5 WEISSBUCH-SCHWARZBUCH

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Innerhalb von 12 Monaten erscheinen in Kanada um die Jahrtausendwende zwei Bücher, die sich in entgegengesetzter Weise mit der Geschichte des Landes beschäftigen. Beide Bücher werden in den Dimensionen des kanadischen Buchmarktes (bzw. der Märkte) zu Verkaufserfolgen, beide Bücher werden in den Diskussionen, die ihrer Veröffentlichung folgen, scharf angegriffen und unterstützend gelobt. Beiden Büchern ist gemein, dass sie in ganz besonderer Weise für eine Art kollektiven Denkens stehen und somit weit mehr als die jeweiligen Autoren repräsentieren. Im Herbst 2000 erscheint Le Canada: une histoire populaire von Don Gillmor und Pierre Turgeon und im Herbst 2001 Le livre noir du Canada anglais (Schwarzbuch Anglokanada) von Normand Lester.598 Gillmor, Turgeon und Lester sind nicht Historiker im akademischen Sinn des Wortes, sondern Journalisten. Sie entsprechen damit Jean-Pierre Azémas Beschreibung jener nicht-professionellen Historiker, die in Film, Theater, Kino und in der Presse Geschichte schreiben.599

Weissbuch

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Der Jahresbericht der Canadian Broadcasting Company/Société Radio-Canada für den Zeitraum bis März 2001 berichtet unter der Überschrift A Great Success Story: Canada: A People’s History/Le Canada: Une histoire populaire umfangreich über ein nationales Großprojekt der öffentlichen Medien. Die Rundfunk- und Fernsehanstalten der CBC und ihr französischsprachiges Pendant SRC strahlten am Sonntag, dem 22. Oktober 2000 gleichzeitig und in beiden Sprachen die erste von insgesamt 17 Episoden einer jeweils fast 2-stündigen Dokumentation zur Geschichte Kanadas aus. Der Bericht betont die exemplarische Zusammenarbeit der englisch- und französischsprachigen Dienste und benennt den geleisteten Beitrag zu Nationalbewusstsein und Identität:

This year, CBC/Radio Canada launched its landmark documentary series, Canada: A People’s History / Le Canada : Une histoire populaire. Several years in the making, and establishing a new model for cooperation between our English and French Television services, this project is the exemplar for public broadcasting at its finest: programming that’s distinctive, high-quality and high-impact. Only CBC/Radio-Canada could risk dedicating the resources to develop a bilingual epic history of Canada. It is a prime example of our contribution to national consciousness and identity.600

Die « zweisprachige epische Geschichte Kanadas », so der Bericht, entspricht den Leitlinien öffentlichen Fernsehens: distinktiv und von hoher Qualität und Wirkung. « Distinktiv » meint im Zusammenhang der Programmierung zuvörderst « kanadisch » und « Wirkung » bezieht sich auf die Stärkung nationaler Zusammengehörigkeit.601 Die Reaktionen auf die Dokumentarserie seien ausgesprochen positiv gewesen. 15 Millionen Zuschauer, fast die Hälfte aller Kanadier, haben die Serie im Fernsehen gesehen und die Kritik sei voller Lob gewesen.602 Das Thema der Serie beschreibt der Bericht mit den folgenden Worten: « Canada: A People’s History/Le Canada: Une histoire populaire chronicles the rise and fall of empires, the clash of great armies and epoch-making rebellions, and the everyday struggles of the women and men who lived through their personal testimonies. » Begleitet wurde die Ausstrahlung im Fernsehen von einer zweiteiligen Buchausgabe, von Videokassetten, DVD, Radioforen und einer umfangreichen Präsenz im Internet. Gleichzeitig wird spezielles Material für die Verwendung der Episoden im Schulunterricht, wie beispielsweise Anleitungen für Lehrer bereitgestellt. Der erste Band der begleitenden Buchausgabe stand im November und Dezember 2000 auf der Liste der bestverkauften Bücher Anglokanadas (« a number-one bestseller in English Canada »). In Québec war der Fernsehserie und dem Geschichtsbuch unter dem Titel Le Canada: une histoire populaire zwar etwas weniger Erfolg, in den Medien jedoch keineswegs Desinteresse beschert worden. Schon im Vorfeld der jahrelangen Erarbeitung der Serie hatte es diverse Reibereien zwischen den Arbeitsgruppen in Montréal und Toronto gegeben, die sich an einem einzigen Beispiel exemplarisch illustrieren lassen. Die anglokanadischen Mitarbeiter stellten ihren Kollegen in Montréal einen Entwurf der gemeinsam zu erzählenden Geschichte Kanadas dar, in der Jacques Cartier, « Entdecker » und Namensgeber Kanadas, keinerlei Erwähnung fand. Die Empörung der frankokanadischen Historiker und Journalisten ist leicht nachvollziehbar. Die Kritik ließ nicht auf sich warten und warf der Serie unter anderem Geschichtsverfälschung und unlautere Absichten vor. Das Thema der Auseinandersetzungen sind weniger die Momente historisch naheliegender Geschichte, sondern ihr Beginn, der Anfang der gemeinsamen kanadischen 603 Geschichte im 18. Jahrhundert. Schon im Oktober 2000 ist in einem Bericht zu den Auseinandersetzungen von der Serie als einer « umstrittenen Saga » die Rede, die spektakuläre öffentliche Kontroversen vorhersehbarerweise am Thema der Machtübernahme durch die britische Krone (1760) provozierte. Zwei Visionen zur Geschichte des Landes haben sich mit den Arbeitsgruppen der beiden Bereiche der öffentlichen Medienanstalt gegenübergestanden, und die unterschiedlichen Vorstellungen haben eine ständige Vermittlung zwischen ihnen notwendig gemacht.604

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In einem Artikel vom 11. November greift der Politologe Christian Dufour die Autoren der Serie an und fragt, welche Art von Geschichtsschreibung hier betrieben werde.605 Der loyalistische Grundton ihres Geschichtsbildes habe den frankokanadischen Blick ausgeblendet, um die Vision einer vereinten Nation entstehen zu lassen. Wie sei es möglich, fragt er, dass der Königliche Erlass von 1763 keine Erwähnung finde, der das Recht der Eroberer durchsetzt und mit dem Test Actle serment du Test ) Katholiken das Recht auf die Bekleidung öffentlicher Ämter nimmt. Indem die Autoren sich entschieden, die Proclamation royale und die antikatholische Politik nicht zu erwähnen, entwerfen sie ein Bild der Geschichte mit riesigen Löchern, in dem es keine Eroberer und Besiegte gebe und weigerten sich, eine kollektive Differenz Québecs anzuerkennen. Dufour kritisiert die Autoren der Serie für Verzerrungen wie den Gebrauch von « Canadiens français » 80 Jahre bevor der Zusatz « französisch » Anwendung fand und schließt seinen Artikel mit Verweis auf die « Minuten des (Kultur-)Erbes », die Heritage Minutes der öffentlichen Fernsehsender: « Mille Minutes du Patrimoine, c’est trop! » (« Tausend Minuten des Gemeinsamen Erbes, das geht zu weit. »)

Die Minutes du Patrimoine sind kurze Fernsehdokumentationen der CBC/SRC zu diversen Themen und Personen der Geschichte Kanadas – von Agnes Macphail und der Geschichte der Nationalflagge über Marshall McLuhan zu den Vikingern und Winnie-The-Pooh –, die seit ungefähr zehn Jahren ausgestrahlt werden. (« The Heritage Minutes are dramatic 60-second ‘mini-movies’ where exciting and important stories from Canada’s past are presented to Canadians. »606) Normand Lester, dessen « Schwarzbuch Anglokanada » im zweiten Teil des vorliegenden Kapitels diskutiert wird, richtet seine Argumentation explizit gegen die « Minutes du Patrimoine ». Wenige Tage nach Dufours Artikel reagieren einige der Mitarbeiter der Serie Le Canada: une histoire populaire auf die erhobenen Vorwürfe. Mario Cardinal, Redakteur der Serie, bezichtigt die Kritiker der Verleumdung.607 Er spricht von einem Komplott gegen die Autoren und nennt neben Dufour den Historiker Michel Gaudette und den Journalisten Serge Bouchard. Die Serie sei kein Geschichtskurs, sondern ein journalistisches Dokument und folge als solches anderen Kriterien. Serge Bouchards Kritik am Bild, das in der Serie von Amerindianern gegeben wurde, sei ebenso unbegründet wie Gaudettes Hinweis zur Abwesenheit von Hugenotten.

In einem umfangreichen Artikel reagiert der Historiker Jean-Claude Robert auf die Vorwürfe Dufours.608 Dass Sieger ihr Recht durchsetzen sei eine Konstante der Geschichte und die Proclamation royale habe den Canadiens ihre politischen Rechte nicht nehmen können, weil diese juristische Realität weder in Frankreich noch in der Nouvelle-France des 18. Jahrhunderts existiert habe. Es sei falsch zu behaupten, die Proclamation von 1763 habe die religiöse Freiheit der Katholiken eingeschränkt, weil der Test Act sich auf Individuen bezog, und als Erbe der politischen und religiösen Kämpfe im England des 17. Jahrhunderts zu sehen sei. Die Proclamation sei nur in ihrer geopolitischen Dimension zu verstehen, die weit mehr als die Beziehungen zwischen Engländern und Franzosen in der Nouvelle-France umfasse. Gerade deshalb habe man in der Serie den territorialen Aspekt betont, war doch das eigentliche Ziel der Proclamation eine demographische Lösung der Nordamerikafrage. Dem Gleichgewicht zwischen Europäern und Ureinwohnern, das auf franko-amerindianischen Allianzen beruhte, die eine Ausdehnung der britischen Gebiete effektiv verhindert hatten, wurde mit der Proclamation ein Ende bereitet. Die gegen die Canadiens gerichteten Pläne der Assimilation schließlich seien in der Serie durch zwei Zitate Benjamin Franklins unterstrichen worden.

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Kritisiert wurde die Serie auch in der englischsprachigen Presse, wie in Margaret Conrads Artikel zum dort entworfenen Bild der Atlantikprovinzen609 oder in Lysiane Gagnons Rubrik Inside Quebec in The Globe and Mail. Unter dem vielsagenden Titel Keeping up the two solitudes geht Gagnon im Februar 2001 auf die Probleme ein, die eine Geschichtsschreibung mit sich bringe, die als Ergebnis der Arbeit eines pankanadischen Komitees entstanden ist.610 Sie kritisiert die Banalisierung der Conquête, die aus einem bedeutenden historischen Ereignis kleine Geschichten gemacht habe, in denen es keine Sieger und Verlierer gibt und weist wie Christian Dufour auf die Abwesenheit des Erlasses hin, der die Conquête juristisch begleitete:

There also was an annoying tendency to trivialize this major historical event. Much was said about Wolfe’s disease, about Montcalm’s greed, about the anonymous soldiers who didn’t have a stake in what was going on, as if this was not a conquest -- with winners and losers. The CBC soothingly announces that, during the months after the battle, « the French and the English face the same misery » and the same hard winters, and that life simply goes on in the colony. No mention is made of the Royal Act of 1763 that excluded Catholics from public office.

Etwas anders habe sich die Serie zum Thema der Amerikanischen Revolution gezeigt, wahrscheinlich, so mutmaßt die Autorin, weil sich hier der kanadische Nationalstolz an einem gemeinsamen Feind abarbeiten kann: « There was a little more passion in the episode on the American Revolution, it seemed, perhaps because the issues were non-controversial: It was about Canadians versus Americans, an easy topic for CBC’s Canadian nationalists. » Das Problem liege aber eigentlich weniger in der Arbeit der beteiligten Historiker und Journalisten, als in der Illusion, eine Geschichte « passend für alle Größen » schreiben zu wollen. Die Ergebnisse der geteilten Popularität seien allemal deutlich, Interesse und Lob auf der einen Seite, Langeweile auf der anderen:

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In any case, the series was an impossible undertaking. The very idea of trying to produce a « one size fits all » history of Canada was foolish. The result was predictable. Each episode attracted an average of 1,189,000 viewers in English Canada and no more than 397,000 francophones. While the production was praised in English Canada, it was almost unanimously described as tedious by Quebec critics.

Das Corpus delicti des Streits erscheint dabei harmlos und in mehrerer Hinsicht interessant. Der erste Band der zweiteiligen Buchausgabe zur Serie Le Canada: une histoire populaire. Des origines à la Confédération behandelt wie sein Titel sagt, die Zeit von den Anfängen bis zur Konföderation von 1867. Wenige Geschichtsbücher gehen so detailliert wie dieses auf den historischen Kontext ihres Themas ein. Neben den Reiseberichten Marco Polos und der Eroberung Konstantinopels wird die Conquista Mexikos und das Leben der nordamerikanischen Ureinwohner detailliert und in zahlreichen Farbdrucken beschrieben. Überhaupt fällt die reiche Bebilderung des Textes auf, der aus der Lektüre auch ein visuelles Erlebnis macht. Die Verbindungen zur europäischen Geschichte werden mit Darstellungen von Shakespeare, Elizabeth I., Francis Drake, Jacques I., Henri IV. und Kardinal Richelieu illustriert. Für sich genommen stellt der Band ein beeindruckendes Dokument der Geschichte dar.

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Auf die Probleme, die ein genauerer Blick aufzeigt, wurde im Wesentlichen bereits verwiesen: den Grundtenor des Textes bildet ein mehr oder weniger harmonisches Bild der Entwicklung des Landes, das eine Reihe von Konflikten entweder ausblendet oder zu persönlichen Angelegenheiten macht. Die Autoren sprechen von der Übergabe Kanadas an die Engländer (« les Français cèdent le Canada aux Anglais » Gillmor/Turgeon, S. 135), von Conquête, Siegern und Verlierern ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede und Franzosen und Engländer seien nach der Schlacht auf den Abrahamshöhen in der gleichen Situation (« Anglais ou Français, le chaos est le même. » Gillmor/Turgeon, S.131). Wie in der Filmserie wird auch hier weder der Erlass von 1763 noch der Schwur erwähnt, der zum Ergebnis hatte, dass den katholischen Frankokanadiern bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt wurde.

Die gleiche Beobachtung kann auch für andere Themen gemacht werden, die in ganz besonderer Weise den konflikthaften Charakter der historischen Entwicklung Kanadas unterstreichen könnten. So ist vom Nationalismus der Ultramontanen ebensowenig die Rede wie von ihren protestantischen Widersachern, den Orange Orders.611

Welche Bedeutung ist dem Unterfangen der CBC/SRC und dem Erfolg der Serie und der Bücher in Anglokanada beizumessen? Zunächst sollte daran erinnert werden, dass ein nationales Projekt, großer, gemeinsamer Geschichte in Kanada immer ein schwieriges Unterfangen gewesen ist. Zwar hat es seit den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts Bemühungen gegeben, eine eigene kanadische Identität stark zu machen. Jedoch warteten diese Beschreibungen eher mit einer Definition ex negativo auf – man sei zuvörderst nicht US-amerikanisch – als dass sie eine gemeinsame Geschichte erzählt hätten, die amerindianische, frankokanadische und anglokanadische Herkünfte und Gegenwarten verband. Wie an anderer Stelle bemerkt, hat sich in der akademischen Forschung seit den 60-er Jahren ein starker Akzent auf regionale und soziale Visionen der Geschichte durchgesetzt, die weniger nach einer homogenen Nationalkultur Kanadas als nach verschiedenen Geschichten suchten. In Québec entwickelte sich eine eigene nationale Geschichtsschreibung, die bereits auf eine längere Tradition zurückblicken konnte. In den letzten Jahren, vor allem nach dem knappen Ausgang des Referendums zur Unabhängigkeit Québecs 1995, hat es verstärkt Bemühungen gegeben, eine große kanadische Geschichte zu schreiben, die in die Curricula des nationalen Schulsystems integriert werden könne. Neben dem ‘klassischen’ Ansatz von Historikern wie D. Creighton, J.L. Granatstein und D. Morton ist hier das Projekt Canada: A People’s History/Le Canada: une histoire populaire, mit den Heritage Minutes und anderen Medienprojekten zu sehen.612 Diese entsprechen möglicherweise der Erkenntnis, dass in zunehmendem Maße Sozialisierungsleistungen in der Gesellschaft von den Medien übernommen werden und die Schule als staatliche Institution der Erinnerungsweitergabe nur in Zusammenarbeit mit diesen Medien effektiv funktionieren kann.

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Diese große Geschichte des Landes setzt auf die Gemeinsamkeiten und entwirft ein Bild, das eher Individuen als Gruppen zeigt. Konflikte und schmerzhafte Momente werden in diesem Blick auf die Geschichte unterbetont. Wenn die Rede auf die dunklen Stellen der Geschichte kommt, sind es Personen, die verhängnisvolle Entscheidungen fällten, nicht das Amt und die Macht, die sie repräsentierten. Dieser Aspekt wird deutlich, wenn es um den Einsatz von infizierten Laken geht, die Amerindianern zum Geschenk gemacht wurden. Der Text vermittelt den Eindruck, dass dieses frühe Beispiel bakteriologischer Kriegführung die Idee von zwei Personen war, General Jeffrey Amherst und Oberst Henry Bouquet (Gillmor/Turgeon, S. 138). Dabei kommt es zu Auslassungen, die den Ereignissen der Geschichte einen Teil ihres eigentlichen Gehalts nehmen: die Heritage Minutes zum Thema responsible government sprechen von John George Lambton, Lord of Durham und erwähnen den großangelegten Plan der Assimilierung der Frankokanadier mit keinem Wort. Die Episode zu Louis Riel, dem Anführer der Métis in Manitoba gegen Ende des 19. Jahrhunderts, endet mit der Niederlage der Métis und umgeht das eigentliche Problem, dass in Manitoba die Hoffnung auf eine französischsprachige Provinz im Westen Kanadas militärisch niedergeschlagen wurde.

Der Titel Le Canada: une histoire populaire/Canada: A People’s History verweist in eigentümlicher Weise auf die Verfänglichkeit der Übersetzung (populaire muss noch lange nicht popular sein) und auf das politische Programm der Autoren.613 Im Kontext der Diskussionen zur kanadischen Verfassung und der Frage, welche und wie viele Völker in Kanada leben, zielt die englische Fassung des Titels auf eine politisch relevante Aussage. Die Dichotomie der Ankündigung im Titel widerspricht also streng genommen dem didaktischen Vorhaben, einen Text in der Klasse zu haben. Die Frage, in welchem Maße politische, ideologische, marktwirtschaftliche oder andere Gründe den Ausschlag für die Entscheidung gaben, oder ob es überhaupt eine diesbezügliche bewusste Entscheidung gegeben hat, muss hier offen bleiben.

Parallel zu dieser Version einer beschönigten Sicht auf die kanadische Geschichte hat es seit 1995 eine Reihe von Veröffentlichungen gegeben, die Québec und besonders die Unabhängigkeitsbewegung mit einer nationalistischen, ethnisierenden Politik in Verbindung bringen und dabei immer wieder auch vom Strafvokabular vorgeworfener rassistischer, faschistischer und antisemitischer Ideologie Gebrauch machen. Dies nahm 2001 ein Journalist aus Québec zum Anlass, ein wütendes Pamphlet zu schreiben, in dem er versucht, den Spieß herumzudrehen.

Schwarzbuch Anglokanada

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Schwarzbücher sind eine Erscheinung der Zeit. In den letzten Jahren hat es neben dem vieldiskutierten Schwarzbuch des Kommunismus (Stéphane Courtois u.a.) auf dem Buchmarkt eine Reihe von Veröffentlichungen mit diversen Themen und in Übersetzung aus mehreren Sprachen gegeben. So erschienen innerhalb weniger Jahre ein Schwarzbuch Kapitalismus (Robert Kurz), ein Schwarzbuch der Esoterik (Golo Toute), ein Schwarzbuch Globalisierung (Jerry Mander, Edward Goldsmith), ein Schwarzbuch Helmut Kohl (Bernt Engelmann) und, dem Geist der Zeit entsprechend, auch ein Schwarzbuch des Dschihad (Gilles Kepel). Die Idee hinter dem Titel beschreibt in jedem Fall eine Aufdeckung und einen moralischen Skandal. Die Wirkung des Livre noir du communisme nach der Veröffentlichung in Frankreich glich einem nationalen Unwetter, in dem etablierte politische und historische Annahmen den Boden verloren.

Mit einer ähnlichen Wirkung muss Normand Lester gerechnet haben, als er 2001 sein Schwarzbuch Anglokanada ( Le livre noir du Canada anglais ) veröffentlichte. Der Sturm blieb nicht aus. Lester war mehrere Jahrzehnte als Journalist bei der bereits erwähnten staatlichen Fernseh-und Radioanstalt Société Radio-Canada/Canadian Broadcasting Corporation tätig. In den vergangenen Jahren hatte der Autor schon mit einem Bericht über Geheimdiensttätigkeiten in Kanada Aufsehen erregt.614 2001, kurz nach Erscheinen des Livre noir du Canada anglais, wurde er vom Dienst suspendiert, in den Medien wurde heiß diskutiert, sein Buch wurde prämiert und gehörte innerhalb einer Woche zu den Verkaufsschlagern der Buchhandlungen. Ein Blick auf den Einband des Buches lässt kaum Zweifel am programmatischen Gehalt des Titels aufkommen: ein in Blut getränktes Ahornblatt vor schwarzem Hintergrund (s. Anhang, S. 296). Die Einbandrückseite erklärt dem Leser, gegen wen der Autor des Buches angetreten ist:

Ce livre est d’abord ma réponse aux Minutes du patrimoine. Avec la complicité de sociétés et de fondations-écrans, le ministère du Patrimoine de Sheila Copps a dépensé 7,2 millions de dollars pour blanchir l’histoire du pays à l’aide de ces gélules de propagande douce, tout enrobées de sucre... Je me suis intéressé à l’autre côté de la médaille, au côté noir, au côté sanglant de l’histoire.

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C’est aussi une réplique au dénigrement systématique auquel se livre la presse du Canada anglais à l’endroit du Québec. Depuis la campagne référendaire de 1995, les médias anglophones sont en guerre.615

Im wütenden Ton einer aufgebrachten Anklage fährt der Ankündigungstext fort und zählt die Verbrechen auf, derer sich Anglokanada seit der Conquête schuldig gemacht habe. Die Vorwürfe gegen Québec, eine zurückgebliebene, reaktionäre, intolerante und rassistische Gesellschaft zu sein, kommen, so Lester, von denen, die wegen ihrer eigenen Geschichte keine Lektionen erteilen sollten. (« Compte tenu de leur propre histoire nationale, ces donneurs de leçons sont plutôt mal placés pour instruire notre procès. »616) Der Autor holt zeitlich und thematisch weit aus in seiner Anklageschrift. Es handele sich um ein 250 Jahre altes Problem, um Diskriminierung, Ungerechtigkeiten, Rassismus und Politikerinfamie und die Leidtragenden seien neben den französischsprachigen Kanadiern Amerindianer, Japaner und Juden gewesen. Soweit der Programmentwurf des Livre noir.

Der Text liest sich wie ein chronologisch organisierter Abriss einer Geschichte verdrängter Verbrechen: Von der Deportation der Acadiens im Jahre 1755, über die Zeit nach der Conquête von 1760, die Aufstände von 1837-38 und den Tod von Louis Riel, bis zu den Aktivitäten der Orange Orders und den antisemitischen und faschistischen Bewegungen und ihren Formen in der Politik des 20. Jahrhunderts. Normand Lester hat sich die Mühe gemacht, einen nicht geringen Teil der Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte zusammenzutragen und diese selektiert in einen Text zu bündeln. Der Tonfall, den er dabei wählte, ist der einer Streitstrift. Der Großteil der Quellen, auf die sich der Autor bezieht, ist zumindest der kundigen Fachleserschaft bekannt. Lester präsentiert wenig Neues, das Originelle besteht in der polemischen Aneinanderreihung und in der Popularisierung des Materials. Ein beträchtlicher Teil der Dokumente, auf die sich die Anklageschrift bezieht, stammt zudem aus dem englischsprachigen Kanada.617 Gegen ein kanadisches Geschichtsbild, das er für unvollständig oder falsch und Québec betreffend für diffamierend hält, setzt er Kapitel für Kapitel eine andere Sicht der Dinge. Robert Monckton, Oberst der britischen Truppen während der Deportation der Akadier von 1755, wird wegen seiner Rolle in der « ethnischen Säuberung » Akadiens (« purification ethnique », S.33) mit einem Nazioffizier verglichen. Ausführlich werden die militärischen Übergriffe der britischen Truppen gegen die Canadiens nach der Conquête und die Folgen des antikatholischen Test Act beschrieben. Nachdem er sich mit der « englischen Paranoia » und den « Scheinfreiheiten » des politischen Systems nach 1791 beschäftigte, widmet er den Aufständen der Patriotes ein Kapitel mit der Überschrift 1820-1838: les Anglais assassinent la liberté au Bas-Canada (Die Engländer ermorden die Freiheit in Bas-Canada). In diesem Zusammenhang geht er auf den Bericht Lord Durhams ein, dessen « hochmutiger und protziger » Autor beste Verbindungen zu Montréals Kolonialoligarchie unterhalten und seine politischen Pläne unter anderem der anglokanadischen Ikone Peter McGill vorgestellt habe (S. 102 f.).

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Die Auseinandersetzungen am Red River in Manitoba gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die zur Hinrichtung Louis Riels führten, kommentiert Lester mit Zitaten des ersten kanadischen Premierministers. John A. Macdonald forderte auf, das Problem der « impulsive half-breeds » mit starker Hand und vor allem mit einem verstärkten Siedlerstrom zu lösen (S. 134). Lesters Schwarzbuch geht auf jeden größeren Konflikt zwischen Anglokanada und Frankokanada bzw. Québec ein und versucht, die Unterschiede zum Geschichtsbild des kanadischen Nationalismus zu zeigen. Das fehlende Engagement der Frankokanadier für den Krieg Englands gegen die Buren in Südafrika sei eine Bestätigung für die Verschiedenheit der beiden Nationen Kanadas und ihre getrennten Solidaritäten (S. 196 ff.). Während die englischsprachigen Montrealer Großbritannien unterstützten, seien die Sympathien der Französischsprachigen bei den Buren gewesen, « ... un petit peuple de paysans courageux qui se bat pour son indépendance contre la puissante armée britannique. » (Ein kleines Volk mutiger Bauern, das gegen die mächtige britische Armee um seine Unabhängigkeit kämpft. S. 197) Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben gezeigt, dass der Vorwurf, nur Québec habe sich gegen die Wehrpflicht geweigert, nicht zutrifft, da der Großteil der Anglokanadier ähnlich unwillig war und die Kriegsfreiwilligen zu über 80% britische Neuankömmlinge waren, die sich zur Verteidigung ihrer britischen Heimat meldeten. Mehrere Kapitel beschäftigen sich mit der politischen Präsenz des Orangeism in Kanada und mit den antisemitischen Parteien und Bewegungen, wie der National Unity Party of Canada und der Canadian National Party mit ihren Braunhemden unter dem Union Jack (S. 250 ff.). Adrien Arcand, der häufig erwähnte Führer der Faschisten Québecs, wurde von der Konservativen Partei R.B. Bennetts618 in Ottawa aus wahltechnischen und ideologischen Gründen unterstützt und Arcands politisches Programm war nicht sezessionistisch, sondern konservativ und kanadisch-national. Arcand sei genaugenommen ein « britischer Faschist » aus Québec gewesen (S. 261). Weitere Themen sind die fremdenfeindliche und antisemitische Immigrationspolitik der kanadischen Regierung, die Rolle der protestantischen Kirchen und die Internierung japanischer Kanadier in der Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Lesters Tour de force der dunklen Vergangenheit und Gegenwart Anglokanadas nimmt immer wieder die Formen einer selbstgerechten Anklage an, weil der Autor dem Affekt seiner Erregung erliegt und dabei mit einer fragwürdigen Idee von Kollektivschuld arbeitet. Das « Wir und die Anderen » lässt kaum Platz für differenzierte Betrachtungen. Bisweilen werden Strömungen in der anglokanadischen Öffentlichkeit mit der Gesamtheit dieser Öffentlichkeit verwechselt. Hier liegt das Hauptproblem von Lesters Schwarzbuch: Mit einer Zusammenstellung zahlreicher belastender Fakten baut er ein Bild von Anglokanada auf, das ebenso verzerrt ist, wie das Bild von Québec, gegen das er vorgibt zu kämpfen. Aus einer Strömung Konservativer Politiker oder aus antisemitischen Übergriffen in Toronto wird ein verallgemeinertes Bild Anglokanadas. So stehen letztlich die Sieger der Conquête – die anglokanadischen « Rhodesier » und ihre französischsprachigen Kollaborateure – den Verlierern gegenüber, die in der Öffentlichkeit diffamiert werden. Lesters Schwarzbuch homogenisiert den englischsprachigen Anderen und das Selbst, das er vertreten will. Er ist so sehr mit der Pay Back Time – der Titel eines Kapitels in seinem Buch – beschäftigt, dass er seiner Arbeit den dokumentarischen Gehalt nimmt.

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Er hat Recht, die dunklen Stellen der gemeinsamen Geschichte zu erörtern, nicht zuletzt, weil er von Dingen spricht, die in der großen Geschichte des öffentlichen Fernsehens und der Schulbuchtexte keine Erwähnung finden. Auch die Gründe für seine Kritik an der anglokanadischen Presse sind nachzuvollziehen, ist es doch « ...in der kanadischen Presse üblich, die Souveränisten mit Faschisten, Nazis und Roten Khmer gleichzusetzen. In der Gazette, der National Post, in Globe and Mail und Financial Post sind die Frontlinien klar gezogen. » wie Cl. Pornschlegel in einem Artikel619 zu Lesters Buch schreibt. «Es gibt Gute und Böse. Die einen sind Demokraten, die anderen separatistische Spinner. Die einen betreiben Demokratie und Multikulturalismus, die anderen verantworten wirtschaftliche Katastrophen und rassistische Diskriminierung. » Das Problem liegt nicht in der Gegendarstellung, sondern in Normand Lesters polemischem Tonfall und in den starren Bilder von Opfern und Tätern, die sein Buch transportiert. Bereits der Titel des Schwarzbuches verweist auf Lesters fehlgerichtete Argumentation. Wie kann der Autor vorgeben, das Schwarzbuch einer Kultur zu schreiben, wo es ihm doch um den anglokanadischen Nationalismus, einen Teil der Presse und politische Eliten geht?

Le livre noir du Canada anglais kann als Antithese zu Le Canada: une histoire populaire gelesen werden. Waren es in der kanadischen Geschichte von Gillmor und Turgeon die Instanzen einer gemeinsamen pankanadischen, mehr oder weniger harmonischen Entwicklung, die nicht zuletzt durch die Ausblendung von Kontrasten und kontrovers diskutierten Elementen der Geschichte unterstrichen wurde, so geht es in Normand Lesters Schwarzbuch um die überdeutliche Betonung der dunklen Flecken und implizit um die Unterstreichung der innerkanadischen Antagonismen.

Lester richtet seine Kritik explizit gegen die Minutes du Patrimoine, die im gleichen organisatorischen und inhaltlichen Kontext wie die Fernsehserie und die Buchbände zu sehen sind. Aus Lesters Sicht dürfte ihre Publizierung die Idee bestätigen, dass hier öffentliche Gelder für eine Geschichtsbereinigung ausgegeben wurden. Alle Elemente, deren Abwesenheit in den Geschichtsbildern der CBC/SRC auffiel, werden in Lesters Buch detailliert belegt und betont. Der Autor geht explizit auf die Bestrebungen Anglokanadas ein, eine große, verbindende Nationalgeschichte des Landes zu schreiben, die auf einem mehr oder weniger harmonischen Zusammenleben der Kanadier beruhe (S.287). Die heutigen Symbole kanadischer Identität, wie das Ahornblatt und die Nationalhymne O Canada, seien vom kanadischen Nationalismus in Besitz genommen worden, um der nationalen Identität der Frankokanadier etwas entgegensetzen zu können (S.182).

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Im Epilog erklärt Lester, es sei unmöglich, eine gemeinsame Geschichte Kanadas zu schreiben, die allseitige Zustimmung fände, weil es zwei verschiedene und sich widersprechende Geschichten gebe (« Au Canada, il est impossible d’écrire une histoire nationale qui fasse consensus parce que, en fait, il y a deux histoires nationales, différentes et antagonistes »,S. 287).

Lesters Philippika gegen Anglokanada und das gesamtkanadische Projekt einer gemeinsamen Geschichte sind von besonderem Interesse für die vorliegende Arbeit, weil ihre Veröffentlichung die kanadische Öffentlichkeit spürbar erregte. Betrachtet man die naheliegenden Intentionen des Autors und inhaltliche Gesichtspunkte, so lässt sich Lesters Buch durchaus mit anderen Arbeiten der jüngsten Vergangenheit vergleichen. Auf ein Beispiel sei an dieser Stelle verwiesen: John Francis Bosher, ein Kenner Frankreichs und seiner Geschichte, veröffentlichte unlängst ein Buch, das über 300 Seiten den Machenschaften der « French Quebec mafia » 620 und den « foreign trouble-makers active in Quebec » (S. 26) widmet. Bosher mahnt seine Leser, die « Warnings from Quebec watchers » (S. 48) - gemeint sind die Kolumnisten der Financial Post und der Montreal Gazette - ernstzunehmen, beschreibt « the underhanded Gaullist Assault » (S. 49) auf Kanada und macht die Schulen Québecs verantwortlich für die Wirkung der « Gaullistischen Propaganda »:

In Quebec, where little but the province’s own history is taught in schools, many observers have expressed the view, since de Gaulle’s visit in 1967, that he was perhaps the most distinguished statesman of his age; [...] In other words, the propaganda by de Gaulle’s followers and admirers has had a considerable effect on the thinking of French-speaking people.621

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Bosher zählt mit Sachkenntnis diverse Instanzen französischer, imperialer Politik in der Welt auf: von Saigon zur Versenkung des Rainbow Warrior, über Ruanda, Algerien, Somalia und das Bikiniatoll nach Québec. De Gaulles Besuch in Québec im Jahre 1967 wird mit der imperialen Politik von Napoleon III. verglichen: « When in 1967, about two centuries after the British Conquest, General de Gaulle decided to travel to Quebec in a warship, he was doing more or less what Napoleon III had done a century earlier. » 622 The Gaullist Attacks on Canada basiert auf der These einer anti-kanadischen Konspiration; der Autor kennzeichnet die Gründe für den Konflikt zwischen Frankreich und Großbritannien mit großen Worten: « ... Great Britain, the only European power that French forces could not conquer, devastate, or dominate.... » 623 In seinem polemischen Ton und den Verallgemeinerungen ähnelt dieses ‘Schwarzbuch der französisch-quebekischen Verschwörung’ dem Buch von Normand Lester. Auch hier wurde ein Blick gewählt, der ausgewählte Details zur bestimmenden Eigenschaft macht und der es erlaubt, von gegenseitigen Bezügen, Versatzstücken und ‘querliegenden’ Konflikten zu abstrahieren. Im Gegensatz zu Canada: A People’s History/Le Canada: une histoire populaire werden auch hier bestimmte Konfliktlinien unterstrichen, betont und essentialisiert. Das Beispiel von J.F. Boshers interessantem und lesenwertem Buch zeigt, dass sich öffentliche Skandale nicht (nur) aus dem gegebenen Material ergeben, sondern in ihrem Kontext gelesen werden müssen. Eine « Affaire Bosher » hat es nicht gegeben.

Sowohl Pierre Turgeon und Don Gillmor als auch Normand Lester schreiben an einer gemeinsamen Geschichte. Dass diese Geschichte keinen erzwingbaren oder selbstverständlichen Kanon hat, sollte nicht als Problem gesehen werden. Die besondere Geschichte Kanadas spiegelt sich auch heute in einer bemerkenswerten Heterogenität der Interpretationen zur gemeinsamen Geschichte wider. Die hier als Weißbuch bezeichnete Geschichte Kanadas und ihr Pendant, das Schwarzbuch, stellen deutlich formulierte Positionen in einem Streit um die Deutung und den Sinn der Geschichte dar. Dieser Streit mag als schwer zu lösendes Problem erscheinen, wenn umfassender Konsens und Eliminierung der Differenzen als Ziel der Politik formuliert wird. Es besteht kein Zweifel daran, dass es andere und sicherlich geeignetere Formen dieses Streits gibt, als aufgebrachte Repliken und Beleidigungen. Doch können auch diese Auseinandersetzungen in einer Dynamik kultureller Produktion gesehen werden, die sich einem Ende der Geschichte verwehrt. Die Reaktionen auf Lesters Buch zeigen deutlich, mit welcher Energie und Interesse diese Fragen in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Vielleicht muss da gar nicht « zusammenwachsen, was zusammengehört ».

Reaktionen

Normand Lesters Buch wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem nationalen ‘Vorkommnis’. Dabei überlagerten sich zwei Angelegenheiten, die schließlich zur « Affaire Lester » werden sollten: die Veröffentlichung des Livre noir du Canada anglais und die Suspendierung seines Autors durch die öffentliche Rundfunkanstalt CBC/SRC. Lesters Arbeitgeber beurlaubten den Journalisten mit der Begründung, sein Buch widerspreche dem Kodex der unparteiischen Berichterstattung.

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Im kanadischen Parlament wurde Premierminister Chrétien von Vertretern des Bloc Québécois und der Canadian Alliance aufgefordert, der « Zensur der journalistischen Arbeit » Einhalt zu gebieten. Der Premierminister Québecs, Bernard Landry empfahl die Lektüre des Schwarzbuchs, während in der englischsprachigen und französischsprachigen Presse Kanadas fast täglich auf Lesters Buch und seine Folgen eingegangen wurde. In den beiden letzten Kalendermonaten des Jahres 2001 erschienen mehr als vierzig Wortmeldungen zum Thema. In den Leitartikeln, Rezensionen, Berichten und Leserbriefen kamen verschiedene Meinungen in einer Weise zum Ausdruck, die den Eindruck vermittelte, dass es sich um die Austragung anderer Konflikte handelte, die hier einen Anlass fanden. Das Verhältnis zwischen Franko- und Anglokanada und die Interpretation der Geschichte mit ihrem symbolischen Gründermoment, der Conquête, wurde ebenso debattiert wie die politischen Krisen des Landes bis zum Referendum von 1995 und seinen Folgen. In diesem Zusammenhang wurden auch Fragen nach der Aufgabe des Journalisten und seiner Meinungsfreiheit gestellt.

Normand Lester hat in seinem Schwarzbuch einen Blick auf die kanadische Geschichte gewählt, der die konflikthafte Dynamik von Sieg und Niederlage, von Tätern und Opfern unterstreicht. Mit der Betonung des antagonistischen Verhältnisses von Anglokanada und Frankokanada und mit der Aufreihung von Instanzen, die dieses Verhältnis belegen, zeichnet das Schwarzbuch ein einseitiges und stereotypes Bild der Geschichte. Je nach Perspektive der Rezensenten und Beobachter wird dieser Blick des Autors als Schwarzweißzeichnung verworfen oder aber als legitim erklärt.

Für Michèle Ouimet stellt das Bild der von bösen, skrupellosen Anglokanadiern unterdrückten guten Frankophonen eine übertriebene Darstellung ohne Zwischentöne dar.624 Louis O’Neill sieht in Lesters Buch eine verständliche Lesart der Geschichte, die wie viele Arbeiten von Historikern selektiv und parteiisch sei, deren Fakten aber nicht gern gehört werden.625 Mit wenigen Ausnahmen sind sich die Kritiker in der englischsprachigen Presse einig, dass es sich um ein unerträgliches, rassistisches Pamphlet handelt.

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Eine Ausnahme bildet ein Artikel von Lysiane Gagnon, die dem Autor zwar seine Einseitigkeit vorwirft, dem Buch aber fundierte Quellenarbeit zuschreibt (« an unabashedly one-sided, yet well-researched book ») und argumentiert, das Buch solle übersetzt werden und außerhalb Québecs gelesen werden, weil es einem verbreiteten Stereotyp entgegenarbeite: « It would provide a much-needed antidote for those holier-than-thou members of the anglophone elite who like to think that Quebec is the home of xenophobia in Canada. »626 Einen anderen Ton schlagen die « Quebec Affairs Columnists » in der Montreal Gazette, National Post und Globe and Mail an. Don Macpherson spricht von Hassliteratur (« ... his book is not just history, but history-based hate literature, based on sweeping generalizations about the English »627) und Paul Wells von einem schlechten Buch, das den Einspruch der freien Meinungsäußerung nicht verdiene: « It’s easy to defend freedom of expression when the expression is obviously worth defending. It’s harder to defend the freedom to do sloppy research and reach boneheaded conclusions. »628 In einem zweiten Artikel erklärt Macpherson, warum Lesters Buch rassistisch sei: « It’s not necessarily hate literature just because Lester retells some unpleasant but undeniable historic truths about the actions of the English in Canada toward francophones and other ethnic groups. »629 Das Problem liege vielmehr in den unzulässigen Verallgemeinerungen, die einer Gruppe gemeinsame Taten unterstelle. « In Judge Lester’s kangaroo court, the English cannot win. »

William Johnson spricht von einem Lehrstück der Volksaufhetzung: « It’s the perfect piece of racist literature, a model on the methodology of inciting hatred. »630 Er ironisiert die kollektive Anklage des Schwarzbuches mit einer Replik, die die Frage individueller Verantwortlichkeit stellt: « I am guilty of deporting the Acadians. You are guilty of James Wolfe’s devastation of New France’s farms in 1759 and of General Jeffery Amherst’s sending small-pox contaminated blankets to Indians in 1763. [...] And, oh, yes, we abolished French schools in Manitoba, Ontario and elsewhere. We hanged Louis Riel. »631 In weiteren Unmutsbekundungen wird Lesters Buch als pennälerhafter (« a juvenile temper tantrum »632) oder tribalistischer Wutanfall (« his tribalist tantrum »633) eines Demagogen bezeichnet.

Allan Fotheringham, der wie eine Reihe anderer englischsprachiger Journalisten in Lesters Buch zitiert wird, kommt in seiner Reaktion auf die Conquête zu sprechen und zitiert den US-amerikanischen Historiker Henry Steele Commager mit den Worten « Never, in the history of colonial wars, has the victor treated the vanquished so generously. »634 Fotheringham erinnert an kanadische Politiker, die aus Québec stammen und beruft sich auf Premierminister Lester Pearson, wenn er sagt, dass nur ein zweisprachiger Kanadier Chancen habe, Premierminister der Landes zu werden. Der Grund gehe letztlich auf die Schlacht auf den Abrahamshöhen zurück. Die Übernahme der Nouvelle-France durch die Britische Krone stellt chronologisch nicht den Anfang der Spannungen dar, die das Schwarzbuch thematisiert, kann aber dennoch als ihr eigentlicher Gründermoment gesehen werden. In der öffentlichen Diskussion zu Lesters Buch kommt die Rede immer wieder auf das Ereignis aus dem 18. Jahrhundert. Michèle Ouimet stellt das « schwarzweißmalende » Livre noir du Canada anglais in ihrer Kritik den gebleichten Minutes du Patrimoine (« vision javellisée de l’histoire ») entgegen und beschreibt die im ersten Teil des vorliegenden Kapitels diskutierte Großproduktion Le Canada: une histoire populaire als das eigentliche Zentrum des Streits. Die aufwendig produzierte Serie versuche, eine einzige und gleiche Geschichte für alle zu erzählen, gehe den Konflikten aus dem Weg und werde damit zu einem todlangweiligen Unterfangen. In Québec sehe man die Serie als Versuch, eine nationale Identität vom Atlantik bis zum Pazifik zu schmieden. Ouimet hält es für vollkommen normal, dass die Conquête nicht die gleiche Bedeutung für Anglo- und Frankokanadier habe: « Les Canadiens anglais et les Québécois francophones n’ont pas la même vision de l’histoire. Pour les uns, la Conquête de 1760 est une victoire, pour les autres une défaite. Ces différences sont normales. »635 Das Problem sei nicht der unterschiedliche Blick, sondern die Art und der Ort ihrer Präsenz. Sie kommt auf das pädagogische Begleitmaterial von Le Canada: une histoire populaire zu sprechen und findet, dass die « Tempelhändler » in den Schulen des Landes nichts zu suchen haben. (« Mais entre les quatre murs d’une classe, les vendeurs du temple n’ont pas leur place. »)

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Die weitere Diskussion um Normand Lesters Buch wird von zwei Themen bestimmt: dem Vorwurf des Rassismus bzw. seiner Instrumentalisierung und dem unterschiedlichen Maß, mit dem die Subjektivität von Journalisten bewertet werde. Pierre Foglia, der sich in der Vergangenheit mit den gegen Québec gerichteten Medienkampagnen beschäftigt hatte, kritisiert Lester dafür, den Rassismus politisch instrumentalisieren zu wollen. Ein Problem der kanadischen Öffentlichkeit sei gerade, dass man politische Gegner wie die Separatisten Québecs bestrafen wolle, indem man sie zu Antisemiten macht. Foglia verlangt von Lester das für das Buch bezahlte Geld zurück.636 Claude Poulin bezeichnet das Buch als wenig originell und als rassistisch, weil es von einem ethnischen Muster ausgehe und mit seiner Dialektik den Bestrebungen widerspreche, die Nation Québec auf staatsbürgerlichen und nicht auf ethnischen Grundlagen zu entwickeln.637 Jean-Claude Leclerc, Dozent für Journalismus an der Université de Montréal, verweist auf die Bestimmungen im Strafgesetzbuch zu rassistischen Äußerungen, entweder verdiene der Autor des Buches einen Besuch der Polizei oder aber diejenigen, die ihm Rassismus unterstellen. Die Frage liege aber eher in der erfolgten Suspendierung des Journalisten und Leclerc erwägt die besonderen Bedingungen Journalisten im öffentlichen Dienst, für die möglicherweise andere Grenzen der freien Meinungsäußerung gelten.638 Chantal Hébert äußert die Vermutung, das Schwarzbuch sei erst durch den Skandal der Entlassung des Autors zu einem Verkaufserfolg geworden. Lesters Buch würde von den Adressaten allerdings auch so nicht gelesen.639

Eine Reihe von Beobachtern ist sich einig, dass Lester das Ziel seiner Arbeit verfehlt habe, weil er die Mittel und Methoden, die er vorgibt zu kritisieren, kopiert. Er beantworte Diffamierung mit Diffamierung und sei der beste Freund seiner Feinde.640 Das Problem liegt für einige Beobachter nicht in der Suspendierung Lesters, sondern in der Tatsache, dass der ethische Kodex für die Journalisten von CBC/SRC nach zweierlei Maß Anwendung finde. Lester habe gewusst, dass er sich mit seinem Buch, das einem beruflichen Selbstmord gleichkomme, in vermintes Gelände begebe, nur habe sich die öffentliche Anstalt seinen englischsprachigen Kollegen gegenüber weitaus toleranter gezeigt. Das strenge Durchsetzen der Regeln solle immerhin auf Gleichheit und Kohärenz beruhen. (« La sévérité doit avoir comme corollaires l’équité et la cohérence. »641)

14 Tage nach Erscheinen des Livre noir du Canada anglais gab die Société Saint-Jean-Baptiste bekannt, Normand Lester mit dem Olivar-Asselin-Preis für seine journalistische Arbeit und seinen Mut zu ehren. Guy Bouthillier, Präsident der Gesellschaft, erklärt in einem langen Artikel in The Globe and Mail, warum Lester den Preis verdiene. Er habe in der Vergangenheit eine Reihe von politischen Missständen aufgedeckt und sich mit seinem Buch dagegen gewehrt, dass Québec und seine Vertreter in den anglokanadischen Medien mit Nazis in Verbindung gebracht werden:« The ease with which Quebec and its elected leaders are likened to Canada’s worst enemies, and the concomitant double standard, is what inspired Normand Lester to write his book, Le livre noir du Canada anglais. That and the ‘propaganda machine’ cranked up by Ottawa, especially since the 1995 referendum. »642

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Bouthillier nennt unter anderem den im letzten Jahr verstorbenen Montrealer Schriftsteller Mordecai Richler, dem seine bissige Kritik an Québec und vor allem an den Sezessionisten in Anglokanada Lob und Anerkennung eingebracht hatte: « When Mordecai Richler compared Quebec’s elected leaders and institutions to Hitler and the Nazis, he was lionized. » Neben anderen Rezensenten sieht auch Paul Wells eine Verbindung des Livre noir zu den kritischen Beobachtungen Richlers: « The book is clearly intended as a rebuttal to the writings of critics such as the late Montreal writer Mordecai Richler, whose 1992 book Oh Canada! Oh Quebec! contained detailed allegations of historic anti-Semitism and xenophobia among Quebec’s nationalist elite. »643 Mordecai Richler, der große jüdische Schriftsteller Montréals, ist nicht zuletzt durch die Verfilmungen seiner Romane The Apprenticeship of Duddy Kravitz (1959, verfilmt 1974) und Joshua Then and Now (1980, verfilmt 1985) bekannt geworden. Nach der Veröffentlichung seines Buches Oh Canada! Oh Québec! Requiem for a Divided Country von 1992 kam es neben der Empörung in der französischsprachigen Öffentlichkeit auch zu diversen Stellungnahmen der jüdischen Gemeinden, die sich kritisch zu Richlers Vorwurf eines spezifischen « Antisemitismus Québecs » äußerten. Auch in seinem 1997 veröffentlichten Roman, Barney’s Version, kultiviert er in seiner ihm eigenen Art ein Bild von Québec, das ohne Übertreibung subjektiv genannt werden kann. Das Buch lebt von der Nostalgie für ein vergangenes Montreal; die unsanften Bemerkungen des Autors gelten aber nicht nur den Quebec separatists, sondern auch Vegetariern und anderen neuzeitlichen Geschöpfen. Im Jahre 2000 wurde er in Anerkennung seines Werkes zum Companion of the Order of Canada ernannt.

Abschließend sei aus einem Artikel von Louis Cornellier zitiert, der Ende November die hier beschriebene Debatte ankündigte. Lesters Buch könne dazu dienen, öffentlich zu streiten und den « moralistes canadians » [sic] eine alternative Geschichte vorzuhalten. Cornellier schließt mit folgenden Worten: « Souhaitons que le débat vigoureux qui ne manquera pas de suivre permette à tous de ne pas rester dans une noirceur qui n’est étrangère à personne. » (« Hoffen wir, dass die zu erwartende lebhafte Debatte allen erlaube, aus einer wohlbekannten Dunkelheit hervorzutreten. »644) Cornellier spielt auf den dunklen Schatten der Selbstgerechtigkeit an, der Québec für Jahrzehnte, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestimmte (la Grande Noirceur). Glaubt man seiner Vorhersage, dann kann ein öffentlicher Streit wie der um Normand Lesters Buch Licht schaffen und damit als positiver Vorgang gesehen werden. Dieses Fazit muss eine Kritik an Lesters Livre noir du Canada anglais nicht ausschließen. Im Rückblick mag wie für andere seinerzeit heiß debattierte Bücher gelten, dass es einer Kultur des öffentlichen Streits diente und seinem Gegenteil, der politikverdrossenen Müdigkeit, entgegenwirkte.

Dunkle Vergangenheit

Nach den Arbeiten von Lita-Rose Betcheman bzw. von Irving Abella und Harold Troper645 wurden in Kanada in den 90-er Jahren zahlreiche Studien veröffentlicht, die sich mit Fragen von Nationalismus und Antisemitismus in Kanada und in Québec beschäftigten.646 Gleichzeitig erschienen umfangreiche Beschreibungen zum Verhältnis von Juden und Frankokanadiern, die sich der gemeinsamen Geschichte widmeten.647

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Aufsehen erregt 1992 neben Mordecai Richlers Requiem vor allem die Arbeit einer jungen Forscherin, die sich mit Antisemitismus und Nationalismus im Québec der 30-er Jahre beschäftigt.648 Esther Delisles Le traitre et le Juif löst heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit aus, auch wegen der administrativen Schwierigkeiten, die der Dissertationsschrift gemacht werden. Mit der Frage « Wer hat Angst vor Mordecai Richler? » tritt Nadia Khouri, französischsprachige Jüdin marokkanischer Herkunft, 1995 mit einer Verteidigung Richlers an die Öffentlichkeit. Sie stört damit empfindlich die Wahrnehmung von einem frankophonen Québec, das einem anglophonen jüdischem Québec gegenübersteht.649 Diese Beobachtung trifft umso mehr zu, als Khouri für ihre Zustimmung zum Projekt eines unabhängigen Québec bekannt ist und damit politisch in Richler einen Gegner hatte. In einer Rede, die sich mit methodischen Problemen und verzerrten Schlussfolgerungen in einer Reihe von Studien zum Antisemitismus beschäftigt, plädiert Xavier Gélinas, mitarbeitender Historiker der Fernsehserie Le Canada: une histoire populaire, 1998 für die Etablierung wissenschaftlicher Standards für diesen Bereich der Geschichts- und Ideologieforschung.650

Ausgehend vom bisher Gesagten, kann an einem Beispiel illustriert werden, wie Schulbücher einen Aspekt der « dunklen » Vergangenheit in verschiedener Weise porträtieren. Alle vier vorliegenden Schulbücher tragen im Index Verweise zu « Faschismus » bzw. zu Adrien Arcand, dem Führer der faschistischen und konservativen Partei in Québec in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dabei wählten die Autoren der Schulbücher verschiedene Formen der Thematisierung. In der Nouvelle Histoire du Québec et du Canada wird zunächst der internationale ideologische Rahmen des Denkens im Kanada der 1930-er Jahre beschrieben. (« ... les penseurs canadiens puisent souvent leur inspiration à l’étranger: en URSS, en Angleterre, aux États-Unis, en France, au Vatican, en Italie, au Portugal ou en Allemagne, selon les cas. » NH: 316) Das ideologische Spektrum reiche von der kommunistischen Linken bis zur faschistischen Rechten in Kanada. Faschistische Gruppierungen wie der Parti national social chrétien seien vom Denken Hitlers und der Nationalsozialisten beeinflusst und machen die Juden zu den Sündenböcken der Krise. Ihr Ziel sei die Errichtung eines totalitären Staates, wie in Deutschland, Italien, Spanien und Japan. (« ...divers groupes fascistes, dont le Parti national social chrétien, s’inspirent de la pensée de Hitler et du Parti nazi allemand. Ils sont violemment anti-sémites, et font des Juifs les boucs émissaires de la Crise. Ils souhaitent un État totalitaire sur le modèle de ceux qui naissent en Allemagne, en Italie, en Espagne et au Japon. » NH: 318)« In Québec werden sie von Adrien Arcand geführt und ihre Mitgliederzahl ist gering. » (« Au Québec, ils sont dirigés par Adrien Arcand et leurs effectifs sont peu nombreux. » NH: 318) In Kanada sei der offene Antisemitismus von Randgruppen getragen worden. Die kanadische Regierung habe sich den verfolgten Juden gegenüber aber gleichgültig gezeigt und sich geweigert, diese aufzunehmen. (« Au Canada, l’hostilité ouverte à l’égard des Juifs, l’antisémitisme, est le fait de groupes marginaux. Il en reste pas moins que le gouvernement canadien se montre indifférent à la persécution dont les Juifs sont victimes dans plusieurs pays et refuse de les accueillir. » NH: 347) Auf der gleichen Seite findet sich eine Abbildung mit ausgestelltem faschistischen Propagandamaterial und Hakenkreuzflaggen und ein Photo von Richard B. Bennett, Premierminister Kanadas von 1930-35 und Vater des kanadischen New Deal, ohne dass im Text eine Verbindung zwischen den Bildern hergestellt würde. Die Ausführungen in der Nouvelle Histoire stellen Kanada also in einen internationalen Rahmen und beschreiben Québec im kanadischen Kontext.

Québec: héritages et projets beschreibt zunächst den Faschismus als nationalistisches, demokratiefeindliches und antikommunistisches Regime (QHP: 356) und behandelt das Thema Faschismus und Québec später in einem Satz: Einige Québécois folgen den Ideen des Faschismus in den 1930-er Jahren unter der Führung von Adrien Arcand. (« ...un petit groupe de Québécois sont séduit par le fascisme, dont le principal promoteur est Adrien Arcan, chef du parti national-social-chrétien. » QHP:358)

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Je me souviens erwähnt Arcand in einem Kapitel zum frankokanadischen Nationalismus der 1930-er Jahre und schreibt im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise und dem Aufkommen neuer politischer Parteien, dass die faschistische Partei Adrien Arcands für eine staatliche Diktatur eintritt, die auf nationalistischen Prinzipien beruht. (« Le parti fasciste d’Adrien Arcand préconise l’État-dictature appuyé sur le nationalisme. » JMS: 387)

Das englischsprachige Geschichtsbuch Diverse Pasts hebt sich in mehrerer Hinsicht von den genannten Texten ab. Eine ganzseitige Textbox geht zunächst detailliert auf den Antisemitismus in Québec ein. Die Darstellung beginnt mit dem Satz « Anti-Semitism became noteworthy in Québec in the 1930s » und zeigt das Photo eines Treffens der National Social Christian Party mit Adrien Arcand im Vordergrund (DP: 310). Der Text thematisiert die Hasspropaganda und das verzerrte Bild von jüdischen Bürgern in den Wochenzeitschriften der Partei. Eine der Hauptkomponenten der Nazi-Partei sei « extreme French-Canadian nationalism » gewesen. Die 700 Mitglieder zählende Partei sei auf starken Widerstand der englischsprachigen Presse Montréals gestoßen und mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ausgestorben: « The movement was strongly denounced by [...] Montréal English-language newspapers. It eventually died out with the outbreak of World War II. » Der Text vermittelt unmissverständlich den Eindruck, dass sich ein frankokanadisch-nationalistischer Antisemitismus und seine englischsprachigen Gegner gegenüberstanden. Im letzten Absatz des Textes gehen die Autoren auf den Antisemitismus in Anglokanada und den politisch relevanten Antisemitismus der kanadischen Regierung ein. Hier fallen weder die Begriffe « hate propaganda » und « nationalism », noch « hysteria and lies », die für Québec bezeichnend waren, statt dessen bestimmt ein seltsam apologetischer Ton die Argumentation: « Anti-Semitism was not confined to Québec. Throughout Canada during and after World War II, there were fears that waves of Jewish refugees fleeing Nazi Germany would ‘swamp’ Canadian Society. » Der Text erwähnt faschistische Versammlungen wie die des Toronto Swastika Club, der 1938 über 1500 Mitglieder zählte und schließt mit dem Satz « Anti-Semitism also attracted support in western Canada. »

Die Schulbuchtexte zur Geschichte Kanadas belegen die Annahme, dass sich in der Darstellung bestimmter Aspekte der Vergangenheit deutliche Unterschiede zwischen den Bildern in den französischsprachigen und englischsprachigen Texten aufzeigen lassen. Obwohl auch die französischsprachigen Bücher in verschiedener Weise das Aufkommen faschistischer Bewegungen beschreiben, ist ihnen doch gemein, dass sie den Kontext hervorheben und das Problem des Faschismus in Québec erstaunlich knapp besprechen. Das heikle Thema dieser dunklen Vergangenheit wird hier mehr oder weniger deutlich ausgeblendet und mit Ausnahme der Nouvelle Histoire wird das Thema « Antisemitismus » nicht erörtert. Anders in Diverse Pasts. Entgegen den historischen Tatsachen, die den öffentlichen Antisemitismus der 1930-er Jahre als Bestandteil einer konservativen und nationalistischen Politik erscheinen lassen, die im gesamtkanadischen Kontext zu sehen ist und spezifische Formen im katholischen Québec hatte, wird hier Québec und der franko-kanadische Nationalismus in den Vordergrund gestellt, hinter den sowohl die antisemitische Politik der Regierung als auch die faschistischen Vereinigungen Anglokanadas zurücktreten. Es bleibt zu hoffen, dass in Neuauflagen der Geschichtsbücher das Verschweigen wie die ablenkende Überbetonung einer realistischen Betrachtung weichen werden.


Fußnoten und Endnoten

598  Don Gillmor, Pierre Turgeon: Le Canada : Une histoire populaire. Des origines à la Confédération. Fides, Saint-Laurent 2000. Normand Lester: Le livre noir du Canada anglais; Les Intouchables, Montréal 2001.

599  Azéma spricht von « historiants ». Vgl. Robert Martineau: « Du patriote au citoyen éclairé... L’histoire comme vecteur d’éducation à la citoyenneté »; in: R. Comeau, B. Dionne, a.a.O., S. 45-56, S.50.

600  CBC/Radio Canada Annual Report 2000/2001, S. 14.
Im Internet unter: http://cbc.radio-canada.ca/htmfr/rapport_annuel/2000-2001

601  « Over the past few years, despite great financial constraints, ‘Canadianisation’ has been largely achieved [...] making it more distinctive, less commercial, providing a strong nation-binding force through high-impact programming, and reflecting all regions of Canada to the country as a whole. »; ebda., S. 10.

602  Die Formulierung ist unklar und könnte auch meinen, dass die Fernsehserie 15 Millionen Mal ‘angeschaltet’ wurde: « An astounding 15 million Canadians - one out of two - tuned into the series. »; ebda., S. 14.

603  Auf den Anachronismus des Begriffs « kanadisch » wurde bereits verwiesen.

604  « Cette controverse sur la période débutant en 1760 est la plus spectaculaire et, sans doute, la plus prévisible. Mais elle n'est pas la seule. En fait, les responsables des deux secteurs linguistiques de la société d'État se sont livrés à un constant arbitrage au cours de la période de préparation, de manière à ce que l'un et l'autre trouvent leur compte dans une histoire qui se divise souvent en deux visions. » Paule des Rivières: « Une épopée (très) controversée »; Le Devoir, 15.10.2000.

605  Christian Dufour: « Le Canada: une histoire populaire à Radio-Canada: où est passée la Proclamation royale de 1763? »; Le Devoir, 11.11.2000. Dufour reagiert im August 2001 nochmals auf die Serie und bezweifelt die Aussage, es handele sich nicht um ein Geschichtswerk. Christian Dufour: « La manipulation de notre histoire: suite et fin »; Le Devoir, 31.08.2001.

606  http://www.histori.ca/minutes/default.do

607  Mario Cardinal: « La série Le Canada: une histoire populaire, avant tout un documentaire journalistique »; Le Devoir, 16.11. 2000.

608  Jean-Claude Robert: « La Proclamation royale de 1763, mythe et réalité »; Le Devoir, 16.11.2000.

609  Siehe hierzu Kapitel « Öffentliche Erinnerung ».

610  Lysiane Gagnon: « Keeping up the two solitudes »; The Globe and Mail, 26. 02. 2001.

611  Beide Begriffe fehlen im Index des Buches, die Loges d’Orange werden zweimal erwähnt, im Zusammenhang mit Irland (S. 233) bzw. in einer Bildunterschrift zu Thomas Scott, einem irischen Protestanten (S. 286).

612  Die in Kapitel « Öffentliche Erinnerung » beschriebene Initiative von John Ralston Saul und dem Dominion Institute kann in diesem Kontext gesehen werden, wenn auch mit einem weniger ausdrücklichen Impetus auf eine vereinheitlichte Geschichte.

613  Es handelt sich hier kaum um ein technisches Problem der Übersetzung. Varianten wie A History of Canada’s People oder Canada: A History of its People wären im Sinn näher an der französischen Fassung.

614  N. Lester: Enquêtes sur les services secrets; Éditions de l’Homme, Montréal 1998.

615  « Dieses Buch ist zuerst einmal meine Antwort auf die Minutes du patrimoine. In Zusammenarbeit mit Fernsehanstalten wurden von Sheila Copps’ Ministerium des Kulturerbes 7,2 Millionen Dollar ausgegeben, um die Geschichte unseres Landes mit Hilfe kleiner, in Zucker gewickelter Kapseln weiß zu tünchen ... Ich habe mich für die andere Seite der Medaille interessiert, die schwarze, blutige Seite der Geschichte.
Es ist auch eine Reaktion auf die systematische Verunglimpfung Québecs in der Presse Anglokanadas. Seit der Kampagne zum Referendum von 1995 sind die englischsprachigen Medien im Krieg... » Normand Lester: Le livre noir du Canada anglais; Einbandrückseite.

616  Ebda.

617  Lester bezieht sich unter anderem auf folgende Quellen: Zum Antisemitismus in Canada u.a. Irving Abella, Harold Troper: None is too many (1983), zur Rolle der protestantischen Kirchen Alan T. Davis: How Silent Were the Churches? Canadian Protestantism and the Jewish Plight During the Nazi Era (1997), zu faschistischen Bewegungen in Kanada Martin Robin: Shades of Right. Nativist and Fascist Politics in Canada, 1920-1940 (1992) und Lita-Rose Betcheman: The Swastika and the Maple Leaf. Fascist Movements in Canada in the Thirties (1975), zur Internierung japanischer Kanadier Ken Adachi: The Enemy That Never Was: A History of the Japanese Canadians (1977), zum kanadischen Orangeism Dominic Di Stasi: Orangeism. The Canadian Scene. A Brief Historical Sketch (1995).

618  Premierminister Kanadas 1930-35.

619  Clemens Pornschlegel: « Den Käse vergewaltigt. Christliches Missionsprojekt: Hässliche Auswüchse des Nationalitätenstreites in Québec »; Süddeutsche Zeitung, 29.12.2001. Pornschlegel beantwortet eine Frage zu den Formen der Diffamierung, gegen die Lester antritt: « Warum wird die Frage des franko-kanadischen Sezessionismus auf so boshafte Art und Weise verhandelt? Im Grunde funktioniert in Quebec genau das nicht, was anderswo auch nicht funktioniert: die naive, aber glaubensmächtige Identifikation der angelsächsischen Majorität mit Multikulturalismus und Demokratie, die den anderen nur noch die dumme Wahl lässt, sich entweder zu assimilieren oder die Rolle bornierter Weltdorfidioten zu spielen. Im Hintergrund lauert ein oft vergessenes, auf dem Kontinent allerdings schwer übersehbares christliches Missionsprojekt. Democracy, economy, multiculturalism, american und/oder canadian way of life sind nicht einfach neutrale, säkulare, laizistische Ziele. Sie sind heilsgeschichtlich aufgeladen mit Hoffnungen auf das kommende Friedensreich. Peace on earth wird es geben, wenn die Welt einheitsdemokratisch, protestantisch-kapitalistisch verfasst ist, so wie in den USA. »

620  John Francis Bosher: The Gaullist Attacks on Canada, 1967-1997; McGill-Queen’s University Press, Montréal&Kingston 1999, S.65. Zu « France’s Quebec mafia » (S.245) gehören nach Ansicht Boshers u.a. Régis Debray, Philippe Séguin, Auguste Viatte (Vorwort S. xiii) und André Malraux (S.63).

621  Ebda., S. 243.

622  Ebda., S. 239. Bosher spielt auf den bedeutenden und folgenreichen Aufenthalt der Capricieuse, dem kaiserlichen Schiff, in Québec im Juli 1855 an. De Gaulle wählte wie Napoleon III. den Sankt-Lorenz-Strom für seinen Besuch, der Name des Schiffes war Le Colbert.

623  Ebda., 238f.

624  « Les méchants d'un bord et les bons de l'autre. Des Canadiens anglais cruels, haineux et sans scrupule et des Québécois francophones opprimés, exploités et incompris. Un portrait noir et blanc, brutal et sans nuance. » Michèle Ouimet: « L'histoire à toutes les sauces »; La Presse, 30.11.2001.

625  « Le Livre noir du Canada anglais offre une lecture partielle et partiale de l'histoire, comme beaucoup de publications d'historiens de métier. » Louis O'Neill: « Les vérités qui dérangent »; Le Soleil, 13.12.2001.

626  Lysiane Gagnon: « Historical hypocrisies at CBC »; The Globe and Mail, 26.11.2001.

627  Don Macpherson: « History-based hate literature »; The Gazette, 24.11.2001.

628  Paul Wells: « The freedom to do sloppy research »; National Post, 28.11.2001.

629  Don Macpherson: « Landry urges Quebecers to read anti-English hate literature »; Montreal Gazette, 28.11.2001, meine Hervorhebung.

630  William Johnson: « Quebec is mad and it's all your fault »; The Globe and Mail, 29.11.2001. In seinem Artikel belässt Johnson die Bezeichnungen in ihrer französischen Form und bewahrt so das Befremdende an ihnen: « Throughout the 303 pages of the book, extreme words, extreme sentiments are attributed to les Anglais, to le Canada anglais, to les anglophones and les Anglo-Saxons. »

631  N.Lester argumentiert in seinem Buch polemisch gegen die Tatsache, dass in Montréal eine Straße nach General Amherst, einem « unserer Peiniger » benannt ist.

632  Norman Webster: « Lester's temper tantrum »; Montreal Gazette, 08.12.2001.

633  William Johnson: « Just another demagogue »; The Globe and Mail, 20.12.2001.

634  Allan Fotheringham: « The Plains truth, I swear »; The Globe and Mail, 01.12.2001.

635  « Anglokanadier und Frankokanadier haben nicht die gleiche Ansicht der Geschichte. Für die einen ist die Conquête von 1760 ein Sieg, für die anderen eine Niederlage. Diese Unterschiede sind normal. » Michèle Ouimet: « L'histoire à toutes les sauces »; La Presse, 30.11.2001.

636  Pierre Foglia: « Vous me devez 26,70$, M. Lester »; La Presse, 29.11.2001.

637  Claude Poulin: « Un ouvrage raciste »; Le Soleil, 05.12.2001.

638  Jean-Claude Leclerc: « La liberté d'expression des journalistes est-elle sans limites? »; LeDevoir, 03.12.2001.

639  Chantal Hébert: « Encore Lester »; Le Devoir, 03.12.2001. J. Lepage kam in ihrer Beschreibung zum gleichen Schluss: Jocelyne Lepage: « Normand Lester fait des ravages en librairies »; La Presse, 22.11.2001.

640  Gilbert Lavoie: « Le meilleur ami de Bill Johnson »; Le Soleil, 30.11.2001.

641  André Pratte: « L'‘affaire Lester’ no. 3 »; La Presse, 22.11.2001.

642  Guy Bouthillier: « Normand Lester is our hero. A critic of anglo hypocrisy receives a major journalism award today from the Société Saint-Jean-Baptiste »; The Globe and Mail, 10.12.2001.

643  Paul Wells: « English Canada racist: new book. Leaders promote 'campaign of hate' against Quebec »; National Post, 17.11.2001.

644  Louis Cornellier: « La bombe de Normand Lester. Une cinglante réplique aux propagandistes Minutes du patrimoine »; Le Devoir, 24.11.2001.

645  Irvin Abella, Harold Troper: None is too many; Lester and Orpen Dennys, Toronto, 1983. Lita-Rose Betcheman: The Swastika and the Maple Leaf. Fascist Movements in Canada in the Thirties; Fitzhenry & Whiteside, Don Mills 1975.

646  Vgl. u.a.: Martin Robin: Shades of Right. Nativist and Fascist Politics in Canada, 1920-1940; University of Toronto Press, Toronto 1992. Gary Caldwell: « The Sins of the Abbé Groulx »; The Literary Review of Canada, III, 7 (July-August 1994), S. 17-23.

647  Jacques Langlais, David Rome: Juifs et Québécois français: 200 ans d'histoire commune; Fides, Montréal 1986. Pierre Anctil, Gérard Bouchard, Ira Robinson: Juifs et Canadiens français dans la société québécoise; Éd. du Septentrion, Sillery (Québec) 2000. (Protokoll eines Kolloquiums, dessen Programm einer Idee der « Gesellschaft Québec » entspricht, die weder ethnisch noch linguistisch definiert wird.)

648  Mordecai Richler: Oh Canada! Oh Quebec!: Requiem for a Divided Country; Penguin, Toronto 1992. Esther Delisle: Le traître et le juif. Lionel Groulx, Le Devoir et le délire du nationalisme d'extrême droite dans la province de Québec 1929-1939; L'Étincelle, Outremont 1992.

649  Nadia Khouri: Qui a peur de Mordecai Richler? Balzac, Montréal 1995.

650  Xavier Gélinas: Notes on Anti-Semitism among Quebec Nationalists, 1920-1970: Methodological Failings, Distorted Conclusions; A conference presented to the Seminar Series, Department of History, Queen’s University, Kingston, Ontario, Thursday, October 8th, 1998.



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31.10.2006