nationality of a people, among whom commercial enterprize has drawn them. It may be said, that, if the French are not so civilized, so energetic, or so money-making a race as that by which they are surrounded, they are an amiable, a virtuous, and a contented people [...].504

Doch es geht nicht um die Franzosen an sich. Immerhin hatte die Revolution den Fortschritt in Frankreich vorangetrieben und so müsse man sich in der Neuen Welt die Frage stellen, mit welcher Art von Franzosen man es zu tun habe:

To conceive the incompatibility of the two races in Canada, it is not enough that we should picture to ourselves a community composed of equal proportions of French and English. We must bear in mind what kind of French and English they are that are brought in contact, and in what proportions they meet.505

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Denn die ‘Franzosen der Neuen Welt’ lebten in den politischen Formen (« institutions ») der Vergangenheit. (« These institutions followed the Canadian colonist across the Atlantic. The same central, ill-organized, unimproving and repressive despotism extended over him. »506) Die Canadians seien immer noch « ...the same uninstructed, inactive, unprogressive people. » 507 Durham nennt auch den Grund: « They clung to ancient prejudices, ancient customs and ancient laws, not from any strong sense of their benficial effects, but with the unreasoning tenacity of an uneducated and unprogressive people. » 508 Wären sie weniger ungebildet und unfortschrittlich, das heißt, wenn sie die richtigen Institutionen besäßen, dann würden die Frankokanadier gegen ihre Assimilation nichts einzuwenden haben. Das Problem liege in ihrer steckengebliebenen Geschichte: « It has left them without the education and without the institutions of local self-government, that would have assimilated their character and habits, in the easiest and best way, to those of the Empire of which they became a part. » 509 Die derart zurückgebliebenen (oder degenerierten) ‘Franzosen’ würden, und damit sollte Durham in gewissem Sinne Recht behalten, auf dem nordamerikanischen Kontinent immer isoliert bleiben: « ...The French Canadians [...] are but the remains of an ancient colonization, and are and ever must be isolated in the midst of an Anglo-Saxon world. » 510

Damit sind zwei wesentliche Punkte in Durhams Argumentation aufgezeigt – eine Rechtfertigung und ein Mittel der Durchsetzung von Politik. Die Stagnation (bzw. Degeneration) einer Bevölkerung gelte als demokratischer Ausschlussfaktor und der Staat habe ohne brutale (körperliche) Gewalt vorzugehen, so sei der Erfolg wahrscheinlicher und das Vorgehen effizienter. Durham attestiert in seiner Argumentation einerseits die Anwesenheit eines biologisierenden Blickes im sozialen Denken in der Politik. Der Medizindiskurs produzierte seinen virulenten Schatten der zu entwickelnden Degenerationstheorien in einer Vorankündigung. Durhams Argumentation zum zivilisatorischen Zustand der nordamerikanischen ‘Franzosen’ ist als Rechtfertigungsdiskurs zu sehen. Nachdem er in seiner Analyse der Frankokanadier die Attribute einer kapitalistischen Gesellschaft ( energy, money-making etc.) vermisst, setzt er vorkapitalistisch mit primitiv gleich, um daraus abzuleiten, dass ihre Kultur nicht überleben könne und dürfe.

Andererseits zeugt seine Argumentation von der speziellen Situation des 19. Jahrhunderts, welches nebeneinander Demokratisierungsschübe und Prozesse der Nationalisierung erlebt. Die hegemoniale und die demokratische Ordnung der Dinge stehen einander bisweilen im Weg und die paradoxe Situation erhält in Durhams Bericht einen beredten Ausdruck.

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Vor allem jedoch handelt es sich um ein neues Verständnis von Macht und Kraft; es geht nicht mehr nur um die Akkumulation von Macht, sondern um ihre Struktur. Das macht den Kern der Reformvorschläge Durhams aus. Hier ist der Hauptgrund für die demonstrierte Undenkbarkeit eines heterogenen Staatsgebildes zu sehen, weil Stabilität (und Effizienz) nur in einem nationalen Gebilde zu erreichen wäre, das strukturell homogenisiert ist. Deshalb können die demokratischen Reformen diesen notwendigen Strukturreformen nur folgen, nicht vorausgehen. Durhams Bericht verweist mehrmals auf die Art und Weise, in der diese durchzusetzen seien: « Without effecting the change so rapidly or so roughly as to shock the feelings and trample on the welfare of the existing generation » und « without disorder or oppression, and with little more than the ordinary animosities of party in a free country ».511 M. Foucault hat auf die Entwicklung einer ‘pastoralen’ Politik der Repressionstechniken staatlicher Gewalt verwiesen.512 Die von ihm beschriebene ‘Pastoralmacht’ dient der Effektivierung der Kontrollmächte, sie stärkt die Hegemonie durch eine repressive Macht, die nicht als solche erkannt wird. Die « neuen Technologien der Macht »513 entsprechen in bemerkenswerter Weise den Vorstellungen in Durhams Bericht:

Diese neuen Methoden sind zugleich sehr viel weniger kostspielig (ökonomisch gesehen mit geringeren Kosten verbunden, weniger ungewiß in ihrem Ergebnis, mit geringeren Möglichkeiten, zu entkommen und Widerstand zu leisten) als die bis dahin angewandten Methoden, die sich auf eine Kombination mehr oder weniger erzwungener Toleranz (vom anerkannten Privileg bis zur Dauerkriminalität) und aufwendiger Schaustellung (lautstarke, diskontinuierliche Eingriffe der Macht, deren gewaltsamste Form die « exemplarische », da einmalige Bestrafung war) gründeten.514

Nirgends wird die Präsenz neuer Formen der Disziplinierung deutlicher als im Verhältnis des modernen Staates zur nunmehr denkbaren Einheit einer « Bevölkerung ». Im 18. Jahrhundert Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden, zeigt sich die Idee der Bevölkerung hier mit der Idee der Rasse verschmolzen. Eine unbekannte Bevölkerung konnte in der regierenden Logik (« Stabilität aus Uniformität ») nicht regiert werden, genausowenig eine fremdsprachige. Die Folgen dieses Denkens können nicht zuletzt den Sprachatlanten Europas entnommen werden. Die Zeit der großen Rapporteure zum Stand der Nationalisierung hatte keineswegs mit Durham begonnen. 1794 stellte Abbé Grégoire der Convention nationale seinen Bericht über die Notwendigkeit der Zerschlagung der Mundarten und der Verallgemeinerung der Gebrauchs der Französischen Sprache vor. Der Bericht beschreibt das Bild eines schrecklich vielfältigen Territoriums und entwirft den Plan einer Homogenisierungspolitik: Frankreich gleiche dem Turm zu Babel, Dreißig verschiedene Mundarten haben unzählige Barrieren errichtet und ließen so nicht ein Volk, sondern Dreißig Völker entstehen.515 Mit dem abfälligen « patois » meinte Grégoire keineswegs nur Mundarten, sondern alle von der Norm abweichenden sprachlichen Praktiken.516 « L’une et indivisible » (« Eins und unteilbar »), das innenpolitische Motto der französischen Republik, war für die erzwungene Homogenisierung bezeichnender als das patinierte Motto der Revolution « Liberté, fraternité, égalité ». In den Schulen der Republik wurden bretonische Kinder mit Schildern auf die neue sprachliche Heimat hingewiesen. « Défense de cracher par terre ou parler breton » (« Auf den Boden spucken und bretonisch sprechen verboten ») – die bretonische Sprache könnte durch zahlreiche andere in Frankreich und Europa ersetzt werden – so sah die nach innen gerichtete Kampfansage an die sprachliche (und kulturelle) Differenz aus.517

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Durham’s Report on the Affairs in North America beinhaltet die Variablen einer solchen Politik, ein halbes Jahrhundert vor den Gesetzen, die in erstaunlicher Synchronität in Westeuropa die Schule als Integrations- und Normalisierungsmedium kostenlos und obligatorisch machten. Durhams Hauptaugenmerk liegt auf der Ermöglichung einer parlamentarischen Demokratie, die in seiner Analyse nur auf einer gleichförmigen Grundlage funktionieren könne. Das Paradox Durhams liegt gerade in der Tatsache, dass die von ihm als notwendig erachtete Entrechtung (und Zerstörung) einer Bevölkerung die Bedingung für demokratische und antikoloniale Reformen darstellen.

Durhams Bericht enthält konkrete Schritte, für die Durchsetzung der politischen Reformen. Die drei zentralen Vorschläge an die Regierung in London lauten wie folgt:

  1. Die Zusammenlegung der britischen Kolonien in Nordamerika, vertreten nunmehr mit einer Regierung.
  2. Der Gouverneur solle verpflichtet werden, die gewählten Vertreter zu seinen Beratern zu machen, damit erhielten die Führer der Volksversammlung die Möglichkeit, die Politik zu kontrollieren
  3. Den Kolonien wird das Recht eingeräumt, die internen Angelegenheiten selbst zu verwalten (Responsible Government)

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Durhams Vorschläge zielen im Wesentlichen auf eine Gleichstellung (der englischsprachigen) Bevölkerung der Province of Canada mit den Rechten der politischen Vertretung in Großbritannien. Alle drei Punkte hängen direkt oder indirekt mit dem Ziel der Assimilation der frankokanadischen Bevölkerung zusammen. Durch ein gigantisches Beispiel von gerrymandering (politisch motivierte Grenzverschiebung von Wahlbezirken) soll das Verhältnis der politischen Mehrheiten bewusst verändert werden.

Die Vorschläge Durhams gehen allerdings, wie bereits erwähnt, auf andere Vorschläge zurück. Seit 1810 und verstärkt seit den 20-er Jahren war hauptsächlich von Seiten der englischsprachigen Eliten in Lower Canada auf eine Vereinigung der beiden Provinzen gedrängt worden.518 Dabei stand auch die rechtliche Gleichstellung mit den Untertanen in Großbritannien auf dem Programm: weder habeas corpus noch das Recht auf Prozesse mit Geschworenengericht waren den Untertanen in Übersee gegönnt. Durham setzt also auch eine Politik fort, die über 20 Jahre lang die öffentlichen Diskussionen in den Provinzen bestimmt hatten, sowohl bei englischsprachigen als auch französischsprachigen Siedlern. Seine Offenheit bezüglich der religiösen Unterschiede verwundert nicht, hatte sich die britische Politik mit der Rücknahme des bis 1828 obligatorischen Test Oath 519 in dieser Frage doch bereits für Toleranz entschieden. General-Solicitor Wedderburn, Anwalt der britischen Krone, hatte die Position der neuen « wahren Politik » bereits im 18. Jahrhundert klargestellt, im Kontext der Amerikanischen Revolution: « The safety of the state can be the only just motive for imposing any restraint upon men on account of their religious tenets. [...] True policy dictates then that the inhabitants of Canada should be permitted freely to profess the worship of their religion... » 520

Für das englischsprachige Upper Canada hatte Durham vor allem undemokratische Unzulänglichkeiten und die Unfähigkeit der Politiker für die Unruhen verantwortlich gemacht. Im Sinne einer demokratischen Reform schreibt er: « It is difficult to understand how any English statesmen could have imagined that representative and irresponsible government could be successfully combined. » 521 Den gewählten Vertretern des Volkes sollte die Kontrolle über die Angelegenheiten des Staates übertragen werden, denn eine gute Politik würde von den gegenwärtigen Strukturen behindert. « It may fairly be said, that the natural state of government in all these Colonies is that of collision between the executive and the representative body. » 522Seinem eingangs erwähnten Beinamen « Liberal Jack » wird Lambton hier allemal gerecht. Der zweite Punkt seiner Reformvorschläge kritisiert das bisherige Eingreifen der Exekutive in die Arbeit der gewählten Volksvertretung:

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The wisdom of adopting the true principle of representative government and facilitating the managment of public affairs, by entrusting it to the persons who have the confidence of the representative body, has never been recognized in the government of the North American Colonies.523

Den dritten Punkt seiner Vorschläge betreffend, ist Lambton deutlich in der Auffassung, dass Harmonie und « Regularität » nur in Selbstverwaltung der Kolonien erzielt werden können:

It is not by weakening, but strengthening the influence of the people on its Government ; by confining within much narrower bounds than those hitherto allotted to it, and not by extending the interference of the imperial authorities in the details of colonial affairs, that I believe that harmony is to be restored, where dissension has so long prevailed ; and a regularity and vigour hitherto unknown, introduced into the administration of these Provinces.524

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Die « machinery of government » 525 könne allerdings in einem gemischten Rechtssystem nicht funktionieren. « The law itself is a mass of incoherent and conflicting laws, part French, part English, and with the line between each very confusely drawn. » 526 Der imperiale Act of Union sollte später die Vorschläge aus Durhams Bericht aufnehmen, allerdings nicht ohne die vorgeschlagenen Reformen dem Regime konservativer Politik zu unterstellen. So kommt es vorerst nur zur Vereinigung von Upper und Lower Canada, nicht aller Gebiete, Durhams Vorschläge einer proportionellen Volksvertretung (« Rep by Pop ») und des Responsible Government werden vorerst nicht umgesetzt. Das Zusammenlegungsgesetz erscheint nicht unter dem späteren Namen, sondern wird als Teil der parlamentarischen Dokumente zu Jahr 3 und 4 der Regentschaft Victorias veröffentlicht. Kapitel XXXV beginnt unter der Überschrift An Act to re-unite the Provinces of Upper and Lower Canada, and for the Government of Canada. 23d July, 1840 mit dem folgenden Absatz:

Whereas it is necessary that Provision be made for the good government of the Provinces of Upper Canada and Lower Canada , in such manner as may secure the Rights and Liberties, and promote the Interests of all Classes of Her Majesty’s Subjects within the same; And whereas to this end it is expedient that the said Provinces be re-united and form one Province for the purposes of Executive Government and Legislation; Be it therefore enacted by the Queen’s most excellent Majesty, by and with the Advice and Consent of the Lords spiritual and temporal, and Commons, in this present Parliament assembled, and by the Authority of the same [...] that the said Provinces [...] shall form and be One Province under the name of the Province of Canada...527

Punkt III des Gesetzes formuliert die Rechtsgrundlage für die Zusammenlegung der demokratischen Instanzen: « And it be enacted, That from and after the re-union of the said Two Provinces there shall be within the Province of Canada One Legislative Council and One Assembly... »528 Punkt XLI des Gesetzes institutionalisiert den Gebrauch der englischen Sprache als der einzigen offiziellen Sprache der Province of Canada:

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And be it enacted, That from and after the said Re-union of the said Provinces [...] all Writs and Public Instruments whatsoever relating to the said Legislative Council and Legislative Assembly [...] and all Returns to such Writs and Instruments [...] of what Nature soever [...] shall be in the English Language only...529

Allerdings findet sich hier ein Nachtrag, der dem radikalen Bruch eine praktikablere Note verleiht: « Provided always, that this Enactment shall not be construed to prevent translated copies of any such Documents being made ... »530 Damit war zumindest die Möglichkeit gegeben, offizielle Dokumente zu übersetzen, auch wenn die Übersetzungen keinen offiziellen Status haben würden. Die Titelseite des vorliegenden Druckes von 1841 trägt das britische Rosen-und-Löwen-Wappen mit den beiden französischsprachigen Devisen Dieu et mon droit und Honi soit qui mal y pense.531 Ironischer hätte der Kommentar auf der Hülle zum Inhalt des Act of Union kaum ausfallen können.

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John George Lambton, Earl of Durham erlebte die Einsetzung des Gesetzes nicht, er starb im Jahr 1840, wenige Tage, nachdem der Gesetzentwurf seine königliche Zustimmung fand. Vor seinem Tod musste er sich einer parlamentarischen Kommission in London stellen, die sein Verhalten in Nordamerika zu überprüfen hatte. Durham segelte nach Europa, um sich zu verteidigen. Der Vorwurf gegen ihn bestand darin, seine Kompetenzen überschritten zu haben, als er die Ausweisung einer Reihe von gefangenen Aufständischen nach Bermudas anwies. Obwohl seine Befugnisse alle britischen Provinzen in Nordamerika betrafen, gehörte Bermudas nicht in seinen Amtsbereich. Erinnert sei an dieser Stelle an John Colborne, dem für sein hartes Durchgreifen in den folgenden Aufständen, nach Durhams Abreise, von der englischen Königin die Lordschaft als Lord Seaton verliehen wurde. Durham war eher für die ihm vorgeworfene fehlende Durchsetzungsbereitschaft ins Feuer der Kritik geraten.

Durhams Analyse und seine Vorschläge entsprechen in wesentlichen Punkten dem Zukunftsdenken des späteren 19. Jahrhunderts: Geleitet von der Idee eines Gemeinwesens ohne soziale Konflikte und kulturelle Differenzen finden hier der sozialwissenschaftliche Utopiediskurs, social engineering und Planungseuphorie und die Erweiterung der räumlichen Horizonte des politischen Denkens einen frühen Ausdruck. Durham wird mit seiner Mission die Möglichkeit eingeräumt, gesellschaftspolitisch innovatives Denken in einem gigantischen Rahmen zur Anwendung zu bringen. Hier kommt « der stärkste Gedanke des 19. Jahrhunderts, die Idee der Evolution »532 zum Tragen, in einem Nexus von « Population » und « Rasse », den Durhams Argumentation deutlich werden lässt.

An dieser Stelle muss auf die Kollision zwischen der Modernität der Visionen Durhams und den politischen und ideologischen Realitäten der parallelen britischen Politik verwiesen werden. Es waren konservative Kräfte, die den radikalen Entwürfen Durhams widersprachen. Aus ihrer Sicht waren die internen Differenzen im Distinktionskampf gegen die amerikanische Republik und gegen die liberale Revolution im Inneren einsetzbar. Der katholische Klerus und die französischsprachige Bevölkerung stellte hier kein Hindernis dar, eher ein Unterpfand für stabile konservative und konservierende Politik. Es war also auch die imperiale und an Reformen nur bedingt interessierte britische Monarchie, die in Verbindung mit ihren Loyalisten in Kanada das radikale Projekt Durhams scheitern ließen. Es ist gut möglich, dass für Durham die Ausradierung der Differenz einer französischsprachigen Bevölkerung als ‘evolutionärer Hilfeschritt’ zu verstehen war. Seine weitsichtige Einschätzung zu den Zukunftschancen der Frankokanadier entsprach wenigstens bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der sozio-ökonomischen Realität: « In either case it would appear, that the great mass of the French Canadians are doomed, in some measure, to occupy an inferior position, and to be dependent on the English for employment. » 533

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Im Rückblick lässt sich sagen, dass die Ziele von Durhams Bericht auch wegen diesem nicht durchgesetzt werden konnten, und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen lassen die Reformen, für die sich Durham ausgesprochen hatte, die funktionierende parlamentarische Situation entstehen, die das Kanada der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmen wird. In diesem Rahmen und seinen Diskussionen entstehen die politischen Grundlagen des zukünftigen Québec und der Confederation. Andererseits regte die Rezeption seiner Einschätzungen (und der politischen Folgen) in der frankokanadischen Gesellschaft eine neue Qualität und Quantität der Produktion von Identitätsnarrativen an. Diese « cultural Renaissance » (W. Ferguson) gründet direkt auf dem ‘Totenschein’, der Frankokanada von Durham ausgeschrieben worden war:

French Canadians owe Lord Durham a big one. His call for assimilation ... became the rallying cry for those community leaders who might otherwise have given up the nation. Durham said we were dead, or at least dying. Proving him wrong became the driving force of a nation.534

Wenige Jahre nach Erscheinen von Durham’s Report beginnt François-Xavier Garneau die Arbeit an seiner einflussreichen Histoire du Canada français depuis sa découverte jusqu’à nos jours (1845-1859). Im anschließenden Kapitel wird in einem Überblick auf die diversen historiographischen Interpretationen zu den Aufständen von 1837-38 eingegangen. In der Literatur wurde das Thema einer frankokanadischen Identität nunmehr bestimmend. Die Patriotes hinterlassen auch in der französischen Literatur ihre Spuren, so in Jules Vernes’ Famille sans nom von 1889. 100 Jahre nach den Aufständen erlebt die literarische Verarbeitung der Aufstände eine Blütezeit. Ein Beispiel sei herausgegriffen.

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Marie-Claire Daveluy veröffentlicht 1940 den ersten Band eines dreiteiligen Romans, mit dem Titel Le Richelieu héroïque. Protagonist der Geschichte ist nicht, wie der Titel zu sagen scheint, der heldenhafte Richelieu, sondern die Gemeinschaft der Patriotes. Der französische Kardinal, Theatermäzen, Sprachpolitiker, « Herrenzyniker »535 oder erster erfolgreicher Besiedlungspolitiker der Nouvelle-France, gab in der « Belle Province » allerdings einem Fluss, einer Stadt und einer Region am St.-Lorenz-Strom den Namen. La Rivière Richelieu spielte in der politischen Geographie der Aufstände eine wichtige Rolle – zwischen Saint-Ours im Norden und Noyan im Süden liegen die Städte Chambly, Saint-Marc und Saint-Charles, Städte in denen 1837 Volksversammlungen ( Assemblées populaires ) der Patriotes stattgefunden hatten.536 Vor allem aber befindet sich hier die Stadt Saint-Denis, der Ort des einzigen militärischen Sieges der Patriotes gegen die britischen Truppen. Die spätere Verarbeitung der Schlacht von Saint-Denis am 23. November 1837 ist ein Fall von siegreicher Erinnerung, war doch der Rückzug britischer Truppen vor Aufständischen ein Ausnahmefall in einer langen Reihe von verlorenen Schlachten. Le Richelieu héroïque zeichnet ein ausgesprochen positives Bild der Patriotes, deren Mut und großes Herz ( courage; grand cœur ) bewundernswert seien, und versucht gleichzeitig, den historischen Ereignissen und Personen gerecht zu werden. Daveluy präsentiert die Patriotes als heldenhaftes Beispiel und sieht ihren Roman über die « Canadiens vaillants qui ont lutté pour la reconnaissance de nos droits politiques » in der Aufgabe « pour aider à la formation patriotique de nos enfants ».537 Mit dem Abstand von 100 Jahren war der Sinn der Erinnerung an die Ereignisse nunmehr das Bindeglied zwischen literarischer, historischer, pädagogischer und politischer Aussage geworden. Das Motto « Je me souviens » ist dem Roman folgerichtig in seiner kollektiven Konjugation vorangestellt : « Souvenons nous des heures tragiques de 1837! Souvenons nous des gestes poignants des Patriotes! Ils furent sincères, souvent déchirés en leur conscience chrétienne, résolus, courageux, et... si malheureux! Ils signèrent de leur sang une révolte durement provoquée. »538 Marie-Claire Daveluy war die erste Frau, die Mitglied der Société d’histoire de Montréal wurde und gehörte zu den Gründern der Académie canadienne-française im Jahre 1944. Ihr Roman von 1940 beschreibt ein Bindeglied zwischen dem historischen Ereignis von 1837 und dem cineastischen Ereignis mit dem Titel 15 février 1839 von 2001.

Durhams Bericht erwies sich als Herausforderung an eine Kultur, der er die Abwesenheit von Literatur und Geschichte bescheinigt hatte. Die ‘nationale Emanzipation’ wurde nunmehr von diversen Gruppen in einer neuen symbolischen Landschaft verkörpert, mit Hymnen, Fahnen und anderen Identitätsmarkierungen.

Das Bild der unvereinbaren Kulturen, der « zwei Einsamkeiten » wurde möglicherweise immer wieder von Durhams Entwurf und dessen Fortsätzen inspiriert. Die Regeln der modernen Demokratie unterstreichen die Bedeutung der zahlenmäßigen Verteilung von Gruppen der Bevölkerung. Lord Durhams Vorschläge und der Act of Union zielten immerhin auf eine Verschiebung des Verhältnisses von Mehrheit und Minderheit ab, mit kalkulierbaren politischen Folgen für die beiden kanadischen Kulturen und ihre solitudes.539 Die Brisanz des bevölkerungspolitischen Aspekts der Verfassung gewordenen Vorschläge Durhams ist auch einer Randnotiz der Diskussion zur demographischen Entwicklung Québecs abzulesen. R. Bergeron schreibt 2002 die folgenden Worte, die (‚selbstverschuldeten’) Gefahren der Gegenwart mit denen der Vergangenheit vergleichend:

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Qu’on ne se fasse surtout pas d’illusions. Les règles de la démocratie étant ce qu’elles sont, ce serait bel et bien la fin de cette expérience historique singulière que fut la construction d’une vision française de l’Amérique. Ce que n’ont pu atteindre ni la Conquête de 1759, ni l’Acte d’union de 1841, à savoir que nous nous effacions en tant que peuple, nous sommes nous-mêmes en bonne voie de le réaliser, tout simplement par essoufflement de l’extraordinaire élan vital qui nous avait pourtant animés depuis maintenant plus de 20 générations.540

Auf die Parallelen von Durhams Darstellung und Falardeaus 15 février 1839 wurde bereits verwiesen. In der sich anschließenden Darstellung wird ein wesentliches Medium der gesellschaftlichen Verarbeitung von Wissen auf die mögliche Rolle in diesem Prozess befragt. Durham selbst kommt mehrmals auf die Rolle der Bildung (bzw. ihrer Institutionen) zu sprechen. Das kollektive Gedächtnis hat hier, in der Schule und den dieser Institution eigenen Texten einen Ort ganz besonderer Bedeutung. Die Schulgeschichtsbücher erlauben uns einen Blick in die Verfassung (und den langen Atem) des identitätssichernden Wissens einer Gemeinschaft.

Patriotes, Gegenwart und Schulbuchbilder

Die Erinnerung an die Sache der Patriotes ist im Québec der Gegenwart schwer zu übersehen. Neben zahlreichen Denkmälern541, akademischen Veröffentlichungen, interaktiven CD-ROMs, Museen und Erinnerungsorten wie die Maison nationale des Patriotes in Saint-Denis-sur-Richelieu, journalistischen Erkundungen und Erklärungen von politischen Komitees unter der grün-weiß-roten Fahne sind die Patriotes auch ein Thema der Politik. Wie in den Ausführungen zum kanadischen Kalender erwähnt, gab es neben dem Vorschlag, den bisher als Fête de Dollard gefeierten Tag in Journée nationale des Patriotes umzubenennen, auch die Alternative, den 15. Februar, Flag Day in Kanada, zu einem Erinnerungstag an die Patriotes zu machen.

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Einen solchen Tag gibt es eigentlich auch schon, zwar nicht im Kalender, aber doch per Regierungserklärung: Der Décret 2300-82 du Gouvernement du Québec aus dem Jahre 1982 reagierte unter anderem auf öffentliche Versammlungen, die seit den 60-er Jahren alljährlich in Saint-Denis-sur-Richelieu stattfanden, um der Patriotes zu gedenken. Im Rahmen der Veranstaltung findet eine « Messe du souvenir » und eine Zeremonie am Denkmal der Patriotes statt. Außerdem gibt es historische Aufführungen und traditionelle Musik. Die Erklärung dekretiert unmissverständlich, dass der Sonntag in der Woche des 23. November ein Gedenktag sei. Indem explizit das Motto des Staates, Je me souviens für die mémoire des Patriotes an einem Tag und an einem Ort, in St-Denis, mobilisiert wird, trifft zum einen Assmanns Trias des kollektiven Gedächtnisses zu: Speicherung, Inszenierung, Partizipation. Zum anderen wird dieser Erinnerung, ihrer poetischen Form, ein Lesezeichen für die Gegenwart gegeben: die nationale Identität und die demokratischen Errungenschaften, für die die Patriotes kämpften:

ATTENDU QUE tous les peuples honorent d’une façon particulière ceux des leurs qui ont lutté et donné leur vie pour la défense et la promotion de leur identité nationale et de leurs institutions démocratiques;

[...]

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ATTENDU QUE la devise du Québec est « JE ME SOUVIENS »;

IL EST DÉCRÉTÉ, en conséquence, sur la proposition du Premier Ministre:

Le Gouvernement du Québec proclame « Journée des Patriotes » le dimanche le plus près du 23 novembre de chaque année dans le but d’honorer la mémoire des Patriotes qui ont lutté pour la reconnaissance nationale de notre peuple, pour sa liberté politique et pour l’obtention d’un système de gouvernement démocratique.542

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Ein Gedenktag, der nur am Sonntag stattfinden darf, ist allemal originell in der Welt der weltlichen Feiertage; er liegt nicht auf der Staatskasse und, wie die Gedenkmesse unterstreicht, entbehrt er nicht einer Idee des Dominikal-Sakralen. Das Element der Teilnahme ist hier vorerst kein staatlich verordnetes Programm; der Staat hat mit dem Dekret auf eine existierende Praktik reagiert und dieser eine offizielle Form gegeben. Nicht nur Falardeaus Film15 février 1839 verweist also auf die Aktualität des Themas. Im Internet Québecs 543 finden sich unzählige Darstellungen, Diskussionsforen und Ehrungen, die sich den Patriotes widmen. Hier findet sich ein wahres Sammelsurium von Vereinen und Bewegungen, die sich mit den Patrioten von 1837-38 beschäftigen.544

Wie für die Reaktionen auf Falardeaus Film gezeigt werden konnte, begegnen sich verschiedene Ebenen von Erinnerungspolitik und Identitätsnarrativen in der Gesellschaft: politische, akademische (bzw. historiographische), journalistische und ‘populäre’ Formen. Die Erinnerung an die Patriotes bestätigt diesen Befund, wie die Feier in Saint-Denis-sur-Richelieu und ihr staatspolitisches Pendant zeigt.

Im Anschluss an die Diskussion von Lord Durham’s Report on the Affairs of British North America wurde mit Marie-Claire Daveluys Le Richelieu héroïque von 1940 ein Beispiel für die literarische Verarbeitung der 100 Jahre zurückliegenden historischen Vorgänge genannt. In diesem Zusammenhang wurde die Möglichkeit erwogen, das Aufgreifen der Aufstände der Patriotes auch als Ergebnis der Verarbeitung des gegen die frankokanadische Kultur formulierten und politisch in Gang gesetzten Assimilationsprojektes zu sehen. Überspitzt ausgedrückt, kann davon ausgegangen werden, dass der Eintritt der Patriotes in den Pantheon nationaler Helden nicht nur von der Interpretation ihres Kampfes (um selbstverantwortliche Regierung), sondern vor allem von einer Politik provoziert wurde, die diesen Kampf als den Streit unversöhnlicher nationaler Interessen dargestellt hatte. Ein großes Projekt moderner Bevölkerungspolitik sollte dem Evolutionsdenken der Zeit entsprechend Abhilfe schaffen, indem die demokratischen Instrumente zugunsten der ‘überlegenen und zivilisatorisch weiterentwickelten Rasse’ eingesetzt werden. In der hier vorgenommenen Lesart war die Umsetzung dieser Politik ein Grund für ihr Scheitern, weil die Vorschläge zur Auswischung der Differenzen eine Gegenreaktion fanden, im Rahmen derer diverse Formen kultureller Produktion angeregt oder verstärkt wurden. Andere Gründe waren praktischer Art, denn das Projekt Durhams war von einem utopischen Glauben an die Möglichkeiten der Politik gezeichnet, die in der Realität oft träger, zäher und langsamer vonstatten geht als auf den Planungstischen von Reformpolitikern. Auch entsprach Durhams Einschätzung zu den Gründen der Aufstände und sein Bild der totalen Trennung der Gesellschaft in zwei Lager nicht den vielfältigen Wirklichkeiten.

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Durhams liberale und den USA gegenüber unkritische Vision widersprach zum einen den politischen Gegebenheiten der britischen Kolonien in Amerika. Auch wenn in vielzitierten Analysen der politischen Wertelandschaften auf dem Kontinent vereinfachend von einer Continental Divide gesprochen wird, die eine Nation liberaler Whigs im Süden und eine Tory-Nation im Norden beschreibt, so basiert diese Darstellung doch auf einer Reihe historisch belegbarer Tatsachen.545

Andererseits war das Lager der Patriotes sowohl in sozialer als auch in sprachlicher und religiöser Hinsicht bemerkenswert heterogen. Die Anführer der Aufständischen in Bas-Canada waren neben Louis Joseph Papineau, Robert Nelson, sein Bruder Wolfred, Thomas Storrow Brown, Edmund Bailey O’Callaghan, Amury Girod, Jean-Olivier Chénier und Cyrille Côté. Obwohl die Bewegung der Patriotes überwiegend aus französischsprachigen Canadiens bestand, war der Anteil an englischsprachigen Aktivisten doch auffällig. Auch für sie war das Monopol der Eliten in Montréal, Québec und Toronto ― Château Clique und Family Compact – neben politischen Gründen ausschlaggebend für die Teilnahme and den Aufständen der Provinz.

Wie bereits erwähnt, hatte das patriotische Bankett am 24. Juni 1834 noch « Patrioten » versammelt, deren Sprache entweder Englisch oder Französisch war. Es sollte das erste und vorerst letzte Bankett seiner Art in Kanada sein. Im gleichen Jahr wurde der Forderungskatalog des Parti patriote (« The 92 Resolutions ») an die britische Regierung gesandt, in dem politische und ökonomische Reformen eingeklagt wurden. Papineau, Vertreter des Landadels, Jurist und Politiker war einer der Aktivisten der 92 Entschließungen, die von der Kolonialregierung abschlägig beantwortet wurden und damit die Radikalisierung des Protestes provozierten. Papineau selbst wandte sich vor und während der Aufstände gegen den Einsatz von Gewalt und favorisierte einen Wirtschaftsboykott. Die Brüder Nelson waren Doktoren mit republikanischer Gesinnung und Brown, der sich in der Armen- und Cholerahilfe engagiert hatte, wurde während der militärischen Auseinandersetzungen 1837 zum General der Fils de la Liberté 546 ernannt. Der in Irland geborene O’Callaghan war Journalist und Abgeordneter der Legislatur in Bas-Canada. Vor den Aufständen war er Editor der englischsprachigen pro-Patriote Zeitung The Vindicator, dem vormaligen Irish Vindicator. Girod stammte aus der Schweiz und hatte Artikel zu landwirtschaftlichen Fragen geschrieben. Côté schließlich war Lehrer, Doktor, Journalist und Politiker und hatte Papineaus Politik seit 1826 unterstützt. Sein Aufruf zum militärischen Widerstand war nicht folgenlos geblieben. Ungefähr die Hälfte der (identifizierten) Aufständischen waren Bauern und Landarbeiter, sowohl in Upper Canada als auch in Bas-Canada, die andere Hälfte setzte sich aus Angestellten, Vertretern der Berufsstände und Arbeitern zusammen.

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Dieses Bild uneinheitlicher Gruppen steht in krassem Gegensatz zu dem Entwurf, den Lord Durham dem Parlament in London überreichte. Dabei ist es kaum denkbar, dass der kränkliche Gouverneur von den Vorgängen in Bas-Canada schlichtweg nicht genug wusste. Obwohl er sich mehr mit der Vorbereitung von Durham’s Dinnerparties und Festen als mit Beobachtungen in Frankokanada beschäftigte – einen beträchtlichen Teil seiner Informationen scheint er aus Gesprächen mit englischen Siedlern in Upper Canada erhalten zu haben – kann doch die Vermutung geäußert werden, dass er die Tatsachen bewusst übertrieb und die störenden Elemente einer komplizierten und heterogenen Situation strich. Nur so ließen sich einfache Stereotype konstruieren bzw. verstärken, die dem politischen Projekt entsprachen. Und diese Stereotype fielen auf fruchtbaren Boden, wie die erinnerungstechnische Aufbewahrung und die politische Verwaltung und Inanspruchnahme der Aufstände in der frankokanadischen Kultur zeigt.

Diese ‘Inhaberschaft’ geht, davon soll hier ausgegangen werden, zumindest teilweise auf Durhams Fazit zurück. Damit sei hier auch die Arbeit der von ihm eingesetzten Commissioners gemeint, insbesondere der Bericht von A. Buller zum Bildungssystem in Lower Canada und zur Rolle, die Schulen der Provinz bei der Umsetzung von Durhams Vorschlägen zu spielen haben. Fast dreißig Jahre waren die sprachliche, kulturelle und auch die religiöse Assimilation der Frankokanadier vor Durhams Mission immer wieder thematisiert und gefordert worden. Durhams Bericht aber hebt sich in der Form der geschlossenen Argumentation und in seinen politischen Folgen von dieser Vorgeschichte ab. Mit Durhams Bericht war eine generalisierte Trennung Politik geworden.

Die Société Saint-Jean-Baptiste de Montréal versuchte mit einer ganzseitigen Anzeige in der nationalen (englischsprachigen) Tageszeitung Globe and Mail vom 15. Februar 1999, diesen Rahmen zu bewegen und gleichzeitig auf die Kämpfe der Gegenwart zu verweisen. Unter der Überschrift 1837-1838 und dem Hinweis « On February 15, 1839, Chevalier de Lorimier and four of his fellow patriots were executed in Montréal » liest man hier in dicken Lettern: « In memory of those who died on Québec soil or in Ontario for freedom and independance ». Es folgt eine lange Liste mit den Namen der hingerichteten und gefallenen Patrioten in beiden Kanadas und nach dem Gelöbnis « They will forever inspire us in our ongoing struggle » werden zwei Politiker zitiert, die direkt oder indirekt mit den Aufständen von 1837-38 in Verbindung stehen. Neben der Abbildung eines Monuments in Form des Pariser Triumphbogens kommt zunächst Papineau zu Wort: « Ce que le peuple n’a pu gagner un jour, il n’y renonce jamais et finit toujours par l’obtenir. » 547 Darunter findet sich folgendes Zitat: « [An] inspiration for the youth of Canada to continue the battle for freedom and liberty in the land ». Der Autor ist William Lyon Mackenzie King, Premierminister Kanadas von 1921 bis 1930 und von 1935 bis 1948. Mackenzie Kings Großvater war Bürgermeister von Toronto und einer der Anführer der Aufstände in Upper Canada gewesen. Von Interesse ist auch der Nachtrag: « Speech at the inauguration of the Memorial Arch, Niagara Falls. Built in 1938, the Arch was demolished in 1967 ». In der Tat hatte Mackenzie King das Denkmal zu Ehren der Patrioten beider Kanadas 100 Jahre nach den Aufständen in der Stadt Niagara Falls, an der US-amerikanischen Grenze gelegen, eingeweiht. Im Rahmen von Baumaßnahmen für die Feiern zum 100. Geburtstag Kanadas, im Jahre 1967, war das Denkmal abgerissen worden.548 Mit dem Abriss war die gespeicherte Form (und der Ort einer möglichen Inszenierung) der kollektiven Erinnerung an die Aufstände verschwunden. Als wollte man der anderen Seite die Erinnerung überlassen und somit eine Trennlinie intakt halten, schien sich in der kanadischen Politik ― Denkmäler werden nicht von Architekten und Bauarbeitern abgerissen – die Idee etabliert zu haben, dass sich mit den Patrioten von 1837-38 keine gute pan-kanadische Erinnerungspolitik betreiben ließe.

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Pierre Falardeau hat in seinem Film zumindest ansatzweise gezeigt, dass er der gleichen Meinung ist. Für ihn, wie für die Société Saint-Jean-Baptiste hat der in der Anzeige erwähnte « ongoing struggle » zunächst das Ziel der Unabhängigkeit Québecs. Der Anzeige in Globe and Mail kann im Vergleich mit Falardeaus Film zugute gehalten werden, dass hier die Ordnung der Dinge (die Trennung) durcheinander gebracht wird, nicht verstärkt. Erst in der unmittelbaren Vergangenheit der letzten Jahre scheinen die Patriots aus ihrer Verbannung zurückzukehren und auch im englischsprachigen Kanada wieder öfter zum öffentlichen Gesprächsthema zu werden. Die Gegenwart in Kanada wird von dieser Trennung gezeichnet. Das lebendige Treiben um die Erinnerung an die Aufständischen hat sich zum einen unter dem französischen Begriff der Patriotes versammelt und das politische « Erbe » der Aufstände wird vor allem in Québec auf den Plan gerufen.

Im Folgenden soll zunächst in einem kurzen Überblick die historiographische Produktion auf diverse Interpretationen zu den Aufständen von 1837-38 befragt werden. Die Reihenfolge der Darstellung ist chronologisch, erlaubt aber auch eine inhaltliche Erfassung der Entwicklung. Im Anschluss daran wird auf das Thema Bildung eingegangen, von einem Anhang in Durham’s Report ausgehend, über eine Darstellung älterer Schulbuchtexte zu vier aktuellen Schulgeschichtsbüchern Québecs.

In allen der konsultierten historiographischen Darstellungen Québecs des 19. Jahrhunderts nimmt die Niederschlagung der Aufstände einiger Tausend Canadiens gegen die britischen Behörden eine besondere Stellung ein. Die parallelen Aufstände in Upper Canada finden weniger Raum, bisweilen viel weniger, oder sind ausgeblendet wie in Falardeaus Film. Die Ursachen und die Bedeutung der Aufstände werden allerdings verschiedentlich gedeutet: als politischer Kampf von Parteien und Ideen, für oder gegen demokratische Reformen, als sozialer Kampf, in dem sich Klassen gegenüberstanden oder als ethnischer Kampf zweier Nationen.

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Auf Durhams Interpretation, der zwar kein Historiker war, aber eine folgenreiche Geschichte der « nationalen Inkompatibilität » der beiden ‘Rassen’ schrieb, wurde ausführlich eingegangen. François-Xavier Garneau, der 1845 seine Geschichte Kanadas von der Entdeckung bis zur Gegenwart veröffentlicht, nicht zuletzt als Antwort auf Durham’s Report, stellt das Recht der Canadiens, die Regierung in Frage zu stellen, in die Reihe der britischen und amerikanischen Revolutionen. Und dieses Recht haben sie umso mehr, als ihre Nationalität angegriffen wurde:

Car, quant à la justice de leur cause, ils avaient infiniment plus de droit de renverser leur gouvernement que n’en avaient l’Angleterre elle-même en 1688, et les États-Unis en 1775, parce que c’est contre leur nationalité, cette propriété la plus sacrée d’un peuple, que le bureau colonial dirigeait ses coups.549

Neben der Figur des Patriote gab es den Rebel, Bezeichnung, die sich im englischen Sprachgebrauch etabliert hatte bzw. die etabliert worden war. 1890 schreibt John Fraser: « The time will come when the memories of Canada’s rebel dead of 1837 and 1838 will be revered and held sacred in every British Colony, distant or near, as the fathers of colonial responsible government. » 550 Vielleicht dachte Mackenzie King 1938 an eine solche Vorhersage, als er das Denkmal in Niagara Falls einweihte, nicht wissend, dass es nicht 30 Jahre stehen würde.

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Lionel Groulx, der bereits erwähnte Priester und Kanoniker der Geschichtsschreibung Québecs bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, steht zum einen in der historiographischen Tradition des Klerus, vertritt andererseits aber eine nationale Interpretation der Sache, für die die Patriotes kämpften. Die Widersprüche seiner katholisch-nationalen Ideen finden hier einen Ausdruck. Die Kapitel zu den Aufständen und zu Durham’s Report in Groulx’ Geschichte verdienten eigentlich eine längere Besprechung; ein Umriss sei dennoch versucht.. In einem Kapitel zu den Ereignissen von 1837-38 werden zunächst die responsabilités des chefs patriotes erläutert. Den ‘Meuterern’ und den « agitateurs [et] leurs philippiques » 551 sei von vielen Historikern zu Unrecht ein revolutionärer Geist unterstellt worden:

Trop d’historiens, à notre humble avis, ont mal posé la question. [...] on a prêté aux papineautistes, de véritables intentions révolutionnaires. Une résistance de quelques paysans peu ou point armés à une opération policière a été transformée en une prise d’armes pour l’abolition d’un régime politique. Faux point de départ, perspective qui a tout brouillé. [...] C’est improprement qu’on parle de mouvement insurrectionnel organisé ou prémédité. Mutinerie, soulèvements, seraient tout au plus les mots justes.552

Groulx relativiert die Aufstände, bezieht sich aber mit Blick auf den gerechtfertigten Kampf der Patriotes um ihre Nationalität auf die zu strenge Kritik, die man ihnen von Seiten des Klerus bisher zukommen ließ. Groulx verlässt also das von ihm vorerst thematisierte Schema (« Convient-il de n’y voir qu’éruptions gratuites de démagogues incurablement exaltés? »553) und schlägt sich auf die Seite einer neuen Interpretation, die das nationale (und antagonistische) Element in den Vordergrund rückt; die Patriotes haben zwar mit den falschen Mitteln, aber für die richtige Sache gekämpft:

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Voilà donc ces soulèvements de 1837-1838 replacés, en toute objectivité, croyons-nous, dans leur cadre et dans leur moment historique et ramenés à leurs justes proportions.

L’on ne saurait, néanmoins, nous semble-t-il, condamner les malheureuses victimes de ces heures d’histoire, avec la sévérité d’autrefois. Ces hommes ont cru, et pour de solides raisons, l’avenir de leur pays et la vie de leur nationalité gravement menacés, et par un régime politique foncièrement perverti.554

Im folgenden Kapitel zu Lord Durham wird Groulx’ nationales Jetzt und sein klerikales Erbe ebenso deutlich. Er zitiert Charles Buller, den « exzellenten Mitarbeiter » Durhams (S. 183), analysiert die politische Herkunft Durhams (« ...la philosophie politique du radicalisme ou du whiggisme anglais: parti prussien, dit-on alors en Angleterre... ») und kritisiert die « politique anglicisatrice de lord Durham [...] Politique intentionnellement punitive. » 555 Groulx beschreibt Durham als imperialistischen Ideologen, der Bevölkerungen für plastisches Material hält: « En Durham [...], comme en tout impérialiste, il y avait la sorte d’idéologue qui croit peuples et nations matière plastique, de modelage facile à une poigne énergique. » 556 Zu Beginn des Kapitels allerdings, im ersten Absatz stand eine Ankündigung, die sich (wenn auch in den Worten eines Priesters) mit der Lesart trifft, die von mir für Durhams Bericht und seine Folgen vorgenommen wurde: « Le rideau est tombé sur les échafauds, sur les déportations, sur tout le désastre. [...] Si pourtant un autre revirement providentiel allait se produire et faire surgir de l’affreuse infortune une nouvelle et vigoureuse poussée autonomiste? » 557

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Maurice Séguin veröffentlicht 1968 ein Werk zur Geschichte der Idee eines unabhängigen Québec. In seiner Lesart stehen politische Auseinandersetzungen zwischen Anglokanada und Frankokanada im Vordergrund des Konflikts:

La révolte de 1837 est, en réalité, un double soulèvement: soulèvement des Britanniques du Bas-Canada contre la menace d’une république canadienne-française, soulèvement de la section la plus avancée des nationalistes canadiens-français contre la domination anglaise.558

In einer viel diskutierten und ikonoklastischen Arbeit zu Strukturveränderungen und Krisen in Bas-Canada liefert Fernand Ouellet 1976 eine Interpretation, die sich ohne jedes Pathos mit den Zielen der Akteure und der Bedeutung ihres Erfolgs beschäftigt:

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Les insurrections de 1837-38 peuvent être définies d’abord comme un mouvement d’indépendance nationale dirigé par les classes moyennes canadiennes-françaises et à leur profit [...] Cette élite révolutionnaire voit l’avenir en fonction d’une économie agricole et de la survivance de l’ancien régime social. L’indépendance, en brisant les deux secteurs les plus dynamiques de l’économie: le commerce du bois et le trafic des céréales avec l’ouest, aurait enraciné le sous-développement pendant plusieurs décennies et renforcé les seigneurs et le clergé. C’est en fonction de ces vues et de ces objectifs que les nationalistes font appel à la masse et la mobilisent en 1837-38.559

Die Gründe für die Niederlage der Aufstände sieht Ouellet unter anderem in sozialen Strukturveränderungen und dem Fehlen revolutionärer Elemente:

L’échec des insurrections peut sans doute s’expliquer par l’attachement excessif des classes moyennes canadiennes-françaises à leurs intérêts à court terme. Il peut aussi provenir du fait qu’elles n’étaient pas vraiment révolutionnaires, qu’au fond elles traversaient une crise de croissance et qu’elles étaient à la recherche d’une place et d’un statut dans la société. Ainsi s’expliquerait l’extraordinaire pauvreté du leadership fourni par les révolutionnaires des classes moyennes.560

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Gérald Bernier wendet sich 1981 gegen eine reduktionistische Interpretation der Aufstände als ethnischer Konflikt. Er verweist auf die englischsprachigen Patriotes und sieht im Vordergrund einen Konflikt sozialer Interessen:

Un élément qui illustre bien qu’il serait abusif de réduire les événements des années 1830 à la confrontation de deux ethnies est la présence d’anglophones dans le Parti patriote. On les retrouve dans des rôles les plus divers: députés, candidats, tribuns, membres des appareils de soutien. Des noms tels ceux de John Neilson, des deux frères Nelson, de O’Callaghan, de T.S. Brown, de Daniel Tracey, W.H. Scott viennent immédiatement à l’esprit. L’adhésion de ces individus au parti semble se faire sur une base idéologique et sur la convergence d’intérêts de classe. Le clivage ethnique n’est pas assez puissant pour masquer la communauté de ces intérêts. Les représentants anglophones au sein de la direction du parti sont en effet issus des mêmes couches sociales que les patriotes francophones, soit les divers éléments constitutifs de la petite bourgeoisie.561

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Ihr 1985 erschienenes Buch Redcoats and Patriotes. The Rebellions in Lower Canada, 1837-38 beginnt Elinor Kyte Senior mit einer Definition von « Rebellion ». Im Unterschied zu einer « Revolution » blieb diese ohne Erfolg. Das sei letztlich auch gut so, schreibt sie später, denn die Aufstände seien möglicherweise nicht nur sinnlos, sondern auch fortschrittshemmend gewesen. Ohne den ‘Brudermord’ von 1837-38, sei der Kolonie möglicherweise schon vor 1849 die Selbstverwaltung zugestanden worden. « What [many] failed to ask was whether responsible government might have come about anyway and perhaps even sooner than 1849, had it not been for the fratricidal strife of 1837-38. » 562

1987, 150 Jahre nach den Ereignissen, erscheint der erste Band einer Trilogie von erzählter Geschichte unter dem Titel 1837 (La petite histoire des Patriotes). Im Jahr darauf folgen 1838 (L’histoire oubliée des Patriotes) und 1839 (La lente agonie des Patriotes). Paul Rochon, der Autor, erklärt am Anfang des Buches, dass es geschrieben wurde, um den Leser mit den « Canadiens dont nous sommes les descendants » bekannt zu machen, und ihre Taten zu würdigen, denn ihretwegen « ...nous avons, de nos jours, un mode de gouvernement plus démocratique » 563.

Desmond Morton entwirft in seiner Militärgeschichte Kanadas von 1992 ein Bild, in dem Schmerzen und Ängste gleichmäßig verteilt sind, die britischen Truppen, ihre Führer und die Patriotes erleben die Geschichte als gefährliches Spiel und die Gräueltaten unter Colborne waren das Werk undisziplinierter Freiwilliger. Auffällig ist die Relativierung des Verhältnisses von ‘Unterdrücker und Unterdrücktem’:

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In Lower Canada, the Patriotes faced a tough opponent. Sir John Colborne, former lieutenant-governor of Upper Canada and one of Wellington’s colonels, commanded only eight week battalions in a situation where virtually every Canadien responded emotionally to Papineau’s nationalist arguments. From November 16, when civil authorities finally issued warrants for the arrest of Papineau and his associates, it took Colborne less than a month to crush resistance in the Richelieu Valley and in the Deux Montagnes region of Montreal. It was not painless for either side... British regulars crushed the last Patriote stronghold, St. Eustache, on December 14 but undisciplined loyalist volunteers from Montreal earned Colborne his name of « Vieux Brûlot » by burning St. Benoit and pillaging farms on the triumphal march home.564

Auf Alan Greers 1837-1838: Rebellion Reconsidered von 1995 wurde an anderer Stelle bereits eingegangen. Erinnert sei an seine Darstellung der Aufstände in beiden Kanadas als ein gemeinsames historisches Phänomen: « Yet, for all this internal diversity, this was a single historical phenomenon. »565

Dieser zusammengefasste Überblick sollte die inhaltliche Verschiedenheit und die zeitliche Entwicklung der historiographischen Analysen aufzeigen. Die Darstellung ist nicht vollständig, beschreibt aber wesentliche Tendenzen und Formen dieser Interpretationen in ihrer Veränderung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Vor diesem Hintergrund sei im Folgenden die Frage im Kontext von Schule und Bildung verortet. Zunächst mit den Worten eines der ‘Kommissare’ ( Commissioner ) von Durham, der die Tragweite des Berichts für die Schule, eines der politischen Instrumente seiner Umsetzung, erläutert. Dem folgt eine Skizze der Reaktion in den frankokanadischen und katholischen Schulbüchern des 19. Jahrhunderts.

Der dritte Band von Lord Durham’s Report on the Affairs of British North America beinhaltet diverse Anhänge mit Dokumenten, die einzelne relevante Fragen des Berichts aufgreifen (bzw. vorwegnehmen). Dazu gehören u.a. Fragen der Regierungspolitik, des Bildungssystems, der Landvergabe, der Gefängnisse, der Waldverwaltung und des Straßenbaus. Appendix D enthält den Bericht des Untersuchungsbevollmächtigten zur Situation des Bildungssystems in Lower Canada. Der Titel des Berichts unterstreicht den Wert und die Eile des Unterfangens: Commission by the Earl of Durham, appointing Arthur Buller, Esq., to proceed with the utmost despatch to inquire into and investigate the past and present modes of disposing of the produce of any Estates or Funds applicable to purposes of Education in Lower Canada , &c.

Der Bericht unterstützt und verstärkt einige der Argumente von Lambton, Lord of Durham und äußert sich deutlich zur Rolle, die ein neues Schulsystem bei der Umsetzung der Pläne zu spielen habe. Hier wird die Schule explizit als Werkzeug der Uniformisierung (Anglisierung) und der Nationalisierung thematisiert. Im umfangreichen Report of the Commissioner of Inquiry into the state of Education in Lower Canada, &c. 566 vom 15. November 1838 wird zunächst eine Analyse des von der englischen Kolonialregierung übernommenen Bildungssystems vorgenommen. Der Untersuchungsbeauftragte Arthur Buller beginnt seinen Bericht mit einer Würdigung der vorbildlichen Loyalität der von der katholischen Kirche verwalteten Bildungseinrichtungen. Diese seien ihren religiösen Pflichten nachgegangen und haben auch ihre Pflichten der Britischen Krone gegenüber nicht vernachlässigt. Die nunmehr begonnene Zeit aber werde das Thema der Erziehung natürlich auf ein höheres Niveau bringen:

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The subject of Canadian education naturally divides itself under two general heads : the state in which it has been in former times, and now is, and that to which it is proposed to raise it hereafter.

To the Catholic Church Canada is indebted for all its early scholastic endowments ; indeed, with the exception of M’Gill’s college [sic], for all that at present exists. The ample estates and active benevolence of the Jesuits, of the seminaries of Montreal and Quebec, and of various nunneries and their missions, were devoted to the education of the people. It is impossible to pay too high a tribute to the merits of this most exemplary Church. Its existence has ever been beneficially felt, and its career has been marked throughout by the most faithful discharge of its sacred duties, and the most undeviating allegiance to the Britsh Crown.567

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Probleme gibt es schließlich genug, allen voran die ‘vererbte Deformation’ der Trennung der ‘Rassen’, die das Bildungswesen modernisierungsunfähig mache. Geheilt werden könne die Patientin (Canada) durch Nationalisierung und Anglisierung:

The great parent evil of Lower Canada is the hostile division of races. Every act of modern legislation bears the faithful impress of this hereditary deformity, and has imparted it with aggravated intensity to every institution or interest with which it has had to deal. Hence the imperfections and one-sidedness of all such institutions. In private life, the intense hatred of the two races does not often show itself in violent collisions, but rather in a rigid non-intercourse. From the moment they are born to the hour that they die they are, to all intents and purposes, two separate nations. But, until these divisions are healed and the people united, until Canada is nationalized and Anglified, it is ideal for England to be divising schemes for her improvement.568

Der Autor des Berichts schließt inhaltlich an den Geist der bei Durham geäußerten Ideen an. Auch hier stehen sich zwei ( inkompatible ) Rassen gegenüber, die Nationen bilden. Und auch hier wird der aktuelle Stand der medizinischen (und Hygiene-)Forschung zu einem soziologischen Blick. Hier allerdings wird der Argumentation auch im Vokabular deutlich Rechnung getragen. « The parent evil », eine « hereditary deformity », könne durch das richtige Projekt geheilt werden. Das Projekt nennt sich « Schule » und es handelt sich um den mächtigsten (und bequemsten) Garant für eine vielversprechende Zukunft der noch Ungeborenen:

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In this great work of nationalization, education is at once the most convenient and powerful instrument. It is a hopeless task to attempt to reconcile the existing generation of antagonists. Their whole life has been one of civil warfare. But, for those that are yet unborn, a more auspicious future may be prepared.569

« Einheit und Bildung », um die Worte des Commissioners in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben, heißen die Ziele des Projekts. Denn die Genesung (bzw. Regeneration) Kanadas könne eher durch gemeinsames Spiel (der Kinder) als durch gute, aber getrennte Bildung vonstatten gehen:

A scheme by which the children of these antagonist races should be brought together, were it only for purposes of play, would be preferable to one by which they received a good education apart ; but one, by which both union and instruction were assured to them, would be the first and most important step towards the regeneration of Canada.570

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Der Bericht endet nach umfangreichen finanziellen und organisatorischen Erwägungen mit einem Hinweis auf die Quellen der Inspiration der entwickelten ‘Bildungsmaschine’:

Such, then, my Lord, are the principles on which, in my opinion, a national system of education for Lower Canada should be based, and such the rough outline of the machinery by which it should be worked. I have made no attempt at originality, but have constantly kept in view, as models, the systems in force in Prussia and the United States, particularly the latter, as being more adapted to the circumstances of the colony.571

Die Schulbücher der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (in Québec, bzw. Kanada) sind allerdings nicht von den idealistischen Nationalutopien totalisiert worden. Vielmehr spiegeln die Bücher und die hier entworfenen Geschichtsbilder den heterogenen Zustand der Bildungseinrichtungen und der gesellschaftlichen Strukturen wider. Das französischsprachige Bildungssystem ist fast ausschließlich klerikal verwaltet, nicht zuletzt aufgrund des Arrangements zwischen der britischen Kolonialmacht und der Château Clique , und das nicht zuletzt auch im Anschluss an die Niederschlagung der Aufstände von 1837-38. Eines hatten der Durham Report und die ihn umsetzende Politik klargestellt: Ein nationales Interesse konnte nicht diesseits und jenseits der Sprachbarriere bestehen. Ein Ereignis wie das Banquet patriotique, das am 24. Juni in Montréal mit französisch- und englischsprachigen Gästen stattgefunden hatte, war nun kaum noch denkbar. Der antikoloniale Klang des Wortes « national », mit dem sich emanzipatorische Bewegungen für eine selbstverantwortliche Regierung engagiert hatten, musste nunmehr einem Sinn weichen, der einer anderen Idee der Nation entsprach. Die frankokanadischen katholischen Eliten, denen nicht nur von Durham Loyalität zur britischen Macht bescheinigt worden war, mussten nach der Niederschlagung der Aufstände nur bedingt um ihre Pfründe bangen: die nationalen Bewegungen hatten nicht nur antikoloniale, sondern auch antiklerikale Stimmungen produziert und so verwundert es wenig, dass sich in den Schulbüchern keine wirkliche Solidarisierung mit den Patriotes findet. Auch Lord Durham und sein Bericht wird zumeist milde kritisiert und indirekt für ‘einige interessante Bemerkungen’ gelobt. Der Grund ist nachzuvollziehen – Durhams Bericht hatte eine vielleicht weitverbreitete Ansicht, eine Ansammlung verschiedenster Stereotype zur « Inkompatibilität der beiden Rassen » nunmehr zu einer offiziellen Lesart (und Grundlage der Politik) gemacht. Die Person Durhams selbst wird in den älteren konsultierten Geschichtsbüchern eher positiv dargestellt und ist bisweilen von Sorge getragen.

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Die französischsprachigen Schulgeschichtsbücher des 19. Jahrhunderts, in Canada-Est (nach der Union von 1840) bzw. ab 1867 in der Provinz Québec geben dem heutigen Leser ein Rätsel auf mit dem Bild, das in ihnen von den Aufständen der Patriotes und von der Person des John George Lambton, Earl of Durham gegeben wird. Die Aufstände werden fast ausnahmslos in einem Absatz oder wenig mehr behandelt oder, im Falle eines Textes von 1855, nicht erwähnt. Lord Durham erfährt eine sorgenvolle, fast zugeneigte Kritik, wenn auch sein Plan der Anglisierung Kanadas nicht eben gelobt wird.

Die heutige Geschichtsschreibung ist sich einig, wenn auch mit Nuancen, dass die Ereignisse von 1837-38 ein zentrales Moment der kanadischen Geschichte darstellen. Lässt die Analyse der verschiedenen Interpretationen der Conquête von 1760 zumindest die Möglichkeit zu, dass es sich um einen konstruierten Bruch handelt, der erst ein Jahrhundert später als apokalyptischer Fall (vor-)gelesen wird und im direkten Erleben für die Canadiens eine Episode war, so konstituieren die Aufstände im 19. Jahrhundert und ihre Niederschlagung doch eine Reihe von spürbaren Veränderungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert wirken sollten. Im Unterschied zur Conquête sind die Reaktionen hier für den Großteil der Bevölkerung konkret und unmittelbar. Die für den Schulgebrauch konzipierte Geschichtsschreibung unterscheidet sich hier in einigen Punkten von der national gestimmten historiographischen und literarischen Verarbeitung der Ereignisse von 1837-38.

Die (französischsprachigen) Schulen Québecs werden, wie bereits erwähnt, seit Anbeginn schulischer Institutionen im Wesentlichen bis ins 20. Jahrhundert von den Einrichtungen der katholischen Kirche verwaltet. Nach 1840 wird der Zugriff der katholischen Kirche auf den Bereich der französischsprachigen Bildung vertieft und der Klerus erlebt einen strukturellen Wandel, der die ultramontanen Tendenzen verstärkt. Die Autoritäten der geistlichen Macht in Montréal und Québec hatten sich von der Metropole Paris verabschiedet und Rom als Autorität in den Vordergrund gerückt. Mit der Abwendung von gallikanen Strömungen, der französisch-katholischen Relativierung päpstlicher Macht, war die Vertretung vatikanischer Positionen in Amerika stark gemacht worden.

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Andererseits versuchte die katholische Elite, ihren unsicheren rechtlichen Status durch eine betonte Nähe von Thron und Altar zu kompensieren.Nach der Enteignung der Jesuiten von 1800 schien für die katholischen Institutionen ein strategisches Vorgehen angebracht, welches gleichzeitig politische und theologische Argumente findet, die bestehende Macht zu rechtfertigen und zu schützen. Auf die Rolle der Kirche und die Geschichte der betonten und geforderten Unterwerfung unter die Macht des neuen Königs seit der Conquête kann hier nur in Umrissen verwiesen werden: die britische Macht in Nordamerika fand in Zeiten politischer und militärischer Krisen fast ausnahmslos die Unterstützung der kirchlichen Autoritäten: während der bewegten Zeit des Unabhängigkeitskrieges in den Kolonien, die sich später USA nennen sollten (1774-75), während des Krieges mit den USA von 1812, in den parlamentarischen und politischen Konflikten zwischen aufklärerischen, demokratischen und nationalen Bewegungen und der kolonialen Regierung, während des Krieges der revolutionären und napoleonischen ‘Königsmörder’ gegen die englische Krone und auch während der Aufstände von 1837-38. Die explizit pro-britischen Hirtenbriefe, Aufrufe und Exkommunikationsdrohungen der katholischen Kirche sind in jedem der genannten Fälle als politischer Faktor ernst zu nehmen.

Es verwundert also nicht, zu sehen, dass die von Ordensschwestern geschriebenen oder Katechismus der Geschichte Kanadas genannten Schulbücher eine eigene Sicht auf die Dinge haben und die Beschreibung der Aufstände dürftig und das Bild Durham gemäßigt ausfällt.

Die Gründe sind sowohl prinzipieller als auch strategischer Natur: der aufklärerische, bisweilen antiklerikale Ton und das republikanische Gebaren der Aufständischen verdient ebenso kritisiert zu werden, wie die revolutionäre, gegen den (wenn auch britischen) Monarchen gerichtete Rhetorik. Durham verkörpert das liberale Element dieser Macht, Häftlinge werden nicht hingerichtet, sondern in die Karibik verschifft. Gleichzeitig wird von Durham der kulturelle Dualismus der Kolonie anerkannt (wenn auch als Problem) und damit, wie bereits erwähnt, zum Thema der offiziellen Politik gemacht.

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Durhams Bericht lobte außerdem die Rolle der katholischen Kirche und die Stellung der katholischen Eliten war nirgends ernsthaft in Frage gestellt worden. Seit den frühen Tagen der Kolonie war, zumindest als Idee (und anders formuliert), von den Eliten die Priorität der religiösen, d.h. katholischen über der sprachlichen Identität angesehen worden.

1766 hatte ein Brief aus Rom dieses Verhältnis als Aufforderung deutlich formuliert: « De leur côté, il faudra que les ecclésiastiques et l’évêque oublient sincèrement [...] qu’ils sont Français. »572 (Die Kleriker und der Bischof ihrerseits werden vergessen müssen, dass sie Franzosen sind.) Erst die Formulierung einer (französisch) national-katholischen Identität im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wird die Gleichwertigkeit der sprachlichen und religiösen (Differenz-) Identität betonen. Die besondere, quasi-staatliche Rolle der katholischen Kirche in Québec 573 wird an kaum einer Stelle deutlicher als im Bildungswesen. Der Klerus übernimmt eine Reihe der Funktionen des Staates und seine Angestellten (im Bildungswesen und anderswo) sind auch Angestellte des Staates, im modernen Sinne des Wortes.

Zurück ins 19. Jahrhundert. Maximilien Bibaud (1824-1887), einer der Pioniere der modernen Historiographie Québecs veröffentlicht 1853 einen Katechismus der Geschichte Kanadas für den Schulgebrauch. Bibaud schildert die Ankunft von Lambton, den Grund seiner Abreise und seines Ablebens und kritisiert den widersprüchlichen Bericht, der schlechte und gute Seiten habe:

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Son entrée [du fameux Lambton, lord Durham] à Montréal fut un véritable triomphe [...] Cependant lord Durham ayant exilé plusieurs Canadiens à la Bermude, fut accusé en Angleterre d’avoir agi illégalement, et fut induit par cette censure à abandonner soudainement son poste. Il fut mal accueilli à la Cour et mourut peu après, de chagrin, a-t-on dit, non cependant avant d’avoir eu le temps d’adresser à sa souveraine son fameux rapport sur le Canada, œuvre disparate, où l’on trouve quelques contradictions et où il conseille de reprendre le projet d’anglifier le pays. Une multitude de renseignements précieux et de vérités forment le bon côté de ce rapport.574

Auch bezüglich der Aufstände und ihrer Niederschlagung entspricht der Geschichtskatechismus der weiter oben beschriebenen Situation des Klerus. Die eigentlichen Feinde der Macht seien nicht bestraft worden. Weil es sich um ein Schulbuch handelt, nimmt der Autor die didaktischen Möglichkeiten einer Frage-Antwort-Situation wahr und unterstreicht den Grund des verurteilenswerten englischen Vorgehens:

Que doit-on penser de la conduite de l’Angleterre à cette époque et subséquemment?

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On peut, sans hésitation, l’accuser d’un machiavélisme d’autant plus apparent et regrettable qu’après avoir fait périr sur les echaffauds les chefs secondaires de la révolte, on amnistia les principaux chefs; on les caressa, on les admit même aux charges publiques.575

Ein Handbuch der Heiligen Geschichte, der Geschichte Frankreichs und Kanadas zum Gebrauch von Anfängern 576 aus dem Jahre 1855 nennt Durham in einem Satz und erwähnt die Aufstände mit keinem Wort. In einem Werk mit diesem Titel haben die Unruhen anscheinend nichts zu suchen, zumal wenn es ausdrücklich für Anfänger gedacht ist.

Der bereits zitierte François-Xavier Garneau (1806-1866) schreibt eine kurze Geschichte für den Schulgebrauch, die 1856 erscheint. Das Vorwort der dritten Auflage (1864) verweist zunächst auf die Nachfrage in den Schulen und die Notwendigkeit einer eigenen Geschichte und erklärt deren Sinn:

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Les chefs d’institutions se plaignaient avec raison de l’anomalie qu’il y a d’enseigner aux enfants du sol, l’histoire des peuples éloignés et des nations éteintes jusques dans ses particularités les plus minutieuses, et de leur taire toutes ses aventures chevaleresques, ces événements héroïques, cette grande et religieuse épopée qui s’est déroulée autour du berceau de la jeune famille canadienne et qui lui sert comme d’une auréole de gloire.577

Der Erzbischof Québecs teilt in seiner Zustimmung zum Inhalt des Buches mit, dass es keine Einwände zum Inhalt gebe. Was hier in der Formulierung « ...nous n ‘hésitons pas à déclarer que ce livre peut être mis sans crainte entre les mains des élèves de nos maisons d’éducation à qui nous croyons qu’il sera fort utile » 578 neben der Titelseite des Buches erscheint, wird sich später (in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts) im weniger bildhaften Amtsfranzösisch so anhören: Approuvé par le Ministère de l’Éducation. Die Funktion der Zustimmung ist die gleiche. Garneau, der in seiner großen Geschichte das Recht der um ihr nationales Überleben kämpfenden Canadiens auf eine Revolution betont (s.a.a.O.), zeigt sich hier eher kurz angebunden :

Des troubles éclatèrent enfin à Montréal, le 7 décembre, entre les Fils de la liberté et les Constitutionnels. M. Papineau, le Dr. O’Callaghan et vingt-quatre autres personnes furent accusés de haute trahison, et les troupes furent mises en mouvement pour les arrêter [...] L’insurréction était vaincue.579

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Schließlich beschreibt Garneau die Reaktion Durhams auf die gegen ihn gerichteten Vorwürfe, seine Abreise am 1. November 1838 und zitiert den Autor des Berichts, nicht ohne einen Ausdruck von Mitgefühl:

Ce désaveu l’humilia et le blessa au cœur. Il envoya sa démission, et déclara, dans une longue proclamation au peuple, « qu’il voulait donner un caractère anglais au pays, et noyer les misérables jalousies d’une petite société et les odieuses animosités d’origine dans les sentiments élevés d’une nationnalité plus grande et plus noble. »580

Durhams Bericht wird in seiner Zweideutigkeit kritisiert und im Zusammenhang mit dem Union Act gesehen:

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Le rapport de lord Durham fut un plaidoyer en faveur de l’anglification, tout en reconnaissant la sainteté des principes que la chambre d’assemblée avait de tout temps défendus [...] Ses recommandations furent adoptées par les ministres et ensuite par le parlement impérial, malgré les pétitions du clergé catholique et des Canadiens, qui protestèrent contre l’union des deux Canadas.581

Ein viertel Jahrhundert später erscheint ein Handbuch zur Geschichte Kanadas der Congrégation de Notre Dame mit dem Titel Abrégé de l’histoire du Canada: en rapport avec l’arbre historique. Die Schwestern des Ordens unterrichten ihre Schüler im Sinne der bisher genannten Texte; Durham wird als Politiker beschrieben, der verletzt seine Rückreise nach Europa antritt und einen Bericht verfasst, der zwar die Anglisierung der Provinz fordert, andererseits aber die Prinzipien der Volksversammlung aufnimmt:

A son arrivée, Lord Durham trouva les prisons remplies d’insurgés qui attendaient leur procès. Il profita du couronnement de la Reine Victoria pour faire gracier tous ceux qui avaient pris part à l’insurrection, à l’exception de 24, qui furent déportés aux Bermudes. Le ministre anglais blâma sa conduite, et blessé d’un tel désaveu, le gouverneur passa en Angleterre, laissant l‘administration à Colborne [...] Lord Durham avait été envoyé en Canada, afin de tenir une enquête sur l’état du pays, et de suggérer à la métropole les mesures qui lui sembleraient les plus propres à la prospérité des habitants. Il soumit au gouvernement impérial un rapport volumineux, dans lequel il se prononçait en faveur de l’anglification de la race française, quoiqu’il approuvât les principes que la chambre avait toujours défendus.582

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In den hier dargestellten Beispielen der Kritik an Durham finden sich, wenn auch etwas verborgen, die Zeichen für die Ambivalenz der Referenzen auf staatliche und kulturelle Macht und der für die Zeit selbstverständliche Ausdruck von tiefer Loyalität. Wenn in den französischsprachigen Schulbüchern des 19. Jahrhunderts von la cour oder la métropole die Rede ist, dann ist der englische Hof und London als Metropole gemeint. Das entspricht durchaus dem herrschenden Verständnis der (schulzuständigen) Eliten Québecs im 19. Jahrhunderts. Die Argumentation des parti canadien und seines journalistischen Pendants Le Canadien freilich machten schon in ihrem Namen eine eigene Identität stark. Seit den 10-er Jahren des Jahrhunderts hatten, wie bereits erwähnt, beide Institutionen die Bezüge auf eine frankokanadische Kultur zu einem politischen Programm gemacht, ohne allerdings gegen eine (konstitutionelle) Monarchie zu argumentieren. Lange vor 1830, als der Parti canadien zum Parti patriote wird, hatte sich die katholische Kirche bzw. ihre Stimme mit der englischen Macht gegen die Partei gewendet und der Schließung und Beschlagnahmung der Zeitung zugestimmt. Das kanadische Element war der Kirche lange suspekt. Der dargestellte Überblick illustriert die wenig kontestative und im Wesentlichen staatsnahe Ideologie der Kirche, die sich gerade in den Schulgeschichtsbüchern niederschlägt. Bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts wird sich diese Situation nur unwesentlich verändern.

Mit den tiefen strukturellen Veränderungen der 60-er Jahre, verändert sich auch und vor allem das Bildungssystem. Der gesellschaftliche Wandel, den man schließlich unter der Bezeichnung Révolution tranquille 583 zusammenfasst, stellt vor allem eine Umwälzung der Kräfteverhältnisse dar. Eine neue politische Elite mit ausgeprägtem « revolutionären » Interventionsgeist formuliert und praktiziert den Sinn der Gesellschaft neu; gleichzeitig ist diese Elite Teil einer Gesellschaft, die in der Lage ist, die Fundamente der eigenen Identität in Frage zu stellen. Die Historiographie und das Bildungswesen erleben die Wirklichkeit historischer Brüche. Doch auch hier bedingen sich Diskontinuität und ein längerer Prozess von neugedachten und teilweise praktizierten Ideen. Die Révolution tranquille beginnt in diesem Sinne nicht 1960, und die Totalität einer dunklen Vorgeschichte ( La Grande Noirceur ) verdient, wie bereits erwähnt, einige Korrektur. Die aktuelle Geschichtsschreibung in Québec thematisiert unter anderem eine neue Interpretation der « revolutionären » Logik dieser Zeit, insbesondere hinsichtlich der Rolle politischer Eliten.

In einem wesentlichen Punkt stellt die Révolution tranquille einen Bruch dar, der gerade durch die Abruptheit der Veränderungen und das durch sie initiierte gesellschaftliche Ereignis unterstrichen wird. Im Gegensatz zu den historischen Schlüsselszenen der Conquête und der Aufstände von 1837-37 handelt es sich hier, wie im Anschluss an die Diskussion von 15 février 1839 erwähnt, um einen erzählbaren und erzählten Sieg, nicht um eine Niederlage. Die Niederlage der Conquête mag Frankreich betroffen haben, nicht die Canadiens, doch ist es (nur) für Letztere zu einem traumatischen Ereignis, einem chosen trauma geworden. Wie auch immer die Ergebnisse der Aufstände im 19. Jahrhundert bewertet werden, ob sie als Wegbereiter der demokratischen Reformen gesehen werden oder nicht, die Aufstände der Patriotes sind nicht siegreich, sondern werden niedergeschlagen.

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Mit dem Act of Union ist einem alten Projekt der Assimilation Frankokanadas ein politischer Rahmen gegeben worden. Der Sieger, den die Révolution tranquille gebar, war das Volk Québecs, genauer genommen, die Franco-Québécois, die sich nunmehr eine aktive Rolle in der Geschichte gesichert hatten, bzw., und darum scheint es zu gehen, die diese Rolle als Geschichte erzählen konnten.

Jocelyn Létourneau hat mit einer Neuformulierung von Shakespeares « Sein oder nicht sein » auf diesen wesentlichen Aspekt jeder Identität verwiesen. « Eine erzählbare Geschichte sein oder nicht sein »584, korrigiert er das Diktum zu Leben und Tod eines Daseins. Die chosen glory der Franco-Québécois lag damit nicht mehr in den vorzeitlichen Siegen des Ancien Régime, sondern in der Gegenwart. Sie musste nur erzählt werden.

Mit dem Bildungsministerium, das Québec 1964 erhielt, trat ein auffälliger Wandel in der Geschichtsschreibung ein, der den Veränderungen in der anglokanadischen Gesellschaft entsprach. Letztere war bis in die 70-er Jahre, mit wenigen Ausnahmen, von einem Tonfall bestimmt worden, der mit der Selbstsicherheit evolutionären Denkens davon ausging, dass Frankokanada dem britischen Reich für den zivilisatorischen Fortschritt dankbar sein könne, der mit der Conquête einsetzte. Auf der Suche nach einer Erklärung für die Heftigkeit der Debatten um Falardeaus Film lag ein Blick in die Schulbücher nahe, insbesondere bezüglich des Bildes der Aufstände von 1837-38.

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Das Studium der vier für den Geschichtsunterricht zugelassenen Bücher ergab zum einen eine Fülle von Sichtweisen und Unterschieden, unabhängig von der Sprache, in der sie geschrieben waren. In allen Texten nahm die Darstellung der politischen Spannungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Aufstände von 1837-38, zu denen sie führten, einen größeren Raum ein. Im Unterschied zu den historiographischen abrégés und catéchismes des 19. Jahrhunderts, die von historischer Nähe und ideologischem Abstand gezeichnet waren, sind die Aufstände nunmehr gesellschaftliche Ereignisse, die den Gang der Geschichte prägten und die für die Gegenwart relevant sind. Die vier Schulbuchtexte stellen mehr oder weniger umfangreich den historischen Kontext und die Entwicklung der Spannungen dar, die schließlich zu den Aufständen führen. Aus dem bisher Gesagten lässt sich unschwer ableiten, dass die Darstellung der historischen Vorgänge eine Reihe verschiedener Konflikte zum Thema haben können. Das Studium der Texte hat gezeigt, dass sich die Fakten, Darstellungen, Interpretationen und didaktischen Hinweise in sinnvoller Art anhand eines Kriteriums sortieren lassen: der Betonung heterogenen oder eher homogener Strukturen der Konfliktparteien.

Die Nouvelle histoire du Québec et du Canada stellt anhand von Dokumenten die Schärfe der Interessenkonflikte dar (« Des objectifs irréconciliables »585 NH: 163), fragt die Schüler « Voyez-vous un compromis possible entre cette résolution et la pétition des marchands de Montréal? », und beschreibt unter dem Titel « Aux Armes! » die Reaktion (den Widerstand) der enttäuschten Parlamentarier - « Déçus par la réponse de Londres, les députés réformistes recourent à une stratégie de résistance. » (NH: 164) Die Ergebnisse der niedergeschlagenen Aufstände sind in einem Satz zusammengefasst: « La révolte est bel est bien matée. Douze Patriotes sont condamnés à mort et pendus à Montréal; une soixantaine d’autres sont exilés en Australie. » (NH:166) Auf wenig mehr als zwei Seiten werden die Ereignisse dokumentiert, die Aufstände in Upper Canada in einem kurzen Absatz erwähnt. In Dokumenten wird die Position der Kirche dargestellt und schließlich kommt ein « einfacher Kanadier » zu Wort, Protagonist in Falardeaus Film: Unter der Überschrift « Les motifs d’un simple combattant: une lettre aux Canadiens » wird aus dem Testament De Lorimiers zitiert. (NH: 168 f.)

Je me souviens. Histoire du Québec et du Canada beginnt das Kapitel zum ‘Bürgerkrieg’ ( La guerre civile! ) mit zwei Fragen, die die Relevanz des Themas für die Gegenwart bzw. jüngere Vergangenheit unterstreichen, « Quelle expression populaire contient le nom de Papineau? » 586 und, ein Flugblatt des Front de libération du Québec (FLQ) von 1970 betreffend, auf dem die Zeichnung eines Patriote abgebildet ist: « Selon toi, pourquoi le FLQ a-t-il utilisé l’image de ce personnage? » (JMS: 254) Radikale und gemäßigte Patriotes werden gegenübergestellt und didaktisch verarbeitet: « Si tu vivais en 1837, serais-tu du côté ds modérés? des radicaux? ni d’un côté ni de l’autre? » (JMS: 256), die ethnische und soziale Herkunft der Patriotes beschrieben, die Warnungen der Kirche vor den Aufständen zitiert sowie die Aufstände in Upper Canada beschrieben und verglichen: « La situation du Haut-Canada ressemble à celle du Bas-Canada. Seul le conflit ethnique en est absent. » (JMS: 263) Der Text geht auf die Rolle verschiedener Akteure ein und stellt den Schülern unter anderem folgende Frage « Crois-tu que, dans le contexte de 1837, la lutte armée soit justifiée? Justifie ta réponse. » (JMS: 260)

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Diverse pasts: a history of Québec and Canada und Le Québec: héritages et projets erstaunen mit der Fülle von Informationen und Perspektiven. Ohne für Schüler der Sekundarstufe kaum nachvollziehbar zu werden, finden sich hier diverse Akteure und ihre Interessen beschrieben. So wird ausführlich auf die Rolle von Frauen während der Aufstände eingegangen (Les rébellions de 1837-1838, une affaire de femmes aussi, QHP: 225), verschiedene Stimmen für fast alle beteiligte Gruppen dargestellt und die Fülle dennoch übersichtlich zusammengefasst. Le Québec: héritages et projets beschreibt die Allianz des Klerus mit der Kolonialmacht und nennt die Ausnahmen, wie den curé de St.-Benoît, der die Patriotes unterstützte (HPQ: 224) Diverse Pasts erklärt den Schülern, warum der Klerus in Lower Canada einer repräsentativen Volksvertretung kritisch gegenüberstand: « ...they distrusted representative government, which reminded them of the French Revolution. As well, the church owned important seigneuries and was closely allied to the British authorities. » (DP: 170)

Der Tonfall und einige Details der beiden Texte mögen unterschiedlich sein, aber hinsichtlich des Kriteriums heterogene/homogene Bilder ähneln sich die beiden Bücher. Beiden Texten ist auch die Betonung der Zusammenhänge zwischen den Kanadas gemein. Diverse Pasts formuliert das komparative Credo zum Beispiel mit einem Hausarbeitsprojekt: « Project. Do library research to compare the events of the rebellions in Lower Canada to those in Upper Canada. Compare the punishment meted out to the the rebels in each province. » (DP: 177)

In Le Québec: héritages et projets werden die Aufstände in beiden Kanadas ausführlich in ihrer Parallelität beschrieben: « Les Réformistes du Haut-Canada et de la Nouvelle-Écosse sont aux prises avec des problèmes politiques semblables à ceux des Patriotes du Bas-Canada [...] les résolutions Russell mettent les Réformistes [du Haut-Canada] et leur chef, William Lyon Mackenzie devant la même alternative que le parti canadien. » 587 (QHP: 220 f.) Die vier von Y. Lamonde beschriebenen Dimensionen der Ziele und Gegner der Aufstände (London, lokale Kolonialoligarchie, Klerus, Seigneurs ) werden detailliert und nachvollziehbar illustriert.

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Lord Durham und sein famoser Bericht wird in allen vier Schulbüchern besprochen. Die Nouvelle Histoire zitiert aus dem Bericht und fragt die Leser zunächst: « D’après l’évaluation de Durham, quel serait le rôle des Britanniques dans le développement futur de l’Amérique du Nord britannique? Et celui des Canadiens français? » Die sich anschließende Frage dürfte der Unterrichtssituation eine interessante Stimmung geben, die Schüler werden mit der Nase auf die Probleme der Gegenwart gestoßen: « D’après ce que vous connaissez du Canada actuel, croyez-vous que Durham a vu juste? » (NH: 177) Durhams Vorschläge konnten nicht umgesetzt werden, wird abschließend mit einem Zitat M. Séguins belegt, weil die totale Assimilation Frankokanadas ebenso unmöglich sei, wie dessen Unabhängigkeit: « Mais la solution au problème canadien-français, par l’assimilation totale, est aussi irréalisable que la solution par l’indépendance. » 588 Je me souviens schließt die Beschreibung von Durhams Bericht mit einem Zitat von David Mills, das die These unterstützt, derzufolge der Union Act mehr oder weniger direkt zur Confederation (1867) führte und damit die kanadische Nation der Gegenwart vorbereitete: « ...on considère géneralement que le rapport Durham a joué un rôle primordial [...] dans la fondation d’une nation canadienne. » 589 (JMS: 267) Es folgt eine weiteres Zitat, mit der Sicht M. Séguins auf die Dinge: « [Durham se prononce] contre le séparatisme canadien-français pour sauver le seul séparatisme viable à l’époque, le séparatisme canadien-anglais. » Maurice Séguin, 1968 (JMS: 267) In Le Québec: héritages et projets wird die Frage anders gestellt, mit einem Blick, der sich von Séguins Interpretation gelöst hat: « En 1840, l’Acte d’Union avait notamment pour but d’assimiler les francophones. Selon toi, comment le peuple canadien-français a-t-il pu faire échec à ce plan? » (QHP: 229) Hier wird eine andere Realität vorausgesetzt, der ‘Plan’ Durhams und des Union Act ist gescheitert, und gefragt wird nach dem Wie einer Aktorenrolle der frankokanadischen Gesellschaft.

Diverse Pasts unterstreicht an dieser Stelle unmissverständlich den Sinn der Warnung, die vom Bildungsministerium zum abweichenden Inhalt des englischsprachigen Geschichtsbuches gegeben wurde.590 Weniger der von Durhams Bericht vorbereitete Union Act, sondern die im Ausgang der niedergeschlagenen Aufstände gefestigte Position der katholischen Kirche sei von herausragender Bedeutung: « With the Patriote leaders discredited, the clergy, who had remained loyal to the Crown, assumed a dominant position in Francophone society. This was perhaps one of the most important results of the rebellions. » (DP: 177) Hiermit wird das Hauptaugenmerk auf die Heterogenität der historischen Parteien gelegt. Im Ergebnis der Aufstände bleibt von der Politik der britischen Kolonialmacht, die sich für die Interessen der Mehrheit in Upper Canada und der englischsprachigen Minderheit in Québec und gegen die französischsprachige Mehrheit in Lower Canada entschieden hatte, wenig übrig. Die Château Clique erscheint als Partner in einem Spiel politischer Lobbys: « The Château Clique had powerful friends in London. » (DP: 172) Ein Detail sollte nicht übersehen werden, weil es die zeitliche (und kulturelle) Verortung unterstreicht. Der Text des englischsprachigen Schulbuches benutzt Bezeichnungen für die Realia Québecs in der französischsprachigen Form, mit den Akzenten für Québec und Montréal, und setzt sich damit von einer langen Tradition der sprachlich-formellen Inanspruchnahme ab. Diese Anerkennung der sprachlichen Differenz findet bisweilen skurrile Formen, im Falle des « Québec Act » (u.a. S. 147) oder wenn der Name des Quebec Mercury, Hauptkontrahent von Le Canadien, durchgängig einen accent aigu trägt (DP: 145, 146), der in der Redaktion der Zeitung mit Sicherheit nicht viele Freunde gefunden hätte.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die vier Schulbücher die Kohäsion der Akteure während der Aufstände verschiedentlich darstellen. Kommt ein Text wie die Nouvelle histoire dem Bild in Falardeaus Film in mehrfacher Hinsicht recht nahe, sind die Entwürfe in Diverse Pasts und Le Québec: héritages et projets nicht mit diesem Bild zu vereinen. In weniger deutlichem Maße trifft das auch auf Je me souviens zu. Trotz einiger offensichtlicher Unterschiede in der Bewertung der historischen Ereignisse, sind die historiographischen Grundlagen und die Betonung der Heterogenität der Konfliktparteien in DP und QHP vergleichbar. Als markierten die wenigen Jahre Abstand im Erscheinungsdatum zwischen diesen Texten und der Nouvelle Histoire (geschrieben in den 1980-er Jahren) einen Generationswechsel, ist der generelle Blick auf die Geschichte hier ein anderer: Im Unterschied zu dem ironischerweise « Neue Geschichte » genannten, älteren Text sind hier die von J. Létourneau genannten Elemente eines neuen Bildes der Geschichtswissenschaft umgesetzt. Dazu gehört nicht zuletzt das Bild des Québécois, der sich vom Schatten der Vergangenheit gelöst hat und als Meister seines Schicksals dargestellt wird. In diesem Sinne steht ein historiographischer Generationeneffekt591 vor anderen Unterschieden zwischen den Schulbuchtexten, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden soll.

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Das Studium der vier Texte legte allerdings ein Element frei, das im Rahmen der eingangs gestellten Fragen zur Anwesenheit von Durhams Bericht in Falardeaus Film von Bedeutung zu sein scheint. Zur Erinnerung: Falardeau hatte die geographisch bedingten Tatsachen der Geschichte ‘korrigiert’ und den Bericht Durhams in einer Ausgabe von Le Canadien in der Zelle der Patriotes am 14. Februar 1839 lesen und kommentieren lassen. Weil die Inhaftierten mit der anstehenden Vereinigung der beiden kanadischen Provinzen rechnen konnten und vor allem, weil die Niederschlagung der Aufstände, Durhams Bericht und der Union Act gewissermaßen als nicht trennbare Ereignisse betrachtet werden, enthält das Szenario von 15 février 1839 diese chronologische Korrektur.

In einer weniger offensichtlichen aber vielleicht wirksameren Weise wird die Interpretation zur Rolle des Klerus in Québec unterstrichen. Der vierte Abschnitt ( UNIT 4 ) in DP, mit der Überschrift Lower Canada in Transition besteht aus den fünf folgenden Kapiteln:

Chapter 10

Politics, 1791-1814

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Chapter 11

The End of Pre-Industrial Québec

Chapter 12

The Rebellions

Chapter 13

Responsible Government

Chapter 14

Early Industrial Production

Die Aufstände werden in Kapitel 12 behandelt, Lord Durhams Aufenthalt in Kanada, sein Bericht und die politische Umsetzung (inhaltlich folgerichtig, chronologisch nicht ganz korrekt) im folgenden Kapitel, unter der positiven Überschrift Responsible Government, zu dem es 1848 kam. Obwohl am Anfang des Kapitels Rebellions in einem Satz auf die Union verwiesen wird (DP: 166) ist die gedankliche Trennung im Text doch offensichtlich. Das folgende Kapitel ( Chapter 13 ), in dem der Durham Report und die Union behandelt wird, stellt auf der ersten Seite zur Zeit nach 1840 richtig fest: « This was a period of conservatism, of greater political agreement and common action between the Francophone and Anglophone élites... » (DP: 178). Small wonder möchte man kommentieren, waren doch die Bewegungen sozialer und demokratischer Reform geschwächt, ihre Ideen indiziert und die Positionen der konservativen Eliten gestärkt worden. Von Interesse ist aber vor allem die Betonung der kooperativen gegenüber der konfliktuellen Seite der historischen Entwicklungen.

Ein neues Kapitel bedeutet unter den Unterrichtsbedingungen der Schule einen zeitlichen und inhaltlichen Bruch. Es wäre abwegig, davon auszugehen, dass es sich im Rahmen einer historiographischen Periodisierungsarbeit um zufällige oder (nur) praktische Erwägungen handeln könnte. Und das umso weniger, als die Autoren von Diverse Pasts gerade in diesem Bereich mit eigenen Arbeiten aufgewartet haben. J. A. Dickinson und B. Young veröffentlichten 1991 mit Periodization in Quebec History 592 einen interessanten Text, der durch neu gedachte, an der Entwicklung der Produktionsmittel orientierte, kürzer werdende Perioden der Geschichte Québecs dominante Interpretationen in Frage stellte und die Idee der Beschleunigung der Zeit illustrierte.

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Le Québec: héritages et projets, an dessen Erstellung prominente Historiker wie Jean-Pierre Wallot und Jacques Rouillard beteiligt waren, geht hier einen anderen Weg. Module 4, Unité 4.2 behandelt unter dem Titel De l’affrontement à l’union (Von der Konfrontation zur Union) die Unterpunkte L’inévitable affrontement (Die unvermeidliche Konfrontation), L’Union imposée (Die aufgezwungene Vereinigung) und L’évolution sous l’Union (Entwicklung der vereinigten Provinz). Den Schülern (und Lehrern?) werden am Anfang des Kapitels das Unterrichtsziel und die Zwischenziele erklärt:

Objectif terminal 4.2 Décrire les événements de 1837-1838 et les débuts de l’union des deux Canadas.

(Hauptziel: Du solltest die Ereignisse von 1837-1838 und die Anfänge der Vereinigung der beiden Kanadas erklären können.)

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Objectifs intermédiaires. À la fin de cette unité, tu devrais être en mesure:
4.2.1 d’expliquer le déroulement des événements de 1837-1838

4.2.2 de connaître l’Acte d’Union et de montrer que cette constitution répond partiellement aux propositions du rapport Durham;
593

Je me souviens. Histoire du Québec et du Canada behandelt in Kapitel 8 unter dem Titel Les événements de 1837-1838 et les débuts de l’Union des deux Canadas (Die Ereignisse von 1837-1838 und die Anfänge der Vereinigung der beiden Kanadas) die drei Punkte La guerre civile (Der Bürgerkrieg), Le rapport Durham et l’Union des deux Canadas (Durhams Bericht und die Vereinigung der beiden Kanadas) und Les changements amenés par l’Union des deux Canadas (Die von der Vereinigung hervorgerufenen Veränderungen). Auf der zweiten Seite des Kapitels unterstreicht eine Zeitleiste die Periode Rébellion et Réforme (1834-1860) und fragt den Leser, vor dem eigentlichen Text also, « L’Acte d’Union a-t-il les effets souhaités par le gouvernement britannique? » (Hat der Act of Union die von der britischen Regierung gewünschten Auswirkungen? JMS: 253) Damit dürfte auch hier eine Vorschau gegeben sein, die in ähnlicher Weise wie in QHP einer synthetisierten Analyse der beschriebenen Vorgänge entspricht.

Die Nouvelle histoire du Québec et du Canada nimmt eine eigene Unterteilung vor. Im Abschnitt 4 (Chapître 4) mit dem Titel Le Bas-Canada werden acht Lektionen behandelt. Drei der Lektionen heißen:

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Der darauffolgende Abschnitt ( Chapître 5, De l’Union à la Confédération ) beginnt mit der Zeit nach der Vereinigung und Leçon 40: Enfin un gouvernement responsable! 594

Welche Schlüsse können aus dem Gesagten gezogen werden? Zum einen kann davon ausgegangen werden, dass die zeitliche Strukturierung der Lehrinhalte didaktische und deiktische Funktionen hat. Die Einteilung der historischen Zeit, die Kindern und Jugendlichen in der Schule nahegebracht wird, kann nicht als banales Detail abgetan werden.

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Diese Strukturierung muss nicht notwendigerweise einer bewussten (manipulativen) Logik entstammen. Vielmehr scheint es sich um etablierte Zusammenhänge zu handeln, die an dieser Stelle einen Ausdruck finden. Den Bericht Durhams im Zusammenhang mit den Aufständen und mit der politischen Umsetzung der Vorstellungen Durhams zu lesen, ist ganz und gar nicht ahistorisch oder anachronistisch, auch dann nicht, wenn diese Lektüre mit einem Kraftakt der Verschiebung der Zeit verbunden ist, wie in Falardeaus Film. Dieser Korrektur entspricht ein anderer Akt umgelesener Geschichte, der darin besteht, Durhams Bericht als impotenten Vorschlag zu präsentieren, wie im Titel einer akademischen Internetseite, die Ausschnitte aus dem Bericht enthält: the most quoted proposal never enacted in canadian history.595 Man mag verschiedener Meinung zur Rolle und späteren Wirkung des « meistzitierten Berichts » haben, aber « never enacted » beschreibt die Realität kaum, eher « never successfully enacted ». Dabei soll nicht argumentiert werden, der tapfere Widerstand der Frankokanadier habe die Pläne Durhams und der Kolonialregierung scheitern lassen. Das Scheitern der Projekte ist als kanadisches Phänomen zu sehen, das, wie weiter oben detailliert beschrieben, mit der besonderen Konstellation der Kräfte erklärt werden kann. Die Tatsache, dass Pierre Falardeau 160 Jahre nach Durhams Bericht einen Film für eine französischsprachige Öffentlichkeit in Québec drehen kann hat ebenso mit den Gegebenheiten auf anglo- wie auf frankokanadischer Seite zu tun. Denn die Externalitäten der Politik sahen anders aus, als der mit neidischem Auge nach Louisiana blickende Durham sie wünschte. Wissentlich oder nicht haben alle einflussreichen Politiker des Landes verstanden, dass die Existenz Kanadas in ganz bedeutender Weise von seiner historischen Besonderheit und seiner manifesten internen Heterogenität abhängt. Nur im Zusammenspiel von monarchistischen, liberalen, kulturkonservativen und auf Distinktion bedachten Elementen der Politik lässt sich die Vergangenheit der kanadischen Gegenwart erklären.

Die Frage nach den Lehren der Geschichte, nach ihrem Sinn für die Gegenwart also, ist hier von zentraler Bedeutung. Die beschriebenen Diskussionen zu Falardeaus 15 février 1839 haben den Blick auf eine politische und kulturelle Realität der Gegenwart gelenkt, in der sich verschiedene Interpretationen der Bedeutung von Geschichte trafen. Zum einen konnte gezeigt werden, dass diese Interpretationen verschiedentlich relevant sind, sozial, politisch und sprachlich. An die Helden, denen sich Falardeaus Film widmet, wurde in Ottawa, im kanadischen Parlament erinnert, in der Presse fanden heftige Diskussionen statt und die öffentliche Meinung wurde nicht zuletzt auch in den Foren des Internet, in Vereinen und Komitees demonstriert. In jedem Fall sind es keine abstrakten Akteure, sondern Menschen mit politischer (und Schul-)Bildung, die ihre Meinung kundtun. Ob diese Meinung ‘professioneller’ (historiographischer) Natur ist oder nicht, spielt zwar bei einer vergleichenden Betrachtung des ‘historiographischen Feldes’ mit der öffentlichen Meinung eine wichtige Rolle.596 In der Darstellung der Reaktionen auf Falardeaus Film konnte aber gezeigt werden, wie sich die Stimme der ‘Experten’, am Beispiel der geladenen Historiker, und die vielen Stimmen ‘einfacher Menschen’ überschnitten, ähnelten und widersprachen.

Die Frage, die im Zusammenhang mit der Rezeption von Falardeaus Film formuliert wurde, hing mit den Gründen für die so unterschiedlichen Reaktionen und mit der Erregtheit der Argumente zusammen. Welchen Sinn verkörpert die erzählte Geschichte, welche Bedeutung hat diese Repräsentation eines historischen Vorgangs für die Gegenwart der vielen Beteiligten?

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In der Diskussion zu Durhams Bericht ist eine mögliche Interpretation vorgenommen worden: Eine kulturell, religiös und sprachlich gelebte Trennung, die immer auch ambivalente Formen hatte, und keineswegs nur als pathologisches Übel wahrgenommen wurde, war mit dem Union Act und seiner Projektierung, dem Bericht Durhams, zum Gegenstand imperialer Bevölkerungspolitik gemacht worden. Die Logik in Falardeaus Film (und in einem Teil der Reaktionen) sprach für die Annahme, dass es sich um einen Blick handelt, der mit dem Bild von Durhams unüberwindlicher Trennung operiert: Nationen, Kulturen und Sprachgruppen als « Rassen ». Jenseits von Falardeaus Film und den Assimilationsvisionen hegemonialer Politik befinden sich allerdings die Realitäten des politischen Ensembles Québec (oder auch Kanada) am Ende des 20. Jahrhunderts: eine Gemeinschaft, die im verbalen Streit in verschiedenen Sprachen nach dem Sinn der Vergangenheit fragt, Selbstbilder und Fremdbilder betont oder in Frage stellt und die verschiedenen Dimensionen von Differenz im Gespräch auslotet. Die Qualitäten dieses Streits sprechen nicht für, sondern gegen die Idee einer dysfunktionalen Gesellschaft, wie sie immer wieder, zuletzt mit J. L. Granatsteins Who Killed Canadian History? beschrieben wurde.597 Der Autor entwickelt ein Szenario, indem die Betonung von Unterschieden den Untergang der Nation vorbereite, benötigt werde eine nation-binding history of national unity, groß, uniform und kanadisch. Der Rundumschlag macht Bürokraten, Historiker, die Multikulturalismuspolitik und nicht zuletzt den Geschichtsunterricht, vor allem in Québec, verantwortlich für den ‘todesnahen’ Zustand der Nation (der Titel ist als ein alarmistisches Who almost killed Canadian History? zu lesen). Diesem Blick muss an dieser Stelle energisch widersprochen werden. Mit John Ralston Sauls Reflections of a Siamese Twin: Canada at the End of the Twentieth Century von 1997 soll hier der bereichernde und willkommene Charakter der großen Unterschiede betont werden.

Der Blick in die Schulbücher Québecs konnte zahlreiche Unterschiede, Ausdruck der Heterogenität der verwalteten Interpretationen, illustrieren, unabhängig von der Sprache, in der die Texte entstanden, aber auch auffällige Besonderheiten in der Ordnung der historischen Dinge aufzeigen, die sich am Sprachmerkmal festmachen lassen. In diesem Zusammenhang wurde auf die Bedeutung der Periodisierung und der Organisation von historischer Zeit und der daraus ableitbaren Zusammenhänge verwiesen. Pierre Falardeaus 15 février 1839 ergibt von hier aus gesehen einen kulturellen Sinn, wie auch die heftigen Reaktionen auf den Film. Die Konflikte der Gegenwart sind nicht nur von Gestern.


Fußnoten und Endnoten

359  AN MEINE KOMPATRIOTEN. Nach der Niederlage von 1760 und der Besetzung unseres Landes durch die englische Armee haben die britischen Kolonialisten ein hartes Ausbeutersystem errichtet, wie in Afrika, Asien und Lateinamerika. Von einer ausländischen und korrupten Macht zum Aufstand getrieben, greifen unsere Vorfahren 1837 zu den Waffen um sich zu befreien. Unzureichend organisiert und schlecht bewaffnet stehen die Patrioten der stärksten Armee der Welt gegenüber. An der Spitze von 8000 Soldaten erstickt General Colborne den Aufstand im Blut. Hunderte von Aufständischen sterben im Kampf, Dörfer brennen, die Gefängnisse sind überfüllt. Für Verdienste um die Sache der Englischen Krone wird Colborne von Königin Victoria die Lordschaft als Lord Seaton zuerkannt. Für die Patrioten, wird er zu Lord « Satan ». [Im Deutschen wird der Sinn des Wortes « Kompatriot » weder von « Landsmann » bzw. « Landsleute » noch von dem anachronistischen « Mitbürger » wiedergegeben.]

360  Der südliche Mississippi erfuhr wie bereits erwähnt eine eigene Geschichte. Frankreich hatte Spanien 1762 in Geheimverhandlungen das Louisiana-Gebiet übertragen und 1800 zurückerhalten. Napoleon verkaufte 1803 den USA (unter Präs. Th. Jefferson) das Land für 15 Mio. Dollar, um die Kriege in Europa finanzieren zu können. 1812 wird Louisiana Bundesstaat der USA.

361  « Die öffentliche Meinung in Québec entsteht mit den demokratischen Bestrebungen, mit dem Parlamentarismus, mit der religiösen und bürgerlichen Redegabe und mit dem Druckgewerbe. » Y. Lamonde, 2000, S. 19.

362  Vgl. Denis Monière: Le développement des idéologies au Québec, des origines à nos jours; Québec/Amérique, Montréal 1977, S. 361-370.

363  Mit einer Stimme der Gegenwart: « Why is the White House white? Because we burned it, that’s why. Or at least, the British did. » W. Ferguson, a.a.O., S. 180.

364  É. Parent, Chefredakteur von Le Canadien (1822-25; 1831-35), mahnte wiederholt gegen die radikalen, anti-britischen Stimmen. Von Dezember 1838 bis April 1839 inhaftiert wegen eines Artikels, in dem er am Weihnachtsabend 1838 weitsichtig (und für eine Ehrenrettung Englands) schreibt: « Dans le siècle où nous sommes, siècle de publicité et d’opinion, lorsqu’on veut écraser un peuple [...] il faut se créer une raison, un prétexte [...] et le procédé le plus ordinaire, comme le plus facile, c’est d’exaspérer une population, de la pousser à quelques excès [...]. C’est ainsi que les Russes ont fait tout récemment en Pologne, et nous voudrions éviter à l’Angleterre l’honneur peu enviable de voir son nom associé à celui de l’Autocrate du Nord. » Y. Lamonde, 2000, S. 267.

365  « Ich kann hören, dass man ein Land FREI nennt, in dem die Sklaverei herrscht. » Zeitung Le Populaire vom 27. Okt. 1837, zit. ebda., S. 203.

366  Die Geschichte der Black Loyalists kann an dieser Stelle nicht detailliert erzählt werden. Tausende flohen während der Amerikanischen Revolution (entgegen den Auslieferungsforderungen von G. Washington an Guy Carleton, Gouverneur Québecs seit 1766) in den Norden, als Freie, entlaufene Sklaven oder mit britischen Loyalists. Die feindselige Stimmung der Autoritäten und Siedler im Norden führte für viele zur « Rückkehr » nach Afrika (u.a. nach Sierra Leone, 1792).

367  Der Begriff « Patriotes » wird hier nicht übersetzt, es handelt sich um einen Eigennamen, der im Französischen großgeschrieben wird und auch in englischsprachigen Texten in dieser Form gebraucht wird.

368  « ... dimension antimétropolitaine [...] antigouvernementale [...] anticléricale [...] antiseigneuriale ... » Y. Lamonde, 2000, S. 225, siehe auch S. 274.

369  Eintrag: Seaton, Sir John Colborne (1778-1863). The Encyclopædia Britannica, 11th edtion (29 volumes) Cambridge, 1911. Bd. XXIV, S. 562 f.

370  Ebda.

371  In der frankokanadischen Bevölkerung wird Colborne aus gutem Grund auch « der alte Brandschatzer » genannt. Colborne wird im Oktober 1839 Mitglied des britischen Oberhauses und « Lord Seaton », und somit erst nach den im Film beschriebenen Ereignissen. Hier hat Falardeau die Chronologie der Ereignisse « korrigiert ». Auf die Bezeichnung « Satan » verweisen einige historiographische Arbeiten. (Vgl. u.a. Ferguson 2000, S. 192.)

372  « Gefängnis von Montréal, 14. Februar 1839, 11 Uhr abends.
Die Öffentlichkeit und vor allem meine Freunde erwarten vielleicht ehrliche Worte für meine Gefühle. Wenn die schicksalhafte Stunde kommt, die uns von der Erde trennen wird, sehen wir die die Dinge mit Unvoreingenommenheit. [...] Ich sterbe ohne zu bereuen, ich wollte nur dem Wohl meines Landes dienen, im Aufstand für die Unabhängigkeit, meine Ansichten und meine Taten waren aufrichtig und trugen keine Spur der Verbrechen, die die Menschheit entehren und die nur zu häufig sind, wenn sich große Leidenschaften entfesseln. Seitdem ich 17 oder 18 bin, war ich in fast allen Bewegungen des Volkes aktiv, nie ohne Überzeugung und Aufrichtigkeit. Meine Anstrengungen galten der Unabhängigkeit meiner Kompatrioten; uns war bisher kein Erfolg gegönnt [...] Die Wunden meines Landes werden nach dem Unglück der Anarchie und einer blutigen Revolution verheilen. Der friedfertige Kanadier wird Glück und Freiheit am St. Lorenz wiederfinden; alles läuft darauf hinaus, selbst die Hinrichtungen, und das auf dem Altar der Freiheit vergossene Blut und die Tränen benetzen heute die Wurzeln des Baumes, der die Flagge mit den zwei Sternen der Kanadier tragen wird. »
« Testament politique de Chevalier de Lorimier, 14 février 1839 », in: Rapport de l'Archiviste de la Province de Québec, (1924-1925) S. 4 f. In einer aktuellen Publikation: Chevalier de Lorimier: 15 Février 1839: lettres d'un patriote condamné à mort; Comeau & Nadeau, Agone, Montréal 2000.

373  « Das Verbrechen Eures Vaters liegt im Misserfolg. Wären seine Bemühungen von Erfolg gekrönt, spräche man von seinen Taten mit Ehrerbietung. ‘Das Verbrechen, nicht der Galgen macht Schande.’ Männer mit größerem Verdienst als dem meinen gingen vor mir den traurigen Weg aus dem Dunkel der Zelle auf das Schafott. Arme Kinder! Ihr werdet nur noch Eure zarte und betrübte Mutter haben. Wenn mein Tod und meine Opfer Euch in die Armut treiben, bittet in meinem Namen, ich hatte immer Gefühle für das Unglück meiner Mitmenschen. »; ebda.

374  « Was Euch betrifft, meine Kompatrioten, meine Hinrichtung und die meiner Kompatrioten auf dem Schafott werden Euch von Nutzen sein. Mögen Sie Euch zu verstehen geben, was Ihr von der Englischen Regierung zu erwarten habt! [...] Mir bleiben nur einige Stunden meines Lebens, und ich wollte die wertvolle Zeit teilen für meine religiösen Verpflichtungen und denjenigen gegenüber meinen Kompatrioten. Für sie sterbe ich den schändlichen Tod des Mörders am Galgen, für sie trenne ich mich von meinen kleinen Kindern und von meiner beistandslosen Frau, für sie sterbe ich mit den Worten:
Es lebe die Freiheit! Es lebe die Unabhängigkeit! « Chevalier de Lorimier »; ebda.

375  Das Motto « Aus der Vergangenheit in die Gegenwart » trifft auch für die Filmusik von 15 février 1839 (in den Händen von Jean St-Jacques) zu. Hauptmotiv ist der chant de la Sybille, in einer katalanischen Version aus dem 15. Jahrhundert. Katalonien, Schottland, Québec – drei Nationen « gegen den Staat »? Vgl. Michael Keating: Nations against the State. The New Politics of Nationalism in Quebec, Catalonia and Scotland; Macmillan, London 1996.

376  Vgl. Maurice Séguin: Histoire de deux nationalismes au Canada; Guérin Éditeur, Montréal 1997. Hier insbesondere die ‘Lektionen’ XI und XII: Crise de 1837 et rapport Durham, 1837-1839 und Deuxième capitulation des Canadiens-Français, 1839-1842. Séguin ist nicht zuletzt für seinen Geschichtspessimismus kritisiert worden, der Ausdruck in seiner Formulierung « l’inévitable survivance dans la médiocrité » fand. Vgl. La Société historique du Canada, Rapport annuel, 1956, S. 83 f. (Material zum Kolloquium « Canadianism – A Symposium » 6.-8. Juni 1956)

377  « Ich glaube, diese Niederlage ist schlimmer als die von 1760, und das Gefährlichste ist nicht die militärische Besetzung, sondern die Besetzung unserer Köpfe. »

378  Falardeau bezieht sich möglicherweise auf die im 19. Jahrhundert bereits etablierte britische Kolonisation bzw. die britischen Stützpunkte in der Welt: In Afrika, im Kontext des Sklavenhandels seit dem 16. Jahrhundert (1580 Küsten von Guinea, 1588-92 Küsten von Gambia, Sierra Leone), in Indien seit dem 17. Jahrhundert ( 1639 Madras, 1661 Bombay) und in Mittelamerika im gleichen Zeitraum (1595 Trinidad, 1596 Guyana, 1655 Jamaika). Vgl. W. Viereck et al., a.a.O., S. 150 f. (« Die koloniale Expansion des Englischen »).

379  Ebda., S. 137 f. (« Historische Entwicklung. Eindringen des Englischen »).

380  Vgl. den Audiokommentar des Regisseurs auf der DVD.

381  Es handelt sich um einen semantischen Anglizismus, franchise hat im Englischen und im Französischen Québecs die Bedeutung concession, bedeutet ‘standardfranzösisch’ aber qui est franc. Vgl. Gilles Bibeau: « Le français québécois: évolution et état présent »; in: Noël Corbett (Hg.): Langue et identité. Le français et les francophones d’Amérique du Nord; Les presses de l’Université Laval, Québec 1990, S. 11-18, S. 15.

382  Estienne de La Boétie: Discours de la servitude volontaire, Œuvres complètes d'Estienne de la Boétie , Bd. 1, W. Blake and Co., Bordeaux 1991, S. 96. (Contr’Un ou Discours de la servitude volontaire, ca. 1548)

383  « Ich bin ein wenig von dem Blut, das die Erde fruchtbar macht ... Ich sterbe, weil ich sterben muss, damit das Volk leben kann ... » ( zit. wie folgt: Anonyme. Cité par Ernesto « Che » Guevara )

384  Michèle Lalonde: Speak White; Les murs ont la parole, L’Hexagone, Montréal 1974. Pea Soup (der Titel ist ein abfälliger Begriff für « Frankokanadier ») und Speak White von P. Falardeau in Zusammenarbeit mit Julien Poulin.

385  Pierre Falardeau: Les boeufs sont lents mais la terre est patiente; VLB Éditeur, Montréal 1999; La Liberté n'est pas une marque de yogourt ; Stanké, Montréal 2000.

386  Michèle Lalonde, geb. 1937, schrieb u.a. Songe de la fiancée détruite und (in Anspielung an Du Bellays Manifest der Pléiade von 1549) Défense et illustration de la langue québécoise; Präsidentin des Schriftstellerverbandes 1984-1986.

387  Émile Nelligan (1879-1941), Sohn einer irisch-frankokanadischen Familie, « ...figure exemplaire du poète maudit, et en même temps [...] le symbole du destin d’une collectivité aliénée. » François Dumont: La Poésie québécoise ; Boréal, Montréal 1999, S.30.

388  M. Wade, a.a.O., S. 72.

389  Pierre Vallières: Nègres blancs d’Amériques; Éditions Québec/Amérique, Montréal 1979 (Éditions Parti Pris, 1968). Das Motiv der ‘weißen Englischen Macht’ taucht auch andernorts im Kontext ‘nationaler Befreiung’ auf – beispielsweise im Falle der antienglischen White Settler Watch-Bewegung in Schottland. Vgl. Blain, Neil u. Burnett, Kathryn: Otherness as Englishness: The White Settler Phenomenon in the Scottish Media. Zit. in: Eric G.E. Zuelow: Towards an Understanding of Scottish Ethnic Nationalism: The 'Watch' Groups and 'Anti-Englishness' in Late Twentieth Century Scotland. http://www.wisc.edu/nationalism/articles/zuelow1.htm

390  Falardeau widerspricht dem Vorwurf, dass in seinem Film Hass auf die Engländer propagiert werde und korrigiert, es gehe vielmehr um « ...la haine de l’oppresseur, la haine de l’injustice, la haine des colonisateurs... ». Vgl. Audiokommentar des Regisseurs auf der DVD.

391  Der Begriff des Joual ist hier von zentraler Bedeutung. Es handelt sich um den Prozess der Aneignung populärer und bis dahin geringgeschätzter Sprache durch Schriftsteller, Sänger, Intellektuelle. Das englische Militär im Film spricht kein britisches, sondern anglokanadisches Englisch - auch hier ein enthistorisierendes Element, das die Aktualität der Kämpfe unterstreichen mag.

392  « Heute glaube ich mehr denn je, dass wir die Geschichte neu schreiben müssen, jeden Tag neu schreiben, um die Wahrheit zurückzubringen. Unsere Wahrheit. Für ein erobertes, annektiertes und unterdrücktes Volk ist das eine Frage von Leben und Tod. » P. Falardeau: Les bœufs sont lents mais la terre est patiente; zit. auf den Seiten von vlb: http://www.sogides.com/editionshtml/vlb25ans.htm

393  Vgl. den Audiokommentar des Regisseurs auf der DVD.

394  « Further, the fact that in the previous twenty years there had been a large Irish immigration into Canada, and that in the recent disturbances in Canada the Irish had in the main ranged themselves with the other British loyalists on the side of the Government, in spite of aggressive Orangeism in Upper Canada, may well have kept Ireland and the Irish prominently in his [Lord Durham’s] mind. » C.P. Lucas in: John George Lambton, Earl of Durham: Lord Durham’s Report on the Affairs of British North America; 3 Bd., Clarendon Press, Oxford 1912 (1839), Vol. 1. Introduction, S. 318 f. Der Bericht wir im Folgenden zit. als Durham’s Report.

395  Lord Durhams Bericht argumentiert mit folgenden Angaben zur Größe der Bevölkerung und unterstreicht die abzusehende Wirkung der Zuwanderung englischer Siedler: « If the population of Upper Canada is rightly estimated at 400,000, the English inhabitants of Lower Canada at 150,000, and the French at 450,000, the union of the two provinces would not only give a clear English majority, but one which would be increased every year by the influence of English emigration; and I have little doubt that the French, when once placed, by the legitimate course of events and the working of natural causes, in a minority, would abandon their vain hopes of nationality. » J. G. Lambton, Earl of Durham: Durham’s Report Bd. 2, S. 307 (s.a. Lucas, Bd.1, S. 319).

396  ( supplice de ) la corde - (Hinrichtung durch den) Strang

397  Diese Tatsache belegt an sich freilich nicht viel; Frauen galten nicht als Personen im juristischen Sinne und wurden gemäß dieser Logik auch nur bedingt schuldfähig gesehen. (Das nationale Wahlrecht für Frauen wurde 1918 eingeführt.) Zur Darstellung der Rolle von Frauen während der Unruhen 1837-38 siehe: Micheline Dumont, a.a.O., S.117-22; bzw. Micheline Lalonde: « La femme de 1837-1838 complice ou contre-révolutionnaire »; in: Revue Liberté, vol. 7, Nr. 1-2 , Januar-April 1965, S. 146-173.

398  Rainer Rother: « Nationen im Film. Zur Einleitung »; in: ders (Hg.): Mythen der Nationen. Völker im Film; Deutsches Historisches Museum, (Koehler & Amelang, München/Berlin) 1998, S. 9-16, S. 15.

399  Elisabeth Bronfen: Over Her Dead Body. Death, Femininity and the Aesthetic; Manchester University Press, Manchester 1996 (1992), S. 205.

400  Ebda., S. 209.

401  Robert de Roquebrune (1889-1978): Schrieb u.a. Les habits rouges (1923), Les Canadiens d’autrefois (Geschichtsstudie, 1962), Cherchant mes souvenirs 1911-1940 (1968).

402  Für Vamık Volkans Begriffe chosen glory und chosen trauma siehe u.a.: « Psychoanalysis and Diplomacy Part II: Large-Group Rituals », Journal of Applied Psychoanalytic Studies, vol.1, no.3, 1999.

403  Lucien Febvre: Le Problème de l'incroyance au XVIe siècle: La religion de Rabelais; Michel, Paris 1947 (1942).

404  Es kann hier selbstverständlich nicht um einen wie auch immer gearteten Vergleich zwischen Rabelais und Falardeau gehen – die « revolutionären » Elemente der beiden haben schlichtweg nichts gemein.

405  « Konfiguration des großen kollektiven Narrativs der Québécois, in seiner von Intellektuellen und vor allem Historikern erarbeiteten Form » J. Létourneau: « La production historienne courante portant sur le Québec... », a.a.O., S. 9-45, S. 29.

406  Ebda.

407  House of Commons bzw. Chambre des communes

408  Siehe Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder ».

409  Parlamentsprotokoll, 37th Parliament, 1st Session Edited Hansard, Number 014; im Internet unter der Adresse: http://www.parl.gc.ca/37/1/parlbus/chambus/house/debates/014_2001-02-15/han014_1405-e.htm

410  Ebda.

411  Michèle Ouimet: « Les gros sabots de Falardeau »; La Presse, 31.01.2001.

412  « Pierre Falardeau hat es noch nie auf die feine Tour gemacht. Nuancen und Zwischentöne gibt es bei ihm kaum. Das trifft auch für seinen letzten Film, 15 février 1839, zu. »; ebda.

413  « 15 février 1839 ist ein heftiges und gewaltsames Pamphlet, in dem Luc Picard, in der Rolle De Lorimiers, bemerkenswert zurückhaltend spielt. Die Bilder sind großartig und einige Szenen sind ergreifend. Die Szene, in der De Lorimiers Frau, dargestellt von Sylvie Drapeau, in den Armen ihres Mannes zusammenbricht, zerrüttet von der Angst, ihn zu verlieren, verleiht dem Film eine große dramatische Stärke. »; ebda.

414  « ...Dieser Hass und die Wut der Patriotes lassen sich erklären: ihr Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Dörfer wurden verwüstet, sie wurden von Militärgerichten in Schnellverfahren verurteilt, sie sitzen im Gefängnis, mehrere wurden deportiert und 12 gehängt. Wie sollte man den Feind nicht hassen? Aber so auf die große Leinwand gebracht verstören diese Kommentare und jagen dem Zuschauer Schauder über den Rücken. »; ebda.

415  « Warum schweigt Falardeau zum Kampf der Engländer in Oberkanada [ Upper Canada ]? Hätte er diesen mit nur einem Satz erwähnt, wäre seine These von den bösen Engländern weniger steif. Aber nein, er wählt einen Teil der Geschichte aus, der ihm passt und seine Ideen unterstreicht. »; ebda.

416  « Den armen, vom englischen Erorberer bis aufs Mark ausgebeuteten Frankokanadier gibt es schon lange nicht mehr. Die Frankophonen sind weit gekommen seit den Zeiten der Patriotes. In den 60er Jahren erschufen sie einen Staat, der zu einem bedeutenden Mittel der Macht wurde. Sie sind nicht mehr die Holzarbeiter und die Wasserträger... »; ebda.

417  « Ein Elektroschock gezeichnet Falardeau » ; Luc Perreault: « Un électrochoc signé Falardeau »; La Presse, 27.01.2001.

418  « Was Falardeau betrifft, er hat die Herausforderung bestanden, denn er schaffte es zugleich, seinen Film über die Patriotes zu drehen und eine solide Vision dieses schwierigen Moments unserer Geschichte zu übermitteln, ohne dabei sein politisches Engagement aufzugeben. Sein Film ähnelt, man verzeihe mir den Vergleich, einem Tor von Maurice Richard in der letzten Sekunde der dritten Spielzeit. Für mich besteht überhaupt kein Zweifel, dass es ihm gelingen wird, das Publikum zu begeistern [die Menge zu erheben]. »; ebda.

419  « Das Bild der Patriotes in Pierre Falardeaus letztem Film entspricht im Wesentlichen den Tatsachen... »
Caroline Montpetit: « Un portrait juste des Patriotes »; Le Devoir, 20.01.2001.

420  « Wenn De Lorimier im Film mehrmals die Unabhängigkeit Québecs erwähnt, präzisiert der Historiker, dann weil diese Idee im Geist der Patriotes gerade aufgekommen war. In der Zeit um 1838 hatte die Idee eher die Form der Ausrufung einer Republik. Die Idee der Unabhängigkeit war eher eine Trotzreaktion, die mit der repressiven britischen Politik in den Jahren zuvor erklärt werden kann, unterstrich Jean-Paul Bernard. »; ebda.

421  « Für die Patriotes ist die Nouvelle-France nicht das verlorene Paradis. »; ebda.

422  « Heute dominiert die Konsenstheorie, in der Geschichte und nicht nur da, d.h. man versucht überall Einstimmigkeit herzustellen und dabei bisweilen historische Momente zu entschärfen, die die politische, ökonomische und soziale Stabilität gefährden könnten. »; ebda.

423  « Denjenigen, die sich fragen, ob Falardeaus Film 15 février 1839, der die letzten 24 Stunden im Leben von zum Tode verurteilten Patriotes erzählt, Teil unserer Identitätskrisen ist, antwortet Falardeau selbstverständlich mit ‘ja’. Für ihn ist Geschichte immer aktuell. » Odile Tremblay: « 15 février 1839, entre le film et la saga »; Le Devoir, 20.01.2001.

424  « Falardeau und sein Team waren erstaunt vom Ausmaß eines sakralen Charakters, der jenseits des Szenarios während der Drehaufnahmen zu 15 février 1839 entstand. Der Filmemacher, der erst von seinem Antiklerikalismus gereizt wurde, gibt zu, anfänglich nicht viel mit religiösen Dingen am Hut gehabt zu haben. ‘Dann sagte ich mir, die Leute waren gläubig. Wir sollten ihnen ihr Gebet, die Letzte Ölung, ihren Glauben lassen. Die Hände des Priesters [...], die Füße von Luc Picard auf den Bohlen erinnern an Christus. Es ist das Wirkliche, das den Geist und seinen Ton in meinem Film bestimmte. Ich hätte nicht gedacht, jemals einen so langsamen Film zu machen, aber der näher rückende Tod gebot diese Geduld. »; ebda.

425  « Und aufgeregter für diesen Film, als für andere. ‘Wir haben uns gefragt, welche Wirkung das gegenwärtige politische Klima auf die Reaktionen zum Film haben würde. Meine große Hoffnung ist, dass der Film nicht nur die Befürworter der Unabhängigkeit anspricht. Er wendet sich an alle. Das ist eine universelle Geschichte.’ »; ebda.

426  « Die Szene mit der Schwimmlektion [bäuchlings, Kopf in einer Wasserschüssel] stammt von den Erinnerungen politischer Gefangener in Argentinien. ‘Die Hasstirade hab ich von einem Überlebenden des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Widerstandskämpfer sind überall die gleichen. Ich bin Nationalist aber auch Internationalist.’ »; ebda.

427  « Eines der Argumente der Téléfilm-Leute um das Szenario des Films abzulehnen, bestand darin, dass der Held zu heldenhaft gezeichnet sei. Falardeau kocht beim Gedanken daran noch immer und Picard schüttelt es. Beide sind der Meinung, dass es in den Werken Québecs viel zu wenig Helden gibt ....’Wegen unserer Kultur tut man sich hier schwer mit Leuten, die aufrecht gehen.’ »; ebda.

428  « Falardeau hat hier seinen besten Film geschaffen, ein Werk voller Intensität, das von der gefühlvollen Arbeit der Schauspieler getragen wird und von einer fast mystischen Atmosphäre, die dem Film seine Anmut gibt. » Odile Tremblay: « 15 février 1839: la route vers le sacrifice »; Le Devoir, 27.01.2001.

429  « Ja, es gibt einige ‘falardesque’ Ausfälle, Echos der gegenwärtigen politischen Bemühungen des Regisseurs. »; ebda.

430  « Es ist unwahrscheinlich, dass ein Patriote dieses englische Maß im Gespräch mit einem Bekannten verwendet hat. Die Kadaster im Bereich der Seigneuries benutzten ohne Ausnahme das französische Maß arpent, das einzige Maß, das in der Coutume de Paris erwähnt wird. » Gilles Laporte: « 15 février 1839: un film réussi malgré quelques erreurs historiques »; Le Devoir, 27.01.2001. Seigneurie, système seigneurial - das für die Nouvelle-France typische System lehensherrschaftlicher Landordnung; arpent - entspricht ca. 34 Ar=3,4 km². Bei älteren Angaben variiert der Wert zwischen 20 und 50 Ar. Vgl. Dictionnaire Québécois d’Aujourd’hui, 1993, Eintrag « arpent ».

431  « Es ist nicht nur unwahrscheinlich, dass die Gefangenen die Möglichkeit hatten, die Zeitung Le Canadien zu lesen, die man im Film sieht. Vor allem aber ist es unmöglich, dass sie so früh eine Kopie des berüchtigten Berichts gehabt haben sollen. Durham’s Report wird dem Britischen Unterhaus im Januar 1839 vorgestellt und, da der [St. Lorenz-] Fluss im Winter vereist ist, können die ersten Versionen aus New York frühestens zwei oder drei Monate später eingetroffen sein. In der Tat veröffentlicht Étienne Parent die ersten Auszüge in seiner Zeitung ab März 1839, zu spät also, als dass de Lorimier davon hätte wissen können. »; Gilles Laporte: « 15 février 1839: un film réussi malgré quelques erreurs historiques »; Le Devoir, 27.01.2001.

432  Normand Provencher: « 15 février 1839, Écorchés vifs »; Le Soleil, 27. 01. 2001.

433  « 15 février 1839 beweist, dass es bei uns mehr denn je einen Platz gibt für das militante Kino, für ein Kino wie das von Ken Loach, dem es gleichzeitig gelingt, anzuprangern und zum Nachdenken zu zwingen. Und wenn ein historischer Film ein Echo in der Gegenwart findet, muss man zugeben, dass der Regisseur sein Ziel getroffen hat. »; ebda.

434  M-J Milloy: « Rebel Without A Cause. A response to the politics of Pierre Falardeau's 15 Fevrier, 1839. » Hour, 28.01.2001.

435  Ebda.

436  Ebda.

437  Don Macpherson: « Political hackery oozes from Patriote flick »; The Gazette, 31.01.01.

438  Ebda.

439  « In diesem Jahr wird die Auswahl der Cineasten und Kritiker keine Kontroversen hervorrufen. Die vier Werke in der Kategorie des besten Films, Hauptpreis der vierten Soirée des Jutra, sind ohne Zweifel von herausragender Qualität und verweisen selbst Filme auf die Plätze, die ehrenvolle Konkurrenten hätten sein können. Letztendlich heißen die besten Filme eines künstlerisch besonders ertragreichen Jahres Un crabe dans la tête, 15 février 1839, L'Ange de goudron und La Femme qui boit. » Marc-André Lussier: « Un crabe dans la tête et 15 février 1839 favoris »; La Presse, 24.01.2001.

440  « Wenn man ihn fragt, ob er eher geneigt ist, all den positiven Kritiken zum Filmstart von 15 février 1839 Glauben zu schenken, bringt der Cineast das verschmitzteste Lächeln aus seinem Repertoire hervor. »; ebda.

441  Dimitri Katadotis: « Saints and sinners. Pierre Falardeau on Bouchard, Michaud and other assorted Quebec patriots »; Hour, 28.01.01. Lucien Bouchard, Gründer des Bloc Québécois, später Präsident des Parti québécois und Premierminister Québecs. Zieht sich 2001, wie in der Einführung erwähnt, unerwartet aus der Politik zurück.

442  Ebda.

443  Ebda.

444  D. Katadotis, a.a.O.

445  Ebda. Falardeau bezieht sich auf ein Gesetz von 2000, Bill C-20, genannt Clarity Bill, das in Reaktion auf das Referendum zur Unabhängigkeit Québecs von 1995, die Regeln für die Sezession einer Provinz festlegt.

446  « Wenn Propaganda zur Kunst erhoben wird, wird sie um so trügerischer, weil sie die Kritik einschläfert. Seit einer Woche scheinen die Intellektuellen Québecs anästhesiert von Pierre Falardeaus letztem Spielfilm 15 février 1839. Mit dem Ergebnis, dass es niemand wagt, in der Stimmung einstimmigen Lobes, den der Film in den frankophonen Medien erhalten hat, die wahre Natur des Werkes zu besprechen. 15 février 1839 ist ein Propagandafilm. Er wurde entworfen, um die nationalistische Ader des Volkes von Québec anzuregen. » Luc Boulanger: « Crois ou meurs »; Voir, 01.02. 2001.

447  « 15 février 1839 hat mich nicht nur nicht berührt, sondern den gegenteiligen Effekt erzielt. Wenn das Projekt einer Gesellschaft zu blindem Glauben wird, distanziere ich mich. Der Nationalismus, den Falardeau mit seinem Film transportiert ist Teil dieser Art des Glaubens der eher auf Leidenschaften als auf der Vernunft beruht. Er impliziert, dass man seine ‘Seite’ wählen muss, und ansonsten mit Verrat an der Nation bestraft wird, und dass es ehrenhaft ist, auf dem Altar der Ideologien zu sterben. Dieser Nationalismus ist archaisch, manichäistisch, kriegerisch und gefährlich revanchistisch. Wenn der Bürger Falardeau mit diesen Prämissen ein Land bauen will, ist die Angst einiger Québécois vor der Unabhängigkeit nur verständlich. »; ebda.

448  « Das Publikum aber lacht ausgiebig. Das ist nicht neu, die Propaganda schmeichelt gern den Massen und es ist egal, ob sie dabei nur die menschliche Dummheit widerspiegelt. »; ebda.

449  « ...jenseits der Pflicht zur Erinnerung, lehrt uns die Geschichte, dass das Blut zu vieler Männer und Frauen geflossen ist, um Helden oder Tyrannen zu verherrlichen. »; ebda.

450  « Sie trauen sich zu behaupten, dass es schlimmer war in Upper Canada?! Lüge! ... Wer hat Ihnen nur eine solche Unwahrheit beigebracht ? Überprüfen Sie Ihre Quellen nicht vor der Veröffentlichung? Wo hatten Sie Ihren Kopf im Geschichtsunterricht? ... Wer hat Ihnen das in den Kopf gesetzt? »
Der Brief findet sich unter folgender Adresse: http://www.vigile.net/arts/index.html

451  « Ich hoffe, Sie werden sich im Laufe der kommenden Tage förmlich entschuldigen. Und ich hoffe, dass Ihrem Arbeitgeber, La Presse, einer respektablen Zeitung mit 100-jähriger Geschichte, die es sich zu Herzen nimmt, ihre Leser gut zu informieren, die Bedeutung klar sein wird, diese Entschuldigung nicht lediglich als kleines Erratum irgendwo im Anzeigenteil unterzubringen und somit die Dinge wieder richtig zu stellen. Es wird Zeit, dass man aufhört, derartig die Geschichte zu fälschen. »; ebda.

452  « Seit Jahren kommt es in einer gewissen Presse zu Verunglimpfungen der verurteilenswertesten Art. Es gibt mehr und mehr Verstöße im Auftreten der anglokanadischen Presse wenn es um Québec, Frankokanada, die ‘Souveränisten’ Québecs und Frankophone geht. Das kann nicht länger so weitergehen. Die Québécois sind auch eine soziale Gruppe. Es kann nicht zugelassen werden, dass das Gedächtnis eines der Monumente unserer Nationalkultur in dieser Art behandelt wird. »; ebda.

453  Die US-amerikanischen Bemühungen um eine « English-only »-Sprachpolitik entstanden seit den 80er-Jahren im Kontext der Hispanisierung der Bevölkerung und der Politisierung der Aussichten auf eine Unabhängigkeit Québecs. (1981 wurde im Congress Englisch als offizielle Sprache der USA debattiert, 1996 wurde vom Repräsentantenhaus mit 259 gegen 169 Stimmen ein diesbezügliches Gesetz angenommen.)

454  http://www.oz.net/~pherlevi/VIFFhighlights.htm

455  Einige Beispiele der zahlreichen Zuschriften per E-mail (in Auszügen): « Vive le Québec libre!!! Vive l'indépendance!!! Bravo à Pierre Falardeau pour ce magnifique film!!! / Vraiment pas bon! Encore une fois les québecois se traînent à terre en se lamentant. Quel ennui! Ce film était très... radical. De la haine pure tout le long du film envers les anglais. / Incroyable! Surtout à la fin, quand Hindelang fait ses adieux, et le meilleur du film est selon moi la dernière phrase du film. ‘Vive La Liberté! Vive l'indépendence.’ / Un film magnifique, les sentiments qui sont présentés et le volet historique de ce film en font un véritable chef d'oeuvre. Je ne peux que dire une chose après l'écoute de ce film: vive le Québec libre!!! Les anglais n'ont pas réussis à nous assimiler et ne réussiront pas. / ...Et ce n'est pas vrai que ce film incite à haïre les Anglais. De tout temp les empires ont emmerdés leur colonies ce n'est pas que les Anglais! Nous aurions fait pareille a leur place. Les humains ne savent pas manier le pouvoir, mais ça c'est une autre histoire... / Normalement, je donnerais 4 ou 5 pour ce genre de film plate, mais comme je n'aime pas la propagande des inconditionnels de Fallardeau (de style ‘bon ou pas ça vaut toujours 10’...) j'ose ramer à contre sens en attribuant un joli 1 à ce film médiocre. / ...Les Anglais ont vraiment fait subir ce type de souffrances aux Canadiens français. Pas seulement aux Patriotes de 1837-38, mais à tout le peuple francophone (et ceci dit, tout les autres peuples non blanc, Anglo-Saxons et protestants) Ce n'est pas de la propagande : c'est la vérité. / Ce film est un chef d'oeuvre! Enfin un film qui nous rend fière d'être québécois. / Un film d'une authenticité remarquable. Un chef-d'oeuvre... / Ce film est touchant, il est absolument formidable. On ne pouvait demander mieux à Falardeau, et que dire des acteurs!! / Excellent! Excellent! Je me suis retenu tout le long de pleurer. C'est un exploit car ma blonde, elle, se laissait aller sans gêne. Si seulement on cessait de bloquer les films sur ces terribles épisodes de notre passé, les gens seraient moins cons et plus renseignés sur les horreurs que l'on a vécues. / J'ai un mot à dire: WOW! Ce film m'as plu énormément car je suis un passionné des patriotes et du monde qui a combattu pour libérer notre peuple des anglais. C'était aussi très émotif et le film recréé véritablement ça que le monde ont du passer à travers dans ces temps pénibles. Un autre bon point du film est qu'il respecte en tout temps les patriotes et leurs familles. » Für die zitierten und weitere Reaktionen: http://aga.cinemamontreal.com/aw/crva.aw/c.F8F5EE/p.cm/r.que/m.Montreal/j.f/i.2322/s.0/f.15_fevrier_1839.html

456  Klaus von Beyme: Kulturpolitik und Nationale Identität; Studien zur Kulturpolitik zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Autonomie; Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 75,

457  « Ein wahrer Schock für die Nomenklatur von La Presse! Glaubt man der französischsprachigen Kritik, dann besteht Falardeaus 15 février 1839 im Vergleich mit gegenwärtigen großen internationalen Produktionen...Schlechte Nachrichten für die ethische Presse, die mit dem Regisseur von Les temps de Bouffons offene Rechnungen hat... » John Hogan: « Falardeau et la presse éthique »; AGQ, 05.02.2001.
http://www.vigile.net/01-1/hogan.html#falardeau

458  « Wieder einmal haben sich Journalisten in der englischsprachigen Presse für ihre Argumentation bedient. Ihre versteckte Schlussfolgerung ist, dass Falardeaus Werk eine Ode des Hasses auf die Engländer sei. Zum Tode Verurteilte, die von den Eroberern hingerichtet werden, verspüren Hass auf ihre Henker, diese Wahrheit ist universell, wie im Übrigen auch der Film. »; ebda.

459  « Im Skandal um die Fetzen [die rote Ahornfahne] wird nur Québec denunziert, weil die Nachricht von hier stammt, ohne die Ursache des Problems zu nennen, die im weit übertriebenen Gebrauch der kanadischen Flagge liegt. Genau genommen handelt es sich um nicht weniger als den Versuch, uns Ignoranten zu verbieten, einen Teil unserer Geschichte zu erzählen. Wir können Vergangenheit und Gegenwart nicht unterscheiden, das ist die Nachricht, die uns die ethische Presse übermittelt. Und all das ist nur ein Teil der Sabotagearbeit von La Presse, um Kanada zu unserer Hauptzugehörigkeit zu machen. »; ebda.

460  Charlie Demers ( Peak Staff ): Je me souviens: 1837-1839 ; Peak, issue 7, vol 109, October 15, 2001. http://www.peak.sfu.ca/the-peak/2001-3/issue7/ar-jms.html

461  Ebda.

462  « Pierre Falardeau's recent, much publicized (in Quebec) and high acclaimed (in Quebec) film, 15 février 1839, epitomizes the claiming of a leftist agenda while over-riding and undermining this same agenda with a melodrama of conflicting solitudes. » Gregory J. Reid: « Mythologising a Conflict of Solitudes and the Erasure of the Left »; http://www.umoncton.ca/facarts/anglais/actr/news/251/reidAb.htm

463  « [History 412F] Rebellion in Ireland and Quebec. This course is designed to encourage you to think about the meaning of two rebellions, one that took place in Ireland in 1798 and the other in Quebec in 1837-8. These two rebellions reflected some significant tensions in the two societies and led to some dramatic consequences after the rebel forces were defeated by the British authorities. »; http://artsandscience.concordia.ca/hist412fw/Course_Outline_txt.html

464  John George Lambton, Earl of Durham, a.a.O., Titelseite, Bd. 2.

465  Constitutional Act, 1791

466  C.P. Lucas in: Durham’s Report;Vol. 1. Introduction, edited with an introduction by Sir C.P. Lucas, K.C.B., K.C.M.G., S. 34.

467  Durham’s Report; Bd.2, S. 7 f.

468  Charles Buller: Sketch of Lord Durham’s Mission to Canada in 1838; in: Durham’s Report; Bd. 3, Annex D, S. 337.

469  W. Ferguson, a.a.O., S. 201.

470  C.P. Lucas in: Durham’s Report; Bd. 1, S. 318.

471  Durham’s Report; Bd. 2, S. 15.

472  Ebda., S. 16, meine Hervorhebung.

473  Ebda., S. 17.

474  Ebda., S. 180.

475  Ebda., S. 19 f. Die erwähnte Ausnahme betreffend findet sich eine Fußnote von Lucas mit dem Hinweis: « I have not been able to ascertain to what this refers. ». (« Canadian population » meint hier « frankokanadische Bevölkerung. »)

476  Alan Greer: « 1837-1838: Rebellion Reconsidered »; Canadian Historical Review, vol. 76, Nr.1 1995, S. 2-18, S. 18.

477  Durham’s Report; Bd. 2, S. 27.

478  Durham spricht im engeren Sinne von der französischsprachigen Bevölkerung in Lower Canada/Bas-Canada. Seine Äußerungen beziehen sich aber immer wieder auf die gesamten nordamerikanischen Kolonien und somit auf alle Frankokanadier. (Der Begriff könnte hier auch mit Canadiens bzw. Canadians wiedergegeben werden, streng genommen ist « Frankokandier » 1839 ein Anachronismus.)

479  Durham’s Report; Bd. 2, S.294.

480  Ebda., S. 98.

481  Ebda., S. 98 f.

482  Ebda., S. 46.

483  Ebda., S. 292.

484  Ebda., S. 70.

485  The Encyclopædia Britannica, Eintrag Murray, James, Vol. VII, S. 617.

486  W. Ferguson, a.a.O., S. 140.

487  Ebda.

488  Adam Shortt, Arthur G. Doughty (Hg.): Canada and its province: a history of the canadian people and their institutions by one hundred associates; Publisher’s association of Canada Glasgow-Brook, Toronto 1914. Vol. 15, Section VIII, The province of Québec, part 1., S. 198.

489  Der Unterschied zwischen den Konzepten zur Gemeinschaft bei Carleton und Durham ist keineswegs mit dem Begriff der (modernen) « Anonymität » umfassend beschrieben. Der bisweilen beschriebene Bruch, durch den « authentische », « reale » Kommunikationsgemeinschaften mit face-to-face Charakter durch die Nationalisierung des 19. Jahrhunderts zu « virtuellen » (nicht-realen?), « anonymen » Gemeinschaften werden, dürfte schwerlich nachweisbar sein.

490  Durham’s Report; Bd.2, S. 22.

491  Vgl. Rainer Münz, Ralf Ullrich: « Bevölkerung »; in: Hans Joas (Hg.): Lehrbuch der Soziologie; Campus Verlag, FaM 2001, S. 477-504, S. 488.

492  Ebda., S. 259. Wie im ersten Teil des Kapitels erläutert, beschäftigt sich auch Pierre Falardeau in seinem Film 15 février 1839 mit dem Thema Migration – bzw. Immigration – um eine Verbindung zwischen den Sorgen der Patriotes und der politischen Gegenwart Québecs zu schaffen.

493  Ebda., S. 60 f.

494  Ebda., S. 209.

495  Ebda., S. 215.

496  Ebda.

497  Ein weiterer Hinweis auf die Parallelen von Durhams und Falardeaus Interpretationen.

498  Durham’s Report; Bd. 2. S. 61.

499  Ebda., S. 61 f.

500  Ebda., S. 62.

501  In den letzten Jahrzehnten kann von der Belebung einer Cajun Identity gesprochen werden. Neben der gastronomischen Vermarktung (als « Cajun Cuisine ») ist die Erinnerung der spärlichen Reste der Kultur der Acadiens in Louisiana vor allem in der Musik und im Feiern des Mardi gras wach. Feiern hat man nicht verlernt, wie musikalische Sammlungen von Stomps from the Swamps zeigen. Im Beiheft einer CD mit dem Titel Kings of Cajun liest man: « Cajun Music, one of America’s great downhome musics, has been moulded inexorably by the harshness of Cajun history [...] But at no time has the basic Cajun ‘soul’ been lost [...] Now as they say in Louisiana ‘Let the good times roll’. » John Broven: Begleittext in der CD-Beilage von Kings of Cajun. Music Collection International 1982.
Nach Angaben des 1968 gegründeten Conseil pour le développement du français en Louisiane (CODOFIL, www.codofil.org/ francais/) kann von einer französischsprachigen Bevölkerung in Louisiana von fast 200 000 ausgegangen werden.

502  Durham’s Report; Bd. 2, S. 288 f., meine Hervorhebung.

503  Ebda., S. 299.

504  Ebda., S. 289.

505  Ebda., S. 27.

506  Ebda., S. 28. Durham irrt zweifach in seiner Beschreibung. Die Kolonie dürfte unter Talon und Colbert eher von einer Überorganisation gekennzeichnet gewesen sein. Die zentralistischen und despotischen Eigenschaften des Ancien Régime erfuhren in der Nouvelle-France aber eine Dämpfung. Weinmann beschreibt die befreiende Distanz von der Zentralgewalt in Paris, auf Louis XIV anspielend, unter dem bereits zitierten Titel « ’L’État sans moi’, répond le Canadien. » H. Weinmann, a.a.O., S. 119 f.

507  Durham’s Report; Bd. 2, S. 28.

508  Ebda., S. 30.

509  Ebda., S. 30f.

510  Ebda., S. 291.

511  Siehe weiter oben im Text

512  Zu Foucaults Begriffen der Pastoralmacht bzw. der Biomacht vgl. Histoire de la sexualite (1976), Surveiller et punir u. Naissance de la prison (1975).

513  In der Einschätzung Foucaults seit dem 17./18. Jahrhundert agierende (bzw. eingesetzte) Formen der Macht. Vgl. « Wahrheit und Macht. Interview von A. Fontana und P. Pasquino »; in: Michel Foucault: Dispositive der Macht, Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit; Merve Verlag Berlin 1978. S. 21-54. (Dt. Übers. v. « Intervista a Michel Foucault » di A. Fontana e P. Pasquino, in: Microfisica del Potere, Turin 1977.)

514 Ebda., S. 35 f.

515  Abbé Grégoire: Rapport sur la nécessité et les moyens d’anéantir les patois et d’universaliser l’usage de la langue française; in: M. de Certeau, D. Julia, J. Revel: Une politique de la langue: la Révolution française et les patois. L’enquête de Grégoire; Gallimard, Paris 1975, S. 300-317.

516  Zum Begriff des « patois » bei Grégoire vgl. Claire Asselin, Anne Mc Laughlin: « Patois ou français: la langue de la Nouvelle-France au XVIIe siècle; » Langage et société, 17, 1981, S. 3-58, S. 48.

517  Es kann sich bei der Beschreibung der hegemonialen Assimilationspolitik in Kanada selbstverständlich nicht darum handeln, einen konfigurierten Konflikt als wesenshaft (« angelsächsich » und « französisch ») darzustellen. Ein Blick nach Frankreich genügt, sich eines Besseren belehren zu lassen, hier freilich mit anderer Rollenverteilung. Die historiographische Argumentation der bretonischen Unabhängigkeitsbewegung gegenüber dem französischen Staat ähnelt in bedrückender Weise dem Blick der quebekischen Souverainistes: « For the movement, the Breton/French divide is an opposition that runs through all their readings of history. The facts are constructed from premises and preoccupations organized around a Breton/French opposition in which language difference is given morally and politically compelling dress. » Maryon McDonald: « We are not French » - Language, culture and identity in Brittany; Routledge, London and New York 1989, S.77.

518  Lord Durhams Vorschläge gehen eigentlich weiter und beinhalten eine Union aller britischen Kolonien in Nordamerika, nicht nur Lower und Upper Canada.

519  Der britische Test Oath, frz. serment du test bestand in einem behördlich eingesetzten Schwur mit folgendem Gehalt: Nicht-Anerkennung des Papstes, der Heiligen Jungfrau, der Heiligen und der Transsubstantiation. Damit war unrealistischerweise keine Minderheit (wie in Großbritannien), sondern quasi 100 % der frankokanadischen Bevölkerung von Ämtern ausgeschlossen.

520  Philip Lawson: « ‘Sapped by Corruption’: British Governance of Québec and the Breakdown of Anglo-American Relations on the Eve of Revolution »; Canadian Review of American Studies, 22, 3 (Winter 1991), S. 302-324.

521  Durham’s Report; Bd. 2, S. 79.

522  Ebda., S. 73.

523  Ebda., S. 77.

524  Ebda., S. 277.

525  Ebda., S. 90.

526  Ebda., S. 116.

527  Anno tertio & quarto Victoriæ reginæ, [Union Act]; J.C. Fisher & W. Kemble, Québec 1841, S. 3 f.

528  Ebda., S. 4.

529  Ebda., S. 15.

530  Ebda.

531  « Gott und mein Recht » und nfrz. « Honni soit qui mal y pense » - « Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt! » Übers. Dictionnaire général français-allemand/allemand-français; Larousse, Paris 1994.

532  Peter Sloterdijk: « Von Terror und von Genen. Ein Plädoyer für die Enthysterisierung zweier Selbsterregungskampagnen »; Frankfurter Rundschau, 17.11.2001.

533  Durham’s Report; Bd. 2., S. 293.

534  Michel Gratton, zitiert in: W. Ferguson, a.a.O., S. 204.

535  Peter Heintel, Thomas H. Macho: « Der soziale Körper: Kynismus und Organisation »; in: Peter Sloterdijks « Kritik der zynischen Vernunft »; Suhrkamp, FaM 1987, S. 290-323, S. 312.

536  Vgl. auch: Réal Fortin: La guerre des Patriotes : le long du Richelieu; Milles roches, Saint-Jean-sur-Richelieu 1988.

537  Die « mutigen Canadiens, die für die Anerkennung unserer Rechte kämpften »; bzw. « um der patriotischen Bildung unserer Kinder zu dienen. » Marie-Claire Daveluy: Le Richelieu héroïque; Librairie Granger Frères Limitée, Montréal 1945, S. 7.

538  « Erinnern wir uns dieser tragischen Stunden von 1837! Erinnern wir uns an die ergreifenden Taten der Patriotes! Sie waren aufrichtig, entschieden, mutig, oft innerlich zerissen in ihrem christlichen Gewissen und...so unglücklich! Mit ihrem Blut bezahlten sie einen Aufstand, zu dem sie getrieben worden waren. »; ebda.

539  Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, handelt es sich bei den « zwei kanadischen Kulturen » um eine Abstraktion, die kulturell, politisch und sozial von hoher Relevanz ist.

540  « Machen wir uns keine Illusionen. Die Regeln der Demokratie sind, wie sie sind und könnten sehr gut das Ende dieser einzigartigen historischen Erfahrung bedeuten, die in der Entstehung einer französischen Vision Amerikas bestand. Was weder die Conquête von 1759 noch der Act of Union von 1841 erreichen konnten, nämlich, dass wir als Volk aufhören zu existieren, daran arbeiten wir inzwischen selbst, ganz einfach durch den Verlust des außerordentlichen Lebenswillens, der uns seit nunmehr über 20 Generationen belebt hatte. » Richard Bergeron: « L'urgence d'une politique de la population pour le Québec »; Le Devoir, 14.08.2002.

541  Für eine Darstellung der öffentlichen kommemorativen Arbeit anhand der zwischen 1850 und 1926 errichteten Denkmäler für die Aufständischen von 1837-38 siehe Kapitel 6 in: Alan Gordon: Making Public Pasts: The Contested Terrain of Montreal’s Public Memories, 1891-1930; McGill-Queen’s University Press, Montréal 2001.

542  « WEIL alle Völker in besonderer Art diejenigen aus ihren Reihen ehren, die für die Verteidigung und Förderung ihrer nationalen Identität und ihrer demokratischen Institutionen kämpften und ihr Leben ließen;
WEIL das Motto Québecs « ICH ERINNERE MICH » ist;
WIRD DEMZUFOLGE BESCHLOSSEN, auf Vorschlag des Premierministers:
Die Regierung Québecs erklärt den dem 23. November jedes Jahres naheliegendsten Sonntag zur ‘Journée des Patriotes’ um das Gedenken an die Patriotes zu ehren, die für die nationale Anerkennung unseres Volkes kämpften, für seine politische Freiheit und für die Erlangung eines demokratischen Regierungssystems. »
Die Erklärung kann u.a. auf den Internetseiten der Maison nationale des Patriotes eingesehen werden:
http://www.mndp.qc.ca/decret.htm

543  Es ist auffällig, in welch hohem Maße das Internet mit seinen technisch offenen Grenzen regionale (und nationale) Realitäten wiedergibt. Die konsultierten Foren waren diesbezüglich von einer erstaunlichen Konsistenz.

544  Im Internet können Tausende von Sites konsultiert werden, die sich in der einen oder anderen Form mit den Patriotes beschäftigen. Für eine Reihe von Links siehe: http://www.cvm.qc.ca/Patriotes/index2.htm oder http://www.mef.qc.ca/Jemesouviens-denosPatriotes.htm (Der Name ist Programm!)

545  Vgl. Seymour Martin Lipset: Continental Divide: The Values and Institutions of the United States and Canada; Routledge, New York/London 1990.

546  Die « Söhne der Freiheit » waren eine 1837 gegründete Bewegung mit republikanischen Zielen, die zunächst dem englischsprachigen Doric Club gegenüberstand und auch militärisch aktiv war.

547  « Das Volk wird nicht aufgeben, für die Dinge, die es einmal nicht erreichen konnte, zu kämpfen und es wird sie am Ende immer erhalten. » Louis-Joseph Papineau, 1831.

548  Vgl. Guy Bouthillier: « Un Falardeau ontarien? »; La Presse, 01.02. 2001.

549  « Denn was die Berechtigung ihrer Sache betrifft, so hatten sie weitaus mehr guten Grund, ihre Regierung zu stürzen, als es in England selbst 1688 und in den Vereinigten Staaten 1775 der Fall war, und zwar weil die Kolonialbehörden ihre Angriffe gegen ihre Nationalität richteten, den heiligsten Besitz eines Volkes. » François-Xavier Garneau: Histoire du Canada depuis sa découverte jusqu'à nos jours; 5. Aufl.. Alcan Paris, 1913-1920, Bd. 2, S.652.

550  John Fraser: Canadian Pen and Ink Sketches; Gazette Printing Co., Montréal 1890, S. 82f.

551  « Agitatoren und ihre Philippika » Lionel Groulx: Histoire du Canada français depuis la découverte; Fides, Collection Fleur de lys, Montréal et Paris 1960. (1950); Bd. 2, Le Régime britannique au Canada, S 171.

552  « Zu viele Historiker haben u.E. die Frage falsch gestellt...Man hat den Anhängern Papineaus wahre revolutionäre Ziele unterstellt. Der Widerstand einiger kaum oder gar nicht bewaffneter Bauern gegen eine Polizeiaktion ist zu einem bewaffneten Aufstand zur Abschaffung eines politischen Systems gemacht worden. Falscher Ausgangspunkt, verschwommene Perspektive...Es ist falsch, von einer organisierten und geplanten Revolte auszugehen. Vielmehr sollte man von Meuterei, höchstens Volkserhebung sprechen. »; ebda.

553  « Ist es akzeptabel, hier nichts anderes als die unnötigen Ausbrüche von unheilbar fanatischen Demagogen sehen zu wollen? »; ebda., S.172.

554  « Damit, glauben wir, sind die Aufstände von 1837-38 bei aller Objektivität, in ihrem Rahmen und in ihrem historischen Moment und also wieder verhältnismäßig dargestellt. Dennoch scheint uns, kann man die bedauernswerten Opfer jener Zeit nicht mehr mit der Strenge herkömmlicher Kritik verurteilen. Diese Männer glaubten, und aus gutem Grund, dass ihr Land und das Leben ihrer Nationalität ernsthaft gefährdet war, und zwar von einem zutiefst korrupten politischen System. »; ebda., S. 177.

555  « ...die politische Philosophie des englischen Radikalismus oder Whiggismus: preußische Partei sagte man in England... »; ebda., S. 186, « ...die anglisierende Politik Lord Durhams [...] Auf Bestrafung abzielende Politik », ebda., S. 189.

556  « In Durham steckte, wie in jedem Imperialisten, die Art von Ideologe, der Völker und Nationen für plastisches Material hält, welches mit Entschlossenheit und fester Hand einfach modelliert werden könne. », ebda., S.187

557  « Der Vorhang ist gefallen über die Schafotte, Deportationen und die ganze Katastrophe [...] Was aber, wenn sich eine weitere Wendung der Vorsehung ergeben sollte und aus dem schrecklichen Unglück einen neuen und kraftvollen Vorstoß der Autonomie entstehen ließe? »; ebda., S. 181, meine Hervorhebung.

558  « Die Rebellion von 1837 ist eigentlich ein zweifacher Aufstand: Aufstand der Briten in Bas-Canada gegen die Gefahr einer frankokanadischen Republik und Aufstand des fortschrittlichsten Teils der frankokanadischen Nationalisten gegen die englische Herrschaft. » Maurice Seguin: L'idée d'indépendance au Québec. Genèse et historique; Trois-Rivières, Boréal Express 1968, S.33.

559  « Die Aufstände von 1837-38 können zuerst als nationale Unabhängigkeitsbewegung definiert werden, die von den frankokanadischen Mittelschichten in ihrem Interesse geführt werden ... Diese revolutionäre Elite sieht die Zukunft bezüglich einer landwirtschaftlichen Ökonomie und des Überlebens der alten sozialen Herrschaftsformen. Die Unabhängigkeit hätte die beiden dynamischsten Bereiche der Wirtschaft zerstört: den Holzhandel und den Getreidehandel mit dem [kanadischen] Westen und hätte damit die Unterentwicklung für Jahrzehnte etabliert und die Herrschaft der Seigneurs und des Klerus gestärkt. Hinsichtlich dieser Ansichten und Ziele rufen die Nationalisten die Massen auf und mobilisieren sie 1837-38. » Fernand Ouellet: Le Bas-Canada 1791-1840. Changements structuraux et crise; Éditions de l'Université d'Ottawa, Ottawa 1976, S. 484f.

560  « Die Niederlage der Aufstände kann zweifelsohne mit dem energischen Festhalten der frankokanadischen Mittelschichten [der Mittelstand] an kurzfristigen Interessen erklärt werden. Sie kann auch damit zusammenhängen, dass diese Schichten nicht wirklich revolutionär waren, weil sie sich eigentlich in einer Wachstumskrise befanden und nach einem Platz und einer Stellung in der Gesellschaft suchten. So ließe sich die ausgesprochen schlechte Qualität der Führung der Aufstände durch die Revolutionäre des Mittelstandes erklären. »; ebda., S. 487.

561  « Ein Element, mit dem sich gut aufzeigen lässt, dass es ein Fehler wäre, die Ereignisse der 1830-er Jahre als Konfrontation zweier Ethnien zu beschreiben, ist die Anwesenheit von Englischsprachigen im Parti Patriote. Man findet sie in den verschiedensten Positionen: Abgeordnete, Kandidaten, Volkstribune, Mitglieder in Unterstützungskommittees. Namen wie die von John Neilson, der beiden Brüder Nelson, von O'Callaghan, T.S. Brown, Daniel Tracey und von W.H. Scott kommen einem sofort in den Sinn. Die Mitgliedschaft dieser Individuen in der Partei scheint ideologisch begründet zu sein und mit konvergierenden Klasseninteressen zu tun zu haben. Die ethnische Spaltung ist nicht stark genug, gemeinsame Interessen zu verdecken. Die englischsprachigen Vertreter im Kreis der Parteiführung entstammen in der Tat den gleichen sozialen Schichten wie die französischsprachigen Patrioten, den verschiedenen Elementen, die das Kleinbürgertum ausmachen. » Gérald Bernier: « Le parti patriote (1827-1838) »; in Vincent Lemieux (Hg.): Personnel et partis politiques au Québec; Boréal, Trois-Rivières, 1981, S. 214f.

562  Elinor Kyte Senior: Redcoats and Patriotes. The Rebellions in Lower Canada, 1837-38; National Museum of Canada, Ottawa 1985, S. 204.

563  Die kleine Geschichte der Patriotes; Die vergessene Geschichte der Patriotes; Die langsame Agonie der Patriotes; « Canadiens, deren Nachkommen wie sind »; « ... haben wir heute eine demokratischere Form der Regierung. » Paul Rochon: 1837 (La petite histoire des Patriotes); Les éditions du Taureau, Montréal 1987, S. 5.

564  Desmond Morton: A Military History of Canada; McClelland and Stewart, Toronto 1992, S. 73f.

565  Alan Greer, 1995, S. 18.

566  Durham’s Report; Bd. 3, Appendix D.

567  Ebda., S. 241.

568  Ebda., S. 273.

569  Ebda.

570  Ebda., S. 274.

571  Ebda., S. 287 f.

572  Cardinal Castelli, Rome, à l’abbé de l’Isle Dieu, 17 décembre 1766, zitiert in: Gustave Lanctôt: Le Canada et la Révolution américaine (1774-1783); Beauchemin, Montréal 1965, S. 17.

573  Streng genommen müsste zumindest bis 1867 von Canada-Est die Rede sein, jedoch kann hier im Sinne von Y. Lamondes Histoire sociale des idées au Québec von einem weiter gefassten Begriff ausgegangen werden. Gérard Bouchard verweist auf die Geburt der aktuellen Repräsentation von « Québec » im 20. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg. Vgl. Gérard Bouchard: « La réécriture de l’histoire nationale au Québec. Quelle histoire? Quelle nation? »; in: Robert Comeau, Bernard Dionne, a.a.O., S. 115-142, S. 121.

574  « Seine Ankunft [des berühmten Lambton, Lord Durham] in Montréal wurde als ein wahrer Triumph gefeiert [...] Nachdem Lord Durham aber einige Canadiens nach Bermudas verbannt hatte, wurde er in England unerlaubten Handelns bezichtigt und musste so seinen Posten plötzlich aufgeben. Er wurde am Hof ungnädig empfangen und starb bald darauf, vor Kummer, sagte man, aber nicht ohne vorher die Möglichkeit gefunden zu haben, der Königin seinen berühmten Bericht über Kanada vorstellen zu können, ein disparates Werk, in dem sich einige Widersprüche finden und in dem er vorschlägt, das Projekt der Anglisierung des Landes wieder aufzunehmen. Die gute Seite des Berichts besteht in einer Vielzahl wertvoller Informationen und Wahrheiten. » Maximilien Bibaud: Catéchisme de l’histoire du Canada à l’usage des écoles; MM. Bibaud et Richer, Montréal 1853, S. 90.

575  « Wie stellt sich das Verhalten Englands in dieser und der folgenden Zeit dar? Man kann England ohne zu zögern einen Machiavelismus vorwerfen, der umso deutlicher und bedauernswerter ist, als dass, nachdem die zweitrangigen Anführer des Aufstandes auf dem Schafott hingerichtet worden waren, die eigentlichen Anführer freigesprochen, bestens behandelt und sogar für öffentliche Posten zugelassen wurden. »; ebda.

576  o.N.: Abrégé de l’histoire sainte, de l’histoire de France et de l’histoire du Canada à l’usage des commençants; Montigny&Cie, Montréal 1855. Die « Leçon préliminaire » des Buches beginnt mit der Frage « Qu’est-ce que l’histoire? » Es folgt die Antwort: « L’histoire est le récit authentique des événements qui ont eu lieu depuis le commencement du monde. » S.5.

577  « Die Schulleiter beschwerten sich zurecht über die Absonderlichkeit, die hiesigen Kindern in der Geschichte entfernter Völker und untergegangener Nationen bis ins kleinste Detail zu unterrichten und ihnen all die ritterlichen Abenteuer, die heldenhaften Ereignisse und den großen religiösen Epos zu verschweigen, die sich um die Wiege der jungen kanadischen Familie abgespielt haben und diese in aller Herrlichkeit erstrahlen lassen. »
F.-X. Garneau: Abrégé de l’histoire du Canada depuis sa découverte jusqu’à 1840 : à l’usage des maisons d’éducation [Approuvé par le conseil de l'Instruction publique du Bas-Canada]; 3e éd. Des Presses d'Augustin Coté, Québec 1864. Préface.

578  « ...wir erklären ohne weiteres, dass dieses Buch in die Hände der Schüler unserer Bildungseinrichtungen gelegt werden kann, und wir glauben, dass es von großem Nutzen sein wird. » Approbations données à l'éditeur. Archevêché de Québec, 20 novembre 1856, ebda., Titelseite, meine Hervorhebung.

579  « Am 7. Dezember brachen in Montréal schließlich Unruhen zwischen den Fils de la liberté und den Constitutionnels aus. Papineau, Dr. O’Callaghan und 24 andere Personen wurden des Hochverrats bezichtigt und das Militär wurde mit ihrer Festnahme beauftragt [...] Der Aufstand wurde niedergeschlagen. »; ebda., S. 190.

580  « Diese Zurückweisung demütigte und verletzte ihn zutiefst. Er reichte seinen Rücktritt ein und gab in einer langen Erklärung kund, dass er dem Land einen englischen Charakter geben wollte und den erbärmlichen Neid einer kleinen Gesellschaft und die schrecklichen Feindseligkeiten der Herkunft mit den erhabenen Gefühlen einer größeren und nobleren Nationalität bekämpfen wollte. »; ebda.

581  « Der Bericht Durhams war ein Plädoyer für die Anglisierung, und gleichzeitig unterstützte er die heiligen Prinzipien, die die Volksversammlung immer verteidigt hatte...Seine Empfehlungen wurden von den Ministern und schließlich vom Parlament in London angenommen, trotz der Eingaben der katholischen Kirche und der Canadiens, die gegen die Vereinigung der beiden Kanadas protestierten. »; ebda., S. 194.

582  « Bei seiner Ankunft fand Durham die Gefängnisse voller Aufständischer, die auf ihren Prozess warteten. Er nutzte die Krönung von Königin Victoria um alle, die sich an den Aufständen beteiligt hatten zu begnadigen, mit Ausnahme von 24, die auf Bermudas verbannt wurden. Der englische Minister kritisierte sein Vorgehen, und, von dieser Zurückweisung verletzt, begab sich der Gouverneur nach England und überließ Colborne die Verwaltung...Lord Durham war für eine Untersuchung zum Zustand des Landes nach Kanada geschickt worden, und um der Metropole Maßnahmen vorzuschlagen, die ihm für das Wohl der Bewohner geeignet schienen. Er reichte bei der britischen Regierung einen umfangreichen Bericht ein, in welchem er sich für die Anglisierung der französischen Rasse aussprach, gleichzeitig aber den Prinzipien zustimmte, die das Parlament immer verteidigt hatte. » Congrégation de Notre-Dame: Abrégé de l’histoire du Canada: en rapport avec l’arbre historique; Eusèbe Senécal & Fils, Imprimeurs-Éditeurs, Montréal 1882, S. 78.

583  J. Létourneau definiert die Révolution tranquille wie folgt: « On désigne par Révolution tranquille cette période d’environ six ans (1960-1966) au cours de laquelle une collectivité, propulsée par une nouvelle classe fortement inspirée par l’idéal de l’interventionnisme étatique et de la planification technocratique, pose les conditions de sa promotion relative et absolue en lançant tout un train de mesures qui auront pour conséquences de modifier fondamentalement ses manières d’être, de faire, de penser et de dire. » J. Létourneau, 1995, S. 28.

584  « [L]’identité est une intelligibilité et une mise en configuration narrative de Soi-même et de l’Autre dans un rapport de réciprocité et de reconnaissance mutuelles. Autrement dit, la question cruciale de l’expérience humaine n’est pas, comme Shakespeare l’avait formulée dans une maxime choc, d’’être ou ne pas être’, mais plutôt d’« être une histoire racontable et communicable ou ne pas être »; ebda., S. 12.

585  « Nicht miteinander zu vereinbarende Ziele / Sehen Sie einen möglichen Kompromiss zwischen dieser Forderung und der Eingabe der Händler von Montréal? / Zu den Waffen! / Von der Antwort aus London enttäuscht, wenden die Vertreter der Reformer eine Verteidigungsstrategie an / Die Revolte ist niedergeschlagen worden. 12 Patriotes werden zum Tode verurteilt und in Montréal gehängt, weitere 60 nach Australien verbannt / Die Motive eines einfachen Kämpfers: ein Brief an die Canadiens. »

586  « Welcher umgangssprachliche Ausdruck enthält den Namen Papineau? [Gemeint ist die Wendung ne pas être la tête à Papineau - nicht sehr intelligent sein] / Warum hat deiner Meinung nach der FLQ das Bild dieser Person benutzt? / Wenn du 1837 gelebt hättest, wärest du auf der Seite der Gemäßigten, der Radikalen oder auf keiner von beiden gewesen? / Die Situation in Upper Canada ähnelt der in Lower Canada. Nur der ethnische Konflikt fehlt. /Glaubst du, dass im Kontext von 1837 der bewaffnete Kampf gerechtfertigt war? Warum? »

587  « Die Reformer in Upper Canada und in Nova Scotia ringen mit politischen Problemen, die denen der Patriotes in Lower Canada ähneln...Russells Entschließungen stellen die Reformer in Upper Canada und ihren Anführer W. L. Mackenzie vor die gleiche Alternative wie den Parti Canadien. »

588  « Was wäre nach Durhams Einschätzung die Rolle der Briten in der zukünftigen Entwicklung des britischen Nordamerikas gewesen? Und der Frankokanadier? / Nach dem, was Sie vom gegenwärtigen Kanada wissen, glauben Sie, dass Durham Recht hatte? / Aber die Lösung durch totale Assimilation für das frankokanadische Problem ist genauso unrealisierbar wie die Lösung durch die Unabhängigkeit. » M. Séguins Analyse, auf die sich P. Falardeau bezieht, ergab, dass die soziale Separationspolitik der britischen Macht zum einen die Assimilation unmöglich gemacht hat, andererseits aber auch die Unabhängigkeit Québecs. Vgl. M. Séguin: L’idée d’indépendance au Québec: Genèse et historique; Boréal Express, Trois-Rivières 1968.

589  « ...Durhams Bericht wird im Allgemeinen eine entscheidende Rolle in der Gründung der kanadischen Nation zugeschrieben. / Durham spricht sich gegen den frankokanadischen Separatismus aus, um den einzigen damals lebensfähigen Separatismus zu retten, den anglokanadischen Separatismus. / Der Act of Union von 1840 hatte vor allem zum Ziel, die Frankophonen zu assimilieren. Wie ist es dem frankokanadischen Volk deiner Meinung nach gelungen, diesen Plan scheitern zu lassen? »

590  Le matériel didactique approuvé - Diverse Pasts [Certificate emitted January 23, 1997] « Note : In some respects, this book gives rise to different interpretations of Anglophone/Francophone history. » Auf den Seiten des Bildungsministeriums im Internet: http://www.meq.gouv.qc.ca/Bamd/Pedagogi/Bamd_f.htm

591  Der Generationeneffekt hat auch eine kulturelle Dimension: in NH werden die Schüler mit Vous angesprochen, in JMS und QHP mit tu. Für DP erübrigt sich der Kommentar.

592  John A. Dickinson und Brian Young: « Periodization in Quebec History: A Reevaluation »; Quebec Studies, 12, 1991, S. 1-10.

593 Zwischenziele: Am Ende dieses Abschnitts solltest Du in der Lage sein: / den Ablauf der Ereignisse von 1837-1838 zu erklären, / den Act of Union zu kennen und zu zeigen, dass diese Verfassung teilweise auf den Vorschlägen von Durhams Bericht beruht; (QHP: 213) Der Zusammenhang zwischen den Forderungen der Patriotes, den Aufständen, Durhams Bericht und der Union wird in einer didaktischen Aufgabe ( Des faits et des idées, QHP: 239) wieder aufgegriffen.

594  Wegen der Unterschiede in der Einteilung der Kapitel ist ein diesbezüglicher Vergleich mit den anderen drei Schulbüchern nicht sinnvoll. Geht man davon aus, dass die Chapters in DP den Leçons in NH entsprechen, und nicht den Chapîtres, sind sich die beiden Texte hinsichtlich der Organisation der Inhalte ähnlich.

595  http://www.uni.ca/durhamreport.html (Sept. 2002).

596  Vgl. J. Létourneau, der den Begriff des champ historique in Anlehnung an P. Bourdieus champ littéraire benutzt. J. Létourneau, 1995, S. 9. Einer der Gründe für die Kluft, die Létourneau zwischen der production historienne – dem récit élitaire – und der mémoire historique des Québécois aufzeigt (S. 29 f. ), scheint der selektive Blick auf neue, kritische Interpretationen der historiographischen Produktion zu sein.

597  Jack L. Granatstein: Who Killed Canadian History?; Harper Collins Publishers, Toronto 1998.



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31.10.2006