6 DIE EPISODE VON LONG-SAULT ODER AUFSTIEG UND ABGANG DES ADAM DOLLARD DES ORMEAUX

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Ça y est, le grand incendie
Il y a le feu partout, emergency

Babylone, Paris s’écroulent

New York City

Iroquois qui déboulent

Maintenant

Allez

Noir Désir
, Le grand incendie 651

Der Blick in den Kalender öffentlicher Feierlichkeiten Québecs hat gezeigt, dass man hier den 24. Mai 2002 nicht als den Geburtstag der (bzw. einer) englischen Königin, sondern als Fête de Dollard feierte. Die Selbstverständlichkeit des Victoria Day als Feiertag Anglokanadas wurde hier mit der ehrenden Erinnerung an einen Helden ersetzt, dessen prominenten Namen auch eine Stadt, ein Park und ein Stausee in der Provinz Québec tragen.

Kein Dollard, nirgends

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Versucht man, sich ein Bild von der Person des Adam Dollard des Ormeaux mittels der in den Schulen Québecs verwendeten Geschichtsbücher zu machen, bleibt man vorerst ohne zufriedenstellende Antwort. Entweder taucht sein Name nämlich überhaupt nicht auf, weder im Index noch im Text des Buches, oder die Information ist in einen einzigen Satz gebündelt. Einem Schüler der Sekundarstufe jedenfalls dürfte es schwerfallen, sich anhand seines Geschichtsbuches zum kalendarischen Tag des Dollard des Ormeaux zu belesen.

In einem der vier vorliegenden Schulgeschichtsbücher, La Nouvelle Histoire du Québec et du Canada, findet sich im Abschnitt L’Empire français d’Amérique das Kapitel La course au castor (Die Jagd nach dem Biber). Unter der Überschrift La concurrence et la guerre des fourrures (Konkurrenz und der Pelzkrieg) liest man: « ...les Anglais tiennent [...] en étau la colonie française et leur position géographique en fait de redoutables concurrents ».652 Weiter erfährt der Leser, dass der Krieg um den Fellhandel zwischen englischen und französischen Kolonisten bzw. der jeweiligen Metropolen in Europa über ein Jahrhundert andauert und auch in kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen amerindianischen Nationen Ausdruck findet.

An dieser Stelle befindet sich eine didaktische Randnote, außerhalb des eigentlichen Textes mit folgendem Wortlaut: « L‘hostilité des Iroquois menace d’étouffer la petite colonie de Montréal. C’est en tenant de débloquer la route des fourrures vers l’Outaouais que Dollard des Ormeaux et seize de ses compagnons périssent au Long-Sault en 1660. » 653 Wir wissen nunmehr, aus den zwei Sätzen der Nouvelle Histoire du Québec et du Canada, dass die Kolonie vor dem Untergang stand und Dollard des Ormeaux in Long-Sault starb.

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Ein weiterer Schulbuchtext, Le Québec : héritages et projets, dessen Titel auf die Frage nach dem Mann hinter dem Feiertag zu antworten scheint, hat keinen Verweis, weder auf Dollard des Ormeaux, noch auf Long-Sault. Ebenso ergebnislos bleibt die Suche in einem englischsprachigen Text, Diverse Pasts: A History of Québec and Canada. Zwar ist hier die Rede von den Iroquois Wars, der Zerstörung der Huronie und den Auswirkungen auf die Coureurs des bois (Waldläufer). Der Name Dollard des Ormeaux jedoch taucht nicht auf.

Auch der Blick in ein weiteres Schulbuch mit dem Titel Je me souviens. Histoire du Québec et du Canada hat das gleiche Ergebnis – einen Dollard des Ormeaux gibt es in der Geschichte Québecs anscheinend nicht. Allerdings findet sich hier ein Hinweis, der wenigstens in Zusammenhang mit dem Unbekannten zu stehen scheint. In einer Zeitleiste zu den Guerres iroquoises – dates événements (Irokesenkriege – Daten/Ereignisse) liest man im Eintrag zu 1660: « Les Iroquois projettent d’anéantir la Nouvelle-France (épisode du Long-Sault) » 654. Ohne jede Erklärung wird auf die « Episode von Long-Sault » verwiesen, die in La Nouvelle Histoire in Verbindung mit Dollard des Ormeaux genannt worden war.

Irokesenkriege

Mit dem abenteuerlich anmutenden Namen Irokesenkriege wird der über den größeren Teil des 17. Jahrhunderts andauernde Konflikt zwischen einer Reihe von verbündeten irokesischen ‘Indianerstämmen’ (frz. la nation iroquoise ) und den französischen Kolonisten, später auch den Truppen der königlichen Regierung in Paris bezeichnet.

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Für die Konstellation der Konflikte gibt es geographische, ökonomische und politische Gründe. Die Gegend um den Sankt-Lorenz-Strom wird im 17. Jahrhundert von den amerindianischen Kulturen der Algonquins, der Montagnais und der Hurons bewohnt, die traditionell in kriegerische Auseinandersetzungen mit den weiter im Süden, im Wesentlichen im heutigen Neu-England siedelnden Iroquois verwickelt sind. Die Anwesenheit der weißen Männer mit ihren Hakenbüchsen und Rüstungen erscheint den Häuptlingen der einen als gute Gelegenheit, das Kriegsbeil gegen die anderen auszugraben. Sie beraten und gewinnen den kaum abgeneigten Samuel de Champlain für das Vorhaben. Den Franzosen liegt an guten Beziehungen zu den Bewohnern der Gegend, stellen diese doch die Grundlage ihrer Pläne im Fellhandel dar. Im Frühjahr 1609 zieht dieser mit einigen Franzosen und 300 Amerindianern in Richtung Süden, am See vorbei, dem er seinen eigenen Namen gibt: Lac Champlain. Bei Ticonderoga stößt die geschrumpfte Truppe ― einem Teil der amerindianischen Begleiter ist die Unternehmung nicht geheuer ― auf die irokesischen Krieger. Am Tag darauf kommt es zum Kampf. Die gezielten Schüsse der Feuerwaffen auf die am reichen Federwerk erkennbaren Anführer verfehlen ihre Wirkung nicht und führen einen raschen Sieg herbei. Der derart siegreiche Anführer der Franzosen geniest hohes Ansehen bei den befreundeten Stämmen, welches durch einen ähnlichen Sieg im darauffolgenden Jahr noch verstärkt wird. Das für diese Freundschaft zwischen Franzosen und ihren Alliierten geflossene Blut führt aber zu einer bitteren Feindschaft zu den Stämmen der Irokesen: Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca.

In den Gebieten dieser Stämme siedeln seit der ersten Hälfte des Jahrhunderts vor allem Holländer, die 1624 Fort Orange, das spätere Albany gründen. Ihnen liegt zunächst wenig am Kontakt mit den Ureinwohnern des Landes. Die Iroquois verstanden aber, dass sie ohne die technologischen Mittel der Bleichgesichter einer militärischen Auseinandersetzung nicht gewachsen sind. Holländische Händler und später englische Militärs unterstützen die Iroquois, weil deren Feldzüge im Interesse der Gegner Frankreichs lagen. Mit neuen Waffen greifen diese die Algonquins und ab 1640 auch französische Siedlungen an. 1649 besiegen und zerstören die Iroquois die Lager der bereits geschwächten Huronen ( la huronie ), von denen nur wenige überleben. Die Huronen waren in ständigem Kontakt mit Missionaren und Übersetzern und viele von ihnen waren durch europäische Krankheiten geschwächt bzw. hatte diese nicht überlebt. Einer der Gründe für das Ausbleiben des nötigen militärischen Widerstands war im Übrigen der zweifelhafte ‘Erfolg’ der katholischen Missionare. Ein beträchtlicher Teil der Huronen hatte begonnen, den zivilisatorischen Vorgaben Folge zu leisten und war damit aus dem kulturellen Kontext der Beziehungen zu den Irokesen gerissen.

Bis zum Friedensschluss zwischen Franzosen und Iroquois im Jahre 1701 – als Grande Paix de Montréal in den Geschichtswerken zu finden und im Jahre 2001 feierlich in Erinnerung gerufen – kommt es immer wieder zu Friedensverhandlungen und Verträgen (1653, 1667) und zu Vertragsbrüchen und neuen Feldzügen. 1665 greifen über 1000 aus Frankreich gesandte Soldaten des Regiments Carignan-Salières Dörfer der Iroquois an; 1689 werden die 200 Bewohner der Siedlung Lachine (Montréal) von 1500 Kriegern der Iroquois in Angst und Schrecken versetzt. Gedenktafeln erinnern heute an das « massacre de Lachine » , bei dem 24 Siedler starben und weitere 42 entführt wurden und ihren Tod als Opfer ritueller Folter fanden. Es verwundert nicht, dass sich dieses Ereignis in der lokalen Erinnerungskultur eingeprägt hat.

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Die hier beschriebene Chronologie der Ereignisse findet sich in ähnlicher Form in einer Zeittafel wieder, mit der französischsprachige Schüler, die mit dem Lehrbuch Je me souviens. Histoire du Québec et du Canada (JMS) arbeiten, von der Geschichte ihres Landes erfahren. Unter der Überschrift La menace iroquoise (Die irokesische Gefahr) wird ihnen die Frage gestellt: « Pourquoi la chronologie des guerres iroquoises commence-t-elle avec l’expédition de Champlain au lac Champlain? »655

Der englischsprachige Text spricht unter der Überschrift The Fur Trade von war with the Iroquois between 1641 and 1666 (DP: 46) und schließlich Iroquois war parties started attacking French traders in the West in 1681, and by 1689 they were ravaging settlements near Montréal. This war lasted until 1701 (DP: 51).

Konfliktdatierungen sprechen für sich. Man kann vermuten, dass der spezielle Blick auf die Chronologie von Ereignissen mit einer spezifischen Lesart dieser Ereignisse in Verbindung steht. So werden Fragen von Schuld über die Datierung des Beginns von Konflikten verhandelt. Der didaktische Hinweis auf den Beginn der Konflikte mit den Iroquois im Lehrbuch Je me souviens steht im Sinne des Verweises auf wichtige Verbündete, die Huronen. Davon zeugt die Überschrift Des alliés importants auf der gleichen Seite. Der Konflikt wird als Auseinandersetzung gleicher Parteien gesehen, wenn auch nicht explizit derartig thematisiert. Die Überschrift The Fur Trade hingegen lenkt den Blick auf eine andere Realität – die ökonomischen Interessen der Kolonialmacht und die Folgen. Weder der anthropologisch noch der ökonomisch motivierte Blick widerspricht der Realität – es kann allerdings davon ausgegangen werden, dass dieser historiographische Blick mit einer größeren kulturellen Realität in Verbindung steht. Unschuldig sind auch die weißen Flecken in Geschichtsbüchern nicht. Der Name einer historischen Gestalt, verewigt (für die Gegenwart) in Denkmalen, Feiertagen und Ortsbezeichnungen, verschwindet nicht von selbst aus den Geschichtsbüchern, vor allem nicht aus denen im öffentlichen Schulgebrauch. Im Folgenden wird zu zeigen sein, wie die Betonung und das Verschweigen einer Person, dem Geiste der Zeit entsprechend einer politischen (und kulturellen) Agenda folgen.

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Im Frühling des Jahres 1660 zieht der in Frankreich geborene Dollard des Ormeaux, begleitet von 40 Huronenkriegern geführt von Annaotaha, 4 Algonkin mit ihrem Führer Métiouemeg und 16 Franzosen in eine « petite guerre » gegen die Irokesen, von deren kriegerischen Absichten gegen die Franzosen man zu wissen glaubte. Der sogenannte kleine Krieg entspricht der Art von militärischer Strategie zumeist einheimischer Kämpfer, die auch andernorts großen Armeen zum Verhängnis wurde und die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man dem Gegner keine offene Schlacht liefert und ihn mit überraschenden Angriffen schwächt.

In der Schlacht um die Abrahamshöhen vor Québec, ein Jahrhundert nach der hier zu beschreibenden « Rettung der Kolonie » durch Dollard des Ormeaux, setzt sich auf der französischen Seite die noble Art herkömmlicher Kriegführung mit Montcalm gegen den von Vaudreuil favorisierten unorthodoxen « kleinen Krieg » durch. Vaudreuil, der in Kanada geborene Gouverneur der Nouvelle-France, sieht die Welt und den Krieg nicht mit den Augen des französischen Aristokraten Montcalm.

Der Franzose Adam Dollard, typischer Vertreter des Menschen- (und zumeist junggeselligen Männer-) Schlages, der die Neue Welt in ihren Anfängen bevölkerte, optierte für die Strategie des kleinen, partisanenhaften Krieges gegen die feindlichen Irokesen, in deren Macht es stand, den Fellhandel der jungen Kolonie empfindlich zu stören. Motiviert war diese Art des Vorgehens nicht zuletzt durch die befreundeten und ihn begleitenden Amerindianer. Adam Dollard des Ormeaux und seine französischen und amerindianischen Begleiter sind im Mai 1660 auf dem Weg nach Long-Sault, um den, nach Meinung einiger Historiker militärisch zu dieser Zeit noch überlegenen Irokesen zuvorzukommen. Er kann nicht geahnt haben, wie die Nachwelt die letzten Tage seines Lebens und den Moment seines Todes zum Ausgangspunkt eines zähen Mythos machen wird. Dass es sich nicht um die unmittelbare Nachwelt handeln wird, legt den eigenartigen Mechanismus mythologischer Transformationen offen: das historische scheint vor dem narrativen Ereignis zu verblassen.

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Die 60 Mann starke Truppe stößt auf eine 500-700 Krieger zählende Streitmacht der Irokesen und zieht sich in ein aufgegebenes Fort am Long-Sault zurück, dessen beste Tage in der Vergangenheit liegen. Die Irokesen belagern die Angreifer, die nunmehr zu Verteidigern geworden sind, ungefähr eine Woche, die historischen Quellen variieren zwischen sieben und zehn Tagen, und es gibt Tote auf beiden Seiten. Der aussichtslosen Lage bewusst, verlassen einige der Huronen das Lager und werden schließlich zu den einzigen Augenzeugen der Vorgänge am Long-Sault. Die wenigen Überlebenden der Belagerung finden ihren Tod in den rituellen Opferzeremonien der überlegenen und siegreichen Irokesen. Diese ziehen sich nach dem Ende der Kämpfe in ihre Lager im heutigen Neuengland zurück.

Mythos

Die Nachricht von der Schlacht und ihrem Ausgang erreicht die Kolonie wenig später. Dem Kampf entkommene Huronen berichten detaillreich von den Vorgängen, die von Chronisten des religiösen Lebens notiert werden. Vor allem die Relations des Jésuites, hervorragende Quelle des historischen Studiums, und die Aufzeichnungen von Marie Guyart de l’Incarnation geben uns Auskunft für eine mögliche Rekonstruktion der historischen Tatsachen. Eine weitere Quelle, gegen 1672 von François Dollier de Casson656 erstellt, dem Prior der Sulpiciens in Montréal von 1671 bis 1674, steht der direkten Nachwelt nicht zur Verfügung und kommt aus Paris erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Québec.

Die Texte der Jesuiten und von Marie de l’Incarnation beschreiben die kämpferischen Auseinandersetzungen und nehmen diese zum Anlass, von den zahlreichen Gefahren zu berichten, denen sich die junge Kolonie und die missionarische Arbeit gegenübersieht. Die Person des Adam Dollard nimmt in diesen Darstellungen keinen besonderen Platz ein bzw. findet keine Erwähnung.

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Man wird das 19. Jahrhundert und seine eigentümliche historiographische Produktivität abwarten müssen, um die in der Zwischenzeit in Vergessenheit geratene Episode von Long-Sault und ihres Protagonisten wiedererweckt zu finden.

Patrice Groulx, Historiker und ohne Verwandtschaft zu seinem bekannten Namensvetter, hat in seiner Doktorarbeit La Bataille du Long-Sault et la place des Amérindiens dans l'identité québécoise 657 gezeigt, in welcher Form die Kanonisierung einer gewissen Lesart und vor allem der impliziten Lehren für die frankokanadische Gemeinschaft vonstatten ging. Groulx’ Analyse deutet auf die bis in die Gegenwart reichenden Blockierungen hin, die einer weniger gestörten Kommunikation mit dem Anderen, vor allem dem Amérindien aber auch, eher indirekt, wie sich zeigen wird, dem Anglo-Saxon, im Wege stehen.

Bevor in der Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Dollard des Ormeaux von der künstlerischen und literarischen Produktion in die Bilderlandschaften der kanadischen Nation(en) auf einen Ehrenplatz eingeladen wird, hatten Historiker die notwendigen Vorarbeiten geleistet. Zu nennen ist hier die Wiederbelebung der Episode am Long-Sault bei François-Xavier Garneau mit seinem großen Projekt einer Geschichte der Frankokanadier und vor allem die Texte der geistlichen Arbeiter einer Nationalgeschichte, É.-M. Faillon (1799-1870), J.-B.-A. Ferland (1805-1865) und H.-R. Casgrain (1831-1904). Ferlands Geschichtskurs zu Kanada 658 von 1861 und Casgrains Geschichte der Marie de L’Incarnation 659 von 1864 schließen an Garneaux’ Vorhaben an. Die zwischen 1845 und 1865 produzierten Darstellungen konstituieren die « kritische Masse » (P. Groulx) an Material, um Dollard des Ormeaux in den Vordergrund der historiographischen Arbeiten zu stellen. Abbé Ferland reist 1856 nach Paris und begibt sich für zwei Jahre auf die Suche in Archiven. Vor allem Faillon, der sich in seiner Geschichte der französischen Kolonie in Kanada660 auf den erwähnten Dollier de Casson bezieht, gelingt es, eine kanonische Version vom Ereignis am Long-Sault und den daraus zu ziehenden Schlüssen zu erstellen.

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Sowohl in den französischsprachigen als auch in den englischsprachigen Schulbüchern des späten 19. Jahrhunderts findet sich folgerichtig das Bild eines heroischen Dollard des Ormeaux, der mit seinen Freunden die junge Kolonie der Nouvelle-France vor dem Ansturm der Irokesen bzw. vor dem Untergang schlechthin rettete. Die Rolle der amerindianischen Begleiter wird hier nun entweder heruntergespielt oder bleibt unerwähnt. Zwei Beispiele, nicht untypisch für die jeweiligen Strukturen von Bildungsinstitutionen der Zeit und die verwendeten Materialien, illustrieren das Selbstverständnis, mit dem sich der Mythos des Dollard und die Interpretation der Ursachen und der Folgen in das institutionelle Gedächtnis der beiden Kanadas begeben hatte. In einem Handbuch zur Geschichte Kanadas von 1882, herausgegeben und benutzt von der Congrégation de Notre Dame in Montréal, zugelassen für den Unterricht vom zuständigen Ministerium für Landwirtschaft und Statistik in Ottawa, lesen wir unter dem Hinweis le beau dévoûment de Dollard (die schöne Hingabe des Dollard) Folgendes:

La colonie, ne recevant aucun sécours, était menacée d’être détruite par les Iroquois. Seize braves français, ayant à leur tête Dollard, résolurent de se sacrifier pour sauver leurs frères. Ils allèrent attendre les Iroquois au pied du saut des Chaudières sur la rivière des Outaouais, et se retranchèrent dans un petit fort en très mauvais ordre. Les Iroquois, au nombre de 700, ne tardèrent pas à s’y rendre. Le combat dura dix jours. Ce ne fut qu’après avoir perdu un grand nombre de leurs guerriers que les Iroquois parvinrent à triompher de la résistance de ces dix-sept héros; aussi, l’armée iroquoise déjà bien affaiblie, dut renoncer au projet d’aller attaquer Québec...661

Nachdem der Schüler auf den Grund des desolaten Zustandes der Kolonie verwiesen wurde, die fehlende Hilfe aus Paris, erfährt er von Dollard und seinen Genossen, die sich tapfer der angreifenden Armee entgegenstellen und diese schließlich, nachdem sie ihr Leben opferten, zur Rückkehr bewegen. Von den über vierzig befreundeten Autochthonen ist nicht die Rede, dafür aber von 700 angreifenden Irokesen. Das Handbuch ist zwischen 1882 und 1905 in mindestens 5 Auflagen erschienen; ähnliche Darstellungen finden sich in den Schulgeschichtsbüchern der Zeit. Der Titel des unlängst erschienenen Buches Les pièges de la mémoire 662 von Patrice Groulx weist auf die fatalen Folgen dieser Erinnerungsarbeit hin: indem der Indianer geschichtsinterpretativ dämonisiert wurde, hat das 19. Jahrhundert der Gegenwart die Möglichkeit verbaut, die eigene Vergangenheit und die (mitunter) beispielhaften Kontakte mit dem Anderen, dem Amérindien zu kennen und wertzuschätzen. In der frankokanadischen Ideenwelt scheint sich dieser Zustand bis in die Gegenwart gehalten zu haben.663 Die zentrale Aussage des beau dévouement de Dollard, die Rettung der Kolonie vor dem äußeren Feind, wird unterstrichen durch einen didaktischen Eingriff, indem die Schüler aufgefordert werden, Verteidigung und Angriff zu erzählen und das eine mit dem anderen nicht zu verwechseln: « Racontez la belle défense de Dollard contre les Iroquois. »664

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Im Jahre 1897 erscheint in Toronto ein für den Schulunterricht von allen Provinzregierungen zugelassenes Geschichtsbuch, die bekannte History of the Dominion of Canada, von W. H. P. Clement. Im Jahr davor war die dritte Auflage des genannten Abrégé de l’Histoire du Canada erschienen und auch im englischsprachigen Kanada (nicht zuletzt in Québec) war man sich der großen Aufgabe bewusst, eine nationale Geschichte schreiben zu müssen, die sich in dem noch jungen Schulsystem verwenden ließe. Die Darstellung der Heldentat des Dollard bei Clement unterscheidet sich in nur einem Punkt von der des Abrégé – man erfährt von ‘ein paar Indianern’ an Dollards Seite. Nach dem Hinweis auf die gefahrvolle Situation der Kolonie, ( « ...and the terror of the Iroquois name spread through all the country north of the St. Lawrence. Not only was settlement disappearing; the fur trade itself was constantly interrupted and its profits lost. » 665) lesen wir unter der Überschrift The Heroes of the Long Sault.:

Montreal was in constant alarm. One year numerous Iroquois bands wintered on the Ottawa River, intending to make a combined attack on Montreal in the spring (1660). The blow was averted only by the heroic self-sacrifice of Dollard des Ormeaux. At the head of a volunteer band of young men and a few Indians, he ascended the Ottawa, and took up his station in a rude entrenchment at the foot of the Long Sault. As the Iroquois shot down the rapids, Dollard opened fire upon them from the bank. Pressed by increasing numbers, he was driven to the shelter of the fort, where for eight long days he and his little band stood « savagely at bay. » In the end they were overpowered and ruthlessly slaughtered; but in their death they inflicted so severe a loss upon the Iroquois that the latter withdrew at once to their own country, leaving Montreal unmolested for a time.666

Nur durch die heldenhafte Aufopferung Dollard des Ormeaux’ war Montréal vorerst der ausstehenden Gefahr entgangen. Bemerkenswert ist, dass der Heldenstatus des Dollard in beiden Sprachen und beiden historiographischen Kulturen in durchaus vergleichbarer Weise seinen Platz findet. Dollard des Ormeaux wird von der gesamten narrativen Produktion um mit P. Groulx zu sprechen in den panthéon historique des deux nations du Canada aufgenommen. 1867 war die Confederation ins Leben gerufen worden und die im historiographischen Dienst stehenden Mitarbeiter kamen ihrer Aufgabe nach. Eine Nation in Nordamerika unter dem kontinentalen Motto a mari usque ad mare zu gründen, hieß auch eine gemeinsame Geschichte ins Leben zu rufen. Spätestens seit den 1870-er Jahren hatte sich, mit James Macpherson Le Moine und vor allem mit einem Klassiker des US-amerikanischen Historikers Francis Parkman667 in Anglokanada eine heldische Lesart der Taten des Dollard etabliert. Der Autor der History of the Dominion of Canada allerdings hatte die Vorgaben der frankokanadischen Historiker aufmerksam studiert und Faillons Interpretation der bewussten und freiwilligen Aufopferung Dollards übernommen, die sich bei Parkman nicht findet.

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Einen deutlichen und eindrucksvollen Beleg für den Aufwand der Erarbeitung einer gemeinsamen Geschichte finden wir in den 300-Jahr-Feiern der Stadt Québec, im Jahre 1908. Im Rahmen des als Tercentenarium gefeierten Nationalfestivals finden prunkvolle Aufführungen historischer Szenen statt und wie H.V. Nelles in seiner Studie The Art of Nation-Building 668 schreibt: « The tercentenary seemed to have been built on the dual propositions that history would make a nation and that history could best be understood in performance. » 669 Die sozialen und politischen Integrationspotentiale des Festes waren den Organisatoren mit Sicherheit bekannt und das Programm, die Ausrichtung und die Berichterstattung deuten darauf hin, dass die « politische Gemeinschaftserfahrung » des Festes (H. Münkler) auf eine pankanadische Identität abzielte. Selbstvergewisserung, Gemeinschaftserfahrung, Erziehung und Unterhaltung - die Dimensionen des (politischen) Festes670 finden sich im Sommer 1908 in Québec vollzählig versammelt. H. V. Nelles stellt seiner Arbeit ein treffendes Zitat Greg Denings voran: « I think that we never know the truth by being told it. We have to experience it in some way. That is the abiding grace of history. It is the theatre in which we experience truth. » Tausende von Gästen kommen nach Québec um den Aufführungen historischer Szenen beizuwohnen. Zwei wesentliche Elemente der Zeit verhelfen dem Ereignis zu einer neuen Dimension von Präsenz in der Öffentlichkeit: Zeitungen, die das Ereignis großräumig ankündigen und begleiten und die Photographie. Nelles’ Studie zeigt unter anderem, dass in den Archiven erstaunlich wenig Text und dafür um so mehr photographisches Material zu den 300-Jahr-Feiern zu finden ist.

Die mediale Begleitung der Feiern hat in beiden Sprachen ein großes Motto: « Souvenir ». Den Umschlag des offiziellen Programms unter dem Titel Souvenirs du Passé et Livret des Spectacles historiques schmückt ein spärlich bekleideter Ureinwohner, weite Landschaften und ein weit sichtbares Kreuz. Darunter finden sich der Ort und die Zeit der Feiern: Dans l’Ancienne Capitale du Canada du 20 au 31 Juillet 1908.671 Auf der Titelseite einer Tercentenary Souvenir Number des Standard aus Montréal vom 25. Juli 1908 sieht man eine große farbige Darstellung des « Angel of Peace above Québec », über kleineren Zeichnungen historischer Szenen und den gekreuzten Fahnen Red Ensign und Drapeau de Carillon. Der Zeit entsprechend gibt es auch eine Kollektion von Postkarten mit verschiedenen Abbildungen von ‘touristischem Interesse’. Die Karten der « official souvenir postcard series »Souvenir officiel des fêtes du IIIe centenaire de Québec ) tragen Erklärungen auf der einen Seite in französischer und auf der anderen in englischer Sprache. Diese « offiziellen Souvenire » entsprechen auch hier der Idee einer großen, pankanadischen Nationalfeier, die in Québec, der ältesten Stadt des Landes, begangen und im übrigen Land a mari usque ad mare zelebriert werden kann. Die kommunikative Erschließung der kanadischen Nation wird besonders deutlich von der Eisenbahnverbindung zwischen dem Osten und dem Westen des Landes illustriert. Es nimmt nicht wunder, das « Souvenir » der 300-Jahr-Feiern auf dem Einband einer graphischen Werbemappe für die Intercolonial Railway zu finden. Neben einer Landungsszene im Jugendstil steht hier in großen Lettern: « Souvenir Tercentenary Celebration. Landing of Champlain. With the Compliments of the Intercolonial Railway. »

In der Vorbereitung des Historienfestivals waren geeignete Szenen gesucht worden, Szenen also, anhand derer sich die Geschichte des 1867 entstandenen Landes miterlebbar illustrieren ließe. Thomas Chapais, für das beauftragte Subcommittee on history and archeology sprechend, empfiehlt die Episode mit Dollard des Ormeaux am Long-Sault, neben Champlains Rückkehr nach Québec und Frontenacs Botschaft and den Gesandten Phips, der die Stadt Québec belagerte. Diese seien, neben anderen Szenen, « suitable for open-air representation »672. Die Aufführung der Dollard-Szene nahm in der Presseberichterstattung der Zeit eine ganz besondere Rolle ein; der dramatische Vorgang eignete sich am ehesten, das Publikum zu begeistern:

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Civilization hangs on the brink in the exciting fourth scene in which the stalwart Dollard des Ormeaux and his colleagues save Ville Marie from destruction in 1660. Dollard and his group ambush a war party of Iroquois on its way to attack the village; the Indians counter-attack and are repulsed. Following a stirring war dance, the Indians overrun the stockade in a massed attack; Dollard and his brave companions perish in the flames. Smoke and sadness fill the air as the Indians form up into a retreating column. As the program notes explain, « To the beat of drums the train moves off uttering plaintive and mournful sounds and bearing the bodies of the dead in procession, with their scalp trophies elevated on poles. »673

Der « stämmige Dollard » und die buntgemischte Schauspielertruppe verursachen rege Aufmerksamkeit, nach der « religiösen Stille » der Anfangsszene ( – der Entdecker Jacques Cartier vorstellig bei François I. – ) kommt es nun zur Erregung im Publikum « Excitement mounted during the frenzy of the Dollard scene »674. Das Martyrium des Dollard war Teil des pankanadischen Ausblicks auf eine nunmehr als gemeinsame Angelegenheit zu betrachtende Geschichte geworden. Der Sinn der Geschichte findet sich in der Darstellung der aufopferungsvollen Tat, die der jungen Nation half, in einer feindlichen Umgebung zu bestehen, oder, dem Pathos der Aussage folgend, zu überleben. Dass es sich hier keineswegs nur um eine Angelegenheit historisch interessierter Spezialisten handelt, zeigt die große Anzahl von unterhaltsamen Zeichnungen und Lithographien, die Szenen des Spektakels in den englisch- und französischsprachigen Zeitungen illustrieren. Als wollte man dem Mythos des US-amerikanischen Westens ein Stück eigener Geschichte entgegenhalten, entstehen so auch zahlreiche Bilder dieser frankokanadischen Alamo, nicht ohne den Preis der zu Tode erschöpfenden Arbeit für den Künstler:

At the same time these artists worked to diffuse images of the tercentenary as popular art in mass circulation formats. Henri Julien, better known as an editorial cartoonist, put his talents to work in a Wild West rendition of the Iroquois overrunning Dollard’s fort. [...] Julien dropped dead in a Montreal street of a heart attack soon afterwards, it was said, exhausted by this extra tercentenary work.675

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1910, zum 250. Jahrestag der Episode am Long-Sault, wird entschieden, Dollard des Ormeaux in Montréal ein Denkmal zu errichten. Die Pläne für das Denkmal sind 1914 fertiggestellt, werden aber erst nach dem 1. Weltkrieg umgesetzt. Vertreter der anglophonen Montrealers wenden sich, nicht zuletzt inspiriert von einer der großen Politikdramen der kanadischen Union ( Conscription Crisis ), gegen das Vorhaben einer gemeinsamen Erinnerung an den Helden der französischen Kolonie. Was als harmonisches Projekt patriotischer Folklore Teil der kanadischen Geschichtspolitik sein konnte, steht hier in einem politischen Kontext, der sich immer wieder an der sprachlichen Trennlinie und dem antagonistischen Potential aufheizt. Lionel Groulx, zentrale Figur der katholisch-patriotischen Historiographie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts676, schlägt 1918 vor, die Schlacht am Long-Sault alljährlich zu zelebrieren. Das Datum konkurriert mit dem Victoria Day und institutionalisiert hiermit eine rupture mémorielle des deux Canadas (P. Groulx). Das Tercentenarium und das Spektakel der gemeinsamen Geschichte wird verdrängt von den Anstrengungen einer Heimholung des Martyriums, nunmehr mit deutlichen religiösen Tönen. Dollard des Ormeaux sei der frankokanadischen Jugend ein Vorbild, ein Held, der mit seiner Tat der Vorsehung entsprach. Die Mission des Fortbestehens einer katholischen Erde in Nordamerika mobilisiere sich anhand des Aktionismus, der das Überleben möglich macht. Lionel Groulx ist nicht der einzige, aber der herausragende Historiker der Zeit, der den Überlebenskampf des fait français en Amérique anhand des Beispiels der Rettung des französischen Kanada durch den Mut Dollards illustriert. Die äußere Gefahr, die es abzuwenden gilt, ist das Meer von englischsprachigen Protestanten und die damit im Verbund gesehenen Attribute der neuen Zeit: Industrialisierung, Urbanisierung, Dechristianisierung und moralische Dekadenz. Doch es gibt auch eine innere Gefahr, der fehlende Enthusiasmus der Jugend, ohne den die göttliche Vorsehung nicht arbeiten könne. Kein besseres Modell als der Märtyrer Dollard des Ormeaux. Mit diesem, bzw. mit der Interpretation und Propagierung des Sinnes seiner Tat ist der Mythos eines Helden entstanden, der eine symbolische Schlüsselrolle in den Kämpfen der Zeit einnimmt. Die starken ultramontanen Züge einer klerikalen Gegenmoderne sehen ihre Stellung in der Neuen Welt begründet und bestätigt durch den von der Vorsehung gesandten Dollard. Nicht ohne Grund beginnt im Januar 1919 eine Konferenz in Montréal mit dem Leitspruch « Si Dollard revenait... » (Käme Dollard zurück...) – Lionel Groulx lässt hier das Bild einer idealen Gesellschaft entstehen, die der Verinnerlichung eines christlichen Auftrages entspricht. In einer Rede, die Groulx am 24. Mai 1919,anlässlich der Enthüllung des Dollard-Denkmals hält, unterstreicht er diese Lesart des Sinnes, den Dollards Opfer verkörpere.

Anti-Mythos

Der Geschichtsprofessor Edward R. Adair veröffentlicht 1932 eine provokative Arbeit unter dem Titel A Re-interpretation of Dollard's Exploit,die aus dem Helden von Long-Sault einen schlecht vorbereiteten, egoistischen Hitzkopf macht, dessen Niederlage der Kolonie eher geschadet habe, als dass sie die von seinen Historikerkollegen propagierte Rettung bedeutete.677 Damit beginnt ein Vorgang, der Dollard vorerst in einem kritischeren Licht interpretieren wird, bevor das Licht schließlich gelöscht und Dollard im Dunkeln zurückgelassen wird.

Doch akademische Neuinterpretation der Geschichte ist nicht gleich neue Schulbuchgeschichte. Ein englischsprachiges Schulbuch aus der atlantischen Provinz Nova Scotia, aus dem Jahre 1933, mit dem vielsagenden Titel The Story of Britain and Canada zeigt keinen Kratzer am Bild Dollards, um dessen Rolle zu eben der Zeit in Montréal ein heißer Streit tobt. Der Autor beschreibt zunächst den Grund der Gefahr, die von den Irokesen ausging (diese waren zivilisierter als die amerindianischen Verbündeten der Franzosen):

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Algonkians and Hurons were thus bound to become friends of the French, and the Iroquis their enemies. This fact was a very great hindrance to French colonization, for the Iroquois, being more civilized and therefore more powerful, not only defeated their Indain rivals, but carried warfare into the French settlements.678

Schließlich wird die Episode von Long-Sault erzählt, ohne Hinweis auf die 44 übrigen Begleiter, noch auf den Opfertod des Helden:

Early one spring, word came that a body of Iroquois were on their way to attack Montreal. Seventeen young Frenchmen, led by Adam Dollard, bravely determined to meet them in battle. At the Long Sault rapids on the Ottawa, there was a furious fight. The Frenchmen, greatly outnumbered, took refuge in a little fort, and there held out for eight days. In the end, they were defeated and killed, but so stout had been their resistance that the Iroquois began to think it impossible to capture strong forts like Quebec and Montreal, defended by many soldiers, and for a time gave up their plan of driving the French away.679

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Die Idee der wertvollen Unternehmung ist erhalten, was nicht verwundern kann, weil die oben erwähnte Veröffentlichung Adairs die erste veröffentlichte Kritik am Bild des nationalen Helden darstellt. Der Mythos vergeht nicht im Moment seiner öffentlichen Infragestellung. Der Blick in die Schulgeschichtsbücher des späten 19. und des größeren Teils des 20. Jahrhunderts zeugt von der institutionellen Präsenz der Episode am Long-Sault, seines Haupthelden und der entsprechenden Deutung für das Weiterbestehen der Kolonie. Teil der ministeriell zugelassenen Geschichtsbildung, sowohl in französischsprachigen, als auch in englischsprachigen Schulen Kanadas war, wie sich zeigen ließ, das Bild eines unkritisch als Helden stilisierten Dollard des Ormeaux.

Die höchste Erhebung Montréals, le Mont Royal, beherbergt eine Erinnerungsgalerie, die uns ein konserviertes Bild dieser Situation gibt. An den Wänden des Chalet du Mont Royal hängen 17 große Gemälde, die verschiedene Szenen der Geschichte der Nouvelle-France abbilden. In diesem Album von Taten und Ereignissen der siegreichen Art finden sich Jacques Cartier, Samuel Champlain, Maisonneuve680 und Dollard des Ormeaux vereint. Der historische Bogen spannt sich, wie die Titel der Gemälde erklären, von den Anfängen bis zum Ende, von der Entdeckung bis zum Untergang: Les voyages de Jacques Cartier au Canada en 1534 et 1535 und Montréal en 1760. Da es sich um positive Selbstbilder, in den Worten von Vamık Volkan, um gewählte Ruhmesblätter681chosen glories ) handelt, sprechen die Gemälde freilich nicht von Niederlage und Verlust, sondern von Entdeckung und Besitz: Départ de La Salle pour aller à la découverte du Mississippi und Les anciennes possessions françaises en Amérique.682 Dollard des Ormeaux sind in dieser Hall of Fame der Nouvelle-France zwei Darstellungen gewidmet; die Titel benötigen keinen weiteren Kommentar: Le Serment de Dollard des Ormeaux et de ses compagnons und Dollard des Ormeaux meurt au Long-Sault pour sauver la colonie.683

Wie erklärt sich, dass die heutigen Schulbücher nicht nur die mythische Überhöhung des Helden nicht transportieren, sondern von der gänzlichen Abwesenheit des « Retters der Kolonie » gekennzeichnet sind?684 Obwohl Lionel Groulx 1932 mit « Le Dossier de Dollard » 685, und Gustave Lanctot mit « Was Dollard the Saviour of New France? » 686, noch im gleichen Jahr polemisch auf die Uminterpretation des Helden durch Adair reagieren, arbeitet die Zeit gegen ihre Versuche der Instandhaltung des sinnstiftenden Retters. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Lucien Parizeaus Bonmot von Dollard als « fröhlichem Briganden »687 und vor allem in den 60-er Jahren wird der Held von französisch- und englischsprachigen Historikern bzw. von Schriftstellern wie Jacques Ferron einer kritischen Lektüre unterzogen und die Produktion der mythischen Interpretation offengelegt. Einige sehen den Vorgang der Absetzung von Dollard des Ormeaux und der Einsetzung ‘geeigneterer Helden’ bereits Anfang der 60-er Jahre vorher.688 Die Gegenposition, an der Bewahrung des Vorbilds interessiert, gibt nicht auf, und der Streit zwischen den Lagern zieht sich bis in die Zeit der Révolution tranquille. Der letzte große Streich einer Rettung des Helden findet sich in Lionel Groulx’ Dollard est-il un mythe? 689 von 1960. Doch schon vorher, in seiner lesenswerten und vom Comité Catholique du Conseil de l’Instruction publique 1961 für den Lehrergebrauch zugelassenen Histoire du Canada français depuis la découverte aus den 50-er Jahren, schrieb Groulx kurz angebunden, in einem Absatz, von einer affaire du Long-Sault. Am Ende des Kapitels mit dem Namen La génération de l’enracinement (Die Generation der Verwurzelung, des Wurzel-Schlagens) berichtet Groulx von « heroischen Blitzen » und « Karawanen von Märtyrern », ohne allerdings den Namen Dollards zu erwähnen:

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Au Canada [...] a sévi la première période de la guerre iroquoise [...] guerre mélangée d’exploits et de défaites, traversées, à Ville-Marie, d’éclairs d’héroïsme, comme en 1660, avec l’affaire du Long-Sault; guerre atroce surtout, qui, jusqu’à la paix de 1666, va semer ses ravages, gêner, arrêter les défrichements, bloquer l’Outaouais, ruiner le commerce du castor, décimer, épouvanter la petite population du Saint-Laurent et ses alliés Indiens, conduire au pays des barbares des caravanes de martyres. C’est en cette pespective qu’il faut placer la génération de l’Enracinement et son œuvre.690

Adam Dollard des Ormeaux war in Groulx’ großer Geschichte Teil einer Generation geworden, von einem Nationalheld und Heiligen ist hier nicht die Rede, eher von den besagten (schwerer demontierbaren?) Karawanen. Was kann Dollard aus dem illustren Namensverzeichnis in der vielgelesenen Histoire du Canada français gestrichen haben? Auch Groulx selbst schien es schon nicht mehr um Dollard (als Person) zu gehen. Der Historikerstreit um Dollard hatte nicht zuletzt den Charakter eines Stellvertreterstreites, im Rahmen dessen sich konservative und modernisierende Elemente mit ihren jeweiligen Ansprüchen an einer gesellschaftlichen Sinnstiftung gegenüberstanden. Und nicht nur bei dem hier behandelten Historikerstreit geht es letztlich nicht um das Ereignis, sondern die gerechtfertigte Perspektive der Interpretation. Insofern war Dollard eigentlich nicht das Thema des Streites, sondern eine Variabel im Kampf um Positionen im Abstecken von Claims im Erinnerungsland. Chanoine Groulx muss ein gutes Gespür für den nahenden Sturm gehabt haben.

Die 60-er und 70-er Jahre sind in der Provinz Québec von dramatischen Umgestaltungen des politischen und sozialen Lebens gekennzeichnet. Eine Kultur des kritischen Umgangs mit der eigenen Geschichte entwickelt sich und setzt einen Prozess der generellen Infragestellung von Selbstverständlichkeiten in Gang. In diesem Kontext reformierender Umgestaltungen wächst, auch und vor allem im Bildungssystem, die Idee einer Neugestaltung des Rahmens von kulturellen bzw. die Identität (des Einzelnen in) der Gemeinschaft betreffenden Verweisen. Der Sinn des Geschichtsunterrichts wird mit der Frage nach dem Sinn der Vergangenheit vollkommen neu diskutiert. Der zähe Mythos von Dollard des Ormeaux, der die Kolonie vor der Gefahr, zerstört zu werden mit seinem Opfertod bewahrte, musste in dieser Umgebung neu definiert werden. Weil die mythische Überhöhung des Helden seit dem späten 19. Jahrhundert und vor allem im frühen 20. Jahrhundert aber mit einer religiös-politisch motivierten Patina überzogen worden war, weil der Märtyrer Dollard in einer atheistischen Umgebung letztendlich (als egoistischer Indianermörder oder gelangweilter Aristokrat) die moralische Rechtfertigung seiner Tat verlor, fand diese Neudefinierung eine radikale Form: der Held verschwand.691 Dollard des Ormeaux war zu einem « mumifizierten und abgesetzten Idol der Nouvelle-France » (P.-P. Rioux, s. Anm. 38) geworden und nicht mehr gegenwartskompatibel. Mit der Kritik der Repräsentation des « Heiligen und Helden » (L. Groulx) ist der historische Fakt und die Person des Dollard demontiert.692 Dies ist der Grund für die Abwesenheit des Adam Dollard des Ormeaux in den Schulbüchern Québecs. Auf den selbstsicheren Mythos (und seine Herkunft) wurde in einer Weise geantwortet, die die verschiedenen Ebenen öffentlicher Erinnerungskultur illustrieren kann. Ein Denkmal reißt man nicht so schnell ab, einen Feiertag und einen Stausee nennt man nicht so schnell um, wie sich die Lehrinhalte von den Angestellten der institutionalisierten Geschichtsverwaltung umschreiben und neu umsetzen lassen. Wahrscheinlich werden die großen Historiengemälde mit dem « Retter der Kolonie » im Chalet des Mont Royal noch hängen, wenn die Fête de Dollard einen anderen Namen tragen wird. Vielleicht werden sich lautstarke Komitees zur Ehrenrettung des Retters bilden. Vielleicht vergisst man irgendwann das kleine D am Ende des Namens und kreiert, im Dekor von Ahornblättern und Lilienblüten mit « Adam $ des Ormeaux » ein wahres Zeichen der Zeit. Vielleicht gerät auch Nachahmern der Verfilmungen von J.F. Coopers The Last of the Mohicans (zuletzt M. Mann, 1992) oder von R. Rodats The Patriot (R. Emmerich, 2000) ein Szenario zu Frankokanadas telegener Alamo in die Hände.

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Die bisherige gleichzeitige Anwesenheit und Abwesenheit der Person des Dollard verweist auf diverse Ebenen der Erinnerungsverwaltung (bzw. -bewahrung) und ihre zeitliche Dissonanz. Das große Narrativ der Identität Québecs (im Sinne J. Létourneaus) wird immer neu erzählt, von professionellen Geschichtsinterpreten, von Schulbüchern, Kalendern, Filmen und, last but not least, von Sonntagsspaziergängern, die ihren Kindern Geschichten erzählen.

Was am Anfang des vorliegenden Kapitels keine Erwähnung fand, ist die Tatsache, dass der öffentliche Festtagskalender Québecs für das Jahr 2003 keinen Eintrag für Dollard des Ormeaux mehr enthält. Wie in den Ausführungen zur kanadischen Kalenderpolitik beschrieben, trägt der 24. Mai von nun an den Namen Journée nationale des Patriotes. Damit ist die Frage von Anwesenheit und Abwesenheit des jungen Franzosen, der 250 Jahre nach einer mutigen Unternehmung zum Schutz der Insel Ville-Marie zum Nationalhelden gekürt wurde, zugunsten weitgehender Kohärenz entschieden worden. An seiner Stelle stehen jene Patriotes, deren Kampf für demokratische Reformen und gegen die Macht des katholischen Klerus und der britischen Kolonialadministration einen Nationalfeiertag (!) besser zu rechtfertigen scheinen.693 Es bleibt zu hoffen, dass die Gemälde im Château du Mont Royal nicht zum Opfer moderner Bilderstürmerei werden, erinnern sie doch in ganz eigener Weise an die öffentliche Gedächtnisarbeit in Québec und den unsicheren Posten nationaler Helden.

Der wissenschaftliche Anspruch, mit dem die Historiographie ihr Feld definiert, macht einen gelassenen Umgang mit dem mythologischen Material vergangener Zeiten nicht einfacher. Was sich hier als trajectoire mythologique, als die Karriere eines Mythos beschreiben ließ, zeigt an einem konkreten Beispiel, dass der lakonische Spruch vom What goes up must come down auch in der Geschichtswissenschaft und ihrer Politisierung Bedeutung erhält. Möglicherweise kann der Satz den Regeln der Physik folgend auch in umgekehrter Richtung gelesen werden.


Fußnoten und Endnoten

651  Noir Désir: des Visages des Figures; 2001 Barclay.

652  « ...die Engländer haben die französische Kolonie im Würgegriff und ihre geographische Position macht sie zu gefährlichen Gegnern »; NH: 59.

653  « Die Feindschaft der Irokesen droht die kleine Kolonie Montréal [Ville-Marie] zu zerstören. Beim Versuch, die Pelztransportrouten in das Gebiet des Outaouais [Ottawa] zu befreien, sterben Dollard des Ormeaux und sechzehn seiner Gefährten 1660 in Long-Sault », ebda. Die Stadt Montréal hieß bis 1705 Ville-Marie. Montréal ist der Name der größten Erhebung der Stadt (le Mont Royal) und in Erweiterung auch der Insel, auf der sich das heutige Montréal befindet.

654  « Die Irokesen planen die Zerstörung der Nouvelle-France (Episode von Long-Sault) »; JMS, S.88.

655  « Warum beginnt die Zeitleiste der Irokesenkriege mit dem Feldzug Champlains am Champlainsee? »; ebda.

656  François Dollier de Casson (1636-1701) - Aus Nantes stammender Soldat der Kavallerie, in der Neuen Welt tätig als Priester, Forschungsreisender, Urbanist und erster Histoiker der Stadt Montréal (Ville-Marie). Autor der Histoire du Montreal (Mémoires de la société historique de Montréal, 1869), und eines Récit de ce qui s'est passé au voyage que M. de Courcelles a fait au lac Ontario.

657  Patrice Groulx: La Bataille du Long-Sault et la place des Amérindiens dans l'identité québécoise, Université Laval 1997.

658  J.-B.-A. Ferland: Cours d'histoire du Canada; Bd. 1, N.S. Hardy, Québec 1882 (1861), bes. S. 455-462.

659  H.-R. Casgrain: Histoire de la Mère Marie de L'Incarnation, première supérieure des Ursulines de la Nouvelle-France, précédée d'une esquisse sur l'histoire religieuse des premiers temps de cette colonie, Québec, Desbarats 1864, S. 55-67.

660  É.-M. Faillon: Histoire de la colonie française en Canada, Bd. 11, Villemarie [Montréal], S. 395-420; bzw.
L'Exploit de Dollard: récit de l'héroïque fait d'armes du Long-Sault, d'après les relations du temps; Bibliothèque de l'Action française, Montréal 1920.

661  « Weil der Kolonie jede Unterstützung versagt blieb, kam sie in Gefahr, von den Irokesen zerstört zu werden. Sechzehn tapfere Franzosen, angeführt von Dollard, fällten die Entscheidung, sich für die Rettung ihrer Brüder zu opfern. Sie hatten vor, die Irokesen am Fuße der Chaudièresfälle des Ottawaflusses zu erwarten und zogen sich in ein kleines Fort in sehr schlechtem Zustand zurück. Die Irokesen, 700 an der Zahl, ließen nicht lange auf sich warten. Der Kampf dauerte zehn Tage. Erst nachdem sie eine große Zahl ihrer Krieger verloren hatten, gelang es den Irokesen, den Widerstand dieser siebzehn Helden zu brechen. Außerdem musste die stark geschwächte Armee der Irokesen von ihrem Plan, Québec anzugreifen Abstand nehmen. » Congrégation de Notre-Dame: Abrégé de l’histoire du Canada: en rapport avec l’arbre historique; Eusèbe Senécal & Fils, Imprimeurs-Éditeurs, Montréal 1882, S. 20. Kein Verweis auf den Autor. Hingewiesen sei auf die Registratur: Enregistré selon l’Acte du Parlement du Canada, en l’année mil huit cent quatre-vingt-deux, par les Sœurs de la Congrégation de Notre-Dame de Montréal, dans le Bureau du Ministre de l’Agriculture, et des Statistiques, à Ottawa.

662  Patrice Groulx: Pièges de la mémoire - Dollard des Ormeaux, les Amérindiens et nous. Éditions Vents d’Ouest, Hull u. Québec 1998.

663  In der anglokanadischen Entsprechung scheint die gegenteilige Konstruktion erfolgreich gewesen sein: die Beziehungen zu den Ureinwohnernseien hier im Norden, im Unterschied zu den USA, harmonisch gewesen. Die historischen Tatsachen freilich sprechen eine andere Sprache.

664  « Erzählen Sie die große Verteidigungstat von Dollard gegen die Irokesen. » Abrégé de l’histoire du Canada: en rapport avec l’arbre historique, S.20.

665  W. H. P. Clement: The History of the Dominion of Canada, William Briggs, Toronto 1897, S.27 f.

666  Ebda., S.28.

667  Francis Parkman: The Old Regime in Canada; Little, Brown and Company, Boston 1874, S. 72-82.

668  Henry Vivian Nelles: The Art of Nation-Building. Pageantry and Spectacle at Quebec’s Tercentenary; University of Toronto Press, Toronto, Buffalo, London 2000 (1999).

669  Ebda., S. 11.

670  Herfried Münkler: Fest-Kulturen. Politische Gemeinschaftserfahrung im 19. und 20. Jahrhundert. Vortag auf dem Symposium Kunst-Fest-Feier, Festidee und politische Festkultur, Berlin, 26. - 28. März 2002.

671  Siehe die graphischen Darstellungen ab S. 262 in: H.V. Nelles, a.a.O.

672  H.V. Nelles: The Art of Nation-Building, S. 146.

673  Ebda., S. 34.

674  Ebda., S. 160.

675  Ebda.,S. 278.

676  L. Groulx resümiert Jahrzehnte später seine Arbeit als Nationalhistoriker: « J’ai apporté à notre nationalisme l’argument de l’histoire, la révélation que nous avions un passé, une culture. » Jean-Pierre Gaboury: Le nationalisme de Lionel Groulx: Aspects idéologiques; Univ. d’Ottawa, Ottawa 1970, S.19 (Groulx in einem Interview von 1967).

677  Edward Robert Adair: « A Re-interpretation of Dollard's Exploit »; Canadien Historical Review, vol. XIII, 1932, S. 121-138.

678  Gilbert Paterson: The Story of Britain and Canada;The Ryerson Press, Toronto 1933, S. 74.

679  Ebda., S. 75.

680  Paul Chomedey de Maisonneuve (1612-1676), Gründer von Ville-Marie (Montréal) im Jahre 1642 und erster Gouverneur der Stadt. Geboren und gestorben in Frankreich.

681  Vamık D. Volkan: Das Versagen der Diplomatie, 1999, S. 70. Für den Begriff und die psychoanalytische Relevanz der chosen glory siehe auch: V. Volkan: Blood Lines (1997).

682  Die Abreise von La Salle auf dem Weg zur Entdeckung des Mississippi / Die ehemaligen französischen Besitzungen in Amerika. Gemeint ist René-Robert Cavelier de La Salle (1643-1687), ehemaliger Jesuit, Forschungsreisender mit traurigem Ende, der den Kontinent bis zur Mündung des Mississippi befuhr und der Gegend 1682 den Namen « Louisiane » gab.

683  Der Schwur von Dollard des Ormeaux und seinen Gefährten/Dollard des Ormeaux stirbt am Long-Sault, um die Kolonie zu retten.

684  Man stelle sich den Sonntagsspaziergang einer Montréaler Familie zum Chalet du Mont Royal, einem beliebten Ausflugsziel, vor. Von ihren Eltern können Kinder vielleicht eine Antwort auf die Frage nach dem tapferen Dollard auf den etwas patinierten Gemälden erwarten. Ihre älteren Geschwister, die gerade den Geschichtskurs der Sekundarstufe zu Québec und Kanada hinter sich haben, dürften ihnen, dem Lehrmaterial entsprechend, allerdings eine Antwort schuldig bleiben.

685  Le Devoir, Montréal, 7. und 11. 05. 1932 zit. in: Patrice Groulx: Entre histoire et commémoration: l'itinéraire Dollard de l'abbé Groulx; http://www.vigile.net/groulx/groulxpdollard1.html

686  Gustave Lanctot: « Was Dollard the Saviour of New France? »; in: Canadian Historical Review, vol. XIII, 1932, S. 138-146. zit. ebda. Lanctot (1883-1975) ist Autor einer Studie zur Emigration von Frauen in die Nouvelle-France (Filles de joie ou filles du roi, 1952), einer dreibändigen Histoire du Canada (1959, 63, 64) und von Le Canada et la Révolution américaine 1774-1783 (1965).

687  Siehe: Lucien Parizeau: « La tyrannie des mythes », Feuilles démocratiques, Saint-Hyacinthe, vol. I, n° 9, Mai 1946, S. 2-10.

688  «Par qui la nation canadienne-française remplacera-t-elle les idoles momifiées et déchues de la Nouvelle-France? Par des héros plus jeunes, plus accessibles, plus semblables à elle-même: les Patriotes de 1837.» Pierre-Paul Rioux: L'espoir du Canada français; Les Éditions de Février, Québec 1961, S. 41.

689  Lionel Groulx: Dollard est-il un mythe?; Fides, Montréal 1960.

690  « In Kanada [...] hatte der Irokesenkrieg begonnen, [...] Krieg, der von errungenen Siegen und Niederlagen, und, wie die Angelegenheit am Long-Sault 1660 in Ville-Marie, von Momenten wahren Heldentums gezeichnet war; schrecklicher Krieg vor allem, der bis zum Friedensschluss von 1666 verheerende Wirkungen haben wird, die Urbarmachung des Landes behindern, aufhalten wird, den Ottawa blockieren, den Biberpelzhandel ruinieren, die kleine Bevölkerung des St.-Lorenz und ihre indianischen Verbündeten dezimieren und in Angst und Schrecken halten und der Karawanen von Märtyrern in das Land der Barbaren führen wird. In dieser Perspektive muss die Generation des Einwurzelns und ihr Werk gesehen werden. » Chanoine Lionel Groulx: Histoire du Canada français depuis la découverte; Bd. 1, Le Régime français, S. 44.

691  Der überhöhte Held Dollard des Ormeaux ist letztlich auch in den wenigen literarischen Widmungen der Gegenwart einem popularisierten Bild gewichen, zuletzt in J.-J. Gagné: Dollard des Ormeaux. Le guet-apens; Québécor, Outremont 1995.

692  Die für die Schulgeschichtsbücher aufgezeigte Abwesenheit der Person des Dollard des Ormeaux trifft nicht auf die gesamte historiographische Produktion in Canada zu. Doch wird er nunmehr entweder beiläufig im Zusammenhang mit der Produktion eines Mythos erwähnt oder als wenig heldenhafter Unglücksvogel dargestellt. In Desmond Mortons Geschichte Kanadas lesen wir: « For almost a century, war with the Iroquois was a recurrent, tragic fact of life for the struggling French settlement. The war made every settler a soldier living under the threat of death by torture or brutal captivity. One result was a legend of an embattled people, defended by heroes such as Adam Dollard des Ormeaux of the Long Sault... » D. Morton: A short history of Canada, McClelland & Stewart Ltd., Toronto 2001 (5. Aufl., 1. Aufl. 83), S. 19. Morton verortet ‘das Resultat‘, die Entstehung des Mythos falsch; wie dargestellt, liegen fast 200 Jahre zwischen den Konflikten mit den Iroquois bzw. dem Ereignis am Long-Sault und der fabrizierten Heldengeschichte des Dollard.
Die Darstellung in Le Canada : Une histoire populaire lässt keinen Raum für eine Heldenverehrung - Tel est pris qui croyait prendre, der Fänger (kampflos!) gefangen, massakriert und gegessen. Der Aktivismus des Helden, den Lionel Groulx als zentrale Figur des providentiellen Retters betont, wird nunmehr ein befolgter Befehl: « Dans les premiers jours de mai 1660, obéissant à un changement de stratégie défensive, un jeune officier montréalais, Adam Dollard des Ormeaux, sort de l’enceinte fortifiée afin de protéger, avec des alliés hurons, la descente sur l’Outaouais d’un important convoi de fourrures piloté par Radisson.: des Ormeaux et les 16 hommes de sa troupe sont surpris dans leur campement et tous massacrés à l’exception de cinq prisonniers, dont la chair est distribuée aux alliés des Iroquois « pour faire goûter à tous, selon les Relations des jésuites, de la chair de Français. » Don Gillmor, Pierre Turgeon, a.a.O., S. 78.

693  Gilles Bibeau stellt in einem Text von 1995, der in Anlehnung an F. Nietzsches zweite der Unzeitgemäßen Betrachungen fragt « ...comment l'oubli peut-il être porteur du souvenir? » (S.152), den verblassenden Mythos um Dollard des Ormeaux in den Kontext einer in Québec fehlenden « monumentalischen Art », die Vergangenheit zu betrachten: « L'exemple paradigmatique de nos difficultés à nous donner une histoire monumentale me semble surtout fourni par Dollard des Ormeaux. Le fameux fait d'armes [...] a été (intentionnellement sans doute) élévé par le chanoine Groulx à la hauteur d'un mythe qui n'a cependant pas su se maintenir et qui s'est même progressivement trivialisé, jusqu'au ridicule parfois. L'un après l'autre les historiens ont apporté de nouvelles pièces au dossier, démolissant le fragile édifice et faisant basculer le héros du haut de son piédestal. » Gilles Bibeau, a.a.O., S. 160. Vgl. auch F. Nietzsche, a.a.O., S. 32.



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31.10.2006