7 LE SENS DE LA CONQUÊTE

↓365

Cet étendard qu’au grand jour des batailles,
Noble Montcalm, tu plaças dans ma main,

Cet étendard qu’aux portes de Versailles,

Naguère, hélas! je déployais en vain,

Je le remets aux champs où de ta gloire

Vivra toujours l’immortel souvenir,

Et dans ma tombe emportant ta mémoire,

Pour mon drapeau je viens ici mourir.


Octave Crémazie, Le drapeau de Carillon 694

Im Schulbuch

Im späten 17. Jahrhundert hatten sich Frankreich und England in der Neuen Welt in Kämpfen um den Anspruch auf Territorien und auf den Fellhandel gegenübergestanden, zuletzt in den transatlantischen Auseinandersetzungen des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts (in Nordamerika Queen Anne’s War genannt). Die militärischen Erfolge Englands in Europa und der Bankrott der französischen Staatskasse führten die Vertreter der beiden Mächte schließlich in den Niederlanden an den Verhandlungstisch. 1713 unterzeichneten Queen Anne und Louis XIV den Vertrag von Utrecht, der die Feindseligkeiten der beiden Nationen in Europa und Nordamerika für ungefähr 30 Jahre beenden sollte. Gleichzeitig kündigte der Friedensschluss aber die zukünftigen Ereignisse an, blieb doch die Zukunft der transatlantischen Kolonien Frankreichs und seiner long-distance citizens 695 (bzw. long-distance subjects ) mehr als ungewiss.

↓366

England wurde das Recht über Akadien ( L’Acadie ), das Gebiet der Hudson Bay im Norden und Terre-Neuve/Newfoundland abgetreten und Frankreich behielt – neben der Nouvelle-France – die Halbinsel Cap Breton(heute Teil von Nova Scotia), die Inseln des St.-Lorenz-Stromes und das Fischereirecht für die Gewässer vor Neufundland. Die Zeit der Ruhe nach 1713 nutzten die beiden Mächte, ihre militärischen Positionen in Nordamerika zu stärken und strategische Festungen zu errichten, wie Louisbourg und Halifax.

1744 beginnen neue Auseinandersetzungen – King George’s War (frz. auch La 3eme guerre intercoloniale 1744-1748) – und 10 Jahre später stehen sich England und Frankreich in der Guerre de la Conquête, im Englischen beschaulich French and Indian War genannt, in Nordamerika letztmalig offen militärisch gegenüber. 1755 werden Tausende Acadiens, die Bevölkerung der frühen französischsprachigen Besiedlung am Atlantik, deportiert und das Land Siedlern aus Neuengland und Europa überlassen. Militärische Gesichtspunkte können die Zwangsumsiedlungspolitik nur unzureichend erklären und dieses Vorspiel der Conquête wird bis heute kontrovers diskutiert.

Die weiteren Konflikte in der Neuen Welt entsprechen den Auseinandersetzungen zwischen den Mächten der Alten Welt. Das Schicksal der Nouvelle-France wird einerseits in Europa entschieden, wo sich das Preußen Friedrichs II. und England mit der Allianz von Frankreich, Österreich und Russland im Siebenjährigen Krieg (1756-63) messen. William Pitt, britischer Premierminister der Zeit, fasste den Umstand einfach zusammen, indem er bemerkte, man habe Kanada in Schlesien gewonnen. Andererseits hat der Fortgang der militärischen Auseinandersetzungen in Nordamerika immer auch eine eigene Logik und so kann die für Frankreich verlorene Schlacht auf den Abrahamshöhen von 1759, die im Ergebnis den Untergang der Nouvelle-France und den Anfang der britischen Herrschaft in Kanada bedeutete, auch als Entscheidungsschlacht betrachtet werden. 1760 kapituliert die Nouvelle-France bzw. Frankreich, die britischen Truppen besetzen Montréal.

↓367

Mit dem Vertrag von Paris tritt Frankreich 1763 die Ansprüche auf Kanada an Großbritannien ab; im gleichen Jahr werden mit der Royal Proclamation Grenzen, Regierung und Gesetze der nunmehr britischen Kolonie festgelegt. Großbritannien kontrolliert den gesamten nordamerikanischen Kontinent, zumindest für die nächsten 12 Jahre. 1775 beginnt, mit französischer Unterstützung, der Unabhängigkeitskrieg der Kolonien im Süden.

Die Conquête ist ein zentraler Faktor jeder historischen Beschreibung Kanadas. Der Begriff hat sich in mehrerer Hinsicht verselbständigt und so würde eine Übersetzung ins Deutsche, als « Eroberung », « Bezwingung » oder « Sieg », der Sache nicht gerecht werden können. Die Verselbständigung des Begriffes trifft sowohl für das Französische als auch das Englische zu, Conquête und Conquest werden, wenn es sich um das hier zu diskutierende Ereignis handelt, in der Regel mit Majuskel singularisiert. Mit La Conquête ist nicht die ‘besitzergreifende’ Conquista Kanadas im 16. Jahrhundert gemeint, diese heißt schließlich « Entdeckung » ( découverte/discovery ), und mit Conquest meint der Anglokanadier nicht die Übernahme der Geschäfte Englands durch die Normannen vor fast 1000 Jahren, sondern die vorläufige Finalisierung der Machtverhältnisse in Nordamerika. Diese Conquête hat ihre Akteure und Helden, ihr Vorher und Nachher, ihre Orte und ihre Zeit. Die Darstellung der historischen Vorgänge variiert und noch unterschiedlicher ist die Bewertung ihrer Bedeutung, die Formulierung des Sinnes der Conquête. Die Fragen zur Bedeutung der Schlacht vom 13. September 1759 sind weiterhin offen und überschatten die Vorgänge der Identitätsbildung Québecs in der Gegenwart. In einem Artikel, der sich mit Jacques Godbouts Film Le sort de l'Amérique (Das Schicksal Amerikas696) von 1996 beschäftigt, benennen die Autorinnen die möglichen (und im Übrigen politisch relevanten) Fragen:

Est-ce une bataille parmi d'autres, à l'époque des empires coloniaux? Est-ce LA bataille qui détermina le sort de l'Amérique? Est-ce plutôt la bataille qui marqua la fin de la présence française en Amérique du Nord? Ou est-ce le début de la domination anglaise sur les colons canadiens de langue française et ainsi le début de leur aliénation et de leur marginalisation?697

↓368

Maurice Séguin hatte in den 60-er Jahren den Ausgang der Schlacht von 1759 als den Grund für eine abgebrochene Entwicklung zu einer ‘normalen’ Nation Québec beschrieben.698 Guy Frégault spricht von der totalen Desintegration, unter der die Kolonie litt; durch die Eliminierung der Politik und des Handels (ein beträchtlicher Teil der Eliten verließ die Kolonie) sei die Bevölkerung dazu gebracht worden, sich dem Boden zu widmen und andere, ‘höhere’ Ambitionen aufzugeben: « Le Canada n’est pas simplement conquis, puis cédé à l’Angleterre; il est défait. Défaite signifie désintégration... »699 Frégaults These der décapitation der Kolonie wird in den 60-er Jahren von Fernand Ouellet angegriffen, der in seiner Wirtschafts-und Sozialgeschichte den Begriff der cession gegen den der conquête setzt und schreibt, dass durch die Abtretung ( la cession ) Kanadas an Großbritannien weder das psychologische Gleichgewicht der Bevölkerung noch die wirtschaftlichen, sozialen und ideologischen Strukturen der Kolonie wesentlich verändert wurden: « Au lendemain de 1760, la vie se continue dans la vallée du Saint-Laurent et l’existence des hommes se déroule dans un paysage qui, en gros, reste le même qu’autrefois. » Er betont den Charakter einer kontinuierlichen Veränderung, die gerade nicht durch einen Bruch mit der Vergangenheit gekennzeichnet sei: « Le changement d’empire et de métropole, même s’il comporte nombre d’adaptations, ne signifie pas une rupture fort appréciable avec le passé. » 700

Tatsächlich veränderten sich gerade in ökonomischer Hinsicht eine Reihe von Realitäten drastisch. Große Mengen von Papiergeld verloren ihren Wert, wodurch sich Individuen und religiöse Orden innerhalb kurzer Zeit mittellos fanden. Hinzu kamen die sichtbaren Spuren der Zerstörung in der Kolonie: « ...tremendous devastation was done: about a quarter of the houses in New France were destroyed by the British army during the course of the war, every farm from Quebec down to the Gaspé was razed, burned. And 80 per cent of Quebec City was destroyed. [...] It took a long time, two or three generations, before the scars, psychological scars, healed over. » 701Einige der Auswirkungen der veränderten Machtverhältnisse haben die weitere Entwicklung dabei durchaus positiv beeinflusst, wie der Beginn neuer Formen öffentlicher Meinungsäußerung und ihrer materiellen Grundlagen.702

Ouellets Analyse ist nicht falsch, weil die Jahre nach 1759-60 zunächst wie eine Episode im Hin-und-Her der Mächte erschienen und für große Teile der Landbevölkerung keine katastrophalen Veränderungen mit sich brachten. Seine Arbeit widmet sich eben nicht dem (sekundären) Ereignis der gelebten Veränderungen, die im Nachhinein, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, auf das Jahr 1760 projiziert und, als Conquête, mit diesem assoziiert werden.703 Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Niederschlagung der Aufstände von 1837-38 und das politische Assimilationsprojekt der 1840-er Jahre von zentraler Bedeutung für ein Verständnis der Erinnerungsrekonstruktion zum Sinn der Conquête und ihrer Rolle in der Identitätskonstruktion Québecs darstellen. In diesem Punkt sind sich mehrere Beobachter der Geschichte von 1759 und ihrer Gegenwart einig.704

↓369

Auch hier ist der gelesene, verstandene und vermittelt erlebte Sinn der Vergangenheit von größerer Bedeutung als die ‘eigentliche’, historisch-korrekte Verortung geschichtlicher Veränderungen. In diesem Sinne beschreiben sowohl Ouellet als auch Frégault Wirklichkeiten. Bemerkenswerterweise spielen die neuen Formen politischer und journalistischer Arbeit, die mit dem Machtwechsel und dem Strukturwandel in der Kolonie ihren Anfang finden, eine wichtige Rolle in der Formierung der frankokanadischen Identitätsreferenzen und ihres Gebrauchs von Geschichtsbildern.

Die Lehrvorgaben zum Geschichtsunterricht an den Schulen Québecs stellen einerseits die zentrale Rolle der Interpretation des historischen Ereignisses von 1760 für die Historiographie klar und verweisen andererseits auf die Möglichkeit, Schüler auf die unterschiedlichen Lesarten aufmerksam zu machen.705 Die Schulbücher illustrieren die Beschäftigung mit dem Sinn der Conquête, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten. Die Helden (wie die Generäle Wolfe und Montcalm, die sich mit ihren Truppen im September 1759 auf den Abrahamshöhen vor Québec gegenüberstanden) und Fragen nach dem Vorher und dem Nachher werden in Bildern und Worten beschrieben. Der Begriff Conquête/Conquest fehlt in keinem der Schulbücher, wahrscheinlich weil er nicht ersetzt werden kann. Andere Begriffe, wie conquérants und conquis (Eroberer und Eroberte) sind seltener und der gut verborgene Kern der psychopolitischen Brisanz der Angelegenheit taucht kaum und wenn nur ganz kurz auf: vainqueurs und vaincus (Sieger und Besiegte). Was auch immer man über die Bedingungen der Machtübernahme der Nouvelle-France sagen kann, ein wesentliches Element bleibt, dass die Bevölkerung (selbstverständlich) nicht gefragt wurde und dass es Sieger und Verlierer gab, zumindest im Sinne herkömmlicher, politisch und militärisch inspirierter Geschichtsschreibung.

Alle vier untersuchten Schulbücher geben den Stellenwert der Conquête bereits in der Aufteilung der Kapitel wieder. Québec: héritages et projets organisiert den Text in Modules, die den chronologischen und inhaltlichen Ablauf beschreiben:

↓370

Im dritten Modul wird unter 3.1 Le changement d’empire zunächst der ungleiche Kampf und die unmögliche Koexistenz zweier europäischer Mächte behandelt ( Une coexistence impossible: Des forces inégales/Deux metropoles en guerre 706), dann auf die Kriege und die Entwicklung der Conquête eingegangen ( Les guerres intercoloniales: La guerre de la Conquête (1754-1760)/Les étapes de la Conquête ) und schließlich das Resultat wie folgt beschrieben: La France cède sa colonie (Frankreich tritt seine Kolonie ab). Hier stehen die Begriffe der Conquête und der cession (das Verb céder- abtreten) beieinander, womit auch der inhaltliche Rahmen des Lehrbuches bezeichnet ist. Die Autoren geben eine Reihe von verschiedenen Interpretationen vor und fordern die Schüler auf, sich kritisch zu äußern.

Die Nouvelle histoire nennt das dritte Kapitel ( Chapître ): La Conquête et les débuts du Régime britannique und behandelt hier die folgenden Leçons, deren Überschriften selbstredend sind:

↓371

Der Titel von Lektion 28 macht eine zweideutige Lesart unmöglich, mit dem ‘besiegten Volk’ ist nicht Frankreich gemeint und die Auswirkungen der Conquête werden später, in Lektion 31, die Situation in Bas-Canada 707 betreffend, folgendermaßen nach-gezeichnet: « Au Bas-Canada, les Canadiens dominent; mais l’influente minorité britannique qui y demeure laissera-t-elle les anciens vaincus dicter leurs lois aux vainqueurs? » 708

Mit dieser Frage benennen die Autoren der Nouvelle Histoire allemal die Stimmung der Zeit – 30 Jahre nach der Conquête, begannen sich die öffentlichen Debatten und Forderungen an Fragen nach Siegern und Verlierern aufzuheizen.

↓372

Die Idee der cession wird hier von einem Begriff übernommen, der an sich eine eigene Diskussion verdient hätte: l’abandonnement. « [U]ne petite population que sa métropole abandonne définitivement en 1763. » 709 Der Begriff insinuiert neben ‘Abtretung’ auch etwas von ‘im Stich lassen’ und beinhaltet somit einen merklich formulierten Vorwurf an das ehemalige Mutterland und die « maudits François ». Wie in den anderen Schulbüchern enthält das Kapitel zur Conquête in der Nouvelle Histoire eine Darstellung verschiedener Ansichten und Interpretationen von Historikern.

Modul 3 in Je me souviens trägt die Überschrift La Conquête et les débuts du régime britannique. Nach einer Beschreibung der Ursachen ( Les causes de la Conquête ) wird der Weg zur Niederlage ( Vers la défaite ) in drei Unterkapiteln beschrieben.

  1. Un traité aux conséquences désastreuses (Ein Vertrag mit katastrophalen Folgen; [Utrecht, 1713])
  2. Une paix armée (Ein bewaffneter Frieden)
  3. La guerre de la Conquête [Der Siebenjährige Krieg in Nordamerika]

↓373

Die Autoren von Je me souviens unterstreichen den Charakter der historischen Vorgänge mit dem Begriff der Niederlage, der auch in einem weiteren Abschnitt ( De victoires en défaites – Von Siegen zu Niederlagen) wieder aufgenommen wird. Die Konsequenzen der Conquête werden schließlich mit einem Hinweis auf die besondere demographische Situation unterstrichen: Les lendemains de la Conquête (Die Folgen der Conquête ) – Une colonie anglaise à majorité canadienne (Eine englische Kolonie mit kanadischer Mehrheit).

Diverse Pasts entspricht der bisher dargestellten Ordnung der Kapitel und behandelt in Unit Three ( Québec in the Revolutionary Age ) unter anderem die Kapitel

Chapter 8

The Conquest

Chapter 9

The Origins of British North America

↓374

Der Begriff Conquest wird in der Bezeichnung des Ereignisses synonym mit dem der Conquête verwendet, auf dieser Ebene sind kaum Unterschiede auszumachen. Auf Formulierungen wie das inzwischen veraltete « The taking of Canada » 710 verzichteten die Autoren. Die Administration und die Bedeutung des Conquest werden aus einer Perspektive gesehen, die in den französischsprachigen Lehrbüchern nicht oder kaum aufgezeigt werden kann. Die Autoren zeichnen ein historisch korrektes Bild der Kolonie aus der Sicht der britischen Behörden. Die britische Regierung muss sich hier (gegen ihren Willen?) mit einer französischen Kolonie abgeben, die nicht assimiliert werden kann: « The Conquest forced the British government to deal with a French colony. The Royal Proclamation of 1763 was designed to lead to the assimilation of French Canadians, but this was unrealistic. » (DP: 131) Die britische Regierung war in keiner einfachen Situation: « The British government now had the task of governing a colony of French Catholics who knew nothing of British traditions. » (DP:118) Um auf die Auswirkungen des Conquest zu sprechen zu kommen, wird, neben Frégault und Séguin, Francis Parkman, US-amerikanischer Historiker des 19. Jahrhunderts, zitiert: « ...a happier calamity never befell a people than the conquest of Canada by British arms ». Parkmans Einschätzung wird im folgenden Satz treffend ergänzt: « French Canadians had a different outlook. » (DP: 115)

Sowohl in den einführenden Worten als auch in der Schlussfolgerung zum Conquest verweisen die Autoren auf die Brisanz des Themas für die Gegenwart: « A century of conflict between France and England in North America ended with the conquest of New France in 1760. The Conquest meant that Canada would develop within the British Empire. It also formed the basis for modern Québec nationalism. » (DP: 116, man beachte die Groß- und Kleinschreibung.) Der dritte Satz enthält den Stoff, aus dem spätere (und gegenwärtige) Konflikte gemacht sind, die mit dem Begriff Nationalismus nur unzureichend beschrieben sind.

Die Autoren unterstreichen wiederholt den Zusammenhang zwischen der ‘nationalistischen’ Interpretation des Conquest und einem der Hauptprobleme der Gegenwart, dem (bösen) ‘Neonationalismus’ in Québec: « A new type of Québec nationalism was born during the 1950s. For historians of the neo-nationalist school, the Conquest was the root of the problem of modern Québec. » (DP: 115)

↓375

Einen anderen Verweis in die Gegenwart findet der Leser in Québec: héritages et projets. Zunächst wird in einem getrennten Feld der Gegenstand ( Concept: La Conquête ) mit einem Zitat von Michel Brunet historisch relativiert und ohne Scheu in den möglichen Wortpaaren beschrieben: « ...le phénomène conquête fait partie de l’histoire depuis que l’homme existe. Au cours des siècles qui nous ont précédés, il y a toujours eu des gagnants et des perdants, des vainqueurs et des vaincus, des conquérants et des conquis. »711 (QHP: 153, Markierung fett im Text) Unité 3.1 zur Conquête wird nach der Rubrik Débatsles conséquences de la Conquête und Les amérindiens après la Conquête ) mit einem Fazit unter der Überschrift L’héritage (das Erbe) beendet. Die Autoren beschreiben die Conquête nicht als handicap wie in Diverse PastsThe Conquest forced the British government to deal with a French colony; The British government now had the task of governing a colony of French Catholics ), sondern als Ergebnis eines Vorhabens, mit Folgen, die in die Gegenwart reichen:

Le traité de Paris, signé en 1763, consacre la réalisation du projet des Britanniques: la conquête de la Nouvelle-France. Les conquérants affirment leur volonté de coloniser leur nouveau territoire et imposent leurs institutions. Les Canadiens n’ont d’autre choix que de s’adapter à cette présence anglaise, tout en sauvegardant le plus possible leur religion, leur langue, leurs institutions et leur culture. Cette adaptation des Québécois dans un continent désormais anglophone se poursuit encore de nos jours.712

Während in Diverse Pasts die ideologische Verbindung zwischen Conquest und ‘Neo-Nationalismus’ in Québec betont wird, bevorzugen die Autoren von Québec: héritages und projet eine Interpretation, die den kulturellen Charakter der Veränderungen und ihre Relevanz für die aktuelle Gesellschaft Québecs unterstreicht.

↓376

Die Vertreibung der Acadiens von 1755 wird in allen Schulbuchtexten als Vorspiel der Conquête thematisiert, mit Text und Bild. Unter General Charles Lawrence wurden zunächst 6000 französischsprachige Siedler des heutigen Nova Scotia in die britischen Kolonien im Süden deportiert, später folgten weitere Deportationen nach Frankreich und England. Die Toponymie Nova Scotias verrät heute kaum die französischsprachige Geschichte der Gegend, Ortsnamen wir New Glasgow, Lunenburg und Shelburne erzählen von der Herkunft der neuen Siedler.

Diverse Pasts informiert ausführlich über die Hintergründe der Vertreibung (Vorgang, den man heute irrsinnigerweise als ethnic cleansing bezeichnen würde) und auch an das poetische Denkmal, das den Acadiens von Henry Wadsworth Longfellow mit dem Gedicht Evangeline gesetzt wurde.713 In einem Lernblock mit dem Titel The Acadian Deportation wird die Verladung der Bevölkerung im passenden Vokabular beschrieben: « Some 6000 people from the Annapolis and Minas regions were herded onto ships and dispersed in the British colonies from Massachusetts to Georgia. » (DP: 108) Andererseits äußern sich die Autoren in einer Weise zu den Details der Vertreibung, die in fast apologetischer Form die Position der britischen Administration beschreibt, wie in der Bildunterschrift zur Deportation der Bevölkerung auf der Insel Saint-Jean: « In 1758 the British were not sure of victory. To prevent France from re-establishing colonies that could threaten Nova Scotia, the population was removed. » (DP: 109) Québec: héritages et projets fragt die Schüler neben der Abbildung eines bekannten Gemäldes von Charles William Jefferys, auf dem die Bevölkerung von Grand-Pré am 5. September 1755 die Nachricht von der anstehenden Deportation erfährt, ob die Deportation eines Volkes nach Meinung der Schüler das beste Mittel der Lösung für Probleme des Zusammenlebens sei. (« La déportation d’un peuple est-elle, d’après toi, le meilleur moyen de régler les problèmes de coexistence? » QHP: 146)

Mit den bisherigen Ausführungen konnte gezeigt werden, dass die Darstellung und Diskussion der Machtübernahme in Kanada durch die britische Krone im 18. Jahrhundert in den vier vorliegenden Schulbuchtexten einen besonderen Platz innehaben. Der Begriff Conquête/Conquest ist in allen Texten fest etabliert und wird als historisch-militärisches, politisches und soziales Ereignis beschrieben. Die abgeleiteten Begriffe conquérant und conquis (und das Pendant vainqueurs/vaincu) unterliegen offensichtlich einem anderen Register, einer anderen ideologischen Entscheidung und sind in Diverse Pasts schlichtweg abwesend (als Conqueror/Conquered bzw. als Victor/Vanquished ). Alle Texte bieten dem Leser verschiedene Interpretationen, unterscheiden sich aber in den didaktischen Anleitungen und deiktischen Nuancen. Diverse Pasts hebt sich auch durch die deutliche Betonung der Perspektiven der Kolonialmächte von den anderen Texten ab.

↓377

Der Platz, der einzelnen Personen gewidmet wird, variiert von Text zu Text und soll hier aus praktischen Gründen nicht detailliert beschrieben werden. Die kleinen und großen Helden der Nouvelle-France und der Conquête verdienten eine eigene Untersuchung und können hier nur umrissartig angesprochen werden, um Tendenzen aufzuzeigen.

Der Marquis de Montcalm, französischer Offizier aus altem Adel, der die Truppen in der Schlacht auf den Abrahamshöhen befehligte, gehörte einst zu den großen Helden der kanadischen Geschichte und muss sich hier mit einem eher bescheidenen Platz zufriedengeben. W.H.P. Clements History of the Dominion of Canada von 1897, für den Schulgebrauch verfasst und auch in Québec zugelassen, widmete Montcalm fast 10 Seiten Text714, was sich nicht nur mit der Rolle von Schlachtbeschreibungen im 19. Jahrhundert erklären lässt (J. Wolfe und Montcalm, die beiden Truppengeneräle sterben in der Schlacht), sondern auch mit der beeindruckenden Person des Helden zu tun hat, dem im Sinne der Zeit, wie seinem englischen Widersacher, auch Gemälde gewidmet wurden715.

In Québec: héritages et projets wird mehr über Marie-Anne Barbel als von Montcalm gesprochen, eine Geschäftsfrau der Nouvelle-France, der es gelingt, die Geschäfte ihres Mannes zu übernehmen und in einer männlich dominierten Welt bemerkenswert erfolgreich und (besitz-)rechtlich gleichgestellt zu sein. Zu den Helden gehört auch De Vaudreuil, der Gouverneur und militärische Oberbefehlshaber der Kolonie, dessen Vorschläge für die Kriegführung von seiner kanadischen Erfahrung beeinflusst waren und von Montcalm, der auf europäische Schlachtstrategien bestand, ignoriert wurden. Auf diesen ausgesprochen interessanten Konflikt wird allerdings nur beiläufig eingegangen.

↓378

Unerwähnt bleibt in Diverse Pasts seltsamerweise Kapitän, Forscher und Gouverneur Pierre Le Moyne d’Iberville, eine der großen Gestalten der Nouvelle-France (« ...considéré comme le Canadien le plus célèbre de la Nouvelle-France. » ― angesehen als der berühmteste Kanadier der Nouvelle-France. Wer dem einen ein großer Held ist, muss dem anderen – in einer anderen Sprache – noch nicht bekannt sein; QHP: 143).

Andere Akteure der Zeit erfahren eine Darstellung in allen Texten, wie beispielsweise Pontiac, Häuptling der Outaouais, Alliierter der Franzosen und 1763 Anführer eines Aufstandes gegen die neuen Herren, der zur Belagerung Detroits und zur Zerstörung einer Reihe englischer Positionen führte. Zu nennen wären hier auch James Murray und Guy Carleton, die britischen Gouverneure nach 1760, die sich den neuen Untertanen gegenüber nachgiebig und wenig aggressiv, den englischen Händlern in Montréal und Québec gegenüber aber eher ablehnend zeigten. In den französischsprachigen Schulbüchern werden eher strategische Überlegungen als Begründung erwogen, in Diverse Pasts wird das Verhältnis zu den Seigneurs und zum Klerus vor allem als soziales Phänomen beschrieben: « Carleton was a member of the same social class [as Seigneurs and clergy] and considered these men the natural leaders of French Canada. » (DP:120)

Den Ablauf der Geschichte beschreiben neben Jahreszahlen, gewonnenen und verlorenen Schlachten und den Biographien « großer Männer (und Frauen) » auch Bilder und Statistiken. Alle genannten Elemente unterliegen einer gewissen Auswahl, bevor sie in Geschichtsbüchern, welcher Art auch immer, Erwähnung finden. Diese Auswahl unterliegt Zwängen, die im Falle der Jahreszahlen deutlicher sind als für die Akteure der Geschichte, und die für die Zahlen von Statistiken und die Darstellung bildlicher Informationen weitaus geringer sein dürften.

↓379

Ein Beispiel soll anhand von zwei Schulbuchtexten die intime Landschaft dessen aufzeigen, was hier mit dem sens de la Conquête gemeint ist. Unabhängig davon, ob die geschichtliche Entwicklung in Kanada und der Machtwechsel von 1760 eher als Bruch oder eher als (ökonomisch-soziales) Kontinuum gelesen wird, so ist doch klar, dass man, zumindest politisch gesehen, von einer Periode französischer Regierung ( le régime français ) und der späteren britischen Regierung ( le régime britannique ) ausgehen kann. In Diverse Pasts wird hier historisch von French Canada und British North America gesprochen, gemeint ist das Gleiche. In jedem Falle geht es um ein Vorher und ein Nachher, und wie hier gezeigt werden soll, ist das Problem keineswegs banal, ist dies doch die eigentliche Frage nach der Bedeutung des historischen Wandels bezüglich der Conquête. Ein Blick in die Schulbücher hält eine erstaunliche Antwort bereit.

In der Nouvelle histoire illustrieren zahlreiche Gemälde, Zeichnungen und Photos von Personen in traditioneller Kleidung die Bilder der société canadienne sous le régime français, so der Titel des Kapitels. In der Lektion Le bon vouloir du roi (Der gute Wille des Königs716) besucht der Intendant Jean Talon einfache habitants in ihrem Haus um sich persönlich einen Eindruck vom Stand der Dinge in der Kolonie zu machen(« pour se rendre compte personellement de l’état de la colonie », NH: 88). Auf der folgenden Seite sind Offiziere der Armee und königliche Amtsinhaber zu sehen und in der Lektion Habitants et marchands findet man Darstellungen einfacher Menschen ( Hommes du peuple ) , eines strahlenden Handwerkerpaares ( Couple d’artisans ), einer Adligen ( Femme de la noblesse ) und eines Händlers ( Marchand ). In der speziellen Art, die Photos von Freiluftmuseen mit historischen Gebäuden und Bewohnern in Trachten auszeichnet, wird hier ein bestimmtes Bild des Ancien régime gegeben. Die Bilder sind einzeln betrachtet vielleicht ein wenig idealisiert aber nicht verfälschend. Erstaunlich ist eher die Nähe der einzelnen Akteure, das heißt ihrer Abbildungen. Obwohl die für den französischen Absolutismus typische Steifheit sozialer Barrieren in der Nouvelle-France um einiges nachgeben musste, waren die hommes du peuple sicher nie so nah wie hier an einen Gentilhomme et salon de la noblesse gekommen wie auf den Seiten der Nouvelle Histoire. Die Idealisierung der Gemeinschaft unterstreicht letztlich auch den Sinn der nächsten Lektion - Un peuple différent, denn die hier betonte Differenz bezieht sich zum einen auf Frankreich und zum anderen auf die englischsprachigen Nachbarn und zukünftigen Herren der Kolonie. Die Bilder geben dem Leser den Eindruck einer funktionierenden Welt, deren Bewohner glücklich sind. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Bilder einen wirklich falschen Eindruck geben, aber sie erzählen mit Sicherheit nicht die ganze Geschichte.

Diverse Pasts arbeitet mit anderen Bildern. In der Einführung von Chapter 7 The Society of New France wird auf die Unterschiede zum Alltagsleben in Frankreich verwiesen, die größere Unabhängigkeit gegenüber staatlicher Autorität erwähnt und klargestellt: « Social classes existed in Canada, and it was difficult to cross the lines. » (DP: 87) Der Text beschreibt die Formen des Daily life in der Kolonie, zeigt Menschen bei der Arbeit, auf dem Marktplatz (« Can you identify the social classes represented here? » DP: 89) und fragt die Leser unter der Abbildung eines Hauses in Québec mit Betonung der Zeichen für soziale Differenzen: « Why would an important merchant such as Marie-Anne Barbel need such a big house? » (DP: 90) Dieselbe Marie-Anne Barbel war, wie weiter oben bemerkt, in Québec: héritage et projets als Beispiel für Gleichstellung (der Geschlechter) beschrieben worden.

↓380

In einem Unterkapitel Women in New France wird die Stellung der Frau ausführlich und interessant beschrieben und an mehreren Stellen wird die Besonderheit der New France (« its own distinct character » ) mit den geographischen Bedingungen der Kolonie in Verbindung gebracht. (Project 5: Using contemporary as well as historical examples, organize a debate on the following statement: « Geography determines lifestyle. » DP: 97.) Dem Bild der Nouvelle-France aus der Nouvelle histoire steht aber vor allem ein Thema entgegen, dem ein eigenes Unterkapitel gewidmet wird: Criminal Activity in New France. Eine Tabelle gibt Auskunft über Type of Crime, Number und Percent von 1650 bis 1699 und von 1712 bis 1759, dem Jahr der Conquête. (DP: 92) Die Schüler erfahren von Verbrechen gegen die Kirche, gegen den Staat, von Mord, Gewalttaten, Beleidigung, Diebstahl und Sexualdelikten. Die statistischen Informationen werden von einem Text begleitet, der von der Welt der glücklichen Canadiens in der Nouvelle Histoire sehr weit entfernt ist. Die Autoren unterstreichen explizit, dass die Vorstellung von einer friedlichen Nouvelle-France, die von christlicher Moral gezeichnet war, nicht der Realität entsprach. Zwar wird das Bild relativiert (« Criminal activity was not widespread in the colony, but it did exist. » DP: 91) doch die statistischen Fakten sprechen für sich, wenn auch Fragen nach dem Sinn und dem Wert dieser Fakten letztlich offen bleiben. Wofür stehen beispielsweise die zwölf begangenen ‘Verbrechen gegen die Kirche’, in einem Zeitraum von ca. 50 Jahren und warum stehen sie an erster Stelle?

Es kann hier nicht darum gehen, die beiden Bilderlandschaften auf der Suche nach ‘richtig’ und ‘falsch’ zu vergleichen und zu einer Bewertung zu kommen; die Darstellungen entsprechen einem unterschiedlichen Blick auf die Zeit vor der Conquête. Wesentlich scheint neben den verwendeten Mitteln (Darsteller eines écomusée im einen, statistische Informationen im anderen Falle) vor allem Folgendes zu sein: Welchen (bewussten oder unbewussten) Sinn verfolgt die eine und die andere Darstellung? Auf diese Frage soll im Anschluss anhand von drei verschiedenen Begegnungen, einer journalistisch-akademischen, einer literarischen und einer politisch-zeremoniellen, eine Antwort gesucht werden.

Vorangestellt sei eine Darstellung Jocelyn Létourneaus, die in anderen historiographischen Arbeiten (nicht nur aus Québec) Bestätigung findet. Létourneau beschreibt die Grundzüge der bestimmenden anglokanadischen Historiographie bis in die 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts folgendermaßen:

↓381

Dans l’historiographie canadienne-anglaise d’avant 1970, celle qui fut inspirée par les thèses laurentienne et libérale, l’épisode de la Conquête est en effet interpreté comme un moment de libération profitable aux francophones, compte tenu de l’avance détenue à cette époque par les Britanniques, tant sur le plan des structures économiques que celui des institutions politiques. 717

Létourneau sieht die Spuren dieser Interpretation auch in der gegenwärtigen anglokanadischen Geschichtsschreibung, Spuren eines Bildes der Conquête, das möglicherweise im Zusammenhang mit der weiter oben gestellten Frage nach dem Sinn der Darstellungen der Zeit vor der Conquête zu sehen ist. Man könnte also meinen, dass die strahlende Bilder der Nouvelle-France und die statistischen Informationen zur Criminal Activity in New France von der Bedeutung des sich anschließenden Ereignisses sprechen. Denn die eigentliche Frage ist ja, ob die Wende der Conquête als positives oder negatives Ereignis, als Aufstieg oder Fall betrachtet wird. (Hier soll für einen Moment, den beschriebenen Bildern entsprechend und der Tatsachenlage widersprechend, davon ausgegangen werden, dass nicht beides, gleichzeitig möglich wäre.) Mit Létourneaus Worten zur dominierenden Lesart der Conquête seitens der ‘Sieger’ lässt sich ergänzen:

↓382

En somme, dans le grand récit canadien-anglais d’avant 1970, la Conquête fut une bénédiction pour les Vaincus et les Britanniques furent rien de moins que des Libérateurs permettant aux Conquis d’inscrire leur historicité du côté des gagnants. C’est donc tout le sort des Franco-Québécois qui, dès le départ, fut dépendant de la bonne fortune des Britanniques (ou des Canadians, là n’est pas le problème), c’est-à-dire des Autres.718

Translatio montcalmis

Am 11. Oktober 2001 fand in Québec, Hauptstadt der gleichnamigen kanadischen Provinz, ein Ereignis statt, welches Verwunderung auslösen müsste, wäre man der Meinung, dass sich die Machtspektakel der Vormoderne und die des Nationalstaates nicht vereinigen ließen.

Mit großem zeremoniellen Aufwand und hohem Besuch wurden die sterblichen Überreste des Louis-Joseph Marquis de Montcalm aus einer Gruft des Ursulinenklosters in Québec auf einen zwei Jahre vorher zum nationalen Gedenkort gemachten Friedhof überführt. Den Cimetière de l’Hôpital Général de Québec gibt es seit 1710, die erste urkundliche Beerdigung fand 1728 statt.

↓383

Begleitet wurde der Zug durch die Altstadt Québecs von militärischer Marschmusik und Ordensschwestern der Augustiner und Ursulinen in Trachten des 18. Jahrhunderts. Anwesend auf dem kleinen und bisher wenig bekannten Friedhof war die politische und religiöse Elite der französischsprachigen Provinz, unter anderem Premierminister Bernard Landry, die Minister für Internationale Beziehungen und für Kommunikation, Louise Beaudouin und Diane Lemieux, sowie der Délégué général du Souvenir Français au Canada, Jean Bodo und der katholische Erzbischof Québecs. Außerdem waren die diplomatischen Vertreter der ‘betroffenen Länder’ unter den Gästen, so das Informationsmaterial zur Zeremonie, und zwar Frankreichs und Großbritanniens. Unter den Anwesenden befand sich noch ein weiterer Gast, der im Rahmen eines Gedächtnisaktes, Acte du Souvenir, Akteur werden sollte: die Öffentlichkeit. Die Überführung der sterblichen Überreste des Toten, es handelt sich um einen Schädel- und Beinknochen, erfolgt über zwei Jahrhunderte nach dem Tod dessen, der ganz offensichtlich höchster staatlicher Ehrenbezeugungen wert ist. Auf dem Friedhof ist ein Mausoleum errichtet worden, in dem der für die sterblichen Überreste bestimmte Sarkophag steht. Der Bau eines Denkmals am gleichen Ort ist geplant.

Vor fast 244 Jahren, am 13. September 1759, fand um die Stadt Québec, wie uns Geschichtsbücher lehren, die entscheidende Schlacht des Nordamerikakrieges zwischen England und Frankreich statt. Wie weiter oben ausgeführt nennt man das Unterfangen in Europa den Siebenjährigen Krieg (1755-1763) – nach Meinung einiger Historiker der erste Weltkrieg der Geschichte, mit über einer halben Million Toten – in Frankokanada aber spricht man von der Guerre de la Conquête, in den USA (und manchmal in Anglokanada) vom French and Indian War. Jahrzehntelang hatte es Scharmützel zwischen englischen und französischen Truppen, amerikanischen und kanadischen Kolonisten und den jeweiligen alliierten Amerindianern gegeben. Sowohl England als auch Frankreich erhoben Anspruch auf die weißen Flächen der Landkarten Nordamerikas, die seit einiger Zeit angefangen hatten, Farbe und Bezeichnungen zu gewinnen. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts, mit dem offenen Krieg zwischen England und Frankreich in Europa eskalierte auch hier in Nordamerika die Kriegführung.

Die Engländer versuchten, hauptsächlich von Neuengland aus, bzw. auf dem Wasserweg über den Sankt-Lorenz-Strom die wichtigen Orte der französischen Kolonie einzunehmen. Nachdem die englischen Truppen mehrmals zurückgestoßen wurden, hatte ihre Artillerie im Sommer des Jahres 1759 die Stadt Québec aus südlicher Richtung vom Sankt-Lorenz-Strom aus und von Osten her über zwei Monate lang massiv bombardiert. Kapitulationsangebote waren von Seiten der Franzosen ausgeschlagen worden. Unter der Führung von General James Wolfe machten sich die englischen Truppen eine List zunutze, erkletterten die jenseits der Stadt gelegenen Felsen ( l’Anse au Foulon ) und erreichten die Plaines d’Abraham, die Abrahamshöhen vor den Mauern der Stadt.

↓384

Der Marquis de Montcalm ließ seine Truppen, gegen die Warnung eines Beraters, unverzüglich aufmarschieren und so begann die Schlacht um die Abrahamshöhen, die das Schicksal der französischen Kolonialgebiete in Nordamerika besiegeln sollte. Während der Schlacht erlitten die Heerführer beider Seiten, Wolfe und Montcalm, schwere und schließlich tödliche Verletzungen. Montcalm wurde Berichten zufolge von einer Kugel getroffen, als er dabei war, seine Truppen im Vorbeiritt aufzumuntern und in die Schlacht zu schicken. Sieger der Schlacht waren die Englischen Truppen. Québec wurde besetzt und Montréal ungefähr ein Jahr darauf (am 8. September 1760) zur Kapitulation gezwungen. Hiermit begann die britische Herrschaft in Nordamerika, neben dem heutigen Kanada hatte die französische Krone ihre Besitzansprüche auf riesige Gebiete entlang des Mississippi, bis nach Louisiana verloren bzw. verkaufen müssen.719

Die Schlacht auf den Abrahamshöhen, oder besser gesagt ihr Ausgang, ist in der kanadischen Historiographie so eng mit dem Begriff Conquest bzw. La Conquête verbunden, also mit der Machtübernahme der Nouvelle-France durch die Engländer, dass der Eindruck naheliegt, es hätte auch anders kommen können.720 In einem bekannten Nachschlagewerk liest man zu General James Wolfe: « ... Sa victoire sur le général Montcalm a fait du Canada une possession britannique. » 721

Das Kräftemessen zwischen den europäischen Großmächten hatte sich jedoch in Europa bereits entschieden, nicht zuletzt im Kampf um Schlesien, und sowohl ökonomisch als auch demographisch und militärisch waren die Würfel um Kanada bereits gefallen. Der Fall Québecs war eine Frage der Zeit geworden und das wusste man in London und Paris. Das Duell der beiden Truppengeneräle, die sich im September 1759 gegenüberstanden, war Teil einer größeren Situation, die von keinem der beiden Männer kontrolliert wurde.

↓385

Wolfes Leichnam befindet sich in einer Kirche der Alten Welt, in Greenwich, gemäß der Logik von Peripherie und Zentrum eines Imperiums. In der Abtei von Westminster erinnert ein Denkmal an den großen General, der Frankreich in Kanada besiegte.

Den Leichnam Montcalms bargen Nonnen des Ursulinenordens am 14. September 1759 und hielten ihn in einer Krypta des Ordens verborgen. Über zwei Jahrhunderte lagen die sterblichen Überreste Montcalms an einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Ort, um im Jahre 2001 mit dem oben beschriebenen Aufwand ‘veröffentlicht’ zu werden. Augustinernonnen beerdigten die Gefallenen auf dem kleinen Friedhof bzw. in dessen Nähe und führten über die Generationen ein Verzeichnis.

Jedoch hatte es schon im 19. Jahrhundert Versuche gegeben, den Helden Montcalm ins öffentliche Gedächtnis zu rufen. Nachdem bereits 1827 in Québec ein gemeinsames Denkmal für Wolfe und Montcalm errichtet worden war, engagiert sich 1858 ein gewisser Georges-Barthélemi Faribault für eine Montcalm-Erinnerungsstätte. Die dem Text vorangestellten acht Zeilen aus O. Crémazies Drapeau de Carillon sprechen von den siegreichen Unternehmungen und der verlassenen Kolonie und beschwören die unsterbliche Erinnerung an den Helden Montcalm. Später, gegen Ende des Jahrhunderts, veröffentlicht Abbé Casgrain Montcalm et Lévis, in welchem er den siegreichen Herzog von Lévis der Schlacht von Sainte-Foy gegen den besiegten Montcalm der Plaines d’Abraham stark macht und die These unterstützt, nach der ein frivoles, dekadentes und gottloses Frankreich im 18. Jahrhundert Kanada aufgegeben habe.722 Zugang zu den erwähnten Annales der Augustinerinnen hatte in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts Pierre-Georges Roy (1870-1953) gehabt. Das Vorhaben, einen Cimetière des Héros einzurichten, fand durch Krankheit und Tod Roys sein Ende. Vor der Translation des Helden, die uns hier interessiert, hat es also andere Wachrufungen gegeben, mit weniger Erfolg allerdings. Jean-Yves Bronze, Berater der Commission de la capitale nationale du Québec reaktivierte unlängst das Projekt von Roy. Dabei scheint es kein Zufall zu sein, dass der neue Aufbewahrungsort erstens öffentlich zugänglich und zweitens nationaler Denomination ist. Der Friedhof war 1999 von der Kommission der Nationalhauptstadt zum Site historique national erklärt worden. Öffentlichkeit und nationale Befindlichkeit sind spätestens seit dem 19. Jahrhundert zwei Aspekte der gleichen Realität.

↓386

Auch kommt es nicht von ungefähr, dass Montcalm künftig « bei seinen Männern » liegen wird – journalistisch angekündigt wurde die Überführung der sterblichen Überreste unter der Überschrift « Le marquis de Montcalm ira bientôt rejoindre ses hommes ». Siebzehn der auf dem Friedhof begrabenen Offiziere waren, wie Montcalm, Chevaliers de Saint-Louis, vor der Revolution eine der höchsten Auszeichnungen im französischen Militär. In den Ankündigungen der Überführung auf den neuen Friedhof kam übrigens eine Tatsache etwas kurz, dass der Ort nämlich nicht nur Montcalms Männer, sondern ungefähr 1000 Tote der Schlacht, Franzosen und auch einige Engländer, beherbergt.

Sollte es ein Zufall sein, dass die Nonnen, wie man liest, 240 Jahre das Geheimnis der Krypta wahrten, um es dann, ohne ersichtlichen Grund, im Jahr 1999 preiszugeben? Die eigentliche Frage, wenn man der Idee des Zufalls gegenüber kritisch sein will, scheint doch folgende zu sein: welche Art von kulturellem Geschehen setzt einen Prozess in Gang, der einen mehrere Jahrhunderte zurückliegenden Vorfall aufgreift, um diesen nunmehr zeremoniell, vor den Augen der Öffentlichkeit zu vollenden? Wir haben es mit einem Fall von Erinnerungsarbeit zu tun, mit einem organisierten Aufwand für ein Ereignis, das an etwas erinnern will.

Während der offiziellen Zeremonie zur Einrichtung des Friedhofs wurde folgendes Skript des oben genannten Acte du Souvenir inszeniert.723 Hier werden die in der Verteidigung ihrer Heimat, der Nouvelle-France, Gefallenen geehrt, die ohne Unterschied in Rang und Stand beieinander liegen. Im Sarkophag des Mausoleums ist freilich nur Platz für die Knochen einer Person. Die Namen der jungen Toten seien in Stein gemeißelt und das Gedächtnis der Gemeinschaft werde sie (nun) nicht (mehr) vergessen können. Abschluss findet der Vorgang in einem Versprechen, das vorgelesen und dann von der Menge wiederholt wird: Wir werden Euch nicht vergessen.

↓387

Lecture de l’Acte du Souvenir en hommage aux morts de la guerre de Sept Ans reposant au Cimetière de l’Hôpital Général de Québec.

11 octobre 2001. Au Mémorial de la guerre de Sept Ans

« Officiers aristocrates et humbles soldats, marins et miliciens, vous reposez ici côte-à-côte, sans distinction.

↓388

Jeunes gens moissonnés par la guerre, vous avez vécu en Nouvelle-France l’aventure de votre vie en défendant votre patrie.

Vos noms désormais immortalisés dans la pierre, notre mémoire ne faillira plus. Nous nous souviendrons de vous ».

La foule répète : « Nous nous souviendrons de vous ». 724

↓389

Nachdem in bemerkenswerter Weise eine Kritik an der eigenen Erinnerung impliziert wurde ( notre mémoire ne faillira plus – ungefähr: unsere Erinnerung wird nicht wieder versagen), schließt sich ein weiterer Futur an, diesmal mit fast imperativem Pathos. Indem die Menge das vorgegebene Zakhor! wiederholt, hat sie sich auf einen Weihebund mit dem historischen Erinnerungsort eingelassen.725 In diesem Nous nous souviendrons de vous (Wir werden uns Eurer erinnern) ist eine wenig erstaunliche Sinnzuspitzung des konjugierten und mit Objekt versehenem Je me souviens zu sehen. « Ich » und « wir » scheinen sich im Rahmen nationaler Befindlichkeiten in ganz und gar unproblematischer Weise auf etwas Gleiches beziehen zu können.

Die prominenten Akteure der Veranstaltung sind, davon können wir anhand der illustren geladenen Gäste während der besprochenen Zeremonie ausgehen, Vertreter des politischen und religiösen Lebens. Ohne politische Ziele und eine mehrheitsfähige Motivation zu einem Spektakel wie dem einer Translation im vormodernen Gewand würde es ganz einfach nicht stattgefunden haben. Doch würde der Versuch, hier nichts anderes als politische Ziele sehen zu wollen, zu kurz greifen. Die Art von Konsens, die hier vermutet werden kann, ist vor allem auch kultureller Natur. Nur so lässt sich erklären, warum das Geheimnis des Ordens von diesem gelüftet wurde und gleichzeitig Historiker und die politische Elite des Landes (bzw. der Provinz Québec) bereit waren, die Öffentlichkeit zu beteiligen. Deshalb machte man einen kleinen, obskuren Friedhof zu einem Ort von nationaler Bedeutung und um die Symbolik von Mausoleum und Denkmal wissend, entschied man sich, beides, am gleichen Ort, haben zu wollen.

Wie aber könnte der gefallene General der unterlegenen französischen Truppen, bzw. zwei seiner Knochen, eine positive Botschaft verkörpern? Hat er nicht gewissermaßen als militärischer Befehlshaber den Untergang der Nouvelle-Francemit zu verantworten?

↓390

Für eine mögliche Interpretation sei hier Jan Assmann zitiert, der zur Organisation des kulturellen Gedächtnisses und des ‘identitätssichernden Wissens der Gruppe’ folgendes schreibt: « Drei Funktionen müssen erfüllt sein, um seine einheitsstiftenden und handlungsorientierenden – normativen und formativen – Impulse zur Geltung bringen zu können: Speicherung, Abrufung, Mitteilung,: oder: poetische Form, rituelle Inszenierung und kollektive Partizipation. »726 Im Falle der Einrichtung eines nationalen Gedächtnisortes in Québec scheinen die von Assmann benannten einheitsstiftenden und handlungsorientierenden Impulse vorzuliegen. Ebenso geht es um die rituelle Inszenierung einer gespeicherten Form, die erst in ihrer Veröffentlichung, bei Assmann « kollektive Partizipation », das kulturelle Gedächtnis mobilisieren. Die zeremonielle Aufbewahrung der sterblichen Überreste ihrerseits lässt sich als eine Form der Speicherung lesen ― das Mausoleum als poetische Form ― welche nunmehr abgerufen werden kann.

Zukünftige Inszenierungen ihres Inhalts, oder besser gesagt, dessen Sinnes, werden möglicherweise das Datum der Um-Speicherung verwischen und eine direkte Verbindung zum 14. September 1759 herstellen wollen. Da der 11. Oktober keinem relevanten historischen Datum entspricht727, steht einer Transposition dieser Art nichts im Wege. Zukünftige Mitteilungen dieses Sinnes werden schon aus dem einfachen Grund möglich sein, weil diesem ein Ort gegeben wurde. Hier liegt die tiefere Bedeutung der Veröffentlichung der Überreste Montcalms, weil nur so die Gemeinschaft im Sinne Assmanns hieran teilnehmen kann.

Eine Funktion des Montcalm-Mausoleums ist also der Erinnerungsort, nicht nur im Sinne Pierre Noras, sondern auch im pragmatischen und politischen Sinn. Québec macht mit seinem Staatsmotto « Je me souviens » deutlich, dass Gedächtnisarbeit eine programmatische Vorgabe sein kann. Verschiedenste Ebenen öffentlicher Erinnerungsarbeit werden mit dem 1999 geschaffenen Geschichtsspeicher in Verbindung treten.

↓391

Auf eine weitere Dimension für die Einrichtung der Montcalm-Gedenkstätte kann hier verwiesen werden. Der Vorgang der besprochenen Translation und die Art des Ortes der neuen Aufbewahrung zeigen, dass es sich um ein Ritual des Todes mit möglichen legitimatorischen und politischen Implikationen handelt. Die symbolische Rolle des Todes und seiner Formen als Anlass zur Trauer scheint im Zentrum des Beschriebenen zu stehen.

Öffentliche Trauer und Heldenverehrung, die sich gemeinsam zu einem kraftvollen Element gesellschaftlicher Katharsis verbinden, könnten Anzeichen des Versuches sein, Geschichte und ihre Reibung mit der Gegenwart zu entspannen. Der Begriff der Conquête und damit verbunden, die Idee der Niederlage ( le peuple conquis; das besiegte Volk), steckt als tiefes Trauma im Selbstverständnis der Frankokanadier, wie ein Toter, der nicht mehr als die Person, die er war gedacht werden kann, sondern Teil einer Erzählung geworden ist, die den Blick in die Vergangenheit verstellt:

Mille sept cent cinquante-neuf marquerait la mémoire en étant la première bataille, celle qui allait précéder toutes les autres; donc, le début d'un combat en filigrane, implicite et perpétuel. Et en fait, peu importe le nombre de victoires remportées, sociales ou constitutionnelles, la mémoire de la défaite reste incrustée. Comme un mort, réel mais mythifiée, qu'on ne veut pas oublier, non pas pour se rappeler de ce qu'il était, mais pour mettre l'accent sur le récit construit de sa mort et de son agonie. Il y a donc un travail de deuil qui semble ne pas avoir été fait, comme un souvenir qui a pu symboliser la lutte d'une époque, mais qui ne signifie plus la même chose aujourd'hui.728

↓392

Eine mögliche Lesart der gemeinschaftlichen Trauer für Montcalm und die Schlacht, für die er steht, wäre also, dass in der oberflächlichen Emotionalisierung eines historischen Ereignisses ― öffentlicher Umzug mit historischer Musik und Trachten, Errichtung von Gedächtnisorten, Reden etc. ― eigentlich eine langanhaltende Emotionalisierung zu ihrer Entspannung findet. Vamık Volkan, schreibt in seinem Buch Das Versagen der Diplomatie, Ideen von Mitscherlich aufgreifend:

Gewählte Traumata beziehen sich auf die geistige Repräsentanz von einem Ereignis, das dazu führte, dass eine Großgruppe durch eine andere Gruppe schwere Verluste hinnehmen musste, dahin gebracht wurde, dass sie sich hilflos und als Opfer fühlte und eine demütigende Verletzung miteinander zu teilen hatte...729

Die Rolle der Trauer betreffend argumentiert Volkan weiter:

↓393

Ein gewähltes Trauma ist mit der Unfähigkeit der vergangenen Generation verbunden, nach der Erfahrung eines geteilten traumatischen Ereignisses über die Verluste zu trauen, und ist ein Zeichen, dass es der Gruppe nicht gelungen ist, eine narzistische Verletzung und Demütigung wiedergutzumachen.730

Volkans Beschreibung trifft auf die bestimmende Interpretation zu, die der Conquête durch die kanadische Historiographie und einen Teil des national-politischen Diskurses gegeben wurde. Die « Repräsentanz » ( mental representation ), um die es hier geht, soll auch für symbolische Verluste Anwendung finden, für Situationen also, in denen das Opfer-Täter-Verhältnis als Teil identifikationsstiftender Erinnerungsarbeit angesehen werden kann. In die indikativische Beschreibung bei Volkan lässt sich so ein historischer Konjunktiv einbringen, der den analytischen Blick auf eine Lesart historischer Vorgänge dahingehend erweitert, dass das Ereignis nicht mit dem historischen Vorgang als kongruent betrachtet wird. Es wird deutlich, dass eine bestimmte Repräsentation eines Ereignisses gewissermaßen das Ereignis darstellt oder ausmacht.731 So gesehen kann es bei einer kollektiven Arbeit mit der Vergangenheit auch immer nur um die gemeinsame Lesart eines Ereignisses gehen. Die Interpretation eines historischen Vorgangs wird zu einer Form von Realität, wenn sie ausreichend politische und kulturelle Autorität besitzt. Siegerposen und Verliererposen können die historische Vorlage überdauern oder lange nach ihr entstehen, wenn die jeweilige Interpretation sich als eine mögliche erweist.

Der apokalyptische Schatten der Conquête und das gleichermaßen schwerwiegende Unwiderrufliche des Todes sind die Geister, gegen die sich die Trauer einer Gemeinschaft anhand des Marquis de Montcalm mobilisiert. In dieser Lesart würde es sich bei den hier gezeichneten Vorgängen um ein Beispiel pompöser gesellschaftlicher Erinnerungsarbeit handeln, die keinen denunziatorischen Kommentar verdient, sondern begrüßt werden kann.

↓394

Die Trauerrede des Premierministers am 11. Oktober732 verweist auf ein deutsches Sprichwort, demzufolge die Toten von damals jenseits des Grabes Versöhnung finden.733 Die Lehre, die aus der Geschichte und den brutalen Folgen für das kollektive Schicksal der Frankokanadier zu ziehen sei, heiße Frieden. Landry betont den Wert einer Zukunft ohne Hass und beendet seine Rede schließlich mit dem Satz: « Puisse, grâce à ce mémorial que nous inaugurons aujourd’hui, la mémoire de la Nouvelle-France et l’histoire du Québec demeurer constamment vivantes dans les esprits et dans les cœurs. »734

Abschließend soll hier nicht vorenthalten bleiben, dass dem Gebot des Friedens als Lehre aus der Geschichte und der hier dargestellten Interpretation der möglichen Rolle der Trauer ein Zitat am Anfang der Rede Landrys entgangen zu sein scheint. Nachdem er zu den anwesenden Gästen im ersten Satz von den starken Gefühlen angesichts des tragischen Schicksals der Gefallenen des Siebenjährigen Krieges sprach, greift der Premierminister mit einem seltsam zweideutigen Gestus in den Literaturfundus des 19. Jahrhunderts. In einer Nachricht, die von der trügerischen Ruhe nach dem Tod eines jungen Soldaten erzählt, wird Arthur Rimbauds « Le Dormeur du val » von 1870 in vier ausgesuchten Zeilen zitiert. Leben und Tod stehen sich hier als blau-rotes Paar gegenüber.

Vielleicht handelt es sich um Zufall oder unbewusste Inszenierung des Farbenpaares. Möglicherweise ging es dem kryptischen Verweis auf den symbolischen Antagonismus um einen Streich, der unaufmerksamen oder des Französischen nicht mächtigen Zuhörern gespielt wurde. Wahrscheinlich ist hier ein (politischer) Reflex zu sehen, der in subtiler Form an die erklärte Mission der Partei Landrys erinnert, la souveraineté du Québec. Dieser Reflex muss im Übrigen nicht notwendigerweise einer Entspannung der Gedächtnispolitik im Wege stehen. Worum es im « Dormeur du val » wirklich geht, ist der Tod als Grund zur Trauer, und die Schwierigkeit, den Tod als Ende zu akzeptieren. Hier nun die Worte des 16-jährigen Rimbaud, die zur trauernden Erinnerung an den Marquis de Montcalm und seine Männer am 11. Oktober 2001 in Québec rezitiert wurden:

↓395

Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu

(…)

Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine,

Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.
735« Ein junger Soldat, offenen Mundes, das Haupt unbedeckt,
den Nacken in einem Bad aus zarter blauer Wasserkresse
...
Er schläft in der Sonne, die Hand auf seiner Brust,
Voller Ruhe. Zwei rote Löcher auf seiner rechten Seite. »

Honni soit qui mal y pense.

Zum Vergleich der vollständige Text von Rimbauds Dormeur du val :

Le dormeur du val736

C’est un trou de verdure, où chante une rivière
Accrochant follement aux herbes des haillons
D’argent; où le soleil, de la montagne fière,
Luit: c’est un petit val qui mousse de rayons.

Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort; il est étendu dans l’herbe, sous la nue,
Pâle dans son lit vert ou la lumière pleut.

Les pieds dans les glaïeuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme:
Nature, berce-le chaudement: il a froid.

Les parfums ne font pas frissonner sa narine.
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.

Octobre 1870

Der Schläfer im Tal

Ein grüner winkel den ein bach befeuchtet
Der toll das gras mit silberflecken säumt
Wohin vom stolzen berg die sonne leuchtet ―
Ein kleiner wasserfall von strahlen schäumt.

Ein kriegsmann jung barhaupt mit offnem munde
den nacken badend in dem blauen kraut
Schläft unter freiem himmel ∙ bleich ∙ am grunde
Gestreckt ∙ im grünen bett vom licht betaut.

Ein strauch deckt seine füße. Wie ein kind
lächelnd das krank ist hält er seinen schlummer.
Natur umhüll ihn warm! es friert ihn noch.

Ihm zuckt die nase nicht vom duftigen wind.
Er schläft im sonnenschein ∙ die hand auf stummer
Brust ―auf der rechten ist ein rotes loch.

Stefan George

Canadians of Old und Le chien d’or oder Berichte von Erlösung und Fall737

↓396

Als Philippe-Joseph Aubert de Gaspé im Jahre 1863 seinen Roman Les Anciens Canadiens 738 veröffentlicht, sind ungefähr 100 Jahre seit dem Ereignis vergangen, das im Selbstverständnis der Kanadier als Eroberung gedacht und als solche benannt wird. Eroberung ist hier mit dem im Deutschen schwer wiederzugebenden großen Anfangsbuchstaben zu lesen, als la Conquête bzw. als The Conquest. 14 Jahre später erscheint Le chien d’or. A Romance of the Days of Louis Quinze in Québec 739 des in England geborenen William Kirby und wird sich, wie der Roman Aubert de Gaspés, in den Reigen der kanonischen Literatur Kanadas stellen, mit einer eigenen Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte und der späteren Aufnahme in die Curricula der kanadischen Universitäten.

Die Diskussion von Aubert de Gaspés Text kann eine Struktur freilegen, die in Form einer sinnstiftenden Matrize dem (oder besser einem) Sinn der Conquête entspricht. Im Anschluss wird eine derartige (aber invertierte) Struktur in Kirbys Roman beschrieben, die in der Gegenüberstellung den Schluss zulässt, dass die Geschichten, die Aubert de Gaspé und Kirby erzählen, auch als Teil einer größeren Narration zu sehen sind. Und das in zweifacher Hinsicht: sie produzieren in Romanform einen Blick in die Geschichte, der dem eigenen, persönlichen Weg entspricht und gleichzeitig arbeiten sie mit und an einem kulturellen Sinn der Gemeinschaft, der den unterschiedlichen Leserkreisen neben einer historischen auch eine politische Unterweisung gibt und den bezüglichen Erwartungen, dafür spricht der Erfolg, auch entspricht. Beide Romane wurden bald in die jeweils andere Sprache übersetzt und unterhalten überhaupt eine Art geheimer Verwandtschaft, die sich zu verbergen wusste und weiß. Auf diese Verwandtschaft, die weiter unten illustriert werden kann, spielt die Überschrift des vorliegenden Kapitels mit den Titeln der Romane in ihrer übersetzten Form an. Mit den beiden historisierenden Sinnentwürfen kann aufgezeigt werden, wie ein Vorher und ein Nachher der Conquête von 1760 die narrative Dynamik von Rettung und Verfall beschreibt. Der gestaltete Sinn freilich ist in beiden Fällen auch ein Sinn der Gegenwart, und der schriftstellerische Blick ist Teil einer Lesart, die jeweils einen Sinn ergibt. Als Ausschnitt des 19. Jahrhunderts kann die Lektüre der Romane auch die Verwandtschaften der literarischen Narration und der historiographischen Wissenschaft belegen.

Die Romanliteratur in Québec lebt seit ihren Anfängen740 und bis ins 20. Jahrhundert von den spannungsgeladenen Gegebenheiten der neuen Welt: in Patrice Lacombes La terre paternelle (1846) verliert eine Familie ihr Land an einen Engländer, die Familie wird schließlich vom hart arbeitenden Sohn, der mit Fellen handelt, aus der Armut gerettet. In Jules-Paul Tardivels Pour la Patrie (1895), in dem die Trennung von Kanada als Lösung verarbeitet wird, ist Québec die neue geliebte Heimat, eine Form der Verarbeitung des abandon de la France (die Vernachlässigung und Aufgabe der Kolonie durch Frankreich), und in Louis Hémons Maria Chapdelaine (1916) verliert Maria ihren geliebten Mann François Paradis trotz tausender Ave Maria, mit denen sie Hilfe gegen den Schneesturm suchte. Von den beiden um ihre Hand anhaltenden Liebhabern, verschmäht sie den reichen Stadtmenschen, der ihr den Glitzer Amerikas verspricht und entscheidet sich für ihren Nachbarn, den Landmann.741

↓397

Es vergehen hundert Jahre, die das Ereignis der Conquête, oder besser den Moment der Übernahme der französischen Überseegebiete der Nouvelle France durch die britische Macht, von den eingangs genannten literarischen Verarbeitungen trennen, die im Kontext einer « Renaissance littéraire » entstehen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass es fast die gleichen hundert Jahre sind, die bis zum Aufkommen der kanadischen Geschichtswissenschaft mit den Arbeiten François-Xavier Garneaus (1809-1866) vergehen. Die Anfänge des historischen Romans und der Geschichte als Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes – seine mehrbändige Ausgabe der Histoire du Canada (1845-48) sei hier an erster Stelle genannt – beschreiben eine Verfassung, die das Verhältnis von Literatur und Geschichte neu denkt. Aubert de Gaspé verweist in seinem Roman mit gutem Grund auf Garneaus Appell an die Canadiens; das Bild, welches Garneau von der Geschichte der französischen Kanadier entwirft, ist vom Überlebenskampf gezeichnet, erst gegen Indianer und Anglokanadier und dann gegen die anglokanadische Oligarchie im Parlament.

Der gern zitierte Aufruf Garneaus an seine frankokanadischen Landsleute, sich selbst treu zu bleiben, die Traditionen zu pflegen, ist dabei nur Teil einer kurzen Zusammenfassung in Buch XVI am Ende seiner Histoire du Canada. Garneaus erfolgreiche Geschichte, die später als Histoire du Canada français, nunmehr mit dem einschränkenden Zusatz, verlegt wird, hebt sich sowohl im Umfang als auch in der literarischen Qualität von bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen Historiographien ab. Garneau verbrachte in den frühen 30-er Jahren längere Zeit in Europa, er kennt das parlamentarische Leben in London und Paris und hat die encyclopédistes und die romantiques gelesen. Er beschäftigt sich mit der Geschichte europäischer Völker im Befreiungskampf – Schottland, Irland, Polen – und macht während der zwei Jahre, die er in London verbringt, die Bekanntschaft von Thomas Campbell, Daniel O’Connell und Krystyn Lach-Szyrma.

↓398

Es ist bekannt, dass Garneaus Ideen im Mouvement littéraire de Québec diskutiert wurden. Nachdem Aubert de Gaspé, als Sohn einer alten Québecer Familie742 bereits im Club des Anciens die Bekanntschaft Garneaus gemacht hatte, frequentiert er in den späten 1850-er Jahren den literarischen Zirkel der Stadt Québec, dessen Mitglieder, neben Garneau vor allem Historiker und Poeten waren. Die gegenseitige Inspiration hatte also neben der Lektüre auch einen sozialen Rahmen.

Die Arbeit Garneaus steht zweifelsohne mit dem 1839 veröffentlichten Bericht in Verbindung, in dem ein Beauftragter der Kolonialmacht, der Kabinettminister John George Lambton, Lord of Durham, der wegen der Rebellionen von 1837 in die Kolonie geschickt wurde, schreibt, er habe « two nations warring within the bosom of a single state » erlebt. Wie in Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas » beschrieben, erklärt der Autor des Berichts, die Canadiens haben weder Literatur noch Geschichte. Als Lösung des Problems wird die Amalgamierung der beiden Kulturen vorgeschlagen, der Gebrauch der französischen Sprache, Sprache der Mehrheit in Québec, solle unterbunden werden.

Garneau hat ein offenes Ohr für die Ideen der Patriotes und Papineaus in den 30-er Jahren. Er erlebt die Hinrichtungen und Verbannungen nach der Niederschlagung der Aufstände, den Bericht Durhams und die Vereinigung der Kanadas mit dem Act of Union von 1840, die für ihn einer Katastrophe für die Frankokanadier gleichkommt. Die militärische und politische Niederlage der demokratischen Reformbewegungen, und die nach 1840 einsetzende Stärkung der Position des Klerus in Québec ( Eastern Canada ) führt zu einer nunmehr intellektuellen Auseinandersetzung, in der Garneau eine wesentliche Rolle spielt: Für die einen ist seine Histoire du Canada eine bewundernswerte Geschichtsstudie, für die anderen ist sie in ihrer Kritik an der Religion und am traditionellen Bild der Nation verwerflich. (Noch in Lionel Groulx’ Histoire du Canada français depuis la découverte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts spürt man die gespannte Differenz der katholischen Geschichtswissenschaft zu den Arbeiten des großen Historikers.) Garneau entwirft kein einseitiges Bild der Geschichte, davon zeugen seine kritischen Ausführungen zum Ausschluss von Protestanten aus der Nouvelle-France, zur Politik Frankreichs gegenüber der Kolonie, zu den skrupellosen Methoden seiner anglophonen Mitbürger und gleichzeitig seine Wertschätzung für die britischen Institutionen in Québec. Garneau und seinen Zeitgenossen wird klar, dass die Vision einer steten Weiterentwicklung der französischsprachigen Besiedlung Nordamerikas gescheitert ist und man sich auf das Vorhandene stützen werden muss. In diesem Kontext kann die Formulierung der These vom Überlebenskampf der frankokanadischen Nation gesehen werden.

↓399

Sechs Jahre nach dem spektakulären Erscheinen des Durham Report veröffentlicht Garneau den ersten Band seines Geschichtswerks. Sein Blick auf die Geschichte (Franko-) Kanadas wird für die Geschichtsschreibung der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bestimmend, wenn auch nicht ohne kritische Antwort bleiben.

1861 erscheint der erste Band des Cours d’Histoire von Abbé Jean-Baptiste-Antoine Ferland (1805-1865), der es sich zur Aufgabe macht, dem intellektuellen und antiklerikalen Kleinbürgertum der freien Berufsstände, die Garneaus Geschichte feierten und sich gegen die Idee einer eng definierten Nation aussprachen, eine eigene Geschichte entgegenzusetzen. Seine Arbeit ist im Kontext der gestärkten Position des frankokanadischen Klerus seit 1840 zu sehen, dessen historiographischer Sprecher Ferland wird.743 Ihm folgt eine Reihe von Historikern, die an einer klerikalen Vision der kollektiven Vergangenheit arbeiten. Der französische Sulpizianermönch Étienne-Michel Faillon verfasst während eines Aufenthaltes von insgesamt fünf Jahren in Kanada (zwischen 1852 und 1866) fast 4000 Seiten zur Geschichte des Landes. 1864 veröffentlicht Abbé Henri-Raymond Casgrain seine Histoire de la Mère Marie de L’Incarnation. Weitaus deutlicher als Ferland macht Casgrain Frankreich für die Unzulänglichkeiten und die Probleme der Nouvelle-France verantwortlich. Die Historiographen im 19. Jahrhundert nach Garneau haben ähnliche Themen wie die romanesken Literaten: die frankokanadische Identität, das Verhältnis zu Frankreich, dem ehemaligen Mutterland und zu den englischsprachigen Nachbarn in Nordamerika, mit denen man nunmehr den geographischen und den politischen Raum teilt. Der historische Roman ist ohne die romantische Historiographie der Zeit nicht zu denken.

Philippe-Joseph Aubert de Gaspé (1786-1871) blickt in Les Anciens Canadiens nicht nur auf das Leben der Kanadier zurück, sondern auch auf seine eigene Vergangenheit und die seiner Familie. 1786 geboren, hat er über seine Eltern die Auswirkungen der Conquête von 1760 mehr oder weniger direkt erlebt. Später wird er Jurist, 1818 Gründungsmitglied der Banque de Québec und ab 1816 Shérif du district de Québec (Sheriff im britischen Wortsinn, als Shire-reeve, lokaler Kronbeauftragter für Verwaltung und Justiz). 1822 wird er seines Amtes enthoben und 1838 inhaftiert, weil er nicht in der Lage ist, eine Schuld von 1169 Pfund und 14 Schilling zu begleichen. Durch ein spezielles Gesetz des Parlaments verlässt er 1841 das Gefängnis und kann sich später als Seigneur von La Pocatière der literarischen Arbeit widmen, die ihn bekannt machen wird. 1866, drei Jahre nach Les Anciens Canadiens, veröffentlicht er seine Mémoires.

↓400

Der Roman Les Anciens Canadiens ist von der neuen literarischen Gattung der Zeit, dem historischen Roman inspiriert. Die europäische Romantik und ihre Faszination für die Vergangenheit wird im französischsprachigen Kanada, und wie das Beispiel William Kirbys zeigen wird, auch im englischsprachigen Kanada aufgenommen. Wie für Aubert de Gaspé das Werk Walter Scotts (neben Shakespeare und Dickens, wie er in seinen Mémoires schreibt) ist es der ältere Dumas, der Kirbys Schreiben inspiriert. Diese Verkreuzung der Inspiration für die beiden Autoren steht symbolisch für die tatsächlichen und oft vergessenen oder verdrängten Beziehungen, die die intellektuellen Eliten der Zeit mit der jeweils anderen Kultur unterhalten. Die romantisch-historischen Entwürfe von Kirby und Aubert de Gaspé reagieren auch auf die historiographische Produktion ihrer Zeit und nähern sich dieser formell und inhaltlich. Sie verkörpern einerseits als Literaten die von Hayden White für die Geschichtswissenschaft beschriebene Einbildungskraft des 19. Jahrhunderts744; andererseits illustrieren sie eine kanadische Spezifik: die Anwesenheit einer anderen Sprache und Kultur.

Les Anciens Canadiens arbeitet mit mehreren Ebenen, deren Protagonisten sich im Laufe der Handlung begegnen. Zum einen wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Männern erzählt, dem Frankokanadier Jules d’Haberville und dem Schotten Archibald Cameron of Locheill.

Die beiden Männer hatten sich in einem Collège der Jesuiten kennengelernt; Arché, wie der schottische Freund genannt wird, ist Katholik und musste, wie man erfährt, nach der Niederlage bei Culloden745 nach Frankreich fliehen, bevor er in den Schutz eines jesuitischen Verwandten nach Québec kam. Eine erlebnisreiche Reise auf Jules’ elterlichen Hof zeigt die tiefe Freundschaft der Beiden und enthält die symbolischen Elemente einer Initiation in die Gemeinschaft der Canadiens: Arché rettet mutig das Leben eines im eiskalten Wasser treibenden Mannes, was ihn in den Augen der Canadiens zu einem von ihnen macht. Schließlich besuchen die Freunde eine Feier des Heiligen Johannes, dem zentralen Fest der frankokanadischen Dörfer und Städte.

↓401

Im zweiten Teil des Romans, nach dem 12. Kapitel, erfährt der Leser von den Schwierigkeiten, in die ihre Beziehung durch die militärischen Ereignisse der Zeit gerät, der sogenannten Guerre de la conquête. Beide Männer kehren aus Europa in Uniform zurück, sie dienen aber unter feindlichen Fahnen. Vor allem Archibald findet sich in einem tiefen Gewissenskonflikt, als ihm von seinem Vorgesetzten befohlen wird, an der Verbrennung von Dörfern der kanadischen Bauern teilzunehmen. Nachdem sich Jules und Archibald in den Armeen unter Führung der Generäle Wolfe und Montcalm auf den Abrahamshöhen vor Québec gegenüberstanden trennen sich ihre Wege. Jahre später, nachdem die Famille d’Haberville in Folge des Kriegsausgangs verarmt ist, benutzt Archibald seinen Einfluss, um das Schicksal der Familie zu verbessern und die ehemaligen Freunde begegnen sich wieder. Hierzu im Anschluss mehr.

Die zentrale Gestalt einer zweiten Ebene der Erzählung ist le Sieur d’Egmont, ein 70-jähriger Edelmann, im Roman le bon gentilhomme, der die Geschichte seiner Jugend schildert. Im ersten Kapitel von Les Anciens Canadiens entwirft dieser das Programm einer Erzählung, die kanadisch sein will und der Erinnerung diene. Der bon gentilhomme erzählt, wie er als junger Mann in großzügiger Weise Freunden und Bekannten Geld borgte und wie er später als finanziell ruinierter Mann, verschuldet und von seinen Freunden verlassen, sich den Spott und die Indifferenz dieser gefallen lassen muss. Der Held hatte aus lauter Gutgläubigkeit (und seinem Vertrauen in die Ehrenregeln der alten Zeit) unterlassen, sich Schuldbriefe ausstellen zu lassen. Er kann seine Gläubigerschaft nicht beweisen, wird des Betrugs bezichtigt und endet schließlich im Gefängnis. Die Parallelen zum Leben und Schicksal des Autors sind offensichtlich.

Der bon gentilhomme lässt seine Jugend und Naivität Revue passieren und erinnert an die Schmähungen und den Spott, die seiner zuteil wurden: « ...on me tourna en ridicule en disant que j’étais un fou prodigue ».746 Sein Schluss: « Que j’étais simple et crédule! ils ont raison, les misérables, de se moquer de moi ».747 Seinen Zuhörern erscheint der bon gentilhomme als irrsinnig, seine Vorstellungen von Ethik sind der Gesellschaft fremd, in der er jetzt lebt. Der Undank seiner ehemaligen Freunde und ihr das geliehene Geld betreffende Verhalten illustrieren die Obsoleszenz der Ehrvorstellungen, nach denen er gelebt hatte. Seine Sprache (der Ehre), die nicht mehr zutrifft und seine Welt, die es nicht mehr gibt, entsprechen dem Scheitern von Generationen Bessergestellter, die sich in Europa vom feudalen Schleier verabschieden mussten, der ihr Leben ausmachte und diesem seinen Sinn gab. Die Welt der großen Tugenden von Bravour, Großherzigkeit, Loyalität und Treue verliert mit dem Landadel ihren Kopf, der Tragiker Aubert de Gaspé präsentiert dem Leser eine literarische Formulierung der tristen These von der Dekapitation der frankokanadischen Gesellschaft und den Trauergesang auf die Zeiten des Ancien Régime. Was wir in der Person des bon gentilhomme erleben, ist die narrative Inszenierung eines Prozesses von gesellschaftlichem Wandel, den ein deutscher Zeitgenosse Aubert de Gaspés prägnant beschrieben hat, mit Blick auf die revolutionäre Rolle, die der Bourgeoisie im Untergang der feudalstaatlichen Ordnung zukam:

↓402

Die Bourgeoisie [...] hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande [...] unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelasssen als das nackte Interesse, als die gefühllose « bare Zahlung ». Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung [...] in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt..748

Obwohl sich die Perspektiven des bon gentilhomme in Aubert de Gaspés Roman und die des Manifests vom Klassenkampf in ihrer Wertung des Sinns der beschriebenen Veränderungen in jeder Hinsicht widersprechen, drücken die Worte doch einen gemeinsamen Blick auf die Tiefe und die Natur des Wandels aus.

Die chronologische Achse teilt die Erzählung, wie oben erwähnt, in ein Vorher und ein Nachher. Die Trennstelle bildet die Conquête, das Ende eines Goldenen Zeitalters, der Zeit des Régime français, eine Zeit aufeinanderfolgender Jahreszeiten, perfekter Harmonie zwischen Mensch und Natur und einer konfliktlosen, intakten Gemeinschaft. Einige Kritiker, wie Camille Roy, haben in dem Bild, das Aubert de Gaspé vom Leben in der Seigneurie zeichnet, einen demokratischen Ausdruck gesehen. Das Verhältnis zwischen Bedienten und Bediensteten gleicht in der Tat dem einer großen Familie und ein älterer Edelmann wendet sich nicht grundlos in einem Gespräch an den jüngeren Jules d’Haberville und erklärt, seit der Conquête habe sich das Leben zum Schlechten gewandelt; vor allem die sozialen Beziehungen seien nicht mehr, was sie einst waren. Doch ist hier weniger ein demokratischer Gedanke des Autors zu vermuten, als ein Lobpreis der aristokratisch-seigneurialen Welt.749

↓403

Gleichzeitig ist die Conquête der Anfang einer Zeit des Verfalls, und problemhafter Zustände, innerhalb derer nichts mehr selbstverständlich seinen Gang geht, weder die Bewahrung von Traditionen und Lebensweisen noch das Wissen um die Frage, wer man ist. Es beginnt eine neue Zeit, eine Zeit der Resignation und der Anpassung an eine fremde, degradierte Welt. Hier finden sich die Anzeichen einer verlorenen Unschuld, die den Verlust eines irdischen Paradieses umschreibt: der Untergang der Nouvelle-France, der (Sünden-)Fall des Régime français in Nordamerika. Der Titel des Romans bezieht sich auf einen Menschenschlag, den es nicht mehr gibt: Les Anciens Canadiens, die Helden einer untergegangenen Welt.

Neben dieser Beschreibung des Untergangs einer Welt, den der Sieur d’Egmont am eigenen Leib verspürte, enthält die große Erzählung eine weitere Erzählung. Der bon gentilhomme berichtet von der Begegnung mit einem kranken und leidenden Huronen, dem er half, von seiner Trunksucht zu gesunden.750 Vier Jahre nach dieser Begegnung kreuzen sich ihre Wege wieder und dem ‘guten Edelmann’ steht ein ‘dankbarer Wilder’ gegenüber. Der sauvage reconnaissant berichtet, er sei ein großer Jäger und ein großer Krieger gewesen, bevor das Feuerwasser ihn ruinierte. Nun sei er gekommen, seine Schuld zu begleichen:

Je te dois beaucoup, et je suis venu payer mes dettes. Tu m’as sauvé la vie, car tu connais bonne médecine. Tu as fait plus, car tu connais aussi les paroles qui entrent dans le coeur : d’un chien d’ivrogne que j’étais, je suis redevenu l’homme que le Grand-Esprit a créé. Tu étais riche, quand tu vivais de l’autre côté du grand lac. Ce wigwam est trop étroit pour toi : construis-en un qui puisse contenir ton grand coeur. Toutes ces marchandises t’appartiennent.751

↓404

Der bon gentilhomme trat als Retter auf, er gab dem Indianer seine Gesundheit und seine menschliche Würde zurück. Als dieser zurückkehrt, wird dem gefallenen Aristokraten von dem ‘edlen Wilden’ aufgeholfen.

Damit sind drei Erzählebenen gegeben, die miteinander in Verbindung stehen und zunächst von einem vergleichbaren Schicksal bestimmt werden: einem Untergang.

Das Romangeschehen der Kanadier von damals wird in dreifacher Weise vom Fall aus einer Welt in eine andere überschattet: die historischen Ereignisse der Conquête (die Schlacht auf den Abrahamshöhen und ihr fataler Ausgang für die Nouvelle-France), der persönliche Ruin des bon gentilhomme, den die neue Zeit in einer Welt egoistischer Mitmenschen ohne Ehrgefühl zeigt und schließlich ein tapferer Krieger, der unter den bösen Einfluss des Feuerwassers geriet. Jules d’Haberville, le bon gentilhomme und le sauvage reconnaissant sind drei Personen, die in exemplarischer Weise das Scheitern von Integrität, Würde und Unschuld verkörpern.

↓405

Der historisch zentrale Punkt ist die Niederlage der Nouvelle-France und die politischen und sozialen Folgen für die frankokanadische Bevölkerung, in Aubert de Gaspés Blick vor allem der noblesse canadienne. Die Romanhandlung beschreibt mit der Darstellung des persönlichen Schicksals von Personen die Niederlage von 1760 und den späteren Verfall des frankokanadischen Adels und hiermit die eigentliche Katastrophe, das Ende einer harmonischen Gesellschaft. Aubert de Gaspé ist wie andere hommes de lettres (‘Intellektuelle’) seiner Zeit dabei, an der kulturellen Formatierung des Ereignisses der Conquête mitzuwirken, indem er dem Wissen der Gruppe (seiner Herkunft, seiner Leser) einen sinngebenden und identitätssichernden Text hinzufügt. Wie in der sich anschließenden Diskussion zur Affaire Saul-Bouchard und im Zusammenhang mit der Niederschlagung der Aufstände von 1837-38 und dem Bericht Durhams dargestellt,752 reagiert diese retrospektive Sinngebung der Conquête und ihre Interpretation als quasi-apokalyptisches Ereignis nicht zuletzt auf die Erlebniswelt einer Gemeinschaft, die versucht, ihrer spannungsgeladenen Gegenwart einen historischen Sinn zu geben.

Diese Gedanken können allerdings die Episode der Begegnung des guten Edelmannes mit dem dankbaren Huronen nicht ausreichend erklären. Hier handelt es sich offenbar um eine andere, weiter zurückliegende Eroberung, eine Conquête der anderen Art, die von Aubert de Gaspé nicht als solche thematisiert wird. Die Begegnung zwischen Franzosen und Amerindianern wird als Aufeinandertreffen von Zivilisation und Natur, Alter und Neuer Welt dargestellt. Das Feuerwasser aus Europa hat den ehemals unschuldigen, naturnahen Wilden korrumpiert und aus einem stolzen Krieger ein krank darniederliegendes Opfer gemacht, so wie die von außen hereingebrochene Welt den bon gentilhomme in der Ehre geschändet und sozial unmöglich gemacht hat. Man denkt an Jean-Jacques Rousseau, der, an die Figur des « bon sauvage » anknüpfend, im 18. Jahrhundert vom guten Menschen spricht, den die Gesellschaft, nicht die Natur, schlecht gemacht habe. In der Rückkehr zu den Tugenden ursprünglicher Unschuld liege das Ziel schulischen und persönlichen Wirkens – Ideen, die den kommenden Zeiten romantischer Visionen dienen würden.

Diese Opfer-Korrespondenz zwischen dem Edelmann und dem edlen Wilden wird im Roman an keiner Stelle thematisiert. Doch geht es hier um die als découverte maskierte conquête, um die Eroberung nämlich, die nicht nur nicht erwähnt wird, sondern die im Roman auch keinen Namen hat.

↓406

Interessant hieran ist vor allem die folgende Frage, und an dieser Stelle berühren wir eine Schnittstelle mit der dominierenden kanadischen Historiographie: Wie ist es möglich, dass der Begriff der Conquête, als moment fondateur des Selbstverständnisses der Kanadier,753 jene andere conquête, die der Begegnung der landenden Europäer mit der Bevölkerung Nordamerikas (bzw. eines nicht unbeträchtlichen Teils davon) derartig ausblenden konnte? Diese andere Eroberung ist uns in ihrer Form als conquista des anderen Amerika gut bekannt. Tzvetan Todorov beschreibt in La conquête de l’Amérique die Vorläufer einer Sprachpolitik der political correctness, die den Gebrauch des Wortes Conquête (bzw. Conquista ) betrifft. Ausgehend von den Ideen Bartolomé de Las Casas’ in der Kontroverse von Valladolid verbieten die spanischen Könige 1573 schließlich den Gebrauch des Wortes « Eroberung », weil der Begriff Praktiken fördere, die der Verbreitung des (katholischen) Glaubens widersprechen. Die Anordnungen lassen für Todorov keinen Zweifel an der Natur der « Entdeckungen » und « Befriedungen »: « ...ce ne sont pas les conquêtes qu’il faut bannir, c’est le mot ‘conquête’ ».754 Die Figur des ‘lateinamerikanischen’ Conquistador war offensichtlich stärker als die politische Macht euphemistischer Sprachkorrektur. Im Norden des amerikanischen Doppelkontinents scheint diesem Vorhaben weniger im Weg gestanden zu haben, sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten nannte und nennt man die große Ankunft der gesandten Seefahrer Europas (ob es sich nun um Colón, Caboto oder Cartier handelt) « Entdeckung ». Damit beschreibt man nicht nur den Moment der Sichtung mehr oder weniger unbekannter Küsten, sondern auch die Natur des Kontakts mit der Neuen Welt.

Fragt man sich, welche Idee Aubert de Gaspé mit der Aufnahme einer anti-Conquête, der Erlösung des Huronen von der zerstörerischen Geißel der fremden Kultur verfolgt, so drängen sich mehrere Gedanken auf. Die Erlösung des Anderen, als Gegenstück des Falls wird ein Element historischer Katharsis, Selbstbild- und Fremdbildkorrektur, die einen Moment der Gewalt verwischt (und gleichzeitig einen anderen Moment der Gewalt unterstreicht). Und die Tat bleibt nicht ohne Resultat: Der Indianer wird zu einem Ancien Canadien im moralischen Sinne, ein Mensch mit Ehrgefühl, der sich für seine Rettung bedankt. Gleichzeitig führt diese Erlösung zu einer anderen Korrektur, die das Leben des abgefallenen Edelmannes betrifft. Damit deutet Aubert de Gaspé zumindest auf die Möglichkeit einer wiedergutgemachten Conquête hin, auch wenn er, wie bereits gesagt, der Begegnung Frankreichs mit der Neuen Welt nicht diesen Namen gibt, und es vielleicht auch gar nicht kann, schließlich hat der Begriff der Conquête einen konkreten historischen Moment vor Augen: ein gewalttätiges Ereignis, das sich im kollektiven Gedächtnis als Mythos, d.h. als « ...zur fundierenden Geschichte verdichtete Vergangenheit »755 etabliert hat.

Von der Darstellung der vernebelten conquête der Ureinwohner Amerikas, die in Aubert de Gaspés Roman Les Anciens Canadiens als Erlösermotiv re-präsentiert wird, finden wir, ohne große Umwege zu einem weiteren Roman des 19. Jahrhunderts, der sich mit dem Thema der Eroberung, hier The Conquest beschäftigt. Wie in Les Anciens Canadiens scheint das Bild der kanadischen Geschichte in Kirbys The Golden Dog auf den founding moment des Conquest geeicht. Der Moment der Conquête ist hier das Ende einer Geschichte und der Anfang einer anderen Geschichte, der Beginn der Gegenwart.

↓407

William Kirby wird 1817 in England geboren und reist früh in die Vereinigten Staaten, auf der Suche nach einem neuen Leben. Allzu neu sollte es allerdings nicht werden, er bevorzugt das britische und konservativere Kanada, obwohl ihm die politischen Veränderungen seit Durhams Bericht von 1839 nicht gefallen wollen. Als erklärter Tory ist er anti-republikanisch eingestellt, und so sind die liberalen Vorschläge Durhams nicht in seinem Interesse. In einem Counter manifesto to the annexationists of Montreal wendet sich Kirby 1849 unter dem aufschlussreichen und wenig phantasievollen Pseudonym Britannicus gegen die Stimmen, die für einen Anschluss an die Vereinigten Staaten plädieren und randalieren.756 Seiner Auffassung gibt er auch später Ausdruck, mit den Canadian Idylls von 1881 und The United Empire Loyalists of Canada von 1884.757

Warum schreibt dieser William Kirby 1877 ein Buch über Frankokanada? Seine Abneigung für die moderne republikanische Nation und seine Zuneigung zu den alten Imperien und Königshäusern Europas erklärt seine Sympathien für Kanada, das als Garant für die Werte eines Tory stehen konnte. Québec muss Kirby neben der Monarchie als das wichtigste und offensichtlichste Argument für die Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada vorgekommen sein. Gleichzeitig entsprach Québec der romantischen Idee einer von Gott beseelten Welt, für die es sich lohnte zu sterben, wie Kirby am Anfang seines Romans den Gouverneur deklarieren lässt: « Till men see Québec...they will not fully realize the meaning of the term – God’s footstool...Not only a land worth living for, [...] but a land to die for, and happy the man who dies for it. » (Kirby, S. 3) Lorne Pierce fasste 1929 in seinem Portrait eines Tory Loyalist den dreifachen Gehalt von Kirbys Roman als « an aristocratical gospel of romance »758 zusammen. Der Ausspruch ließe sich im Sinne des bisher Gesagten zu romance of distinction vervollständigen.

Kirbys Roman erscheint zunächst wie eingangs bemerkt als Le chien d’or (The Golden Dog). A Romance of the Days of Louis Quinze in Quebec. Der Titel ist Programm; Kirby stellt mit einem zweifachen Hinweis, dem französischen Titel und dem monarchischen Zeitrahmen, das Besondere an seinem Roman in den Vordergrund. Es geht um eine französische Romanze in Nordamerika. Der Zeitraum der Haupthandlung in seinem Roman liegt zwischen 1748 bis 1760 und endet damit 14 Jahre vor dem Tod von Louis le Bien-Aimé im Jahre 1774.

↓408

Spätere Ausgaben von Kirbys Roman tragen den englischen Titel (The Golden Dog) und machen aus der Romanze aus dem Québec der Tage von Ludwig XV. einfach A Romance of Old Quebec. Damit ist nun auch im Namen klar, dass Aubert de Gaspés Les Anciens Canadiens (in der Übersetzung Canadians of Old ) und Kirbys ‘Romance of Old Québec’ ein gemeinsames Thema haben, wenn auch nicht ohne weiteres übersetzbar. Der Austausch von Ideen zwischen dem englischsprachigen und dem französischsprachigen Kanada ist nicht immer leicht gewesen, im Falle von Kirbys Golden Dog nicht aus ideologischen, sondern pietistischen Gründen. Die französischsprachige Ausgabe unter dem Titel Le Chien d’or : légende canadienne erschien in einer Übersetzung von L.P. May in l’Étendard zwischen August 1885 und Februar 1886. Der Übersetzung ist ein bemerkenswerter Kommentar vorangestellt, nach dem der Autor des Buches so freundlich war, einige Änderungen von Ausdrücken zuzulassen, die nicht mit der katholischen Ausbildung vereinbar seien: « L’auteur a bien voulu permettre d’apporter, dans la traduction, quelques modifications d’expressions qui n’étaient pas en harmonie avec l’enseignement catholique ».

Die Geschichte des Conquest bei Kirby geht mit ihrer Vorher/Nachherstruktur ähnliche Wege wie die Aubert de Gaspés, jedoch wird hier die Konfrontation zwischen der britischen Besetzungsmacht und der frankophonen Bevölkerung vor allem in ihrem heilbringenden Licht gesehen. War die Conquête bei Aubert de Gaspé das Ende des Ancien Régime als Goldenes Zeitalter, so ist es hier das Ende verheerender moralischer und politischer Korruption, die, wie man sich unschwer vorstellen kann, am französischen Hof ihre Wurzeln hat. Die implizierte zivilisatorische Mission des British Empire schreitet in den Pfuhl der Degeneration und bringt, im Sinne Darwins, das notwendige, natürliche Heil.

Der Roman beschreibt den Versuch der Canadiens, dem französischen Mutterland seine kolonialen Überseegebiete zu erhalten, jedoch stehen rechtschaffene und liebende (der Roman trägt nicht umsonst den Untertitel einer Romanze) intrigierenden, korrupten und mordenden Kolonisten gegenüber. Der Roman beschreibt die Misswirtschaft unter dem Intendanten der Kolonie, dessen Handelskontor von der Bevölkerung der große Schwindel ( La friponne ) genannt wird. Eine der Personen geht aus Gram über den ermordeten Bruder ins Kloster, die Drahtzieherin der Affaire begeht Selbstmord und der bigotte Ausbeuter Bigot, kehrt zurück nach Frankreich.759

↓409

Raymond G. Richard beschreibt in seiner Arbeit zu The Golden Dog die historischen Ungenauigkeiten, derer sich Kirby bedient hat und kommt zu dem Schluss, die Freiheiten seien « justified by literary demands » 760. Die Darstellung Kirbys – das Leben in Old Quebec als ein Reigen von Liebe, Ausschweifung, Verzweiflung, Hass und Tod – basiere letztlich auf dem Wesen der menschlichen Natur: « Basing it on the French colonial life of the mid-eighteenth century and the very human passions of love, debauchery, despair and hate-ending-in-death, the author laid the foundations of his work on the bed-rock of human nature. » 761

Auch Kirbys Roman arbeitet mit mehreren Erzählebenen. Neben der Rettung, die The Conquest für die Unterlegenen bedeutet und die den Boden des Romans ausmacht, finden wir beispielsweise Frankokanadier und Anglokanadier, die sich gemeinsam, anlässlich des Beginns des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges den Treueschwur auf die englische Krone leisten und damit einer imperialen Instanz des Heils entsprechen. Kirby nutzt den Moment einer gesamt-kanadischen Koalition, die durch eine Gefahr von außen entsteht, um den harmonischen Charakter der Geschichte gegen seine konfliktuellen Züge stark zu machen.

Freilich könnte man einen Widerspruch zwischen Kirbys Hang zum pompösen Charakter des königlichen und imperialen Treibens mit seinem Geschichtsbild, das ein besseres System an die Stelle des Alten setzt, suchen. Doch ist dieser Widerspruch im Sinne des Romans und der politischen Ideen Kirbys nicht vorhanden. Denn erstens handelt sein Roman auch von der Schönheit und der ‘Klasse’ of Old Quebec und außerdem ist es ja nunmehr Teil eines anderen monarchisch verwalteten Reiches. Warum soll sich ein Herrscher nicht mit den Federn seiner Vorgänger schmücken (auch, oder gerade, wenn diese Franzosen waren)? Immerhin hatten die neuen Untertanen des englischen Monarchen im Gegensatz zu ihren europäischen Vettern die Welt nicht mit einem Königsmord schockiert.

↓410

Sehen wir den Bericht des Conquest bei Kirby und die verschachtelte Darstellung der conquête (der découverte ) bei Aubert de Gaspé nebeneinander, wird eins klar: Der Zustand der Korruption, in dem der jeweils Andere vorgefunden wird und auf den entsprechend insistiert wird, stellt sich als die moralische Rechtfertigung der Intervention des Eroberers heraus. Die sich anschließende Geste besteht in der Bereitstellung der Vorzüge der Zivilisation an den jeweils Anderen, Frankokanadier oder Amerindianer. Auch wenn die Autoren von Les Anciens Canadiens und The Golden Dog Geschichten von Menschen erzählen, ist doch ein gewalttätiges Ereignis im Zentrum, das einen Schnitt vollzog, der diese Menschen in Sieger und Verlierer der Geschichte trennte. Die beiden Autoren sind in ihrem jeweiligen Verhältnis zu den Siegern und Verlierern des Krieges der Conquête in verschiedenen Positionen.

Nicht ohne Grund wird uns der Held in Aubert de Gaspés Roman nach der entscheidenden Schlacht auf den Plaines d’Abraham als junger, dunkler, emotionaler Held vorgestellt, der einen in Pose und Farbe unfreiwillig an den jungen, bräunlichen und schönen David vor der Schlacht gegen Goliath erinnert (1.Sam 17.42). In dieser Typisierung des Helden bei Aubert de Gaspé liegt vielleicht auch der Schlüssel zu einer Mission, die den Helden der Geschichte und das historische bzw. historiographische Unterfangen des Romans zusammenbringt. Jules d’Haberville macht sich nach dem Krieg mit Zustimmung seines Vaters nach England auf, um in den Dienst des Englischen Königs zu wechseln und eine Engländerin zu heiraten. Er schreibt seine Geschichte damit in einem britischen Kontext weiter.

Seine Schwester Blanche verbindet ein emotionales Band mit dem Jugendfreund Archibald Cameron, dem nach Jahren der Zutritt zum Hof der Familie d’Haberville wieder gestattet wird, als man erfährt, dass er sich bei den Behörden der Provinz für das Schicksal der Familie eingesetzt hatte. Archibald ist ein Ehrenmann, der seine Freunde in der Not nicht vergisst.762 Blanche wird die Ehe mit Archibald Cameron versagt, weil sie, im Gegensatz zu ihrem Bruder, mit ihrer Heirat nicht den Fortbestand ihrer « Rasse » in Kanada fördern könnte, da sie das Land verlassen würde. Sie entscheidet sich gegen die Heirat, da auch ihr das Überleben der Gemeinschaft am Herzen liegt. Arché und Blanche trennen sich mit dem Gelöbnis, niemals zu heiraten und sich in dieser Art treu zu bleiben.

↓411

Aubert de Gaspé beschreibt hier ein Denken, das die Existenz französischsprachiger Katholiken in Nordamerika im Sinne einer « destinée manifeste » als den Überlebenskampf der frankokanadischen Gemeinschaft liest und propagiert. Sechzig Jahre später kristallisiert dieser Gedanke in einem Roman, der an die Stelle der Gelassenheit eines Aubert de Gaspé katholisch-nationalistischen Eifer setzt. Lionel Groulx’ schon bei seinem Erscheinen 1922 kontrovers diskutiertes L’appel de la race lebt von der Frage des Überlebens der « Rasse » und den heiratspolitischen (und emotionalen) Konsequenzen, die ein Patriot zu ziehen habe. Groulx treibt die Idee von der Verantwortung des Einzelnen für das Überleben der Gruppe auf die Spitze und formuliert eine Politik der Segregation.

Jules de Lantagnac, der Protagonist in Groulx’ Roman, ist verheiratet mit einer Engländerin, Familienvater und erfolgreicher Anwalt. Er führt lange Gespräche mit Père Fabien, der ihm auf seinem Weg zurück zu den Seinen helfe. Lantagnac lebt im Schatten der Conquête, die den frankokanadischen Adel schwer traf :« ...il se rappelait les capitulations des familles nobles canadiennes, au lendemain de la conquête de 1760... ».763 Er selbst entstammt einer adligen Familie, die durch die Conquête verarmt und abgestiegen war: « Jules de Lantagnac descendait d’une ancienne famille noble canadienne tombé en roture. » 764 Père Fabien (Groulx?) beschreibt die oberen Klassen der Gesellschaft, die sich mit dem Eroberer einlassen und das Ideal ihrer « Rasse » verlieren:

Mises en relations plus directes, plus immédiates avec le conquérant ou l’oppresseur ... elles prennent les modes, les titres [...] Puis encore, par orgueil, par absence de foi nationale, elles acceptent les marriages, le mélange des sangs: ce qui est leur déchéance et leur fin [...] nul ne peut porter dans son âme l’idéal de deux races, quand ces deux races s’affrontent.765

↓412

Betrachtet man die Episode um Blanche d’Haberville lässt sich Aubert de Gaspés Roman mit der Argumentation von Groulx in l’Appel de la race vergleichen, sind sie doch in diesem Punkt von einem ähnlichen Gedanken bestimmt, der der Gefahr von außen eine eigene Politik entgegenstellen will. Das politische Assimilationsprojekt der dominanten anglokanadischen (bzw. britischen) Politik hat in dieser anti-assimilatorischen Idee der Reinheit einen Partner gefunden.

Es wäre falsch, Aubert de Gaspé eine anglophobe Haltung oder einen enggefassten frankokanadischen Nationalismus vorzuwerfen. Der Text der Anciens Canadiens zeigt mit den Zitaten in englischer Sprache und mit der freundschaftlichen Nähe von Jules d’Haberville und Archibald Cameron of Locheill, dass es sich nicht um ein ethnisches oder sprachliches Differenzproblem und seine xenophoben Schatten handelt. Diese Freundschaft verweist freilich zum einen auf die « Auld Alliance » zwischen Frankreich und Schottland und entspricht andererseits einer jesuitischen Solidarität, der die Frage nach der jeweiligen Sprache fremd war. Sie ist aber auch Ausdruck eines kontingenten Kulturbegriffs. Klaus-Dieter Ertler sieht in Aubert de Gaspés Darstellung des Integrationspotentials der Schule, die Jules und Archibald gemeinsam besuchten, eine « offensichtlich ideologieauflösende Funktion, da sie die kulturellen Vorgaben als künstliche aufzeigt und den völkerverbindenden Diskursen einen fruchtbaren Weg weist. »766 Der Idee, dass sich Aubert de Gaspé einer subversiven Arbeit der Völkerverständigung verschrieben habe, ist sicher nur mit Vorbehalt zuzustimmen, zumal die Freundschaft im Moment der Conquête zu erlöschen drohte und eher den romantisch verklärten, ersten Teil des Romans bestimmte.

Vielmehr gehörte Aubert de Gaspé einer Generation an, die verstand, dass aus den französischen Eroberern und Kolonisten von einst Bürger einer parlamentarischen Monarchie geworden waren. Ihre Situation war nicht einfach, und sie suchten nach Möglichkeiten, ihrer Existenz einen Sinn zu verleihen, der sich nicht in der einfachen Formel vom conquérant conquis (dem besiegten Eroberer) auflöste. So wurden Niederlagen beschrieben, die schöner waren als Siege und so wurde Geschichte gemacht.

↓413

Hinzuzufügen ist, dass Aubert de Gaspé nicht nur das ein Jahrhundert zurückliegende Ereignis der Conquête als historischen Bruch begreift. Er richtet auch eine unmissverständliche Absage an das französische Mutterland. Frankreich habe seine « kanadischen Kinder » aufgegeben und letztlich sei es ein Glück, dass die Schrecken der « Revolution von 93 » die Kolonie in Amerika nicht erreichen konnten, weil diese unter den Schutz der britischen Fahne geraten war. Aubert de Gaspé spricht also in einem weiteren Punkt für die Art der Erinnerungsverarbeitung im Québec der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: das traumatische Erlebnis des Kontakts mit der englischen Besatzungsmacht hat sein Gutes und erscheint als Resultat providentieller Fügung. Ertler ist zuzustimmen, wenn er bei Aubert de Gaspé ein offenes und konsensfähiges Kanadabild ausmacht, das nicht zuletzt auf der doppelten Relativierung der Bindungen nach Europa beruht.767

Fassen wir das Gesagte zusammen: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht mit den Arbeiten F.-X. Garneaus in Québec (seit 1840 Canada-Est, ab 1867 Province de Québec ) im Ergebnis diverser gesellschaftlicher Veränderungen eine einflussreiche Schule der Geschichtswissenschaft, die später von den Vertretern einer katholisch-nationalen Geschichtsinterpretation massiv kritisiert wird. Die Historiker reagieren auf den Gang der Dinge und schaffen einer Gemeinschaft, der die Abwesenheit von Geschichte bescheinigt worden war, eine moderne Historiographie, die auf den zahlreichen Arbeiten der vergangenen Jahrhunderte beruht. Gleichzeitig erkunden Romanschriftsteller die literarischen Möglichkeiten einer Kontingenzbewältigung durch die Beschreibung der frankokanadischen Identität.

Ph.-J. Aubert de Gaspé denkt an Familie und Nation, wenn er in seinem Roman Les Anciens Canadiens bemüht ist, dem historischen Ereignis von 1760 eine Bedeutung zu geben. Der Roman beschreibt die Conquête als das Ende einer heilen Welt und den Beginn des Unheils für den Verlierer. Neben dem Aufruf zur Bewahrung der frankokanadischen Kultur erklärt Aubert de Gaspé aber auch seine Offenheit zum Projekt eines zweisprachigen Kanadas, in dem Differenzen koexistieren können.

↓414

Kirbys persönlicher Weg, seine politischen Vorstellungen und seine literarischen Themen illustrieren die zentrale Bedeutung Québecs im kanadischen Symbolhaushalt, vor allem in der Betonung der Unterschiede zu den Vereinigten Staaten. Wie Aubert de Gaspé widerspricht Kirby energisch dem modernen Projekt Durhams und seiner Logik von politischer Effizienz und Gleichheit durch Homogenisierung. Anhand von Kirbys The Golden Dog konnte ein Geschichtsbild skizziert werden, das einerseits rechtschaffene Canadiens zeigt, die ihrem König treu sind und andererseits die Korruption und die Missstände in der Nouvelle-France vor 1760 betont und den Schluss zulässt, das es sich mit dem Begriff Conquest um eine befreiende Geste handelt, die den Lauf der Geschichte für die Betroffenen verbesserte. Eine ähnlich befreiende Geste ließ sich bei Aubert de Gaspé aufzeigen, der die Erlösung eines amerikanischen Ureinwohners beschreibt und damit den Schock einer anderen Conquête, der Eroberung der Neuen Welt symbolisch rückgängig macht. In dieser Retterpose (die einen Sieger maskiert) ähneln sich beide Romane. Beide Autoren praktizieren die sprachliche Anwesenheit des Anderen und kreieren ein Bild, in dem Platz für Verschiedenheit und Arrangements ist. Auch hier ähneln sich die Romane. Der Unterschied liegt in der Betrachtung zum Sinn der Conquête von 1760.

Die genannten Beobachtungen entsprechen in bezeichnender Weise dem Bild, das in den Schulbuchtexten Québecs nachgewiesen werden konnte: Die Nouvelle-France als eine harmonische Welt ohne kritische soziale Schranken in der Nouvelle histoire du Québec et du Canada und New France mit ihren kriminellen Aktivitäten, die von Verbrechen gegen die Kirche bis zu Sexualstraftaten reichen in Diverse Pasts. Das beschriebene Bild einer heilbringenden Intervention entspricht der Einschätzung J. Létourneaus, nach der die anglokanadische Historiographie bis in die 1970-er Jahre, und in Spuren bis heute, das Bild von der Conquête als Befreiung inszeniert, die den Verlierern erlaubt habe, ihre Geschichte auf der Seite der Sieger weiterzuschreiben. Sowohl die literarischen als auch die historiographischen Entwürfe zum Sinn der Conquête im Québec des 19. Jahrhunderts legen den Schluss nahe, dass die Interpretation des Ereignisses als tragischer Schicksalsschlag weiter zurückliegt, als es die Autoren von Diverse Pasts mit der Betonung des ‘Neonationalismus’ der 1950-er Jahre unterstellen. Bezüglich der verschwundenen Conquista bleibt zu sagen, dass sich alle vorliegenden Schulbuchtexte durch die Abwesenheit der Begriffe Conquête bzw. Conquest für die ‘Entdeckung’ Kanadas auszeichnen und damit eine gemeinsame Interpretation praktizieren, derzufolge « Entdeckung » das Eine und « Eroberung » das Andere ist. Die dominante Historiographie Kanadas scheint in ihrer traumatisierten Darstellung der Geschichte, mit der Conquête als zentralem Bezugspunkt, ein Schema gewählt zu haben, in dem Sieger und Verlierer, Täter und Opfer flexibel Sinn ergeben.

Wenn man heute durch die kleinen Gassen der Altstadt von Québec geht, stößt man mit ein wenig Glück auf ein Restaurant mit dem Namen Aux Anciens Canadiens in der rue St. Louis. Aubert de Gaspé lebte einst in dem 1677 gebauten Haus und die verwinkelte Atmosphäre der kleinen Räume geben dem Gast das Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein. Die Trachten der Bedienung und das Menü versuchen, mit mehr oder weniger Erfolg, die Stimmung zu unterstreichen. An den Wänden hängen Bilder der Familie Aubert de Gaspés und es soll passieren, dass dieser in einer Ecke des Restaurants sitzt und dem Treiben zusieht, zumindest berichtet davon Jane Brierley, die Übersetzerin seiner Mémoires 768.

↓415

Das Haus lebt von der Stimmung du bon vieux temps, die Aubert de Gaspé so sehr am Herzen lag, und erzählt nicht von Siegern und Verlierern der Geschichte, sondern von den Freuden kulinarischer Erinnerungen. Die Gäste wissen den Ort zu schätzen und man hat Glück, in dem gutbesuchten Haus einen Platz zu finden, neben den Stimmen von Québécois und Quebeckers, US-Amerikanern, Franzosen und Engländern. Herbert Bailey Livesey schreibt in seinem Reiseführer nicht ohne Grund, dass man nirgends sonst die ‘althergebrachten quebekischen Rezepte’ so gut aufgetischt bekommt wie hier: « It is [...] one of the best places in La Belle Province to sample the cooking that has its roots in the earliest years of New France: Don’t count on the ancient Québécois recipes tasting this good anywhere else. » 769

Die Affaire Saul-Bouchard

In einem Streit, der Teil einer nationalen Debatte wird, stehen sich Anfang 2000 zwei international renommierte kanadische Intellektuelle gegenüber. Auch wenn die öffentlich ausgetragene Diskussion bisweilen persönliche Züge annimmt, handelt es sich doch vor allem um eine Verhandlung um den Sinn der Geschichte und um das Verhältnis von kollektivem Gedächtnis und Identität. Denn was hier im Jahr 2000 diskutiert wird, legt ein Stück Geschichte frei, macht sie sichtbar, und ist gleichzeitig dabei, Geschichte zu machen. Stärker als in den meisten akademischen Debatten dringt hier ein Konflikt von Ideen an die Öffentlichkeit. Die beiden Hauptakteure der Affaire heißen John Ralston Saul und Gérard Bouchard.

J. R. Saul kann nach Marshall McLuhan und neben Charles Taylor und Margaret Atwood als einer der großen Repräsentanten des geistigen Lebens Kanadas, oder, die Einschränkung drängt sich auf, Anglokanadas, bezeichnet werden. Bekannt wurde Saul (geb. 1947), der zur Modernisierung in Frankreich dissertiert hatte, zunächst durch seine Romane The Birds of Prey (1977) und De si bons Américains (1994). Zwischenzeitlich als Manager tätig, machte er sich einen Namen als « social philosophe » [sic] (Ryan Glover) mit seinen philosophischen Erkundungen zur ‘Diktatur der Vernunft’ im Westen in Voltaire’s Bastards 770 und mit seinen gutbesuchten Auftritten in der Öffentlichkeit. Im Herbst 1997 veröffentlicht er ein Buch mit dem Titel Reflections of a Siamese Twin 771, das in der Presse überwiegend positiv aufgenommen wird, sowohl in Québec als auch im « ROC », the rest of Canada, wie man in Québec gern sagt.

↓416

In seinem Buch beschäftigt sich Saul mit der Komplexität kanadischer nationaler Identität. Er argumentiert, dass sich die Geschichte des Landes mit einer besonderen Bereitschaft zur Kooperation und zum Kompromiss erklären lässt und erinnert die Leser an die Grundlagen einer Gemeinschaft, die sich durch Versöhnung und Reform weiterentwickelt habe (Saul: 313772). Wie sich unschwer erkennen lässt, ist die Betonung dieses eigenen Weges von der Kraft der Distinktion gezeichnet. Der Nachbar im Süden ging einen anderen Weg, historisch, politisch und auch philosophisch. Saul sieht Kanada als ‘sokratische’ Gesellschaft und die USA als ‘platonisch’ inspiriert und in diesem Sinne von purer Vernunft, Ordnung und Autorität bestimmt. (Saul: 115 f.) Auch von den europäischen Ländern unterscheide sich Kanada, sowohl in politischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Neben dieser Unterstreichung der Besonderheit Kanadas ist es die optimistische Schlussfolgerung zum Wert dieser internen Differenz, die Sauls Buch ankündigt und umschreibt: « We are unable to accept the remarkable originality of the Canadian experiment – to accept that Canada’s central characteristic – its greatest strength – is its complexity. » Saul ist somit einer der Befürworter einer kanadischen Nationalkultur; im Gegensatz zu den zentralisierenden und auf Uniformität drängenden Thesen von D. Creighton (und unlängst J. L. Granatstein) betont er aber die aus seiner Komplexität wachsende Stärke des Landes.

In seiner Eröffnungsrede des LaFontaine-Baldwin Symposiums773 im März 2000 unterstreicht Saul unter anderem die Bedeutung des Nationalstaates für die Institution der Demokratie und wendet sich an diejenigen, die den Sieg der Demokratie und den Untergang der Nation feiern, für Saul eine paradoxe Angelegenheit:

It is very curious. I have noticed that the people who talk most triumphantly of the victory of democracy over various ideologies, are the same people who talk about the nation-state being dead, powerless, or words to that effect. They often manage their triumphalism and their dirge in the same paragraph. But the thing is this. Democracy was and is entirely constructed inside the structure of the nation state [sic]. Democracy is an emanation of the nation-state. [...] The other curious thing is that those who announce the death of the nation state usually do so with a little self-satisfied smile.

↓417

Well, if it is dead, so is democracy. Then it is not the state which has passed away, but the power of the citizen. And passed away in favour of what? Of the transnational? Nobody could take such an argument seriously unless their income depended in some way on believing that the nation-state was finished.

Der fließend Französisch sprechende Saul ist Gründer und Ehrenvorsitzender der Gesellschaft Le Français pour l’Avenir/French for the Future und ist mit seiner Frau, Adrienne Clarkson, Governor General Kanadas seit 1999, aktiv im Projekt Bringing Canadians together.774

Saul kam unlängst in die Schlagzeilen wegen seines letzten Buches On Equilibrium 775, in dem er sich zum 11. September 2001 äußert und eine Mitverantwortung des Westens an den bekannten Ereignissen diskutiert. Die Debatte, die seinen Namen in die Zeitungen Québecs brachte, hatte aber mit einer Geschichte zu tun, die weiter zurückliegt.

↓418

Im Januar 2000, einige Zeit nach Erscheinen von Sauls Reflections of a Siamese Twin, erscheint in Le Devoir ein Artikel mit der Überschrift La vision « siamoise » de John Saul. Der Autor, Gérard Bouchard, Historiker und Bevölkerungswissenschaftler, ist nicht nur in Québec gut bekannt und seine Arbeiten zur regionalen und nationalen Identität Québecs776 werden häufig zitiert und sind vor allem in den letzten Jahren einflussreich geworden und wurden mit Preisen öffentlich gewürdigt. In jüngerer Zeit gaben vor allem seine komparatistischen Arbeiten zu ‘neuen Gemeinschaften’ ( les collectivités neuves ) und zur ‘Amerikanität’ Québecs Anstoß für neue Diskussionen. In Genèse des nations et cultures du Nouveau Monde 777 vergleicht Bouchard die kollektiven Wege ( les itinéraires collectifs ) Québecs mit denen von Mexiko, Australien, Neuseeland, den USA und Canada, mehr auf der Suche nach Gemeinsamkeiten als Unterschieden. Seine Fragen gelten dem Verhältnis von Nation und Identität in ‘transozeanischen Gemeinschaften’.

Bouchard kann als großer Kenner der kanadischen Geschichte bezeichnet werden und so ist er eigentlich auf seinem Terrain, als er Saul im Januar 2000 der ideologisch motivierten Verdrehung von Tatsachen bezichtigt. Den Titel von Sauls Buch aufgreifend, stellt Bouchard den Kern seiner Kritik in einer Definition von ‘siamesischem Denken’ dar. Diese bestehe darin, gleichzeitig und logisch eine Wahrheit und das Gegenteil zu behaupten, je nachdem, ob es sich um einen selbst oder um sein Double handelt. (« Pensée siamoise: qui a la propriété d’affirmer simultanément et en toute logique une vérité et son contraire, selon que le sujet se réfère à lui-même ou à son double. » 778)

Im ersten von zwei Artikeln beschreibt Bouchard Saul zunächst als den seltenen Fall eines anglokanadischen Intellektuellen, der sich für Québec interessiert und hebt dessen humanistische Vision hervor. Sein historischer Ausblick aber wird einer harschen Kritik unterzogen, er sei überrascht von der seltenen Anhäufung von Fehlern, Verzerrungen, Unwahrheiten und Vereinfachungen: « ...une rare accumulation d’erreurs, de distorsions, de contre-vérités et de... simplifications. » Die humanistischen Ideale, von denen nach Saul die Gründung Kanadas 1867 bestimmt worden sei – Demokratie, Freiheit, Einschluss der Alterität, Respekt der Differenz, Geist des Dialogs und liberaler Reformgeist – dürfen wie Sauls Einschätzung, Kanada sei vor allem davon bestimmt worden, dass man nicht versucht habe, Unterschiede zu eliminieren, nach Bouchard in mehrerer Hinsicht bezweifelt werden.

↓419

Der Idee, dass die Confederation die Arbeit liberaler Reformer gewesen sei, widerspreche die Tatsache, dass sich die Liberalen (wie « les Rouges » in Canada-Est ) gegen das Projekt wehrten und gerade der ultramontane Klerus sich mit dem Konservativen Étienne Cartier und der ‘englischen’ Handelsbourgeoisie Montréals für die Confédération einsetzte. Bouchard sieht hinter den Intentionen der Visionäre der Nation eher ökonomische als politische Gründe. (« Non, les visionnaires de M. Saul n’étaient pas des réactionnaires; c’étaient des actionnaires. ») Die demokratischen Intentionen betreffend meldet Bouchard Zweifel an, war doch der Geist der Föderation nicht zuletzt davon bestimmt, die Verfassung des Landes konservativer als in den Vereinigten Staaten zu gestalten. (« Car le régime politique de 1867 a été conçu avec le souci de restreindre le pouvoir du peuple et ainsi d’éviter les excès (?) démocratiques de la Constitution états-unienne. »)

Dass Kanada in besonderer Art von der Sorge bestimmt gewesen sei, Unterschiede zu bewahren, findet Bouchard mehr als fraglich. Er führt das indianerfeindliche Gesetz von 1871 an, erwähnt die rassistischen Umtriebe der Orange Orders, die Versuche, Frankokanada zu assimilieren und die Angriffe und Schulschließungen gegen französischsprachige Minderheiten außerhalb Québecs (zwischen 1871 und 1912). Hier lässt es Bouchard nicht aus, den Liberalen George Brown zu zitieren, der bezüglich des Projekts der Confederation 1864 verkündete: « Is it not wonderful? French canadianism entirely extinguished! ».

In seinem zweiten Artikel, erschienen am 17. Januar 2001, mit dem Untertitel Un nationalisme « positif » et un nationalisme « négatif »? geht Bouchard in der Zeit zurück bis ins 18. Jahrhundert und setzt sich mit Sauls These auseinander, es habe keine Conquête gegeben. Seine Kritik betrifft in diesem Zusammenhang auch die geäußerte Idee, das von Durham’s Report inspirierte Assimilationsprojekt sei eine Initiative Londons gewesen und von den Anglokanadiern abgelehnt worden und die frankokanadischen Nationalisten haben den Aufbau Kanadas boykottiert und sich eine fiktive Opferrolle gegeben.779 Die Conquête betreffend stellt Bouchard den historiographischen Hintergrund der Destrukturationskrise dar. Die Diskussionen zum « dossier de la conquête » haben trotz zahlreicher Arbeiten zum Thema keine eindeutige Lesart ergeben können. Bouchard erinnert daran, dass diese These nicht das Werk sektiererischer frankokanadischer Nationalisten ist, sondern von einflussreichen englischsprachigen Historikern wie A. R. M. Lower und S. Trofimenkoff und dem Politiologen John Meisel unterstützt wurde.

↓420

Doch auch im Weiteren geht es, nunmehr indirekt, um die Conquête und ihre Bedeutung. Sauls Argumentation unterscheide einen guten, kanadischen Nationalismus, der die Souveränität des Landes gegen europäische und US-amerikanische Interessen verteidige und einen anderen (nicht legitimen) Nationalismus, der Québec betrifft. Bouchard verweist auf die widersprüchliche Argumentation Sauls, nach der die Idee der Conquête und die Betonung der konfliktuellen (und bei weitem nicht immer harmonischen) Geschichte des Landes diesem Nationalismus und den undemokratischen Aktivitäten Québecs (wie den Referenda zur Unabhängigkeit) zu Nutzen komme.

Bouchard fährt fort und beschreibt Sauls Buch als enttäuschende und vertane Möglichkeit eines Gesprächs, um so mehr, als es sich um einen aufgeklärten, distinguierten, von humanistischen Werten geleiteten Autor handelt. Das Buch zeuge von der Tiefe des Unverständnisses zwischen den beiden großen ethnischen Gemeinschaften Kanadas. (« L’exemple de John Saul est important. Il vaut de s’y arrêter parce que son livre permet de mesurer l’ampleur et la profondeur de l’incompréhension entre les deux principales communautés ethniques au Canada. ») Es gelingt ihm nicht, sich in Sauls Bildern von Kanada und Québec wiederzuerkennen (« Comme Québécois, il m’est impossible de me reconnaître dans les portraits et reconstitutions proposés. En fait, je ne me reconnais ni dans le Québec, ni dans le Canada de M. Saul. ») und er fragt sich, wie man sich über diese zweifache, und wirklich ‘siamesische’ Sicht der Dinge nicht wundern soll, die dem kanadischen Nationalismus alle Tugenden und dem Nationalismus aus Québecs die abscheulichsten Sünden zuschreibt: « Comment ne pas s’étonner de cette double vision du monde - de cette pensée siamoise, en vérité - qui prête au nationalisme canadien de si éminentes vertus et au nationalisme québécois les vices les plus détestables? »

Bouchard macht im Folgenden deutlich, dass es ihm nicht um eine Darstellung Kanadas seit der Conquête als ungerechtes und despotisches Land gehe, weil diese Repräsentation eine Karikatur wäre und die Argumente Sauls lediglich verkehren würde. Worum es ihm gehe, sei eine Aufforderung zur Nuancierung, zur Genauigkeit und zur Gleichbehandlung (« une invitation à la nuance, à la rigueur et à l’équité »). Die abschließenden Worte Bouchards sind ein hartes Fazit der kommunikativen Störung zwischen Québec und Kanada und des Beispiels, das Saul hierfür mit seinem Werk gegeben habe:

↓421

À sa façon, l’ouvrage illustre d’une manière saisissante la profondeur du désaccord Québec-Canada. En effet, à cause des qualités personnelles qu’il réunit et de la sympathie qu’il affiche à l’endroit du Québec, John Saul représentait le genre d’interlocuteurs qui aurait pu contribuer à ouvrir une perspective de rapprochement. Les résultats de son essai montrent à quel point on en est loin.780

John Ralston Saul lässt die Kritik nicht unbeantwortet, Le Devoir veröffentlicht am 22. und 23. Januar eine Reaktion in zwei Teilen781. Saul zeigt sich angesichts der Kritik von Bouchard perplex. Einige der Vorwürfe zu Auslassungen entsprechen nicht der Realität, so die Rolle von Amerindianern und Immigranten aus Asien und die Rolle der Orange Orders und der Ultramontanisten, die er in seinem Buch als europäische, ‘monolithische’ Strömungen in der kanadischen Geschichte beschreibt. Das von Bouchard gezeichnete Bild eines positiven kanadischen und eines negativen quebeckischen Nationalismus entspräche nicht der Aussage des Buches; der kanadische Nationalismus schließe die Québécois nicht aus.

Die Conquête betreffend kann Saul nicht verstehen, dass Bouchard die Ablehnung der Idee einer Eroberung nicht als positiv empfindet. Immerhin sei doch gemeint gewesen, dass es einen Krieg zwischen zwei Mächten gab, der nach verlorenen und gewonnenen Schlachten auf beiden Seiten beendet wurde. Dann haben die beiden Seiten verhandelt, die Biberlobby in London und Boston und die Zuckerlobby in Paris seien stärker gewesen und so sei geschehen, was geschah. Dieser Umstand sei mit dem Begriff Cession gemeint und die Gesetze ( L’Acte de Québec von 1774 und die Verfassung von 1791) bestätigen, dass Anglophone und Frankophone zusammenarbeiten müssen, wenn sie den Fortschritt wollen.

↓422

Im zweiten Teil der Antwort, in der Ausgabe vom 23. Januar, betont Saul seinen Respekt für die Arbeiten Bouchards und wundert sich über dessen Kritik. Man dürfe nicht, wie Bouchard, nur an die Fehler der Vergangenheit erinnern.

Hier wird der Streit zwischen Bouchard und Saul zu einem epistemologischen Unterfangen: Die Geschichte sei eigentlich keine Wissenschaft, sondern sei Teil der humanistischen Tradition, neben der Philosophie, der Geographie und der Literatur. Dabei gehe es nicht so sehr um die Wahrheit, sondern um den Fortschritt der Gesellschaft, der durch Zweifel und die richtigen Fragen gefördert werde. Saul bekennt abschließend seine Zufriedenheit, die Debatte über die Komplexität der Geschichte belebt zu haben.

Soweit der kurze, öffentliche Schlagabtausch von zwei kanadischen Intellektuellen. Beide können als interessante, glaubhafte und weitsichtige Denker gesehen werden, die Teil einer begrüßenswerten öffentlichen Diskussion sind und damit in mehrerer Hinsicht Sauls Thesen bestätigen. Die Reaktionen auf den Streit lassen in der Tagespresse nicht lange auf sich warten. Aus praktischen Gründen werden im Folgenden vornehmlich Artikel berücksichtigt, deren Autoren in der einen oder anderen Art im akademischen Feld tätig sind. Diese Auswahl ist auch hinsichtlich der gegenseitigen Bezüge und der zu vermutenden Hintergrunddiskussionen sinnvoll.

↓423

Jocelyn Létourneau, Geschichtsprofessor an der Université Laval, und weiter oben mit seiner Charakterisierung der anglokanadischen Historiographie zitiert, hatte schon am 20. Januar eine Kritik geschrieben, die sich mit den politischen Erwartungshorizonten von Saul und Bouchard (kooperativer Föderalismus und befreiende Souveränität) beschäftigt.782 Létourneau kritisiert Sauls und Bouchards Ansichten und stellt sich die Frage, ob es möglich wäre, die kanadische historische Erfahrung vor einem neuen politischen Horizont für Canadians und Québécois zu beschreiben.

In der gleichen Woche meldet sich der verlässliche Guy Bouthillier zu Wort. Verlässlich, weil sich kaum eine Debatte an der Sprachfront denken lässt, in der sich der Präsident der Société Saint-Jean-Baptiste de Montréal nicht melden würde.783 Der Artikel beginnt mit einem Satz, der den Tonfall der Ausführungen ahnen lässt: « Unser Vize-Königsgemahl versichert uns also, es habe weder Conquête noch besiegtes Volk gegeben. » (« Ainsi donc, nous assure notre vice-royal consort, il n’y aurait eu ni conquête ni peuple conquis. » 784)

Bouthillier erinnert daran, dass Saul in seinem Buch die Zusammenarbeit von John A. Macdonald und W. Laurier beschreibt und Macdonald zitiert (« There is no conquered race in this country »), ohne Lauriers Wortmeldung im gleichen Kontext – die Parlamentsdebatte vom 17. Februar 1890 – zu erwähnen, der auf Montcalm und die Schlacht auf den Abrahamshöhen zu sprechen kommt. Bouthillier holt dies nach und zitiert Laurier, der sich der besiegten ‘Rasse’ zugehörig sieht. (« Moi qui appartiens à la race défaite... »). Bouthillier geht ausführlich auf das Problem der Conquête ein, zeigt sich versiert in den Quellen zum Conquest und zitiert A. Lower, der 1946 in From Colony to Nation schrieb (hier im englischen Originaltext):

↓424

It is hard for people of English speech to understand the feelings of those, who must pass under the yoke of conquest, for there is scarcely a memory of it in all their tradition. Conquest is a type of slavery and of that too they have no memory, except as masters. Conquest, like slavery, must be experienced to be understood.

Die Reaktionen und Kritiken aus Anglokanada, bevor der Text im Französischen erschienen war, hielten sich mit anderen Fragen auf, hier ging es um Sauls Infragestellen einer gewissen nationalen Mythologie, ohne dass die Idee des Conquest erwähnt würde. Hier (in der englischsprachigen Presse) waren Sauls Reflections of a Siamese Twin kurz nach dem Erscheinen besprochen worden, sowohl in ‘angelsächsischer’ Wertschätzung « When it comes to conversation, John Ralston Saul takes no prisoners »,785 als auch in enttäuschter Kritik: « Unfortunately, Reflections of a Siamese Twin is an uneven and, finally, disappointing book. » 786

Enttäuscht war Alex Good, weil er glaubt, mehr von den öffentlichen Intellektuellen erwarten zu können, als übertriebene Behauptungen (Kanada als sokratische Gesellschaft) und Banalitäten zum müden Identitätsgeschäft Kanadas: « But despite its occasional energy and charm there is a terrible banality to most of what Saul is saying. At bottom, this is yet another book on the tired question of Canadian identity [...] We should expect more from our public intellectuals. » In Québec wird die Auseinandersetzung zwischen den beiden Hauptakteuren der ‘Affaire Saul-Bouchard’ schnell zu einer öffentlichen Zurschaustellung gesellschaftlicher Projekte. Die Mediendebatte lässt mit ihren sehr verschiedenen Stimmen und Sprachen den Schluss zu, dass es sich um eine Auseinandersetzung handelt, die weniger sprachlich (und national) dominiert wird als politisch und ideell.

↓425

Claude Poulin spricht in seiner Reaktion auf Bouchards Kritik an Saul von der ideologischen Gefangenschaft der Intellektuellen Québecs (« l’enfermement idéologique de la plus grande partie de l’intelligentsia québécoise » 787); am gleichen Tag veröffentlicht Le Devoir einen Artikel von François Hébert, der sich mit Sauls Aussage beschäftigt, es habe keine Conquête gegeben, sondern Verhandlungen der Zucker- und Pelzlobbys. Der Schauspieler Saul habe eine schöne Pirouette geliefert (« ...jolie pirouette que d’affirmer qu’il n’y a pas eu ‘conquête’ en 1759... ») und könne nicht ernst genommen werden.

In einem langen Artikel äußert sich Denis Vaugeois, Historiker, Verleger, ehemaliger Kulturminister und einschlägiger Kenner der kanadischen Geschichte, mit der Frage Cession ou Conquête? zur Debatte und beantwortet sie zunächst diplomatisch mit « Natürlich beides », was er mit historischen Fakten zu William Pitt und dem Herzog von Choiseul, zu Bibern und Zucker auch historisch belegen kann. Vaugeois verweist hier auch auf die große Bedeutung der US-amerikanischen Revolution, die seiner Meinung nach neben der Conquête den wichtigsten Moment in der Geschichte Kanadas ausmacht (« La révolution américaine (1775-83) est, à mon avis, la date la plus importante - après la Conquête - de l’histoire du Canada. » 788) Es sei ein Fehler, zu versuchen, die Geschichte eines Territoriums nur mit dessen eigenen historischen Gegebenheiten erklären zu wollen. Auf zwei weitere Wortmeldungen soll kurz verwiesen werden, weil sie in besonderer Weise den Sinn dessen beschreiben, was die Überschrift des vorliegenden Kapitels Conquête nennt.

Jean Larose, Literaturprofessor in Montréal, stellt die Frage Conquête ou Cession de 1760? und gibt dem Namens- und Sinnstreit eine deutlichere Form, wenn er ihn ausschreibt: Ist Kanada das Ergebnis eines Bündnisses oder eines Konfliktes seiner Gründernationen? (« ...le Canada est-il le fruit d’une alliance ou d’un conflit entre ses nations fondatrices? »789) Ob es sich im Moment der Machtübergabe an die britische Krone um Conquête oder Cession gehandelt habe, sei nur ein Teil der Frage, weil die objektive Ungleichheit und die effektive Kontrolle der Frankokanadier durch die Engländer bei Ersteren das Bewusstsein der Unterlegenheit gefördert habe, das dem Ereignis von 1760 retrospektiv seinen historischen Sinn gegeben hat.790 Larose ist der Meinung, dass der kanadische Konflikt lebendig und offen gehalten werden sollte (sein unlängst erschienenes Buch La souveraineté rampante - die kriechende Souveränität illustriert den intrinsischen Wert des Streits) und beschreibt die sprachlich formierte Ungleichheit als den Hauptantrieb der kanadischen Geschichte (« le moteur historique essentiel du Canada »).

↓426

Sergieh Moussaly, Wirtschaftswissenschaftler und Forscher an der Université de Québec à Chicoutimi, lenkt das Gespräch in eine andere Richtung, wenn er aufzeigt, dass die Stellung Québecs im nordamerikanischen Kontext und das bemerkenswerte Potential als industrieller Produzent direkt von den ‘Externalitäten’ und der Entwicklung im Rahmen des bestehenden Systems abhängen.791 Saul habe einen Fehler begangen, sich mit Bouchard auf dem Gebiet der Geschichte messen zu wollen, das Letzterer perfekt beherrscht, weil er damit in der Logik des asymmetrischen Verhältnisses der beiden Gründernationen verbliebe. Neben den Antagonismen und Fehlern der Vergangenheit sei der Sinn aber in den ‘Externalitäten’ zu suchen, die eine andere Sprache sprechen.

Gérard Bouchard kritisierte John Ralston Sauls Arbeit, die von einer optimistischen Vision des Landes Kanada und seiner besonderen Komplexität gezeichnet war, auf seinem eigenen Terrain: dem Feld des Historikers. Saul macht einen Blick auf die Geschichte stark, der die Momente der Zusammenarbeit sieht und teilweise den Charakter und die Intention politischer Entscheidungen von ihrem Ergebnis abliest. Der Blick auf die Auseinandersetzung zwischen zwei bemerkenswerten Kanadiern und auf die Reaktionen in der Öffentlichkeit der Presse machte zwei Begriffe deutlich, die im Grunde versuchen, etwas Ähnliches zu meinen: Komplexität und Ungleichheit. Unabhängig davon, ob ein eher kooperativ-harmonisches oder ein hegemonial-konfliktuelles Raster verwendet wird, um die Geschichte Kanadas zu deuten, sind sich Saul und Bouchard doch einig, dass die Differenzen es wert sind, bewahrt zu bleiben und als positives Element der Geschichte und der Gegenwart, nicht als Problem behandelt werden sollten. Diesen Punkt gilt es festzuhalten, weil sich von hier aus erklären lässt, dass sich Saul mit seiner Verneinung der Conquête dem hegemonialen Charakter der Geschichte entgegenstellen und diese mit seinen ‘Reflektionen eines siamesischen Zwillings’ mitgestalten will (im Sinne einer tätigen, befreienden Interpretation). Bouchards Arbeiten der letzten Jahre gehen letztlich in eine vergleichbare Richtung, angewendet auf Québec. Auch er ist der Meinung, dass man die Geschichte neu denken muss, um einem Verständnis näher zu kommen.

Die Frage bleibt, wie sich Bouchards heftige Reaktion gegen eine Person, die er zu respektieren scheint, erklären lässt. Der Streit beschreibt die Schwierigkeit des Gesprächs zwischen Partnern, die in ihrer Erinnerung eine Situation der Ungleichheit (die sich für das Verhältnis Québec-Canada schwerlich bestreiten lässt) bewahren bzw. es sich leisten können, diese Geschichte zu vergessen. Was dem einen zufällt, wäre für den anderen ein Verbrechen an der Erinnerung. Die Conquête stellt den symbolischen Kernpunkt einer historischen Landschaft dar, in der die Geigerzähler unterschiedlich geeicht sind.

↓427

Hingewiesen wurde auf Sauls Delegitimierung des quebeckischen Nationalismus, der seine undemokratischen Umtriebe mit einem fiktiven Bild der Conquête rechtfertige. Dieses Bild konnte in expliziter Form in Dickinson/Youngs Geschichtsschulbuch Diverse Pasts nachgewiesen werden. In keinem der französischsprachigen Schulbücher war die Conquête als Erfindung des modernen Nationalismus in Québec beschrieben worden, wenn auch in der einen oder anderen Weise auf die sich widersprechenden historiographischen Interpretationen verwiesen wurde.

Die Konfrontation von Saul und Bouchard mag persönlich motiviert gewesen sein. Sie kann aber auch als ein Zusammenstoß verschiedener kollektiver Gedächtnisformen gesehen werden. Die Narrative der Schulbücher sind hierfür zumindest ein Beleg, die akademische bzw. journalistische Auseinandersetzung bestätigen die Annahme. Bouchard wendete sich gegen die unterschiedlichen moralischen Maßstäbe, mit denen der eine und der andere Nationalismus und damit die eine und die andere Souveränität bemessen wird. Im Hintergrund wird damit auch die eine und die andere Eroberung, eine Conquête und ein Conquest und der jeweilige Sinn verhandelt.

« Die Ethnologie hat [...] nachdrücklich auf die interkulturellen Differenzen verwiesen, die vom Gebrauch des Wortes, das anscheinend denselben Sachverhalt meint, kaschiert werden mögen. Ob ein Europäer vom ‘Tod’ spricht oder ein Afrikaner macht einen großen Unterschied... »792 Thomas Machos Kommentar zum Gehalt des Wortes in der Kultur kann für den hier beschriebenen Fall eines kanadischen Missverständnisses umgeschrieben werden: Ob ein Canadien von der Conquête spricht, oder ein Canadian (von Conquest ) auch! Gleichzeitig konnte aber gezeigt werden, dass die Grenzen der Sprache nicht immer die Grenzen der Welt sein müssen. Aber sie können es sein, im Raum, in der Zeit und im Kopf.

↓428

Die Ausführungen zum Sinn der Conquête von 1759/60 anhand der öffentlichen Begräbniszeremonie für den Marquis de Montcalm, die verschiedenen Spuren der literarischen und historiographischen Produktion in Eastern Canada bzw. im Québec der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Diskussion zweier prominenter kanadischer Intellektueller zu Beginn des 21. Jahrhunderts verweisen auf die Aktualität der jeweiligen Bedeutungsformen in den symbolischen und politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart. An einem konkreten Vorgang konnte die Arbeit am kollektiven Gedächtnis und die mögliche Rolle der Trauer beleuchtet werden. Die ausgeblendete Conquista des späteren Kanada wurde als Ergebnis eines pankanadischen Arrangements gelesen, das die Begriffe Conquête und Conquest als Gründermoment im 18. Jahrhundert fixiert hat. Der Streit um den Sinn der Conquête in der Gegenwart erscheint nicht zuletzt als ein Kampf um die moralische Legitimität der einen und der anderen Souveränität. Es konnte auch gezeigt werden, dass ein multifunktionaler Trennungsgenerator mit der Bezeichnung Conquête als Bild und Formel im Ergebnis einer retrospektiven Konstruktion entstand, nach den traumatisierenden Vorgängen von 1837-39 und 1840. Die späteren Konflikte, die Hinrichtung Louis Riels, die Schulkrisen in Manitoba und Ontario, der Burenkrieg und die militärische Mobilisierung im Ersten Weltkrieg haben den gelesenen Sinn des Markpunktes 1759 schließlich verstärkt.

In Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder » wurde mit der Gestaltung des Einbands von LaPierres The Battle for Canada ein Beispiel für die symbolische Übermalung der Schlacht auf den Abrahamshöhen in der Gegenwart genannt. Im Lichte der bisherigen Ausführungen wird eins deutlich: There are (at least) two texts in this class.


Fußnoten und Endnoten

694  Aus Octave Crémazies Le drapeau de Carillon, geschrieben 1858, anlässlich des einhundertsten Jahrestages der letzten großen siegreichen Unternehmung französischer Truppen in Nordamerika. Die Truppen unter Marquis de Montcalm, Verlierer der Schlacht auf den Abrahamshöhen im September 1759, hatten am 8. Juli 1858 bei Fort Carillon die zahlenmäßig überlegenen britischen Truppen unter d’Abercomby geschlagen. Es handelt sich um eine weiße Fahne mit drei goldenen Lilien. Octave Crémazie, der große Poet Québecs des 19. Jahrhunderts, wird als « barde national » glorifiziert für seine Gedichte, die er selbst später verschmähen wird. Weniger bekannt ist die Poesie, in welcher der patriotische Geist einem makabren Sinn für Friedhofsfantasien weicht ( Promenade de trois morts ) oder seine Bemerkung, der Literatur Québecs ginge es besser, wenn man eine eigene Sprache hätte und nicht französisch, sondern irokesisch oder huronisch schriebe. Vgl. Fr. Dumont: La Poésie québécoise; S. 21 f.

695  Den Begriff entnehme ich Rainer Münz, Rainer Ohliger: « Long-Distance Citizens: Ethnic Germans and Their Immigration to Germany.»; in: Peter Schuck, Rainer Münz (Hg.): Paths to Inclusion: The Integration of Migrants in the United States and Germany; Berghahn Books, Providence/RI-Oxford 1998, S. 155-202.

696  Le sort de l'Amérique; documentaire-fiction, Jacques Godbout mit René-Daniel Dubois, Philippe Falardeau, ONF, 1996.

697  « Ist es eine Schlacht unter vielen, zu Zeiten der Kolonialreiche? Ist es die Schlacht, von der das Schicksal Amerikas bestimmt wurde, oder eher die Schlacht, deren Ausgang das Ende der Anwesenheit Frankreichs in Amerika bedeutete? Ist es der Beginn der englischen Herrschaft über die französischsprachigen, kanadischen Siedler, die entfremdet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden? » Christina Turcot, Stéphanie Vagneux: « Identitaire du Québec contemporain. Réflexion inspirée par le film Le Sort de l’Amérique de J. Godbout »; Possibles, vol. 21, no 4, 1997, S. 157-173, S.159.

698  Maurice Séguin: « Genèse et historique de l'idée séparatiste au Canada français »; Laurentie, Juin 1962, S. 115.

699  « Kanada wurde nicht einfach erobert und dann an England abgetreten; Kanada wurde geschlagen [ défaire: niederschlagen, demolieren]. Niederlage bedeutet Zusammenbruch... » Guy Frégault: « La société canadienne sous le Régime français »; Brochure, Société historique du Canada, n. 3, 1954, S. 15.

700  « Nach 1760 geht das Leben für die Menschen im Tal des St- Lorenz-Stromes in einer Landschaft weiter, die im Großen und Ganzen unverändert bleibt. » / « Obwohl der Wechsel von Reich und Metropole eine Reihe von Veränderungen mit sich bringt, führt er doch nicht zu einem deutlichen Bruch mit der Vergangenheit. » Fernand Ouellet: Histoire économique et sociale du Québec 1760-1850; Fides, Montréal 1966, S. 552.

701  William Eccles im Gespräch mit Robert Bothwell. (Eccles’ Datierung der Heilung « psychologischer Wunden » freilich kann mit Blick auf die Wirkung der Bilder von den Dingen korrigiert werden.) R. Bothwell, a.a.O., S. 17.

702  J.-P. de Lagrave beschreibt mit Bezug auf Charles W. Colby die mit Kalvins Genf vergleichbare Disziplin und Zensur im sulpizianischen Montréal und im jesuitischen Québec in den Zeiten der Nouvelle-France. Die Übernahme durch die britischen Truppen konstituiere den Beginn der Gedanken-, Rede- und Pressefreiheit in der Kolonie, orientiere die weitere Entwicklung aber bereits durch die Privilegierung der klerikalen Eliten: « Au lendemain de la conquête anglaise, la liberté de pensée et la liberté de conscience entreront sur les pas des armées. Des presses commenceront à fonctionner, des journaux à paraître. Mais, seigneurs instruits régnant sur un peuple formé à majorité d’illettrés, les ecclésiastiques garderont, aux yeux des conquérants, le visage de la puissance et d’un certain savoir. Ils seront maintenus en fonction, alors que s’ouvrira la guerre des démocrates en Occident. » Jean-Paul De Lagrave: La liberté d’expression en Nouvelle-France (1608-1760); Éd. de Lagrave, Montréal 1975, S.122.

703  Ouellet unterstreicht eben diesen Aspekt an anderer Stelle: « Rassurons-nous: Le choc brutal de la conquête n’affecta pas surtout les contemporains de l’événement fatal mais, rétrospectivement, leurs plus vulnérables descendants et cela de 1800 jusqu’à nos jours. » F. Ouellet: Histoire économique et sociale du Québec 1760-1850, S. 45.

704  Zitiert seien an dieser Stelle H. Weinmann und Turcot/Vagneux: « ...[L]a Conquête de 1759-1760 n’a pas été sentie, immédiatement après les événements, comme cette catastrophe apocalyptique qu’elle est devenu rétrospectivement chez les historiens nationalistes québécois. Elle est une construction après coup (nachträglich), au sens freudien du terme, élaborée à la suite d’un autre traumatisme, d’un impact psychologique infiniment plus retentissant: l’insurrection de 1837-1838. » H. Weinmann, a.a.O., S. 271, bzw. « Le récit identitaire québécois revendique la bataille de 1759 comme pierre fondatrice. Ce sont pourtant les événements qui ont suivi cette bataille – la rébellion de 1837-1838, le rapport Durham – qui lui ont donné toute sa force évocatrice. » Chr. Turcot, St. Vagneux:, a.a.O., S.159. Siehe auch Ingo Kolbooms Ausführungen zu O. Crémazies « Drapeau de Carillon » in: « ‘Ô noble et vieux drapeau...’ Kulturelles Gedächtnis, nationale Identität und Literatur am Beispiel von ‘Le Drapeau de Carillon’ von Octave Crémazie »; in: Marion Steinbach u. Dorothee Risse (Hg.): « La poésie est dans la vie ». Flânerie durch die Lyrik beiderseits des Rheins; Romanistischer Verlag, Bonn 2000, S. 179-193.

705  « Since 1950, the debate surrounding the interpretation of the Conquest has been the main concern of Québec historiography. The material in this module could be used to sensitze pupils to the different aspects of this issue. » Gouvernement du Québec, Ministère de l’Éducation: Secondary School Curriculum, History of Quebec and Canada, Secondary IV; Direction générale du développement pédagogique, 1983, S. 37.

706  Eine unmögliche Koexistenz: Ungleiche Kräfte / Zwei Metropolen im Krieg. Die Kriege zwischen den Kolonien: Der Krieg der Conquête / Die Stufen der Conquête.

707  1791 wird Canada mit dem Constitutional Act in zwei Provinzen geteilt, Lower Canada (Le Bas-Canada) und Upper Canada (Le Haut-Canada).

708  « In Bas-Canada sind die Canadiens in der Überzahl, aber wird die dort lebende britische Minderheit den ehemals Besiegten erlauben, den Siegern ihre Gesetze aufzuerlegen? » NH, S. 140.

709  « Eine kleine Bevölkerung, die von ihrer Metropole 1763 schließlich vollends aufgegeben wird. » NH, S. 140.

710  Vgl. beispielsweise Gilbert Paterson, a.a.O., S.212.

711  « Das Phänomen der Eroberung ist Teil der Geschichte seit der Mensch existiert. Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte hat es immer Gewinner und Verlierer, Sieger und Besiegte, Eroberer und Eroberte gegeben. » Das Zitat entstammt Michel Brunet: Notre passé, le présent et nous; Fides, Montréal 1976, S. 44.

712  « Der 1763 unterzeichnete Vertrag von Paris führt zur Umsetzung des britischen Vorhabens der Eroberung der Nouvelle-France. Die Eroberer machen ihren Willen deutlich, die neuen Gebiete zu kolonisieren und setzen die Etablierung ihrer Institutionen durch. Die Kanadier haben keine andere Wahl, als sich an die englische Anwesenheit zu gewöhnen und dabei so weit es geht ihre Religion, ihre Sprache, ihre Institutionen und ihre Kultur zu bewahren. Diese Anpassung der Québécois an einen nunmehr englischsprachigen Kontinent reicht bis in die Gegenwart. » QHP, S. 159.

713  H. W. Longfellow (1807-1882), nationaler schoolroom poet und literary Brahmin der jungen US-amerikanischen Literatur, veröffentlicht 1847 Evangeline, in dem er an die fast ein Jahrhundert zurückliegenden Ereignisse erinnert.

714  W. H. P. Clement, a.a.O., S. 75-85.

715  Die Sterbeszene auf dem Schlachtfeld wurde mehrfach auf Gemälden gebannt, wobei eine gewisse Konkurrenz der Darstellungen entstand, bezüglich des jeweiligen im Vordergrund und des im Hintergrund sterbenden Generals. Am bekanntesten dürfte Benjamin Wests heroisches Gemälde von 1770 sein, das Wolfe unter rauchverhangenem Himmel und in den Armen seiner Offiziere sterben lässt. Bemerkenswertes Detail, vor Wolfe sitzt ein Krieger der Mohawk in kontemplativer Geste, der auf dem Gemälde die Seiten gewechselt hat, da nur mit den französischen Truppen Amerindianer auf den Abrahamshöhen kämpften. Wolfe selbst war der Idee des ‘Guten Wilden’ gegenüber verschlossen, die Nachwelt aber zollte der verdrehten dramatischen Wirklichkeit Tribut und das Gemälde feierte einen großen Erfolg, zählte Minister und Könige zu seinen Bewunderern und wurde schließlich zur bestimmenden Interpretation der Vorgänge.

716  Gemeint ist Louis XIV, der sich ab 1663 persönlich um die Geschäfte der Kolonie bemüht und die 1627 von Kardinal Richelieu gegründete Gesellschaft der Cent Associés absetzt. Über den Minister der Marine herrscht von nun an die königliche Macht direkt in der Kolonie.

717  « In der anglokanadischen Historiographie vor 1970, die von der Laurentian thesis und liberal inspiriert war, wird die Conquête in der Tat als Befreiungsmoment interpretiert, der den Frankophonen bei Betrachtung des Vorsprungs zugute kam, den die Briten in jener Zeit sowohl hinsichtlich der ökonomischen Strukturen als auch der politischen Institutionen hatten. » J. Létourneau: La production historienne courante portant sur le Québec; S. 28 f.
Die Laurentian thesis geht auf die Arbeiten von Harold Innis aus den 1930-er Jahren zurück, der gegen Frederick J.Turners Frontier thesis argumentierte, dass die Entwicklung Kanadas einer Logik von centre und margin – bzw. metropolis und hinterland – folge. Innis argumentiert mit dem Begriff der Staples, dass nicht nur der Fluss von ökonomischen Fertigprodukten aus Europa, sondern auch von Institutionen, Werten und Ideen die Entwicklung Kanadas wesentlich beeinflusst habe. Die These wurde vor allem mit D. Creightons Geschichte des Nordens bekannt, der den vereinenden Charakter einer nationalen Geschichte Kanadas stark machte und dabei die zentralistischen, anti-regionalistischen und anti-kontinentalistischen Elemente der Laurentian thesis in den Vordergrund stellte. Das Becken des Saint-Laurent bis zu den Großen Seen fungiere mit Montréal und später Toronto als Zentrum Kanadas. Siehe hierzu u.a.: Harold Innis: The Fur Trade in Canada: an introduction to Canadian economic history; University of Yale Press, New Haven 1962 (1930) bzw. Donald Creighton: Dominion of the North: A History of Canada; Macmillan, Toronto 1962.

718  « Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Conquête im großen anglokanadischen Narrativ bis 1970 eine Segnung für die Verlierer darstellte und die Briten nichts weniger waren als die Befreier, die es den Besiegten erlaubten, ihre Geschichte [Historizität] auf der Seite der Sieger weiterzuschreiben. Damit ist das Schicksal der Franco-Québécois klar, das von Anfang an vom Glück der Briten (oder der Canadians, das Problem liegt nicht hier), d.h. der Anderen abhing. » J. Létourneau, 1995, S. 29.

719  Genau genommen besaß Frankreich das Gebiet der Louisiane zur Zeit der Conquête nicht. Napoléon Bonaparte, aufgrund seiner großen Pläne für Europa in einer finanziellen Lage, die ihm wenig Spielraum lässt, verkauft 1803 die riesigen Gebiete Louisianas, zwischenzeitlich 1762 bis 1800 in spanischem Besitz, für 15 Millionen Dollar an die USA. Die französischsprachigen Bewohner wurden nie konsultiert. Die Frage, ob Napoléon auch Kanada für die Kriege in Europa verscherbelt hätte, wenn die Kolonie zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz Frankreichs gewesen wäre, wurde bereits angesprochen. Auf dem 17. Festival international de Louisiane zum 200. Jahrestag der Landabtretung fand in Lafayette, La. eine inszenierte Gerichtsszene statt, die Napoléon neben Th. Jefferson auf der Anklagebank sah. Die Anklage lautete: Unterzeichnung eines illegalen Vertrages, der die Unterdrückung ‘schwarzer, amerindianischer und katholischer Bevölkerungen’ zur Folge hatte.

720  Die Nouvelle-France bestand genau genommen aus den Gebieten Canada, Acadie und Louisiane. Im engeren Sinne geht es bei dem Begriff Conquête um Canada.

721  « Durch seinen Sieg über General Montcalm wurde Kanada zu britischem Besitz » J. Counoyer: La mémoire du Québec; Stichwort Wolfe (James), S. 1842.

722  François Gaston, duc de Lévis (1719-1787), französischer Militär, der im Jahr nach der Niederlage auf den Abrahamshöhen gegen die Englischen Truppen bei Sainte-Foy (Québec) einen (weiteren) letzten Sieg für Frankreich erringt. Casgrain reagiert nicht zuletzt auf F. Parkmans Montcalm and Wolfe von 1884.

723  Der Text wurde mir von Jean-Yves Bronze zur Verfügung gestellt. siehe auch: Jean-Yves Bronze: Les morts de la guerre de Sept Ans au Cimetière de l’Hôpital-Général de Québec; Les Presses de l’Université Laval, Sainte-Foy 2001.

724  Verlesung des Erinnerungsaktes zu Ehren der Toten des 7-jährigen Krieges, die Ruhe fanden auf dem Friedhof des Hôpital Général de Québec./ 11. Oktober 2001.[...] « Hier liegen Aristokratische Offiziere und einfache Soldaten, Soldaten der Marine und Mitglieder der Bürgerwehr, nebeneinander, ohne Unterschied. / Junge Männer, hinweggenommen vom Krieg, ihr lebtet in Neufrankreich das Abenteuer Eures Lebens, indem Ihr Eure Heimat verteidigtet. / Eure Namen sind nunmehr im Stein verewigt und so wird unsere Erinnerung an Euch nie wieder versagen. Wir werden uns Eurer erinnern. » Die Menge wiederholt: « Wir werden uns Eurer erinnern. »

725  Vgl. Y.H. Yerushalmi: Zakhor, Histoire juive et mémoire juive; La Découverte, Paris 1984.

726  Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis; S. 56.

727  J.-Y. Bronze teilte mir mit, das Datum der Zeremonie habe sich aus dem Zeitplan des Premierministers ergeben.

728  « 1759 als Gedächtnisort der ersten Schlacht, der alle weiteren folgten, der Beginn eines impliziten und anhaltenden Kampfes im Hintergrund. Unabhängig von den errungenen sozialen und konstitutionellen Siegen haftet die Erinnerung der Niederlage an der Gegenwart, wie ein Toter, real aber mythifiziert, den man nicht vergessen will. Nicht um sich dessen zu erinnern, was er war, sondern um die geschaffene Erzählung von seinem Tod und seinem schmerzhaften Abschied zu betonen. Es gibt also eine Trauerarbeit, die anscheinend nicht stattgefunden hat, wie eine Erinnerung, die den Kampf einer Zeit symbolisieren konnte, aber ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hat. »; Turcot/Vagneux, a.a.O., S. 168 f, meine Hervorhebung.

729  Vamık D. Volkan, Das Versagen der Diplomatie, S. 73. Denis Arcands Film Le déclin de l’empire américain von 1986 beginnt mit einem Satz, der die historische Bedeutung demographischer Tatsachen postuliert: « Il y a trois choses importantes dans l’histoire. Premièrement les nombres, deuxièmement les nombres, troisièmement les nombres [...] ça veut dire aussi que l’histoire n’est pas une science morale. » Eine Hauptdarstellerin äußert sich später explizit zum Sinn des Opferdaseins: « Le pouvoir de la victime, tu peux pas savoir ce que c’est, c’est éffrayant. »

730  Vamık D. Volkan, Das Versagen der Diplomatie, ebda..

731  Goethes Erlkönig beschreibt die fatalen Folgen der falschen Annahme, man habe es mit den Dingen und nicht mit den Vorstellungen von den Dingen zu tun. Die Erkenntnis vom ‘eigenen Geist der Bilder’ war nicht neu: Epiktet, befreiter griechischer Sklave und Denker der späten Stoa, hatte die Idee 1700 Jahre zuvor formuliert.

732  Allocution du Premier ministre du Québec, M. Bernard Landry, à l’occasion de l’inauguration du Mémorial de la Guerre de Sept Ans. in: Jean-Yves Bronze (2001).

733  « Mais aujourd’hui... médailles et honneurs paraissent bien désiroires [sic], alors que les ennemis d’hier, pour paraphraser une expression allemande, se reconcilient par dessus les tombes. »; ebda. (Um welches deutsche Sprichwort mag es sich handeln?)

734  « Mögen die Erinnerung an die Nouvelle-France und die Geschichte Québecs dank der Erinnerungsstätte, die wir heute einweihen, für immer in den Gedanken und in den Herzen lebendig bleiben. »

735  Ebda.

736  Text und Übersetzung: Karlheinz Barck (Hg.): Arthur Rimbaud; Gedichte, französisch und deutsch; Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1989.

737  Die Idee zu diesem Kapitel geht auf einen 1995 veröffentlichten Text von Marie Lessard zurück, bei der ich mich hier für die Inspiration bedanke. Der Artikel erschien in: Aux Canadas: Reading, Writing, Translating Canadian Literatures / Aux Canadas: Lire, écrire, traduire les littératures canadiennes; Spezialausgabe der Revue Textual Studies in Canada (TSC), 1994. (Der Titel der Sonderausgabe beginnt mit dem pluralisierenden Wortspiel zu Ô Canada, der kanadischen Nationalhymne.)

738  Philippe Aubert de Gaspé: Les Anciens Canadiens, Stanké, Montréal 1987. Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

739  William Kirby: The Golden Dog (Le Chien d’Or). A Romance of Old Quebec; The Musson Book Company Ltd, Toronto 1925. Kirbys Buch erfuhr mehrere Änderungen im Titel; siehe hierzu weiter unten im Text. Seitengaben im Text für diese Ausgabe.

740  Gilles Bibeau nennt Philippe Aubert de Gaspés L'influence d'un livre von 1837 als den ersten nationalen Roman Québecs. Vgl. G. Bibeau, 1995, S.162.

741  Der aus Brest, Finistère stammende L. Hémon (1880-1913) gibt in seinem 1914 zunächst in Frankreich posthum erschienenen Roman eine vom Zeitgeist geprägte Beschreibung ‘wahrer Kanadier’: « Lorsque les Canadiens français parlent d’eux-mêmes, ils disent toujours ‘Canadiens’, sans plus; et à toutes les autres races qui ont derrière eux peuplé le pays jusqu’au Pacifique, ils ont gardé pour parler d’elles leurs appellations d’origine: anglais, irlandais, polonais ou russes, sans admettre un seul instant que leurs fils, même nés dans le pays, puissent prétendre aussi au nom de ‘Canadiens’. C’est là un titre qu’ils se réservent tout naturellement et sans intention d’offense, de par leur héroïque antériorité. » Louis Hémon: Maria Chapdelaine : récit du Canada français; Grasset, Paris 1921, S. 80.

742  « Québecer » bezieht sich hier auf die Stadt Québec.

743  Ferlands katholischer Cours d'Histoire besticht allerdings durch ein bemerkenswert aufgeschlossenes und differenziertes Bild der amerindianischen Kultur, der er weder eine eigene ‘Philosophie’ noch eine ‘Theologie’ streitig macht. Er betont den Sinn der anderen Kultur und wendet sich gegen eine Verurteilung der Lebensweise und Rituale. Bei Ferland wird auch der Begriff conquête für den Kontakt zwischen europäischer und indigener nordamerikanischer Kultur gebraucht.

744  Vgl. Hayden V. White: Metahistory : The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe; Johns Hopkins U. P., Baltimore 1973.

745  Die letzte Schlacht auf dem Boden des heutigen Großbritanniens, auch battle of Drummossie. Am 16. April 1746 besiegen englische Truppen und Hilfstruppen aus den Lowlands die Armee des House of Stuart. Die Schlacht und die sich anschließende Zerstörungspolitik sind in Peter Watkins’ bemerkenswertem Film Culloden von 1964 beschrieben.

746  « Man machte sich über mich lustig, indem man sagte, ich sei ein verschwenderischer Narr gewesen »; Aubert de Gaspé, S. 121.

747  « Wie einfach und gutgläubig ich doch war, die Schurken haben Recht mit ihrem Spott! » Aubert de Gaspé, S. 120.

748  Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei; Dietz Verlag, (39. Auflage), Berlin 1974 (1848), S. 45. Genau genommen müsste also von zwei Zeitgenossen die Rede sein.

749  Wie bereits an anderer Stelle bemerkt, sind die Bedingungen der feudalstaatlichen Organisation in den Seigneuries der Nouvelle-France und die Formen der Herrschaft in der Tat nicht mit den aus Frankreich bekannten Entsprechungen identisch. Aubert de Gaspé idealisiert und verklärt diese Unterschiede.

750  Auf den bekannten katastrophalen Einfluss, den die wenig spirituelle europäische Spirituosenkultur auf die indigenen Kulturen Nordamerikas hatte und hat, muss hier nicht eingegangen werden. Die katholische Kirche sah den Erfolg ihrer Missionen gefährdet und war bemüht, den Handel mit dem Feuerwasser zu verbieten und unter Strafe zu stellen.

751  « Ich bin tief in deiner Schuld und ich bin gekommen, um meine Schulden zurückzuzahlen. Du hast mir das Leben gerettet, weil du gute Medizin kennst. Du hast noch mehr getan, weil du auch die Worte kennst, die ins Herz gehen. Verdammter Säufer, der ich war, bin ich wieder zu dem Mann geworden, den der Große Geist geschaffen hat. Du warst reich, als du auf der anderen Seite des Großen Teichs lebtest. Dieser Wigwam ist zu eng für dich. Bau ein Heim, in dem dein großes Herz Platz findet. All diese Handelswaren gehören dir. » Aubert de Gaspé, S. 118f.

752  Siehe Kapitel « Falardeaus Patriotes und Lord Durhams Bericht aus den Kanadas »

753  Es gibt eine Reihe von Versuchen, im englischsprachigen wie im französischsprachigen Kanada, den Gründungsmoment anders zu verorten (1840, 1848, 1867) oder, wie andernorts bemerkt, in einer Entwicklung von 1931 bis 1982 zu sehen.

754  « Es sind nicht die Eroberungen, die man verbieten müsse, sondern das Wort ‘Eroberung’ » Tzvetan Todorov: La conquête de l’Amérique. La question de l’autre; Éd. du Seuil, Paris 1982, S. 220.

755  Jan Assmann, 1999, S. 78.

756  Britannicus [Attributed to William Kirby]: Counter manifesto to the annexationists of Montreal; J.A. Davidson, Niagara-on-the-Lake, Ont. 1849.

757  W. Kirby: Canadian Idylls : The Queen's birthday (reprinted from the Canadian Monthly for May, 1881); Hunter, Rose & Co., Toronto 1881. bzw. ders.: The United Empire Loyalists of Canada : illustrated by Memorials of the Servos; Briggs, Toronto 1884.

758  Lorne Pierce: William Kirby: The portrait of a Tory Loyalist; MacMillan Co., Toronto 1929, S.458.

759  François Bigot (1703-1777), Jurist aus Bordeaux, von 1748 bis 1760 Intendant der Nouvelle-France. Der Nepotismus, die Skandale und die diversen Irregularitäten während seiner Amtszeit bringen ihn 1761 in die Bastille und führen schließlich zu seiner Verbannung aus Frankreich. Auf den Listen der unbeliebtesten Personen der Geschichte Kanadas nimmt Bigot souverän einen der oberen Plätze ein.

760  Raymond G. Richard: Historical Accuracy and Inaccuracy found in The Golden Dog; Master’s thesis, Laval University 1963, S. 34.

761  Ebda., S. 87.

762  Archibald Cameron ist hier der Retter. Auf die Rettung Archibalds vom Marterpfahl amerindianischer Alliierter der Franzosen durch Dumais, den Kanadier, dem er das Leben gerettet hatte, sei hier nur am Rande verwiesen.

763  Lionel Groulx: L’appel de la race; Éditions Fides, Montréal 1980, S. 75.

764  Ebda., S. 12.

765  « Wenn sie mit dem Eroberer oder Unterdrücker in direkter und unmittelbarer Beziehung stehen, nehmen sie die Moden und Titel an...Und dann, aus Stolz und weil sie keinen nationalen Glauben haben, akzeptieren sie die Ehe, die Vermischung des Bluts, worin ihr Verfall und ihr Ende liegt...niemand kann in seiner Seele das Ideal zweier Rassen tragen, wenn diese zwei Rassen sich im Streit gegenüberstehen. »; ebda., S. 75 f

766  Klaus-Dieter Ertler: Kleine Geschichte des frankokanadischen Romans; Gunter Naar Verlag, Tübingen 2000, S. 92.

767  Ebda., S. 93.

768  Jane Brierley: « Long-dead Authors Make Amiable Companions: Translating Philippe-Joseph Aubert de Gaspé »; The Montreal Gazette, 16.11.1991.

769  Herbert Bailey Livesey: « Québec City & the Gaspé Peninsula » in: Frommer’s Canada; 2000, S. 288.

770  John R. Saul: Voltaire's Bastards; The Free Press, New York 1992. (Bestseller, erster Teil einer Trilogie.)

771  John R. Saul: Reflections of a Siamese Twin: Canada at the End of the Twentieth Century; Penguin Books Canada, 1997. Die französische Ausgabe erscheint 1998, mit einer kleinen aber auffälligen Änderung im Titel: Réflexions d'un frère siamois - Le Canada à l'aube du XXIe siècle; Boréal, Montréal 1998.

772  Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe bei Boréal 1998.

773  M. John Ralston Saul: LaFontaine-Baldwin Symposium, Inaugural Lecture. Royal Ontario Museum, Toronto, Ontario, Thursday, March 23, 2000. Der Wortlaut der Rede im Internet:
http://www.operation-dialogue.com/lafontaine-baldwin/e/2000_speech.html

774  Das Projekt des Governor General: « Visiting Canadians. Meeting with Canadians. Bringing Canadians together to meet one another. Whether it's by plane, train, car, or canoe, Governor General Adrienne Clarkson and His Excellency John Ralston Saul travel and re-travel the country from coast to coast to coast visiting Canadians. They stop in every province and territory, beyond the capital cities and continuing off the beaten track to visit Canadians on their farms, in their small towns in rural areas and northern communities. » http://www.gg.ca/governor_general/th-bringing_e.asp (Die « dritte Küste » meint den Norden und erweitert das Nationalmotto « A mari usque ad mare ».)

775  John R. Saul: On Equilibrium; The Free Press, New York 2002.

776  Vgl. G. Bouchard: La nation québécoise au futur et au passé; VLB éditeur, Montréal 1999 bzw. Quelques arpents d'Amérique. Population, économie, famille au Saguenay, 1838-1971; Boréal, Montréal 1996.

777  Gérard Bouchard: Genèse des nations et cultures du Nouveau Monde. Essai d'histoire comparée; Boréal, Montréal 2001 (2000). Für diesen Essai erhält Bouchard im November 2000 den Governor General’s Literary Award ( Prix du Gouverneur général ) aus den Händen von A. Clarkson, J.R. Sauls Lebensgefährtin. Die Preisverleihung wird von Clarkson lakonisch kommentiert: « Our remarkable non-fiction laureates, Nega Mezlekia, and Gérard Bouchard explore identity from the dramatically different perspectives of the childhood in Ethiopia and a particularly intense focus on Quebec society. » http://www.gg.ca/media/speeches/archive-2000/20001114_e.asp

778  Gérard Bouchard: «La vision « siamoise » de John Saul - 1»; Le Devoir, 15.01.2000.

779  Vgl. J.R. Saul, 1998, S.33-35, S. 324 f., S. 37 f.

780  « In seiner Art illustriert das Werk in beeindruckender Weise die Tiefe der Meinungsverschiedenheit zwischen Québec und Kanada. In der Tat stellte John Saul wegen seiner persönlichen Qualitäten und seiner Sympathie für Québec einen Gesprächspartner dar, der eine Perspektive der Annäherung hätte öffnen können. Die Ergebnisse seines Versuches zeigen, wie weit man davon entfernt ist. »; wie die vorhergehenden Zitate: G. Bouchard: «La vision « siamoise » de John Saul - 2»; Le Devoir, 17.01.2000.

781  John Saul: « Il n'y a pas de peuple conquis »; Le Devoir, 22.01.2000 bzw. Teil 2 am 23.01. 2000.

782  Jocelyn Létourneau:« Des histoires du passé »; LeDevoir, 20.02.2000.

783  Es handelt sich, der Zusatz ist nicht banal, im Falle der Auseinandersetzung zwischen Saul und Bouchard in Le Devoir nicht um eine sprachliche Formation.

784  Guy Bouthillier: « Les deux John et le peuple conquis »; Le Devoir, 27.01.2000. Bouthillier spielt auf die erwähnte Beziehung Sauls zu Kanadas Generalgouverneurin an.

785  Brian Gorman: « Nation rebuilding. Saul pulls apart the national mythology »; Ottawa Sun, 13.11.1997.

786  Alex Good: «Reflections of A Siamese Twin: Canada at the End of the Twentieth Century»; Kitchener Waterloo, 22.11.1997. Im Internet: http://www.goodreports.net/refsau.htm

787  Claude Poulin: « L'impasse de la classe intellectuelle face au nationalisme. Réplique à la critique de Gérard Bouchard sur l'ouvrage de John Saul »; Le Devoir, 01.02. 2000.

788  Denis Vaugeois: « Cession ou Conquête? Les deux, bien sûr. Réplique à Gérard Bouchard et John Saul »; Le Devoir, 04.02.2000.

789  Jean Larose: « Pas d'histoire »; Le Devoir, 05.02.2000.

790  « Qu'il ait été sur le moment conquête ou cession, c'est justement l'inégalité objective entretenue ensuite par les Anglais, la domination effective subie par les Canadiens français et leur conscience de cette infériorité qui ont conféré rétrospectivement à l'événement de 1760 son sens historique de Conquête. »; ebda. N.B. die Groß- und Kleinschreibung von Conquête, Larose benutzt die Vokabel und ihre Singularisierung.

791  Sergieh Moussaly: « L'argumentaire décevant de John Saul »; Le Devoir, 09.02.2000. (In anderen Texten Serge M.)

792  Thomas Macho: Todesmetaphern. Zur Logik der Grenzerfahrung; Suhrkamp, FaM 1990 (1987), S. 143.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
31.10.2006